Kitabı oxu: «Du sollst frei sein»
CORNELIA SCHMID

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22996-7 (E-Book)
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Autorenfoto: © Janine Guldener
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Freiheit ohne Liebe
ist Einsamkeit.
Für
Stefan,
Sara und Lea.
Ohne euch kann
ich mir mein Leben
nicht denken!
Inhalt
Über die Autorin
Vorwort von Doron Schneider
Einleitung
1. Freiheit – von Anfang an
2. Freiheit in Gefahr
3. Freiheit – ohne Gott?
4. Gott folgen in Freiheit und Gehorsam
5. Gefangenschaft
6. Befreiung aus der Gefangenschaft
7. Schritte in die Freiheit
8. Freiheit will gelernt sein
9. Freiheit – ohne Menschenfurcht
10. Freiheit, zu ruhen
11. Freiheit – mitten in Erschütterung
12. Freiheit und Vergebung
Nachwort
Danke
Anmerkungen
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Über die Autorin

CORNELIA SCHMID (Jg. 1974) ist gelernte Krankenschwester und studierte Theologin und Diakonin. Als Veränderungscoach und Karriereberaterin leitet sie mit ihrem Ehemann Stefan heute das Unternehmen »Schmid Coaching« (www.schmid-coaching.de). Gemeinsam haben sie zwei erwachsene Töchter.
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Vorwort von Doron Schneider
Cornelia Schmid ist mit einer einzigartigen Gabe ausgestattet: Sie nimmt die Leser mit hinein in ihre Lebenserkenntnisse und verknüpft sie mit fundierten biblischen Gedankengängen. Die Liebe zum Wort Gottes und wie es im Alltag ganz praktisch anwendbar ist, wird dadurch neu geweckt und vertieft.
Cornelias fundiertes Wissen im hebräischen und griechischen Urtext ist faszinierend. Auch für mich als Israeli, der mit der hebräischen Bibel aufgewachsen ist, waren viele Augenöffner und neue Schätze auf den Seiten dieses Buches zu finden.
Der Weg hin zu wahrer Freiheit im Glauben zieht sich wie ein roter Faden durch die Kapitel. Erstaunlich war für mich auch, wie viel Freiheit im Alten Testament gepredigt wird, obwohl wir das oft nicht so wahrnehmen und es mehr als »gesetzlichen Teil der Bibel« verstehen.
Ich glaube, früher oder später kommen viele Christen an einen Punkt, an dem sie bestimmte Dinge hinterfragen: »Wem diene ich eigentlich? Jesus? Oder der Gemeinde mit ihren Erwartungen an mich?« Viele unterdrücken diese Gedanken schnell wieder, um Gewohnheiten und vielleicht auch »sichere Frömmigkeitsgefühle« nicht verändern zu müssen. Die wenigsten aber haben den Mut und fangen an, sich von den Fesseln fremder Erwartungen zu lösen.
Auf meinen Vortrags- und Geschäftsreisen treffe ich immer wieder auf viele Menschen. Die, die sich aufgemacht haben ein Leben in echter Freiheit zu führen, unterscheiden sich irgendwie von den anderen. Man spürt ihnen diese Freiheit förmlich ab.
Was Cornelia außerdem von anderen Autoren unterscheidet, ist folgendes: Viele sind nur Berichterstatter eines Fußballspiels, standen aber selbst noch nie auf dem Rasen. Cornelia stand selbst auf dem Fußballfeld. Sie weiß, wovon sie schreibt, sie hat es erlebt und damit auch den Sprung gewagt und angefangen, echte Freiheit erfolgreich zu erleben. Ich kenne sie schon viele Jahre und habe diese Entwicklung bei ihr miterleben dürfen.
Die Lebenserfahrungen von Cornelia ähneln denen von Mose, Josef und Noah. Wer sich aufgemacht hat, in Freiheit zu leben, kann auch andere in diese Freiheit führen. Dieses Buch ist perfekt, um Freiheit für sich ganz persönlich zu finden und aus beengenden Strukturen auszubrechen.
Doron Schneider, September 2020
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Einleitung
Freiheit.
Ich liebe meine Freiheit.
Schon immer. Am Meer stehen, den Duft nach Salz und Meerwasser in der Nase spüren. Zusehen, wie sich die mächtigen Wellen am Ufer brechen. Den Horizont suchen. Vor mir nur tosende Gischt und endlose Weite.
Es gibt kaum etwas Schöneres als Freiheit.
Deshalb weigere ich mich, wenn Menschen mich in Zwangsjacken stecken wollen. Ich stelle mich taub, wenn andere mir ihre Meinung überstülpen wollen. Und wenn man mir sagt, was möglich sei und was nicht – tue ich öfter das, was scheinbar nicht geht.
Das war nicht immer so. Viele Jahre habe ich getan, was man tut: Ich habe die Kleidung getragen, die man als Christ offenbar anziehen muss, habe Traditionen gelebt, denen ich mich verpflichtet fühlte. Ich habe Lieder gesungen, Gebete gesprochen und Haltung gezeigt – weil man das eben so macht. Ich habe nicht widersprochen, wenn Menschen Regeln aufgestellt haben, deren Sinn mir eigentlich gar nicht klar gewesen ist.
Ich habe mich buchstäblich verbogen, damit Menschen mich mögen, habe den Mund gehalten, während meine Seele ein einziger Schrei war. Ich habe gelächelt, wenn ich tief drinnen nur noch weinte.
Bis ich begriffen habe, dass ich so nicht weiterleben kann.
Eine berufliche Situation, an der ich scheiterte, hat mich wachgerüttelt. Durch mein Versagen und die Reaktionen meiner Umwelt – »Das hast du falsch gemacht; dort hättest du anders handeln müssen; du hast zu wenig auf Gott gehört …« – wurde der glimmende Docht in mir plötzlich zur Flamme: »Ich will leben. Ich will frei sein!«
Ich will mich nicht länger von Menschen gängeln lassen, die neidisch auf mich sind, die mir meine Freiheit nicht gönnen, die mir sagen, was ich tun und lassen soll. Ich will kein Evangelium mit Dos and Don’ts. Keine Religion, in der ich Listen abarbeiten muss und doch nie ans Ziel komme.
Und was ist mit Gott?
Was sagt er zu meiner Sehnsucht nach Freiheit?
Gott war für mich immer eine angsteinflößende Autorität. Der Aufpasser, der jeden Regelverstoß ahndet und hart bestraft. Der Chef, der mit Abmahnung droht, wenn nicht alle Vorschriften eingehalten werden.
Nach meinem Scheitern musste ich mein Leben neu ordnen, und dazu gehörte vor allem mein Gottesbild – die tiefsten Gedanken, die ich über Gott hegte.
Ich liebe Gott, kein Zweifel, und ich will ihm schon seit meiner Teenagerzeit mit ganzem Herzen und aller Kraft dienen. Aber immer blieb da ein Restzweifel: Meint Gott es wirklich gut mit mir? Wird er im Ernstfall tatsächlich zu mir stehen? Oder wird er im letzten Moment zur Seite gehen und mich im freien Fall auf dem harten Boden aufschlagen lassen? Wie kann ich ganz sicher sein, dass auf Gott Verlass ist?
Mein Scheitern brachte mich dazu, noch einmal ganz genau hinzusehen: Wer ist Gott wirklich? Ist das, was ich bisher von ihm wusste, die Wahrheit? Oder habe ich mir ein falsches Bild von ihm gemacht, indem ich Traditionen mit meinen eigenen Vorstellungen vermischt habe?
Gott ist gut – das habe ich von Kindheit an gelernt. Doch das Evangelium, die gute Nachricht, war für mich eine »Ja, aber …«-Botschaft: Ewiges Leben bei Gott bekomme ich, weil Jesus am Kreuz für mich gestorben ist. Aber gleichzeitig muss ich treu sein, Gottes Gebote halten, den untersten Weg gehen, ein Überwinder sein, immer sofort allen Menschen vergeben, dies tun und jenes lassen. Die Liste war lang und mein Scheitern schon vorprogrammiert.
Oft hatte ich den Eindruck, ich müsste eine Leiter hinaufklettern, ohne jemals oben anzukommen: zwei Sprossen hinauf und drei wieder zurück. Ich machte einfach keine Fortschritte.
Und schließlich wurde die Frage immer drängender: Hängt die Erlösung nun von Jesus oder von meiner eigenen Leistung ab? Oder ist es fifty-fifty? Fünfzig Prozent ich – fünfzig Prozent Gott?
Was an der guten Botschaft ist eigentlich gut? Kann eine Botschaft gut sein, wenn ich mich anstrenge und am Ende doch nur auf mein Versagen schaue?
Viele Jahre habe ich mich förmlich im Kreis gedreht: Ich wusste, dass Jesus für meine Schuld gestorben ist, aber ich verzweifelte daran, dass ich trotzdem kein besserer Mensch wurde. Wo lag der Fehler? Was hatte ich übersehen?
In der Bibel lesen wir immer wieder, wie Gott eingreift, um Menschen zu retten. Und die Geschichte des Volkes Israel, das nach vierhundertjähriger Sklaverei in die Freiheit geführt wird, fasziniert mich schon lange: Gott hat die Israeliten aus Unterdrückung und Erniedrigung befreit.
Einfach so. Weil er es wollte. Weil er es geplant hatte. Weil er sich dieses Volk erwählt hatte.
Er hat das nicht getan, weil sie besonders toll gewesen wären. Sondern weil er sie lieb hatte! Weil er nicht wollte, dass sie weiterhin einem Pharao Denkmäler bauen.
Um aus der Sklaverei in die Freiheit zu gelangen, brauchte das Volk Israel lediglich Folgendes zu tun: ein Lamm schlachten, das Blut an die Türbalken streichen und warten, bis Gott in dieser Nacht den Marschbefehl gab.
In den letzten Jahren habe ich mir oft die Frage gestellt: Bin ich eine Sklavin? Und wenn ja, wer ist mein Pharao? Wem baue ich Pyramiden, und wozu tue ich das?
Ich fragte Gott, wie er sich ein Leben in Gemeinschaft mit mir vorstellt. Parallel dazu absolvierte ich eine Coaching-Ausbildung, lernte meine Persönlichkeit und mein Innerstes kennen. Dabei erschrak ich vor so manchen Gedanken, die aus meinem Unbewussten an die Oberfläche stiegen. Ich entdeckte Lebensmuster, die ich mir gestrickt hatte und die mich einengten.
Allmählich begann ich, mich äußerlich zu befreien: Ich entfernte mich von Menschen, die ihren christlichen Glauben gesetzlich-religiös, aber kraftlos lebten. Denn ich wollte mehr – ich war nicht bereit, noch länger in diesem Zustand zu verharren. Ich hörte auf, meine Arbeitskraft in christlichen Organisationen zu verbrauchen, in denen chronische Erschöpfung und Überstunden ein Zeichen besonderen Gesalbtseins darstellten.
Langsam, aber stetig löste ich mich von Bindungen, Ketten und Fesseln. Während ich Abendmahl feierte, strich ich in Gedanken das Blut von Jesus an die Türbalken meines Herzens. Ich bat ihn, die Türe zu entriegeln und meine Augen für seine Freiheit zu öffnen.
Und er hat mich erhört, denn ich bin tatsächlich meinem himmlischen Vater begegnet. Dem, der mir zugesagt hat: Wenn du mich von ganzem Herzen suchst, dann findest du mich (siehe Jeremia 29,13-14).
Eines Tages habe ich mich mit einer wunderbaren, weisen Frau unterhalten. Nachdem sie meine Fragen über Gott und meine Sehnsucht nach echter Freiheit angehört hatte, nahm sie mich in den Arm und betete Gottes Shalom1 in mich hinein. Göttliche Vollkommenheit, Liebe, Frieden, Stärke und Mut.
Und während mein Kopf an ihrer Schulter ruht und die Tränen ungehindert fließen, komme ich endlich nach Hause. Nach Hause zu meinem Vater, meinem Schöpfer, dem Gott, der mein Leben erdacht hat, der jedes Haar auf meinem Kopf kennt, jede Regung, jeden Gedanken, jede Träne, jedes Lachen. Dem Gott, der mich mit zärtlicher Liebe liebt und der sich so sehr wünscht, dass ich ihn in Freiheit liebe. Dem Gott, der in Jesus bereits die Türe geöffnet hat, mich in die Freiheit entlassen hat. Dem Gott, der mir zu Beginn der Schöpfung und beim Tod von Jesus am Kreuz zugerufen hat: »Es ist alles vollendet – vollbracht – fertig. Du brauchst nichts mehr zu tun.« Dem Gott, der mir durch Jesus Vollkommenheit geschenkt hat.
Ich bin sein Kind. Er ist mein Vater. Bei ihm muss ich keine Leistung nachweisen, keine Gebetsrekorde aufstellen, nicht besonders lieb und nett sein. Sondern bei ihm darf ich mich endlich fallen lassen – sein, leben, lieben. Ich darf mich von seiner behutsamen Hand verändern lassen. Vertrauen. Glauben. Hoffen.
Hier darf ich meinen Sehnsüchten und Träumen auf die Spur kommen, sie ohne Angst vor Neid ausleben. Ich darf ein bisschen verrückt sein, Ideen spinnen, neue Wege ausprobieren. Dieses Zuhause ist ein Ort, an dem Sorgen keinen Platz haben, Neid nicht gehört wird und Angst Hausverbot bekommt. Es ist ein Ort vollkommener Schönheit, Liebe und Ermutigung.
Der Weg nach Hause war mein Weg in eine Freiheit, die mein ganzes Leben verändert hat.
Meine neu gewonnene Freiheit macht mich stark, Stürme im Leben auszuhalten. Sie macht mich mutig, meinen Weg zu gehen, auch wenn Menschen irritiert fragen, warum ich nicht tue, was alle tun.
Diese Freiheit lässt mein Herz übersprudeln vor Liebe zu meinem Schöpfer und Erlöser. Ich muss nichts tun – er hat alles getan.
Warum dieses Buch?
Weil ich seit einigen Jahren in Vorträgen und Seminaren meine Geschichte erzähle. Ich berichte von den Narben, die mir die frommen Traditionen zugefügt haben, und entdecke, dass Menschen mir daraufhin ihre eigenen Wunden zeigen. So viele Christen sind gefangen in einer christlichen Religion und wissen doch nichts von der Liebe Gottes, ihres Vaters, und von der Freiheit eines Lebens in Christus.
Oft kommen nach meinen Vorträgen Menschen auf mich zu und sagen: »Dass Sie sich trauen, so zu leben!« – »Ich hätte auch gerne den Mut, Menschen, die mir nicht guttun, zu verlassen!« – »Ich sehne mich so nach Freiheit!«
Es waren solche Aussagen und Gespräche mit vielen Menschen, die mich dazu ermutigt haben, dieses Buch zu schreiben.
Ich erinnere mich an ein Frauenevent. Wir wollten gerade starten, da ging die Türe auf und eine große Anzahl geistig und körperlich behinderter Menschen kam in den Saal. Manche wurden in Rollstühlen geschoben, andere konnten selbst laufen. Es herrschte eine große Unruhe und ich fragte mich: Werde ich diesen Menschen etwas zu sagen haben?
Ich sprach über den Neuen Bund, Gottes Liebe zu uns, und redete darüber, dass wir in Gottes Augen wertvoll sind – ohne eigene Leistung, ohne etwas tun, einfach weil wir sind.
Am Ende der Veranstaltung rollte eine junge, geistig behinderte Frau auf mich zu. Ich musste mich sehr anstrengen, um sie zu verstehen. Sie fragte mich, ob sie meine Notizen haben könnte: Sie würde so gerne nochmals nachlesen, was ich gesagt habe.
Und dann drückte sie meine beiden Hände und bedankte sich überschwänglich und mit Tränen in den Augen. Ein ums andere Mal wiederholte sie: »Das habe ich heute gebraucht. Ich bin wertvoll, auch wenn ich nichts tun kann!«
Diese Begegnung hat mich tief beeindruckt. Und ich möchte erzählen, wie ich selbst zu dieser Erkenntnis gelangt bin.
Im Grunde handelt sich dabei gar nicht um meine Geschichte. Sondern um die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Gott wünscht sich Intimität, Gemeinschaft und Freiheit für uns und mit uns. Er hält so viel mehr für uns bereit: vollkommenes Leben. Ewiges Leben, das bereits auf dieser Erde beginnt.
Viele Jahre hat mein Verstand das gewusst, aber mein Herz hat es trotzdem nicht gespürt. Seitdem ich jedoch begriffen habe, dass Gott in Christus wirklich alles für mich getan hat, wächst die Erkenntnis, dass mein Leben zutiefst von Gottes Liebe lebt.
Ich bin frei – weil Jesus alles für mich getan hat. Weil er mich frei gemacht hat von mir selbst, von Sünde, von Angst und Sorgen, von Neid und allem, was mich davon abhalten will, Gott mein Vertrauen zu schenken.
Und ich bleibe frei – denn nichts und niemand kann mich von Gottes Liebe trennen.
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1. Freiheit – von Anfang an
Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
2. Korinther 3,17
Ich sitze am Steuer meines Autos. Meine Augen tränen, meine Nase läuft, ich bekomme schwer Luft. Draußen explodiert die Natur in frühlingshaften Farben, der Duft von Blüten liegt in der Luft, jemand hat den Rasen gemäht – ich liebe diesen Geruch.
Aber ich ertrage ihn nicht. Von Jugend an leide ich an Heuschnupfen. Jedes Jahr dieselbe Tortur: Kaum erwacht die Natur nach einem langen Winter, schlucke ich Tabletten, gehe selten aus dem Haus, und wenn, dann nur mit etlichen Päckchen Taschentüchern bewaffnet.
Ich habe mich daran gewöhnt – das ist eben so. In meiner Verwandtschaft scheint das normal zu sein, ich habe es wohl geerbt. Und immer öfter bekomme ich zu hören: »Eines Tages wird aus diesem Heuschnupfen Asthma. Das wird bei dir nicht anders sein. Das ist der normale Weg.«
Doch heute ist etwas anders. Ich rieche den Frühling, meine tränenden Augen können sich nicht sattsehen an den unglaublichen Farben von Sträuchern und Bäumen. In mir erwacht eine Sehnsucht nach dem Paradies.
Gottes Schöpfung – ein Fest für alle Sinne – war doch nicht dazu gedacht, dass ich mich mit verweinten Augen und triefender Nase ins sichere Haus zurückziehe. Je mehr ich über Gott nachdenke, über seine Größe und Kreativität, umso wütender werde ich. Wer ist verantwortlich dafür, dass ich Gottes Schöpfung nicht genießen kann? Wem kann ich die Schuld dafür geben?
Na klar, dem Teufel natürlich. Ich lebe in einer gefallenen Welt, in einer Welt voller Schuld und Leid. In einer Welt, die dem Tod preisgegeben ist, die eines Tages zu Ende sein wird. Also ist er schuld an meinem Elend.
Noch während ich diese Gedanken weiterverfolge, schiebt sich eine neue Erkenntnis in meinen Geist und mein Gehirn: Die Bibel sagt, ich bin frei – frei von Schuld, frei von Krankheit, befreit zum Leben. Durch die Wunden von Jesus bin ich geheilt (siehe 1. Petrus 2,24)! Mir gehört ein Leben in Fülle – nicht ein Leben im sicheren Versteck vor Blüten und Pollen.
Wenn das stimmt, dann hat das Auswirkungen auf meine triefende Nase und meine brennenden Augen.
Ich sitze immer noch am Steuer meines Autos. Doch meine Sehnsucht bricht sich Bahn. Ich will leben, und ich habe es satt, dass einer versucht, mich an diesem Leben zu hindern!
Deshalb rufe ich laut: »Lass mich in Ruhe, Teufel, du hast keine Macht über mich. Gott hat mir ein Leben im Überfluss versprochen. Und ich habe es so satt, dass du mich daran hinderst, meinen Schöpfer und seine Schöpfung zu genießen. Schluss jetzt! Verschwinde und komm nie wieder! Ab jetzt werde ich die Natur genießen, ich werde durchatmen, riechen, schmecken und sehen, wie toll mein Gott ist.«
Inzwischen laufen mir Tränen über die Wangen. Ich fühle mich erschöpft, leer und gleichzeitig befreit und voller Hoffnung. Dass andere Autofahrer irritiert zu mir herschauen, nehme ich nur am Rande wahr.
Als ich zu Hause aus dem Auto steige, habe ich den Eindruck, in ein neues Leben zu treten. Tastend und vorsichtig stehe ich von nun an jeden Morgen auf. Ich höre auf, mich auf meine Tabletten und Augentropfen zu verlassen. Stattdessen bete ich meinen Schöpfer an. Ich lebe, als ob ich frei wäre. Und langsam, aber stetig begreife ich: Ich bin frei.
Sieben Jahre ist das nun her. Heute lebe ich ohne Tabletten und ohne Heuschnupfen. Ich begrüße den Frühling nach jedem Winter stürmisch. Wie ein kleines Kind rieche ich am Flieder, an Kirschblüten, an allen möglichen Sträuchern und Blumen. Als ich letztes Jahr am Comer See war, habe ich eine Nacht mitten im berauschenden Duft des Jasmins verbracht. Ich hole nach, was mir all die Jahre geraubt wurde. Und ich liebe meinen Schöpfer und himmlischen Vater noch viel mehr – seit ich seine Freiheit buchstäblich übergestreift habe.
Gott ist Freiheit
Gott ist frei in seinem Denken, Fühlen und Handeln. Er ist der Schöpfer des Universums, der seine Schöpfung genießen kann, sich freut an dem, was er tut. Gott ist frei – zu schaffen und zu ruhen. Die ersten Verse in der Bibel zeichnen das Bild eines gewaltigen und freien Gottes.
Doch mitten in seinem Schaffensprozess schlägt der Blitz ein. Gott erschafft Himmel und Erde. Aber das Ergebnis ist Wüste, Einöde, Leere und Finsternis. Jemand scheint dazwischengefunkt zu haben. Jemand hat etwas gegen Schönheit, Reichtum, Glanz, Fülle und Pracht. Jemand sucht den Schönheitsfehler. Jemand hält nichts von Kreativität in Freiheit.
Der Feind unserer Freiheit
Lese ich die ganze Bibel, finde ich denjenigen, der offenbar zwischen 1. Mose 1,1 und 1. Mose 1,2 tätig gewesen ist: Der Engel Luzifer, einer der mächtigen Engel im vordersten Hofstaat Gottes, beansprucht dieselbe Macht, denselben Glanz, dieselbe Ehrerbietung, wie sie nur dem Schöpfer gebührt. Mit einer Armee von Engeln will er Gott den Thron streitig machen und stürzt schließlich vom Himmel (siehe Jesaja 14,12).
Er kann nur verlieren. Aber die Konsequenzen seiner Tat sind erschütternd: Die Erde wird wüst und leer, in den Tiefen des Universums herrscht Finsternis. Tiefe Dunkelheit. Einöde und Inhaltslosigkeit. Da ist nichts zum Freuen, nichts zum Genießen.
Der Teufel, auf Griechisch diabolos – Durcheinanderbringer – und Hebräisch satan – Gegner, Widersacher –, ist das genaue Gegenteil Gottes. Gott will Schönheit, der Teufel will Zerstörung und Chaos. Gott will Frieden, der Teufel Krieg. Gott will das Gute, der Teufel das Böse. Laut Offenbarung 12,9 hat sich der Teufel zum Ziel gesetzt, die gesamte Menschheit zu verführen: weg von Gott, hin zu ihm und seinem Reich. Er ist die chaotische Gegenmacht zu Gottes Plan.2
Es wäre allerdings zu offensichtlich, wenn der Teufel der Menschheit sagen würde: »Ich will Böses und Schlechtes.« Und darum hat er sich eine perfide Taktik ausgedacht: Er ahmt Gott nach. Er verkauft Böses für Gutes, Krieg für Frieden, Chaos für Schönheit.
Warum gibt es ihn eigentlich? Wenn Gott doch allmächtig ist, warum gibt es dann einen Teufel? Hätte Gott das nicht verhindern können? Eine Welt schaffen können ohne Teufel, ohne Böses, ohne Grausamkeit und Kriege, ohne Viren und Krankheiten?
Selbstverständlich hätte die Allmacht Gottes das zuwege gebracht. Seine Liebe aber möchte Gegenliebe als Antwort. Wir führen keine Zwangsehe mit einem Gott, der uns keine andere Wahl lässt. Die Bibel redet davon, dass es am Ende der Zeiten eine Hochzeit geben wird: Jesus, der Sohn Gottes, feiert Hochzeit mit seiner Braut, der Gemeinde – jedem Einzelnen von uns, dessen Leben Jesus gehört.
Eine Eheschließung ist ein freiwilliger Akt. Auch auf dem Standesamt wird man gefragt, ob man aus freien Stücken hier ist.
Gott möchte, dass wir seine Liebe nicht aus Zwang, sondern freiwillig erwidern.
Wie reagiert Gott?
Wusste der allmächtige Gott, dass der Satan ihm in seine Schöpfung hineinpfuschen würde? Wusste er schon im Voraus, dass sich ein Engel aus seinem engsten Hofstaat gegen ihn auflehnen würde?
Ich gehe davon aus. Gott rechnet durchaus mit dem Bösen. Es überrascht ihn nicht. Gott hat auch schon vorher gewusst, dass es im Jahr 2020 eine Pandemie geben wird, die über die ganze Erde wüten wird.
Aber der Teufel kann Gottes Absichten und Pläne nicht aufhalten. Der Plan, den Gott vor Grundlegung dieser Welt gefasst hat, steht. Sein Vorhaben, diese Welt zu ihrem großartigen Ziel zu führen, begann vor Ewigkeiten und geht auf in Ewigkeit.
Deshalb spricht Gott erneut. Gott lässt sich seine Freiheit und Souveränität nicht nehmen. Er lässt sich vom Satan nicht in die Knie zwingen.
In einem gewaltigen Schöpfungsakt wird Gottes unermessliche Kreativität deutlich: Gott erschafft das Licht, Tag und Nacht, Wasser und trockenes Land, Bäume, Sträucher, Blumen, Kräuter, Gras, Sonne, Mond und Sterne, Fische, Vögel sowie alle übrigen Tiere.
Und am Ende das i-Tüpfelchen: der Mensch, geschaffen nach dem Bild Gottes. Ein Wesen, das nach der Art des Schöpfers kommt. Ganz der Papa. Der gesegnete Mensch, der in Freiheit vor Gott leben darf.
Die Freiheit der ersten Menschen
Die ersten beiden Menschen, Adam, der Erdling, und Eva, die Lebenspendende, führen ein Leben in völliger Freiheit. Sie werden nicht krank, kennen kein Unkraut, kein schlechtes Wetter, keinen Stress, keinen Streit.
Als Gott den beiden mit auf den Weg gibt, sie dürften die Früchte eines gewissen Baumes nicht essen, sonst würden sie sterben, da schauen sich die beiden vermutlich an und fragen: »Was ist Sterben?«
Für Adam und Eva existiert nur das Gute im Leben: Überfluss, Genuss, Zeit, Gelassenheit, Frieden und Liebe. Sie leben in vollkommener Gemeinschaft mit ihrem Schöpfer, verbringen mit ihm ihren Feierabend. Im Sandkasten ihres Paradieses schlagen sie sich nicht gegenseitig die Köpfe ein, weil der eine etwas hat, was der andere gerne hätte. Sie kennen keinen Neid, kein Vergleichen.
Sie tun genau das, was Gott ihnen aufgetragen hat: Sie bebauen das Paradies, arbeiten mit ihren Händen, herrschen über die Tiere, geben ihnen Namen – was bedeutet, sie zähmen sie, leben friedlich mit ihnen zusammen. Löwen und Bären jagen ihnen keine Angst ein, deshalb bauen sie keine Elektrozäune und legen kein Rattengift aus.
Adam und Eva kennen keine Scham – weder vor Gott noch voreinander. Sie lieben Gott, sich selbst und ihren Partner. Sie schämen sich nicht für ihre Gefühle und Gedanken. Sie sagen, was sie denken, und sie meinen, was sie sagen. Ihr Leben besteht aus Wahrheit und Klarheit. Adam muss nicht erraten, was im Kopf seiner Eva vor sich geht. Und die wiederum leidet nicht darunter, dass er sie anscheinend nicht versteht. Ihre Beziehung funktioniert. Weshalb?
Weil sie die DNA ihres Schöpfers in sich tragen: Freiheit im Denken, Fühlen und Handeln.
Die Freiheit, innezuhalten
In grenzenloser Freiheit hat Gott Unglaubliches erschaffen: Tiere und Pflanzen in unendlicher Farbenpracht und Vielfalt. Und dann den Menschen mit einer bis ins Kleinste ausgeklügelten Anatomie und Physiologie: Gelenke und Bänder, Muskeln und Sehnen, Nerven und Blutgefäße.
Ich erinnere mich an meine erste Operation, bei der ich als Krankenpflegeschülerin zuschauen durfte. Ich war fasziniert von der Präzision und Ordnung, die in einem menschlichen Körper herrscht. Kein Arzt der Welt käme auf die Idee, die Leber von rechts nach links zu verlegen oder die Nase am Kinn zu befestigen. Denn der Mensch ist ein Wunder der Schönheit und der Anatomie.
Plötzlich hört Gott auf mit Schaffen. Jeder Coach würde ihm heute raten: »Du bist doch gerade mitten im Flow. Mach weiter, da kommt bestimmt noch mehr Gutes dabei raus.«
Aber Gott hört auf. Am siebten Tag ruht er von seinen Werken. Das Verb, das Luther hier mit ruhen übersetzt, heißt shabbat – aufhören, ruhen, beenden.
Gott weiß, wann es Zeit ist, zu handeln, und wann es Zeit ist, aufzuhören.
Dasselbe Verb finden wir ein paar Kapitel weiter nach der Sintflut wieder: »Solange die Erde steht, soll nicht aufhören (shabbat) Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht« (1. Mose 8,22; LUT). Die Natur wird nicht innehalten, sie bekommt keinen Sabbat. Die Jahreszeiten und das richtige Klima für Saat und Ernte bleiben bestehen.
Gott hat die Freiheit, etwas zu beginnen, und die Freiheit, aufzuhören, zu ruhen, etwas zu lassen. Und genau diese Möglichkeit hat er uns Menschen ebenfalls geschenkt.
Der siebte Tag wird in besonderer Weise von Gott gesegnet und geheiligt. Es ist nicht der sechste Tag, der besonders hervorgehoben wird – nicht die Erschaffung des Menschen, sondern der Tag des Nichts-Tuns.
Und genau daran scheiden sich bis heute die Geister. Nach der Sintflut hat Gott über die Natur einen Nicht-Sabbat verhängt: Der Kreislauf der Jahreszeiten und von Saat und Ernte wird bis auf Weiteres nicht gestoppt.
Aber der Mensch, allen voran das Volk Israel, bekommt die Anweisung, alle sieben Jahre ein Sabbatjahr einzulegen: »Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln, aber im siebenten Jahr soll das Land dem Herrn einen feierlichen Sabbat halten; da sollst du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden« (3. Mose 25,3-4; LUT).
Die Menschen sollen dem Boden, den sie bearbeiten, eine Ruhepause gönnen. Und natürlich auch sich selbst. Dabei sollen sie erleben, dass Gott sie versorgt, obwohl sie nicht arbeiten.
Wenn Gott das Sabbatjahr einfordert, höre ich dahinter seine große Frage: »Du, Mensch, bist du so frei, dass du mir vertraust? Vertraust du mir, dass ich dich auf übernatürliche Weise versorge, auch wenn du nichts tust?«
Der Sabbat ist der Inbegriff von Freiheit: Ich tue nichts, weil ich weiß, dass ich nichts tun kann. Ich verlasse mich nicht auf meine menschliche Stärke, meine Intelligenz und meine Kraft. Sondern ich vertraue einzig und allein auf meinen Gott. Ich habe die Freiheit, aufzuhören, wenn es am schönsten ist. (Später werden wir noch näher auf dieses Thema eingehen.)
Freiheit in Grenzen – verbunden mit Verantwortung
Die ersten Menschen leben in völliger Freiheit – und doch ist diese Freiheit begrenzt. Rings um ihr Paradies3 gibt es einen Zaun. Und es gibt ein großes ABER: Sie dürfen alles, mit Ausnahme einer einzigen Sache: Ein Baum mitten in ihrem Paradies ist tabu.
Der freie Gott schenkt den ersten beiden Menschen, die mit seiner DNA auf die Welt gekommen sind, Freiheit: Sie sind frei, zu gehorchen, und frei, schuldig zu werden.
Außerdem bekommen sie den Auftrag, über Land und Tiere zu herrschen: Macht euch das Land, die Erde untertan. Der Garten soll bearbeitet und geschützt werden. Die beiden Menschen sind verantwortlich dafür, was in ihrem Paradies geschieht.
Der Mensch ist ausgestattet mit göttlicher Autorität.
Das hebräische Wort kabasch (1. Mose 1,28), das Luther mit untertan machen übersetzt, meint im wörtlichen Sinne: »(Kultur-)Land in Besitz nehmen, unterwerfen, bändigen, versklaven, mit der Machete einen Weg schlagen«.
An den wenigen Parallelstellen im Alten Testament findet sich kabasch immer dann, wenn das Volk Israel andere Völker unterjocht oder selbst von Feinden unterworfen wird. In Micha 7,19 ist es Gott selbst, der unsere Sünden niedertritt (siehe ELB).
Im Hebräischen hat jeder einzelne Buchstabe eines Wortes eine eigene Bedeutung. So kommt man bei der Wortbedeutung von kabasch auf Folgendes:
Kaf steht für Schutz, die Hand reichen, halten, aber auch für Unterordnung unter eine größere Macht und Demut.
Bet steht für Haus, Familie und Wohnen. Das Judentum lehrt: Am Anfang, als Gott die Welt erschuf, wünschte er sich ein Heim, ein Zuhause, in dem er mit seinen Menschen zusammen sein konnte in inniger Intimität.
Schin steht für Zähne, das heißt für Stärke, aber auch für einen Menschen, der seine Taten sorgfältig »wiederkäut« – also erst einmal abwägt und nicht einfach drauflosstürmt.
So könnte man das hebräische Wort kabasch übersetzen mit: »in Demut und Stärke, in Unterordnung und göttlicher Autorität ein Zuhause bauen, in dem sich Gott, Menschen und Tiere zu Hause wissen und sicher und in Freiheit leben können«.
Der Mensch soll ein Zuhause schaffen für Gott, sich selbst und die Natur. Einen Ort der Gemeinschaft.
Als Christen sind wir – jeder Einzelne – ein Zuhause für Christus. Jesus selbst wohnt in uns. Christus nimmt Wohnung in uns, und wir lieben ihn in Freiheit.
Neben dem oben beschriebenen Wort kabasch findet sich in der Schöpfungsgeschichte auch noch das Wort rada, das Luther mit herrschen übersetzt. Wörtlich bedeutet rada jedoch, seine Füße auf etwas stellen.
In Psalm 8,7 heißt es beispielsweise: »Du hast ihn [den Menschen] als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße …« (EÜ).
Und in 1. Könige 5,17 sagt Salomo: »Du weißt, dass mein Vater David nicht ein Haus bauen konnte dem Namen des Herrn, seines Gottes, um des Krieges willen, der um ihn her war, bis der Herr seine Feinde unter seine Füße gab« (LUT).
Wie wir Menschen über die Erde herrschen sollen, wird im Neuen Testament deutlich: »Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene« (Matthäus 20,25-28; LUT).
Herrschen beinhaltet also gleichzeitig einen Hirtenauftrag: Hirte sein in göttlicher Autorität. Diese Verbindung finden wir in der Bibel immer wieder. Israels Könige sollten in Demut über das Volk wachen. Und Jesus selbst ist der gute Hirte, der seine Schafe führt und schützt und sie zugleich als König regiert. Herrschen geht – nach Gottes Vorstellung – nur in Kombination mit Hirte sein.
In Christus sind wir Hirten und Herrscher. Weil er in uns lebt, wir ihm ein Zuhause geben, haben wir göttliche Autorität.
Freiheit in der Beziehung von Mann und Frau
Im Paradies gibt es Freiheit, göttliche Freiheit, die keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern kennt. Mann und Frau bekommen denselben Auftrag und können ihn nur gemeinsam ausführen.
Ich erinnere mich an den Beginn meiner Ehe. Mein Mann und ich waren beide ausgebildete Pastoren, wir predigten beide – und wir sahen uns gegenseitig als Konkurrenten: Wer predigte besser? Wer bekam mehr Anerkennung, mehr Gelegenheiten? Wer hatte die ausgefeiltere Exegese vorzuweisen, wer das bessere Konzept?
Das führte unweigerlich zu Spannungen. Konflikte waren vorprogrammiert.
Irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich mich fragte: Ist das, was wir hier leben, das biblische Konzept einer Ehe?
Die Antwort war mir schnell klar: Nein, das kann Gott sich nicht so gedacht haben. Ehe ist doch nicht Krieg, Gegeneinander, Konkurrenz!
Ich brachte meine Sicht von Ehe, meine Verletzungen und meine Verwirrung zu Gott. Und ich bat ihn, mir zu zeigen, wie er sich die Ehe vorgestellt hatte.
Da stieß ich auf einen interessanten Aspekt.
In 1. Mose 2,18 sagt Gott, dass es nicht gut sei, dass der Mensch (Adam) alleine ist. Und er nimmt sich vor, ihm eine Partnerin zur Seite zu stellen, die ihm eine Hilfe sei. In älteren Lutherbibeln findet sich an diesem Punkt das Wort Gehilfin, und genau das ist irreführend.
Später betont Paulus ja im Neuen Testament, dass die Frauen sich ihren Männern unterordnen sollen.
Da ich von einer frommen Erziehung geprägt war, riefen das Wort Gehilfin und Paulus’ Mahnung bei mir folgendes Bild hervor: Eine unterwürfige, äußerlich fromm erscheinende, viele Kinder gebärende Frau entlässt ihren Mann morgens betend zur Arbeit und empfängt ihn abends mit einem guten Essen. Sie fragt ihn nach seinem Tag, lässt ihn ausruhen, hält die Wohnung sauber – und begräbt dabei demütig ihre eigenen Träume.
Hat Eva so gelebt?
Während ich mich intensiver mit der Geschichte von der Erschaffung der Menschen beschäftige, wird mir klar: Nein, so war es nicht.
Ich wandere mit Adam und Eva durch den Garten Eden und stelle fest: Beide sind gleichwertig. Vor Gott gibt es keinen Unterschied. Gott überträgt nicht Adam den Herrschaftsauftrag, und Eva soll die Wäsche bügeln. Nein, Mann und Frau bekommen gemeinsam den Auftrag, den Garten zu bebauen und zu bewahren.
Sogar Paulus erklärt im Neuen Testament: »Hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus« (Galater 3,28; LUT 1984).
Das hebräische Wort ezer, das Luther irrigerweise mit Gehilfin übersetzt hat, bedeutet Hilfe. Und es wird an vielen anderen Stellen für die Hilfe Gottes gebraucht:
»Unsre Seele harrt auf den Herrn; er ist uns Hilfe [ezer] und Schild« (Psalm 33,20; LUT).
»Ich aber bin elend und arm; Gott, eile zu mir! Du bist mein Helfer [ezer] und Erretter; Herr, säume nicht!« (Psalm 70,6; LUT).
»Vernichtet hat dich, Israel, dass du gegen mich bist, gegen dein Heil [ezer]« (Hosea 13,9; LUT).
Offensichtlich versteht Gott also unter der weiblichen Berufung »eine Hilfe sein« etwas völlig anderes, als Tradition und (Kirchen-)Geschichte daraus gemacht haben.
Deshalb betonen mein Mann und ich heute nicht mehr die Unterschiedlichkeiten von Mann und Frau, sondern die Gemeinsamkeiten. Wir beten gemeinsam, treten gemeinsam vor den Thron Gottes, feiern gemeinsam Abendmahl, salben uns gegenseitig für den göttlichen Auftrag, unterstützen einander und ermahnen uns gegenseitig, wenn wir im Begriff sind, zum Baum der Erkenntnis vorzudringen, statt am Baum des Lebens zu bleiben.
Vor diesem Hintergrund ist die größte Wiederherstellung, auf die wir warten, die Versöhnung der Geschlechter. Wenn Mann und Frau Seite an Seite diesen göttlichen Hirten- und Herrscher-Auftrag annehmen und ausüben, wird aus dem Herrschen kein Zerstören, sondern Heilung und Versöhnung. Wenn Mann und Frau gemeinsam aufstehen und Gott anbeten, wird der Raum für Versuchung immer kleiner. Wenn Mann und Frau gemeinsam ihren Auftrag erfüllen, gibt es keinen Platz für die Schlange.
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2. Freiheit in Gefahr
Wer zu ihm aufschaut, der strahlt vor Freude, und sein Vertrauen wird nie enttäuscht.
Psalm 34,6
August 1994 in einem afrikanischen Touristencamp im Krüger-Nationalpark in Südafrika. Durch anhaltende laute Schreie wird eine kleine Studentengruppe geweckt. Mit dabei – mein Mann. Noch ahnt niemand die Ursache der Panik.
Gestern Abend war noch alles in Ordnung. Nach einem aufregenden Tag auf Safari ist die Gruppe am Abend im Camp angekommen.
Abendessen und ein Spaziergang durch das kniehohe Gras im Camp beschließen einen wundervollen Tag. Die Stille wird nur durch das Brüllen der Löwen und das Heulen der Hyänen unterbrochen. Der Himmel scheint irgendwie höher und weiter zu sein, die Sterne leuchten heller, und die Sichel des Mondes liegt hier auf der Südhalbkugel wie eine Obstschale am Himmel. Schließlich ziehen sich alle in ihre Hütten zurück und fallen in einen tiefen Schlaf.
Der wird am Morgen jäh unterbrochen. Die panischen Schreie des Campverwalters gehen durch Mark und Bein. Schnell ist allen Safari-Teilnehmern klar, dass etwas Schlimmes geschehen ist.
Einige Wortfetzen dringen in die Hütten, aus denen hervorgeht: Eine Schlange scheint heute Nacht in das Camp eingedrungen zu sein. Der Campverwalter ist drauf und dran, die Flucht zu ergreifen. Alle Studenten bleiben in ihren Hütten. Keiner wagt sich nach draußen.
Nach endlosen Minuten taucht ein Ranger mit einer Lebendfalle auf. Und es gelingt ihm, die Schlange einzufangen. Erst später erfährt mein Mann, dass es sich um eine grüne Mamba gehandelt hat, deren Biss tödlich ist.
Wenn mein Mann diese Geschichte in unserer Familie erzählt, lauschen wir auch heute noch voller Begeisterung und Spannung. Und immer drängt sich am Ende die Frage auf: Wie konnte diese giftige Schlange ins Camp gelangen?
Mein Mann erklärt dann, dass dieses Camp durch einen einfachen Maschendrahtzaun gesichert war. Eine große Würgeschlange hätte nicht hindurchgepasst, aber für diese relativ kleine Schlange war der Zaun kein Hindernis.
Auftritt der Schlange
Adam und Eva haben es gut im Paradies. Sie können alles genießen und das tun sie auch. Kein Gedanke an die beiden Bäume in der Mitte des Gartens. Vom Baum des Lebens dürften sie eigentlich essen. Hier gilt das Verbot nicht.
Aber sie tun es nicht. Sie laufen offenbar täglich daran vorbei, ohne auf die Idee zu kommen, die Früchte abzupflücken und zu essen. Sie haben kein Bedürfnis danach, weil sie buchstäblich im Überfluss leben.
Die Sehnsucht nach dem Verbotenen erwacht erst, als die Schlange das Paradies betritt.
Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, gibt es da eine Schlange im Garten Eden. Aber kein Campverwalter bricht in panisches Geschrei aus. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Eva wirkt nicht einmal erschrocken. Sie fragt nicht: »Was machst du hier? Hau ab!«
Das dritte Kapitel des ersten Mose-Buches beginnt ganz unspektakulär mit dem Hinweis, dass die Schlange charum war – listiger, schlauer, gerissener, klüger und scharfsinniger als alle anderen Feldtiere. Der hebräische Begriff wird in anderen biblischen Büchern mehrheitlich positiv gebraucht. Nur an wenigen Stellen bedeutet charum raffiniert.
War die Schlange also schon vorher im Paradies? Lebte sie mit Adam und Eva zusammen? Gehörte sie zu den Tieren, denen Adam einen Namen gegeben hatte? Die er gezähmt hatte?
Wer ist die Schlange?
Viele Theologen sind der Meinung, die Schlange sei einfach eine Schlange gewesen – das klügste und raffinierteste unter allen Tieren.
Dem widersprechen nach meiner Auffassung mehrere Bibelstellen:
* Gott schickt dem Volk Israel giftige Schlangen, weil sie ihm ungehorsam sind. Erst, als Mose das Denkmal einer Schlange aus Bronze aufstellt, können die Menschen dem Tod entgehen (siehe 4. Mose 21,6-9).
* Oder Jesaja 27 – die Vision, dass Gott eines Tages endgültig über das Böse triumphieren wird: »An jenem Tag wird der Herr mit seinem harten, großen und starken Schwert heimsuchen den Leviatan, die flüchtige Schlange, und den Leviatan, die gewundene Schlange, und wird das Ungeheuer erschlagen, das im Meer ist« (Jesaja 27,1; ELB).
* Der prophetische Hinweis auf das letzte Buch der Bibel, das den Schleier lüftet. In Offenbarung 20,2 sieht Johannes: »Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre« (ELB).
Die Schlange erscheint als Sinnbild für den Erzfeind Gottes. Spätestens als sie den Mund aufmacht und den ersten Satz an Eva richtet, wird klar, wer aus diesem Körper spricht. »Ja, sollte Gott gesagt haben …?« (1. Mose 3,1; LUT).
Die Freiheit, die Gott dem Menschen in Verbindung mit Gehorsam angeboten hat, gerät an diesem Punkt gefährlich ins Wanken.
Je länger ich mich in die Geschichte von Adam und Eva vertiefe, umso unwichtiger werden manche Fragen: Warum kam die Schlange ins Paradies? Warum hat Gott ausgerechnet in der Mitte des Gartens einen verbotenen Baum gepflanzt?
Die eigentliche Frage ist doch:
Warum haben Adam und Eva Gott nicht vertraut?
Göttliche Freiheit wird uns nicht aufgezwungen. Von den ersten bis zu den letzten Seiten der Bibel zieht sich dieser Dreiklang durch: Freiheit – Freiwilligkeit – Vertrauen. Zahlreiche Geschichten illustrieren das:
* Noah, der eine Arche bauen soll. Im Gehorsam Gott gegenüber, freiwillig und vertrauend, baut er das Riesenschiff und fährt damit in die Freiheit.
* Abraham, der den Auftrag bekommt, sein Vaterland zu verlassen. Freiwillig und im Vertrauen auf Gott entdeckt er das Land Kanaan, in dem seine Nachkommen in Freiheit leben sollen.
* Mose – der Draufgänger, der zunächst alles selbst in die Hand nimmt. Als er seinem Gott im brennenden Dornbusch begegnet, macht er sich freiwillig und im Gehorsam auf nach Ägypten. Auch als sich später manches zum Schlechten wendet – Mose vertraut seinem Gott und führt sein Volk in die Freiheit.
* Ich könnte noch weitere Personen aufzählen: David, Jeremia, Hiskia, Ruth, Maria, Petrus, Paulus …
Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie lebten ein Leben in göttlicher Freiheit, weil sie Gott gehorchten und ihm vertrauten – freiwillig, aus Liebe.
Warum haben Adam und Eva Gott nicht vetraut? Warum hatten gerade die ersten Menschen solch ein Misstrauen? Sie lebten doch so eng mit Gott zusammen. Sie hatten erfahren, dass Gott ihnen alles schenkte, was sie nötig hatten, und noch viel mehr. Leben im Überfluss.
Schon als ich diese Geschichte vor vielen Jahren in der Jungschar gehört habe, schoss mir durch den Kopf: Wäre ich Eva gewesen, ich hätte niemals vom Baum der Erkenntniss gegessen.
Dieser Gedanke war verbunden mit einer tiefen Sehnsucht: Einmal das Paradies erleben, einmal wissen, wie das Leben für Eva und Adam gewesen ist. Diese tiefe Gemeinschaft mit Gott spüren – gestillte Sehnsucht, Vollkommenheit.
»Ihr werdet sein wie Gott« (siehe 1. Mose 3,5) – das war die Zauberformel damals, und sie ist es bis heute geblieben. Sein wie Gott, das macht das Paradies anscheinend noch paradiesischer, die Freiheit noch ein bisschen freier. So wird das Unmögliche möglich. Alles ist dadurch erreichbar, die kühnsten Träume können Wahrheit werden. Sein wie Gott – grenzenlos, erfolgreich, unbesiegbar.
Und spätestens jetzt weiß ich: Ich hätte genau wie die ersten Menschen nach diesen Früchten gegriffen.
Ich – die ihre Freiheit über alles liebt. Auch ich wäre auf diese listige Schlange hereingefallen.
Was verstehen wir unter Freiheit?
Für die meisten Menschen bedeutet Freiheit, tun und lassen zu können, was sie wollen. Niemandem Rechenschaft geben zu müssen. Unabhängig von gesellschaftlichen Normen zu sein.
Wir reden viel von Bewegungsfreiheit – der Freiheit, heute hier und morgen dort zu sein. Dazu braucht es ein Auto, das heutzutage über viel mehr technische Raffinessen verfügt, als es in früheren Jahren dem Standard entsprach. Damit wir das Gefühl haben, auch noch etwas für die Umwelt zu tun, sollte es schadstoffarm sein und möglichst wenig Sprit verbrauchen.
Die Voraussetzung für diese Art von Mobilität ist finanzielle Freiheit. Und diese Freiheit wiederum ermöglicht uns einen gewissen Lebensstil: mehrmals im Jahr in den Urlaub fahren, das Eigenheim abbezahlen, unsere Kinder in allem fördern können, Luxusartikel besitzen, die wir eigentlich gar nicht bräuchten.
Finanzielle Freiheit gibt außerdem eine gewisse Sicherheit, wonach sich jeder von uns im Grunde sehnt.
Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich damit gehadert, dass mein Mann und ich als Hauptamtliche in kirchlichen Organisationen über so wenig finanzielle Freiheit verfügten. Ich sah auf das, was wir nicht hatten, und sehnte mich nach größerer Unabhängigkeit. Denn in finanzieller Hinsicht war uns längst nicht alles möglich, was für andere selbstverständlich war: Wir konnten nicht einfach Musikunterricht für unsere Kinder buchen, sie an Geburtstagen und Weihnachten großzügig beschenken oder in den Urlaub fahren, wohin wir Lust hatten.
Für mich als freiheitsliebender Mensch war das hart.
Hinzu kam das Vergleichen mit anderen, die es offensichtlich so viel leichter hatten als wir. Das machte mich unzufrieden, bitter und neidisch.
Genau wie Eva im Paradies kamen mir Zweifel: »Gott, kann es sein, dass du mir etwas vorenthältst? Kann es sein, dass du mich klein halten willst?«
Es sind solche misstrauischen Gedanken, die unser Vertrauen auf Gott Stück für Stück untergraben. Was ist zu tun?
Der Baum des Lebens
In der ganzen Geschichte in 1. Mose 3, die sich um den Sündenfall dreht, spielt der Baum des Lebens keine Rolle. Er wird nicht erwähnt. Eva macht offenbar keine Anstalten, auch diese Früchte zu versuchen.
Was genau ist aber dieser »Baum des Lebens«?
Liest man die Bibel im Zusammenhang, so wird klar, auf wen dieser Baum hinweist. In Sprüche 3 singt der weise König Salomo ein Lied auf die Weisheit: »Ihre Wege sind liebliche Wege, und alle ihre Steige sind Frieden. Sie ist ein Baum des Lebens allen, die sie ergreifen, und glücklich sind, die sie festhalten« (Sprüche 3,17-18; LUT).
Wenn in einem jüdischen Synagogen-Gottesdienst die Thora-Rolle nach dem Lesen wieder in den Thora-Schrein zurückgestellt wird, betet der Rabbi das Etz Chaim – das heißt Baum des Lebens. In diesem Gebet kommen die beiden oben genannten Verse vor.
Der Baum des Lebens ist nach jüdischer Auffassung also die Thora – die Weisung Gottes an uns Menschen.
Das erste Mal finden wir das Wort Thora in 1. Mose 26,5: »… weil Abraham meiner Stimme gehorsam gewesen ist und gehalten hat meine Rechte, meine Gebote, meine Satzungen und meine Weisungen [thora]« (LUT).
Abraham hatte noch gar keine Bibel – keine schriftlichen Anweisungen Gottes. Er lernte Gott kennen, als der ihn aufforderte, seine Heimat und seine Familie zu verlassen. Abraham ließ sich ganz auf diesen unbekannten Gott ein. Er war ihm gehorsam und wählte somit den Baum des Lebens.
Viele Jahre später brachte Gott das Volk Israel zwischen zwei Bergen in Stellung – Ebal und Garizim. Dort sollten sie sich entscheiden: Entweder sie halten sich an Gottes Gebote oder sie wenden sich von ihm ab. Mit dieser letzten großen Rede (5. Mose 28-30) an das Volk Israel endet die Thora.
»Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, dass du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen, dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhangest. Denn das bedeutet für dich, dass du lebst und alt wirst und wohnen bleibst in dem Lande, das der Herr deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, ihnen zu geben« (5. Mose 30,19-20; LUT).
Gott wirbt immer wieder um sein Volk: Bitte vertraut und gehorcht mir, damit es euch gut geht:
* »Darum sollt ihr meine Satzungen halten und meine Rechte. Denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben; ich bin der Herr« (3. Mose 18,5; LUT).
* »Glücklich sind, die … im Gesetz [thora] des Herrn wandeln« (Psalm 119,1; ELB).
* »Hört auf meine Stimme, dann werde ich euer Gott sein, und ihr werdet mein Volk sein! Und geht auf dem ganzen Weg, den ich euch gebiete, damit es euch wohlgeht« (Jeremia 7,23; ELB).
* »Ich will dein Gesetz halten allezeit, immer und ewiglich. Und ich wandle in weitem Raum [in Freiheit]; denn ich suche deine Befehle« (Psalm 119,44-45; LUT).
Nur wenn wir unsere Grenzen innerhalb des göttlichen Gesetzes kennen, haben wir wahre Freiheit.
Jesus – die Erfüllung der Thora
Die Stimme Gottes, gesprochen durch Mose und die Propheten im sogenannten Alten Testament, ist nicht verklungen, als Jesus auf diese Erde kam.
Viele Christen glauben, dass das Alte Testament seine Gültigkeit verloren und uns Christen nichts mehr zu sagen habe. Doch Jesus hat sich, während er als Mensch auf dieser Erde lebte, nach der Thora gerichtet.
»Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?« (Johannes 5,46-47; LUT).
Jesus ist die Erfüllung der Thora. Die Erfüllung aller Gebote.
Das Gesetz, das Gott seinem Volk Israel gegeben hatte, konnte von niemandem komplett eingehalten werden. Schon dieses eine Gebot, das Gott den ersten Menschen gab, war eine Überforderung für sie.
Adam und Eva zeigen uns, dass wir Hilfe brauchen. Dass es, menschlich gesehen, niemals funktioniert, Gottes Gebote erfüllen zu wollen. Niemand kann sich strikt an sämtliche Gebote halten, ohne zwischendurch zu straucheln. Bis zum Tod von Jesus am Kreuz weisen alle Gebote Gottes in dieselbe Richtung. Sie machen uns klar: Du, Mensch, kannst dich nicht alleine retten.
Im Alten Bund steht der Baum des Lebens also für die Thora – die Richtschnur für ein Leben in Gemeinschaft mit Gott.
Im Neuen Bund, den Gott mit allen Menschen schließen möchte, ist Jesus zum einen das lebendig gewordene Wort Gottes und zum anderen die Erfüllung dieses Wortes: Weil er mich erlöst hat – gelöst vom Gesetz –, bin ich frei. Jetzt wohnt Jesus in mir, und ich hänge mich an ihn, wohne in ihm und er in mir.
Unser Handeln hat Konsequenzen
Der Gehorsam gegenüber Gott hat nicht nur Folgen für unser eigenes Leben, sondern auch für das unserer Kinder: »Ach, dass sie ein solches Herz hätten, mich zu fürchten und zu halten alle meine Gebote ihr Leben lang, auf dass es ihnen und ihren Kindern wohlginge ewiglich!« (5. Mose 5,29; LUT).
Adam und Eva weigern sich, Gottes Gebot zu gehorchen, und schon in der nächsten Generation gibt es Neid und Hass, Mord und Totschlag.
Als Eva die Frucht vom Baum bricht, davon isst und sie ihrem Mann reicht – da wird aus ihrer Freiheit ein Versteckspiel, aus Liebe zu Gott Angst vor ihm und aus echter Partnerschaft gegenseitige Anklage.
Von einem Moment auf den anderen gehen den beiden die Augen auf: Sie erkennen ihre Begrenztheit, ihre Schutzbedürftigkeit. Sie haben auf Erkenntnis gesetzt statt auf Gehorsam – und jetzt sind sie nackt!
Aus Feigenblättern werden hastig Unterhosen genäht, und als Gott abends in den Garten kommt, da findet er zwei verängstigte Menschen vor, die ihm ausweichen wollen. Adam und Eva wissen plötzlich, dass sie vor Gott nicht bestehen können. Denn sie haben erkannt, wer gut ist und wer nicht: Gott ist gut, Gott ist vollkommen, Gott ist grenzenlos. Ich, Mensch, bin es nicht.
Gott selbst zieht in seiner Liebe und Güte den beiden Kleider an. Ein Tier stirbt, Blut fließt, und Gott zeigt schon hier dem Menschen: Schau, es funktioniert nicht so, wie du das gedacht hast. Du kannst dich nicht selbst erlösen, du kannst es nicht selbst wiedergutmachen. Du kannst dir nicht selbst die »Kleider des Heils« anziehen, um in meine Nähe zu kommen. Lass es mich machen.
Das Wort gesetzlos (griechisch anomos) bedeutet eigentlich ohne die Thora. Bevor Jesus am Ende dieser Zeit wiederkommt, werden laut der Bibel unterschiedliche Menschen aufstehen und versuchen, die Christen zu verführen. Ihnen ist eines gemeinsam: Sie lehnen den Baum des Lebens ab. Und sie ersetzen ihn durch etwas, das den Schein des Göttlichen trägt.
Erinnern wir uns? Der Teufel versucht, Gott nachzuahmen. Die Versuchung kann sehr fromm aussehen. Wir werden also am Ende genau da ankommen, wo Adam und Eva am Beginn der Welt standen.
Alle, die vielleicht so wie ich manchmal dachten: »Wäre ich Eva gewesen, wäre ich Adam gewesen …«, die haben jetzt genau dieselbe Wahl: Wir müssen uns entscheiden, ob wir dem Baum des Lebens gehorchen oder auf den Baum der Erkenntnis setzen. Menschliches Wissen gegenüber göttlichem Gehorsam.
Wer vom Baum des Lebens isst, wird ewig leben. Das sagt Gott und entschließt sich daher, Adam und Eva, die nun geistlich tot sind, aus der Reichweite dieses Baumes zu entfernen. Ewig geistlich tot zu sein, wäre das unendliche Drama der Menschheit, aus dem es kein Entrinnen gegeben hätte.
Gott ist gnädig und entlässt Adam und Eva, um ihnen durch Christus einen neuen Zugang zum Paradies und zu sich selbst zu schenken.
Gott greift ein
Im letzten Buch der Bibel finden wir in den letzten beiden Kapiteln einen Ausblick auf die Zukunft. Die detailreiche Beschreibung des neuen Jerusalems enthält folgenden bemerkenswerten Vers: »In der Mitte ihrer Straße und des Stromes, diesseits und jenseits, war der Baum des Lebens, der zwölfmal Früchte trägt und jeden Monat seine Frucht gibt; und die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen« (Offenbarung 22,2; ELB).
Der Baum des Lebens – man kann auch übersetzen: der Stamm des Lebens oder das Holz des Lebens.
Als das Volk Israel nach vierhundert Jahren endlich die Sklaverei in Ägypten hinter sich gelassen hat und sich nach der spektakulären Teilung des Roten Meeres auf dem Weg ins verheißene Land befindet, da gelangen sie an einen Ort mit dem Namen Mara – Bitterkeit. Drei Tage sind sie durch die Wüste gelaufen, sie sind durstig und müde. Hier gibt es endlich Erholung und vor allem – Wasser.
Aber als die Ersten von dem Wasser kosten, spucken sie es schnell wieder aus. Das Wasser ist verseucht, bitter, ungenießbar.
»Was sollen wir trinken?«, schreit ganz Israel.
Und Gott zeigt Mose ein Stück Holz, das er ins Wasser werfen soll. Daraufhin wird das Wasser genießbar und süß (siehe 2. Mose 15,22-25).
In einer prophetischen Zeichenhandlung tut Mose das, was Christus dreieinhalb Jahrtausende später für die gesamte Menschheit tun wird: In die Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit unseres Lebens, in Streit, Neid, Zorn und Leid wirft er sich am Holzkreuz mitten hinein und verwandelt unser Leben in Süße und Genießbarkeit.
Jeshua, der eigentliche Name von Jesus, bedeutet: Jahwe rettet.
Als es vorhin um die Schlange ging, sind wir auf ein anderes Ereignis gestoßen: Die Israeliten wurden von giftigen Schlangen gebissen. Und Gottes Eingreifen wird uns im Neuen Testament folgendermaßen erklärt: »Du weißt doch, wie Mose in der Wüste eine Schlange aus Bronze an einer Stange aufrichtete, damit jeder, der sie ansah, am Leben blieb. Genauso muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, durch ihn das ewige Leben hat« (Johannes 3,14-15).
Auch heute noch ist Jeshua unsere einzige Rettung. Der Biss der Schlange, der Würgegriff der Sünde, führt unweigerlich zum Tod. Der Blick auf Jesus aber rettet.
Der Baum der Erkenntnis
Eines Tages wird Jesus von einem Mann angesprochen: »Guter Meister …«
Und Jesus – ganz Mensch, zweiter Adam – antwortet: »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein« (Lukas 18,19; LUT).
Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen weist zunächst einmal auf den einen Guten hin: Gott. Dieser gute Gott will Gemeinschaft mit mir, Mensch, haben. Er will mir Leben im Überfluss schenken, Leben in Verbindung mit ihm.
Das aber geht nur, wenn ich ihm gehorche. Die Bibel gebraucht verschiedene Bilder für das Zusammenleben von Gott und Mensch:
* Der Mensch ist Ton, Gott ist der Töpfer. Gott gestaltet mein Leben, Gott formt ein Leben in Fülle und Freiheit – nicht ich selbst.
* Gott ist der Herr, ich bin sein Diener. Der Diener steht nicht über dem Herrn.
* Gott ist mein Vater, ich bin sein Kind. Es gibt Dinge, die ich als Kind nicht verstehe. Muss ich auch nicht. Ich darf und soll meinem Vater kindlich vertrauen.
Offensichtlich waren wir Menschen gar nicht dazu bestimmt, zu erkennen, was gut und böse ist. Wir waren bestimmt zur Gemeinschaft mit Gott.
Was bedeutet »erkennen«?
Der Begriff Erkennen beinhaltet nicht nur reines Wissen. Als Adam und Eva von den Früchten essen, erweitern sie dadurch nicht bloß ihren Wissensstand. Sie gehen von nun an nicht durch die Welt und kleben Post-its an alles, was sie sehen: »Aha, das ist gut und das ist schlecht!«
Die hebräische Wurzel jada steckt in dem Wort Erkenntnis. Jada meint nicht nur äußeres Erkennen, Wissen, Wahrnehmen. Es wird genauso für den Geschlechtsakt gebraucht. Etwa in 1. Mose 4,1 (LUT): »Adam erkannte seine Frau Eva« – das heißt, er schlief mit ihr, nicht nur als rein technischem Akt. Sondern es handelt sich um Liebe, um einen schöpferischen Akt, aus dem neues Leben entsteht, und eine innige Intimität, in der sich zwei Menschen einander hingeben.
Genau darum geht es beim Baum der Erkenntnis: Ich verbinde mich mit ihm. Ich sehe das Böse und gehe eine Verbindung damit ein. Und am Ende erkenne ich gar nicht mehr, was eigentlich gut und was böse ist. Paulus formuliert es so:
»Gott war ihnen gleichgültig; sie gaben sich keine Mühe, ihn zu erkennen.
Deshalb überlässt Gott sie einer inneren Haltung, die ihr ganzes Leben verdirbt. Und folglich tun sie Dinge, mit denen sie nichts zu tun haben sollten: Sie sind voller Unrecht und Gemeinheit, Habgier, Bosheit und Neid, ja sogar Mord; voller Streit, Hinterlist und Verlogenheit, Klatsch und Verleumdung. Sie hassen Gott, sind gewalttätig, anmaßend und überheblich. Beim Bösen sind sie sehr erfinderisch. Sie weigern sich, auf ihre Eltern zu hören, haben weder Herz noch Verstand, lassen Menschen im Stich und sind erbarmungslos.
Dabei wissen sie ganz genau, dass sie nach dem Urteil Gottes dafür den Tod verdient haben. Trotzdem machen sie so weiter wie bisher, ja, sie freuen sich sogar noch, wenn andere es genauso treiben« (Römer 1,28-32).
Die Abwärtsspirale
Im Laufe der Jahrtausende hat der Baum der Erkenntnis immer größere Wurzeln in der Menschheit geschlagen. Wir wissen nahezu alles – wir sind aufgeklärt – uns macht keiner etwas vor. Wir haben die Möglichkeit, ins All zu fliegen, den Mond zu besuchen und auf dem Mars eine zweite Erde zu errichten. Wir wissen, wie das geht, und was wir nicht wissen, das erforschen wir.
Wir haben die Erde bevölkert und wissen genau, dass jetzt genug Menschen auf diesem Planeten leben. Deshalb lassen wir neue Menschen gar nicht erst zur Welt kommen. Wir töten sie kurz nach ihrer Entstehung.
Wir wissen, dass Kriege schlecht sind und Versöhnung gut ist. Dass die Vernachlässigung der Schöpfung schlimme Folgen hat und ein Meer ohne Plastik für Mensch und Tier besser ist. Wir wissen, dass eine behütete Kindheit das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft ist und dass Missbrauch und Gewalt Leben zerstören.
Warum schaffen wir es also nicht, das Gute siegen zu lassen? Wir wissen doch alles!
Weil wir, seit Adam und Eva von der Frucht gegessen haben, alle irgendwann an den Punkt gelangen, an dem wir wie Paulus verzweifelt schreien: »Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich« (Römer 7,19; LUT).
Der Baum der Erkenntnis hat uns keineswegs dazu verholfen, ab jetzt nur noch das Gute zu tun.
Im Gegenteil, der Wunsch, so zu sein wie Gott, hat uns in die tiefsten Abgründe unseres Seins gestürzt.
Denn wir sind nicht Gott. Wir haben vergessen, dass nur Gott gut ist. Und deshalb glauben wir, dass er uns auch nichts Schönes gönnt. Ein bisschen vielleicht, aber nur wohldosiert – zu viel des Guten könnte vielleicht unseren Charakter verderben.
Da sitzt eine junge Frau bei mir im Coaching. Sie weiß nicht, wie es beruflich weitergehen soll. Auf meine Frage »Was wäre Ihr Traumjob?« antwortet sie sehr verhalten: »Das, was ich mir sehnlichst wünsche, will Gott bestimmt nicht!«
Seit dem Baum der Erkenntnis haben viele Menschen genau dieses Bild von Gott: Er ist der große Spielverderber. Und wenn Gott zum Spielverderber wird, habe ich als Mensch genau zwei Möglichkeiten: Entweder resigniere ich oder ich nehme mein Leben selbst in die Hand.
Diese beiden Haltungen begegnen mir in Gesprächen immer wieder: Resignation oder Selber-Machen. Und lange Jahre war ich ebenfalls zwischen diesen beiden Gedankenpolen gefangen.
Aber Gott will meine Freiheit. Es ist ihm nicht egal, wie ich lebe. Er will nicht, dass ich resigniere, und er will ebenso wenig, dass ich mein Leben alleine in die Hand nehme, alles selbst tue.
Ohne die Verbindung zu Gott aber werde ich darum kämpfen, dass niemand meine Nacktheit sieht. Ich werde Masken anlegen und so tun, als ob mein Leben gelingt. Dabei werde ich in der ständigen Angst leben, dass irgendjemand entdeckt, wer ich wirklich bin: nackt, einsam, hilflos, ohnmächtig.
Wahre Freiheit liegt darin, mein Herz mit Gottes Herz zu verbinden, meinen Geist mit seinem. Seine Stimme zu hören, seinen Auftrag zu erfüllen – kreativ und dynamisch.
Nur in der Verbindung zu dem, der mich erschaffen hat, finde ich Freiheit, die nicht von dieser Welt ist. In seiner Nähe bin ich auch im größten Sturm geborgen.
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3. Freiheit – ohne Gott?
Probiert es aus und erlebt selbst, wie gut der Herr ist!
Glücklich ist, wer bei ihm Zuflucht sucht!
Psalm 34,9
»Gib mir deinen Schlaf!«
Diesen Satz höre ich plötzlich in meiner Gebetszeit. Eigentlich bin ich an diesem Morgen bei einem ganz anderen Thema. Doch mitten hinein platzt Gott: »Gib mir deinen Schlaf! Schenk mir eine ganze Nacht im Gespräch mit mir!«
Ich bin überrascht und überfordert. Und so lautet auch meine erste Reaktion: »Gott, du weißt, dass mir mein Schlaf heilig ist!«
Nachts beten, das war etwas für Jesus, und es ist etwas für große Gebetshaus-Missionare. Mein Wecker klingelt jeden Morgen um Viertel vor sechs, mein Tag ist lang und anstrengend. Nachts beten? Nichts für mich.
Während mir solche und ähnliche Gedanken durch den Kopf schießen, sehe ich, wie Gott mich anblickt – voller Liebe. Und doch entdecke ich ein leichtes Stirnrunzeln: »Dein Schlaf ist dir heilig? Und was ist mit mir?«
Jetzt bin ich hellwach. Ist mir eine ausgedehnte Nachtruhe wichtiger als Gott?
»Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein«, tönt es in meinen Gedanken, und weiter: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft« (5. Mose 6,4-5; ELB).
Gott mit allem lieben, was ich habe – auch mit dem Verzicht auf Schlaf?
Es kostet mich einiges, aber in einer der nächsten Nächte bleibe ich wach. Ich sitze in unserem Wohnzimmer, höre Lobpreismusik mit der aufgeschlagenen Bibel auf meinem Schoß und suche die Nähe Gottes. Ich tue das nicht, weil ich muss, sondern weil ich meinen Gott liebe.
Ich entscheide mich, mit meinem Gott zu wachen, mit ihm zu reden, ihn anzuschauen, seine Worte zu lesen und zu hören. Ja, ich bin müde, und während ich mich per Livestream einem Gebetshaus zugeschaltet habe, schlummere ich auch hin und wieder mal ein.
Doch in dieser Nacht erlebe ich, wie ich von Gottes Gegenwart beschenkt werde. Seine Präsenz in unserem Wohnzimmer und in meinem Herzen überwältigen mich. Während ich durchs Zimmer wandere, höre ich in meinem Geist die uralten Worte: »Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht« (Psalm 121,4; LUT).
Ich entdecke in diesen Stunden ganz neu, dass Gott mich zur Freiheit berufen hat. Er selbst ist frei, er braucht keinen Schlaf. Er ist Tag und Nacht für mich da – für jeden Menschen, ja, für die ganze Welt.
Ich bin nach seinem Bild geschaffen – ganz der Papa. Wenn er ruft, mache ich die Nacht zum Tag. Was irdische Väter ihren Töchtern nicht erlauben, das befiehlt mir mein himmlischer Papa.
Nach dieser Nacht liebe ich meinen himmlischen Vater noch mehr. In seiner Nähe bricht Althergebrachtes auf, verstummen gut gemeinte Traditionen. In seiner Nähe und auf seinen Befehl steige ich aus dem Boot der Sicherheit aus, mitten in der Nacht und beim größten Sturm. Und ich erlebe, dass das Wasser trägt. Göttliche Freiheit und mein Gehorsam gehen Hand in Hand.
Freiheit und Gehorsam gehören untrennbar zusammen. Wenn Gott spricht, will ich antworten, und wenn ich rufe, antwortet er mir. Die Liebe zu Jahwe ist keine Einbahnstraße. Es ist eine außergewöhnliche Beziehung: Er schenkt mir eine Heimat, und ich baue ihm in meinem Leben ein Zuhause.
Was Adam und Eva damals aufs Spiel gesetzt haben, ist mir in Jesus neu geschenkt worden: eine innige Beziehung zu meinem himmlischen Vater.
Konsequenzen
Als die Türe zum Paradies hinter Adam und Eva ins Schloss fällt, finden die beiden sich in einer Welt voller Dornen und Disteln, Angst und Leid, Schmerzen, Bitterkeit und Neid wieder. Der Himmel ist grau, dicke Wolken verhindern die Sicht auf die Sonne.
Die Folgen des Sündenfalls sind enorm. Aus einer Liebesbeziehung zu Gott wird die Abwendung von Gott. »Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein« (1. Mose 3,16; ELB) – das ist eine Konsequenz, die Gott über Eva ausspricht. Man könnte es auch so ausdrücken: Du wirst dich deinem Mann zuwenden und von mir (Gott) abwenden.
Nicht mehr die Verbindung zu Gott steht bei uns an erster Stelle, sondern die Beziehung zum Partner, zu Freunden und anderen Mitmenschen.
»An dessen Ostseite stellte Gott Keruben mit flammenden Schwertern auf. Sie sollten den Weg zu dem Baum bewachen, dessen Frucht Leben schenkt« (1. Mose 3,24).
So endet das Kapitel »Paradies«. Ende – aus – vorbei.
Wie oft mag in Adams und Evas Kopf der Satz »Hätten wir nur …« rumgespukt sein: »Hätten wir nur auf Gott gehört. Hätten wir nur nicht von dieser Frucht gegessen.«
Aber diese Entscheidung lässt sich nicht mehr rückgängig machen.
Leben ohne Gott ist Essen, Schlafen, Arbeiten. Ein Dasein, das seinen eigentlichen Sinn verloren hat.
Liebe und Zorn: zwei Seiten einer Medaille
Im hebräischen Grundtext steckt die ganze Härte des göttlichen Urteils: »Da jagte der Ewige, Gott, den Menschen hinweg aus dem Garten Eden … und er vertrieb den Menschen« (1. Mose 3,23-24; eigene Übersetzung).
Um alles in der Welt muss Gott verhindern, dass die beiden Menschen im Paradies bleiben. Denn mit dem Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis haben sie sich an das Böse gebunden. Sollten sie nun auch noch von der Frucht des Lebensbaumes essen, würde das Böse ewig in ihnen leben: ewiger Krieg, ewige Schmerzen, ewige Krankheit, ewiger Neid, ewige Bitterkeit, ewige Sinnlosigkeit. Ewige Gottesferne.
In Gottes Radikalität und der Vertreibung der beiden ersten Menschen wird deshalb seine abgrundtiefe Liebe deutlich. Er kann und will nicht zulassen, dass der Mensch für immer an das Böse gebunden ist. Gottes unfassbare Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel.
»Gott ist grausam«, höre ich Menschen immer wieder sagen. »Wie kann er so viel Leid zulassen, so viele Kriege und Grausamkeiten!«
Doch wie es von Anfang an zwei Bäume im Paradies gab, so gibt es auch zwei Linien in der Geschichte, die Gott mit uns Menschen schreibt. Gott hat kein Spielzeug für sich erschaffen, das ihn belustigen sollte. Auch keine Marionetten, die sklavisch tun sollten, was er von ihnen verlangte.
Sondern der Mensch war das Ebenbild seines Schöpfers, ausgestattet mit denselben Eigenschaften. Ein Wesen, das ihn, seinen Schöpfer, lieben durfte, staunen durfte, herrschen sollte, kreativ werden sollte. Der Mensch, der in Freiheit leben und seinen Schöpfer in Freiheit anbeten sollte.
Adam und Eva brauchten sich anfangs nicht zu fragen: Was ist unsere Berufung? Was möchte Gott, dass wir mit unserem Leben anfangen?
Die Nähe zu Gott ließ solche Fragen gar nicht erst aufkommen. Denn die enge Verbindung zu Gott stellte Leben im Überfluss sicher. Paradiesisches Leben. Sinnvolles Leben.
Lese ich weiter in der Bibel, wird dieser Aspekt immer deutlicher: Mitten in einer Welt, die immer gottloser wird, sind es einzelne Menschen, die sich Gott zuwenden. Aus ihrem Leben sprießt Freiheit, Leben im Überfluss, Sinn mitten im Leid.
Leben ohne Gott
Nun haben sich die ersten beiden Menschen mit dem Bösen verbunden. Der Baum des Lebens ist in weite Ferne gerückt. Der göttliche Atem, das geistliche Leben ist aus ihnen verschwunden. Körperlich sind sie unversehrt geblieben. Aber Gottes Herrlichkeit ist von ihnen gewichen und macht sich in ihrer Nacktheit bemerkbar. Ihrer Ohnmacht.
Die Entscheidung für ein Leben ohne unseren Schöpfer ist die Entscheidung für Bitterkeit, Neid, Betrug, Krieg, Gewalt …
Es gibt keine Grauzone. Von Anfang an trennt Gott das Licht von der Finsternis. Er schafft kein Einheitsgrau, keinen Einheitsbrei. Entweder oder. Entweder Licht oder Dunkelheit.
Deshalb kann ich nicht mein altes Leben weiterleben und sonntags ein bisschen auf Christ machen. Ich kann nicht mit Gott im Licht leben und weiterhin Lügen, betrügen oder stehlen. Oder bitter gegenüber meiner Schwester, neidisch auf meinen Bruder sein. Das geht nicht. Entweder oder!
Gott vertreibt die Menschen aus dem Paradies, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und ewig geistlich tot sind. Sein Plan aber steht bereits vor Grundlegung der Welt fest: Er will den Menschen von der Macht der Finsternis retten (siehe Kolosser 1,13).
Gottes Plan steht fest
Gottes Plan ist nicht durcheinandergeraten, er lässt sich von niemandem aus dem Konzept bringen: Jemand wird aufstehen gegen das Böse und es endgültig besiegen. Gott ist frei und er bleibt frei. Niemand sagt ihm, was jetzt zu tun ist. Gott handelt souverän, er fürchtet sich vor nichts und niemandem.
Kein Krieg, kein Virus, keine noch so große Bösartigkeit dieser Welt hält Gott davon ab, seinen Plan durchzuführen – uns Menschen sein Angesicht wieder zuzuwenden. Uns verschreckten Menschen, die sich verstecken vor Angst, die sich verkriechen vor Scham und Elend, seine Hand zu reichen.
Da steht er – unser Vater mit weit ausgebreiteten Armen – und möchte nur eines: dass wir nach Hause kommen. Er sehnt sich nach uns. Hätte er uns, dich und mich, sonst erschaffen? Die Liebe Gottes endet nicht am Ausgang des Paradieses. Gott ist für den Menschen. Gott ist für uns. Gott ist für dich!
Gott liebt Adam und Eva nicht weniger außerhalb des Gartens. Hätte er sich sonst Jahrtausende später seinen eigenen Sohn Jesus vom Herzen gerissen, auf diese Welt geschickt und grausam am Kreuz sterben lassen?
Gott ist nicht wie wir Menschen. Er schlägt nicht die Türe zu und ist fertig mit uns.
Gott will, dass wir ihn freiwillig lieben, freiwillig anbeten, in Freiheit ehren. Er will unser Leben – in Freiheit. Und deshalb hallt sein Ruf noch immer durch diese Welt: Mensch, wo bist du? Ich habe solche Sehnsucht nach dir.
Die nächste Generation
Außerhalb des Paradieses wachsen auf dem Acker des Lebens lauter Dornen und Disteln. Neues Leben entsteht unter Schmerzen. Und doch schaffen Adam und Eva sich ein Zuhause, eine Familie.
Was tun Adam und Eva als Erstes, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben wurden?
»Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger« (1. Mose 4,1; LUT). Sie schlafen miteinander. Sie suchen gegenseitige Nähe, Liebe, Angenommensein, Intimität.
Es ist interessant, dass wir davon nichts im Paradies lesen. Warum?
Dazu schweigt die Bibel. Vielleicht gab es vorher schon Sex, aber in der innigen Verbindung zu Gott und seiner beständigen Nähe spielte die Sexualität vielleicht eine untergeordnete Rolle.
Hier, weit weg vom Garten Eden, wird der Geschlechtsakt zum Zeichen tiefster Sehnsucht nach Liebe und Wärme, Ausdruck der Sehnsucht nach dem Paradies. Ewiges Leben scheint für immer verloren zu sein – und doch entsteht Leben, weil zwei Menschen sich einander hingeben.
Das scheint Eva zu überraschen, denn wir vernehmen ihren erstaunten Ausruf: »Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn« (1. Mose 4,1; LUT). Kain – so heißt Evas erster Sohn – bedeutet Erworbenes, Gewinn.
Eva kennt Jahwe immer noch. Gott ist da. Er ist nicht im Paradies geblieben und überlässt die Menschen von nun an ihrem Schicksal.
Viele Hundert Jahre später übersetzt Gott seinen Namen so: »Ich bin, der ich bin.«
Ich bleibe derselbe. Ich bin für dich.
Jahwe ist »der, der ins Sein bringt«. Er ist der Ursprung allen Lebens, Schöpfer von allem, was ist.
Vielleicht erstaunt es Eva, dass sie nun selbst zur Lebensspenderin geworden ist, zur Schöpferin, gemeinsam mit ihrem Mann. Eva, deren Namen »Lebenspendende« bedeutet, erkennt, dass sie ihren ursprünglichen Auftrag immer noch ausführen kann.
Gott hat sich nicht zurückgezogen. Seine Gaben und Berufungen reuen ihn nicht (siehe Römer 11,29). Er ist kein Chef, der nach einem Fehler eine Abmahnung erteilt und das Gehalt kürzt. Gott ist für den Menschen. Er schenkt neues Leben, neue Gelegenheiten.
Vielleicht hat Eva während der Schwangerschaft und unter der Geburt an Gottes Aussage gedacht: Ihr Nachkomme soll der Schlange den Kopf zertreten. Vielleicht hat sie gejubelt und gehofft: »Jetzt ist es so weit. Mit Gottes Hilfe habe ich Kain geboren, den Gewinn. Wir werden siegen und wieder ins Paradies zurückkehren.«
Kain und Abel
Anders als Adam und Eva sind ihre Kinder aber bereits geistlich tot, als sie zur Welt kommen. Sie sind physisch lebendig, aber geistlich tot. Entstanden die Eltern noch nach dem Bild Gottes, so heißt es nun: »Adam … zeugte einen Sohn, ihm gleich und nach seinem Bilde« (1. Mose 5,3; LUT).
Kain und Abel, die beiden ersten Söhne von Adam und Eva, wachsen heran. Sie sind nicht frei, wie ihre Eltern es ursprünglich einmal waren, aber auch sie haben die Möglichkeit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden.
Während in Abel geistliches Leben wächst, kultiviert Kain Neid und Bitterkeit.
Abel schenkt Gott das Beste, was er hat, aber Kain senkt grimmig den Blick. Fest an den Baum der Erkenntnis geheftet, findet er keinen Ausweg aus seiner Bitterkeit.
Gott wirbt um Kain. Er redet mit ihm, möchte ihn aus der Sklaverei von Neid und Groll herausführen: »Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du doch jedem offen ins Gesicht sehen. Wenn du jedoch Böses planst, dann lauert die Sünde schon vor deiner Tür. Sie will dich zu Fall bringen, du aber beherrsche sie!« (1. Mose 4,7).
Noch immer lebt der Mensch mit der Berufung, zu herrschen. Kain wäre mit Gottes Hilfe dazu imstande gewesen, die Sünde zu besiegen. Für uns heute, die wir mit Christus verbunden sind, gilt dies noch viel mehr.
Die Entscheidung, die die Nachkommen Adams jeden Tag treffen müssen, ist immer noch dieselbe wie im Paradies: Entscheide ich mich für Gott, dann kann ich meinen Blick heben. Entscheide ich mich aber gegen ihn, dann schaue ich zu Boden, verstecke mich und hoffe, dass Gott mich nicht entdeckt.
Ich habe die Wahl. Du hast die Wahl.
Wie oft habe ich selbst schon Dinge tief vergraben: Schuld und Scham, Schmerzen und Neid, die Angst, zu kurz zu kommen. Ich habe einen Altar gebaut und Gott gegeben, was übrig geblieben ist: ein bisschen Anbetung, ein bisschen »Danke«, ein wenig Lob.
Unfrei habe ich gebetet. Mit aller Kraft habe ich versucht, ein besserer Mensch zu sein. Nach außen den Schein zu wahren.
In meiner alten Kinderbibel gibt es ein Bild von Kain und Abel, das ich immer noch deutlich vor Augen habe:

»Die Opfer Kains und Abels«, aus: Die Bibel in Bildern, illustriert von Julius Schnorr von Carolsfeld, erstmals erschienen 1860
Im Vordergrund betet Abel vor einem steinernen Altar. Der Rauch seines Feuers, in dem ein Opfertier verbrannt wird, steigt geradewegs in den Himmel. Der ist geöffnet, und Gott schaut mit offenen Armen und zugewandtem Gesicht auf Abel herab.
Im Hintergrund kniet Kain vor seinem eigenen Altar. Sein grimmiger Blick geht in Abels Richtung. Der Rauch auf seinem Altar weht an den Steinen hinunter zum Boden.
Irgendwie hatte ich immer Mitleid mit Kain. Der Arme. Er opfert doch auch, er hat doch ebenfalls einen Altar gebaut, sich Mühe gemacht. Er hat Steine aufgeschichtet, die Früchte des Feldes eingesammelt und angezündet.
Doch aus irgendeinem Grund scheint Gott das nicht zu berühren. Es bewegt sein Herz nicht. Warum?
Weil Kain das Übriggebliebene opfert. Er bringt »von den Früchten des Feldes«. Abel hingegen opferte »von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett« (1. Mose 4,3-4; LUT)4.
Kain, der Gewinn, von dem seine Mutter vielleicht dachte, er würde einmal den Kopf der Schlange zertreten, hängt am besten Ertrag seines Feldes. Das Beste für mich – der Rest für Gott. Das ist seine Einstellung.
Abel aber lebt nach dem Motto: Put God first. Setz Gott an die erste Stelle.
Gott in Freiheit anbeten geht nur, wenn ich ihm, dem Schöpfer, das Beste schenke.
Wer für Gott nur ein Trinkgeld übrighat, kann nicht darauf hoffen, dass Gott seinen Segen vom Himmel herabschüttet.
Wie oft geht es in Zeitmanagement-Seminaren darum, dass wir herausfinden sollen, wann unsere beste und kreativste Zeit ist? In dieser Phase des Tages sollten wir uns an schwierige berufliche Aufgaben machen, die unsere volle Aufmerksamkeit benötigen.
Was aber wäre, wenn wir die beste, kreativste und dynamischste Zeit Gott widmen würden? Wenn er das Beste von uns bekäme?
Die Geschichte von Kain und Abel weist uns immer wieder darauf hin, dass das Beste unseres Lebens Gott gehört.
Kain schafft es nicht, Neid und Groll den Rücken zu kehren. Aus seiner Bitterkeit wird Hass, und er bringt seinen Bruder Abel um. Er, von dem die ersten Menschen dachten, er sei der Gewinn der Menschheit, wird zum ersten Mörder.
Kain ist der Prototyp eines Menschen, der es nicht schafft, über die lauernde Sünde zu herrschen. Er hatte nicht die Freiheit, Gott das Beste zu geben.
Und die Konsequenz?
Gejagt und gehetzt, baut Kain die erste Stadt – den Inbegriff von Hetze, Dauerlärm, Stress und Unfreiheit. Kain geht hinweg vom Angesicht Jahwes (siehe 1. Mose 4,16) und wohnt im Lande Nod – im Land der Heimatlosigkeit. Die Geschichte zeigt, dass der Mensch ohne Gott keine Heimat mehr hat. Er entfernt sich immer weiter von Gott.
Gott aber bleibt derselbe. Gott bleibt für den Menschen.
Eine erschütterte Welt
Nach der Tragödie von Kain und Abel breitet sich das Leben auf der Erde weiter aus. Aber es ist kein göttliches Leben: »Der Herr sah, dass die Menschen voller Bosheit waren. Jede Stunde, jeden Tag ihres Lebens hatten sie nur eines im Sinn: Böses planen, Böses tun« (1. Mose 6,5).
Nur ein Einziger fragt nach Gott. Einer lebt so, wie es Gott gefällt. Einer entscheidet sich, auf ihn zu hören. Das Wissen um einen Gott, einen Schöpfer und Erhalter der Welt, ist noch nicht ganz verloren gegangen.
Und Gott schlägt ein neues Kapitel auf. Mit Noah beginnt neues Leben.
Gott schaut dem bösen Treiben auf der Erde nicht gleichgültig zu, nach dem Motto: »Das ist halt so. Ihr wolltet unabhängig sein von mir. Das habt ihr jetzt davon.« Nein, er wünscht sich, dass wir in seiner Nähe und damit in Freiheit leben. Er hat Interesse an uns. Noah und seine Familie werden die große Flut überleben.
Warum tut Gott so etwas? Warum ist Gott so grausam? Warum sterben so unfassbar viele Menschen?
Diese Frage ist der Schrei der Menschen von damals bis heute.Christen wie Nichtchristen fragen angesichts von Leid, Kriegen, Hungersnöten und Elend: Gott, warum bist du so grausam? Warum sterben Tausende Menschen auf der ganzen Welt – täglich, stündlich?
Mein persönlicher Eindruck verdichtet sich immer mehr: Wer nur auf den Moment schaut, wird an dieser Frage verzweifeln. Wer die täglichen Zahlen von Abertausend Toten hört, wer die Nachrichten über Kriegsschauplätze, Hungersnöte, Naturkatastrophen und menschliches Elend verfolgt, kann Gefahr laufen, zu resignieren. Er wird es dann aufgeben, vor diesem Hintergrund an einen guten Gott zu glauben.
Der Glaube aber sieht durch den Horizont, durch den Nebel.
Gott hat kein Interesse daran, dass Menschen einen sinnlosen Tod sterben. »So wahr ich lebe, spricht Gott, der Herr: Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe!« (Hesekiel 33,11; LUT).
Gott hat Sehnsucht nach den Menschen. Er sucht ihre Nähe.
» … welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« (1. Timotheus 2,4; LUT). Gott will, dass wir uns zum Baum des Lebens wenden. Zu seinem Sohn Jesus Christus. Er will, dass wir ewiges, unendliches Leben bei ihm haben. Und dafür tut er alles.
Ich finde es bezeichnend, dass es mitten in dieser weltweiten Corona-Katastrophe plötzlich möglich ist, mit Menschen ins Gespräch über Jesus zu kommen. Menschen, die mir vorher niemals zugehört hätten, haben jetzt ein offenes Ohr. Warum jetzt? Warum nicht vorher, als es ihnen gut ging?
Paulus bringt es während seiner Missionsreise in Lystra auf den Punkt: »Er ließ in den vergangenen Geschlechtern alle Nationen in ihren eigenen Wegen gehen, obwohl er sich doch nicht unbezeugt gelassen hat, indem er Gutes tat und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gab und eure Herzen mit Speise und Fröhlichkeit erfüllte« (Apostelgeschichte 14,16-17; ELB).
Pulsuz fraqment bitdi.