Kitabı oxu: «Land hinter den Nebeln»
Claus Bork
Land hinter den Nebeln
Saga
Land hinter den NebelnOriginaltitel: Landet bag tågerneÜbersetzt von Susanne Richter Copyright © 2015, 2019 Claus Bork und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711800034
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Personen
Der Schwarze Sigurd
Jespers Freund, der Rabe aus Abenteuerland. Ein denkender, sprechender, schelmischer Freund
Jesper Aksel Bergmann
Ein sogenannter ganz gewöhnlicher Junge von elf Jahren. (Wie ein gewisses Oberhaupt findet!)
Tinga von Opal
Einer von drei Königen im Land hinter den Nebeln. Herrscher über Opal, die Insel des Reichtums und der Freude.
Haron der Grimmige
Der Zweite der drei Könige im Land hinter den Nebeln. Herrscher über das finstere Hanwayan.
Der König vom Rosengarten
Der einsame König, dessen Reich das Tal hinter den Bergen hinter den zwei Toren ist.
Dworf
Ein Zwerg, der Jespers und des Schwarzen Sigurds Freund in Hanwayan wurde - dem Land hinter den Nebeln.
Cherri
Jespers Hippiehund, der der Grund dafür ist, warum Jesper und der Schwarze Sigurd nach Hanwayan reisen müssen - dem Land hinter den Nebeln, um eine Rose aus dem Rosengarten zu holen.
Archimedes
Die kluge Eule des Zauberers Merlin aus Abenteuerland, die so gräßlich Schlimmes anrichtet, wenn sie ihre magischen Kräfte benutzt.
Der Rosengarten
Der Ort wo sie wachsen, die Rosen mit der heilenden Kraft. Hinter der Schlucht, der Insel und den Spechten, hinter den zwei Toren ist er zu finden.
Der Wahrheitsbrunnen
Der Brunnen, den man alles fragen kann und immer bekommt man eine ehrliche Antwort - wenn man versteht, sie zu deuten.
Es war einmal ein Junge,
mit Namen Jesper Aksel Bergmann.
Bei ihm war der Schwarze Sigurd,
sein Rabe aus Abenteuerland.
Sie reisten durch die Nebel,
zum Lande Hanwayan,
und dort wo der Regenbogen endete,
Suchten sie das große Glück.
Überall, wo sie sich hindurchkämpften,
im Hanwayan des Winters,
Lag Haron der Grimmige auf der Lauer,
In dem gefrorenen, erstarrten Land.
Tinga im Palast auf Opal,
Einer der Giganten des leeren Glücks,
sah die Welt mit Augen,
so klar wie geschliffene Diamanten.
Bei dem einsamen König,
Hinter den Toren des Rosengartens,
fanden sie die Quelle des Lebens,
in Stunden, die viel, viel zu kurz waren.
Durch die treibenden Nebel,
hinaus über die Löcher im Eis,
Streckte er seinen Handschuh,
Brachte das Symbol des Friedens,
eine Rose, so rot,
Fortsetzung
Er war immer noch ein ganz gewöhnlicher Junge, obwohl er selbst einer ganz anderen Auffassung war. Denn er hatte ja tatsächlich so viele Gefahren und große Triumphe erlebt, daß er, wenn es in seinem Umkreis bekannt gewesen wäre, unzweifelhaft als ein Held betrachtet worden wäre. Aber es waren nur ganz wenige, die es wußten. Seine Mutter, sein Vater, sein Freund Henrik und er selbst. Er hieß übrigens Jesper Aksel Bergmann und war inzwischen elf Jahre alt, seit er einst den Raben Schwarzer Sigurd aus Abenteuerland traf.
Nun war der Winter fast vorbei.
Er hatte längst seinen elften Geburtstag gefeiert. Er dachte flüchtig daran, während er auf den nassen Kacheln ging.
Er blieb unter der Straßenlaterne der Kleinkrämerstraße in Holte stehen und schaute in den Himmel. Die Regentropfen fielen wie glitzernde Kristalle aus der Dunkelheit in das Licht der Straßenlaterne auf ihn hinunter. Er kniff die Augen zusammen und ließ den Regen über das Gesicht laufen.
Geburtstage - warum sind sie immer so?
Warum enden Geburtstage immer schlecht?
Mads hatte sich in die Badewanne übergeben und Jacob, der einen Vetter hatte, der einmal fast in die Nationalmannschaft gekommen wäre, hatte den Vogel herausfliegen lassen. Sie hatten den ganzen Nachmittag nach ihm gesucht, ab und zu, ohne ihn zu finden. Henrik hatte gesagt, daß Vögel im Käfig genauso gut tot sein könnten, und daß er wohl wieder nach Hause kommen würde, wenn er hungrig wäre. Aber er kam nicht, dann hatte er es vielleicht im Wald besser. Es war erst am Abend, als ihm seine Mutter erklärte, daß Wellensittiche in Dänemarks Wäldern nicht leben können, und daß die anderen Vögel ihn höchstwahrscheinlich totgehackt hätten, und Jesper wurde traurig. Er hatte ihn im Traum vor sich gesehen, zwischen Elstern und Möwen - die hackten und hackten, während er flüchtete, ohne einen Ort zu haben, wo er hinkonnte.
Das war jetzt lange her. Sein Vater hatte gesagt, daß er nie wieder die Erlaubnis bekommen würde, seinen Geburtstag zu feiern. Aber das hatte er auch voriges Jahr gesagt, und das Jahr davor.
Er zog den Kragen um den Hals und schlenderte weiter durch den Regen. Sein Vater war auch einmal ein Kind gewesen - sagte er. Jesper dachte kurz darüber nach, ob das wahr sein konnte.
Sie hatten einen Hund bekommen. Er lächelte bei dem Gedanken, während er weiter den Weg hinunterging.
Hinter dem Haus auf seiner rechten Seite lag der Wald wie eine Festung aus undurchdringlicher Dunkelheit.
Es war Abend, und am Abend kommen sie zwischen den Bäumen hervor, alle Wesen seiner Phantasie. Er hatte seine Reise ins Abenteuerland nie vergessen, und er wußte, daß es sie gab, und daß man sie sehen konnte, wenn man an sie glaubte.
Eines Tages war er aus dem Wald gelaufen gekommen, den Weg herunter und gerade in ihren Garten hinein - einfach so. Am Halsband hatte er ein kleines Namensschild auf dem Cherri stand. Das war alles, nur Cherri. Keine Telefonnummer oder etwas, aus dem hervorging, woher er kam oder wem er gehörte.
Jespers Vater sagte, daß er ein Englischer Schäferhund sei und daß er höchstwahrscheinlich Flöhe hätte, und daß er auf jeden Fall zuviel fressen würde, und daß sie ihn deshalb nicht behalten könnten. Dann hatte er eine Annonce in die Zeitung gesetzt, aber keiner hatte darauf geantwortet. Dann hatten sie einen Zettel am schwarzen Brett beim Kaufmann aufgehängt, aber auch darauf antwortete niemand. Und als dann Jespers Vater vorschlug, daß sie ihn einschläfern lassen könnten, hatte Jesper seine Mutter davon überzeugt, daß es notwendig war, ihn zu behalten. Denn Jespers Eltern waren wie so viele andere Eltern. Sein Vater glaubte, daß er es war, der bestimmte und alles liefe dann auch so einigermaßen, bis er sich das eine oder andere Mal blamierte. Und da wurde es schwierig, denn nun war seine Mutter genötigt zu demonstrieren, daß es in Wirklichkeit sie war, die die Macht hatte. Und das war immer etwas problematisch. Aber sie hatten Cherri also behalten, und seitdem hatte Jesper Aksel Bergmann das erste Mal mit seinem EIGENEN Hund Weihnachten gefeiert.
Er war seit gestern Abend nicht zu Hause gewesen. Er bog um die Hecke in die Einfahrt und lief den Gartenweg hoch, während er nach Cherris Kopf hinter dem Fenster der Waschküchentür Ausschau hielt. Er war nicht dort. Sonst pflegte er immer hinter dem Fenster zu sitzen und zu warten, bis er nach Hause kam. Aber heute nicht.
Jesper riß die Tür auf und rief, während er mit den Stiefeln auf dem Fußabtreter stampfte.
Irgendwo im Haus spielte ganz leise ein Radio.
Er zog die Stiefel aus und lief durch die Waschküche, während er die Windjacke über die Schultern abstreifte. Jesper Aksel Bergmann konnte vieles - zum Beispiel war er ohne Zweifel der Weltmeister im Unordnung machen.
Er stieß die Tür zur Stube auf, viel zu heftig, sodaß es durchs ganze Haus dröhnte.
"Ruhig - ruhig, junger Mann," dachte Jesper Aksel Bergmann.
"Ruhig - ruhig, junger Mann!" rief sein Vater hinten vom Schreibtisch, wo er saß und arbeitete.
Seine Mutter saß auf dem Sofa und sah ihn mit einem bekümmerten Ausdruck im Gesicht an.
"Hey," sagte Jesper. "Wo ist Cherri?" Er sah sich um. Es war allzu still.
"Da ist etwas, über das wir sprechen müßen," sagte Jespers Mutter und winkte ihn zu sich.
Sein Vater vertiefte sich in seine Arbeit am Computer, wie er es immer machte, wenn es Probleme gab.
"Wo ist Cherri?" fragte Jesper noch einmal.
"Cherri ist krank," sagte seine Mutter mit belegter Stimme.
Sein Vater seufzte über der Tastatur und starrte leer auf den Bildschirm.
"Krank?" wiederholte Jesper. "Er war doch gestern noch gesund?"
Jespers Mutter schaute zu seinem Vater hinüber mit gehobenen Augenbrauen und gespitztem Mund.
"Oh!" dachte Jesper Aksel Bergmann. "Nun wird es brenzlig."
Sein Vater wandte sich langsam um und schaute ihn über die Brillengläser an. Dann faltete er die Hände im Schoß und räusperte sich wie immer, wenn er wegen etwas ein schlechtes Gewissen hatte.
"Ja, sieh mal," begann er. "Ich habe dieses blaue Gift gegen die Mäuse ausgelegt, wie du weißt."
Jesper Aksel Bergmann verkrampfte sich der Magen.
Seine Mutter saß auf dem Sofa und schüttelte energisch mit dem Kopf.
"Und dann, ja dann..." Der Vater seufzte tief, nahm die Brille ab und begann nervös, sie zu putzen, obwohl sie spiegelblank war.
"Was dann?" flüsterte Jesper Aksel Bergmann.
"Manchmal muß man tapfer sein," sagte sein Vater und hob einen Finger in die Luft.
"Was dann?" fragte er wieder.
"Ja, dann hat dein verschlagener Hund etwas von dem Gift gefressen," sagte sein Vater irritiert. "Cherri ist nicht verschlagen!" rief Jesper, sodaß man es mehrere kilometerweit weg noch hören konnte.
"So, so," sagte sein Vater. "Das ist etwas, was ich entscheide."
Aber Jespers Mutter war sich darin mit ihm nicht einig.
"Du solltest dem Jungen lieber erklären, was passiert ist," sagte sie scharf.
Der Vater sah fast aus wie eine Katze, die von wilden blutrünstigen Hunden in eine Ecke gedrängt worden war.
"Es tut mir sehr leid," sagte sein Vater so leise, daß es schwer zu hören war. "Sehr leid." Er nickte, während er sprach, um zu unterstreichen, welche enorme Überwindung es ihn kostete, dies zuzugeben.
"Wo ist Cherri?" fragte Jesper.
"Oh, in der Tierklinik," sagte sein Vater.
"Habt ihr sie bloß in die Tierklinik gebracht?" fragte Jesper.
"Bloß..." sagte sein Vater. "Sag mir, bist du dir klar darüber, was es kostet einen Hund in die Tierklinik zu..."
"So, so," sagte seine Mutter.
"Ich werde sie jetzt besuchen," sagte Jesper. "Gleich mit euch zusammen."
"Das läßt sich nicht machen," sagte sein Vater.
"Sie ist bewußtlos, Cherri," sagte Jespers Mutter. "Und dort ist jetzt auch geschlossen."
"Geschlossen?" rief Jesper. "Liegt sie ganz alleine in einer dunklen, geschlossenen Tierklinik?"
"Jah, oh..." murmelte sein Vater.
"Warum legt man auch Gift aus?" rief Jesper.
"Das macht man, um die Mäuse loszuwerden," sagte sein Vater pädagogisch.
"Warum muß man sie loswerden?" rief Jesper Aksel Bergmann.
Sein Vater schaute hinunter auf seine Hände und sah aus, als hoffe er, sie könnten ihm eine Antwort geben. Aber offenbar glückte das nicht.
"Warum tötet man kleine Mäuse?" schrie Jesper so laut er konnte.
"Weil man sie nicht überall herumlaufen und alles anfressen lassen kann," antwortete sein Vater aufgebend. Er warf Jespers Mutter einen flehenden Blick zu, eine Bitte um Hilfe, aber sie ließ ihn schwitzen.
"Ich geh wieder," sagte Jesper, drehte sich auf dem Absatz um und ging hinaus durch die Waschküche, wo er seine Jacke vom Fußboden aufhob. Danach stieg er in seine Stiefel und eilte hinaus in den Regen und die Dunkelheit, während seine Eltern diskutierten, wer von ihnen ihn aufhalten sollte und wer von ihnen die Schuld an dem ganzen Unglück hatte, das geschehen war. Er holte sein Fahrrad aus dem Carport und radelte die Pindehuggervang hinunter und weiter zur Paradieswiese und weiter - bis er vor der Tierklinik hielt, unterhalb eines Hügels, geradeaus zum Wald.
Es war ein längliches, graues Gebäude. Die Fenster waren dunkel wie die starrenden Augen im Kopf eines gewaltigen, liegenden Drachens. Er hielt die Luft an und lauschte, aber es waren keine anderen Geräusche als die des Windes und des Regens, der auf seine Jacke trommelte, zu hören.
Dann holte es ihn ein, das Gefühl der Sorge und des Elends.
Er warf das Fahrrad von sich und ging über den kurzgeschnittenen Rasen draußen vor der grauen Mauer, die ihn von dem in der Welt trennte, das er am meisten liebte.
Und dann, wie eine Reaktion auf alles, was so plötzlich gekommen war, daß er sich noch gar nicht daran gewöhnt hatte, hielt er die Hände vors Gesicht und weinte. Er sah Cherri vor sich, auf einer Pritsche aus rostfreiem Stahl liegend, mit den Haaren über den Augen hängend, wie ein anderer Hippiehund - Augen ohne Leben und Wärme, Augen von einem, der im Sterben lag. Und der Gedanke ging Jesper auf, daß das, was Cherri fehlte, etwas anderes und mehr war, als die Medizin, die er von Menschen bekam, die nun eine Menge Geld daran verdienten, dadurch, daß er krank war.
Er schluchzte laut, ganz egal, ob jemand es hörte und auch vielleicht dachte, daß er zu groß sei, um so dazustehen und zu weinen, mitten auf dem Rasen vor einer Tierklinik, zu einem Zeitpunkt, wo er in seinem Bett liegen und schlafen sollte. Aber dann, plötzlich, passierte etwas.
Der Schwarze Sigurd
"Was ist mit dir?" krächzte eine rauhe Stimme.
Jesper hielt den Atem an und lauschte.
"Ts, ts," seufzte eine Stimme zu ihm hinunter. "Sicher ein Unglück."
Er nahm die Hände von den Augen und sah sich verwirrt um.
"Dann trockne dir die Augen, Fister. ICH bin zurückgekommen!"
Jesper stutzte. Er kannte die Stimme. Er sperrte langsam die Augen auf und drehte sich herum, ohne jemanden zu entdecken. "Hier oben in dem Baum," flüsterte die Stimme.
Jesper legte den Kopf zurück und starrte in die Äste der Birke. Und da, mitten in dem nassen Wiederschein der Straßenlampe neben dem Bürgersteig, saß der Rabe Schwarzer Sigurd aus Abenteuerland, glänzend und funkelnd in seiner blauschwarzen Federtracht. Er legte den Kopf leicht schräg und schaute auf den Jungen hinunter.
"Erinnerst du dich?" zischte er.
Jesper nickte und lächelte und vergaß Cherri für einen Augenblick. Der Schwarze Sigurd breitete seine Flügel aus, schwebte herunter und setzte sich auf seine Schulter.
Jesper hob die Hand und streichelte ihm über den Rücken. Verschwunden waren die Kälte des Regens, die Kälte der Nässe.
"Ach, Sigurd, wie habe ich dich vermißt," seufzte Jesper.
"Ich bin ja auch jemand, den man vermißt," sagte der Schwarze Sigurd verständnisvoll.
Jesper starrte in die schwarzen, strahlenden Augen.
"Warum hast du gerade geweint?" fragte der Rabe.
Jesper dachte wieder an Cherri, es war wie ein Schmerz, der ihn durchfuhr. Die Freude über die Wiederkehr des Schwarzen Sigurds verschwand fast ganz.
"Ich verliere gerade Cherri," flüsterte Jesper mit Verzweiflung in der Stimme.
"Wer ist Cherri?" fragte der Schwarze Sigurd mit einem leichten Anflug von Eifersucht in seiner rauhen Stimme.
"Cherri ist mein Hippiehund," flüsterte Jesper.
"Wo ist er hin? Ich kann ihn nirgendwo sehen."
Jesper zeigte auf das Haus. "Dadrin, sie liegt dadrinnen ganz alleine und ist am Sterben, Sigurd. Und ich kann nicht zu ihr hineinkommen."
"Sie?" sagte Sigurd. "Sie ist eine Hündin! Ein hübsches, weibliches Wesen in Not," murmelte Sigurd heiser. "Sie muß gerettet werden, Kleiner!"
Jesper betrachtete die dunklen, verschlossenen Fenster.
"Wie können wir sie retten, Sigurd?"
"Was fehlt ihr?" fragte Sigurd.
"Mein Vater hat ihr Gift gegeben," flüsterte Jesper zornig.
"Gift?" Sigurd bekam mitten im Regen große Augen. "Ich habe ja auch oft genug gesagt, daß du in Abenteuerland bleiben solltest. Nun verstehst du vielleicht den Sinn meiner Worte?"
Jesper nickte schweigend.
"Ich dachte ja immer, daß du merkwürdige Eltern hast," stellte Sigurd verwundert fest. "Aber, daß sie ihr Gift gegeben haben sollen?" Er schüttelte den Kopf, sodaß das Wasser nach allen Seiten spritzte.
"Du gehst wohl auch immer noch zur Schule?"
"Ja, das tue ich," antwortete Jesper.
Sigurd lehnte sich auf seiner Schulter vor und sah ihm tief in die Augen.
"Ich habe dich ja gewarnt - kannst du es nicht einsehen? Eltern - und Schule und diese..." Er überlegte einen Augenblick.
"Hausaufgaben," flüsterte Jesper.
"Jah, Hausaufgaben!" schrie der Schwarze Sigurd. "All diesen Mist haben wir überhaupt nicht in Abenteuerland. Wir haben Süßigkeiten und Kuchen und ein Schwein aus Marzipan mit einem Messer im Rücken, und wir haben einen Limonadenbach und wir haben..."
"Pst..." beschwichtigte Jesper. "Du weckst die ganze Nachbarschaft, Sigurd."
"Hm..."
Er stand ein wenig im Dunkeln, mit dem Raben auf der Schulter, und schaute mutlos durch den Regen auf das dunkle, stille Haus. Es drangen keine Geräusche heraus, kein Lebenszeichen von irgendetwas. Sigurd sah die Tränen, die von seinen Augen über die Backen herunterliefen. Er legte wieder den Kopf schräg und flüsterte aufmunternd: "Wir finden einen Rat, Fister. Wir denken nach und dann fällt uns was ein."
"Was sollte das sein?" flüsterte Jesper.
"Laß MICH denken!" zischte Sigurd, schob die Brust vor und reckte den Hals. Es verging ein kurzer Augenblick.
"Was nun?" fragte Jesper.
"Ich überlege..." krächzte Sigurd. Jesper ließ ihn in Frieden nachdenken. Gerade als er gehen wollte, geschah etwas." ICH HABS!" schrie der Schwarze Sigurd.
"Schhhh..." beruhigte Jesper. "Was hast du, Sigurd?"
"Eine Idee, Kleiner," krächzte Sigurd eifrig. Er faltete die Flügel vor den Schnabel und begann, ihm sprudelnd etwas ins Ohr zu flüstern.
"Sigurd, du spuckst mir ins Ohr."
"Ich HABS," flüsterte Sigurd schrill.
"Erzähl es mir," bat Jesper.
Der Schwarze Sigurd unterbrach auf einmal seinen Redefluß. Er schaute an sich selbst herunter und stöhnte laut.
"Was ist denn jetzt?" fragte Jesper.
"Ich habe Hunger," flüsterte der Rabe.
"Ja, ja," sagte Jesper.
"Vielleicht, nur vielleicht, sterbe ich vor Hunger, bevor ich dir von meiner brillanten Idee erzählen kann," zischte Sigurd und hielt sich mit den Flügeln den Magen.
"Wir gehen schnell zu mir nach Hause und schmieren ein paar Stullen," sagte Jesper. "Dann wird es schon wieder, du wirst sehen." Er ging hinunter zum Fahrrad, schwang sich hinauf und dann ging es mit voller Fahrt zurück, durch eine Gegend, die Paradiesviertel hieß.
Wenn an diesem späten Abend jemand auf dem Bürgersteig gegangen wäre, hätte er einen Jungen durch die Dunkelheit fahren sehen können, auf einem Fahrrad ohne Licht und mit einem Raben auf der Schulter. Aber es ging niemand dort.
"Schneller..." quengelte Sigurd. "Ich merke, daß meine Kräfte schwinden."
"Du wirst etwas zu essen bekommen," sagte Jesper beruhigend. Es ging ihm viel besser, jetzt, wo der Schwarze Sigurd ihn gefunden hatte. Er war jetzt sicher, daß ihnen irgendetwas einfallen würde, was Cherri von dem Mäusegift und den Tierärzten und all den anderen Gefahren, die auf sie lauerten befreien konnte, sie, deren Gesundheit aus dem einen oder anderen Grund aus der Balance geraten war.
Abendbrot
"Jetzt verhältst du dich ganz ruhig," flüsterte Jesper, während er hinein und durch die Waschküche ging, mit dem Schwarzen Sigurd auf der Schulter.
"Selbstverständlich," antwortete Sigurd. "Panik ist etwas, das sich nur unter Unterentwickelten ausbreitet."
"Meine Eltern sind noch wach, Sigurd." Jesper dachte flüchtig daran, was sie wohl sagen würden, wenn er mit Sigurd auf der Schulter hineingerast kommen würde. Aber, ach was - sie hatten ja fast Cherri getötet, nun mußten sie auch die Folgen tragen.
Er öffnete die Tür zur Stube, gerade als seine Mutter vom Sofa aufstand.
"Na, da bist du ja." Sie wandte sich zu ihm um, hob die Hand vor den Mund und versuchte ihren eigenen Schrei zu unterdrücken.
Sein Vater sprang vom Stuhl vor dem Computer auf und drehte sich um.
"We ...Wer ist der da?" Seine Mutter zeigte auf den Vogel auf Jespers Schulter, mit einem zitternden Finger.
"Ich glaube, ich weiß wer das ist," seufzte sein Vater.
"Das ist doch der Schwarze Sigurd, Mutter. Kannst du ihn nicht erkennen?"
Sie sah aus, als ob sie sich mit sich selbst nicht einig werden konnte, ob sie in Ohnmacht fallen oder einen Wutanfall kriegen sollte.
"Wir müssen nämlich etwas herausfinden," sagte Jesper Aksel Bergmann Und sah feierlich in die Stube.
"Erst das Essen, Fister," zischte der Schwarze Sigurd.
"Ach ja, essen..." Er fing an mit energischen Schritten zur Küchentür hinüber zu gehen.
"Also, ich bestimme hier," begann sein Vater. "Und ich sage, daß es über die Bettzeit hinaus ist und du umgehend ..."
Der Schwarze Sigurd hob einen Flügel in die Luft, spreizte die Federn wie einen Fächer und rief: "Ruhe!"
Der Vater schwieg und glotzte dumpf auf den Vogel. "Wir haben das Kommando übernommen, für eine Zeit lang," rief der Schwarze Sigurd mit schriller Stimme.
Sein Vater machte einen Schritt nach vorn."Das Kommando übernommen?"
"Oh ... Ja, also wir bestimmen nun," antwortete Sigurd - voller Überzeugung.
"Nun werde ich sagen..." begann Jespers Vater mit einer Stimme, die vor Zorn bebte.
Der Schwarze Sigurd drehte sich blitzschnell auf Jespers Schulter, zeigte mit der Spitze seines Flügels auf seine Mutter und sagte mit tiefer, weicher Stimme:
"Gnädige Frau, sie sehen ausgesprochen hübsch aus heute Abend. Schöner als je zuvor."
Jespers Mutter glotzte Sigurd mit offenem Mund an. Dann fasste sie sich, schaute an sich herunter und glättete mit einer Hand ihren Rock. Während sie das tat errötete sie mehr als sie es nach und nach in vielen Jahren getan hatte.
"Oh, tausend Dank." Sie lächelte und schaute Sigurd freundlich an.
"Ja, gnädige Frau - nichts zu danken." Sigurd lehnte sich auf Jespers Schulter vor und sah sie mit dem einen seiner blinzelnden Augen schmeichelnd an. "Wir Raben haben ein Auge für Schönheit, liebe Frau."
Jesper stand mit geschlossenen Augen da und wartete darauf, daß sie explodierte. Zu seinem großen Erstaunen explodierte sie nicht. Sein Vater hingegen war so rot im Gesicht, wie ein Klumpen glühenden Eisens.
Jesper beeilte sich weiter in die Küche, wo er die Tür hinter sich schloß.
Sigurd hüpfte hinunter auf das Küchenbord und stand und lauschte mit schrägem Kopf.
"Das ist ein V-O-G-E-L, VOGEL," sagte sein Vater laut.
"Es kann gut sein, daß es ein Vogel ist, Hermann," verlautete die Stimme seiner Mutter. "Aber das ist das netteste, was jemand gesagt hat, seit Tante Fransens dreißigstem Geburtstag."
"Das ist lange her," wandte Jespers Vater ein.
"Ja!" rief seine Mutter. "Fast fünfzehn Jahre."
Es wurde ganz still in der Stube.
"Warum hast du das gemacht?" fragte Jesper, während er die Butter aus dem Kühlschrank holte.
"Format, Fister. Es ist eine Frage des Formats."
Der Schwarze Sigurd stolzierte mit seinen dünnen, knochigen Beinen auf dem Küchenregal.
Jesper stand mit dem größten Teil seines Oberkörpers im Kühlschrank.
"Sigurd, pass auf, daß du nicht..." Mehr konnte er nicht sagen, als auch schon ein erschrecktes Schnattern, ein Platschen und danach ein Spucken und Zischen von jemandem zu hören war, der im Waschbecken herumschwamm. "...ins Waschbecken fällst," sagte Jesper.
Der Schwarze Sigurd kämpfte sich auf das Regal, schüttelte sich, sodaß es nach allen Seiten spritzte und schaute zornig in den Schaum.
"Ich glaubte, man kann darauf gehen," schmollte er.
"Sigurd. Das ist Seifenschaum. Man kann auf Seifenschaum nicht laufen."
"Du bist so klug, Fister," antwortete Sigurd.
Jesper schmierte vier Scheiben Weißbrot. Zwei mit Leberpastete und zwei mit Schokolade. Er legte sie auf einen Teller und setzte sich an den Tisch bei der Wand.
Sigurd war erleichtert und flog hinüber. Daraufhin verspeisten die beiden jeder zwei der Brote, ohne ein Wort zu sprechen. Als sie fertig waren, kam Jespers Mutter zu ihnen hinaus. Sie konnten sehen, das sie ihr Haar gekämmt hatte, denn es war nicht mehr unordentlich.
"Zauberhaft..." schmatzte Sigurd und warf ihr einen langen Blick zu.
"Oh, danke, Sigurd," antwortete Jespers Mutter und ging summend in der Küche herum, damit Sigurd sie richtig anschauen konnte.
"Wir verduften, Sigurd." Jesper flüsterte, damit sie es nicht hören konnte.
"Na, dann gute Nacht liebe Frau." Sigurd verbeugte sich mit dem einen Flügel vor seiner Vogelbrust vor ihr.
"Und träumen sie etwas Schönes."
Jespers Mutter klatschte in die Hände und lächelte, und während sie das tat, seufzte sie vor sich hin.
Sie hörten Jespers Vater in der Stube. "Sowas Albernes..." Das war, was er sagte. Jesper wußte, daß sie so nicht länger wietermachen konnten.
"Gute Nacht," sagte er und wanderte aus der Küche und die Treppe hinauf, mit dem Schwarzen Sigurd auf der Schulter.
"Gute Nacht, ihr beiden," sagte seine Mutter. Sein Vater schielte mit zusammengekniffenen Augen hinter ihnen her. Sie meinten beide, eine schwarze, glimmernde Donnerwolke über seinem Kopf sehen zu können, obwohl da natürlich gar nichts war.
Als sie in Jespers Zimmer in Sicherheit waren, beeilte er sich in seinen Schlafanzug zu kommen und krabbelte ins Bett. Nachdem er das Licht gelöscht und sich unter der Decke zurechtgelegt hatte, fiel ihm ein, daß sie noch gar nichts besprochen hatten.
Der Schwarze Sigurd hatte sich auf der Decke über seiner Brust niedergelassen. Er saß im Licht von der Straßenlaterne draußen und schaute auf den Jungen.
"Was jetzt?" flüsterte Jesper.
"Das frag ich mich auch," krächzte Sigurd.
"Du hattest einen Plan, aber du wolltest erst etwas zu essen haben," sagte Jesper. Sigurd kam es vor, als wäre da plötzlich etwas Drohendes in seiner Stimme.
"Ja, das ist auch richtig," zischte er. "Wie vergesslich ich doch bin!"
Sie schwiegen ein wenig. Sigurd dachte nach. Dann lehnte er sich über die Bettdecke, starrte ihm in die Augen und flüsterte so leise, daß kein anderer auf der ganzen Welt es hören konnte: "Es gibt einen Platz, jenseits von allem, was Erwachsene begreifen - weit hinter der äußersten Grenze ihrer Vorstellungskraft - ein Land, wo die merkwürdigsten Dinge wachsen und wo es so starke Kräfte gibt, daß meine Federn schrumpfen und zu kleinen, trockenen Plättchen werden, wenn ich nur daran denke."
Sigurd seufzte laut auf der Bettdecke.
"Also," setzte er nach einer kleinen Pause fort. "Es ist nicht immer das das Richtige, was die Augen sehen. Aber was das Herz fühlt, das ist, was wahr ist. "
Jesper lauschte.
"Wir müssen dorthin reisen," flüsterte der Schwarze Sigurd.
"Was ist dann mit der Schule?" wandte Jesper Aksel Bergmann ein, weil er so ein pflichtbewußter Junge war.
"Schule?" Sigurd ließ sich mit den Flügeln zur Seite auf den Rücken fallen. Und dann lachte er, sodaß es im ganzen Zimmer dröhnte.
Jesper Aksel Bergmann fühlte sich ziemlich dumm.
Sigurd kam wieder auf seine Brust gekrabbelt und unterdrückte sein Lachen.
"Die Schule kann warten, Fister. Hier geht es um Leben und Tod!"
"Wahr genug, Sigurd."
"Du mußt dich wieder anziehen," flüsterte Sigurd.
"Nun habe ich gerade all mein Zeug ausgezogen," protestierte Jesper.
"Schnick schnack," sagte Sigurd, "red jetzt keinen Quatsch, Fister."
Jesper krabbelte aus dem Bett, zog sein Zeug an und holte eine wollene, gestrickte Jacke aus der Kommode. Darauf nahm er sein Taschenmesser und steckte es in die Tasche. Man wußte ja nie, wo Sigurd sie hineinreiten würde. Er holte auch seine Taschenlampe hervor, aber die Batterien waren leer, so ließ er sie liegen.
"Wir müßen einen See finden," zischte Sigurd mit energischer Stimme.
"Warum das?" fragte Jesper.
"Weil..." Sigurd sah ihn geheimnisvoll an. "Du fragst zuviel, Kleiner."
Jesper rollte seine Strickleiter aus. Sie war speziell für die Flucht vor den Eltern gemacht, hatte einen Knoten alle vierzig Zentimeter und war lang genug, sodaß sie die Erde erreichte, wenn er das eine Ende aus dem Fenster warf.
Der Schwarze Sigurd stand auf dem Fensterbrett und schaute ihm nach, während er hinunterkletterte. Dann flog auch er und setzte sich auf seine Schulter.
"Es ist ganz schön kalt," flüsterte Jesper, während seine Zähne klapperten.
"Ach, was" sagte Sigurd, "Helden frieren nicht."
Sie fanden sein Fahrrad im Carport und einen Augenblick später waren sie in der Dunkelheit verschwunden.
Es regnete immer noch, ein milder Nieselregen, der sich lautlos auf ganz Holte legte und die Menschen in den Häusern hielt. Jesper fuhr den Westparadiesweg hinunter, als Sigurd ausrief:
"Da, Fister! Da ist ein schöner, kleiner See mit dem wunderbarsten Nebel."
Jesper hielt das Fahrrad an und versteckte es am Weg im Gebüsch. Dann ging er über das Gras hinunter an das schwarze, kalte Wasser des Kollemoores.
"Weißt du was?" fragte Sigurd.
"Nee," antwortete Jesper, "ich ahne es nicht einmal, Sigurd."
"Wir müßen ein Boot finden!"
"Es ist nur ein kleiner See," sagte Jesper. "Man kommt nicht weit, auf so einem kleinen See."
"Soo?" flüsterte Sigurd, lehnte sich nach vorn und sandte ihm einen besserwissenden Blick. "Wo endet der See denn, das kannst du mir dann vielleicht mal erzählen?"
"Gleich da drüben!" sagte Jesper und zeigte in den dichten, feuchten Nebel, der wie eine Bettdecke über dem Wasser hing. Es war kein Geräusch zu hören, nur ihre eigenen Atemzüge und das sachte Rauschen des Regens.