Kitabı oxu: «Teppiche»

Şrift:

Teppiche, Band 2

Bücher 4 und 5

CLEMENS VON ALEXANDRIA

DIE SCHRIFTEN DER KIRCHENVÄTER

Teppiche 2, Clemens von Alexandria

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN: 9783849660260

Cover Design: Basierend auf einem Werk von Andreas F. Borchert, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35892522

Der Text dieses Werkes wurde der "Bibliothek der Kirchenväter" entnommen, einem Projekt der Universität Fribourg/CH, die diese gemeinfreien Texte der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Die Bibliothek ist zu finden unter http://www.unifr.ch/bkv/index.htm.

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INHALT:

Viertes Buch. 2

I. Kapitel 2

II. Kapitel 4

III. Kapitel 6

IV. Kapitel 10

V. Kapitel 14

VI. Kapitel 17

VII. Kapitel 27

VIII. Kapitel 34

IX. Kapitel 41

X. Kapitel 44

XI. Kapitel 45

XII. Kapitel 47

XIII. Kapitel 52

XIV. Kapitel 56

XV. Kapitel 57

XVI. Kapitel 59

XVII. Kapitel 63

XVIII. Kapitel 67

XIX. Kapitel 71

XX. Kapitel 75

XXI. Kapitel 78

XXII. Kapitel 82

XXIII. Kapitel 89

XXIV. Kapitel 93

XXV. Kapitel 95

XXVI. Kapitel 99

Fünftes Buch. 105

I. Kapitel 105

II. Kapitel 114

III. Kapitel 115

IV. Kapitel 118

V. Kapitel 123

VI. Kapitel 127

VII. Kapitel 133

VIII. Kapitel 135

IX. Kapitel 144

X. Kapitel 147

XI. Kapitel 152

XII. Kapitel 159

XIII. Kapitel 163

XIV. Kapitel 167

Fußnoten. 195

Teppiche

Bibliographische Angaben:

Titel Version: Teppiche (BKV) Sprache: deutsch Bibliographie: Teppiche (Stromateis). In: Clemens von Alexandrien, Teppiche: Wissenschaftliche Darlegungen entsprechend der wahren Philosophie (Stromateis). Aus dem Griechischen übersetzt von Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Otto Stählin. (Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 17, 19, 20) München 1936-1938. Unter der Mitarbeit von: Jürgen Voos.

Viertes Buch
I. Kapitel
1.

1. Nunmehr halte ich es für angemessen, von dem Märtyrertum zu handeln und davon, wer der Vollkommene ist (dabei wird das, was sich daran anschließt, je nachdem es der zu behandelnde Stoff erfordert, mithereingenommen werden) und davon, daß jeder in gleicher Weise nach Weisheit streben muß, mag er Knecht oder Freier und dem Geschlecht nach Mann oder Weib sein.

2. Wenn wir dann den folgenden Abschnitt über den Glauben und über die Forschung vollständig abgeschlossen haben, werden wir die auf Sinnbildern beruhende Darstellungsform vorführen, um dann, wenn wir in flüchtiger Übersicht die Sittenlehre zu Ende geführt haben, in kurzer Zusammenfassung des Wichtigsten zu zeigen, welchen Nutzen die Griechen aus der nichtgriechischen Philosophie gewonnen haben.

3. Nach dieser gedrängten Darstellung soll in Kürze die gegen die Griechen und die gegen die Juden gerichtete Auslegung der Heiligen Schrift und alles das vorgetragen werden, was wir in den bisherigen Büchern der „Teppiche“ unter dem dringenden Zwang der Fülle des Stoffes zu bewältigen nicht vermochten, während wir beim Eingang zu unserem Vorwort die Absicht ausgesprochen hatten, alles in einem einzigen Buch zu Ende zu bringen.

2.

1. Hierauf müssen wir später, wenn wir die Abhandlung entsprechend dem von uns vorgelegten Plan so gut wie möglich vollendet haben, erforschen, was von den Griechen und andererseits von den Barbaren, soweit deren Anschauungen zu uns gelangt sind, über das Wesen der Urgründe gelehrt worden ist, und müssen dann den wichtigsten Gedanken der Philosophen entgegentreten.

2. Daran schließt sich nach einem kurzen Abriß der Gotteslehre die Behandlung der die Weissagung betreffenden Überlieferung.2215 Darauf können wir bei der Heiligen Schrift, auf der unser Glauben beruht, auf Grund ihrer verbürgten Herkunft von dem Allmächtigen nachweisen, daß sie unbedingten Glauben verdient, und ihre Bücher der Reihe nach durchgehen und aus ihnen all den Irrlehren gegenüber beweisen, daß es ein Gott und allmächtiger Herr ist, der durch das Gesetz und die Propheten und dazu auch durch das selige Evangelium verkündigt worden ist.

3. In großer Menge warten dann unser noch die Einwendungen, die wir gegen die Irrlehrer vorbringen müssen, wenn wir versuchen wollen, die von ihnen vorgebrachten Lehren schriftlich zu entkräften und sie selbst auch gegen ihren Willen zu überzeugen, indem wir sie durch die Heilige Schrift selbst widerlegen.

3.

1. Wenn nun so unser ganzer Plan in den Abhandlungen ausgeführt ist, mit denen wir, wenn der Geist es will, dem dringenden Bedürfnis abhelfen wollen (denn ganz unentbehrlich ist das, was vor der Darlegung der Wahrheit selbst zuvor gesagt werden muß) dann werden wir erst zu der wahrhaft gnostischen Wesenslehre kommen, nachdem wir uns vor den großen in die kleinen Mysterien haben einweihen lassen,2216 damit nichts der wahrhaft göttlichen Offenbarung heiliger Geheimnisse im Wege stehe, sondern alles, was vorher erforscht und zuvor mitgeteilt werden muß, zuvor völlig erledigt und zuvor behandelt worden ist.

2. Nun hängt aber die Wesenslehre oder richtiger gesagt Wesensschau, die dem wahrheitsgetreuen Maßstab gnostischer Überlieferung entspricht,2217 von der Lehre über die Weltentstehung ab und steigt von hier aus zu dem Wissenschaftsgebiet der Lehre von Gott auf.

3. Daher werden wir mit Recht den Anfang der Darbietung mit der von der Weissagung berichteten Schöpfung machen, wobei wir der Reihe nach auch die Ansichten der Irrlehrer vorführen und sie, soweit es uns möglich ist, zu widerlegen versuchen wollen.

4. Aber all dies wird geschrieben werden, wenn Gott es will und wie er es eingibt; jetzt aber müssen wir an die uns zunächst vorliegende Aufgabe herantreten und den Abschnitt von der Sittenlehre zu Ende bringen.

II. Kapitel
4.

1. Unsere Abhandlungen sollen aber, wie wir schon oft sagten,2218 wegen der Leser, die hemmungslos und unvorbereitet darüber kommen, wie schon ihr Name sagt, Teppichen gleich bunt zusammengefügt sein; sie sollen in ununterbrochenem Wechsel von einem Gegenstand auf den anderen übergehen und im Laufe der Darstellung oft einen anderen Sinn in sich schließen, als die Worte zunächst kundtun.2219

2. „Die nämlich, die nach Gold suchen“, sagt Herakleitos, „graben viel Erde auf und finden wenig“;2220 diejenigen aber, die in der Tat zum „goldenen Geschlecht“2221 gehören und nach dem ihnen Verwandten schürfen, werden in wenigem viel finden. Denn finden wird meine Schrift den einen Leser, der sie versteht.2222

3. Dem also, der mit Verstand zu forschen vermag, werden die „Teppiche“ meiner Abhandlungen dazu behilflich sein, daß er sich an die Wahrheit erinnert und eine klare Vorstellung von ihr bekommt.

4. Dazu müssen aber auch wir anderes hinzu erarbeiten und hinzu auffinden; denn auch bei denen, die einen ihnen unbekannten Weg gehen wollen, genügt es, wenn man ihnen nur zeigt, wo der Weg führt.

5.

1. Gehen müssen sie ihn aber dann selbst und auch die Fortsetzung selbst finden. So gab auch, wie man erzählt, die Pythia einem Sklaven, der das Orakel fragte, was er tun müsse, um seinen Herrn zufriedenzustellen, den Bescheid: „Du wirst es finden, wenn du es suchst“

2. Und in der Tat ist es, wie es scheint, schwer, etwas Gutes, wenn es verborgen ist, aufzufinden. Denn „vor die Tugend ist der Schweiß gesetzt“, „Und lang ist der Weg und geht steil in die Höhe; Auch ist er anfangs gar rauh; doch hat man die Höhe erstiegen, Dann ist es leicht, auf ihm weiterzugehen, so schwer es zuerst war.“2223

3. Denn der Weg des Herrn ist wirklich „eng und schmal“,2224 und „nur Gewalttätige können das Reich Gottes erringen“;2225 daher heißt es: „Suche, und du wirst finden“,2226 wenn du dich nämlich an den wahrhaft „königlichen Weg“2227 hältst und nicht von ihm abweichst.

6.

1. Daher ist trotz des geringen Umfangs begreiflicherweise reich der fruchtbare Same2228 der in dieser Abhandlung enthaltenen Lehren, „wie das alle möglichen Pflanzen tragende Feld“,2229 sagt die Schrift.

2. Daher tragen auch ihre Überschrift mit vollem Recht die „Teppiche“ meiner Abhandlungen, da sie ganz nach Art jener alten Form von Opfergabe Blüten von überallher gesammelt haben, von der Sophokles schreibt:

3. „Da war des Schafes Wolle und vom Weinstock auch Der Weiheguß und Trauben, trefflich aufbewahrt, Der Früchte Allerlei, mit Gerstenkorn gemischt, Des Öles Fett, dazu das Allerkünstlichste, Der gelben Bien’ aus Wachs gebildet Wunderwerk.“2230

7.

1. So bringen denn auch unsere „Teppiche“, um mit den Worten des Bauern bei dem Lustspieldichter Timokles zu sprechen, „frische Feigen, Öl, getrocknete Feigen, Honig“ herbei, wie von einem an allen Früchten reichen Landgut.

2. Wegen dieses Reichtums an Früchten heißt es dann weiter: „Du meinst den Erntekranz und nicht die Feldarbeit.“2231

3. Die Athener pflegten nämlich auszurufen: „Erntekranz bringet uns Feigen und Kuchen, im Fette gebacken, Und in der Schale den Honig und Öl auch, daß man sich salbe.“2232

4. Man muß daher das Gemenge von vielerlei Samen, wie man es bei den Futterschwingen macht, oft hin und her schütteln und in die Höhe werfen und so den Weizen auslesen.

III. Kapitel
8.

1. Die Masse ist aber in ihrem Wesen der Witterung im Winter ähnlich; sie ist unbeständig und unberechenbar.

2.„Oft schon schuf das Mißtraun Gutes und Vertrauen Unheil oft.“2233

3. Und Epicharmos sagt: „Nie vergiß, daß Zweifeln gut ist, in ihm liegt des Denkens Kraft.“2234

4. Nun bringt freilich der Zweifel an der Wahrheit den Tod wie der Glaube an sie das Leben; aber umgekehrt wieder führt der Glaube an die Lüge und der Zweifel an der Wahrheit ins Verderben.

5. Ebenso verhält es sich mit der Enthaltsamkeit und der Unenthaltsamkeit. Wenn man sich nämlich der guten Werke enthält, so ist das ein Zeichen von Schlechtigkeit; wenn man sich dagegen des Unrechts enthält, so ist das der Anfang des Heiles.

6. So scheint mir der Sabbat dadurch, daß er fordert, sich vom Schlimmen fernzuhalten, auf die Enthaltsamkeit hinzuweisen und darauf, wodurch sich der Mensch von den Tieren unterscheidet.

7. Weiser wieder als der Mensch sind die Engel Gottes. „Du hast ihn“, so heißt es, „ein wenig niedriger als die Engel gestellt.“2235 Man bezieht nämlich dieses Schriftwort nicht auf den Herrn (freilich trug auch er das Fleisch an sich) sondern auf den Vollkommenen und den Gnostiker, der durch die Zeitlichkeit und die (irdische) Hülle niedriger als die Engel gestellt ist.

8. Deshalb sage ich, daß die Weisheit (der Engel) etwas anderes ist als das Wissen (der Menschen); hinsichtlich des Lebens nämlich unterscheiden sie sich nicht. Denn die sterbliche Natur, das heißt der Mensch, hat mit dem der Unsterblichkeit Gewürdigten das Leben gemeinsam, während das letztere hinsichtlich der Art seines geistigen Schauens und seiner Enthaltsamkeit vorzüglicher ist.

9.

1. In diesem Sinne scheint mir auch Pythagoras2236 Gott allein weise genannt zu haben (denn auch der Apostel schreibt in dem Brief an die Römer: “… des zur Erzielung von Glaubensgehorsam unter allen Völkern Bekanntgemachten, dem allein weisen Gott durch Jesus Christus“2237), sich selbst aber wegen seiner Liebe zu Gott einen Philosphen (d.h. einen Freund der Weisheit).”Gott sprach mit Moses“, so heißt es daher,”wie ein Freund mit einem Freunde."2238

2. Das Wahre ist also Gott offenbar; so hat denn die Wahrheit in ihm ihren Ursprung; der Gnostiker aber liebt die Wahrheit. “Gehe hin zur Ameise”, so heißt es, “du Träger, und werde ein Schüler der Biene!”, sagt Salomo.2239

3. Denn wenn jedes Geschöpf eine einzige seinem Wesen entsprechende Art der Betätigung hat und dies beim Rind ebenso wie bei dem Pferd und bei dem Hund der Fall ist, was sollen wir da beim Menschen als die für ihn eigentümliche Art der Betätigung angeben?

4. Er gleicht aber, wie ich meine, einem Kentauren, dem thessalischen2240 Geschöpf, da er aus einem vernünftigen und einem unvernünftigen Teil zusammengesetzt ist, aus Seele und Leib. Der Leib aber bearbeitet die Erde und strebt zur Erde,2241 die Seele dagegen ist auf Gott hin ausgerichtet, wenigstens soweit sie durch die wahre Philosophie erzogen wird.

5. Und sie eilt den mit ihr Verwandten droben zu, nachdem sie sich von den Begierden des Körpers und mit ihnen zugleich von Mühsal und Furcht abgekehrt hat; freilich haben wir gezeigt,2242 daß auch das Erdulden und die Furcht zum Nutzen gereichen können.

6. Denn wenn “durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommt”,2243 wie die sagen, die das Gesetz anklagen, so werden wir ihnen entgegenhalten: “Auch schon vor dem Gesetz war Sünde in der Welt”,2244 aber “ohne Gesetz ist die Sünde tot”.2245

7. Denn wenn man die Ursache der Furcht, nämlich die Sünde, wegnimmt, so hat man auch die Furcht weggenommen, noch weit mehr aber die Strafe, wenn nicht vorhanden ist, was seinem Wesen nach von Begierde erfüllt ist. “Denn für einen Gerechten ist das Gesetz nicht vorhanden”,2246 sagt die Schrift.

10.

1. Richtig sagt also Herakleitos: „Der Dike (des Rechtes) Name würde man nicht kennen, wenn es dieses (das Unrecht) nicht gäbe.“2247 Und Sokrates sagt, um der Guten willen wäre das Gesetz nicht entstanden.2248

2. Aber auch dies verstanden die Ankläger nicht, daß, wie der Apostel sagt, „wer den Nächsten liebt, nichts Böses tut“.2249 „Denn die Gebote: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! und wie die Gebote sonst lauten, all das wird in diesem einzigen Satze zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten wie dich selbst lieben!“2250

3. Dementsprechend heißt es wohl: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen lieben, und du sollst deinen Nächsten wie dich selbst lieben!“2251 Wenn aber der, der den Nächsten liebt, nichts Böses tut, und wenn alle Gebote in der einen Forderung der Liebe zum Nächsten zusammengefaßt werden, so wollen die Gebote, die die Furcht drohend über den Menschen schweben lassen, Liebe, nicht Haß bewirken.

11.

1. Darnach ist die Furcht, die das Gesetz erzeugt, keine Gemütsbewegung.2252 „Daher ist das Gesetz heilig“ und nach dem Wort des Apostels in der Tat „vom Heiligen Geiste gegeben“.2253

2. Wir müssen also, wie es scheint, die Natur des Leibes und das Wesen der Seele genau erforschen und das jedem von beiden gesetzte Ziel zu erfassen suchen und dürfen den Tod nicht für ein Übel halten.

3. „Denn solange ihr Sklaven der Sünde wart“, sagt der Apostel, „wart ihr der Gerechtigkeit gegenüber frei. Welche Frucht hattet ihr also damals? Nur solches, worüber ihr euch jetzt schämt; denn das Ende davon ist der Tod. Jetzt aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr als eure Frucht die Heiligung und als letztes Ende das ewige Leben. Denn der Sünde Sold ist der Tod; Die Gnadengabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.“2254

12.

1. Es dürfte demnach bewiesen sein, daß Tod ist die durch den Körper vermittelte Gemeinschaft der Seele, die zum Sündigen geneigt ist; Leben aber ist die Trennung (der Seele) von der Sünde.

2. Aber zahlreich sind die vor unseren Füßen liegenden Bollwerke und Gräben der Begierde und die Fallgruben des Zorns und der Leidenschaft; über diese muß hinwegspringen und überhaupt allen Veranstaltungen hinterlistiger Anschläge entfliehen, wer die Erkenntnis Gottes nicht mehr nur „durch einen Spiegel“2255 schauen will.

3. „Denn es entziehet der waltende Zeus schon der Tüchtigkeit Hälfte Jeglichem Manne, sobald ihn die Stunde der Knechtschaft ereilet.“2256

4. Als Knechte aber kennt die Schrift diejenigen, die unter die Sünde und an die Sünden verkauft sind,2257 die Wollüstigen und die, deren Sinn auf den Leib gerichtet ist, die mehr Tiere als Menschen sind, die dem Vieh ähnlich wurden,2258 „geile Hengste, die nach den Weibern ihrer Nächsten wiehern“,2259 ein unbändiger Esel ist der Zuchtlose, ein wilder Wolf der Habgierige und eine Schlange der Betrüger.

5. Dadurch, daß der Philosoph sein ganzes Leben hindurch sich auf die Trennung der Seele vom Leibe vorbereitet,2260 gewinnt er die gnostische Freudigkeit, den natürlichen Tod leicht und ruhig ertragen zu können, der ja nur die Lösung der Fesseln ist, mit denen die Seele an den Körper gebunden ist. Denn „mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt“,2261 sagt der Apostel, „und obwohl ich noch im Fleische bin, lebe ich doch schon so, als ob ich ein Bürger des Himmels wäre“.2262

IV. Kapitel
13.

1. Wenn daher der Gnostiker abgerufen wird, so gehorcht er natürlich leicht und gibt dem, der den Leib von ihm fordert, mit Freuden dazu auch die Leidenschaften hin, indem er sie noch früher als die Leibeshülle ablegt, wobei er den Versucher, wie ich meine, nicht schmäht, sondern belehrt und davon überzeugt, „Aus wie gewaltiger Ehre und welcher Fülle des Glückes“,2263 wie Empedokles sagt, er hierher kam, um unter den Sterblichen zu wandeln.

2. Ein solcher gibt in der Tat für sich das Zeugnis, daß er von echtem Glauben gegen Gott erfüllt ist, für den Versucher aber, daß er vergeblich dem nachgestellt habe, der durch die Liebe gläubig ist, und wiederum für den Herrn das Zeugnis von der gotterfüllten Überzeugung gegenüber der Lehre, von der er nicht aus Todesfurcht abtrünnig werden wird; ja er bekräftigt sogar die Wahrheit der Predigt mit der Tat, indem er zeigt, daß der, zu dem er hinstrebt, Gott, mächtig ist.

3. Man muß aber wohl seine Liebe bewundern, die er deutlich erkennen läßt, indem er sich voll Dankbarkeit mit dem ihm Wesensverwandten vereinigt, ja sogar „mit seinem kostbaren Blute“ die Ungläubigen beschämt.

14.

1. Ein solcher wird nicht aus Furcht des Gebotes wegen sich davor hüten, Christus zu verleugnen, so daß er nur aus Furcht ein Blutzeuge würde.2264 Indessen verkauft er seinen Glauben auch nicht in der Hoffnung auf bereitgehaltene Geschenke, vielmehr aus Liebe zum Herrn wird er sich aufs bereitwilligste von diesem Leben lösen; vielleicht wird er sogar dem, der die Verfolgung gegen ihn in die Wege leitete, Dank wissen, da er auf diese Weise einen triftigen Grund, den er selbst sich nicht hätte beschaffen können, dazu erhielt, sich als den zu erweisen, der er wirklich ist, und zwar jenem gegenüber durch seine Standhaftigkeit, dem Herrn gegenüber aber durch seine Liebe, durch die er dem Herrn offenbar wurde, der den Vorsatz des zum Martyrium Entschlossenen schon vor dessen Geburt kannte.

2. Getrosten Mutes kommt er also zu dem Herrn als zu seinem Freund, für den er auch den Leib willig dahingegeben hat2265 und dazu auch die Seele, wie die Richter erwartet hatten, und er darf die Begrüßung „lieber Bruder“,2266 um das Dichterwort zu benützen, von unserem Heiland hören wegen der Ähnlichkeit seines Lebens.

3. Daher nennen wir das Martyrium Vollendung, nicht weil der Mensch in ihm das Ende seines Lebens gefunden hat, wie die übrigen es (im Tode) finden, sondern weil er ein vollkommenes Liebeswerk2267 gezeigt hat.

4. Auch die alten Griechen preisen das Ende der im Kriege Gefallenen,2268 nicht als ob sie zu einem gewaltsamen Tode raten wollten, sondern weil, wer im Kriege fällt, ohne Furcht vor dem Tode aus dem Leben geschieden ist, indem er plötzlich von seinem Leibe losgerissen wurde und nicht vorher seelisch zu leiden hatte und nicht zermürbt wurde, wie es den Menschen in der Krankheit geht. Denn mit weibischen Klagen und voll Verlangen nach längerem Leben scheiden diese von hinnen.

15.

1. Darum ist ihre Seele auch nicht rein, wenn sie von ihnen (aus dem Körper) entlassen wird, sondern sie schleppt die Begierden wie Bleigewichte mit sich, abgesehen von einigen unter ihnen, die sich durch ihre Tugend ausgezeichnet haben.2269

2. Es gibt aber auch solche, die im Kriege mit Begierden sterben; dann ist es bei ihnen durchaus nicht anders, als wenn sie an einer Krankheit hinsiechten.

3. Wenn daher das Bekenntnis zu Gott ein Zeugnisablegen ist, so ist jede Seele, die in der Erkenntnis Gottes einen reinen Wandel führte und den Geboten gehorsam war, mit ihrem Leben und mit ihrem Reden eine Zeugin, wie sie auch immer vom Körper scheiden mag, da sei das ganze Leben hindurch und dazu auch beim Scheiden aus ihm durch die Darbringung ihres Glaubens gleichsam ihr Blut vergießt.

4. Dementsprechend sagt der Herr in dem Evangelium: „Wer Vater oder Mutter oder Brüder verläßt“2270 und die folgenden Worte: „um des Evangeliums und meines Namens willen“, der ist selig, indem er nicht das einfache Zeugnis ablegt, sondern das gnostische, da er durch die Liebe zum Herrn nach der Richtschnur des Evangeliums wandelte.

5. Denn mit der Kenntnis des Namens und dem Verständnis des Evangeliums ist wirkliche Erkenntnis gemeint und nicht, daß man nur davon redet, wie daraus klar ist, daß er die weltliche Familie verläßt, daß er ebenso sein Vermögen und seinen ganzen Besitz verläßt, um in seinem Leben nicht leidenschaftlich davon abhängig zu sein. Denn mit „Mutter“ wird allegorisch das Vaterland und die nährende Heimaterde bezeichnet und mit „Väter“ die staatlichen Gesetze.

6. Über all das muß sich der hochsinnige Gerechte mit Dankbarkeit erhaben fühlen, um Gottes Freund zu werden und den Platz zur Rechten im Heiligtum zu erlangen,2271 wie es auch die Apostel getan haben.

16.

1. Sodann sagt Herakleitos: „Die im Kriege Gefallenen werden von Göttern und Menschen geehrt“,2272 und Platon schreibt im fünften Buch des Staats: „Was nun die im Felde Gefallenen betrifft, werden wir nicht den von ihnen, der ruhmvoll geendet hat, in erster Linie für einen Sprößling des goldenen Geschlechtes erklären? – Ganz gewiß.“.2273

2. Das goldene Geschlecht stammt aber von den Göttern, die im Himmel und in der Fixsternsphäre wohnen und vor allem mit der Leitung der über die Menschen waltenden Vorsehung betraut sind.2274

3. Einige von den Irrlehrern aber haben den Herrn falsch verstanden, hängen gottlos zugleich und feige am Leben und behaupten, das wahre Märtyrertum sei die Erkenntnis des wahrhaft seienden Gottes, was auch wir zugeben; wer aber sein Bekenntnis mit dem Tod besiegle, der töte sich selbst und sei ein Selbstmörder; auch andere derartige schlaue Erfindungen der Feigheit bringen sie vor. Gegen sie wird geredet werden, wenn es die Zeit erfordert; sie weichen nämlich von uns in der Lehre von den Grundursachen ab.

17.

1. Aber auch wir tadeln die, die sich selbst in den Tod stürzen. Es gibt nämlich manche Leute, die nicht zu uns gehören, sondern nur den gleichen Namen wie wir tragen, die aus Haß gegen den Weltschöpfer sich auszuliefern beeilen, die Unseligen, die den Tod nicht erwarten können.2275

2. Von ihnen behaupten wir, daß sie sich mit ihrem freiwilligen Abschied aus dem Leben nicht den Ruhm eines Märtyrers erwerben, auch wenn sie von Staats wegen bestraft werden.

3. Denn sie bewahren nicht das Wesen des gläubigen Märtyrertums, da sie den wahren Gott nicht kennen, sondern liefern sich einem nichtigen Tode aus, wie sich die Gymnosophisten bei den Indern leichtfertig in das Feuer stürzen.

4. Da diese Leute, die ihren Namen mit Unrecht tragen, dem Körper Schlechtes nachsagen, so will ich sie darauf hinweisen, daß auch die richtige Verfassung des Körpers zu einer guten Beschaffenheit des Geistes beiträgt.

18.

1. Deshalb sagte Platon, den sie bei ihren Schmähungen gegen die Schöpfung vor allem als Zeugen anführen, im dritten Buch des Staats, man müsse um der Harmonie der Seele willen für den Körper sorgen; denn nur durch ihn ist es möglich, überhaupt zu leben und auch richtig zu leben,2276 indem man die Predigt der Wahrheit verkündet. Denn wir müssen unseren Weg durch das Leben und durch die Gesundheit nehmen, wenn wir die Erkenntnis gewinnen wollen.

2. Wenn aber jemand nicht einmal das kleinste Stück in die Höhe kommen kann, ohne daß er im Besitz des Lebensnotwendigen ist und mit dessen Hilfe alles tut, was zum Gewinn der Erkenntnis beiträgt, wie sollte er nicht darnach streben, gut zu leben?

3. Nun kann aber das gute Leben nur im Leben verwirklicht werden, und wer in seinem leiblichen Dasein ein gutes Leben erstrebt hat, wird in den Zustand ewigen Lebens hinübergeleitet.

V. Kapitel
19.

1. Bewundernswert sind auch diejenigen von den Stoikern, die sagen, daß die Seele vom Körper nach keiner Seite hin beeinflußt werde, weder zum Schlechten hin durch Krankheit noch zur Tugend hin durch Gesundheit; beide seien vielmehr, so sagen sie, sittlich völlig gleichgültig.2277

2. Indes ist uns auch Hiob durch seine ganz außerordentliche Selbstbeherrschung und durch seinen überragenden Glauben als ein gutes Beispiel aufgezeichnet; er war aus einem Reichen zu einem Armen, aus einem angesehenen Mann zu einem verachteten, aus einem Schönen zu einem Häßlichen und aus einem Gesunden zu einem Kranken geworden;2278 aber er beschämte den Versucher und pries seinen Schöpfer;2279 so trug er das zweite wie das erste und zeigte recht deutlich, daß der Gnostiker imstande ist, sich in alle Dinge gut zu schicken.

3. Und daß die trefflichen Taten der Alten als Vorbilder zu unserer Besserung aufgestellt sind, das zeigt der Apostel mit den Worten: „… so daß meine Gefangenschaft in Christus bei der ganzen kaiserlichen Leibwache und bei allen übrigen bekannt wurde und daß die meisten meiner Brüder im Herrn, durch meine Gefangenschaft in ihrem Vertrauen gestärkt, um so mehr das Wort Gottes furchtlos zu verkündigen wagen.“2280 Denn auch die Martyrien sind herrlich geheiligte Vorbilder der Bekehrung.

4. „Denn alles, was geschrieben wurde“, sagt der Apostel, „wurde zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Standhaftigkeit und den Trost, die uns die Heilige Schrift vermittelt, die Hoffnung auf den Trost haben.“2281

20.

1. Die Seele scheint, wenn sie Schmerz empfindet, von ihm gewissermaßen wegzustreben2282 und die Befreiung von dem vorhandenen Schmerz für wertvoll zu halten. In einem solchen Zeitpunkt vernachlässigt sie begreiflicherweise auch das Lernen, da ja auch die anderen Tugenden nicht mehr beachtet werden.

2. Wir sagen aber deshalb doch wohl nicht, daß die Tugend selbst leide; denn die Tugend kann gar nicht krank sein; vielmehr leidet nur der Träger beider, der Tugend und der Krankheit, unter dem, was ihn bedrängt. Und wenn er sich nicht innerlich darüber erhaben fühlen kann, so verliert der, der noch nicht so weit gekommen ist, daß die Selbstbeherrschung bei ihm zum bleibenden Zustand geworden ist, die Haltung; und daß er das Leid nicht ruhig ertragen kann, erweist sich als gleichwertig damit, wie wenn er vor ihm geflohen wäre.

21.

1. Ebenso verhält es sich auch mit der Armut. Denn auch sie zwingt die Seele, die Beschäftigung mit dem Notwendigen, der wissenschaftlichen Betrachtung und dem Streben nach der reinen Sündlosigkeit, aufzugeben, indem sie den, der sich noch nicht durch die Liebe Gott völlig hingegeben hat, dazu zwingt, sich mit dem Erwerb des Nötigen zu beschäftigen, während andererseits die Gesundheit und die reiche Fülle an dem, was zum Leben nötig ist, die Seele, die das Vorhandene richtig zu verwenden weiß, frei und ungehemmt erhält.

2. Denn „Bedrängnis für ihr Fleisch“, sagt der Apostel, „werden solche Leute zu ertragen haben; ich möchte aber euch damit verschonen. Denn ich wünsche, daß ihr frei von Sorgen seid, damit ihr die gute Sitte wahren und ohne jede Ablenkung treu bei dem Herrn ausharren könnt.“2283

22.

1. Um diese Dinge also muß man sich kümmern, nicht um ihrer selbst, sondern um des Leibes willen; die Fürsorge für den Leib aber geschieht der Seele wegen, auf die sich alles bezieht.

2. Bei dieser Fürsorge muß derjenige, der in wahrer Erkenntnis wandeln will, das Geziemende kennenlernen; denn das die Lust kein Gut ist, das ist eine sichere Tatsache deswegen, weil einige Lüste böse sind. (Nach diesem Satz erscheint das Gute als ein Übel und das Übel als ein Gut.)2284

3. Wenn wir ferner einige der Vergnügungen wählen, andere aber meiden, so kann nicht jede Lust etwas Gutes sein.

4. Das gleiche gilt in ähnlicher Weise auch von den Schmerzen, von denen wir die einen zu ertragen bereit sind, während wir die anderen zu vermeiden suchen. Wählen und Meiden geschieht aber auf Grund des Wissens.

5. Daher ist das Wissen das Gute, nicht die Lust; und seinetwegen werden wir manchmal auch diese oder jene Lust wählen.

23.

1. So entscheidet sich z.B. der Märtyrer dafür, die durch die Hoffnung ihm verbürgte Lust durch den augenblicklichen Schmerz zu erlangen. Wenn aber beim Durst der Schmerz, beim Trinken dagegen die Lust verspürt wird, so bewirkt das vorher vorhandene Schmerzgefühl das (nachfolgende) Lustgefühl. Nun kann aber das Schlechte nicht die bewirkende Ursache von etwas Gutem sein; also ist keines von beiden etwas Schlechtes.

2. Daher schreibt Simonides2285 wie auch Aristoteles:2286 „Gesundsein ist für jeden das Beste Und dann schön an Gestalt zu sein das Zweite Und das Dritte: reich zu sein ohne Trug.“

3. Und Theognis von Megara sagt: „Kyrnos, wenn’s gilt zu entfliehen der Armut, mußt du dich stürzen Auch in die Tiefe des Meers, hoch von den Felsen herab.“2287

4. Und wiederum sagt der Lustspieldichter Antiphanes: „Der Reichtum gleicht dem schlechten Arzt: er macht uns blind, Wenn wir als Sehende zu ihm gekommen sind.“2288

24.

1. So erzählen ja auch die Dichter von dem Reichtum, daß er von Geburt an blind sei.2289

2.„Und sie gebar einen Sohn, der die strahlende Sonne nicht schaute“, sagt Euphorion von Chalkis.2290

3. Und Euripides hat in dem Stück „Alexandros“ gedichtet: „Ein schlecht Erziehungsmittel ist zu tapferm Sinn Der Reichtum für die Menschen und die Schwelgerei.“2291

4. Es heißt ja (bei ihm) auch: „Der Armut Teil ward Weisheit, weil sie ihr verwandt.“2292

5. Die Habgier würde nicht nur Sparta, sondern überhaupt jede Stadt zugrunde richten.2293

6.„Nicht weißes Silber also oder Gold allein hat für die Menschen Geldeswert, die Tugend auch“, wie Sophokles sagt.2294

VI. Kapitel
25.

1. Unser heiliger Erlöser gebrauchte aber die Wörter Armut und Reichtum und ähnliche Begriffe sowohl mit Bezug auf das Geistliche als auch auf das Sinnliche. Wenn er nämlich sagt: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt sind“,2295 so lehrt er uns damit ganz deutlich, daß wir den Glaubenszeugen in jeder Lage suchen müssen.

2. Wenn dieser der Gerechtigkeit wegen arm2296 ist, so bezeugt er damit, daß die Gerechtigkeit, die er lieb gewann, ein Gut ist; und wenn er der Gerechtigkeit wegen Hunger oder Durst leidet,2297 so bezeugt er damit, daß die Gerechtigkeit das Beste ist.

26.

1. Ebenso bezeugt derjenige, der der Gerechtigkeit wegen weint und trauert,2298 dem besten Gesetz, daß es gut sei.

2. Wie die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten,2299 so nennt auch die ihretwegen Hungernden und Dürstenden2300 der selig, der das echte Verlangen anerkennt, das auch der Hunger nicht zu stören vermag.2301

3. Auch wenn sie nach der Gerechtigkeit selbst hungern,2302 sind sie selig; „selig sind“ aber auch „die Armen“, sei es am Geiste, sei es an äußerer Habe, offenbar um der Gerechtigkeit willen.2303

4. Er preist also vielleicht nicht schlechthin die Armen selig, sondern diejenigen, die sich entschlossen haben, der Gerechtigkeit wegen völlig mittellos zu werden, das sind die, die die Ehren hienieden im blick auf den Erwerb des (wahren) Gutes gering achteten.

5. Ebenso preist er aber auch diejenigen selig, die um ihrer Keuschheit willen nach ihrem inneren Wesen und ihrer äußeren Erscheinung schön geworden sind, und die Adeligen und Hochgeehrten, die um der Gerechtigkeit willen zur Sohnschaft gelangt sind und deshalb „die Macht erhalten haben, Gottes Kinder zu werden“2304 und „über Schlangen und Skorpionen hin zu wandeln“2305 und über Dämonen Herr zu werden und über das Heer des Widersachers.2306

27.

1. Und überhaupt läßt die von dem Herrn gelehrte Selbstzucht die Seele mit Dankbarkeit von dem Körper scheiden, wenn anders sie auch selbst sich durch innere Umwandlung von ihm losreißt.

2. Denn „wer seine Seele findet, wird sie verlieren, und wer sie verliert, der wird sie finden“,2307 wenn wir nur alles, was an uns sterblich ist, an die Unvergänglichkeit Gottes hingeben. Gottes Wille ist aber die Erkenntnis Gottes, und diese ist Gemeinschaft mit seiner Unvergänglichkeit.

3. Wer also auf dem Wege der Buße seine Seele als sündig erkennt, wird sie verlieren weg von der Sünde, von der sie sich losgerissen hat; wenn er sie aber verloren hat, wird er sie wiederfinden in dem Gehorsam, da sie durch den Glauben zu neuem Leben gelangt, der Sünde aber abgestorben ist.2308 Das also ist der Sinn von „seine Seele finden“: sich selbst erkennen.

28.

1. Das Umkehren zu den göttlichen Dingen geschieht aber, wie die Stoiker sagen,2309 durch eine Umwandlung, indem sich nämlich die Seele auf die Weisheit hin umwandelt.

2. Nach Platon aber geschieht es, indem die Seele eine Umkehr zum Besseren und ein Umwenden aus einem nachtähnlichen Tage vollzieht.2310

3. So gestehen denn auch die Philosophen dem Sittlichguten die Möglichkeit eines mit der Vernunft übereinstimmenden freiwilligen Scheidens aus dem Leben zu, wenn er durch irgend etwas in dem Maß der Freiheit, zu handeln, beraubt ist, daß ihm nicht einmal mehr die Hoffnung, handeln zu können, übriggeblieben ist.2311

4. Der Richter aber, der mit Gewalt dazu zwingen will, den Geliebten zu verleugnen, scheint mir ans Licht zu bringen, wer Gottes Freund ist und wer nicht.

5. Da ist dann auch keine Möglichkeit mehr vorhanden, zu vergleichen und zu fragen, wofür man sich entscheiden soll, für (die Rücksicht auf) die Drohung der Menschen oder für die Liebe Gottes.

6. Und die Enthaltung von bösen Taten erweist sich in gewissem Sinn als eine Verringerung und Austilgung der Laster, indem ihre Wirksamkeit dadurch, daß nichts geschieht, aufgehoben wird; und das ist der Sinn der Worte: „Verkaufe, was dir gehört, und gib es den Armen und komm und folge mir nach!“2312 Das heißt: Folge dem, was von dem Herrn gesagt wird!

29.

1. Mit dem, was jemand „gehört“, soll der Herr, wie einige behaupten, das gemeint haben, was in der Seele an Fremdem ist; aber wie das unter die Armen verteilt werden soll, das können sie nicht sagen. Gott aber verteilt alles an alle nach ihrem Verdienst, da seine Weltverwaltung gerecht ist.

2. Achte also, so sagt er, wegen der dir verliehenen Herrlichkeit deine Habe gering, die Gott verteilt; folge dem von mir Gesagten, indem du dem Aufstieg des Geistes zustrebst, nicht nur durch die Enthaltung von Bösem gerechtfertigt, sondern dazu auch durch das vom Herrn gebotene Gutestun zur Vollkommenheit geführt.

3. So warf der Herr dem, der sich rühmte, die Gebote des Gesetzes vollkommen erfüllt zu haben,2313 vor, daß er seinen Nächsten nicht geliebt habe. Gutes zu tun verspricht aber die Liebe, die entsprechend der von ihr erreichten hohen Stufe der Erkenntnis auch über den Sabbat Herrin ist.2314

4. Man muß aber, wie ich meine, zu der Lehre des Heilands weder aus Furcht vor der Strafe noch wegen der Verheißung eines Geschenkes, sondern um des Guten selbst willen hinzukommen.

30.

1. Solche Leute werden zur Rechten des Heiligtums aufgestellt.2315 Diejenigen aber, die meinen, durch die Hingabe der vergänglichen Dinge das Unvergängliche eintauschen zu können, werden in dem Gleichnis von den beiden Brüdern „Taglöhner“ genannt,2316 und vielleicht tritt hier das Wort „nach der Ähnlichkeit und nach dem Bilde“2317 in Erscheinung, so daß die einen entsprechend ihrer Ähnlichkeit mit dem Heiland selbst mit ihm wandeln, die anderen, die auf der linken Seite stehen, nur nach dem Bilde dieser Leute.

2. Sie stehen also erst an der dritten Stelle nach der Wahrheit,2318 da zwar beide aus der gleichen Wurzel stammen, aber ihre Entscheidung nicht gleich ist oder vielmehr der durch die Entscheidung begründete Unterschied nicht gering ist.

3. Es unterscheidet sich aber, meine ich, die Entscheidung auf Grund der Nachahmung von der auf Grund eigener Erkenntnis wie das vom Feuer Entzündete und das vom Licht Erleuchtete von dem Feuer und dem Licht selbst. Licht also der in der Schrift genannten Ähnlichkeit ist Israel, der andere (Esau) aber ist nur Abbild.

4. Was will aber der Herr mit dem Gleichnis von Lazarus lehren, das das Bild eines Reichen und eines Armen zeigt?2319 Und was bedeutet das Wort: „Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“,2320 wobei der Herr die Habgier so nennt?

31.

1. Dementsprechend nehmen die ihren Besitz Liebenden die Einladung zu dem Mahle, zu dem sie geladen sind, nicht an, nicht weil sie überhaupt besitzen, sondern weil sie leidenschaftlich an ihrem Besitz hängen.2321

2. „Die Füchse haben ihre Erdlöcher.“2322 Füchse nannte der Herr die niedriggesinnten und am Irdischen haftenden Menschen, die sich um den Reichtum bemühen, der in den Bergwerken gewonnen und aus der Erde gegraben wird.

3. Ebenso sagt der Herr auch mit Bezug auf Herodes: „Gehet hin und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe böse Geister aus und vollführe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tage bin ich am Ziel.“2323

4. Ferner nannte er „Vögel des Himmels“2324 die durch das Wort „Himmel“ von den anderen Vögeln Unterschiedenen, die wahrhaft Reinen, die sich zur Erkenntnis der himmlischen Lehre wie mit Flügeln erheben können.

5. Denn nicht nur aus dem Reichtum und aus dem Ruhme und der Ehe, sondern auch aus der Armut erwachsen für den, der sie nicht ertragen kann, unzählige Sorgen; und vielleicht deutete der Herr auf diese Sorgen in dem Gleichnis von der vierfachen Aussaat hin, wenn er sagte, daß der Same des Wortes, der in die Dornen und Hecken fiel, von ihnen erstickt worden sei und keine Frucht habe tragen können.2325

32.

1. Es ist also nötig, zu lernen, wie man sich bei allem, was uns zustößt, verhalten muß, um durch die Übung in dem der Erkenntnis entsprechenden guten Leben zu dem unveränderlichen Zustand ewigen Lebens zu gelangen.

2.2326 „Denn ich sah“, so heißt es, „den Gottlosen sich trotzig erheben und sich stolz ausbreiten wie die Zedern des Libanon, und ich ging vorüber“, sagt die Schrift, „und siehe, er war nicht mehr da. Und ich suchte ihn, und seine Stätte war nicht mehr zu finden. Bewahre die Unschuld und siehe auf Rechtschaffenheit; denn es gibt noch eine Zukunft (eine Nachkommenschaft) für den friedliebenden Menschen.“2327 3. Das wird aber der sein, der ohne Heuchelei von ganzem Herzen glaubt und in seiner ganzen Seele ruhig ist.

4. „Denn das andere Volk ehrt mich mit seinen Lippen, sein Herz aber ist fern von dem Herrn.“2328 „Mit ihrem Munde lobpreisen sie, in ihrem Herzen aber fluchen sie.“2329

5. „Sie liebten ihn mit ihrem Munde, und mit ihrer Zunge betrogen sie ihn. Ihr Herz aber war nicht redlich gegen ihn, und sie hielten nicht treu an seinem Bunde.“2330

33.

1. Deswegen „sollen verstummen die falschen Lippen, die Gottlos gegen den Gerechten reden!“2331 und abermals: „Vertilgen möge der Herr alle falschen Lippen und die großsprecherische Zunge, die Leute, die da sagen:

2. Mit unserer Zunge werden wir groß sein; unsere Lippen sind in unserer Gewalt. Wer ist Herr über uns? Wegen der Bedrängnis der Armen und wegen des Seufzens der Bedürftigen will ich mich jetzt erheben, sagt der Herr; Rettung will ich ihm schaffen; offen will ich für ihn eintreten.“2332

3. Denn den Demütigen gehört Christus, nicht denen, die sich gegen seine Herde erheben.

4. „Sammelt euch also nicht Schätze auf Erden, wo Motte und Rost sie verzehren und wo Diebe einbrechen und stehlen!“2333 sagt der Herr vielleicht, um die an ihrem Besitz Hängenden zurechtzuweisen, vielleicht aber auch im Hinblick auf die, die sich überhaupt sorgen und um etwas bekümmert sind, ferner auf die, die ihren Leib pflegen.

5. Denn Liebschaften und Krankheiten und die bösen Gedanken „brechen ein“ in das vernünftige Denken und in den ganzen Menschen; unser wahrer Schatz ist aber dort, wo das dem Geiste Verwandte ist.2334

6. Ferner lehrt er den mit der Gerechtigkeit verbundenen freigebigen Sinn, indem er zeigt, daß man der Gewohnheit des alten Wandels das uns von ihm erworbene zurückgeben2335 und zu Gott emporeilen muß, um Erbarmen von ihm zu erbitten.

7. Dieses ist in der Tat „ein Beutel, der nicht alt wird“, eine Wegzehrung zum ewigen Leben,2336 „ein unerschöpflicher Schatz im Himmel“,2337 denn der Herr spricht: „Große Barmherzigkeit werde ich dem erweisen, dessen ich mich erbarme.“2338

34.

1. Er sagt dies aber auch zu denen, die um der Gerechtigkeit willen arm sein wollen.2339 Denn sie haben durch das Gebot gehört, daß „eine breite und geräumige Straße zum Verderben führt und viele es sind, die auf ihr gehen“.2340

2. Von nichts anderem spricht er hier als von Schwelgerei und Weiberliebe, von Ehrgeiz und Herrschsucht und den ähnlichen Leidenschaften. Denn „du Tor“, so sagt er, „noch diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und was du für sie bereitet hast, wem wird das zufallen?“2341

3. Und das Gebot lautet wörtlich so: „Hütet euch also vor aller Habsucht! Denn nicht darin, daß einer Überfluß an Besitz hat, besteht sein Leben.“2342.

4. „Denn welchen Nutzen hat ein Mensch, wenn er die ganze Welt gewänne und an seiner Seele Schaden litte? Oder was könnte ein Mensch als Tauschmittel für seine Seele geben?“2343

5. „Deshalb sage ich: Sorgt nicht für euer Leben, was ihr essen werdet, und nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet! Denn das Leben ist mehr wert als die Speise und der Leib mehr wert als die Kleidung.“2344

6 Und wieder: „Denn euer Vater weiß, daß ihr all dieser Dinge bedürfet. Trachtet aber zuerst nach dem Himmelreich und nach der Gerechtigkeit! Denn das sind wichtige Dinge; was aber unbedeutend ist“ und zum Leben gehört, „das wird euch noch dazu gegeben werden.“2345

35.

1. Befiehlt er uns nicht ausdrücklich, dem gnostischen Leben nachzustreben, und treibt er uns nicht an, mit Tat und Wort nach der Wahrheit zu trachten? Als reich erachtet daher Christus, der die Seele erzieht, nicht die Gabe, sondern die Gesinnung.2346

2. Deshalb soll Zakchaios, nach anderen Matthias, ein Oberzöllner, als er gehört hatte, daß der Herr ihn würdigte, zu ihm zu kommen, gesagt haben: „Siehe, die Hälfte meiner Habe gebe ich als Almosen, Herr; und wenn ich etwas von jemand erpreßt habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ In bezug auf ihn sagte auch der Heiland: „Der Menschensohn ist heute gekommen und hat das Verlorene gefunden.“2347

3. Und wieder, als er sah, daß der Reiche in den Opferkasten entsprechend seinem Besitz eingelegt hatte, die Witwe aber zwei Kupfermünzen, da sagte er, die Witwe habe mehr eingelegt als alle anderen; denn jener hatte den Beitrag aus seinem Überfluß, diese aber aus ihrer Armut geleistet.2348

36.

1. Daß der Herr aber bei allem an die Erziehung der Seele dachte, das zeigt sich, wenn er sagt: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden die Erde erben.“2349

2. Sanftmütig sind aber diejenigen, die den unversöhnlichen Kampf in der Seele gegen Zorn und Begierde und die als Unterarten zu diesen beiden gehörenden Leidenschaften zu Ende gebracht haben. Er lobt aber als sanftmütig diejenigen, die es aus freien Stücken, nicht aus Zwang sind.

3. Denn es gibt bei dem Herrn verschiedene Belohnungen und Wohnungen2350 entsprechend der Art des Lebens.

4. Denn es heißt: „Wer einen Propheten mit Rücksicht auf seine Eigenschaft als Prophet aufnimmt, wird den einem Propheten gebührenden Lohn empfangen; und wer einen Gerechten mit Rücksicht auf seine Eigenschaft als Gerechter aufnimmt, der wird den einem Gerechten gebührenden Lohn empfangen; und wer einen von diesen geringen Jüngern aufnimmt, der wird seinen Lohn nicht verlieren.“2351

5. Und wieder hat er die dem Verdienst entsprechenden Unterschiede, die trefflichen Belohnungen der Tugend, durch die ungleiche Zahl der Arbeitsstunden, dazu aber auch durch den gleichen, jedem Arbeiter ausgezahlten Lohn (das ist das Heil, das mit dem Denar gemeint ist) die gleichartige Gerechtigkeit derer aufgezeigt, die während der an Zahl nicht gleichen Stunden gearbeitet hatten.2352

37.

1. Sie werden also in den Wohnungen arbeiten, die den Ehrengaben entsprechen, deren sie gewürdigt wurden, als Mitarbeiter der unaussprechlich hohen Weltregierung und des heiligen Dienstes.

2. „Die aber, bei denen es sich zeigt, daß sie sich in heiligem Leben besonders ausgezeichnet haben“, sagt Platon, „das sind die, die von dem Leben hier auf der Erde befreit und wie aus einem Gefängnis erlöst werden und nach oben in eine reine Wohnung gelangen.“

3. Und noch deutlicher sagt er das gleiche mit folgenden Worten: „Von eben diesen leben diejenigen, die sich in der Philosophie genügend gereinigt haben, ohne Körper durchaus für alle Zeit.“ Freilich umkleidet er die Seelen mit gewissen Gestalten, die einen mit luftigen, die anderen mit feurigen.

4. Ferner fügt er hinzu: „Und sie gelangen in Wohnungen, die noch schöner als diese sind; sie zu beschreiben, ist nicht leicht; auch ist jetzt nicht Zeit genug dazu vorhanden.“2353

5. Deshalb heißt es mit Recht: „Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“2354

6. Denn diejenigen, die ihr früheres böses Leben bereut haben, werden zur Berufung gelangen; das ist mit dem „getröstet werden“ gemeint.

7. Es gibt aber zwei Arten des Bereuens, die gewöhnlichere Art: Furcht wegen dessen, was man getan hat, und die mehr besondere Art: die Unzufriedenheit der Seele mit sich selbst infolge schlechten Gewissens, sei es nun hier, sei es anderswo, da es ja keinen Ort gibt, an dem sich die Güte Gottes nicht wirksam zeigte.

38.

1. Wiederum heißt es: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden selbst Erbarmen finden.“2355 Denn Erbarmen (Mitleid) ist nicht, wie einige Philosophen angenommen haben, Trauer über fremdes Unglück,2356 sondern etwas Schönes, wie die Propheten sagen: „Denn Barmherzigkeit“, so heißt es, „will ich und nicht Opfer.“2357

2.2358 Barmherzig sind aber nach seiner Auffassung nicht nur diejenigen, die Barmherzigkeit durch die Tat erweisen, sondern auch diejenigen, die barmherzig sein möchten, auch wenn sie nicht können, die, bei denen das Handeln der Absicht nach vorhanden ist.

3. Denn manchmal möchten wir durch eine Geldgabe oder durch eine persönliche Hilfeleistung Barmherzigkeit erweisen, z.B. einem Bedürftigen helfen oder einen Kranken pflegen oder einem, der ins Unglück geraten ist, beistehen, aber wir sind, entweder wegen Armut oder Krankheit oder hohen Alters (auch dieses ist ja eine natürliche Krankheit2359) nicht dazu imstande, unseren Vorsatz auszuführen, zu dem wir uns getrieben fühlen, so daß wir das, was wir wollten, nicht zu Ende führen können.

4. Die gleiche Ehre also wie die, die etwas tun konnten, werden die erlangen, die den Willen dazu hatten, bei denen die Absicht die gleiche war, wenn auch das Vermögen bei anderen größer war.

39.

1. Da es aber für die, welche zur Vollkommenheit gelangen wollen, zwei Wege des Heils gibt, die Werke und die Erkenntnis, nannte der Herr die selig, die reinen Herzens sind; „denn sie werden Gott schauen“.2360

2. Und in der Tat, wenn wir überlegen, wie es sich in Wahrheit verhält, so ist das Erkennen, wenn es eine Reinigung der in der Seele herrschenden Vernunftkraft ist, auch eine gute Betätigung.

3. Gut nennen wir nun das eine um seiner selbst willen, das andere, weil es am Guten Anteil hat, wie die guten Taten. Ohne die in der Mitte liegenden Dinge aber, die eben die Stelle des Stoffes einnehmen, können weder die guten noch die bösen Taten zustande kommen, ich meine z.B. ohne Leben und Gesundheit und ohne die anderen Dinge, die entweder notwendig oder durch die Umstände bedingt sind.2361

4. Der Herr will also, daß diejenigen, die zur Erkenntnis Gottes gelangen wollen, hinsichtlich ihrer körperlichen Begierden rein und in ihren Gedanken heilig seien, damit der Wirkung der in der Seele herrschenden Vernunft nichts Unechtes hindernd im Wege stehe.

40.

1. Wenn daher derjenige, der mit voller Erkenntnis an der heiligen Beschaffenheit Anteil hat, mit der Gottheit in reiner Weise verkehrt und ohne Unterlaß bei dem wissenschaftlichen Schauen verharrt, so kommt er immer näher in den dauernden Zustand leidenschaftslosen Sichselbstgleichseins, so daß er nicht mehr Wissen nur hat und Erkenntnis nur besitzt, sondern selbst Wissen und Erkenntnis ist.

2. „Selig sind“ also „die Friedfertigen.“2362 Da sie das dem Denken unseres Sinnes widerstreitende Gesetz,2363 die Drohungen des Zornes und die Lockmittel der Begierde und die anderen Leidenschaften, die mit unserem vernünftigen Denken in Streit liegen, bezähmten und zur Ruhe brachten, werden sie, die mit wissenschaftlicher Erkenntnis und mit guten Werken und im Besitz der wahren Lehre ihr Leben führten, in die liebevollste Kindschaft versetzt werden.

3. Als vollkommene Friedfertigkeit darf wohl die gelten, die bei allem, was uns zustoßen mag, die friedliche Gesinnung unwandelbar bewahrt, die die göttliche Weltregierung heilig und gut nennt und die in der Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge2364 ihren sicheren Stand hat, einer Kenntnis, durch die sie die in der Welt vorhandenen Gegensätze für den schönsten Einklang der Schöpfung halten kann.

4. Sie stiften Frieden aber auch dadurch, daß sie diejenigen, die hier durch die Kriegslisten der Sünde angefochten werden,2365 zur Umkehr bewegen und sie veranlassen, zum Glauben und zum Frieden überzugehen.2366

41.

1. Das Hauptstück jeglicher Tugend ist es aber, wie ich meine, wozu uns der Herr mit der Forderung erzieht, daß wir um der Liebe zu Gott willen mit klarer Erkenntnis den Tod verachten sollen, wenn er sagt:

2. „Selig sind die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“,2367 oder wie einige von denen, die die Evangelien umgestalten,2368 die Stelle bringen: „Selig sind“ so heißt es, „die für die Gerechtigkeit Verfolgten; denn sie werden vollkommen sein. Und selig sind die um meinetwillen Verfolgten; denn sie werden eine Stätte erhalten, wo sie nicht werden verfolgt werden.“2369

3. „Und selig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen, wenn sie euch aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euren Namen als böse verwerfen um des Menschensohnes willen.“2370

4. Vorausgesetzt ist freilich, daß wir die Verfolger nicht verabscheuen und die von ihnen über uns verhängten Strafen ertragen, ohne sie zu hassen, und dabei bedenken, daß wir später, als wir erwartet hatten, versucht worden sind, aber auch jenes erkennen, daß jegliche Versuchung Anlaß dazu ist, Zeugnis abzulegen.

VII. Kapitel
42.

1. Wie groß muß dann wohl das Unheil sein, in dem sich der befindet, der verleugnet und sich selbst als untreu erwiesen hat und zum Heere des Teufels übergelaufen ist!

2. Es verleugnet also den Herrn, ja vielmehr es hat seine eigene Hoffnung durch Lügen zunichte gemacht, wer Gott nicht glaubt. Der aber glaubt ihm nicht, der nicht tut, was Gott geboten hat.

3. Wie nun? Verleugnet nicht sich selbst, wer den Herrn verleugnet? Denn nicht beraubt den Herrn seiner Herrschaft, wer sich selbst der Zugehörigkeit zu ihm beraubt. Wer also den Erlöser verleugnet, verleugnet das Leben; denn „Leben war das Licht“.2371

4. Nicht Kleingläubige2372 nennt er solche Leute, sondern Ungläubige2373 und Heuchler,2374 da sie sich zwar den Christennamen angeeignet haben, aber gläubig und treu zu sein ableugnen. Als treu2375 ist (in der Schrift) aber sowohl ein Knecht als auch ein Freund bezeichnet.

5. Wenn daher jemand sich selbst lieb hat, so liebt er den Herrn und bekennt, daß er von ihm erlöst ist, um seine Seele zu erretten.

43.

1. Freilich selbst wenn du für deinen Nächsten aus Liebe sterben würdest und für unseren Nächsten den Heiland hieltest (denn ein Gott, der nahe ist,2376 wurde der Heiland mit Beziehung auf das Rettungsbedürftige genannt), so wirst du doch den Tod des Lebens wegen gewählt und mehr deiner selbst als jenes wegen gelitten haben; und vielleicht heißt er deswegen „Bruder“.2377

2. Denn wer um seiner Liebe zu Gott willen leidet, der leidet um seiner eigenen Erlösung willen; und wer andererseits um seiner eigenen Erlösung willen stirbt, der erduldet den Tod um seiner Liebe zum Herrn willen. Denn auch er selbst, der das Leben ist, entschloß sich um derentwillen zu leiden, für die er litt, damit wir durch sein Leiden das Leben gewännen.

3. „Was nennt ihr mich: Herr, Herr!“, heißt es, „und tut nicht, was ich sage?“2378 Denn das Volk, „das nur mit den Lippen liebt, mit seinem Herzen aber fern von dem Herrn ist“,2379 das ist ein anderes, ist einem anderen in Gehorsam ergeben und hat sich diesem aus freien Stücken verkauft.

4. Alle dagegen, die die Gebote des Heilands erfüllen, legen mit jeder Handlung Zeugnis ab, indem sie tun, was er will, und dementsprechend den Namen des Herrn gebrauchen und durch die Tat für den Zeugnis ablegen, dem zu gehören sie überzeugt sind, sie, die ihr Fleisch samt den Begierden und Leidenschaften gekreuzigt haben.2380

5. „Wenn wir im Geiste leben, so laßt uns auch im Geiste wandeln!“,2381 sagt der Apostel. „Wer auf sein Fleisch sät, der wird vom Fleische Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geiste ewiges Leben ernten.“2382

44.

1. Den unglückseligen Menschen scheint das mit Blut besiegelte Bekenntnis zum Herrn der gewaltsamste Tod zu sein, da sie nicht wissen, daß eine solche Todestüre den Anfang des wahrhaft seienden Lebens bildet. Und sie wollen auch weder an die Ehren denken, die nach dem Tode derer warten, die ein heiliges Leben geführt haben, noch an die Strafe derer, deren Wandel ungerecht und sittenlos war; ich meine nicht nur auf Grund unserer Schriften (fast alle Gebote weisen ja darauf hin), sie wollen vielmehr nicht einmal auf die Worte ihrer eigenen Landsleute hören.

2. Die Pythagoreerin Theano schreibt nämlich: „Es wäre ja wahrhaftig das Leben für die Schlechten ein Festschmaus, wenn sie Böses tun und dann sterben dürften - wenn nur die Seele nicht unsterblich wäre.“2383

3. Und Platon sagt im Phaidon: „Denn wenn der Tod die Beendigung von allem wäre, dann wäre er ein unerwartetes Glück“,2384 und die folgenden Worte.

45.

1. Man darf sich also nicht mit dem Telephos des Aischylos vorstellen, daß „nur ein einfacher Weg in den Hades führe“;2385 vielmehr sind es viele Wege, die dorthin führen, in viele Verirrungen verstrickende Verfehlungen.

2. Diese Ungläubigen verspottet, wie es scheint, Aristophanes in einem Lustspiel mit den Worten: „Ihr Menschen, hört zu, die im Dunkel ihr haust, dem Geschlechte der Blätter vergleichbar, Ohnmächtige Wesen, Gebilde aus Wachs, wie Schatten so schwach und vergänglich, Unfähig zum Flug, für den Tag nur erzeugt!“2386

3. Und Epicharmos sagt: „Das ist das Wesen der Menschen: aufgeblasene Schläuche.“2387

4. Uns aber hat der Heiland gesagt: „Der Geist ist willig, das Fleisch aber ist schwach.“2388 Deshalb ist, wie der Apostel die Stelle erklärt, „das Denken des Fleisches Feindschaft gegen Gott; denn es unterwirft sich dem Gesetze Gottes nicht; denn es kann es auch nicht; die aber im Fleische sind, können Gott nicht gefallen.“2389

5. Und zur weiteren Erklärung, damit nicht etwa jemand wie Marcion undankbarerweise die Schöpfung für böse halte, fügt er noch hinzu: „Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib tot wegen der Sünde, der Geist aber ist Leben wegen der Gerechtigkeit.“2390

6. Und wiederum: „Denn ich denke, daß die Leiden der jetzigen Zeit nichts wert sind gegenüber der Herrlichkeit, die uns in Zukunft offenbart werden soll, wenn anders wir mitleiden, damit wir auch mitverklärt werden, als die Miterben Christi.“2391

46.

1. „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alles zum Guten verhilft, denen, die nach seinem Ratschluß berufen sind. Denn bei denjenigen, die er im voraus ausersehen hatte, hat er auch vorher bestimmt, daß sie dem Bilde seines Sohnes gleichgestaltet sein sollen, damit er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei; die er aber vorherbestimmt hatte, diese hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hatte, diese hat er auch verklärt.“2392 Du siehst, wie hier gelehrt wird, daß man das Zeugnis aus Liebe ablegen muß.

2. Und wenn du wegen des Guten, das du als Vergeltung dafür erwartest, Zeugnis ablegen willst, so wirst du wieder hören: „Denn nur in der Hoffnung sind wir gerettet; ein Hoffnungsgut aber, das man sehen kann, ist keine Hoffnung mehr; denn wie sollte jemand das noch erhoffen, was er schon sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so erwarten wir es in Geduld.“2393

3. „Aber wenn wir auch leiden um der Gerechtigkeit willen, so sind wir selig“, sagt Petrus. „So fürchtet euch nicht vor dem Schrecken, den sie euch einjagen wollen, und laßt euch nicht einschüchtern! Und haltet den Herrn Christus heilig in euren Herzen und seid allezeit bereit zur Verantwortung gegen jedermann, der von euch Rechenschaft über die in euch lebende Hoffnung fordern will, aber mit Sanftmut und Furcht, indem ihr euch ein gutes Gewissen bewahrt, damit die, welche euren guten Wandel in Christus schmähen, mit ihren Verleumdungen gegen euch zu Schanden werden! Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille so beschließt, für Gutestun zu leiden als für Bösestun.“2394

47.

1. Und wenn jemand spöttisch fragt, wie es denn möglich sei, daß das schwache Fleisch2395 den Mächten und Geistern böser Gewalten widerstehe,2396

2. so soll er wissen, daß wir im Vertrauen auf den Allmächtigen und den Herrn den Mächten der Finsternis und dem Tod entgegentreten.

3. „Während du noch redest“, so heißt es, „wird er sagen: Siehe, hier bin ich!“2397 Siehe da den unbesiegbaren Helfer, der uns mit seinem Schilde deckt!

4. „Laßt euch durch die Feuersglut bei euch nicht befremden“, sagt Petrus, „die zu eurer Erprobung über euch kommt, als ob euch etwas Unerhörtes begegnete, sondern freut euch in dem Maße, wie ihr an den Leiden Christi teilnehmt, damit ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit euch freuen und frohlocken könnt! Wenn ihr um Christi willen Schmähungen erleiden müßt, so seid ihr selig; denn der Geist der Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch.“2398

5. „Wie geschrieben steht: Um deinetwillen leiden wir den ganzen Tag Todesgefahr; wir werden angesehen wie Schlachtschafe. Aber in all diesem erringen wir den glänzendsten Sieg durch den, der uns geliebt hat.“2399

48.

1. „Was mit Gewalt du meinem Sinn entlocken willst, Das wist du nie erfahren, magst mit Feuersglut Mich brennen oder auch vom Scheitel bis zu Fuß Durchsägen mich, magst foltern mich auf alle Art“,2400 sagt in der Tragödie ein Weib furchtlos mit männlichem Sinn.

2. Und Antigone verachtet das Gebot des Kreon und sagt mutig: „Nicht Zeus ja war es, der mir dies geboten hat.“2401

3. Gott aber ist es, der uns gebietet und dem wir gehorchen müssen. „Denn mit dem Herzen glaubt man ihm zur Gerechtigkeit, und mit dem Munde bekennt man ihn zum Heil. Sagt doch die Schrift: Jeder, der auf ihn vertraut, wird nicht zuschanden werden.“2402

4. Mit Recht also schreibt Simonides: „Die Sage geht, es Wohne die Tugend hoch auf unersteiglichem Felsen, Und schneller Nymphen heilige Schar umsorge sie, Aber kein Sterblicher kann sie je erblicken, Wer saueren Schweiß nicht von der Stirne rinnen läßt, Und nicht zur Höhe tapfer steigt.“2403

49.

1. Und Pindaros sagt: „Die Sorgen der Jugend, hin und her mit Mühe gewälzt, Ernten Ruhm; die Werke leuchten mit der Zeit, Strahlend empor bis zur Himmelhöhe.“2404

2. An diesen Gedanken schließt sich auch Aischylos an, indem er sagt: „Dem, der sich anstrengt, dem gebührt Als Frucht der Mühe Ruhm, geschenkt von Götterhand.“2405

3. „Größerem Tod wird größeres Los zuteil“, wie Herakleitos sagt.2406

4. „Wer ist ein Knecht noch, wenn er nach dem Tod nichts fragt?“2407

5. „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Knechtschaft gegeben, daß wir uns wieder fürchten müßten, sondern einen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht davor, das Zeugnis für unseren Herrn abzulegen, und auch nicht meiner, der ich seinetwegen ein Gefangener bin“, schreibt der Apostel an Timotheus.2408

6. Ein solcher wird aber der sein der nach den Worten des Apostels „am Guten festhält, das Böse verabscheut, ungeheuchelte Liebe hat“.2409 „Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt.“2410

7. Wenn aber „der Gott der Hoffnung“2411 der ist, für den wir Zeugnis ablegen, wie er es in der Tat ist, so bekennen wir unsere Hoffnung, indem wir auf die Hoffnung zustreben. Aber „die von Rechtschaffenheit Erfüllten“, so heißt es, sind „mit aller Erkenntnis ausgerüstet.“2412

50.

1. Die indischen Philosophen sagen zu Alexandros von Makedonien: „Unsere Körper kannst du zwar von einem Ort zu einem anderen bringen, aber unsere Seelen wirst du nicht zwingen können zu tun, was wir nicht wollen. Das Feuer ist die schlimmste Strafe für die Menschen; das verachten wir.“2413

2. Dementsprechend zog Herakleitos eines, den Ruhm, allem anderen vor; der Menge aber überlasse er es, erklärte er, „satt zu sein wie das Vieh“.2414

3.„Des Körpers wegen sind die meisten Mühen da: Für ihn erfanden wir das gutgedeckte Dach Und graben weißes Silber und besän das Feld, Tun all das andere, was nur immer uns bekannt.“2415

51.

1. Der Masse mag diese eitle Mühe wertvoll erscheinen; zu uns aber sagt der Apostel: „Das aber wissen wir, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde zunichte werde, auf daß wir der Sünde nicht mehr dienen.“2416

2. Und fügt der Apostel nicht offenbar auch jene Worte hinzu, um zu zeigen, wie der Glaube von der Masse beschimpft wird? „Denn ich glaube, Gott hat uns Apostel zu den letzten gemacht als Leute, die dem Tode verfallen sind; denn wir sind zum Schaustück geworden für die Welt und für Engel und für Menschen.

3. Bis zur gegenwärtigen Stunde leiden wir Hunger und Durst und sind schlecht gekleidet und müssen uns mißhandeln lassen und führen ein unstetes Leben und plagen uns, indem wir mit unseren Händen arbeiten. Wenn man uns schmäht, segnen wir; wenn man uns verfolgt, so halten wir still; wenn man uns lästert, so geben wir gute Worte; wir sind gleichsam zum Abschaum der Welt geworden.“2417

52.

1. Das gleiche ist es, wenn Platon im „Staat“ von dem Gerechten sagt, er werde glücklich sein, auch wenn er gefoltert wird und wenn ihm die beiden Augen ausgestochen werden.2418

2. Für den Gnostiker wird also die letzte Entscheidung nicht durch das äußere Schicksal begründet sein, sondern von ihm selbst hängt es ab, ob er glücklich und selig und ein königlicher Freund Gottes ist.

3. Und wenn man ihn auch seiner bürgerlichen Rechte beraubt, ihn verbannt, seine Güter einzieht und ihn zuletzt zum Tode verurteilt, so wird er sich doch nie von seiner inneren Freiheit und von dem Entscheidendsten, seiner Liebe zu Gott, abbringen lassen, die „alles trägt und alles duldet“.2419

4. Denn die Liebe ist überzeugt, daß die göttliche Vorsehung alles trefflich verwaltet. „Ich ermahne euch also“, so heißt es, „werdet meine Nachahmer!“2420

53.

1. Die erste Stufe zum Heil ist also die mit Furcht verbundene Unterweisung, deretwegen wir uns des Unrechts enthalten; die zweite ist die Hoffnung, deretwegen wir das Beste erstreben; zur Vollendung aber führt, wie es sich geziemt, die Liebe, indem sie bereits auf Grund voller Erkenntnis erzieht.2421

2. Da nämlich die Griechen alle Ereignisse unbegreiflicherweise einer unvernünftigen Notwendigkeit zuschreiben, geben sie zu, daß sie ihr, ohne es zu wollen, gehorchen müssen.

3. So sagt Euripides: "Nimm also meine Mahnung dir zu Herzen, Weib! Es lebt kein Sterblicher, der frei von Mühlsal wär’; Zu Grabe trägt er Kinder, Kinder zeugt er neu Und stirbt auch selbst; die Menschen sind darob betrübt - -„2422

4. Dann fährt er fort: “Ertragen muß Man alles, was uns die Natur zu tragen gibt. Nicht fürchten soll man das, was unvermeidlich ist.”2423

54.

1. Für die, die der Vollkommenheit zustreben, ist die vernunftgemäße Erkenntnis als Aufgabe gestellt, deren Grundlage die heilige Dreiheit ist: „Glaube, Hoffnung, Liebe; die größte von diesen ist aber die Liebe.“2424

2. Allerdings „ist alles erlaubt, aber nicht alles ist zuträglich; alles ist erlaubt, aber nicht alles erbaut“,2425 sagt der Apostel. Und „niemand soll nur das Seine suchen, sondern auch das des anderen“,2426 so daß er zugleich handeln und lehren kann, indem er baut und dann weiterbaut.

3. Denn es ist zwar zugegeben, daß „die Erde des Herrn ist und das, was sie erfüllt“;2427 aber das Gewissen des Schwachen wird in Verwirrung gebracht. 4. „Ich meine damit aber nicht das eigene Gewissen, sondern das des anderen. Warum soll denn meine Freiheit von dem Gewissen eines anderen gerichtet werden? Wenn ich an etwas mit Danksagung teilnehme, warum lästert man mich deswegen, wofür ich Dank sage? Mögt ihr also essen oder trinken oder sonst etwas tun: tut alles zur Ehre Gottes!“2428 5. „Denn obwohl wir im Fleische wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleische; denn die Waffen, mit denen wir zu Felde ziehen, sind nicht fleischlicher Art, sondern durch Gott stark zur Zerstörung von Bollwerken, so daß wir mit ihnen spitzfindige Schlüsse und allen Hochmut, der sich gegen die Erkenntnis des Herrn erhebt, niederwerfen können.“2429

55.

1. Mit diesen Waffen gerüstet, sagt der Gnostiker: O Herr, gib Gelegenheit und stelle mich auf die Probe!2430 Das Schrecknis soll nur kommen; ich verachte die Gefahren wegen meiner Liebe zu dir.

2. „Weil nur die Tugend unter allem Menschenwerk Den Lohn der Mühe nicht von außen her erhält, Vielmehr sich selbst als Preis für alle Mühe hat.“2431

3. „So ziehet also an als Auserwählte Gottes, die heilig und geliebt sind, herzliches Erbarmen, Gütigkeit, Demut, Sanftmut und Geduld, zu diesen allen aber noch die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist!

4. Und der Friede Christi soll in euren Herzen regieren, zu dem ihr auch in einem Leibe berufen seid, und werdet dankbar!“,2432 ihr, die ihr noch im Leibe seid, indem ihr wie die Gerechten der alten Zeit Gelassenheit der Seele und unerschütterliche Gemütsruhe gewinnt.

VIII. Kapitel
56.

1.2433 Denn nicht nur die Aisopier und Makedonier und Lakedaimonier hielten standhaft aus, wenn sie gefoltert wurden, wie Eratosthenes in seiner Schrift “Über Gutes und Böses” sagt,2434 sondern auch Zenon von Elea blieb unter den Folterqualen standhaft, als man ihn zwingen wollte, ein Geheimnis zu verraten, und gab es nicht preis; ja er biß sterbend noch seine Zunge ab und spuckte sie gegen den Tyrannen aus, den die einen Nearchos, die anderen Demylos nennen.2435

2. Ebenso verhielt sich auch der Pythagoreer Theodotos2436und Praylos,2437 der Schüler des Lakydes,2438 wie Timotheos von Pergamon2439 in der Schrift “Über die Standhaftigkeit der Philosophen” und Achaikos2440 in seiner “Ethik” sagen.

3. Aber auch der Römer Postumus gab, als er von Peuketion gefangengenommen worden war, nicht nur nichts Geheimes bekannt, sondern legte sogar seine Hand ins Feuer und ließ sie wie Erz schmelzen, ohne auch nur die Miene zu verziehen.2441

4. Nicht weiter will ich von dem Verhalten des Anaxarchos reden, der ausrief: “Zerstampfe die Hülle des Anaxarchos; denn den Anaxarchos selbst zerstampfst du nicht”, als ihn der Tyrann mit eisernen Mörserkeulen zerstampfen ließ."2442

57.

1. Weder die Hoffnung auf die Seligkeit noch die Liebe zu Gott läßt sich also durch irgend etwas, was ihrem Träger auch zustoßen mag, erschüttern, sondern bleibt davon unberührt; selbst wenn er den wilden Tieren vorgeworfen oder in das allesverzehrende Feuer gestürzt oder unter tyrannischen Martern getötet wird, so bleibt er doch unlösbar mit der göttlichen Freundschaft verbunden und steigt, frei von allen Fesseln, zum Himmel empor, indem er seinen Leib denen überläßt, die nur diesen festhalten können.

2. Die Geten, ein Babarenvolk, das nicht ganz unbekannt mit Philosophie ist, wählen Jahr für Jahr einen Gesandten zu ihrem Heros Zamolxis. Zamolxis war aber einer der Schüler des Pythagoras.2443

58.

1. Wer nun als der Würdigste auserlesen wurde, der wird getötet, wobei die anderen, die sich zwar auch um die Philosophie bemüht hatten, aber nicht gewählt worden waren, darüber betrübt sind, daß sie eines beglückenden Dienstes nicht für würdig erachtet worden sind.

2. Voll ist nun die ganze Kirche von solchen, die ihr ganzes Leben hindurch all ihr Denken auf den lebenbringenden Tod,2444 der sie zu Christus führt, gerichtet haben, wie von sittsamen Männern so auch von sittsamen Frauen.

3. Denn wer sein Leben nach unseren Grundsätzen führt, der kann auch ohne wissenschaftliche Bildung nach Weisheit streben (philosophieren), mag er ein Barbar sein oder ein Grieche, ein Sklave, ein Greis oder ein Kind oder ein Weib.2445

4. Denn die sittsame Gesinnung ist für alle Menschen, die sich für sie entscheiden, in gleicher Weise zugänglich.2446 Es ist aber eine bei uns zugestandene Tatsache, daß innerhalb jeder einzelnen Gattung diejenigen, die die gleiche Natur haben, auch die gleiche Tugend haben.

59.

1. Es ist aber offenbar nicht so, daß hinsichtlich des Menschseins das Weib eine andere Natur hätte als der Mann; vielmehr haben beide die gleiche Natur, also auch die gleiche Tugend.2447

2. Wenn aber die Tugend des Mannes doch wohl in Sittsamkeit und Gerechtigkeit und in den übrigen nach allgemeiner Anschauung damit zusammengehörenden Eigenschaften besteht, geziemt es sich da wohl für den Mann allein, tugendhaft zu sein, für das Weib aber zuchtlos und ungerecht? Es ist aber auch unschicklich, einen solchen Gedanken auch nur auszusprechen.

3. Auf Sittsamkeit und Gerechtigkeit und auf jegliche andere Tugend sollen also in gleicher Weise bedacht sein Weib und Mann, Freier und Sklave, da es so eingerichtet ist, daß zu der gleichen Natur auch ein und dieselbe Tugend gehört. Damit behaupten wir nun nicht, daß ein weibliches Wesen die gleiche Natur wie das männliche habe, insoweit es weiblich ist. Denn es geziemt sich durchaus, daß beide ein unterscheidendes Merkmal an sich tragen, dessentwegen das eine weiblich, das andere männlich geworden ist.

5. Darum sagen wir, daß Schwangerwerden und Gebären eine Eigentümlichkeit der Frau ist, insofern sie ein Weib, nicht insofern sie ein Mensch ist. Wenn es aber gar keinen Unterschied zwischen Mann und Weib gäbe, so würden beide dasselbe tun und erleiden.2448

60.

1. Insofern also das Weib das nämliche ist wie der Mann, nämlich soweit es auf die Seele ankommt, insofern wird es auch zu der gleichen Tugend gelangen. Insofern das Weib aber etwas vom Mann Verschiedenes ist, nämlich hinsichtlich der Eigentümlichkeit des Körpers, wird es zur Schwangerschaft und zur Verwaltung des Hauswesens bestimmt sein.

2. „Denn ich will“, sagt der Apostel, „daß ihr wisset, daß das Haupt eines jeden Mannes Christus ist, das Haupt des Weibes aber der Mann;2449 denn der Mann stammt nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Mann.2450 Indes ist weder ein Weib etwas ohne den Mann noch ein Mann etwas ohne das Weib in dem Herrn.“2451

3. Denn wie wir behaupten, daß der Mann sittsam und über seine Lüste Herr sein soll, so verlangen wir doch auch, daß das Weib ebenfalls sittsam und darauf bedacht sein soll, gegen die Lüste anzukämpfen.2452

4. „Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr die Begierde des Fleisches nicht erfüllen!“2453 So rät das Gebot des Apostels. „Denn die Begierde des Fleisches richtet sich gegen den Geist und die des Geistes gegen das Fleisch. Diese liegen also im Streit miteinander“,2454 nicht wie das Böse mit dem Guten, sondern als solche, deren Kampf Nutzen bringt.

61.

1. Er fügt wenigstens hinzu: „Damit ihr das nicht tut, was ihr wollt.“2455 „Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind Unzucht, Unreinigkeit, Zügellosigkeit, Götzendienst, Zaubereien, Feindseligkeiten, Streitigkeiten, Handlungen der Eifersucht, Zornausbrüche, Zänkereien, Zwistigkeiten, Spaltungen, Äußerungen des Neides, Saufgelage, Schmausereien und ähnliches derart. Von dem allen sage ich euch vorher, wie ich es euch schon früher sagte, daß, wer sich Derartigem hingibt, das Reich Gottes nicht ererben wird. Die Frucht des Geistes dagegen ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Enthaltsamkeit, Güte, Treue, Sanftmut.“2456 Dabei hat er, meine ich, mit „Fleisch“ die Sünder, mit „Geist“ die Gerechten bezeichnet.

2. Indessen müssen wir auch Mannhaftigkeit bewähren, wenn es gilt, die Gemütsruhe zu wahren und die Fähigkeit zum Ertragen zu zeigen, so daß wir dem, der uns auf den Backen schlägt, auch den anderen hinhalten und dem, der uns den Mantel nimmt, auch den Rock überlassen,2457 indem wir die Neigung zum Zorn kraftvoll beherrschen.

3. Denn wir wollen die Frauen nicht zu einer Art von Amazonen erziehen, die im Krieg tapfer wie Männer kämpften, da wir doch sogar bei den Männern wünschen, daß sie friedfertig sind.

62.

1. Freilich ziehen auch bei den Sauromaten, wie ich höre, die Frauen ebenso wie die Männer in den Krieg2458 und ebenso auch die Frauen bei den Sakern, die sich stellen, als wollten sie fliehen, und dann mit ihren Pfeilen nach rückwärts schießen, genau so wie die Männer.

2. Auch von den in der Nähe Iberiens wohnenden Frauen weiß ich, daß sie Arbeiten und Geschäfte verrichten, die eigentlich den Männern zustehen; und wenn die Zeit der Niederkunft kommt, so unterbrechen sie die notwendigen Arbeiten nicht, sondern die Frau bringt oft mitten im Drang der Arbeit ihr Kind zur Welt, nimmt es auf und trägt es nach Hause.2459

3. Es hüten ja auch Hündinnen nicht schlechter als Rüden das Haus oder helfen bei der Jagd oder hüten die Herden.2460 "Gorgo, die kretische Hündin, verfolgte die Fährte des Hirsches.“2461

4. Darum sollen auch die Frauen ebenso wie die Männer Philosophie treiben,2462 wenn auch die Männer ihnen überlegen sind und in allen Dingen den Vorrang einnehmen, außer wenn sie verweichlicht sind.

63.

1. Unentbehrlich ist also für das ganze Menschengeschlecht Zucht und Tugend, wenn anders es zur Seligkeit gelangen will.

2. Und vielleicht hat Euripides mit seinen verschiedenartigen Äußerungen nicht unrecht, wenn er das eine Mal schreibt: „Denn hinter dem Mann steht die Frau stets zurück, Wenn der Schlechteste selbst Mit der edelsten Frau sich vermählt hat.“2463

3. und das andere Mal: „Jede Frau, die sittsam lebet, ist doch Sklavin ihres Manns; Ist sie sittsam nicht, an Torheit übertrifft sie den Gemahl.“2464

4.„Nichts fürwahr ist ja besser und schöner, Als wenn einigen Sinnes ihr Haus in Frieden verwalten Gatte und Gattin vereint.“2465

5. Haupt nun ist das, was die Leitung hat. Wenn aber „der Herr Haupt des Mannes, Haupt des Weibes aber der Mann ist“,2466 so ist der Mann Herr des Weibes, weil er „Ebenbild und Abglanz Gottes“2467 ist.

64.

1. Deshalb schreibt der Apostel auch in dem Brief an die Ephesier: „Ordnet euch einander unter in der Furcht Gottes! Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche, er, der der Erretter seines Leibes ist. Wie aber die Kirche Christus untertan ist, so sollen es auch die Frauen ihren Männern in jeder Beziehung sein.

2. Ihr Männer, liebet eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt hat; so sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst; denn es hat ja doch noch nie jemand sein eigenes Fleisch gehaßt.“2468

65.

1. Und in dem Brief an die Kolosser sagt der Apostel; „Ihr Frauen, seid euren Männern untertan, wie es sich im Herrn geziemt! Ihr Männer, liebt eure Frauen und laßt euch gegen sie nicht erbittern! Ihr Kindern, seid euren Eltern in allen Stücken gehorsam! Denn das ist dem Herrn wohlgefällig. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht scheu werden!

2. Ihr Knechte, seid euren irdischen Herren in allen Dingen gehorsam, nicht mit Augendienerei wie Leute, die den Menschen zu gefallen suchen, sondern in Herzenseinfalt aus Furcht vor dem Herrn! Und alles, was ihr nur immer tut, das verrichtet mit willigem Herzen, als wäret ihr Knechte des Herrn und nicht von Menschen, da ihr ja wißt, daß ihr vom Herrn das Erbteil als Vergeltung empfangen werdet! Denn ihr dient ja als Knechte dem Herrn Christus; denn wer Unrecht tut, wird den Lohn für das empfangen, was er Unrecht getan hat, und es gibt dabei kein Ansehen der Person.

3. Ihr Herren, gewährt euren Knechten, was recht und billig ist, da ihr ja wißt, daß auch ihr einen Herrn im Himmel habt!“2469

4. „Dort gibt es nicht Griechen und Juden, Beschnittene und Unbeschnittene, Barbaren und Skythen, Knechte und Freie, sondern alles und in allen Christus.“2470

66.

1. Ein Abbild der himmlischen Kirche ist aber die irdische; darum bitten wir ja, daß der Wille Gottes auch auf der Erde wie im Himmel geschehe.2471

2. „Zieht also an herzliches Erbarmen, Gütigkeit, Demut, Sanftmut und Geduld! Vertraget einander und verzeiht einander, wenn einer eine Beschwerde gegen einen anderen hat! Wie Christus uns vergeben hat, so wollen auch wir es tun!

3. Über dem allem aber steht die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist. Und der Friede Christi soll in euren Herzen regieren, zu dem ihr auch in einem Leibe berufen seid, und werdet dankbar!“2472

4. Denn nichts kann uns davon abhalten, oft das nämliche Schriftwort anzuführen, um damit einen Eindruck auf Marcion zu machen, ob er sich vielleicht überzeugen läßt und sich dann bekehrt, wenn er eingesehen hat, daß der Gläubige Gott, dem Weltschöpfer, dankbar sein muß, ihm, der uns berufen und uns die frohe Botschaft in irdischer Gestalt verkündet hat.

67.

1. Deutlich ist uns damit die durch den Glauben bewirkte Einigkeit gezeigt, und zugleich, wer der wirklich Vollkommene ist, so daß, wenn auch manche es nicht dulden wollen und die meisten Hindernisse in den Weg stellen und wenn von dem Ehemann oder von dem Herrn mit Strafen gedroht wird, doch der Knecht und das Weib sich um die Weisheit bemühen werden.

2. Ja auch der Freie, mag ihm auch von einem Tyrannen der Tod angedroht werden oder mag er vor Gericht geführt und in die äußersten Gefahren gestürzt werden und mit dem Verlust seines ganzen Besitzes bedroht sein, wird doch in keiner Weise von seiner Gottesfurcht ablassen.

3. Und nie wird die Frau den Mut verlieren, wenn sie mit einem schlechten Mann vermählt ist, und ebensowenig der Sohn, der einen schlechten Vater, oder der Knecht, der einen schlechten Herrn hat, da sie hochherzig an der Tugend festhalten.

4. Aber wie es für einen Mann rühmlich ist, für die Tugend und für die Freiheit und für sich selbst zu sterben, so ist das auch für eine Frau rühmlich. Denn nicht der Natur der Männer ist das eigentümlich, sondern der Natur der guten Menschen.

68.

1. Gläubig wird also der Greis und der Jüngling und der Knecht im Gehorsam gegen die Gebote leben und, wenn es sein muß, sterben, was so viel ist, wie durch den Tod zum Leben kommen.

2. Wir wissen ja, daß auch Kinder und Knechte und Frauen oft gegen den Willen ihrer Väter und Herren und Männer ganz vortrefflich geworden sind.

3. Diejenigen, die gottesfürchtig leben wollen, dürfen dazu also nicht weniger willig sein, wenn man sie scheinbar daran hindern will, sondern müssen, meine ich, sich noch viel mehr bemühen und mit besonderem Eifer kämpfen, damit sie nicht unterliegen und ihren besten und nötigsten Vorsätzen nicht untreu werden.

4. Denn man darf, meine ich, überhaupt keinen Vergleich anstellen und fragen, was von beidem besser sei, ein Gefolgsmann des Allmächtigen zu werden oder die Finsternis der Dämonen zu wählen.

5. Denn was von uns um anderer willen getan wird, das tun wir doch wohl in jedem einzelnen Fall, indem wir versuchen, auf jene Rücksicht zu nehmen, um derentwillen das, was wir tun, zu geschehen scheint, wobei wir uns das als Maßstab nehmen, was jenen gefällt. Was wir aber mehr um unserer selbst willen als um anderer willen tun, das wird doch wohl mit dem gleichen Eifer ausgeführt werden, ob es nun anderen gefallen mag oder nicht.

69.

1. Wenn schon von den Dingen, die sittlich weder gut noch schlecht sind, einige solche Schätzung genießen, daß sie selbst wider den Willen einiger wünschenswert erscheinen, so muß doch die Tugend weit mehr noch für erstrebenswert gehalten werden; und man darf dabei auf nichts anderes Rücksicht nehmen als eben auf das, was gut getan werden kann, ob nun einige anders darüber denken oder nicht.2473

2. Richtig ist daher auch, was Epikuros an Menoikeus schreibt: „Weder soll jemand, so lange er noch jung ist, zögern Philosophie zu treiben, noch wenn er ein Greis ist, darin müde werden. Denn bei keinem ist es zu früh und bei keinem zu spät, die Gesundheit der Seele zu erlangen.

3. Wer aber sagt, die rechte Zeit zum Philosophieren sei noch nicht da oder sie sei schon vorüber, der ist dem ähnlich, der sagt, zum Glücklichsein sei die rechte Zeit noch nicht oder nicht mehr da.

4. Daher sollen Junge und Alte philosophieren, die einen, damit sie, wenn sie alt werden, jung bleiben durch das Gute, dank dem, was geschehen ist, die anderen, damit sie jung zugleich und alt seien, weil sie von der Furcht vor der Zukunft frei sind.“2474

IX. Kapitel
70.

1. Von dem Märtyrertum hat aber der Herr ausdrücklich gesprochen; und wir wollen das, was an verschiedenen Stellen geschrieben steht, zusammenstellen: „Ich sage euch aber, jeder der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen; wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde ich vor den Engeln verleugnen.“2475

2. „Denn wer sich meiner und meiner Worte in diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln kommt.“2476

3. „Jeder also, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.“2477

4. „Wenn man euch aber in die Synagogen und vor die Behörden und vor die Obrigkeiten führt, so macht euch vorher keine Sorge darüber, wie ihr euch verteidigen oder was ihr sagen sollt; denn der Heilige Geist wird euch in eben der Stunde lehren, was ihr sagen sollt.“2478

71.

1. In seiner Erklärung dieser Stelle sagt Herakleon, der angesehenste Vertreter der Schule des Valentinus, wörtlich, es gebe ein Bekenntnis teils im Glauben und im Wandel, teils mit der Stimme.

2. “Das Bekenntnis mit der Stimme geschieht auch vor der Obrigkeit, und dieses allein hält die Menge”, sagt er, "für ein wirkliches Bekenntnis; das ist aber nicht richtig; denn ein Bekenntnis können auch die Heuchler ablegen.

3. Es wird sich aber auch zeigen, daß dieses Wort nicht allgemeine Gültigkeit hat; denn nicht alle, die selig wurden, legten das Bekenntnis mit der Stimme ab und schieden dann aus dem Leben; dazu gehörten Matthäus, Philippus, Thomas, Levi und viele andere.

4. Und in der Tat ist das Bekenntnis mit der Stimme kein vollständiges Bekenntnis, sondern nur ein Stück davon. Ein vollständiges Bekenntnis aber, wovon er hier redet, ist das in Werken und Taten, die dem Glauben an den Herrn entsprechen. Diesem allgemeinen Bekenntnis folgt dann auch das vor der Obrigkeit, das nur ein Teil davon ist, wenn es sein muß und wenn die vernünftige Überlegung es fordert. Denn ein solcher Mensch wird auch mit der Stimme bekennen, nachdem er zuvor aufrichtig mit seinem ganzen Verhalten bekannt hat.

72.

1. Und es ist sinnvoll, daß er bei den Bekennenden gesagt hat ‘zu (in) mir’, bei den Verleugnenden dagegen das ‘mich’ hinzugesetzt hat. Denn wenn ihn diese auch mit der Stimme bekennen, so verleugnen sie ihn doch, wenn sie ihn nicht mit der Tat bekennen.

2. Nur die bekennen sich aber zu ihm, die in einem ihm gemäßen Bekenntnis und in einem solchen Handeln leben, und zu ihnen bekennt auch er sich, da er sie in sich aufgenommen hat und von ihnen festgehalten wird. Deshalb können sie ihn nie verleugnen; nur die verleugnen ihn, die nicht in ihm sind.

3. Denn er hat nicht gesagt: ‘wer in mir verleugnen wird’, sondern ‘wer mich verleugnen wird’, denn keiner, der in ihm ist, wird ihn je verleugnen.

4. Der Zusatz ‘vor den Menschen’ bezieht sich in gleicher Weise auf diejenigen, die selig werden, und auf die Heiden, bei den einen auch mit dem Wandel, bei den anderen auch mit der Stimme."2479

73.

1. Soweit Herakleon. Und im übrigen scheint er hinsichtlich des Sinnes dieses Schriftabschnittes mit uns einer Meinung zu sein; aber auf eines hat er nicht geachtet: Wenn manche auch nicht mit der Tat und mit dem Leben Christus vor den Menschen bekannt haben, so ist doch dadurch, daß sie vor Gericht mit der Stimme bekannten und, obwohl sie bis zum Tod gemartert wurden, den Herrn nicht verleugneten, der Beweis erbracht, daß sie mit aufrichtiger Gesinnung geglaubt haben.

2. Eine Gesinnung aber, die sich im Bekenntnis bewährt,2480 und vor allem eine solche, die sich auch beim Tod nicht ändert, beseitigt mit einem Schlage alle Leidenschaften, die durch die körperliche Begierde erzeugt wurden.

3. Denn es gibt sozusagen am Ende des Lebens eine Reue, die alles in der Tat zusammenfaßt, und ein wahrhaftiges Bekenntnis zu Christus, wobei auch die Stimme mitbezeugt.

4. Wenn aber „der Geist des Vaters“2481 in uns zeugt, wie sollten dann die noch Heuchler sein, von denen er (Herakleon) gesagt hat, daß sie nur mit der Stimme bekennen?

5. Einigen wird es aber, wenn es nützlich ist, gegeben werden, sich zu verteidigen,2482 damit alle sowohl durch ihr Zeugnis als auch durch ihre Verteidigung gefördert werden, insofern die Glieder der Kirche gestärkt werden, diejenigen Heiden aber, die um ihre Rettung besorgt sind, von Bewunderung ergriffen und zum Glauben geführt werden, und schließlich die übrigen von Staunen und Hochachtung erfaßt werden.

74.

1. Daher müssen wir in jedem Fall bekennen; denn dies steht in unserer Macht; aber verteidigen müssen wir uns nicht in jedem Fall; denn nicht auch dieses steht in unserer Macht. „Wer aber bis zum Ende aushält, der wird gerettet werden.“2483

2. Denn welcher Verständige zöge es nicht vor, bei Gott König zu werden, statt Sklave zu sein?

3. Nun „behaupten“ einige, wie der Apostel sagt, „daß sie Gott kennen, verleugnen ihn aber mit ihren Werken, abscheuliche und ungehorsame und zu jedem guten Werk untaugliche Menschen.“2484 Jene aber haben, wenn die auch nur dies eine getan haben, daß sie ein Zeugnis ablegten, doch zuletzt wenigstens ein gutes Werk vollbracht. Das Märtyrertum ist also, wie es scheint, eine mit Ruhm verbundene Reinigung von Sünden.2485

4. So sagt auch der „Hirte“: „Ihr werdet der Wirksamkeit des wilden Tieres entfliehen, wenn euer Herz rein und fleckenlos wird.“2486 Aber auch der Herr selbst sagt: „Der Satan hat sich euch ausgebeten, um euch zu sichten; ich aber habe euch losgebeten.“2487

75.

1. Als erster trank also der Herr den Kelch2488 zur Reinigung der Menschen, die ihm nachstellten, und der Ungläubigen; seinem Vorbild folgten die Apostel und litten als wahrhaftige Gnostiker und als Vollkommene für die Kirchen, die sie gegründet hatten.

2. So müssen also auch die Gnostiker, die in den Spuren der Apostel wandeln, sündlos sein und aus Liebe zum Herrn auch den Nächsten lieben, damit sie, wenn die Umstände es erfordern, für die Kirche die Drangsale erdulden, ohne ein Ärgernis daran zu nehmen, und den Kelch trinken.2489

3. Alle aber, die während ihres Lebens mit der Tat und vor Gericht mit Worten Zeugnis ablegen, mögen sie nun eine Hoffnung erwarten oder eine Furcht scheuen, sind besser als die, die nur mit dem Munde das Heil bekennen.

4. Wenn aber einer noch weiter hinauf bis zur Liebe emporsteigt, so ist er ein wahrhaft seliger und echter Zeuge, da er sich durch den Herrn völlig zu den Geboten und zu Gott bekannt hat; denn da er den Herrn liebgewonnen hatte, erkannte er ihn als Bruder, opferte sich selbst Gott ganz auf und gab wie ein ihm anvertrautes Gut den (äußeren) Menschen, der ihm abgefordert wurde, gelassen und willig hin.

X. Kapitel
76.

1. Wenn aber der Herr wiederum sagt: „Wenn sie euch in dieser Stadt verfolgen, so flieht in die andere!“,2490 so ermahnt er nicht zur Flucht, als wäre das Verfolgtwerden etwas Schlimmes, und verlangt nicht, daß man sich aus Furcht vor dem Tode diesem durch Flucht entziehe.

2. Vielmehr will er nur, daß wir für niemand Ursache oder Mitursache irgendeines Übels werden, für uns selbst nicht, aber auch nicht für den, der uns verfolgt, oder für den, der uns töten will. Denn er befiehlt uns gewissermaßen, ihm aus dem Wege zu gehen; wer aber dieser Weisung nicht gehorcht, der ist tollkühn und stürzt sich selbst in Gefahr.

77.

1. Wenn nun derjenige, der „einen Menschen Gottes“2491 tötet, gegen Gott sündigt, so wird auch der, der sich selbst vor Gericht bringt, für den verantwortlich, der ihn tötet. Das ist aber bei dem der Fall, der sich der Verfolgung nicht entzieht, sondern es aus Vermessenheit selbst veranlaßt, daß er gefangengenommen werden kann. Er ist es, der, soweit es ihm möglich ist, die Schlechtigkeit seines Verfolgers unterstützt; und wenn er diesen noch überdies reizt, so ist er völlig schuldig, da er das wilde Tier2492 herausfordert.

2. Ebenso ist es auch, wenn einer Anlaß zu einem Streit, zu einer Strafe, zu einer Feindschaft oder zu einer Gerichtsverhandlung gibt; auch er veranlaßt eine Verfolgung.

3. Deshalb ist uns befohlen, an nichts in diesem Leben zu hängen, sondern sogar dem, der uns den Mantel nimmt, auch den Rock dazu geben,2493 nicht nur, damit wir innerlich unabhängig bleiben, sondern auch damit wir nicht dadurch, daß wir Ansprüche geltend machen, diejenigen, die einen Rechtsstreit mit uns anfangen wollen, gegen uns erbittern und sie durch unsere Schuld zur Beschimpfung des Christennamens verleiten.

XI. Kapitel
78.

1. Ja, sagen sie, wenn Gott für euch sorgt, warum werdet ihr denn verfolgt und getötet? Oder gibt er euch selbst diesem Schicksal preis?2494 Wir fassen das aber nicht so auf, als habe der Herr gewollt, daß wir in diese Gefahren geraten, sondern meinen, daß er nur prophetisch das, was geschehen soll, vorausgesagt habe, daß wir nämlich um seines Namens willen würden verfolgt, getötet und ans Kreuz geschlagen werden.2495

2. Demnach war es nicht sein Wille, daß wir verfolgt werden, sondern er kündigte nur im voraus an, was wir erleiden würden, indem er uns durch die Vorhersage, daß es so kommen werde, für die Standhaftigkeit schulte, der er die Erbschaft verheißen hat. Freilich werden wir nicht allein, sondern zusammen mit vielen gestraft. Aber jene, sagen sie, erleiden die Strafe mit Recht, weil sie Übeltäter sind.

79.

1. Ohne es zu wollen, bezeugen sie also uns, die wir um der Gerechtigkeit willen ungerecht bestraft werden, unsere Gerechtigkeit. Aber auch die Ungerechtigkeit des Richters berührt die Tatsache der Vorsehung nicht. Denn dem Richters berührt die Tatsache der Vorsehung nicht. Denn der Richter muß Herr seiner eigenen Entscheidung sein und darf nicht wie ein lebloses Gerät gleichsam dadurch in Bewegung gesetzt werden, daß man an Fäden zieht, und darf den Antrieb zum Handeln nicht vielleicht nur von der äußeren Ursache erhalten.

2. Jedenfalls wird er nach seinem Urteilsspruch geprüft, gerade so wie wir danach, ob wir uns für das Wählenswerte entscheiden und bereit sind, etwas zu ertragen. Und wenn wir auch kein Unrecht tun, so sieht uns der Richter doch so an, als ob wir Unrecht täten; denn er kennt unser Wesen nicht und will es auch nicht kennenlernen, sondern läßt sich von einem unbegründeten Vorurteil leiten; deshalb wird er auch gerichtet.

3. Man verfolgt uns also nicht, weil man festgestellt hätte, daß wir Unrecht tun, sondern weil man annimmt, daß wir schon allein damit, daß wir unserer Lebensweise nach Christen sind, Unrecht tun, indem wir selbst einen solchen Wandel führen und die übrigen ermahnen, sich für die gleiche Lebensweise zu entscheiden.

80.

1. Warum erfahrt ihr aber keine Hilfe, sagt man, wenn ihr verfolgt werdet? Inwiefern erleiden wir denn auch, soweit es auf uns selbst ankommt, einen Schaden, wenn wir durch den Tod einen freien Weg zum Herrn erhalten und so, wie man von einem Lebensalter in ein anderes übergeht, auch das Leben mit einem anderen vertauschen? Wenn wir die Sache richtig ansehen, werden wir denen noch Dank wissen, die uns die Möglichkeit zu einem so raschen Abscheiden gegeben haben. (So ist es wenigstens) wenn wir aus Liebe (zum Herrn) den Märtyrertod erleiden.

2. Wenn wir nun nicht den meisten als schlechte Leute erschienen, sie vielmehr auch selbst die Wahrheit kennten, so würden alle schnell auf unseren Weg zueilen, und dann gäbe es keine Auswahl.

3. So aber bringt unser Glaube, der „das Licht der Welt“2496 ist, den Unglauben an den Tag.

4. „Denn mich könnten Anytos und Meletos zwar töten, aber schaden können sie mir in keiner Weise; denn ich glaube nicht, daß es gestattet ist, daß das Bessere durch das Schlechtere Schaden erleide.“2497

5. Daher kann jeder von uns getrost sagen: „Der Herr ist meine Hilfe; ich werde mich nicht fürchten; was wird mir ein Mensch tun können?“2498 „Denn der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, und keine Qual berührt sie.“2499

XII. Kapitel
81.

1. Basileides sagt im 23. Buch seiner Bibelerklärung von denen, die als Märtyrer Strafe erleiden, wörtlich folgendes:2500

2. „Denn ich behaupte freilich, daß alle, die in die sogenannten Drangsale geraten, sich in anderen Stücken, ohne daß es bekannt geworden wäre, verfehlt und versündigt hatten und deshalb in die für sie glückliche Lage kommen, indem sie durch die Güte Gottes, der ihr Geschick lenkt, wirklich bald der einen, bald der anderen Verfehlungen angeklagt werden, damit sie nicht auf Grund zugestandener Vergehen für schuldig erklärt werden und Strafe erleiden müssen und auch nicht wie der Ehebrecher und der Mörder, sondern nur weil sie Christen sind, geschmäht werden,2501 und das wird sie trösten, so daß ihnen ihr Leiden gar nicht fühlbar wird.

3. Und wenn einer, ohne überhaupt gesündigt zu haben, in die Bedrängnis gerät, so kommt das zwar nur selten vor; aber auch ein solcher wird nicht durch die Nachstellung einer bösen Gewalt etwas leiden; sondern er wird leiden, wie das Kind litt, das, wie es scheint, überhaupt nicht gesündigt hat.“

82.

1. Dann fährt er fort und fügt noch hinzu: „Wie also das unmündige Kind, das entweder überhaupt nicht gesündigt hat oder zwar mit der Tat keine Sünde begangen hat, aber das Sündigen (als Anlage) in sich trug, eine Wohltat empfängt, wenn es dem Leiden unterworfen wird, indem ihm dadurch viel Unangenehmes erspart wird, so erleidet auch ein Vollkommener, wenn er zuvor keine Tatsünden begangen hat und doch leiden muß, das, was auch immer er erleiden mag, in ähnlicher Weise wie das Kind; denn er hatte zwar in sich die Anlage zum Sündigen; aber weil er keinen Anlaß zum Sündigen bekam, sündigte er nicht. Deshalb ist es ihm nicht hoch anzurechnen, daß er nicht sündigte.

2. Denn wie derjenige, der die Ehe brechen will, ein Ehebrecher ist,2502 auch wenn ihm der Ehebruch nicht gelingt, und derjenige, der einen Mord nicht begehen will, ein Mörder ist, auch wenn er den Mord nicht begehen kann, so werde ich auch den Sündelosen, von dem ich spreche, dann, wenn ich ihn leiden sehe, mag er auch nichts Böses getan haben, doch böse nennen, weil er sündigen wollte. Denn alles will ich eher sagen, als daß ich zugebe, die Vorsehung sei ungerecht zu nennen.“

83.

1. Dann fährt er fort und spricht von dem Herrn geradezu wie von einem Menschen: „Wenn du jedoch alle diese Erwägungen unbeachtet lässest und mich vielleicht mit dem Hinweis auf irgendwelche Personen widerlegen willst, indem du sagst: Der und der hat also gesündigt, denn er hat gelitten, so werde ich, wenn du gestattest, erwidern: Er hat zwar nicht gesündigt; er war aber dem Kinde ähnlich, das litt; wenn du jedoch das Gespräch mit Gewalt noch weiter führen willst, so werde ich sagen, ein Mensch, wen immer du auch nennen magst, sei eben ein Mensch, und gerecht sei nur Gott; denn ‘niemand ist’, wie einer gesagt hat ‘rein vom Schmutze’2503.“

2. Aber Basileides geht eben von der Annahme aus, daß die Seele zuvor in einem anderen Leben gesündigt habe und hier die Strafe dafür erleide, und zwar die auserwählte Seele ehrenvoll durch das Martyrium, die andere, indem sie durch die ihr angemessene Strafe gereinigt werde. Wie kann aber dies wahr sein, da es doch in unserer Macht steht, zu bekennen und bestraft zu werden oder nicht? Denn die Vorsehung, von der Basileides redet, kann bei dem, der leugnet, nicht mehr bestehen.

84.

1. Ich frage ihn daher hinsichtlich des in Haft genommenen Bekenners, ob er nach dem Willen der Vorsehung Zeugnis ablegen und bestraft werden wird oder nicht; denn wenn er leugnet, wird er nicht bestraft werden.

2. Wenn er (Basileides) auf Grund des Ausganges auch behaupten wird, daß dieser nicht gestraft werden durfte (daß es von vorneherein von der Vorsehung bestimmt war, daß er nicht bestraft werden darf), so wird er damit zugleich gegen seinen Willen bezeugen, daß es eine Wirkung der Vorsehung sei, wenn diejenigen, die leugnen wollen, verlorengehen.

3. Wie soll dann aber noch der herrlichste Lohn im Himmel dem, der Zeugnis ablegte, eben wegen dieses Zeugnisablegens aufbewahrt sein? Wenn aber die Vorsehung den seiner Anlage nach zum Sündigen Geneigten nicht zum Sündigen kommen ließ, so wird sie nach zwei Seiten hin ungerecht, sowohl dadurch, daß sie den nicht rettete, der wegen seiner Gerechtigkeit zur Strafe geschleppt wurde, als auch dadurch, daß sie den rettete, der Unrecht tun wollte, wobei dieser schon Unrecht tat, indem er es tun wollte, die Vorsehung die Ausführung aber verhinderte und sich wider das Recht dessen annahm, der sündigen wollte.

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280 səh.
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9783849660260
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