Kitabı oxu: «Krisenintervention»
[1]Rotes Heft 84
Cornelia Franke
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2., erweiterte und überarbeitete Auflage 2021
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© 2005/2021W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
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ISBN 978-3-17-035842-3
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pdf: ISBN 978-3-17-035844-7
Epub: ISBN 978-3-17-035845-4
Mobi: ISBN 978-3-17-035846-1
[3]Inhaltsverzeichnis
1 1 Einleitung
2 2 Aufbau des Buches
3 3 Das Alarmsystem des Menschen 3.1 Einführung 3.2 Nervensystem des Menschen 3.3 Reaktion auf Bedrohung 3.4 Stressantwort 3.5 Stresskaskade 3.6 Zusammenfassung
4 4 Einsatzkräfte: Besondere Situation 4.1 Einsätze als belastende Situation 4.2 Hilflosigkeit und Schuldgefühle 4.3 Alltagsbelastung
5 5 Verarbeitung von Belastung
6 6 Folgen von Belastungen 6.1 Akute Belastungsreaktion 6.2 Posttraumatische Belastungsstörungen 6.3 Subsyndromale Bedrohungen 6.4 Burnout 6.5 Sonstige Folgen und Erkrankungen 6.6 Positive Folgen
7 7 Moderatorvariablen und Ressourcen 7.1 Situation 7.2 Individuum 7.3 Organisation
8 8 Prävention: Vorbeugung und Bewältigung I. AVS herunterfahren 1. Sicherheit 2. Nähe zu zugewandten Menschen 3. Informationen 4. Energie herunterfahren II: Gedankliche/emotionale Verarbeitung 1. Reden 2. Sortieren: 3. Bewertungen überprüfen 4. Bewältigungsstrategien überprüfen und einsetzen 5. Auf eigene Ressourcen konzentrieren III. Regeneration 8.1 Maßnahmen des Individuums 8.1.1 Individuum: Vor dem Einsatz I. AVS herunterfahren 1. Sicherheit 2. Nähe zu zugewandten Menschen 3. Information 4. Energie herunterfahren II. Gedankliche/emotionale Verarbeitung III. Regeneration 8.1.2 Individuum: Während des Einsatzes I. AVS herunterfahren 1. (faktische) Sicherheit 2. Nähe zu zugewandten Menschen 3. Information 4. Energie herunterfahren II. Gedankliche/emotionale Verarbeitung III. Regeneration 8.1.3 Individuum: Nach dem Einsatz I. AVS herunterfahren 1. Sicherheit 2. Nähe zu zugewandten Menschen 3. Information: 4. Energie abbauen II. Gedankliche/emotionale Verarbeitung III. Regeneration 8.2 Maßnahmen der Organisation 8.2.1 Organisation: Vor dem Einsatz I. AVS herunterfahren 1. (faktische) Sicherheit 2. Nähe zu zugewandten Menschen: 3. Information: II. Gedankliche/emotionale Verarbeitung III. Regeneration 8.2.2 Organisation: Während des Einsatzes I. AVS herunterfahren 1. (faktische) Sicherheit 2. Nähe zu zugewandten Menschen/Wertschätzung 3. Information II. Gedankliche/emotionale Verarbeitung III. Regeneration 8.2.3 Organisation: Nach dem Einsatz I. AVS herunterfahren 1. Sicherheit 2. Nähe zu zugewandten Menschen 3. Information 4. Energie herunterfahren II. Gedankliche/emotionale Verarbeitung III. Regeneration 8.3 Therapiemöglichkeiten
9 9 Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) 9.1 Geschichte der PSNV 9.2 Inhalte des Konsensus-Prozess 9.3 PSNV im Einsatzalltag 9.4 PSNV für Betroffene 9.5 PSNV für Einsatzkräfte 9.5.1 Demobilisation 9.5.2 Defusing 9.5.3 Debriefing 9.5.4 Einzelgespräche 9.6 PSNV in Großschadenlagen 9.6.1 Einbindung der PSNV in örtliche Strukturen 9.6.2 Einbindung der PSNV in die Führungsstruktur 9.6.3 Einbindung der PSNV in den Stab 9.7 Peers
10 10 Psychische Erste Hilfe
11 11 Tod eines Kameraden oder einer Kameradin
12 Resümee
13 Literatur
[5]1 Einleitung
Einsatzkräfte der Feuerwehr und anderer Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) sind in ihrem Alltag häufig mit besonderen Situationen konfrontiert: Verkehrsunfälle, Wohnungsbrände, Suizide. Die Liste an möglicherweise psychisch belastenden Einsatzsituationen ist lang. Doch eins haben alle gemeinsam: An die Feuerwehrangehörigen werden höchste Ansprüche gestellt, Menschenleben zu retten und Gefahren abzuwenden.
Jeder entwickelt eigene Möglichkeiten, mit Stress und anderen Belastungen umzugehen. In den meisten Fällen reichen die eigenen Ressourcen auch aus, um die psychischen Folgen eines Einsatzes gut verarbeiten zu können. Allerdings gibt es Szenarien, die die Bewältigungsmöglichkeiten des Einzelnen übersteigen können. Die Zahl der Hilfsangebote, etwa durch PSNV- und Kriseninterventionsteams, haben in den letzten Jahren zugenommen und das Bewusstsein für psychische Belastungen ist bei den Feuerwehrangehörigen gestiegen. Trotzdem gibt es noch viel Verbesserungspotenzial auf Seiten der Feuerwehren. Denn auch ohne psychologische Ausbildung kann jeder Einzelne viel dafür tun, seine eigene und die psychische Gesundheit seiner Kollegen und Kameraden zu erhalten und zu schützen.
Mittlerweile ist es wissenschaftlich anerkannt, dass die physische und psychische Gesundheit eine untrennbare Einheit bilden. Diese Verbundenheit sollte deshalb zwingend beim Gesundheitsschutz beachtet werden. Verantwortlich sind da[6]bei sowohl die Organisation als auch jeder Einzelne, die Einsatzfähigkeit der Mitglieder aufrecht zu erhalten. Die Verpflichtung der Organisation zum Gesundheitsschutz und damit zum Erhalt der Einsatzfähigkeit, ergibt sich aus den Arbeitsschutzbestimmungen und der Fürsorgepflicht als Arbeitgeber bzw. Dienstherr. Die Verpflichtung des Einzelnen ergibt sich dabei aus seiner Verantwortung für sich selbst und seine Familie sowie gegenüber dem Team, in dem er Mitglied ist.
Ziel dieses Roten Heftes ist es, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie auch durch einfache Maßnahmen Schritt für Schritt die Widerstandsfähigkeit der Feuerwehrangehörigen gegen psychische Belastungen erhöht werden kann. Dabei handelt es sich keineswegs um ein Lehrbuch für die Ausbildung zur PSNV-Fachkraft, es kann und soll diese auch nicht ersetzen, sondern richtet sich vielmehr an interessierte Einsatz- und Führungskräfte.
Führungs- und Leitungskräfte finden in diesem Heft Hinweise darauf, wie sie die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter schützen und dadurch die Organisation stärken können. Die meisten aufgelisteten Hinweise sind einfach und kostengünstig umzusetzen und können sowohl kurzfristig für Verbesserung sorgen als auch langfristig eine Kultur schaffen, in der offen über Stress und Belastungen gesprochen werden kann und in der Einsatzkräften ermöglicht wird, den besonderen Herausforderungen ihrer Arbeit gerecht zu werden. Gleichzeitig richtet sich das Heft auch an alle Einsatzkräfte, die sich für das Thema interessieren und durch das zusätzliche Wissen ihre eigenen Reaktionen verstehen und lernen wollen, besser mit psychischer Belastung umzugehen. Auch zum eigenen Umgang mit den Belastungen, die durch [7]die tägliche Konfrontation mit Unglück und Leid entstehen, finden sich Hinweise in den folgenden Kapiteln.
Das Heft richtet sich gleichermaßen an Mitglieder von Freiwilligen Feuerwehren, Werkfeuerwehren und Berufsfeuerwehren. Die grundsätzlichen Belastungen und die daraus resultierenden Folgen sind bei allen Einsatzkräften gleich. Unterschiedlich sind natürlich die Arbeitsbedingungen und die damit verbundenen Herausforderungen: Berufsfeuerwehrbeamte arbeiten im Schichtdienst und mit einer meist höheren Einsatzfrequenz als Freiwillige, diese werden aber bei jedem Alarm aus ihrem Alltag gerissen und müssen zusätzlich zu ihrem Dienst in der Feuerwehr ihrem normalen Beruf nachgehen. Vereinzelt sind Hinweise in diesem Buch nur für einzelne Gruppen geeignet und umsetzbar, der Großteil ist aber für alle Beteiligten relevant. Die Begriffe »Mitarbeitende«, »Kameraden« und »Mitglieder« werden deshalb synonym verwendet. Im Allgemeinen beschreibt die »Organisation« die entsprechende Feuerwehr. Viele Aspekte sind aber auch für die Umsetzung in anderen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben geeignet, deren Einsatzkräfte mit ähnlichen Belastungen konfrontiert sind, schließlich funktioniert deren Stresssystem nicht anders. Die genannten Beispiele orientieren sich aber an Szenarien aus dem Feuerwehralltag. Zum Schluss noch ein Hinweis: Mit dem Text sind explizit alle Leserinnen und Leser gleichermaßen, egal ob männlich, weiblich oder divers, angesprochen. Zur Vereinfachung des Textes werden im Folgenden die Begrifflichkeit nicht differenziert.
[8]2 Aufbau des Buches
Im Kapitel 3 wird das Stresssystem des Menschen beschrieben. Die Einblicke in die neurologischen und endokrinen Prozesse sollen dem Leser Verständnis für seine eigenen Reaktionen im stressigen Einsatzgeschehen ermöglichen und helfen, seine eigenen Bewältigungsmöglichkeiten zu verstehen und zu kanalisieren. Allein dieses Wissen kann helfen, mit psychischen Belastungen umzugehen und bildet zusätzlich die Grundlage zum Verständnis von weiteren Maßnahmen. Dieses Wissen soll anhand eines gut verständlichen Modells erläutert werden, das sich nur soweit mit anatomischen Grundlagen auseinandersetzt, dass es zum Verständnis ausreicht. Anschließend werden die Belastungen beschrieben, die bei Einsatzkräften von besonderer Bedeutung sind, wie diese normalerweise verarbeitet werden und welche Folgen es haben kann, wenn die Verarbeitung gestört oder überfordert ist. Dazu zählen nicht nur einzelne, besonders traumatische Einsätze, sondern ganz besonders auch die Alltagsbelastung, der Einsatzkräfte ständig ausgesetzt sind. Es werden verschiedene Krankheitsbilder und Folgestörungen vorgestellt, die bei Einsatzkräften durch traumatische Erfahrungen und Stress ausgelöst werden können.
Ob jemand aufgrund der Belastungen Traumafolgestörungen entwickelt oder diese gut verarbeiten kann, hängt von einer ganzen Reihe Faktoren ab. Dazu gehören die eigenen Ressourcen, die zur Verfügung stehen um Belastungen zu verarbeiten. Aber auch die Organisation, die die Rahmenbedingung der Arbeit stellt, hat einen großen Einfluss auf die [9]psychische Gesundheit ihrer Mitglieder. In Kapitel 7 wird die Rolle dieser verschiedenen Eckpunkte dargestellt. Aufbauend auf dem Verständnis der einzelnen Rollen werden dann die Präventionsmöglichkeiten vorgestellt. Diese sind gegliedert in Maßnahmen, die vor, während oder nach einem Einsatz getroffen werden können und die jedem individuell oder der Organisation zur Verfügung stehen, um positiven Einfluss auf die psychische Stabilität und Gesundheit der Einsatzkräfte zu nehmen. Dieser Aufbau soll zum einen einer übersichtlichen Struktur dienen, zum anderen aber auch aufzeigen, dass jedem jederzeit Mittel zur Verfügung stehen, die eigene Situation und die Situation innerhalb der Feuerwehr zu verbessern.
Im folgenden Kapitel wird die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) als Fachdienst in der Gefahrenabwehr und Partner der Feuerwehr vorgestellt. Dabei wird besonderes Augenmerk darauf gelegt, wie die Zusammenarbeit zwischen PSNV und Feuerwehr im alltäglichen Einsatz, aber auch bei besonderen Schadenlagen sinnvoll gestaltet werden kann. Außerdem werden Methoden vorgestellt, mit denen die PSNV die Prävention oder Nachsorge bei Einsatzkräften der Feuerwehr unterstützen kann. Abschließend wird in diesem Kapitel gezeigt, wie die Feuerwehr mit sogenannten Peers, also kollegialen Ansprechpartnern, ein sinnvolles Bindeglied zwischen den eigenen Einsatzkräften und den Fachkräften der PSNV schaffen kann. Die Betreuung von Menschen im Ausnahmezustand stellt Ungeübte vor eine große Herausforderung und geht häufig mit eigener Belastung einher. Die »Regeln der psychischen Ersten Hilfe« bieten konkrete Handlungsempfehlungen für die Betreuung von Betroffenen, so[10]dass die Zeit bis zum Eintreffen von Fachkräften sinnvoll überbrückt werden kann.
Abschließend beschäftigt sich dieses Rote Heft mit dem Tod in den eigenen Reihen: Kommen Mitglieder im Rahmen ihrer Tätigkeit in der Feuerwehr ums Leben, bedeutet das für alle Beteiligten immense Belastungen und Herausforderungen. Es kann dazu keine allgemeingültige Handlungsanweisung geben, wie Angehörige unterstützt werden können und wie die Feuerwehr dazu beitragen kann, dass alle Beteiligten mit dem Verlust umgehen können. Allerdings finden sich in diesem Kapitel einige Hinweis und Gedanken, die Führungskräfte dabei unterstützen sollen, mit solch einer schwierigen Situation angemessen umzugehen.
[11]3 Das Alarmsystem des Menschen
3.1 Einführung
Jeder Mensch empfindet Stress, wenn er einer scheinbar bedrohlichen Situation gegenüber steht. Die Bedrohung kann dabei sehr vielschichtig sein, von einer kleinen Peinlichkeit bis hin zu einer ernsten Gefahr für Leib und Leben. Auf jede Art von Bedrohung reagiert das »Alarm- und Verteidigungssystem« (AVS). Hinter diesem Begriff verstecken sich eine ganze Reihe an teils hochkomplexen Mechanismen, die in unserem Körper ablaufen, damit dieser sich gegen alle möglichen Gefahren zur Wehr setzten kann. Die wesentlichen Funktionen des AVS teilt sich der Mensch mit allen Wirbeltieren und die Entwicklung geht mit der Menschheitsgeschichte seit Urzeiten einher. Viele der Mechanismen sind Überbleibsel aus der Jäger- und Sammlerzeit, aber auch heute hat das System lebenswichtige Bedeutung, auch wenn wir seltener in Situationen geraten, in denen unser Überleben davon abhängt, wie schnell wir rennen oder wie gut wir kämpfen können.
Einsatzkräfte sind häufig mit hochkritischen Situationen konfrontiert, in denen das Leben und die Gesundheit von Betroffenen und Patienten bedroht ist. Aber auch im »normalen Alltag« reagiert das Alarm- und Verteidigungssystem ständig, nämlich immer dann, wenn Stress aufkommt. Das beginnt meistens bereits mit dem Piepsen des Melders oder dem Dröhnen des Alarmgongs. Für jeden, der sich mit dem Thema der psychosoziale Notfallversorgung beschäftigt, ist es unerlässlich, mit den Grundfunktionen des AVS vertraut zu [12]sein. Auch Einsatzkräfte sollten wissen, was in ihrem Körper vorgeht, um auf belastende Einsätze richtig reagieren zu können. In diesem Buch sollen die einzelnen Vorgänge nicht bis ins letzte Detail beschrieben werden, stattdessen wird das AVS als einfaches und möglichst anschauliches Modell beschrieben und weitgehend auf anatomische Fachbegriffe verzichtet. Wichtiger ist es, die Reaktionen des Körpers auf belastende Situationen in groben Zügen zu verstehen, um Folgen und besonders auch Präventionsmaßnahmen nachvollziehen zu können. Für weitere Hintergrundinformationen seien dem interessierten Leser an dieser Stelle die Werke Hüther (2018) sowie Roth und Stüber (2018) empfohlen.
3.2 Nervensystem des Menschen
Im menschlichen Körper finden sich zwei größtenteils getrennt arbeitende Nervensysteme: das vegetative (autonome) Nervensystem und das somatische (willkürliche) Nervensystem. Das somatische Nervensystem ist für die bewusste Steuerung von Bewegungen und die bewusste Wahrnehmung von Reizen zuständig. Die Vorgänge des vegetativen Nervensystems hingegen lassen sich nicht bewusst steuern, es arbeitet autonom. Das vegetative Nervensystem steuert beispielsweise die Verdauung, den Blutdruck und die Herzfrequenz. Das AVS ist Teil dieses vegetativen Nervensystems, seine Reaktion lässt sich nicht bewusst steuern.
| [13]Das vegetative Nervensystem: Das vegetative Nervensystem besteht unter anderem aus den zwei Gegenspielern Sympathikus (»Sportnerv«) und Parasympathikus (»Ruhenerv«). Der Sympathikus stellt kurzfristig Energie bereit und ermöglicht dadurch körperliche Höchstleistungen, der Parasympathikus hingegen überwiegt während Ruhe- und Entspannungsphasen. |
Sowohl der Sympathikus als auch der Parasympathikus spielen beim Umgang mit Extremereignissen eine bedeutende Rolle und werden im Verlauf des Kapitels noch vorgestellt.
3.3 Reaktion auf Bedrohung
Von unseren Sinnen werden jede Sekunde Millionen von Reizen aufgenommen oder im Inneren unseres Körpers registriert und an unser Gehirn weitergeleitet. Dort werden die eingehenden Informationen nach den folgenden Kriterien klassifiziert: gefährlich/ungefährlich, bekannt/unbekannt, relevant/irrelevant.
Die für das Individuum scheinbar irrelevanten Informationen erreichen gar nicht erst das eigentliche Bewusstsein, sie werden aussortiert. Die übrigen, als relevant eingestuften Informationen werden danach sortiert, ob sie eine Gefahr signalisieren könnten, also bedrohlich wirken, oder ungefährlich zu sein scheinen. Die scheinbar nicht bedrohlichen (aber dennoch relevanten) Informationen werden an die zuständigen Hirnareale weitergeleitet und dort entsprechend verarbeitet. Sie können unter anderem Handlungen, Gedanken und [14]Gefühle auslösen und treten teilweise ins eigentliche Bewusstsein ein.
Bei Reizen, die als bedrohlich eingestuft werden, wird das Alarm- und Verteidigungssystem aktiv. Das AVS reagiert bereits niederschwellig auf unerwartete Vorkommnisse und eine große Bandbreite an Ereignissen:
Existenzbedrohliche Rahmenbedingungen: Gefährdung des eigenen Hab und Gutes, beispielsweise Geld, Behausung oder Lebensort.
Gefährdung der Bindung an die Gruppe: Obwohl heutzutage der Ausschluss aus einer Gruppe als soziales Gefüge selten den sicheren Tod bedeutet, ist diese Angst menschheitsgeschichtlich durchaus nachvollziehbar. Die Angst ist breit gefächert und kann bereits bei Konflikten mit Familienangehörigen, Freunden, Kollegen und Nachbarn beginnen und reicht bis zum Verlust von Bezugspersonen. Aber auch die Bedrohung des Selbstbildes innerhalb einer Gruppe lässt sich in diese Kategorie einordnen. Dazu gehören peinliche Situationen, Blamagen und (scheinbarer) Gesichtsverlust, etwa durch erlebte Kritik. Aber auch der Verlust von Statussymbolen, deren Bedeutung über den reinen materiellen Wert hinaus geht, kann zum Erleben von Bedrohung führen.
Gefährdung der körperlichen Integrität: Hunger und Durst, Verletzung, Krankheit, Tod, (sexuelle) Gewalt.
[15]Die Gefahr muss dabei nicht einmal zwangsläufig das Individuum direkt betreffen. Häufig reicht es aus, wenn umstehende Personen bedroht sind, um eine Reaktion des AVS hervorzurufen. Das lässt sich nicht mit Mitgefühl erklären, sondern durch reinen Überlebenswillen: Eine Gefahr für andere könnte in Zukunft mich selbst betreffen oder meine Bezugsgruppe schwächen. Da das AVS unter Zeitdruck auf eine Gefahr reagieren muss, kann keine vollständige Lagebeurteilung durchgeführt werden. Deshalb reagiert das AVS auch auf Situationen, in denen keine reelle Gefahr besteht, sondern lediglich angenommen wird. Da dieselbe Situation von verschiedenen Menschen unterschiedlich eingeschätzt werden kann, können diese auch unterschiedlich reagieren.
Selbst der Gedanke an eine Bedrohung kann bereits eine Reaktion des AVS auslösen. Denkt man in einer ruhigen Situation beispielsweise an einen gravierenden Unfall, kann das zu Stressempfinden führen. Aber auch Reize, die eigentlich als neutral eingestuft werden, können durch Erinnerungen an belastende Einsätze Stressreaktionen auslösen. Dazu können beispielsweise bestimmte Gerüche oder Geräusche gehören. Das AVS wird also immer aktiv, wenn es eine Bedrohung wahrnimmt. Die folgende Tabelle gibt einen kleinen Überblick über mögliche Situationen:
Tabelle 1: Potenziell bedrohliche Situationen
| Alltagssituationen | Geldsorgen, Konflikte, Prüfungen, Stress im Job, Probleme mit der Familie, neue und unerwartete Reize |
| Außergewöhnliche Belastungen | Mobbing, Verlust des Jobs, eigene schwere Krankheit Konfrontation mit Unglücken, Krankheit, Verletzung, Tod, soziales Elend |
| Extremereignisse | Unfall- oder Gewaltopfer sein, lebensbedrohliche Erkrankung, Eigenheimverlust durch Feuer, Miterleben von Großschadenlage, MANV, Naturkatastrophe, Amok- oder Terrorlagen |
Wirklich beachtenswert ist, dass das Miterleben viele dieser Situationen für Einsatzkräfte einen normalen Arbeitsalltag darstellt. Die meisten werden täglich mit Unfall und Krankheit, Tod und sozialem Elend konfrontiert und erleben, zumindest gelegentlich, besondere Schadenlagen. Trotzdem reagiert ihr AVS auf all diese Bedrohungen in gewöhnlichem Ausmaß. Das Problem hierbei ist, dass das AVS als Notfallprogramm ausgelegt ist. Wenn es zu häufig aktiv ist und dazwischen zu wenige Ruhephasen hat, kann das zu schwerwiegenden psychischen und körperlichen Folgen führen. Auf diese Problematik wird in den nächsten Kapiteln noch verstärkt eingegangen (Hüther 2018, Roth und Strüber 2018).
[17]3.4 Stressantwort
Das Alarm- und Verteidigungssystem reagiert also auf eine ganze Reihe von möglichen Bedrohungen. Doch was passiert, wenn es eine Situation als gefährlich eingestuft hat? Das AVS wird auch als »neuroendokrine Stressantwort« bezeichnet. Es bedient sich also des Nerven- und Hormonsystem des Körpers und sendet Stresssignale als Reaktion auf eine mögliche Bedrohung hin aus. Diese Signalstoffe (beispielsweise das Hormon Noradrenalin) verstärken den Sympathikus (»Sport-/Kampfnerv«) als Teil des vegetativen (unwillkürlichen) Nervensystems. Dadurch wird verschiedenen kampf- und fluchtwichtigen Regionen des Körpers verstärkt Energie bereitgestellt und die Aufmerksamkeit fokussiert sich auf die Quelle der potenziellen Gefahr. Die wichtigsten Reaktionen des Sympathikus sind in der folgenden Tabelle dargestellt:
Tabelle 2: Sympathikus [zurück]
| Sympathikus (»Sportnerv«) | ||
| Körperregion | Wirkung | Nutzen |
| Herz | Herzfrequenz und Herzkraft erhöht | Mehr Blut wird gepumpt: Verbesserter Transport z. B. von Sauerstoff |
| Blutgefäße | Verengt → Blutdrucksteigerung | Verbesserter Transport, auch in periphere (entlegene) Körperregionen |
| [18]Lunge | Bronchien weiten sich, die Atmung wird beschleunigt | Verbesserte Sauerstoffzufuhr/CO2 Abatmung →Mehr Leistung wird möglich |
| Verdauungssystem | Verringerung der Verdauung | Blut wird in »kampfwichtigen« Regionen gebraucht |
| Augen | Pupillen weiten sich | Mehr Lichteinfall ins Auge → besseres Sehen |
| Haut | Schweißproduktion | Kühlung |
Umso stärker der empfundene Stress, desto weniger sind logisches Denken und planvolles Handeln möglich. Bei unmittelbarer Gefahr kann das AVS eigenständig, also ohne Beteiligung unseres Bewusstseins, entscheiden und entsprechende instinktive Handlungen auslösen. Diese instinktiven Handlungen sind nicht mehr bewusst steuerbar.
Bei Einsatzkräften reagiert das AVS sobald sie durch Melder oder Sirene alarmiert werden. Dadurch wird die nötige Energie bereitgestellt und die Wachsamkeit erhöht. Allerdings verengen sich auch der Blick und die Wahrnehmung durch eine stärkere Fokussierung, es kann zum Tunnelblick kommen. So wird es schwieriger, die Gesamtsituation im Blick zu behalten und zusätzliche, nicht offensichtliche Gefahren werden leichter übersehen. Deshalb ist es im Einsatzgeschehen unerlässlich, [19]dass die Zusammenarbeit und Kommunikation im Team gut funktioniert.
3.5 Stresskaskade
Die Reaktion des Organismus auf eine mögliche Gefährdung durchläuft die Stresskaskade. Diese besteht aus mehreren, jeweils eskalierenden Stufen. Ob alle Stufen der Kaskade durchlaufen werden, ist abhängig von der Schwere der Bedrohung, den eigenen Möglichkeiten zur Gefahrenabwehr und früheren Erfahrungen. Da jeder die Gefahr individuell beurteilt, kann es sein, dass unterschiedliche Menschen in der selben Situation verschieden reagieren. Die Stresskaskade gliedert sich nach Schauer, Neuner und Elbert (2011) in folgende Stufen:
Stufe 1 – Freeze: Wenn genügend Zeit ist, durchläuft der Organismus eine kurze Orientierungsphase. Er erstarrt und die Aufmerksamkeit wird auf die Gefahrenquelle gerichtet. Diese Phase wird genutzt, um die Gefahr abzuschätzen und die erforderliche Reaktion vorzubereiten.
Stufe 2 und 3 – Flight und Fight: Wird die erkannte Gefahr als starke Bedrohung wahrgenommen, wird das Verteidigungssystem über den Sympathikus aktiviert (siehe Tabelle 2). Die teilweise als unangenehm empfundenen Sympathikusreaktionen dienen dazu, alle Energiereserven des Körpers zu mobilisieren und den Organismus zu Höchstleistungen bei Flucht oder Kampf zu befähigen. [20]Nicht benötigte Körperfunktionen (z. B. Verdauung) werden verringert, Blase und Darm können sich unwillkürlich entleeren. Auch wenn das den Menschen (aus heutiger Sicht) in eine peinliche Situation bringen kann, geht es dem AVS lediglich ums Überleben durch Vorteile bei der Flucht.
Ob der Organismus versucht zu fliehen oder zu kämpfen, entscheidet das AVS selbständig. Wenn die Flucht möglich erscheint, ist diese meist risikoärmer als der Kampf und wird deshalb häufig gewählt. Ist die Entscheidung für eine Reaktion gefallen, läuft das entsprechende Programm solange ab, bis das AVS entscheidet, dass die akute Gefahr gebannt ist. Allerdings kann das AVS auch in kürzester Zeit seine Entscheidung zwischen Flucht und Kampf revidieren, etwa wenn eine Flucht unmöglich erscheint. Dieses Verhalten kann zu scheinbar widersinnigen Handlungen führen und Betroffene können sich und andere dadurch in Gefahr bringen.
Auch Einsatzkräfte können auf unvorhergesehene Ereignisse wie Explosionen oder Einstürze entsprechend reagieren. Häufig sind bei ihnen Schuld- oder Schamgefühle zu beobachten, wenn sie in solch einer Situation weglaufen und womöglich Kameraden zurücklassen. Allerdings handelt es sich dabei um eine normale Reaktion des AVS, welches intuitiv auf eine unnormale Situation reagiert. Diese Reaktion lässt sich nicht durch die Einsatzkraft beeinflussen.
Stufe 4 – Fright (Totstellen): Wenn die akute Gefahr nicht durch Kampf oder Flucht abgewendet werden kann und der Betroffene keine Möglichkeit mehr sieht, auf das Geschehen einzuwirken, schal[21]tet der Organismus von aktiver Verteidigung auf Immobilität um. Dieses Totstellen ist auch in der Tierwelt verbreitet und hat den Hintergrund, dass scheinbar tote Tiere seltener gejagt und gefressen werden. Aufgrund der scheinbaren Hilf- und Ausweglosigkeit wird diese Situation als besonders bedrohlich erlebt und bildet den Höhepunkt des Angstempfindens.
Dieser Totstellreflex bildet einen Wendepunkt in der Stresskaskade. In den Phasen der aktiven Verteidigung dominierte der Sympathikus, beim Totstellen übernimmt der Parasympathikus (»Ruhenerv«) als sein Gegenspieler. Die Auswirkungen des Parasympathikus sind konträr zu denen des Sympathikus. Die Herzfrequenz und der Blutdruck verringern sich, die Atmung wird langsamer und flacher und der Verdauungsprozess beginnt. Im Normalfall ist der Parasympathikus der Ruhenerv und wird menschheitsgeschichtlich dann verstärkt aktiv, wenn die Beute gejagt ist und verdaut werden muss und keine Bedrohung herrscht. Im Rahmen der Verteidigung bildet das Totstellen also einen Wendepunkt, das AVS sieht keine Möglichkeit mehr, die Gefahr durch Kampf oder Flucht abzuwenden.
Stufe 5 und 6 – Flag and Faint (Erschlaffen und Ohnmacht): Der Organismus erschlafft, Bewegungen werden langsamer und schwieriger bis zur Bewegungsunfähigkeit, das Schmerzempfinden lässt bis zur Schmerzunempfindlichkeit nach. Zunächst werden noch Signale vom Körper ins Gehirn geleitet aber keine Signale und Befehle mehr [22]vom Gehirn in den Körper. Die Fähigkeit der Sprachwahrnehmung und -produktion lassen bis zur Sprachunfähigkeit nach.
Die Reaktionen des Parasympathikus werden stärker, es kommt also zu einer weiteren Verringerung der Herzfrequenz und des Blutdruckes. Zunächst wirken die Betroffenen noch wach und aufmerksam, sind aber nur noch bedingt ansprechbar. Im Verlauf kann es zur Bewusstlosigkeit kommen. In dieser Phase des »Shutdowns« werden Gefühle wie Wut, Angst und Schmerzen nicht mehr empfunden. Diese Gefühlstaubheit führt dazu, dass sich der Organismus nicht mehr wehrt und keine weiteren Fluchtversuche unternimmt. Außerdem entsteht für den Betroffenen das Gefühl, das Geschehen wie durch Nebel, Watte oder eine Milchglasscheibe zu erleben. Der Bezug zur Realität wird konfus, ein Gefühl der Unwirklichkeit entsteht. Wenn im Verlauf der Reaktion keine Signale mehr vom Körper ins Gehirn geleitet werden, haben viele Menschen das Gefühl, nicht mehr in ihrem Körper zu sein und sich selbst von außerhalb zu beobachten. Diesen Zustand nennt man Dissoziation (Schauer, Neuner und Elbert 2011).
Einsatzkräfte werden im Einsatzgeschehen in der Regel nicht von einer Shutdown-Reaktion betroffen, solange sie nicht selbst Opfer eines Unglückes (z. B. verschüttet) werden. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass Einsatzkräfte nach einem Kontrollverlust häufig unter starken Belastungsreaktionen leiden. Solch ein Kontrollverlust kann dadurch entstehen, dass Einsatzkräfte ihrer Tätigkeit nicht nachkommen können. Etwa wenn bei einem Zugunglück die Strecke noch nicht freigegeben wurde. Auch berichten Einsatzkräfte, die während des [23]Einsatzes handlungsfähig geblieben sind, also keine Shutdown-Reaktion erlebt haben, von Wahrnehmungseinschränkungen (»Ich habe gar nicht gemerkt wie die Zeit vergangen ist, wie heiß/kalt es war, wie viele Menschen herumgestanden haben«), Sprachunfähigkeit (»Ich hatte keine Worte mehr«), Gefühlslosigkeit oder einem Gefühl der Unwirklichkeit. Diese Empfindungen können auch nach dem Einsatz eine Zeitlang bestehen bleiben. Bei diesen Reaktionen handelt es sich um Schutzmaßnahmen, um die Psyche vor Überflutung mit Emotionen zu schützen. Zeigen Einsatzkräfte solche Reaktionen, deutet das auf eine hohe psychische Belastung im Einsatz hin und sollte bei den Regenerationsbemühungen berücksichtigt werden.
Abwendung der Gefahr
Wenn die Gefahr abgewendet wurde, werden die Mechanismen des AVS beendet und der Betroffene kann seine Handlungen wieder bewusster steuern. Häufig wird nach dem erfolgreichen Bestehen einer solchen Situation Erleichterung, Freude und Stolz empfunden. Außerdem kann das Selbstbewusstsein gestärkt werden und der Drang nach Herausforderungen steigt. Das Verhalten, das zur Abwendung der Gefahr geführt hat, wird gespeichert. Dadurch lernt der Mensch, in Zukunft auf ähnliche Situationen vergleichbar reagieren zu können. So können sich Routinen ausbilden, die in zukünftigen vergleichbaren Situationen dafür sorgen können, dass diese nicht als Bedrohung wahrgenommen werden und das AVS nicht die Kontrolle übernimmt. Dadurch wird es möglich, zielgerichtet und bewusst, statt instinktiv zu handeln. Deshalb wird Neues auch am besten gelernt und [24]behalten, wenn es eine (emotionale) Relevanz hat und hilft, schwierige Situationen zu bestehen.

Bild 1: Das AVS als einfaches Modell
[25]3.6 Zusammenfassung
Das Alarm- und Verteidigungssystem ist die neuroendokrine Stressantwort mit Hilfe derer der Mensch auf alle potenziell gefährlichen Situationen reagiert. Solche, zumindest gefühlten, Gefahren können aus einer Vielzahl an Ereignissen resultieren, das AVS reagiert also sehr niederschwellig. Dabei muss nicht einmal das Individuum selbst betroffen sein, das Miterleben von Tod, Krankheit, Verletzung oder Elend reicht aus. Das AVS erhöht zunächst die Aktivität des Sympathikus, woraus beispielsweise höherer Blutdruck und schnellerer Puls resultieren. Die Reaktionen lassen sich nicht willkürlich steuern, es kann zu instinktiven Handlungen kommen, die für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar sind. Im Rahmen der Gefahrenabwehr durchläuft der Betroffene die Stresskaskade. In den ersten Stufen versucht sich das Individuum aktiv durch Kampf oder Flucht zur Wehr zu setzen. Erst wenn es scheinbar keine Handlungsoptionen mehr gibt, reagiert der Betroffene mit einer Shutdown-Reaktion, bei der die Aktivität des Parasympathikus verstärkt wird. Dadurch kann es zu Dissoziation kommen, der Betroffene ist dann kaum noch ansprechbar. Wenn die Gefahr erfolgreich überstanden wurde, speichert sich der Mensch das zielführende Verhalten und wird in zukünftigen ähnlichen Situationen vergleichbar reagieren.
[26]4 Einsatzkräfte: Besondere Situation
Einsatzkräfte sind durch ihre Arbeit mit besonderen Situationen konfrontiert und dadurch höheren Belastungen ausgesetzt. Auch wenn im letzten Kapitel bereits auf Einsatzkräfte eingegangen wurde, sollen im Folgenden die wichtigsten Aspekte zusammengefasst und vertieft werden.
4.1 Einsätze als belastende Situation
Dass es sich bei Einsätzen um belastende Situationen handeln kann, ist eigentlich jedem Beteiligten klar. Doch wie unterscheiden sich Einsätze von anderen Situationen und was macht sie so belastend?
Dafür sind zum einen selbstverständlich die Rahmenbedingungen verantwortlich: Rettungskräfte werden in der Regel dann tätig, wenn irgendjemand in Not ist oder ein Unglück passiert ist. Das bedeutet zwangsläufig, dass Einsatzkräfte während ihrer Arbeit ständig mit Tod, Elend oder Zerstörung und Menschen in Extremsituationen konfrontiert sind. Zusätzlich wird die Arbeit durch äußere Umstände häufig erschwert und findet unter gefährlichen Bedingungen statt. Doch neben diesen Rahmenbedingungen bergen Einsätze weiteres Potenzial, das AVS zu strapazieren. In der Literatur wird eine Situation als besonders stressreich beschrieben, wenn sie unvorhersehbar, unkontrollierbar oder uneindeutig ist und [27]mit negativen Folgen assoziiert wird. Genau das trifft auf die meisten Ereignisse zu, aus denen Einsätze resultieren: Ihr Eintreten ist quasi unvorhersehbar, der Verlauf lässt sich meist weniger kontrollieren als gewünscht und die jeweilige Lage ist zu Beginn nicht eindeutig. Auch resultieren in den meisten Fällen negative Folgen, wenn auch selten für die Einsatzkräfte persönlich, so werden sie doch mit den Auswirkungen konfrontiert. Bei all diesen Situationen wird das Alarm- und Verteidigungssystem aktiv. Dadurch ist das AVS bei Einsatzkräften deutlich reger beansprucht als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Das Problem hierbei ist, dass das AVS als Notfallprogramm ausgelegt und deshalb nicht für den Dauerbetrieb geeignet ist. Es braucht nach jeder Aktivität eine gewisse Zeit, um wieder auf Normalbetrieb herunterzufahren. Wenn es diese Zeit nicht hat, kann das dazu führen, dass das Erlebte nicht ausreichend verarbeitet wird und sich die Belastungen für Einsatzkräfte dadurch kumulieren (Krampl 2007).
4.2 Hilflosigkeit und Schuldgefühle
Für das Individuum scheinen Situationen am bedrohlichsten, wenn sich der Betroffene hilflos gegenüber der Gefahr sieht. Hilflosigkeit begünstigt die Entstehung von Shutdown-Reaktion in der Stresskaskade, die als besonders belastend empfunden werden und eine hohe Gefahr aufweisen, dass der Betroffene später unter psychischer Belastung leidet. Auch wenn, wie bereits im entsprechenden Kapitel erwähnt, Einsatzkräfte, die nicht selbst Betroffene sind, selten eine Shutdown-Reaktion erleben, ist das Problem der Hilflosigkeit für [28]Einsatzkräfte trotzdem relevant: Deren Selbstverständnis ist es, in Notsituationen tätig zu werden und helfen zu können. Gelegentlich sind sie aber mit Situationen konfrontiert, in denen sie entweder nicht helfen können (beispielsweise durch fehlende Spezialausrüstung) oder nicht mehr geholfen werden kann (beispielsweise, weil der Patient schon verstorben ist). Auch können Einsatzkräfte den Verlauf der Lage nur bedingt beeinflussen: Ein Schwerverletzter kann trotz aller Bemühungen versterben oder ein Feuer auf ein benachbartes Objekt übergreifen, wenn nicht genügend Feuerwehreinsatzkräfte zur Verfügung stehen. Das Selbstverständnis, helfen zu können, kann aber dazu führen, dass die Einsatzkraft den negativen Ausgang eines Einsatzes fälschlicherweise auf die eigene, scheinbar fehlende, Kompetenz zurückführt. Man beschreibt dieses Phänomen als Egozentrismus. Die betroffene Person leidet unter Schuldgefühlen, die das eigene Selbstbild langfristig beschädigen können. Das kann dazu führen, dass die Betroffenen sich selbst als unfähige Einsatzkraft sehen, unsicher werden und somit das Stressempfinden bei zukünftigen Einsätzen steigt (Krampl 2007).
4.3 Alltagsbelastung
Zusätzlich zu den Belastungen, die aus der Konfrontation mit Einsätzen und Schuldgefühlen entstehen, arbeiten Einsatzkräfte unter schwierigen Bedingungen. Hauptamtliche Einsatzkräfte verrichten ihre Arbeit meist im Schichtdienst und zu ungünstigen Zeiten, womit viele Einschränkungen des Privatlebens und des Schlafrhythmus einhergehen. Die Arbeitszeit ist [29]durch Bereitschaftszeiten oft höher als bei sonstigen Arbeitnehmern, die Arbeitsbelastung kann stark schwanken. Ehrenamtliche Kollegen sind in der Regel ständig alarmierbar, werden im Einsatzfall aus ihrem Alltag herausgerissen und verrichten auch nach einem anstrengenden Nachteinsatz ihren normalen Beruf. Dies sind nur einige wenige Beispiele für die hohe Alltagsbelastung, unter denen Einsatzkräfte leiden können.
| Merke: Bei Einsatzkräften kommen also eine Reihe von Belastungen zusammen: Die Konfrontation mit Extremereignissen, das kumulierte Erleben von Stress durch häufige Aktivität des AVS, überzogene Schuldgefühle und eine hohe Alltagsbelastung. |
[30]5 Verarbeitung von Belastung
Einsatzkräfte sind häufig mit psychisch belastenden Situationen konfrontiert. Nach solch einer Situation ist das AVS noch eine gewisse Zeit aktiv, abhängig davon, wie bedrohlich die Situation erlebt wurde. Während dieser Überregungsphase kommt es häufig zu Problemen beim Ein- und Durchschlafen und allgemeiner Unruhe, gelegentlich auch zu Gefühlsschwankungen, Weinkrämpfen oder Aggressivität.
Erlebt jemand außergewöhnlich bedrohliche Situationen, müssen die Eindrücke in Ruhe verarbeitet werden. Die Verarbeitung erfolgt zu einem Teil dadurch, dass die Geschehnisse im Gedächtnis in einen Rahmen einsortiert werden müssen, der Orientierung gibt. Das heißt, es muss verstanden und abgespeichert werden, was wann, wo und wie genau passiert ist. Diese »Integration des Geschehenen« gehört zum normalen Verarbeitungsprozess und erfolgt dadurch, dass die Erinnerungen immer wieder gedanklich durchgearbeitet werden. Das kann auch durch wiederkehrende Erinnerungen, zum Beispiel in Form von Flashbacks, Intrusionen oder Alpträumen geschehen. Diese Gefühle werden naturgemäß als unangenehm erlebt, gehören aber zu einem gewissen Grad zum gesunden Verarbeitungsprozess dazu. Diese Verarbeitung geschieht in Ruhepausen, die ein Mensch nach dem Stresserleben braucht. Wird jemand zu häufig mit stressauslösenden Situationen konfrontiert, können diese zu einer dauerhaften Überregung führen. Hier zeigt sich auch das Problem des kumulierten Stresses, dem Einsatzkräfte häufig ausgesetzt sind.
[31]Obwohl es sich um normale Reaktionen auf unnormale Situation handelt, erleben viele Menschen diese verständlicherweise als bedrohlich. Es entsteht das Gefühl, nicht normal zu sein, gar verrückt zu werden oder nach einer traumatischen Erfahrung nie wieder ein normales Leben führen zu können. Häufig besteht dann zusätzlich die Angst, der eigenen Existenzgrundlage beraubt zu werden, etwa durch Arbeitsunfähigkeit. Oft entsteht das falsche Gefühl, diesen Belastungen hilflos ausgesetzt zu sein. Wie im vorherigen Kapitel gezeigt, löst besonders das Gefühl der Hilflosigkeit eine starke Reaktion des AVS und damit gleichzeitig hohen Stress aus. So kann es vorkommen, dass durch einen externen Reiz ausgelöstes Stressempfinden verstärkt durch das Gefühl der Hilflosigkeit noch stärkeren Stress verursacht und es folglich zu einem Teufelskreis kommt. Daher ist es für Einsatzkräfte wichtig, mit der grundlegenden Arbeitsweise des AVS vertraut zu sein, wodurch die eigenen Reaktionen besser eingeschätzt werden können. Durch das Selbstverständnis einer Person, dass ihre Reaktionen normale Verhaltensweisen auf eine außergewöhnliche Situation sind, kann das Risiko einer gravierenden Störung vermindert werden.
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