Kitabı oxu: «Andreas Herzog - Mit Herz und Schmäh»

Şrift:

Impressum

1. Auflage

© egoth Verlag GmbH

2021

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers.

ISBN: 978-3-903376-04-5

ISBN E-Book: 978-3-903376-05-2

Redaktion: Karin Helle, Wolfgang Ilkerl, Claus-Peter Niem

Lektorat: Dr. Rosemarie Konrad

Coverbild: Stefan Fürtbauer / picturedesk.com

Bilder: Privatarchiv Andreas Herzog, GEPA pictures, APA picturedesk,

Kronen Zeitung/G. Gradwohl, F. Schaller, Imago, Foto Sündhofer,

Foto Votava, pmk, der Plankenauer, Daniel Krug

Trotz intensiver Recherche konnten nicht alle Rechteinhaber ausfindig gemacht werden – bei berechtigten Ansprüchen bitte wir um Kontaktaufnahme für eine angemessene Vergütung.

Umschlag und Grafische Gestaltung: DI (FH) Ing. Clemens Toscani

Printed in the EU

Gesamtherstellung:

egoth Verlag GmbH

Untere Weißgerberstr. 63/12

1030 Wien

Österreich

ANDREAS HERZOG

MIT HERZ UND SCHMÄH

Karin Helle, Wolfgang Ilkerl, Claus-Peter Niem


Meinen Eltern, meiner Frau Kathi und meinen Söhnen

Luca und Louis:

Sie haben mich zu jenem Menschen gemacht,

der ich heute bin.

Meinen Trainern, Mitspielern, Gegnern,

besonders meinen Unterstützern und Fans:

Ohne sie wäre ich einsam in meiner Welt des Fußballs.

Gewidmet also allen, die aus dem „Schluchtenscheißer“

einen „Alpen-Maradona“ haben werden lassen.

Andi Herzog

INHALT

PROLOG VON OTTO REHHAGEL

VORWORT

BIOGRAPHIE IN 30 KAPITELN

EIN LEBEN IN ZAHLEN

TRAINERLEBEN

NACHLESE

GELEITWORT VON HANS KRANKL

BILDSTRECKE

GELEITWORT VON TONI POLSTER

ANDI HERZOG: „A WAHNSINN“

ZWISCHEN RUHM UND REMPLER: 103 ANEKDOTEN

EPILOG VON ALEX KRISTAN

GLOSSAR ÖSTERREICHISCH – DEUTSCH

DIE AUTOREN

PROLOG VON OTTO REHHAGEL

Lieber Andreas,

es war eine große Freude für mich, als Sie sich vor einigen Wochen unverhofft bei mir meldeten. Normalerweise telefonieren wir aus den üblichen Anlässen: Geburtstage, Festlichkeiten im Jahresverlauf, Werder Bremen früher und heute – doch als Sie mich darum baten, ein Vorwort für Ihre Biografie zu schreiben, war ich sofort Feuer und Flamme.

Vielleicht liegt es daran, dass ich Ihre Stimme gerne höre – wir hier im Ruhrpott sprechen klar, direkt und aus dem Herzen heraus, Ihr Wiener Dialekt dagegen klingt spielerisch und leicht – so wie ich Sie als Ausnahmeathlet auch auf dem Platz habe kennen und schätzen lernen dürfen. Oder an der Tatsache, dass ich mit Österreich immer schon angenehme Gedanken verband: Geboren 1938 in Essen wuchs ich als kleiner Junge in Ruinen im Essener Norden auf. Als der Zweite Weltkrieg das Ruhrgebiet 1943 besonders hart traf, wurden meine Mutter, meine Schwester und ich kurzerhand in die Tschechei nach Brünn evakuiert. Auch diese Zeit war geprägt von Entbehrungen, doch an einen ganz speziellen Tag kann ich mich heute noch gut und mit Frohsinn erinnern: ein Ausflug nach Wien. Mit dem Zug fuhren wir in die nur rund zwei Stunden entfernte Donaumetropole. Das war meine erste Berührung mit Österreich. Ich habe noch heute die altehrwürdige Stadt vor Augen, und vor allem den Prater und das Riesenrad – was für eine Sensation für einen kleinen Jungen wie mich damals in Zeiten schlimmster Kriegswirren, einfach ein ganz besonderes Erlebnis. Fortan bestand für mich ein unsichtbares Band der Freundschaft zur Alpenrepublik.

In den kommenden Jahrzehnten war es natürlich der Fußball, der mich immer wieder ins Land der Berge zog oder besser mit diesem berührte. Bei den Offenbacher Kickers Mitte der 1970er-Jahre waren es die österreichischen Spieler Johann „Hans“ Schmidradner und Josef „Pepi“ Hickersberger, die ich als damals noch junger Coach trainieren durfte, bei Werder Bremen der leider viel zu früh verstorbene Bruno Pezzey und später natürlich Sie, Andreas – alles feine Spieler wie auch Menschen, gut zu führen und mit dem Herz am rechten Fleck.

Mein damaliger Spieler Pepi Hickersberger war es schlussendlich auch, der mich in seiner Funktion als Nationaltrainer Österreichs Ende der 1980er auf ein ganz und gar außergewöhnliches Talent hinwies, das in Wien und darüber hinaus schon für Schlagzeilen gesorgt hatte: Andreas Herzog. Fortan behielt ich Ihren Namen im Kopf und Sie im Auge – beispielsweise bei der WM 1990 in Italien –, um mir im April 1992 bei einem Länderspiel im Praterstadion ein eigenes Bild zu machen. Mächtig aggressiv und fast wie ein Abräumer der Abwehr zeigten Sie sich, Andreas, in diesem Match, weil Sie wussten, dass ich im Stadion war – und weil Sie meinten, dass die deutsche Bundesliga eine solche Spielweise von Ihnen erwarten würde. Natürlich waren mir Athletik und Durchsetzungskraft wichtig, viel mehr jedoch Ihre herausragenden Qualitäten als Spielmacher, verbunden mit Ihrer Lockerheit, Leichtigkeit und Ihrem Humor – eine echte Wiener Seele mit Herz und Schmäh.

Andreas, Sie waren von Anfang an genau der Spieler, der mir in meinem Bremer „Puzzle“ noch fehlte. Ein Spielmacher und zugleich auch ein Vollstrecker, ein hochkreativer Linksfuß – und überhaupt ein begeisterter und begeisternder Fußballer. Manchmal erinnerten Sie mich in Ihrer Spielweise und in Ihrem offensiven Denken an Franz Hasil, gegen den ich selbst noch kicken durfte. Hasil, ein begnadeter Techniker, ebenfalls Wiener und Rapidler durch und durch, später ein Jahr lang auf Schalke und danach einer der ganz Großen unter Ernst Happel bei Feyenoord Rotterdam, gehörte für mich zu den besten österreichischen Nationalspielern überhaupt – wenn er denn laut Max Merkel wollte. Denn wie sagte der von mir geschätzte spätere Trainerkollege, ebenfalls Wiener und Grün-Weißer: „Wenn er will, kann er. Doch wann will er …?“

Sie wollten immer. Überhaupt war es Ihre Leichtigkeit, die mir von Anfang an besonders imponierte. Sie konnten auf andere Spieler zugehen, hatten Witz, Charme und Humor und sorgten für eine gute, ausgelassene Stimmung bei allen Mitspielern. An Ihnen war einfach nichts Böses, vielmehr waren Sie das Herz der Mannschaft, ein fröhlicher Mensch, nie missmutig. Ich erinnere mich noch gut, als Sie nach dem Gewinn der ersten Meisterschaft 1993 mit Werder Bremen gemeinsam mit Stürmer Manfred Bockenfeld Wiener Walzer getanzt haben – mitten auf dem Platz des Stuttgarter Neckarstadions. Bilder, die man nicht vergisst. Doch selbst wenn Sie kein begnadeter Tänzer waren – ein Zauberer waren Sie allemal. Manchmal eine Spur zu leichtsinnig, doch das machte Sie andererseits auch wieder aus – eben ein Schuss Genialität.


Herzog über Rehhagel: „Er ist wie ein zweiter Vater für mich!“

Apropos Zauberer: Neben dem Fußball sind es die alten deutschen Dichter und Denker, die mich mein Leben lang begleiten haben und die ich heute noch gerne zitiere – allen voran Goethe und Schiller. Es ist ein Genuss für mich, diese zu studieren und zu rezitieren. Die Ballade vom „Zauberlehrling“ hat mich seit jeher begeistert – und hier insbesondere die Hauptfigur selbst, die vom Meister allein gelassen wird und sich ausprobieren möchte. Das Bestreben, gegen die Autorität aufzubegehren, selbstständig zu handeln, und die Tatsache, wie schnell Übermut und Überheblichkeit zum Chaos führen können – und der Meister am Ende rettend eingreifen muss.

Mag sein, dass Sie, Andreas, in Ihren ganz jungen Jahren auch ein Zauberlehrling waren – wie ein jeder von uns, der auf der Suche nach der eigenen Profession ist, sich ausprobiert, aus Fehlern lernt und zunächst auch Unterstützer an seiner Seite braucht, um sich zu entwickeln. Ihnen stand Ihr Vater zur Seite. Und später ich. Doch in unserer gemeinsamen Zeit bei Werder Bremen entwickelten Sie sich wie von selbst zum Zaubermeister – selten brauchten Sie Anweisungen, immer dagegen Freiraum.

Es ist eine große Freude, seine Bestimmung schon in ganz jungen Jahren zu entdecken, dieser von klein auf zu folgen und zu wissen, wofür man steht und was für eine Aufgabe man im Leben hat. Und es ist schön für mich zu sehen, wenn Menschen ihr Talent voll ausschöpfen, mit ganzem Herzen und ganzer Begabung leben.

„Vor dir Unendlichkeit …“, drückt es Schiller in seinem Gedicht „Die Größe der Welt“ aus. Ich habe es für mich immer so interpretiert: Wir sind nur einen kleinen Moment auf dieser Welt. Da gilt es, das Beste aus sich und seinen Fähigkeiten herauszuholen. Denn am Ende wird dir genau diese Frage gestellt: Wie hast du deine Aufgaben des Lebens gemeistert, was aus dir und deinen Talenten gemacht?

Ich habe immer versucht, mit dem ganzen Herzen dabei zu sein: Unter schwierigsten Bedingungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit, als junger Fußballer, späterer Trainer, Familienvater und Mensch. Mir ging es immer darum, das Beste aus jeder Situation zu machen und die Dinge geduldig so hinzunehmen, wie sie sind. Auch der Fußball ist ein Geduldspiel – doch niemand hat heute mehr Geduld. Das darf ich im stolzen Alter von mittlerweile 83 Jahren getrost behaupten.

Auch bei mir war es – wie in Ihrem Leben – immer der Fußball. Um so mehr freut es mich, dass ich Sie als meinen ehemaligen Spieler auf Ihrem Lebensweg begleiten und prägen durfte und bis heute inspiriere – durch meine Werte, Prinzipien und mein Tun.

Am Ende ist es immer auch ein Austausch auf Augenhöhe, denn auch ich lerne von meinem Gegenüber. Daher sei zu guter Letzt noch Folgendes erwähnt: Das Erscheinen Ihrer Biografie inspirierte mich, mir über den Titel meines ganz eigenen „Buch des Lebens“ Gedanken zu machen. „Aus Ruinen zum Olymp“ würde ich es wohl nennen – doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Den werten Leserinnen und Lesern wünsche ich nun ganz viel Freude mit Ihrer Biografie „mit Herz und Schmäh“.

Ihr Freund und Mentor

Otto Rehhagel

Essen, Herbst 2021

PS: Habe in meinen persönlichen Zeilen ganz vergessen zu erwähnen, wie sehr es mich freut, dass auch ich Sie inspirieren konnte, den Weg des Trainers zu gehen. Denken Sie immer daran: Erfahrung ist ein hohes Gut. Sie haben alles in sich. Von der Pike auf gelernt …

VORWORT
DER MENSCH WIRD ERST AM DU ZUM ICH – ODER EINS VORWEG …

In einer Zeit, in der sich Egoismus, Starallüren, Selbstbezogenheit und Entfremdung immer mehr ausbreiten, Mitmenschlichkeit und Empathie dagegen anscheinend immer unwichtiger werden oder sogar verloren zu gehen scheinen, ist es wohltuend, sich mit der Biografie von Andreas Herzog befassen zu dürfen, da er sich einfach so gibt, wie er ist – authentisch, ehrlich und echt. Wie brachte es der österreichische Kabarettist und Freund Andreas Herzogs, Alex Kristan, so treffend auf den Punkt: „Wenn Herzerl erzählt, trägt er sein Herz auf der Zunge.“ Genau das berührte auch uns von Anfang an – und so ist es immer eine große Freude, wenn wir uns treffen, austauschen und voneinander lernen dürfen.

Andi Herzog ist in der Tat mit einem feinen Humor gesegnet, er kann darüber hinaus auch über sich selbst lachen, und er ist vor allem eines: ein Meister seines Fachs. All das durfte er sich in endlosen Trainingseinheiten aneignen, in unzähligen Begegnungen mit europäischen Topteams sowie in 103 Spielen für die österreichische Nationalmannschaft. Experten sprechen hier von der seltenen Gabe des intuitiven Erfahrungswissens. Mindestens genauso entscheidend ist jedoch seine Fähigkeit, andere als Mensch und Trainer berühren zu können – mit Herz und Schmäh. Und so hören auch wir ihm seit unserer ersten Begegnung gerne zu.

Es heißt, dass man die wirklich wichtigen Ereignisse im Leben nicht planen kann. So trafen wir auch auf den Rekordnationalspieler. Wie es zu dieser ganz persönlichen Zusammenkunft kam, möchten wir hier in den ersten Zeilen erzählen. Um uns anschließend nur noch dem Protagonisten dieses Buches zu widmen: dem Spieler, Trainer und Menschen Andreas Herzog.

Wir begegneten ihm erstmals im August 2013 auf einem Flug von Wien nach Sarajevo. Damals waren er wie wir in Sachen „US-Nationalmannschaft“ unterwegs – Herzog gehörte zum Trainerteam von Jürgen Klinsmann, und wir waren mit dem Weltstar und dessen Familie verabredet. Klinsi war immer schon ein wenig seiner Zeit voraus. Und da ihm viele junge amerikanische Nationalspieler seiner Meinung nach in Europa „totally lost“ schienen, wünschte er sich, dass wir uns zukünftig um diese Spezies kümmern sollten. Denn fußballerisch entwickeln konnten sich die jungen US-Boys in Europa wesentlich besser als in den USA, so seine Meinung. Für uns logisch und nachvollziehbar wurde in Europa nun einmal weltweit ein besonders gepflegter Fußball gespielt – mit den Besten der Besten in den Topligen Englands, Spaniens oder Deutschlands. Da lag es auf der Hand, dass auch junge Amerikaner an der Herausforderung wachsen würden, wenn denn für das entsprechende Umfeld gesorgt wäre. Und hier sollten wir ins Spiel kommen – uns eben um die Persönlichkeit der Kicker kümmern, genauer gesagt um das Selbst- und Umfeldmanagement, „Mindset and Soul“.

Typisch Jürgen Klinsmann, ging es ihm doch immer um Wachstum und Entwicklung auf der menschlichen Ebene und nicht um Statusdenken oder Komfortzone. In anderen Worten: dynamisches statt statisches Selbstbild. So stießen wir in Bosnien zwecks erster Annäherung zum Trainerteam. „Klinsmanns Eleven“ – wie er selbst sein Team von Spezialisten gerne bezeichnete. Doch das ist eine andere Geschichte.

Da wir in den Bosnien-Tagen in erster Linie mit Klinsmann und Familie unterwegs waren, ehemalige Spielstätten der Olympischen Spiele von 1980 besichtigten (wenn sie denn nicht in den Kriegswirren zerstört worden waren) und auch den Ort aufsuchten, an dem der österreichisch-ungarische Erzherzog Franz-Ferdinand und seine Frau Sophie von einem serbischen Nationalisten umgebracht worden waren, durften wir Andi Herzog in diesen Tagen nur am Rande wahrnehmen.

Zum einen war Herzog täglich mit dem mannschaftlichen Training sowie mit der Spielvorbereitung der US-Jungs gegen Bosnien beschäftigt, zum anderen wollten wir nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, sprich: aufdringlich sein. Und so saßen wir im hoteleigenen Kaffeehaus meist eher an einem Nebentisch und erfreuten uns aus der Ferne an der Stimmung, die Herzog anscheinend am liebsten bei Kaffee und Kuchen und untermalt von einem Feuerwerk an Anekdoten zu verbreiten schien.

„Ein typischer Wiener“, meinte Karin Helle. „Da rennt der Schmäh.“

Richtig kennen und schätzen lernen durften wir Andreas Herzog rund ein Jahr später. Sozusagen ein echter „One Touch“ im November 2014, irgendwo an einem Freitagabend im Regen von London. Zuvor hatte die US-Nationalmannschaft 1:2 gegen Kolumbien verloren. Das Testländerspiel fand vor rund 25.000 Zuschauern und warum auch immer in London statt, genauer gesagt direkt an der Themse im altehrwürdigen Craven Cottage, der eigentlichen Heimstätte des FC Fulham. Doch wer meinte, dass es atmosphärisch möglicherweise leiser als in Kolumbien zugegangen wäre, hatte sich getäuscht. Gefühlt halb Kolumbien bevölkerte die Tribünen – und ein ohrenbetäubendes Geschrei Tausender, vornehmlich weiblicher Fußballfans wurde bei jedwedem Angriff der Los Cafeteros ausgelöst. Das wiederum hing damit zusammen, dass London eine der größten „Colombian Communities“ außerhalb Kolumbiens stellte, erklärte uns Jürgen Klinsmann später. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Wie auch immer und wie nach jeder Niederlage – das ist anscheinend in allen Klubs weltweit so oder ähnlich – herrschte die übliche Untergangsstimmung bis hin zum möglichen Endzeitszenario. Doch während sich Klinsmann über solche Situationen selten Gedanken machte – ihm ging es vielmehr um Entwicklung als um das Ergebnis –, sorgte ein anderer für gute Laune und herzliche Atmosphäre: Andreas Herzog – und das nach beschriebener Niederlage und spät in der Nacht.

Zuvor hatten wir uns nach Spielabpfiff durch die kolumbianischen Menschenmassen in die Tube der Londoner U-Bahn gedrängt – wenngleich sie im Stadtteil Hammersmith über der Erde fährt – und es endlich bis ins Hotel geschafft. Seit unserem Abflug in Dortmund am Freitagmittag hatten wir nichts gegessen. Irgendwie war uns auf dem ganzen Weg hin zum Stadion oder von dort weg kein einziger Foodtruck, keine Imbissbude, kein Würstelstand begegnet – und selbst im Stadion gab es, warum auch immer, nichts dergleichen. Was waren wir doch in Dortmund mit Stadion, Bier- und Essensverköstigung verwöhnt, dachten wir uns, als wir endlich nach Mitternacht und mit Hunger bis unter beide Arme die Klinsmannsche Lounge in Form des dem Hotel angeschlossenen Pubs erreichten – inklusive Erdnüsse, Cracker, Berti Vogts und Andi Herzog.

Letztgenannter fiel einfach aus dem Rahmen: Zunächst durch eine exzellente Analyse des Spiels, also Fachverstand pur, gefolgt von Stimmung, Herz und Schmäh. Zudem war er an allem interessiert, was über den normalen Fußballsachverstand hinausging: Weltliche Themen genauso wie Feinstoffliches und Spirituelles – das begeisterte uns besonders. Er hatte einfach erstaunlich viel zu erzählen, und vor allem nicht nur von sich selbst, sondern auch von vielen anderen Menschen, von denen er lernen durfte. Und so diskutierten wir leidenschaftlich über Inspiration, Motivation, Astrologie und Philosophie bis 4 Uhr morgens.

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, heißt es so treffend in einem Spruch, und so waren wir von Anfang an begeistert, wie offen und interessiert Andi Herzog uns begegnete. Eigentlich logisch, denn wir kannten Jürgen Klinsmann schon länger, verbunden mit der Tatsache, dass er am liebsten Menschen mit einer gesunden Portion Neugierde um sich scharte, Menschen mit dem berühmten Blick über den Tellerrand, Selbstentwickler, Querdenker und Macher – im Management wie auch in der Fußballwelt rar gesät.

Man sprach anscheinend die gleiche Sprache – und war offen für Neues. Zumal uns noch eine weitere Tatsache unsichtbar verband: Jedenfalls schien es einer dieser seltsamen Zufälle zu sein, dass Karin Helle, geboren in Mödling, ihre Kindheit in Kaltenleutgeben verbringen durfte, samt Großmutter und Ziegen, die sie bei der „Wiener Hütte“ hütete – also nur einen Fußmarsch durch den Wienerwald entfernt von Andi Herzogs heutigem Wohnort. Da schloss sich der Kreis.

„Der Mensch wird erst am Du zum Ich“, heißt es in einem berühmten Zitat des in Wien geborenen jüdischen Philosophen, Religionswissenschaftlers und Erziehers Martin Buber. In anderen Worten: Nur durch die Interaktion mit anderen, durch Begegnungen, Gespräche und Miteinander entwickelt sich die eigene Persönlichkeit.

Genau das hört man immer wieder heraus, wenn man mit Andreas Herzog ins Gespräch kommt. Er erzählt nicht nur von sich, sondern würdigt vor allem die Menschen, durch die er werden konnte, was er heute ist – Wegbegleiter wie Mutter und Vater, seine eigene Familie, Freunde, Ernst Happel, ein Otto Rehhagel, ein Jürgen Klinsmann und viele andere mehr.

Daher möge sich die geneigte Leserschaft an anderer Stelle nicht wundern, wenn wir auch Herzogs Förderern und Forderern hier und da etwas mehr Platz einräumen – und sie in ihrem Tun und ihrer Einzigartigkeit darstellen. Auch das gehört unserer Meinung nach zu einer wahrhaftigen Lebensgeschichte. Denn wie eben erwähnt: Die wirklich Großen erkennen ihr Ich immer am Du. Sie lernen von anderen und wachsen dennoch aus sich selbst heraus. Sie leben die Vielfalt und wissen um ihre Unterstützer und was sie ihnen zu verdanken haben.

In diesem Sinne: Viel Freude mit dem Buch, das Sie in den Händen halten, und hinein in die Biografie von Andi Herzog – authentisch, ehrlich, echt.

Karin Helle und Claus-Peter Niem

Dortmund und Wien, 2021

KAPITEL 1:
HILF DIR SELBST, SONST HILFT DIR KEINER – ODER DER GEIST VON ERNST HAPPEL
NATIONALTEAM 1992

Wie fühlt es sich wohl an, wenn dir eine nationale Legende, ein ehemaliger großer Spieler und noch größerer Trainer, plötzlich und unerwartet die Stirn bietet – allerdings keineswegs im klassischen Sinn Mann gegen Mann, Auge um Auge oder Zahn um Zahn, sondern vielmehr inspirierend und mit der festen Absicht und dem Glauben, aus dir das Beste herauszuholen? Einer, der es wissen muss, ist Andreas Herzog. Sein Sparringspartner im Ring oder in diesem Fall besser gesagt auf der Trainerbank: Ernst Happel.

Herzog, gerade mal 21 Jahre jung, noch bei Rapid Wien kickend und auf dem Sprung zu Werder Bremen, war zu diesem Zeitpunkt noch kein Großer – und auch nach dem Wechsel von den Grün-Weißen der Donaumetropole zu den Grün-Weißen an die Weser noch nicht, zumindest wenn man den Worten seines späteren Klubtrainers und Förderers Otto Rehhagel Glauben schenken mag –, doch dazu später mehr.

Und Ernst Happel? Er war in der Tat die bereits oben erwähnte Legende – und traurigerweise auf seiner finalen Trainerstation angekommen. Happel, authentisch, ehrlich und echt, verstand es wie kein Zweiter, Leichtigkeit, Weite und Menschenkenntnis mit Strategie und Vision zu verbinden – passgenaue Kompetenzen, die er sich am liebsten auf dem Spielfeld des Lebens aneignete, ein reichhaltiger Erfahrungsschatz garantiert. Nicht umsonst erdete sich der „Wödmaster“ aus dem 14. Wiener Gemeindebezirk Penzing zur Entspannung am liebsten im 16., in Ottakring, um hier im Café Ritter auf einen Verlängerten, eine Zigarette oder ein Glaserl Wein einzukehren, mit Freunden und Pensionisten zu plaudern oder sich am Kartenspiel „Schwarze Katze“ zu erfreuen – mittendrin, statt nur dabei. Dort der Stratege des Spielfelds, in Pressing, Raum-, statt Manndeckung denkend und seiner Zeit weit voraus, und hier der aus tiefstem Herzen liebende und lebende Mensch, mit der nötigen Intuition und dem Erfahrungswissen, wie man junge Menschen berühren und führen muss.

Doch zurück zu Andi Herzog und dessen Weg, ein Großer werden zu wollen, sowie der allgemein bekannten Tatsache, dass man im besten Fall aus Rückschlägen lernt. Jedenfalls war das Länderspiel gegen Litauen so eines im April 1992 – zumindest für Andreas Herzog, denn das eigentliche Spiel konnte das ÖFB-Team im Wiener Praterstadion erfolgreich und mit einem Kantersieg 4:0 für sich entscheiden. Vielleicht lag es daran, dass Herzog zu sehr mit seinem bevorstehenden Wechsel nach Bremen kokettierte, vielleicht an der Tatsache, dass Austria damals das bessere Team stellte – so war er neben Peter Schöttel der einzige Rapidler in der rot-weiß-roten Armee, die Violetten mit fünf, sechs Kickern in der Mannschaft vertreten. Für alle Statistiker sei erwähnt: Wohlfahrt, Zsak, Stöger, Prosenik, Ogris, Flögel …

Na, da war ich neben dem Schöttel Peter der einzige Rapidler und habe mit sechs oder sieben Austrianern zusammengespielt. Da habe ich es nicht leicht gehabt, und die haben immer zusammengehalten. Nichts jetzt gegen den Stöger Peter, aber es war so. Zsak, Stöger, Aigner, Ogris, Polster, Ex-Austrianer. Und der Zsak Manfred spielt einen Ball anderthalb Meter an mir vorbei, und ich erwisch ihn nicht, und er scheißt mich voll zusammen: „Na, was ist, willst dich nicht bewegen?“ Und ich sag: „Na, Zsaki, den Ball kann i ned dawischen“, und auf einmal gehen drei Austrianer auf mich los und fangen zu diskutieren an. Und der Happel hat mich sofort ausgetauscht. (Andreas Herzog)

Stinksauer stapfte Herzog vom Platz, zog vor der Bank provozierend sein Leiberl aus und wollte es weghauen.

Ich wollt dem Happel zeigen: Ich pfeif auf dich. Ich war damals halt ein jähzorniger, junger Bua mit Anfang 20, ging gleich unter die Dusche und dachte mir: Lecko mio, das ist das Ende, der Happel stellt mich nie wieder auf. (Andreas Herzog)

Es ist halt immer so eine Sache mit dem Selbstvertrauen, gerade in jungen Jahren, wenn man am Anfang einer Karriere steht und sich zunehmend bewusster über seine vielleicht sogar einmaligen Fähigkeiten, Stärken und Talente wird. Schnell können Selbstüberschätzung auf der einen genauso wie Selbstzweifel auf der anderen Seite stete Begleiter in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung sein – und für zu hohe Flüge mit gegebenenfalls hartem Aufprall sowie wie im vorliegenden Fall für unkontrollierte Emotionsausbrüche sorgen.

So oder ähnlich muss es Andreas Herzog nach seinem Wutausbruch am Spielfeldrand gegangen sein, jedenfalls war er sich sicher: „Der Happel beruft mich nicht mehr ein.“ Doch weit gefehlt – und so stand er schon wenige Wochen später seinem Coach bei der nächsten Zusammenkunft des Nationalteams gegenüber.

„Zauberer? Na, was war das letztes Mal?“

„Naa, Trainer, i will da nicht irgendetwas Altes aufwärmen. I hab da Meinungsverschiedenheiten gehabt mit anderen Spielern, aber da will ich im Nachhinein nicht drüber reden. Da will i niemanden verpetzen.“

„Na, glaubst, i bin deppert? Ich hab’s genau gesehen! Und glaubst, soll ich dir helfen? Willst, dass ich dir helf?“

Und ich hab mir gedacht: Ja, bitte, ich bin fast der einzige Rapidler gegen sieben Austrianer (lacht im Nachhinein).

„Wirst du ja selber nicht glauben. So blöd bin i ja ned. Entweder du setzt dich allein durch oder es wird mit dir nichts.“ (Andreas Herzog)

Das hatte gesessen. Klar, kurz und prägnant – unnachahmlich Happel. Eines war Andi Herzog jedenfalls klar: Vonseiten des Grantlers war mit Unterstützung nicht mehr zu rechnen. Doch war die Message anscheinend ein Stück weit angekommen. Herzog musste sich selbst durchsetzen. Und auch wenn ihm bei dem folgenden Spiel gegen Wales kein Tor gelang und er abermals ausgewechselt wurde, hatte er doch einen Schritt gemacht: Die Nerven im Griff und freundlich nickend an der Trainerbank vorbei Richtung Duschkabinen. Happel mochte Herzog – und wusste um dessen Wichtigkeit für die Kreativität des österreichischen Spiels: die entscheidende Torvorlage, der Lupfer hinter die Abwehrreihen, der diagonale Steilpass in den freien Raum. Und vielleicht sah er ein wenig ja sogar sich selbst in ihm.

„Natürlich, Happel verkörperte den klassischen Libero – ein lässiger und kreativer Verteidiger, mit Vorausschau und Technik und seiner Zeit im österreichischen Fußball voraus“, meinte Herzog. „Aber durchaus auch ein Schlawiner und mit Schmäh bei der Sache.“ Hatte er doch angeblich einst einmal seinem eigenen Tormann beim Stand von 4:0 ein Tor reingeschossen mit den Worten: „Waßt, du hast gesagt, du kriegst kein Tor. Da hast eins!“

Doch mindestens genauso wichtig: Happel wusste Herzog zu führen, zu berühren und zu inspirieren. So verfügte der einstmals ebenfalls für Rapid kickende und spätere Meistercoach über die seltene Gabe wirklich großer Trainer, neben dem Spiel auch die Spieler lesen zu können. Zu spüren, was sie bewegt und für jede Situation in Wahlmöglichkeiten zu denken – eben den richtigen Schlüssel für den rechten Moment parat zu haben. Mal durch Hilfe zur Selbsthilfe, dann durch Überzeugung und Klarheit oder einfach nur durch stumme Impulse führend – intuitives Erfahrungswissen, über Jahrzehnte entwickelt.

Günter Netzer, der Happel in seiner erfolgreichen Zeit beim Hamburger SV zu Beginn der 80er-Jahre als Vereinsmanager begleitete, nannte den Trainer sogar ehrfürchtig ein Phänomen: „Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Als Happel zum HSV kam, hatten wir sechs Wochen Vorbereitung. Beide Torhüter, Jupp Koitka und Uli Stein, haben gehalten wie die Weltmeister. Am Abend vor dem ersten Spiel fragte ich Happel, wer denn nun im Tor stehen würde. Er sagte: ‚Ich weiß es nicht. Aber wenn ich morgen früh die Augen aufmache, werde ich es wissen.‘ Am nächsten Tag stellte er den Stein ins Tor – und der wurde Nationalspieler.“

Da stellt sich die Frage, was all das mit Andi Herzog zu tun haben könnte, denn der kickte zur großen Zeit des HSV gerade mal in der Jugendabteilung bei Wacker Mödling in der Wiener Südstadt – oder zu Hause in Meidling mit Freunden gegen das Garagentor. Vielleicht verfügte der ehemalige Championtrainer Happel einige Jahre später und auf seiner letzten Station für den Österreichischen Fußball-Bund über eine ähnliche intuitive Eingabe am frühen Morgen des 28. Oktober 1992. Jedenfalls ging er unmittelbar vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Israel auf den auf der Spielerbank sitzenden Herzog zu, der sich gerade die Schuhe schnürte, presste seine Stirn an dessen Stirn und raunzte ihn in gewohnt kauziger Manier an: „Jetzt zeig ihnen, wie gut du bist, Zauberer.“

Eine Botschaft, die Herzog zutiefst berührte und deren Inhalt seine Karriere bis heute begleitet. Herzog wuchs über sich hinaus und schoss im folgenden Spiel beim 5:2-Sieg zwei entscheidende Tore. „Fast im Alleingang habe ich das Spiel gewonnen“, erzählt er heute noch stolz.

Und Ernst Happel? Er durfte das wenige Wochen später stattfindende Spiel des ÖFB gegen Deutschland im Praterstadion nicht mehr erleben – nur mehr seine legendäre Kappe weilte 90 Minuten lang verwaist auf seiner geliebten Trainerbank. Nach nur einem knappen Jahr als Nationaltrainer Österreichs verstarb er im November 1992 – schwer gekennzeichnet durch ein Krebsleiden.

Es wäre hochspannend zu wissen, wie sich wohl die Zusammenarbeit zwischen den beiden waschechten Wienern entwickelt hätte, wenn sie von längerer Dauer gewesen wäre. Hier der Grantler und das Genie, dort der Ballkünstler mit Herz und Schmäh. Langweilig oder besser gesagt fad wäre es wohl nie gewesen. Doch was bleibt, ist für Andi Herzog die Erkenntnis, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – auf und neben dem Platz. Eben getreu nach dem Motto: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner! Sowie mit ganzem Herzen dabei zu sein. Denn dann werden dir Weggefährten geschickt, die dich auch mal anschieben. Oder dich ins kalte Wasser stoßen. Oder dir mal in den Hintern treten. Übrigens ein roter Faden, der sich durch seine bisherige Karriere zieht – wie wir später noch feststellen werden.

Und da wären wir schon mittendrin, im Leben des Andreas Herzog: Von einem, der auszog, um im Ausland sein Glück zu suchen. Oder in anderen Worten vom „Schluchtenscheißer“ zum „Alpen-Maradona“, wie ihn die deutsche Presse ehrfürchtig bezeichnete.

Das war sein letztes Länderspiel. Das macht mich heute noch stolz, dass ich quasi in seinem letzten Länderspiel a Wahnsinnspartie gespielt habe, zwei Tore geschossen, wir haben 5:2 gewonnen. Und damals hat mich auch der israelische Teamchef, damals der Shlomo Scharf, bei der Weltfußballerwahl auf den dritten Platz gewählt – und drum bin ich 40. geworden (lacht herzhaft). Danke, Shlomo Scharf (lacht wieder). Aber ich hab die im Alleingang fast zerschossen, ein Tor mit dem Rechten, mit einer Wucht, und das, weil mir der Happel vorher gesagt hat: „Und jetzt zeig ihnen, wie gut du bist.“ Und das war für mich a Message: Du bist gut genug, du brauchst von mir keine Unterstützung, zeig einfach, was du kannst. Und … Attacke! (Andreas Herzog)


Herzog unter Happel: Ein kurzer gemeinsamer Weg – sieben Länderspiele

KAPITEL 2:
„MAMA, DAS VERZEIH ICH DIR NIE!“
ADMIRA WACKER 1974–1983

Macht man sich über ein Leitmotiv in Sachen „Andi Herzog“ Gedanken, über ein unsichtbares Band, das ihn ein Stück weit durch sein bisheriges Leben führte und für die Ausbildung seines Charakters zuständig war und ist, diesen prägte und entwickelte, wird schnell ein erster roter Faden sichtbar. Beginnend mit seiner Zeit im Kindergarten – denn eben die gab es für den späteren Rekordnationalspieler gar nicht. „Ein Paradoxon“, wird sich mancher Leser auf den ersten Blick denken, denn wie kann eine Zeit, die gar nicht stattgefunden hat, für eine Karriere prägend sein? Doch mehr dazu später und rein in die Kinderschuhe und die damit verbundenen ersten fußballerischen Gehversuche des Andreas Herzog – sozusagen der Punkt null im Fußballleben des noch ganz jungen Kickers.

Ich war nie im Kindergarten, weil meine Schwester ist in den Kindergarten gekommen und hat Probleme mit der Kindergartentante bekommen. Das dürfte eine strenge Nonne gewesen sein oder so. Dann hat meine Mutter gesagt: „Dann kann ich meinen Sohn gleich gar nicht vorbeibringen (lacht), weil das wird noch schlimmer“ (lacht noch lauter), und so war ich immer schon als kleiner Bua mit meinem Vater auf dem Platz. (Andreas Herzog)

Anton „Burli“ Herzog kickte zu der Zeit noch für Admira Wacker. Und da der damals noch kleine Andi eben nicht in den Kindergarten gehen durfte oder sollte, schulterte sein Vater neben Trainingstasche und Fußballschuhen auch noch den drei, vier Jahre alten Sohn, um sich auf den Weg zu machen – hinaus aus der Enge der Wohnung mitten im 12. Wiener Gemeindebezirk, vorbei am Bahnhof Meidling und hinein in die damals noch fast autofreie Wiener Südstadt. Denn da, wo heute endlose Autokarawanen langsam und schwerfällig durch die Straßen ziehen, um Möbelhäuser, Gewerbegebiete und Shopping City möglichst bequem und vor der Tür parkend zu erreichen – schnell hin, alles drin –, herrschte Anfang der 70er-Jahre noch eine fast wundersame Idylle. Zahllose Teiche und große Seen mit einer noch größeren Artenvielfalt an Wasser- und Singvögeln, Fröschen, Kröten, Schlangen und Insekten müssen das Bild des südlichen Wiener Beckens geprägt haben, wenn man den Erzählungen älterer Einheimischer Glauben schenken mag. Der städtische Wiener hingegen kam im Allgemeinen nur aufs platte Land, um dort zu baden oder im eigenen Kleingarten Marillen zu pflücken – und im Besonderen natürlich an den Wochenenden.

Familie Herzog muss ihrer Zeit damals ein Stück weit voraus gewesen sein – oder sich besser gesagt der Entwicklung und den entsprechenden Gegebenheiten zwangsläufig angepasst haben. Denn während Andis Vater noch in den 60er-Jahren in den 21. Bezirk pendelte, einen nördlich der Donau gelegenen Stadtteil Wiens, um dort beim damals sehr erfolgreichen und in Jedlesee in Floridsdorf beheimateten SK Admira Wien zu kicken, zog es ihn Anfang der 70er-Jahre in den Süden der Stadt. Grund dafür war der finanzkräftige Sponsor des Klubs, selbst an der Stadtgrenze südlich vor Wien bei Maria Enzersdorf beheimatet. Der Energieversorger holte den traditions- wie erfolgreichen SK Admira zu Beginn der 70er-Jahre auf seinen Grund und bestimmte zudem die spätere Fusion mit Wacker Wien – Admira Wacker war im Jahr 1971 geboren.

Doch schon damals waren die ersten Ansätze der Kommerzialisierung des Fußballsports anscheinend vielen Fans ein Dorn im Auge – und der Spagat zwischen Tradition und Zukunft, Lokalpatriotismus und Vision, Gewohnheit und Veränderung ein zu großer: Die Anhänger spielten nicht mit. Denn während 1966 noch 17.000 Zuschauer im Wiener Praterstadion den legendären Sieg von Admira über Rapid feierten, bei dem ausgerechnete Burli Herzog das entscheidende Tor gegen den späteren Herz-Klub seines Sohnes schoss, kamen zu Beginn der 70er-Jahre nur noch wenige Zuschauer ins neue Südstadt-Stadion.

Natürlich möchte der allgemeine Fußballfreund, in der Regel eher traditionsbehaftet, lieber nur die Straßenseite wechseln, um zum Match und anschließend ins Beisl gehen zu können, statt die ganze Stadt zu durchqueren, um sein Team in einem damals noch eher sterilen Schmuckkästchen, zwischen Kleingärten und einer Seenlandschaft gelegen, zu unterstützen – absolut nachvollziehbar durch die Brille des Fans betrachtet.

Für Andreas Herzog dagegen muss die neue Umgebung, das großzügige Trainingsareal, die damals noch vorhandene Weite vor den südlichen Toren Wiens genauso wie die Möglichkeit, den Papa immer zur Arbeit begleiten zu dürfen, eine große Bereicherung gewesen sein – und der Grundstein für den Verlauf seiner außergewöhnlichen Karriere. Zumindest auf der einen Seite. Doch bekanntlich hat ja alles zwei Seiten – und so wirkten sich die fehlenden Kindergartentage möglicherweise ein wenig auch auf seine damalige Charakterbildung aus: Er zeigte sich anfangs eher zurückhaltend, schüchtern und vorsichtig, nicht draufgängerisch oder à la „Platz da, jetzt komme ich!“.

Immerhin und trotz aller Introvertiertheit – einen treuen Freund hatte er zur damaligen Zeit schon.

Durch das war ich halt oft mit meinem Vater in der Südstadt damals, und der Zeugwart, der hat einen Schäferhund gehabt, den Rolfi, mit dem bin ich halt da die ganze Zeit herumgelaufen, und der Hund hat auch so ein Gefühl gehabt, der hat die ganze Zeit auf mich aufgepasst. Ich war noch relativ klein, und trotzdem war die sportliche Heimat die Südstadt, wo Admira Wacker spielt, und ich war jahrelang schon draußen, und alle Leut haben immer gesagt, weil ich damals schon sehr gut Fußball spielen konnte, alle haben gesagt: „Andi, warum fangst nicht an?“ (Andreas Herzog)

Aber Andi wollte nicht – und so zog der junge Herzerl, während Papa fleißig trainierte und an den Wochenenden spielte, mit Rolfi weiter um das Trainingsgelände – Stunde um Stunde und Tag für Tag.

Und irgendwie, weil ich am Anfang immer ein bisserl Anschlussschwierigkeiten hatte, vielleicht dadurch, dass ich nicht im Kindergarten war, habe ich am Anfang mit den Kontakten ein bisserl Schwierigkeiten gehabt, und dann vergess ich es nie, sind die Trainer immer gekommen, zum Beispiel der Herr Boff, und er hat gesagt: „Komm, Andi, trainier einmal mit.“ (Andreas Herzog)

Doch Andi ließ sich weiterhin nicht überzeugen, blieb beim obligatorischen „Na, na, na!“ und schaute sich stattdessen stoisch und gemeinsam mit Freund Rolfi das Training von außen an. Das Trainerteam rund um Herrn Boff schien ratlos, und ein Ernst Happel, der ihm – wie dann Jahre später passiert – die Stirn hätte bieten können, war weit weg beziehungsweise zu dieser Zeit irgendwo zwischen Sevilla, Brügge und den Niederlanden unterwegs. Was also tun? Anscheinend bedurfte es anderer Wege, Mittel und Möglichkeiten, um den kleinen Minikicker mit dem talentierten linken Fuß im Herzen zu berühren und zu seinem Glück zu zwingen. Wobei wir wieder beim intuitiven Erfahrungswissen wären, um den kleinen „Buam“ auf seinen Weg zu bringen.

Und dann hat meine Mutter mich einmal geschultert und hat gesagt: „Herr Boff, der Andi will heute mittrainieren“, und hat mich mitten in die Gruppe hineingestellt. Ich habe sie böse angeschaut und gesagt: „Mama, das verzeih ich dir nie!“ Doch ab diesem Zeitpunkt habe ich es geliebt, bei der Admira Fußball zu spielen. (Andreas Herzog)

Intuitives Erfahrungswissen, der berühmt berüchtigte Wurf ins kalte Wasser, ein Kaltstart mit Folgen – wie Jahre später auch unter Happel. So oder so: Der Junge war in der Spur. Und er lief los.

Drei Faktoren sind dem französischen Naturalisten Émile Zola zufolge dafür zuständig, wie sich ein Mensch in seinem Leben entwickelt: das Milieu, der Zeitpunkt und der Ort, in den man hineingeboren wird beziehungsweise an dem man seinen Beruf ausüben darf. Während der österreichische Genforscher Dr. Markus Hengstschläger davon ausgeht, dass Erfolg immer das Produkt aus Genetik und Umwelt ist, aus individuellen Leistungsvoraussetzungen und harter Arbeit. All das wiederum trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei.

Fragt man den „Zauberer“ heute, ob er denn in Sachen „Milieu, Zeitpunkt und Ort“ wie auch in „Gene und Umwelt“ die gleiche Wahl treffen würde, wenn er es denn könnte, lächelt er spitzbübisch: „Passt eh“ – und meint damit das damalige Wohnumfeld und die Enge der Meidlinger Wohnung sowie den daraus resultierenden Wunsch, einmal in einem Haus mit Garten leben zu dürfen; genauso wie seine resolute Mutter, die ihn einfach aus einer Eingebung heraus schulterte und in den erhabenen Kreis der Südstadt-Minikicker stellte, und sein hochtalentierter Vater mit Fußballsach- und machverstand als Unterstützer und Experte sowie seine Schwester, die ihn vor dem Kindergarten bewahrte und somit früh für die nötige Erdung auf dem Fußballfeld sorgte. Und vielleicht und unbewusst dadurch auch für die Tatsache, dass Herzog durch eine gewisse Zurückhaltung immer er selbst bleiben durfte – eben weniger Darsteller, Influencer oder Schauspieler, stattdessen aber authentisch, ehrlich, echt.

Bei meiner persönlichen Entwicklung war es so, dass ich es als junger Spieler immer allen Menschen recht machen wollte und dadurch immer auch ein bisserl Kompromisse gemacht hab, mir viel Gedanken gemacht habe, warum mich die gegnerischen Fans so beschimpft haben, obwohl sie mich doch gar nicht kennen, das ist jetzt alles vielleicht auch ein Blödsinn, aber weil du geschrieben hast, authentisch, ehrlich, echt. Das hat sich dann erst nach meinem Meistertitel in Deutschland und vor allem auch jetzt mit zunehmenden Erfolgen in der Karriere verändert, da hast du eine andere Persönlichkeit entwickelt. Jetzt bin ich so, wie ich bin, und mir ist das mittlerweile egal, was die Leute über mich denken. Ich möchte authentisch bleiben. Und das ist das Wichtigste. Diese Entwicklung – von es vorher jedem recht machen hin zu einfach der sein, derman ist, wenn man authentisch ist –, darum geht es. Danke, ciao! (Andreas Herzog)


Andi Herzog (schlafend) mit Mama, Papa und Schwester Claudia

KAPITEL 3:
EIN GUTER SPIELER IST NICHT ZU VERHINDERN – ODER EIN TAG MIT ANDI
ADMIRA WACKER 1974–1983

„Hallo, Claus, Andi spricht“, ließ es mich der Messengerdienst des Smartphones am späten Vormittag und kurz vor Ostern wissen. „Ich bin dann am Weg zu meinem Vater und zu meiner Mutter raus. Der Vater ist aus dem Krankenhaus heimgekommen“, so die angenehme Stimme mit bekannt charmanter Wiener Klangfärbung via Sprachnachricht weiter. Dann sollte es wieder nach Hause gehen, um gegen 15.45 Uhr die Kinder in die Südstadt zu bringen, auf dem Parkplatz vor den Stadiontoren ein Interview für Servus-TV zu geben, mich zwischenzeitlich am Hotel in Perchtoldsdorf abzuholen und wieder in die Südstadt zu fahren. Was für ein Programm!

Überhaupt pendelte das Leben des Andi Herzog in diesen Tagen auf einer geraden Linie zwischen seinem südwestlich von Wien gelegenen Wohnort, dem großzügigen Trainingsareal rund um das Admira Wacker-Stadion in der Südstadt sowie dem südwestlich von Laxenburg gelegenen Wohnort seiner Eltern, irgendwo in Niederösterreich – ein ständiges Hin und Her. Mittendrin auf dieser Route hatte ich mein Lager aufgeschlagen, in einem kleinen, aber feinen Stadthotel im noch feineren Perchtoldsdorf, eigentlich beliebt und bekannt durch seine so typischen Heurigenlokale und ebenfalls vor den Toren Wiens.

Doch in diesen Tagen war vieles anders. Die Pandemie hatte auch Österreich voll im Griff, und alles, was auch nur ansatzweise hätte Freude machen können, war geschlossen oder verboten. Und so spielte sich auch das Leben der Familie Herzog in erster Linie draußen ab. Denn während sein zehn Jahre alter Sohn Louis und der 13 Jahre alte Sohn Luca fleißig auf den Plätzen in der Südstadt trainierten, hielt Papa Herzog beharrlich und mit einer – zumindest äußeren – stoischen Gelassenheit stundenlang die Stellung. Mal plauderte er mit den anderen Vätern, die ebenfalls auf ihre Söhne warteten, mal kam ein Fernsehteam vorbei, um mit ihm ein Interview zu führen. Langeweile kam jedenfalls nicht auf, trotz Abstandhalten und Co., obwohl die Lokalität am Rande der Trainingsplätze geschlossen war und man auch am Training selbst nur aus großer Entfernung teilnehmen durfte.

Gegen 16 Uhr leuchtete das Smartphone erneut auf. Diesmal die Nachricht von Andi: „Bin zwischenzeitlich wieder zu Hause gewesen, habe die Jungs zum Platz gebracht, das Servus-TV-Team verspätet sich wegen dichten Verkehrs. Warte im Hotel auf mich.“

Und dann noch sein Wunsch, ob wir noch kurz in der Shopping City vorbeischauen könnten – schließlich stand ja Ostern vor der Tür. Na klar, ich war bei allem dabei – mitten im Alltag des Rekordnationalspielers.

Gesagt, getan: Nachdem sich sein Auto durch die engen Perchtoldsdorfer Gassen und vorbei am beeindruckenden 500 Jahre alten Wehrturm der Marktgemeinde geschlängelt hatte, wurde der weitere Plan für den Nachmittag konkretisiert: Rein in den Sport-Megastore in der Shopping City, Ostergeschenke für die Jungs und Frau Kathi kaufen und wieder raus auf den Platz.

Sofort leuchteten uns die zahlreichen Fußballschuhe in ihrer ganzen Vielfalt wie bunte Ostereier entgegen – irgendwie passend zum Fest. Ein Gespräch über Farben, Form und Vorzüge eben dieser entstand, und dann die brennende Frage, in welchen Fußballschuhen er heute farblich spielen würde: „Für mich war immer wichtiger, dass der Schuh die perfekte Passform hat und das i ned, wenn der Boden ned ganz weich ist, mit Stollenschuh, sondern mit Nockenschuh spielen kann oder einer Mischung aus Nocken- und Stollenschuh. Das heißt auf Wienerisch Gummler.“

Herzog gerät ins Schwärmen: „A Lederschuh, und wenn es dann geregnet hat und du bist rausgestiegen, und das nächste Mal bist du reingestiegen in den Schuh und die Passform hat genau gepasst und dann war er wieder mit Lederfett eingeschmiert und die Streifen wieder weiß nachgemalt, das war extrem edel. A schwarz-weißer Kultschuh wie der Copa Mundial war für mich viel wichtiger wie jetzt die ganzen bunten Schuh, die da rumrennen.“

So kann man sich täuschen, wäre ich doch davon ausgegangen, dass sich Herzog heute für einen weißen Schuh entscheiden würde. Aber wie immer macht es wohl die Mischung. Schwarz für harte Arbeit, Weiß für die Kunst.

Es ist eine Gabe, wenn man mit einem außergewöhnlichen Talent gesegnet ist wie Andreas Herzog, so individuell wie ein Fingerabdruck, etwas Einmaliges, das einem in die Wiege gelegt wurde. Und es ist eine Kunst, dieses ganz spezielle Talent möglichst schnell für sich zu entdecken und auch abzurufen, es zu entwickeln, zu formen und zu verfeinern. Wirkliche Meister wissen, was sie können und wofür sie stehen. Sie reflektieren und regulieren sich selbst und üben zielgerichtet.

Ich hab mir mit meiner Schwester das Kinderzimmer geteilt, und zwischen den zwei Nachtkastln war ein 15 Zentimeter großer Spalt. Mit dem Tennisball bin ich dann durch die ganze Wohnung gedribbelt, vom Wohnzimmer durchs Vorzimmer, schlussendlich ins Kinderzimmer, und dann war des das Tor, der 15-Zentimeter-Spalt. Und dann hab ich immer gestoppt, wie schnell ich vom Balkon weg durchs Wohnzimmer im Spalt war – Hunderte Male. Und meine Schwester hat sich immer beschwert, weil sie hat immer viel gelernt, und es hat immer „bum, bum, bum“gemacht. (Andreas Herzog)

Talent hatte der junge wie auch kreativ spielende Andreas Herzog jedenfalls von klein auf. Sein Drang war die Offensive, seine Leidenschaft der Chip über die gegnerischen Abwehrreihen hinweg. Er holte sich die Grundlagen zu Hause in der engen Wohnung in Meidling und mit einem Plastikball – beim an die Wand Spielen im Hinterhof, beim Parkoder Käfigfußball, eins gegen eins, drei gegen drei, zwei gegen zwei, mit Kindern aus der Nachbarschaft und einfach bei allem, was man mit dem Ball gerne macht. Herzog liebte vor allem die Freiheiten, die er hatte, wenn man nicht auf das Ergebnis schauen musste. Einfach spielen eben. Dann noch die Trainingseinheiten in der Südstadt, und natürlich sein Vater als Unterstützer.

Mein Vater war von klein auf sehr wichtig für mich. Er war der, der mich das Fußballspielen gelehrt hat und mich auch als Trainer begleitet hat. Es waren oft Kleinigkeiten, Kernaussagen und andere Wichtigkeiten, die er mir mit auf den Weggegeben hat. (Andreas Herzog)

Mittlerweile waren wir am Trainingsgelände angekommen. Die Sonne strahlte in den frühen Abendstunden, und das Ende März. Es fühlte sich fast wie Sommer an – wenn da nicht die Pandemie gewesen wäre. Hier und da einige Eltern, die das Spiel der U15 der Südstädter gegen Sturm Graz verfolgten. Wir standen ebenfalls weit abseits des Platzes, und ich, mehr als kurzsichtig, konnte nur wenig bis gar keine Aktionen erkennen. Was für ein Glück, dass ich mit Andreas Herzog einen mehr als kompetenten Seher an meiner Seite hatte. In der Tat war ich von seiner Wahrnehmung beeindruckt, jede kleinste Kleinigkeit schien er zu sehen, zu fühlen oder zu riechen. Das Wichtigste war für ihn die Bewegung nach vorne. „Der bleibt schon wieder stehen“, echauffierte er sich dann. Alle sollten immer in Bewegung sein, offensiv und nach vorne, und Sohn Luca am besten beteiligt an Toren. Ganz so wie es sein Vater früher wohl bei ihm gemacht hatte.

Bei Werder Bremen waren wir im ersten Jahr gleich Meister, da habe ich sehr, sehr gut gespielt. Im zweiten Jahr lief es nicht so gut. Da ist einmal mein Vater zum Training gekommen, hat zugeschaut und hat gesagt: „Ich kann dir schon sagen, warum es momentan nicht so gut lauft. Deine Stärke war immer, wenn du den Ball bekommst, dass du ihn gleich mit dem Tempo mitnimmst, dass du gleich den offenen Raum attackierst, auch im Mittelfeld, und jetzt machst du fast alles aus dem Stehen, jetzt wartest du ab. Und so ist es einfacher für den Gegenspieler, die Situation zu lösen.“ Und mit diesem einen kleinen Hinweis von meinem Vater konnte ich das in den nächsten zwei, drei Trainingseinheiten wieder besser lösen. Aber noch einmal: Solche Kleinigkeiten oder Kernaussagen von meinem Vater waren wichtiger, als wenn es dir Otto Rehhagel sagt, oder der beste Trainer der Welt. (Andreas Herzog)

Gut, wenn man neben dem Talent noch einen Unterstützer an seiner Seite hat – und das von Kindheit an. Eine Erkenntnis, auf die auch ein anderer Österreicher hinweist, der in Sachen „Erfolgreich sein“ national über den Tellerrand geschaut hat. So meinte Arnold Schwarzenegger zum 70. Geburtstag über seine außergewöhnliche Karriere: „Ich hatte immer Unterstützer und Ja-Sager um mich herum. Hätte ich nur auf die Zweifler und Nein-Sager gehört, würde ich heute noch in den Alpen jodeln.“ Und dennoch: Ein richtig guter Spieler setzt sich anscheinend auch allein durch – trotz mancher Widrigkeiten.

Ein richtig guter Spieler, der macht sich eh selber, den kann der Trainer ein bisserl begleiten, a bisserl Hilfestellung geben, aber der gute Spieler, der weiß, was er zu tun hat, der setzt sich auf Dauer durch. Es kann nur sein, dass der eine oder andere Trainer ihn verhindert. Dann musst du allerdings wissen: „Ich bin gut“, und wenn der Trainer das nicht so sieht, dann geh ich halt zu einem anderen Verein und setz mich dort durch, zeig dort meine Qualitäten. Aber wenn es dann bei vier, fünf Vereinen gleich ist, und es ist immer der Trainer schuld, dann muss sich schon der Spieler hinterfragen, ob er zunächst einmal bei sich anfangen soll und nicht nur alles von sich wegschiebt. (Andreas Herzog)

Plötzlich und aus dem Nichts kam ein Querschläger des Admira-Wacker- gegen Sturm-Graz-Spiels auf uns zugeflogen. Andi fischte ihn mit dem linken Fuß aus der Luft – der Ball blieb förmlich an seinem Fuß kleben –, um ihn dann wieder mit einer unglaublichen Leichtigkeit auf das Spielfeld zu kicken.

„Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, aber wie gesagt: Ich bin der Meinung: Ein guter Spieler ist nicht zu verhindern. Selbst der dümmste Trainer kann einen guten Spieler nicht verhindern. Das waren gute Aussagen, oder? Wir müssen a bissl Würze in das Buch bringen.“ Er lacht schelmisch.

Aber auch der heutige Rekordnationalspieler musste immer wieder mal mit dem einen oder anderen Trainer kämpfen – und jeder Coach hat halt auch seine eigenen Ansichten, Werte und Glaubenssätze, und die gilt es zu akzeptieren.

So kickte der hochtalentierte Andreas Herzog 1984/85 in einem Qualifikationsspiel für die U16 Österreichs. Ziel war die Teilnahme an der Europameisterschaft 1986 in Griechenland. Doch dazu sollte es nicht kommen, denn der junge Herzerl wurde in diesem Spiel von seinem Trainer schon nach zehn Minuten ausgewechselt. Der Grund: An beiden Toren soll er schuld gewesen sein. „Konnte aber gar nicht sein“, meinte Herzog. „Denn beim zweiten Tor für die DDR-Auswahl war ich gar nicht mehr auf dem Platz.“ Am Boden zerstört fühlte er sich mit all seiner spielerischen Klasse, „aber auch da war es mein Vater, der mir geholfen hat“, denn schon am nächsten Tag klingelte das Telefon in der Wohnung im 12. Bezirk.

„Ach so, du bist das“, sagte mein Vater. „Geh, weißt was, schleich di! Ruf nie wieder an, und eins sag ich dir: Beruf den Andi ja nicht mehr ein. Weil das verbiete ich hier. Ich verbiete meinem Sohn, dass er noch einmal zur Nationalmannschaft kommt, zur U16!“ Und legte energisch auf.

Ich fragte irritiert: „Papa, wer war denn das?“

„Na, der Verhinderer.“

„Welcher Verhinderer?“

„Na, der Gludovatz.“

„Papa, bist du wahnsinnig? Du kannst doch nicht so mit dem Nationaltrainer sprechen.“

„Na, bleib ruhig, Andi“, sagte er. „Der würde dich mehr verhindern und dir schaden, als dass du in der U16-Nationalmannschaft spielst.“ (Andreas Herzog)

Drei Monate später stieg Andi Herzog in die U18-Nationalmannschaft auf – und bekam einen anderen Trainer. Doch zur Ehrenrettung von Paul Gludovatz, der später verschiedene Profiteams wie auch bei U20-Weltmeisterschaften mit dem ÖFB-Team sehr erfolgreich war: Es muss halt passen.

Rückblickend meint Herzog, dass ihm wohl sein Spielstil nicht gefallen hatte. Er sollte laut Trainer reinhauen, dass die Funken sprühen, sonst würde er nach zehn Minuten ausgewechselt werden – und so zog es der U16-Trainer auch durch. Für Edeltechniker mit anderen Qualitäten war da kein Platz.

Beim nächsten Trainer war es wieder anders. Der hat halt wieder eine andere Idee vom Fußball gehabt. Aber wie ich gesagt habe: Der dümmste Trainer kann einen Riesenspieler nicht aufhalten, wenn der Riesenspieler entweder ein gutes Umfeld hat, also von seinen Eltern, von Menschen, die es wirklich gut meinen, unterstützt wird oder seine eigene Persönlichkeit schon so stark ist – aber das ist in jungen Jahren relativ selten. Bei mir war halt der Vater der Ruhepol und die Hilfe. Und mein Wille, zu spielen. (Andreas Herzog)

Neben allem Talent ist also laut Herzog das Umfeld entscheidend für die Entwicklung der Persönlichkeit – Familie, Freunde, Beziehungen. Und er sagt, wie sehr es ihn ärgert, wenn hochtalentierte Spieler nicht den letzten Schritt machen, sich selbst falsch wahrnehmen oder es an der richtigen Einstellung mangelt – auf oder neben dem Platz.

Und so fachsimpelten wir weiter, wie viele Menschen im Leben ihre Talente gar nicht erst entdecken oder sie nur unzureichend abrufen. Über spezielle Talente verfügen viele, doch diese zu formen, mit Freude dranzubleiben und sich auch durchzusetzen – dazu bedarf es anscheinend außergewöhnlicher Willensstärke. So zumindest meine Wahrnehmung. „Passt eh“, meinte Andi. „Darüber müssen wir uns als Nächstes Gedanken machen, also die Sache mit dem Biss.“ Kathi und er wollten schließlich zu Hause auch brave „Buam“ – doch auf dem Platz sollen sie sich plötzlich nichts gefallen lassen. „Das ist gar nicht so einfach!“ Mittlerweile war die Sonne untergegangen, die Märzluft kühlte schnell ab. Wir stiegen wieder ins Auto, die Jungs auf dem Rücksitz, und es ging nach Hause. Kathi rief an und verkündete über die Freisprechanlage, dass es Schinkenfleckerl geben würde. Allgemeiner Jubel im Auto.

Mich dagegen zog es ins Hotel, und ich machte mir noch ein paar Gedanken über Talente, Biss und Co. Vielleicht lag es an den geschlossenen Heurigen und an der Tatsache, dass das nächste Schnellrestaurant fußläufig weit entfernt lag, ich dies also nur mit einer gewissen Entschlossenheit erreichen würde. Jedenfalls kam mir folgende Sätze von Ray Kroc, dem Gründer des McDonald’s-Imperiums, dazu in den Sinn: „Nichts in der Welt kann Beharrlichkeit ersetzen. Talent allein genügt nicht; nichts ist häufiger als erfolglose Menschen mit großen Talenten. Ebenso wenig Genie; verkannte Genies sind geradezu sprichwörtlich. Ebenso wenig kann es Bildung sein; die Welt ist voll von gebildeten Versagern. Beharrlichkeit und Entschlossenheit allein vermögen alles.“

Es gab noch viel zu diskutieren und zu tun. Doch eins war klar: Wenn man das große Glück hat, mit dem entsprechenden Talent zur Welt zu kommen, und dies auch noch für sich in jungen Jahren zu entdecken, ist eine große Karriere mit den nötigen Unterstützern möglich. Mit Kreativität und Durchsetzungskraft – und in diesem Fall am liebsten mit frisch eingefetteten, glänzenden, edlen Fußballschuhen in Schwarz mit weißen Streifen.

KAPITEL 4:
LINKES PRATZERL, DURCHSCHNITT UND EIN DYNAMISCHES SELBSTBILD
ADMIRA WACKER 1974–1983

Jeder Mensch verfügt über Talente – und manche sogar über eine ganz besondere, einmalige Veranlagung, einem Alleinstellungsmerkmal. Stellen Sie sich vor, Sie hätten genau so ein Talent. Und einen Förderer und Forderer in Ihrer Nähe, der genau das in Ihnen sehr schnell erkennt. An anderer Stelle haben wir schon darauf verwiesen, dass es eine Gnade sein kann, seine ganz besondere Stärke möglichst früh wahrzunehmen, genauso wie die Möglichkeiten und den Freiraum, eben dieses ständig weiterzuentwickeln.

Bei Andi Herzog war es das „linke Pratzerl“, wie er es im Wiener Dialekt gerne nennt, im ursprünglichen Sinne eigentlich die linke „Pfote“, im Ruhrgebietsfußball auch die linke „Klebe“ genannt. Auf den Punkt gebracht: sein linker Fuß. Dazu der Vater, ebenfalls Fußballprofi, für damalige Verhältnisse gut vernetzt und vor allem mit reichlich Fußball-Know-how ausgestattet: Er hatte das Spiel nicht nur verstanden, sondern vor allem in allen Facetten gelebt. Zudem war da noch Andis riesiger Spielplatz, der seinesgleichen suchte.

Die Südstadt ist ja ein wunderschönes Trainingszentrum. Und ich bin auf allen Plätzen und in der ganzen Umgebung herumgelaufen. So bin ich schon als kleiner Bub mit Fußball infiziert worden. (Andreas Herzog)

Optimale Bedingungen also, um eine einzigartige Karriere zu starten. Hier hatte er alle Freiräume und konnte die Grundlagen – neudeutsch Basics („I red schon wie der Kleine.“) – trainieren. Eben Außenrist, Innenrist, Ballannahme, mit dem nächsten Kontakt gleich weiterspielen, Tempo gehen, Dribbling, am Gegenspieler vorbei – den Ball aus allen Positionen spielen, automatisieren, üben, üben, üben. Und vor allem: eigene Wege und Lösungen finden.

Und beste Voraussetzungen, um das erwähnte linke Pratzerl zu entwickeln. Überhaupt ist es ja so eine Sache mit den Linksfüßern. So sind sie einerseits im Fußball rar gesät. Hätten Sie beispielsweise gedacht, dass in Andi Herzogs Bundesligazeit nur 72 der 400 Bundesligaspieler den linken Fuß zum Schießen nutzten? Und Werder Bremen gleich als Abstiegskandidat galt, als Herzog einmal am Fuß operiert werden musste? Andererseits gelten Linksfüßer häufig als die Regisseure des Platzes, denn sie fallen in der Regel aus der Norm – durch besonderes Ballgefühl, Intuition und Erfahrungswissen.

„Sie sind extravagant und machen extravagante Dinge“, meinte einst Felix Magath, übrigens ebenfalls einer von ihnen und Schütze des legendären 1:0-Endergebnisses im Landesmeisterfinale des HSV (Trainer Ernst Happel) gegen Juventus Turin im Jahr 1983 – ebenfalls mit links. Technik, Bewegungsablauf, Wahrnehmung – geniale Linksfüßer haben einfach ein unbeschreibliches Timing und Gefühl für den rechten Moment und für ihr Gegenüber, meist Rechtsfüßer, sind einfach schwer zu durchschauen.

Natürlich profitieren heute Spieler, die von Geburt an einen starken, linken Fuß haben, weil es nur wenige von ihnen gibt. Es wurde ihnen sozusagen in die Wiege gelegt …

Doch so einmalig es ist, wie Herzogs linkes Pratzerl ihm zu einer internationalen Karriere weit über Österreichs Grenzen hinaus verholfen hat, so sensibel reagiert er auch, wenn es um das Thema „Beidfüßigkeit“ oder „Allroundkönner“ geht – und schon sind wir mittendrin in einer Diskussion um neuzeitliche Trainingsmethoden, Talentförderung und Gleichmacherei.

Ich hatte immer einen starken linken Fuß. Das war meine Waffe. Hätte ich als Jugendlicher meinen rechten Fuß trainiert und den linken vernachlässigt, wäre ich beidseitig Durchschnitt geworden – und hätte mich meiner größten Waffe beraubt. (Andreas Herzog)

Gerne zitiert Herzog hier Toni Schumacher in Sachen „Rundum-Könner“ („Bravo, Toni“ – O-Ton Herzog), der unlängst im „Kicker“ davor warnte, dass Deutschland, einstmals Land der Torhüter, nur noch Allroundkönner ausbildet: „Irgendwann wird so viel Wert auf Fußarbeit und Spielaufbau gelegt, dass man auch einen Feldspieler ins Tors stellen kann, der ein bisschen Talent dazu hat. Aber wo bleiben Dominanz, Mut, Reflexe, das Eins-gegen-eins? Wo die Fähigkeit, seine Vorderleute zu dirigieren?“

„Zu viel Durchschnitt durch zu viel Gleichmacherei“, so Herzog. Dabei beweisen die Großen ihres Faches genauso wie alle anderen Ausnahmekönner auf dem Platz, wie wichtig es ist, über eine einzigartige „Waffe“, eine ganz besondere, individuelle Stärke zu verfügen, um sich damit von der Masse abheben zu können – und diese ständig zu schärfen. In der Pädagogik spricht man von „Stärken stärken“. Doch auf dem Platz wie auch in der Schule wird selten differenziert und noch seltener individuell gearbeitet. Wie auch, bei großen Trainingsgruppen und noch größeren Schulklassen. „Normalerweise brauchst du mindestens zwei Trainer pro Team, einen für die Defensive und einen für die Offensive. Doch das ist in der Realität meist nicht machbar – oder den Traditionalisten des Fußballsports zu modern“, meint Herzog.

Zudem soll man in der Regel das lernen, was man nicht kann, um das ein bisschen besser zu können. Also eher „Schwächen schwächen“ statt „Stärken stärken“. Doch das wiederum geht auf Kosten der individuellen Marke, des eigentlichen Talents. Da ist sich Andreas Herzog zu 100 Prozent mit einem anderen Linksfuß und Ausnahmetalent, nämlich Arjen Robben, einig – und der augenscheinlichen Tatsache, dass ein Superfuß zur Weltklasse reicht.

Ich bin damit nicht so einverstanden, dass die Jungs zur Beidfüßigkeit gedrillt werden; man kann den schwachen Fuß doch nur ein bisschen verbessern. Wenn du dauernd beide Füße schulst und damit auf einer Skala von eins bis zehn eine Sieben oder Acht hast – oder auf dem einen Fuß eine Zehn und auf dem anderen eine Fünf, ist mir das zweite Modell lieber. (Andreas Herzog)

Um bei Arjen Robbens Bild zu bleiben: Die Realität findet sich meist im ersten Modell wieder – der täglichen Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen. Und ob gewollt oder nicht, man orientiert sich auf diese Weise am Durchschnitt. Denn wird man täglich dazu angehalten, sich mit seinen Defiziten auseinanderzusetzen, statt die kostbaren Zeit mit den Stärken zu verbringen, reiht man sich automatisch ins Mittelmaß ein. Eben Durchschnitt, statt besondere Leistungen.

Wie gut, dass Herzog in seiner Kindheit und Jugend auf ein offeneres Umfeld gestoßen ist, eines, in dem er sich ausprobieren konnte. Sich einfach entwickelte, wie es ihm guttat. Eben einfach spielen und eigene Wege der Ballannahme finden, ohne ständige Vorgaben von Trainern oder Vertretern von Akademien, die häufig viel zu früh Systeme einpauken, statt den Freiraum zur Selbstentwicklung zu bieten.

Vielleicht lag es auch daran, dass die Konkurrenz und der damit verbundene Druck ein anderer war. Wunderbar spiegeln kann sich Herzog jedenfalls täglich im Tun seiner Kinder. Während der jüngere Sohn Louis ein Rechtsfuß ist und zudem in erster Linie über Leidenschaft und Biss kommt, erkennt er sich in Luca und dessen Spielweise häufig wieder: „Der Große ist eins zu eins ich, nur waren die Zeiten damals anders. Ich war mit Abstand der Beste im Nachwuchs, da hast du dir mehr erlauben können.“

„Stark, ihm habe ich immer gerne zugesehen“, meldete sich ein bekannter Sportjournalist von „Zeit-Online“ via Textmessenger, nachdem ich ihm ein Foto von Andi Herzog und mir als kleinen Gruß gesandt hatte. Und weiter: „Pässe, Tore, Linksfuß. Konnte mit einem Kaugummi jonglieren.“ Was für ein wunderbares Bild. So ein Talent entwickelt sich nur durch Luft und Freiraum und Hilfe zur Selbsthilfe. Eben durch ausprobieren dürfen, und nicht durch in ein enges System-Korsett pressen.

Doch wieder zurück zur chronologischen Herzogschen Fußballhistorie: Von 1974 bis 1983 kickte Andreas Herzog für den FC Admira Wacker, legte hier den Grundstein für seine außergewöhnliche Karriere und konnte vor allem eins: Seine Stärken stärken – eben das linke Pratzerl. Oder frei nach Bruce Lee: „Ich fürchte nicht den Mann, der zehntausend Tritte einmal geübt hat, sondern den, der einen Tritt zehntausend Mal geübt hat.“ So oder ähnlich dachte wohl auch Anton „Burli“ Herzog, der die einzigartige Waffe im Spiel seines Sohnes erkannte, schärfte und zur Entwicklung beitrug – indem er ihn in den ersten Jahren intensiv begleitete.

Von klein auf war mein Vater mein Trainer bei Admira Wacker, dann habe ich wieder einen anderen Trainer gehabt, dann in der A-Schüler war er wieder mein Trainer, dann noch einmal im U15-Leistungszentrum, bis ich zu Rapid gewechselt bin. (Andreas Herzog)

Anton Herzog, den übrigens alle deswegen „Burli“ riefen, weil er schon mit 16 für die Kampfmannschaft des SC Wacker Wien in Obermeidling auflief, muss seiner Zeit voraus gewesen sein. Er nahm das Talent seines Sohnes wahr und wusste, dass das spielerische Element gefördert und gefordert werden musste. Eben nicht dem Ball hinterherlaufen und in Defensive denken, sondern offensiv nach vorne, sich einfach frei entfalten. Individualität fördern, statt Einheitsbrei fordern.

Es waren andere Zeiten, das klingt jetzt brutal, aber er hat genau gewusst, dass ich als kreativer Spieler, als sensibler Spieler eine andere Pflege, eine andere Behandlung wie jeder andere Spieler brauchte.

Ich war halt der spielerische Typ, der jetzt nicht unbedingt nach hinten viel gelaufen ist, auch im Nachwuchs schon, und da waren oft Phasen, wenn ich Trainer gehabt habe, die das total negativ gefunden haben, die mich auf das Defensive drillen wollten, dann ist er dazwischengegangen. (Andreas Herzog)

Der frühere Nationalspieler fand die richtige Mischung für seinen Sohn: Intuitiv gab er seinem Jungen genügend Freiraum, um so die Kreativität zu fördern, damit er sich spielerisch entwickeln konnte – andererseits stellte er ihn immer vor neue Herausforderungen.

Ich war häufig der jüngste Spieler, mein Vater hat mich immer dazugenommen. So war er mein Trainer bei den A-Schülern, obwohl ich noch zwei Jahre jünger war. Aber so habe ich gelernt, mich durchzusetzen. Weißt eh, ich war schon extrem talentiert, aber der Kleinste von allen, war feig, bin in keinen Zweikampf gegangen, aber wenn ich den Ball gehabt habe, obwohl ich der Kleinste war, war ich schon richtig gut. Und das hätte sich wahrscheinlich kein Trainer zugetraut. Mein Vater hat das aber immer durchgeboxt. (Andreas Herzog)

Ob nun bewusst oder unbewusst: Anton Herzog sorgte auf diese Weise für ein dynamisches Selbstbild bei seinem Sohn – im Gegensatz zum statischen Selbstbild. Bei letzterem nimmt man eine neue Aufgabe nur an, wenn man sie denn auch auf jeden Fall meistern wird – in Sachen „Fußball“ also das nächste Spiel gewinnt. Oder es erst gar nicht spielt. Entwicklung ist so allerdings nicht möglich.

Dynamische Selbstbilder stellen sich dagegen immer neuen Herausforderungen, wollen dazulernen und denken in Prozessen, statt in Ergebnissen. Übrigens eine Einstellung, die seinesgleichen anzieht. So traf Andreas Herzog Jahre später und als Trainer eben auf Jürgen Klinsmann – und beschloss mit ihm zusammen, dass sich das US-Team mit den Besten der Besten messen müsse, um den nächsten Schritt machen zu können. Befremdlich für den US-Verband, denn das bedeutete auf den ersten Blick Niederlagen – und auf Dauer weniger Einschaltquoten. Das Gegenteil war der Fall. Siege gegen europäische Topteams wie gegen die Niederlande oder gegen Deutschland. Es ist eben alles eine Sache der Einstellung – und im besten Fall Wachstum.

Doch wenn Siege zur Normalität werden, ist es an der Zeit, etwas zu verändern. In diesem Sinne handelte Burli Herzog schon vor 40 Jahren – eben modifizieren, um den nächsten Schritt zu machen. Zumindest dann, wenn man wachsen möchte. Und das mit aller Voraussicht und auch Konsequenz.

Denn als die Obersten der Admira entschieden, dass die Vereinsjugend sich fortan mit den Klubs in Niederösterreich messen sollte – bisher gehörte der Admira-Nachwuchs dem Wiener Verband an und kickte durchaus auf Augenhöhe mit Rapid und Austria –, war Burli Herzog klar, handeln zu müssen.

Mein Vater hat gemeint, dass es für meine Entwicklung nicht gut wäre, wenn ich jedes Spiel mit 8:0 oder 9:0 gewinne. Da ist einfach der Widerstand der Gegner zu schwach. Ich sollte also zu einem starken Verein. (Andreas Herzog)

Solange die Jugend der Admiraner auf hohem Niveau spielte, waren Dynamik und Weiterentwicklung gegeben, doch unter diesem neuen Aspekt war für Vater Herzog die Aussicht auf Wachstum und Herausforderung nicht mehr existent.

Und dann wollten sie wieder zurück in den niederösterreichischen Verband und dann hätten wir nur gegen kleine Dorfvereine gespielt wie Brunn am Gebirge oder Perchtoldsdorf. Dagegen hat sich mein Vater gewehrt. Da haben’s gesagt: „Tschüss, dann bist du nicht mehr Trainer, und deinen Sohn kannst gleich mitnehmen.“ Durch das bin ich von der Admira weg und zu Rapid. (Andreas Herzog)

Da ist er wieder, der rote Faden im Leben des Andi Herzog: der berühmte Stoß ins kalte Wasser – wieder durch die Eltern, wieder hin zum nächsten Schritt. Oder, um in der Schwimmersprache zu bleiben: vom Seepferdchen zum Freischwimmer. In anderen Worten: Auf zu Rapid Wien!

KAPITEL 5:
WILLKOMMEN IN HÜTTELDORF – LIEBER FREUNDE STATT SCHILLING
RAPID WIEN 1983–1986

„Ich bin eine Mischung aus einem extremen Wiener, der halt schon seinen Spaß hat, seine Lockerheit und vielleicht auch einen Schuss Bequemlichkeit – und dann noch mit der deutschen Gründlichkeit dazu –, außerdem ein Schuss Abenteuer, ein gewisses Risiko, etwas Neues kennenlernen“, so der Rekordnationalspieler in der Retroperspektive über seinen bisherigen Werdegang und was ihn bis heute antreibt. Da ist es auf den ersten Blick fast ein wenig verwunderlich, dass Herzog schon in jungen Jahren seiner Rapid begegnen durfte. Denn der ruhmreiche Traditionsverein aus dem Arbeiterviertel Hütteldorf steht und stand sicherlich weniger für Lockerheit und schon gar nicht für Bequemlichkeit. Doch die Mischung macht es ja bekanntlich – und wer selbst über eine derart bunte Melange wie Andi Herzog verfügt, fast schon ein Stück weit ambivalent, trifft wohl unweigerlich und nach dem Resonanzgesetz auf Gleichgesinnte und manchmal anscheinend auch auf sein Gegenteil, um etwas daraus zu lernen. In diesem Fall und im Jahr 1983 auf Rapid Wien.

Womit wir zunächst bei den klassischen Tugenden eines typischen Arbeitervereins wären – eben ackern, hackeln, malochen. Dafür stand Rapid von Anfang an – und dafür steht es ein Stück weit noch heute, selbst im hypermodernen Profifußballzirkus. Natürlich: Jeder Vergleich mit der Vergangenheit verbietet sich eigentlich, denn allein in den letzten 20 Jahren hat sich der Klubfußball weltweit extrem verändert und entwickelt oder – anders ausgedrückt – einen regelrechten Quantensprung in Sachen Professionalisierung, Marketing und Co. gemacht. Eine unglaublich dynamische Entwicklung, die natürlich auch nicht vor Spielsystemen, Taktik sowie Spielweise haltmachte, genauso wenig wie vor den damit verbundenen Tugenden klassischer Hacklervereine.

Natürlich glichen sich auch hier durch taktische Revolutionen in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Spielweisen nach und nach an, markante Merkmale verschwammen, die individuelle Note verblasste – aber bestimmte Eigenschaften sind bis heute in der hauseigenen Klub-DNA einer Vielzahl großer Vereine noch immer zu erkennen und häufig auch im Leitbild festgehalten. So auch bei Rapid Wien. Und letztlich ist es wie in jeder Familie: Seine Wurzeln kann man nicht verleugnen.

Wie tief der Sportklub Rapid gerade in den Gründungsjahren in der Arbeiterschaft verankert war, geht jedenfalls unweigerlich aus der Historie hervor. So liefen die heutigen Grün-Weißen seit ihrer Gründung im Jahre 1897 in Hütteldorf zunächst unter dem so bezeichnenden Namen „Erster Wiener Arbeiter-Fußball-Club“ auf – damals übrigens noch in Blau und Rot –, um wenige Jahre später Namen und Farben zu wechseln. Das mag an besonders auffällig flinken Spielern der ersten Generation gelegen haben oder einfach am Wunsch nach einer aggressiven, schnellen und nach vorne ausgerichteten Spielweise, eben einem ganz eigenen Markenzeichen, das sich im Namen manifestierte. Laut der Legende jedenfalls inspirierte die Gründerväter ein Klub aus Berlin, der sich „Rapide“ nannte, und so lief man fortan als „Sportklub Rapid“ aufs Feld, um seine ganz eigene Geschichte zu schreiben – geprägt durch Kampf, Leidenschaft, Beißen, Kratzen und Schwitzen bis zur letzten Sekunde.

Rückblickend verwundert es also nicht, dass Rapid weniger für große Spielmacher, Ballkünstler oder Edeltechniker stand. Selten war der 10er der Star. „Es waren eher die Mittelstürmer, durchsetzungsstarke Flügelspieler und wie Uhrwerke laufende Sechser, die den Rekordmeister ausmachten. Der Primgeiger im zentral-offensiven Mittelfeld wurde stets eher mit der Austria assoziiert – ebenso wie zuarbeitende Angreifer, eher flink als wuchtig. Auch die Art und Weise des Spiels konnte stets gut unterschieden werden: Die Austria technisch besser und ballsicherer, Rapid kampfkräftiger, vor allem aber direkter und hungriger“, so der Blogger Daniel Mandl auf abseits.at, womit er die Wiener Fußballhistorie feinfühlig beschreibt. Von daher muss es einen Außenstehenden fast verwundern, dass Herzogs Wahl in so jungen und entscheidenden Jahren auf Rapid fiel – und nicht auf die Austria, zumal er sich der Unterschiede in Spielweise und Tugenden durchaus bewusst war.

Von der Spielweise her hätte ich fast besser zur Austria gepasst: Der technische Kombinationsfußball stand immer schon für die Violetten, das Wiener Scheiberlspiel (das Wiener Kombinationsspiel, ich spiel kurz zu dir, du zu mir, Ball hin und her scheibeln, schieben), wie man in Österreich so sagt. Rapid war ja seit jeher der Arbeiterverein, kommt viel über Einsatz und Laufbereitschaft. Bei der Austria waren es eher die Edeltechniker wie Prohaska und so weiter, die im Vordergrund standen, was nicht heißt, dass es die bei Rapid nicht gegeben hätte. Aber sie hatten einen anderen Stellenwert. Drum haben die immer auch in der Halle auf Parkettboden gezaubert. (Andreas Herzog)

Was zog unseren Protagonisten also tatsächlich so magisch an, wieso Hütteldorf und nicht Favoriten, hätte er doch auf den ersten Blick mit seiner feinen Technik durchaus auch den Violetten der Stadt gut zu Gesicht gestanden? Und macht man sich als Bub oder besser gesagt als junger Teenager überhaupt Gedanken über die eigene Zukunft, die nächsten Etappenziele oder neue Herausforderungen?

Natürlich war auch Andi Herzog mit gerade einmal 14 Jahren noch lange nicht rund in seiner ganzen Persönlichkeit, eben wie jeder andere Jugendliche auch mitten in der Entwicklung – und dennoch folgte er wohl auch seinem Herzen, intuitiv. Zudem spielte, wie schon erwähnt, Vater Anton „Burli“ Herzog stets eine tragende Rolle, wenn es um das außergewöhnliche Talent seines Jungen ging, verfügte dieser doch neben dem nötigen fußballerischen Know-how aufgrund der eigenen Karriere und für damalige Verhältnisse über eine Vielzahl guter Kontakte – heute würde man von Networking sprechen.

Doch auf den Punkt gebracht war Andi vor allem eines wichtig: Freunde!

Ich wollte also zu einem starken Verein. Die großen Talente der damaligen Zeit, der Ernst Ogris, Gerald Glatzmayer und der Ernst Mader haben damals Jungprofiverträge bekommen, und ich hätt damals bei einem Wechsel zu Austria auch für mein Alter sehr viel Geld bekommen. In Jesolo hat mich dann aber ein Freund, der Oliver Scheriau, dessen Vater mit meinem bei Wacker Wien zusammengespielt hat, darauf angesprochen, dass ich mir einmal Rapid anschauen sollte. Das habe ich dann getan und dort auch den Ludwig Huyer getroffen. (Andreas Herzog)

Es war also die Freundschaft, die den damals noch jungen Andi Herzog zu Rapid Wien zog – und nicht die Möglichkeit, einen ersten gut dotierten Jungprofivertrag beim ewigen Stadtrivalen Austria Wien zu unterschreiben. Immerhin 8000 Schilling hätte er damals pro Monat verdient, eine beachtliche Summe, wenn man sich in die Zeit der frühen 80er zurückversetzt. Zum Vergleich: Eine Kugel Eis kostete in diesen Tagen im 12. Bezirk rund zwei bis drei Schilling, eine Extrawurstsemmel fünf Schilling und ein Krügerl Bier samt Schnitzel inklusive Schmäh der Kellnerin im „Schweizerhaus“ im Prater gerade mal 20 Schilling – doch was ist schon Geld oder die Möglichkeit, es für Köstlichkeiten auszugeben, gegen so elementare Werte oder noch besser gesagt Gefühle wie Freundschaft und Zugehörigkeit? Die Worte eines Oliver Scheriau und dessen Vater waren jedenfalls entscheidend und gewichtig – genauso wie die Anwesenheit von Andreas und Ludwig Huyer.

„Herz über Kopf“ würde man heute wohl sagen – oder, um es in der Fachsprache rund um die Thematik „Bauchgefühl“ auf den Punkt zu bringen: „Gute Intuitionen müssen Informationen ignorieren.“ Wenn man also heute und in einer scheinbar immer unsicherer werdenden Welt Entscheidungen treffen möchte, ist weniger oft mehr.

„Intuition ist die Kunst, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Rest – also überflüssige Informationen – zu ignorieren“, sagt auch Professor Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Populärwissenschaftlich spricht er auch von der „Take-the-Best-Methode“, also eine wichtige Entscheidung nach nur einem einzigen guten Grund, dem persönlich wichtigsten Grund, zu treffen, statt lange Pro- und Kontralisten anzulegen. Ähnlich muss es der junge Andi Herzog wohl intuitiv und schon zu Beginn seiner Karriere gemacht haben – ein Muster, das sich übrigens noch wiederholen sollte.

Das zieht sich auch wie ein roter Faden bei mir, dass ich nicht immer nur aufs Geld geschaut hab, weißt? Ich hätt damals bei der Austria 8000 Schilling als Jungprofi verdient, ich war damals 14, musst du dir vorstellen. Ich bin zu Rapid gegangen, hab gar nichts bekommen, aber ich hab dort schon ein, zwei Freunde gehabt. Das war für mich wichtiger. Ich gehe lieber zu Rapid, da fühle ich mich wohler, das Umfeld passt zu mir. (Andreas Herzog)

So hatte der Vater von Oliver Scheriau mit Herzerls Vater Toni bei Wacker Wien gekickt – und da es den gewöhnlichen Wiener im Sommer entweder täglich ins „Gänsehäufel“, das Strandbad an der Alten Donau, oder in die Sommerfrische an die Adria in südlichere Gefilde zog, schlossen sich alsbald gemeinsame Badeurlaube an. „Auf nach Italien“, lautete das Motto der Scheriaus und Herzogs, raus aus der altehrwürdigen Donaumetropole und hinein in die Lagune von Venedig.

„Durch diese Urlaubsbekanntschaft über Jahre hat auch der Vater Scheriau gesagt: ‚Andi warum kommst du nicht zu Rapid?‘ Sein Sohn war Rechtsaußen, ich war Spielmacher. Und dann kann das eigentlich sehr, sehr gut funktionieren“, erinnert sich Andreas Herzog. Und es sollte funktionieren, zudem er hier – nicht am Badestrand, sondern auf dem Trainingsplatz im 14. Bezirk – noch auf einen weiteren Weggefährten seines Vaters traf: Ludwig Huyer.

Dieser hatte für drei Jahre und zu Beginn der 60er-Jahre für Rapid den Kasten freigehalten. Und auch wenn Anton Herzog in diesem Fall nicht mit, sondern gegen ihn gespielt hatte, kannte man sich doch im Wiener Fußballgrätzel durch zahllose Spiele und Turniere und schätzte sich mitunter auch – wie in einer großen Familie eben.

Auf ähnliche Weise mussten sich zwangsläufig auch die Söhne der beiden Ex-Profis über den Weg laufen. Erst spielte man in der frühen Jugend gegeneinander, Ludwig Huyers Sohn Andreas bereits für Rapid, Andi Herzog noch für Admira Wacker, dann miteinander – denn beide waren im gleichen Alter und verstanden sich fortan prächtig. Und das unter der Regie des mittlerweile zum grün-weißen Nachwuchszeugwart aufgestiegenen Ludwig Huyer.

Der (Ludwig Huyer) hat mich genommen, mich in die Kabine gestoßen und gesagt: „So, Andi, ab jetzt bist a Rapidler!“

Ich war damals noch ein Jahr jünger als meine Kollegen in der U16. Die ersten beiden, die ich kennengelernt habe, waren schon voll austrainiert, während ich noch nicht einmal gescheit in der Pubertät war. Die waren halt schon voll als Männer entwickelt, ein damals jugoslawischer und ein türkischer Mitspieler, und da bin ich wieder raus und hab gesagt: „Herr Huyer, ich bin in der U16, ich spiel noch nicht in der U18.“

„Naa, das ist eh die richtige Kabine, das sind deine neuen Kollegen.“

Da wollt ich den Verein schon wieder verlassen, weil ich mich zu klein und zu jung gefühlt habe. Ich bin wieder raus zu meinem Vater und habe gesagt: „Komm, Papa, fahren wir wieder heim, da möchte ich nicht spielen.“ (Andreas Herzog)

Auch hier wird wieder deutlich: Der junge Herzerl brauchte den berühmten „Schtessa“ ins kalte Wasser, Unterstützer, Freunde an seiner Seite. Aber wer braucht diese nicht? Sein Vater verfügte zudem über das nötige Fingerspitzengefühl, nennen wir es empathisches Einfühlungsvermögen, wenn es denn darauf ankam. Einerseits gab er ihm Zeit zur Entwicklung – ohne zu viel Drill, Druck und Enge. In „gewissen spielerischen Momenten“ forderte er aber auch eine „gewisse Gier“ – dann trieb der Vater seinen Sohn auch gerne an.

„Geh hin zu den Elfmetern, geh hin zu den Freistößen.“

„Du, Papa, wenn ich mich aber nicht gut fühle, dann gehe ich lieber nicht hin.“

„Naa, geh hin, übernimm die Verantwortung.“

Oft hat es dann zu Hause Diskussionen gegeben, und gerne meldete sich in solchen Fällen auch meine Mutter lautstark zu Wort: „Du, Toni, tu den Jungen nicht hineintheatern, du hast das früher ja auch nicht gemacht.“ (Andreas Herzog)

Doch Toni winkte nur ab, wusste er doch genau, was er bei seinem „Buam“ anders machen wollte als in seiner eigenen Karriere. Wenn Anton Herzog davon überzeugt war, dass sein Sohn es kann, dann konnte er es auch. Er pushte ihn und forderte ihn auf, Verantwortung zu übernehmen – um ihm in anderen Phasen, sei es aufgrund der körperlichen Kondition oder der Spielweise, nicht zu viel Druck zu machen. Für den jungen Andreas muss es damals jedenfalls die perfekte Mischung gewesen sein – und der richtige Weg, beginnend bei Admira Wacker in der Südstadt hin zum Sportklub Rapid nach Hütteldorf, eben der rechte Mix aus Zugehörigkeit, Anerkennung der Kompetenzen und Autonomie.

In diesem Zusammenhang bietet sich ein kurzer Blick über die Grenzen hinaus in die USA und hinein in den Staat New York an. Denn dort ergaben wissenschaftliche Untersuchungen an der Universität Rochester, dass sich Menschen besonders dann wohlfühlen, wenn sie ihr Leben beruflich wie auch privat selbst bestimmen können, in ihren Kompetenzen anerkannt werden und sich zu einer Gruppe zugehörig fühlen. Am glücklichsten sind diejenigen Menschen, die alle drei Bereiche auf einem besonders hohen Niveau sowie in der Balance leben können.

Wenn man sich dieser Tatsache bewusst wird, kann man verstehen, wieso sich der junge Andreas Herzog sehr schnell im 14. Bezirk wohlfühlte. Mit Oliver Scheriau und Andreas Huyer hatte er gleich zwei echte Freunde an seiner Seite, die ihm das Ankommen erleichterten – unschlagbar, bedenkt man, dass „Zugehörigkeit“ das wichtigste menschliche Bedürfnis ist. Nicht zu unterschätzen auch eine gewisse Autonomie, die er in all seinen Handlungen hatte. Natürlich musste sich der jugendliche Andreas Herzog wie alle anderen auch an feste Regeln, Rituale und Abläufe halten, aber allein schon im Umgang seines Vaters mit ihm wird deutlich: Drill nein, stattdessen eher die Forderung zur Selbstbestimmung und Eigeninitiative, wenn es seiner Spielweise und Konstitution entsprach. Und dann wäre da noch die Anerkennung der Kompetenzen, die man sich manches Mal hart erarbeiten muss …

In meinem ersten Meisterschaftsspiel haben wir glaube ich 6:0 gewonnen – und da hab ich fünf Tor geschossen. Da dachten die anderen guten Spieler: „Ui, da ist jetzt ein Neuer gekommen, das ist ein richtiger Konkurrent.“ Da hatte ich am Anfang schon Schwierigkeiten, dass ich akzeptiert wurde, obwohl ich gut war. Die Platzhirsche wollten halt nicht akzeptieren, dass ein Jüngerer kommt und gleich fünf Tore schießt, und da war es phasenweise schon so, wenn ich links gelaufen bin, haben sie viel über rechts gespielt, und wenn ich rechts gelaufen bin, haben sie über links gespielt. Da ist mein Vater auch hin und wieder narrisch geworden. (Andreas Herzog)

Nach fünf Spielen hatte Herzog weiterhin fünf Treffer auf seinem Konto – und zwar noch immer die aus dem ersten Spiel. Da galt es, neue Wege zu gehen, auf die Mitspieler zuzugehen, sich durchzusetzen und durchzubeißen – oder anders auf sich aufmerksam zu machen. Diese Herausforderung nahm das neue U16-Talent an – während Vater Toni aus den Emotionen heraus ganz eigene Ideen hatte, die Andi „zum Glück“, wie er heute lachend betont, nicht umsetzte.

„Andi, setz dich einmal am Mittelpunkt hin und schau, ob es denen überhaupt auffallt, weil sie spielen dich eh nie an.“

„Papa, was soll denn das? Was hilft mir das weiter?“

„Naa, setz dich einmal hin, setz dich einmal hin“, wiederholte der Vater so richtig emotional. (Andreas Herzog)

Toni Herzog suchte einfach nach einem Auslöser, einer Initialzündung, er wollte provozieren, damit intern Dinge anders angesprochen werden. „Als Kind habe ich das so noch nicht verstanden“, meint Herzog heute. „Er wollte mit einer außergewöhnlichen Situation zu einer Lösung finden, dachte in Wahlmöglichkeiten.“

Natürlich setzte sich Herzog junior „back in 83“ nicht in den Mittelkreis, fand stattdessen eigene Mittel und Wege, um sich und sein großes Talent zu zeigen. Wenngleich es rückblickend durchaus eine spannende Idee seines Vaters war, geboren aus den Emotionen eines Menschen, der damals schon wusste, welches besondere Talent in seinem Sohn schlummerte. Dieses brauchte einfach nur Raum zur Entfaltung in der Mitte des Feldes. So oder so hätte er auf diese Weise für Aufmerksamkeit und Gesprächsstoff im Team gesorgt. Doch wie an anderer Stelle schon erwähnt, ist es ebenso wichtig, den ganz eigenen Weg zu gehen, sich neben allem Können auch gegen Widerstände durchzusetzen, zu kämpfen, zu hackeln. Das machte Andreas Herzog auf seine ganz eigene Weise, mit Herz, Schmäh, seinem linken Pratzerl und manchmal aus der zweiten Reihe heraus – zumindest, wenn es um die „Duschhierarchie“ in der Kabine ging.


Zwei Greenhorns in den Anfängen: Andi mit Freund Oliver Scheriau

Irgendwann kommst besser in die Mannschaft rein, dann hast mehr Gespräche, dann hat sich das ein bisserl gebessert. Und mit dem Andreas Huyer, der war genauso alt wie ich, der war auch ein Jahr jünger, der war auch immer einer, der als Letzter geduscht hat. Wir haben gewartet, bis die behaarten Männer aus der Kabine waren, dann haben wir uns zum Schluss schnell geduscht, die Spätreifen (lacht herzhaft). (Andreas Herzog)

Hier zeigt sich: Wer beruflich in einem hohen Maß autonom sein kann, in seinen Kompetenzen anerkannt wird und sich seinem Team zugehörig fühlt, kann Topleistungen erbringen. Auf dem Fußballplatz genauso wie im richtigen Leben – und zwar vor allem dann, wenn alle drei Bereiche auf hohem Niveau in der Balance sind. Andi Herzog jedenfalls war bei Rapid angekommen.

KAPITEL 6:
„DAS WAR A WAHNSINN“ – ZWISCHEN DEN EXTREMEN
RAPID WIEN 1983–1986

Schon seit Stunden regnete es in Strömen in der Wiener Südstadt – und das Ende Mai. Wer das Wetter rund um Wien und den Wienerwald über Jahre ein wenig studiert, der kennt diese ergiebigen Regenfälle. Meist bleiben die Wolken förmlich im Wienerwald hängen, um dort und über der Donaumetropole abzuregnen – doch nach einigen Stunden ist der Spuk normalerweise vorbei, und die Sonne strahlt wieder vom Himmel. Aber nicht so im Mai 2021. Gefühlt regnete es jedenfalls täglich und fast ununterbrochen, was Andi Herzog zu einem „Da wirst ja deppert“ hinreißen ließ, als ich wie abgemacht gegen 10.40 Uhr die Heckklappe seiner Limousine öffnete, um Rucksack, Schirm und Wanderschuhe im Auto zu verstauen. Doch es half nichts. Das Schnelligkeitstraining seiner beiden Söhne Luca und Louis stand an. Da galt es auch dem Regen zu trotzen.

Zuvor hatten mich die drei plus Vinzi, einem gleichaltrigen Freund von Louis, am Hotel in Perchtoldsdorf abgeholt, und weiter ging es Richtung Laufbahn in die Südstadt. „Ist das nicht der Weber Franzl?“, rief Luca plötzlich während der Fahrt. Ein Blick in den Rückspiegel des „Zauberers“ genügte – und in der Tat, es war der Weber Franzl!

Andi Herzog hatte Ende der 80er-Jahre mit ihm bei Rapid gekickt und ihn immer mal wieder unterstützt in den letzten Jahren, wie das im besten Fall und unter Freunden möglich ist. „Ist er aus dem Bus ausgestiegen?“, fragte Herzerl besorgt, um gleich hinzuzufügen: „Na, hoffentlich hat er seinen Führerschein nicht verloren.“

Doch laut Luca strawanzte Franz Weber fröhlich und zu Fuß durch die engen Gassen von Maria Enzersdorf. Typisch Andreas Herzog: Er hatte einfach ein Herz für viele ehemalige Mitspieler, unterstützte den einen oder anderen mit seinem Know-how genauso wie mit möglichen Aufgaben, Ideen oder Jobs. Nicht jeder ehemalige Fußballprofi konnte mit einem gewissen Bekanntheitsgrad, Titeln und Erfolgen umgehen, und wo Höhen überwunden und größere Erfolge gefeiert wurden, waren die Tiefen in der Regel nicht fern – und übermäßiger Genuss jedweder Art verlockend, von Casinogängen über das eine oder andere Achtel bis hin zur Pferderennbahn.

Doch zurück in den strömenden Regen und raus auf den Platz! Ein individuelles Lauftraining für den Nachwuchs mit Laufspezialist Andreas Nöhmayr war angesagt. Durch viermal 200-Meter-Läufe sollte auf lange Sicht die Schnelligkeit gesteigert werden. In einfachen Worten ausgedrückt: Effizienz der Lauftechnik steigern, Energie sparen, schneller werden. Auf jedwedes Aufwärmprogramm wurde heute allerdings wetterbedingt verzichtet.

„Super Schritttechnik, kurz und schnell“, motivierte Papa Herzog seinen Sohn Louis, der nach den ersten 200 Metern noch mit sich haderte, hatte ihn doch ausgerechnet der beste Freund Vinzi auf den letzten Metern noch überholt. In ähnlichen Situationen nahm Louis sonst auch schon einmal auf dem Boden Platz, heute aber wollte er es wissen. Kinder halt, und alles ein Lernprozess – und aufgeben tut man bekanntlich nur einen Brief. Louis ging in sich, trotzte der neuerlichen Regenschlacht und wuchs in den folgenden Läufen über sich hinaus. Schlusspfiff eine Stunde später – mehr war bei diesem Wetter einfach nicht möglich.

Ob der junge Andi Herzog an gleichem Ort wohl ähnlich mit sich kämpfte, um dann über sich hinauszuwachsen?, fragte ich mich. Anscheinend konnte er meine Gedanken lesen. „Kurze Läufe machten mir Spaß, lange nicht“, so seine knappe Antwort, während wir riesige Pfützen umspringen mussten, um einigermaßen trockenen Fußes zum Auto zu gelangen. Überhaupt rührend, wie sich Andi um die drei angehenden österreichischen Sporthoffnungen kümmerte. Da war er wieder, der schon häufig aufgefallene „To care“-Faktor des Rekordnationalspielers – einfach ein Kümmerer. Nacheinander hüpften nun alle drei jungen Sportler kurz hinten in den Kombi hinein und zogen sich zügig um. „Füße gut abtrocknen, Socken wechseln und zu Hause gleich duschen“, lautete der abschließende Marschbefehl vom Chef.

Erstaunlich, wie sich der Fußballsport in vielen Belangen individualisiert hat, wie wichtig es ist, über den Tellerrand zu schauen, und wie sehr man mit all dem wertvollen Know-how über Lauftechnik und Co. die Qualität des Trainings steigern kann, dachte ich mir, während Papa Herzog die Limousine inklusive der drei „Buam“ sicher durch die verregneten Wiener Vororte lenkte. Auf der Rückbank war indes Ruhe eingekehrt – was wohl mit der energetischen Anziehungskraft des Handys zu tun hatte. Aber wer kennt das nicht?

So blieb im Vorderraum des Autos genügend Zeit, wieder in die Vergangenheit abzuschweifen und über eine andere, aber nicht weniger intensive Leistungssteuerung zu plaudern – zurück in die 80er also! Herzog blickte zurück: „Schau, die Voraussetzungen waren einfach ganz anders, es war viel mehr Eigeninitiative gefragt, wollt ich mich verbessern.“

Von der U16 der Grün-Weißen ging es in der Saison 1984/85 weiter in die U18. Auch hier gehörte er wieder zu den jüngsten Kickern und wurde in seinem neuen Team Meister mit dem U18-Team: 6:0 lautete das Endergebnis im Finale gegen Innsbruck. Herzog muss in diesen Tagen eine tragende Rolle im ersten Jahr der U18 eingenommen haben, denn gleich im Anschluss begleitete er die Kampfmannschaft von Rapid ins Trainingslager. Und auch sonst war er in jeder freien Minute auf dem Trainingsgelände in Hütteldorf.

Für mich war es extreme Aufregung, weil ich mit Hans Krankl, Zlatko Kranjčar, also mit meinen extremen Vorbildern, musst dir vorstellen, auf einmal zusammenkam. Ich bin von der Schule immer direkt, also spätestens nach sechs Stunden um 13.15 Uhr nach Hause. Da war spätestens bei mir in der Handelsakademie Schulschluss. Jetzt bin ich heimgefahren, habe meine Aufgaben gemacht, gelernt habe ich leider nicht so viel laut meiner Mutter, sofort zum Training gefahren und hab um halb vier den Profis beim Training zugeschaut. Das geht ja heute gar nicht mehr. (Andreas Herzog)

Es war die große Zeit der grün-weißen Auswahl in den 1980er-Jahren. 1987 und 1988 gewann der SK Rapid Wien die nationale Meisterschaft, in den Jahren 1984, 1985 und 1987 den ÖFB-Cup – nicht zu verschweigen der Einzug in das Finale des Europacups der Pokalsieger 1985, das in Rotterdam im Stadion De Kuip vor 38.500 Zuschauern mit 1:3 gegen den Stadtteilklub aus Liverpool, Everton FC, verloren ging.

Genau in diesen Tagen hatte also der heranwachsende und zumindest in Sachen „Fußballsport“ besonders wissbegierige junge „Bua“ oder besser gesagt Teenager Andi die Möglichkeit, seinen extremen Vorbildern fast täglich ganz nahe zu sein, um von ihnen zu lernen. Da wundert es kaum, dass der heimische Schreibtisch in der Schönbrunner Allee schnell verwaist zurückgelassen wurde. Man lernt eben nur dann besonders gut, wenn es einen auch wirklich interessiert, anzieht.

Ich hab immer erst um 18 Uhr Training gehabt und bin aber jeden Tag schon um halb vier im Stadion gewesen und habe den Profis zugeschaut. Ich wollte nie jemanden kopieren, aber man lernt ja aus jeder Situation. Das war total strange, die Mannschaft hat sich aufgewärmt, aber der Antonín Panenka hat sich a Handballtor ins richtige Tor stellen lassen, hat nur Freistöße geschossen. Das Handballtor war quasi die Mauer. Die anderen haben sich aufgewärmt, und er hat dabei Freistöße geschossen. Die anderen sind gelaufen, und der Torjäger, der Hans Krankl, hat sich Flanken geben lassen und hat volley geschossen. Und der Rest der Mannschaft hat aufgewärmt. Da hab ich mir gedacht: Wie gibt’s denn des, wie kann denn das sein, die müssen da gar nicht mitmachen? Doch das war halt dann schon die Ausnahmestellung von einem Superstar, der Trainer hat es akzeptiert, und die Spieler haben mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zurückgezahlt. (Andreas Herzog)

Wenn man der Sportwissenschaft Glauben schenken mag, lernen junge Talente besonders dann gut, wenn sie ihre Stars beim Tun beobachten, besser gesagt nicht nur „passiv zuschauen“, sondern sie „intensiv anstarren“. Daniel Coyle, der weltweit Talentschmieden besuchte, spricht in diesem Zusammenhang sogar vom „Windscreen-Effect“: Wir alle haben eine Art Matrix, eine Windschutzscheibe voller Menschen und Vorbilder vor Augen. „Einer der Schlüssel für den Motivationsfunken ist, seine ‚Windschutzscheibe‘ mit aussagekräftigen Bildern seines zukünftigen Ichs zu füllen und sie tagtäglich anzustarren.“ Studien in den USA ergaben, dass selbst eine lose Verbindung zu einem Vorbild unbewusste Motivation beträchtlich steigern, aktives Beobachten sogar zu einem erheblichen Leistungsschub führen kann.

Womit wir wieder bei unserem Protagonisten wären, der so schnell wie möglich aus der Handelsakademie über einen kurzen Mittagstisch- und Hausaufgaben-Abstecher in Meidling schnellstmöglich auf dem Trainingsplatz und in der ersten Reihe saß.

Antonín Panenka, der beste Freistoßschütze in Europa seiner Zeit, der Tscheche, der den Panenka-Elfmeter, den Lupfer, erfunden hat, 1976 gegen die BRD im EM-Finale. Kennst du die Geschichte? Er lauft an, der Torhüter schmeißt sich, und er chippt den Ball seelenruhig. Antonín Panenka, das war der beste Freistoßschütze, Hans Krankl Torjäger, Kranjčar … und ich habe erst immer um 18 Uhr Training gehabt. (Andreas Herzog)

Inspirierend, motivierend, alles brannte sich anscheinend auf der Festplatte des jungen Andreas Herzog tief ein. Die Freistoßspezialisten genauso wie die Torjäger, und vor allem all das, was mit Kreativität und Offensive zu tun hatte. Jedenfalls starrte Herzerl in der damaligen Sturm- und Drangzeit augenscheinlich besonders gut auf die Stars. Wenngleich für ihn immer galt – abgucken ja, kopieren nein. Oder in anderen Worten: Ich zeige den besten Andreas Herzog, den ich in diesem Moment zeigen kann.

Ich wollte jetzt nicht immer irgendwen kopieren, aber man lernt ja aus jeder Situation, abgeschaut habe ich mir auf jeden Fall immer etwas. (Andreas Herzog)

Die folgenden Monate müssen für den jungen Herzog eine hochintensive Zeit gewesen sein, und schon beim bloßen Zuhören fragt man sich, ob heutige Spieler dieser Belastung überhaupt noch gewachsen wären. Natürlich, heutzutage sind die Anforderungen an junge Kicker in Sachen „Umfeldmanagement“ wesentlich höher. Das heißt, schulische Aufgaben und damit verbundener Leistungsdruck fordern spätestens seit der Jahrtausendwende mehr Aufmerksamkeit und vor allem ein hochintensives Zeitmanagement – ein Wort, das es so gesehen in den 1980er-Jahren noch gar nicht gab, genauso wenig wie den Drill an fachlichem Know-how, insbesondere in den hochmodernen Nachwuchsleistungszentren heutiger Bundesligisten.

Besonders drastisch kritisierte dies vor wenigen Jahren Andi Herzogs ehemaliger Mitspieler von Bayern München, Mehmet Scholl, und löste damit eine große Diskussion aus. „Die Kinder dürfen sich nicht mehr im Dribbling probieren“, monierte er. „Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärtslaufen und furzen.“ Von Andi mit einem „Na, da schau her …“ kommentiert. Zu viel Fachtermini, zu einheitliche Denkmuster, zu statisches Einstudieren von Spielsystemen, das sich von ganz oben bis in die unteren Altersklassen der Nachwuchsleistungszentren erstreckt – nur so am Rande erwähnt.

Was für ein eigenverantwortliches Fußballerleben Andreas Herzog doch da als Jugendspieler genießen konnte, zudem er noch das große Glück hatte, nur ein paar Steinwürfe entfernt von Hütteldorf zu wohnen, daher auf keine langen Busfahrten angewiesen war oder auf einen Schlafplatz in der vereinseigenen Akademie mit täglichem Schulanschluss – wie es heute eben gang und gäbe ist.

Stattdessen nahm er mal den Bus, mal die U-Bahn und ab seinem 16. Lebensjahr und in Sommerzeiten am liebsten sein hellblaues Puch Maxi, mit dem farblich passenden Helm – ebenfalls in Hellblau –, um jede freie Minute im Hanappi-Stadion zu nutzen.

Nicht umsonst berichtet Herzog von einem herrlich autonomen Leben zu dieser Zeit als Jungprofi – zumindest was die Nachmittage betraf. Spätestens nach der sechsten Stunde war in der Handelsakademie Schulschluss – und zwei Stunden später beobachtete er seine Idole intensiv. Umso extremer wurde Herzerl aber an den Wochenenden an seine Grenzen geführt.

Mit 17, 18 hatte ich eine Phase, da habe ich in der U21 gespielt. Die haben immer zwei Stunden vor den Profis gespielt. Samstag, 13.30 Uhr war die U21-Meisterschaft, immer der gleiche Gegner wie die Bundesligamannschaft. Da habe ich dann am Anfang bei der U21 gespielt. Nach ein paar Monaten, wie Rapid gemerkt hat, da kommt ein Talent heran, bin ich bei der U21 in der Halbzeit ausgewechselt worden, und dann bin ich gleich danach bei der Profimannschaft auf der Ersatzbank gesessen. Und dann bin ich hin und wieder 15 Minuten eingewechselt worden, oder auch 25 Minuten oder auch gar nicht, je nach Spielstand. Für mich war das schon a Wahnsinn. Am Anfang habe ich mir selbst bei der U21 schwergetan. Ich war erst 17 gegen 20-, 21-Jährige. Nach ein paar Monaten hat das aber ganz gut gepasst, aber dann noch einmal zur Profimannschaft zu kommen auf der Ersatzbank, und da bin ich eingewechselt worden 20 Minuten vor Schluss, es ist 4:1 für Rapid gestanden oder so, und das Tempo war so hoch, es ist hin und her gegangen, und der Schiedsrichter hat abgepfiffen, und ich hab nur gedacht: Zum Glück ist das Spiel aus. (Andreas Herzog)

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: „Zum Glück ist das Spiel aus“, dachte sich der junge Herzog. Hatte er doch eigentlich keinen größeren Wunsch, als in der Kampfmannschaft zu spielen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und dennoch eigene Spuren zu hinterlassen. Doch andererseits auch völlig nachvollziehbar, verfügte der Nachwuchsprofi doch noch gar nicht über die nötige körperliche Konstitution, noch nicht über das Tempo, das man im Erwachsenenbereich braucht. Fehlervermeidung war die Devise – und Hauptsache durchkommen. Der eigentliche Höhepunkt des Wochenendes sollte jedoch noch einen Tag später kommen.

Das war also am Samstag, und am Sonntag hab ich dann in der U18 gespielt um die Meisterschaft. Kannst dir das vorstellen? Also ich hab in der U21 gespielt, nach anfänglichen kleineren Schwierigkeiten schnell angepasst an körperliche Aspekte, ans Tempo. Die Profis waren natürlich ein Riesenunterschied, da waren maximal 20 Minuten für mich drin, die habe ich genossen, aber auch genossen, wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hat, weil das Tempo so hoch war, und am nächsten Tag habe ich dann in der U18 gespielt, und da habe ich die Spiele fast im Alleingang entschieden. (Andreas Herzog)

Herzog schwärmt heute noch von dieser lehrreichen Zeit, mit mehreren Spielen oder zumindest Einsätzen an einem Wochenende, angefangen mit einer Halbzeit für die U21 samstags um 13.30 Uhr, den dann folgenden Minuten am späteren Nachmittag mit den absoluten Stars wie Zlatko Kranjčar, Reinhard Kienast in der Kampfmannschaft – hier hieß die Devise, bloß nicht auffallen, nur durchhalten –, bis hin zum U18-Match am Sonntag, in dem ihm einfach alles aus einer Leichtigkeit heraus gelang.

Der Unterschied, mit Hans Krankl und den anderen Superstars zu spielen, wo du quasi nur mitspielst und schaust, dass du ja keinen Fehler machst in dem Alter, stattdessen einfach dankbar bist, dabei sein zu dürfen, und das Wissen darüber am nächsten Tag, okay, jetzt komme ich von ganz oben runter, ich muss schon der Beste sein, ich muss den Gegner im Alleingang schlagen – das war schon immer mein Anreiz und hat meiner Entwicklung extrem gutgetan. Das war für mich eine fantastische Zeit, wo man jetzt sagt: Na, das wär zu viel, der kann ja nicht da spielen und nicht da, ich habe es gelebt. (Andreas Herzog)

Herzog spricht in diesem Zusammenhang von Mentalität, eben Einstellungssache. Auf der einen Seite war er jeden Samstag dankbar, für die Einsätze bei der U21 genauso wie natürlich in der ersten Mannschaft – Hauptsache, mittendrin, statt nicht dabei. Und auf der anderen Seite ebenso dankbar, wieder einen Schritt zurückzugehen, als krönenden Wochenendabschluss sonntags für die U18 die Schuhe schnüren zu dürfen. Hier war alles möglich, hier konnte er jetzt aus sich selbst spielen, mit Freude, Leichtigkeit und Selbstvertrauen. Während heutzutage der eine oder andere Profi sicherlich über eine vermeintliche Degradierung ins Jugendteam die Nase rümpfen würde, war es für ihn ein reiner Glücksfall.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur sagen: Du musst halt vom Kopf her die Einstellung haben, wennst jetzt runterkommst in die U18 und denkst: Na, des ist jetzt a Wahnsinn, jetzt muss i in der U18 spielen. Für mich war es anderes, weil ich halt mit weniger Druck hab spielen können, weil ich gewusst hab, bei den Profis darf ich nicht viele Fehler machen, nicht dribbeln, so auf die Art, und unten hab ich halt mein Spiel gespielt mit meinen Stärken: Tempodribblings, Torschüsse, Elfmeter, Freistöße. Wirst ja nicht glauben, dass ich mich bei den Profis zum Freistoß hingestellt hätte – am Anfang mein ich. Das war für meine Entwicklung sehr gut. (Andreas Herzog)

Es ist erstaunlich: Was einen Andreas Herzog noch vor 30 Jahren zu einem absoluten Ausnahmeathleten hat werden lassen, wäre heute unter Sportwissenschaftlern oder Diagnostikern wohl absolut verpönt. Gemeint ist das permanente Wechselspiel zwischen den Extremen – hier in die Grenzbereiche führen und darüber hinaus, dort das bereits Gelernte in einem anderen Umfeld mit Leichtigkeit abrufen können. Experten sprechen hier von aktivem Lernen – kein oberflächliches Training, vielmehr ein Lernen, geprägt durch extreme Intensität, klare Zielsetzung und dem Streben danach, über die Grenzen des gegenwärtigen Könnens hinauszuwachsen.

Albert Einstein sagte einmal: „Man muss ein Gespür dafür entwickeln, was man mit größter Anstrengung gerade noch erreichen kann.“ Die Betonung liegt hier auf „gerade noch“ – und ob bewusst oder unbewusst, der Jungprofi Herzog muss sich in seiner Zeit zwischen der U18, U21 und der ersten Mannschaft immer genau diese Frage gestellt haben. So bestimmte er die Grenzen seines gegenwärtigen Könnens und zielte auch ein bisschen darüber hinaus. Das Resultat: Arbeit in kleinen Schritten, raus aus der Komfortzone, Schwächen in Stärken verwandeln, selbstbewusster werden. Die logische Konsequenz: ein Angebot in Blau und Gelb.

KAPITEL 7:
JONGLIEREN AUF DEM NEBENPLATZ – VON UNGLÄUBIGEN UND GLÄUBIGEN
RAPID WIEN 1986–1992

Irgendwann hatte es sich einfach so eingespielt: Wenn wir mit Andi zusammensitzen durften, lief auch eine Tonbandaufnahme mit. Zu interessant, kurios, fachlich hervorragend oder einfach humorvoll waren seine Gedanken, Geschichten und Ansichten für uns, nichts sollte verloren gehen. Zudem bereicherten die Aufnahmen die eher tristen Abende in der Zeit des ewigen Lockdowns rund um den Jahreswechsel 2020/21. Wir holten uns sozusagen ein Stück Wiener Kaffeehauskultur in die eigenen vier Wände – verbunden mit einem Achtel Zweigelt, der einen oder anderen von Andreas Herzog so geliebten Süßspeise und manchmal und je nach Stimmungslage zu späterer Stunde mit Elisabeth T. Spiras „Alltagsgeschichten“ – tiefste Wiener Seele eben. Kann sein, dass dies für den echten Wiener ein Stück weit überspitzt sein mag. Bei uns lösten solche Stunden und hier insbesondere die Mitschnitte und herrlichen Geschichten rund um unseren Protagonisten immer wieder positive Emotionen aus.

Überhaupt ist das ja so eine Sache mit dem „guten Gefühl“ – denn genau darauf kam Andreas Herzog immer dann zu sprechen, wenn es um neue Wege ging. Je tiefer wir in die Aufnahmen hineinhörten, desto klarer wurde uns diese Tatsache. Sobald er von einem „guten Gefühl“ im Vorfeld einer Entscheidung gesprochen hatte, war es im Nachhinein auch die richtige Entscheidung. Womit wir wieder bei der an anderer Stelle schon erwähnten hohen Kunst intuitiver Entscheidungskraft wären – und einer erkenntnisreichen WhatsApp an Herzerl.

Servus, Andi, man hört immer wieder heraus aus all den Mitschnitten: „Da hatte ich ein gutes Gefühl.“ Sagst du immer wieder mal. Wie bei Dokupil und Vienna. So gesehen musst du dich immer nur auf deine Intuition verlassen – und bei einem guten Gefühl lagst/liegst du richtig.

PS: Dokupil sagte übrigens mal: „Das Geld war für mich nie wichtig. Was wirklich zählt, ist die Aufgabe.“

Herzliche Grüße aus Dortmund, C

(Claus-Peter Niem)

Hallo, Claus, ja, es ist ja irgendwie logisch, wenn du ein gutes Gefühl hast, dann passt das Drumherum auch anscheinend immer, und für mich war halt schon immer wichtig, dass ich mich wo wohlfühl, und wenn ich irgendwo akzeptiert worden bin und einfach geglaubt hab, dass ich mein Ding machen kann, dass ich mit meinen Stärken spielen kann, dann war das wahrscheinlich auch vorher schon so eine Art Bauchgefühl, dass ich da richtig hinpasse und dass mir der Trainer auch das Vertrauen gibt und auch die Stärken in mir sieht, dass ich die für seine Mannschaft richtig einsetzen kann.

(Andreas Herzog)

Genau dieses Vertrauen spürte Andreas Herzog von Anfang an bei Ernst Dokupil, seinem späteren Trainer bei der Vienna. Wir erinnern uns: Unser Jungprofi pendelte in Hütteldorf auf beeindruckende Art und Weise ständig hin und her – von der U18 zur U21 bis in die Kampfmannschaft hinein und wieder zurück. Sein Antrieb: dabei sein zu dürfen. Während viele Ausnahmetalente, die in ganz jungen Jahren schon einmal mit den ganz Großen kicken durften, bei einem vermeintlichen Schritt zurück eher die Nase rümpfen, so gesehen zu schnell abheben und häufig noch schneller wieder auf dem Boden der Tatsachen landen (oder eine Bruchlandung hinlegen), war es für seine Entwicklung von entscheidendem Vorteil. Denn: Er lernte das Fliegen Schritt für Schritt – starten, abheben, Flughöhe erreichen und halten!

Natürlich, auch ein Ausnahmetalent wie Herzog wollte den nächsten Schritt machen. Und so gerne er auch hin und her pendelte, so sehr brannte er auch darauf, im Hanappi-Stadion sein ganzes Können unter Beweis zu stellen. Doch da er bei Otto Barić, dem er übrigens in seiner Karriere noch öfter begegnen sollte, nur selten von Beginn an in der ersten Mannschaft zum Einsatz kam, machte er sich im Winter 1987 auf in den 19. Gemeindebezirk. Bei einem Hallenturnier war er wieder einmal auf einen seiner alten Unterstützer gestoßen: Ernst Dokupil. Diesen kannte er bereits aus seinen Kindertagen.

Dann ist eben der Ernst Dokupil, Vienna-Trainer, beim Stadthallenturnier in Wien zu mir gekommen und hat gesagt: „Willst nicht zur Vienna kommen?“ Und ich war sofort Feuer und Flamme. (Andreas Herzog)

Andis Vater Anton schien von der Idee seines Sohnes weniger begeistert zu sein. Intensive Diskussionen waren die Folge.

„Papa, i geh zur Vienna.“

„Naa, wieso, bleib bei Rapid.“

„Naa, mit Dokupil hab ich ein sehr, sehr gutes Gefühl, der kennt mich schon von früher.“

Und des war dann der Durchbruch bei mir, die Vienna. (Andreas Herzog)

Interessant an dieser Stelle die Frage an Herzog, ob es sich um eine „Hin-zu-“ oder eine „Weg-von-Motivation“ handelte, als er sich im Frühjahr 1987 den Blau-Gelben aus dem Nobelviertel Döbling anschloss. Damals spielte der Klub mit dem einstmals größten Stadion Wiens und bis dato schon sechs gewonnenen österreichischen Meisterschaften und diversen Cupsiegen noch erfolgreich in der ersten Liga auf, während die Vienna heute einen hoffentlich nicht mehr allzu lang andauernden Dornröschenschlaf in der Wiener Regionalliga Ost fristet – so jedenfalls der sehnliche Wunsch Andreas Herzogs.

Der eine oder andere Leser mag sich darüber hinaus erinnern: Selbst Mario Kempes, argentinischer Weltmeister von 1978, zog es gegen Ende seiner Karriere in der Saison 1986/87 zum First Vienna FC 1894 – bis heute natürlich eine Erwähnung wert in der Historie des ältesten Fußballklubs Österreichs.

Doch zurück zum Sinn unser anfänglichen Frage nach dem „Hin-zu“ oder „Weg-von“ – wobei es eigentlich auf der Hand liegt: Mit einer „Hin-zu-Motivation“ will man etwas erreichen, sich zu einem gesteckten Ziel hin entwickeln. Mit einem klaren Plan vor Augen geht man seinen Weg. „Weg-von“ bedeutet dagegen Flucht, man möchte einem Umstand, einer Situation entkommen.

Was war es also, das unseren jungen Ausnahmekicker für einige Monate hin zum First Vienna FC auf die Hohe Warte lockte? Übrigens ein wunderbar anzusehendes Naturstadion mit noch besserem Blick über die Stadt, gelegen in den Ausläufern des Wienerwalds und lange Zeit das größte Stadion der Donaumetropole. Über 80.000 Zuschauer sollen es sogar einmal gewesen sein zu Beginn der 20er-Jahre – damals übrigens schon eine Art Mehrzweckarena, eben nicht nur für Fußball, sondern auch Heimstätte denkwürdiger Boxkämpfe, Theater- und Opernaufführungen – Wien, wie es leibt und lebt.

Andi Herzog war also Feuer und Flamme, als Ernst Dokupil beim Stadthallenturnier auf ihn zukam, kannte er ihn doch schon aus seinen Anfangszeiten bei Admira Wacker. Die Freude muss jedenfalls groß gewesen sein, und gut kann man sich in die Gefühlswelt des damals gerade mal 19-jährigen Herzogs hineinversetzen. Es war ein alter Weggefährte, der diese positiven Emotionen auslöste, denn Dokupil glaubte einfach an ihn. Beständig wollte er Herzerl in der ersten Mannschaft spielen lassen, aufbauen, weiterentwickeln. Also auf den ersten Blick ein klares „Hin-zu“ oder besser gesagt ein „Auf zu neuen Ufern“!

Aber was war in der Zwischenzeit bei Rapid passiert? Immerhin hatte es Herzog doch schon auf die Bank der Kampfmannschaft geschafft, kam des Öfteren zum Einsatz und war sich laut eigener Aussage für nichts zu schade. Es war eine dieser Initialzündungen, die ihm signalisierte, neue Wege gehen zu müssen. Doch während man mit einer Initialzündung eigentlich etwas Positives verbindet, war es in diesem Falle ein Antrieb in die andere Richtung – eben weg von Rapid (wenn auch nur für eine kurze Zeit).

Du musst dir vorstellen, jetzt bist du eigentlich ein junger, talentierter Spieler bei Rapid, der die Nummer 16, Nummer 18 oder Nummer 22 war. Ganz am Anfang war es sogar so: Wir haben elf gegen elf gespielt, und wir waren 23 Spieler, und der Barić teilt die Trikots aus und sagt: „Oh schade, sind wir 23. Kleines, geh auf Nebenplatz jonglieren!“

Musst dir vorstellen, ich hab eine Stunde am Nebenplatz, auf der roten Erde trainiert, mit Tränen in den Augen, und hab mir gedacht: Du Oarsch du, ich werde es dir zeigen. Eines Tages werde ich es dir zeigen. (Andreas Herzog)

Es war also die Mischung, die für Andi Herzog entscheidend war, ein „Hin-zu“ genauso wie ein „Weg-von“. Hier die in seinen Augen zu geringe Beachtung eines Otto Barić, ein Schuss Ungeduld dazu und zudem natürlich der brennende Wunsch, in der Bundesliga spielen zu dürfen und zu können, dort das Angebot eines alten Bekannten, das einfach nur ein gutes Gefühl in ihm auslöste.

Die Leihe von Rapid zur Vienna war perfekt – trotz aller Bedenken seines Vaters, der vom baldigen Durchbruch seines Sohnes bei den Grün-Weißen, auch unter Barić, überzeugt war. Die Anziehungskraft eines Ernst Dokupil, dem früheren Trainer der Admira und jetzigen Coach von Vienna, war einfach größer. In seiner ersten Besprechung vor dem Spiel berührte er den jungen Herzog jedenfalls zutiefst: „Andi, was soll ich dir sagen, von klein auf hat es mir immer schon einen Spaß gemacht, wenn ich dir beim Fußballspielen zuschauen kann. Jetzt geh raus, spiel mit deinen Stärken und mach mich glücklich.“

Es ist halt eine Sache des Glaubens – und des Selbstvertrauens. Und fast immer sind es Kleinigkeiten, die Selbstzweifel auslösen oder das Ego aus voller Überzeugung heraus handeln lassen. Selbstvertrauen entwickelt sich durch Tun, Offenheit und Neugierde. Nur die, die sich auf den Weg machen, können wachsen und sich entwickeln. Dabei gilt es, bloßes Tun von sinnvollem Handeln zu unterscheiden. Eben an seinen Fähigkeiten zu arbeiten, konzentriert bei einer Sache zu bleiben, diese zu Ende zu bringen, um ein kleines oder großes Erfolgserlebnis zu haben. Das ist mit sinnvollem Tun gemeint – und bringt Vertrauen in die eigene Person, die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten. Motto: Ich kann etwas!

Selbstvertrauen muss man sich erarbeiten. Es kommt – in erster Linie – von Innen, und doch spielen auch äußere Faktoren eine Rolle. Eltern tragen dazu genauso bei wie das nahe Umfeld, ob Trainer, Lehrer oder Freunde – durch Feedbacks, Glaubensvermittlung an die eigenen Stärken, also Rat und Input, um aus jungen Kickern starke Spielerpersönlichkeiten zu entwickeln.

In den ersten drei Spielen habe ich für die Vienna gleich drei Tore geschossen. Im ersten Spiel haben wir 1:1 in Graz gespielt, gleich ins Kreuz, ein Traumtor, und die nächsten zwei Spiele zweimal das Siegestor, und ich war schon in der Nationalmannschaft, musst dir vorstellen. (Andreas Herzog)

Andreas Herzog machte sich auf den Weg und entschied erstmals selbst. Von Jänner bis Juni 1988 spielte er für die Vienna.

Alles eben eine Glaubensfrage – oder besser gesagt eine Frage des Glaubens an sich selbst.

KAPITEL 8:
„KLEINES, WANN BEGINNEN SIE ENDLICH ZU LAUFEN?“ – IM FLOW VON HANAPPI
RAPID WIEN 1988–1992

Im Innenstadtbereich von Indianapolis in den USA gibt es eine bemerkenswerte Schule, die Key School. Täglich werden die Kinder hier mit Unterrichtsmaterialien konfrontiert, die so konzipiert sind, dass sie den ganzen Bereich menschlicher Fähigkeiten ansprechen – die künstlerischen, musikalischen und rechnerischen Talente ebenso wie die sprachlichen Fertigkeiten und auch Kreativität, Sport und Bewegung. Großer Wert wird auf die personale Intelligenz gelegt – das Verständnis der eigenen Person und das für andere. Grundlage der Richtlinien und Lehrpläne sind die Gedanken von Howard Gardner, US-amerikanischer Erziehungswissenschaftler und außerordentlicher Professor für Psychologie an der Harvard University. Gardner spricht von sieben multiplen Intelligenzen, die in den sogenannten Key Schools auf besondere Art und Weise gelehrt werden. Dreimal in der Woche suchen die Kinder der Key Schools den Flow Room auf, um sich mit einer Vielzahl von Spielen, Puzzles und anderen Materialien zu beschäftigen. Was die Kinder hier tun, tun sie aus freien Stücken – nicht, weil es ihnen aufgetragen wurde. Es gibt keine Noten, keine guten oder schlechten Beurteilungen. Die Lehrer halten lediglich fest, wie tief das einzelne Kind in seine Tätigkeiten versunken ist. Damit wird im Grund genommen die intrinsische Motivation des Kindes registriert, eine Information, die auf seine tatsächlichen Interessen schließen lässt, auf die Tätigkeit, der es später im Leben einmal nachgehen könnte.

Für Andi Herzog war der Fußballplatz der Flow Room – in der Südstadt als Kind wie später auch im Hanappi-Stadion als Teenager. Er hatte das große Glück, schon früh durch seine Eltern der eigenen Bestimmung folgen zu dürfen, hatte er doch in ihnen wichtige Begleiter an seiner Seite, die ihn von klein auf unterstützten – für ihn und seine Entwicklung sicherlich das optimale Umfeld.

So oder so muss es ein wunderbares Gefühl sein, ein besonderes Talent in sich zu entdecken und die Möglichkeit zu bekommen, dieses immer weiter zu verfeinern. Treffen sich dann noch Gleichgesinnte, die ähnliche Begabungen haben und sich im Team optimal ergänzen, geht einem sicherlich das Herz auf. Denn seien wir ehrlich: Viele Menschen suchen mitunter ihr Leben lang nach ihrem individuellen Fingerabdruck.

Aber belassen wir es beim virtuellen Blick über den Tellerrand, Kopfkino und Co. und schwenken wieder von Indianapolis im Speziellen und den Talenten im Allgemeinen in den 14. Gemeindebezirk von Wien – bleiben jedoch noch kurz bei bildhafter Schulsprache: Andreas Herzog hatte mit seinen Auftritten bei der Vienna sozusagen seine Matura gemacht. Er war in der Bundesliga angekommen, und erste Auftritte im Nationalteam folgten. Nun galt es, in den kommenden Jahren bei Rapid seinen Bachelor zu absolvieren, eine ganz eigene Identität zu entwickeln, die persönliche Handschrift zu verfeinern. Das ging nur über Rapid Wien, obwohl Herzog gerne im 19. Gemeindebezirk geblieben wäre.

Nach diesen sechs Monaten habe ich meine erste Verletzung gehabt, Bänderriss im Knöchel, und dann war halt a Riesenstreiterei, Rapid wollt mich unbedingt zurückholen, ich wollte nicht mehr, ich wollt beim Ernst Dokupil bleiben. Wir ham a superjunge Mannschaft gehabt, rechter Verteidiger Kurt Russ, Peter Stöger im Mittelfeld, Gerald Glatzmayer, wir ham drei oder vier U21-Nationalteamspieler gehabt, die innerhalb von diesen sechs Monaten alle ins Nationalteam gekommen sind. (Andreas Herzog)

Es war Andis Vater, der ihn letztlich davon überzeugte, wieder zu Rapid zu wechseln – oder sich besser gesagt einfach durchsetzte, sein ausgezeichnetes Netzwerk nutzte und verhandelte, ohne seinen Sohn darüber zu informieren. „Hinter meinem Rücken hat er mit Rapid alles klargemacht, dass sie mich ja nicht verkaufen“, blickt Andreas Herzog heute zurück. Sieben Millionen Schilling standen damals für seinen Verkauf im Raum, umgerechnet etwa 500.000 Euro – ein „Wahnsinnsgeld“, wie er heute noch meint, und für einen kleinen Verein wie die Vienna kaum finanzierbar. Dennoch wollte Herzog bleiben.

Ich wollte unbedingt bei der Vienna bleiben, weil ich das halt noch im Hinterkopf gehabt hab, dass ich bei Rapid null Stellenwert gehabt hab, und mein Vater hat das schon besser vorhergesehen, weil da war ich jetzt Nationalspieler, war das größte Talent in Österreich, und er hat gesagt: „Das kann sich Rapid jetzt nicht mehr erlauben, wenn du retour kommst, dass sie dich nicht forcieren.“ (Andreas Herzog)

Darum also dieser Alleingang. Toni Herzog war einfach immer von seinem Sohn überzeugt. Er wusste, dass er sich durchsetzen würde – früher oder später.

Andreas Herzog indes zweifelte, wäre am liebsten bei Dokupil und der aufstrebenden Vienna geblieben, um sich hier in Ruhe weiterentwickeln zu dürfen. Doch dank seines Vaters stieß er im Sommer 1988 ausgerechnet wieder auf den bis dato verständlicherweise wenig geliebten Otto Barić – diesmal allerdings nur für kurze Zeit. Denn schon im Herbst gingen Barić und Rapid getrennte Wege. Barić zog es zu Sturm Graz, dessen Landsmann Vlatko Marković, zuvor schon einmal Trainer der Grün-Weißen, übernahm erneut – Profifußball in den 80ern, das war schon damals ein schnelllebiges Geschäft.

Andi Herzog war über den Wechsel begeistert, bezeichnet er Marković, den späteren Präsidenten des kroatischen Fußballverbandes, doch heute noch als Glücksfall für seine weitere Entwicklung – wenngleich Herzerl von ihm wie auch schon unter Barić immer nur „Kleines“ genannt wurde. Seine Vorzüge jedoch: Marković erkannte Herzogs Wert und dachte offensiv.

„Kleines, will ich, dass Sie spielen wie Ruud Gullit. Aber will ich Sie nicht einmal in der eigenen Hälfte sehen.“

Also quasi nix verteidigen. Nach Gludovatz endlich mal ein Trainer, der wie die Faust aufs Auge zu mir passte. Er will mich nicht in der eigenen Hälfte sehen. Des wird leiwand und lustig. (Andreas Herzog)

Doch es sollte ganz anders kommen. Nach einem klaren 4:0-Sieg gegen den Wiener Sport-Club, bei dem Herzog laut eigener Aussage ein überragendes Spiel inklusive zweier geschossener Tore und einer Torvorlage vorzuweisen hatte, wurden alle Mitspieler in der Kabine überschwänglich gelobt – nur er nicht.

Beim folgenden Gang zum Trainingsplatz hielt Marković plötzlich noch einmal an, winkte mich samt der ganzen Mannschaft zu sich heran und sagte: „Ach, habe ich was vergessen, bevor wir gehen zu Training. Kleines, wann beginnen Sie endlich zu laufen?“

Ich hab mir gedacht: Kleines, das bin ja normal ich, aber der kann mi ned meinen, weil ich hab ja super gespielt. Nein, er hat mich gemeint. (Andreas Herzog)

„Ich war nicht gut seiner Meinung nach“, erzählt Herzog heute schmunzelnd, obwohl er doch mehrere Tore geschossen und mindestens ein weiteres Tor vorbereitet hatte. Ein Phänomen, das ihm noch bei manchen Trainern begegnen sollte – und zwar immer dann, wenn er ein besonders gutes Spiel gemacht hatte. Ähnlich wie später auch Otto Rehhagel hob Marković in solchen Fällen andere Spieler hervor, um Herzerl dann noch ganz bewusst zu kritisieren. Die Absicht dahinter:

Wenn ich gut war und die Schlagzeilen gehabt hab, hat er mich kritisiert und in den Arsch getreten, wenn es mir schlechter gegangen ist, so als junger Spieler, wenn ich ein kleines Tief gehabt hab, hat er dann wieder das Gefühl gehabt und mich wieder aufgebaut. Also, er war der erste Trainer, der von mir extrem viel verlangt hat, aber eigentlich nur die Stärken von mir, wenn ich schlecht war, hat er mich aufgebaut. (Andreas Herzog)

Da sind wir wieder beim dynamischen Selbstbild, das sich nur auf diese Weise entwickeln kann – eben nicht alles beklatschen, sondern durch wenig Lob und sachliches Feedback: Was war gut, was muss noch besser werden. „Damals habe ich das noch nicht kapiert“, meint Herzog rückblickend – um es als heutiger Trainer auf ähnliche Weise umzusetzen. Alles eben eine Sache der Erfahrung.


Lieber mit Stöger und Glatzmayer bei Vienna ballestern: „Ich wollte nicht zurück zu Rapid!“

Diese durfte unser Protagonist in den kommenden vier Jahren bei seiner geliebten Rapid zuhauf sammeln. Im ersten Jahr unter Marković, in den dann folgenden drei Jahren unter Hans Krankl.

Das war schon eine prägende Zeit, denn dann ist der Hans Krankl gekommen. Also, das war ja quasi auf meinem ersten Trainingslager noch mein Vorbild, ich hab mich ja nicht mal gescheit getraut „Hallo“ zu sagen, obwohl er zu mir ein enges Verhältnis gehabt hat, weil mein Vater früher gegen alle gespielt hat, war ich halt schon ein bisschen bekannt, nur ich hab das eigentlich nie ausgenutzt, war sehr ehrfürchtig vor solchen Topstars – wie später bei Bayern. Das war allerdings mein Hauptfehler, unter uns gesagt. (Andreas Herzog)

Bei Rapid hatten zu dieser Zeit viele Topspieler dem Verein den Rücken gekehrt, und Hans Krankl war mit seinen gerade mal 36 Jahren ein noch ganz „frischer“ Trainer, hatte er doch eben erst seine Profilaufbahn beendet und das Team übernommen.

„Für uns junge wilde Horde“, wie Herzog die damalige Mannschaft bezeichnet, genau der Richtige in einer „sehr emotionalen Zeit“. Leider ging in diesen Tagen zweimal das Cupfinale verloren, und auch sonst war die Konkurrenz in der Liga stark – Ernst Happel trainierte Wacker Innsbruck, und die Austria war sowieso immer auf Augenhöhe.

Die ersten Rapid-Jahre müssen für den jungen Andreas Herzog in seiner Spielerkarriere eine absolut prägende Zeit gewesen sein. Sogar zweimal Meister durfte er in der Saison 1986/87 sowie 1987/88 werden, wenngleich er nur selten zum Einsatz kam. Es war vielmehr eine Phase, in der er seine Spielweise durch das bloße Tun und wiederkehrendes Messen mit anderen Profis auf hohem Niveau besonders entwickeln und verfeinern konnte.

Er spielte auf der richtigen Position und hatte seinen festen Stammplatz im Mittelfeld gefunden, verfügte über den nötigen Freiraum und Weite und hatte wichtige Unterstützer im Rücken – im defensiven Mittelfeld genauso wie bei seinen Trainern –, selbst wenn Marković hin und wieder die Rückwärtsbewegung von ihm einforderte. Offensive war angesagt, Pässe, Tempodribblings, feinste Technik – und der vom Gegner gefürchtete Linksschuss aufs Tor.

Österreichs Fußballidol Hans Krankl bezeichnete Andi Herzog während dessen ersten Jahren bei Rapid einmal als den „weißen Gullit“ und meinte: „Seine Klasse ist außergewöhnlich. Er könnte ein Großer des europäischen Fußballs werden, wenn er von Verletzungen verschont bleibt.“

KAPITEL 9:
„LASS PFEIFEN, DIE TROTTLN!“ – OFFENSIV STATT TIKI TAKA
RAPID WIEN 1988–1992

Es stellt sich die Frage, was den Unterschied ausmacht, zwischen einem gestandenen Profi und einem, der das Zeug dazu hat, eine ganze Nation zu bewegen – und das im Idealfall über einen langen Zeitraum hinweg. Liegt es am Trainingsfleiß oder der Charakterstärke oder schlichtweg am einzigartigen Talent? Ist es Erfahrungswissen, gepaart mit einer besonderen Form von Resilienz und Mentalität? Biss und Ehrgeiz haben alle Profisportler, doch nur wenige können den Unterschied ausmachen, wenn es wirklich darauf ankommt. Natürlich ist das immer auch eine Sache der Position – und ein kreativer Mittelfeldspieler oder Stürmer hat andere Möglichkeiten als ein Kicker der Defensive. Diese spielen auf hohem Niveau solide mit, sichern ab, machen ihren Job und wachsen je nach Spielsituation auch über sich hinaus, sorgen jedoch seltener bis nie für das Momentum – durch eine einzigartige Berührung, einen Pass, ein Zuspiel oder eine Zauberei, um dem Spiel die entscheidende Wendung zu geben. Dafür sind nur wenige Spieler geschaffen – und sie bleiben in der Erinnerung haften.

In der modernen Trainersprache spricht man hier vom Unterschiedspieler. Andi Herzogs linkes Pratzerl hatten wir in diesem Zusammenhang schon erwähnt – ein wunderbares Alleinstellungsmerkmal und immer gut für den entscheidenden Pass oder das Tor.

Doch da gab es noch etwas: Es war die Mathematik, genauer gesagt die Geometrie oder die Kunst, das Spiel lesen und kreativ verändern zu können. Natürlich, Herzog ging in keine Key School, dennoch wäre an dieser Stelle ein Interview mit seiner früheren Volksschullehrerin hochinteressant, sowie die Frage, wie häufig er dort – mathematisch oder besser gesagt geometrisch gesehen – in den Flow-Zustand kam, also so vertieft in strategisches und räumliches Denken abtauchte, dass er alles um sich herum vergaß.

Ein bewegendes Beispiel, wie der junge Herzog sein kreatives, mathematisches und vorausschauendes Denken in Pässen, Lupfern und Übersteigern bis hin zur Unberechenbarkeit immer auf den Platz bringen wollte, schildert die Begegnung mit Franz Hasil am Rande eines Rapid-Spiels. Kreativ-Fachleute unter sich – nicht immer verständlich für den passiven Zuschauer, und schon gar nicht für den Laien. Aber 100 Prozent Herz mit großem Lerneffekt.

Franz Hasil, kennst du den? Der war bei Feyenoord Rotterdam mit dem Ernst Happel, da war Feyenoord die weltbeste Mannschaft. Dann hat ihn Rapid dazugeholt, als dritten oder vierten Co-Trainer, ein bissl als Dankeschön für frühere Leistungen. Der war mit auf Trainingslager. (Andreas Herzog)

In der Tat galt der gebürtige Wiener Franz Hasil als einer der besten Spieler Österreichs, der in den 60er-Jahren zunächst für Rapid kickte, dann für ein Jahr in den Kohlenpott zu Schalke 04 wechselte, um in den folgenden Jahren seine großen Erfolge in den Niederlanden unter Ernst Happel zu feiern. Sein Mitspieler Alois Jagodic, Mannschaftskollege bei Austria Klagenfurt, einer späteren Station des „vergessenen Champions“, wie ihn der Wiener „Kurier“ einmal bezeichnete, schwärmt noch heute: „Wenn er wollte, war er Weltklasse. Wie keinem anderen gehorchte dem Franz der Ball.“

Und in der Tat drückte sich Franz Hasil, der in der Nachkriegszeit aufgewachsen war und von seinen Eltern weder sportlich noch fußballerisch gefördert werden konnte, eben so aus, wie er großgeworden war: auf unbekümmerte Art und Weise, im breiten Wiener Dialekt und mit noch tieferer Seele. Rückblickend weiß der heute 77-Jährige, der noch immer im 2. Bezirk in Wien lebt und als ehemaliger Ausnahmekicker rund 2000 Euro Pension bezieht – übrigens inklusive der 26 Euro, die er monatlich für seine Dienstzeit bei Schalke 04 bekommt –, dass seine Lebensweise nicht immer förderlich für die Persönlichkeitsentwicklung war: „Ich war kein Spieler, ich war ein Trottel“, bemerkt er heute selbstkritisch, weil so manche Siegesprämie in den Casinos verschwand. Doch auch wenn Hasil und dessen Sprachschatz nicht gerade studiert daherkamen, hatte er doch etwas, was Herzog das Herz aufgehen ließ – und ihm eine wichtige Lehre für die Zukunft sein sollte.

Da spielen wir mal ein Spiel, und ich krieg den Ball, und der Pass misslingt, und das ganze Stadion pfeift mich aus und lacht mich aus, und er kommt nach dem Spiel zu mir: „Herzog, geh, hast das gehört, die Trottln?“

Sag ich: „Was?“

„Na, wie’s di ausgepfiffen haben, die Trottln, du wolltest des, des, des, des, des war genau richtig, denn wenn der Pass da hinkommt, passiert das so, so, so und so.“

Und ab dem Zeitpunkt habe ich vor dem Menschen so einen Respekt gehabt, abgesehen davon, dass er vielleicht der beste Fußballer Österreichs aller Zeiten war. (Andreas Herzog)

Eine Begegnung, die den damals noch ganz jungen Herzog heute noch bewegt – verbunden mit der Botschaft, anderen immer auf Augenhöhe zu begegnen, von jedem Menschen etwas lernen zu können und respektvoll miteinander umzugehen.

Rhetorik hin oder her – Hasil hatte aufgrund seiner langen und internationalen Erfahrung und sicherlich der Tatsache, dass er auf einer ähnlichen kreativen Position wie Herzog spielte, Erfahrungswissen, was der allgemeine Zuschauer nicht einmal erahnen konnte: Ein Gefühl für Ball, Mitspieler und Gegner zu entwickeln, für das Momentum des richtigen Abspiels, den freien Raum und den eigenen Stürmer, der auf den tödlichen Pass lauert – wenn dieser denn mitdachte. Er hatte den Blick für das Spiel, konnte es wie Herzog vorausahnen, das Spiel lesen, in „Wenn-dann-Beziehungen“ denken – die Kunst der ganz Großen.

Der Pass ist misslungen, alle haben geschimpft und gepfiffen, und der andere Kreative, 20 Jahre vor mir, hat mir gesagt, dass es genau das Richtige war. Der hat genau meine Ideen, was ich da gespielt hab, erkannt. Und ein anderer Trainer sagt: „Andi, das geht nicht, du musst ihn nach hinten spielen, spiel sicher.“ Der Trainer hätte mich auf Deutsch gesagt am A… lecken können. Und dann hätt ich den nächsten Pass mit noch mehr Risiko gespielt. Weißt, ich war ja so ein Sturkopf. Ich hab verschiedene Trainer gehabt. Die einen wollten, dass ich nur reinhaue, dass die Funken sprühen, und dann hab ich einen Co-Trainer gehabt, der die gleiche geniale Art zu spielen gehabt hat wie ich. Und auf wen glaubst, hab ich da gehört? Auf Franz Hasil oder auf die, die nur gesagt haben, ich soll reinhauen, dass die Funken sprühen? Das hat mich nämlich gar nicht interessiert. (Andreas Herzog)

Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass Weltklasseakteure, egal in welcher Profession, ihr spezielles Können mindestens 10.000 Stunden lang trainieren. Talent und Größe sind also nicht angeboren, sondern erwachsen durch aktives Lernen, unabhängig davon, wer man ist. Wenn wir also davon ausgehen, dass sich Andreas Herzog ab dem fünften Lebensjahr im Durchschnitt täglich zwei Stunden mit dem Ball beschäftigte, kommt er mit Anfang 20 schon locker auf die genannten 10.000 Stunden plus X. Es ist also davon auszugehen, dass sich in dieser Zeit und je intensiver er unter Profis in der Kampfmannschaft kickte, nach und nach sein Stil entwickelte, ihm klar wurde, was er wollte, und was nicht. Risiko statt Tiki Taka.

In einer gewissen Zone am Spielfeld musst du für mich auch teilweise Risiko spielen – Guardiola nicht, der will nur Ballbesitz kreuz und quer. Mit dem hätt ich als Spieler wahrscheinlich auch Probleme gehabt. Wenn ich 20 Meter vorm Tor steh und schieß, und der schreit „Naa, du musst nach außen spielen“, damit man noch mal um den Strafraum herum spielt – ist halt eine andere Idee vom Fußball. Aber das ist nicht meins. (Andreas Herzog)

Doch lässt sich der Fußball der 90er-Jahre nur bedingt mit dem heutigen Fußball vergleichen. Überhaupt fällt es Herzog nicht leicht, ähnliche Spielertypen zu finden, wie er es einmal war: „Es ist schwer, weil der Fußball hat sich schon verändert. So eine richtige Nummer 10 gibt es auf der Position nicht mehr – aber Spieler, die den Unterschied ausmachen schon. Messi und Ronaldo sind andere Typen.“


Franz Hasil erweichte Andi Herzogs Herz

Interessant noch der Gedanke, wie sich Herzog heute mit seinen Ausnahmekompetenzen als Fußballer in einem Spielsystem der Gegenwart sehen würde.

Für mich ist jetzt halt die Frage, weißt, in einem 4-2-3-1 wäre ich jetzt wahrscheinlich der Spieler hinter der einen Spitze. Das wäre für mich mein Traumjob gewesen, Gegenpressing, fünf oder zehn Meter draufsprinten. Wir haben uns immer zurückgezogen, wir haben den Ball vorne verloren, ich hab 50 Meter zurückrennen müssen, wir haben den Ball gewonnen, ich bin wieder 50 Meter nach vorne gerannt. Das ist ja nur hin und her gegangen. Jetzt mit dem Klopp Gegenpressing, das wäre für mich fantastisch gewesen. Auch wenn alle sagen, der wollt ja nicht verteidigen, aber wenn ich die Chance hab, dass ich den Ball in der gefährlichen Zone des Gegners kriege, wäre i grennt wie a Wahnsinniger. Mir ist das auf die Nerven gegangen, wenn sich die Verteidiger hinten verstecken ohne Risiko. (Andreas Herzog)

Aus all den Gedanken und Gesprächen wird offensichtlich, wie eigen doch die Handschrift des Herzogschen Fußballspiels gewesen sein muss – und wie kreativ offensiv er noch heute denkt. Auf jeden Fall ein inspirierender Gedanke, Herzerl unter Jürgen Klopp im Gegenpressing noch einmal auflaufen zu sehen.

Es fällt ihm bisweilen regelrecht schwer, sich mit anderen zu vergleichen. Ein Stück weit sieht er sich im heutigen Brasilianer Coutinho, der ebenfalls bei Bayern nicht glücklich wurde und wieder zu Barca heimkehrte, und auch in den italienischen Heroen der 80er- und 90er-Jahre – Del Piero oder Francesco Totti, wenngleich diese eher die zweite Spitze bildeten, mit wenigen Defensivaufgaben wie Herzog, aber bei Ballbesitz genauso wie er immer anspielbereit und vor allem torgefährlich. Echte Spielmacher eben, die in kleineren Vereinen Großes bewirken können, weil sie den Mittelpunkt ausmachen – das Herz der Mannschaft bilden, den Rhythmus vorgeben und die Kreativität leben.

Herzog liebt die Kreativität. Auch heute noch. Kindern und Jugendlichen so viele Optionen wie möglich anbieten, statt immer nur ein oder zwei Wege zulassen: „Du musst die Kinder von klein auf einfach spielen lassen, nicht immer alles vorgeben, ihnen so viele Möglichkeiten wie machbar anbieten. Selbstentdeckend lernen“, meint Herzog.

Ein Ribéry oder Robben ist gefürchtet, weil beide dribbeln und Doppelpass spielen können – sie sind eben nicht berechenbar, denken und lenken in Optionen –, das ist sein Credo, das geht nur durch Freiraum. Auch ein Grund, warum er den brasilianischen Fußball von klein auf liebt.

Die Freude am offensiven Spielstil zieht sich durch Herzogs ganze Karriere: „Ich habe es schon als Spieler gehasst, wenn alle verteidigt haben.“

Wir halten fest: Herzog ist Herzog. Und Herzog bleibt Herzog. Mit ganz eigenem Stil, Kreativität, Kopf, Herz und Schmäh. So machte er sich Ende der 80er auf, Rekordnationalspieler zu werden und Kathi zu erobern. Eben offensiv statt Tiki Taka.

KAPITEL 10:
VOM BALLAUFLEGEN MIT GEFÜHL – UND SEI JA KEIN HUDRIWUDRI!
RAPID WIEN 1988–1992

Wieder einmal hatte ich bei Familie Herzog am Esstisch Platz nehmen dürfen. Gemütlich saß ich mit Andi in einem Teil des Wohnzimmers, während Frau Kathi gleich nebenan in der Küche mit dem Geschirr klapperte. Und wieder einmal drehte sich alles um das runde Leder:

„Jetzt habe ich eine andere Frage: Warum san die Brasilianer und die Afrikaner in Europa momentan so beliebt? Weil sie mit acht oder zwölf Jahren schon in ein Schema reingepresst werden? Oder spielen die frei von der Leber weg, was sie wollen? Des is für mich immer die große Kunst. Die große Frage. Waßt, was i mein? Afrikaner, Brasilaner. Die san …“

„Nicht zu berechnen“, fügte ich ehrfürchtig lauschend hinzu.

„Nicht zu berechnen“, wiederholte Herzog vielsagend.

Irgendwie hatten wir uns in diesen Tagen am Thema „Kreativität“ festgebissen. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass wir uns auch aufgrund seiner fußballbegeisterten Söhne über die Entwicklungen im Jugendbereich unterhielten (und sich Herzog gerne und zu Recht über zu viel Schablonenhaftes echauffierte), vielleicht aber auch einfach daran, dass Herzog nun einmal seiner Kreativität auf dem Platz so ziemlich alles zu verdanken hatte – der an anderer Stelle erwähnte individuelle Fingerabdruck, DAS Thema seines Lebens. Und natürlich Top eins auf der Liste, wenn man ihn nach drei Dingen fragt, die ihn als Spieler immer ausmachten.

Dennoch definierte sich Herzog nicht nur über Kreativität. Es war auch sein Ehrgeiz, der Beste sein zu wollen – allerdings nicht im stupiden Hin- und Herrennen auf dem Trainingsplatz, sondern dann, wenn es um Entscheidendes ging, um Schönheit, Wucht oder Ästhetik. Das war sein Antrieb: „Ich hab mich immer dann geärgert, wenn ein anderer im Training den Ball ins Kreuz geschossen hat und ich ned.“

Als dritten Punkt nennt Herzerl seine körperliche Konstitution. So war er relativ selten verletzt, was er auf eine gesunde Lebensweise zurückführt. Heute würde man wohl von gutem Umfeldmanagement sprechen.

Es war auch so, dass ich dafür gelebt hab. Ich war jetzt nicht so, dass ich die ganze Nacht weg war. Weißt, im Nachhinein, denk i mir, i habe eigentlich nie eine Muskelverletzung gehabt. Und auch wenn viele sagen: „Der is ja nicht so viel grennt“, is des a Blödsinn. Ich bin genauso viel grennt und öfter gefoult worden wie jeder andere vielleicht, und trotzdem war ich jetzt nicht so oft verletzt. Kommt sicher auch noch hinzu, dass ich für einen Sportler vernünftig gelebt habe. (Andreas Herzog)

Inzwischen hatte sich Frau Kathi dazugesellt. Umfeldmanagement – das interessierte sie besonders, hatte sie doch bewusst oder unterbewusst seit Anfang der 90er ein großes Stück dazu beitragen können, dass ihr Andi sich so entwickelte, wie er sich entwickelte. Immer mal wieder hatte sie zuvor neugierig um die Ecke geschaut und gelauscht und natürlich an passender Stelle darauf hingewiesen, dass ihr Mann sich momentan auch „a bissl mehr“ wie ein Sportler ernähren könnte – statt zu großen Gefallen an Wiener Süßspeisen oder Gugelhupf zu finden. Natürlich, welcher Frau würde das nicht gefallen, und natürlich allzu verständlich, lag ihr doch die Gesundheit ihres Mannes am Herzen. Aber irgendwie ließ sie ihn auch einfach so sein, wie er war – was mir wiederum gefiel; wohl das beste Rezept überhaupt für eine lange und tiefe Beziehung.

In ihren Augen war es übrigens auch die Kreativität, die ihren Andi immer schon ausmachte – oder besser gesagt das „einmalige Auflegen von Bällen“ –, wie Kathi Herzog es bevorzugt ausdrückte, wenngleich sie damit etwas ganz anderes meinte, wie sich später herausstellte.

All das machte mich neugierig – und schon gerieten wir alle gemeinsam ins Plaudern, um in den kommenden Minuten nochmals in die ganz speziellen ersten Jahre bei Rapid abzutauchen, in denen er Nationalspieler wurde – und Kathi und Andi sich kennenlernen durften.

Überhaupt ist das ja so eine Sache mit dem Kennenlernen, wenn man mit den Privilegien eines Fußballprofis groß werden darf (keine Frage, es ist auch harte und disziplinierte Arbeit). Da hat man schnell einmal die eine oder andere Spielerfrau an seiner Seite, die man als Elektroinstallateur in der Regel nicht sein Eigen nennen darf (nichts gegen Elektroinstallateure!!). Die Bilder in den Boulevardzeitschriften zeugen jedenfalls davon – „Adabei“, wie es die „Krone“ so herrlich ausdrückt. Doch „Adabei“ wollte Kathi nie sein. Sie machte sich nicht mal etwas aus Fußball. Übrigens ein Wesenszug, den Herzerl später sehr zu schätzen wusste, nämlich immer dann, wenn er nach Niederlagen nach Hause kam und nicht darüber reden wollte.

„Also, wie kam es zu eurer ersten Zusammenkunft?“, wollte ich nun genau wissen. Zuvor hatte mir Andi beim Cruisen durch die Wiener Vorstädte immer mal wieder von fast schon schicksalhaften Parallelen berichtet, die ihm und seiner Kathi widerfahren waren – als sie sich noch nicht kannten.

Während er als Kind in der Südstadt von seiner Mutter in die Admira-Teammitte gehievt wurde – wir erinnern uns –, wohnte Kathi nur rund 200 Meter entfernt in einer Mietwohnung. Ob sie sich damals schon einmal zufällig auf einem Spielplatz begegnet waren – oder gar am Stadion? Erinnern kann sich Andi zudem noch an eine sehr traurige Geschichte, die Südstadt betreffend. So wurde ein Mädchen von nur vier oder fünf Jahren auf der Schnellstraße nahe des Stadions überfahren – sie mag in seinem Alter damals gewesen sein. Und diese wiederum besuchte den gleichen Kindergarten wie Kathi.

Doch zurück zu positiveren Fügungen: Als Andi die ersten Schritte für Rapid machte, als 14-Jähriger in der U16 und hineingestoßen von Ludwig Huyer, hatte Kathi ebenfalls mit ihren Eltern das Wohnterrain gewechselt – und wohnte unweit des Hanappi-Stadions.

Anscheinend sollte alles so kommen, wie es kam. Und so lernte sie ihren Andi Jahre später und ausgerechnet im „Hudriwudri“ kennen, einer Café-Bar, in der sich Ende der 80er die Cliquen eben so trafen.

„Hudriwudri“, fragte ich nach und schaute anscheinend recht verwundert drein. Kathi jedenfalls schnappte sich unmissverständlich ihr iPad und suchte gleich darauf los – wenngleich es ihr zunächst eher um die Bedeutung oder besser um ein Bild ging, als um den einstmaligen Intreff selbst. „Das ist so eine Art Figur“, meinte sie, während sie virtuell im Netz blätterte. Und richtig, kurze Zeit später zeigte sie mir Bilder und Skulpturen des niederösterreichischen Karikaturisten, Grafikers und Cartoonisten Manfred Deix, der wohl inspiriert durch das elterliche Gasthaus „Zur blauen Traube“ in St. Pölten Figuren „mitten aus dem Leben Österreichs“ zeichnete – wie auch in diesem Fall. Fleischhauer, Wirt oder Fliesenleger sollte Deix übrigens werden, wenn es nach dem Wunsch seiner Eltern gegangen wäre – doch er entschied sich lieber für multiple Künste und Kreativität – unter anderem für die typischen Deix-Figuren wie den „Hudriwudri“. Selbst auf einer Zigarettenschachtel sorgte dieser zu Beginn der 90er für Aufsehen. Motto: „Sei bloß kein Hudriwudri.“ Stattdessen kamen die „Tschick“ in edlem Weiß daher – und standen wohl für Coolness, Eleganz, Stil. „Voll in der Balance“, wie man heute wohl sagen würde.

Dass mit „Hudriwudri“ also ein eher unruhiger, nervöser Zeitgenosse gemeint war, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. „Nur nicht hudeln, kennst du eh“, sagte Kathi gleich den dazu passenden Spruch, um nun noch zu entdecken, dass ihr damals so beliebtes „Hudriwudri“ immer noch existierte, wenn es denn auch den Lockdown überstanden haben sollte, und zwar in der Lainzer Straße im 13. Bezirk gelegen.

„Das ‚Hudriwudri‘ lag einfach günstig“, erzählte Kathi weiter – und für Andi sowieso. „Lainzer Straße, mitten in Hietzing gelegen und auf meinem Weg zum Hanappi-Stadion und retour“, rief er aus dem Nebenzimmer, da er mittlerweile mit den Jungs Mathe büffeln musste. Anscheinend hatte er unsere Unterhaltung mit einem Ohr verfolgt.


Gattin Kathi: Immer schon in seiner Nähe – früher 200 Meter entfernt als „Nachbarin“

Ich jedenfalls konnte mir alles bestens vorstellen. Hier Kathi mit der Clique, dort Andi mit dem dunkelroten Golf-Cabrio – das blaue Puch Maxi und der dazu passende blaue Helm mittlerweile Vergangenheit. Ihre besten Freundinnen mussten sie darauf hinweisen, dass das doch einer von Rapid war, der kommende Star, doch da sich die damals 20-jährige Kathi nichts aus Fußball machte, machte sie sich erst einmal auch nichts aus Andi. Dass der Knoten dann doch platzte, lag an Herzerls Gespür für den richtigen Pass – wieder einmal. Diesmal chippte er diesen allerdings nicht mit links und über die Mauer hinweg in den Strafraum des Gegners, sondern aus seinem Handgelenk heraus in Kathis Herz hinein. „Keiner konnte mir beim Squash die Bälle auflegen, doch Andi hatte das richtige Gespür“, sagt sie heute noch. Das intuitive Gefühl war also wieder einmal entscheidend – und von nun an beschritt man gemeinsame Wege.

KAPITEL 11:
„TRAINER, DES IS JA EH A HUNDSKICKER“
RAPID WIEN/NATIONALTEAM 1988–1992

Vielleicht ging es Josef Hickersberger ja ganz ähnlich, als er einige Monate vorher auf der Tribüne der Hohen Warte saß und neben dem herrlichen Panoramablick über Wien und die Donau auch die kreativen Künste Herzerls genoss – sprich: dessen Gespür für den richtigen Pass zur rechten Zeit. Jedenfalls waren die Admira-Monate und die folgenden Rapid-Jahre nicht nur der Beginn seiner Beziehung zu Kathi, sondern auch der Start der Herzogschen Nationalmannschaftskarriere.

„So, und sag einmal, in dieser Zeit waren auch deine ersten Spiele mit der Nationalmannschaft?“

„Ja, mein erstes Länderspiel war kurz vor meinem Bänderriss im April 1988 in Griechenland in Athen.“

„Da gibt es nichts dazu zu sagen?“

„Eine Anekdote, aber ich erzähl sie dir auch kurz. Ich wollt keine Fehler machen, aber ich glaub, das steht eh in den Anekdoten drinnen, ich bin des falsch angegangen. Ich wollt Fehler vermeiden, aber wenn du Fehler als Offensivspieler vermeidest, nimmst du auch kein Risiko und kannst keine guten Aktionen haben. Das habe ich daraus gelernt.“

Wir saßen noch immer am Esstisch. Kathi war mittlerweile mit den Jungs zu den Webers gefahren – eine willkommene Ablenkung beim immer noch tristen Regenwetter für die Kinder. Immerhin war Freund Vinzi vor Ort und auch dessen größere Schwester, die Sohn Luca recht gut gefiel. Wir hatten also genügend Zeit, uns noch einmal mit ganzer Leidenschaft in die ersten rot-weiß-roten Jahre zu stürzen. „Drück einmal kurz auf Stopp. Ich schau einmal nach. Wie kann man da im Internet nachsuchen? Andi Herzog Länderspiele?“ Andi tippte laut in die einzelnen Tasten. „Reihenfolge oder wie?“ Er tippte weiter. „Ah, schau her, da hammas schon. Andi Herzog, alle Länderspiele“, um gleich darauf noch einmal zurückzuschauen.

Das erste Länderspiel war am 6. April 1988, 2:2. Dann hab ich mir die Bänder gerissen, bin operiert worden und hab mein letztes Spiel noch einmal für die Vienna gespielt, und wir ham Admira Wacker 2:1 besiegt. Admira war Vierter, wir waren Fünfter. Durch den Sieg sind wir an ihnen vorbeigezogen und in den UEFA-Cup hineingekommen. Ein Riesenerfolg für die Vienna. Und danach war das Gezeter: „Bleibt der Andi?“ Ich wollt bei der Vienna bleiben, aber kennst ja eh, die Geschichte. Danach war CSSR gegen Österreich und danach UdSSR gegen Österreich.“ (Andreas Herzog)

Topfit fühlte sich Andi Herzog im Oktober 1988. Und so war er sich auch sicher, dass er von Beginn an gegen die UdSSR spielen würde. Doch es sollte ganz anders kommen – und wieder mit Lerneffekt. Wie immer traf sich die Nationalmannschaft am Spieltag einige Stunden vor dem Anpfiff in einem der typischen Hotel-Tagungsräume. Heutzutage häufig noble Räumlichkeiten mit Beamer und Whiteboard, damals nüchterner oder steriler gehalten – zumal das Spiel in Kiew stattfand. Also: Maroder Charme statt Schickimicki (vermutlich). Doch all das war einem jungen Mann, der einfach nur spielen wollte, egal. Und so kann man sich zumindest ein Stück weit in das Seelenleben Herzogs hineinversetzen, als er plötzlich vernahm, dass er nicht zur Startelf gehörte. Das jedenfalls spürte auch Hickersberger, nachdem er die Mannschaftsaufstellung im Tagungsraum bekannt gegeben hatte.

„Du, Andi, bist enttäuscht?“

„Ja, Trainer, hab schon geglaubt, dass ich spielen würde.“

„Na, warte es mal ab, du wirst dich nachher bedanken, dass du nicht gespielt hast.“

Was redet der für einen Blödsinn?, hab ich mir gedacht. (Andreas Herzog)

Doch spätestens nachdem Herzog auf der Ersatzbank Platz genommen hatte, wusste er, was Hickersberger gemeint hatte. 103.000 frenetische Zuschauer empfingen die beiden Mannschaften – und bei jeder Angriffswelle der eigenen Mannschaft auf Rot-Weiß-Rot fingen die Fans an zu pfeifen.

„Ich hab schon Ohrensausen gehabt auf der Ersatzbank“, gibt Herzog heute lachend zu. Dennoch kam er in den letzten 20 Minuten zum Einsatz – gegen einen „übermenschlichen“ Gegner: „A Pressing, du bist immer von drei Spielern Sprint attackiert worden, keine Chance, einen Gegenspieler zu überspielen.“

Ob die Russen damals gedopt waren? Auf jeden Fall hinterließ diese Begegnung bei unserem noch jungen Protagonisten Spuren, ähnlich vielleicht wie die ersten Matches in der Rapid-Kampfmannschaft, in denen er mitspielen durfte, aber häufig dem Ball nur hinterherrannte. Umso höher jedoch der erwähnte Lerneffekt und so gesehen auch ein Zeichen. Denn wie heißt es so schön: Intelligente Menschen reflektieren sich und ihr Tun. „Nach dem Schlusspfiff bin ich gleich zum Trainer hin und habe gesagt: ‚Herr Hickersberger, jetzt versteh ich, was Sie gemeint haben‘“, erinnert sich Herzog zurück.

Wir hatten an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass Andi Herzog in erster Linie immer offensiv dachte – als junger Mann sowieso und als heutiger Trainer umso mehr. Schnell in die Spitze, mit dem genialen Pass oder einem intuitiven Dribbling, unbekümmert und mit der nötigen Portion Verrücktheit. Defensive Gedanken, absichern, mauern oder den Ball lange durch die eigenen Reihen spielen zu lassen, um dann zum Torwart zurückzupassen, waren ihm regelrecht zuwider und widersprachen seinem Fußballernaturell. Doch wie es im Leben meist so spielt: Immer dann, wenn man möglicherweise zu sehr in Extremen denkt, wird man eines Besseren belehrt. Denn letztlich macht es immer die Balance aus. Oder um im Bild zu sprechen: Würde die Sonne immer scheinen, gäbe es nur noch Wüsten.

Ein Lerneffekt der besonderen Art fand für den gerade einmal 21-jährigen Herzog am 25. März 1989 im Wiener Praterstadion statt. Vor 23.000 Zuschauern traf das Nationalteam im Nachbarschaftsduell und Freundschaftsspiel auf Italien – mit Größen wie Walter Zenga, Paolo Maldini, Roberto Donadoni oder Gianluca Vialli. Aber auch die rot-weiß-rote Seite konnte sich sehen lassen: Neben Herzog standen auch Herbert Prohaska, Andreas Ogris und Toni Polster auf dem Platz.

Da waren wir, glaube ich, in Lindabrunn kaserniert, und der Josef Hickersberger kommt zu mir her und sagt: „Na, Andi, morgen geht’s gegen den De Napoli.“ (Andreas Herzog)

De Napoli kickte in dieser Zeit als defensiver Mittelfeldspieler für den SSC Neapel hinter Diego Maradona, machte für ihn „quasi die Drecksarbeit“ – wie es Herzog heute noch gerne ausdrückt.

I war halt a junger Spieler noch und hab mehr auf die offensiven Spieler, die halt wirklich Qualitäten gehabt haben, Maradona, Careca und so, aufgeschaut und gedacht: Die sind ja eh a Wahnsinn. Und hab den Defensivspielern eigentlich nie richtig Aufmerksamkeit gschenkt, geschweige denn ihnen gegenüber Respekt gehabt. (Andreas Herzog)

Und nun sollte sich Herzog laut Hickersberger ausgerechnet auf De Napoli vorbereiten. Hin und wieder hatte er sich ihn im Fernsehen angeschaut, wenn De Napoli mit Napoli im Europacup spielte. Doch für Aufsehen hatte dieser bei Herzog nicht gesorgt. Und so fiel seine Antwort auf Hickersbergers Hinweis, er möge sich auf den Defensivspieler der Italiener vorbereiten, recht flapsig aus: „Trainer, der ist ja eh a Hundskicker“, meinte er damals.

Heute spricht Herzog von jugendlichem Übermut und der Tatsache, dass er früher einfach nicht abschätzen konnte, wie wichtig auch ein defensiver Spieler ist, der praktisch jeden Zweikampf gewinnt, gefährliche Situationen vorher schon bereinigt – und somit der Offensive den Rücken freihält. Doch bekanntlich kommt Hochmut ja vor dem Fall. Und so kam es, wie es kommen musste: Herzog konnte im Spiel selbst „keinen Stich“ gegen De Napoli machen.

Ich hab mich nie durchsetzen können, ihn einfach nicht überspielen können.

Nach dem Spiel kam Hickersberger erneut auf mich zu und sagte: „Na, ist a schöner Hundskicker, der De Napoli.“

„Na ja, Trainer, so schlecht ist er doch nicht.“ (Andreas Herzog)

Er schmunzelt, wenn er diese Geschichte erzählt, verbunden mit dem Lerneffekt, eben auch die Defensive zu würdigen und nicht nur – wie als junger Spieler – auf die Offensive zu schauen.

Kleinlaut trat er nach dem Spiel Hickersberger entgegen, er spricht zudem von einem Augenöffner und der wichtigen Erkenntnis für die weitere Karriere, wie sehr gerade auch er als offensiver Denker und Lenker ganz schön abhängig war von der eigenen Defensive. Fortan zollte er den eigenen Verteidigern Respekt und lernte, auf sie zuzugehen, ihnen eben zu vermitteln, dass er nur durch sie glänzen kann.

Und drum möcht i mi im Nachhinein bei all meinen Kollegen, die hinter mir die Drecksarbeit erledigen haben müssen, entschuldigen, dass sie heutzutage künstliche Kniegelenke und künstliche Hüftgelenke haben vom Grätschen und vom Reinhauen. (Andreas Herzog)

In diesen Tagen spürte Andreas Herzog zudem, dass sich die Dinge geändert hatten. Wurde er bisher in den Printmedien immer als „Sohn von Burli Herzog“ beschrieben, trat er plötzlich aus dem Schatten seines Vaters heraus. Für viele Kicker prominenter Fußballväter übrigens eine schier unüberwindbare Hürde – und ein entscheidender Moment in der Karriere eines jeden Jungprofis, wenn er es schafft, sie zu überspringen.

Weißt, ich war am Anfang immer der Sohn vom Burli Herzog, und dann bin i in die Nationalmannschaft gekommen, und auf einmal steht „Andreas Herzog (sein Vater Burli spielte früher auch)“. Wie ich des des erste Mal gelesen hab, hab i gewusst, okay, jetzt hab i es geschafft. Jetzt ist es nicht mehr Burli Herzogs Sohn Andreas. Verstehst den Unterschied? (Andreas Herzog)


Andi Herzog zwischen Mutter und Vater und zwei italienischen Fans und Freunden bei der WM 1990

KAPITEL 12:
„SCHEISS DI NIX!“ – ITALIEN, WIR KOMMEN!
RAPID WIEN/NATIONALTEAM 1988–1992

Am 15. November 1989 fand ein wahrlich historisches Länderspiel für Andreas Herzog statt. Es sollte das 13. Match seiner damals noch jungen Nationalmannschaftskarriere sein – und ihm bis heute in tiefer Erinnerung bleiben, denn an diesem Abend ging es im Wiener Praterstadion gegen eine Auswahl der DDR. Dem einen oder anderen aufmerksamen Leser wird die Tragweite dieser Veranstaltung bereits beim Anblick des Datums, spätestens aber mit dem Hinweis auf das Spiel gegen die Deutsche Demokratische Republik klar. Beispiellos geschichtsträchtig – denn nur sechs Tage zuvor war die Mauer in Berlin gefallen und damit der jahrzehntelang aufrechterhaltene Wall zwischen Ost und West. Doch für Herzog sollte dieses Spiel auch aus einem anderen Grund von historischer Bedeutung sein.

Wenn wir gewinnen, san wir fix bei der WM – und ein paar Tage zuvor ist die Mauer gefallen in Berlin. Und es war für uns natürlich schon a Thema in den Medien, aber nicht so ein dramatisches Thema wie bei den DDR-Spielern, die waren mit den Gedanken schon ganz woanders. (Andreas Herzog)

Für Herzog war dieser Tag und damit die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1990 in Italien eine Sensation. Nicht umsonst spricht er von einer der „größten Erfolgsgeschichten aller Zeiten“ – doch noch zwei weitere außergewöhnliche Ausnahmemomente in der rot-weiß-roten Sportgeschichte bewegen ihn bis heute.

Das Erste war der Niki Lauda, als er den schweren Unfall gehabt hat mit Verbrennungen, wo er später den Helm wieder drübergezogen hat und wieder Weltmeister in der Formel 1 geworden ist, der Hermann Maier mit dem Sturz in Nagano beim Super G oder bei der Abfahrt, als er da so quer in der Luft liegt, 10, 15 Meter und am nächsten Tag oder zwei Tage später Olympia-Gold geholt hat, und dann das Heimspiel gegen die DDR, und der Toni Polster wird von 60.000 Zuschauern nur beschimpft und beleidigt. (Andreas Herzog)

Irritiert fragte ich nach: „Toni Polster ausgepfiffen? Bei einem Heimspiel?“

Andi bestätigte mit Nachdruck: „Ausgepfiffen, beim Aufwärmen, bei der Aufstellung, bei der Bundeshymne, nur ausgepfiffen!“

Ich schüttelte den Kopf, konnte ich doch gar nicht verstehen, wie ein eigener Spieler so beleidigt werden konnte: „Weil?“

Die eigenen Fans haben ihn ausgepfiffen. Weil er damals der einzige Legionär war, in Spanien, hat einen super Vertrag gehabt. Beim Toni war es so: Wenn er ein Siegestor geschossen hat, ist er gefeiert worden, wenn er kein Tor geschossen hat, haben die Zuschauer ihn kritisiert und beleidigt, weil er jetzt nicht so ein laufstarker Spieler war. So wie der Hans Krankl vorher auch. Du polarisierst. Entweder die Leute lieben dich wegen den Toren, oder sie schimpfen oder beleidigen dich. (Andreas Herzog)

Doch wieso bewegt Andreas Herzog dieses Ereignis bis heute noch so? Wie geschrieben: Neben Niki Lauda und Hermann Maier eine seiner Top-3-Geschichten, wenn es um Erfolg und Mentalität geht.

Vielleicht lag es an der eigenen Einstellung und der Tatsache, dass ihn eine gewisse Abgezocktheit, eine mentale Stärke, einfach eine Durchsetzungskraft gegen alles und jeden Widerstand immer schon begeisterte. Er selbst war gerade einmal 21 Jahre alt und in neuen Situationen, wir erinnern uns, nicht immer der Sicherste. Er brauchte einen leichten Stoß in die richtige Richtung oder einen Fürsprecher oder das Gefühl, es schon einmal erlebt zu haben – um aus dieser Situation heraus Kraft, Energie und Selbstglauben schöpfen zu können. Ein Toni Polster dagegen machte anscheinend einfach sein Ding. Und so eben auch im besagten historischen Match gegen die DDR. Während Herzerl – vielleicht aus Respekt vor dem wichtigen Duell – zu kränkeln begann, fuhr Anton Polster zur Hochform auf.

Vor dem Spiel war ich an der Schulter verletzt bei Rapid Wien, von Tag zu Tag ist die Aufregung größer geworden, bin immer nervöser geworden, am Spieltag hab ich Fieber gehabt, zwar nur erhöhte Temperatur, habe mich aber richtig schlecht gefühlt und hab von Beginn an nicht spielen können und dem Trainer das gesagt. (Andreas Herzog)

Toni Polster dagegen schienen Spiel und Pfiffe zu beflügeln. Vielleicht lag es daran, dass Österreich unbedingt gewinnen musste, um garantiert nach Italien fahren zu dürfen (man stand im Fernduell mit der Türkei, die in der Sowjetunion kickte), oder daran, dass man endlich einmal wieder in den traditionellen Farben, mit schwarzen Hosen und weißen Leibchen, auflaufen durfte – oder eben an den besagten Pfiffen. Jedenfalls schnappte sich Polster schon nach zwei Minuten den Ball, ging an einem Gegenspieler vorbei, täuschte einen Schuss an, um dann mit links und aus rund 17 Metern flach abzuziehen. Tor für Österreich!

„Toni, Toni“, hallte es laut Herzog plötzlich von den Rängen – eben noch ausgepfiffen, nun Jubel! Ein Umstand, den Herzerl bis heute nicht versteht, zumal sich dieses Schauspiel noch zweimal wiederholen sollte. Als Toni Polster in der 61. Minute zum dritten Mal mit links traf und damit das Ticket zur WM in Italien löste, gab es kein Halten mehr. Er sprang über die Werbebande und lief durch das weite Rund des Praterstadions.

Und i waß ned, ob es die Leute wissen, und i sag es jetzt einmal: Der Toni ist über die Bande gelaufen, wir sind hin zu ihm, i noch von der Ersatzbank, haben mit ihm gefeiert, haben uns auf ihn draufgehaut. Vorher haben die Leute ihn noch aufs Ärgste beleidigt, ausgepfiffen. Und die Leute jetzt alle: „Toni, Toni“ – und er ist so hingelaufen mit ausgestreckten Armen und hat geschrien: „Geht’s scheißen, geht’s alle miteinander scheißen.“ Und des weiß bisher, glaube ich, noch niemand. Und das möchte ich jetzt mal klarstellen. (Andreas Herzog)

Doch das sollte noch nicht der Höhepunkt dieses Spiels sein – zumindest nicht für unseren jungen, aufstrebenden Unterschiedspieler. Noch heute reflektiert Herzog jedenfalls offen und ehrlich über sich und seine Stärken – wie auch über seine sensitive Seite.

„Ich glaub, ich hab das Fieber wegen der Aufregung bekommen“, so Herzog in der Rückschau. Doch nachdem das 3:0 gefallen war, hatte sich die erhöhte Temperatur anscheinend verflüchtigt. Er rannte jedenfalls zur Ersatzbank und rief: „Trainer, ich wäre dann jetzt so weit.“

Hickersberger hatte schon zuvor mehrfach angedeutet: „Andi, wennst meinst, dass es geht, möchte ich dich gerne eintauschen.“ Nun war der Moment gekommen – doch das Glück sollte nicht lange währen. Nach nur einer Minute lief er aufs Tor, doch „Stahmann, so ein Hüne“, läuft ihm beim Solo in die angeschlagene Schulter – und nach vier Minuten war der Kurzeinsatz des Andreas Herzog wieder beendet.

Es war eine Wahnsinnserfahrung, weil wir uns für die Weltmeisterschaft qualifiziert haben. Und die Geschichte mit Toni vom Buhmann zum Liebling wird mir immer in Erinnerung bleiben. Da habe ich mit dem Toni noch nicht so ein freundschaftliches Verhältnis gehabt, und ab dem Zeitpunkt war er für mich ein absoluter Held. Wenn das mir passiert wär, ich wär zu dem Zeitpunkt heimgelaufen. Er steckt das weg und schießt die drei Treffer. Weißt, was mich da so bewegt hat? Die Scheiß-di-nix-Mentalität. Und die Überzeugung. Ernst Happel: „Zeig, was du kannst.“ (Andreas Herzog)


Drei Helden für Herzog – Lauda, Maier, Polster (li.): „Mit seinen drei Toren gegen die DDR, trotz Pfiffen!“

KAPITEL 13:
„TRAINER, I HÄTT GERN DIE NUMMER 20!“
RAPID WIEN/NATIONALTEAM 1988–1992

Wie muss sich wohl ein klassischer 10er fühlen, einer, der die Offensive liebt und immer den Drang hat, nach vorne zu spielen, zu lupfen, das eins gegen eins im Dribbling zu suchen oder den Torabschluss gekonnt zu vollenden, wenn er sich denn für das Doppelte entscheidet – zumindest, was die Nummer auf dem Rücken betrifft? Da backt anscheinend einer kleine Brötchen, wie man in Deutschland sagen würde. Oder hatte es wieder etwas mit dem eigenen Selbstbild zu tun?

Bei Andreas Herzog war es – wie bei vielen anderen jungen Menschen ebenso – so eine Sache mit dem Selbstvertrauen. Er musste es sich immer ein Stück weit spielerisch erarbeiten, in den U-Mannschaften genauso wie in der Kampfmannschaft. Und so manches Mal musste er an seine Grenzen gehen und darüber hinaus, um dann und bei einem Schritt zurück alles und im Flow abrufen zu können – beispielsweise an den legendären Wochenenden und dem Pendeln zwischen U21, den Rapid-Profis und der U18. Außerdem brauchte er seine Fürsprecher, enge Vertraute und Trainer, die an ihn glaubten. Mit Josef Hickersberger hatte er so einen Coach gefunden. Hickersberger wollte ihn unbedingt in der Auswahl spielen sehen, gab ihm Zeit, erkannte auch die sensible Seite des Ausnahmetalents aus dem offensiven Mittelfeld – und wollte seinem kreativen Kicker aus diesem Grund Sicherheit vermitteln. Wenngleich zu dieser Erkenntnis immer zwei gehören. Der Trainer, der seinem Spieler durch klare Botschaften bis zu einem gewissen Grad Glauben vermittelt, und sein Gegenüber, der dies auch wahrnimmt. Doch was, wenn nicht? Und das kurz vor einer WM …

Und dann lieg i mit meinem Zimmerkollegen, dem Kurt Russ, am Zimmer, und eines Abends, so eine Woche vor dem ersten Spiel gegen die Italiener, kommt der Josef Hickersberger aufs Zimmer und plaudert so mit uns und schaut mi so an und sagt: „Du, und bereite dich vor auf den De Napoli.“ Und i hab mir gedacht: Was meint der jetzt? Meint der jetzt, dass ich von Beginn an spiele? Das glaube i ned, weil in den Medien wird nur spekuliert, des is ein Zweikampf oder Dreikampf um diese Position. Meint er vielleicht, wenn i rein komm, dass ich diesmal besser bin gegen den De Napoli? (Andreas Herzog)

Doch wo kamen diese Zweifel wieder her, hatte er doch in den vergangenen Jahren so manche Schlacht für Vienna und Rapid geschlagen und für das eine oder andere Ausrufezeichen im Nationalteam gesorgt. Zumal die Worte von Hickersberger auf der Hand lagen: Be prepared – bereite dich vor.

Im Nachhinein meint Herzog jedenfalls rückblickend, dass ihn das letzte WM-Vorbereitungsspiel wieder zurückwarf. „Wir waren vorher auf Trainingslager und haben ein Spiel gegen eine Auswahl von Brixen oder Südtirol gehabt“, erzählt er heute. „Und die haben so einen gehässigen Libero gehabt.“ Dieser foulte Thomas Flögel so brutal, dass alle Bänder am Knöchel rissen – und die WM für den jüngsten rot-weiß-roten Kicker vorbei war, bevor sie überhaupt angefangen hatte.

Andi selbst, hinter Flögel und Michael Baur drittjüngster Spieler im Team, kämpfte derweil um einen Startplatz in der Anfangsformation, denn auch ein, zwei andere Kicker wie beispielsweise Alfred „Ali“ Hörtnagl hätten laut Herzog durchaus im offensiven Mittelfeld spielen können. Ein brisantes Duell, wunderbar befeuert durch den Boulevard – und dann war da ja noch der „gehässige Libero“!

I krieg an Ball, lauf dem Libero davon, und der hält mich zurück. Und ich wollt halt unbedingt ein Tor schießen. Ich wollt halt zeigen, dass ich gut drauf bin. Mit einem Tor kann ich meine Position stärken, dachte ich. Das ich halt gegen Italien in der Startposition stehe. Und der hält mich zurück, und wie er mich so hält, hol ich mit dem Ellbogen aus und hau ihm genau ins Gesicht. (Andreas Herzog)

Der Libero flog um – und Andi nicht vom Platz. Es war ein österreichischer Schiedsrichter, der noch einmal beide Augen zudrückte. Hickersberger reagierte prompt, nahm ihn vom Platz und ließ ihn zur Strafe gleich acht Kilometer auf einer Waldrunde hinter dem Stadion laufen. „Alles vorbei!“, dachte der junge Herzog verzweifelt und am Boden zerstört, dabei hatten sich die Gefühle einfach nur in ihm aufgestaut. Erst das brutale Foul an einem Mitspieler, dann das permanente Stoßen und Schubsen eines begrenzt Talentierten. Und dennoch: Das darf einem Ausnahmespieler nicht passieren.

Es war also ein bunter Strauß aus Emotionen, die die eigene Herzogsche Wahrnehmung ins Straucheln brachte. Das bittere Aus des noch jüngeren Mannschaftskollegen Thomas Flögel (für den laut Herzerl „eine Welt zusammenbrach“), der Ellbogen-Ausrutscher gegen den „gehässigen Libero“, die Mitspieler, die Herzerl die Position streitig machen wollten, und dann noch die mitunter brutale Medienwelt, wenn man sich denn mit ihr beschäftigte. Es ist eben alles eine Sache der Wahrnehmung.

„Perception is everything“, heißt es im Englischen. Am Anfang steht immer die Wahrnehmung. Wie nehme ich als Spieler, Trainer, Mensch eine neue Situation, Begegnung, das Umfeld wahr? Bin ich offen und neugierig oder eher zurückhaltend und ängstlich? Gehe ich die Herausforderung als Chance oder als Problem an? Aus der Wahrnehmung entsteht die Einstellung zu den Dingen. Sehe ich das Glas halb voll oder halb leer, bin ich flexibel und möchte dazulernen, brauche ich eher feste Rituale oder werde ich zum Wiederholungstäter und stecke irgendwann fest in den immer gleichen Abläufen, Denkmustern und Glaubenssätzen? Unsere Einstellung führt zu bestimmten Gedanken. Diese prägen unsere Emotionen. Unsere Emotionen führen zu Worten, Taten und Gewohnheiten.

All das wiederum prägt unseren Charakter und damit unsere Persönlichkeit – und auch die eines jungen Andreas Herzog, der kurz vor seinem WM-Debüt stand und sich doch ein Stück weit entfernt wahrnahm. Zumindest nach seinem Auftreten in Brixen und nur eine Woche vor dem Eröffnungsspiel in Rom, als Hickersberger im Teamhotel an die Zimmertür von Russ und Herzog anklopfte.

Herzog ruhte zu diesem Zeitpunkt eben noch nicht so tief in sich, nahm Hickersbergers Wink mit dem Zaunpfahl nur bedingt oder gar nicht wahr und musste so eben noch ein paar Tage weiterzittern, bis er es dann doch realisierte – angekommen in der Startelf gegen Italien!

Natürlich spürte er von Tag zu Tag mehr Sicherheit, denn im Training wurde auf ihn gesetzt, er spielte im Team, das später auch das Match gegen Italien bestreiten sollte – und wurde eben nicht auf den Nebenplatz geschickt, um mit dem Ball zu jonglieren. Ein wichtiges Gefühl so kurz vor der WM. Und doch waren da immer noch die Zweifel: „Es ist halt eine andere Welt als Klubfußball!“

Erst am Spieltag selbst wurde Andi klar: Hickersberger hatte ihm schon eine Woche zuvor ein Zeichen gegeben. „Be prepared“, lautete das Motto, aber es ist eben alles eine Sache der Wahrnehmung.

Ich war extrem nervös bei der Bundeshymne und beim Spiel in Rom – der Rasen im Olympiastadion, ich kriege heute noch die Gänsehaut, wenn ich daran denk. Ich wollt nicht mal auf den Rasen draufsteigen, weil ich Angst hatte, der Superrasen wird zerstört. (Andreas Herzog)

Noch heute hat er die Bilder von seiner Riesenchance im Kopf: Beim Stand von 0:0 kommt eine Flanke von rechts, Giuseppe Bergomi erwischt den Ball nicht richtig, und der Ball kommt zum zweiten Pfosten.

Und i erwisch den Ball nur mit dem Schienbein und mit dem Knöchel und schieß drei Meter daneben, von acht oder zehn Metern – das war normal genau meine Situation, so ein Volleyschuss mit meinem starken linken Pratzerl. Und i hab die Chance aber verhaut. Und i schwör’s dir, wenn i des Tor geschossen hätte, hätten wir vielleicht 1:0 gewonnen. Dann würde ich heute noch Ehrenrunden in Rom laufen. (Andreas Herzog)

Aber es sollte bei diesem Spiel noch nicht sein. Und so unterlag man kurz vor Schluss durch ein Tor des „kleinen Schillaci“, wie ihn Herzog heute noch liebevoll nennt. „Und wieso die Rückennummer 20?“, fragte ich den ehemaligen Vorzeige-10er abschließend nach einer langen Gesprächsrunde und am Abend eines verregneten Feiertags in Wien. Viel hatte ich in den vergangenen Stunden erfahren dürfen – von den Anfängen bei Rapid, der unbeschwerten Zeit bei Vienna bis hin zum Nationalmannschaftsdebüt und Italien 1990. Doch das mit der Rückennummer war mir noch nicht klar.

In Rom samma so gesessen beim Abendessen, und der Teamchef hat gesagt: „So, und jetzt zu den Rückennummern.“ Und ich war halt noch ein junger Spieler und wollt die Nummer 10 haben, aber ich war ja noch ein relativer Frischling, hab mich nichts zu sagen getraut. Und dann sind alle Nummern weggegangen, und dann waren nur mehr 12 und 20 über. Naa, mit der 12er spiel i sicher nicht, hab ich mir gedacht (lacht): „Trainer, ich hätt gerne die Nummer 20!“ Da war ich mutig, als Vorletzter habe ich mir die Nummer 20 geschnappt (lacht noch mehr). Und für den Baur Michi ist die Nummer 12 übergeblieben. (Andreas Herzog)

Pulsuz fraqment bitdi.

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