Kitabı oxu: «Leichte Sprache»
Cristina Morales
LEICHTE SPRACHE
Aus dem Spanischen
von
Friederike von Criegern

Für meine Aya Paca: Bernarda Alba, die lauthals lachend oder mit der Diskretion weißer Spitzenhäubchen der Autorität von Ehefrauen, Ärztinnen, Altenpflegerinnen, Krankenschwestern und Sozialarbeiterinnen die Stirn bot.
Für die jugendlichen Brüste, die sich Francisca Vázquez Ruiz (Baza, 1936 – Albolote, 2018) mit zweiundachtzig Jahren bewahrt hatte.
Man sollte die Probleme der Menschen, die sich dem Tanz zuwenden, nicht mit den Problemen verwechseln, die der Tanz bereitet.
AMADOR CERNUDA LAGO,
»Psicopatología de la danza«, 2012
Ich bestätige, die Hure ist meine Mutter
und die Hure ist meine Schwester
und die Hure bin ich
und alle meine Brüder sind Schwuchteln.
Es genügt uns nicht, unsere Unterschiede
zu benennen und herauszuschreien:
Ich bin Frau,
Ich bin Lesbe,
Ich bin Indigene,
Ich bin Mutter,
Ich bin Irre,
Ich bin Hure,
Ich bin jung,
Ich bin alt,
Ich bin behindert,
Ich bin weiß,
Ich bin braun,
Ich bin arm.
MARÍA GALINDO,
Feminismo urgente. ¡A despatriarcar!, 2013
Inhalt
DANKSAGUNGEN
Ich habe Schiebetüren an den Schläfen. Sie schließen vertikal, wie am Eingang der Metrostation, und schotten mein Gesicht ab. Man kann sie mit den Händen darstellen, indem man das Kinderspiel Kuckuck-Da macht. »Wo ist Mama, wo ist Mama? Daaa!«, und beim Da gehen die Hände auseinander und das Kind lacht sich kaputt. Die Schiebetüren meiner Schläfen bestehen nicht aus Händen, sondern aus einem glatten und widerstandsfähigen, durchsichtigen Material, sie sind mit einer Gummileiste eingefasst, die für gedämpftes Öffnen und Schließen sorgt und für ihre hermetische Verschlossenheit. Genauso wie die Schiebetüren in der Metro. Zwar ist glasklar zu erkennen, was auf der anderen Seite geschieht, doch sind sie zu hoch und zu glatt, als dass du darüberspringen oder dich ducken und darunter durchkriechen könntest. Auf die gleiche Weise legt sich, wenn sich die Schiebetüren schließen, eine harte, transparente Maske auf mein Gesicht, die es mir zwar erlaubt, zu sehen und gesehen zu werden, und die wirkt, als würde nichts zwischen mir und der Außenwelt stehen, tatsächlich aber können keine Informationen mehr von der einen zur anderen Seite fließen, und es werden nur die grundlegendsten Reize zum Überleben ausgetauscht. Um die Schiebetüren der Metro zu überwinden, muss man auf den Automaten klettern, der die Fahrscheine entwertet und der als zugleich verbindendes und trennendes Element zwischen zwei benachbarten Türenpaaren dient. Oder aber einen Fahrschein bezahlen, klar.
Manchmal sind sie keine harte, transparente Maske, meine Schiebetüren, sondern ein Schaufenster, durch das ich etwas betrachte, was ich nicht kaufen kann, oder durch das ich von einem anderen mit dem Verlangen betrachtet werde, mich zu kaufen. Wenn ich von meinen Schiebetüren spreche, meine ich das nicht im übertragenen Sinne. Ich versuche ganz unbedingt wörtlich zu sein, ihre Mechanik zu erklären. Als ich klein war, habe ich viele Liedtexte nicht verstanden, weil sie so voller Euphemismen, Metaphern, Ellipsen, kurz gesagt voll ekelhafter Rhetorik waren, voll ekelhafter Redewendungen, wo »Frau gegen Frau« nicht bedeutet, zwei Frauen kämpfen miteinander, sondern zwei Frauen ficken. Wie verdreht, wie unterschwellig und verranzt. Wenn es wenigstens »Frau mit Frau« hieße … aber nein: Wehe, jemand merkt, dass sich da zwei Mädels die Möse lecken.
Meine Schiebetüren sind keine Metapher für irgendwas, für so was wie eine psychologische Barriere, die mich von der Welt fernhält. Meine Schiebetüren sind sichtbar. An jeder Schläfe ist ein versenkbares Scharnier. Von den Schläfen bis zum Kinn öffnen sich Schlitze, durch die die jeweilige Schiebetür ein- und ausfährt. Sind sie deaktiviert, lagern sie hinter meinem Gesicht, jede auf ihrer Seite: halbe Stirn, ein Auge, halbe Nasenscheidewand und ein Nasenloch, eine Wange, halber Mund und halbes Kinn.
Zuletzt haben sie sich vorgestern in der Stunde für Zeitgenössischen Tanz aktiviert. Die Lehrerin tanzte sechs oder sieben genussvolle und kurze Sekunden lang für sich allein und markierte dann die Choreographie ein klein wenig langsamer für uns, damit wir sie uns einprägen und wiederholen konnten. Sie drückte auf Play und stellte sich in der ersten Position vor den Spiegel. Es fällt mir leicht, ihr zu folgen, wenn sie es langsam macht. Ich führe die Bewegungen mit einer Sekunde Verzögerung aus, oder noch weniger, diese Zeit brauche ich, um sie aus dem Augenwinkel nachzuahmen und mich zu erinnern, was als Nächstes kommt, aber ich führe die Bewegungen intensiv und vollständig aus, das erfüllt mich und ich fühle mich wie eine gute Tänzerin. Ich bin eine gute Tänzerin. Dieses Mal allerdings hatte die Lehrerin mehr Lust zu tanzen als Tanz zu unterrichten, und ich konnte ihr nicht folgen. Sie zählte fünf-sechs-sieben-acht und legte los, die Haare flatterten im von ihr selbst verursachten Wind, und über die Musik hinweg und ohne anzuhalten benannte sie die Schritte, die sie gerade machte. Versenkbare Scharniere, die sich aktivieren, Polyurethanplatten, die sauber und geräuschlos von der Rückseite des Gesichts auf dessen Vorderseite gleiten und sich schließen. Ich tanze nicht mehr, sondern brummele unwillig vor mich hin. Halbherzig mache ich ein paar Schritte, lasse andere aus, imitiere die glücklicheren Kameradinnen im Versuch, wieder reinzukommen, und schließlich bleibe ich stehen, während die anderen tanzen, lehne mich an die Wand und schaue zu. Es sieht aus, als würde ich mit höchster Aufmerksamkeit die Choreographie einstudieren, aber weit gefehlt. Weder dekonstruiere ich das Wollknäuel, das der Tanz ist, in einzelne Bewegungen, noch packe ich das Ende des Fadens, um mich nicht im Tanz zu verirren, diesem Labyrinth verschiedener Richtungen. Stattdessen spiele ich wie ein Kätzchen mit dem Faden, achte auf die Beschaffenheit der Körper und der Kleidung meiner Kameradinnen.
Unter den sieben oder acht Schülerinnen ist ein Schüler. Er ist ein Mann, aber vor allem ist er ein Macho, ein ständiger Zurschausteller seiner Männlichkeit in einer Gruppe von Frauen. Er trägt ausgeblichene Farben und langes Haar, er ist schlecht rasiert und sein Appell an die Gemeinschaft und die Kultur ist stets einsatzbereit. Mit anderen Worten, ein Faschist. Für mich sind Faschist und Macho Synonyme. Er tanzt sehr unbeholfen, er ist aus Holz. Letzteres ist keineswegs verwerflich, genauso wenig wie meine Schiebetüren, die alle Frauen bemerkt hatten und mich daher in Ruhe ließen. Der Macho aber tat so, als würde er sie nicht sehen, und als die Choreographie, aus der ich ausgestiegen war, zu Ende war, kam er zu mir, erklärte mir, was ich falsch gemacht hatte, und bot an, mich zu verbessern. Nicht nur sein Körper, auch sein Gehirn ist aus Holz, und das ist sehr wohl verwerflich. Ja, ja, gut, gut, antwortete ich, ohne mich vom Fleck zu rühren. Du kannst mich jederzeit fragen, wenn du unsicher bist, sagte er lächelnd. Meine Güte, nur gut, dass die Schiebetüren geschlossen waren und diese Machohaftigkeit dank meines vollständigen Desinteresses für die Außenwelt nur abgeschwächt zu mir durchdrang. Das ist ein gutes Beispiel für die Schiebetüren als Schaufenster, hinter dem ich ausgestellt und unberührbar bin.
Es ist ja nicht so, dass ich der Choreographie vorgestern nicht hätte folgen können, vielmehr wollte ich ihr nicht folgen, ich hatte keine Lust, im Gleichschritt mit sieben fremden Frauen und einem Macho zu tanzen, ich hatte keine Lust, die feuchten Choreographinnenträume der Tänzerin zu befriedigen, die als Tanzlehrerin in einem städtischen Bürgerzentrum geendet war, und ich hatte keine Lust, das Niveau einer professionellen Tanzkompanie vorzutäuschen, wenn wir in Wirklichkeit doch eine Gruppe Mädchen aus einer Tagesförderstätte für Erwachsene sind; und dass man willens ist, etwas nicht zu tun, das verstehen die Leute nicht.
Keine Ahnung, ob ich im totalitären Staat weniger schlecht dran war, aber zum Teufel mit diesem totalitären Markt, sagt meine Cousine, die während der Sitzung der PAH losgeheult hat, als sie erfuhr, dass sie mindestens 1025 Euro pro Monat verdienen muss, um eine Sozialwohnung zu bekommen. Weine nicht, Marga, sage ich und reiche ihr ein Taschentuch. Du solltest dich damit trösten, dass der Markt jetzt einen weiblichen Namen hat: Der Supermarkt Mercadona, ein totalitärer Ort, wo die Überwachungskameras nicht in den Gängen, sondern über den Köpfen der Angestellten hängen, und darum können wir das Deo und die Binden mitgehen lassen und sogar Kondome aus den Kartons holen, die diese piepsenden Aufkleber haben, und sie uns in die Taschen stecken. Ich sage Margarita immer, sie soll mal zur Menstruationstasse wechseln, dann müsste sie keine Binden und Tampons mehr klauen und hätte in den Taschen mehr Platz für anderes Zeug, für Honig zum Beispiel oder den sauteuren ColaCao. Sie sagt, die Menstruationstasse kostet dreißig Euro, und dass sie keine dreißig Euro hat und dass es die Tasse nicht im Supermarkt gibt, sondern in der Apotheke, und in Apotheken ist es total schwierig zu klauen, denn da sind die Kameras ja auf die Kunden gerichtet und die Tür klingelt jedes Mal, wenn jemand rein- oder rausgeht. Ich habe versucht, einer Freundin zum Geburtstag eine Menstruationstasse zu klauen, aber ich hab keine gefunden, nicht mal im Corte Inglés, und bei Apotheken hab ich Hemmungen. Aber wie wäre es mit einer Apotheke, wo der Apotheker schon ganz alt ist, und zwar nachts, beim Notdienst? Du solltest aufhören, Kondome zu klauen, und die Pille nehmen, sagt sie, denn bis du endlich die vierzig Plastikhüllen der Schachtel offen hast – unauffällig geht anders. Vergiss es, sich mit Hormonen vollstopfen, systematisch unter Drogen setzen lassen, nur um dem Macho den Spaß zu gönnen, ihn nicht rausziehen zu müssen. Und die Pille hat ja wohl einen Scheiß mit Emanzipation zu tun. Die Dermatologen verschreiben sie, damit die Mädchen ihre Pickel loswerden, denn die Pubertätsakne ist natürlich eine Krankheit, klar, aber es geht nicht darum, mehr oder weniger hübsch zu sein, oh nein, und auch nicht darum, als Gefäß für den Samen herzuhalten. Es geht doch um die Gesundheit unserer Jugend, das will mir nicht in den Kopf. Man kann ohne Kondome nicht promiskuitiv sein, Marga, schon wegen der sexuell übertragbaren Krankheiten, schon darum nicht. Ach, das sind jetzt also Krankheiten, ja?, antwortet sie. Etwa nicht?, antworte ich. Aber Aids gibt es gar nicht, Nati, was erzählst du denn da. Nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung. In Spanien haben wir mehr Selbstmorde pro Jahr als Aids-Diagnosen. Aber ich fick ja nicht mit Spaniern, Marga, das sind nämlich alles Faschisten. Fuck, Nati, du bist echt reaktionärer als eine Reliquienmonstranz. Und du bist ein Hippie, schneid dir doch mal diese Zotteln ab.
In einer anderen Tanzstunde in der Tagesförderstätte für Erwachsene La Barceloneta (TAFEBAR) sagte uns die Lehrerin für Zeitgenössischen Tanz, dass wir uns die Socken ausziehen sollen. Wir würden Pirouetten machen und sie wollte sichergehen, dass wir nicht ausrutschten. Also zogen sich alle ihre Socken aus, alle außer mir, denn ich hatte eine gerade verheilende Blase am rechten großen Zeh. Die Lehrerin wiederholte ihren verschleierten Befehl. Er war aus zwei Gründen verschleiert: Erstens, weil sie nicht sagte »Zieht euch die Socken aus«, sondern »Wir ziehen uns die Socken aus«, sie gab also keinen Befehl, sondern benannte das Ergebnis und ersparte sich so die unpopuläre Verwendung des Imperativs. Und zweitens war er verschleiert, weil er sich nicht an die anderen richtete, an jene Alterität, die wir Schülerinnen in jedem Unterricht, sei es nun Tanz oder Verwaltungsrecht, im Gegensatz zur Lehrerin darstellen. Sie sagte »Wir ziehen uns die Socken aus« und nicht »Ihr zieht euch die Socken aus«, bezog sich damit selbst in diese Alterität ein und löste sie dadurch auf, schuf ein trügerisches »Wir«, in dem sich Lehrerin und Schülerinnen vermischen.
Sie wiederholte den verschleierten Befehl mit neuen Verschleierungen: Ich war die einzige Person mit Socken im Saal, und dennoch wiederholte sie statt »Du ziehst dir die Socken aus« im Plural »Wir ziehen uns die Socken aus«. Sie verschleierte also nicht nur den Imperativ und das Ihr, sondern jetzt auch die Tatsache, dass eine einzige Schülerin ihr nicht gehorcht hatte. Wären wir mehrere Personen mit Socken gewesen, hätte die Lehrerin verstanden, dass es irgendeinen Grund gab, der uns, auch wenn wir in der Minderheit waren, dazu brachte, uns anders zu verhalten, und sie hätte diesen Unterschied toleriert. Der Grund einer Minderheit für Ungehorsam kann Anerkennung finden. Der eines Individuums nicht. Alle schauten auf die nackten Füße der anderen. Ich bin kurzsichtig und muss zum Tanzen meine Brille absetzen, darum kann ich nicht mit absoluter Gewissheit sagen, dass sich alle Blicke auf meine bekleideten Füße richteten. Zum Glück sind die Schiebetüren geschliffen, 2,25 Dioptrien im linken Türblatt und 3,10 im rechten, allzeit bereit für die glasklare Beobachtung des Faschismus, gegen den sie mich abschirmen.
Nach den beiden nicht befolgten verschleierten Befehlen kam die schwedische Lehrerin Tina Johanes zu dem Schluss, dass ich nicht nur kurzsichtig, sondern auch taub sein müsse oder der spanischen Sprache nicht mächtig. Von diesem menschlichen Verständnis bewegt, drückte sie auf Play, und während die Schüler die vorgegebene Pirouette übten, kam sie zu mir, unterbrach meine tölpische Drehung und sprach mich, jetzt doch, in der korrekten grammatischen Person an.
»Geht es dir gut?«
»Mir?«
»Verstehst du Spanisch?«
»Ja, ja.«
»Nur weil du dir nicht die Socken ausgezogen hast.«
»Ich habe eine Wunde am Fuß.«
»Ah, okay, okay«, sagte sie, machte einen Schritt zurück und zeigte mir ihre Handflächen als Zeichen der Entschuldigung, der Konfliktvermeidung, des Nichtbesitzes von Waffen unter ihrem dehnbaren Gymnastikanzug.
Und schon Schluss mit lustig und Pirouetten. Und schon pausenloses Konstatieren des Ortes, an dem ich mich befinde, wer die anderen sind, wer Tina Johanes ist und wer ich bin. Zum Teufel mit dem Hirngespinst, dass ich tanzen lerne. Zum Teufel mit den vier Euro pro Stunde, die der Unterricht mit der Ermäßigung für Arbeitslose kostet. Vier Euro, die ich auch für die Hin- und Rückfahrt zum Probensaal der Universidad Autónoma hätte ausgeben können, wo ich allein tanze, nackt, schlecht, Mambo. Vier Euro, die ich auch auf der Terrasse eines Chinarestaurants für vier Bier hätte ausgeben können, vier Euro, die ein Fest beginnen lassen oder mich erschlagen aufs Bett werfen könnten, und kein Platz für Gedanken an den Tod. Ich bin in der Tagesförderstätte für Erwachsene La Barceloneta (TAFEBAR). Die anderen sind Wähler von Podemos oder der CUP. Tina Johanes ist eine Autoritätsperson. Ich bin Bastardistin, aber mit bovarystischer Vergangenheit, und wegen dieses beschissenen Erbes denke ich noch immer an den Tod, und darum bin ich schon im Voraus gestorben.
Kannst du nicht über die Schiebetüren der Bahnstation springen, um zur Autónoma zu fahren? Das ist gefährlich, die Fahrt ist lang, und ganze zwölf Stationen nach dem Kontrolleur Ausschau zu halten, vor dem man dann weglaufen muss, das zerrt an den Nerven, sie knüllen sich mir im Magen zusammen und ich muss kacken, und so bin ich zwölf Stationen lang damit beschäftigt, meine Magenkrämpfe zu veratmen. Ich lasse leise Fürze fahren, presse die Pobacken zusammen, damit sie lautlos sind, balanciere auf meinen Sitzhöckern, schäme mich wegen des Gestanks. Ein paar Mal bin ich schon mit vollgeschissenen Unterhosen an der Autónoma angekommen. Wenn du ein bisschen Kacke rausgelassen hast, hältst du es besser aus, aber dann sind es immer noch sechs Stationen mit Bremsspur am Arsch. Gibt es in der Bahn keine Toiletten? Nein, in den Nahverkehrszügen der Generalitat gibt es keine Toiletten. Man muss leergepinkelt, leergeschissen und durchgevögelt in den Zug steigen. In den Zügen, die von der Renfe und vom Innenministerium bereitgestellt werden, gibt es Toiletten. Zwischen Cádiz und Jerez, was genauso weit auseinanderliegt wie Barcelona und die Universidad Autónoma, kannst du vögeln. Halten wir also fest, dass das Fehlen von Toiletten in den Zügen ein weiteres Repressionsinstrument ist, und was Toiletten und Züge angeht, ist die Generalitat von Katalonien totalitärer als der spanische Staat.
Sprich es aus, Angelita, ich weiß doch, was du denkst, und ich würde es gerne von dir selbst hören: Tina Johanes hat dich nur zu deinem eigenen Besten darum gebeten, dir die Socken auszuziehen. (Angelita sagte nicht Tina Johanes, sie sagte »die Lehrerin«.) Damit du nicht ausrutschst. Damit du nicht hinfällst und dir wehtust. Damit du besser tanzt. So wie der Junge in der Stunde neulich, als du aus der Choreographie ausgestiegen bist (sie sagte nicht Choreographie, sie sagte »Tanz«). Du übertreibst. Dir fehlt jegliche Empathie (sie sagte es nicht so, sie sagte »du kannst dich nicht in andere hineinversetzen und bist eine Egoistin«). Du hast für den Tanzkurs bezahlt, das heißt, du hast dafür bezahlt, Anweisungen zu bekommen (auch das sagte sie nicht so, sie sagte: »Du hast dich für einen Tanzkurs angemeldet, und was nützt es, sich für einen Tanzkurs anzumelden, wenn du die Tanzschritte nicht lernen willst«). Du willst (und das sagte sie genau so) auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen, Nati, und außerdem bist du ganz schön prospanisch. Jetzt haben wir es doch, Angelita, das ist genau der Schuh, den ich mir anziehen wollte, danke, danke, danke! (Darauf antwortet sie beleidigt, weil ich sie bei ihrem eigentlichen spanischen Namen rufe und nicht bei ihrem umgetauften katalanischen – Àngels –, und weil ich überdies das Diminutiv benutze.) Das Reaktionäre kann man dir nachsehen, Nati, weil du ganz gut aussiehst (in Wirklichkeit bedeutete das: »Du verhältst dich wie eine Rotzgöre und niemand sagt dir was, weil du so hübsch bist«). Da liegst du falsch, antwortete ich. Du liegst total falsch. Wer einigermaßen gut aussieht, und ich rede nicht mal von einer wirklichen Schönheit oder einer heißen Braut, hat kein Recht, radikal zu sein. Warum beschwert sie sich, so schön, wie sie ist? Wie kann sie so gut aussehen und trotzdem so unzufrieden mit ihrem Leben sein? Wie kann sie so gut aussehen und dann quellen lauter Kröten und Schlangen aus ihrem Mund, das ist doch so hässlich bei einer Frau, die gar nicht hässlich ist. Wie kann sie es wagen, mein Kompliment oder meine Pfiffe zu missbilligen, ich schmeichle der Nutte damit doch nur? Der andere Zensurmechanismus gegen Radikalität von hübschen Frauen funktioniert ganz ähnlich wie das, was du gerade gesagt hast: Sie üben Kritik, weil sie hübsch sind, sie trauen sich, weil sie hübsch sind, und weil sie hübsch sind und eine adrette Verpackung für ihre Antwort, kommt ihre Kritik an und wird gehört. Aber Vorsicht, du und ich ziehen gerade genau die gleiche Scheiße ab, Angelita! Gerade so wie diese Hippies mit ihren Modelmaßen, sie sind keine fünfundzwanzig, stecken sich Blümchen ins Haar und zeigen ihre Titten im Kongress und im Vatikan, statt Femen sollten sie sich besser Samen nennen, bei all den Ergüssen, die sie bei ihren patriarchalen Zielen auslösen.
Ich schieße mich wahnsinnig gern so auf Angelita ein, denn auch wenn man uns äußerlich kaum etwas anmerkt, sind wir innerlich wie im Rausch, wir sind total eloquent, Ángelas Stottern verstärkt sich und wir reden den Rest der kleinen Versammlung an die Wand, normalerweise sind das die immer gleichen Leute: Ángela selbst, Marga und ich. Und manchmal kommt noch meine Halbschwester Patricia dazu oder irgendeine Freundin von ihr, eins von diesen Samen-Mädels, oder irgendeiner von ihren Freunden, keine Ahnung, ob die Machos sind, das sind nämlich weder Spanier noch habe ich je länger als fünfzehn Minuten mit einem geredet, Bohemiens sind sie nämlich auf jeden Fall, und die sind noch unerträglicher als ihre üblichen Kampfgenossinnen von Samen. Meine Halbschwester hat ihre winzigen Titten aber nur ein einziges Mal in der Öffentlichkeit gezeigt – Nippel wie Eidotter auf einem glatten Brustkorb –, und zwar am Schalter eines Pornoterrorismus-Spektakels, als die Kassiererin ihr sagte, wenn sie ihre Brüste zeigt, kommt sie umsonst rein.