Kitabı oxu: «Romanzen vom Rosenkranz»
Clemens Brentano
Romanzen vom Rosenkranz

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066110604
Inhaltsverzeichnis
* Einleitung
* Romanzen vom Rosenkranz ** Romanze I: Rosablankens Traum
** Romanze II: Kosme und Rosablanka
** Romanze III: Meliore und Apone
** Romanze IV: Rosablanka und Biondetta
** Romanze V: Guidos Bild
** Romanze VI: Pietro
** Romanze VII: Kosmes Buße I
** Romanze VIII: Kosmes Buße II
** Romanze IX: Apo und Moles auf dem Turme
** Romanze X: Schöpfungsgeschichte des Moles
** Romanze XI: Biondetta in dem Theater
** Romanze XII: Jacopone und Rosarosa
** Romanze XIII: Tod der Rosarosa
** Romanze XIV: Apo und Meliore
** Romanze XV: Meliore und Biondetta — Biondettens hohes Lied
** Romanze XVI: Kosme krank — Pietros Garten brennt
** Romanze XVII: Totenmesse — Meliore und Rosablanka beichten
** Romanze XVIII: Biondetta ersticht sich
** Romanze XIX: Moles in Biondettens Leiche
** Romanze XX: Rosarosens Leichenzug
"
* Einleitung
Inhaltsverzeichnis
In weiter Kammer schlief ich und die Brüder
Auf stillen Betten, die der Traum umspielet;
Der Amme Lied ertönte still, und nieder
Die Winternacht mit kalten Sternen zielet.
Gesegnet seid, ihr ernsten nächt'gen Scheine,
Die ihr mir in die junge Seele fielet!
Ich fühlte ruhig mich, in Frieden klar und reine;
Der Brüder Herzen hört ich um mich schlagen,
Ergötzt war meine Brust, ich wacht alleine,
Hört sie im Traum die kindschen Wünsche klagen.
Der eine sprach von Wagen und von Rossen.
"Hinan, hinan!" hört ich die Schwester sagen,
"Ein Auge schließ ich auf der Leiter Sprossen,
Daß mich der tiefe Abgrund nicht ergrause."
Sie wußte nicht, daß beide sie geschlossen.
Die andre sprach von ihrem Blumenstrauße,
Wie er schon wieder frisch erblühen werde;
Und die ihr nah: "O tritt die Spitzenkrause
Mir nicht so liederlich hin an die Erde!"
Doch ferner schlummert einer; heftig bebet
Sein Busen, und mit trotziger Gebärde
Spricht er: "Seht hin, Geliebte, seht, es schwebet
Der Luftball hoch, ich habe ihn erfunden!"
Dann wirft er sich im Bette, hoch erhebet
Die Füße er, das Haupt hängt er nach unten.
Des Fensters Schatten lag gleich einer Leiter
Auf seiner Decke; künstlich eingewunden
Erseufzt er tief und schlummert lächelnd weiter.
Auf eines Mägdleins Bette glatt gestrichen
Erglänzt zur andern Seite Mondschein heiter;
Die weißen Röcklein auf dem Stuhle glichen
Zwei Engeln, die ihr still zum Haupte wachten.
Still war sie, bis der Mond von ihr gewichen;
Er senkte sich zur Erde. Sprünge machen
Sah ich ein Kätzlein schwarz beim letzten Bette;
Es spielte mit herumgestreuten Sachen,
Ein Strumpfband wars und eine Blumenkette;
Und als der Mond am Bett hinaufgeschwebet,
Sah ich's, als ob es glühnde Augen hätte.
Bang hob ich mich, und mir entgegen hebet
Das Mägdlein sich und sprach: "Wie schön gesungen
Hat heut die Amme, noch das Herz mir bebet:
Frau Nachtigall, mein Herz ist mir zersprungen."
So sprach das Kind und legte still sich nieder.
Ich fühlte mich mit Weh und Lust durchdrungen,
Ein stilles Feuer zog durch meine Glieder.
Oft hieß es mich empor nach ihr zu sehen,
Und immer hob ihr lockigt Haupt sie wieder.
Dann sprach sie Worte, mir nicht zu verstehen,
Gebetet war es, und es war gedichtet,
Und bis ich sah den Mond mir untergehen,
Blieb mir ihr Haupt genüber aufgerichtet.
Dann hört ich draußen — harte Worte klangen,
Bis eine milde Stimm den Streit geschlichtet.
In unsre Kammer leise kams gegangen,
Von Bette schlichs zu Bette, gab uns Küsse
Und segnet uns auf Stirne und auf Wangen.
Ich war der letzte. Heiße Tränengüsse
Fühlt ich aus Mutteraugen auf mich fließen.
Ich wußte nicht, warum sie weinen müsse,
Ich traute nicht, den Arm um sie zu schließen.
Und als sie aus der Kammer war geschieden,
Da mußten meine Augen Tränen gießen,
Da fühlte ich zuerst den Schmerz hienieden!
Ich betete: "Maria, sei gegrüßet,
So viele Tränen sie geweint!" und schlief in Frieden.
——
Viel war ich krank, kam wenig an die Sonne,
Die bunte Decke war mein Frühlinggarten,
Der Mutter Pflege war mir Frühlingswonne.
Ich konnte oft den Abend nicht erwarten,
Wenn sie die Wundermärchen uns gesungen,
Daß rings die Kinder in Erstaunen starrten.
Und keines ist mir so ins Herz gedrungen,
Als von des süßen Jesus schweren Leiden,
Wie des Herodes Kindermord mißlungen,
Maria durch Ägypten mußte reiten,
Und was sie da erfuhr in schweren Nöten,
Da focht ich in Gedanken gen die Heiden.
Und sah ihr Blut in allen Abendröten. —
Oft kam ein alter Diener mich besuchen,
Mit kräftgen Reden meine Zeit zu töten,
Die Tasche leer vom oft versprochnen Kuchen,
Ein Meister im Versprechen und Beteuern,
Was oft sich falsch bewärt; dazu ohn Fluchen
Konnt er mit seinen Augen Glaub erneuern.
Vom Antichrist tät er mir prophezeien,
Und hat zum Held gen ihn in Abenteuern
Vor allem mich mit einem Schlag geweihet,
Den scherzhaft er mir auf das Haupt gegeben;
Doch meine Seele ihn des Ernstes zeihet;
Nichts traf so ernsthaft mich in meinem Leben;
Der Antichrist erfüllet mich mit Schrecken,
Und täglich mußt ich vor dem Trüger beben.
Ich sah ihn stets gen mich die Hand ausstrecken:
Allmächtiger, erleuchte meine Tage
Und wolle mich vor meinem Feind verstecken!
Und da dem Alten ich die Angst so klage,
Sprach er: "Wenn du drei Tage ohne Weinen
Geduldig bleibst, ich dich zur Kirche trage,
Da sollst du dir ein großer Held erscheinen,
Man wird dich singend bei dem Eintritt grüßen."
Ich glaubte ihm. Bei aller Krankheit Peinen
Ließ keine Trän ich von den Augen fließen.
Und als die Stunde endlich war erschienen,
Ward ich geschmückt vom Kopf bis zu den Füßen.
Ich ließ mich stolz, gleich einem Herrn, bedienen;
Der Alte selbst trug mich auf seinen Armen
Und machte übertrieben ernste Mienen.
Ich fühlte mich von Sonnenschein erwarmen,
Und als wir uns dem alten Kloster nahten,
Gab an der Pforte ich den frommen Armen,
Die barhaupt bittend uns entgegentraten,
Was ich besaß: sechs neue blanke Heller.
Mein Träger ging auf wohlbekannten Pfaden;
Er zeigte links hinab: "Dies ist dein Keller",
Sprach er, "da hast du deine vollen Fässer
Mit allen Sorten besten Muskateller!"
Ich glaubte ihm, und mit dem blanken Messer
Uns da ein schwarz und weißer Mönch begegnet.
Der Alte sprach: "Nun sieh, stets kommt es besser!"
Und als: "Wer war es?" ich ihm scheu entgegnet —
"Dies war dein heilger Pater Küchenmeister,
Was er am Spieße brät, das ist gesegnet.
Er ist aus Schwaben und Marcellus heißt er;
Er soll den Antichrist zum Spieße stecken,
Er ist ein Zauberer, beschwöret Geister."
Nun hörte ich durch blühnde Gartenhecken
Die Orgel aus der Kirche rührend klingen;
Mich faßte da ein nie gefühlt Erschrecken.
Als endlich zu der Kirche wir eingingen,
Des Weihrauchs süße Wolken mich umwallten,
An hohen Säulen goldne Engel hingen,
Der vielen Bilder seltsame Gestalten,
So stille und so kühl die hohen Bogen,
Wie unsre Schritte in den Hallen schallten,
Die Orgeltöne jubilierend zogen,
Und wie die Mönche zu den Stühlen schlichen —
So wunderbar hat nie mein Herz geflogen.
Der Alte machte mir des Kreuzes Zeichen,
Mit Weihewasser er mich tüchtig sprengte,
Befahl mir dann, zu horchen und zu schweigen.
Die Seele sich in meine Ohren drängte.
Als laut im Chor sie meinen Namen sagen,
Entzücken sich mit tiefer Angst vermengte.
Die Worte mir wie Feu'r zur Seele klangen:
"|O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria!|"
Ein ewiges Gefühl hab ich empfangen.
Ruft man mich Clemens, sprech ich still: "|o pia!|
In meiner letzten Stund dich mein erbarme;
|O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria,|
Empfange meine Seel in deine Arme!"
——
Schon siebenmal war Weihnacht mir erschienen
Mit ihres Kinderschatzes frommen Glanz;
Ich konnte lesen und die Messe dienen.
Die Erde stand in Frühlingsfreude ganz;
Des lustgen Pfingstfests Feier zu begehen
Schmückt man die Kinder mit dem Blumenkranz.
Zur Kirche sah man tausend Kinder gehen;
Es teilt die Firmung dort der Bischof aus,
Daß sie bestätigt in dem Glauben stehen.
In Feierkleidern trat ich aus dem Haus
Und zog mit vielen Kindern zu der Weihe,
Wie sie geschmückt mit einem Blumenstrauß.
Am Chore kniend in der langen Reihe
Hab ich vom Bischof da das Öl empfangen
Auf meine Sirne, Gott mir Kraft verleihe!
Den Backenstreich empfingen meine Wangen,
Daß ich gedenke an den ernsten Tag,
An dem zur Kirch ich neu bin eingegangen.
Derb und empfindlich schien bei mir der Schlag;
Er sah in mir wohl jenes irdsche Wanken,
Das zu bestimmen noch ich kaum vermag.
Ich trat erschüttert aus den heilgen Schranken,
Und meine Stirn umschlang ein blaues Band.
Jedoch in mir, da schwankten die Gedanken,
Denn mir zur Seite an dem Altar stand
Ein kleines Mägdlein, das mich tief gerühret;
Ich faßte heftig ihre kleine Hand
Und habe sie zwei Schritte wohl geführet.
Da sprach mein Führer: "Laß das Mägdlein stehn!
Dergleichen Spiel allhier sich nicht gebühret."
Sie schied von mir, ich mußte weitergehn;
Verschlungen ward dies Kind mir von der Menge,
Und nimmer hab ich wieder es gesehn.
Von Sehnsucht wird noch jetzt die Brust mir enge;
Ich suche jetzt wohl noch nach jenem Kinde,
Und immer mehr tritt mirs aus dem Gedränge.
Traf mich des Priesters Hand dort nicht gelinde,
So traf mich schärfer noch mit seinem Pfeil
Der kleine Cupido mit seiner Binde.
Des Priesters Schlag rührt mich nur kurze Weil,
Und nie genas ich von der Liebe Wunden;
Der Tod empfängt den Kranken noch nicht heil.
Du zartes Mägdlein, dir mir dort verschwunden,
Siehst du auf Erden noch das süße Licht,
Hast du gelebt und hast du Leid empfunden,
Begegnet dir dies dunkele Gedicht:
Nimm hin den Gruß und Dank, du Namenlose,
Im irdschen Traum du himmlisches Gesicht!
Und schläfst du schon in unsrer Mutter Schoße,
So falle dir aus meinem ernsten Kranz
Ein Opfer auf das Grab: die weiße Rose!
——
Getrennet lebte fern ich von den Meinen
In strenger und unmütterlicher Zucht.
Denk ich der Zeit, seh ich sich mir versteinen
Die Tage in des Lebens Blumenflucht,
Wie kleine Gärten zwischen steilen Mauern,
Die nie ein Sonnenstrahl hat heimgesucht,
Wo kalte Marmorkinder einsam trauern,
Die wilder Buchs und Salbei trüb umkreist.
Ihr kennet wohl des Knaben einsam Trauern!
Ich fühlte elend mich und tief verwaist.
Du, Schwester, die die trüben Tage teilte,
Du fühltest auch, was fremde Pflege heißt.
Den Genius, der früh bei mir verweilte,
Den sah ich dort zuerst, als unerkannt
Er mir das junge Herz begeisternd heilte.
Da schmückt ich mich mit einem blauen Band,
Und fesselt mich mit goldpapiernen Ketten,
Trug einen Schäferstab in kindscher Hand
Und auf der Brust geweihte Amuletten.
Ein alter Scherbenhügel war mein Thron;
Ich sprach: "Wer will den armen Sklaven retten?"
Fürst, Schäfer war ich, und verlorner Sohn,
Und sehnt mich zu den zarten Wolkenschafen,
Die durch den Himmel überm Haupt mir flohn.
So war ich einst begeistert dort entschlafen.
Schon stiegen die Gestirne aus dem Blau,
Die gütig mich mit ihrem Segen trafen;
Es spiegelte der Traum sich in dem Tau,
Der meine Stirne kühlend schon benetzte;
Er führte mich auf eine stille Au,
Wo eine Kinderschar sich laut ergötzte.
Fremd schienen sie; ich stand an einem Baum,
Zu dem ich scheu mich endlich niedersetzte.
O seliger, o himmelvoller Traum!
Ich sah hinauf. Aus deinem Himmel, Linde,
Zog nieder eines weißen Kleides Saum,
Und nieder stieg ein Kind aus dem Gewinde
Der Zweige, die es neidisch mir versteckt,
Ein Ebenbild von jenem Firmungskinde.
Sehnsüchtig hatte ich die Arme ausgestreckt,
Da kamen sie, dich boshaft mir zu rauben,
Die Unverständ'gen haben mich geweckt.
Nie blüht ihr wieder mir, ihr Jugendlauben,
Im Fackelschimmer nie betrogner Lust!
Die Liebe starb, die Hoffnung und der Glauben.
Was füllet jetzt die narbenvolle Brust?
Verbrannt das Herz! wie knirscht die tote Kohle!
Das habt ihr stillen Tränen wohl gewußt.
Zur Stube mußt ich, harte Worte holen,
Zur Strafe büßt ich ein mein Abendbrot,
Als hätte ich, was Gott mir gab, gestohlen:
Des selgen Traumes tiefes Abendrot.
Da war mein Herz im Innersten ergrimmet,
Ich fühlte recht, was mir zum Dasein not:
Ein Himmel blau, in dem die Hoffnung schwimmet,
Ein Schmerz in meiner freien starken Hand,
Die ihn nach ihren Melodien stimmet.
Und alles dies, was da zuerst ich fand,
Ward mit Moralien und trocknen Blicken
Zertrümmert mir, was niemals ich verstand.
Entschuldigend erzählt ich mein Entzücken;
Da lachte man den armen Träumer aus,
Den Scherbenkönig, drehte mir den Rücken;
Und als ich weinte, bracht man mich hinaus
Zum dunklen Gartensaal voll Malereien,
Der immer mich erfüllet hat mit Graus.
Es schienen da in traurig langen Reihen
Die Bilder von den Schatten überbebt,
Die mondumspielte Rebenlauben streuen.
Den Richter sah ich, der das Schwert erhebt,
Vor Salomon das Kindlein zu zerspalten;
Es schwankt das Laub, er zuckt, er scheint belebt.
Ich schauderte und konnte mich nicht halten
Und kniete nieder vor Mariens Bild.
Die Hände hab ich innig da gefalten
Und flehte kindisch zu der Mutter mild:
"O, Mutter Gottes, hilf dem armen Kinde!"
Da deckte sie mich mit allgütgem Schild;
Mein Schmerz zerfloß im Beten hin gelinde,
Es senkte nieder sich der ernste Traum,
Ich schlummert ein im Schatten jener Linde.
* Romanzen vom Rosenkranz
** Romanze I: Rosablankens Traum
Inhaltsverzeichnis
"Bitte für uns arme Sünder
Jetzt und in dem Tode, Amen!"
Spricht sie — und vom Stern der Frühe
Weissagt auch die fromme Schwalbe,
Und des Traumes schwülen Flügel
Spannt sie über Rosablanken.
Auf der goldnen Locke Fülle,
Schwer vom blanken Nacken wallend,
Sinkt ihr schlummernd Haupt zurücke,
Himmelsspiegel wird die Wange.
Schüchtern um die rosgen Füße
Ihr der Tau die Traumflut sammelt,
Und der West mit kühlem Flüstern
Dunkle Schlummersegel spannet.
Und der Traum spielt, sie berückend,
Auf der Wimpern goldnen Strahlen,
Die zum Schlummer sind entzücket
In des Morgensternes Glanze.
Und es kreuziget die Süße
Fromm gewohnt sich Stirn und Wange,
Legt in Gottes Hand die Zügel
Der nachtwandelnden Gedanken.
Von den lichtergrauten Hügeln
Nieder zu des Tales Garten
Durch die Nebelwege düster
Sieht sie einen Jüngling wallen.
Zu des Gartens Rosengrüften,
Wo die Düfte schlummernd schwanken,
Eilet Rosablanka schüchtern;
Jener folget ihrem Pfade,
Wandelt ernsthaft durch die Türe,
In der Rechten einen Spaten,
Und sie wagt nicht, ihn zu grüßen,
Also hell und finster war er.
Und sie pflückt gebückt in Züchten
Süße Blümlein, die noch schlafen,
Die unschuldgen, ohne Sünde,
Ohne Taufe, ihm zum Kranze.
Da sie scheu den Kranz schon ründet,
Steht vor ihr der trübe Wandrer,
Spricht: "Wohl selig sind die Blüten,
Die du tötetest im Schlafe;
Selig in der Nacht gepflücket,
Die in Unschuld sind empfangen,
Die nicht traf der Fluch der Sünde,
Starben selig vor dem Apfel.
Aber uns tut not zu büßen,
Denn das Weib ward durch die Schlange
Zu dem Gottesraub verführet,
Den sie teilte mit dem Manne.
Und so hat der Herr erzürnet
An die Erde uns gebannet;
In der Mutter muß ich wühlen
Nach dem göttlichen Erbarmen.
Mit dem Fleische ist die Sünde
Aus der Erde aufgegangen;
In der Mutter muß ich wühlen,
Bis der Vater sich erbarmet!"
Und vor Rosablankens Füßen
Fing der Ernste an zu graben,
Und da er die Gruft erwühlet,
Hat die Erde ihn umfangen.
Mit ihm zu der Erden Grüften
Sinken auch des Tales Schatten;
Aus den Gründen zu den Hügeln
Tritt die Nebelwoge wachsend.
Trüb getürmt auf düstern Füßen
Schwankt der Riese auf am Walde,
Schwingt die Nacht auf seinen Rücken,
Kalt die Nebelfäuste ballend.
Trügend rüstet sich der Lügner
Mit dem Sonnengott zum Kampfe,
Der auf goldnen Flügelfüßen
Flammet aus dem Ozeanen.
Seinen Spiegel stellt er lügend
In der Dünste giftgem Walle
Antichristisch ihm genüber;
Jeder wache, nicht zu fallen!
Wo der Traum in irdschen Gründen
Barg den Mann, will Rosablanke
Ganz in tiefer Angst entzücket
Ihren Blumenkranz begraben.
Aber ihr entgegen züngelnd
Reckt sich eine bunte Schlange,
Und mit heilgem Mut gerüstet
Betet bebend Rosablanke:
"Sei verflucht, du Geist der Lügen,
Dich zertrat des Weibes Samen;
O Maria, sei gegrüßet,
Mutter Gottes, voller Gnaden!
Amen!" und aus Himmelsflüssen Gießt sich aus ein Meer des Glanzes: __Maris Stella__ sei gegrüßet, __Semper virgo, ave, salve!__
Und der Jungfrau Heldenfüße
Traten auf das Haupt der Schlange;
Kindisch ihre Schuld zu sühnen
Gibt dem Kranz ihr Rosablanke.
Aber auf des Tales Hügeln
Glüht die Sonne, und es wallen
Schon die Bienen nach den Blüten,
Und es eilt die fromme Schwalbe,
Kühlt des Traumes schwülen Flügel
Auf dem Spiegel klarer Wasser,
Und beträufelt mit dem Flügel
Weckend Rosablankens Wange.
** Romanze II: Kosme und Rosablanka
Inhaltsverzeichnis
Auf des Fensters Efeuranken
Spielt der Strahl der jungen Sonne,
Und des Laubes Schatten schwankend
Weckt den greisen Vater Kosme.
Schlummerstille ist die Kammer
Rosablankens, als er horchet,
Und er trägt den Krug zum Bache,
Füllet ihn mit frischem Borne.
Aus dem Wasserspiegel mahnet
Ihn des Alters ernster Bote;
"Du wirst bald die Schuld bezahlen!"
Spricht des Hauptes Silberlocke.
Betend senkt er in dem Schatten
Seine Stirne an den Boden;
Mit ihm betet auch das Wasser
und des Gartens heilge Rose.
Und des Tales Sänger alle,
Blumen, Bäume, hohe Wolken,
Schallend, wachend, atmend, wandelnd,
Opfern fromm der goldnen Sonne.
Aber zu der Kinder Lallen
Weint der graue Büßer Kosme,
Denn um seine Hütte wachsen
Weiße, rote, gelbe Rosen.
Schamvoll, schuldvoll überschwankend
Wiegt die rote, blutge Rose —
Ach, sie treffen ihn gleich Stacheln —
Stumm zwei Knospen an der Sonne!
Abgewendet von dem Alten
Unterm Zorn der dunklen Dornen
Läßt die gelbe Rose wanken
Tränenschwere Trauerglocken.
Und die weiße Rose, zagend,
Gleicht dem Geiste einer Nonne,
Bleicht den Schleier weinend, wachend
Ewig unter Mond und Sonne.
Jetzt auch zu dem Bache wandelt
Rosablanka, während Kosme
Betend liegt; mit kühlem Wasser
Netzt sie Wange, Brust und Locke,
Ihre Stimme noch umfangen
Von des Traumes Nebelkrone,
Und die Augen scheu umflattert
Von der Sonnenbilder Flocken.
Doch des Wassers Spiegel mahnet
Zu dem frommen Wunsch die Fromme:
"Könnte alle Schuld ich zahlen
Mit der goldnen Flut der Locken!"
Ihre Worte hört der Alte,
Und spricht zu ihr: "Fromme Tochter,
Sei gesegnet an dem Tage,
Da du bist zum Licht geboren!
Aber bleich sind deine Wangen,
Und die Augen trüb umfloret?" —
"Vater, schwere Träume brachte
Diesen Morgen mir Aurore.
Überm Haupte bang gespannet
Schwankt und droht des Traumes Bogen,
Den zerbrochen mir die Schwalbe,
Niederträufelnd einen Tropfen." —
"War es Feuer, war es Wasser,
Rosablanka, was dir drohte?
War erwühlet dir der Garten?
Bebte unter dir der Boden?" —
"Ja, es waren Tränen, Vater,
Und es war die Glut der Rosen,
Und um göttliches Erbarmen
Ward erwühlt des Gartens Boden." —
"Wehe! wehe! Rosablanka,
Der gewühlet in dem Boden,
Fand er göttliches Erbarmen
Oder blieb sein Werk verloren?" —
"Er ging unter still ermahnend,
Über ihm ist aufgeschossen
Eine bunte, schöne Schlange,
Dringend hin nach meinen Rosen."
"Wehe! wehe! Rosablanka,
Gabst du hin die heilgen Rosen?
Hat die bunte, schöne Schlange
Dich mit bunter Luft betrogen?"
"Von dem Himmeln kam gegangen
Die den Heiland hat geboren;
Sie zertrat das Haupt der Schlange
Und ich gab ihr hin die Rosen." —
"Sei gesegnet, Rosablanke,
Für die Worte voller Trostes!
Daß sich mein der Herr erbarme
Mag ich nun in Demut hoffen." —
Tiefbeweglich sprach der Alte,
Und es wagte nicht die Fromme
Nach der Rede Sinn zu fragen,
Sie sah schüchtern an den Boden.
Aber zu der Hütte wandeln
Beide nun, und Vater Kosme
Spricht: "Nun gehe zu dem Garten,
Fülle deinen Schoß mit Rosen,
Während ich die Honigwaben
Und das Wachs, das diese Woche
Ich zu Kerzen zog und malte,
Dir in deinen Korb geordnet.
Nach Bologna mußt du wandern,
Eh noch höher steigt die Sonne,
Dort verkaufe deine Ware
Bei den schwarz und weißen Nonnen.
Zwanzig Soldi nur an barem
Gelde nehme ich vom Kloster;
Was dir bleibt von deinem Wachse,
Tausche ein um weiße Brote.
Bringe mir auch Purpurfarbe,
Einen Gran geriebnen Goldes,
Und Ultramarin zwei Asse
Aus dem Kram am römschen Tore.
In dem Kloster zu Sankt Claren
Gibt dem Meßner zwanzig Soldi,
Daß er morgen, eh es taget
Eine Seelenmesse ordne.
Morgen sind es zwanzig Jahre
Daß die Mutter dir gestorben.
Herr, dich ihrer Seel' erbarme
Durch die Mutter deines Sohnes!
Ew'ge Ruhe gibt den Armen,
Die der Erde Schoß bewohnen." —
Amen! betet Rosablanke,
Und geht weinend nach den Rosen.
Da sie kehret, hat der Alte
Ihr den Korb schon wohlgeordnet,
Drüberhin ein Tuch gespannet,
Darauf gießt sie aus die Rosen.
"Was dir bleibet, Rosablanke,
Gib den Armen oder opfre;
Gehe in Gottes Namen." —
Und sie gehet mit dem Korbe.
Kosme schließt das Tor des Gartens
Und der Hütte kleine Pforte,
Riegelt ein sich in der Kammer,
Wäre gern allein verschlossen.
Aber nicht am Tor des Gartens,
Nicht an seiner Hütte Pforte,
Noch der Kammer, hört den Hammer
Er des strengen Gläubgers pochen.
In den Bußen wohnt der Mahner
Alter Sünde, und die Rose
Mahnt am Fenster, und die Schwalbe,
Seiner Armut Gast, mahnt Kosme.
Und die fromme Rosablanke,
Die mit goldner Flut der Locken
Möchte alle Schuld bezahlen,
Ist der strengste Gläubger Kosmes.
Zu der Hütte letzter Kammer
Schleichet bang der alte Kosme,
Dort hält er den Schatz des Jammers
Sich im festen Schrank verschlossen.
Eine Locke blonder Haare,
Die Gewande einer Nonne
Nimmt er weinend aus dem Kasten,
Und dann eine schwere Rolle.
Er befestigt sie am Rande,
Und es rollet zu dem Boden
Ein Gemälde, das der Maler
Unvollendet, halb entworfen.
Unten auf dem Meer der Schatten
Schwankt, umwogt von dunklen Wolken,
Ohne Steuer, ohne Flagge,
Bleich der Kahn des halben Mondes.
An den Seiten aufwärts wallen
Opfersäulen grauer Wolken,
Die den Regenbogen tragen,
Des Triumphes Friedenspforte.
Um des Tores Bogen ranken
Engel sich, aus rotem Golde,
Und von ihren Händen fallen
Purpurrote Morgenrosen.
Wo sie zu dem Monde fallen
Scheinet er von blankem Golde
Eine Sichel, die am Abend
Rosen streute für Auroren.
Aber nächtlich hat die Schlange
Um die Sichel sich gerollet.
O erscheine, Herr des Gartens,
Tritt den Lügner an den Boden!
Denn inmitten dieser Tafel
Ist noch kaum ein Strich gezogen,
Gleich des Blinden Auge starret,
Gott erharrend, hin der Bogen.
Jährlich nur an diesem Tage
Weint vor dem Gewand der Nonne
Und der Locke goldner Haare,
Büßt vor diesem Bilde Kosme.
Wie, an heilgen Jahrestagen
Nur, die Kirche die Kleinode,
Die Reliquien des Schatzes
Auftut, zu der Frommen Troste,
So auch liegt der Schatz des Jammers
Jährlich vor dem Büßer offen
Da geboren Rosablanke,
Da die Mutter ihr gestorben.
Die in schwerer Schuld empfangen,
Die in schwerer Schuld gestorben,
Und es ist der Sünde Vater
Rosablankas Vater Kosme.
Bis in tiefer Reue Flammen
Der Verzweiflung Erz geschmolzen,
Weinet Kosme in der Kammer
Vor dem Bild und Kleid der Nonne.
Und als in des Büßens Asche,
Wie der Blick geschmolznen Goldes,
Hoffnung ihm entgegenlachet,
Geht bereiten er das Opfer.
Er gießt aus gebleichtem Wachse,
Das im Mittagsstrahl zerflossen,
Eine hohe Totenfackel,
Einer Schlange gleich geformet.
Malt sie an mit bunten Farben,
Schmückt sie auch mit Punkten Goldes;
Brennen soll sie am Altare
Bei der Totenmesse morgen.
Und so hat er still gemalet,
Bis zum Garten ging des Mondes
Blanke Sichel, und des Abends
Rosen streute für Auroren.