Kitabı oxu: «Deutschland oder Jerusalem»

Şrift:

Claus-Steffen Mahnkopf

Deutschland oder Jerusalem

Das kurze Leben der

Francesca Albertini

zu Klampen

© 2013 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe

info@zuklampen.de · www.zuklampen.de Umschlaggestaltung: michon, hofheim Satz: michon, hofheim 1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013 ISBN 9783866742871

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Vorwort

Villa Massimo

Vita

Naturell

Partnerin

Reisen

Politik

Verrat

Judentum

Deutschtum

Sprache

Bibliothek

Werdegang

Bücher

Forschung

Lehre

Projekte

Krankheit

Ende

Tod

Bilder

All denen, die Francesca mochten

Dieses Buch legt Zeugnis ab, es erzählt die lebenssatte, am Ende jedoch traurige Geschichte der Francesca Yardenit Albertini, einer römischen Jüdin, die in jungen Jahren nach Deutschland kam, um für die Idee eines anderen, besseren, jüngeren Verhältnisses zwischen Deutschen und Juden zu werben und zu kämpfen. Einer jungen Frau, die einen deutschen Avantgardekomponisten heiratete, der eine außergewöhnlich steile Karriere als Hochschullehrerin und Intellektuelle gelang, einer jungen Frau, die mit 36 Jahren viel zu früh starb.

Francesca stellt einen exemplarischen Fall unserer Zeitgeschichte da: eine Grenzgängerin zwischen Italien und Deutschland, zwischen Israel und den USA. Eine literarisch-sprachliche Hochbegabung mit einer in Deutschland unüblichen Renaissance-Bildung und einem Politikverständnis, das auch einem Pier Paolo Pasolini verpflichtet ist. Eine Frau mit einem Heißhunger auf Realität und Leben. Eine Denkerin mit einem messianischen Blick auf die Zukunft der Menschheit. Und zugleich eine Frühbegabung, die sich wie eine auf beiden Seiten brennende Kerze rasch verbrauchte. Eine ihrer Heldinnen in der Geschichte war Simone Weil, sie starb ähnlich jung.

Francesca ist eine ausgesprochen interessante Frau gewesen, die Biographie allein rechtfertigte ein Buch, trotzdem stehen das intellektuelle Porträt, die politische Mission, das geistige Profil im Vordergrund. Ein Mensch und seine Ideen werden gezeichnet. Und zwar zentriert auf die deutsch-jüdische Frage. Vielleicht kann nur ein jüngerer Vertreter des Judentums mit dem nötigen Abstand zum Holocaust uns einen anderen Blick auf das Judentum lehren. Nur wer aus einem anderen Land kommt und doch emphatisch Deutscher wird, vermag uns zu zeigen, daß Judentum mehr ist als der tragische Komplex aus Shoah, Zweitem Weltkrieg, Israel und der Schuldfrage.

Das war eines der vielen Anliegen meiner Frau. Ihr Erbe kann nur mit Erinnerung gelingen, dem einzigen Mittel, Verstorbenen den zweiten Tod, das Vergessen, zu ersparen.

VILLA MASSIMO

Der erste Eindruck prägt. Anfang April 1998 als neuer Stipendiat der Villa Massimo in Rom angekommen, fest entschlossen, die schöne italienische Sprache zu erlernen, und zwar richtig: mit einem privaten Lehrer, finde ich an der Pforte eine Notiz: »Italienischunterricht von examinierter Philosophin, günstige Preise«. Ich rufe an und vereinbare einen Termin für den kommenden Tag. Es klingelt, ich durchschreite das weiträumige Anwesen, öffne das Tor, und da steht sie: Francesca Albertini, keine 24 Jahre jung, aber doch so bestimmt auftretend, geradezu professionell, mit dem klaren Ethos der Lehrerin, daß ich sie auf dreißig schätze. Ich bin beeindruckt. Der erste Blick ihrer ausdrucksvollen Augen trifft mich.

Wir haben immer zweistündige Sitzungen angesetzt. Als die erste zu Ende ist, gehe ich zu meiner Komponistenkollegin, die zum Abendessen eingeladen hat. Etwas benommen von den ersten Eindrücken, erzähle ich von der neuen Lehrerin. »Francesca? Die ist klasse, nicht?«, bekomme ich zur Antwort, Francesca unterrichtet auch sie. Am nächsten Tag wird der Unterricht fortgesetzt, wie immer unternimmt Francesca die mühevolle Fahrt durch den unberechenbaren Straßenverkehr Roms. Sie hat gleich beim ersten Mal, als sie das großzügige Atelier betrat, im Bücherregal die Adornobände und ein Buch über mittelalterliche Ritualmordprozesse entdeckt, auf dessen Umschlag hebräische Schriftzeichen stehen. Sie spürt sofort, daß etwas in der Luft liegt. Nachdem ich sie auf ihre universitäre, auf ihre philosophische Arbeit anspreche, beginnt sie mit einem langen Vortrag in einem mir unverständlichen Italienisch über das Thema ihrer Abschlußarbeit. Ich verstehe nichts, im doppelten Sinne nichts. Aber hier spricht eine Person so bestimmt, so konzentriert, so mit der Sache eins, daß ich sie nicht zu unterbrechen wage. Es ist eine Faszination, ihr zuzuhören, dem Klang der Stimme, der Rhythmik ihrer Sätze.

Francesca wurde zur persönlichen Führerin, einer Art Vergilius, der mich durch die verschlungene, immer auch chaotische Stadt und Kultur geleiten wird. Zweimal die Woche kommt sie für eine Doppelstunde, aber man sieht sich häufiger, denn sie unterrichtet auch andere Stipendiaten. Diesen Job macht sie seit längerem. Sie hat in der Villa Mirafiori, dem Sitz der Philosophie der Universität La Sapienza, studiert, die ein paar hundert Meter von der Villa Massimo entfernt liegt. Francesca suchte immer die Nähe zu Deutschen, der deutschen Kultur und vor allem der deutschen Sprache. Sie unterrichtet privat auch in der Stadt und übersetzt, wenn es sich anbietet. Sie hat sogar einen Didaktikkurs für den Italienischunterricht besucht. Und ihre Stunden sind streng – sie duldet keine Nachlässigkeiten –, aber begeisternd zugleich. Man spürt, daß sie ihre italienische Sprache mit der rationalen Grammatik und dem musikalischen Klang liebt. Ihre Aussprache ist perfekt und vor allem nicht schnell, was uns Ausländern zupaß kommt.

Francesca zeigt sich als unkomplizierte junge Frau, ohne Attitüde, ohne intellektuelle Arroganz. Es gibt Photos aus dieser Zeit, sie sitzt im Garten der Villa Massimo und hält den kleinen Felix, Sohn der Stipendiaten Carola Bauckholt und Caspar Johannes Walter, auf dem Schoß. Sie strahlt in die Kamera mit einer Kraft, mit einer Lebensfreude und einer Energie, die noch heute den Betrachter umhauen – eine junge Frau mit einem hellwachen Blick, der zwar Intelligenz ausdrückt, dem man aber das Philosophische, Hochgeistige gerade nicht anmerkt. Das wird eines der faszinierendsten und zugleich anmutigsten Züge von Francesca sein: Sie, die geisteswissenschaftliche Sonderbegabung, strahlt das zunächst überhaupt nicht aus. Sie ist immer ein Mensch wie du und ich gewesen.

Francesca, die Lehrerin, umwirbt ihren neuen Schüler. Es ist leicht, wir haben regelmäßig Kontakt, face-to-face, wir gehen zusammen aus, ins Restaurant, durch die Stadt, durch das jüdische Viertel, das Ghetto di Roma, das zu zeigen für sie, die Jüdin, eine besondere Ehre bedeutet. Alles ist so unkompliziert, südländische Mentalität. Auch kommen die Massimo-Partys gelegen. In kurzen Abständen präsentieren im warmen, ja heißen Sommer die Stipendiaten ihre Arbeiten und stellen sie zur Diskussion, woran sich opulente Abendessen für alle und die Gäste anschließen, ein geselliges Zusammensein, das meist bis tief in die Nacht geht. Es ist meine Anfangsphase, ich denke zuweilen, hier werde überhaupt nicht gearbeitet. Aber wir sind in Italien, es ist auch meine Italienische Reise. Francesca gehört fest zum »Personal« der Akademie, fühlt sich pudelwohl im Hin und Her zwischen der italienischen und deutschen Sprache und ist mit den Stipendiaten freundschaftlich verbunden. Sie ist für uns Deutsche wie eine Botschafterin der italienischen Kultur.

Bei meiner eigenen Präsentation kommt es, wie so häufig, wenn Künstler und Kunstliebhaber, aber auch Möchtegern-Intellektuelle zusammensitzen, zu begrifflichem Durcheinander. Auf der Treppe zur Küche meine ich zu Francesca, es lohne sich, Philosophie zu betreiben, man sei vor solchen Wirrungen gefeit. Ein unglaublich warmes Gesicht bedeutet mir: Endlich jemand, der mich versteht. Einige Zeit später kommen wir uns näher. In diese Zeit fällt Francescas erster Auftritt im Wissenschaftsbetrieb. Sie ist für eine Woche nach Toledo bei Madrid für eine jüdische Konferenz eingeladen, um dort einen Vortrag zu halten. Am Ende der Woche, nachdem sie zurückgekehrt ist, werden wir ein Paar. Am nächsten Morgen frühstücken wir im Garten, hinter meinem Studio, bei bestem Sommer- und Sonnenwetter. Das Leben ist schön – auf Italienisch: »La vita è bella« (übrigens der Titel eines Filmes, der zu dieser Zeit weltweit für Furore sorgt und über den Francesca sich maßlos ärgert). Ach ja, wir diskutieren auch darüber, welcher Philosoph bedeutender sei – Lévinas oder Derrida. Francesca hat sehr früh schon ihre festen Ansichten. Ich bin sehr froh, jemanden getroffen zu haben, der mir, bestimmt, aber nicht aufdringlich, widerspricht. Francesca ihrerseits hatte ihren »Deutschen« gefunden, hier in Rom, inmitten der Stadt der Machos. Eine neuer Lebensabschnitt beginnt.

Die nächsten Wochen sind Ferien in einem emphatischen Sinne. Es ist Ferienzeit, Juli, August, September, Sommer, ja Hochsommer. Wir unternehmen viele Ausflüge, Francesca führt durch die Stadt, die an Dokumenten und Sehenswürdigkeiten bekanntlich nur so platzt, vor allem wenn eine Insiderin sie zeigt. Wir machen drei Reisen. Die erste führt nach Neapel, von dort auf die Insel Ischia und natürlich nach Pompeji, einer der sicherlich tiefsten Eindrücke, die ich in Italien erhalte. Francesca, mit ihrem »operatore turistico«-Abitur, ist eine perfekte Reiseleiterin. Wir verbringen einige Tage in den Abruzzen und genießen die Sonne, das luftige Wetter, die beeindruckenden Bergformationen und natürlich die mit Deutschland in keiner Weise vergleichbare Cuisine. Schließlich fahren wir nach Venedig, just an dem Wochenende, da Gerhard Schröder die Bundestagswahl gewinnt. Die Serenissima ist von Anfang an für uns beide ein »sogno«, ein Traum. Eine weitere Reise nach Florenz müssen wir wegen Geldmangels absagen, holen sie aber im Jahr darauf nach. Dafür lädt mich Francesca zum Geburtstag auf ein Landgut am Lago di Bracciano ein, mit einem derart üppigen Abendessen, daß ich kaum mehr von meinem Lieblingsdolce, der großen Profiteroltorte, naschen kann.

Francesca ist seit längerem als Privatlehrerin in der Villa Massimo bekannt. Ihr häufiges Erscheinen wird als normal empfunden. Nicht einmal der Akademiedirektor, der sich stets bemüht, alles zu wissen, ahnt etwas von unserer Beziehung, die wir nicht öffentlich machen. Monate später, ich komme von einer Konzertreise zurück, ruft er mich an, er müsse mich belehren, während meiner Abwesenheit habe im Studio Licht gebrannt, der Hausmeister habe Frau Albertini vorgefunden. »Ich muß Ihnen von Amts wegen sagen, daß Sie, wenn Sie nicht da sind, keinen Besuch beherbergen dürfen.« Ich nehme Francesca an die Hand und gehe ins Büro. Da sitzen wir dem vermeintlich allwissenden Chef gegenüber. »Lieber Herr Schilling«, sage ich, »Frau Albertini kennen Sie ja. Sie ist seit Monaten meine Lebensgefährtin.« Er ist sichtlich überrascht, doch hocherfreut und gibt uns seinen Segen. Weihnachtsgrüße in den folgenden Jahren werden liebevoll überschrieben mit »An die Mahnköpfe«. Wir besuchten ihn viele Jahre später in Berlin; es war ein sehr herzliches Wiedersehen.

Daß ich so schnell Anschluß an die Bevölkerung der Stadt finde, ist natürlich ein Glücksfall. Es ist eben »bella estate«, um den Titel eines Romans von Cesare Pavese zu zitieren, den ich zu dieser Zeit lese. Ich spreche auch im Alltag italienisch, Francesca zeigt die Stadt, wir machen Ausflüge, nicht nur ans Meer, und reisen durch das ganze Land. Auch wenn wir uns immer wieder über die Unzuverlässigkeiten des römischen Betriebs aufregen, rückblickend kann ich sagen, daß dieses Jahr vielleicht das schönste meines Lebens gewesen ist. Es kommt selten alles zusammen: Italien, Rom, das Klima, der Sommer, die Freiheit des Arbeitens, die großzügige Wohnsituation – und die Frau fürs Leben. Kann man mehr verlangen? Eine gute Freundin zu Hause meinte spontan, als sie hörte, ich hätte das Massimo-Stipendium gewonnen, »Du wirst Dich verlieben«. Sie, die Lateinlehrerin, meinte die Ewige Stadt, sie konnte nicht ahnen, wie sehr ihre Prophezeiung Wirklichkeit werden sollte.

Francesca hat ihren Universitätsabschluß bereits ein Jahr hinter sich und studiert in einem Zweitstudium Theologie, leidet aber darunter, in Philosophie nicht promovieren zu können. Anders als in Deutschland, wo die Promotion allen offensteht, sofern sich ein Betreuer findet, durchläuft der italienische Kandidat einen »concorso«, den Francesca mit einem Projekt zur jüdischen Philosophie aber nicht gewinnt. Ich bin irritiert. Sie erklärt, daß man, wie so häufig in Italien, guter Beziehungen und einer Lobby bedürfe und es daran gemangelt habe. Sie ist nicht einfach frustriert, sie ist in ihrer Würde als Intellektuelle, als Wissenschaftlerin – und vermutlich auch als Jüdin – zutiefst verletzt und gedemütigt. Ich spüre etwas von ihrer Verachtung des eigenen Landes und seiner Gebräuche. Aber noch sind ihr die Hände gebunden. Sie muß sich durchschlagen und versuchen, so gut es geht Geld zu verdienen, was allerdings mit Unterricht und Übersetzungen nur vorübergehend möglich ist. Als ihr ein versprochener Job verwehrt wird, kommt sie völlig aufgelöst zu mir. Sie heult, ihre Existenzangst ist offensichtlich.

Im Herbst erhält Francesca auf Vermittlung eines römischen Professors – an der Universität genießt sie einen hervorragenden Ruf – ein Promotionsangebot aus Deutschland. Das ist natürlich ein großes Glück, und zwar ein dreifaches. Sie kann wissenschaftlich weiterarbeiten; die Pläne liegen ja bereits in der Schublade. Francesca wollte schon als Teenager Italien verlassen, ein Wunsch, der mit den Jahren kaum an Dringlichkeit verloren hatte. Schließlich kommt das Angebot aus Freiburg, mithin jener Stadt, in der ich lebe. Ich traue meinen Ohren nicht. Freiburg! Da hat das Schicksal es gut mit uns gemeint. Dieser Tag ist der Beginn von Francescas deutscher Laufbahn, sie wird in den nächsten Jahren einen beispiellosen Arbeitseifer an den Tag legen und sich selber übertreffen.

Francesca bereitet sich langsam, aber zielstrebig auf ihre Emigration vor. Bernhard Casper, der Freiburger Religionsphilosoph, bietet ihr eine kleine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität ab Januar 1999 an. Damit ist ihr Einstieg in das neue Land abgesichert. Obwohl ich beteuere, daß ihrer Immatrikulation in Freiburg nichts im Wege stehe, ist Francesca skeptisch und geht davon aus, daß sie zuerst einen Sprachtest für Deutsch bestehen müsse. In der Angst, bei diesem zu scheitern, besucht sie einen Fortgeschrittenenkurs am Goetheinstitut und arbeitet wie eine Wahnsinnige, die um ihr Leben fürchten muß. Einmal, bei einem scheußlichen Wetter, gerät sie in Panik, weil sie des typisch römischen, mithin undurchdringlichen Verkehrs auf den Straßen wegen zu spät kommen sollte. Francesca ist überpünktlich und extrem gewissenhaft.

Francesca hat sich sehr früh als Jüdin zu erkennen gegeben, und zwar auf eine Weise, als sei das das Normalste der Welt. Dabei lebt sie gänzlich unorthodox. Zu keinem Zeitpunkt ist etwas unmöglich, nur weil ein jüdisches Gebot dies unterbunden hätte. Sie geht zur Synagoge, gewiß, erwartet aber von mir keine Änderung der Gepflogenheiten. Ich erfahre, daß Francesca in der römischen jüdischen Gemeinde sehr aktiv und für ihr junges Alter bereits ausgesprochen angesehen ist. Sie könnte sich dort entfalten, will aber ihre Leidenschaft für das Jüdische mit dem Beruf verbinden, und das sollte erst in Deutschland möglich sein.

Als Lebensgefährte von Francesca, die immer häufiger in der Villa Massimo als bei ihren Eltern anzutreffen ist, werde ich in ihre Familie integriert. Gemeinsame Ausflüge, Treffen und Mahlzeiten werden regelmäßig. Vater und Mutter haben kein Problem mit mir, dem Deutschen und dem Nichtjuden. Sie sind liberale, aufgeklärte Menschen mit dem politisch linken Hintergrund der 1970er Jahre, im Alter meiner älteren Geschwister. Auch ihre zwei Jahre jüngere Schwester mag mich; sie frotzelt ab und an mit den schweren deutschen Sprüchen aus der Sprache der Hundeerziehung, auf die sie sich spezialisiert hat (»Sitz«, »Platz«), hat mich aber von Anfang an akzeptiert. Als wir zum ersten Mal zu den Großeltern, die im Krieg Schlimmes durchmachen mußten, gehen, werde ich um Umsicht gebeten. Doch vor allem die Großmutter, mit der Francesca eine große Liebe verbindet, akzeptiert mich – zumindest spüre ich keine Ablehnung –, weil sie Vertrauen in die richtigen Entscheidungen ihrer Enkelin setzt. Francesca ihrerseits konfrontiert mich niemals, zu keinem Augenblick, mit einer möglichen Schuld oder Verantwortung für das, was »mein« Volk der Welt, Europa und vor allem den Juden antat. Natürlich ist die Shoah für uns ein zentrales Thema, aber von Rancune, Ressentiment, gar Rache ist Francesca gänzlich frei.

Sylvester 98/99 feiern wir auf der Villa Massimo mit den anderen – ein großes heiteres Fest, wie ein lieto fine in der Oper, mit allen Protagonisten. Ein paar Tage später packt Francesca die Koffer, darunter einiges Übergepäck für die vielen Bücher, die sie benötigt. Ihre Eltern und ich fahren sie zum Flughafen, meine Neffe holt sie in Basel ab. Drei Monate später werden alle ihre Habseligkeiten, darunter kistenweise Bücher, nach Freiburg transportiert. Francesca hat Italien verlassen, sie ist nach Deutschland gezogen, ihre Zeit auf der Villa Massimo ist zu Ende.

VITA

Anfang 1999 zieht Francesca nach Deutschland und wohnt in Freiburg in meiner kleinen Wohnung, während ich noch drei Monate Stipendiat auf der Villa Massimo bleibe. Sie muß sich einleben, sich mit der Universität vertraut machen. Und mit dem extremen Winter zurechtkommen. Trotz meiner Schwester und ihrer Familie ein paar Fußminuten entfernt, fühlt sie sich verständlicherweise einsam. Ihr Piccolo ist in Rom; sie faxt Hunderte von Briefseiten. Ende März kommt sie nach Rom und berichtet von ihren ersten universitären Erfahrungen. Man habe ihr bedeutet, sagt Francesca, daß für eine universitäre Laufbahn bis zum höchsten Punkt (schon damals wollte sie sich alle Türen offen halten) eine deutsche Staatsangehörigkeit von großem Vorteil sei. Diese erhält man nach acht Jahren Residenz in Deutschland oder nach dreien, wenn man verheiratet ist. Spontan mache ich ihr einen Heiratsantrag. In meinem Inneren gibt nicht den geringsten Zweifel, daß Francesca die Frau meines Lebens ist. Francesca stimmt sofort zu. Uns verbindet, wie so häufig, eine tiefe Syntonie. Die Heirat in Deutschland wird Francesca in fast allen Belangen helfen, nicht zuletzt bei den Ärzten, die sie teilweise zurückweisen, weil die Honorare aus Italien nicht überwiesen werden. Nach meiner Rückkehr aus Rom betreiben wir zielstrebig die Planung für die – standesamtliche – Hochzeit, die am 3. September im kleineren Familienkreis stattfindet. In der Familie herrscht anfänglich Skepsis, da man unseren Schritt für übereilt hält. Aber sie ist unbegründet. Als wir nach unserer Hochzeit in die gemeinsame, für unsere damaligen Verhältnisse großzügige Wohnung ziehen, funktioniert das Zusammenleben wunderbar.

Francesca wurde am 20. Mai 1974 in Rom geboren. Sie war das erste Kind. Ihre Eltern sind assimilierte Juden mit sephardischem Hintergrund. Im Übergang von den Urgroßeltern zu den Großeltern paßten sich die Familien an den in Italien üblichen Katholizismus an, ohne diesen gläubig zu leben. Die Eltern, die bald noch eine zweite Tochter bekamen, kauften in diesen Jahren eine Wohnung, die sowohl in der Nähe des Monte Mario als auch der Vatikanstadt, also ausgesprochen zentral liegt. Die Großeltern mütterlicherseits wohnten in der Nähe. Das zu erwähnen, ist nicht unerheblich. Später, als die Immobilienpreise in der italienischen Hauptstadt anzogen, wäre es für Francescas Familie gänzlich unmöglich gewesen, im Zentrum zu leben. Sie hätte, wie ihre Tante in der Peripherie, sich der dortigen öden Kulturlosigkeit und den sozialen Spannungen aussetzen müssen. So aber wuchs Francesca inmitten des Geschehens auf: einer städtischen Kultur mit allen historischen Bezügen, politischen Aktivitäten und Kulturangeboten. Sie durchlief für dreizehn Jahre die Schule, erst die Grund-, dann die Mittelschule, schließlich das Gymnasium, so, wie es in Italien üblich ist. Anstelle des Liceo classico, das sich die Familie nicht leisten konnte, wurde eine auf Wirtschaft und Tourismus spezialisierte Schule gewählt, der Francesca nicht nur drei lebende Fremdsprachen, sondern auch gründliche Kenntnisse in der Landeskunde, mithin auch in Kunstgeschichte verdankt.

Francesca wurde zwar, ganz nach Landessitte, katholisch getauft und zur Kommunion geschickt, nicht aber religiös erzogen und hielt ihrerseits auch wenig von Religion. Statt dessen zeigten sich sehr früh ihre sprachliche Begabung und ihre Leidenschaft für das Lesen. Francesca durchlief das Drama des hochbegabten Kindes in der falschen Umgebung. Sie war in allen Fächern (von Sport abgesehen) die Klassenbeste, dabei bemüht, den anderen zu helfen (teilweise bot sie einen Telephonservice für die Hausaufgaben an), konnte aber keinen richtigen Kontakt zu den Gleichaltrigen aufbauen. Sie fühlte sich häufig allein und einsam. Sie flüchtete sich in die Bücher und die verschiedenen Wissensgebiete, was diesen Abstand natürlich nicht eben verringerte. Francesca überfiel das Gefühl existentieller Einsamkeit auch später immer wieder schubweise. Sie war mitunter regelrecht verzweifelt. Ich versuchte ihr zu helfen, soweit es ging. Aber letztlich litt sie bis zu ihrem Lebensende darunter. Ihre allseits bewunderte und genossene kommunikative Art war auch dieser tiefsitzenden, inneren Einsamkeit geschuldet.

Als junger Teenager setzte ihr Interesse für Politik ein; sie trat in die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei ein. Daß sie nach einem Jahr die Partei wieder verließ, lag weniger an der Politik, sie konnte vielmehr wenig mit den Gleichaltrigen anfangen. Dann wurde sie Mitglied der Linksdemokraten (»Partito Democratico della Sinistra«, die Nachfolgepartei der Kommunisten), aber eher aus Solidarität ihrem väterlichen Freund Sergio gegenüber; aktiv war sie nicht. Der Marxismus und seine Theorien, zumindest in der flexiblen italienischen Fassung, waren ihr früh vertraut. Der deutsche Leser möge wissen, daß Kommunismus in Italien nicht das Furchterregende wie in Deutschland zur gleichen Zeit hatte; im Gegenteil: Kultur und Intellektualität, kritisches Denken und avantgardistische Kunst waren hier zu Hause. Luigi Nono oder Pier Paolo Pasolini waren wie selbstverständlich Kommunisten. So auch Francesca in jenen Jahren. Während der Schulzeit setzten ein umfangreiches gesellschaftliches und politisches Engagement sowie eine rege Schreibtätigkeit ein, über die noch zu berichten ist.

Direkt an das Abitur, das Francesca mit der höchstmöglichen Punktzahl absolvierte, schloß ihr Universitätsstudium an. Francesca wählte die Philosophie als zentrales Fach, weil diese in der Tat die Universaldisziplin der Geisteswissenschaften ist, von der aus alle anderen Gebiete der Geschichte, der Kultur und der menschlichen Existenz erreicht werden. Darin war sie klassisch. Die 18jährige schrieb in ihr Tagebuch mit der bezeichnenden Ortsangabe »irgendwo«: »An der Philosophie liebe ich ihr kontinuierliches In-die-Krise-Setzen (auch von den solidesten Alltäglichkeiten ausgehend) und ihre kraftvolle imaginative Vision. Daß ich mich in allen meinen heiklen Interessen der Philosophie widme, ist eines unter den höchsten Idealen.« Für die Philosophie brauchte sie die alten und die modernen Sprachen, die sie bereits fleißig gelernt hatte; sie konnte das Fach ergänzen mit Geschichte, Kunstgeschichte und Orientalistik mit zwei Schwerpunkten, die in den Nahen Osten weisen: Ägyptologie und Judaistik; sie konnte die Philosophie verbinden mit dem, was ihr zweiter Fokus werden sollte: die Religion. So studierte sie vier Jahre und hielt die Regelstudienzeit ein. Für ihren Abschluß (»Tesi di Laurea«) spezialisierte sie sich auf Jüdische Philosophie.

In diesen jungen Jahren setzte sie ihre Interessen und Fertigkeiten ein, um nebenbei Geld zu verdienen. Während der gymnasialen Oberstufe arbeitete sie für Rezensionen, Veranstaltungen und Beratungen mit der Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea »Il Logogramma« und der Kulturzeitschrift »Quadri e Sculture« zusammen, im Studium an der Biblioteca di Filosofia »Villa Mirafiori«, unterrichtete von 1996 bis 1999 Italienisch an der Accademia Tedesca »Villa Massimo«, wurde nach ihrem Abschluß kurzzeitig Philosophiedozentin am Centro Universitario »Universitalia« und arbeitete als Lektorin und Übersetzerin bei dem jüdischen Verlag »Giuntina« in Florenz. Außerdem unterrichtete sie privat einige Deutsche in der Stadt.

Von 1997 bis 2001 studierte sie Evangelische Theologie an der Facoltà Teologica Valdese in Rom, mit dem Schwerpunkt auf Theologie und Exegese des Alten Testaments, und schloß mit dem Diplom ab. Dieses Studium verdankte sie einer Sondergenehmigung für nicht-christliche Studenten. Dies war nötig, weil Francesca während ihres Universitätsstudiums sich zum Judentum bekannte. An der Gregoriana, der päpstlichen Universität, wäre sie nur als Gasthörerin zugelassen worden.

Als Francesca im Januar 1999 nach Deutschland ging, lebte sie sich relativ schnell ein, natürlich auch dank der Tatsache, daß sie einen Mann hatte, der eine ganze Infrastruktur mitbrachte. Sie knüpfte nicht nur rasch Kontakt mit der Universitätswelt, sondern auch mit der jüdischen Gemeinde – sie ging damals regelmäßig in die Synagoge –, baute systematisch Freundschaften auf, so zu einigen Italienischschülern, zur Dermatologin, zu ihrem Rechtsanwalt und natürlich zu etlichen italienischen Kommilitonen; sie spendete, wie zuvor in Rom, Blut beim Roten Kreuz. Sie etablierte sich peu à peu und wurde – man kann es so sagen – eine richtige Deutsche. Am 6. Februar 2002 wurde sie schließlich eingebürgert.

Hier, in Deutschland, macht sie eine elementare Lebenserfahrung: Sie braucht keine Angst mehr zu haben. Angst, die alltägliche, ist durchaus ein Markenzeichen in Italien. Man kann dort nie wissen, ob nicht im nächsten Augenblick etwas Irrationales, Gesetzloses, Chaotisches, Abgefeimtes passiert. Man ist sich nie sicher. In Deutschland hingegen, auch wenn die Deutschen gerne jammern und stöhnen, kann man im Regelfall davon ausgehen, daß es mit rechten Dingen zugeht. Ein Beispiel: Gingen wir ins Kino, war Francesca viel zu früh fertig und drängte mich zum Aufbrechen. Ich sagte ihr, der Verkehr, die Straßenbahn, der Kartenverkauf, die Sitzverteilung, all das würde hier funktionieren. Das sei in Italien anders, deswegen müsse man sich auf die Eventualitäten einstellen, wobei natürlich viel Zeit verschwendet wird. Francesca weiß es zu schätzen, daß auf die deutschen Verhältnisse, zumindest im Vergleich zu ihrem Heimatland, Verlaß ist. Sie kann sich auf ihre Arbeit konzentrieren und ansonsten das Leben genießen.

Ihr Promotionsstudium in Freiburg – mit dem Vorlauf sind es drei Jahre – war extrem arbeitsintensiv. Man muß bedenken, daß Francesca sich zuallererst in der deutsche Sprache zurechtfinden mußte; immerhin war diese neue Sprache das Medium ihrer schriftlichen Arbeit an der Universität. Ihre Dissertation schrieb sie auf Italienisch und übersetzte sie dann eigenständig ins Deutsche, wonach ich als Lektor eingriff. In dieser Zeit mußte sie aber auch noch »ordentlich« studieren, denn offiziell befand sie sich im Hauptstudium eines altehrwürdigen, heute meist abgeschafften Studiengangs der Direktpromotion ohne Abschluß. Dafür besuchte sie philosophische Seminare und solche der Katholischen Theologie, für die sie neun Hausarbeiten schrieb. Parallel dazu absolvierte sie ihr Studium der Evangelischen Theologie in Rom. Zwischendurch perfektionierte sie ihr Englisch mit dem Zertifikat »very good« des höchsten Levels des »Cambridge Institute« und gab, um ihre Finanzen aufzubessern, fleißig privaten Italienischunterricht. Damit aber nicht genug: In diesen Jahren übersetzte sie zwei Bücher von Martin Buber ins Italienische für den Florentiner Verlag Giuntina, eine Art Hobby und Ferienbeschäftigung.

Francescas finanzielle Situation verbesserte sich von Jahr zu Jahr. Vom Wintersemester 1999/2000 bis Wintersemester 2001/02 erhielt sie ein Promotionsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die erste Zeit davor in Deutschland bestritt sie mit Ersparnissen, Sprachunterricht und einem kleinen Unijob. Das Sommersemester 2002 wurde auf ähnliche Weise überbrückt. Auch hier hatte Francesca Ersparnisse, weil sie auch während des Promotionsstipendiums weiterhin Italienischunterricht gab. Außerdem war sie ab diesem Semester Lehrbeauftragte an der Universität Freiburg, eine Tätigkeit, die sie mit Blockseminaren auch dann ausübte, als sie in Israel wohnte. Für das Wintersemester 2002/03 erhielt sie ein großzügiges, zweijähriges Auslandsstipendium der Minerva-Stiftung. Im akademischen Jahr 2003/04 hatte sie eine kleine Dozentur in der Schweiz, einem Land, das bekanntlich seine Lehrkräfte ausnehmend gut bezahlt, und einen Lehrauftrag an der Universität Frankfurt (am Main). Im Wintersemester 2004/05 wurde es wieder enger. Dafür hatte sie ab dem Sommersemester 2005 bis zu ihrer Ernennung zur Professorin in Potsdam Festanstellungen als Lehrstuhlvertreterin in Heidelberg und Frankfurt, außerdem eine Gastprofessur in Graz. Auch wenn Francesca zuweilen panische Angst befiel, sie könne, so wörtlich, verhungern, hatte sie immer ausreichend Geld, um das Leben zu führen, das sie führen wollte. Luxus war ihr ohnehin völlig gleichgültig.

Ab September 2002 – wenige Wochen, nachdem bei ihr die chronische Krankheit des juvenilen Diabetes (Typ 1) diagnostiziert worden war – lebte sie in Jerusalem, um an der dortigen Bibliothek über ihr Habilitationsthema zu forschen. Es war nicht ihr erster Aufenthalt im Heiligen Land, die Dauerresidenz war freilich eine Phase größter Intensität. Es war die Zeit des täglichen Terrors in Israel. Auch Francesca, die auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen war, mußte auf Busfahrten mit dem Schlimmsten rechnen. Die Anspannung im Land war unerträglich. Francesca flüchtete sich in die Arbeit, las von morgens bis abends, lernte Ivrit und nahm gründlich Arabischunterricht. Auch hier suchte sie zielstrebig Freundschaften, nicht zuletzt zu deutschen Juden, die diese neue Heimat gewählt hatten. Als ich 2004 Francesca besuchte, war ich erstaunt, wie sehr sie in gewissen Kreisen integriert war. Sie war ein Kommunikationstalent. Sie flog nach Hause, wenn sie Termine hatte. Ab dem akademischen Jahr 2003/04 nahmen ihre Lehrtätigkeiten in Europa derart zu, daß sie ihre Zeit in Jerusalem öfters und länger unterbrechen mußte. Sie wuchs in den akademischen Betrieb hinein und war bald eine gefragte Dozentin.

Im Frühjahr 2002 war Francesca zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Immer wieder forschte sie dort, besuchte Kongresse, hielt Vorträge und stellte sich für Stellen vor. Sie genoß die großzügigen Selbstverständlichkeiten des akademischen Lebens in den USA, die üppig ausgestatteten Bibliotheken, die Ungezwungenheiten des sozialen Austauschs unter den »scholars«. Vor allem das Hebrew Union College mit der Klau Library in Cincinnati war seit 2005 der Ort, an dem sie für mehrere Wochen am Stück arbeitete. Dort war sie in die amerikanische jüdische Community integriert und pflegte, auch von Deutschland aus über Mails und Skype, intensive Freundschaften. Späterhin, als sich ihre Position in Deutschland festigte, klärte sich ihr Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Dort arbeiten und forschen, das sicher, aber für immer leben, dorthin zu ziehen, das kam nicht in Frage. »Die Arbeitsbedingungen«, sagte sie, »sind phantastisch, aber wenn du den Campus verläßt, beginnt die kulturelle Leere.« Sie war und blieb eine Europäerin, und das sowohl kulturell wie politisch. Mit Deutschland wollte sie kein Land tauschen.

2007 nahm Francesca sich eine Zweitwohnung in Frankfurt, wo sie eine Professur vertrat. Die Universität hatte ihr ein Gästeappartement zur Verfügung gestellt. So konnte sie sich besser auf die Arbeit konzentrieren und mußte nicht, wie bisher, wöchentlich pendeln und im Hotel nächtigen. Das hatte zudem den Vorteil, daß sie auch in dieser Stadt, in der das jüdische Leben viel reger und geschichtsträchtiger ist als im kleinen Freiburg, ein Netz von Kontakten aufbauen konnte.

Ab Herbst 2007 bezog sie, nachdem der Ruf an die Universität Potsdam erfolgt war, eine Wohnung in Berlin, natürlich in der Hauptstadt und nicht in der benachbarten, kleineren Stadt. Sie, die Römerin, die immer erklärte, »man« könne in keiner Stadt leben, die weniger als vier Millionen Einwohner hat, war endlich in der Metropole angekommen. Frankfurt war bis dahin die Stadt, in die wir fast gezogen wären. 2004 hatte die Universität ihr eine Vertretungsprofessur mit Gästewohnung angeboten, die Stelle mußte dann aber anderweitig vergeben werden. So blieben wir zunächst in Freiburg, von wo aus jedoch Francesca immer wegstrebte; dabei war Frankfurt ihre erste Wahl. Später räumte sie ein, daß Berlin natürlich die bessere sei. Frankfurt war definitiv zu klein und längst von einer linksintellektuellen Hochburg zu einer kalten Kapitalismusstadt mutiert. Ihre lange Odyssee fand ins neue Zuhause, von Rom über Freiburg nach Berlin, mit den Zwischenstationen Jerusalem, Frankfurt und Cincinnati. In Kairo erklärte sie mir 2001, daß ihre Reise viel verschlungener war: von der ägyptischen Gefangenschaft über Kanaan, die sephardische Diaspora mit Spanien und dem Elsaß nach Rom und von dort nach Deutschland. Wer sonst kann auf eine fünftausend Jahre lange Reise zurückblicken als das jüdische Volk?

Man fragt sich, ob Francesca arbeitswütig war, ob sie überhaupt das Leben genießen konnte, ob sie so etwas wie Hobbys kannte. Immerhin: In den zwölf Jahren in Deutschland schrieb sie zwei Bücher, übersetzte zwei, veröffentlichte etwa 30 Aufsätze, hielt über 50 Vorträge und bestritt gut 60 Lehrveranstaltungen zu stets unterschiedlichen Themen. Nach Francescas Tod fragte mich einer ihrer Kollegen, wie denn Francescas unglaublicher Ehrgeiz bei gleichzeitiger Höchstgeschwindigkeit zu erklären sei. Ich konnte eine mehrschichtige Antwort geben. Zunächst besaß Francesca eine unstillbare Neugierde und Freude am Entdecken, einen Wissensdurst, der nicht zu stillen war. Sodann wußte sie im Inneren (oder ging davon aus), daß sie nicht lange leben sollte. Schließlich, und das dürfte der tiefere Grund sein, war diese Art von geistiger Existenz eine Lobpreisung Gottes. Der letzte Grund für Francescas enzyklopädisches Verhalten war ein religiöser, und zwar ein zutiefst jüdischer.

Ich fragte sie einmal: »Hast Du wirklich den ganzen Shakespeare gelesen?« Sie antwortete: »Natürlich, das ist doch eine Mitzwa.« Mithin eine Pflicht, eine gute Tat im jüdischen Denken. Gott habe uns Menschen auferlegt, daß wir uns mit der Schöpfung ausgiebig beschäftigten, und dazu gehört alle Kunst, alle Weltkultur, alle Musik, und so auch die Weltliteratur mit ihrem Shakespeare. Ein umfassendes Bildungsideal, aber grundiert von der emphatischen Idee einer universalen Gelehrsamkeit. Und diese ist prinzipiell unendlich, also unerreichbar. Francesca schrieb mit zwanzig in eines ihrer Notizbücher, wie sehr sie darunter litt, so wenig zu wissen, so unreif zu sein, gerade weil sie so viele Bücher gelesen habe, wisse sie von ihren Defiziten und Lücken. Schon damals verkörperte sie die sokratische Weisheit, daß mit dem Wissen das Nichtwissen zunehme. Auch noch in Freiburg glaubte sie in Augenblicken der Niedergeschlagenheit, die »schlimmste Lehrerin der Welt« zu sein, was nun wirklich reiner Unsinn war.

Francesca hielt nichts von Halbheiten oder Schummellösungen. Bereits im ersten Studienjahr in Rom ging sie aufs Ganze. Seminare zur Theoretischen Philosophie mußten alle Studenten besuchen, sie aber schrieb eine Hausarbeit über Hegels Wissenschaft der Logik – sicherlich das ungenießbarste seiner Werke – und darin über das Kapitel des Grundes. Sie verkörperte das genaue Gegenteil einer gewissen populären Pädagogik, die glaubt, junge Menschen langsam an die Dinge heranführen zu müssen, um sie bloß nicht zu überfordern. Francesca, die dafür nur Spott übrig hatte, bevorzugte das Gegenmodell: ins kalte Wasser springen, sich dem Größten aussetzen, sich von den letzten Maßstäben herausfordern lassen.

Gewiß, ihre Intelligenz half dabei – oder umgekehrt, diese bedurfte der entsprechenden geistigen Nahrung. Francesca besaß ein phänomenales Gedächtnis, vor allem für Sprache und Geschichte. Sie konzentrierte sich beim Lesen so sehr, daß selbst ich, ihr Lebensgefährte, staunte: Betrat ich das Zimmer, in dem sie las, bemerkte sie das nicht und erschrak aufs Heftigste, wenn sie meiner, vor ihr stehend, gewahr wurde. Sie hatte eine extrem schnelle Auffassungsgabe. Man mußte nicht lange erklären. Wenn Francesca einmal etwas nicht verstand, dann weil sie es nicht wollte, weil sie ihren Kopf freizuhalten suchte. Deswegen hatten wir auch kaum längere Diskussionen, der Dissens, wenn er denn bestand, war in wenigen Schritten erkannt und benannt. Und sie besaß ein sicheres, zumindest für ihr eigenes Denken sicheres Urteilsvermögen, das ich nicht anders denn als Ausdruck einer äußerst starken Intuition erklären kann.

Francesca, das würde man von außen blickend sagen, war eine Workaholikerin. Eine Frau, die immer arbeiten mußte und dabei von einem Perfektionismus angetrieben wurde, der zuweilen dazu führte, daß dieser sie beherrschte. Dazu kam Francescas Ungeduld. Alles mußte rasch und möglichst sofort geschehen. Häufig mußte ich sie ermahnen, niemand könne erwarten, daß sie, die Frühaufsteherin, die nach acht Uhr abends zu größeren geistigen Anstrengungen kaum in der Lage war, am Samstag- oder Sonntagabend nach einem Besuch des Theaters oder eines Konzertes noch E-Mails beantworte. Aber so war sie nun einmal. Hatte sie erst einmal einen Blick in ihre Mailbox geworfen, konnte sie gar nicht anders, als die Briefe zu bearbeiten, sie hätte keinen Schlaf gefunden, obwohl sie todmüde war.

Workaholismus ist auch der Name für ein Krankheitsbild, eine Symptomatik, die bis zum Tode führen kann, weil Menschen zu Dauerhyperaktiven werden, zu kleinen Hamstern, die sich im Laufrad drehen, bis sie umfallen. In diesem Sinne war Francesca definitiv keine Workaholikerin. Sie konnte sehr wohl einen zweckfreien Fernsehabend verbringen, mit Freunden in Cafés und Restaurants Stunden geselligen Zusammenseins genießen oder zehn Tage am Strand des Lago Maggiore (und noch mehr im Whirlpool) faulenzen. Offen gesagt, eine Workaholikerin an meiner Seite hätte ich nicht ertragen. Nein, was Francesca tat, machte ihr Spaß. Sie sagte mit großem Ernst und aller sachlichen Richtigkeit, daß wir, die Professoren, das unbeschreibliche Glück hätten, für unsere »sinnlosen Hobbys« auch noch gut bezahlt zu werden. Francesca war somit durchaus der Ferien fähig. Allerdings mußte das Gehirn stetig gefüttert werden, wenn nicht mit Arbeit, dann mit Romanen oder Sightseeing, Museen, Ausstellungen, Veranstaltungen. Dolce far niente, »das süße Nichtstun«, war ihr fremd. Schließlich, und das macht Francesca in der Rückschau sehr menschlich, wurde sie auch von Depressionen, von Melancholie, ja Defätismus befallen. Dann litt sie, und sie litt auch darunter, nichts zu haben, worauf sie sich konzentrieren konnte. Dann fehlte ihr die Arbeit.

Trotz ihrer beeindruckenden Karriere war Francesca das genaue Gegenteil einer Karrieristin, zumindest, wenn man darunter eine Person versteht, die jede Minute durchplant und jeden menschlichen Kontakt unter einem strategischen Gesichtspunkt betrachtet. Francesca war viel zu individualistisch, als daß sie sich einem, auch unter Frauen, immer verbreiteteren Typus von Managerverhalten angepaßt hätte. Es wäre ihr wie ein Verrat am Leben vorgekommen. Sie war hier wie eine Schriftstellerin, die ihre Einsamkeit braucht, um zu Sinnen und zur Besinnung zu kommen. Francesca hatte stets Zeit für zwanglose Treffen mit Freunden, Nachbarn, Kollegen, Gemeindemitgliedern. »Laß uns einen Cappuccino trinken«, war fast so etwas wie ihr Lebensmotto.

Gewiß, sie reagierte gereizt, wenn man ihr Zeit stahl, sie haßte sinnlos vergeudete – ihr Gehirn hatte dann nichts zu tun oder, schlimmer noch, wurde von unnötiger Verwaltungsarbeit und Bürokratie fremdbestimmt. Da konnte sie wild und fuchtig werden, regelrecht ungerecht, unerträglich – besser, man ging ihr aus dem Wege. Doch sie arbeitete schnell, faßte rasch Entschlüsse und ging konsequent vor. Sie zauderte nicht und hatte eine präzise Auffassungsgabe. Das sparte ihr Zeit, und diese hatte sie dann auch. Für die Weihnachtsferien 2010/11 kündigte sie ein großes Arbeitspensum an, das keinen Aufschub duldete. In der Tat machte sie sich gleich ans Werk, vollführte das aber so schnell, daß sie dann mehrere Tage einfach nur frei hatte.

Bevor ihr Ehemann allzu sehr ins Schwärmen kommt, sei eine vergleichsweise neutrale Stimme wiedergegeben, die Francesca nur einmal, für wenige Tage am Stück, erlebte. Tamara Albertini, Professorin für Philosophie an der Universität Honolulu, lud sie nach Hawaii ein, um dort für eine Woche zu weilen und Vorträge zu halten. Im Sommer 2008 flog Francesca von Cincinnati auf die Pazifikinsel. Trotz des gleichen Namens sind die beiden Damen nicht verwandt. Francesca hatte eines Tages im Internet Tamara entdeckt und über E-Mail Kontakt aufgenommen, wie sie das mit Hunderten von Kollegen oder anderweitig interessanten Menschen zu tun pflegte. Francesca war begeistert von dieser Vulkaninsel, die sie mit einem Leihwagen durchquerte. In einem Kondolenzbrief erzählt Tamara: »Francesca hat einen kolossalen Eindruck auf meine Kollegen und unsere Studenten gemacht. Sie war sehr professionell, zeigte aber anders als deutsche Akademiker keine Arroganz. Ihre römische Seele schien immer durch. Sie konnte sehr technisch sein und zugleich große Flexibilität zeigen. Sie besaß intellektuelle Demut und wußte sich doch zu verteidigen, wenn sie unfair angegriffen wurde. Ich konnte das hautnah erfahren, nachdem sie ein orthodoxer Jude nach einem Vortrag des Verrats am Judentum beschuldigt hatte. Francesca antwortete souverän, daß man das Judentum nicht auf Kriterien der Bronzezeit reduzieren könne.«

NATURELL

Die meisten, die Francesca im öffentlichen Raum erlebten, würden sie als eine Sanguinikerin, eine Optimistin beschreiben. Und sie war es. Sie war eine Italienerin, eine Römerin, eine Frau des Mittelmeerraums, auch dann noch, wenn sie so deutlich deutsch war. Sie konnte lachen, strahlen, mit den Augen funkeln, sie konnte auf die Menschen zugehen, war präsent, direkt, sie konnte schauspielern, theatralisch sein. Ihr Auftreten hatte etwas von Inszenierung, nur daß es authentisch war. Es war ihre Lebendigkeit, ihr Feuer. »Love and compassion appeared to me as the most natural connection to the world«, erklärte sie einmal.

Die Menschen beschrieben Francesca als warmherzig, gesellig, begeisterungsfähig, sympathisch, fröhlich, konzentriert, heiter, engagiert, klug, voller Zukunft, lebendig, quirlig und belegten sie mit Attributen wie Herzensgüte, Menschlichkeit, Liebenswürdigkeit, unbedingter Leidenschaft, Freude; es hieß, sie sei eine »eindrucks- und ausdrucksvolle Person ganz besonderer Art« gewesen; eine religiöse Stimme sprach von »einer von Gottes Wort durchdrungenen und bewegten Frau«. Ein hervorragender Menschenkenner unter den Komponisten beschrieb Francesca, die er nur ein paar Mal kurz erlebte, mit einer »Art Schweben«, als »einen Menschen voller Helligkeit und dabei von freundlichem Dunkel, etwas Ernstes und Heiteres zugleich war um sie …« Das trifft es.

Die positiven Attribute dominieren. Aber sie decken nur eine Seite ab. Francesca konnte immer auch wieder zusammenbrechen, weinen, sich unter der Bettdecke verkriechen. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, das konnte sich rasch abwechseln. Ich habe Jahre erlebt, in denen sie auch deprimiert, ja depressiv war und Tabletten nehmen mußte. Dann strengte sie sich an, daß die Außenwelt davon nichts bemerkte, verlangte doch ihre Ethik den Respekt vor dem Anderen. In diesen Augenblicken war der Schatten ihrer Existenz ganz auf den Partner und die Familie gerichtet. Sie hat immer wieder betont, daß sie im Verhältnis zu mir die Pessimistin sei, und zwar sowohl was die private, ihre ganz persönliche Zukunft anbelangt, als auch die zukünftige Weltentwicklung. Andererseits ging sie wie selbstverständlich davon aus, daß die Menschheit eines Tages andere Planeten bewohnen wird, was ein hohes Maß an Zukunftsoptimismus unterstellt. Francesca, eine Frau voller Sehnsüchte, war extrem widersprüchlich. Das muß man immer im Auge behalten.

Sergio war einer ihrer Lehrer am Gymnasium, ein sehr linker Römer mit großem Vermögen. Er entdeckte Francescas Hochbegabung, war von ihrer sozialkritischen Wachheit fasziniert und wurde ihr väterlicher Freund. (Genaugenommen war er der Lehrer für Maschinenschreiben, ein Fach, das er jedoch nicht beherrschte, was die Schulbehörde freilich ignorierte. So bat er Francesca, die diese Fähigkeit in kurzer Zeit erwarb, informell den Unterricht zu übernehmen, und bezahlte sie dafür aus eigener Tasche, womit diese wiederum, ganz typisch, Bücher kaufte.) Sergio sagte einmal, er habe in seinem ganzen Leben keine Frau kennengelernt, die wie Francesca zugleich so stark und so zerbrechlich sei. Das muß man wörtlich nehmen. Francesca war stark in ihren Ansichten und Handlungen. Aber sie konnte auch zusammenbrechen, und dies ziemlich unerwartet. Dann half nur, wie sie sagte, daß ich sie in den Arm nehme und einfach nur drücke. Francesca konnte eine beispiellose Empathie entwickeln. Als in der letzten Zeit wieder einmal in Israel eine Bombe hochging, schrieb sie sofort allen Freunden und Bekannten vor Ort und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Zugleich war Francesca nicht frei von Wutausbrüchen, auf die schwere Anschuldigungen folgen konnten, und Projektionen, die ihr Umfeld in ungebührlicher Weise belasteten.

Wie erklärt sich dieses Doppelwesen? Sicherlich lag eine bestimmte charakterliche Grundprägung vor. Diese aber wird in der Entwicklung abgeschliffen oder verschärft. Wenn man mit der zartesten Poesie, den erhebendsten Romanen, der hehrsten Philosophie lesend und im Umfeld der weltweit beeindruckendsten Kunstschätze aufwächst, zugleich jedoch mit der politischen und gesellschaftlichen Realität eines durch und durch korrupten Landes, das Italien nun einmal ist, konfrontiert wird, stumpft man ab und läßt es mit der Literatur und den großen Gedanken oder, wie Francesca es tat, entwickelt diese eigentümliche, fast schizophrene Doppelexistenz, die viele an ihr bewunderten. Eine Doppelexistenz führen auch die Juden. Sie sind Teil der Gesellschaft und doch wieder nicht. Sie sind auserwählt, exklusiv, mit hohem universalistischem Impetus und zugleich eine Minderheit, die Haß auf sich zieht. Eine Doppelexistenz führte sie auch als Italienerin, die Deutsche wurde, und als Frau in einer immer noch von Männern dominierten Wissenschaftswelt. Eine Doppelexistenz führte sie als Kind, als sie nicht wie die anderen draußen spielte, sondern sich hinter ihren Büchern fast versteckte. Und natürlich führte sie eine Doppelexistenz als chronisch Kranke unter »Gesunden«. Doppelexistenzen befördern Komplexität, die sich bei Francesca als Vielseitigkeit und extreme Schnelligkeit artikulierte. Und es führt zum »humani nihil a me alienum puto« (»nichts Menschliches ist mir fremd«), wenn man das ganze Auf und Ab des Lebens durchmißt.

Man denke aber nicht, daß Francesca mit der Welt eins gewesen wäre. Sie litt auch unter Einsamkeitsgefühlen, unter Verlassenheit, was selbst ich nicht immer ausgleichen konnte. Hinzu kam die Todesangst wegen des Diabetes. Manchmal schien sie wie verloren. Ich erinnere mich, wie sie einmal am Bahnsteig auf dem Berliner Hauptbahnhof auf mich wartete. Eine große Menschenmenge, nichts Ungewöhnliches. Und doch stand sie dort, als ob sie nicht dazugehörte, und erwachte zum Leben erst in dem Augenblick, als sie mich erblickte. Wieder eine Doppelexistenz. Als ob sie aus einer zweiten, nur ihr zugehörigen Welt gekommen wäre.

Diese zweite Welt, verstärkt durch die diversen Doppelexistenzen, ist typisch für Sonderbegabungen, die – etwas kitschig formuliert – eine intensivere Welt in sich tragen, als es die äußere ist. Francesca blieb auch ein Kind bis zum Schluß, typisch für Wunderkinder und Hochbegabte, die keine Zeit, sprich keinen Willen und keine Energie aufbringen, »normal« zu werden. Sie verweigern sich der Anpassung an die ordinäre Welt, an das Realitätsprinzip. Letztlich ist das auch sehr vernünftig, wenn es darum geht, Kreativität zu bewahren und zu steigern. Für eine juvenile Diabetikerin kann es freilich fatal sein.

Sie wußte sich zu schützen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wollte sie keine Spielfilme zum Thema Judenverfolgung mehr sehen. Ich glaube, der Pianist von Polański war der letzte. Ein Lied von Liebe und Tod – Gloomy Sunday, diesen Film verweigerte sie; aber auch Pane e tulipani (»Brot und Tulpen«), trotz der Paraderolle von Bruno Ganz. Dieser Film erinnerte sie wohl zu sehr an ihr eigenes Land. Den Untergang über Hitlers letzte Tage hingegen sah sie mit großem Interesse.

Francesca war eine hochemotionale Frau, deren Gefühlshaushalt zwar ihre Lebenslust und den Arbeitseifer antreiben, aber auch ihre Entscheidungen und Überlegungen bestimmen konnte. War sie erst einmal in Rage, konnte sie zu schnell reagieren und machte Fehler, die sie bei besonnenerer Haltung vermieden hätte. Francesca fehlte das Abgebrühte und Ausgebuffte. Sie war ein klarer Kopf, kein kühler. Sie hatte nicht das lebenserleichternde Privileg, intellektuell oder emotional zu sein. So konnte sie, wenn sie sich, weniger im Berufs- als im privaten Leben, angegriffen fühlte, aggressiv und launig werden. Es kam auch zu unschönen Szenen. Francesca war alles andere als ein Mensch ohne Schwächen. Sie kam aus der Spur, wenn es nicht so klappte, wie sie es vorbereitet hatte.

Francesca war von schnellem Urteil und von großem Selbstbewußtsein in ihren Ansichten. Was »man« denkt, war für sie niemals eine Größe. Sie lebte ihre »determinazione«, ihre Bestimmtheit. Sie war nicht arrogant in der konkreten Begegnung mit einem Menschen, konnte aber vernichtende Urteile fällen und abfällige Meinungen bilden. Im Sommer 1999 war sie auf einer berühmt gewordenen Tagung auf Schloß Elmau, zu der Bernhard Casper sie mitnahm. Sie kam zurück und erzählte lebhaft. Als ich in der Zeitung las, daß auch Peter Sloterdijk aufgetreten war, und sie danach fragte, warum sie denn diese Berühmtheit nicht erwähnt hatte, wurde sie energisch: »Was, dieser Schwätzer, dieser aufgeblasene Pseudophilosoph soll berühmt und anerkannt sein? Das kann ich nicht glauben!« Sie hat späterhin ihre Ansicht nicht geändert. Hatte sie einmal jemanden »gefressen«, so die Ministerin Ursula von der Leyen, war jedwede Diskussion vergebens.

Verlief das Leben hingegen, wie sie es sich eingerichtet hatte, dann war sie relativ ruhig und berechenbar. Dabei konnte sie sehr wohl Melancholie befallen, und das nicht erst, seit die Krankheit ihr Leben zur Gänze umwarf. Francesca litt mit, wenn im Privaten oder Politischen Unglücke passierten. »Ich fühle mich schwach und zerbrechlich«, schrieb sie an Freunde nicht nur einmal. Allein, diese Schwächen sind – fast trivial zu sagen – menschlich, die Melancholie gehört zu allen tiefsinnigen Menschen, und ohne das Leiden ist Kreativität kaum vorstellbar.

»Kollektive haben in meiner Lebensphilosophie keine Bedeutung: Ich betrachte jeden Menschen als ein singuläres, einmaliges Phänomen, das zwar seinen besonderen kulturellen, sozialen und anthropologischen Hintergrund hat, aber mit der Auseinandersetzung mit diesem Hintergrund zu einem einmaligen, besonderen, individuellen Geschöpf wird.« Damit erklärte Francesca ihr Menschenbild. Mir ist das sehr früh aufgefallen: Sie hatte keine Probleme mit »normalen« Menschen, zeigte mithin genau dasjenige Verhalten nicht, das bei Intellektuellen häufig zu beobachten ist, deren Unfähigkeit zu umgangssprachlicher Kommunikation in der Normalsprache. Es gibt Bilder, da sitzt sie inmitten ihrer Tauchergruppe in einer Blockhütte und strahlt. Ich möchte nicht wissen, mit wie vielen Menschen sie per Du war. Es ging schnell. Ihre Freiburger Zimmervermieterin sagte nach der Beerdigung, sie sei die einzige Studentin gewesen, mit der sie sich geduzt hatte. Statussymbole waren Francesca absolut gleichgültig. Sie kommunizierte auf Augenhöhe, war stets extrem höflich und fragte lieber einmal zuviel als zuwenig. Sie war ein Exemplar der sprichwörtlichen jüdischen Herzlichkeit, Weltoffenheit und Gastlichkeit.

Das zeigte sich am deutlichsten in Berlin und Potsdam, an ihrer Arbeit, an ihrer Wirkungsstätte zusammen mit den Kollegen und Studenten. Dort verschränkte sie das Persönliche mit dem Universitären. Es sei ein längeres Zitat wiedergegeben, Ausschnitte aus einer studentischen Rede. Sarah Pohl, die eine Freundschaft mit ihrer Professorin Francesca verband, sprach auf der akademischen Trauerfeier der Universität. Sie beschreibt die Lehrerin, die stets nicht nur eine Lehrerin war. Gewiß, auf einer Abschiedsfeier wird nur Gutes gesagt, aber was hier steht, ist authentisch und könnte von mir nicht besser formuliert werden.

»Ich werde die Gespräche mit ihr vermissen, die italienischen Sprichwörter und Redewendungen. Ich werde mich an ihre Kindheitsanekdoten erinnern, die sie in ihre Vorlesungen und Seminare einwob, an ihre manchmal weltfremden und um so intellektuelleren Witze und Vergleiche. Ihre Energie, die übermenschlich wirkte, die auch bei einer spontan einberufenen Zweimann-Vorlesung an einem Samstagmorgen acht Uhr jede Müdigkeit vertrieb und immer den Wissenshunger auf mehr versprach. Ganz besonders jedoch werde ich das persönliche und oft private Gespräch mit ihr vermissen, ihre aufmunternden und, Zitat, ›aufpumpenden‹ Worte. Ihren Optimismus, dessen Herkunft mir unersättlich und unergründlich zugleich schien. Ihren enorm starken Willen, um den ich sie nicht nur einmal beneidete, Francescas unglaubliche Lebensfreude.

Ich kann und möchte euch, liebe Studenten und Kommilitonen, dazu aufrufen, dies in euren Herzen zu bewahren, diesen enormen Willen nach Fortschritt und Erkenntnis. Bewahrt euch diesen Willen und das Streben nach Weisheit und gleichzeitiger Menschlichkeit. Das, was von Francesca Albertini in uns allen weiterlebt, ist ihre Lehre. Sie war ein Mensch der unvergleichlichen Sorte, eine Frau und Dozentin, die ihre Arbeit lebte, wirklich lebte. Sie lebte ihre Ethik, ihren Anspruch an Moral und Wahrheit. Für sie gab es schlicht keine Grenzen, sie nahm ihre Arbeit, wenn man überhaupt davon sprechen kann, stets mit nach Hause. So war es Tatsache und Beruhigung zugleich, daß sie stets erreichbar war, stets und wirklich immer (!) auf E-Mails, SMS oder Telefonanrufe antwortete und reagierte. Hin und wieder verteilte sie sogar ihre private Telefonnummer, um ihrem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Auch im Ausland war sie stets zu erreichen und sorgte sich um den individuellen, bestmöglichen Erfolg eines jeden einzelnen Studenten.

Es geschah oft, daß ihre Sprechstunden neben der offiziellen zum Beispiel in einen Freiblock gebettet wurden, vor oder hinter einen Kurs geschoben wurden oder gänzlich außerhalb der universitären Maßstäbe stattfanden. Ich erinnere mich an sehr lange und erschöpfende, doch zufriedenstellende Sprechstunden und Termine, die nicht selten in einem mehrstündigen Gespräch endeten. Sie wurde nicht müde, Literaturlisten zu versenden, Hinweise auf Zeitungsartikel und Gedanken zum zuvor Besprochenen.

Sie wurde nicht müde, ihr Engagement für ihre Lehre und ihre Studenten auch in Zeiten schwerer Krankheit oder auch nur unvorhergesehener Situationen und Pannen aufrechtzuerhalten. Mit einem Lächeln und allergrößter Hochachtung erinnere ich mich an den Beginn des letzten Sommersemesters im April 2010, als dieser unaussprechliche Vulkan auf Island ausbrach. Francesca war zu dieser Zeit in London gestrandet, machte aber das Beste aus der Situation und versuchte unerbittlich, nach Berlin bzw. Potsdam zurückzukehren. Statt das erste Seminar wegen ›höherer Gewalt‹ und unvorherzusehender Umstände ausfallen zu lassen, konnte sie eine Fahrkarte für die Fähre Dover-Calais ergattern und fuhr ungefähr 24 Stunden nonstop nach Berlin zurück. Ihr erster Halt war dabei nicht etwa ihr Bett oder ihre Wohnung, wie wir Studenten es erwartet hätten, sondern der Seminarraum, in dem sie uns müde, aber zufrieden und voller Optimismus und Freude auf den Unterricht begrüßte. Diese Situation ist eine von vielen. Sie zeigt das unglaubliche Pflichtgefühl Francesca Albertinis, das ein Teil von ihr war, das sie lebte und gleichzeitig auch so menschlich und vorbildhaft erschienen ließ.

Sie war ein so nahbarer Mensch, grenzenlos freundlich, offen, bestimmt. Trotz ihres stets so engen Terminkalenders hatte sie stets Zeit für einen Kaffee oder einen Gang um das Unigebäude, stets ein Ohr und erhellende Ratschläge, die jedwede Sorge in die Ferne rückten. Im Sommer verlagerte sie die Seminarsitzungen ob der unerträglichen Raumhitze zumeist hinaus auf die Campuswiese, ›frei nach Aristoteles‹, wie sie gern scherzte. Intensiv konnte sie uns ihre Lehre vermitteln. Dabei ging sie stets frei jeden Skriptes in ihre Seminare, und ließ uns teilhaben an ihrem lexikonumfassenden Wissensschatz. Francescas Ansichten waren dabei allzu oft sehr überraschend und neuartig, sehr nachvollziehbar und perspektivisch einfach einzigartig.

Ihre Ansichten haben Augen geöffnet, zum Nachdenken und Nachfragen angeregt und immer wieder Hunger auf mehr gemacht. Sie versuchte stets, sich in die Reihe der Studenten zu stellen und auf Augenhöhe mit ihnen zu kommunizieren, indem sie zum Beispiel beinahe nach jeder Vorlesung anbot, mit Seraphina, ihrem roten Auto, nach Berlin zurückzufahren.«

Francesca, die keine Kinder wollte, sah in ihren Schülern die Kinder, die sie nicht hatte. Sie sorgte und umsorgte. Das war schon früher so. Aus Frankfurt erreichte mich ein Kondolenzbrief einer ehemaligen Studentin, die Francescas Unterricht nur im Superlativ beschrieb. Ich selber war ja ihr Schüler, anfangs, auf der Villa Massimo, ich spürte etwas von der erzieherischen Kraft eines Menschen, der sich mit dem ihm Anvertrauten gänzlich identifiziert, damit das, was gelehrt wird, auch in die Gesamtpersönlichkeit einwandert.

Für sie waren Theorie und Praxis, also Forschung und Lehre, eine Einheit. Warum? Einfach weil es für die jüdische Ethik der Mitzwot, der guten Taten, keinen Bruch gibt zwischen den Sachen und ihrer unmittelbaren Bedeutung für das Leben der Menschen. Ich hatte sie mehr als einmal auf die Möglichkeit angesprochen, angesichts der meschugge gewordenen Verwaltungsarbeit an der Universität, das pädagogische Engagement zurückzunehmen, um die Forschung zu schützen. Sie widersprach sofort. Das wäre unverantwortlich gegenüber denen, um die es geht, den Studenten, sagte sie. Ihr Büro in Potsdam, obwohl 25 Kilometer entfernt, war wie ein Außenposten ihrer Wohnung. »Ich halte mich für einen sehr glücklichen Menschen, weil Leidenschaft und Arbeit bei mir zusammenfallen«, erklärte sie einmal in einem Interview.

Hatte Francesca Hobbys? Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Sicherlich hatte sie keine im Sinne regelmäßiger Freizeitbeschäftigungen, für die bestimmte Zeiten der Woche vorbehalten waren. Auch war sie keine Sammlerin, sieht man von den vielen Büchern ab. Sie war eine Frühaufsteherin, die durcharbeitete, um gegen Abend rasch zu ermüden und dann erschöpft ins Bett zu fallen. Sie hatte jedoch Hobbys im Sinne der Leidenschaft von sehr persönlichem Zuschnitt. Tauchen zum Beispiel. Francesca war unsportlich. Sie fuhr zwar Fahrrad und schwamm gerne, aber körperliche Anstrengung, und sei es um der Fitneß willen, war ihr unangenehm. Erst in den Wochen vor ihrem Tode wurde sie, unter einem medizinischen Standpunkt, »vernünftig« und kaufte sich Trainingskleidung fürs Joggen.

Im Wasser war sie überglücklich. »In einem früheren Leben war ich ein Fisch«, sagte sie. Auf einer Karte nannte sie sich eine »Delphinin«. Im Frühjahr 2005 entdeckte sie, trotz des Diabetes, das Tauchen und schloß sich einem Verein in Freiburg an. Ende April tauchte sie zum ersten Mal, für 35 Minuten in neun Meter Tiefe. Bis zum Sommer 2007 sollte sie noch 66 Mal unter Wasser gehen. Sie machte regelmäßige Ausflüge ins Freiburger Umland, aber auch ins Salzkammergut, ins Tessin und nach Mallorca mit zwölf Tauchgängen im offenen Meer. In einem Tauchvideo aus diesem Urlaub sieht man Francesca vorbeischwimmen und in die Kamera winken. Wie immer strahlte sie. Unter Wasser fand sie buchstäblich Ruhe. Auch hier war sie ehrgeizig. Sie bestand die Prüfungen, erwarb die Brevets in Bronze und Silber, das Goldbrevet strebte sie an. Dafür mußte sie viel lernen, auch Technik und Theorie, mithin etwas, was ihr sonst überhaupt nicht lag. Aber sie biß sich durch und war danach sehr stolz, wenigstens auf einem technischen Gebiet es geschafft zu haben. In ihrem Tauchbuch hielt sie immer fest, was sie alles sah, Oktopusse, Fische, auch solche, die sich gegenseitig fressen, Felsformationen, die Szenerie bei Nacht oder Nebel. Tauchreisen auf die Malediven und Seychellen waren angedacht.

Ein anderes Hobby, dem sie vor allem in der Freiburger Zeit frönte, waren Krankenhausserien im Fernsehen, aber nicht etwa die spießigen deutschen à la Schwarzwaldklinik mit ihrem gutmenschelnden Touch, sondern die actionreiche amerikanische Serie Emergency Room, wo auf der Notaufnahme ein Notfall in größter Hektik den nächsten jagt. Genau diese Katastrophenstimmung brauchte sie. Abende, an denen sie gezeigt wurden, waren tabu für alles andere. Francesca saugte die Episoden auf wie Kinder, die spannende Bücher verschlingen. Sie liebte daran die Mischung aus Gefahr und Rettung. Sie, die Tochter eines Intensivmedizinpflegers, interessierte sich für Medizin in all ihren Facetten. Die Ironie ist, daß, als ihre chronische Krankheit ausbrach, auch bei ihr der Notarzt nicht nur einmal gerufen werden mußte.

Eine andere »Heilige Kuh« war Star Trek. Francesca war ein Trekki par excellence. Sie kannte alle Folgen und wußte alles. Sie las die entsprechenden Bücher, so von Leonard Nimoy, dem Darsteller des legendären Mr. Spock, sowohl das Buch I am Spock als auch das Buch I am not Spock. Als in Berlin der neue Star Trek-Kinofilm Premiere hatte, kaufte sich Francesca Monate vorher eine Karte. Nachdem ich es einmal versäumt hatte, den Videorekorder zu programmieren, gab es einen Ehekrach. Im Herbst 2010 hielt sie auf dem Gründungskongreß der Deutschen Fantastikforschung einen Vortrag über die Religiosität in Star Trek. Sie überlegte sich ernsthaft, von Cincinnati nach Los Angeles zu fliegen, nur um endlich die Paramount Studios besuchen zu können, wo die Serien gedreht wurden.

Francesca liebte die Tiere, ging gerne in den Zoo, wollte sich lange Zeit einen Hund zulegen und erwarb schlußendlich eine Katze. Beim Tauchen faszinierte sie die Unterwassertierwelt. Mit jener Sarah Pohl wurde ein Forschungsvorhaben zur jüdischen Tierethik vereinbart. Tierbabys in natura oder im Fernsehen, vor allem von Großtieren wie Elefanten, entzückten sie; Francesca kam ins Schwärmen und Schmachten, wie Großeltern beim Anblick ihrer neugeborenen Enkel. Im Zoo in Guilin, wo die Affen sich frei bewegten und durchaus das Gelände verließen, in der Vogelabteilung auf Madeira hatte sie ihre helle Freude.

In ihre Katze Samira, eine Britische Kurzhaarkatze, verliebte sie sich auf den ersten Blick. Sie erwarb im Frühjahr 2010 die drei Monate alte Zuchtkatze und kaufte daraufhin alles nur Erdenkliche, was eine Katze eventuell brauchen könnte, manches doppelt, manches Sinnlose. Sie schloß eine Krankenversicherung ab, meldete sich bei der GPS-Ortung verlorener Katzen an und war Samira gegenüber mindestens so hypochondrisch wie zu sich selbst. Der Kinderwunsch, der ab und an latent in der Psychoanalyse eine Rolle spielte, war mit diesem Haustier endgültig erledigt. Francesca hatte ein Baby, etwas zum Schmusen und Umhätscheln. Wenn das Ersatzbaby sich nachts zu ihr aufs Bett legte und schnurrte, war für Francesca die Welt heil, wie in der Kindheit. Auf dem Potsdamer Schreibtisch stand eine Postkarte mit einer lebhaft spielenden Katze und einem Satz von Rilke: »Das Leben und dazu eine Katze, das ergibt eine unglaubliche Summe!«

PARTNERIN

Francescas Geschichte läßt sich nicht zweigeteilt erzählen. Hier die Person, das Leben, das Schicksal ihres kurzen Lebens. Dort ihr Werk, ihre Philosophie, ihre Überzeugungen. Es muß ein Buch geschrieben werden, das der Einheit dieser beiden Seiten nachgeht. Francesca war eine authentische Jüdin genau darin, daß ihr Leben und ihr Werk ineinandergreifen, ihre Abstammung aus Rom und dem Judentum, ihre Emigration nach Deutschland, ihre Krankheit und ihr früher Tod auf der einen Seite, ihre Forschung, ihre Politik, ihr Verhalten den Menschen gegenüber, ihre Ethik auf der anderen. Ihr Politikbegriff verlangte diese Einheit ihres Lebens, ihres Menschlichseins und ihrer Arbeit. So hatte ihr kurzes Leben den Charakter eines Projekts, Aussöhnung auf verschiedenen Ebenen zu leben, es zumindest zu versuchen. Zu diesem Projekt gehörte unverbrüchlich ihre Ehe mit mir. Daß sie einen Deutschen mit sehr ähnlichen kulturellen Absichten wählte, ist kein Zufall und entfaltet sein Gewicht. Ich kann daher nicht anders, als ihre Geschichte immer auch aus dem Blickwinkel meines eigenen Lebens zu erzählen. Wir hatten ein gemeinsames Projekt.

Der künftige Mann meiner größeren Schwester bekam Ende der 1960er Jahre einen Studienplatz für Medizin in Freiburg. Nachdem beide dorthin zogen, war ich regelmäßig in den Ferien Gast in dieser Stadt. Ich partizipierte als Teenager an den akademischen Kreisen, vor allem des Instituts für Medizingeschichte, an dem mein Schwager Assistent wurde. Ich gewöhnte mich an die »ökologische« Stadt des Südens, die mir zur zweiten Heimat war, nachdem ich im häßlichen und proletarischen Mannheim niemals recht heimisch geworden war. Anfang der 80er Jahre entdeckte ich, daß Freiburg, die Musikhochschule, genauer das dortige Institut für neue Musik, das Mekka des fortschrittlichen Komponierens war, sozusagen eine Freiburger Schule in sich barg wie einst die österreichische Hauptstadt die Zweite Wiener. Dort lernte ich im Sommer 1984 Brian Ferneyhough kennen, einen Jahrhundertkomponisten, einen der luzidesten Lehrer seiner Zeit. Freiburg bot mir mithin das optimale Klima, Musik zu studieren, zu komponieren und die berufliche Laufbahn aufzubauen.

Francesca wiederum begegnete auf der Suche nach einer Promotionsmöglichkeit, die das korrupte und mafiöse italienische System ihr vorenthielt, im Herbst 1998 auf Vermittlung des römischen Universitätsprofessors Marco Maria Olivetti dem deutschen Religionsphilosophen Bernhard Casper, der nicht zögerte, Francesca die Promotion zu vermitteln: Der Privatdozent Hans-Helmuth Gander wurde Erstgutachter an der Philosophischen Fakultät, der Casper als Theologe nicht angehörte. Dieser wurde zum väterlichen Mentor und zum Zweitgutachter. Und wieder war es Freiburg: Casper war Ordinarius für Religionsphilosophie an der dortigen Universität. Was wäre gewesen, wenn er in Flensburg, Eichstätt, Trier oder Stralsund gelehrt hätte? Wohin hätten wir, von Rom kommend, gehen sollen? Eine Fernbeziehung? Ein Neustart an einem für Francesca zwar günstigen, für mich freilich gänzlich unpassenden Ort? Zum Glück stellte sich diese Frage nicht. Unser gemeinsamer Beginn war perfekt. Francesca wuchs in eine Familie hinein, die ihr die härtesten Anpassungen ans tägliche Leben abnahm, in die meine. Das ist für jemanden, der aus dem Ausland einwandert, von nicht zu unterschätzendem Wert.

Am Tage nach unserer Hochzeit fanden wir eine Wohnung an dem kleinen Flüßchen Dreisam, gelegen zwischen Berg und dem Wasser, quasi in der Natur, in jener Kartäuserstraße, in der auch der Südwestrundfunk mit einem der weltbesten elektronischen Studios, dem legendären Experimentalstudio, das mit Nono berühmt wurde, seinen Sitz hatte, an dem ich für Jahre arbeiten sollte. Die Wohnung gehörte einem alten Zahnarzt aus Breisach, der sie für seinen Freund, den Philosophen Max Müller, gekauft hatte, der dort starb, wo Francesca dann ihre philosophische Doktorarbeit schrieb.

Freiburg war also perfekt. Von dieser Stadt aus konnte sie ihre temporären Lehrverpflichtungen in Frankfurt, Heidelberg und Fribourg in der Schweiz problemlos erpendeln. Wenn ich im folgenden über die perfekte Partnerschaft nachdenke, dann sollte immer diese wundersame und zugleich ganz wunderbare Rolle, die diese Stadt spielte, im Gedächtnis behalten sein. Ich ging von Freiburg nach Rom, Francesca ging von Rom nach Freiburg. Bis 2007 war diese Strecke unsere Achse, später erweitert um die Achsen Freiburg/Berlin und Leipzig/Berlin.

Gibt es eine perfekte Partnerschaft? Bei uns waren die elementaren Voraussetzungen der Lebensführung die gleichen. Das hieß, daß wir beide keine Kinder wollten. Von Anfang an nicht. Francesca hatte das bereits in der Teenagerzeit für sich entschieden. Ich empfand ebenfalls niemals diesen Wunsch. Wir widmeten unser Leben der Arbeit. Der Selbstverwirklichung als Forscherin und Dozentin, als Komponist und Intellektueller galt unsere Priorität. Das war auch der Grund, warum wir uns nicht gegenseitig als Besitz betrachteten, auch wenn die tiefe Liebe, die uns verband, derlei erheischen könnte. Wir waren uns einig darin, dem anderen, um dessen beruflicher oder kreativer Laufbahn willen, die Freiräume zu gewähren, die er benötigte. Das betraf vor allem die Wahl des Ortes, an dem man lebt. Da Francesca so schnell wie möglich Professorin werden wollte, bewarb sie sich auch außerhalb Deutschlands und wurde alsbald in den USA und nach Großbritannien eingeladen. Aus meiner Sicht kann ich sagen: gottlob erfolglos. Aber ich wäre diese räumliche Distanz, einer zukünftigen Alternative im Blick, ihr zu konzedieren sehr wohl bereit gewesen, so wie ich wie selbstverständlich ihr den langen Israelaufenthalt gönnte, obwohl die terroristische Gefahr während der zweiten Intifada nicht zu unterschätzen war, was Freunde veranlaßte, mir einzuflüstern, ich solle doch ein eheliches Machtwort sprechen. Wir führten eine moderne Ehe. Wir waren beide emanzipiert. Wir ergänzten uns: Francesca war meine Fremdsprachensekretärin, Reiseleiterin, Museumsführerin und nicht selten das lebende Lexikon. Ich war ihr Steuerberater, Handwerker, Computerspezialist und Führer durch die deutsche Sprache.

Gibt es eine perfekte Verbindung? Waren wir nicht grundverschieden? Wie häufig wurde ich auf meinen musikalischen Reisen gefragt, ob denn meine Frau auch Musikerin (oder Komponistin) sei. Stets wies ich das zurück, mit Stolz und mit Freude. Nicht, daß ich etwas gegen Musikerinnen oder Komponistinnen hätte, aber ich war überglücklich, jemanden an meiner Seite zu haben, die eine ganz andere Welt mitbrachte. Äußerlich konnte man meinen, daß wir genau nicht zusammenpaßten. Ich bin nicht religiös, ja geradezu atheistisch und meide kollektive Rituale, zu denen nun einmal auch die religiösen gehören. Francesca wiederum war zwar musikalisch und sang gerne, Musik gehörte aber nicht zu ihren Wissensgebieten (alle Bücher, die ich ihr schenkte, wurden geflissentlich ignoriert); sie konnte mit Musik ohne Worte kaum etwas anfangen. Sie liebte es, mir zuzuhören, wenn ich die Aria der Goldbergvariationen spielte. Aber danach war es auch schon wieder vorbei. Wir besuchten Opern, aber keine Konzerte. Außer denen mit meiner Musik natürlich.

Wie konnte das gutgehen? Ein Mann, dem die Religion fremd ist, eine Frau, für welche die Musik, ähnlich Kant, kaum mehr ist als reizvolle Proportionen, aber kaum einen Geist enthält? Es mag banal klingen: gerade deswegen. Wir ergänzten uns. Es klappte wunderbar, es war niemals wirklich ein Problem. Zumal sie, nicht einfach aus Liebe, sondern mit guten Gründen, meiner Musik Geist zumaß. Es war ja nicht so, daß Francesca nicht die großen Klassiker kannte. Aber sie war Verdianerin, ich Wagnerianer, wenn man das zuspitzen darf. Sie blieb hier Italienerin. Während meiner Zeit als Konsultant der Stuttgarter Oper bei deren Jahrhundert-Ring besuchten wir alle Premieren. Obwohl sie etwa die Siegfried-Inszenierung unter einem theatralischen Blickpunkt hoch lobte, war ihr der schwere, der blechlastige Ton dieser Musik wesensfremd, ohne daß sie sofort die Antisemitismuskeule schwingen mußte.

Francesca war musikalisch und hätte wohl gerne in der Jugend ein Instrument erlernt. Sie hatte eine schöne, sonore Altstimme, die sie aber aus Scham versteckte. Ich hatte sie immer wieder vergebens ermutigt, Gesangsunterricht zu nehmen. Francesca kannte unzählige Lieder auswendig und konnte die Texte rezitieren. Sie liebte, neben jüdischen Gesängen, vor allem die italienischen Cantautori, jene hochgebildeten italienischen politischen Liedermacher wie Fabrizio de André, Francesco de Gregori oder Francesco Guccini. Sie wollte über die »Kritische Theorie der italienischen Cantautori« einen Text für Musik & Ästhetik schreiben. Der italienischen Popmusik à la Ti amo von Eros Ramazzotti schämte sie sich hingegen. Francesca hatte Kontakt zu Künstlern: Für den in Rom lebenden Künstler Andrea Battantier schrieb sie einen Text, dieser widmete dem »child Francesca« ein Video über Konzentrationslager.

Musik mußte für sie mit Text oder Handlung verbunden sein. Als sie, die Freiburger Studentin, in ein akademisches Konzert gebeten und von mir über die Länge einer Mahlersymphonie aufgeklärt wurde, schob sie eine Krankheit vor. Daher liebte sie die Oper oder Chorgesang, so aus der Renaissance, die sie in meiner CD-Sammlung entdeckte. Bei Puccini schmolz sie dahin. Als sie in einer Kirche Thomas Tallis’ berühmte 40stimmige Motette Spem in alium hörte, war sie enthusiasmiert. An Opernabenden interessierte sie die Inszenierung mehr als die Musik. Wenn diese ihr nicht lag, konnte sie das Haus auch früher verlassen. Bei der Uraufführung von Klaus Hubers Schwarzerde in Basel konnte ich sie gerade noch aufhalten. Immerhin war Huber mein Kompositionslehrer und Francesca von seiner Erscheinung äußerst angetan. Aber für sie zählte der Inhalt, der Stoff mehr als die Musik.

Francesca liebte die Harfe. Immer wieder versuchte sie mich zu einer speziell ihr gewidmeten Harfenkomposition zu verführen. Ich wies sie auf den diatonischen Charakter dieses Instruments hin und daß dies mit meiner musikalischen Sprache schwer zu vereinbaren wäre – was sie aber nicht verstand. Ich solle nicht chinesisch reden, antwortete sie mir. Dabei hatte ich bereits ein Harfensolostück geschrieben. Sie wünschte sich jedoch ein eigenes, persönliches. 2010 überlegte sie sich ernsthaft, eine Handharfe zu kaufen und sich das Spiel autodidaktisch anzueignen. Hierzu vertiefte sie sich in eine Einführung in die Notenschrift. Sie entdeckte die dem Fünfliniensystem innewohnende Unregelmäßigkeit zwischen Ganz- und Halbtonschritten und beschwerte sich bei mir über solche Irrationalität, die ihr nur Zeit raube. Als ich erklärte, daß wir diesen Unebenheiten die Tonalität zu verdanken haben, erreichte meine Rede sie nicht mehr. Sie hatte bereits innerlich abgeschaltet. Von einer Harfe war nicht mehr die Rede.

Die Musik verband uns also nicht oder nur wenig. Doch die Gemeinsamkeiten waren überwältigend. Wir mochten nicht: Horoskop und Esoterik, Adlige, laute, lärmige Musik, extrem geschminkte Frauen, Kreuzfahrten (ich foppte sie, sie werde wohl kaum ablehnen können, wenn ich ihr eine Kreuzfahrt schenkte; sie drohte daraufhin mit Scheidung), teure Autos, Pelzmäntel, den Papstkult, Fußball, Scharlatanerie in der Kunstszene, die Postmoderne. Wir verachteten Westerwelle, amüsierten uns über den Freiherrn zu Guttenberg, Berlusconi verabscheuten wir. Wir mochten Bruno Ganz, Woody Allen, Venedig, Katzen, Kartoffeln (Francescas, der Italienerin, Lieblingsbeilage), Ironie, Bücher, Reisen, Politik, Philosophie, Theater, Museen. »Mein Leben besteht auch aus Literatur, Politik, Theater, Oper und Freunden«, schrieb sie einmal. Das war bei mir nicht anders. Regelmäßig fuhren wir nach Basel zu den Museen, in Berlin gingen wir in jede wichtige Ausstellung, in Rom sowieso.

Häufig verständigten wir uns über philosophische Metaphern. Zu unserer Hochzeit im September 1999 beschenkten wir uns gegenseitig. Ich bekam eine sechsbändige Aristotelesausgabe. Die Widmung: »Aristotelicamente, tu sei il ›sinolo‹ della mia vita!« »Aristotelisch gesehen, bist Du die Substanz meines Lebens.« Natürlich hatten wir intellektuelle Differenzen, etwa, was die Einschätzung von Derrida betraf. Er war für sie ein genialer Schriftsteller, aber kein genialer Philosoph, der Lévinas für sie war. In politischen Fragen trennte uns ihre Ungeduld. Sie wollte die Demokratie in China jetzt, das Elektroauto jetzt, die Abschaffung des Hungers jetzt, die Reform des Kapitalismus jetzt, die Überwindung revanchistischer Bewegungen in Europa jetzt. Es konnte ihr nicht schnell genug gehen. Immerhin las sie auf meine Anregung hin das eine oder andere politische Buch, das pragmatische und nicht nur prinzipielle Lösungen vorschlägt, so von Franz Josef Radermacher oder Jeffrey Sachs. Da für uns beide die Vernunft – und nicht etwa der Glaube oder die Ideologie – an erster Stelle stand, konnten wir uns rasch verständigen. Unterschiede ergaben sich aus der unterschiedlichen Lebenserfahrung, dem Alter, der Herkunft, Interessenlage, dem Geschmack und Temperament – mithin Allzumenschlichem. Aber einen Grunddissens gab es für uns nicht. Wir hätten ohne großen Konflikt ein Buch zusammen schreiben können.

Wer religiös ist, könnte sagen, daß Gott uns zusammengeführt hat. Aber nicht in dem einfachen Sinne, daß er die Liebe zweier Menschen stiftet; eher in dem, daß zwei füreinander bestimmt scheinen und der Zufall, der sie zusammenführt, keiner sein kann. Uns verband die messianische Idee. Es war ihr Thema. Nicht nur im Messiasbuch und in der entsprechenden Vorlesung, sondern insgesamt. Das gilt aber auch für mich, seit ich in den frühen Kindestagen mit gesellschaftlichen Revolutions- und Erlösungsthemen der 1968er Zeit geradezu vollgepumpt wurde und kaum anders darauf zu reagieren wußte, als mir einen idealen Staat auszumalen. Als ich zehn Jahre später Adorno und den Schlußaphorismus zum Messianischen Licht in den Minima Moralia entdeckte, war es wie eine Wiedergeburt. Auf eine neue Reflexionsstufe wurde mein latenter Messianismus weniger durch das Studium, so in Frankfurt, gehoben, als durch die Begegnung mit der Jüdin, die Francesca war. Es ist schließlich kein Zufall, daß ich eines Tages ein großes Chorstück mit dem Messiastext von Maimonides komponieren sollte.

Unsere Liebe ging bis zu einer Art siamesischer Verschwisterung. Mir fiel irgendwann auf, daß ich im Kreise meiner Leipziger Studenten nicht nur häufig über Francesca sprach, sondern das in einer Art und Weise tat, als ob sie eine allseitig bekannte Persönlichkeit sei. Wie Francesca andernorts über mich sprach, erfuhr ich erst später. Eine Kollegin von der University of Amsterdam schreibt: »Im Sommer 2001 traf ich sie wieder in Oxford, auf einem Sommerkolloquium in Yarton Manor. Ich erinnere mich klar, daß es Ihr Hochzeitstag war, und sie war so glücklich, von Ihnen zu hören und Blumen zu empfangen. Sie erzählte das der gesamten Gruppe und strotzte vor Glück. Es war offensichtlich, daß sie sehr stolz auf Sie war.« Ein Kollege in Potsdam schrieb ihr einmal: »Warum sagst Du mir nicht, daß Du einen so berühmten Mann hast? Ich dachte immer, Dein Mann ist einer jener Partner, die froh sind, wenn etwas Licht vom Gatten auf sie herabfällt und die mit tränennassen Augen im Auditorium sitzen, wenn der Gatte irgendwo geehrt wird. Bei euch wird das eher ein Spiegelungsverhältnis sein.« Francesca antwortet: »Du hast mich nie nach meinem Mann gefragt … Jetzt aber im Ernst: Ich bin auf meinen Clausi sehr stolz.« Aus Hawaii kam die Beobachtung: »Francesca hat Sie sehr geliebt und mit großer Bewunderung von Ihrem Talent gesprochen.« Jeder Witwer hört das gerne.

Die vielleicht wunderbarste Seite an Francesca war ihr phänomenaler Witz. Ironie war ihr Element, und sie litt darunter, daß die Deutschen diese häufig nicht verstünden, weil sie sie für bare Münze nähmen. Francescas mitunter harte, ja bissige, aber niemals zynische Bemerkungen (»Die Universitätsverwaltung zwingt mich zum Amoklauf«) erzeugten eine gewisse Leichtigkeit, um über das am Leben eben nicht Leichte hinwegzukommen. Ihre umfassende Bildung half ihr dabei, natürlich auch, daß sie aus mindestens zwei zusätzlichen Welten kam, der römischen und der jüdischen. Als der Verlag ihres ersten Buches ein graues Cover vorschlug, schrieb sie zurück, es erinnere sie an das größte Gefängnis in Rom. Das Buch erschien dann in Knallrot, ihrer Lieblingsfarbe, der Farbe der Liebe, des Feuers und der Leidenschaft, wie sie sagte. War sie erzürnt, rief sie durchaus: »Ich schicke den Mossad!« Wurden wir der häßlichen und geschmacklosen Seiten der Deutschen ansichtig, seufzte sie auf: »Mein Volk …« Wir konnten ganze Abende im Restaurant im Tonfall der Ironie, der Indirektheit und des Humors verbringen. Witze waren gleichfalls ein Medium unserer Weltverständigung.

Francesca war von genialischem Zuschnitt, eine Ausnahmebegabung. Aber das Attribut »Genie« adressierte sie an mich zurück. Das hört man als Komponist zwar gerne, ich wollte aber doch die genauere Begründung hören. Sie antwortete mit Kant: ein schöpferischer Geist, welcher der Materie die Regeln aufzwingt. Sie bewunderte mich als Komponisten auch, weil sie davon nichts oder kaum etwas verstand. Aber sie hörte den Geist in meiner Musik. Wie genau sie dafür Worte finden konnte, zeigt sich an meiner oktophonischen Raumkomposition void – mal d’archive, in der Klänge aus Libeskinds Berliner Jüdischem Museum verarbeitet sind. Sie nannte das Werk ein »Requiem ohne Gott«. Ich habe bisher keine trefflichere Formulierung gefunden. Vermutlich hatte Francesca recht, wenn sie das Schöpferische in mir verortete. Ihre philosophische Doktorarbeit war auch weniger ein eigenständiger systematischer Entwurf. Francesca war viel eher eine Person, deren hermeneutische Kraft sich ganz entfaltete, wenn sie mit fremden Texten konfrontiert wurde, wie es ihr Freiburger Mentor Casper einmal treffend formulierte.

Die Intellektuelle Francesca ließ sich nicht blenden. Da sie möglichst viele Bücher kaufte, die ihren Interessen entsprachen, erwarb sie auch das Buch Das Wissen der Religion von Norbert Bolz, ohne zu ahnen, wer dieser Autor ist. Sie las es auf unserer Andalusienreise. Zunächst sagte ich nichts und wartete ab. Nach etwa 30 Seiten klappte sie frustriert das Buch zu. »Da steht nichts Originelles drin, und vieles ist einfach nur sachlich falsch oder uninformiert.« Das war der Zeitpunkt, sie über den Blender und Pseudophilosophen, der Bolz nun einmal ist, aufzuklären, über einen Autor, der großspurig auftritt, im besseren Fall aber nur Allgemeinplätze verkündet. Ich mußte schmunzeln, eine andere Reaktion von ihrer Seite hätte mich gewundert.

Wie ich schon andeutete und Tamara Albertini in ihrer Beschreibung bestätigt, trat Francesca nicht als Intellektuelle auf. Es fehlte ihr die Arroganz, vielmehr war sie getragen von Demut. Ihr fehlte das paranoische Gesicht weiblicher Intellektueller, die bereits auf Angriff gehen, bevor überhaupt etwas gesagt ist. Francesca war weder Kampffeministin noch Kampfjüdin, auch keine Kampfphilosophin. Sie wußte, daß sie, der »shooting star«, das nicht nötig hatte; sie lebte ein anderes Leben, eines, das nicht trennt zwischen Leben und Arbeit, zwischen Lebensvollzug und der weltanschaulichen Ausrichtung. Ihre Gesichtszüge hatten nichts von dem Verhärmten, Angespannten, Kopflastigen, Besserwisserischen, dem man so häufig in Deutschland unter Akademikern begegnet, auch nichts von der ewigen Opferrolle der Jüdin, deren Volk vernichtet werden sollte. Sie hatte auch nichts von einem Minderwertigkeitskomplex des zu Recht oder zu Unrecht verkannten Genies. Schon eher hatte sie etwas von einer Schauspielerin, wandelbar, ausdrucksstark, facettenreich, klug. Selbst für mich, der sie auch anders erlebte, ist frappant, daß sie auf fast allen Bildern in die Kamera lacht. Sicher, das war auch dem Gegenüber geschuldet. Aber diese hier ausgedrückte Lebensfreude muß man erst einmal in sich spüren. Das Harte im Gesicht einer Hannah Arendt fehlte ihr gänzlich. Eher könnte man sie mit Anne Frank, Etty Hillesum und Simone Weil vergleichen, zumal Francesca immer wesentlich jünger aussah, als sie war. Es gibt ein Bild aus Las Vegas, auf dem die 32jährige wie ein Teenager aussieht. Francesca bleib immer auch ein Kind. Selbst noch als Professorin. Eine Doppelexistenz eben.

REISEN

Reisen, in der Welt herumkommen war uns beiden essentiell und existentiell. Immer wenn ich Francesca fragte, was wir machen sollten, wenn wir zuviel Geld hätten (sie war an Luxus à la Autos, Kleidung, Schmuck und dergleichen völlig desinteressiert), sagte sie »reisen«. Sie wollte die ganze Welt sehen. Nicht nur, um die diversen Naturformationen und die großen Orte der Kulturen, sondern auch die verschiedenen Völker kennenzulernen. Das war schon als Teenager der Fall und wurde nach unserer Hochzeit systematisch ausgeweitet. Ihre, unsere Reisen waren ein integraler Teil unseres Politikverständnisses. Gerade hier, beim Reisen, zeigte sich unsere Syntonie. Wie oft sind Urlaube oder Besichtigungen belastet, weil die Partner, was Geschwindigkeit und Interessenlage betrifft, divergieren. Nicht so bei uns. Wir waren intensiv, gründlich, gut vorbereitet und absolvierten unser Programm zügig.

Unsere Reisen waren generell eher kurz, eine Woche oder zehn bis zwölf Tage, aber nicht länger. Nach acht Tagen meldete sich die Arbeit, wir mußten zurück an den Schreibtisch. Entsprechend waren unsere Reisen vollgepackt. In den zwölf Tagen China hatten wir immerhin vier Binnenflüge. Und auch Ägypten mit der Route Luxor, Assuan, Abu Simbel, Kairo mit einem Abstecher nach Sinai schafften wir in zehn Tagen, ohne daß wir das Gefühl hatten, etwas zu versäumen. Wir waren schnelle, schnell aufnehmende Menschen. Die Vorstellung, man hielte sich beispielsweise drei Wochen in einer Stadt auf, um deren Flair einzusaugen, war uns fremd. Auf Achse waren wir beide allein schon unseres Berufes wegen. Hinzu kamen das ständige Pendeln für die Lehrtätigkeit, die regelmäßigen Besuche bei der Familie in Rom sowie die längeren Studienaufenthalte.

Francesca kam viel herum, in der Schulzeit bereits nach Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich, in unserer gemeinsamen Zeit Kalifornien, New York, Granada, Krakau/Auschwitz, St. Petersburg, Budapest, Ägypten, Israel, Jordanien, China und Burgund. Moskau, Hawaii, Oxford, Toronto mit den Niagarafällen und einige amerikanische Städte wie Las Vegas, Cincinnati und Princeton besuchte sie ohne mich. Wir hatten für die Zukunft viele große Reisen geplant: Mexiko, Tibet (das war einer ihrer sehnlichsten Wünsche), Marokko, Indien, Zentralasien, Syrien, Laos/Kambodscha, eine Safari durch die Tierwelt Afrikas und zahlreiche Städte wie Dublin, Prag oder Istanbul. Ihr Wunsch war es auch, in Hiroshima zu beten. Im Vordergrund standen Bildungsreisen, die wir selber zusammenstellten. Reisegruppen wollten wir uns niemals anschließen. Lieber buchten wir organisierte Touren mit einem persönlichen Reiseführer und einem Fahrer, der auf uns wartete, so daß wir uns nach Belieben einrichten konnten. Wir waren Individualisten.

Francesca bewegte sich ganz ungezwungen im Ausland. Sie beherrschte die Sprachen, hatte keine Angst, auf Menschen zuzugehen. Ja, sie war auf einem Tourismusgymnasium gewesen – ob das sie geprägt hatte? Jedenfalls spürte man, daß sie auf der ganzen Welt zu Hause sein konnte. Sie war eine Kosmopolitin, die Freude daran hatte, neue Völker und deren Gepflogenheiten kennenzulernen. Eine Konstante war das Kartenschreiben. Gleich, wo Francesca sich aufhielt, im Urlaub oder auf einem Kongreß, der erste Gang führte zu einem Ständer mit Ansichtskarten. Sie bedachte die Familie, die Freunde und Kollegen. Natur interessierte sie nur insofern, als sie keine körperliche Anstrengung bedeutete. Eine von Francescas Ideen war eine Schiffsreise zu den Pinguinen in der Antarktis. Sie hatte sich schon eine Route von der Südspitze Argentiniens aus überlegt. Auch Island wollte sie sehen, ohne dort groß herumwandern zu wollen. Für Inseln wie Madeira oder Hawaii wurden Leihwagen organisiert.

Die Konstante unserer Reisen war natürlich Italien. Ich kann nicht zählen, wie häufig wir dort waren, einzeln oder gemeinsam. Sie hatte dort beruflich zu tun und besuchte ihre Eltern vor allem zu jüdischen Festen, bei denen sie Heimweh, »nostalgia«, verspürte. In Rom bewegten wir uns wie zu Hause, Francesca sowieso, aber auch ich behandelte diese Stadt wie meine zweite. Wir trafen die Familie und Freunde und genossen die großen Ausstellungen, so zum Futurismus im Herbst 2001 oder »I tesori degli aztechi« im Frühjahr 2004. Nachdem wir von der Villa Massimo aus Venedig, Neapel und die Abruzzen besucht hatten, machten wir unsere Hochzeitsreise von Rom aus, wo im erweiterten Familienkreis gefeiert wurde, nach Florenz.

Allein, unser Herz schlug die ganze Zeit für Venedig. Die Serenissima war unser beider Traum, und das viel länger, als wir uns kannten. Man bedenke: Francesca, italienabstinent, wäre für Venedig – genauer: einen Lehrstuhl mit einem amerikanischen Gehalt nebst einem Palazzo – bereit gewesen, nach Italien zurückzukehren. Das will etwas heißen. Wir waren dreimal gemeinsam dort. An jenem Wochenende 1998, als Rot-Grün die Bundestagswahl gewann, 2005, als ich für zwei Monate Stipendiat am Centro Tedesco di Studi Veneziani war und Francesca mich besuchte, und 2010 im Frühsommer. Venedig war für uns der Inbegriff dessen, was Italien für die Menschheit bedeutet: Kunst, Größe, Eleganz, Kultur, Renaissance, Republik, aber auch die spezifische Morbidezza tat uns gut. Dann die Abwesenheit von Autos, das Wasser, das jüdische Ghetto. Venedig war für uns außergewöhnlich, und das heißt buchstäblich: wie nicht von dieser Welt. Eine Gegenwelt. Gewiß, die Touristen, die diese Stadt bevölkern, muß man ignorieren; wir als Italiener konnten dies auch. Wir kannten die Schlupflöcher.

Unsere erste ganz große Reise ging nach China – wohin sonst? Wenn wir schon so viel Geld ausgaben, dann für das Land, das uns naheliegend und zugleich fremd erschien. Im September 2000 war es so weit. Francesca plante: Beijing, Xi’an, Shanghai, Guilin, Hongkong. Wir landeten frühmorgens mit einem schrecklichen Jetlag in Peking bei bestem Sommerwetter. Endlich eine Weltreise, endlich das Land der Mitte, wir fühlten uns wie in Sektlaune. Wir liefen in die Stadt, zum in jeder Hinsicht geschichtsmächtigen Tian’anmen-Platz. Vor uns lag der Kaiserpalast, an dessen Eingang das überdimensionierte Mao-Bild thront. Wir waren angekommen. Die Pekingente verschmähten wir, nicht aber die wahrhaftig imposante Pekingoper. Für die Verbotene Stadt hatten wir genauso Zeit wie für den Sommerpalast, den Himmelstempel und die großen Parkanlagen. Wir wurden auch in Fabriken und zur traditionellen Medizin geschickt. Von Peking aus besuchten wir die Große Mauer, sicherlich so berühmt wie kaum etwas auf der Welt, aber die Faszination hielt sich überraschenderweise in Grenzen.

Natürlich ist China eine Diktatur, die mit drakonischen Strafen droht. Bezeichnenderweise haben wir auf der Straße davon kaum etwas mitbekommen, ganz im Gegensatz zu Ägypten, wo die Touristen andauernd Polizeikontrollen passieren mußten, zumindest im Hinterland. Ägypten erlebten wir als Polizeistaat, nicht China. (Was nicht heißt, daß dort heile Welt herrscht; unser studentischer Reiseführer in Shanghai versuchte uns auf plumpe Weise zu betrügen.) Uns überraschten das freudige, sonnige, sanguinische Naturell der meisten Chinesen auf der Straße, ihre kommunikative Art, ihr zwangloser Umgang untereinander, die Emanzipiertheit der Frauen, die Tai-Chi-Übungen und die Gesangsgruppen. Dieser Eindruck hielt sich in ganz Rot-China. Wir wurden auch regelmäßig angesprochen, sehr höflich, aber überhaupt nicht steif. Umgekehrt wurden wir als potentielle Käufer nicht andauernd angemacht. Nur einmal wollte ein »Künstler« uns unbedingt etwas verkaufen und wurde ausfällig, als wir ablehnten. Wir spürten etwas von einer vom Westen gänzlich verschiedenen Kultur, vom Fehlen des monotheistischen Gottes. Francesca sollte Jahre später den Buddhismus für sich entdecken. Wir dachten seither anders über die westliche Rationalität, die in Hegels System gipfelt.

Zu jener Zeit begann das chinesische Konsumzeitalter. Das bedeutete ein schroffes Nebeneinander von bitterer Armut sowie vorindustriellen Wohnverhältnissen und der schicksten Moderne (so der neue Flughafen in Hongkong oder der Jin Mao Tower in Shanghai, die neuen Shoppingmalls, die Bankenhochhäuser). Als wir von oben die wie Pilze aus dem Boden schießenden Wolkenkratzer von Shanghai sahen, meinte ich zu Francesca, man müsse hier Aktien kaufen. Die schiere Größe dieser Städte hatte für uns etwas Monströses, aber es stand uns nicht an, Wertungen vorzunehmen. Wir wurden stets ausgesprochen zuvorkommend behandelt und spürten, daß hier die kommende Supermacht erwacht.

Die Touristen erlebten wir von ihrer unangenehmen Seite. Im Restaurant an der Großen Mauer wurde eine größere ostdeutsche Reisegruppe verpflegt, welche die Unterscheidung zwischen »red wine« und »white wine« nicht verstand, so daß Francesca der armen chinesischen Bedienung beisprang und dolmetschte. Später traf sie auf der Toilette eine Frau, die sich beklagte, daß in China niemand deutsch spreche. Francesca stimmte dem ironisch zu, allerdings auf Italienisch. Im Frühstücksraum eines Hotels hörten wir eine ältere Französin in voller Lautstärke: »Die Chinesen haben überhaupt keine Kultur; die einzige Kultur, die sie haben, verdanken sie den Franzosen.« Das war heftig. Auf der Fahrt durch den für seine Karsthügel weltberühmten Lijiang-Fluß bei Guilin warfen Amerikaner spielenden Kindern im Wasser Eindollarscheine zu. Wir kamen auf unserer ersten Fernreise ins Nachdenken darüber, ob der Pessimismus von Schopenhauer nicht doch berechtigt ist.

Bei unserer Rückkehr erfuhren wir einen Kulturschock. Über die Vororte von Frankfurt fliegend, sahen wir, daß hierzulande jeder für sich ein Häuschen hat, undenkbar in China, dem Land der Wolkenkratzer; der Bahnbeamte am Servicepoint war so abweisend wie die Chinesen hilfsbereit, und im Zug wurden wir des Preises für die europäische Individuation inne: Die allermeisten schauten traurig drein, ihre je persönliche Leidensgeschichte hat die Gesichtszüge geprägt. Liegt es am Monotheismus? Wie auch immer, unsere erste ganz große Reise war ein Erfolg.

Die nächste größere Fahrt führte uns zu den Ursprüngen der abendländischen Kultur, nach Ägypten. Wieder hatte Francesca alles zusammengestellt: erst nach Luxor, von dort in den Süden, dann nach Kairo mit einem Abstecher auf die Sinaihalbinsel. In Luxor angekommen, gingen wir sofort in den Karnak-Tempel. Wir waren überwältigt von den Proportionen, die im Verhältnis zu den griechischen so viel größer dimensioniert sind, daß wir Menschen ganz klein und demütig werden. Francesca winkte mich zur Seite und fing plötzlich an, eine Wand zu dechiffrieren, so als ob sie eine Reiseleiterin sei, die sich hier auskennt. »Hast Du nicht gewußt, daß ich in Rom etwas Ägyptologie studiert habe?«, fragte sie. Nein, ich wußte das nicht. Am nächsten Tag ging es ins Tal der Könige mit den berühmten Todesgräbern, es war sehr aufregend, sie von innen zu sehen. Von Luxor fuhren wir hoch nach Dendara – genauso begeisternd wie der Karnaktempel, vielleicht sogar noch mehr.

Auf unserer Fahrt nach Assuan besichtigten wir den Tempel des Horus in Edfu, Kom Ombo, in Assuan das Sowjetisch-ägyptische Memorial mit dem Blick auf den Stausee und natürlich die Insel mit dem Philae-Tempel. Von dort ging es mit dem Flugzeug in den Süden, wo die Überlandstraßen für Touristen gesperrt sind. Die beiden Tempel von Abu Simbel gehören zum Eindrücklichsten, was wir je in unserem Leben sahen. Selbst die Pyramiden schienen Tags darauf harmlos dagegen. Erst mit Petra im März 2011 haben wir etwas Ebenbürtiges aus Menschenhand erlebt. Die drei Pyramiden von Gizeh erschienen beim ersten Anblick verhältnismäßig klein. Wir sind eben an hohe Gebäude gewöhnt. Je näher wir ihnen indessen kamen, desto bescheidener wurden wir. Sie sind in der Tat ein Wunder, bis heute. Wir durften in die Cheops-Pyramide eintreten und fühlten uns sehr geehrt. Der Besuch der Sphinx wurde überschattet von zwei Italienern, die, natürlich in ihrer Landessprache, fragten, ob denn der Besuch sich lohne, und dies ein paar hundert Meter von ihr entfernt. Francesca schämte sich maßlos. Wir bewegten uns in der Metropole Kairo ganz zwanglos, trafen einen guten Freund aus der römischen Zeit, der dort lebte. Von hier aus machten wir Ausflüge nach Saqqara, Memphis und zur al-Fayoum-Oase. Eingeplant war auch eine zweitägige Reise auf die Sinaihalbinsel, zum Katharinenkloster, mithin zu einem Bergmassiv, auf dem der Überlieferung nach Moses Gott traf. Das war für Francesca eine heilige Angelegenheit. Trotzdem haben wir diesen Berg nicht bestiegen; es wäre zu anstrengend gewesen. Francesca fand die Manuskripte im Kloster letztlich interessanter.

Unvergeßlich ist unsere Diskussion in der Cafeteria des Ägyptischen Museums, für das wir uns einen ganzen Tag Zeit nahmen. Anspielend auf die vieldiskutierte Kontroverse, ob der Westen nun eher von Jerusalem oder Athen, also den alttestamentarischen Geboten oder der griechischen Metaphysik geprägt sei, meinte ich, man könne diesen vermeintlichen Streit sehr gut verstehen, da doch hier in Ägypten sichtbar werde, daß das Land zwar eine atemberaubend lange Schriftkultur besaß, diese aber doch eine orientalische sei, die, so folgerte ich etwas naseweis, von der europäischen Kultur abgetrennt sei wie die indische oder andere asiatische. Francesca widersprach sofort, sie als Jüdin wisse um ihre Wurzeln, die eben weiter reichten als das Land Palästina. Ihr Volk war der ägyptischen Gefangenschaft entronnen.

Nach unseren beiden größeren Reisen nach China und Ägypten wollte Francesca so schnell wie möglich nach Krakau reisen, um Auschwitz zu besuchen. Ich stimmte dem sofort zu. Jeder, zumal jeder Deutsche, sollte dorthin fahren. Es gibt nicht nur Vergnügungs- und Bildungsreisen, sondern auch Bußreisen, oder sagen wir weniger pathetisch: Reisen, die einfach zur Allgemeinbildung gehören. Auschwitz-Birkenau ist eben nicht nur ein Symbol der grausamsten und perfidesten Tat der europäischen Geschichte, sondern ein realer Ort, ein empirisches Datum, etwas, das man gesehen haben muß. Wir hatten das Privileg, von dem katholischen Priester Manfred Deselaers, der am »Zentrum für Dialog und Gebet« in Os´wie˛cim arbeitete, persönlich einen Tag lang geführt zu werden. Er hatte über den Kommandanten Rudolf Höß promoviert und war auf Bitten Papst Johannes Pauls II. von seiner Diözese freigestellt worden, um dort Besucher zu begleiten; Bernhard Casper hatte uns das vermittelt. Es gab kein Entrinnen, sowohl im Stammlager wie in Birkenau. Das, was man von den Filmen und Dokumenten kannte, wurde hier Wirklichkeit. Der fürchterlichste Moment war, als unser Führer eine Handvoll Erde in die Hand nahm und kleine graue Splitter herausklaubte, die wie winzige Steinchen aussehen, in Wahrheit aber Knochenreste von den Verbrennungen sind.

Wir reisten im September 2001 nach Krakau und besichtigten diesen Ort des radikal Bösen am neunten des Monats. Die beiden darauffolgenden Tage galten den Sehenswürdigkeiten der Stadt Krakau mitsamt ihrem jüdischen Erbe. Am 11. September bewegten wir uns in ihr, ohne daß uns irgend etwas aufgefallen wäre, selbst im Restaurant beim Abendessen nicht. Abends im Hotel brannte im Fernseher New York. Ich dachte unwillkürlich an einen Dritten Weltkrieg und rief sofort Francesca, die allerdings auf der Toilette war und meinte, so dringend könne es nicht sein. Am nächsten Tag flogen wir nach Frankfurt; überall war Polizei. Die Welt hatte sich verändert, für uns war der 11. September mit diesem Besuch unauflöslich verknüpft. Francesca schrieb bald darauf einen Text zur Ethik im 21. Jahrhundert.

Von einer Indienreise sahen wir ob der veränderten Weltlage ab; außerdem bekam Francesca 2002 eine Einladung in die USA und ihr Israelstipendium. Wir blieben auf Achse. Die Reise in die USA war für uns nicht deshalb wichtig, weil es dort so vieles und Spannendes zu sehen gegeben hätte (das war nicht der Fall), sondern um das »Land der unbegrenzten Möglichkeiten«, die Supermacht kennenlernen zu können. Wir kamen mit gemischten Gefühlen zurück. Francesca hatte in Sedona zu tun und besuchte den Slide Rock State Park sowie in San Diego die gigantische Sea World. Ich besuchte eine Kollegin, eine gute israelische Freundin von uns, und hielt einen Vortrag an der Universität von San Diego. Zwei Tage waren wir in Los Angeles. Francesca war extrem frustriert, wegen des 11. Septembers waren die Paramount Studios für Touristen geschlossen. Ihr war es verwehrt, die Studios für Star Trek zu besuchen. Vielleicht war das der Grund, warum wir danach alles so schal fanden: der doch letztlich schäbige Ort, wo der Oscar verliehen wird (mit dem Hollywood Walk of Fame – mehr Schein als Sein), Beverly Hills, wo die Reichen in geschmacklosen Häusern wohnen, das milliardenschwere Getty Museum mit seinen drittklassigen Werken aus der Zeit vor 1900, Hollywood mit seinem gigantischen Kitsch. Das Beste waren noch der Strand und das chinesische Essen. Mit der Familie der Kollegin fuhren wie nach Disneyland. Wenn wir uns schon im Land der Kulturindustrie bewegten, dann richtig. Ja, es hat Spaß gemacht, das Angebot ist tadellos. Aber wir dachten an den Satz von Jean Baudrillard, Amerika habe Disneyland erfunden, um zu kaschieren, daß es Disneyland ist. Wie wahr! Die Bilder, die wir empfingen, waren nicht zuletzt zu große Autos und überfette Leiber.

Als wir uns 2003 für eine Woche St. Petersburg entschieden, hatten wir Glück. Präsident Putin hatte zuvor seine Geburtsstadt herausputzen lassen. Wir konnten uns nicht beklagen. Für den Winterpalast, die berühmte Eremitage hatten wir zwei ganze Tage eingeplant. Wir haben uns wirklich alles angeschaut. Und zugleich etwas gespürt von der Atmosphäre, die wir zuvor in dem einzigartigen, nur mit einer einzigen Kameraeinstellung gedrehten russischen Film Russian Ark von Alexander Sokurow gesehen hatten. Die Massierung von Kunst und Malerei versetzte uns ins Entzücken. Der Reichtum hatte etwas Überwältigendes, auch im Katharinenpalast, wo wir das gerade originalgetreu nachgebildete Bernsteinzimmer sehen konnten, auf dem Schloß Peterhof mit den überwältigenden Wasserspielen und der Pawlowsk-Sommerresidenz. Wir bestaunten die Bausubstanz allerorten in der Stadt, die orthodoxen Kirchen, die kleineren Museen, auch dasjenige zur nationalsozialistischen Belagerung, die bekanntlich fürchterlich war, wir genossen die beginnende Prosperität auf dem Nevsky Prospekt, sprich die Cafés, diese sonderbare Mischung aus europäischer Weltstadt und russischer Seele. Francesca, die im Jahr zuvor schon Moskau besucht hatte, wo sie sich ihrer sozialistischen Ursprünge erinnert glaubte, fühlte sich dieser Kultur, deren Romane sie als Teenager verschlang, sehr zugewandt. Und doch rief sie am Flughafen »Lufti!«, als sie unsere Lufthansamaschine sah. Sie hatte sich mit den Jahren so sehr mit Deutschland identifiziert, daß sie es kaum erwarten konnte, zurückzufliegen, auch wenn sie von Frankfurt aus gleich nach Tel Aviv weiterreisen sollte.

Francesca wohnte seit Herbst 2002 in Jerusalem. Sie, die schon 2000 dort einen Sommerkurs besuchte, hatte bereits alles für sich entdeckt und einen Freundeskreis aufgebaut, als ich im April 2004 eine Woche bei ihr war, wir einen Wagen mieteten und das Land durchquerten. Vom Toten Meer mit dem Quell Ein Gedi, über die Festung Massada mit der römischen Rampe, Tel Aviv als die moderne, ja amerikanisierte Stadt bis hoch nach Haifa mit dem Bahai-Tempel und Akko, zum See Genezareth, zurück über Megiddo und Nazareth. Überall Geschichte, Religion, Überlieferung, überall jüdische, aber auch arabische Kultur, und über allem liegt der ganz große Konflikt zwischen den monotheistischen Religionen, zwischen Europa und der östlichen Welt, zwischen Aufklärung und Tradition und – innerjüdisch – zwischen Orthodoxie und Liberalität. Wie ein Motto las ich im Anflug auf Israel in Derridas Buch Marx’ Gespenster diesen gespenstischen, aber allzu wahren Satz: »Der Krieg um die ›Aneignung von Jerusalem‹ ist heute der Weltkrieg.« Das war der erste Schauder.

Am nächsten Morgen liefen wir in die Stadt hoch, am Haus von Martin Buber vorbei, und kamen zur Altstadt. Welch ein Anblick, welch erhebende Gefühle! Die Klagemauer, der Felsendom, die Aksa-Moschee, der Blick auf Ostjerusalem. Golgatha, das armenische Viertel, dieses Sprachgewirr, die unterschiedlichen Gerüche, und immer wieder christliche Pilger, aber auch Soldaten und Polizei. Dann die Universitätsbibliothek, dort die Privatbibliothek von Gershom Scholem, in die Francesca eingelassen wurde. Die Widmungsbücher von Adorno und Horkheimer, und das alles inmitten der vormaligen Wüste. Welche Kontraste! Gibt es ein widersprüchlicheres Land?

Francesca zeigte ein gespaltenes Verhältnis diesem Staat gegenüber. Auf der einen Seite fühlte sie sich heimisch, Israel war ihr, der Jüdin, Land, sie identifizierte sich mit der Aufbauleistung der Siedler und Einwanderer, mit dem Schicksal fast aller, die dorthin gelangt sind, mit dem Projekt einer jüdischen Heimat. Sehr stolz zeigte sie mir »ihr« Land. Zugleich kam sie mit der Mentalität nicht zurecht, einerseits die Arroganz und Borniertheit, andererseits das südliche Machogehabe, das sie sehr an Italien erinnerte. Hinzu kamen die politischen Spannungen, nicht nur die drohende Kriegsgefahr – bedrückend die Polizeipräsenz, an jedem Restaurant, an jedem Supermarkt –, sondern die Apartheidpolitik gegenüber den Palästinensern. Wir ließen uns von diesen in die Territorien des Westjordanlands fahren. Gespenstige Szenerie: teilweise schick, weil von EU-Mitteln gebaut, so Bethlehem, dann wieder bettelarm, wie aus den 1950er Jahren, so Jericho. Beschämend waren die Schikanen an den Kontrollposten. Das war der zweite Schauder. Am Donnerstag, dem 11. März, kreisten die Helikopter über Jerusalem. Sofort dachten wir, es müsse etwas Schlimmes passiert sein. Und in der Tat war es der Tag des verheerenden Terroranschlags in Madrid. Allein, es handelte sich um einen Marathonlauf. In Israel wird man paranoid.

Nach Auschwitz war Jad Vashem der nächste und nächstliegende Ort des Gedenkens. Sie, die deutsch gewordene Frau, führte ihren deutschen Mann dorthin. Ich gedachte und schwieg. Es war der dritte Schauder. Von dem, was vor allem die Künstler sich ausgedacht hatten, um der Erinnerung Tribut zu zollen, hatten wir großen Respekt, ihre Lösungen waren sehr überzeugend. Ich spürte bei allen, die wir trafen – aber es waren Freunde und Bekannte von Francesca –, keinen Groll gegen mich als Deutschen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich nicht eine solch polykulturelle Partnerin gehabt hätte.

Im Sommer 2006, nachdem wir ein Auto gekauft hatten, durchfuhren wir das Burgund, etwa vier Autostunden von Freiburg entfernt. Jede Nacht in einer anderen Stadt, stets morgens mit dem Handy ein Hotel in derjenigen Stadt buchend, die wir anvisiert hatten: Dijon, Cluny, Autun, Avallon, Sens, Montbard, Beaune. Wir waren sehr flexibel, fühlten uns zum ersten Mal als Autobesitzer. Auf diese Weise konnten wir pro Tag vier Sehenswürdigkeiten und mehr anschauen: Schlösser, Kirchen, Klöster, historische Städte. In einer Woche erreichten wir etwa dreißig Orte. Francesca war dabei die Reiseleiterin und Übersetzerin. Solch eine Bildungsreise war nach ihrem Geschmack.

Francesca war zu einem Vortrag nach Princeton eingeladen, ich konnte einen Vortrag an der Columbia University halten, und wir konnten endlich Carl Djerassi, den hochbetagten Erfinder der Antibabypille und nun Schriftsteller, der uns seit längerem kennenlernen wollte, treffen, weil er eine Theaterpremiere hatte. Grund genug, nach New York City zu reisen. Wir sagten immer, die USA sind die USA, und New York ist anders. Wir sollten im September 2008 recht bekommen. Unser Hotel lag in der Nähe des Times Square, mithin zentral. Am ersten Morgen betrachteten wir vom Bistro aus die Vorbeilaufenden. Welch eine Energie, welch ein Vielvölkergemisch, welch eine Geschwindigkeit, welch eine Eleganz (zumindest in diesem Teil von Manhattan). Wir spürten etwas von dem multikulturellen Ideal. Gerade die Frauen liefen mit »determinazione«, wie man auf Italienisch sagt. Das Panorama hoch oben auf dem Empire State Building war grandios. Wir ahnten etwas von der weiten Visions- und Pionierhaftigkeit der amerikanischen Existenz, so daß wir, an der Freiheitsstatue vorbeifahrend, nicht das Bedürfnis verspürten, auszusteigen und hochzulaufen. Überhaupt sind die hohen Gebäude so massiert (mehr noch als in Hongkong), daß wir unwillkürlich am Boden bleiben wollten.

Das Guggenheim-Museum war eher enttäuschend, nicht jedoch das Museum of Modern Art mit einer Dalí-Sonderausstellung. Wir waren erstaunt von der großen Professionalität der Museen, vor allem beim Museum of Natural History. Wieder kam uns in den Sinn: »Wenn die Amerikaner etwas tun, dann tun sie es richtig.« Das legendäre Metropolitan Museum of Art überforderte uns. Wie betraten den Seitenflügel und befanden uns in der antiken Welt. Als wir bei den Etruskern ankamen, fragten wir uns, wie groß das Museum denn sei, und beschlossen, nachdem wir uns über die Ausmaße erkundigt hatten, zwei ganze Tage zu reservieren. Dieser Ort allein schon ist eine Reise wert. Die altägyptische Sammlung versetzte uns in unsere Reise an den Nil, in der Musikinstrumentensammlung konnte ich Francesca das Staunen lehren. Und dann gab es noch ein Dutzend Sonderausstellungen, darunter eine sehr große zu William Turner. Wir waren begeistert. Überhaupt: Dieses Museum ist so gigantisch und enzyklopädisch, daß man den Eindruck gewinnt, die ganze Welt sei darin versammelt, einschließlich des europäischen Bürgertums des 18. Jahrhunderts. Tja, Amerika, die imperiale Macht, war auf »Einkaufstour« gewesen.

Es war die Woche des 11. Septembers. Wir fuhren zum Ground Zero erst gegen Abend, da tagsüber die beiden Präsidentschaftskandidaten auftraten. Eine sonderbare Stimmung. Einerseits diese gigantische Großbaustelle, die anscheinend so langsam vorankommt; sodann Tausende, die in der Rushhour zur U-Bahn nach New Jersey strömten und an dieser Baustelle vorbeidrängelten; dann wieder eine Gruppe Tiefreligiöser, die beteten und sangen; überall Poster und Aushänge, als ob das Attentat erst vor kurzem geschehen wäre; ein paar Halbstarke, die mit ihren großen Autos ankamen, deren Karosserien vollständig mit Bildern der Rocky Mountains und für uns Europäer schwer verständlichen Parolen bemalt waren: »We trust in God. God bless America.« Die Szenerie glich einem Film; es schien, als handelten diese Leute, damit sie ins Fernsehen kamen, aber sie meinten es ernst. Wir machten die Runde um die Baustelle und fanden, daß es genug sei.

Die Finanzkrise beschäftigte seit einiger Zeit die Weltöffentlichkeit. Wir spürten das Mißverhältnis. Auf der einen Seite ein schwacher Dollar, der uns Europäer zu kleinen Krösusse machte, auf der anderen Seite eine wahnwitzige Energiebilanz: viel zu große Autos, und das im überfüllten Manhattan, überall Wegwerfgeschirr, riesige Konsumhäuser für allerlei Waren, die mit »Made in China« etikettiert sind, überall penetranteste Reklame. Wir sagten uns, daß dies nicht gutgehen könne. Am Sonntag zwang uns eine Umleitung der U-Bahn zum vorzeitigen Aussteigen. Wir gingen die Treppe hoch und starrten auf die New Yorker Börse. Plötzlich und ohne jede Absicht standen wir in der Wall Street. Da sind wir also, im Zentrum der Macht, dachten wir und verließen schnell das Terrain. Wir wußten nicht, daß zu dieser Stunde das Ende von »Lehman Brothers« besiegelt wurde. Abends flog Francesca nach Cincinnati, ich nach Deutschland. Am nächsten Tag brach die Wall Street zusammen. Als ob wir das am Vortag ausgelöst hätten.

An Ostern 2009 reisten wir nach Granada. Es wurde höchste Zeit, das maurische Andalusien, die arabische Al-hambra zu besuchen, beschäftigte sich Francesca doch seit Jahren mit der arabischen Sprache und Kultur. Die Alhambra mit der Generalife war natürlich umwerfend, vor allem in ihrer filigranen Zartheit. Isabel, die Katholische Königin, liegt in der Kathedrale begraben. Als Francesca vorbeikam, zeigte sie ihr den Stinkefinger. Das mußte sein, hatte diese Regentin doch 1492 die Juden aus dem Land vertrieben und damit auch Francescas Vorfahren. Sie nahm das sehr persönlich. Wir machten Ausflüge nach Córdoba, Almería und Málaga und genossen die Überlandfahrten mit dem Bus. Córdoba war für Francesca ein besonderes Erlebnis. »Hier komme ich her«, sagte sie, auf ihre Familiendiaspora anspielend. Stolz und erfreut zugleich lief sie durch das jüdische Viertel. Als wir an Maimonides’ Geburtshaus vorbeikamen, war es um Francesca geschehen. Sie schielte auf das »venta«-Schild, das zufällig am Nachbarhaus hing, und kam ins Schwärmen – hier eine Zweitwohnung mit Blick vom Schreibtisch auf das Denkmal des größten jüdischen Philosophen aller Zeiten. Nach Venedig, New York und Paris war das die vierte Zweitwohnung, die sich in Francescas Phantasie festgesetzt hatte.

In dieser Zeit planten wir für die kommenden Jahre Dreierkombinationen: eine Städte-, eine Erholungs- und eine größere Bildungsreise. Die erstere, 2010, führte nach Budapest, wo wir Francescas Geburtstag feierten. Wir waren von den Herrlichkeiten der Donaumonarchie tief beeindruckt und kamen rasch zum Schluß, daß Wien nicht mithalten könne und Budapest die schönste Stadt Europas sei (von Italien abgesehen). Ausflüge ins Umland, wie wir es mit Prag und Theresienstadt vorhatten, planten wir nicht ein. Die Stadt bot uns genug, die Burg, die Museen, die Bäder und nicht zuletzt die umwerfend schmuckvolle Oper, wo wir Il barbiere di Siviglia sahen, nicht unbedingt unser Geschmack, aber es paßte zur launigen Ferienstimmung. Die taufrisch restaurierte Synagoge, die größte auf dem europäischen Kontinent, war so überwältigend, daß wir kurz meinten, sie sei Anlaß, nochmals zu heiraten. Am letzten Tag entdeckten wir die Antiquariate, denen wir aus dem Wege gehen wollten. Francesca kaufte wieder ein, darunter eine Leusden-Bibel auf Hebräisch von 1705.

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22 dekabr 2023
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9783866742871
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