Kitabı oxu: «Die Farbe der Leere»

Şrift:


Die Farbe der Leere präsentiert sich als zeitgemäßer Whodunit: Die Plotführung ist hohe Schule. Die Story setzt am Tatort an, stellt die ermittelnden Personen vor und beleuchtet gekonnt das Milieu. Sie beginnt mit dem Offensichtlichen und enthüllt Schritt für Schritt – sehr spannend – das Darunterliegende. Diese klassische Aufklärungsgeschichte ist geschickt choreographiert und stark erzählt, lakonisch trocken und gerade deshalb eindringlich.

Aber das alles ist höchstens der halbe Grund, warum ich das Buch unbedingt verlegen (und mitübersetzen) wollte. Denn was mich hier am tiefsten beeindruckt, ist die Kompromisslosigkeit des Hinschauens, das erbarmungslose Zutagefördern von Realität. Ich nenne das Wahrhaftigkeit und halte es für die edelste Aufgabe des Genres Krimi.

Die St. Petersburg Times schrieb: »Trocken und pointiert kratzt dieser Roman am Lack der kranken Gesellschaft.« Und genau das macht ihn für mich zu einer – von Thrillerspannung angetriebenen – kraftvollen Parabel über die Herkunft des Verbrechens.

Else Laudan

Cynthia Webb hat einen Master in Literarischem Schreiben, ist Staatsanwältin und war viele Jahre lang (wie Katherine McDonald) für die New Yorker Behörde ACS tätig. Anschließend lehrte sie als Dozentin an der bilingualen Deutschen Schule New York. Momentan studiert sie Educational Leadership (Bildungsmanagement & -innovation) am Teachers College der Columbia University. Sie hat drei mittlerweile erwachsene Kinder und lebt zurzeit an der Upper West Side in Manhattan. Die Farbe der Leere ist ihr zweiter Roman. Ihr erster Krimi Florida Blues wurde gleich nach Erscheinen für den Lambda Literary Award nominiert.

Ariadne-Gründerin Frigga Haug schrieb nach der Lektüre von Die Farbe der Leere: »Dieser Krimi glänzt mit einem unterkühlten sozialen Realismus und zeigt das Verbrechen der Gesellschaft an jenen, die sie zu Mördern werden lässt.« Sie regte an, dem Buch das Luxemburg-Zitat voranzustellen, und Cynthia Webb fand die Idee genau richtig.

Cynthia Webb

Die Farbe der Leere

Deutsch von B. Szelinski und Else Laudan

Ariadne Krimi 1187

Argument Verlag

Ariadne Kriminalromane

Herausgegeben von Else Laudan

www.ariadnekrimis.de

Deutsche Erstausgabe

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2011

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020

www.argument.de

Umschlaggestaltung: Martin Grundmann, Hamburg

Fotomotiv: © Westa Zikas – Fotolia.com

Lektorat & Satz: Iris Konopik

ISBN 9783867549387

Erste Auflage 2011

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

for my mother, my best cheerleader,

and for my father, who told the best stories

Kurze Erläuterung zur ACS

Die ACS (Administration for Children’s Services) ist in New York City eine Kinder- und Jugendschutzbehörde. Bei Anzeige oder Verdacht auf Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung sondiert ein ACS-Fall­betreuer vor Ort die Lage, bespricht sich mit einem ACS-Anwalt, der legt den Fall dem Familienrichter vor. Das Familiengericht beruft einen Rechtsvertreter für das Kind und einen Pflichtverteidiger für Eltern, die sich keinen Anwalt leisten können. Bei Sorgerechtsentzug soll ACS eine Pflegschaft oder Heimunterbringung organisieren und dem Familiengericht halbjährlich Rechenschaft ablegen. ACS hat 12 Abteilungen, zuständig für Jugendschutz, Inobhutnahmen, Pflegeunterbringungen (Vermittlung an und Kontrolle von staatlichen und privaten Trägern), Bildungsförderung in einkommensschwachen Familien, Jugend- und Familienrecht und mehr. Die New Yorker Familiengerichte haben jährlich mit über 100 000 Fällen von Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung zu tun. Rund 180 ACS-Anwälte sind in New York City tätig.

Wer mehr wissen will, folge diesem Link:

http://www.nyc.gov/html/acs/html/about/about.shtml

»Aber alle führenden Geister der … Literatur empfinden … den Mord als eine Anklage gegen die bestehenden Verhältnisse, als ein Verbrechen an dem Mörder als Menschen, für das wir alle – jeder Einzelne – verantwortlich sind.«

Rosa Luxemburg

(aus: Gesammelte Werke Band 4, Seite 309, Einleitung zu Wladimir ­G. Korolenko: Die Geschichte meines Zeitgenossen)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Klappentext

Titel

Impressum

Widmung

Kurze Erläuterung zur ACS

Vorwort

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

Weitere Bücher

Stephen Russo legte auf, kletterte aus dem Bett und knurrte Rosemarie zuliebe gedämpft vor sich hin. Im Dunkeln tastete er nach seinen Sachen, da klickte hinter ihm die Lampe an. Als er in seine Hosen stieg, setzte sie sich auf, den Rücken ans Kopfbrett gelehnt, und sah ihm zu. Schlaf weiter, sagte er. Mach nicht extra Kaffee. Er würde sich unterwegs einen besorgen. All die Jahre, all die Anrufe. Und bis heute hasste sie es, wenn er so aufbrach. Sie würde sich Sorgen machen, bis er am Abend nach Hause kam, und dann am nächsten Morgen wieder. Aber sie würde sich nicht beklagen. Sie hatte gewusst, worauf sie sich einließ, als sie ihn heiratete.

»Leg dich wieder hin. Gönn dir noch ’ne Stunde Schlaf, bevor die Monster aufwachen.«

Ihm zu Gefallen schlüpfte sie wieder unter die Steppdecke, zog sie über die Schultern und machte die Augen zu. Lauschte auf seine Schritte, als er den Raum durchquerte und so leise wie möglich die Tür hinter sich schloss. Sie erhielt die Illusion aufrecht, dass sie wieder einschlief. Dabei wussten sie beide, dass sie auf den Beinen und in der Küche zugange sein würde, noch ehe sein Wagen die Auffahrt verließ.

Der Anruf war von Malone gekommen, die Nachricht so knapp, wie es ihre Art war: Noch ein toter Junge. Aufgeschlitzt wie der letzten Monat. Schon als ihn das Telefonklingeln weckte, hatte er den Adrenalinkick gespürt. Gott, wie er den Thrill liebte, wenn er so einen Anruf bekam. Er war süchtig danach. Er wusste, er war genauso drauf wie ein Junkie, der sich mit dem geklauten Geld seiner Freundin in einem versifften Loch Crack kauft.

Seine Hochstimmung verflüchtigte sich schnell, als er am Tatort eintraf, einen Pappbecher Kaffee in der Hand, mit gut sitzender Ermittlerattitüde, und einen Blick auf die übel zugerichtete Leiche des Jungen warf. Das also ist der Anblick, den ich kaum erwarten konnte.

»Da haben wir’s wohl mit einem richtigen Jack the Ripper zu tun, was?«, sagte er statt Begrüßung zu seiner Partnerin Patricia Malone: blaue Augen, Pferdeschwanz, Kaugummi im Mund wie immer.

Sie schüttelte den Kopf und ließ zur Antwort eine Blase platzen. Das hier nahm auch sie mit. Er wusste Bescheid. Im Licht der Scheinwerfer, die die Kriminaltechniker aufgestellt hatten, sah er die fahle Blässe ihrer hellen Haut unter den Sommersprossen. Aber vor allem wusste er es, weil er Malone kannte.

Er war an den Anblick in Stücke geschossener oder an Messerstichen verbluteter Teenager gewöhnt, schließlich war das hier die Bronx. Aber die Szene vor ihm war etwas anderes. Er hätte gern gesagt, dass er so etwas noch nie gesehen hatte, nur dass er genau so etwas vor weniger als einem Monat gesehen hatte.

Die Rechtsmedizinerin Janet Fogey schlenderte rüber an die Kante des Daches, um sich eine Zigarette anzuzünden. Russo und Malone gesellten sich zu ihr.

Sie warteten, während Janet einen tiefen Zug nahm, ihn dann langsam ausatmete wie einen tiefen Seufzer. »Ihr kennt ja den Trott. Vor Abschluss der Autopsie ist nichts gesichert.«

»Klar«, sagte Russo.

»Stranguliert, vergewaltigt.«

Russo wartete auf mehr. Fogey betrachtete die Zigarette, als könnte sie sich nicht erklären, wie sie in ihre Hand gekommen war.

»Klar«, sagte Russo schließlich. »Aber was ist mit …« Er gestikulierte mit der Hand zwischen Bauch und Brust.

Sie warf die Zigarette auf das Dach und zertrat sie weitgehend ungeraucht unter ihrem Absatz. »Wie der vorige, soweit ich das sagen kann. Eher Schnitte als Stiche. Sieht aus, als wär das Messer hineingestoßen und dann durch das Fleisch gerissen worden. Immer und immer wieder. Vielleicht ein paar Dutzend Mal, würde ich sagen. Mindestens.«

»Ist er so jung, wie er aussieht?«, fragte Malone.

Fogey zuckte die Achseln. »Um die fünfzehn, nicht gerade groß für sein Alter.«

Niemand sagte: »Genau wie der andere«, aber sie dachten es.

»Irgendwo da draußen läuft ein echt kranker Typ rum«, sagte ­Malone.

Fogey zuckte wieder die Achseln und fischte sich eine neue Zigarette aus ihrer Jackentasche. »Ich hab schon schlimme Sachen gesehen«, sagte sie. »Aber das hier gehört zum Härtesten.« Sie zückte ihr Feuerzeug und zündete die Zigarette an.

Russo trat beiseite und stellte sich an die hüfthohe Brüstungsmauer am Dachrand. Der Geruch von Zigarettenrauch erinnerte ihn immer an seinen Vater, der seit drei Jahren tot war. Er hatte gehört, manche Männer erlebten so eine Art Befreiung, wenn ihre Väter starben. Als könnten sie mit ihrem Leben nun endlich anfangen, was sie wollten. Aber Paps war ein knallharter Scheißkerl gewesen, und Russo war sicher, der alte Mann würde ihn unverzüglich heimsuchen, wenn er irgendetwas anderes machte als das, was er jetzt tat. Nicht, dass Russo das je ernstlich in Erwägung gezogen hätte.

Im ersten Tageslicht waren die hässlichen Konturen des Viertels noch verschwommen, die Straßen ruhig. Die beste Zeit des Tages, dachte er. Und dann: Der Kerl, der dasgetan hat, ist irgendwo da draußen. Und Russo hatte ihn nach dem ersten Mal nicht erwischt. Sicher, es gab noch andere, denen das mit anzulasten war, wenn er so wollte. Aber er, Russo, nahm es immer persönlich.

Jemand hatte ein Messer genommen und den Jungen da hinter ihm abgeschlachtet, buchstäblich geschlachtet, und dieser Jemand war unterwegs auf diesen Straßen, in denen es jetzt gerade hell wurde. Russo musste ihn kriegen. Die Sonne stand inzwischen hoch genug, dass er den Müll auf den Gehwegen erkennen konnte. Und wieder fühlte er das Summen in seinen Adern.

Russo drehte sich um und sah nach, was Malone trieb. Sie sprach immer noch mit Fogey, die gerade die nächste Zigarette ausmachte. Er rief: »Fogey, wenn das Ihre Methode ist, aufzuhören, wird Sie das ein Vermögen kosten. Weiterrauchen ist billiger.«

Drei Wochen später fanden sie den dritten Jungen. Auf einem leeren Abrissgrundstück hinter einem Schutthaufen. Inzwischen nannten sie den Täter Jack. Ihm einen Namen zu verpassen machte es erträglicher, gab ihrem Hass eine Art Ziel. Seit dem Tag, als sie die zweite Leiche gefunden hatten, verbot Russo seinen Kindern, auf der Straße herumzuhängen. Er wollte auch nicht, dass sie nach Einbruch der Dunkelheit noch Freunde besuchen gingen.

An diesem Abend kam Russo spät nach Hause. Der Kick war längst verflogen, die Frustration hatte eingesetzt. Er hatte den Scheißkerl nicht gekriegt, und der Scheißkerl hatte es wieder getan. Dieses Schwein spielt mit mir, dachte Russo.

Rosemarie war in Sorge, weil sie Andy erlaubt hatte, zum nächsten Häuserblock zu gehen und mit einem anderen Kind an seinem Wissenschaftsprojekt zu arbeiten. Schließlich war Russo zu selten da, um ihm bei seinen Schulaufgaben eine Hilfe zu sein, daher fand sie, das müsste sie ihm zubilligen.

Das ging schon in Ordnung. Denn sie hatten jetzt drei Morde und ein klares Muster. Die körperlichen Merkmale der Opfer zeigten deutlich einen bestimmten Typ – Schwarze oder dunkle Latinojungs zwischen dreizehn und sechzehn Jahren. Alle klein und schmächtig, für ihr Alter eher unterentwickelt.

Andy war erst elf und rundlich, und Johnny Junior war ein großer Junge, breitschultrig und muskulös vom regelmäßigen Krafttraining. Vor allem aber kamen die Opfer nicht aus Familien, wie er und Rosemarie für ihre Kinder eine geschaffen hatten. Es waren Kids, die auf der Straße lebten oder in überfüllten engen Wohnungen. Zu viele Leute und immer zu wenig Geld. Der letzte Junge hatte in einer Art Jugendasyl gehaust, so schlecht stand es um ihn. Jack machte Jagd auf Kids aus einem anderen Leben. Von ihrer Realität so weit entfernt, als lebten sie in einem anderen Land.

Als Russo ihr das erklärt hatte, sprach Rosemarie ein leises Dankgebet und schämte sich dabei. Schämte sich, weil sie so dankbar war, dass nur anderer Leute Kinder in Gefahr waren, dass nur andere Mütter krank vor Sorge sein mussten.

Russo setzte sich mit einem Bier an den Tisch und dachte an die Gegend, wo sie den dritten Jungen gefunden hatten. Als er während der mittlerweile vertrauten Routinechecks mit ­Malone in der Gasse herumstand, hatte sie gefragt: »Glaubst du, das ist jetzt der Letzte?«

»Was redest du da?«, blaffte er ungläubig. »Fragst du mich im Ernst, ob ich glaube, der Kerl hat genug und hört einfach auf?«

Sie starrte ihn an, empört, weil er überhaupt in Betracht zog, dass sie es so gemeint haben könnte. »Ich meinte hier. Der Letzte hier bei uns. Ich will nicht, dass er weggeht und woanders weitermacht. Ich will, dass er hierbleibt, wo wir ihn kennen, wo wir ihn schnappen können.«

»Ich auch«, sagte ihr Partner grimmig. »Ich will, dass wir es sind, die das Schwein drankriegen.«

»Hey«, sagte sie, »wir kriegen ihn schon noch.« Aber sie sagte nicht, dass sie ihn kriegen würden, bevor er die nächste Tat beging.

1

Wenn man nur lange genug für die Stadt arbeitet, dachte ­Katherine, kriegt man doch gewisse Extras: Noch vor der Mittagspause darf man die Klageschrift für einen besonders brutalen Missbrauchsfall aufsetzen, am Nachmittag steht dann der Irrsinn der Gerichtsanhörung bevor, und jetzt hat man eine inkompetente Idiotin vor der Nase und kann erst was essen gehen, wenn man sie losgeworden ist.

Das Büro der ACS-Fallaufnahme war in einem schäbigen Bau gegenüber vom Gericht untergebracht. Die Mittagspause in einem miesen Imbiss würde Katherines Tag enorm aufwerten, aber sie kam hier nicht weg, ehe sie mit diesem neuen Prozese­antrag fertig war. Erst hatte sie gehofft, Mrs. ­Ellie Jones – die kleine, selbstzufriedene Fallbetreuerin, die vor ihr saß – ­irgendwie missverstanden zu haben, aber diese Hoffnung hatte sich längst zerschlagen.

»Also Sie sind einer Meldung von Kindesmissbrauch nachgegangen und fanden das Kind in Handschellen ans Bett gekettet, mit aufgeschürften und blau angelaufenen Handgelenken, richtig? Und das Kind sagt, dass es bereits seit Tagen in dieser Lage ausharrt, korrekt?« Sie versuchte, es nicht allzu sehr nach flammender Anklage klingen zu lassen, doch das war vergebene Liebesmüh. Mrs. Jones merkte überhaupt nichts.

»Das hab ich Ihnen doch schon erzählt, Mrs. McDonald.«

»Dann erklären Sie es mir noch mal. Warum haben Sie das Kind nicht kraft Ihrer Befugnis in Gefährdungsfällen sofort in Obhut genommen?«

»Ich hab die Handschellen mitgebracht«, erwiderte Mrs. Jones zum dritten Mal seit Beginn des Gesprächs. Wieder zog sie die Handschellen aus der offenen Tasche auf ihrem Schoß und ließ sie hin und her baumeln.

»Sie haben also die Handschellen mitgebracht und das Kind dort gelassen«, sagte Katherine ausdruckslos – eine letzte Chance für Mrs. Jones, einen Hauch von Einsicht zu zeigen.

Mrs. Jones fand wohl, dass dies keine Antwort erforderte. Sie steckte die Handschellen wieder ein.

Angesichts dieser erschütternden Niederlage änderte ­Katherine ihre Vorgehensweise. In ihrem strengsten Ton fragte sie scharf: »Haben Sie irgendeine Ahnung, was die Eltern in diesem Augenblick mit dem Kind anstellen?« Sokratische Gesprächsführung: Entbinde die Wahrheit Schritt für Schritt. Wenigstens manchmal war das Jurastudium zu etwas nütze.

»Nein.« Mrs. Jones’ Ton deutete an, dass ihr die Richtung, die das Gespräch nahm, nicht behagte. Für einen Augenblick glaubte Katherine, sie sei endlich durchgedrungen. Dann fügte Mrs. Jones hinzu: »Sie können ihm jedenfalls keine Hand­schellen mehr anlegen.«

»Diesen Eltern fehlt doch eindeutig jeder Sinn für angemessene Erziehungsmethoden, können Sie mir so weit zustimmen?«

Mrs. Jones riskierte ein knappes, nervöses Nicken.

»Man kann also sagen«, fuhr Katherine fort, »dass das Kind hochgradig gefährdet ist. Bei unmittelbarer Gefährdung ist das Kind in Obhut zu nehmen und zur Anrufung des Familien­gerichts herzubringen.« In Mrs. Jones’ Blick schien ein schwacher Funke des Begreifens zu dämmern. »Aber dem Kind wird schon nichts passieren, denn Sie haben ja die Handschellen mitgebracht«, schloss Katherine ätzend, und Mrs. Jones nickte erleichtert, sichtlich zufrieden, dass die ACS-Anwältin es endlich kapiert hatte.

Katherine gab den Versuch auf, die Abgründe von Mrs. Jones’ Bewusstsein zu durchdringen, und entließ sie. Dann schrieb sie Mrs. Jones’ Vorgesetzter eine Mail mit der Anweisung, sofort jemand anderen zu der Wohnung des bis vor kurzem gefesselten Kindes zu schicken. Am Nachmittag konnte die Anhörung stattfinden, und Katherine würde beim Richter eine Verfügung beantragen, die den Eltern umgehend das Sorgerecht entzog. Noch etwas, worauf sie sich freuen konnte: Vor dem Richter war sie dann der einzig greifbare Blitzableiter für seinen berechtigten Grimm darüber, dass sich das Kind trotz der dramatischen Umstände nach wie vor in der Obhut seiner fesselwütigen Eltern befand.

Ihre Stimmung hob sich jedoch, sobald sie das triste Gebäude verließ. Sie ging an den blauweißen Gefangenen­transportern mit dem Kaninchendraht vor den Scheiben entlang, überquerte die 161. Straße und erreichte den breiteren Gehweg vor dem kastenartig aufragenden grauen Bau, den sich Familiengericht und Strafgericht teilten. Die Mittagssonne schien ihr warm auf den Kopf. Es war am Morgen kühl gewesen und würde abends kalt werden, aber im Moment war es angenehm mild. Der lange Indianersommer zog sich diesmal bis in den November.

Sie wandte sich nach rechts, überquerte die Sheridan Avenue und entdeckte Annie und Diane in einer Sitznische, sobald sie die Glastür von Fat City aufzog. Sie schlängelte sich zu ihnen durch, ließ sich neben Annie auf die rissige rote Lederbank fallen und sagte: »Tut mir leid. Ich kam nicht eher weg.«

Niemand machte sich die Mühe, nachzuhaken. Kein Mensch, der bei Verstand war, würde freiwillig im Fallaufnahmebüro sitzen bleiben, wenn er zum Lunch gehen konnte. Diane wandte sich Katherine zu. »Ich erzähl Annie gerade, dass ich heute früh einen Fall hatte, wo die Beklagte Mutter von sieben Kindern ist.«

Es gab eine kurze Stille, in der Annie und Katherine mit Blicken ausfochten, wer heute an der Reihe war, Dianes Bälle zu retournieren.

Es war Annie, die aufgab und die erwartete Phrase sprach. »Und das Besondere daran ist …?«

»Die Mutter ist dreiundzwanzig.«

Alma, die Kellnerin, ließ einen Teller mit einem Burger vor Annie auf den Tisch gleiten, dann setzte sie genauso einen vor Katherine ab und Rührei mit Bratkartoffeln vor Diane. Die hatte es schon lange aufgegeben, Alma davon abzubringen, ihr diese bleichen Kartoffelwürfel mit fast rohen Zwiebelstückchen und Pfeffer vorzusetzen, die sie hier Bratkartoffeln nannten. (»Die einzig akzeptablen Beilagen zu Eiern sind Polenta oder Brötchen. Vielleicht noch sehr krosse Röstkartoffeln. Aber nicht so was.«)

Katherine nahm ihren fetttriefenden Burger in Angriff und merkte, wie hungrig sie war. »Habt ihr für mich mitbestellt?«

Die beiden Frauen schüttelten die Köpfe.

»Hat Alma sich gedacht, wenn ihr zwei hier seid, komm ich auch?«

»Scheint so«, sagte Annie.

Diane ergriff wieder das Wort. »Ich hab noch einen: Warum ist die einzige Droge, die die Beklagten nicht nehmen mögen, die Antibabypille?« Die Vierzigjährige, die mit ihrem kaffeedunklen Teint und der hochgewachsenen schlanken Figur eher nach dreißig aussah, war Katherines und Annies Vorgesetzte. In einer Etagenwohnung in Washington Heights zog sie ihre zwei Nichten groß. Von deren leiblicher Mutter, Dianes Schwester, war nur bekannt, dass sie in Detroit auf der Straße lebte. Einen Vater oder Väter gab es nicht.

Diane und Katherine hatten dem zarten Geschöpf namens Annie zunächst Vorbehalte entgegengebracht. Doch sie fügte sich nahtlos in die kollegiale Freundschaft der beiden älteren Frauen. Von ihrem Privatleben wussten sie nur, dass sie nach einer Kommilitonenehe geschieden war. Da sie nicht darüber sprach, gingen sowohl Katherine als auch Diane davon aus, dass es schlimm gewesen war.

Auf Dianes Spruch hin bemerkte Annie nachdenklich: »Vor gar nicht langer Zeit setzten die meisten meiner Freundinnen alles daran, bloß nicht schwanger zu werden. Und jetzt kommt es mir vor, als ob fast alle, die ich kenne, verzweifelt versuchen, einen Braten in die Röhre zu kriegen.«

Katherine nickte. Die Epidemie der Fortpflanzungsbesessenheit grassierte auch unter Frauen ihres Alters. Sie selbst hatte nie über ihre Ehe gesprochen, als sie noch mit Barry zusammengelebt hatte, und sah keinen Grund, jetzt damit anzufangen.

Annie fuhr fort: »Sie essen nur noch Körnerfutter und biodynamisches Gemüse …«

»Das ist schon der erste Fehler«, warf Diane ein.

»… und machen Fruchtbarkeitstherapien und empfangen trotzdem nicht, wohingegen …« Sie brach ab, und Katherine und Diane warfen sich einen kurzen Blick zu.

»Wohingegen die Beklagten bei einer Diät aus Chips, Pepsi und Crack jedes Jahr ein Baby werfen«, beendete Diane den Satz für Annie. Die wurde rot, ein fleckiges Rosa, das vom Unterkiefer aufwärts wanderte und die Wangen überzog. Wenn es darum ging, Witze über das Elend zu reißen, das sie tagtäglich zu sehen bekamen, war Annie immer noch zartbesaitet, was Katherine und Diane nachhaltig amüsierte.

Katherine wischte mit der billigen dünnen ­Papierserviette vergeblich an ihren schmierigen Händen herum. »Was ich gern mal wüsste: Warum ist die Abbrecherquote bei der Suchtakupunktur bloß so hoch? Da spritzen sie sich jahrelang in wer weiß wie schmuddligen Löchern wer weiß was in die Venen, und jetzt, ganz plötzlich, haben sie auf einmal Angst vor Nadeln?«

Dann gab Katherine die Geschichte von Mrs. Jones und den Handschellen zum Besten, und erwartungsgemäß fand Diane sie zum Brüllen komisch. Als das Gelächter der Frauen nachließ, fügte sie noch hinzu: »Das nächste Mal trifft sie auf ein Kind voller Zigarettenverbrennungen und beschlagnahmt die Kippen«, und Diane und Katherine prusteten wieder los.

Katherine hatte Annie am Ende ihrer ersten Woche gesagt: »Wenn du eine Zeitlang mit verwahrlosten und missbrauchten Kindern zu tun hast, machst du entweder schlimme Witze darüber oder du drehst durch.« Bisher hatte Annie weder das eine noch das andere getan.

Die Mittagszeit neigte sich dem Ende zu, die Menge sickerte allmählich nach draußen. Katherine musste zurück ins Büro, doch sie blieb noch sitzen und trank den lausigen Kaffee, bitter im Mund wie geschmolzener Stahl. Sie gingen nicht mehr so oft zum Essen raus wie früher – dies war ein rares Vergnügen. Seit sie bei jeder Rückkehr ins Gebäude durch die Metall­detektoren mussten, schien der Weg zum Mittagessen oft nicht den Aufwand wert.

Eine Gruppe von Männern in Anzügen passierte ihre Sitzecke auf dem Weg nach draußen. Diane streckte den Arm aus und legte einem von ihnen ihre lange schmale Hand auf den Arm (sie sollte wirklich Klavier spielen mit diesen Fingern, dachte Katherine). »Dan! Dan Mendrinos. Wie geht’s dir, Junge?«

Der große dünne Mann mit dem traurigen Gesicht und den tiefen Furchen um den Mund blickte mit leichtem Lächeln auf Diane herunter. Einer aus der Heerschar von Dianes Freunden, nahm Katherine an.

Graziös rutschte Diane auf der Bank ein Stück weiter, ohne die Hand vom Arm des Mannes zu nehmen, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich neben sie zu setzen.

»Das da rechts ist Annie O’Connor. Zur Linken siehst du ­Katherine McDonald, von der ich dir erzählt habe. Ladys, dies ist …«

»Dan Mendrinos«, sagte Katherine, »wir haben es gehört.«

Diane überging die Unterbrechung gnädig. »Ich war im Begriff, euch zu erklären, dass er ermittelnder Staatsanwalt ist.« Der in Dianes Stimme mitschwingende Unterton einer wichtigen Verlautbarung weckte Katherines Argwohn. In den Monaten seit Katherines Trennung von ihrem Mann hatte Diane schon mehrfach Andeutungen gemacht, dass es Zeit sei, sich auf etwas Neues einzulassen. Katherine hatte diese Andeutungen geflissentlich überhört.

»Schön«, sagte sie und blickte demonstrativ auf ihre Uhr, »ich sollte wirklich machen, dass ich wieder an die Arbeit komme.«

Das war wahr. Sie hatte ein Kind als Zeugen zu befragen, ehe sie sich um ihre Anklageerhebungen kümmern konnte. Es kam nicht jeden Tag vor, dass sie vor dem Gerichtstermin Gelegenheit erhielt, mit einem Zeugen zu sprechen. In diesem Fall wurde das Kind zu einer psychologischen Begutachtung vorgeführt, die sein gerichtlich bestellter Vormund arrangiert hatte, und Katherine würde es möglich sein, mit dem Jungen zu reden.

»Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen«, sagte sie rasch zu Mendrinos, warf ein paar Scheine auf den Tisch, um ihren Teil der Rechnung zu decken, und eilte zur Tür hinaus.

Mendrinos sah Diane an. »Gehe ich recht in der Annahme, dass sie von dem Auftrag nicht gerade begeistert ist?«

Diane lachte. »Ich hab ihr noch gar nichts davon erzählt, also ist sie nicht deshalb weggerannt. Ich rede heute Nachmittag mit ihr, sie wird dich dann anrufen. Mach dir keine Sorgen. Ich sag dir doch, sie ist die Richtige.« Diane berührte Annies Arm. »Erinner mich daran, dass ich ihr nachher noch was erzählen muss. Ich glaube, ich hab heute Morgen unten im Warteraum ihren Mann, ihren Exmann, gesehen.«

»Hat er nach ihr gesucht?«

Diane zuckte die Achseln. »Er weiß, wo ihr Büro ist, und im Übrigen auch, wo meins ist. Er hätte eine Nachricht dalassen können, wenn er das gewollt hätte.«

»Dann muss er hier einen Fall haben.«

Diane zog ein Gesicht. »Sehr unwahrscheinlich. Barry Worth in der Bronx? Am Familiengericht? Er macht in Fusionen und Übernahmen, bei einer großen Kanzlei in der Nähe der Wall Street.« Sie dachte einen Moment nach. »Vielleicht war er es auch gar nicht. Diese weißen Jungs in Anzügen. Für mich sehen die alle ziemlich gleich aus.«

Ihre Absicht war, Mendrinos zum Lachen zu bringen, aber der hörte sie gar nicht. Er sah durchs Fenster zu, wie Katherine die Sheridan Avenue überquerte. Die Schnittkante ihre glatten braunen Haare schwang knapp über dem weißen Kragen ihrer schlichten Hemdbluse. Sie trug ein graues Jackett, Hosen und flache Schuhe. Er sah ihr nach, bis sie im Eingang des Familien­gerichts verschwand, wo die Tür sich hinter ihr schloss und sie seinem Blick entzog.

2

Wenn man nur lange genug für die Stadt arbeitet, dachte sie, als sie sich in dem Büro umsah, das sie mit Annie im siebten Stock des Familiengerichtsgebäudes teilte, kriegt man obendrein auch noch das hier:ein schäbiges, fensterloses Kabuff mit zwei Metallschreibtischen, bestückt mit je einem vorsintflutlich anmutenden Rechner, dazu Akten auf jeder waagerechten Fläche einschließlich des Fußbodens, einen zerschrammten Aktenschrank und einen rostenden Papierkorb.

Sie rief: »Herein!«, als sie das Klopfen an der Tür hörte. Eine große, runde Frau, den großen, runden Körper in ein mit sanften Farben bedrucktes Kleid gehüllt, betrat den Raum mit einem ziemlich kleinen Jungen an ihrer Seite. Katherine begrüßte das Kind und wies die Fallbetreuerin an, im Flur zu warten. Die Frau nickte und fragte dann rasch: »Haben Sie das mit Jonathan Thomson gehört?«

Erschrocken betrachtete Katherine die Frau genauer. Jetzt erinnerte sie sich: Sie war die für Jonathan zuständige Fall­betreuerin gewesen. An ihren Namen konnte sie sich nicht erinnern. Sie sah tagtäglich viel zu viele Fallbetreuer.

»Ich bin Julia Williams.«

»Ja, natürlich, ich erinnere mich«, sagte Katherine. »Was soll ich über Jonathan gehört haben?«

Nur zu gern hätte sie jetzt vernommen, dass er wieder auf die Privatschule ging, deren Besuch sie ihm ermöglicht hatte. Er war dort in die neunte Klasse eingestiegen. Seine Noten waren von der ersten Woche an überragend. Er schrieb für die Schulzeitung. Sein Gesangstalent wurde entdeckt und sein Stipendium erweitert, um Stimmbildung und Einzelunterricht mit abzudecken.

Seine Lehrer hätten sich sicher nicht ungern das Verdienst an seinen Erfolgen zugeschrieben. Aber, so dachte Katherine, sie mussten vom ersten Moment der Begegnung an gewusst haben, dass das alles allein von Jonathan ausging und mit niemandem sonst zu tun hatte. Und dieselben Lehrer waren völlig entgeistert, als er die Schule verließ, und gaben nur höchst vage Erklärungen dazu ab. Ihre Entrüstung stand in keinem Verhältnis zu der erlittenen Zumutung. Es gehen ständig Kinder von Schulen ab, aus guten und aus schlechten Gründen, und in manche von ihnen haben die Lehrer viel Anstrengung investiert. Doch in Jonathans Fall kreideten sie ihm seine Undankbarkeit mit besonderem Ingrimm an.

Katherine verstand diesen Unmut. Sie empfand ihn selber.

Doch wie Mrs. Williams’ betretener Blick ihr schon verriet, drehte sich diese Neuigkeit nicht darum, dass Jonathan wieder beim Griechischstudium war und die Hauptrolle im Schul­musical spielte. »Er wurde umgebracht, Ms. McDonald. Sie haben doch von dem Serienmörder gehört, der hier die zwei Jungs gekillt hat?«

Das hatte Katherine nicht. Die New York Times brachte nur die sensationellsten Verbrechen, und sie las weder Boulevardblätter noch die Stadtteilzeitungen der Bronx. Benommen nickte sie, um sich Zeit zu verschaffen, das Gehörte zu verdauen. Nein, Mrs. Williams musste sich irren. Oder Katherine hatte sie nicht richtig verstanden.

»Er hat auch Jonathan erwischt. Sie haben die Leiche des ­armen Jungen gestern gefunden.«

Der offene Kummer in Mrs. Williams’ Gesicht entfachte in Katherine einen plötzlichen Zorn. Wir haben es hier jeden Tag mit Tod und ruinierten Kindern zu tun, dachte sie, wir können nicht um jeden Einzelnen weinen. Mit vorgetäuschter Ruhe schickte sie Mrs. Williams aus dem Raum und wandte sich dem Jungen zu, der still neben ihr gestanden hatte. Laut Akte war er dreizehn, sonst hätte Katherine ihn eher auf zehn geschätzt. Jose war unnatürlich dünn und hinkte auf Beinen daher, die an verdrehte Zweige erinnerten. Seine braunen Augen waren gesprenkelt mit goldenen Flecken.

Sie wies den Jungen an, sich auf den harten Stuhl zu setzen, der neben ihrem Schreibtisch stand, dann besann sie sich und platzierte ihn in ihrem eigenen gepolsterten und bequemeren Bürosessel. Er wirkte darin noch kleiner.

Sie hatte die medizinischen Berichte schon gelesen. Sie wusste, dass Jose, sein jüngerer Bruder und seine kleine Schwester alle an Herpes, Tripper, Chlamydien und Feigwarzen litten. Das war ein Thema, das sie nicht mit Jose besprechen musste. Sie brauchte von ihm keine Zeugenaussage zum medizinischen Sachverhalt. Nach den Statuten hatten ärztliche Diagnosen in einem Kinderschutzverfahren automatisch Beweiskraft.

Der Nachweis, dass ein Kind geschlechtlich übertragene Krankheiten hatte, genügte für eine Missbrauchsklage, sofern keine glaubwürdige Erklärung seitens der Eltern vorlag. Rein technisch gesehen musste sie nur die Diagnose zur Beweisaufnahme einreichen und nachweisen, dass das Kind bei den Beklagten, den Eltern und dem ebenfalls dort lebenden Onkel, wohnte. Damit konnte sie durchkommen, ohne Joses Aussage überhaupt zu brauchen.

Der Anwalt der Eltern mochte jedoch anführen, dass der Junge Möglichkeiten hatte, die Wohnung zu verlassen, auf Abenteuer auszugehen und sich die Geschlechtskrankheiten auf eigene Faust zuzuziehen. Diese Erklärung war allerdings schon gewagt, was seinen siebenjährigen Bruder betraf, und würde bei der fünfjährigen Schwester sicherlich nicht mehr tragen. Aber vielleicht würde der Verteidiger so weit gehen zu behaupten, Jose selbst hätte seine jüngeren Geschwister ­infiziert.

Katherines Hoffnung war nun, dass Jose sich als brauchbarer Zeuge erwies, so dass diese potenzielle Hintertür für die Eltern und den Onkel zugeschlagen würde.

Aber Kinder waren als Zeugen generell nicht verlässlich. Sie konnten im Zeugenstand plötzlich alles Mögliche behaupten und taten es auch. Fast jeder Anwalt der Dienststelle konnte eine Horrorgeschichte erzählen, die das belegte.

Ganz abgesehen von diesem Aspekt der Unvorhersagbarkeit war es Katherine zuwider, die geschädigten Kinder weiterer Unbill auszusetzen. Sie würde ein Kind nie als Zeugen einvernehmen, wenn es nicht absolut notwendig war. Aber ihr lag sehr daran, dass die Eltern wegen Missbrauchs verurteilt wurden – sie wollte nicht, dass sie mit Vernachlässigung davonkamen. Also brauchte sie seine Aussage.

Jose saß da, die Schultern hochgezogen, mit hängendem Kopf.

»Weißt du, wer ich bin?«

Er schüttelte den Kopf, ohne aufzublicken. Zwei Anwälte an einem Vormittag war mehr, als ein Kind zu bewältigen haben sollte.

»Ich bin Katherine McDonald. Ich handele im Auftrag des Amts für Kindeswohl. Ich bin ACS-Anwältin, aber nicht deine Anwältin. Ms. Jasper ist deine Anwältin.«

Vermutlich gingen die Spitzfindigkeiten, mit denen sie ihn überschütten musste, über sein Verständnis. Wobei ­Katherine sogar fand, es wäre besser für ihn, nicht zu verstehen, wie wenig Macht und Möglichkeiten er hatte. Was half es ihm zu wissen, dass er in die Maschinerie der städtischen Behörden geraten war und sein Schicksal jetzt in den Händen von unterbezahlten, überarbeiteten Zahnrädchen lag?

Er nickte.

»Hat Ms. Jasper dir gesagt, dass es okay ist, mit mir zu ­reden?«

Er nickte wieder. Sie erklärte ihm, dass es ihr Job war, dem Richter seinen Fall vorzutragen. Sie vertrat vor Gericht das Amt für Kindeswohl. Seine Rechtsanwältin, Jeanine, vertrat Jose, seinen Bruder und seine Schwester. Ein dritter Anwalt, vom Gericht ernannt, vertrat seine Eltern, ein vierter seinen Onkel. Sie war sicher, dass er ihr nicht mehr folgen konnte, aber die Zeit lief ihr davon, und so ackerte sie sich weiter hindurch.

Jose würde als Zeuge auftreten, es war wichtig für ihn, dem Richter die Wahrheit zu sagen, erklärte sie. »Das ist das Familiengericht, also kann dieser Richter niemanden ins Gefängnis stecken. Wenn eine Straftat festgestellt wird, verhandelt das ein anderes Gericht mit anderen Anwälten und einem anderen Richter. Der Richter vom Familiengericht stellt nur fest, ob dir oder deinen Geschwistern etwas angetan wurde, und wenn ja, wie ACS euch am besten helfen kann.«

Jose blickte auf, und sie erschrak vor der kalten Intelligenz in seinen Augen. Dieser Junge würde bestimmt nicht so tun, als glaubte er, sein Schicksal läge ihr am Herzen. Sie musste weder mit seinen Eltern weiter in der schäbigen Wohnung leben noch sich in ein lausiges Pflegeheim stecken lassen. Er beantwortete ihre Fragen mit einer vernehmlichen Provokation im Ton. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Sie hatte nichts getan, um sich sein Vertrauen zu verdienen.

Er berichtete, wie er und seine Geschwister bei seinen Eltern und seinem Onkel gelebt hatten. Es war der Onkel, der ihn sexuell missbraucht hatte, wobei er diesen Ausdruck nicht benutzte. Später hatte der Onkel auch Freunde mitgebracht, die das Gleiche taten, als Gegenleistung für Drogen oder Geld. Jose erklärte, seine Eltern hätten von all diesen Aktivitäten in ihrem Haushalt absolut nichts mitbekommen. Das war der Punkt, an dem Katherine ihm nicht glaubte.

Gemessen am Durchschnitt von Katherines Fällen war dieser nicht besonders schockierend. Sie ging davon aus, dass nichts, was Familienmitglieder einander antun konnten, sie noch zu schockieren vermochte.

Jose beschrieb seine zahllosen Vergewaltigungen in einer klaren, emotionslosen Sprache. Oft sah er ihre nächste Frage voraus und beantwortete sie schon, bevor sie sie stellte. Das war an und für sich nichts Neues. Die Gefühlstaubheit, die Missbrauch oft zur Folge hat, konnte so eine Haltung hervorrufen. Aber in diesem Fall, dachte sie, war da noch etwas anderes. Sie hatte das Gefühl, dass Jose genau wusste, wie der Kontrast zwischen den grausamen Fakten und seinem sachlichen Berichts­ton das Entsetzen des Zuhörers steigerte. Aber nein, sagte sie sich, der Junge konnte unmöglich so raffiniert sein.

Jonathan war genauso brillant gewesen, aber ihm fehlte gänzlich Joses Zynismus. An den fernen Rändern ihres Bewusstseins schwebte die Erinnerung an Jonathan wie ein Schatten. Sie stieß sie fort. Jose und seine Geschwister hatten ihr ganzes kurzes Leben lang unter Mangel an Aufmerksamkeit zu leiden gehabt. Ihre Eltern, ihre Verwandten, ihre Ärzte und ihre Lehrer – nicht ein einziger Mensch hatte bemerkt, dass diese Kinder wiederholt vergewaltigt wurden und, wenn man Jose ansah, unterernährt und vernachlässigt waren. Sie hatten ein Recht auf Katherines volle Aufmerksamkeit für die kurzen Momente, in denen ihr Leben in ihrer Hand lag.

Es war leicht für sie, sich in ihren Fällen zu verlieren. Barry hatte sich nie ausdrücklich darüber beklagt. Stattdessen hatte er seine Kommentare dazu als Besorgnis um ihr Wohlbefinden gestaltet. Sie sei zu talentiert für so einen undankbaren Tretmühlenjob. Wenn sie glaubte, gutherzige Seele, die sie war, dass sie zum Wohle der Menschheit ihre Karriere opfern müsste, sehr schön. Aber sie schuldete es sich selbst, das alles hinter sich zu lassen, wenn sie das Büro verließ. Sie sei emotio­nal niemals anwesend, hatte er einmal gesagt. Was immer das bedeuten mag, hatte sie gedacht, aber nicht laut gesagt.

Die Geschichte, die Jose erzählte, hatte er bereits einer langen Reihe von Fremden vorgetragen. Angefangen mit dem Sozialarbeiter, der dem ersten Verdacht auf Missbrauch nachgegangen war, dann den ermittelnden Polizeibeamten. Er musste sie vor dem Missbrauchsermittler der Staatsanwaltschaft wiederholen, vor seiner Anwältin und dem Psychologen, den er heute Morgen getroffen hatte. Katherine war nur ein Glied mehr in dieser Kette, und dies war auf lange, lange Sicht bei weitem nicht das letzte Mal, dass er seine schmutzige kleine Geschichte würde ausbreiten müssen.

Zu der Zeit, als Annie mit noch intaktem Idealismus im Büro anfing, hatte Katherine längst aufgehört zu glauben, sie könnte das Leben dieser Kinder irgendwie verbessern. Sie erkannte in Annie ihr vergangenes Selbst – bevor sie hatte erkennen müssen, dass ihr Eingreifen oft noch mehr Leid verursachte als die Missstände, die sie beheben wollte. Wenn du den Job nur lange genug machst, endet eines Tages ein Kind tot oder verstümmelt, und du wirst nie sicher sein, dass es nicht deine Schuld war.

Es war Diane zu verdanken, dass Katherine die ersten Jahre durchgehalten hatte. Die beiden waren die einzig Übriggebliebenen aus jenen Tagen. Alle anderen hatten sich längst davongemacht und irgendetwas anderem zugewandt – egal was. Andere hatten ihre Plätze eingenommen und waren wieder gegangen, frei nach dem Rotationsprinzip. Ein Mensch kann das nur eine begrenzte Zeit aushalten, sagten sie. Katherine war jetzt fünfzehn Jahre da, Diane noch länger.

Einer der Grundsätze, die Diane ihr beigebracht hatte, bestand darin, nicht zu fragen, was nach dem Abschluss eines Falls aus den Beteiligten wurde. Das war nicht mehr ihr Pro­blem, und sie hatte genug Probleme.

Sie war nicht hier, um die Kinder glücklich zu machen, sondern um das Richtige zu tun. Diane hatte einmal gesagt, es gab Anwälte, die glaubten, sie könnten mit dieser Arbeit die Wunden ihrer eigenen Kindheit schließen. »Sei keine von denen, das funktioniert nicht.«

»Denk nie, dass diese Kinder dich lieben werden«, hatte ­Diane gesagt. »Denk nie, dass sie dir dankbar sein werden.«

Katherine folgte Dianes Ratschlägen weitgehend. Sie nahm nicht an, dass diese Kinder überhaupt über sie nachdachten, von Dankbarkeit ganz zu schweigen. Ihr Dasein war erfüllt vom Auftreten ständig wechselnder Darsteller, die als Fall­betreuer, Heimvorsteher oder Pflegeeltern in ihr Leben traten, sie selbst spielte darin weniger als eine Nebenrolle.

Sie trichterte Jose nochmals ein: Alles, was er zu tun hatte, war, die Wahrheit zu sagen. Sie sagte ihm nicht, dass alles gut würde. Realistisch betrachtet war er angesichts seines Starts ins Leben schon erledigt. Das Einzige, was sie noch für ihn tun konnte, war, ihn wenigstens nicht zu belügen.

Katherine begleitete Jose zurück zu Ms. Williams, die im Fallbetreuerraum auf einem Metalltisch voller Fastfoodverpackungsmüll Papierkram erledigte. Falls irgendjemand diesen verlorenen Jungen trösten konnte, dachte Katherine, dann am ehesten noch Ms. Williams mit ihrem großen mütterlichen Busen.

Zurück in ihrem Büro hievte sie sich die Akten ihrer neuen Fälle unter den Arm, um damit nach unten zu gehen, und hielt plötzlich einen Augenblick inne.

Sie war für einen Mord verantwortlich. Das hatte sie im selben Moment begriffen, als sie von Jonathans Tod erfuhr. Aber damit würde sie sich später auseinandersetzen.

Sie ging nach unten, um ihre neuen Anklageschriften einzureichen, und probte im Stillen, was sie dem Ermittlungsrichter sagen würde, wenn er fragte, warum Ms. Jones als Vertreterin des Amts für Kindeswohl das unglückselige Kind nicht gerettet hatte. Sie stellte sich vor, wie sie zum Richter sagte: »Nun ja, Euer Ehren, sie hat immerhin die Handschellen beschlagnahmt.«

3

Als Katherine ins Büro zurückkam, war Annie verschwunden, dafür saß Diane neben ihrem Schreibtisch, blätterte im Law Journal und knabberte Junkfood aus Annies Geheimvorräten.

»Wie könnt ihr in diesem Chaos nur irgendwas finden?«, fragte sie rhetorisch und wedelte mit einem Käsechip über die Schreibtische. Unter den Bergen von Akten und Anträgen war unmöglich zu erkennen, wo ein Schreibtisch endete und der andere begann.

Katherine zuckte die Achseln. »Wenn ich die Anträge draußen liegen lasse, kann ich wenigstens so tun, als hätte ich eine Chance, vor dem Gerichtstermin den Fall vorzubereiten.«

»Kommt das oft vor?«

Katherine überhörte das. »Wo steckt Annie?«

»Beantragt irgendeine Vertagung.«

»So spät noch?«, fragte Katherine.

Diane zuckte die Achseln. »Sie steht vor Bowers.«

»Ach so.«

Der Terminkalender des Gerichts war bekanntlich notorisch überfüllt, und Richter Bowers kam mit seinen Verhandlungen fast nie bis Feierabend durch. Dann musste er Downtown anrufen und eine Genehmigung für die Bezahlung der Überstunden der Gerichtsdiener, des Schreibpersonals und der übrigen Justizbeamten einholen. (»Downtown« hieß für alle Abteilungen des Gerichts das Zentralbüro in Manhattan. ­Diane verglich ihre Situation in der Bronx gern mit einem kleinen Außenposten einer abgelegenen Provinz des Römischen Reichs.) Jedes Vorkommen von Überstunden musste im Bericht des Richters verzeichnet werden und war ein Schandmal für ihn oder für sie. Bowers holte mit schöner Regelmäßigkeit Überstundengenehmigungen ein, folglich gingen alle davon aus, dass er sich nicht um Wiedereinstellung zu bemühen gedachte, wenn seine laufende Amtsperiode endete.

»Komm, iss auch was«, drängte Diane.

Widerstrebend nahm Katherine eine Handvoll trockener Kekse entgegen und fragte betont beiläufig, ohne Diane anzusehen: »Der Staatsanwalt, dieser Mendrinos …«

Diane lächelte und öffnete schon den Mund, um zu antworten, doch Katherine schnitt ihr das Wort ab.

»Wenn ich will, dass du mir einen Kerl suchst, dann sag ich’s dir. Ich will es nicht.«

»Schätzchen, ich weiß nicht, wie du darauf kommst, ich würde unsere Freundschaft riskieren, um dich mit jemandem zu verkuppeln. Hör gut zu. Die Welt dreht sich nämlich nicht bloß um dich. Heut Morgen bekam ich einen Anruf von Downtown. Wir sind aufgefordert, in einem Mordfall mit dem Büro der Staatsanwaltschaft zu kooperieren. Ein Serienmörder bringt Teenager um, und der letzte stand unter der Obhut unserer Behörde – er lebte in einem ACS-betreuten Gruppenheim. Ich bin angewiesen, jemanden von unserem Büro abzustellen, der mit dem Staatsanwalt die Akten durchgeht. Gott steh mir bei, aber ich dachte da spontan an dich. Dann stellt sich heraus, der zuständige Staatsanwalt ist Dan, den ich seit Ewigkeiten kenne. Heute Vormittag hab ich mit ihm telefoniert und von dir erzählt. Als ich ihn in der Mittagspause sah, schien es naheliegend, dich gleich vorzustellen.«

Katherine schlug die Hände zusammen. »Ich fürchte, ich hab mich vorhin wie eine Zicke aufgeführt.«

»Das kannst du wohl sagen.«

»Das passt mir eigentlich gut.« Katherines Stimme klang, als dächte sie schon an etwas anderes. »Ich wollte dich sowieso bitten – da du beim Mittagessen so vertraut mit Mendrinos schienst –, ihn mal zu fragen, wer in dem Serienmörderfall der ermittelnde Staatsanwalt ist. Jonathan Thomson … er war das letzte Opfer. Ich hoffte, du könntest – mir zuliebe – ­Mendrinos bezirzen, dass er für mich sondiert, was da läuft.«

Dianes Miene zeigte Bestürzung. »Ach Gott, der arme Junge. Oh, Katherine, das tut mir so leid. Ich hab gar nicht mitgekriegt … Ich hab die Namen der Opfer gar nicht registriert, obwohl ich sie gehört habe. Wie schrecklich.« In den Winkeln ihrer großen dunklen Augen glitzerten Tränen, vergrößert durch die Gläser ihrer Katzenaugenbrille.

Annie kam zur Tür herein, aber keine der beiden sah sie an. Achselzuckend ging sie hinter ihren Schreibtisch und setzte sich.

Diane hatte sich schon wieder im Griff, nur ihre Stimme klang ungewöhnlich leise und angespannt. »Ich weiß nicht, Schätzchen … vermutlich solltest du das dann lieber nicht übernehmen. Besser, jemand macht das, der ihn nicht so gut kannte wie du.«

Katherines Kiefermuskeln spannten sich, und ihr Blick begann zu funkeln. »Wenn du mir den Auftrag entziehst, kündige ich.«

Überraschung weitete Dianes Augen, und sie war einen Augenblick still, als müsse sie etwas abwägen. »Ich scheiß auf dich. Wenn mir wirklich an dir läge, müsste ich dringend dafür sein, dass du kündigst.«

Annie hatte ihre Vorgesetzte noch nie so reden hören und blickte verdattert von einer zu anderen.

Katherine lachte.

»Ich hab ihm gesagt, du rufst ihn an, bevor du heute Schluss machst. Zeig ihm, wie wir uns überschlagen vor Bereitwilligkeit, mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren. Aber … sag mir noch eins. Bevor du von diesem Auftrag wusstest, was hast du dir davon versprochen, mit dem Staatsanwalt plaudern zu dürfen?«

»Ich weiß nicht, was das jetzt zur Sache tut.«

Annie konnte nicht recht entscheiden, ob dieser Wortwechsel Ernst oder Spaß war.

»Hör mal zu, Mädchen. Dieser Spezialauftrag stellt mein Urteilsvermögen auf den Prüfstand. Ich hab nicht vor, für den Rest meines Lebens dieses gottverlassene Bronx-Ressort hier am Ende der Welt zu leiten. Also riskiere ich nicht dir zuliebe meinen guten Ruf, solange du nicht offen zu mir bist. Rede Klartext mit mir.«

Katherine sah Diane ausdruckslos an. »Meine persönliche Involviertheit wird die Arbeit nicht beeinträchtigen.«

Diane sah sie fordernd an. Das reichte ihr nicht.

»Diane …« Katherine brach ab, dann fuhr sie in einem Ton fort, der ihrer gewohnten Stimme wesentlich näher war: »Du bist diejenige, die mir beigebracht hat, nichts von alldem hier persönlich zu nehmen. Und du hattest recht. Ich hätte Jonathan gar nicht erst so nah an mich heranlassen sollen.«

Diane unterbrach sie scharf: »Das hab ich nie gesagt.«

Katherine zuckte die Achseln. »Wie auch immer. Ich werde diesen Fehler nie wieder machen. Aber Jonathan ist tot. Er ist tot, und ich will einfach wissen, was passiert ist. Sieh mal, ich hab mich seiner angenommen, wie man sich einem Projekt verpflichtet oder so, und dann habe ich ihn hängenlassen. Das hätte ich nicht tun sollen. Ich war wütend auf ihn, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, und er wusste, dass ich von ihm enttäuscht war. Ich hab ihn fallenlassen. Ich schulde ihm noch was.«

Diane antwortete nicht. Die Stille zog sich in die Länge, und schließlich fand Annie, dass sie etwas sagen musste. »Du kannst dir doch nicht die Schuld daran geben.«

»Ach nein?«

Dianes Stimme war leise. »Guter Gott, er wurde ermordet. Das hat doch nichts mit dir zu tun.«

»Da hat sie recht«, beharrte Annie. »Er wurde ermordet. Mord ist keine vorhersehbare Konsequenz von ein paar ausgefallenen Besuchen.«

Nichts in Katherines Gesichtsausdruck änderte sich. »Wie auch immer. Dann ist es eben nicht meine Schuld. Jedenfalls hat es keinen Einfluss auf meine Befähigung, Mendrinos zu unterstützen.«

»Kind …« In Dianes Augen standen wieder Tränen. »Ach, vergiss es. Die Mädchen warten mit dem Abendessen auf mich, und heute ist Mittwoch, also geh ich zum Gottesdienst. Und ich sag dir was, ich werd ein Gebet für dich sprechen, und eins für Jonathan. Gott segne seine arme kleine Seele.«

Katherine wartete, bis Diane zur Tür hinaus war, und murmelte dann: »Was immer das bringen soll.«

»Sie geht in die Kirche?«, fragte Annie.

»Ja, das braucht sie wohl.« Katherine schüttelte den Kopf. »Sie hat’s mir mal erzählt, bevor sie hinging. Sie hatte da diesen Fall. Der Name des Kindes war Farrely. – Egal, vergiss es. Mich nervt es, dass sie hinrennt und zu Gott betet, der sich leider zu fein war, um Jonathan zu retten. Verdammt, ich begreife nicht, wie man zu einem Gott beten kann, der zulässt, dass dreizehnjährige Mädchen cracksüchtige Babys zur Welt bringen. Und den ganzen anderen Scheiß da.« Sie schwenkte die Hand in Richtung der Aktenberge auf ihrem Tisch, dann griff sie, ohne auf eine Antwort zu warten, zum Telefon.

»Katherine, sag mir, dass du nicht glaubst, es wäre deine Schuld.«

Katherine hielt inne, den Hörer in der Hand. »Natürlich nicht.« Sie tippte eine Nummer ein. Bevor sie die letzte Zahl drückte und den Hörer ans Ohr legte, sagte sie: »Frag Diane gelegentlich mal nach dem Farrely-Fall.«

Aber Annie war sich ziemlich sicher, dass sie das lieber nicht wissen wollte.

4

Fast fünfzehn Jahre lang war Katherine an jedem Werktagsmorgen mit der Linie D nordwärts gefahren. Und zwar in einem nahezu leeren U-Bahn-Wagen, weil sie gegen den Strom der Pendler schwamm, die stadteinwärts nach Manhattan unterwegs waren. Auf dem Heimweg saß sie dann wieder in einem leeren Waggon, während die Züge, die zurück in die Bronx fuhren, aus allen Nähten platzten. (»Das hätte dir eine Warnung sein müssen«, hatte Diane erklärt, als Katherine ihr das erste Mal von ihrem Lachs-schwimmt-gegen-den-Strom-Erlebnis erzählte. »Wenn alle anderen in Gegenrichtung streben, solltest du denken: Ich tu hier bestimmt was ganz Blödes.«)

Vor gut drei Monaten hatte sie Barry verlassen, das gemeinsame Apartment aufgegeben und ihm auch gleich den gesamten gemeinsamen Freundeskreis überlassen. Die besagten Freunde waren davon, dass sie aus Manhattan wegzog, weit mehr überrascht als davon, dass sie Barry verließ. Sie hegten die unerschütterliche Überzeugung, dass ›die Bronx‹ als Kürzel stand für ausgebrannte Wohnblocks voller verwilderter Jugendlicher, die sich drohend an den Straßenecken zusammenrotten, während im Innern der schäbigen verfallenden Gebäude alles haust, was man sich unter der ekelhaften, verkommenen und zutiefst bösen Kehrseite der Zivilisation vorstellt. Ausnahmen bildeten allenfalls das Yankee-Stadion und der Botanische Garten.

Katherine aber war nach Riverdale gezogen, in ein ruhiges, baumreiches Randviertel der Bronx mit teuren Häuschen, ­netten Apartmentkomplexen und ausgedehnten Grünanlagen am Ufer des Hudson.

Barrys Attitüde wohlmeinender Toleranz gegenüber ihrem Beruf brachte sie auf. Schlimmer noch, alle ihre Freunde teilten seinen Standpunkt.

Er hatte über die Jahre immer wieder Bemerkungen fallen lassen, wie gut alles wäre, wenn sie es bewerkstelligen könnte, sich ans Gericht von Manhattan versetzen zu lassen. Aber in all den Jahren war so eine Versetzung nie zustande gekommen. Was sie nicht weiter wunderte, sie hatte sie nämlich nie beantragt.

Später klammerte er sich an die Hoffnung, sie würde in die Verwaltung des Zentralbüros Downtown befördert. Sie war doch so besessen von ihrer Arbeit. Die Sahne setzt sich immer oben ab, pflegte er zu sagen.

Auch dazu kam es nicht. Barry verstand das nicht, fragte sie jedoch niemals direkt nach dem Grund.

Katherine zollte seiner großzügigen Haltung keineswegs die gebührende Anerkennung. Vielmehr entwickelte sie im Laufe der Jahre einen abartigen Stolz auf den unvorteilhaften Nimbus ihrer Arbeit und auch der Gegend, wo sie ihr nachging. Und während sich Abendessen unter Freunden an Cocktailpartys reihten, fand Katherine es von Jahr zu Jahr schwerer, Interesse zu heucheln, wenn es um die Jobs ihrer gemeinsamen Bekannten ging. Die meisten schienen nichts anderes zu tun, als Vermögen von einem Reichen zum anderen zu transferieren.

Jahrelang hörte sie zu, wie sie über Beförderungen diskutierten, über Einrichtungsstile, Urlaubsziele und später ihre Sommerhäuser. Dann, scheinbar über Nacht, kamen die Themen Schwangerschaft, Fruchtbarkeitsklinik und Auslands­adoption.

Katherine hatte zu solchen Gesprächen nichts beizutragen, aber sie hatte die Macht, diese Konversationen zum Stillstand zu bringen, indem sie sagte: »Ich arbeite in der Bronx«, und auf die unausweichliche Reaktion wartete.

»Ich kann nicht glauben, dass du sie jeden Tag dahin lässt«, hatte einer von Barrys Partnern einmal gesagt. »Bitte sag nicht, du lässt sie mit der U-Bahn fahren.«

Jetzt parkte Katherine ihren zerbeulten kleinen Honda quer zu der Reihe von Eichen gegenüber dem Komplex aus ein- und zweistöckigen Apartments, in dem sie nun wohnte. Das kastenartige Bauwerk bestand aus vier geraden Apartmentfronten, die einen begrünten Innenhof einschlossen. Die Privilegierten, die hier ein ›Townhouse‹ bewohnten, hatten zum Innenhof hin gelegene Veranden mit gläsernen Schiebetüren.

Zu jeder Haustür gehörte ein winziger Vorhof, manche davon waren mit runden Grilldomen bestückt. An einer Hauswand lehnte ein kleines rosa Fahrrad, an dessen Lenker rosa und weiße Wimpel im Wind flatterten.

Katherines unmittelbare Nachbarin Jodi ließ immer ihr Schlafzimmerfenster offen, damit ihre fette Katze in den Hof konnte. Katherine selbst ließ oft ihre Haustür unabgeschlossen, wenn sie nur kurz wegging.

Rosensträucher, die ein früherer Bewohner gepflanzt hatte, säumten ihre Eingangstür. Die dornigen Zweige hatten keine Blätter mehr, aber an der äußersten Spitze eines bedrohlich aussehenden Astes hing eine vertrocknete braune Rosenblüte. Die Gegenwart der Rosenbüsche, das einzig bedeutsame, wenn auch karge Anzeichen von Leben in ihrem Garten, irritierte Katherine. Ihre Existenz verlangte nach Betätigung. Aber sie sah sich nicht als jemand, der düngte, Unkraut jätete oder Äste beschnitt. Die Rosen würden sich allein durchs Leben schlagen müssen.

Sie schloss ihre Tür auf, was von wildem Kratzen auf der anderen Seite begleitet wurde. Sowie die Tür aufging, sprang die schwarzweiße, lockenfellige Hündin sie an. Katherine platzierte die Post, die sie aus dem Briefkasten mitgebracht hatte, auf dem Bord in ihrem kleinen Flur, bevor sie sich bückte und den Hund hinter den Ohren kraulte. Diese Geste kam ihr inzwischen nicht mehr so gekünstelt vor. Anfangs hatte sie sich dabei immer gefühlt, als spiele sie jemanden, der einen Hund hat.

Ein Hund war wesentlich anspruchsvoller als Rosensträucher, und sie hatte sich diese Bürde nicht aus freien Stücken auferlegt. Jodi von nebenan hatte Miss Bennett (damals noch unbenannt) mit einem übel verletzten Bein auf der Straße gefunden. Katherine konnte es Jodi nicht abschlagen, sie mit dem Hund zum Tierarzt zu fahren. Sie half den beiden auch ins Wartezimmer, wo der Hund in eine Decke gewickelt auf Jodis Schoß lag.

Dann fuhr Katherine wieder nach Hause und bildete sich ein, ihr Teil des Abenteuers sei vorüber. Aber am nächsten Morgen rief Jodi an, um sie über den Zustand des Hundes zu unterrichten. Sie ging davon aus, dass Katherine in gleicher Weise Anteil nahm wie sie selbst. Der Tierarzt hatte das verletzte Bein für unrettbar erklärt. Katherine bekundete ihr Mitgefühl, aber im Vergleich zu dem, was sie täglich bei der Arbeit sah, schien ihr ein Hund, der ein Bein einbüßte, kein so bedeutendes Drama.

Nach ein paar Tagen brachte Jodi den Hund mit nach Hause. In Jodis Wohnzimmer wurde ein Hunde-Rehabilitationszen­trum errichtet. Sie rief in Tierheimen an, schaltete Anzeigen in Zeitungen und pflasterte Laternenpfähle mit Flyern. Katherine bestärkte Jodi darin, dass es einen Halter geben musste. Doch niemand meldete sich.

Newsprint, Jodis total verzogene Katze, war außerordentlich beleidigt über die Anwesenheit des verkrüppelten Hundes. ­Katherine fand Newsprint ziemlich nutzlos, aber in dieser Frage teilte sie ihren Standpunkt. Allerdings fand sie, dass die Katze doch zu weit ging, als sie einen Guerillakrieg gegen den armen Hund begann.

Katherine ließ sich also darauf ein, den Hund ›vorübergehend‹ zu nehmen. Jeden Tag in der Mittagspause lauschten Annie und Diane den Aktualisierungen dieser Fortsetzungsgeschichte und amüsierten sich köstlich, was Katherine noch mehr in Rage brachte.

Drei Wochen gingen ins Land. Jodi schickte ihren Anrufbeantworter ans Telefon und rief nie zurück. Katherine gab sich alle Mühe, ihr ›zufällig‹ über den Weg zu laufen. Wann immer es ihr gelang, Jodi irgendwo zu stellen, verlangte sie Auskunft über den Stand der Suche nach dem Besitzer des Hundes, doch Jodi war stets zu beschäftigt für ein längeres Gespräch.

Allmählich akzeptierte Katherine, was Diane und Annie schon lange als unvermeidlich erkannt hatten. Sie taufte ihren Dauergast Miss Bennett. Wenn sie schon ein Haustier haben musste, konnte es ebenso gut ein dreibeiniger Hund sein.

Mittlerweile hatten Frau und Hund eine Feierabendroutine entwickelt. Auch jetzt folgte Miss Bennett Katherine in ihr Schlafzimmer und beobachtete erwartungsvoll, wie sie sich umzog. Jeans, Pullover und eine dicke Jacke.

Zurück im Flur, nahm Katherine die Leine vom Haken neben der Tür und blätterte kurz die Post durch, die übliche Ansammlung von Rechnungen und ein weißer, unadressierter und unfrankierter Umschlag. Sie hatte in letzter Zeit schon zweimal ähnliche Umschläge erhalten, beides Spendenaufrufe für Wohltätigkeitsveranstaltungen in der Nachbarschaft: eine zugunsten von Arthritisleidenden, die andere für Herz­patienten.

Ungeduldig stieß Miss Bennett mit der Nase gegen Katherines Bein. Sie legte die Post weg und öffnete die Tür.

Direkt davor stand Brian Campbell. Er wohnte in einem der zweistöckigen Reihenhäuser auf der anderen Seite des Innenhofs, ihr fast direkt gegenüber. Was immer Brian tat, einschließlich warten, tat er mit geradezu schmerzhafter Ungeschicklichkeit. Katherine hatte den Verdacht, es würde einem Außerirdischen leichter fallen, einen normalen Teenager vorzutäuschen, als Brian.

Als sie ihn das erste Mal vor ihrer Tür antraf, war sie ihm mit höflicher Wachsamkeit begegnet. Doch am nächsten Abend war er wieder da, mit Hundekuchen in der Tasche. Der Hund freute sich schon auf Brians Besuch, und Katherine beschloss, den beiden ihren Spaß zu lassen. Seit sie umgezogen war, hatte sie keinen Besuch gehabt und auch niemanden besucht, und manchmal beschlich sie das Gefühl, sie liefe Gefahr, zur Einsiedlerin zu werden.

Brian war die ersten Male recht still gewesen, offenkundig zu schüchtern, um eine Erwachsene anzusprechen, und Katherine kam das sehr gelegen. In müßigem Gerede war sie noch nie gut gewesen. Doch zu ihrem Verdruss öffnete er sich im Laufe der Zeit und stimmte den Klagegesang eines Sechzehnjährigen an. Nichts davon war ungewöhnlich oder interessant. Seine Lehrer waren zu streng, die Schule zu hart, seine Eltern verstanden ihn nicht.

Der arme Brian besaß nichts von dem, was auch immer es war, das Jonathan umweht hatte. Brian konnte einen höchstens an die Schmerzen, die Überempfindlichkeit und die gnadenlose Ungeschicklichkeit der eigenen Pubertät erinnern.

Neben ihren allabendlichen Spaziergängen mit Brian traf sie ihn gelegentlich auch auf der Straße, wenn er mit seiner Familie unterwegs war. Dann war ihm die Zunge angebunden, und er wirkte noch linkischer als sonst. Nach mehreren gescheiterten Versuchen schaffte er es schließlich, sie seinen Eltern vorzustellen. Mr. und Mrs. Campbell schienen ganz anständige Leute zu sein, vielleicht etwas distanziert und gefühlsgebremst. Sie erinnerten sie ein bisschen an ihre eigenen Eltern. Sie hätte eine beträchtliche Summe gewettet, dass Mr. und Mrs. Campbell sich beklagten, ihr Sohn würde ihnen nie etwas erzählen.

Eines Nachts schleppte Katherine einen schweren Wäschekorb in den Waschkeller und stieß dort auf Mrs. Campbell, die an einem langen wackligen Metalltisch in der Mitte des Raums stand und einen Berg Wäsche faltete. In der Intimität des warmen, feuchten Raums, mit dem Gestampfe der Waschmaschinen und Trockner im Hintergrund, kam Brians Mutter ein wenig aus sich heraus. Sie wirkte einsam, hungrig nach jemandem, mit dem sie sprechen konnte, und offener als in Gegenwart ihres Mannes. Sie gestand, dass sie sich Sorgen um ihren sensiblen Sohn machte. Er sei immer ein lebhaftes Kind gewesen, wenn auch ein bisschen … hier suchte sie eine Weile nach einem Wort … zart.

Während seiner frühen Kindheit hatten Mutter und Sohn eine sehr enge Beziehung gehabt, wie sie hervorhob. Aber je näher die Pubertät rückte, desto mehr hatte sich das geändert. Seine Noten waren auf gerade noch ausreichend abgerutscht. Er schien am Schulstoff kein Interesse mehr zu haben. Er schien auch nicht viele Freunde zu haben. Die meiste Zeit verbrachte er in seinem Zimmer und tat wer weiß was an seinem Computer. Er hatte sich eine Website gestaltet, fügte sie hinzu.

Brians Vater, sagte Mrs. Campbell, war ein guter, hart arbeitender Mann. Er verstand bloß die Feinfühligkeit seines Sohnes nicht, weil er selbst kein sensibler Mensch war.

Katherine war gar nicht glücklich darüber, zur Beichtmutter der Familie Campbell erwählt zu werden. Sie war mit Sicherheit nicht qualifiziert, irgendjemandem Ratschläge in puncto Familienleben zu erteilen. So erging sie sich in vagen Gemeinplätzen über einen schwierigen Lebensabschnitt und sagte irgendwas, das darauf hinauslief, dass die meisten Leute das heutzutage irgendwie erfolgreich hinter sich brachten. Und, ergänzte sie, es sei wichtig, die Möglichkeit zum Gespräch ­offen zu halten.

Mrs. Campbell nickte dankbar, als hätte Katherine etwas ­zutiefst Weises und Bedeutendes gesagt.

Und das war’s jetzt?, dachte Katherine. Du bist beruhigt durch Smalltalk mit einer kinderlosen, demnächst geschiedenen Frau, die du im Waschkeller getroffen hast?

Schließlich hatte Mrs. Campbell die ganze Wäsche gefaltet, alles in ihren Korb gestapelt und ging davon, den schweren Waschkorb unter einem Arm. Katherine faltete den Zettel zusammen, auf den Mrs. Campbell die URL von Brians Website geschrieben hatte, und steckte ihn in ihre Jeanstasche. Ein paar Tage später fand sie ihn wieder, als sie einen Schein ihrer Reinigung suchte, und warf ihn auf den alten Kartentisch, der ihr als Schreibtisch wie auch als Esstisch diente. Noch ein paar Tage später fiel ihr der Zettel ins Auge, als sie an ihrem Computer saß, und sie ging auf die Website.

Die Seite war kompetent gemacht, wenn auch weder inspiriert noch originell. Neben Huldigungen an seine Lieblingsbands – die alle zum populären Mainstream gehörten – gab es unscharfe Fotos der katholischen Privatschule, auf die er ging. Die von Tertianerhumor geprägten Versuche, sich über Lehrer und Hausaufgaben lustig zu machen, waren naturgemäß absolut peinlich. Das Ganze kündete in erster Linie von der verzweifelten Anstrengung zu beweisen, dass er ein ganz normaler Typ war.

Nicht ein Mal hatte Brian Katherine gegenüber das durchaus hübsche Mädchen namens Marcia erwähnt, das in den Bildunterschriften als seine Freundin bezeichnet wurde. Katherine war leicht überrascht, denn irgendwie war sie davon ausgegangen, dass Brian schwul wäre. Sie konnte allerdings nichts Bestimmtes benennen, was sie zu dieser Annahme veranlasst hatte.

Und dies war nun ihr erstes Zusammentreffen, seit sie seine Website gesehen hatte. »Machst du einen Spaziergang mit uns?«, fragte sie, als wüsste sie nicht, dass Brian nur aus diesem Grund jeden Abend vor ihrer Tür herumgeisterte. Er schien ungewöhnlich guter Stimmung. Er hüpfte auf und ab. Und grinste. Sie überschlug kurz die möglichen Ursachen für einen derart dramatischen Wandel bei einem normalerweise morbid-depressiven Teenager … vielleicht hatte er sich verliebt?

Er neckte Miss Bennett mit hingehaltenen Leckerlis, und sie bellte und sprang hoch, so gut sie konnte, um sie zu erwischen. Katherine gab den Versuch auf, die Leine am Halsband einzuklinken, und wanderte allein los, da die beiden sie nicht beachteten. Kurz bevor sie die Ecke des Wohnblocks erreichte, kamen sie hinterhergerannt. Brians Laufschritt war so linkisch wie alles andere an ihm, und obwohl Miss Bennetts dreibeiniges Rennen etwas Hüpfendes hatte, wirkte es doch wesentlich eleganter.

Als Brian sie einholte, bemerkte sie: »Du wirkst so glücklich heute.«

»Yeah.« Sein strahlendes Gesicht bettelte, sie möge nach dem Grund fragen. Streng genommen wollte sie die Einzelheiten lieber nicht wissen. Doch jetzt hatte sie davon angefangen, da wäre es geradezu grausam, ihn nicht erzählen zu lassen, worauf er ganz offensichtlich brannte.

»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist verliebt.«

Sie hoffte auf ein empörtes Dementi, um damit das Thema fallen zu lassen. Was sie bekam, war ein unglaublich breites Grinsen.

»Glückwunsch«, sagte sie trocken.

Brian errötete. Er ahnt nichts von der unvermeidlichen Enttäuschung, die vor ihm liegt, dachte Katherine.

Der Himmel war mondlos, wolkenlos und frostig. Sie waren auf den schmalen, gewundenen Weg abgebogen, der durch die baumbestandenen Wiesen führte. Die blattlosen Äste erzeugten einen Funkentanz, wenn sie sich in der leichten Brise vor dem Licht der Häuserfenster bewegten. Ein unerwarteter scharfer Schmerz in ihrer Brust rief ihr in Erinnerung, dass ­Jonathan nie wieder eine Nacht wie diese erleben würde.

Ablenkung war gut. »Ich war auf deiner Website«, sagte sie. »Und ich hab die Bilder von dem Mädchen gesehen. Tut mir leid, ihren Namen habe ich vergessen.«

»Marcia. Sie ist in Ordnung. Echt nettes Mädchen. Ich hab ihre Matheaufgaben gemacht, und sie meinte, es ist okay, wenn ich Bilder von ihr auf meine Seite stelle.« Sein Ton war sachlich.

»Also ist sie nicht diejenige?«

»Nein«, sagte er. »Es ist jemand anders.« Sein Ausdruck flehte: Frag nach.

Sie war weit genug gegangen. Weiter wollte sie nicht.

Aber Brian fuhr impulsiv auch ohne ihre Ermutigung fort. »Ich weiß, dass Sie das verstehen«, sagte er. »Auch wenn die es nicht tun.« Da war ein bitterer Unterton.

So schnell hatten sie sie erreicht, die Linie, die Katherine keinesfalls überschreiten wollte. Sie spielte auf Zeit. »Ich fühle mich geehrt, dass du annimmst, ich würde verstehen, aber …«

»Ihr Auto.« Er sagte das, als wäre es eine Erklärung von außerordentlicher Bedeutung. »Der Sticker über Ihrer Stoßstange, an Ihrem Auto.«

Der Aufkleber. Das war es also. Deswegen hatte Brian ihre Gesellschaft gesucht. Darum hatte er sich ein Herz gefasst und beschlossen, ihr seine Probleme anzuvertrauen.

Sie sollte ihm die Wahrheit sagen. Als sie einen Gebrauchtwagen kaufen ging, war sie berauscht von der Aussicht auf ihr neues Leben. Ohne genau zu wissen, was sie suchte, bemerkte sie den Geruch nach nassem Hund, die zerrissenen Rücksitzbezüge, den fadenscheinigen Fußraumbelag und den regen­bogenfarbenen Gay Pride-Sticker am Heck. Als sie den Sticker sah, entschied sie sich spontan zum Kauf. Sie war kein Mensch, der an Botschaften aus dem Jenseits glaubte. Und selbst wenn sie dergleichen für möglich hielte, würde sie nie glauben, dass Seth ihr eine so abgedroschene Nachricht schickte. Trotzdem rührte sie der Sticker. Er erinnerte sie so an ihn.

Zwar war es nicht ihre Schuld, dass Brian falsche Schlüsse zog, aber nachdem er sich so weit rausgewagt hatte, konnte sie ihn nicht einfach im Regen stehen lassen. »Also ist deine Flamme ein Kerl.«

Er nickte und strahlte übers ganze Gesicht. Das war nicht derselbe Junge, mit dem sie seit Monaten jeden Abend spazieren ging. Sie hätte schwören können, dass sich sogar seine Haltung leicht verändert hatte.

»Du hast schon recht. Ich verstehe das.« Sie sprach langsam, als würden die Worte aus ihr herausgezogen, aber er schien das nicht zu bemerken.

»Ich weiß, Sie werden es keinem erzählen …«

Sie wartete darauf, dass er weitersprach, aber das tat er nicht. Sie seufzte. »Und vor wem genau willst du das geheim halten?«

»Eigentlich vor allen. Den Leuten in der Schule, den Jungs. Meinen Eltern – ganz besonders vor meinen Eltern!« Seine Stimme hob sich, während er sprach, bis er den Satz in einer unschönen Lage panischen Quiekens beendete.

Das Problem mit Teenagern ist, dachte sie, dass sie so unbeständig sind, die Stimmung schwingt heute in die eine Richtung, dann wieder in die andere. Aber sie hatte ihn nicht davon abgehalten, die Katze aus dem Sack zu lassen, also war es nun an ihr, Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen.

Es musste doch in seinem Leben jemanden geben, der sich besser eignete, um dergleichen zu handhaben. Irgendeinen Menschen, dem sie das ganze Problem in den Schoß kippen konnte. »Du musst doch jemanden haben, mit dem du über so was reden kannst?«

Er schüttelte den Kopf.

Ihr sank das Herz.

»Was ist mit deinem Freund? Vielleicht kennt er jemand, mit dem ihr beide reden könnt?«

Brians Lächeln flammte wieder auf. So musste er für seinen Geliebten aussehen, dachte sie. Es war etwas Besonderes darin. Etwas, das sie bei ihm nicht vermutet hätte.

»Er ist großartig. Er ist …«

Brian ging rückwärts vor ihr, rang nach Worten und gestikulierte mit den Händen. Er stolperte über irgendetwas, schlug beinahe lang hin und fing sich gerade noch ab, so dass er auf dem Hintern landete. Miss Bennett bellte und sprang an ihm hoch, glücklich über dieses neue Spiel.

Brian lachte. Es war das erste Mal, dass sie ihn lachen hörte. Dann kraulte er Miss Bennett hinter ihrem Schlappohr und rappelte sich vom Boden auf.

»Na schön«, sagte Katherine nach einer Weile. »Das ist gut. Ihr habt einander, um zu reden.«

Sein Gesicht verdüsterte sich wieder. »So oft kann ich ihn nicht sehen.«

»Geht er nicht auf deine Schule?«

Er schüttelte den Kopf. »Und wir müssen vorsichtig sein.«

»Ich weiß«, sagte sie. Seit jeher verliebten sich Teenager gegen die Wünsche ihrer Eltern, lange vor Romeo und Julia, und in all dieser Zeit waren Eltern offensichtlich nicht klüger geworden. Begreifen sie denn gar nichts? Wenn es etwas gibt, das aufregender ist als die erste Liebe, dann ist es eine verbotene erste Liebe.

»Es müsste doch irgendeine Anlaufstelle für schwule Jugendliche an deiner Schule geben.«

Brian schnaubte verächtlich.

»Schon gut, entschuldige. Aber irgendwo in der Gemeinde muss es einen Treff für schwule Kids geben. Ich meine, wir sind hier in New York City!« Sein verständnisloser Gesichtsausdruck zeigte ihr, dass diese Worte für ihn nicht dieselbe Bedeutung hatten wie für sie. Wo sie aufgewachsen war, war New York City ein Synonym für Zügellosigkeit und Sittenverfall, für alles Unmoralische und Unerwünschte. »Vielleicht kann ich für dich eine Gruppe oder so was ausfindig machen. Du brauchst unbedingt jemanden, mit dem du reden kannst.« Statt mit mir, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Ja, das hat Rob auch gesagt.«

»Rob hat recht.«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich kann so was nicht.«

»Es schadet ja wohl nicht, ein paar Telefonnummern zu haben, falls du sie brauchst.«

»Ich muss vorsichtig sein. Niemand darf was merken. Wenn doch, kann ich ihn nicht mehr sehen.«

Ihr gefiel die Richtung nicht, in die das führte. Ein Minderjähriger, der in der Erziehungsgewalt seiner Eltern zu Hause lebte. Es stand ihr nicht zu, sich da einzumischen.

»Denken Sie, ich bin pervers? Oder haben Sie keine Pro­bleme mit mir und Rob?«

Er wusste längst, dass sie ihn nicht für pervers hielt. Also schön, dachte sie, wenn er es noch mal hören muss, sage ich es eben noch mal. Ich erteile dieser Beziehung den Segen einer Gay Pride-Stickerbesitzerin. »Nein, Brian, ich glaube nicht, dass du pervers bist.« Sie zögerte einen Augenblick, dann dachte sie: Wer A sagt … »Hör mal, Brian, muss ich mit dir über Safer Sex reden?«

Sie waren wieder bei ihrem Hauseingang angekommen, und im Schein der Lampe über ihrer Tür sah sie, dass er knallrot wurde.

»M-m, danke, nein. Rob ist bei so was wirklich vorsichtig.«

Gott sei Dank. Sie fühlte sich sehr alt. Wenigstens blieb es ihr erspart, Nachhilfestunden mit Demo-Bananen und Kondomen zu erteilen.

Zu guter Letzt blieb nur noch eins, was sie ihm sagen konnte. »Die meisten Leute, die zu kennen sich lohnt, hatten eine harte Zeit in der Schule. Dann geht man irgendwann raus in die Welt und wird man selbst. Du musst nur noch eine Weile durchhalten. Es kommt schon alles in Ordnung.«

Sie hätte nach dem ersten Satz aufhören sollen. Sie hatte ihre eigene Regel gebrochen: Sie hatte einem Kind versprochen, was nicht zu halten war.

»Im Ernst?«, fragte er. »Hatten Sie auch eine harte Zeit in der Schule?«

»Es war die Hölle«, sagte sie und dachte: Und das ist noch krass untertrieben. »Ich muss jetzt rein, Brian. Pass einfach gut auf dich auf, okay?«

Er blieb auf dem Gehweg stehen und sah zu, wie sie ihre Tür aufschloss. Miss Bennett bellte ihm noch einmal zu und zerrte Katherine dann nach drinnen.

Sie zog ihre Jacke aus und füllte Wasser und Futter in Miss Bennetts Näpfe. Anschließend stellte sie sich an den kleinen Arbeitstresen in der Küche und widmete sich ihrer Post. Öffnete die unvermeidlichen Rechnungen, eine nach der anderen, bis sie zu dem letzten Brief kam, der unfrankierte und, wie sie jetzt bemerkte, auch unverschlossene weiße Umschlag. Das Blatt darin war einmal gefaltet. Als sie es aufklappte und sah, was es war, war ihr erster Gedanke: Nein, das kann nicht für mich sein, mir passieren solche Sachen nicht. Die Botschaft bestand aus einzelnen Buchstaben, die offensichtlich aus Zeitungen und Magazinen ausgeschnitten waren.

Noch ehe sie zu lesen begann, empfand sie spontane Erleichterung. Das konnte ja nur ein Witz sein. Oder ein Versehen. Es konnte unmöglich für sie bestimmt sein. Die ungleichen Buchstaben verkündeten: »Ich habe es Ihretwegen getan.«

Ich habe es Ihretwegen getan.

Für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie noch einmal an Botschaften aus dem Jenseits. So sehr vermisse ich Jonathan, dachte sie. Wie ich es bereue, dass ich in den Wochen vor seinem Tod nicht mit ihm geredet habe. Aber Jonathan ist fort … ­wohin? Vermutlich ins Leichenschauhaus. Und nun war es zu spät. Sie konnte nicht mehr ändern, was geschehen war. Was sie für Seth getan und nicht getan hatte, und später für Jonathan. Sie hatte denselben Fehler erneut gemacht.

Aber diese Botschaft kam natürlich nicht von Seth oder ­Jonathan. Sie kam von einer verrückten Person, einem Durchgeknallten. Oder einem der dämlichen Kinder aus der Nachbarschaft. Oder Brian schickte ihr eine obskure Nachricht, von der sein lustgetrübter Verstand annahm, sie könnte sie verstehen. Höchstwahrscheinlich bedeutete es jedoch einfach gar nichts. Es war nicht mal für sie bestimmt. Sie erlebte nichts dergleichen. Erlebte eigentlich gar nichts. Andere Leute erlebten etwas, sie nicht.

Vielleicht wäre es aufrichtiger zu sagen, dass sie nichts unternahm. Sie hatte keine Familie. Sie sah sich lediglich an, wie andere aus ihren Familien einen Trümmerhaufen machten.

Sogar ihre Ehe hatte sich irgendwie ohne ihr Zutun abgespielt. Das Apartment, die Partys, die Abendessen. Alles war so glatt gelaufen, Barry hatte wahrscheinlich überhaupt nicht gemerkt, dass sie gar nicht mitmarschierte.

Sie warf den Brief in den Müll.

Sie hatte vergessen, etwas zu essen. Im Licht des Kühlschranks thronte zwischen den ansonsten leeren Fächern ein einsamer, leicht verschrumpelter Apfel. Sie nahm ihn heraus und biss in die schlaffe weiche Haut. Durch das Fenster in ihrer Küche konnte sie über den flachen grünen Innenhof auf die Rückseite des Campbell’schen Reihenhauses gucken.

Sie hatte es nie betreten, aber sie wusste, die Townhouse-Apartments waren alle gleich: zwei Schlafzimmer oben, eins unten. Die Campbells hatten ihre Gardinen und Jalousien noch nicht zur Nacht geschlossen. Brigit, Brians Schwester, saß an ihrem Schreibtisch. Mr. und Mrs. Campbell saßen im Wohnzimmer vor dem Fernseher, sie konnte die Silhouetten ihrer Hinterköpfe vor dem blauen Schein ausmachen. Während sie hinschaute, ging in Brians Zimmer das Licht an. Sie sah, wie er den Raum durchquerte und die Jalousien schloss, dann warf sie das Apfelkernhaus in den Mülleimer.

In ihrem Schlafzimmer zog sie sich eine Bürste durch die glatten braunen Haare und flocht sie schnell zu einem kurzen Zopf. Sie schnappte sich ihre Jacke, die sie auf einen Stapel ungeöffneter Umzugskartons gleich bei der Tür geworfen hatte, und ging.

Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie sich entschied, das Auto zu nehmen. Doch sie hatte ihre Zeit zu knapp bemessen, also fischte sie die Autoschlüssel aus der Tasche und ging rüber zum Parkplatz. Die Straßenbeleuchtung und die Lichter des Gebäudes verhinderten auch in einer mondlosen Nacht die ­totale Dunkelheit, aber unter den Ästen der Bäume standen die Autos in tiefem Schatten.

Sie schob gerade den Schlüssel ins Türschloss, als sie aus dem Augenwinkel irgendein kleineres Tier entdeckte, genau unter der Autotür. Sie verabscheute Ratten, und auf diese spezielle Ratte entwickelte sie augenblicklich eine irrationale Wut, weil das Vieh nicht mal den Anstand besaß, beim Erscheinen eines Menschen zu flüchten. Unwillkürlich trat sie mit dem Fuß zu und verschätzte sich in der Entfernung. Der sture Nager bewegte sich nicht mal, als ihr Schuh ihn berührte. Der Tritt traf mit einem stumpfen Aufprall, und sie empfand Widerwillen bis in die Knochen. Sie hatte ein totes Tier getreten.

Und es war keine Ratte. Sie trat näher. Definitiv keine Ratte. Eigentlich konnte sie nur feststellen, dass es aufgeschlitzt war. Wegen der Verstümmelung, dem vielen Blut und der Dunkelheit konnte sie nicht sicher sein, aber sie befürchtete, dass es sich um Jodis fette schwarzweiße Katze handelte.

Sie fühlte sich benommen. Sie hatte nicht direkt Angst. Sie war noch nie sonderlich schreckhaft gewesen. Es war einfach die Konfrontation mit etwas, das niemand gern sah. Dem Tod.

Was war hierfür verantwortlich?

Ein Koyote war im Park gesehen worden. Sie selbst hatte ein paar Waschbären erspäht. Würde ein Waschbär eine Katze umbringen? Sie wusste es nicht. Sie kannte keine Hunde in der Nachbarschaft, die gefährlich genug aussahen, um so etwas zu tun, aber das war natürlich auch eine Möglichkeit. Arme Jodi. Obwohl der Gedanke, die gestörte Newsprint hätte am Ende einen Hund zu viel getriezt, auch was von höherer Gerechtigkeit hatte.

Sie kam zehn Minuten zu spät in Peter’s Pub an, weil sie sich noch die Zeit genommen hatte, den Hausmeister Mr. Donnelly aufzusuchen und ihm den Vorfall zu melden. Der ältere Mann war ängstlich darum besorgt, Katherine zu überzeugen, dass er der Situation gewachsen war. Er würde alles sauber machen und Jodi Bescheid sagen, und morgen würde er allen eine Notiz zustellen, die sie davor warnte, ihre Haustiere frei herumlaufen zu lassen. »Das ist auch gegen die Vorschriften«, verkündete er ernst, dabei wussten sie beide, dass er immer ein Auge zudrückte, weil er zum einen tierlieb und zum anderen mehr als nachlässig war.

Der Pub war fast leer. An der Bar hingen ein paar Männer in der typischen Haltung von Leuten, die schon eine Weile auf einem Barhocker ausharrten und dies auch noch längere Zeit vorhatten. Mendrinos saß an einem der wenigen Tische, die Tür im Blick, ein Bier vor sich.

Er stand auf, als sie hereinkam. Sie war aufs Neue überrascht, wie dünn er war. Und wirklich sehr groß, das hatte fast etwas Komisches bei jemandem, der so gar kein Athlet war.

»Danke, dass Sie extra den Weg auf sich genommen haben«, sagte sie. Bei ihrem Telefonat am Nachmittag hatte er auf einem Treffpunkt in der Nähe ihrer Wohnung bestanden. Er werde ziemlich spät noch im Büro zu tun haben und wolle nicht, dass sie so lange im Gericht auf ihn warten musste. Wobei er stillschweigend davon ausging, dass sie das selbstverständlich getan hätte. Und tatsächlich, das hätte sie. Aber Mendrinos hatte keine Ahnung, dass die Arbeitskultur beim ACS normalerweise nicht die endlosen Überstunden und die ständige Verfügbarkeit voraussetzte, die der Job eines Staatsanwalts mit sich brachte.

»Ist mir ein Vergnügen. Nehmen Sie doch Platz. Ich bestelle Ihnen ein Bier.« Seine Stimme war ruhig und höflich, dabei sehr selbstsicher. An der Grenze zur Arroganz.

Sie hatte schon ewig kein Bier mehr getrunken. Der hefige Geruch, das schummerige Licht und der angeknackste zerkratzte Tisch führten sie fast in Versuchung. Sie schüttelte ablehnend den Kopf und schälte sich aus ihrer Jacke. Dabei verfing sich ihr kurzer Zopf im Kragen, und sie schüttelte wieder den Kopf, um ihn zu befreien. Endlich streifte sie die Jacke ab und ließ sie als Haufen auf den nächsten Stuhl fallen.

Er sah aus, als hätte er eine Rede für sie vorbereitet, aber sie hob die Hand, bevor er zu sprechen begann. »Ich muss Ihnen zunächst etwas sagen. Ich kannte Jonathan Thomson. Ich war bei ACS für seinen Fall zuständig und anschließend ehrenamtlich als seine Mentorin tätig.«

Sie hatte mit Ressentiments und Widerstand gerechnet und sich darauf vorbereitet, ihn zu überzeugen, dass sie trotzdem die Richtige für diesen Auftrag war, aber in seiner Miene lag keinerlei Überraschung. Allerdings mied er ihren Blick, als sei das Thema ein wenig peinlich.

»Ich bedauere Ihren Verlust«, sagte er. »Diane hat mich heute Nachmittag schon angerufen und mir erzählt, dass Sie mit dem jüngsten Opfer befreundet waren. Das muss hart für Sie sein.«

Sie zuckte die Achseln, als wäre das nebensächlich. »Ich habe ihn seit ein paar Monaten nicht mehr gesehen. Also wollen Sie nicht jemand anderen anfordern?« Na toll, Katherine, rügte sie sich. Diesen Vorschlag hättest du dir ja wohl besser gespart.

»Nach allem, was ich höre, wird das kaum nötig sein. Diane findet nicht, dass die Umstände gegen Ihre Mitarbeit sprechen. Sie denkt vielmehr, Sie könnten bei den Ermittlungen eine große Hilfe sein. Die Frage ist höchstens, ob Sie glauben, Sie kommen damit klar. Gefühlsmäßig.« Sein Blick heftete sich auf die Tischplatte, als ob das letzte Wort ihn verlegen machte.

»Kein Problem.«

»Gut.« Er ließ die Verschlüsse seines Aktenkoffers aufschnappen, zog eine Akte heraus und legte sie auf den Tisch. »Wir nennen den Täter ›Jack‹.« Sein schiefes Lächeln zeigte, dass das nicht seine Idee war. »Wenn unser Jack alle drei umgebracht hat, und es sieht ganz danach aus, dann gibt es ­irgendetwas, was die Opfer gemeinsam hatten und was uns zu ihm führen kann. Alle drei haben in der Bronx gelebt, aber die Leichen waren über die südliche Hälfte des Stadtteils verteilt. Keins der Opfer stammte aus derselben Nachbarschaft, es wäre also gut zu wissen, wo sie Jack in die Arme gelaufen sein könnten. Die Ermittlungen haben schon etliche Möglichkeiten eliminiert. Sie gingen nicht auf die gleiche Schule, hatten keine gemeinsamen Freunde, soweit wir das überblicken, sie arbeiteten auch nicht am gleichen Ort. Nehmen Sie Thomson. Sie werden seine Geschichte besser kennen als ich. Seine Mutter starb an …« Er schlug die Akte auf.

»AIDS.«

Er nickte. »Über den Verbleib des Vaters ist nichts bekannt.« Diesmal fiel sein fragender Blick auf sie statt in die Akte.

Sie nickte abwartend.

»Es gibt einen Onkel in New York, der den Vater des Jungen zuletzt gesehen hat, als der vor sieben Jahren ›für ein paar Tage‹ seinen Sohn bei ihm ablieferte. Alle anderen Verwandten leben in South Carolina. Der Junge ist ihnen nie begegnet. Seine Leiche bleibt in Verwahrung, bis wir da unten jemanden erreicht haben.«

Sie nickte wieder.

»Soweit ich gehört habe, war er …«, er zögerte, »ein interessanter Junge.«

Sie fand es aussichtslos, jemandem Jonathan zu erklären, der ihm nie begegnet war. »Ja, das kann man wohl so sagen.«

Mendrinos bemerkte die dunklen Ringe um Katherines ­Augen, die Art, wie an ihren Handgelenken die Knochen scharf hervortraten. Keine Armbänder, Ohrringe oder Halsketten. Kein Ring. Ihre Hände waren zierlich und ihre Haut so hell, dass er die blauen Linien ihrer Venen an den Innenseiten der Handgelenke sah. »Ich muss Sie warnen. Es handelt sich hier um ungewöhnlich brutale Gewaltverbrechen. Wir benötigen Ihre Hilfe nur im Bereich Ihrer Spezialkenntnisse, nicht beim gerichtsmedizinischen Teil. Es besteht also kein Anlass, sich mit den forensischen Details dieser Verbrechen zu befassen. Tatsächlich rate ich Ihnen energisch davon ab.«

Sie sah ihm direkt in die Augen. Darauf war sie vorbereitet. »Hat Diane Ihnen nicht erzählt, dass sie mir die schlimmsten Missbrauchsfälle zuweist? Die, die sonst niemand verarbeiten kann? Ich habe jede Menge Autopsieberichte gesehen. Ich finde, das Schlimmste sind verhungerte Kinder. Ich habe so viele gesehen, dass ich Ihnen genau beschreiben kann, wie ihre Körper die Muskeln metabolisieren und in welchen Stadium der Dehydration die Lippen aufbrechen.«

Sie merkte, wie sie immer schneller sprach und damit den Eindruck kompetenter Sachlichkeit ruinierte. Sie zwang sich zur Ruhe.

»Oder vielleicht möchten Sie etwas über das gekochte Baby hören. Oder den Vorfall mit den polnischen Würstchen. Oder über den Fall, den wir das Knack-und-Back-Baby nannten …« Sie brach ab. Sie war zu weit gegangen. »Sagen Sie es mir, bevor wir anfangen. Ich will wissen, was mit Jonathan passiert ist. Ich verkrafte das.«

Ihr wurde erst bewusst, dass sie ihn anstarrte, als er seinen Blick von ihrem löste und irgendwo in die Ferne sah. Seine Stimme klang so professionell wie immer. »Er wurde genau wie die anderen beiden ermordet. Er wurde gefoltert, vergewaltigt und getötet.«

Gefoltert. Es hallte durch ihren Kopf. Aber Mendrinos beobachtete sie, und sie hatte nicht die Absicht, sich irgendetwas anmerken zu lassen.

Sie ist gut, dachte er. Diane hatte ihm berichtet, dass sie dem Jungen viel zu nahe gestanden hatte. Und wenn ich ein wirklich guter Mensch wäre, dachte er, würde ich sie nicht an diesem Fall arbeiten lassen.

»Was wissen Sie über den, der das getan hat, über diesen ›Jack‹?«

Mendrinos lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Man könnte denken, er will aufgespürt werden. Er bringt sie irgendwo um und transportiert die Leichen dann an ziemlich öffentliche Orte. Zweimal auf ein Dach, einmal auf ein Abrissgrundstück.« Er seufzte. »Wenn er geschnappt werden will, haben wir ein gemeinsames Anliegen. Wir wollen ihn nämlich kriegen, bevor er den Nächsten erwischt.«

»Was meinten Sie mit gefoltert?«

Aha, jetzt hakte sie also zeitverzögert nach, um ihn nicht merken zu lassen, wie nah ihr das ging. »Er kettet sie an den Handgelenken an. Dann schlitzt er sie mit dem Messer auf. Von der Brust abwärts, vom Bauch aufwärts.« Seine Hände gestikulierten anschaulich über seinem Oberkörper. »Es ist fast, als ob er sie in Scheiben schneiden will. Die Schnitte sind dicht beieinander, die Haut zerfetzt. Manche oberflächlich, manche tief.«

»Sind sie noch am Leben, während er das tut?«, fragte sie in beiläufigem Ton.

Er nickte und vermied weiterhin ihren Blick. »Ein paar Einzelheiten konnten wir bisher vor der Presse geheim halten.« Er wartete ihr Nicken ab und fuhr dann fort. »Alle drei Opfer waren bei ACS aktenkundig.«

Das war es also. Deshalb wollte die Staatsanwaltschaft jemanden von ACS zu den Ermittlungen hinzuziehen.

»Also nicht nur Jonathan.« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und versuchte zu verdauen, dass jeder der toten Jungen ein ACS-Fall gewesen war.

»Und alle waren irgendwann in Pflegeeinrichtungen untergebracht.«

Sie wählte ihre Worte sorgfältig. »Sie werden doch nicht annehmen, dass da eine Verbindung besteht? Ich meine, wir klopfen manchmal Sprüche darüber, dass es in der Bronx ­eigentlich kein Kind mehr geben kann, das noch nicht mit ACS zu tun hatte. Aber das ist bloß ein mieser Witz. Andererseits, wie stehen die Chancen, dass jemand hintereinander drei Jungs ermordet …« Ihre Stimme versiegte.

»Es kann reiner Zufall sein. Aber vielleicht ist es auch ein Bindeglied. Also dachte ich, es könnte hilfreich sein, wenn jemand mit ACS-Einblick uns Hintergrundinfos zum Thema gibt. Diane hat Sie empfohlen. Sie sagte, Sie sind schon lange dabei. Und sie vertraut Ihrem Urteil voll und ganz.

Noch etwas. Mordermittlungen sind einfach so: Es gibt immer verrückte Zufälle, die vielleicht etwas zu bedeuten haben, sich dann aber oft als völlig bedeutungslos erweisen. In der Zwischenzeit haben wir wertvolle Zeit verschwendet, um das herauszufinden.«

»Also, wo waren die Jungs untergebracht?«

»Von Jonathan wissen Sie es ja, er war im Gruppenhaus ­Watson & Green. Craig Wadley, das erste Opfer, lebte mit ACS-Zuwendungen bei seinen Großeltern, aber es gab da wohl Meinungsverschiedenheiten, und so schlief er meist bei Freunden auf dem Sofa. Nach Shawan Castro wurde seitens des Fami­liengerichts gefahndet. Er ist vor einiger Zeit aus einer Einrichtung weggelaufen.«

»Und was genau wollen Sie jetzt von mir?«

Er schloss den obersten Hefter des Stapels, der vor ihm lag.

Rasch griff sie über den Tisch und zog den Aktenstapel auf ihre Seite herüber, bevor er seine Meinung noch mal ändern konnte.

»Das sind Kopien von allem, was unserer Meinung nach für Sie wichtig sein könnte. Wir haben bei ACS die Fallakten angefordert. Was ich Ihnen hier gebe, haben unsere Ermittler bereits gesichtet. Aber ich dachte, vielleicht verhilft Ihnen Ihr Fachwissen zu einer Erkenntnis, oder Sie entdecken etwas, das wir übersehen haben, weil Sie mit dem Feld besser vertraut sind. Alles, absolut alles, was irgendwie auf eine Verbindung zwischen den Opfern hindeuten könnte, will ich sofort wissen. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, ob es zu unbedeutend ist. Damit befassen wir uns dann schon. Und sollten Sie feststellen, dass Sie Informationen brauchen, die nicht in diesen Akten stehen, dann geben Sie mir Bescheid.

Ein große Sonderkommission arbeitet an diesem Fall. Kriminalbeamte vom Morddezernat, das Büro der Staatsanwaltschaft und weitere. Ich bin Ihr Kontaktmann. Der zuständige Ermittlungsleiter Stephen Russo ist ein guter Mann, aber bitte unterrichten Sie mich, bevor Sie ihm irgendetwas zutragen, ja?«

Katherine zog die Akten noch näher an sich heran. »Klar«, sagte sie. »Ich hab’s begriffen.«

5

In dieser Nacht träumte sie von Jonathan. An eine Mauer gekettet, zerschnitten und blutend. Sie konnte ihn nicht befreien, obwohl sie es immer wieder versuchte. Er konnte sie nicht sehen. Sie rief wieder und wieder seinen Namen, aber er merkte gar nicht, dass sie da war. Er glaubte, dass er ganz allein in einem stockfinsteren Raum starb.

Schweißgebadet und mit rasendem Herzen wachte sie auf. Eine Weile lag sie reglos neben der sanft schnarchenden Miss Bennett. Ihr Puls beruhigte sich langsam, aber wieder einzuschlafen schien jenseits des Möglichen. Sie schlang die Bett­decke um sich und zog mit ihrem einzigen Stuhl auf die kleine Betonplattform, die ihre Frontveranda darstellte. Dort hockte sie und sah zu, wie der Himmel langsam hell wurde.

Als Seth erblindete, war das irgendwie das Schlimmste. Er hatte Farben und Konturen geliebt. Als Junge hatte er ständig in seinem Zimmer gesessen und mit bunten Malstiften gezeichnet, sehr sorgfältig. Bei Katherines letztem Aufenthalt zu Hause war er bereits blind gewesen.

Später war er auch taub geworden. Katherine war bei ihm, als er starb. Aber sie würde nie erfahren, ob er gewusst hatte, dass sie da war. Sie saß auf der anderen Seite des Zimmers im Sessel und las, und als sie aufsah, war er tot. War ihm in diesen letzten Momenten der Dunkelheit und der Stille bewusst gewesen, dass sie bei ihm war?

Als es vollends Tag wurde, nahm sie Miss Bennett mit auf einen langen Spaziergang. Die Luft des frühen Morgens stach kalt ins Gesicht, die Straßen lagen leblos da. Es war immer noch ungewöhnlich früh, als sie zur Arbeit aufbrach.

Das Gerichtsgebäude, um diese Zeit nahezu ausgestorben, kam ihr seltsam und unvertraut vor. In ihrem Büro holte sie die Akten, die Mendrinos ihr gegeben hatte, aus ihrer Leinentasche und betrachtete dann verstimmt die Oberfläche ihres Schreibtischs. Diane hatte natürlich recht, es war ein Saustall. Sie wollte nicht riskieren, dass sich die Unterlagen der Mord­ermittlung mit denen ihrer Fälle mischten.

Zur Vorbereitung stemmte sie die Hände in die Hüften und bog den Oberkörper einmal weit nach rechts, dann nach links. Als sie sich wieder streckte, blieb ihr Blick an etwas Hellem auf dem Aktenschrank hängen. Ihr fiel nichts ein, was sie dort vergessen haben könnte.

Nach kurzem Zögern trat sie näher, um es sich genauer anzusehen. Sie tat zwei Schritte und lachte los. Jemand – das musste Diane gewesen sein, Annie würde so etwas nie tun – hatte die beiden anatomischen Puppen, die in der Arbeit mit sexuell missbrauchten Kindern als nonverbale Darstellungshilfe der Vorgänge gebraucht wurden, in Fellatiostellung arrangiert. Die Latzhose der kleinen Männerpuppe war heruntergezogen und hing um seine runden Füße, während die braunen Zwirnzöpfe der kleinen Frauenpuppe mit den roten Schleifchen über seine Wurstbeinchen hingen. Eindeutig Dianes Handschrift, dachte sie.

Knapp eine Stunde später öffnete Annie die Tür und fand ­Katherine im Schneidersitz auf dem Boden vor.

»Hat deine Mutter dir nicht gesagt, du sollst dich in deinen guten Sachen nicht auf den dreckigen Boden setzen?«

»Was redest du bloß?«, fragte Katherine geistesabwesend. Dann sah sie auf. »Diane hat mir etwas gebastelt.« Sie nickte in Richtung der kleinen Szene auf dem Aktenschrank.

»Hey. Das ist mein Meisterstück.«

»Im Ernst?« Sie sah Annie überrascht an und vertiefte sich dann wieder in die Papiere vor ihr. »Das hier ist interessant.«

Annie stellte die weiße Papiertüte ab, die sie mitgebracht hatte, und schlug ihren Kalender auf. »Hm?«

Katherine rappelte sich auf die Füße und wischte sich die staubigen Hände an den Hosenbeinen ab, dann klopfte und wischte sie energisch an ihrer Hose herum, um den Dreck wieder abzukriegen, bis sie das Unterfangen als aussichtslos aufgab. »Craig Wadley …« Ihre Stimme verlor sich, als hätte sie mittendrin vergessen, dass sie sprach.

»Wer?«

»Das erste Opfer. Von diesem Serienmörder. Sie nennen ihn Jack. Den Mörder, nicht Craig.«

»Pardon. Wovon sprichst du?«

»Warte mal, hab ich dir überhaupt erzählt, dass alle drei Jungs hier bei ACS aktenkundig waren?«

»Nein«, Annie blickte auf. »Das ist interessant.«

»Ja, aber da ist noch mehr. Ich hab diese Akten von Mendrinos durchgesehen.«

»Du hast schon das Material von der Staatsanwaltschaft? Das ging ja schnell. Du bist erst gestern Nachmittag abgestellt worden, und jetzt ist es noch nicht mal neun Uhr früh.«

»Tja, wie auch immer, Craig war offiziell bei seinen Groß­eltern in Pflege, aber er hat nicht wirklich bei ihnen gelebt. Der Punkt ist, ich habe diese Papiere hier durchgeackert und festgestellt, dass Craig früher in einem Jugendheim gelebt hat.«

»Genau wie Jonathan. Und, was also denkst du jetzt?«

Katherine zuckte die Achseln und setzte sich auf ihren Bürostuhl. Annie zog zwei blaue Pappbecher mit pseudogriechischem Design aus ihrer Papiertüte und reichte ihr einen.

»Danke. Hab ich dir je gesagt, dass ich dich liebe?«

»Nur, wenn ich Kaffee bringe.«

Katherine nahm einen Schluck. Es schmeckte nicht, aber es war schwarz und bitter, und das war nah genug dran. »Ich weiß noch nicht, was ich denke. Ich versuche herauszufinden, was ich denke.«

»Also bist du jetzt Detektiv?«

»Klar, ich bin Sam Spade. Nein, eigentlich sehe ich mich eher als intellektuelleren Typ. Vielleicht Harriet Vane.«

»Dann willst du Lord Peter heiraten?«

Katherine schaute beiseite. »Keine Ehemänner mehr, danke. Erzähl mir nicht, du willst einen?«

Annie ging zum Aktenschrank und zog die oberste Schublade auf. »Vielleicht wäre das schön, weißt du, jemanden zu haben …« Ihre Stimme klang unsicher. Katherine konnte nicht klar bestimmen, ob die Unsicherheit dem galt, was sie sagte, oder der Frage, wie Katherine es aufnehmen würde. »Ich denke manchmal, ich hätte gern jemanden, der sich um mich kümmert, wenn ich alt bin.«

»Ich schätze, da bist du besser beraten, eine Krankenschwester anzuheuern, wenn es so weit ist. Und dir einen Hund zu holen, der bei dir schläft. Meiner schnarcht sogar, also wozu brauche ich einen Mann?«

Die Tür ging auf und Diane steckte den Kopf herein.

»Ich wollte dich schon lange fragen, wie das eigentlich ausgegangen ist. Du hast also niemanden gefunden, der den Hund nimmt?«, fragte Annie.

»M-m, bis jetzt nicht«, sagte Katherine und wandte sich ab. Das wissende Lächeln, das die beiden anderen Frauen tauschten, ignorierte sie ausdrücklich.

Diane sagte: »Ich wollte euch nur warnen. Er ist wieder da. Der Imperator. Ich werde Köpfe rollen lassen.«

Katherine stand auf und raffte ihre Akten, den Kalender und das Gesetzbuch zusammen. »Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Der Imperator ist wieder da? Sind denn schon achtzehn Monate rum?«

Diane verschwand, und die Tür schlug zu. Annie drehte sich erstaunt zu Katherine um. »Diane kümmert sich persönlich um den Widerspruch gegen eine Fürsorgeverlängerung? Sie ist doch der Boss. Sie könnte das mühelos einer von uns aufhalsen.«

»Ich schätze mal, du kannst es eine rührselige Geste nennen. Sie hat diesen Fall schon immer. Und nebenbei, sie würde es nicht wagen, ihn jemand anderem aufzuhalsen.«

»Warum nicht?«

»Jeder würde sofort kündigen.«

Die warme Phase des Novembers hielt an, und der Himmel war von einem tiefen, klaren Blau. Um ein Uhr lockte die Aussicht auf eine Stunde Sonnenschein die drei Frauen aus dem künstlichen Licht ihrer fensterlosen Büros. Diane sammelte Sandwich-Bestellungen ein und schlug vor, sich bei den Bänken an der barocken weißen Marmorstatue der Lorelei zu treffen, die absolut unpassend dem Obersten Gericht gegenüber im Park herumstand. Katherine und Annie schlenderten die 161. Straße entlang in Richtung Yankee-Stadion, den Licht­reflexen der Tribünendächer entgegen.

Diane stieß mit einer großen braunen Papiertüte zu ihnen und verteilte die Sandwichs. Trotz der hellen Sonne kroch die Kälte der hölzernen Banklatten durch die Kleidung, und wo eine Brise über ihre Arme strich, entstand sofort Gänsehaut. Die Bäume waren kahl, und um den Sockel des wasserlosen Springbrunnens hatte der Wind die toten braunen Blätter zusammengeweht.

»Hast du den Imperator hinter dich gebracht?«, fragte ­Katherine und schob eine Gewürzgurke zwischen ihre zwei Roggenbrotscheiben zurück.

»Du meine Güte, ihr werdet es nicht glauben«, antwortete Diane, während sie ihr Sandwich auspackte.

»Also«, sagte Annie. »Erzählt ihr mir jetzt mal, worum es da geht?«

»Das weißt du nicht? O Gott, Katherine, erzähl’s ihr.«

»Also«, begann Katherine, »Mister … an seinen echten ­Namen kann ich mich nicht erinnern. Nennen wir ihn den Imperator. Seine Töchter sind schon ewig in Fürsorge. Und alle achtzehn Monate, wenn über eine Verlängerung der Unterbringung verhandelt wird, kommt er, um Widerspruch einzulegen. Er trägt einen schwarzen Anzug, hat einen Bowler auf dem Kopf und, glaub es oder nicht, einen Gehstock.« Katherine lachte in sich hinein.

»Das ist nicht fair. Diane, los jetzt, erzähl schon.«

»Diesmal traf es Richterin Kessler. Der Imperator legte natürlich umgehend Widerspruch ein. Die Richterin sah in die Akte – sie hatte noch nicht mit dem Fall zu tun gehabt – und berief erst mal die Anwälte ins Richterzimmer. Dort fragte sie den Pflichtverteidiger, warum er diesen Quatsch mitmacht. Der versichert, dass er seinem Klienten erklärt hat, die Chancen stünden praktisch gleich null, seine Kinder nach einer Anhörung wiederzubekommen. Sie wirft ihm einen ihrer berühmten Blicke zu und sagt, wenn er sich so ausgedrückt hat, hat er dem Beklagten weit übertriebene Hoffnungen gemacht.«

Katherine und Diane lachten los, holten tief Luft und fingen sich wieder.

»Okay, wir beginnen also mit der Anhörung. Ich rufe die Sozialarbeiterin in den Zeugenstand, frage sie das übliche Zeug und dann, ob sie empfiehlt, die Kinder wieder in die Obhut des Beklagten zu geben. Sie sagt natürlich nein. Ich frage sie warum, und sie sagt völlig unprofessionell: ›Der spinnt doch‹, was natürlich wahr ist. Da wirft er seinen Gehstock nach ihr. Die Justizbeamten konfiszieren seinen Stock, und er wird von Richterin Kessler scharf verwarnt.

Dann frage ich sie: ›Was ist die Grundlage Ihres Befundes?‹, und sie guckt mich an, als ob ich spinne, und dann, Gott schütze ihre arme Seele, sagt sie: ›Na, er behauptet, der König der Bronx zu sein, der Präsident der Vereinigten Staaten und der Imperator der Vereinten Nationen.‹«

Mittlerweile lachten sie alle drei Tränen, und Katherine stellte ihre Limonadendose neben die Bank, damit sie sie nicht umwarf.

»Dann ruft der Beklagte: ›Nein, sie lügt, sie lügt, die Schlampe lügt!‹, und natürlich kriegen wir einen neuen Verwarnungs­hagel von Richterin Kessler. Wenn er sich nicht beherrsche, werde er hinausgeworfen. Daraufhin zeigt er Kessler den Mittelfinger, und sie wird beinahe ohnmächtig und lässt diese jämmerliche Karikatur eines Vaters von den Gerichtsdienern aus dem Saal schleifen. Dann zitiert sie uns zu einer weiteren Konferenz in ihr Büro.

Die Richterin ist natürlich völlig fertig, schnorrt erst mal eine Zigarette von der Rechtshelferin, obwohl sie seit über ­einem Jahr nicht mehr geraucht hat, und fällt dann über den armen Pflichtverteidiger her. Der sagt, sein Klient hätte es nicht so gemeint, er käme aus einer fernen ländlichen Kultur, wo diese spezielle Geste eine Art Respektsbezeugung sei. Kessler ist so ausgerastet, dass ich schon fürchtete, sie würde ihn zusammenschlagen.

Jedenfalls sagt sie irgendwann, los jetzt, wir wollen das vor der Mittagspause hinter uns bringen, und wir marschieren alle wieder in den Gerichtssaal, und die Gerichtsdiener bringen den Gentleman zurück. Sie verwarnt ihn erneut, und er sagt: ›Aber, Fräulein Euer Ehren, sie lügt doch«, und Kessler erklärt ihm, dass er schon noch Gelegenheit bekommt, seine Aussage zu machen, nämlich wenn sein Anwalt ihn als Zeugen aufruft, aber er hört einfach nicht auf zu protestieren, und schließlich sagt sie, damit es weitergeht: ›Also gut, inwiefern lügt sie?‹« Diane warf den Kopf zurück und presste sich die Hand auf den Mund.

Nach einem Augenblick japste sie: »Okay. Und er sagt: Ich bin der Präsident der Vereinten Nationen, der König der USA und der Imperator der Bronx.«

Als ihr Gelächter verebbte, fragte Annie: »Warum hat Kessler ihn nicht kurzerhand für eine Schnelldiagnose nach oben zur psychologischen Begutachtung geschickt?«

Katherine antwortete für Diane. »Sinnlos. Er hat schon eine ganze Reihe von Begutachtungen hinter sich, aber er wurde nie als Gefahr für sich selbst oder andere eingestuft.«

Katherine und Diane kämpften um ernste Mienen, verloren jedoch und überließen sich einem weiteren Lachkrampf. Natürlich musste jeder, der sie belauschte, sie für absolut herzlos halten.

Dabei wollte der Rest der verdammten Welt gar nicht wissen, was mit diesen Kindern geschah. Die glauben alle, sie sind viel zu empfindsam, um sich dem auszusetzen, was wirklich passiert, dachte Katherine bitter. Sie wollen es nicht wissen, weil sie sonst etwas dagegen tun ­müssten.

Annie schüttelte den Kopf über die beiden, aber Katherine hätte schwören können, dass sie selbst ein Grinsen unterdrückte.

Die Luft war wirklich kühl. Das Jahr war wohl doch schon zu weit fortgeschritten, um noch draußen zu essen. Schließlich war es November.

Sie schlenderten die 161. Straße entlang zum Gericht zurück. »Na, Katherine«, sagte Diane, »hast du schon raus, ob die Verbindung der drei toten Jungs zur ACS von Bedeutung ist?«

»Alles, was mir bis jetzt dazu eingefallen ist, wirkt viel zu weit hergeholt. Ich habe die Gesprächsprotokolle mit sämtlichen Verwandten, Freunden und sonst wem durchgelesen. Soweit wir sagen können, kannten sich die Jungs untereinander nicht, hatten keine gemeinsamen Freunde und verkehrten nicht in den gleichen Kreisen. Bis jetzt habe ich nichts weiter gefunden, außer dass alle drei Jungs mal in irgendeinem Gruppenheim gelebt haben.«

»Können wir was tun, um zu helfen?«

»Klar. Sagt mir, was ich übersehen habe. Der erste Junge, Craig Wadley, war bei seinen Großeltern in Pflege. Er war kurz in einem Gruppenhaus, nachdem er seinen Eltern abgesprochen wurde, dann haben seine Großeltern ihn freiwillig zu sich genommen. Obwohl er zu der Zeit, als er umgebracht wurde, nicht bei den Großeltern lebte. Er war mit in das Apartment eingezogen, wo seine Freundin mit ihrer Mutter, diversen Brüdern und Schwestern und weiteren Verwandten lebte. Übrigens, seine Freundin ist schwanger.«

»Wie alt ist sie?«, fragte Diane.

»Fünfzehn.« Katherine dachte an all die langen, redundanten Diskussionen mit Barry über seine Sehnsucht nach Kindern. Sie endeten alle mit demselben Ergebnis: Katherine war nicht bereit dazu. ›Noch nicht‹, hätte Barry für sie hinzugefügt.

Rein verstandesmäßig begriff sie durchaus, dass andere Leute Kinder wollten. Was sie nicht verstand, war warum. Es gab unendlich viele Kinder auf der Welt, und ihre Existenz diente lediglich dazu, die Gesamtsumme des weltweiten Elends zu erhöhen.

Natürlich sahen die Kinder ihrer Bekannten, ausgestattet mit privaten Kindertagesstätten, jamaikanischen Kindermädchen und Sportbuggys von italienischen Designern, nicht gerade aus, als würden sie leiden.

»Und warum«, drängte Annie, »haben die Großeltern uns nicht gemeldet, dass der Junge nicht mehr bei ihnen lebt?«

Diane lachte. »Weil sie dann das Pflegegeld nicht mehr bekommen hätten. Und was hätte ACS auch unternehmen sollen?«

Sie kamen an einem kleinen, schäbigen Büro mit einer Glasfront vorbei. Auf einem Schild im Fenster stand: »Strafverfahren, Scheidungen für 99 $, Insolvenzen. Notarielle Beglaubigungen. Se Hablas Espanol.«

Vor dem Gerichtsgebäude passierten sie die lange Schlange, in der normale Bürger darauf warteten, den Metalldetektor zu passieren. Sie mussten frieren, aber wenigstens regnete oder schneite es nicht.

Neue Richter waren häufig überrascht, wenn sie ihren ersten Fall eröffnen wollten und eine der Parteien noch nicht im Gerichtssaal anwesend war. »Hören Sie, Richter«, wandte dann der Gerichtsschreiber vorsichtig ein, »vielleicht ist es noch ein bisschen früh. Sie stehen vermutlich unten in der Schlange und versuchen reinzukommen.«

»Sie machen sich wohl über mich lustig«, mochte die indignierte Antwort des jungfräulichen Richters lauten. »Es ist schon elf Uhr. Wollen Sie mir erzählen, da warten immer noch Leute auf Einlass?«

»Jawohl, Euer Ehren, so läuft das hier.«

Diane folgte Katherine und Annie in ihr Büro.

»Und es gibt keine andere Verbindung zwischen diesem Craig Wadley und Jonathan?«

»Ich hab keine gefunden. Jonathan wohnte im Gruppenhaus Watson & Green, Craig lebte – nur kurz – im Robert-Leffler-Jugendheim, dann offiziell bei seinen Großeltern, aber in Wahrheit bei seiner Freundin. Craig stand auf Partys, sagen seine Leute. Er kam oft lange nicht nach Hause. Als seine Leiche auf einem Dach gefunden wurde, vermissten sie ihn seit drei Tagen. – Ich hoffe, ich finde noch was Brauchbares in den Fallakten. Die sollten eigentlich schnellstmöglich hergeschickt werden, aber ihr wisst ja, was das hier bedeutet.«

Diane war schon fast an der Tür, da drehte sie sich noch mal um und fragte: »Was ist mit dem anderen Jungen?«

»Shawan Castro. Für den lag eine Fahndungsmeldung vor. Er war aus einer stationären Suchttherapie abgehauen und lebte wohl als Obdachloser, soweit das jemand sagen kann. Gelegentlich zeigte er sich bei einem Freund und schlief dort ein paar Nächte auf dem Sofa. Die Polizei konnte niemanden ausfindig machen, der weiß, wo er die letzten Wochen verbracht hat, bevor seine Leiche gefunden wurde.«

Es herrschte einen Augenblick Stille. »Wann ist Jonathans Beerdigung?«, fragte Diane und öffnete die Tür.

Katherine erschrak. »Ich weiß es nicht. Ich habe nicht mal daran gedacht. Ich meine, ich bin doch keine Verwandte oder so.«

»Mädchen, wenn du nicht daran denkst, wer dann?«

Das war jetzt nicht das, was sie hören wollte.

Pulsuz fraqment bitdi.

18,90 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
Həcm:
271 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783867549387
Müəllif hüququ sahibi:
Автор
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar