Kitabı oxu: «Der Regenbogen»
D. H. Lawrence
Der Regenbogen
Translator: F. Franzius
e-artnow, 2022
Kontakt: info@e-artnow.org
EAN 4066338122698
Inhaltsverzeichnis
1. Wie Tom Brangwen eine polnische Dame heiratete
I
II
2. Sie leben in der Marsch
3. Anna Lenskys Kindheit
4. Anna Brangwens Mädchenzeit
5. Hochzeit in der Marsch
6. Anna Victrix
7. Der Dom
8. Das Kind
9. Die Marsch und die Überschwemmung
10. Der Kreis weitet sich
11. Erste Liebe
12. Scham
13. Die Welt des Mannes
14. Der Kreis weitet sich
15. Bittere Wonnen
16. Der Regenbogen
Erstes Kapitel.
Wie Tom Brangwen eine polnische Dame heiratete
Inhaltsverzeichnis
I
Inhaltsverzeichnis
Manche Geschlechter der Brangwens schon hatten auf dem Marschenhofe gelebt, auf den Wiesen, wo der Erewash sich träge durch Ellernbüsche windet, ein Grenzstrich zwischen Derbyshire und Nottinghamshire. Zwei Meilen weiter auf einem Hügel stand ein Kirchturm, zu dem die Häuser der kleinen Landstadt scheinbar eilig hinaufkletterten. Hob einer der Brangwens auf dem Felde den Kopf von seiner Arbeit, so sah er den Kirchturm von Ilkeston gegen den leeren Himmel stehen. Daher blieb ihm, wenn er sich der ebenen Erde wieder zuwandte, das Gefühl von etwas über ihm und weit, weit weg Stehendem.
Der Blick in den Augen der Brangwens war voller Erwartung, voller Sehnsucht nach dem Unbekannten. Sie sahen aus, als wären sie gefaßt auf alles, was da kommen möchte, sicher, erwartungsvoll, wie geborene Besitzer.
Sie waren frische, hellhaarige, schwerfällig redende Leute, die sich vollständig, aber langsam zu erkennen gaben, so daß man in ihren Augen jede Übergangsstufe vom Lachen zum Zorn, von lichtblauem Lachen zu hartem, blitzblauem Zorn, beobachten konnte, durch alle Schwankungen des Himmels bei unbeständigem Wetter.
Dadurch daß sie auf fettem Boden, auf eigener Scholle saßen, dicht bei einer emporblühenden Stadt, hatten sie vergessen, was es heißt, in knappen Verhältnissen zu leben. Reich waren sie nie geworden, weil immer Kinder da waren und das Erbe jedesmal geteilt werden mußte. Aber stets herrschte auf dem Marschenhofe reichliche Fülle.
So kamen und gingen die Brangwens ohne Furcht vor Not, harte Arbeiter aus innerem Lebensdrange, nicht aus Geldmangel. Sie waren aber auch nicht verschwenderisch, über den letzten halben Groschen gaben sie sich Rechenschaft, und ihre Anlage ließ sie keine Apfelschale umkommen, denn sie konnte ja noch zum Viehfutter dienen. Aber Himmel und Erde rund um sie her waren so fruchtbar, und wie sollte das je anders werden? Sie fühlten, wie der Saft im Frühling emporquoll, sie kannten die unaufhaltsame Welle, die jedes Jahr allen Samen zur Zeugung vorwärtstreibt und zurückflutend das Neugeborene auf Erden zurückläßt. Sie kannten die Wechselbeziehungen zwischen Himmel und Erde, wußten, wie diese den Sonnenschein in Brust und Eingeweide einsaugt, wie sie tagsüber den Regen einschlürft, kannten die Nacktheit, die mit den Herbstwinden kommt und alle Vogelnester den Blicken preisgibt, da sie nun keinen Versteck mehr brauchen. Ihr Leben und seine Wechselbeziehungen waren derart: sie fühlten den Puls und den Leib der Erde, die sich in ihren Furchen dem Saatkorn öffnet und unter ihrem Pfluge wieder glatt und eben wurde, die sich mit einem Gewicht an ihre Füße hängte als sehnte sie sich nach ihnen, und hart und unzugänglich dalag, wenn das Korn reif zum Schneiden war. Das junge Korn wogte in seidigem Glanz, der über die Glieder der Männer hinglitt wenn sie es sich ansahen. Sie nahmen das Euter ihrer Kühe, die Kühe gaben Milch und ihr Pulsschlag teilte sich den Händen der Männer mit, der Puls des Blutes in den Zitzen der Kühe ging in den Pulsschlag in der Menschenhand über. Sie stiegen zu Pferde und hielten Leben in der Umklammerung ihrer Knie, sie schirrten ihre Pferde vor den Wagen und lenkten mit der Hand am Zügelring die Zugkraft der Pferde nach ihrem Willen.
Im Herbste schwirrten Rebhühner empor, Vogelschwärme sausten wie ein Sprühregen über das Brachfeld, Krähen erschienen am grauen, wässerigen Himmel und flogen krächzend dem Winter entgegen. Dann saßen die Männer zu Hause am Feuer, wo die Frauen sich voller Sicherheit umherbewegten, und Leib und Seele der Männer waren erfüllt von ihrem Tagewerk, von Vieh und Boden und Pflanzenwuchs und Himmel; sie saßen am Feuer und ihr Denken ruhte, während das Blut müde von der Tageslast durch ihre Adern floß.
Die Frauen waren anders. Auch über ihnen lag eine gewisse Schwerfälligkeit infolge der Beziehungen des Blutes zu saugenden Kälbern und den Scharen umherlaufender Hühner und unruhig flügelschlagender junger Gänse, die unter ihren Händen zitterten, wenn sie ihnen das Futter in die Kehle stopften. Aber die Frauen blickten über das aufgeregte, blinde Hofleben hinweg nach der redenden Welt in der Ferne aus. Sie fühlten, wie Lippen und Sinne der Welt sprachen und Gedanken äußerten, hörten ihren Klang in der Ferne und horchten aufmerksam auf ihn.
Den Männern genügte es, daß die Erde strotzte und ihnen ihre Furchen öffnete, daß der Wind wehte, den feuchten Weizen zu trocknen und die jungen Kornähren sausend im Kreise herumzutreiben; es war genug, wenn sie der Kuh in ihren Wehen beistanden oder die Ratten unter der Tenne wegfingen, oder mit einem scharfen Handschlag einem Kaninchen das Genick brachen. Sie fühlten in ihrem Blute so viel Wärme und Zeugungskraft und Schmerz und Tod, kamen mit diesem in so vielerlei Beziehungen, daß ihr Leben voll und übervoll davon war, ihre Sinne volle Nahrung in ihnen fanden und ihre Gesichter sich dauernd der Hitze des Blutes zuwandten, in die Sonne starrend, betäubt von dem Blick auf die Quellen des Lebens und unfähig, sich von ihnen abzuwenden.
Die Frau aber sehnte sich nach anderer Lebensart; nach etwas über diese Beziehungen des Blutes Hinausgehendem. Ihr Teil des Hauses war von den Hofgebäuden und den Feldern abgekehrt, er überblickte den Weg und die Stadt mit der Kirche und dem Amtshaus und dem was dahinter lag. Sie stand und wünschte die ferne, ferne Welt der Städte zu sehen, mit der Regierung und dem weiten Tätigkeitsfelde der Menschen, einem Zauberlande für sie, in dem alle Geheimnisse gelöst und alle Wünsche erfüllt wurden. Sie blickte nach außerhalb, wo die Männer sich als Herrscher und Schöpfer bewegten, dem heißen Pulsschlag der Zeugung den Rücken kehrten und mit ihr als Rückhalt auf Entdeckung des Jenseits ausgingen, um die eigene Wirksamkeit, ihr Gesichtsfeld, ihre Freiheit zu erweitern; die Brangwen-Männer dagegen blickten nach innen, in das schwellende Leben der Mutter Natur, das sich unverwässert durch ihre Adern ergoß.
Wie sie so notwendigerweise von der Vorderseite ihres Hauses auf die Tätigkeit der Menschen in der großen Welt hinausblickte, während ihr Mann von der Hinterseite aus nach Himmel und Ernte und Vieh und Land aussah, blickte sie angestrengt nach dem, was die Menschen da draußen in ihrem Kampfe ums Wissen vollbrachten; sie horchte scharf auf die Ergebnisse ihrer Eroberungsfahrten; ihre tiefste Sehnsucht hing an diesem Kampf, dessen Toben sie in weiter Ferne, an der Grenze des Unbekannten, vernahm. Sie auch wollte wissen und zum kämpfenden Heere gehören.
In ihrer Heimat, ja ihr ganz nahe, in Cossethay saß der Vikar, der jene andere, jene Zaubersprache verstand und sich so ganz anders, so viel feiner benahm, was sie beides zwar wohl bemerken, sich aber doch nicht angewöhnen konnte. Der Vikar bewegte sich in einer anderen Welt als der, in der ihr Mannsvolk lebte. Kannte sie ihr Mannsvolk etwa nicht: frische, langsame, muskelstrotzende Kerls, herrisch genug wohl, aber auch wieder leichtsinnig, Erdgeborene, denen es an Äußerem, an Bewegungsfreiheit fehlte. Der Vikar dagegen, dunkel und welk und klein neben ihrem Gatten, hatte etwas Rasches, etwas Zielbewußtes in seinem Wesen, das Brangwen mit seiner breiten Fröhlichkeit stumpf und bäurisch erscheinen ließ. In des Vikars Wesen lag aber noch etwas anderes, was über ihr Verständnis hinausging. Wie Brangwen über sein Vieh herrschte, so herrschte der Vikar über ihren Gatten. Was hatte der Vikar denn nur an sich, das ihn so hoch über den gemeinen Mann erhob wie den Menschen über das Vieh? Das hätte sie zu gern gewußt. Sehnlichst gern hätte sie dies höhere Wesen erlangt, wenn auch nicht mehr für sich selbst, so doch für ihre Kinder. Was den Menschen so stark macht, wenn er auch klein und körperschwach ist, just so wie neben einem Bullen jeder Mann klein und schwach dasteht und doch stärker ist als der Bulle, was war das nur? Geld, oder Einfluß, oder Stellung waren es nicht. Welchen Einfluß hatte denn der Vikar wohl auf Tom Brangwen –, gar keinen! Aber zog man beiden die Kleider aus und setzte sie auf einer öden Insel aus, dann war der Vikar der Herr. Sein Geist war Herr über den des anderen. Und warum? – warum? Sie kam zu dem Schlusse, das müsse an seinen Kenntnissen liegen.
Der Kurat war zwar recht ärmlich und als Mann auch nicht weit her, und doch stand er auf derselben Stufe mit jenen anderen, den Oberen. Sie paßte auf, als seine Kinder zur Welt kamen, sah sie als winzige Wesen neben ihrer Mutter herlaufen. Und sofort waren sie ganz ausgesprochen anders als ihre eigenen. Warum trugen ihre Kinder ein Mal, das sie jenen unterordnete? Warum gingen die Kinder des Kuraten unweigerlich den ihren vor, warum war ihnen von Anbeginn an Obmacht gegeben? Geld war es nicht, auch der Stand nicht. Es war Erziehung und Erfahrung, sicherlich.
Das war's, diese Erziehung, diese höhere Lebensart, die die Mutter ihren Kindern zu geben wünschte, so daß auch sie auf Erden ein Leben wie die Oberen führen könnten. Denn ihre Kinder, wenigstens die Kinder ihres Herzens, besaßen vollkommen die Anlagen, um als Ebenbürtige mit allen wirklich Lebenden im Lande zu teilen, und nicht im Dunkel unter Arbeitsleuten zu verschwinden. Warum sollten sie ihr ganzes Leben unbekannt nach Atem ringen, warum sollten sie unter Mangel an Bewegungsfreiheit leiden? Wie konnten sie Zutritt zu den feineren, lebensvolleren Kreisen des Daseins erlangen?
Ihre Einbildungskraft wurde durch die Frau des Gutsbesitzers auf Shelly Hall angefeuert, die mit ihren Kindern in Cossethay zur Kirche ging, kleinen Mädchen in glatten Biberumhängen und hübschen kleinen Hüten; die Frau selbst wie eine Christrose so hell und zierlich. Und doch, ob noch so weiß, so feingliedrig, so strahlend, welche Empfindungen konnte Mrs. Hardy hegen, die sie, Mrs. Brangwen, nicht auch besaß? Inwiefern unterschied sich Mrs. Hardys Veranlagung von der der gewöhnlichen Frauen in Cossethay, worin war sie ihnen überlegen? Alle Frauen von Cossethay redeten eifrig über Mrs. Hardy, über ihren Mann, ihre Kinder, ihre Gäste, ihre Kleider, ihre Dienstboten und ihren Haushalt. Die Herrin von Shelly Hall war der lebendige Traum ihres Lebens, Mrs. Hardys Dasein das Heldengedicht, das dem ihren Seele verlieh. Ihre Einbildungskraft lebte gänzlich in dieser Frau und dem Klatsch über ihren Gatten, der trank, ihren schändlichen Bruder, ihren Freund Lord Bentley, den Parlamentsabgeordneten des Bezirks; eine ganze Odyssee spielte sich vor ihren Blicken ab, sie sahen Penelope und Odysseus mit Circe und den Schweinen und dem nicht zu Ende kommenden Gewebe vor sich.
Also waren die Frauen des Ortes ganz glücklich. Sie erblickten sich selbst in der Herrin des Gutshauses, jede erlebte ihre eigene Erfüllung in Mrs. Hardy. Und die Brangwen-Frau in der Marsch wollte über sich selbst hinaus, verlangte mehr nach dem ihr ferner liegenden Leben der feinen Dame, nach dem ausgedehnten Gesichtskreise, den sie zu erkennen gab, wie ein Reisender seinem Inneren vorschwebende ferne Gegenden durch sein beherrschtes Wesen kundgibt. Warum aber sollte die Kenntnis ferner Gegenden ein Menschenleben zu etwas anderem machen, etwas Schönerem, Größerem? Und warum ist der Mensch mehr als jedes Tier, als das Vieh, das ihm dient? Es ist hier wie dort ganz dasselbe.
Die männlichen Rollen des Heldengedichtes wurden von Leuten wie Lord William und dem Vikar gespielt, mageren, scharfen Leuten mit seltsamen Bewegungen, Männern, die auf ferner gelegenen Gefilden den Befehl führten, deren Leben sich über einen weiten Umkreis erstreckte. Ach, das war noch etwas wonach man sich so heiß sehnen durfte, dies Wissen, die Berührung mit diesen wunderbaren Männern, die solche Macht im Denken und Verstehen besaßen! Die Frauen des Ortes hatten gewiß Tom Brangwen viel lieber und fühlten sich mit ihm viel wohler, und doch, wären der Vikar und Lord William ihrem Leben genommen worden, es wäre ihm damit die Tragrebe abgeschnitten gewesen, sie hätten sich schwer, ohne geistigen Inhalt gefühlt, wären dem Haß anheim gefallen. Solange dies Wunder aus dem Jenseits vor ihnen stand, konnten sie weiterkommen, mochte ihr Los sein, wie es wollte. Und Mrs. Hardy und der Vikar und Lord William, sie alle bewegten sich ja in jenem Wunderland und blieben bei all ihrem Tun den Augen von Cossethay sichtbar.
II
Inhaltsverzeichnis
Um das Jahr 1840 wurde eine Wasserstraße durch die Wiesen des Marschenhofes gelegt, um einige neuerschlossene Kohlengruben mit dem Erewash-Tale zu verbinden. Ein hoher Damm durchlief die Felder und trug den Wasserweg, der dicht am Wohngebäude vorbeiging und beim Zusammentreffen mit der Landstraße diese auf einer schweren Brücke überschritt.
Damit war die Marsch von Ilkeston abgeschnitten und auf den kleinen Talboden beschränkt, der in dem buschigen Hügel mit dem Kirchturm von Cossethay seinen Abschluß fand.
Die Brangwens bekamen eine hübsche Summe Geld für diesen Eingriff in ihren Besitz. Kurze Zeit später wurde dann ein Kohlenschacht auf der anderen Seite des Wasserweges niedergetrieben, und wieder nach einer Weile kam die Midlandbahn am Fuße des Hügels von Ilkeston das Tal herab, und damit war die Überflutung vollkommen. Die Stadt wuchs rasch heran, die Brangwens hatten mit der Beschaffung von Vorräten alle Hände voll zu tun, immer wohlhabender wurden sie, wurden beinahe zu Handelsleuten.
Trotzdem verblieb der Marsch ihre Abgelegenheit und Eigenart auf der unverändert ruhigen Seite des Dammes, in dem sonnigen Tale, wo sich das Wasser träge zwischen steifen Ellerbüschen einherwand und der Weg unter Eschenbäumen an Brangwens Gartentür vorüberlief.
Sah man aber von der Gartentür den Weg hinab nach rechts, durch die dunkle viereckige Öffnung der Dammunterführung hindurch, so stand dort, nahebei, das neue Kohlenbergwerk in vollem Betriebe; weiter weg bedeckte ein dichter Schwarm roter, roher Häuser das Tal, und noch ferner, jenseits alles dessen lag schattenhaft der rauchende Hügel der Stadt.
Das Anwesen befand sich grade noch auf der ruhigen Seite der Gesittung, außerhalb des Tores. Das Wohnhaus stand etwas von der Straße ab, ein Gartenpfad, an dem im Frühling die Narzissen in dicken gelben und weißen Haufen blühten, führte schnurgrade darauf zu. Neben dem Hause standen Fliederbüsche und Schneeball und Liguster und verdeckten die Hofgebäude vollständig.
Auf der Rückseite schloß sich ein Wirrsal von Schuppen, die zwei oder drei undeutlich erkennbare Höfe bildeten, zu einem Gehöft zusammen. Der Ententeich lag jenseits der äußersten Umzäunung und streute seine weißen Federn über die festgetretene Einfassung hin, während einzelne lose schmutzige Federn über das Gras und zu den Ginsterbüschen an der Dammböschung hinanflogen, die sich dicht daneben wie ein hoher Wall erhob, auf dem gelegentlich die Gestalt eines Mannes oder ein Mann mit einem Zugpferde wie ein Schattenriß gegen den Himmel daherzog.
Zuerst staunten die Brangwens über all dies Leben um sie her. Der Bau der Wasserstraße quer über ihr Land machte sie zu Fremdlingen auf der eigenen Scholle; der rohe Erdwall, der sie von der Umwelt ausschloß, beunruhigte sie. Wenn sie auf dem Felde arbeiteten, flog von dem ihnen allmählich ganz vertraut gewordenen Damme her das genau abgemessene Geräusch der Windevorrichtungen herüber, zuerst beunruhigend, später aber rein wie ein Schlummerlied. Dann wieder hallte das schrille Pfeifen eines Zuges ihnen durchs Herz, ein freudiger Schreck, der das Herankommen des Weit-Abgelegenen in unmittelbare Nähe verkündete. Fuhren sie aus der Stadt nach Hause, so stießen sie, die Landleute, auf kohlengeschwärzte Bergleute, die vom Schachteingang heimwärts zogen. Brachten sie die Ernte ein, so führte der Westwind ihnen einen schwachen Schwefelgeruch von den brennenden Schutthalden zu. Zogen sie im November Rüben aus, so machte das scharfe Klick-klick-klick-klick der leeren, auf ein Nebengleis laufenden Kohlenwagen ihre Herzen in der Erkenntnis erzittern, es gäbe außer ihrem eigenen Tätigkeitsfelde auch noch ein anderes.
Der Alfred Brangwen dieses Zeitabschnittes hatte ein Mädchen aus Heanor zur Frau genommen, eine Tochter aus dem »Schwarzen Roß«. Sie war ein zierliches, hübsches dunkles Frauenzimmer, sonderbar in ihren Redensarten, witzig, so daß die scharfen Dinge, die sie sagte, nicht wehtaten. Sie führte ein merkwürdiges Sonderdasein, war in ihrem Benehmen fast quengelig, stand aber innerlich allem fern und gleichgültig gegenüber, weswegen ihre langen, jammervollen Klagen, erhob sie die Stimme gegen ihren Gatten im besonderen und alle übrigen außer ihm, eigentlich die Zuhörer nur mit Verwunderung und Mitleid gegen sie erfüllten, selbst wenn sie sich durch sie gereizt fühlten und die Geduld mit ihr verloren. Ausdauernd und laut zog sie über ihren Mann her, aber stets in gleichmäßigem, leichtem Tonfall und in einer merkwürdigen Ausdrucksweise, die ihn innerlich mit Stolz und männlichem Siegergefühl erfüllte, während er doch bitterlich murrte über das, was sie sagte.
Infolgedessen bekam Brangwen selber ein listiges Zwinkern um die Augenwinkel, eine Art fettigen Lachens, sehr ruhig und voll, und er wurde verwöhnt wie der Herr der Schöpfung selbst. Er tat ruhig alles was er wollte, lachte über ihr Schelten, brachte seine Entschuldigungen in einem neckenden Ton vor, den sie zu gern mochte, folgte all seinen inneren Neigungen, und wenn ihm etwas gar zu nahe ging, erschreckte und duckte er sie zuweilen durch einen tiefen, schweren Wutausbruch, der sich tagelang in ihm festzusetzen und auf ihm zu lasten schien, so daß sie alles drum gegeben hätte, ihn zu besänftigen. Sie waren zwei grundverschiedene Wesen, auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden; sie wußten nichts voneinander, und doch gingen ihre getrennten Wege von einer gemeinsamen Wurzel aus.
Vier Söhne und zwei Töchter waren da. Der älteste Junge lief früh davon, ging zur See und kam nicht wieder. Nach diesem Ereignis wurde die Mutter noch mehr als früher zum Hauptschwingungsknoten und Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit im Hause. Der zweite Sohn, Alfred, den die Mutter am höchsten schätzte, war der zurückhaltendste. Er wurde nach Ilkeston auf die Schule geschickt und machte zunächst auch einige Fortschritte. Aber trotz all seiner verbissenen, schmerzlichen Bemühungen gelangte er doch nicht über die einfachsten Grundlagen der Dinge hinaus, ausgenommen im Zeichnen. Hierin, wofür er gewisse Anlagen besaß, arbeitete er, als wäre es seine einzige Hoffnung. Nach vielem Murren und wütendem Widerstand gegen alles und jedes und vielerlei unsicherem Hin- und Hertasten, als sein Vater schon voll heißen Zornes gegen ihn war und seine Mutter fast an ihm verzweifelte, wurde er Zeichner in einer Spitzenweberei in Nottingham.
Er blieb schwerfällig und etwas grobschlächtig, sprach mit breitem Derbyshire-Tonfall, und hing mit seiner ganzen Zähigkeit an seinem Berufe und seiner Stellung in der Stadt, machte auch gute Zeichnungen und brachte es zu leidlichem Wohlstande. Beim Zeichnen schwang seine Hand sich wie von selbst in kühnen, großen Zügen, etwas reichlich ungezwungen, so daß es ihm grausam hart ankam an seinen Spitzenentwürfen herumzupüttchern, streng in den kleinen Vierecken auf dem Papier zu bleiben, zu zählen und zu grübeln und herumzustricheln. Aber hartnäckig, voller Seelenqualen, blieb er dabei, quetschte sich die Eingeweide im Leibe zusammen und verbiß sich in sein selbstgewähltes Los, koste es was wolle. Und so fügte er sich steif und gesetzt ins Leben, ein wenig sprechender, etwas sauertöpfischer Mensch.
Er heiratete die Tochter eines Drogenhändlers, der sich eine etwas höhere gesellschaftliche Stellung angequält hatte, und wurde in seiner verbissenen Art so etwas wie ein Bildungsprotz mit einer Leidenschaft für alle äußerlichen Feinheiten im Haushalt; er konnte rein wahnsinnig werden, ging irgend etwas schief oder wurde gar etwas verbummelt. Später, als seine drei Kinder herangewachsen waren und er selbst scheinbar ein besonnener Mann in mittleren Jahren war, fing er an hinter fremden Frauenzimmern herzulaufen und wurde zu einem schweigsamen, undurchdringlichen Liebhaber verbotener Genüsse, der seine hierüber verschnupfte Biederfrau ohne die leisesten Gewissensbisse links liegen ließ.
Frank, der dritte Sohn, verweigerte von Anfang an jede Beschäftigung mit Lernkram. Von Anbeginn an trieb er sich mit Vorliebe beim Schlachthause herum, das seitab auf dem dritten Hofe ganz hinten in dem Anwesen stand. Die Brangwens hatten immer selbst geschlachtet und versorgten auch die Nachbarschaft. Hieraus entwickelte sich ein richtiges Schlachtergeschäft in Verbindung mit dem Hofe.
Schon als Kind war Frank von dem dunklen, über das Pflaster sickernden Blut nach dem Leutehof gezogen worden, oder durch den Anblick eines Mannes, der ein mächtiges halbes Rind mit den frei daliegenden, in schwere Fettpolster gebetteten Nieren nach dem Fleischhaus schleppte.
Er war ein hübscher Junge mit weichem, braunem Haar und regelmäßigen Gesichtszügen, ungefähr wie ein Jüngling der späteren Römerzeit. Er war leichter erregbar, ließ sich leichter hinreißen als die übrigen, ein weicheres Gemüt. Mit achtzehn Jahren heiratete er ein kleines Arbeitermädchen, ein blasses, pulliges, ruhiges Ding mit schlauen Augen und einschmeichelnder Stimme; sie verstand sich ihm unentbehrlich zu machen, bescherte ihm jedes Jahr ein Kind und zog ihn gründlich auf. Sobald er die Schlachterei übernommen hatte, ließ ihn eine wachsende Gleichgültigkeit, eine Art Verachtung seinen Beruf sofort vernachlässigen. Er fing an zu trinken und war häufig in seiner Kneipe anzutreffen wie er drauflos schwatzte, als verstünde er alles und jedes, während er in Wirklichkeit doch nur ein lauter Hansnarr war.
Von den Töchtern heiratete die älteste, Alice, einen Bergmann und führte in Ilkeston eine Zeitlang ein stürmisches Leben, ehe sie mit ihrer zahlreichen jungen Nachkommenschaft nach Yorkshire zog. Effie, die jüngere, blieb zu Hause.
Das letzte Kind, Tom, war beträchtlich jünger als seine Brüder, so daß er mehr mit seinen Schwestern zusammen gehörte. Er war seiner Mutter Liebling. Sie raffte sich zu einem Entschlusse auf und schickte ihn, als er zwölf Jahre alt war, mit Gewalt auf die Lateinschule nach Derby. Er empfand keine Lust dazu und sein Vater hätte ihm auch wohl nachgegeben, aber Frau Brangwen hatte nun mal ihr Herz drangesetzt. Ihr zierlicher, hübscher Leib in der eng anliegenden Jacke und den weiten Röcken war jetzt der Mittelpunkt aller Entschlüsse im Hause, und hatte sie sich einmal auf irgend etwas versteift, was nicht oft vorkam, so gab die ganze Gesellschaft ihr gegenüber nach.
Also bezog Tom die Schule, ein widerwilliger Versager von Anfang an. Zwar glaubte er, seine Mutter habe ganz recht, wenn sie ihn in die Schule schickte, aber er wußte auch, sie habe bloß darum recht, weil sie seine mangelhafte Veranlagung nicht zugeben wolle. Er wußte mit der tiefen, gefühlsmäßigen Voraussicht von Kindern für alles, was mit ihnen vorgehen wird, daß er auf der Schule doch nur einen armseligen Kerl spielen würde. Aber er nahm sein Geschick als unvermeidlich hin, als wäre er an seiner eigenen Veranlagung schuld, als wäre sein ganzes Wesen verkehrt und die Auffassung seiner Mutter richtig. Hätte er so sein können wie er gemocht hätte, so würde er grade das gewesen sein, was seine Mutter so gern, aber so irrtümlich in ihn hineinlegte. Dann wäre er klug gewesen und hätte alle Anlagen zu einem großen Herrn gezeigt. Das war es, was ihr Ehrgeiz mit ihm vorhatte, und deshalb wußte er, es wäre das Richtige für jeden ordentlichen Jungen. Aber aus einem Schweinsohr kannst du keine Seidenbörse machen, wie er seiner Mutter schon ganz früh mit Bezug auf sich selbst gesagt hatte; zu ihrem tiefen Ärger und Kummer.
Sobald er auf die Schule kam, begann er heftig gegen seine körperliche Unfähigkeit zum Lernen anzukämpfen. Verkniffen saß er da und machte sich ganz blaß und unansehnlich durch seine Anstrengungen, sich über einem Buche zu sammeln, das aufzufassen, was er grade zu lernen hatte. Aber es war umsonst. Wenn er auch den ersten Widerwillen niederkämpfte und wie ein Selbstmörder vor dem Zeugs dastand, er kam nur sehr wenig vorwärts. Es nutzte nichts, daß er sich fest vornahm, zu lernen. Sein Geist arbeitete einfach nicht.
Sein Gemüt dagegen entwickelte sich und wurde sehr empfindlich gegen den ihn umgebenden Dunstkreis; vielleicht war er roh, aber doch zugleich auch empfindsam, sehr empfindsam. Daher rührte die geringe Meinung seiner selbst. Er kannte seine Grenzen. Er wußte, sein Schädel sei ein schwerfälliger, hoffnungsloser Nichtsnutz. So wurde er bescheiden.
Zu gleicher Zeit aber machte er in seinem Gemütsleben doch viel mehr Unterschiede als die meisten anderen Jungens, und das verwirrte ihn. Er war sinnlicher veranlagt und besaß feinere Gefühle als sie. Er haßte sie wegen ihres triebmäßigen Stumpfsinns, litt wieder unter der Verachtung, die er für sie fühlen mußte. Handelte es sich aber um Verstandesangelegenheiten, dann war er im Hintertreffen. Da war er ganz in ihrer Hand. Er war ein Dummkopf. Er besaß nicht Verstand genug, um die dümmste Behauptung zu widerlegen, so daß er gezwungen mancherlei zugab, an das er ganz und gar nicht glaubte. Und hatte er es einmal zugegeben, so wußte er nicht, glaubte er dran oder nicht; gewöhnlich, gestand er sich, glaubte er daran.
Aber jeden, der ihm auf dem Wege über das Gemüt Erleuchtung verschaffen konnte, den liebte er. Er konnte seine Rührung nicht verbergen, als er dasaß und der Lehrer packend Tennysons »Ulysses« oder Shelleys »Ode an den Westwind« vorlas. Seine Lippen öffneten sich, seine Augen füllten sich mit einem sehnenden, beinahe leidenden Licht. Und der Lehrer las weiter, angefeuert durch seine Macht über den Jungen. Durch diese Erfahrung fühlte Tom Brangwen sich über alle Maßen bewegt, er bekam fast Angst vor ihr, so tief ging sie ihm. Als er aber beinahe heimlich und voller Scham versuchte, das Buch selbst vorzunehmen und die ersten Worte begann »O wilder Westwind, Atem du des Herbst«, da verursachte allein schon der Druck ihm ein kitzliges, widerwilliges Gefühl auf der Haut, das Blut trat ihm ins Gesicht und sein Herz füllte sich mit leidenschaftlicher, brennender Wut über seine Unfähigkeit. Er warf das Buch zu Boden, trampelte darauf herum und lief auf das Kricketfeld hinaus. Er haßte Bücher, als wären sie seine Feinde. Er haßte sie schlimmer, als er je einen Menschen gehaßt hatte.
Sein Wille besaß keine Gewalt über seine Aufmerksamkeit. Sein Geist kannte keine festen Gewohnheiten, an die er sich hätte halten können, er fand nichts, um sich daran zu halten, nichts, wovon er hätte ausgehen können. Nichts war ihm greifbar, in sich selbst wußte er nichts, das er fürs Lernen hätte verwenden können. Er wußte nicht, wie er anfangen sollte. Daher war er auch so hilflos, sowie es auf verstandesmäßige Überlegung oder Lernen durch Nachdenken ankam.
Für Mathematik besaß er ein gewisses gefühlsmäßiges Verständnis, ließ ihn dies aber im Stich, so war er hilflos wie ein Schwachsinniger. So merkte er, er werde nie festen Boden unter den Füßen fühlen, er schwamm im Nichts. Der endgültige Niederbruch erfolgte durch seine vollkommene Unfähigkeit, auf eine Frage einzugehen, ohne daß man ihm die Antwort in den Mund legte. Hatte er einen Aufsatz über das Heerwesen zu schreiben, so lernte er endlich die paar ihm bekannten Tatsachen auswendig niederschreiben: »Man kann ins Heer eintreten, sobald man achtzehn Jahre alt ist. Man muß über fünf Fuß acht Zoll groß sein.« Aber die ganze Zeit über fühlte er sich lebendig überzeugt, dies sei nur eine Ausflucht und all diese Binsenwahrheiten seien über alle Begriffe dumm. Dann wurde er rot vor Wut, fühlte wie ihm das Herz in die Hosen sank, strich alles durch, was er geschrieben hatte, machte einen todeskampfähnlichen Versuch, etwas im richtigen Aufsatzstil auszudenken, scheiterte auch daran, wurde vor Wut und Scham gänzlich stumpfsinnig, legte die Feder hin und hätte sich lieber in Stücke reißen lassen, als daß er nun noch ein einziges Wort zu schreiben versucht hätte.
Trotzdem gewöhnte er sich bald an die Lateinschule, und die Schule gewöhnte sich an ihn, indem sie ihn als hoffnungslosen Dämel beim Lernen einschätzte, aber in ihm andrerseits auch den anständigen, ehrlichen Burschen achtete. Nur ein engherziger, herrschsüchtiger Kerl, der Lateinlehrer, quälte ihn und füllte seine blauen Augen mit wahnsinniger Wut und Scham. Es kam zu einem scheußlichen Auftritt, wobei der Junge dem Lehrer mit einer Schiefertafel ein Loch in den Kopf schlug, und dann verlief alles wie vorher. Der Lehrer fand wenig Mitgefühl. Aber Brangwen krümmte sich innerlich und litt unter dem Gedanken an seine Tat, selbst lange nachher noch, als er schon ein Mann war.
Er war froh als er die Schule verlassen konnte. Es war ja zwar nicht ganz ohne Vergnügen gewesen, er hatte sich sehr an dem Zusammensein mit den anderen Jungens gefreut, oder hatte doch geglaubt, er fände Freude daran; die Zeit war rasch in endloser Geschäftigkeit vorübergegangen. Aber die ganze Zeit über hatte er das Gefühl gehabt, sich an diesem Orte der Gelehrsamkeit in unwürdiger Stellung zu befinden. Die ganze Zeit über war er sich seines Mißerfolges, seiner Unfähigkeit bewußt. Aber er war zu gesund, zu vollblütig, um darüber elend zu werden; er war viel zu lebendig. Und doch fühlte sich seine Seele jämmerlich bis zur Hoffnungslosigkeit.