Kitabı oxu: «DEER»
Claus Bork
DEER
Saga
DEERÜbersetzt vonSusanne Richter Originaltitel DEERCopyright © 2015, 2019 Claus Bork and und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711800089
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Vorwort
Es gibt ein Zusammenspiel, das sich nicht unmittelbar zeigt, das sich auch nicht messen oder wiegen oder schätzen läßt, so wie die Menschen zu messen, wiegen oder schätzen lieben. Daß man etwas mit bloßem Auge nicht sehen kann, bedeutet nicht, daß es nicht existiert. Denn die Quelle der geistigen Stärke, kann nur mit dem, was man in seinem Inneren fühlt, empfunden werden.
Daß alles auf der Welt nach den Regeln der physischen Existenz gemessen wird, bedeutet nicht, daß es nie anders gewesen ist.
Aber es zeigt, daß etwas unterwegs verlorengegangen ist. Das Paradoxe ist, daß nur beim Wiederfinden des Verständnisses für -, oder der Anerkennung von - der Balance zwischen dem, was man die äußere - und die innere Welt nennen könnte - es vermieden werden kann, daß jene unsere äußere Welt sich selbst vernichtet.
1.Kapitel
"Wenn die Erde krank ist,
werden die Tiere anfangen zu verschwinden.
Dann werden die Regenbogenkrieger ausziehen,
um sie zu retten."
"Es ist Zeit," flüsterte eine Stimme.
Es war still. So still, als wenn nur der Wind in den Baumkronen, das Donnern der schwerfälligen Fluten am Strand, der Sand, der über die Wüsten fegte, die Gletscher, die über die Felsen scharrten - und die Vulkane, die tief unter der schlackigen Kruste der Krater brodelten, existierten.
"Es ist Zeit..." Eine leichte Änderung im Tonfall ließ erkennen, daß es eine zweite Stimme war, die sprach. Sie kam von einer Stelle, ein Stückchen weiter weg, zwischen den dahintreibenden Wolken. Es war ein Flüstern, aber es war doch so mächtig und intensiv, wie das gewaltigste Donnern, denn nichts konnte es aufhalten oder daran hindern, gehört zu werden. Es breitete sich von der Erde zu den Wolken aus, wurde mit dem Wind zur Sonne, in die Berge und die Ebenen und zu den Meeren tief unten getragen.
Es war eine andere Welt - denn sie war beides zugleich - lebendig und tot. Es gab das Leben, das man in den Wellenbewegungen des Meeres gegen die Kontinente finden konnte, und im Flug der Wolken unter dem blauen Himmel - über der grünen Erde.
Und auch das war das Leben, dessen Gesang das Rascheln der Blätter im Wind war, das Wispern des Strandhafers über den Dünen und das gedämpfte Beben des ungehemmten Wachstums des Urwalds.
Das mächtige Flüstern breitete sich mit dem Wind über der Welt aus, wo es die gewaltigen Kräfte zum Leben erweckte.
Der Geist der Wolken stieg aus seiner überirdischen Welt herab. Der Geist der Luft schloß sich ihm an. Aber es war er, der Geist der Wolken, der das erstemal gesprochen hatte. Der Versammlungsplatz glich keinem Ort in ihrer Welt. Ein Felsplateau, das sich wie eine Landzunge ins Meer schob, auf drei Seiten vom Meer umspült, war der Platz, auf dem die ersten warteten. Sie nahmen ihre Geistergestalt an und warteten ab, bis sich die übrigen ihnen anschließen würden. Das Getöse der Wellen, die sich an den Felsen brachen, vermochte sie nicht abzulenken. Sie wußten, daß diese Versammlung von entscheidender Bedeutung war. Jeder hatte sich für sich selbst abwartend verhalten, aber sie hatten nie daran gezweifelt, daß es passieren würde - denn es mußte geschehen.
Nun hatten sie sich dergestalt gekleidet, wie es notwendig war, damit Menschen sie begreifen, über sie schreiben und versuchen konnten, sie zu verstehen. Es war alles eine Gemeinschaft für sie, und doch gab es Unterschiede. Für sie selbst hatte es keine Bedeutung, auf welche Weise diese auftraten.
Der Geist der Berge hatte sich ein wenig abseits von den anderen gestellt. Vom Felsrand schaute er hinab auf die Schaumkronen der Wellen am Fuß des Felsens. Seine Bewegungen waren langsamer und schwerfälliger, als die der meisten anderen, obgleich er nicht zu den Ältesten der Versammlung gehörte.
Die Geistfrau des Dschungels wartete ungeduldig auf das, was geschehen würde. Sie hatte in sich solch einen hektischen und eifrigen Willen und so eine Energie zu leben und zu wachsen, daß es ihr schwerfiel, sich ruhig zu verhalten.
Der Geist der Wüsten stand in ihrer Nähe. Er fühlte sich gleichzeitig angezogen und abgestoßen von ihrer Lebenslust, aber er hatte wie sie die Notwendigkeit eingesehen, daß man im Umgang miteinander Respekt vor der Existens des Anderen hatte. Sie hatten eine Art Balance gefunden, obwohl es am Anfang niemandem sehr leicht gefallen war. Im Gegensatz zu ihr, betrachtete er seine Umgebung mit einer stoischen Ruhe und Selbstbeherrschung, was in starkem Kontrast zu dem stand, was die Geistfrau des Dschungels ausstrahlte.
" Sie schaffte es nicht ..." flüsterte die Stimme. Die Stimme des Alten. Die Worte waren nur ein Gedanke im Wind, ein Gedanke, der fähig machte zu begreifen.
" Sie ist immer noch nicht bei uns."
Sie sahen einander an; ließen ihre Blicke im Kreis herumwandern, als würden sie miteinander sprechen. Aber in Wirklichkeit war es überflüssig, weil es ihnen völlig klar war, worüber er berichtete.
" Ich verstehe das nicht." sagte der Geist des Windes. " Vielleicht wollte sie die Welt nicht verlassen, wo er ..."
Es herrschte ein bedrücktes Schweigen. " Er..." hatte eine unsichtbare Wirkung, und der Geist des Windes schwieg.
" Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir Kontakt mit ihnen, oder besser: sie hatte Kontakt mit ihnen. Und vielleicht glaubten wir, das würde eine Veränderung bedeuten. " Der Geist der Wolken erhob die Hände. " Das, was falsch war, könnte gewesen sein, daß der, an den wir uns gewendet haben, der Verkehrte war."
" Wie war er verkehrt?" fragte der Geist der Flüße.
" Sie war beseelt von dem Gedanken in Harmonie mit den innersten Idealen und in Harmonie mit den Geistern der Welt zu leben. Aber sie war nicht die Stärkste. Darum zeigte es sich, das unser Einsatz keinen Wert hatte."
" Sie nannten sie Manitou , lachte der Geist der Wüsten heiser.
" Es hat keine Bedeutung, wie sie sie nannten", bemerkte der Geist der Meere. Er war der Größte von allen. Der Geist der Wüsten sah weg und ignorierte ihn.
" Aus dem einen oder anderen Grund, der mir nicht bekannt ist, reiste sie nicht mit uns anderen zusammen," sagte der Geist der Wolken erklärend. " Es kann viele Ursachen dafür geben." Sie nickten, um ihn nicht zu unterbrechen. " Ich glaube," setzte der Geist der Wolken fort, " daß man den Grund ihres Verschwindens darin suchen muß, was wir alle mehr oder weniger in unserer eigenen Erinnerung haben, und wie wir es gemacht haben, als wir wählten, wie wir es tun sollten. Darum müssen wir ihr helfen, denn sie schafft es nicht länger allein. Sie hat sich in ihrer eigenen Welt versteckt - mitten in unserer Gemeinschaft. Ein Platz, wo nicht einmal er sie finden kann." Als er wieder das Wort "er" sagte, starrten sie vor sich hin und standen unruhig da, abwartend, wie seine Rede enden würde.
" Sie lebte in Furcht vor ihm und aus Furcht vor ihm, beschloß sie, sich ein Versteck zu suchen - anstatt Trost und Unterstützung in unserem Kreis, der Gemeinschaft der Geister, zu suchen."
" Sie hat es so gewollt, kann man sagen," murmelte der Geist der Wüsten.
Man könnte vielleicht sagen, daß sie verschieden waren, die Geister der Welt - genau, wie die Menschen verschieden sind. Aber trotz ihrer Unterschiedlichkeit waren sie sich einig über den Ursprung und das Vorhandensein der seelischen Kraft, die alles in der Welt bewegte - und bewegen mußte.
" Ist es zu spät?" fragte die Geistfrau des Dschungels ungeduldig. Sie trat rastlos von einem Fuß auf den anderen, als würde es ihr schwerfallen, sich länger ruhig zu verhalten.
" Es müßte sehr spät sein, wenn es zu spät wäre," antwortete der Alte.
Das drückende Schweigen senkte sich wieder über sie. Sie fühlten Verwirrung und Ratlosigkeit, wie eine schwache Kräuselung ihres Bewußtseins. Sie konnten den Glauben, daß es zu spät war, nicht zulassen.
" Viel in uns wird sterben, wenn sie stirbt!"
Der Geist der Wolken streckte eine weißverschleierte Hand zum Himmel hinauf. Er betrachtete sie einen nach dem anderen kurz, und sie meinten zu wissen, was er sagen wollte.
Sie wählten ihn. Nicht nur, weil er der Älteste, und somit von Anfang an der Tonangebende war, sondern, weil er die sanfteste Stärke und den stärksten Geist hatte - und, weil in ihm der Regenbogen lebte. Er drehte sich langsam um, und erhob den Blick zur Sonne.
" Komm zu uns - Geistfrau der Sonne." Sein Flüstern jagte wie ein Gedanke pfeilschnell durch die Zeit, getragen von seinem starken Bewußtsein. Weder Zeit noch Raum setzten ihm Grenzen.
Sie schloß sich ihnen an, denn wie die übrigen, hatte auch sie gewartet und gelauscht und war auf seinen Befehl gekommen.
Zusammen erschufen sie den Regenbogen; der Geist der Wolken, die Geistfrau der Luft und die Geistfrau der Sonne und auf ihm zogen sie aus, um die Einzige zu retten, die die neue, äußere Welt, die sie dabei waren zu erschaffen, nie erreicht hatte. Die Geistfrau der Tiere.
Es war nicht die Wahrheit, oder es war nur ein Teil von ihr - wenn man so will. Denn es waren mehr als die drei, Wolkengeist, Luftgeist und Sonnengeist. Und da war noch einer, den sie kennengelernt und doch nie kennengelernt hatten, denn man muß verstehen, was man meint zu kennen. Sie waren dem Geist der Menschen begegnet - und von diesem Augenblick an hatte sich ihre Welt verändert.
Sie, die Geistfrau der Tiere, war wie verzaubert von ihm gewesen. Sie hatte ihm Liebe und Hingabe geschenkt und ihre Faszination von ihm hatte sie daran gehindert, das zu sehen, was die anderen sahen.
Da war es, daß sie den Beschluß fassten, zu versuchen, das zu erschaffen, was sie schon so lange vorhatten, und von dem sie einmal geglaubt hatten, daß es ihnen glücken würde. Sie hatten den Platz, den sie Erde nannten verlassen, um es noch einmal zu versuchen; wie sie es immer versuchen würden, solange die Kraft des keimenden Samens da war. Aber nun hatten sie schon so lange auf sie gewartet, ohne daß sie sich ihnen genähert hatte. Instinktiv wußten sie, daß es etwas mit ihm zu tun hatte, und daß sie zurück mußten, um sie zu befreien, bevor es zu spät war. Sie lebte: sie fühlten ihren Lebensfunken wie ein fernes, gedämpftes Glühen in ihrem Innern - und sie wußten, daß sie am sterben war. Aber noch lebte sie...
Sie schämten sich, sie verlassen zu haben, ohne sich zu vergewissern, daß sie die Möglichkeit haben würde, ihnen zu folgen. Selbst die Geister der lebenden Welt konnten sich schämen.
Gerade bevor sie in die Fluten der Farben des Regenbogens einflossen, stand der Alte auf und sprach noch einmal zu ihnen. Für alle war es ein bekanntes Ritual, obwohl sie nie vorher so etwas erlebt hatten.
" Wenn wir in diesem Licht verschmelzen, das durch die Lebenskraft aus dem Schoß unserer Schwester, der Geistfrau der Sonne, brennt - werden wir die Regenbogenkrieger sein."
Er zeigte auf einen nach dem anderen und sagte die Namen, die sie als Regenbogenkrieger tragen sollten. Was er sagte war dies:
" Geist des Feuers - dein Name sei LUE."
" Geist der Berge - dein name sei GROSS."
" Geist der Flüsse - dein Name sei FOSS."
" Geist des Meeres - dein Name sei OZEAN."
" Geist der Luft - dein Name sei WIND."
" Geist des Dschungels - dein Name sei GRO."
" Geist der Wüste - dein Name sei HARA."
" Geist der Erde - dein Name sei ERD."
" Geist der Tiere..."
Sie betrachteten ihn angespannt. Sie hatten Tränen in den Augen, die eben wie die Augen von Geistern waren.
" Geist der Tiere - ihr Name soll DEER sein."
" Geist der Sonne - dein Name sei LIV."
" Geist des Mondes - dein Name sei DARK."
" Geist der Wolken - dein Name sei NEBEL."
Wieder entstand eine kurze, drückende Pause. Der Alte stand kurz still und dachte nach, bevor er fortfuhr:
" Geist der Menschen ..."
" Geist der Menschen," flüsterten sie.
" Sein Name sei TUMOR!"
" Seid auf der Hut vor ihm..."
" Seid auf der Hut vor ihm," wiederholten sie.
" Denn er hat uns alle verraten!"
" Denn er hat uns alle verraten!" flüsterten sie.
Sie glitten in den Regenbogen, die Geistergestalten - verschmolzen in ihm und traten die lange Reise in eine ferne Welt an. Sie reisten im Schein des Lichts durch Zeiten und Welten. Sie gönnten sich keine Rast, weil keine Zeit dafür war. Sie vernahmen, daß sie am sterben war und als sie lauschten, hörten sie ihren Schrei.
Deers Schrei.
2.Kapitel
Dort, wo der Regenbogen entspringt, dort ist der Übergang zur Welt der Geister. Und durch diesen Übergang zogen sie - die Regenbogenkrieger.
Er erreichte diese Welt genau an einer Stelle, wo die erste, gluckernde Quelle aus einem schmalen Spalt hoch auf einem Bergmassiv entsprang. Er stemmte seinen Rücken gegen seinen Bruder Gross, ritt auf ihm einen immer wilderen Ritt, während er immer stärker anschwoll. Der sickernde, rieselnde Körper der Quelle wurde zu einem reißenden Fluß, in dessen mahlendem Strom seine Gedanken, sein Willen und seine Seele vor Glück perlten; in einer strahlenden Quelle von Farben im blasenwerfenden Wasser.
" Ich bin stark!" dachte Foss. " Ich habe dieser Welt viel zu geben."
Gross trug ihn auf seinen Schultern, die breit, schwer und hart waren, wie die Knochen der Erde waren sie. Im nächsten Augenblick wirbelte er hinaus in die klare Luft und setzte seinen Sturz zu Tal fort, in eine Kaskade von Schaum gehüllt.
" Ich bin frei!" rief Foss. " Ich bin ein Wasserfall, eine Sintflut von Kraft - nichts kann mich zähmen!"
Für einen Augenblick vergaß er, warum er zurückgekommen war, wollte bloß er selbst sein, ohne an seine Umgebung zu denken. Dann tauchte er unter in den mahlenden Strom am Grund des Tales und setzte seinen sich windenden Lauf zwischen den Bergen in einem gesetzteren Tempo fort.
" Ah, " seufzte Foss. " Es ist so lange her."
Er neckte einen Hirsch, der sich von einem schlammigen Abhang in den Strom geworfen hatte, in Foss hinein. Er riß ihn mit sich fort und hielt ihn fest, bis er Angst in den Augen des Hirsches bemerkte und ihn losließ. Der Hirsch war stark und gesund und schwamm ans Ufer zurück, während sein Geweih einen gekrümmten Schatten auf das Wasser warf. Die, die ihn aufgeschreckt hatten, drängten nun vorwärts ans gegenüberliegende Ufer. Foss sah Schatten zwischen den hängenden Zweigen der Weiden. Es waren Menschen. Einer von ihnen zeigte über das Wasser, auf den Hirsch, der sich ins niedrigere Wasser kämpfte. Sie hoben die schwarzen Stöcke, die sie bei sich hatten und ließen Feuer und stinkenden Rauch über den Fluß sprühen.
" Menschen!" dachte Foss. Er war schön gewesen, sein Traum, aber nun war er vorbei. Er erhob sich aus seinem Flußbett, strömte mit großer Kraft am Ufer lang und riß den Hirsch mit sich davon. Er zog ihn mit sich und führte ihn weg, weil er wünschte, daß der Hirsch leben sollte. Der kämpfte mit allen Kräften dagegen an, weil er glaubte, er müßte ertrinken.
Weiter unten am Flußlauf spülte Foss ihn an die lehmige Böschung, wo er etwas liegenblieb und sich erholte. Foss betrachtete ihn vom Strom aus und Freude, ihn gerettet zu haben, breitete sich in ihm aus. Es war ein wundervoller Gedanke, daß er den Hirsch am Leben halten konnte. Während er dies dachte, erinnerte er sich an Deer.
Der Hirsch kam wieder auf die Beine und sprang mit großen Sätzen auf die Böschung. Hier blieb er stehen und betrachtete mit einem unergründlichen Blick den Fluß. Er konnte es unmöglich wissen, dachte Foss. Aber trotzdem sah es aus, als wüßte der Hirsch, daß er ihn gerettet hatte. Dann hob er den Kopf mit dem großen Geweih und witterte in der Luft.
Im selben Augenblick zerriß ein schneidender Knall die Stille und der Gestank aus den schwarzen Stöcken trieb über das Wasser. Der Hirsch erstarrte eine Sekunde und ohne das mindeste Geräusch glitt er die Böschung hinunter, ein Blutstrahl kam aus seinem Hals.
Foss beobachtete dies wie gelähmt, während er dahinglitt und sich am Ufer zur Rast legte. Gerade als der Lebenshauch den Körper des Hirsches verließ, hörte er wieder Deers Schrei.
" Aber er sollte leben..." dachte Foss verwirrt, während er sich mit dem Strom treiben ließ, hinunter durch das Tal. Er fühlte den ersten Keim eines unbekannten, neuen Gefühls in seiner Seele wachsen.
Er pflügte weiter durch sein stetig tieferes und breiteres Flußbett. Bald vergaß er die Sache mit dem Hirsch, obwohl sie sich für immer in seine Erinnerung einprägte.
Flüße liefen in ihn hinein. Und mit jedem Fluß wuchsen seine Kräfte. Er war jetzt schwerfälliger - schwerfälliger und nicht mehr ganz so eifrig schäumend. Die Trägheit in seinem Körper war so schwer, wie die Sintflut selbst und er fühlte es und freute sich über seine eigene enorme Stärke. Er wußte, daß er zu irgendeinem Zeitpunkt seinen großen Bruder Ozean treffen würde, und er dachte voller Freude an den Weg dorthin.
Eines Abends näherte er sich der ersten Stadt. Er beschloß, in seine Geistergestalt zurückzukehren und suchte eine Stelle am Ufer, wo er an Land kommen konnte. Er suchte sich einen Platz aus, an dem ein vom Wind zerzauster Baum sich schwer über das Wasser lehnte. Die Wurzeln dieses Baumes waren teilweise bloßgelegt, weil der Fluß einen großen Teil des Ufers weggeschwemmt hatte.
" Ich brauche Platz," dachte Foss entschuldigend, während er den Baum betrachtete.
Kurz über der Erde teilte sich der Stamm.
Der eine ragte über dem Ufer in den Himmel und trug die größere Krone. Der andere Stamm krümmte sich in einer Kurve über den Fluß, weil er dort nach oben hin Licht suchte, und er hatte eine kleinere Krone. Es war, als ob dieser Baum selbst die Fähigkeit hatte, sich am Leben zu halten, denn das Gewicht des einen Stammes hinderte den anderen daran, in den Fluß zu stürzen. Foss studierte nachdenklich den Versuch des Baumes, eine Balance zu finden, bis er auf den krummen Stamm kletterte und sich mit über dem Wasser hängenden Beinen zurechtsetzte. Der Mond ging am diesigen Himmel über den Häusern auf, etwas weiter den Fluß hinunter. Er warf einen bläulich, kalten Schein über die gegenüberliegende Uferseite des Wasserspiegels.
Er konnte sie schwach riechen, die Stadt der Menschen. Er öffnete den Mund und bemerkte ein leicht säuerliches Brennen auf der Zunge.
Er betrachtete sein Werk, den Fluß. Er strömte wie ein glitzernder Silberstreifen im Schein des Mondes. Wenn der Tag graute wollte er die letzte, kraftvolle Strecke bis zum Meer genießen. Dort würde er seinen Bruder Ozean treffen.
Er schloß die Geisteraugen und ließ seine Gedanken im Dunklen suchen. Er suchte nach einem Lebenszeichen von Deer. Zuerst fühlte er nichts anderes, als das Bewußtsein seiner eigenen Existenz. Aber als er zur Ruhe kam, steigerte sich seine Konzentrationsfähigkeit.
Von einer Stelle weiter unten am Flußlauf näherte sich ihm ihr Schrei, wie eine beinahe unmerkliche Berührung. Foss erstarrte und horchte mit all seinen Sinnen. Er hatte sich auf dem krummen Stamm erhoben.
" Deer!" Sein Ruf konnte nur von den Wesen seiner eigenen Welt vernommen werden. Darauf sprang er von dem Ast ins Wasser. Er ließ sich von dem dunklen Element verschlucken, verließ seine Geistergestalt und wurde eins mit dem Fluß, seinem physischen Körper. Er bewegte sich mit dem Strom, wurde ungeduldig und hastete viele Male schneller als der Strom weiter, gegen den, der der Welt dieses Elend gebracht hatte.
Eine tiefe, polternde Stimme sprach von einer Stelle weiter weg im dunklen Wasser zu ihm. Ein Teil der Stimme sprach in einer Sprache zu ihm, die er nicht verstand. Einen anderen Teil der Stimme erkannte er plötzlich überrascht wieder - denn es war Tumors Stimme. Daraufhin näherte er sich ihm.
Seine Neugierde hätte sich in Vorsicht wandeln sollen.
Aber es geschah so schnell, daß er sich, bevor er darüber nachdenken konnte, schon mittendrin befand.
Sein ganzer gewaltiger Fluß, der sein Werk allein und hauptsächlich sein Stolz war und den er während tausend Generationen mit Mühe erschaffen hatte, der so gewaltige Kräfte freisetzte, daß er ganze Abhänge niederreißen und gewaltige, jahrhundertealte Bäume, die im Weg waren, wegwaschen konnte - wurde nun so brutal und plötzlich gestoppt, daß Foss erstarrte. Er wurde tiefer. Er breitete sich in Schluchten und Landschaften aus, die er selbst nicht gewollt hätte, zu bedecken.
Die Fische, die ihm mit dem Strom gefolgt waren, kamen nicht auf anderen Wegen fort, als dem, der ihnen zugedacht war.
Zum zweiten Mal wallte ein heftiges Gefühl in ihm auf. Eine drohende Wut bemächtigte sich seiner Sinne und er warf seinen Körper gegen eine Mauer, die seinen Weg versperrte. Die Wellen erhoben sich meterhoch, während er versuchte, sie zu durchbrechen. Aber er verlor seine Kräfte zu schnell, eben weil er so tief und breit wie ein Binnenmeer geworden war. Als er wie rasend auf die Mauer starrte, um herauszufinden und zu verstehen, woher sie kam und warum sie da war, sah er auf der glitzernden Betonfläche den Abdruck von Tumors Hand.
Tumors Stimme drang aus dem Wasser zu ihm. Er sprach zu ihm mit dem monotonen Lärm von Turbinen - nicht verhöhnend oder herablassend, aber gebieterisch und bestimmt, ohne jedes Gefühl für seinen Bruder, den Geist der Flüße.
" Nichts kann mich zähmen," brodelte Foss aus einem Wasserwirbel. Aber er hatte schon begonnen, daran zu zweifeln.
Da ertönte ein schmetterndes Dröhnen, als würden schwere Pforten geöffnet.
Der Lärm zog über den Wasserspiegel, bevor er ihn ergriff, und mit sich riß - tief hinunter unter die Wasseroberfläche und über den Grund hinweg.
Er scharrte über Baumstümpfe hinweg, die Menschen überall an den überschwemmten Böschungen hinterlassen hatten. Der Lärm der Turbinen steigerte sich zu einem schrillen Kreischen, das sich in seine Seele hämmerte und seine Fähigkeit zu handeln lähmte. Er vermochte nicht mehr seinen eigenen Lauf zu steuern, und hatte keine Kontrolle mehr über seine eigenen, bezwungenen Kräfte. Er wurde durch drei große Rohrleitungen geleitet. Mit sich führte er die Fische aus dem Fluß, und von diesen hörte er wieder Deers Schrei.
An einer Stelle in seinem Innern fühlte er immer noch die großen Kräfte des Flußes. Er fühlte sie und erkannte gleichzeitig, daß sie ihm nicht länger helfen konnten. Dann wurde er brutal in die Turbinen gezogen. Sie schrien ihn mit Tumors entnervender, schrillen Stimme an - nahmen ihm die Kraft und mahlten seine Stärke aus jedem
einzelnen Tropfen, aus allem, was er war. Als für die jammernden Maschinen kein Wille oder keine Ernergie von Wert mehr vorhanden war, spuckten sie ihn durch die Öffnungen der Rohrleitungen aus - hoch über dem Tal, auf der anderen Seite des Dammes.
Er wirbelte wie eine Wolke aus Schaum hinaus in die kalte, klare Nachtluft, wo seine Schwester, die Geistfrau des Mondes, ihm verzweifelt hinab ins Tal folgte.
Nachdem Foss von Steinen in der Strömung getroffen worden war, sank er hinunter, um in seinem ursprünglichen Lauf auszuruhen, und floß entkräftet weiter zu der Stelle, wo er wußte, daß Ozean auf ihn wartete. Er war wieder ein kleiner Fluß geworden.
Wo er vorher sein Flußbett ausgefüllt hatte und die höchsten Kanten der Ufer ausgewaschen hatte, bedeckte er hier nur knapp die großen Steine, die am Grund des Flußes lagen. Er horchte, aber hörte Deers Schrei nicht mehr. Und das berauschende Gefühl einfach dazusein, fand seine Seele nicht mehr.
Auf dieser Strecke des Flußes war Deer tot. Die Fische trieben auf der Wasseroberfläche an ihm vorbei, die meisten mit dem Bauch nach oben. Das Schlimmste für sie alle war, daß sie in Stücke gerissen waren, getroffen von den Stahlblättern der Turbinen. Er konnte es schmecken, ihr Blut und ihre Galle. Sie trieben als Aas ans Ufer, wo sie sich zwischen Steinen verkeilten, während ein fauliger Gestank sich über dem Wasser ausbreitete. Ihm wurde übel. Es kostete ihn große Anstrengung, sich nur in seine Geistergestalt zu verwandeln und den entkräfteten Fluß zu verlassen.
Später, als er sich ans Ufer gesetzt hatte, um auszuruhen, kam ein Geist durch das Gras auf ihn zugegangen. Er wußte instinktiv, daß es Tumor war, weil nur Tumor diese Aura von Unvorhersehbarem um sich hatte. Weiterhin strahlte Tumor eine in Foss Augen eigentümliche Kraft aus, die eine reiche Variation von Ausdrücken annehmen konnte. Er hatte jetzt, so wie er es immer hatte, seit der Zeit, als der Geist der Menschen sich plötzlich in ihren Kreis eingereiht hatte, ein starkes Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber allem, was Tumor betraf, und was er nicht verstand, und er fühlte, sich nicht wehren zu können. Er blieb ganz still sitzen, während Tumor sich näherte.
" Sei gegrüßt, mein Bruder Foss," sagte Tumor beiläufig. Ohne besondere Einladung setzte er sich auf einen Stein neben Foss und seufzte tief. Er ließ den einen Fuß über dem Wasser hin - und herschaukeln, saß da und starrte nachdenklich auf ein Spiegelbild, das er nicht fand. Foss betrachtete ihn aus den Augenwinkeln.
" Du siehst müde aus," bemerkte Tumor, ohne ihn anzusehen. Aber seine Stimme klang besorgt.
" Mein Fluß ist müde," antwortete Foss mit einem Flüstern.Tumor sah auf den Fluß hinaus. Sein Blick blieb am Damm in der Ferne hängen, gleichzeitig breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht. Es war etwas hochmütiges in seiner ganzen Haltung, etwas, das Foss bemerkte, aber nicht verstand.
Tumor drehte ihm sein Gesicht mit einem plötzlichen Ruck zu, und starrte ihn mißtrauisch an.
" Wo bist du gewesen?" fragte er. " Ich habe dich lange Zeit nicht gesehen." Er sah ihn durchdringend an.
" Hier und da," antwortete Foss ausweichend. Er versuchte, Tumors festen Blick zu erwidern, aber im Innersten fühlte er sich schwach beim Zusammentreffen mit Tumor.
" Und wo sind die anderen?" blieb Tumor bei mit zusammengekniffenen Augen.
" Hier und da," antwortete Foss wieder.
" Hmm," murmelte Tumor. Einen Augenblick sagte er gar nichts, saß da und sah aus, als ob er über dieses oder jenes nachdachte. Dann wandte er sich wieder an Foss.
" Ihr verheimlicht etwas vor mir." Er reckte das Kinn vor. " Aber ich werde noch herausfinden, was es ist. " Er erhob sich und streckte seine Geisterglieder.
Da es nun den Anschein hatte, als wolle er gehen, sah Foss zu ihm auf und sagte:
" Was ist das für eine Mauer?" Er hatte die Hand gehoben und zeigte auf den Damm in der Ferne. " Und wo ist Deer?" Er hatte ein leichtes Zittern in der Stimme. Tumor bemerkte das auch, und beobachtete ihn kurz. Darauf verzog er die Lippen zu einem verschwiegenen Grinsen. Ohne zu antworten, drehte er sich um und wanderte weg, hinein in den Wald.
Pulsuz fraqment bitdi.