Kitabı oxu: «RESET»
Clemens Weis
RESET
ZURÜCK INS LEBEN

Impressum
1. Auflage
© egoth verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers.
ISBN: 978-3-903183-38-4
ISBN E-Book: 978-3-903183-64-3
Lektorat: Dr. Rosemarie Konrad
Cover und alle weiteren Bilder: Privatarchiv Clemens Weis
Grafische Gestaltung und Satz: Dipl. Ing. (FH) Ing. Clemens Toscani
Printed in the EU
Gesamtherstellung:
egoth Verlag GmbH
Untere Weißgerberstr. 63/12
1030 Wien
Österreich
Inhalt
Vorwort
PROLOG – Der Gaisberg-Aufstieg
TEIL 1: Mein Weg in 19 Songs
Tanzen
Plattenepithelkarzinom
Roswitha
Schwimmtrainer
Hannah
Schmerzen
Der Untersberg
Heldentat
Vaterunser
Sprachlos
Cisplatin
Schwimmen
Die Gsengalm
Selbstversuch
Troponin
Aufwachen
Tiefschlaf
Marinos Laptop
Comeback
Die Bremse
EPILOG – Die Gaisberg-Abfahrt
TEIL 2: Grenzgänge
Ich
Clemens
Familie und Freunde
Vertrauen
Mut und Risikobereitschaft
Zuversicht
Neugierde und Ehrgeiz
Ausdauer
Geduld
Training
Wollen
Leistung
Einstellung
Beharrlichkeit
Resonanz
Glück
Danke
Kurzbiographie
Vorwort
Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.
Johann Wolfgang Goethe, Faust
Ich bin ein zäher Brocken. Ich meine nicht einer jener Typen, die einmal all out gehen und denken, sie wären widerstandsfähiger als alle anderen. Diese Bluffer-Typen, die erst schwafeln und dann, wenn es um die Substanz geht, wie aus der Pistole geschossen Ausreden für alle Was-wäre-wenn-Situationen präsentieren können.
Nein, ich bin das, was man einen zachen Hund nennt.
Dennoch habe ich nie gedacht, dass mir das auf den folgenden Seiten Beschriebene tatsächlich einmal hätte passieren können. Der Tod gehört nicht zum Leben eines jungen Mannes.
Zu mir schon gar nicht.
Ich hatte einen Plan, einen Weg, den wollte ich gehen.
Also ging ich ihn.
Ich wurde einfach noch zäher.
Der Soundtrack zu meiner Geschichte begleitet Teil 1 dieses Buches, der von meinem Aufstieg und von meiner Abfahrt erzählt.
Teil 2 sucht nach Antworten, reflektiert, überlegt. Er ist eine Sammlung dessen, was mich beeinflusst und mir das Überleben ermöglicht hat.
Was immer noch bleibt: Kann ich das überhaupt?
Schreiben? Erzählen?
Es ist ein Versuch.
Für mich und meine Wegbegleiter. Meine Familie und Freunde.
Für meine Tochter Hannah, damit sie nicht dieselben Fehler begeht wie ihr Papa.
Für Lukas.
Die Personen in diesem Buch sind nicht fiktiv. Diese Geschichte ist nicht fiktiv, sie ist tatsächlich passiert. Sie muss erzählt werden. Sie kann nur von mir erzählt werden.
Prolog – Der Gaisberg-Aufstieg
Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf.
Hannelore Kohl
Der Gaisberg. Mein Hausberg. Salzburgs Hausberg. Hier bist du nie allein. Wenn du auf der Suche nach einem Trainingspartner bist, zieh deine Sportsachen an und fahr zum Einstieg. Bergläufer, noch mehr Radfahrer und unzählige Wanderer zu jeder Tageszeit machen meinen Hausberg zum sportlichen Mittelpunkt unserer Stadt. Egal, ob ich Gesellschaft oder Mitstreiter für meine sportliche Besteigung des Berges suche, immer finde ich die passenden Menschen. Vom Gipfel aus hat man eine unfassbar erhabene Aussicht auf die Stadt. Ich erkenne jedes Mal wieder die einzigartige Perfektion, die unsere Stadt von oben betrachtet ausstrahlt. Im Norden glänzen die Seen des Alpenvorlandes, im Süden stauen sich die Gebirge der Nordalpen auf, die meist schneebedeckten Gipfel ruhen majestätisch vor den Toren unserer Stadt, die durch die drei Stadtberge geteilt und gleichzeitig vereint wirkt. Der Gipfel ist der Lohn für den meist mehr als einstündigen steilen Anstieg.
Der Gaisberg ist 1287 Meter hoch, liegt am nördlichen Stadtrand Salzburgs und ist mit dem Rad, zu Fuß, auf Skiern, mit dem Auto, Bus oder mit Rollerskates von allen Seiten zu besteigen. Es gibt unzählige Wege, Pfade, Straßen oder Routen. Um von der Stadt aus auf den Gipfel zu kommen, muss man 863 Höhenmeter überwinden. Ein Naherholungsort für viele Salzburger, für mich jedoch immer mein idealer Trainingsberg. Ich wandere an regnerischen Tagen mit meiner Frau zum Luftschnappen und Durchbewegen meiner Knochen über den Büffelpfad zum Gipfel, laufe häufig mit meinen Freunden und Sportlern aus Parsch kommend bis zur Zistelalm, die auf gut 1000 Metern liegt, oder fahre den Gaisberg mit dem Rennrad auf und ab, oft mehrmals hintereinander.
Für einen Rennradfahrer zeichnet sich der Gaisberg ab der Zistelalm durch seine finale Steilheit auf den beiden letzten Geraden aus, die rund 250 Höhenmeter bis zum Gipfel ausmachen. Diese beiden Geraden sind meist der Scharfrichter für alle ehrgeizigen Rennradfahrer. Tief über den Lenker gebeugt, schwer atmend, versuche ich immer, auf diesen beiden letzten Geraden den Anschluss an meinen Vordermann herzustellen. Den Blick starr auf sein Hinterrad gerichtet, nehme ich die Welt um mich nicht mehr wahr. Schweißtropfen laufen mir über die Stirn in die Augen, der Rücken schmerzt von der Steilheit des Anstiegs, meine Atemfrequenz ist so hoch, dass ich nicht einmal einen – dringend benötigten – Schluck aus meiner Wasserflasche trinken kann. Die einzige Rettung ist der Vordermann.
Nur nicht abreißen lassen!
Nur nicht zurückfallen!
Koste es, was es wolle!
Die beiden Geraden werden von einer Kehre unterbrochen, für 20 Meter flacht die Steigung hier ab, um sich einem anschließend nochmals für 100 Höhenmeter entgegenzustemmen. Genau in dieser Kehre, die alle zum kurzen Durchschnaufen nutzen, forciere ich meine Attacke. Dort, wo alle eine kurze Pause einlegen, langsamer werden, die Beine kurz durchschütteln, genau dort schalte ich zwei Gänge höher und beschleunige aus der Kehre hinaus in den letzten Anstieg. Das Laktat schmecke ich auf dem Gaumen, selbst meine Nasenhaare schmerzen durch die gierige Atmung, meine Füße folgen nur mehr dem Kommando meines Ziels, bloß nicht eingeholt zu werden. Meist halte ich meinen Vorsprung aus der Kehre hinauf bis zum Gipfel, selten breche ich ein, doch immer finde ich wieder Anschluss an einen Vordermann oder halte an schlechten Tagen Kontakt zum Hinterrad eines mich überholenden Kameraden.
Der Gaisberg stellt meinen Willen jedes Mal wieder auf die Probe.
Der Gaisberg ist meine Lebensschule: Er hat mich gelehrt, nie aufzugeben.
Nie!
TEIL 1
Tanzen
Do you remember, when we were kings,
Float like a butterfly, sting like a bee.
Brian McKnight, Diana King, When We Were Kings
In der Leidenschaft der Bewegung voll und ganz aufzugehen, tief in die Selbstverständlichkeit des Handelns einzutauchen und dabei die Leichtigkeit zu leben, alles rundherum auszublenden, den Moment zu genießen – ein gutes Gefühl.
Früh begann ich, diesem Drang nachzugeben. Als eines von drei Kindern, meine Schwester Monika war die Älteste, mein Bruder Philipp der Jüngste, faszinierte mich immer schon das Außergewöhnliche. Das fand ich rasch im Sport. Fußball, Tennis, Turnen, Tischtennis, Handball, zunehmend auch Ausdauersportarten wie Laufen und Schwimmen – ich wollte alles ausprobieren. Ich liebte das Gefühl der Schwerelosigkeit während einer Bewegung, ich tanzte wie von meinem Innersten gesteuert in dem Rhythmus einer Bewegung und genoss dabei das Ergebnis, das ich selbst produzieren konnte. Es passierte einfach, es fühlte sich in dem Moment nach meiner Bestimmung an, ich war ich, und das zu 100 Prozent. Bewegungen zu durchleben, Bewegungen zu beobachten, faszinierte mich.
Ich fühlte mich wie ein König in seinem Reich.
Als Kind konnte ich meine Leidenschaft nur selten mit meiner Familie teilen. Mein Bruder Philipp schielte, sein linkes Auge war oft zugeklebt, bevor er im Alter von wenigen Jahren eine dicke Brille bekam. Sport war für ihn eine echte Herausforderung, er konnte nicht Ball spielen, da er schlicht nicht sah, wann der Ball zu fangen war, ihm fehlte das dreidimensionale Sehen. Philipp faszinierte alles Handwerkliche, er liebte seine Modelleisenbahn und war unser Bob, der Baumeister. Auch wenn ich als kleines Kind immer meiner Schwester nacheiferte, so blieb ich mit meiner Sportfaszination rasch allein in meiner Familie. Meine Mutter lehnte jede Form von Leistungssport ab, verstand auch meine Begeisterung nicht. Nur mein Vater, ein erfolgreicher Handballer, später auch Trainer, nahm mich immer wieder zu seinen Handballspielen mit. Ich liebte es, am Spielfeldrand zu sitzen, das teils aggressive Treiben des Spiels zu beobachten, die Stärken und Schwächen einer Mannschaft zu entdecken. Am meisten jedoch inspirierte mich das Talent mancher Spieler, die Begabung, die sie von anderen unterschied. Unorthodoxe – jedoch erfolgreiche – Wurfmanöver, die über Sieg und Niederlage entschieden, fingen meinen Blick. Sofort erkannte ich die Leitfiguren eines Spiels, war begeistert von ihrem Auftreten und ihrer Präsenz. Ich träumte in jungen Jahren selbst davon, mitzuspielen, die Leidenschaft, mit der sich die Sportler engagierten, faszinierte mich. Doch ich sprach nicht über meine Begeisterung, auch nicht mit meinem Vater, der die Welt des Sports ebenso sehr liebte wie ich. Als Geschäftsführer und Eigentümer unserer Rupertus Buchhandlung hatte er wenig Zeit, war zudem ein introvertierter Mensch – auch das ein Grund, warum wir der gemeinsamen Faszination für Sport wenig nachgingen.
Also beobachtete ich allein.
Beobachten bedurfte der Ruhe und Zeit. Ich konzentrierte mich mit all meinen Sinnen auf ein Geschehen, versank darin und nahm nichts um mich herum wahr. Ich liebte den Zustand der Beobachtung, er stellte für mich den Beginn eines spannenden Lernprozesses dar, den Start in eine Reise, die ich am Ende des Weges immer selbst durchlebte. Nahm mich mein Vater nicht zum Handball mit, verfolgte ich an einem Sonntagnachmittag ein Fußballspiel der lokalen Mannschaften in unserem Stadtteil Nonntal. Das Ergebnis war sekundär, die Namen der Teams ebenso, ich war kein Fan einer Mannschaft, ich war Fan des Spiels. Der Spielverlauf, die Kommunikation, die taktische Umsetzung faszinierten mich mehr als das Warten auf Tore, die Zeit verflog während meiner Beobachtung wie von selbst. Wieder zu Hause, konnte ich das Spiel detailgetreu nacherzählen, Gesichter, Spielzüge und natürlich auch das finale Ergebnis blieben mir lange im Gedächtnis.
Als junger Mensch wollte ich alle Beobachtungen nachmachen, selbst ausprobieren. Ich wollte alles wissen, selbst Bewegungen spüren, erst dann war ich mir sicher, ob und wie eine Bewegung funktioniert, wie ein Erlebnis sich anfühlt oder wie meine Reaktion auf diese bestimmte Situation war. Ich lernte wesentlich mehr aus der Beobachtung menschlichen Verhaltens und der körperlichen Fähigkeiten der Spieler als über die singuläre Anweisung eines außenstehenden Trainers, Lehrers oder Übungsleiters. Immer wollte ich wissen, welche Wege ich zur Perfektion eines Freistoßes aus 20 Metern oder zur präzisen Durchführung eines Asses beim Tennisaufschlag gehen musste, um danach schelmisch und stolz mein Können meinem Gegenüber zu demonstrieren. Die Tricks der besten Tennisspieler, die sie ohne sichtbare Anstrengung in extremer Bedrängnis auf dem Tennisplatz vollführten, veranlassten mich dazu, den Tennisball stundenlang gegen eine Hausmauer zu spielen, in der Hoffnung, einen ähnlichen Schlag ausführen zu können wie meine Vorbilder.
Unmittelbar neben dem Eingang zu unserem Wohnblock, auf der Wiese davor, stand eine Klopfstange, zwei Meter hoch, drei Meter breit. Auf dem Absatz der Haustür, der durch drei Stufen leicht erhöht eine ideale Abschussposition bot, versuchte ich 100-fach Freistöße in das zehn Meter entfernte Klopfstangen-Tor zu schießen. Im Idealfall traf ich unter die linke obere Stange oder in die Kreuzecke. Der normale Schuss ins Tor ärgerte mich, es musste ein außergewöhnlicher Freistoß sein, erst dieser stellte mich zufrieden. Während des Spiels war ich völlig zeitbefreit, ich ging in meinem eigenen Wettkampf auf. So war ich in ein und derselben Person Mannschaft A und Mannschaft B oder spielte Tennis gegen mich selbst. Ich schoss Freistöße, einmal als FC Bayern München, das nächste Mal als SK Rapid Wien. Ich wollte mich fühlen wie Ivan Lendl, John McEnroe, Diego Maradona oder Antonín Panenka. Das schaffte ich nur, wenn ich den Ball annähernd auch in derselben Eleganz wie meine Idole ins Tor zwirbelte oder den Tennisaufschlag gegen die Hauswand mit derselben Raffinesse wie bei großen Tennisstars aussehen lassen konnte.
Probiere alles aus.
Wenn es nach dem zehnten Mal nicht funktioniert, dann vielleicht beim hundertsten Mal.
Auf diese Weise verbrachte ich fast alle Abende unter der Woche und die Nachmittage an den Wochenenden, ich liebte es, spielerisch vor mich hin zu träumen und lebte in meiner eigenen Welt.
Warum ich beim Schwimmsport hängen geblieben bin, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich wegen Herwig. Im Alter von zehn Jahren turnte ich zweimal wöchentlich in der Sportunion – mit mäßigem Erfolg. Dazu schwamm ich jeden Donnerstag bei der Schwimm Union Salzburg, und dort ich traf zum ersten Mal auf einen Menschen mit derselben spielerischen Leidenschaft. Herwig war ein Jahr jünger, kräftiger gebaut als ich, etwas kleiner, extrovertierter. Er war ebenso ehrgeizig, jedoch anders als ich oft auch jähzornig. Sein rundes Gesicht, sein hellblondes, kurzgeschorenes Haar und seine Liebe zum Spiel eroberten sofort mein Herz. Er wurde mein Freund. Mit ihm teilte ich rasch die Leidenschaft für alle möglichen Sportarten. Wir liebten es, uns in Wettkämpfen zu vergleichen, das verband uns nicht nur beim wöchentlichen Schwimmtraining, sondern auch an den schul- und trainingsfreien Tagen. An den Wochenenden trafen wir uns im Donnenbergpark und spielten Fußball. Wir versuchten, außergewöhnliche Tore zu schießen, Jubelposen einzuüben, Tricks zu perfektionieren und – wenn es möglich war – auch mit einer Gruppe fremder Fußballspieler ein Match zu spielen.
Eines Tages bot mir meine damalige Schwimmtrainerin an, ein zweites wöchentliches Training zu belegen, sie meinte, ich hätte Talent und würde gut in die nächsthöhere Trainingsgruppe passen. Das zweite Training fand jedoch am selben Nachmittag wie mein Turntraining statt, also musste ich mich entscheiden. Das Lob der Schwimmtrainerin und die Aussicht, mehr Zeit mit Herwig zu verbringen, erleichterten mir die Entscheidung. Aus anfänglich zweimal Schwimmen pro Woche wurde rasch eine tägliche Selbstverpflichtung. Nun war jeder Nachmittag ab 16 Uhr fürs Schwimmen reserviert. Um das Training regelmäßig absolvieren zu können, zwang ich mich, die Schule zur Zufriedenheit meiner Eltern zu erledigen; ich besuchte das Akademische Gymnasium am Rainberg. Meine Klassenkollegen nahmen mich kaum wahr, oft stand ich außerhalb der Klassengemeinschaft, gegenüber den Lehrern verhielt ich mich zurückhaltend. Ich war für sie nur anwesend, mehr nicht – das reichte, um Durchschnitt zu sein. Im Sportunterricht genoss ich Ansehen, mein vielseitiges Können, meine spürbare Leidenschaft für das Spiel und den Wettkampf sorgten für den nötigen Respekt meiner Altersgenossen.
Schon nach kurzer Zeit wollte ich noch mehr Sport machen, ein tägliches Training schien mir mit 15 Jahren zu wenig. Der Wechsel vom Akademischen Gymnasium in das Schulsportmodell Salzburg, das den Schülern ab der neunten Schulstufe zusätzlich Trainingseinheiten an zwei Vormittagen erlaubte, war mein Wunsch. Meine Eltern waren jedoch dagegen. Auch Herwig wechselte nicht in das Sportmodell, er besuchte ein normales Gymnasium, und irgendwann erlaubte der Schulalltag ihm kein tägliches Training mehr. Er beendete seine aktive Schwimmkarriere noch während seiner Schulzeit. Wir sahen uns nun unter der Woche kaum mehr, auf einmal fehlte mir ein Stück meiner Leidenschaft. Irgendetwas an der Leichtigkeit war verloren gegangen, das Training wurde mehr und mehr zu einer Aufgabe, die es bestmöglich zu erledigen galt. Ich konzentrierte mich auf die punktgenaue Umsetzung meines Trainingsplans, auf das Ergebnis meiner Trainingsaufgaben, versteifte mich auf geschwommene Zeiten, ich wollte schneller werden. Das unbeschwerte Spiel, das Herwig und ich in jeder Lebenssituation intuitiv gemeinsam zelebriert hatten, wich mehr und mehr aus meinem Alltag.
Nun konnte ich nicht mehr tanzen, ich begann zu leisten.
Ich verlor Herwig Schritt für Schritt aus meinem Alltag, dennoch trafen wir uns immer noch an den Wochenenden. Unsere Freundschaft blieb besonders für mich bestehen, auch abseits des Sports. Herwig stand immer an meiner Seite, ein gutes Gefühl.
Ein gleichaltriger Schwimmerkollege wechselte hingegen in die Schule mit dem Sportschwerpunkt und erkämpfte sich dadurch einen Trainingsvorsprung. Fehlende Trainingshäufigkeit versuchte ich nun durch verbesserte Qualität wettzumachen. Ich wollte immer das Maximum aus jedem einzelnen Training herausholen. Ich konnte regional den Anschluss halten, die Ergebnisse spiegelten mein Talent und meinen Einsatz wider, die geschwommenen Zeiten ebenso. Unabhängig von der sportlichen Weiterentwicklung fühlte ich mich in meinem Sport geborgen, er schenkte mir Selbstvertrauen, gab mir Halt und eröffnete mir die Möglichkeit, Erfolg und Anerkennung zu erlangen. In mir entwickelte sich der Gedanke, dass Sport auch meine Profession werden sollte, ich fühlte mich magisch angezogen von der Faszination des Wettkampfes, der Bühne, die der Sport den Sportlern schenkte, und der Geborgenheit, die mir mein Trainingsumfeld gab.
Ich hatte meinen Platz gefunden.
Nach der Matura – ich war zwar ein begabter, aber noch wenig erfolgreicher Schwimmer – setzte ich alles daran, nun endlich meine Grenzen auszuloten. Erst danach, so dachte ich, könnte ich wissen, ob ich genügend Kraft, Willen und vor allem Belastbarkeit hätte, um ein Spitzenschwimmer zu werden. Ich war gewillt, ein ganzes Jahr lang alles andere dem Leistungsschwimmen unterzuordnen. Aus diesem Grund zog ich nach Wien und begann umgehend, mein Trainingspensum zu verdoppeln.
Alles oder nichts.
Jetzt wollte ich es wissen.
Plattenepithelkarzinom
It’s a town full of losers and I’m pulling out of here to win.
Bruce Springsteen, Thunder Road
Nur über meine Leiche. Mit mir hast du dir den falschen Gegner ausgesucht. Ich werde sicher nicht nachgeben. Ich bin nicht wie jeder. Ich bin Clemens. Was andere darüber denken, interessiert mich nicht. Was für andere gilt, muss noch lange nicht für mich gelten. Geht nicht, gibt es nicht. Wenn ich einmal scheitere, probiere ich es noch einmal. Und scheitere besser! Noch bin ich jung, wenn nicht jetzt, wann dann? Ich bin der Baumeister meines eigenen Glücks. Meiner Zukunft. Sei einfach geduldig, deine Chance wird kommen. Pause brauche ich keine. Ich bin da. Und bleibe da.
Nur über meine Leiche!
Dass ich so weit gehen würde können, dachte ich damals noch nicht.
Mit 18 Jahren fokussierte ich nichts anderes als das nächste Training. Zehn Trainingseinheiten in der Woche waren die Regel, in intensiven Vorbereitungszeiten oftmals mehr, selten – zwecks Erholung – auch weniger. Das erste Training früh am Morgen, ich kroch um 5 Uhr aus dem Bett, um 6 Uhr sprang ich ins einsame Wasser des Wiener Stadthallenbades. Meist zwei Stunden lang. Das frühe Aufstehen kostete mich mehr Überwindung, als mir lieb war. Dennoch ließ ich niemals ein Training aus. Um 8 Uhr stieg ich wieder aus dem Wasser und freute mich auf ein ausgiebiges Frühstück. Am späten Nachmittag schuftete ich eine Stunde in der Kraftkammer und wiederum zwei Stunden im Wasser, um ausgelaugt, erschöpft, aber zufrieden um 20.30 Uhr wieder in meinem kleinen Zimmer im 15. Wiener Gemeindebezirk zur Ruhe zu kommen. Mein Zimmer lag in einem katholischen Wohnheim, das von Schulbrüdern geleitet wurde und mir von Anfang an gespenstisch vorkam. Allein in meinem Zimmer sitzend, schaufelte ich mir abends so viele Kalorien, wie ich nur aufnehmen konnte, hinein. An den Abenden lag ich erledigt vor dem Fernseher in einem dauerhaft menschenleeren Gemeinschaftsraum und ließ mich von dem immer gleichen Fernsehangebot berieseln. Außer den etwas eigenartigen Gestalten der Schulbrüder begegnete ich niemandem in diesem seelenleeren Haus in der Nähe des Westbahnhofs. Es roch nach Einsamkeit. Ich sprach kein Wort an diesen Abenden. Vordergründig kümmerte es mich nicht weiter. Ich war mit meinem Sport beschäftigt, das allein füllte meinen Alltag aus.
Ich kochte selbst, aß allein, hatte einen eintönigen Tagesrhythmus, ging früh schlafen, um in den Morgenstunden halb verschlafen wieder zum Training zu gehen – über den Westbahnhof in die Stadthalle. Das Trainingsbecken befand sich im Keller. Es war dunkel, die Atmosphäre feuchtschwül und anonym. Ich empfand meine Trainingsstätte als bedrückend.
Alleingelassen mit meinen Träumen in einer fremden Stadt.
Um 6 Uhr morgens sprechen Menschen nicht – sie wachen auf. Sie ordnen ihre Gedanken und stellen sich auf den anstehenden Tag ein. Ich sprang ins Wasser. Man sah seine Trainingskollegen, grüßte sich, sprach aber nicht miteinander. Nach dem Training hetzten alle Sportler davon. Das Frühstück, die Arbeit, das Studium, der Beruf warteten. Zeit für Kommunikation blieb keine. Ich stand als Einziger in der Dusche, genoss die Wärme des Wassers auf meinen müden Schultern und blieb oft so lange, bis die Haut runzelig und aufgeweicht war. Ich liebte es. Das Duschen jedoch spülte die Einsamkeit auch nicht weg. Nach dem Frühstück fuhr ich zur Universität, war aber zu müde, um den Professoren zuzuhören. Die Vorlesungen in Politik und Geschichte waren anonym, sie konnten die Trägheit meines Geistes nicht vertreiben. Nach einigen Wochen scheiterte mein Versuch, sowohl den Körper als auch meinen Geist gleichermaßen zu fordern. Der Schlaf mit vollem Magen nach einem ausgiebigen Frühstück war weitaus verlockender als das Studium. Ich fuhr fortan nur mehr zum Mittagessen zur Universität, besuchte die Mensa, mied jedoch alle Hörsäle. Die Zeit bis zum Training am frühen Abend vertrieb ich mir mit Musikhören und dem Lesen von Fachbüchern und Journalen über Schwimmsport. Ich wollte meine sportliche Leistung verbessern. Das war der Grund für meinen Aufenthalt in Wien. Der Johnny Walker, den mir Herwig eines Morgens nach einer feuchtfröhlichen gemeinsamen Feier geschenkt hatte, stand unberührt, einsam und staubig auf meinem Fensterbrett. Der Whisky blickte traurig aus dem Fenster. Er hatte nichts zu tun.
Nie nahm ich mir einen Tag trainingsfrei, auch den Sonntag nutzte ich zur aktiven Regeneration. Gymnastik, Entspannung und oftmals ein ruhiger Lauf sollten meiner besseren Erholung dienen. Das Wasser war mein Element, die Schwimmhalle mein Zuhause – seit meinem achten Lebensjahr. Ich trainierte mehrmals täglich, um mich sportlich zu entwickeln, um mir meinen Kindheitstraum zu erfüllen:
Ich wollte zu den Olympischen Spielen.
Dennoch ging mir etwas ab. Ich nahm es nicht wahr, spürte nur sehr oft ein dumpfes Gefühl der Leere während meines monotonen Alltags in mir. Ich vermisste die spielerische Leichtigkeit meiner Trainingsjahre mit Herwig, das Lachen während unserer Wochenenden, den kindlichen Ehrgeiz in der intensiven, aber doch immer freundschaftlichen Austragung unserer Wettkämpfe. Mir fehlte mein Partner, der mich daran erinnerte, dass es jenseits des Leistens auch noch etwas anderes gab. Ich war in Wien, Herwig in Salzburg. Er fehlte mir.
Meine Leistungen verbesserten sich vor allem im Training, die Wettkampfergebnisse jedoch entsprachen nicht meinen Erwartungen. Nachdem ich ein halbes Jahr lang fünf bis sechs Stunden täglich trainiert hatte, bekam ich zudem Überlastungserscheinungen im Schultergürtel. Zur ständigen körperlichen Müdigkeit kamen nun auch Schmerzen und der Frust, meinen Trainingsplan abändern zu müssen. Eine Pause machen zu müssen. Training, der monotone Tagesablauf, Einsamkeit und der sture Wille, den eigenen ehrgeizigen Vorstellungen nachzulaufen, kulminierten in einem umfassenden Übertraining, dem ich mit noch verbissenerer Arbeit an meinem Körper begegnete. Obwohl meine geschwommenen Zeiten in den nächsten Monaten die besten meiner Laufbahn waren, waren sie dennoch weit davon entfernt, einen Profisportler aus mir zu machen. Ich war nicht nur enttäuscht, ich empfand mich als Verlierer. Als Versager. Ich war jung, ehrgeizig, jedoch hilflos und nun auch noch frustriert. Niemand stand mir zur Seite, hatte einen guten Rat oder einfach nur ein offenes Ohr.
Ich begann, mir auf die Zunge zu beißen. Zu Beginn nur selten, ab dem Frühjahr 1994 immer häufiger, immer auf dieselbe Stelle. Anfangs ignorierte ich die Wunde an der linken hinteren Zungenseite. Nach Wochen der immer gleichen Leiden fühlte sich der Schmerz zunehmend leichter an, ich gewöhnte mich an ihn. Ich biss weiterhin auf die größer werdende Wunde, die sich nun auch langsam von der Mundoberfläche absonderte. Sie erhob sich als weißes Geschwür, das sich jedoch nur bei genauem Hinsehen als abnormal darstellte. Also schaute ich nicht genauer hin. Ich verbiss mich in der Idee, mir selbst zu beweisen, dass sich die investierte Zeit und meine harte Arbeit auszahlen würden, und trainierte einfach weiter. Die Wettkampfergebnisse am Ende meines Schwimmjahres blieben bescheiden:
Mein Projekt war gescheitert, mein Wien-Aufenthalt eine Niederlage.
Ich kehrte nach Salzburg zurück mit der Absicht, nun ernsthaft zu studieren. Sportwissenschaft und Politikwissenschaft. Das rieten mir meine Vernunft und meine Eltern. In mir drinnen jedoch brodelte der gescheiterte Versuch, ein professioneller Sportler zu werden. Aufgeben war nicht meine Sache, war es noch nie gewesen. Auch wenn ich vorgab, nun Student zu sein, blieb ich im Training, arbeitete gemeinsam mit dem damaligen Salzburger Landestrainer weiter an der Verbesserung meiner schwimmspezifischen Fähigkeiten. Just for fun lautete meine Rechtfertigung nach außen, um weiterhin das umfangreiche Schwimmtraining zu absolvieren, in mir drinnen wollte ich aber nach wie vor Profi werden. Die Ergebnisse sprachen eine andere Sprache. Mein Körper verarbeitete all die Belastungen des Hochleistungssports nicht, er war der Summe der Reize nicht gewachsen, litt an dem Druck, den ich mir selbst aufbaute, das gesamte Wien-Projekt hatte Spuren hinterlassen. Doch ich merkte es zu spät.
Mein Geschwür auf der linken Zungenseite wuchs, es schmerzte zwar kaum, behinderte mich aber zunehmend beim Beißen und Kauen. Zu lange, gute sechs Monate lang, wucherte es bereits in meinem Mund. Es wurde Zeit, es von Experten überprüfen zu lassen. Am 5. Dezember 1994 ging ich deshalb zum ersten Mal in die Ambulanz der Mund-, Gesichts- und Kieferchirurgie des Landeskrankenhauses Salzburg. Die Diagnose konnte ich nicht fassen: ein bösartiger Tumor auf der Zunge! Ein Plattenepithelkarzinom.
Ich war 19 Jahre alt, hatte noch nie geraucht, mein Leben lang Sport betrieben – und hatte einen Krebs, der üblicherweise Kettenraucher im hohen Alter befällt. Die Ärzte grübelten ungläubig, konnten keine Antworten geben.
Der Krebs trat in mein Leben.
Einfach so.
Ich war mit der Verarbeitung dieser Diagnose überfordert, konnte die Tragweite nicht einschätzen. Was tun? Wie sollte ich mich verhalten? Hatte ich Fehler gemacht? Warum? Schnell realisierte ich, dass das Suchen nach einem Grund nichts brachte – es gab keine Erklärung. Die Beschäftigung mit dem Krebs empfand ich als ausschließlich negativ. Also konzentrierte ich mich auf das Positive. Der Tumor wurde sofort operativ entfernt, sie schnitten mir das Geschwür aus meiner linken Zungenhälfte. Ich blieb nur eine Woche im Krankenhaus. Die Wundschmerzen vergingen rasch, zu Weihnachten 1994 war der Krebs Geschichte. Danach beschloss ich, meinen Leistungssport endgültig zu beenden. Musste ihn beenden – auf Anraten meiner Ärzte und Eltern.
Zum ersten Mal stellte mich mein Körper vor eine vollendete Tatsache: kein Leistungssport. Ich musste schwer schlucken, aber es schmerzte weniger, als ich gedacht hatte, ich war sogar irgendwie dankbar, dass ich nun einen Grund für mein Scheitern hatte. Ich hatte nicht versagt. Mein Scheitern hatte einem externen Grund, nicht ich war schuld an meiner Niederlage: Ich hatte Krebs. Kaum löste sich mein Lebenswunsch, Schwimmprofi zu werden, in Luft auf, spürte ich eine öffnende Erleichterung.
Befreiung.
Ich bekam wieder Luft.
Ich spürte, wie der Krebs mich vom Druck des Leistens befreit hatte. Montag bis Donnerstag war ich nun der zielstrebige, gewissenhafte Student, ab Freitag jedoch ein junger Lebemann, der lachte, liebte und genoss. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Zeit. Viel Zeit! Zeit für meine Freunde, für das Studium, Zeit für das Nachtleben. Meine Krebserkrankung beendete im Alter von 19 Jahren meine aktive Schwimmkarriere und meinen Traum vom Profisport, nicht jedoch meinen Drang nach Einzigartigkeit, meine Lust am Leben und Ausprobieren.
Ich traf Herwig wieder öfter, jedoch nicht mehr in der Schwimmhalle. Wir hatten beide den aktiven Wettkampfsport beendet, spielten wieder Fußball und genossen an den gemeinsamen Wochenenden oft mehr Bier, als uns guttat. Ich war endlich wieder zu Hause. Ich lebte unbekümmert in den Tag hinein, trieb Sport nur nach Lust und Laune und gab mein Geld am Wochenende großzügig in Nachtlokalen aus. Ohne Verpflichtungen auf unseren Schultern, frei von allen Trainingszwängen sangen wir gemeinsam oft bis zum Sonnenaufgang „Those were the best days in my life“ und fühlten uns dabei unsterblich. Ich konnte schlafen, so lange ich wollte, essen, was mir schmeckte, und studieren, wie es mir passte. Jung, unbekümmert und ohne Verantwortung genoss ich die neu gewonnene Freiheit.
Nach meiner Tumoroperation traten weiterhin Gewebeveränderungen auf der Zunge auf, sogenannte Leukoplakien – eine Vorstufe von bösartigen Tumoren, immer wieder, ein ganzes Jahr lang, bis zum Jänner 1996. Die Ärzte waren ratlos, ich selbst bei den unangenehmen Kontrollterminen verunsichert. Ich schwankte zwischen der Leichtigkeit des Studentenlebens und der ständigen Angst vor meiner Krankheit. Auf Zeiten der Euphorie und der Lebenslust folgten Phasen der Unsicherheit, der Schmerzen und der Hilflosigkeit, die durch fünf weitere Operationen zur Entfernung der Leukoplakien ausgelöst wurden. Die Leukoplakien traten einfach auf. Aus dem Nichts. Niemand fand einen Zusammenhang zwischen den weißlichen Veränderungen und meinem Immunsystem. Also schnitten die Ärzte sie einfach aus der Zunge. Außerdem versuchten sie, die Leukoplakien zu veröden – das Unerwünschte einfach wegzubrennen. Aus dem Blick, aus dem Sinn. Die Ärzte taten genau das, was meiner eigenen Haltung entsprach. Auf die Frage nach dem Warum gab mir niemand eine Antwort.
Es war einfach so.
Punkt.
Die Laserbehandlungen, die diese weißlichen Veränderungen an der Zungenoberfläche wegbrannten, waren extrem schmerzhaft, doch mein Körper funktionierte gut, er regenerierte unglaublich schnell, die Erholung von den traumatischen Eingriffen dauerte nie lange, eine Woche maximal. Doch die ständigen Eingriffe hinterließen Spuren, sowohl in der Mundschleimhaut als auch in meinem Kopf.
Meine junge Seele war überfordert.
Und allein.
Unfähig, die ständigen Rückschläge richtig einzuschätzen, in laufender Sorge um meine Gesundheit, versuchte ich, mich noch mehr auf das Positive in meinem Leben zu konzentrieren. Ich begann, wieder mehr Sport zu treiben. Kein Schwimmtraining, aber die tägliche Einheit Krafttraining, Lauftraining oder Radtraining musste es immer sein. Das Training gab mir ein Gefühl von Stärke. Ich wurde kräftiger, schneller zu Fuß und auch auf dem Rad, widerstandsfähiger in allen Spielsportarten und empfand mich als belastungsresistenter. Meine körperliche Stärke half mir, die Gefahr einer erneuten Krebserkrankung zu vergessen. Zumindest bis zur nächsten Untersuchung.
Nach meiner sechsten Zungenoperation traf ich eine Entscheidung. Ich konnte nicht alle zwei Monate eine Operation ertragen, auch wenn es jedes Mal nur ein kleiner Eingriff war. Das Gewebe veränderte sich ständig, allein durch die neu entstehenden Narben. Weder die Ärzte noch ich selbst wussten mit Gewissheit, ob all die weißlichen Veränderungen auf meiner Zunge eine Gefahr darstellten.
Niemand kannte mein Immunsystem.
Ich auch nicht.
Da es keinen offensichtlichen Grund für mein Plattenepithelkarzinom gegeben hatte, auch keinen für die ständig auftretenden Leukoplakien, entschieden die Ärzte auf mein Drängen hin, die Veränderungen zu beobachten, anstatt sie zu operieren. Eine gute Entscheidung. Die Leukoplakien traten auch weiterhin auf, veränderten sich ständig in Größe und Form, meistens verschwanden sie wieder, um dann bald an anderer Stelle aufzutauchen. Der Blick in meinen Mund wurde zum Ritual meiner Morgenhygiene. Ebenso am Abend. Es gab unzählige Momente, in denen mir die Angst Streiche spielte: Ich begann zu schwitzen, der Blutdruck und mein Puls stiegen, ich lief alle fünf Minuten zum Spiegel, um meinen Mund zu kontrollieren. Ich schwankte zwischen Panik und Vernunft. Diese Anfälle dauerten oft mehrere Tage. Die Krebserkrankung, abgelegt in einer verschlossenen Gruselkammer meines Kopfes, kroch immer wieder in mein Bewusstsein. Es bedurfte vieler Überzeugung und noch mehr Willenskraft, meiner Angstschübe Herr zu werden.
Diese Situationen forderten mich.
Aber sie stärkten mich auch.
Langsam und beständig schulte ich meine Vernunft und meinen Willen. Ich musste die Panik besiegen. Einen Weg finden, um mit der Bedrohung umzugehen. Darüber zu sprechen, war für mich keine Lösung. Ich schenkte meiner Krankheit, die ich nicht als solche akzeptierte, keine Aufmerksamkeit mehr. Ich hatte immer das Gefühl: Je weniger ich dem Krebs und seinen Bedrohungen Platz biete, desto besser kann ich mich auf meine Stärken konzentrieren. Ich versuchte, den Krebs zu minimalisieren. Er war für mich ein lokales Problem, er hatte keinen Einfluss auf den Rest meines Körpers. Ich wollte ihm sprichwörtlich keinen Raum geben. Monat für Monat wurde ich stärker. Körperlich und seelisch. Meine Gruselkammer öffnete sich immer seltener, sie war da, doch ich nahm den Inhalt nicht mehr heraus. Ab und zu dachte ich noch an die Operationen, an die lähmende Unsicherheit, doch selbst die Kontrolluntersuchungen, die ich alle vier Monate über mich ergehen lassen musste, wurden zur Routine. Sie stressten mich nun weniger als unmittelbar nach meiner Krebsdiagnose.
Ich vermied das Wort Krebs bewusst. Nie nannte ich das Krebsgeschwür Krebs. Niemand konnte mir erklären, warum mich der Krebs heimgesucht hatte, ich hatte keine Verbindungen zu meiner Krankheit. Der Krebs war auch nicht durchgängig präsent. Er kam aus dem Nichts, ich musste mich eine Zeit lang mit ihm beschäftigen, so lange, bis ich ihn wieder in die Kammer schließen konnte. Er war kein dauerhafter Begleiter, vielmehr ein lästiger Zeitgenosse, der mir immer wieder auf mein Gemüt schlug, ohne durchgehend Schaden anzurichten.
Nach fünf Jahren – das ist der Zeitraum, nach dem Experten den Krebs als besiegt betrachten – ging ich nicht mehr zur Kontrolluntersuchung. Aufforderungen seitens des Landeskrankenhauses, weiterhin in ärztlicher Betreuung zu bleiben, ignorierte ich. Die Beschäftigung mit diesem Thema tat mir nicht gut. Ich hatte keinen Rückfall, die oberflächlichen Veränderungen auf meiner Zunge nahm ich zur Kenntnis, bevor ich sie schlussendlich ebenfalls ignorierte. Ich fühlte mich körperlich und seelisch so stark wie noch nie; ich beschloss, den Krebs endgültig aus meinem Leben zu streichen. Ich war 23 Jahre jung, rauchte nicht, war sportlich, hatte keine Risikofaktoren und ernährte mich ausgewogen.
Keine Kontrollen mehr, kein Arzt, kein Krebs – so einfach war das Leben.
Fortan genoss ich meine Studienzeit in vollen Zügen.
Ich arbeitete nun auch als Schwimmtrainer und stillte mit dieser Tätigkeit meinen immer noch brennenden Ehrgeiz. Dem Sport blieb ich somit treu, nun auf der anderen Seite des Beckens. Meist basierend auf Erfahrungen aus dem Studium, der eigenen Schwimmkarriere, oft auch durch simples Ausprobieren versuchte ich, meinen eigenen Stil als Trainer zu finden. Ich beging in meinen ersten Trainerjahren viele Fehler, korrigierte jedoch meist alle. Die Erfahrungen, die ich daraus gewinnen und mitnehmen konnte, waren Gold wert. Ich zog mein Wissen aus Eigenerfahrung. Ich bekam eine zweite Chance. Ich arbeitete daran, meine Ziele durch andere wahr werden zu lassen. Ich war derselbe junge Mensch mit denselben ehrgeizigen Zielen, den gleichen Antrieben. Als Athlet hatte ich meine Grenzen erkennen müssen, als Trainer schienen mir alle Möglichkeiten offen. Ich glaubte fest an die Möglichkeit, den Schlüssel zum Erfolg zu finden. Mit Hilfe des damaligen Landestrainers, der fachlich mein Mentor wurde, konnte ich gleichzeitig beobachten und frei von jedem Druck lernen. Ich wuchs im Schatten des Leistungssports langsam wieder in jenen Rhythmus hinein, der mir als Aktiver, als junger Schwimmer, zu intensiv geworden war.
Mein Ehrgeiz war wieder da.
Roswitha
When all I want is you.
U2, All I Want Is You
Blondes Haar, athletischer Körper, immer in Bewegung und doch nur ein Schatten, der mich regelmäßig streifte. Sie saß im selben Kurs, wir lauschten den Ausführungen unseres Professors über die Geschichte der Olympischen Spiele, dennoch trafen sich unsere Blicke immer wieder. Anders als ich das kannte. Schüchtern und doch neugierig. Verhalten, aber doch interessiert. Zufällig, aber doch bewusst.
Abgesehen von ein paar Begrüßungsfloskeln unterhielten wir uns das ganze Semester lang nicht, dennoch war Roswitha der Grund, warum ich mich jede Woche neu auf die Lehrveranstaltung an der Sportuniversität freute. Irgendetwas zog mich an. An ihr, an der Situation, an der Ungewissheit, ob sich etwas daraus entwickeln könnte, egal, in welcher Art. Abseits unserer gemeinsamen Lehrveranstaltung sah ich meine blonde Schönheit nur als kurzen Lichtblick an mir vorbeihuschen. Im Leistungszentrum nach dem Training meiner Schwimmer, als sie mir von einer Lehrveranstaltung auf dem Parkplatz ein Lächeln zuschickte, im Supermarkt, von ihr unbemerkt, als ich sie beim Einladen der Lebensmittel in ihr Auto beobachtete, oder am Abend auf der Tanzfläche eines Nachtlokals, in dem ich meine Augen nicht von ihr lassen konnte. Ich sah sie allein, aber auch häufig in der Begleitung eines kleinen Kindes, offensichtlich ihres Sohnes, der mir vor allem wegen seiner dicken Backen und seinem schelmischen Grinsen sofort in Erinnerung blieb.
Als der Schatten fast an mir vorbeigezogen war, es war am Ende des Sommersemesters, bekam ich den wohl für mich bis dahin überraschendsten Telefonanruf. Roswitha war am anderen Ende der Leitung. Ich wusste nicht, woher sie meine Telefonnummer hatte, sie sprach völlig offen über ihren Wunsch, mich zu treffen, versuchte mir jedoch gleichzeitig zu erklären, dass es nur um ein Treffen ging, sie wolle mit mir sprechen. Es wirkte, als ginge es um etwas Fachliches. In mir herrschte Gefühlschaos. Aufgeregt, irritiert, gespannt, nervös, neugierig, schüchtern, stolz und überfordert zugleich traf ich mich wenige Tage später mit ihr zu einem Mittagessen, und sie sprach genau von jenen Gefühlen, die ich ebenso empfand.
Gefühlschaos.
Alles fühlte sich anders und neu an. Die Anziehungskraft zwischen uns war am ganzen Körper spürbar, in jedem Wort, in allen Bewegungen, sogar in den distanzierten Gesprächen, die mich bei unseren ersten Begegnungen vor den Kopf stießen. Ich konnte die Situation – die zierliche, aber doch nur so vor Lebensenergie sprühende, blonde Schönheit und meine eigene Haltung – nicht einordnen, ich verstand nicht, es war etwas komplett Neues.
Roswitha war ein Jahr älter als ich, verheiratet, und lebte mit dem Vater ihres Sohnes. Erst da begriff ich, dass mein Gefühlschaos überschaubar war – im Verhältnis zu ihrer Lebenssituation. Roswitha schwankte ständig zwischen den unterschiedlichsten Welten, Glücksgefühlen, Verpflichtungen, Verantwortungen und Schuldgefühlen, ich hingegen war einfach nur verliebt. Das allein war kompliziert und aufregend genug, nicht einmal in Ansätzen konnte ich ihr Chaos abschätzen, geschweige denn nachvollziehen.
Dennoch war ich in den nächsten Monaten glücklich. Ich war passiv und trotzdem offen, ich genoss das Gefühl unserer gemeinsamen Zuneigung, des tief und noch nie so empfundenen Gefühls der Zusammengehörigkeit, auch wenn wir uns selten sahen, uns körperlich immer distanziert begegneten. Ich fühlte mich als Glückspilz, ich war ihr auf einer unbekannten Ebene verbunden, dieses Gefühl wurde durch die Distanz nur verstärkt. Es gab mehr als nur die körperliche Zuneigung, mehr als den Drang nach Nähe, mehr als die Schmetterlinge im Bauch, und genau das machte mein Empfinden so besonders. Roswitha hingegen litt. Sie war in einer Situation gefangen, deren Ausweg sie nicht kannte, die sie nie haben wollte, in die sie hineingeschlittert war, ohne etwas dagegen tun zu können. Und vor allem: Sie kannte mich nicht. Was war ich für ein Mensch? Warum Clemens? Wieso jetzt? Es war irgendetwas auch in ihr, das uns zusammenhielt, trotz der schier unmöglichen Rahmenbedingungen. Es war einfach nur der falsche Zeitpunkt, mich kennenzulernen.
Aber ich war nun einmal da.
Roswitha ebenso.
Als Roswitha knapp eineinhalb Jahre nach unserem ersten Zusammentreffen geschieden wurde, die schmerzliche Trennung vom Kindsvater vollzogen und das Sorgerecht für ihren Sohn geregelt waren, war es für uns trotzdem weiterhin schwer. Wir waren sehr unterschiedliche Menschen. Auf der einen Seite eine extrovertierte, lebendige, gefühlsbetonte junge Frau, die sagte, was sie fühlte, direkt und unvermittelt, auf der anderen Seite der introvertierte, schweigsame, schüchterne und oft zurückgezogene, leicht arrogant wirkende Sportler, der noch nie ernsthaft in seinem Leben etwas teilen musste, schon gar nicht ein gemeinsames Leben. Ich war immer zwei Schritte hinter ihr. War ich mein bisheriges Leben lang Junggeselle gewesen, hatte immer allein gelebt, war Roswitha ein Beziehungsmensch. Ich hatte nie eine Beziehung gehabt, die länger als sechs Monate gehalten hatte, nun empfand ich seit über einem Jahr Schmetterlinge im Bauch, obwohl ich auf Distanz zu meiner Liebe lebte. Alles dauerte lange, war aber trotzdem intensiv. Wir gingen häufig miteinander joggen, sprachen wenig, genossen die Zweisamkeit, um uns dann erst eine Woche später wieder zu treffen. Wir saßen zusammen auf dem Gipfel eines Berges, Roswitha erzählte aus ihrem Leben, ich lauschte, während wir gemeinsam die frische Luft, die Wärme der Sonnenstrahlen und das Glitzern des Schnees in unsere Herzen ließen. Das verband.
Zum zweiten Mal in meinem Leben erfuhr ich Leidenschaft. Anders als im Sport, aber ebenso intensiv. Die junge Liebe zu Roswitha stellte meine Lebensweise vollständig auf den Kopf. Ich war fasziniert von der Intensität des Gefühls zu einer Frau, gefangen von ihrer Schönheit und Ausstrahlung, oft unbeholfen im Umgang mit den eigenen Gefühlen. Ich war 23 Jahre alt, nur auf Roswitha fokussiert und fühlte mich in unserer Gemeinsamkeit zeitbefreit. Ich empfand Nähe, Zuneigung und Geborgenheit in einer Form, die mir bisher fremd gewesen war.
Wir liebten uns, und wir stritten viel.
Meine Beziehung zu Roswitha führte mich in bisher nicht gekannte Situationen und auch Emotionen – schöne wie auch konfliktreiche. Ich durchlebte zum ersten Mal sehr intensive Auseinandersetzungen. Kein Mensch kam näher an mich heran, kein Mensch traf mich so in meinem Innersten, kein Mensch offenbarte mir Emotionen und Zuneigung intensiver als Roswitha. Es war für mich bisher unvorstellbar gewesen, alle meine Emotionen hinauszubrüllen, nie davor hatte ich das Gefühl verspürt, einen Gegenstand aus Verzweiflung, Wut, Ärger und Rage durch das Wohnzimmer zu schleudern. Andererseits war noch nie ein Mensch auf und neben mir gelegen, einfach weil er meine Nähe suchte, nie zuvor hatte ich einen Menschen derart intensiv gerochen, seine Lippen geschmeckt oder mich von einem Lachen so anstecken lassen wie durch Roswitha. Nie zuvor hatte ein Mensch hemmungslos in meiner Nähe geweint, Trost und Zuneigung gesucht, um sich von den Problemen des Alltags zu erholen, oder mir einfach nur Blumen geschenkt, weil er mich liebte.
Ich kannte dies aus meiner Herkunftsfamilie nicht. Ich ging meist jedem Konflikt aus dem Weg, zog mich zurück, kam nur selten aus mir heraus. Roswitha brachte mich an meine Grenzen, sie öffnete meine Grenzen. Ich wurde empfindsamer. Reflexion und Versöhnung waren eine Reise, die ich vor meiner Liebe zu ihr nicht gekannt hatte. Mehrmals schien uns in unseren ersten zwei Jahren der gemeinsame weitere Weg unmöglich, dennoch hielt uns unsere Anziehung wie ein Magnet zusammen. Wir wurden ein Paar.
Hart erkämpft, aber unzertrennlich.
Ein Team.
Trotz aller Unterschiede.
Oder gerade deswegen.
Schwimmtrainer
Gonna stand my ground and I won’t back down.
Tom Petty, I Won’t Back Down
Im Sommer des Jahres 2000 beendete ich erfolgreich meine Studien Sportwissenschaft und Politikwissenschaft. Im Herbst verließ mein Mentor und damaliger Landestrainer Salzburg. Ich hatte ihm zwei Jahre assistiert und unter seiner Verantwortung das Handwerk des Schwimmtrainers erlernt. Drei Monate nach Abschluss meiner Studien erhielt ich seinen Job als Landestrainer des Landesschwimmverbandes Salzburg, was bedeutete, dass ich meine Leidenschaft nun Beruf nennen durfte. Fortan stand ich selbst in der ersten Reihe und entwickelte jenen Ehrgeiz, der mir und meinem Schwimmteam auch schnell erste Erfolge auf nationaler Ebene einbrachte.
Gleich in meinem ersten Berufsjahr als Trainer erlebte ich viele überraschende Höhenflüge. So entwickelte ich jene erwachsenen Siegschwimmer weiter, die bereits unter der Leitung meines ehemaligen Mentors sehr erfolgreich gewesen waren – sie schwammen in unserer ersten gemeinsamen Saison zu Rekorden und Meisterschaftstiteln. Die dazugehörige nationale Anerkennung als Trainer folgte noch im selben Jahr, ich war stolz und höchst motiviert zugleich, dachte, es würde immer so weitergehen: ein 25-jähriger Neuling in der Schwimmsportszene, der gleich zu Beginn seiner Tätigkeit den Schlüssel zum sportlichen Erfolg gefunden hat. Ich erlebte den Schwimmsport sehr emotional. Unangenehme Nervosität vor entscheidenden Rennen meiner Sportler, schlaflose Nächte während wichtiger Wettkämpfe, emotionale Freudenausbrüche und spontane Triumphgefühle bei Siegen und Rekorden kanalisierten mein Streben nach Anerkennung und Erfolg.
Der Alltag des Spitzensports jedoch ist nüchtern:
Es gewinnt immer nur einer.
Bereits der Zweite ist der erste Verlierer.
Diese Logik inkludiert, dass Erfolgserlebnisse die Ausnahme bleiben, Niederlagen hingegen ständige Begleiter des Leistungssports sind.
Ich war naiv, die folgenden Jahre entwickelten sich zunehmend zäher. Dem ersten großen Erfolg folgte im zweiten und dritten Trainerjahr Stagnation, so jedenfalls empfand ich es damals. Ich war unreif in der Planung, vorschnell in der Umsetzung und zu wenig gelassen in der Analyse. Und ständig zu ungeduldig. Meine eigenen hohen Ziele, die ich als Sportler begraben hatte müssen und nun als Trainer wiederentdeckte, schienen schneller als erwartet zu verpuffen. Ich fühlte mich gefangen in dem engen Korsett des Leistungssports, das meist nur Niederlagen zulässt und Erfolge viel zu schnell als Selbstverständlichkeit abtut. Alles reduzierte sich wieder auf Gewinnen oder Verlieren. Auf Leisten oder Nachgeben. Auf Anerkennung durch Erfolg oder Abfall in die Bedeutungslosigkeit. Kurzen emotionalen Höhepunkten folgten unvermittelt und rasch sportliche Tiefschläge und lange Trainingsphasen des Leistens, des Trainierens und des Arbeitens um jeden Preis. Für meine erfolgsverwöhnten Sportler und mich war es eine Herausforderung, nach den anfänglichen Erfolgen nun regelmäßig mit Rückschlägen umzugehen. Schon als junger Sportler, aber nun auch als frischer Trainer, war ich nicht geschult, erfahren und gelassen genug, aus offensichtlich schwachen Wettkämpfen meiner Athleten und ergebnisorientierten Niederlagen den emotional richtigen Schluss zu ziehen.
Ich empfand den Leistungssport als ein ständiges Auf und Ab.
Viele Wettkämpfe, viele Trainingslager, viele Stunden Arbeit in der Schwimmhalle. Roswitha litt unter meiner häufigen Abwesenheit. Sie hatte ihr Studium ein Jahr vor mir abgeschlossen und arbeitete nun als AHS-Lehrerin, hatte daher an den Wochenenden frei und viele Wochen Schulferien, die sie meist jedoch allein verbringen musste. Ich war ständig unterwegs. Drei Trainingslehrgänge über mehrere Wochen, jährlich um die 20 Wettkämpfe an den Wochenenden forderten unsere junge Beziehung und setzten mich zusehends unter Druck. Ich schwankte zwischen meinem beruflichen Ehrgeiz, meiner Liebe zu Roswita und vor allem meinem Drang, mehr Zeit mit Roswithas Sohn Lukas zu verbringen.
Mein Lukas. Ich hatte mich in diesen kleinen, bewegten und aktiven Buben mit einem anfangs etwas zu großen Kopf verliebt, als er drei Jahre alt war und ich ihn zum ersten Mal sah. Er konnte nicht stillsitzen. Er war immer unterwegs, und konnte er nicht irgendetwas im Haus oder in unserem Garten bewegen, wurde er rasch jähzornig. Bereits im Vorschulalter konnte er den kompletten Text von „Max und Moritz“ auswendig und sprach bei jeder Wiederholung im Fernsehen den Text vor der Szene ab. Als er fünf Jahre alt war, boxten wir mit Handschuhen, die fast so groß wie sein Kopf waren, ich fiel bei jedem seiner Schläge theatralisch zu Boden, Lukas triumphierte und fühlte sich wie Muhammad Ali. Und ich fühlte mich wie sein zweiter Dad. Ich fand in Lukas fesselnde Unbefangenheit, Neugierde und Zuneigung, die mich sofort vereinnahmten. Und Lukas liebte seinen Clemi, wie es nur ein Kind tun kann, das spürte ich von Anfang an. Ich bemühte mich, ihm all das zu geben, was er durch die schmerzliche Trennung seiner Eltern verloren hatte, ohne ihm seinen leiblichen Papa wegzunehmen. Ich ergänzte genau jenes Loch, das zwangsläufig durch eine Trennung entsteht, und war für ihn intuitiv der richtige Mensch zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Seine Offenheit, mich in sein Leben zu lassen, entwickelte sich zu einem Wert, den ich erst viel später bewusst wahrnehmen konnte. Mein Lukas war fortan auch mein Sohn. Clemens sein zweiter Papa. Dennoch konnte ich die Rolle des liebevollen Partners und Ersatzvaters nicht entsprechend meinen Gefühlen ausleben, ich war rasch gefangen in dem Streben nach beruflichem und sportlichem Erfolg.
Mir fehlte die Weitsicht.
Ich war sehr jung.
Nach unserem ersten, sportlich unerwartet erfolgreichen Jahr trat ein – anfangs noch unterschätzter und belächelter – Konflikt in den Vordergrund, der mich 14 Jahre begleiten sollte. Ein Jahr lang war ich nun Verbandstrainer des Salzburger Landesschwimmverbandes. Auf der einen Seite stand ich – ein junger, ehrgeiziger Mann, der aus dem Schwimmsport kam und am Anfang seines beruflichen Weges stand –, auf der anderen Seite ein regionales Verbandssystem, das von Funktionären geleitet wurde, die mich nicht unterstützen wollten. Wir passten nicht zusammen. Diese kurze Zeit hatte ausgereicht, um unser gegenseitiges Misstrauen zu entfachen, und endete vor dem Arbeitsgericht. Fortan arbeitete ich an meinem eigenen Weg, an meinem eigenen Schwimmsport. Ich versuchte, jeden Mosaikstein für den Erfolg meiner Sportler und meines Teams zusammenzusammeln und ihn an der richtigen Stelle einzusetzen. Ich arbeitete an mehreren Fronten gleichzeitig, war Trainer, Manager, Administrator, Hobbypsychologe und Pressesprecher in einer Person, tat alles, um mich durchzusetzen.
Der Aufbau unseres Vereins beanspruchte viele meiner Ressourcen. Bis zu zehn Trainingseinheiten pro Woche stand ich zudem in der schwülen Luft der Schwimmhalle. Meine Anweisungen brüllte ich ins Wasser, mit voller Leidenschaft und Energie trieb ich mich und meine Sportler vorwärts. Ich empfand meine körperliche Fitness als Vorteil gegenüber vielen anderen Berufstätigen, als Waffe im Kampf gegen meine Kontrahenten. Sport verbesserte meine Aufnahmefähigkeit und vertrieb die Müdigkeit. Ich verkraftete die vielen Stunden in der Schwimmhalle leichter, darauf war ich stolz. Mein Hobby war mein Beruf. Ich stand 24/7 unter Strom. Unser Verein wuchs jedes Jahr an Größe und Qualität. Unter dem Schirm meines Vereins erlernte ich alle Facetten des Berufslebens, allerdings unter dem ständigen Druck, leisten zu müssen, sportlicher Erfolg war die Rechtfertigung meines Handelns.
Der Streit zwischen meinem Heimatverein und dem Landesschwimmverband intensivierte sich. Der Konflikt raubte Energie. Ich fühlte mich angestachelt und herausgefordert, wollte mich um jeden Preis durchsetzen, dachte an meine beruflichen Ziele, unterschätzte aber die vernichtende Kraft eines jahrelangen Disputs. Die Trainingsgruppen des Verbandes trainierten täglich, häufig auch zweimal am Tag parallel zu meiner Leistungsgruppe, die Nähe der Kontrahenten war auch körperlich spürbar; sie schuf Antipathie. Sie förderte körperliches Unbehagen. Dieses zu kontrollieren, kostete mich mehr Kraft, als mir lieb war. Häufig versagte mir die Stimme, weniger aus Übermüdung, mehr wegen des beklemmenden Drucks, den ich in der Brust verspürte. Ich saß in der Schwimmhalle, schwitzte in der schwülen Luft, brüllte gegen den Widerstand des Lärmpegels einer vollen Halle und gegen die Befehle der anderen Trainer meinen Schützlingen meine Anweisungen entgegen und verspürte die missgünstigen Blicke der Verbandstrainer in meinem Rücken. Ich war nach jedem einzelnen Schwimmtraining so erschöpft, als wäre ich selbst zwei Stunden mein eigenes Programm geschwommen. Hinzu kam, dass mein Kopf dröhnte, mein Hals kratzte, meine Lungen nach Sauerstoff gierten. Die Energie an meinem Arbeitsplatz Schwimmhalle war vergiftet, genauso nahm ich das auch körperlich wahr. Ich war unter Stress, wenn ich die Halle betrat, und verließ sie unter Stress, das wirkte nach. Trotz meiner körperlichen Fitness fühlte ich mich rasch ausgelaugt.
Ich zog jedoch aus diesem zermürbenden Kleinkrieg nicht die notwendigen Konsequenzen, um mich vor dem ständigen Stress zu schützen. Im Gegenteil. Der spürbare Gegenwind, der mir in meinen Aufbaujahren entgegenblies, trieb mich noch zusätzlich an. Ich wollte mich nicht in meinem Ehrgeiz einschränken lassen, vor allem wollte ich mir nicht vorschreiben lassen, wie mein Weg und meine Idee auszusehen hatten. Vielmehr ging ich meinerseits in die Offensive und suchte die Konfrontation. Mein Rechtsbewusstsein und mein Wille erlaubten es mir nicht, nachzugeben. Aus Wochen wurden Monate, aus Monaten Jahre.
Dennoch kam für mich ein Berufs- oder Standortwechsel nicht infrage. Ich lebte nun bereits mit Roswitha und Lukas im Anbau ihres Elternhauses, Tür an Tür mit ihren Eltern. Das Haus in einem der besten Stadtteile Salzburgs war unser Eigentum, mein gesamtes soziales Umfeld bedeutete mir sehr viel, ich liebte die Natur in der unmittelbaren Umgebung und konnte mir keinen besseren Lebensmittelpunkt vorstellen. Auch fühlte ich mich an Lukas gebunden, wir verbrachten viel Zeit miteinander, und ich spürte seine kindliche Zuneigung auch als Verantwortung, ich dachte nie daran, das alles wieder zurückzulassen oder nur zu vernachlässigen. Am meisten jedoch trieb mich meine Sturheit an, weiterzustreiten.
Ich wollte nicht verlieren.
Um keinen Preis.
Die unterschiedliche Auffassung in Bezug auf den Schwimmsport und die menschliche Rivalität stachelten meinen Ehrgeiz an und triggerten ein lang unterdrücktes Bedürfnis, mein Leben selbst zu gestalten – vermutlich begründet im Widerstand meiner Herkunftsfamilie gegen den Leistungssport. So wollte ich nun als junger Mann meine Wünsche und Träume endlich umsetzen. Ich wollte mir, meinen Eltern und allen Zweiflern beweisen, dass mit Leidenschaft und Einsatz, mit Konsequenz und Ehrlichkeit Erfolg möglich sei, auch in einer Randsportart wie Schwimmen. Erfolg auf sportlicher Ebene, aber viel mehr auf beruflicher und persönlicher Ebene.
Auch als Schwimmtrainer ist es möglich, sich eine Existenz aufzubauen, eine Familie zu ernähren und berufliche Anerkennung zu erlangen.
Das war meine Motivation.
Auf keinen Fall wollte ich mich von Verbandsfunktionären bremsen lassen, zu intensiv war mein Drang nach Aufmerksamkeit. Ich wollte mich durchsetzen, ich musste mich durchsetzen. Meine Suche nach Bestätigung, mein Hunger nach Erfolg und meine Beharrlichkeit, meinen Weg – auch gegen den Widerstand der Verbandsinteressen – durchzusetzen, trieben mich an, ließen mich nicht zurückstecken. Nach den schwierigen, aber lehrreichen ersten Jahren lief es sportlich zufriedenstellend, es waren meine erfolgreichsten Jahre, ich nahm sie jedoch als frustrierend wahr. Meinen Erwartungen, auf internationaler Ebene erfolgreich zu agieren, konnte ich nicht entsprechen. Ein internationales sportliches Niveau zu erreichen, erfordert nicht nur sehr viel Arbeit, sondern auch Zeit, Geduld und Erfahrung, die ich mir nicht gab, die ich noch nicht hatte. Ein internationales Level jedoch zu halten oder zu verbessern, verlangt darüber hinaus Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und auch viel Glück. Das wollte ich erzwingen.
Ich war davon überzeugt, Erfolg im Sport sei sehr leicht zu definieren: Wer gewinnt, hat recht.
Im Jahr 2002 bot mir die Universität Salzburg die Möglichkeit, mein Wissen als Lehrbeauftragter im Bereich des Schwimmsports an Studierende weiterzugeben. Eine tolle Chance, die ich unbedingt wahrnehmen wollte und die mir ein zweites berufliches Standbein ermöglichte. Ich etablierte mich in den kommenden Jahren als Fachmann in meinem Bereich. Ich hielt Vorträge über Bewegungslehre und Trainingslehre des Schwimmsports an den Bundessportakademien in Innsbruck und Linz, half zukünftigen Schwimmtrainern, sich auf staatlich geprüftem Niveau auszubilden. Der einzige Wermutstropfen, den ich damals empfand: Ich stand noch mehr Stunden in der Schwimmhalle und sah nur eine Möglichkeit, meinen Studenten mein Wissen zu vermitteln: Druckvolles, lautes, permanentes Sprechen – meist Brüllen, anders verstand man meine Worte in der Schwimmhalle nicht. Es ermüdete mich zusehends. Dringend benötigte Pausen übertauchte ich, stattdessen nutzte ich jede weitere Möglichkeit, um meine berufliche Weiterentwicklung voranzutreiben.
Die Rahmenbedingungen für eine dauerhafte Überlastung entwickelten sich: Aus acht Stunden Arbeit wurden zwölf Stunden. An Wettkampfwochenenden arbeitete ich pausenlos. Nach einem viertägigen Wettkampf war der darauffolgende Montag ein normaler Arbeitstag, der sich noch dazu intensiver und umfangreicher als ein normaler Montag gestaltete, da das Wochenende aufgearbeitet, analysiert und besprochen werden musste. Ich stand zu viele Stunden in der Schwimmhalle, sah jedoch keine Alternative zu meinem eingeschlagenen Weg im Hochleistungssport.
Diese Ambivalenz – auf der einen Seite die Belastung, der Druck, die negativen äußeren Einflüsse, auf der anderen Seite die Motivation, die ich aus diesen Umständen zog und die mich antrieb – stellte den Grundstein für meine Entwicklung als Schwimmtrainer und die Entwicklung meines Vereins zum größten und erfolgreichsten Verein des Salzburger Schwimmsports dar.
Ich war stolz und getrieben gleichzeitig,
wollte immer mehr.
Genug war mir zu wenig.
Hannah
Du machst’s mir leicht.
Ich lieb dich so, so, so, so wie du bist.
Lemo, So wie du bist
Am 3. September 2002 erlebte ich den Höhepunkt meiner emotionalen Achterbahn. Ich saß im Kreißsaal unseres Krankenhauses, es war 5 Uhr morgens, Roswitha lag in der Badewanne und vollbrachte eine Leistung, die ich so nie davor und auch nie mehr danach miterlebt habe. Jeder Muskel in ihrem Körper gebar unser gemeinsames Kind, die Intensität einer Geburt war das eigentliche Wunder in meinem Leben, es mitzuerleben, veränderte mein Denken von Grund auf. Als ich meine Tochter Hannah zum ersten Mal im Arm hielt, war meine Zuneigung nicht in Worte zu fassen.
Ich spürte bedingungsloses Urvertrauen, das Urvertrauen eines neugeborenen Kindes. Was immer noch kommen würde, ich wusste, wofür ich gut war, was meine Aufgabe sein würde und wem ich als Vater immer eine Unterstützung sein würde. Ich war überwältigt und feierte mit Herwig, Philipp und meinen engsten Freunden ein ausgelassenes Fest. Philipp wurde Taufpate, ich spürte, es bedeutete ihm viel, ich sah seinen Stolz, der Taufpate des ersten Nachwuchses in unserer Familie sein zu dürfen. Hannah entzündete eine Kraft in mir, die ich davor noch niemals wahrgenommen hatte.
Diese Kraft wuchs beständig.
Ich musste nichts dazu beitragen, es geschah einfach.
Wenn ich nach dem Training abends nach Hause kam, liebte ich die wenigen Stunden Gemeinsamkeit mit Hannah. Ich freute mich auf die wettkampffreien Wochenenden mit meiner Familie. Diese Zeit gab mir Energie und war eine Oase der Erholung. Jeden Abend brachte ich Hannah ins Bett. Als sie noch im Gitterbett lag, hielt ich oft eine Stunde lang, gebeugt über ihrem Bett stehend, ihre Hand. Die Rückenschmerzen ignorierte ich. Eine oft sehr lange Prozedur, da Hannah nie müde war und das Einschlafen hinauszuzögern versuchte. Ich liebte ihre Überredungsversuche, länger aufbleiben zu dürfen, obwohl man ihr anmerkte, dass sie sich kaum noch wachhalten konnte. Wenn ich die Kinderzimmertür hinter uns schloss, stahlen wir beide uns in eine Phantasiewelt, die auch für mich eine Reise in meine Kindheit war.
Als sie alt genug war, um in ein großes Bett zu wechseln, legte ich mich immer zu ihr und erzählte ihr erfundene Geschichten über Sepp und Schorsch, zwei Freunde, die alle Krisen des Alltags gegen einen Bösewicht zu überstehen hatten und am Ende immer siegten. Der Bösewicht hatte die Gestalt eines Affen, der sich alles Erdenkliche einfallen ließ, um die beiden Freunde auseinanderzubringen, ihnen zu schaden. Der Retter in der Not war dann immer ihr weiser Freund Peter. Hannah fürchtete sich vor dem Affen, lachte mit Sepp und Schorsch und verehrte Peter. Diese 20 Minuten im Bett meiner Tochter waren der Brunnen meines Glücks. Ich erzählte ihr meine Abenteuergeschichten viele Jahre lang, bis in ihre frühe Pubertät. Sie repräsentierten ein immer gleiches Ritual und bedeuteten mir alles, ein Eintauchen in Entspannung und Erholung. Oft war ich derjenige, der nach Beendigung der Geschichte zuerst einschlief, und Hannah blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls einzunicken.
In den Jahren nach der Geburt meiner Tochter begann ich, vermehrt zu arbeiten. Diese Zeit erlebte ich als die intensivste meines Lebens: auf der einen Seite Hannah aufwachsen zu sehen, ihre wachsende Neugier zu beobachten, und auf der anderen Seite die steigenden Anforderungen meines beruflichen Disputs gegen das und mit dem heimischen Verbandssystem und das ehrgeizige Streben nach Erfolg. So, wie ich es bereits als junger Mann mit Lukas erleben durfte, war Hannah für mich mein Rückzugsgebiet vom immer umfangreicher werdenden Berufsalltag. Doch Lukas hatte ich erst im Alter von drei Jahren kennengelernt, mir fehlten seine ersten Lebensjahre. Das holte ich nun mit Hannah nach und genoss gleichzeitig die immer größer werdende Energie des nun pubertierenden Lukas. Er wurde mit jedem Monat geschickter, kräftiger und vielfältiger, wir duellierten uns auf gleicher Höhe beim Tischtennis, spielten Tischfußball und Darts und kämpften wie zwei Gleichaltrige um den Gesamtsieg bei unserem Familientriathlon. Wenn ich zu müde war, um seine Energie zu stillen, ging er in den Keller und spielte oft eine Stunde lang auf seinen Drums, der Rhythmus war im ganzen Haus zu hören, doch anstatt dass es mich nervte, beruhigte es mich, in dem Wissen, dass Lukas seine Energie und gleichzeitig sein musisches Talent ausleben und weiterentwickeln konnte. Ich konnte abschalten – durch die Schläge seiner Drumsticks.
Ich stand meist früher auf als meine Familie. Roswitha, Lukas und Hannah weckte ich, wenn ich zur Schwimmhalle aufbrach, da wir um 7 Uhr unser erstes Training absolvierten. Um 11 Uhr war ich wieder zu Hause und nutzte die Zeit, in der Roswitha und Lukas in der Schule und Hannah im Kindergarten waren, um die Büroarbeit für den Verein zu erledigen und mich für meine Lehraufträge vorzubereiten. Um 12.30 Uhr verließ ich das Haus wieder, um für die Universität und anschließend für den Verein wieder in der Schwimmhalle zu arbeiten. Oft kam ich erst gegen 20 Uhr nach Hause und war so hungrig, dass ich eine Stunde lang völlig überhastet ein Sandwich nach dem anderen aß, um meinen Energiebedarf zu decken.
Hinzu kam, dass ich in der Nacht oft aus Sorge um mein berufliches Fortbestehen nicht entspannt schlafen konnte, der Kampf um Fördergelder und Wasserfläche ruhte nie, war aber eine unbedingte Voraussetzung zur Umsetzung meiner ehrgeizigen Ziele. Das komplexe System aus ständiger streitbedingter Existenzbedrohung und der Notwendigkeit einer raschen Weiterentwicklung gönnte mir keine Pause. Ich war weiter unter Dauerstress, übertauchte den inneren Druck mit ausgedehnten Sportaktivitäten. Sie sollten als Pausen dienen, waren aber vor allem körperliche Belastung. Wenn in einer Mittagspause zwischen meinen Vormittags- und Nachmittagstrainings Zeit blieb, füllte ich diese mit einer Ausdauereinheit. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, rechnete mir die verbleibende Zeit bis zum nächsten Termin aus, hetzte in den Keller, zog mich hastig um, um in weniger als fünf Minuten fix und fertig auf meinem Rennrad zu sitzen. Oft telefonierte ich freihändig fahrend die ersten Minuten auf dem Rad, um einen Rückruf zu erledigen. Mein Herz pochte schon vor dem ersten Anstieg, jedoch nicht wegen der körperlichen Belastung, sondern weil es den anfallenden Stress bewältigen musste. Die Wettkampfmoral blieb in meinem persönlichen sportlichen Training immer präsent. Nicht als klassischer Zweikampf, sondern als Spiel gegen mich selbst. Es reizte mich, die Wattzahlen an meinem Fahrradergometer nach oben zu drehen, den Gaisberg noch schneller mit dem Rad zu erklimmen als bei meiner bisherigen Bestleistung.
Immer wollte ich ausprobieren, wie mein Körper auf noch höhere Intensität reagierte: Wann war zu viel zu viel?
Ein gefährliches Spiel.
Ich hatte nie gelernt, dass Pausen der Schlüssel zu dauerhaftem Erfolg sind. Ich arbeitete jahrelang auf hoher Drehzahl und mit enormer Intensität, sprang von Termin zu Termin und übersah alle Warnsignale meines Körpers. Er verkraftete zwar die langen Belastungsphasen, vergaß sie aber nicht. Im Glauben an meine eigene Unfehlbarkeit, in der falschen Annahme, durch vermehrten Einsatz auch vermehrten Erfolg zu generieren, ohne dabei meine eigenen Grenzen zu achten, nahm ich nicht wahr, dass dieser Rhythmus über meiner persönlichen Verträglichkeit lag. Schritt für Schritt verlor ich die Kontrolle. Ich saß in der Schwimmhalle, stoppte die Sportler, telefonierte gleichzeitig, um keine Zeit zu verlieren, versuchte zwischendurch, den Sportlern meine Anweisungen verständlich zu machen. Ich vermisste das intensive Beobachten, das ich in meiner Kindheit betrieben hatte, die träumerische Hingabe an den Sport und die erfüllende Beschäftigung mit dem Geschehen. Ich achtete nicht mehr auf meine Umgebung. Ich reflektierte nicht, setzte keine Prioritäten und erledigte nur mehr meinen Alltag. Ich gönnte es mir nicht, die vielen neuen Erfahrungen, die auf mich hereinprasselten, setzen zu lassen. Ich erlebte sie und schob sie gleich wieder zur Seite. Zu schnell kam der nächste Reiz und wartete auf Erledigung. Die Geschwindigkeit meines Alltags überholte mich. Zu dieser beruflichen, körperlichen und psychischen Dauerbelastung kam dann auch noch ein gesundheitlicher Keulenschlag dazu.
Zwölf Jahre nach seinem unerklärlichen Auftauchen war der Krebs wieder da.
Am 26. Jänner 2006 wurde ich erneut an der Zunge operiert. In den vergangenen Monaten war das Plattenepithel am Mundboden zu einem weiteren Tumor angewachsen. Große Teile meines linken Mundbodens und der linken Zungenseite mussten entfernt werden.
Schmerzen
I kept the right ones out and let the wrong ones in.
Aerosmith, Amazing
Roswithas Vater Albert, ein erfahrener Arzt, Unfallchirurg und bereits 67 Jahre alt, fungierte während meiner zweiten Krebserkrankung als mein Leibarzt. Er begleitete mich zu den meisten Arztbesuchen, kannte viele Ärzte in verschiedensten Ambulanzen und sorgte dafür, dass ich das Gefühl hatte, etwas Besonderes im Universum der Landeskrankenanstalten zu sein. Albert machte Druck, wenn wir zu lange im Warteraum sitzen mussten, fragte kritisch und ungeduldig jeden Arzt nach exakten Diagnosen und Behandlungsstrategien und tat alles, um mir die Sicherheit zu geben, nicht in der undurchsichtigen Welt einer Landeskrankenanstalt gefangen zu sein. Er war mir auch vorher schon in allen gesundheitlichen Krisen immer unmittelbar zur Seite gestanden, nur waren sie nicht derart bedrohlich gewesen. Ich stand nach dem erneuten, völlig unerwarteten und fern von allen Risikofaktoren auftretenden Rezidiv an meiner Zunge unter Schock. Albert dämpfte meine Sorge. Er zeichnete sich als Arzt durch seine Fähigkeit aus, trotz der Schwere der Erkrankung immer den Menschen zu unterstützen, er stellte nie die Krankheit in den Vordergrund. Er blieb immer positiv. Er vermittelte mir gekonnt und empathisch einen Ausweg aus meiner lebensbedrohlichen Situation; er relativierte die Schwere der Krebserkrankung stets so, dass eine vollständige Genesung immer selbstverständlich war. Zumindest für mich.
Albert wurde zu meinem Glücksbringer.
Wenn er da war, wurde alles gut. „Wir schaffen es“ aus seinem Mund klang ehrlich, kam von Herzen und half. Ich schätzte seine Anwesenheit, seinen Rat, seinen ärztlichen Optimismus.
Ein weiterer fünf Zentimeter langer Tumor, der sich in meine linke Zungenhälfte und den linken Mundboden gefressen hatte, wurde entfernt. Zudem entnahmen die Operateure sicherheitshalber großflächig das umliegende Gewebe, auch am Mundboden. Aufgrund des Gewebeverlustes und der Naht zog sich meine verbleibende Zunge nun zu den linken Zähnen hin, der natürliche Platz zwischen Zunge und Zähnen wurde enger. In meinem Mund entstanden Spannung und Druck. Der Tumor forderte seinen Platz und nahm mir mein Gewebe.
Meine erneute Operation hatte zwei schwerwiegende Folgen für mich. Das Sprechen in der Schwimmhalle fiel mir schwerer als zuvor, und meine Zunge rieb sich nach der Vernarbung nun schmerzhaft an den linken Zähnen. Daraus entstanden immer wiederkehrende Entzündungen.
Ich hatte Schmerzen.
Bei jedem Wort.
Die ständigen Entzündungen schränkten mich nun auch beim Essen ein. Zitronen, Himbeeren, Tomaten, Essig und salzige Speisen verursachten brennende Schmerzen, die häufig stundenlang anhielten. Hastiges Essen und gestresste Nahrungsaufnahme bedingten oft unkontrollierte Zungenbewegungen, sodass ich mir immer wieder in die Zunge biss. Der ständige Kreislauf aus Wiederverletzung und Reizung und dem Versuch, eine Heilung herbeizuführen, bestimmten mein Mundmilieu. Einzige Erholungsphase waren die trainingsfreien Wochen im Sommer, in denen ich die Schwimmhalle mied und in denen sich mein Sprechen auf Zimmerlautstärke reduzierte. Brüllen und druckvolle Befehle waren in diesen Perioden nicht nötig, das beruhigte den Schmerz.
Ein eindeutiges Zeichen, über das ich jedoch nicht weiter nachdachte.
Es wird schon werden, lautete meine Devise.
Für einen unvergesslichen langen Tag in diesen trainingsfreien Wochen wurde es sogar perfekt. Am 19. August 2006, ein halbes Jahr nach meiner zweiten Krebsoperation, feierte ich das schönste Fest meines Lebens. Roswitha und ich heirateten. Wir fuhren mit einem Zweigespann in einer Kutsche, nur Roswitha, Lukas, Hannah und ich, zu einem wunderschön gelegenen Gut in der Nähe des Heimatorts meines Schwiegervaters. Obwohl die Wettervorhersage wechselhaft gelautet hatte, war der Himmel wolkenlos, die Sonne strahlte, als wolle sie uns ein Geschenk machen, während wir unter dem Applaus unserer Freunde mit dem Blick auf die so vertrauten Berge aus der Kutsche stiegen und vor die Kapelle traten, um uns trauen zu lassen. Herwig stand wieder einmal neben mir und bezeugte unsere Trauung. Mein bester Freund spielte auf der Gitarre „Strada del Sole“. Den Text hatte er eigens für uns in „Strada del Weis“ geändert. Seine dieses Mal gekämmten blonden Haare und sein schelmisches Lächeln werde ich nie vergessen.
An diesem einen Tag war jeder Schmerz vergessen. Wir lachten aus reiner Lust am Leben, lauschten den feierlichen Ansprachen unserer Freunde, saßen an der sonnigen Hausmauer, um den Moment zu genießen, schickten Luftballons in die traumhafte Kulisse unserer Bergwelt und stießen auf die Liebe und das Leben an. Es war einmalig. Ich war schmerzfrei, vergaß all den Druck, den Stress, die Operationen und das vermeintliche gesundheitliche Pech für diesen einen Tag. Roswitha war umwerfend schön, der Blumenschmuck in ihrem Haar leuchtete wie eine Blumenwiese, ihr Kleid zeichnete alle Farben unserer Liebe wieder, ich rieche noch heute ihren Duft an jenem Tag. Hannah liebte das Fest, sie sagte mir später, wie dankbar sie sei, dass sie als kleines Kind die Hochzeit ihrer Eltern miterleben durfte.
Ich fühlte mich, als ob ich alles in meinem Leben richtig gemacht hätte.
Albert und seine Frau Waltraud unterstützten unsere junge Familie nach Kräften. Da wir nebeneinander wohnten, waren Lukas und Hannah oft in ihrer Obhut, was vor allem wegen meiner häufigen beruflichen Abwesenheit eine große Hilfe war. Die Schwiegereltern liebten ihre Enkelkinder und umsorgten sie, so gut es ging. Die Nähe zu Albert und Waltraud brachte nur Vorteile – ich empfand das enge Zusammenleben immer als Win-win-Situation. Ich war ein unkomplizierter Mensch, der jedem Streit aus dem Weg ging und der die Rolle des ausgleichenden Pols bei familieninternen Konflikten einnahm. Ich war ein guter Puffer zwischen den teils emotionalen Auseinandersetzungen innerhalb der Großfamilie und selbst selten Verursacher von Streitigkeiten, was vor allem Albert sehr schätzte. Nie kam es zu einem Konflikt zwischen den Schwiegereltern und mir. Albert äußerte keine Kritik, es gab keine Vorwürfe an mich als Familienmitglied, Waltraud kochte an jedem Montag mein Lieblingsessen – das gefiel mir. Die Rolle, die vor allem wir zwei Männer in unserem gemeinsamen Familiensystem innehatten, empfand ich als optimal. Wir verstanden uns. Redeten nicht viel miteinander, aber auf Anhieb hatte Harmonie zwischen uns geherrscht. Eine Männerfreundschaft von Anfang an über eine Generation hinweg, seit ich mich in Roswitha verliebt hatte.
Der Sommer 2006 ging rasch zu Ende, im Herbst war das Wetter kühl und regnerisch. Den Wochen vor und nach meiner Hochzeit trauerte ich umso mehr nach, als ich wieder in die schwüle, sauerstoffarme und in den Wintermonaten immer dunkler werdende Schwimmhalle musste. Die Euphorie wich den immer lästiger werdenden Dauerschmerzen. Mein Beruf verlangte zwei unumstößliche Voraussetzungen – ständige Anwesenheit in der Schwimmhalle und eine kräftige, laute Stimme. Das Dilemma dabei war: Je länger ich mich in der Halle aufhielt, desto mehr Energie und Kraft benötigte ich für die Verständlichkeit meiner Aussprache. Der fehlende Sauerstoff und das feuchte Klima forderten nicht nur körperliche Ressourcen, sondern belasteten auch meine Stimme. Das Schlimmste daran waren die Dauerschmerzen, die bei jedem gesprochenen Wort auftraten. Die Anatomie meiner linken Mundhälfte hätte weniger Druck, weniger Brüllen und mehr Pausen bedurft. Laute Anweisungen, stramme Befehle, emotionale Ausbrüche und motivierende Ansprachen in der Schwimmhalle standen jedoch fast täglich auf meiner Tagesordnung. Wollte ich den Studenten oder meinen Sportlern Übungsinhalte oder Trainingsprogramme verständlich machen, musste ich schreien.
Der Lärmpegel in einer Schwimmhalle fällt nur jenen auf, die sich regelmäßig in einer solchen aufhalten – die Dosis macht das Gift.
Dem Brüllen folgten Schmerzen. Ohne eine Lösung zu suchen, ignorierte ich nicht nur die Schmerzen, vielmehr forderte ich meinen Körper auf, sich an die neuen Umstände anzupassen, ohne ihm jedoch einen Kompromiss anzubieten. Ich behandelte Körper und Geist nicht als Team, sondern als zwei getrennt voneinander existierende Teile meines Wesens. Mein Körper verlangte nach Aufmerksamkeit, mein Kopf ignorierte dieses Bedürfnis und stellte den Körper vor vollendete Tatsachen: Er hatte sich anzupassen.
Die Folge war, dass der Schmerz mein ständiger Begleiter war. Nur hatte ich keine Antwort parat, wusste einfach nicht, was ich ändern sollte oder wie ich der Schmerzen Herr werden konnte. Mein Kopf antwortete mit Härte. Nach dem Motto: „Der stärkste Muskel in meinem Körper ist der Kopf“, fand ich einen Weg, um die Schmerzen zu ignorieren. Sie waren da, wurden aber zur Selbstverständlichkeit.
Doch das Schicksal schenkte mir unverhofft eine zweite Chance: In der Trainingssaison 2010/11 wurde unsere heimische Trainingsstätte, die Schwimmhalle des Leistungszentrums, umgebaut, es war kein Wassertraining möglich. Wir mussten in verschiedene kleinere Schwimmhallen der Umgebung ausweichen. Da die Anfahrtswege lange und umständlich waren und uns die Trainingsmöglichkeiten in diesen öffentlichen Bädern nur eingeschränkt zur Verfügung gestellt werden konnten, lag es auf der Hand, dass unser Team in dieser Saison deutlich weniger trainieren konnte als in den Jahren davor. Wir konzentrierten uns deshalb auf ein umfangreiches Trockentraining. Ein tägliches Schwimmtraining musste ausreichen.
Eine weitere ständige negative Begleiterscheinung meines Jobs fiel nun auch ganz plötzlich weg. Aufgrund der begrenzten Wasserfläche und der damit verbundenen geringen Trainingszeiten arbeitete ich oft allein in einem der lokalen Bäder, die Verbandskollegen waren auf einmal nicht mehr präsent – somit verschwand auch das Unbehagen. Der Dauerstreit um Wasserfläche, Fördergelder und die Beurteilung individueller sportlicher Erfolge rückten ebenso in den Hintergrund wie die persönliche Profilierung. Es war, als würde ein Rucksack voller Steine von meinen Schultern genommen werden – ein ungewohntes Gefühl, erstmals, nach zehn Jahren.
Meinem Körper gefielen die neuen Umstände ebenso wie meiner Familie. Ich wurde langsamer, achtsamer, aufmerksamer, ich nahm wieder mehr von der Faszination meines heranwachsenden Kindes wahr und hörte meiner Frau besser zu. Ich musste weniger brüllen, der gesamte Sport erzeugte weniger Druck. Das bemerkte ich auch beim Sprechen. Es fühlte sich leichter an, ich sprach automatisierter. Meine Schmerzen ließen Woche für Woche nach, es gab Tage, an denen ich meine Operationen im Mund komplett vergessen konnte. Ich dachte zum ersten Mal, die Krebsoperationen und ihre Folgen nicht nur erfolgreich in einem Hinterzimmer meines Gedächtnisses verstaut zu haben, sondern sie vielmehr endlich wegwerfen zu können. Die Schmerzen verschwanden aus meinem Alltag. Auch die lähmenden Erinnerungen und verborgenen Ängste verließen meinen Körper, und in weiterer Folge auch meinen Kopf.
Auch wenn ich diese Zeit als beruflichen Stillstand empfand, feierte mein Körper seine Wiederauferstehung.
Nicht, dass ich achtsamer mit mir und meinem Körper umging, nein, die Umstände ließen einfach nicht denselben Rhythmus, dieselbe Frequenz, dieselbe Intensität der Jahre davor zu. Die Pausen wurden länger. Es tat mir gut. Berufliche Bescheidenheit war angesagt, ich fühlte mich nicht für eine eventuell stagnierende sportliche Entwicklung in dieser Saison verantwortlich, niemand hatte Erwartungen. Als diese reduzierte Saison dann dennoch alle Erwartungen übertraf und wir als Team, vor allem im Nachwuchs, so erfolgreich wie noch nie waren, fand ich zahlreiche Gründe für den Erfolg – nicht jedoch die Tatsache, dass längere Pausen, vermehrte Ruhezeiten und Gelassenheit der Schlüssel zum Erfolg gewesen sein könnten.
Leider befüllte ich die Pausen aber intuitiv – ich wollte sie nutzen.
Ich hatte zu meinem 30. Geburtstag mein erstes Rennrad geschenkt bekommen. Das Radfahren bekam nun eine neue Qualität für mich, es wurde meine Leidenschaft. Bis dahin war ich entweder laufend oder schwimmend als Ausdauersportler unterwegs gewesen. Die Monotonie dieser beiden Fortbewegungsarten schränkte mich in meiner Aufmerksamkeit und Wahrnehmung der Umgebung ein. Ich lief entweder mit einem Tunnelblick meine immer gleichen Runden oder zählte die Fliesen im Wasser. Von unserem Haus aus joggte ich immer zwischen 30 und 75 Minuten, je nach zeitlicher Möglichkeit. Nach ein paar Jahren fand ich keine neuen Laufstrecken mehr. Schwimmen im Hallenbad war zudem ein No-Go für mich, seit ich hauptberuflicher Trainer war – jede weitere Minute an meinem Arbeitsplatz kostete mich zusätzlich Energie. Die wenigen Sommertage, in denen ich in das benachbarte Freibad springen konnte, reichten nicht aus, um mir Schwimmen als dauerhaftes Ausdauertraining schmackhaft zu machen.
Das Radfahren hingegen brachte mich auch wieder enger mit meinem Bruder Philipp zusammen. Mein kleiner Bruder, der immer im Schatten meines sportlichen Ehrgeizes gestanden hatte, der Schwierigkeiten hatte, mit mir sportlich Schritt zu halten und den ich dies auch immer spüren ließ, begleitete mich nun häufig auf meinen Touren. Ich genoss seine Anwesenheit und stellte fest, dass er ein außerordentlich ausdauernder Radfahrer war. Ich war meinem Bruder in vielerlei Hinsicht dankbar, vor allem für seine Zuneigung meinen Kindern gegenüber. Hannah und Lukas liebten Phips. Er war immer an ihrer Seite, nicht häufig anwesend, aber immer zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle. Onkel Phips war unheimlich großzügig den Kindern gegenüber, vor allem kümmerte er sich ebenso sehr um Lukas wie um sein Patenkind Hannah. Durch unser gemeinsames Radfahren konnte ich ihm etwas Aufmerksamkeit und Zuneigung zurückgeben.
Das Rennradfahren schenkte mir eine neue, bisher nicht gekannte Freiheit. Ich fuhr oft mehrere Stunden aus, meine reduzierten beruflichen Verpflichtungen erlaubten mir auch lange Radtouren. An den Vormittagen, nach dem Frühtraining, erforschte ich mit meinem Rennrad Salzburg und seine Umgebung. Meine Energie schäumte über. Vermindertes Arbeiten, umfangreiches Ausdauertraining und privates Glück – mein Leben fühlte sich perfekt an. Ich begann, alle befahrbaren Wege, Straßen, Anstiege und Abfahrten in der Umgebung der Stadt zu erkunden. Ich liebte die Abwechslung, die mir das Rennradfahren bot, den Geruch des frisch geschnittenen Grases, die Herausforderung der unterschiedlichen Landschaften, und die abwechslungsreichen körperlichen Anstrengungen, die meine Ausfahrten mir boten, tilgten meinen Hunger nach Freiheit. Der ständige Wechsel zwischen den Intensitäten verwischte jede Monotonie, die ich vom Laufen oder Schwimmen her kannte. Ich radelte einfach drauflos, meist auf die umliegenden Berge, es gab keine Vorgaben, nur die Landschaft Salzburgs und mich. Die Umgebung, der Wind und das Wetter steckten mir meine Grenzen ab, sonst niemand und nichts. Heute so, morgen komplett anders, auch wenn die Ausfahrt dieselbe war. Ich kümmerte mich nicht um Geschwindigkeiten, Wattzahlen oder Steigungen, ich fuhr einfach drauflos und nahm alle Herausforderungen dankend an. Ich inhalierte zum ersten Mal in meinem Leben das allumfassende Gefühl der wohltuenden Einsamkeit, die jeder Radfahrer im Laufe seiner stundenlangen Ausfahrten sowohl zu lieben als auch zu hassen beginnt.
In meinem Beruf arbeitete ich mit Menschen und deren sportlicher und persönlicher Weiterentwicklung. In meiner Funktion als Lehrbeauftragter und als Trainer sprang ich in die Rolle der Führungskraft. Ich leitete eine Gruppe, meine Mannschaft und übernahm Verantwortung für mein Team. Das stundenlange einsame Radfahren kompensierte diese Aufgabe meines Berufs. Ich konnte mich treiben lassen, musste nicht sprechen, war nicht für Inhalte zuständig, gehorchte nur den Anforderungen der Natur und meines Körpers.
Radfahren gab meinem Kopf Zeit, sich zu erholen.
Meinen Körper dagegen forderte ich.
Mit Fortdauer der immer längeren, anspruchsvolleren und belastenden Ausfahrten wuchsen auch die Herausforderungen an meinen Körper. Die Anstiege wurden nie leichter, ich wurde aber zusehends schneller. Hatte ich anfangs für eine Tour über das Rossfeld drei Stunden benötigt, war mein Ausflug drei Monate später um 30 Minuten kürzer. Ich wurde leistungsfähiger, mein Körper und mein Stoffwechsel passten sich an die Belastungen an, aus der anfänglichen Erholung wurde ein forderndes Training.
Die Uhr entwickelte sich wieder zum Gradmesser meiner Sporteinheiten, der Trainingsreiz bestimmte in der zweiten Hälfte der Saison 2010/11 meine Ausflüge. Eine komplette Tageshälfte nutzte ich nun für mein Training. Vor der Entdeckung meines Fahrrads hatte ich mich nur 30 bis 60 Minuten täglich belastet; mit dem Fahrrad entwickelten sich daraus mehrere Stunden. Aus sportlichem Erleben auf dem Rennrad wurde sportliches Training am Limit. Der Erlebnisfaktor blieb zwar weiter vorhanden, jedoch befriedigte ich zusätzlich meinen sportlichen Ehrgeiz. Die vollbrachte Leistung spornte mich an und trieb mich vorwärts. Einmal Leistungssportler, immer Leistungssportler.
Ich trainierte, als wäre ich 20 Jahre jünger.
Als Trainer setzte ich meine sportlichen Ziele für mein Team hinunter, niemand konnte von uns etwas Besonderes erwarten, sogar ich war inzwischen erfahren und nüchtern genug und wusste, dass unsere ehrgeizigen Ziele mit halbem Training nicht zu realisieren waren. Die nationalen und regionalen Höhepunkte dieser Saison empfand ich als zu monoton, die immer gleichen Wettkämpfe stillten meinen Hunger nach Erfolg nicht ausreichend. Es fehlten sportliche Höhepunkte, ich vermisste das elektrisierende Adrenalin meiner ersten Trainerjahre. Um das Feuer wiederzufinden, beschloss ich, im Frühjahr des Jahres 2011 selbst wieder bei Wettkämpfen an den Start zu gehen. Ich war 36 Jahre alt und wollte noch einmal das Adrenalin eines Wettkampfes als Leistungssportler erleben, die Ausbelastung körperlich spüren.
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Ich war ein gelernter Schwimmer, ein begabter Läufer und fuhr seit einigen Jahren regelmäßig mit meinem Rennrad – in meinem Pausenjahr sogar sehr umfangreich –, so fühlte ich mich stark genug, um an Triathlons teilzunehmen. Zu meiner bereits hohen Trainingsintensität gesellte sich die Wettkampfintensität. Ich unterschätzte die Belastungen. Ich trainierte nicht weitsichtig und aufbauend wie ein Leistungssportler, sondern versuchte, meine Leistungen durch kurze, intensive Reize so hoch wie möglich zu schrauben. Mein Wille gierte nach Wettkampfsport, er war wieder einmal der Chef über meine körperlichen Erschöpfungssignale. Den Herausforderungen einer zweistündigen Wettkampfbelastung war ich körperlich schlicht nicht gewachsen. Die Regeneration nach meinen Wettkämpfen, auch wenn ich im Frühjahr 2011 an nur drei Triathlons teilnahm, dauerte sehr lange. Mehr als eine Woche lang fühlte ich mich nach der zweistündigen Wettkampfbelastung als Sportinvalide, leer, müde, verkatert, meine Gelenke schmerzten und meine Lungen brannten, der Körper musste auf Hochtouren arbeiten, um sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Die Wettkämpfe fühlten sich wie Stiche ins Herz an.
110 Prozent all out.
Erstmals beschlich mich das Gefühl, dass ich mich über meiner körperlichen Grenze bewegte, dass mein Körper meinem Willen nicht nachkam. Hinzu kam, dass ich mit meiner Leistung nicht zufrieden war, ich war zwar meist einer der schnellsten Schwimmer, auch ein guter Radfahrer, jedoch reichte meine läuferische Leistung nicht aus, um mich im Vorderfeld zu platzieren. Während der letzten 30 Minuten litt ich körperlich und war nach dem Wettkampf nicht erfüllt, sondern nur müde und deprimiert. Ich benötigte drei Triathlons, um festzustellen, dass ich mir damit nichts Gutes tat. Danach beschloss ich, das Kapitel Wettkampfsport für mich endgültig zu schließen. Kurz vor dem Kollaps atmete mein Körper auf.
Jedoch nicht lange. Auch das im Leistungszentrum ansässige Sportinstitut der Universität Salzburg musste ein Jahr lang mit seinem Lehrangebot pausieren. Wir entschieden, die Lehrveranstaltungen daher nach der Wiedereröffnung der Schwimmhalle noch vor Semesterbeginn des folgenden Jahres zu blocken. Das hatte zur Folge, dass ich zwei Semester lang keine Lehraufträge durchführen konnte, somit auch keine zusätzlichen Wochenstunden in der Schwimmhalle stand, dafür aber zwei Wochen im September vor Semesterbeginn des Studienjahres 2011/12 sämtliche Stunden der abgelaufenen zwei Semester nachholen musste. Mein „Pausenjahr“ ging abrupt zu Ende, und ich begann die neue Saison mit einem bis dahin noch nicht gekannten zweiwöchigen Intensivblock in der Schwimmhalle. Ich arbeitete in diesem Zeitraum täglich zwölf Stunden in der Halle und musste in dieser Zeit durchgehend sprechen. Laut, druckvoll und nach einem Jahr Pause wieder mit Schmerzen. Nach nur zwei Wochen war ich nicht nur körperlich müde vom umfangreichen Training und den eigenen Wettkämpfen der letzten Monate sowie dem intensiven Arbeitsblock, sondern bereits ausgebrannt. Vor Beginn der neuen Saison.
In den nächsten Monaten stand ich zwar nicht mehr zwölf Stunden in der Schwimmhalle, aber es fühlte sich genauso an. Ich war lustlos, punktuell deprimiert und suchte nach einer Änderung. Mein eigener Sport degradierte wieder zum Lückenfüller, die Pausen zwischen den beiden Trainingseinheiten nutzte ich aber weiterhin, um mich zu bewegen. Die Intensität aus dem vergangenen Jahr behielt ich aufrecht. Im Vergleich zu den Vorjahren veränderte sich mein Bewegen noch mehr von einem freudvollen, langsamen Genießen hin zu einer intensiven kurzen Belastung. Meine hohe Leistungsfähigkeit blieb dadurch erhalten, der Stresspegel jedoch auch.
Tagespause gab es keine.
Die Veränderung kam, unverhofft und anders als erwartet. Im Jänner des Jahres 2012 wurde der gesamte aktuelle Salzburger Schwimmverband vom nationalen Verband ausgeschlossen. Ein Paukenschlag. Auf einmal wurde ein neuer regionaler Verband gesucht, ebenso ein neuer Schwimmsportverantwortlicher. Ohne zu zögern ergriff ich die Möglichkeit, unser Team gründete einen neuen Verband, der auch von den Institutionen anerkannt wurde, ich selbst wurde Präsident des nun neuen Salzburger Schwimmverbandes. Nun hatte ich nicht nur die sportliche Verantwortung über den heimischen Schwimmsport inne, sondern auch die funktionelle. Ich wollte es so. Ab sofort intensivierten sich die Streitigkeiten. Der Verbandsausschluss wurde nicht hingenommen, Verbandstage, Schiedsgerichte, ordentliche Gerichte sowie Anzeigen, Intrigen und persönliche Verleumdungen als auch die ständige sportliche und existenzielle Unsicherheit und die fehlende Planungssicherheit ob der juristischen Bedrohungen machten mich Schritt für Schritt mürbe.
Die Schmerzen im Mund verschwanden nicht, im Gegenteil: Sie waren nun auch in den Sprachpausen mein treuer Begleiter. Ich konzentrierte mich auf die Auswirkung meiner Schmerzen, jedoch nicht auf ihren Grund. Den ständigen Überlastungen meines Sprachorgans begegnete ich mit Ignoranz, Durchhalteparolen und Kompensation. Mundspülungen, betäubende und beruhigende Tees, Schüßler Salze oder andere homöopathische Hilfsmittel konnten meine Schmerzen zwar kurzfristig verbessern, jedoch nicht dauerhaft auslöschen. Ausufernde Mundhygiene, die dazu führte, dass ich mir fünf- bis sechsmal am Tag die Zähne putzte, die Vermeidung von Nahrungsmitteln, die meine entzündete Schleimhaut im Mund zusätzlich reizten, sollten das Problem der dauerhaften Schmerzen verbessern; jede Therapie war aber nur als Schmerzunterdrückung gedacht.
Weitermachen, immer weitermachen.
Irgendwann kommt die Erlösung.
Noch nie war ich mit einem so hartnäckigen Gegner konfrontiert wie mit meinen Schmerzen. Da wurden selbst die Funktionärsstreitigkeiten zur Nebensache.
Der Untersberg
That cold black cloud is comin’ down,
feels like I’m knockin’ on heaven’s door.
Guns N’ Roses, Knockin’ On Heaven’s Door
Ich war müde, es war 6 Uhr am Morgen, ich bekam wenig Luft, fühlte mich erschöpft und wollte den anstehenden Lauf auf den Untersberg absagen. Es war der 12. September 2012, zwei Wochen davor, in meinem Familienurlaub auf Korsika, in dem ich mich eigentlich erholen sollte, hatte ich zum ersten Mal zu Beginn meiner täglichen Ausdauereinheit ein Brennen in meiner Brust bemerkt. Nach wenigen Minuten der Belastung war es wieder verschwunden. Auch nach diesem Urlaub war ich ungewohnt schlapp, schenkte meinem Empfinden jedoch keine Bedeutung und trainierte einfach weiter. Wird schon besser werden, lautete einmal mehr die Devise, und so zog ich mein Trainingsgewand an, packte das Nötigste für den Aufstieg zusammen, setzte mich ins Auto und fuhr zum Fuße des Untersbergs.
Der Untersberg, die markanteste Erhebung im Süden der Stadt Salzburg, ist ein beliebter Trainingsberg, im Winter wie auch im Sommer. Vom Einstieg am Ende der Moosstraße nahe dem Ort Glanegg auf 400 Metern Seehöhe bis zum Geiereck, das durch ein Gipfelkreuz gekennzeichnet ist, sind es knapp 1400 Höhenmeter. Das Ziel auf 1805 Meter kann man von Glanegg aus über zwei Steige erreichen. Entweder über den Reitsteig oder den etwas ausgesetzteren Dopplersteig. Beide sind aufgrund der vielen Stufen und der steilen Wegführung sehr anspruchsvoll, egal, ob ein Wanderer langsam oder schnell versucht, bergauf zu kommen. Das wird heute mühsam, dachte ich, bevor mir bewusst wurde: Der Untersberg ist sowieso immer mühsam. Mein Pflichtbewusstsein drängte mich zur Umsetzung unseres heutigen Plans, auch wenn ich kurz daran dachte, den Lauf per SMS abzusagen. Um 7 Uhr traf ich meine Sportler am Einstieg zum Dopplersteig.
Acht Jahre davor, im September 2004 waren wir zu sechst – fünf trainierte Schwimmer im Alter von 17 bis 25 Jahren und ich – ebenso um 7 Uhr morgens bei besten Wetterbedingungen am Fuß unseres Trainingsberges gestanden, bei der Weggabelung der beiden Steige. Ich selbst war damals 29 Jahre alt und Trainer der fünf jungen Männer. Ich fühlte mich damals immer noch als Spitzensportler. Zwei Burschen liefen gemeinsam mit mir am Dopplersteig los, die drei anderen starteten am Reitsteig. Es war ein typischer Trainingswettkampf in der Vorbereitung auf die neue Schwimmsaison. Welches Team ist schneller?, lautete die Herausforderung, wir waren alle hochmotiviert. Die ersten beiden gleichzeitig ankommenden Gipfelstürmer eines Teams würden den Sieg für die jeweilige Gruppe erringen. Die Herausforderungen am Dopplersteig erschienen mir etwas höher, deswegen legten wir von Beginn an ein sehr hohes Tempo vor. Das Hauptkriterium in diesem durchgängig sehr steilen Steig liegt erst bei 1450 Höhenmetern: eine ca. 150 Meter hohe Wand, die es zu durchsteigen gilt. Die Steinstufen dort sind außergewöhnlich steil, in hohem Tempo schwierig zu gehen, sie zu laufen war hingegen unmöglich für uns; zu intensiv drückte die Belastung auf unsere Lungen. Ein Fehltritt würde uns viele hundert Meter in die Tiefe werfen. Zu gefährlich. Beide Steige treffen ungefähr 300 Höhenmeter vor dem Geiereck zusammen, der Schlussanstieg über das Zeppezauerhaus verlief somit für beide Teams gleich. Beim Zusammenschluss beider Wege angekommen folgte für unser Team die Ernüchterung: Unsere Kollegen befanden sich schon rund 150 Höhenmeter über uns und brachten dies auch durch ihr Jubeln zum Ausdruck. Nach 75 Minuten erreichten wir den Gipfel, völlig ausgepumpt, acht Minuten hinter den Siegern.
67 Minuten – kein schlechtes Laufergebnis für ein paar Schwimmer, dachte ich nun, acht Jahre später, an das damalige Training zurück. Ich befand mich im Auto, auf dem Weg zum Untersberg. Noch immer hundemüde, erinnerte ich mich an die Anstrengung von vor acht Jahren: irgendwie grenzwertig.
Aber gleichzeitig bewunderte ich unseren Rekord.
Die Mannschaft hatte sich verändert, ich mich jedoch nicht. Die neuen Gesichter strotzten vor Motivation, sie alle wollten schneller als ihr Trainer auf dem Gipfel sein. Sie kannten mich, ich war bei jedem Training an Land nicht nur ihr Trainer, ich war auch der härteste Trainingskollege. Ich lebte meinen Sporttrieb mit den immer jungen Gesichtern aus, mein Beruf erlaubte es mir, sämtliche Outdoor-Aktivitäten gemeinsam mit meinen Sportlern zu genießen. Gleichzeitig wollte ich ihnen ein Vorbild sein, mein Ansporn war es stets, besser zu sein als meine Schwimmer, nicht im Wettkampfbecken, aber auf dem Berg, mit dem Ball oder am Rad. Meine gierigen Sportler hielten mich jung, die frische Atmosphäre belebte mich, ich fühlte mich auf dem Höhepunkt meiner körperlichen Belastbarkeit.
Nur heute nicht.
Die ersten Stufen waren sehr steil, eine abrupte, intensive körperliche Belastung, vor allem wenn man Tempo machte. Bereits nach wenigen Minuten spürte ich wieder das unangenehme Brennen in der Brust. Mach weiter, motivierte ich mich, es wird sicher gleich wieder vergehen, du musst nur warmwerden. Die folgenden 90 Minuten Aufstieg brachten mich an meine körperlichen Grenzen. Nicht im gewohnten, intensiven Belastungsbereich, nein, anders. Ungewohnt, dumpf und schwer. Mein Herz schien zu krampfen, zuzumachen, es verengte sich. Mehrmals wollte ich abbrechen und umkehren, das Brennen verstärkte sich mit jedem Höhenmeter. Am Zeppezauerhaus – unser Team stieg an diesem Tag über die vielen Stufen des Dopplersteigs – beschleunigte ich nochmals das Tempo. Ich wollte die jungen Sportler fordern, sie ihrerseits an ihre Grenzen bringen, einen intensiven Trainingsreiz für alle setzen. 15 Minuten später, unter maximaler Dauerbelastung, erreichte ich das Gipfelkreuz, knapp vor den ersten Sportlern.
Kopf besiegte Körper.
Wille. Ehrgeiz. Vermögen.
Ich bestimmte, wann es nicht mehr ging.
Der Atem beruhigte sich rasch, doch ich schwitzte extrem, mir war schwindlig, das Brennen in der Brust blieb, es verstärkte sich sogar. Es entwickelte sich zu einem beklemmenden Druck, der mir das Atmen erschwerte. Erstmals, hier oben auf über 1800 Metern, befiel mich ein Gefühl der Unsicherheit. Angstschweiß, Unterarmschmerzen, wackelige Beine und punktuelle Panikattacken überfielen mich im Laufe des Tages in wiederkehrenden Abständen. Weder ein Entspannungsbad nach unserer Rückkehr noch die Abwechslung durch das Abhalten des Schwimmtrainings am Nachmittag änderte etwas daran. Nervös lief ich am Beckenrand auf und ab, fand in meinem Trainersessel keine ruhige Position, nahm tiefe Atemzüge, um den beklemmenden Brustschmerz wegzuatmen.
Nichts half.
Nach dem Training, es war 20 Uhr, fuhr ich mit dem Auto zur Trainingshalle meiner Tochter, die sich im Voltigieren übte. Hannah zeigte in ihrer Leidenschaft, die sie mit neun Jahren bei einer Jugendsportaktion eines Dachverbandes entdeckt hatte, einen sportlichen Ehrgeiz, den ich mir vor zwei Jahren noch nicht hätte vorstellen können. Ich weiß, was es bedeutet, sportliche Ziele zu haben, schmunzelte ich kurz, als ich im Auto auf Hannah wartete. Sogar beim Lächeln schmerzte meine Brust. Was zum Teufel ist da los?, fluchte ich und bekam erneut Sorge, ob ich es am Morgen auf dem Untersberg nicht übertrieben hatte. Aber warum auch? Zigmal hatte ich mich in den letzten Jahren körperlich ausbelastet, warum sollte ich nun auf einmal damit überfordert sein? Ich hatte mir das Ziel gesetzt, als Erster auf dem Gipfel zu sein, und versucht, es umzusetzen. Ich hatte getan, was ich immer schon getan hatte. Mein Leben lang hatte ich sportliche Ziele verfolgt. Meine Gedanken schweiften wieder zu Hannah. Nun hatte auch sie klare sportliche Ziele. Eine komische Wendung der Geschichte. Daran hatte ich wirklich nicht geglaubt. Noch war ich mir unsicher, ob ich dies gut oder schlecht fand. Auf jeden Fall spürte ich ihren Willen. Ihr Wollen.
Das allein war der einzig wichtige Grund, sie in allen ihren Wünschen zu 100 Prozent zu unterstützen. Ich erinnerte mich daran, als Hannah das Voltigieren für sich entdeckt hatte. In erster Linie ging es ihr ums Schauspielen. Der Ausdruck der Tänzer auf dem Pferd faszinierte sie von Beginn an, weniger die sportliche Leistung. Sie liebte es, sich darzustellen; am meisten beeindruckten sie die Kostüme der Voltigierer. Einfallsreich, bunt, auffällig und im Idealfall passend zu der Kür, die man auf dem Pferd präsentiert. Von Leistungssport war am Anfang überhaupt nicht die Rede. Mir war diese Einstellung sehr recht.
Lange hatte ich gehofft, Hannah würde ihr musisches Talent weiterverfolgen. Doch das Spiel mit der Geige glich nach anfänglichem Zauber einem Leistungssport. Stundenlanges Üben, Disziplin und der alleinige Fokus auf die Entwicklung ihres Geigenspiels entsprachen nicht ihrer kindlichen Seele. Der Spaß an der Bewegung, die Faszination der Klänge und die Unbekümmertheit, ihrem Talent leistungsfrei nachzugehen, das wünschte ich mir für Hannah. Ich wusste nicht warum, aber so empfand ich das von Anfang an bei ihr. Der frühe Fokus auf die Verbesserung eigener Fähigkeiten engt ein, ich selbst hatte dies am eigenen Leib erlebt und arbeitete nun seit 16 Jahren als Trainer daran, die elegante Form des Schwimmens als Leistung so früh und so schnell wie möglich zu definieren. Und immer gab es an jeder Leistung, war sie auch noch so gut, etwas auszusetzen. Permanenter Druck, etwas besser machen zu müssen, nie zufrieden zu sein – keine einfache Aufgabe für einen jungen Menschen.
Ich selbst war ein Kind des Leistungssports.
Der ununterbrochene Stress, den ein Streben nach einer außergewöhnlichen Leistung mit sich bringt, sei sie nun sportlicher oder musischer Natur, kostet zu viel Energie. Die eigene Kraft und Leidenschaft hätte ich auch in eine leichtere, dankbarere Aufgabe investieren können. Hannah schuf sich auf dem Pferd ihre eigene Welt, und das war gut so. Das Voltigieren passte wunderbar in diese Welt. Gab es eine bessere Beschäftigung, als seine Freizeit mit den Pferden zu verbringen? Hannah lernte sozial sehr viel, bewegte sich an der frischen Luft, war auch im Winter meist bei großer Kälte im Stall und schuf sich einen perfekten Ausgleich zum intensiven Schulalltag. Ich sah im Voltigieren weniger den Sport als vielmehr die perfekte Kombination aus Bewegung, Tanz und Kreativität, hier konnte sie alle ihre Talente perfekt miteinander vereinen, jenseits des Leistungsdenkens.
Auch Roswitha unterstützte Hannah mit all ihrer Kraft, Zeit, Energie und Emotion. Sie hatte als Jugendliche selbst ein Pferd besessen, das Reiten, den Stall und sein Umfeld lieben gelernt. Mit Hannahs Einstieg in die Welt des Pferdesports kam auch Roswithas Leidenschaft für Pferde zurück. Nun war sie Trainerin und Obfrau des Voltigiervereins, in dem Hannah täglich trainierte. Vier Jahre zuvor hatte Roswitha mit ihrem Pas de deux bei den damaligen Europameisterschaften die Bronzemedaille erobert, Hannah hatte die Welt des Pferdeleistungssports hautnah als Kind miterlebt. Von da an war ihr klar gewesen: Sie wollte auch zu den Europameisterschaften!
So entstand ein Kreislauf, der auch Hannah zu einer Leistungssportlerin formte. Ich lebte seit über 20 Jahren im und für den Schwimmsport, selbst war ich immer Vollblutleistungssportler gewesen, Roswitha, ebenso ehrgeizig, liebte die Pferde und hatte sich das Know-how im Voltigieren erarbeitet. Hannahs Weg war vorgezeichnet. Sie ging ihn unweigerlich nach dem Vorbild ihrer Eltern.
Das Läuten meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. Ich telefonierte mit dem Geschäftsführer der Landessportorganisation. Gegen Ende des Gesprächs erzählte ich ihm von meinen Schmerzen in der Brust und meiner Unruhe. Noch während ich meinen Zustand beschrieb, kam ich mir lächerlich vor, ich versuchte, das Gesagte sofort wieder abzuschwächen, auch die Besorgnis in der Stimme meines Gesprächspartners ignorierte ich. Hannah kam von ihrem Training, ich beendete das Gespräch und lächelte meine Tochter an. Wieder schmerzte es in meiner Brust.
Beim Abendessen erschrak Roswitha über meinen Anblick. Sie nahm zum ersten Mal das Wort Herzinfarkt in den Mund, ich wiegelte ab. Ich spielte die Brustschmerzen hinunter, sagte, ich hätte wohl bloß einen Muskelkater, verursacht durch das Krafttraining am Vortag. Hätte ich tatsächlich einen Herzinfarkt erlitten, hätte ich wohl kaum auf den Untersberg laufen können.
Kein Mensch könnte das.
Ich nahm zwei Schmerztabletten, hoffte, mich über Nacht zu erholen und Roswithas Verdacht auf einen Herzinfarkt am nächsten Tag Lügen strafen zu können. Mir ging es tatsächlich besser. Die Nacht war unruhig, ich wachte mehrfach auf, fühlte mich aber erholter und ruhiger. Die Schmerzen in der Brust waren immer noch spürbar, das beklemmende Gefühl war weiterhin vorhanden, ich empfand Druck, doch ich versuchte, die Symptome nicht überzubewerten. Roswitha blieb auch am nächsten Tag hartnäckig, bestand darauf, meine Beschwerden von einem Internisten abklären zu lassen. Widerwillig setzte ich mich auf mein Rad und fuhr zu meinem Internisten, der seit vielen Jahren meine Schwiegereltern und auch meine Frau betreute.
Das Wartezimmer war voll, ich wartete über eine Stunde, wollte bereits dreimal wieder nach Hause fahren. Ich hasse Warten, speziell in einer Ordination, und es erschien mir noch unerträglicher bei einem Termin wie diesem, den ich ohnehin für sinnlos hielt. Als ich endlich an die Reihe kam, erklärte ich den Grund für mein Kommen. In jedem zweiten Satz nannte ich schlüssige Gründe für meine eigenartigen Schmerzen, ich bat um eine schnelle Fachmeinung. Die ersten Untersuchungsergebnisse schienen nicht auszureichen, um mich wieder nach Hause zu schicken; nach einem EKG waren Blutuntersuchungen zur weiteren Abklärung notwendig. Die behandelnden Schwestern agierten plötzlich hektisch und gestresst, und als der Internist zu mir ins Behandlungszimmer kam, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.
„Sie haben einen schweren akuten Hinterwandinfarkt“, konfrontierte er mich nach einem finalen Herzultraschall mit der Realität. „Sie müssen sofort ins Krankenhaus.“
Die Vehemenz seiner Worte erschütterte mich, ich brauchte einige Momente, um das Gesagte zu begreifen. Ich fühle mich besser, ich bin eben mit dem Rad zu Ihnen gefahren und tags davor 1400 Höhenmeter auf den Untersberg gelaufen, wie ist das möglich?, dachte ich, doch ich sagte nur: „Okay, ich fahre mit dem Rad ins Krankenhaus.“ „Sie haben einen schweren Herzinfarkt!“, fuhr mich der Internist an, „die Rettung ist in wenigen Minuten da!“
Ich schluckte, blickte leer an ihm vorbei und wartete darauf, dass ich das eben Gesagte einfach an mir vorbeiwandern lassen könnte. Als würde es mich nicht betreffen.
„Tut mir leid“, hörte ich den Arzt noch sagen und war wieder allein im Behandlungszimmer.
Ich war 37 Jahre alt. Sportler. Topfit. Keine Risikofaktoren. Alle Herzgefäße entsprachen diesem Image – bis auf eines, das weigerte sich.
Herzinfarkt.
Das folgende Telefonat war das schlimmste meines Lebens. Ich zog, immer noch im Behandlungsraum liegend, mein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer meiner Frau. Das Aussprechen der Diagnose gelang mir nicht, wieder bagatellisierte ich: „Mir geht es gut, sie wollen mich mit der Rettung ins Krankenhaus fahren, es wird nicht so schlimm sein.“
Ich fühlte Unglauben, schlechtes Gewissen, Trotz. Was mir jedoch wichtig war: dass Roswitha mein Rad abholte. Im Anschluss rief ich meinen Freund und Trainerkollegen Marino an und bat ihn, sich in den nächsten Tagen um alles im Verein und beim Training zu kümmern.
Ich war selbst noch aktiver Sportler gewesen, als Marino 1989 nach Salzburg gekommen war und als Trainer bei meinem Verein zu arbeiten angefangen hatte. Von Anfang an liebte ich seine Trainings, noch mehr jedoch faszinierten mich sein offenes Wesen und sein Lachen. Es war anders, als ich es bisher gekannt hatte. Marino war zwölf Jahre älter als ich, war vor den Wirren des Krieges in Kroatien nach Österreich geflüchtet und sprach nur bruchstückhaft Deutsch. Ich verstand anfangs nur sein Herz, kaum seine Aussprache. Er kommunizierte in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Zeichensprache. Nie wusste ich genau, was er ausdrücken wollte, doch ich verstand ihn jedes Mal. Seine Menschlichkeit, seine Ehrlichkeit und sein offenes Wesen bedeuteten mir mehr als seine fachlichen Fähigkeiten. Mehrmals besuchten wir ihn und seine Familie im Sommer auf seiner Heimatinsel Hvar, wo er jedes Jahr die Ferien verbrachte. Sein Steinhaus auf einer Anhöhe über einer Bucht direkt am Meer war seine Oase des Rückzugs. Er lebte am Strand und harpunierte häufig unser Abendessen aus dem Meer. Die erbeuteten Tintenfische, Muscheln oder Fische stellten gegrillt den Höhepunkt jedes Abends dar. Er war ein Kind des Meeres. Uns verband eine enge Freundschaft, er wurde im Laufe der Jahre zu meinem großen Bruder. Er beruhigte mich am Telefon und gab mir zu verstehen: Mach dir keine Sorgen. Ich kümmere mich um alles. Wir schaffen das.
Trotzdem fühlte es sich unwirklich an, ich wollte in den Krankenwagen steigen, die Pfleger ließen mich nicht. Sie transportierten mich auf einer Trage liegend in den Wagen und fuhren mit Warnsignalen ins Landeskrankenhaus, wenige Minuten später lag ich bereits am Operationstisch zur anstehenden Herzkatheteruntersuchung. Eine der behandelnden Ärztinnen war die Mutter einer meiner Schwimmerinnen. Sie begrüßte mich verdutzt, gab mir aber auch das Gefühl der Vertrautheit: Ich war nach wie vor bei meinen Schwimmern. Während ich am Operationstisch lag und alle Vorbereitungen für den Eingriff an meinem Herzen vorgenommen wurden, realisierte ich Stück für Stück die Dramatik der Situation.
Warum?
Warum?
Womit hatte ich das verdient?
Was habe ich falsch gemacht?
Ich konnte die Tränen nicht mehr unterdrücken, sie kamen wie von selbst und rollten über die zitternden Wangen. Tränen und Verzweiflung. Bei vollem Bewusstsein schoben mir die Ärzte einen dünnen Kunststoffschlauch über eine Vene des Unterarms ins Herz. Auf einem Monitor konnte ich alle Herzkranzgefäße erkennen. Stück für Stück arbeiteten sich die Ärzte durch das Gefäßsystem und suchten nach dem Verschluss. Ich spürte die Bewegungen des Schlauchs, nicht schmerzvoll, aber dumpf, als würde jemand ganz nach innen vordringen, in meinen Mittelpunkt einbrechen, und unwillkürlich dachte ich an „That cold black cloud is comin’ down, feels like I’m knockin’ on heaven’s door“ von Guns N’ Roses.
Erst als ich ein Beruhigungsmittel injiziert bekam, wurde ich teilnahmslos. Ich bekam nicht mehr mit, dass das verschlossene Gefäß wieder geöffnet werden konnte, ein Stent eingesetzt wurde und ich nach rund einer Stunde bereits wieder auf der Intensivstation der Herzchirurgie des Landeskrankenhauses lag, in einem Operationshemd. Ich roch Albert, sah ihn aber nicht, er musste wohl an meinem Krankenbett sitzen. Ich beruhigte mich nun auch innerlich, mit meinem Glücksbringer an meiner Seite schlief ich ein, in dem Wissen: Alles wird gut.
Es war September, mein Oberkörper, braun gebrannt von der Sonne meines Korsika-Urlaubs und muskulös durch das ständige Training, bewegte sich langsam und rhythmisch. Als ich aufwachte, war Albert verschwunden, ich begann unweigerlich zu weinen, es war reinigend. Nach einer Weile fiel mein Blick auf den Monitor vor mir: 46, 48, 50, 49, 49, 52, 52, 50 – meine Herzfrequenz. Auch sah ich die Herzfrequenzen der anderen Intensivpatienten auf einem weiteren Bildschirm, zusammen mit meiner eigenen. Sechs unterschiedliche Frequenzen, alle waren höher als die meine. Bis auf eine. Drei bis fünf Schläge pro Minute schlug dieses Herz stabil weniger. Ich beobachtete den Monitor zehn Minuten lang, suchte nach Tendenzen in den jeweiligen Frequenzen und versuchte, mich selbst zu entspannen. Atme langsamer, leg den Oberkörper flach, halte deine Luft an, atme tiefer ein und aus, befahl ich mir. Ich wollte die Veränderung auf dem Monitor beobachten. Meine Frequenz wurde langsamer, fiel zwei, drei Schläge im Durchschnitt nach unten. Immer noch Zweiter, aber näher dran, meldete sich mein Ehrgeiz.
Ich hatte eine Beschäftigung.
Ich hatte einen Anreiz.
Ich war motiviert.
Pulsuz fraqment bitdi.