Kitabı oxu: «Dann stirb doch selber»

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Von Dagmar Isabell Schmidbauer

Dann stirb doch selber

Kriminalroman

Imprint

Dann stirb doch selber

Dagmar Isabell Schmidbauer

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2003 Dagmar Isabell Schmidbauer

Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de

Prolog

Angst und Verzweiflung drangen von heute auf morgen in mein ruhiges Leben ein und wenn ich mich richtig besann, dann nahm alles mit dieser verfluchten Wette seinen Anfang.

Neun Monate gaben wir uns Zeit, so lange, wie eine Frau braucht, um ein Kind auszutragen. Im Grunde ging es ja auch um nichts anderes. Harry wollte ein Kind von mir und er musste beweisen, dass er es wert war.

Freitag 16.8.
1. Szene

„Hallo, Magdalena!“ Luigi führte alle fünf Fingerspitzen seiner rechten Hand an die Lippen, küsste sie stellvertretend für mich und sandte sie mir dann durch die Luft entgegen. Ich musste lächeln, es war immer das Gleiche. Neben ihm auf der Theke stand ein Stapel Pappschachteln. Ich hatte meine Bestellung telefonisch vom Büro aus aufgegeben.

„Wer ist der Glückliche, der heute mit dir speisen darf?“ Sein Deutsch war perfekt, der Akzent fast schon wieder antrainiert.

Wie immer ließ ich ihn zappeln. „Harry!“

„Magnifico, weiß der Mann überhaupt, was für ein Glück er hat?“

„Er weiß es und er trägt mich auf Händen, Luigi!“, bestätigte ich, wie immer.

Luigi machte ein schrecklich gefährliches Gesicht. „Wenn nicht, komme ich vorbei und bringe ihn um, sag ihm das!“ Im Geiste hatte ich seine Worte mitgesprochen, es war ein Ritual. Mit unterdrücktem Lächeln nickte ich, zahlte und griff nach meinen Schachteln.

Es war kurz vor sechs, als ich die Haustür aufschloss. Harry war noch nicht da, aber noch dachte ich an nichts Schlimmes, balancierte vorsichtig mein Abendessen durch die Eingangstür, klemmte mir die Post unters Kinn und stieg die Treppe zu unserer Wohnung hinauf.

Der Tag war heiß und die Sonne hatte unsere Wohnung in einen Backofen verwandelt. Hastig riss ich die Fenster auf, zog Rock und Jacke aus, rollte die Strumpfhose herunter und stellte mich unter meine wohlverdiente Dusche. Endlich Freitag, dachte ich, ließ das Wasser lang und angenehm über meinen Körper laufen und schloss die Augen. Eine schreckliche Woche lag hinter mir. Die Hitze klebte in allen Poren und machte die Menschen aggressiv. Harry war nur noch selten zu Hause, und wenn, war er nicht ansprechbar. Jeder von uns hatte seine Arbeit, aber es war einfach zuviel für eine gute Beziehung.

Nur mit einem flauschigen Handtuch um den Körper begann ich den Tisch zu decken. Von Harry keine Spur. Er hatte versprochen, heute früher nach Hause zu kommen, um mit mir etwas zu feiern. Mit einem satten Plopp zog ich den Korken aus der Weinflasche und ließ sie atmen. Er hatte mir nicht gesagt, worum es geht, aber er schien sehr zuversichtlich. Ich polierte die Weingläser noch einmal, richtete das Besteck und legte Streichhölzer für die Kerzen bereit. Dann ging ich ins Schlafzimmer und streifte mir mein leichtes Sommerkleid über. Harry liebte luftige Kleider, er fand sie so herrlich erotisch, am liebsten ohne Slip!

Am Morgen war Harry früh zu einem Kunden gefahren. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Fast acht, verdammt, wenn er nicht bald kam, war die Lasagne verdorben. „Magdalena, ich kann dir nichts versprechen, aber ich tu mein Bestes und ich tue es für uns!“, hatte er gesagt, was immer ich mir darunter vorstellen sollte. Vorsichtig mischte ich den Salat. Kochen war nicht meine Stärke, das überließ ich gerne Luigi, denn der verwendete nur frische Zutaten, und das zahlte sich jetzt aus.

Wieder lief ich ans offene Fenster und sah hinaus. Die Vorhänge bauschten sich, ein erfrischendes Lüftchen war aufgezogen. Im Hof standen nur mein Golf und ein paar Kübel mit Tomatenpflanzen, deren Blätter zu viel Sonne abbekommen hatten. Unruhig lief ich im Zimmer auf und ab. Aus eigener Kraft wollte ich etwas erreichen, Karriere machen um jeden Preis. Ich hatte es geschafft, mein Chef brauchte mich, aber ich wusste auch, was mir wichtig war, was ich auf keinen Fall aufgeben wollte. Harry! Er war der Mann, mit dem ich mein ganzes Leben teilen wollte.

Als es dämmerte, zündete ich die Kerzen an und setzte mich in einen Sessel vor den Kamin. Die Stimmung im Raum vertiefte meine Melancholie, erschöpfte meinen Körper, bis ich endlich sein Auto hörte. Langsam stand ich auf, zog meine Lippen nach, bürstete meine Haare und zerstäubte ein unwiderstehliches Parfüm auf meiner Haut. Ein letztes Mal überprüfte ich den Tisch, dann lief ich barfuß die Treppe hinunter, um ihm entgegen zu gehen.

Harry hatte sein Auto in der Verlängerung der Werkstatt­einfahrt geparkt, ich hörte ihn rumoren, konnte ihn aber nicht sehen. Die spitzen Steinchen im Hof reizten mich nicht, zu ihm hinüber zu laufen, also blieb ich stehen, wartete und erschrak, als der Motor plötzlich aufheulte und gleich darauf Harrys Wagen an mir vorbeifuhr. Auf dem Beifahrersitz konnte ich einige blonde Haarsträhnen erkennen, die rechts und links neben der Kopfstütze flatterten. „Harry, was soll das!“, schrie ich hinter ihm her. Der Wind wurde stärker, verschluckte meinen hilflosen Schrei. Ein Gewitter lag in der Luft.

Mit gerafftem Kleid rannte ich die Treppe hinauf, schnappte mir Autoschlüssel und ein paar Schuhe und schon war ich wieder unten. Harry war ein forscher Fahrer, doch zu meinem Glück gab es auf der Vornholzstraße zahlreiche Hindernisse. Ich fuhr schneller als sonst, ignorierte alle Bedenken, riskierte fast zu viel. Vor Rasern sollten die bepflanzten Kübel die Kinder schützen, jetzt hoffte ich, keines würde dahinter Verstecken spielen.

Die Vornholzstraße war lang, reichte von den Feldern im Norden bis zur Spitalhofstraße an ihrem südlichen Ende. Dort, an der Einmündung, erkannte ich Harrys Wagen an seiner großen roten Aufschrift. Er bog nach links ab, wollte zur Franz-Josef-Strauß-Brücke, und ich gab Gas, weil ich sehen wollte, was es mit dieser Fahrt auf sich hatte.

Der Wind frischte auf, drückte zur offenen Scheibe herein und wirbelte meine Haare durcheinander. Für einen Moment sah ich nichts mehr und wäre an der ersten Ampel nach der Brücke beinahe auf einen Transporter geknallt, der sich vor meinen Golf drängelte.

Bisher hatten mich Harrys Fahrten kaum interessiert, und nachgefahren war ich ihm auch noch nie, Ehrenwort! Aber bisher hatte ich auch noch nie das Gefühl, er wolle etwas vor mir verbergen. Außerdem interessierte es mich brennend, was das Blondhaar auf seinem Beifahrersitz zu suchen hatte.

Endlich wechselte der Transporter die Spur und ich konnte gerade noch erkennen, wie Harry weit vor mir auf die Straße nach Regen einbog. Die Ampel sprang auf Rot. Ich wartete und sah, wie immer mehr Autos hinter Harry herfuhren. Mutlos trat ich aufs Gas, aber mein Golf fuhr einfach nicht schnell genug, und jedes Auto, das mich überholte, vergrößerte die Distanz zwischen uns.

Unterdessen hatte der Wind weiter zugenommen und wirbelte immer mehr Staub auf. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich auch heute Überstunden gemacht hätte, dachte ich kurz, aber da schob sich eine andere Frage in mein Bewusstsein: Wohin wollte Harry eigentlich?

Die Autos vor mir wurden langsamer, es schien, als wollten sie mir eine Chance geben, doch dann leuchteten die ersten Warnblinklichter auf. Gleich darauf standen wir.

Aus und vorbei, dachte ich und schloss kurz die Augen. Das Beste, was ich jetzt machen konnte, war nach Hause zu fahren und dort auf ihn zu warten, vor allem wäre es für meine Selbstachtung gut. Stattdessen stand ich in der Schlange und sah von der Donau erlösende Gewitterwolken heranziehen, die in wenigen Minuten den Himmel schwarz färbten. Gespenstisch sah das aus. Ich schaltete das Radio ein. Es knackte laut, als der erste Blitz vom Himmel schoss und der Donner prompt antwortete. Dann war es wieder ruhig und ich legte den Kopf nach hinten. Harry hatte gewusst, dass ich zu Hause war, selbst wenn er mich nicht gesehen haben sollte, mein Golf stand auf dem Parkplatz. Warum war er trotzdem davongefahren?

Aus weiter Ferne hörte ich ein Martinshorn, gleich darauf noch eines. Es hatte also wieder einmal jemanden erwischt. Und dann fragte ich mich, warum sie sich nicht wenigstens geduckt oder ihre Haare zusammengebunden hatte. Mussten sie mir so wehtun?

Als es nach einer kleinen Ewigkeit weiterging, stand auf unserer Spur ein Streifenwagen, der Verkehr wurde über die Gegenfahrbahn geleitet. Das Blinklicht auf dem Dach des Krankenwagens prallte wie eine stumme Mahnung von der Brückenunterseite zurück.

An den Pfeiler der Brücke schmiegte sich ein Auto mit zusammengefalteter Kühlerhaube. Nur die rote Aufschrift schien unversehrt. Der Fahrer war viel zu weit auf den Standstreifen gefahren. Er musste abgelenkt worden sein, kein Mensch fährt so weit nach rechts. Ich folgte dem Winken des Polizisten und kurbelte mein Fenster herunter. „Was ist denn passiert?“, fragte ich, setzte zu einem Rechtfertigungsversuch an, wollte ihm klar machen, dass ich auf keinen Fall hier weg konnte. Dann begann ich zu zittern. Ein greller Blitz erhellte sein Gesicht, als er mich genervt zurückwies. „Fahren Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ Das Donnergrollen zog über mein Auto. Ich hatte nicht mehr die Kraft, etwas entgegenzusetzen. Auf Gaffer sind die Ordnungshüter nicht gut zu sprechen. Obwohl ich doch wirklich einen Grund hatte.

Er saß noch im Auto. Sein Oberkörper war über das Lenkrad gebeugt. Neben dem Wagen stand ein Sanitäter, er hatte das Fenster eingeschlagen, unternahm aber nichts. Aus dem vorgebeugten Kopf floss ein dünnes, rotes Rinnsal, fast nicht zu erkennen. Noch einmal warf ich einen Blick hinüber. Der Fahrer bewegte sich nicht mehr. Ich schluckte, versuchte meine Tränen wegzublinzeln. Er hatte es so eilig gehabt. Kraftlos folgte ich den anderen Autos. Hinter mir wurde bereits gehupt. Keinen interessierte das Schicksal des anderen. Regen setzte ein. Unbarmherzig, als wolle er ganz schnell alle Spuren beseitigen!

2. Szene
Magdalena

Niemals hätte ich geglaubt, was mir die Polizisten später erzählten, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.

Als ich unsere Wohnung endlich erreicht hatte, versuchte ich noch immer mir einzureden, dass ich mich getäuscht haben musste, dass es nicht Harry war, der in diesem Auto am Brückenpfeiler saß, mit geöffneten reglosen Augen und einer Blutspur an den Schläfen. Aber es wollte mir nicht gelingen. Ich sah aus dem Fenster in die Nacht und versuchte mir ein anderes, ein schöneres, ein lebendigeres Bild von Harry vorzustellen. Eines, auf dem er lacht. Fast wäre es mir gelungen, doch dann klingelte es an der Tür, und als ich aufmachte, räusperten sich zwei verlegene Polizisten. Der eine war kräftig und groß und trug seine Uniform voller Stolz. Der andere wirkte beinahe lächerlich neben ihm, und das lag nicht nur an seinen blassroten Haaren und dem spärlichen Bartflaum. Beiden sah ich an, dass sie diesen Job nicht gerne machten. Sie suchten nach Worten, die sie nicht finden konnten, weil sie Harry nicht gekannt hatten, und ich wusste auch nicht, was ich an ihrer Stelle gesagt hätte, außer: „Es tut mir leid!“

Ich versuchte mich zu sammeln, spielte weiterhin die Kühle, die das alles nichts anging, wollte es nicht glauben, nicht wahrhaben und sah meinen einzigen Ausweg in der Flucht, genau wie Harry machte ich mich vor der Wahrheit aus dem Staub. Ich begann zu schreien und nahm die folgende Dunkelheit als dankbare Erlösung an!

Samstag 17.8.
3. Szene
Magdalena

Mit dem Gefühl, es gäbe mich nicht mehr, wachte ich am nächsten Tag auf, öffnete vorsichtig die Augen und sah aus dem Fenster. Die Sonne schien mit letzter Kraft zu mir herein. Ich hatte lange geschlafen, weil mein Kopf sich weigerte, das Geschehene zu verstehen. Die apfelgrünen Vorhänge rechts und links der großen Sprossenfenster waren zurückgebunden. Über meinem Körper lag eine leichte Sommerdecke, schwarzweiß kariert. Wie mein Denken. Harry! Tapfer versuchte ich, nicht zu weinen. Wie oft hatten wir in diesem Bett gelegen und gelacht oder uns geliebt. Harry war so feinfühlig, so phantasievoll, einfach wunderbar! Kaum sah ich ihn vor mir, schon huschte ein winziges Lächeln über mein Gesicht. Doch mein Körper war nur noch eine leere Hülle, liegen gelassen und vergessen an einem Platz, an den er einmal gehört hatte. Mein Kopf lag in den Kissen und mein Blick war starr an die Decke gerichtet. Dort tanzten meine Gefühle herum. Der bohrende Schmerz in meinem Körper war allgegenwärtig, schien von nirgendwoher zu kommen und wollte nirgendwohin. Er blieb, wie ein Anhängsel, das sich einfach nicht mehr verscheuchen ließ.

Der Blick auf meinen Wecker wurde von einem halbvollen Wasserglas und einem braunen Pillenglas verstellt. Ich überlegte, wie die Sachen dorthin gekommen sein konnten. Es hatte mit den Polizisten zu tun. Sie hatten Sylvia geholt und die hatte nichts Besseres gewusst, als gleich ihren Chef zu alarmieren. Seine Haare waren viel zu kurz und zu blond, sein Gesicht schrecklich braun und die Falten viel zu tief für seine jugendliche Aufmachung. Sein Poloshirt war ein wenig verschwitzt, vielleicht kam er vom Sport, aber das teure Rasierwasser überdeckte jeden Geruch. Ich hatte jedes Detail an ihm registriert, nur um nicht an Harry denken zu müssen. Und dann hatte er gelächelt, mit seinen wunderbaren Zähnen. Dritte Generation. Sylvia lief die ganze Zeit um ihn herum, und er sagte, er wolle mir eine Spritze geben, damit ich zur Ruhe käme. Dankbar sah ich ihn an, doch, er sollte mir ruhig eine Spritze geben und dann gehen, und Sylvia sollte er am besten gleich mitnehmen, sonst käme sie nur noch auf die Idee, uns etwas Schönes zu kochen.

Ich stand auf und sah aus dem Fenster. Die Wolken, die das Gewitter gestern mitgebracht hatte, waren fast alle verschwunden. Wahrscheinlich war es den ganzen Tag schön. Einfach so, als ob nichts geschehen wäre. Von unten hörte ich keinen Laut, die Jungs hatten Ferien.

Unsere Wohnung war ein neu gestaltetes Loft im oberen Stock einer alten Fabrik. Die Werkräume wurden zur Wiedereingliederung junger Leute ins Berufsleben genutzt. Das hörte sich toll an und manchmal klappte es auch.

Auf der Straße fuhren sporadisch Autos vorbei und im Hof radelte Anna mit ihrem neuen Fahrrad. Als es laut krachte, wusste ich, worum es sich handelte. Sie hatte mal wieder die Müllcontainer hinten in der provisorischen Überdachung angefahren.

Auf einmal hielt ich es nicht mehr aus.

„Harry!“, rief ich in die leere Wohnung. Meine Stimme klang rau und brüchig und wenig charmant, aber es war einfach gut, seinen Namen zu rufen. „Harry!“, versuchte ich es gleich noch einmal, ohne auf eine Antwort zu hoffen. Und dann weinte ich und in Gedanken hörte ich meine Mutter sagen: „Weine nur, viel mehr können wir jetzt sowieso nicht machen. Die Leute werden uns aus dem Weg gehen und wie Aussätzige behandeln!“ Daraufhin hatte ich sie ungläubig angesehen. Ich hatte doch nichts verbrochen, warum sollten die Leute das tun?

Langsam ging ich in die Küche, zum Kühlschrank, um mir etwas anderes als dieses fade Wasser, das noch immer neben meinem Bett stand, zu holen. Ich nahm ein Weinglas, warf ein paar Eiswürfel hinein und schenkte Cola drauf, natürlich light. Seit ich Harry kannte, machte ich Diät und quälte mich mit der Vorgabe, endlich abzunehmen und mich nicht von seinen Fressorgien anstecken zu lassen. Harry hatte einen so wunderbaren Körper.

... Eins, zwei, drei, Cha-cha, vier, fünf, sechs, Cha-cha. Frau Heidinger war irgendwo am Rande des Saales und zählte laut vor. Wir standen uns gegenüber, nur eine Armlänge von einander entfernt, nahmen Haltung an und begannen leise mitzuzählen. Ich musste lächeln, wieso hatte er ausgerechnet mich ausgewählt? Auf seiner Brust klebte ein Schildchen mit seinem Namen. Harry! Eins, zwei, drei, Cha-cha, vier, fünf, sechs, Cha-cha. Es waren viele nette junge Leute da, aber keiner schien mir so begehrenswert wie dieser Harry! „Wie wäre es mit uns, Magdalena?“, hatte er gefragt und meine Stimme hatte sich fast überschlagen, als ich „Ja gerne!“ antwortete. Eins, zwei, drei, Cha-cha, drehen, drehen, drehen, Cha-cha. An seiner Hand tänzelte ich herum und landete wieder in seinem Arm. Es war so wunderbar, wie er mich führte und ich mich hingab, und ich hoffte nur, dass keiner auf die Idee kam jetzt nach einer Pause zu schreien.

Zwei Stunden später liefen wir über einen holprigen Feldweg und lachten und zählten noch immer: Eins, zwei, drei, Cha-cha, vier, fünf, sechs, Cha-cha. Auf einmal blieb er stehen, zog mich an sich und küsste mich. Einfach so, ohne zu fragen und ganz wider die feine Etikette. Pfui Teufel, was würde Frau Heidinger jetzt wohl sagen, wenn sie uns sehen könnte, dachte ich und schloss dabei die Augen. Ich reckte mich ihm entgegen, weil er so gut roch und so gut schmeckte und weil er viel größer war als ich. Es war eine wunderbar mondlose Nacht, wie geschaffen, um ein glückliches Paar vor den Augen der Welt zu verstecken.

Harry nahm mich auf seine Arme und trug mich über eine kleine Brücke, bis zu einer Hütte mitten im Wald. Er ließ mich den Schlüssel aus der Dachrinne fischen und stellte mich erst im Inneren der Hütte wieder auf die Beine. Neugierig sah ich mich im Schein einiger Kerzen um. Es gab einen Schrank mit Geschirr, einen großen, massiven Tisch mit Stühlen und einen Nebenraum. Dort stand ein Bett, groß und einladend. Abwartend blieb ich stehen. „Hast du mich deshalb hergebracht?“, fragte ich und zeigte mit dem Kopf zum Bett.

„Nein, natürlich nicht!“ Er sah sehr ernst aus. „Ich wollte dir nur meine Hütte zeigen!“

Nach dieser schamlosen Lüge trat er einen Schritt auf mich zu, schob seine Hände in meinen Rücken und zog mich gierig an sich. Ich schloss die Augen, spürte wie der Reißverschluss meines Kleides geöffnet wurde und seine Hände meine nackte Haut streichelten. Dagegen blieb seine Zunge beinahe schüchtern in meinem Mund. Mit meinen Händen versuchte ich mich am Tisch abzustützen, aber es war zwecklos. Harry war viel stärker als ich. Er drückte mich nieder und streifte mir dabei mein Kleid vom Körper. Es war ein herrliches Beben, das meinen Körper durchdrang und ihn leicht und frei zurückließ.

Auch Harry hatte sich ausgezogen, nicht ganz, aber es genügte. Und endlich sah ich, was meine Hände bereits während der Tanzstunden erkundet hatten. Ein Männerkörper ohne Wenn und Aber. Er war wunderschön und ich wollte ihn nie wieder hergeben! ...

Mit dem Cola-Glas in der Hand ging ich zu einem der Sessel vor dem Kamin, die mit Tigerfellimitat bezogen waren, und setzte mich. Das hier war mein Lieblingsplatz, und wenn ich irgendwo die Erinnerung an unser erstes Treffen ertragen konnte, dann hier. Der Kamin stammte aus einem französischen Herrenhaus, und im Winter brannte oft ein Feuer darin. Gedankenverloren drehte ich den Stiel des Glases hin und her und sah die dunkle Flüssigkeit herumschwappen. Ich legte die Füße auf den zweiten Sessel und schloss die Augen. Bevor ich Harry kennen lernte, hatte ich mit Männern immer nur versucht, Liebe zu machen! Ich hatte zärtliche Umarmungen und geraubte Küsse genossen, ohne zu ahnen, wie herrlich hemmungsloser Sex sein konnte. Von diesem Tag an war ich für alle Softies für immer verloren. Erst Harry gab mir, was ich brauchte. Quälend zarte Berührungen und gleich darauf fordernde, wilde Küsse, geflüsterte Drohungen und geschriene Versprechen.

... Er drückte mich nieder, um mich endlich zu nehmen und zog mich dann doch noch einmal kraftvoll nach oben: „Komm, wir tanzen Tango!“ Harry lächelte dieses Lächeln, das ich fortan nicht mehr aus meinem Kopf bekommen konnte, ging in Tanzposition und zog mich an seinen Körper. Nackt und heiß summte er die Melodie. Immer enger bewegten sich unsere Körper, Haut an Haut. Ich fühlte ihn bei jeder Bewegung kommen und gehen. Er führte mich mit leichter Hand, weil ich einfach nicht von ihm lassen konnte. Frau Heidinger hätte ihre wahre Freude an uns gehabt, außer vielleicht, wenn sie gewusst hätte, wie ruchlos wir ihn interpretierten. Aber der Tango ist nun einmal ein ruchloser Tanz, und daher landete ich bei der letzten Drehung auf der Tischplatte. Bäuchlings. Harry packte mich von hinten, drückte meine Beine auseinander und drang tief in mich ein. Ich stöhnte laut auf. Nie zuvor hatte ich eine derart heiße Nacht erlebt.

Ich fühlte, wie er sich zwang innezuhalten, wollte protestieren, konnte es aber nicht, weil er mir die Hand auf den Mund legte, bis ich ganz still hielt und mich nicht mehr rührte. Erst dann löste er den Griff und fuhr mit einer schier unerträglichen Sanftheit die Konturen meines Gesichtes nach. Über das Kinn bis zum Hals, wo er kurz anhielt und sich mit seinen Lippen zu meinem Ohr herunterbeugte.

„Schön brav sein, sonst...“, er fasste meinen Hals fester und drückte kurz, aber heftig zu. Bevor ich in Panik geraten konnte, hatte er schon wieder losgelassen. Ein heißer Schauer durchzog meinen Körper und die folgende Sanftheit machte alles noch viel schlimmer. Noch nie hatte ein Mann derartige Spielchen mit mir gespielt ...

Bei dem Gedanken daran zuckte ich unwillkürlich zusammen. Ich war tatsächlich erregt. Beinahe konnte ich ihn spüren, und das machte mich verlegen, weil ich vielleicht nicht an so etwas denken sollte, jetzt, wo Harry tot war. Aber andererseits würde es nie wieder einen Mann wie Harry für mich geben, da war es doch nur recht, wenn ich mich noch sehr lange an ihn und seine Leidenschaft erinnern konnte!

Auf einmal liefen mir die Tränen über die Wangen. Die Cola in meiner Hand war ganz warm geworden und schmeckte scheußlich. Cola Light kann man nur eisgekühlt trinken. So wie man nur in ganz heißen Nächten stilvoll Tango tanzen kann. Krampfhaft hielt ich mich an meinem Glas fest. Es war so schön gewesen damals, dass es ein ganzes Leben gereicht hätte, dachte ich und drückte fester, weil es jetzt ein ganzes Leben reichen musste.

Harry war tot, lag auf einer kalten Bahre, in einem sterilen Raum. Ich wollte es mir nicht vorstellen, ebenso wenig wie ich es sehen wollte. Auf einmal zersprang das Glas in meiner Hand und Blut tropfte in meinen Schoß. Hastig sprang ich auf, lief ins Bad, drehte das kalte Wasser auf und ließ es mir über die Wunde laufen, bis die Blutung nachließ.

Der Innenarchitekt hatte einen Traum entworfen und dabei weder an Material noch an Ideen gespart. Wände und Badewanne waren mit portugiesischem Estremonzmarmor verkleidet und rund um das Fenster waren Schränke eingebaut. Aus dem großen goldbelegten Spiegel schaute mir mein trauriges Gesicht entgegen. Ich ging näher heran. Irgendwie wirkte alles so unpersönlich, so fremd. Meine Augen waren rotgeweint, die Wangen hohl, der Mund hing schlaff nach unten. Ich zwang mich zu einem Lächeln. Harry würde es nicht gefallen, wenn er mich so sehen könnte. Mit Hilfe einer Pinzette entfernte ich zwei kleine Glassplitter. Dann wickelte ich ein frisches weißes Handtuch um die Wunde und setzte mich auf die Stufen, die die Badewanne umgaben. Auf der breiten Ablage dahinter stand eine Vase mit roten Rosen und einige Duftkerzen.

Die Badewanne war so groß, dass zwei Erwachsene ohne Probleme darin Platz fanden, vorausgesetzt, sie wollten nicht auf Distanz gehen. Ich schaute zu Boden. Die Fransen der hellen Badematte waren zerzaust, ich bückte mich und zupfte sie zurecht. Danach durchwühlte ich die Wohnung. Ich musste etwas finden, das sich festhalten ließ und mir irgendwann die Frage beantwortete: Was war schief gelaufen in unserer Beziehung?

4. Szene
Klara

Die Zielstrebigkeit, mit der sie versucht haben, ihre Karriere zu zerstören, grenzte beinahe schon ans Selbstmörderische! Mit diesen Worten wurde ich unehrenhaft von München nach Passau versetzt. Natürlich stand es so nicht in meinen Akten, aber ein Brandmal hatte ich trotzdem. Entsorgt ins Grenzgebiet! Menschlich noch immer schwer enttäuscht, schob ich die Papiere auf meinem Schreibtisch zusammen.

Leicht war es mir nicht gefallen, München zu verlassen, doch dann kam mir eine andere Katastrophe zu Hilfe. Passau wurde vom Frühjahrshochwasser heimgesucht. Leise konnte ich mein Zimmer beziehen, dankbar dafür, dass mich kaum einer zur Kenntnis nahm und ich in Ruhe meine Wunden lecken durfte.

Inzwischen hatte ich das alte Polizeipräsidium in der Ludwigstraße lieben gelernt. Alte Häuser hatten für mich schon immer etwas ganz Besonderes. Ich mochte das Knarzen der Dielenbretter und die leicht zugigen Fenster. Die hohen Räume gaben mir ein Gefühl von Freiheit; Erker und Rundbögen sprachen für Phantasie. Der übervolle Schreibtisch war eine Herausforderung, der ich mich gewachsen fühlte und schnell nachkam. Das einzige, was mich manchmal traurig stimmte, war die heruntergekommene Pension, in der ich schlief. Die Hoffnung, irgendwann einmal wieder in meiner schönen Wohnung in München zu leben, hatte ich noch nicht völlig abgeschrieben, obwohl doch eigentlich alles dagegen sprach.

Obermüller schlurfte über den Gang, riss mich aus meinem Selbstmitleid und zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht. Er war ein hinreißender Kollege, wenn er auch manchmal nicht gleich verstand, worum es eigentlich ging. Bei einer ausgiebigen Streckübung beschloss ich, mir noch einen letzten Kaffee und damit etwas Abwechslung zu gönnen.

Ich steckte eine Münze in den Automaten im Erdgeschoss und sah zu, wie der Kaffee in meinen Becher tröpfelte. Obermüller stand mit dem Kollegen Wegerbauer an einem der kleinen Bistro-Tischchen und hatte mir seinen Rücken zugewandt. Zwischen ihnen qualmte eine Zigarette im Aschenbecher. Seit ich München verlassen hatte, versuchte ich, sozusagen als selbst auferlegte Strafe, mir das Rauchen abzugewöhnen. Mal hatte ich mehr, mal weniger Erfolg.

„Ich kann’s immer noch nicht fassen, der hat den einfach an den Pfeiler klatschen lassen!“ Obermüllers Körper wurde von einem Schauer geschüttelt. Vorsichtig nippte ich an meinem Kaffee. Der Automat hatte es mal wieder zu gut mit mir gemeint.

Wegerbauer war ganz auf seinen Kollegen fixiert. „Eigentlich müssten wir noch einmal zu der Freundin, ich hab richtig Angst, die war ja so was von fertig. Wenn ich an ihren Schrei denke, kriege ich eine Gänsehaut!“

Obermüller nickte. Er war schon ewig hier, wie er mir kürzlich bei einem Bier im Hemingway´s erzählt hatte. Als geographische Einführung hatte er mich an alle wichtigen Punkte der Stadt geführt und versucht, mich unter den Tisch zu trinken. Aber so leicht, wie sich das manche Männer vorstellen, ist es bei mir nicht.

„Ich weiß nicht, was ich täte, wenn einer meine Frau so an einen Betonpfeiler drücken würde.“

Mit einem schmalen Plastiklöffel rührte ich den Zucker um, trank erneut und musste husten.

„Ah, Kollegin Eibel!“, begrüßte mich Obermüller und schenkte mir ein gefälliges Grinsen. Dabei könnte ich schwören, dass nichts zwischen uns passiert war.

„Frau Fertigmann!“, ergänzte Wegerbauer und nickte mir zu. Für Doppelnamen hatten die beiden ebenso wenig übrig wie für Gesetzesbrecher. Obermüller war bekannt dafür, dass er nach einer Schlägerei auch schon mal zwei auf einen Streich zur Vernehmung brachte. Fein ging er dabei nicht vor, aber das verdienten sie seiner Meinung nach auch nicht. Ich konnte mir also gut vorstellen, was er wohl mit dem Autofahrer machen würde.

„Guten Abend Kollegen, gibt’s Probleme?“

Obermüller reckte sich. „Nun ja, eigentlich nicht, aber wir überlegen gerade, ob unser Fall nicht viel besser in den Händen einer Frau aufgehoben wäre!“

Er warf Wegerbauer einen beschwichtigenden Blick zu. In die Hände einer Frau gehörten eigentlich nur schmutzige Kaffeetassen, Schreibarbeiten und ein unbefriedigter Willi, aber das meinte er sicher nicht. Abwartend schaute ich ihn an. Der Kaffeeduft reizte mich. Langsam trank ich noch einen Schluck und hakte mich dann mit meinem freien Arm bei Obermüller unter. Er hatte einen Körper wie ein Kleiderschrank, bestimmt würde sich, wenn er dabei war, keiner trauen, seiner Frau auch nur ins Gesicht zu husten.

„Na, dann schildert mir mal die Fakten!“, forderte ich, während wir in sein Zimmer zurückschlenderten.

Wegerbauer schlüpfte vor uns hinein und suchte auf seinem Schreibtisch herum. „Der Unfall passierte gestern Abend gegen 21 Uhr auf der Straße von Passau nach Regen. In Höhe Patriching fuhr ein blauer Van gegen einen Betonpfeiler. Die Kühlerhaube wurde völlig eingedrückt, der Fahrer muss sofort tot gewesen sein. Wir haben einen Zeugen, der aussagte, dass ein grüner Sportwagen direkt hinter dem Verunglückten herfuhr und ihn kurz vor dem Pfeiler von der Straße abgedrängt hat.“

Wegerbauer sah Obermüller erwartungsvoll an. Der nahm ihm das Blatt aus der Hand und fasste weiter für mich zusammen.

„Es gibt keine Hinweise, dass etwas gestohlen wurde, und der Zeuge schien mir auch nicht wirklich glaubwürdig. Er sagte, er hätte es ja nur von hinten gesehen, aber da sei der Sportwagen wirklich geil hergerichtet gewesen.“ Obermüller sah auf das Blatt mit der Zeugenaussage: „...ausladende Kotflügelverbreiterungen, einen großen Heckflügel, Heckenschürze mit weiß laudierten Alugittern und einem Doppelrohrauspuff. Das Nummernschild hat er sich leider nicht gemerkt!“

Ich hatte schon davon gehört, konnte es aber nicht verstehen. Ausgerechnet im ländlichen Bereich, wo so viele Bodenunebenheiten sind, motzen sich die Kerle ihre Autos auf. Sie investierten ihre ganze Kohle in die Schlitten und würden nie auf die Idee kommen, sie freiwillig zu demolieren.

Ich nahm das Blatt und las alles noch einmal selbst durch. Der Zeuge gab an, dass der Wagen richtig brutal von der Straße abgedrängt worden sei, er hielt es für Vorsatz. Warum sollte das jemand tun, noch dazu auf einer so befahrenen Straße, er musste doch davon ausgehen, gesehen zu werden? Ich legte das Blatt zurück.

„Was habt ihr bis jetzt unternommen?“

„Die Leiche ist bei der Obduktion, das Auto bei der Spurensicherung, und die vage Beschreibung ging als Fahndung raus!“

„Auf jeden Fall sollten wir mit der Freundin reden. Wenn es aus Rache geschah, dann hat sie das Auto ja vielleicht schon mal irgendwo gesehen!“

Obermüller sah mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. „Aus Rache, wie kommst du denn darauf?“

„Ein anderes Motiv für eine solche Tat fällt mir momentan leider nicht ein.“

„Aus Rache!“, wiederholte Wegerbauer ungläubig und sah Obermüller an. „Natürlich, sie hat recht!“

Sonntag 18. 8.
5. Szene
Magdalena

Benommen schreckte ich hoch, es hatte an der Wohnungstür geklingelt, und obwohl die Vorhänge zugezogen waren, sah ich, dass es bereits hell war. Sylvia war gestern noch einmal da gewesen, um mich mit Tabletten zu füttern, die mir die Nacht erträglich machen sollten. Sie wirkten wirklich wunderbar, aber sie machten mich auch träge und nahmen mir die Wahl meiner Gedanken. Ich beschloss, sie nicht mehr zu nehmen. Noch einmal klingelte es an der Tür. Verschlafen sah ich auf den Wecker. Wer mochte mich so früh an einem Sonntagmorgen sprechen? Ich schwang die Beine aus dem Bett und fiel beinahe über einen großen braunen Pulli. Harrys Pulli, und er roch einfach wunderbar nach ihm. Schwerfällig hob ich ihn auf und drückte ihn kurz an mich. Er war selbstgestrickt und Harry hatte ihn die Kratzbürste getauft, nachdem er endlich fertig war. Trotzdem trug er ihn oft und gern. Ich legte ihn aufs Bett und schlurfte zur Tür. Harry hatte im Traum gesagt, ich solle gut auf mich aufpassen. Warum träumte ich so etwas?

Im Gang warf ich einen kurzen Blick in den Spiegel. Mein Anblick war fürchterlich und in meinem ganzen Bekanntenkreis gab es nur eine Frau, die wohl niemals in einem solchen Zustand an die Tür gegangen wäre. Julia. Ihre Wohnung lag zwischen Sylvias und unserer. Sie war sozusagen die Pufferzone. Sonst wären zwei völlig konträre Welten aufeinander gestoßen. Julia imponierte mir, weil sie die vorurteilsfreieste Frau war, die ich kannte, und vollkommen tolerant gegenüber allen Andersartigkeiten ihrer Mitmenschen. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander, und außerdem war Julia gestern schon einmal hier gewesen. Und gestern sah ich bestimmt keinen Deut besser aus als heute. Es läutete abermals.

„Ich komme!“, rief ich und kämmte mir die Haare eilig aus dem Gesicht. Während ich die Bürste hinlegte, öffnete ich mit der freien Hand die Tür. Ich erblickte eine Frau, die ganz sicher nicht Julia war, obwohl Julia wirklich sehr wandlungsfähig sein konnte. Die Frau trug eine weite Palazzohose und ein weißes Shirt, vermutlich aus Seide. Ihre Haare waren kinnlang und gewellt. Über der Schulter hing eine Handtasche. Verlegen strich ich meine Haare hinter die Ohren. Sie sah so taufrisch aus.

„Hauptkommissarin Klara Eibel-Fertigmann!“ stellte sie sich vor und hielt mir einen Ausweis entgegen. „Frau Morgenroth, ich würde gerne noch einmal mit Ihnen über den Unfall sprechen!“ Abwartend blieb sie im Türrahmen stehen.

Ich nickte. „Gehen Sie nur durch!“ bat ich und versuchte, während ich ihr folgte, vergebens, mein ausgebleichtes Nachthemd ein wenig in die Länge zu ziehen.

Sie mochte Mitte Vierzig sein und ging sehr aufrecht. Ob sie sich vorstellen konnte, dass ich vor lauter Sehnsucht nach Harry mit seinem dicken kratzigen Pulli ins Bett gegangen war?

Auf dem Esstisch lagen einige Fotoalben herum, die ich hastig schloss. Es ging sie nichts an.

„Entschuldigen Sie bitte das Durcheinander!“, sagte ich schlicht und räumte die Sachen ins Regal zurück, dann bot ich ihr einen der Tigersessel vor dem Kamin an.

„Geht es Ihnen heute wieder etwas besser?“, fragte sie und sah mich abschätzend an. Um sie zufrieden zu stellen, nickte ich.

„Okay!“, befand die Kommissarin, griff in ihre Handtasche und zog einen Notizblock heraus. Dabei fiel ein Bild auf den Boden. Es war ein schlechter Schnappschuss, so ein Bild hätte ich von Harry niemals mit mir herumgetragen. Sie klappte den Block auf und sah mich an.

„Es war kein Zufall, dass Harry Kaufmann an diesem Brückenpfeiler starb!“ Entsetzt sah ich sie an. Wie konnte sie mir das so ruhig an den Kopf werfen. „Wir haben einen Zeugen, der aussagte, dass das Auto hinter Ihrem Freund sehr dicht aufgefahren ist und ihn von der Straße abgedrängt hat. Das Auto war ziemlich markant, und ich dachte mir, Sie würden es vielleicht kennen.“

Die Kommissarin lehnte sich zurück und ließ ihre Hände bewundernd über die hölzernen Pranken gleiten. Dann erzählte sie mir etwas von Alufelgen und Heckschürzen.

„Was soll das sein?“, fragte ich irritiert.

„Das Auto war hergerichtet, und da jeder, der etwas fürs Herrichten übrig hat, sein Auto ganz individuell verschönert, ist es fast so gut wie ein Nummernschild!“

„Tut mir Leid, ich kenne niemanden, der sein Auto herrichtet!“

„Schade!“

Ja, schade, dachte ich. Harry war von einer blonden Frau abgelenkt worden, deshalb ist er an einen Brückenpfeiler gefahren, aber das werde ich ihr um nichts in der Welt sagen.

Wieder strich sie über die Holzpranken.

„Sie sind wunderschön!“ Ich nickte, ihre Nägel waren mit einem leichten Rosaton gestrichen und fein gefeilt.

„Gibt es vielleicht jemand, der sich an ihm rächen wollte? Wie war das Umfeld, in dem er sich bewegte, ist er womöglich in schlechte Gesellschaft geraten?“

Jetzt reichte es mir aber. Was wollte diese Frau eigentlich von mir? Ohne zu antworten ging ich ins Schlafzimmer, wollte mich anziehen, wollte meine Ruhe dabei haben.

Auf dem Fliesenboden folgten mir ihre Schritte; kalt und hart.

Ich ergriff das erstbeste Sweatshirt und zog es mir über den Kopf. Als ich durch den Ausschnitt war, stand sie ganz dicht vor mir. Ich roch ihr Parfum und ich roch den kalten Rauch, den sie aus allen Poren verströmte. Sie war aufgeregt, sie schwitzte!

„Hatte Harry Kaufmann Geheimnisse vor Ihnen? Versuchte er etwas zu verbergen, benahm er sich ungewöhnlich, war er vielleicht über etwas besorgt?“ Heftig bombardierte sie mich mit ihren Fragen.

„Besorgt?“

„Oder erfreut? Ja, hatte er in letzter Zeit besonderen Grund zur Freude? Gab es irgendetwas, das Ihnen merkwürdig vorkam?“

Natürlich hatte er Grund zur Freude, natürlich war er manchmal besorgt; nur ging sie das nichts an! Ich sagte es ihr, vielleicht um eine Spur freundlicher. Dann ging ich ins Bad, um mich zu kämmen. In dem Moment spürte ich zum ersten Mal ein heftiges Jucken in der Kniekehle. Verstohlen begann ich zu kratzen, aber es wurde dadurch nur noch schlimmer.

„Sie haben einen verdammt tollen Ausblick von hier oben!“ Sie stand schon wieder hinter mir und sah aus dem Fenster. Von unserer Wohnung aus konnte man die ganze Stadt überblicken. „Das ist sicher nicht ganz billig.“ Sie ließ ihren Blick über die in Marmor gefasste Badewanne wandern.

„Nein!“, sagte ich und überlegte, wie viel so eine Kommissarin wohl verdiente. Sollte ich sie danach fragen? Vielleicht steckte sie ja in Zahlungsschwierigkeiten und wollte Harry jetzt etwas andichten, um eine Gehaltserhöhung durchzusetzen!

„Wir fahnden bereits nach dem grünen Sportwagen, aber wenn Sie etwas wissen, wäre es wirklich besser, Sie sagen es uns!“

Für eine zierliche Frau hatte sie ganz schön große Ohren. Damit ich dich besser hören kann! Ich nickte ihr zu; die Grundvoraussetzung für gute kriminalistische Arbeit war ein gutes Gehör. Man musste in der Lage sein, Feinheiten herauszuhören.

„Frau Morgenroth!“, begann sie erneut, aber ich blieb störrisch, was sollten diese ganzen Fragen, Harry war beliebt, es gab niemanden, der ihm etwas zuleide tun wollte.

„Wenn Ihnen noch etwas einfällt, dann rufen Sie mich doch bitte an!“ Auf ihrer Karte stand: Klara Eibel-Fertigmann, ihre Adresse und die Durchwahlnummer ihres Büros. Dann ging sie allein Richtung Wohnungstür. Wir hatten nur eine, sie würde sich also nicht verlaufen, und ich hatte sowieso nicht die Kraft, ihr zu folgen. Reglos blieb ich am Waschbecken und wartete auf das Zuschlagen der Tür, das Zeichen, dass sie endlich weg war. Doch stattdessen stand sie plötzlich wieder vor mir und fragte: „Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wo Harry Kaufmann an diesem Abend hin wollte?“

6. Szene
Magdalena

Hatte ich nicht! Obwohl ich mir diese Frage in den letzten Stunden immer wieder gestellt hatte. Nun saß ich am Esstisch, den Kopf in die Hände gestützt, starrte auf die Obstschale und dachte über Harrys letzte Fahrt nach. Hatte er mit ihr im Hof Halt gemacht oder war sie erst dort eingestiegen? Blond war eine Haarfarbe, die Millionen von Frauen trugen.

Am Morgen war Harry wie immer in sein helles Sakko geschlüpft und hatte sich noch einmal im Spiegel gemustert. Wie sehe ich aus, hatte er gefragt, und ich hatte ihm lachend bestätigt, dass ich keinen besser aussehenden Mann kennen würde.

„Auch nicht deinen Chef?“

„Auch den nicht.“ Es war rührend, wenn er den Eifersüchtigen spielte.

Mit dem silbernen Koffer war er davongefahren; wie immer, alles wie immer, und doch ... Ich nahm einen Apfel und warf ihn von einer Hand in die andere. Wie beim Tennis, von rechts nach links, von links nach rechts, von rechts nach links. Harry hatte am Wochenende an dem großen Tennisturnier in seinem Club teilnehmen wollen.

Das Klopfen an der Tür erschreckte mich. Der Apfel fiel aus meiner Hand, knallte mit einem satten Plopp auf den Boden und rollte weiter bis zum Kamin. Zweimal lang, zweimal kurz, Sylvias Zeichen. Mühsam erhob ich mich, seit Freitag fühlte ich mich nur noch müde und ausgelaugt. Hatte keine Kraft mehr, um irgendetwas sinnvoll anzupacken.

„Hast du deine Tabletten genommen?“ Es war tatsächlich Sylvia, und sie hatte noch nicht mal die Tür hinter sich zugemacht. Ich schüttelte den Kopf, sie verdrehte die Augen und zupfte nachdenklich an ihrem Hals. „Warum nicht?“, fragte sie schließlich.

„Sie machen mich matschig.“ Ich sah zu dem Apfel, der immer noch vor dem Kamin lag, „und sie nehmen mir die Möglichkeit, sinnvoll zu denken!“

„Es geht nicht immer alles logisch zu im Leben!“ Sylvia rieb sich die Arme, sie schien zu frieren. Ich hob den Apfel auf und legte ihn in die Obstschale zurück. Harry hatte sie gern gegessen, mir waren sie zu sauer.

„Warum hast du ihn hergebracht, er ist Urologe und hat überhaupt keine Ahnung!“

Sylvia setzte ihr Krankenschwesterlächeln auf.

„Was glaubst du wohl, was wir auf der Urologie so den ganzen Tag erleben? Da kommen nicht nur alte Herren, die Probleme beim Pinkeln haben, da geht es wirklich lebensnah zu, viel interessanter als auf der Gyn!“ Die alte Leier!

„Schon!“, antwortete ich vorsichtig, um mir nicht auch noch die neueste Geschichte irgendeines Sexbesessenen anhören zu müssen, der es mit dem Staubsauger versucht hat und sein bestes Stück anschließend wie Wackelpudding zum Verbinden bringen musste.

„Aber ich wollte auch keinen Gynäkologen! Ich wollte einen Menschen, der alles wieder ungeschehen macht!“

Sylvia ging zielstrebig ins Schlafzimmer. Verwundert schaute ich ihr nach. Die hellrote Radlerhose, die sie sich an diesem Tag auf die Hüften gezwängt hatte, saß ein wenig straffer als sonst, was natürlich auch an unserer Gemeinschafts-Waschmaschine liegen konnte, denn auch das T-Shirt hatte enorm an Farbe verloren und ließ nur noch schwer die einst bunten Blockstreifen erahnen. Ich sollte mit meiner Wäsche in nächster Zeit vorsichtiger umgehen, vielleicht war ja der Thermostat kaputt. Als sie zurück kam, hielt sie das kleine braune Glas mit den bunten Pillen in der Hand, die schon die letzte Nacht neben meinem Bett zugebracht hatten.

„Weißt du“, erklärte sie mir behutsam, „so auf die Schnelle ließ sich niemand finden, der über diese Fähigkeiten verfügt hätte, deshalb hielt ich es für das Beste, meinen Chef anzurufen! Der hatte sowieso Dienst und maulte nicht lange herum, weil er an einem Freitagabend noch mal seine Freizeit unterbrechen musste!“ Ich nickte. Das war ein Grund, das konnte ich einsehen!

„Na siehst du, so gefällst du mir schon besser! Und jetzt nimm bitte deine Tabletten, sie haben dir gestern geholfen und sie werden es auch jetzt tun!“ Wieder hielt sie mir eine Hand voll hin, und wieder schob ich sie weg.

„Nein, wirklich nicht, ich muss noch über einiges nachdenken!“

„Ach!“ Sylvia ließ ihre Hand sinken und sah mich erwartungsvoll an.

„Heute Morgen war eine Polizistin bei mir. Sie meinte, Harry sei von einem hergerichteten Auto von der Straße gedrängt worden. Ich kann das einfach nicht glauben, ich meine, es sah vielleicht so aus, aber das macht doch niemand!“

„Das hat sie mir auch erzählt. Und sie scheint auch noch ganz andere Sachen zu wissen!“

„Sie war bei dir?“

„Ja, und sie wollte wissen, ob Harry noch andere Frauen hatte.“ Sie strich sich die Haare hinter die Ohren und grinste ziemlich blöd.

Meine Kniekehle juckte. „Nein! Du hast Nein gesagt, stimmt’s? Was sollte Harry auch mit einer anderen Frau!“ rief ich aufgeregt und wartete auf ihre Zustimmung.

„Ja, weißt du ...“, druckste Sylvia verlegen herum.

„Sylvia!“ Meine Stimme wurde vor lauter Aufregung einige Oktaven höher, und das hörte sich sogar für meine eigenen Ohren nicht sehr angenehm an.

„Was soll das, du weißt so gut wie ich, dass Harry mir treu war, er hätte nie...“ Mir liefen die Tränen übers Gesicht, und ich fügte kleinlaut hinzu, „er hätte wirklich nie!“

Sylvia ließ mich gewähren, legte lediglich die Stirn in Falten und dachte wohl, dass ich von allein dahinter kommen musste.

„Nun mach schon!“ Sie hielt mir erneut das Glas vors Gesicht, das durch meinen Tränenschleier wie eine bunte Mischung aus Geleefrüchten aussah, und forderte mich mit einer Kopfbewegung zum Zugreifen auf.

„Nein!“, schrie ich. „Ich will jetzt sofort wissen, was du ihr gesagt hast!“

Sylvia ließ mich mit meinem Wutausbruch stehen; es hatte geklingelt.

„Gut, dass du kommst, wir brauchen dich dringend, ich glaube, es bahnt sich eine Katastrophe an!“

Sie hatten leise gesprochen, aber ich hatte es trotzdem verstanden. Mein Gehör war kriminalistisch absolut tauglich. Leider!

Sylvia ließ Julia den Vortritt, was durchaus verständlich war. Wie ein frischer Wind tänzelte sie in den Raum und nahm alles durch ihre Persönlichkeit ein. Sie trug einen tief ausgeschnittenen schwarzen Body und einen mit roten Rosen bedruckten Wickelrock, der sich bei jedem Schritt weit öffnete. Dunkle Locken legten sich um ihr süßes Gesicht. Ich stand immer noch da, unfähig mich zu rühren. Was sollte Harry mit einer anderen Frau, er hatte doch mich?

Als sich unsere Blicke trafen, schüttelte sie ungläubig den Kopf. „Hey, Kleines, was machst du für ein Gesicht, davon geht die Welt nicht unter. Einen Mann wie Harry hat man nun mal nicht für sich allein, der will bewundert werden!“

„Julia!“

„Ich weiß ja gar nicht, ob da was war, ich sah sie mal im Gang, komischerweise dachte ich, du wüsstest es. Ich hielt dich für tolerant.“

Ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und hoffte, es läge vielleicht daran, auf keinen Fall wollte ich als zickig gelten. Vorsichtig griff ich nach der Sessellehne. Dann wurde es dunkel, und bevor ich endgültig das Bewusstsein verlor, hörte ich noch Julia sagen: „Du hast ihn doch am besten gekannt!“

7. Szene
Magdalena

Julia hielt meine Beine in die Höhe und lächelte mich an. Sie hatte ein herrliches Lächeln, und von Berufs wegen konnte sie es auf Knopfdruck herbei zaubern. Ach bitte, Julia, zaubere doch die letzten Tage weg und gib mir meinen Harry zurück. Gesund und munter und ohne eine Schramme, dann kann er euch selber sagen, dass alles nicht stimmt, dass er mich nie betrogen hat und ihr euch das nur einbildet. Dann gäbe es keine Kommissarin mehr und keine dummen Fragen. Dann wäre alles wieder beim Alten. Und den hergerichteten Wagen könnte sie sich sonst wohin schieben.

Sylvia stand auf der anderen Seite des Sessels, ein Glas Wasser in der Rechten und zwei kleine Pillchen auf der ausgestreckten Linken. Energisch schüttelte ich den Kopf: „Ich brauche keine Pillen, erzählt mir lieber, was ihr wisst!“

Julia richtete sich auf. „Okay, du nimmst die Medizin, und ich erzähle dir, was du scheinbar als einzige von uns nicht weißt, obwohl ich das ehrlich gesagt nicht so recht glauben kann!“

Sylvia trat einen Schritt vor, steckte mir die Pillen in den Mund und hielt mir das Glas Wasser hin. Es fehlte nur noch, dass sie sagte: so ist es brav!

„Also“, begann Julia, während sie sich in den zweiten Sessel mir gegenüber setzte, die Hände in den Schoß legte und sich dann vorbeugte, „und ich schwöre dir, nichts anderes habe ich der Dame von der Polizei erzählt. Harry brachte ein paar Mal eine Frau mit, genauer gesagt, immer dieselbe. Sie war mittelgroß, blond, und ich fand sie nicht besonders toll. Aber gut, ich dachte mir, sie muss ja ihm gefallen!“ Julia legte die Stirn in Falten, während ich an ihren Lippen hing, um noch mehr zu erfahren. Mehr, um es endlich glauben zu können. Um mich noch besser zu quälen.

„Komisch fand ich eigentlich nur, dass sie immer so einen flachen, schwarzen Aktenkoffer bei sich hatte. Der passte überhaupt nicht zu ihrer sonstigen Aufmachung!“

„Wie lange ging das?“, fragte ich kraftlos und spürte das Pochen in meinem Kopf wieder stärker werden.

„Na ja, drei, vier Wochen vielleicht!“

Ich nickte. „Und warum habt ihr mir nie davon erzählt? Ich dachte, wir wären Freundinnen!“

Verlegen schauten sie sich an.

„Na ja“, ließ sich nun auch Sylvia zu einer Auskunft hinreißen, „zuerst war ich ja auch richtig sauer auf Harry, dachte, du alter Hurenbock, warum suchst du dir eine andere, wo du doch Magdalena hast, aber als ich ihn darauf ansprach, schien es mir auf einmal ganz plausibel, obwohl ich dir das, ehrlich gesagt, nicht zugetraut hätte. Du machst immer so einen nüchternen, so einen korrekten Eindruck, und da passt so was überhaupt nicht dazu!“

Ich schnappte nach Luft, wie konnte Sylvia sich so ereifern.

Bevor ich mich rechtfertigen konnte, mischte sich Julia wieder ein. „Aber Harry hat uns dann doch davon überzeugt, dass es eine Überraschung wäre und du dich über diesen Besuch sehr freuen würdest und, na ja, ich hab in meinem Job schon soviel erlebt, warum dann nicht auch du? Möglich ist ja schließlich alles!“ Die beiden sahen sich an und nickten.

„Ihr meint, er tat so, als ob sie zu mir gekommen sei? Zum Kaffeeklatsch oder so?“, fragte ich ungläubig.

„Zum Kaffeeklatsch wohl eher nicht!“

8. Szene
Klara

Die Handtasche flog knapp am Bett vorbei und landete auf dem fleckigen Linoleumboden. O ja, Magdalena Morgenroth hatte mich aus der Fassung gebracht. Als gute Freundin wollte ich zu ihr gehen, sie trösten und ein wenig mit ihr über ihren Freund plaudern. Ich hatte sogar auf meinen Morgenlauf verzichtet, weil ich wirklich neugierig auf sie war. Doch was tat sie? Statt dankbar zu sein, klappte sie ihr Fotoalbum zu und ließ mich auch sonst nicht an sich heran. Einen grünen aufgemotzten Sportwagen kenne sie nicht. Ihr Harry Kaufmann war ein Heiliger und hatte natürlich keine Probleme, behauptete sie treuherzig.

Ich riss das Fenster auf und zündete mir eine Zigarette an. In der Pension war Rauchen verboten! Genussvoll sog ich das Nikotin in meine gefräßig Lunge. Tja. und dann kam mir die Idee mit der Frage, wo er denn eigentlich hin wollte an jenem Abend. Bingo! Sie wusste es nicht. Konnte es sein, dass ihr Harry untreu war? Kleine Rauchringe entströmten meinem Mund und brachten meine Häme zum Ausdruck. Es war schon toll, wenn man die Leute so schnell durchschaute. Wieder sog ich tief am Filter; es beruhigte mich, machte mich frei. Über mir wurde eines der alten Fenster aufgerissen. Mist! Die alte Schachtel kontrollierte mal wieder ihre Gäste. Hastig drückte ich die Zigarette im Fensterrahmen aus und wedelte die Luft weg.

„Frau Eibel, rauchen Sie etwa im Zimmer?“

„Äh, nein nein, ich lüfte nur meine Sachen von gestern Abend. Die Kneipe war so verräuchert!“

„So! Na ja, Sie waren ja auch ganz schön spät dran, heute früh!“

„Es war 2 Uhr!“ Oh, wie hatte ich die alte Schachtel satt.

„Das nächste Mal sind Sie aber etwas leiser auf der Treppe, der Herr Berthold aus dem Parterre hat sich nämlich beschwert!“

„Ja, ja!“ Ich schlug das Fenster zu und schaute auf meine Rumpelkammer. Neben dem wuchtigen Eichenbett standen zwei wuchtige Eichennachtschränkchen, obwohl ich doch sowieso keinen Herrenbesuch mitbringen durfte. Gegenüber nahm eine Kommode mit Spitzendeckchen und Glasplatte die halbe Wand ein, und außer dem Kleiderschrank neben der Tür gab es noch einen Fernseher, drei Wandhaken und ein kleines Tischchen mit zwei Stühlen. In meinem Büro war es wohnlicher. Aber immerhin hatte ich eine eigene Dusche und musste nicht wie Herr Berthold aus dem Parterre das Gemeinschaftsbad benutzen. Ich öffnete die Tür und wusch mir die Hände.

Um Näheres herauszubekommen, hatte ich Frau Morgenroths Nachbarinnen einen Besuch abgestattet. Die eine war superschön, ja geradezu perfekt. Mein erster Eindruck: sie verbringt auf jeden Fall mehr Zeit vor dem Spiegel, als mit reeller Arbeit. Die andere, na ja. Sie würde gut auf einen Ökohof passen. Aber immerhin waren sie nett und sehr loyal. Das mit der blonden Frau gaben sie gleich zu; taten so, als ob das gar nichts Besonderes wäre. Name und Adresse kannten sie natürlich nicht und wiedererkennen würden sie sie auch nicht, es sei ja immer so dunkel im Hausgang. Es war immer die alte Leier!

Ich zog meine Hose aus und hängte sie sorgfältig auf einen Bügel, dann fischte ich im Schrank nach einer Jogginghose. Ich wollte testen, ob meine Lungen noch mitmachten, und außerdem musste ich aus dem Mief der alten Schachtel raus. Mit Inlineskates an den Füßen stieg ich die Treppe hinunter. Sie würden auf den Stufen Gummistriemen hinterlassen, aber das war mir so-was-von-egal! Und am nächsten Samstag wollte ich auf jeden Fall wieder auf Wohnungssuche gehen.

9. Szene
Magdalena

Durch meinen wirren Traum tanzte ein blondes Haarbüschel, verhöhnte mich und riss mich schließlich aus dem Schlaf. Ich öffnete die Augen und begann wieder nach einer Erklärung zu suchen. Das tat ich schon, seit Julia und Sylvia gegangen waren, und war dabei eingeschlafen. Allein der Gedanke an eine andere Frau schien mir völlig absurd, selbst wenn Harry den beiden davon erzählt hatte.

Mein Nacken schmerzte von der unbequemen Haltung im Sessel. Ich zog die Schultern hoch und ließ sie kreisen, bis die Gelenke knackten. Ein fürchterliches Geräusch, das auch nicht dazu geeignet war, mich auf bessere Gedanken zu bringen. Wie fühlte es sich an, wenn sämtliche Knochen im Körper brachen, wenn man mit voller Wucht gegen einen Betonpfeiler knallte? Nach dem ersten Schock wollte ich Harry noch einmal sehen, mich verabschieden, aber Sylvias Urologe hatte mir davon abgeraten, er meinte, ich solle ihn so in Erinnerung behalten, wie er war. Doch genau deswegen musste ich wissen, was passiert war. Wenn er sie in unserem Bett verführt hatte, würde ich ihm das nie verzeihen.

Julia hatte von einem flachen, schwarzen Aktenköfferchen erzählt, so eines hatte ich hier aber noch nie gesehen. Harry benutzte für seine Unterlagen immer einen silbernen Koffer, mit Zahlenschloss und gepolstertem Tragegriff. War mal ein Superangebot gewesen, bei Abnahme von fünf Stück gab es einen gratis, und Harry hatte sich damit eingedeckt. Einen davon bekam Anna geschenkt, mit dem Versprechen, irgendwann einmal mit ihr zu verreisen, und einen weiteren sein Freund „Jarock“, der Werkstattleiter, der eigentlich Jakob Rockmann hieß und der trotzdem weiterhin seine Sachen in einer alternativen Stofftasche mit sich herumschleppte.

Wenn Harry auf Tour ging, nahm er seinen Koffer immer mit, und wenn die Dame auch einen Koffer bei sich hatte, dann war sie vielleicht eine Kollegin.

Erleichtert tippte ich mir an die Stirn. Das war die Lösung, die blonde Kofferträgerin war nur zu geheimen Vorgesprächen im Haus, es weiß ja jedes Kind, wie schwierig es heutzutage ist, einen neuen Programmierer anzuwerben.

Ich lief durchs Schlafzimmer ins Bad und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht, danach kämmte ich meine Haare, bis jede Strähne in einem anderen rotbraunen Ton schimmerte. Harry hatte meine Haare immer geliebt, er fand sie so schön griffig; und blond kam in seiner Wunschvorstellung ohnehin nicht vor. Und weil mich in diesem Moment wieder die Traurigkeit umklammerte, ging ich ins Schlafzimmer zurück, holte den braunen Pulli unter der Decke heraus und drückte mein Gesicht in die kratzige Wolle. Was auch immer sie dir anhängen wollen, ich werde es nicht zulassen.

In diesem Moment glaubte ich fest an meinen Schwur. Und je eher ich damit begann, die anderen davon zu überzeugen, desto besser war es für alle!

10. Szene
Klara

Entlang der Donau verläuft ein wunderschöner Radweg, und meine Pension lag nicht weit davon weg. Mit weit ausholenden Bewegungen nahm ich Tempo auf und ließ mich auf meinen Inlinern dahingleiten. Es war gut, alles hinter sich zu lassen. Am Gürtel hing mein Handy für Notfälle und eine Flasche mit Powerdrink. Während ich so dahinfuhr und mir lauter glückliche Menschen begegneten, dachte ich über den Verkehrsunfall nach. Es wollte mir einfach nicht in den Kopf, warum Harry Kaufmann nicht ausgewichen war.

Auf einer Bank machte ich Halt, atmete tief durch und rief Christina an. Sie war nach meiner Scheidung das Einzige, was mir geblieben war. Einundzwanzig Jahre alt und genauso aufreibend wie mein Beruf. Ich versuchte erst gar nicht, nach dem Studium, den Topfpflanzen oder dem Zustand meines Wohnzimmerteppichs zu fragen. Aber ich wünschte mir, sie hätte ein bisschen mehr Ordnungssinn. Christina sagte, es ginge ihr gut, und warum ich mir nur immer soviel Sorgen um sie machen würde, schließlich hätte sie doch so viele Freunde, die sich um sie kümmerten!

Im Grunde waren genau diese Freunde mein größtes Problem.

11. Szene
Magdalena

Eine Viertelstunde später stand ich in Sylvias Küche und schaute vom Tisch aus zu, wie sie einen Klumpen Teig mit beiden Händen auf die Arbeitsfläche knallen ließ.

„Sie macht Apfelstrudel!“, erklärte ihre Tochter Anna, die mir die Tür geöffnet hatte. Vom Backen hatte ich eben soviel Ahnung wie vom Kochen. Sylvia griff in die aufgerissene Mehltüte, bestäubte ihre Hände und nebenbei auch ihr T-Shirt, dann hob sie den Teig hoch, um ihn erneut auf die Platte zu schmettern. Anna setzte sich an den Tisch und begann mit einem Küchenmesser Äpfel klein zu schneiden. Sie war erst vor drei Wochen sechs geworden und für ihr Alter ausgesprochen geschickt.

„Ist es schlimm?“ Anna schaute mich abwartend an.

„Was?“, fragte ich zurück und sah zu, wie sie mit ihren kleinen Fingerchen den Apfel auf einem Brettchen gewissenhaft klein schnitt.

„Mit Mama!“ Ich warf einen Blick ins Zimmer, konnte aber keine besonderen Anzeichen für eine Verstimmung feststellen. Der große Wohnraum war im Grundriss dem unseren sehr ähnlich, allerdings wies er weniger Luxus auf. Statt eines Kamins hatte Sylvia einfache Kiefernholzregale als optische Trennwände aufgestellt. Dahinter stand ihr Bett. Das einzige abgeschlossene Zimmer gehörte Anna. Überall herrschte Chaos, doch das war hier immer so, ich hatte es nie anders erlebt.

Ich schüttelte den Kopf. „Wie kommst du darauf?“

„Mama sagt, Harrys Seele ist jetzt ein Schmetterling. Glaubst du das auch?“

Unentschlossen hob ich die Schultern. „Ja, es könnte sein!“ Harry hätte diese Erklärung sicher gut gefallen. Er glaubte nicht an die Inszenierung, die die heilige katholische Kirche für uns Sünder nach unserem Tod bereit hielt; er war ein Romantiker.

Sylvia begann den Teig geschickt mit ihren Händen auf der Arbeitsfläche auszuziehen. Ich stand auf und sah ihr über die Schulter hinweg zu. Der Strudelteig wurde dünner und dünner, ließ sich in alle Richtungen ziehen, so wie ich, nur dass er sich nicht beklagte, nicht weinte und niemandem eine Szene machte. Und plötzlich fiel mir wieder ein, warum ich herübergekommen war.

„Eigentlich wollte ich dir sagen, dass Harry euch auf den Arm genommen hat!“, erklärte ich hinter ihrem Rücken. „Ich verstehe ja euer Misstrauen, aber er hatte wirklich immer nur mich!“

Sylvia zog weiter und weiter, schien mich gar nicht zu hören, und plötzlich klaffte in der Mitte ein großer Riss.

„Was bist du doch naiv!“, nuschelte sie vor sich hin und versuchte das Loch zu stopfen.

„Wie meinst du das?“

„Ach vergiss es!“ Sie ließ von ihrem Teig ab und fischte aus dem Küchenschrank ein kleines Gläschen mit eben jenen Pillchen, die sie mir erst kürzlich so dringend ans Herz gelegt hatte. Mechanisch steckte sie zwei davon in den Mund und schluckte sie runter. Warum sie das tat, war mir völlig unklar, aber an Sylvia war manches unklar. Obwohl sie ihren burschikosen Typ noch kräftig mit einem kinnlangen Haarschnitt und einfacher Kleidung unterstrich, gab es immer wieder Anzeichen von rauschenden Nächten mit geheimnisvollen Liebhabern. Erst kürzlich hatte ein Blumenbote bei mir geklingelt und einen riesigen Strauß roter Rosen für Sylvia deponiert. Als ich ihn ihr später vorbeibrachte, konnte sie ihre Verlegenheit nur schwer verbergen, was eigentlich gar nicht zu ihr passte.

„Kommt Harry jetzt nie mehr wieder?“, fragte Anna vom Tisch aus. Sie hatte uns die ganze Zeit beobachtet. Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich neben sie. Anna hatte Harry sehr gern gehabt, und seit er ihr das Fahrrad geschenkt hatte, liebte sie ihn geradezu abgöttisch.

Er wollte so gern ein eigenes Kind haben und bei ihm alles besser machen. Nun, das wollte ich auch, aber erst, wenn wir es uns auch wirklich leisten konnten und nicht mehr auf meinen Verdienst angewiesen waren. Anna schaute mich in echter Verzweiflung an.

„Nein“, sagte ich, weil ich es nicht gut fand, wenn man kleine Kinder anlog, und außerdem hätte sie es früher oder später ja auch selbst herausgefunden. „Aber ich glaube, da, wo er jetzt ist, geht es ihm sehr gut.“

„In echt, oder sagst du das nur?“

Mir standen die Tränen in den Augen, nur mit viel Mühe konnte ich sie zurückhalten. Schließlich nickte ich heftig: „In echt, Anna!“

12. Szene
Klara

„Jetzt sagen Sie nur, Sie haben bei dem schönen Wetter nichts anderes zu tun, Frau Eibel!“ Der alte Swoboda schob seine Brille auf der Nase zurecht und sah mich kritisch an. Man konnte ihm schlecht etwas vormachen. Swoboda war früher selber im Außendienst, bis ihn eine Kugel im Oberschenkel erwischte und er sich freiwillig in den Innendienst und schließlich in die Portiersloge zurückgezogen hatte. Geblieben war sein kriminalistisches Interesse.

„Mir lässt der Verkehrsunfall keine Ruhe! Wie kann ein Sportwagen ein so großes Auto einfach so von der Straße drängen?“

„Er war noch jung, was?“

„Ja, das auch“, fügte ich hinzu und stieg die Treppe hinauf. Ich legte die Tasche auf den Schreibtisch und ließ den Computer anlaufen. Magdalena Morgenroth lebt in einem Märchenschloss, zu gut für diese Welt, dachte ich. Sie nahm doch tatsächlich einen Wollpulli mit ins Bett. Ich war überzeugt, das Mädchen musste noch viel lernen. Das Leben ist hart, und je schneller sie es kapierte, desto weniger tat es ihr weh. Obwohl wir Mütter Töchter bräuchten wie sie, das gäbe uns Grund zum Investieren.

Bei Sylvia Nigl gab es keine besonderen Eintragungen. Sie arbeitete als Krankenschwester und hatte eine Tochter. Ich sah sie vor mir. Besonders interessant schien mir ihr Leben nicht zu sein. Oder irrte ich mich? Den Namen von Julia Fabriosa hatte ich noch nicht ganz eingegeben, da stürzte das Programm ab. Verdammt, seit wir das neue Datenprogramm benutzen, ging so viel schief. Ich versuchte es noch zwei Mal, dann gab ich auf. Immerhin war Sonntag.

Im Hemingway´s war wenig los. Ich hatte gehofft, Obermüller zu treffen. Obwohl ich verheiratete Männer in der Regel mied. Sie jammerten gern und waren dann doch satt von ihren Familien. Aber allein der Gedanke an ihn zeigte mir, dass es an der Zeit war, mir mal wieder einen richtigen Kerl ins Bett zu holen. Egal, was die alte Schachtel dazu meinte. Also setzte ich mich an den Tresen und bestellte ein Bier, und weil dann noch immer kein richtiger Mann in Sicht war, noch eines.

Montag 19.8.
13. Szene
Magdalena

Gleich nach dem Erwachen begann ich Harry zu vermissen. Meine Hand wanderte ruhelos über das Kissen neben meinem, und um nicht noch mehr zu leiden, stand ich auf, nahm meine Vitamintabletten und spülte sie mit einem Glas Orangensaft hinunter. Dann ging ich ins Schlafzimmer und wählte aus meiner dezent-schicken Bürokluft ein besonders trostlos graues Kostüm. Einerseits schien es mir völlig unmöglich, unter Menschen zu gehen, andererseits brauchte mich mein Chef dringend. Automatisch griff ich nach der dazugehörigen Unterwäsche. Sie war ebenfalls dunkelgrau und bestand aus feiner Spitze, der Tanga zeigte viel Haut, und der BH gab meinen Brüsten eine knackige Form. Dazu gehörten dunkelgraue Strümpfe mit einem Rosentattoo an der rechten Fessel. Harry gefielen solche Dinge, sie machten ihn ganz verrückt! Ich setzte mich auf die Bettkante, betrachtete die feine Wäsche in meiner Hand und dachte daran, was passiert war, als ich sie das letzte Mal trug.

„Na, wen willst du denn heute um den Verstand bringen?“ Harry war quer über das Bett zu mir gekrabbelt und hatte mich von hinten umarmt. Vorsichtig schaute ich mich um. Ich hatte das Gefühl, seine Hände wanderten in diesem Moment ganz leicht über meinen Körper und hinterließen einen heißen Schauer auf meinem Rücken. Ein Versprechen, das er für gewöhnlich einlöste.

... Als ich an diesem Abend heim fuhr, war ich vollauf zufrieden. Mein Chef hatte mir seine Privatrechnungen zum Buchen gebracht; das hatte er noch nie getan, er zeigte mir damit, wie viel Vertrauen er in mich setzte. Stolz hatte ich mich an die Arbeit gemacht, auch wenn es mich zwei Stunden meines Feierabends kostete. Auf der Treppe erst spürte ich wieder meine Müdigkeit. Wie wunderbar wäre es jetzt, die Schuhe von den Füßen zu kicken und in einer Wanne voll duftenden Schaumes zu versinken, malte ich mir aus und steckte den Schlüssel ins Schloss. Dann erschrak ich! Ich hatte noch keine Zeit gehabt, ihn umzudrehen, da öffnete sich die Tür bereits von innen. Aus dem Dunkel heraus ergriff mich eine Hand und zog mich hinein. Vor Schreck ließ ich meine Tasche fallen. Eine zweite Hand legte sich mir auf den Mund und brachte mich mit einem drohenden „Schsch!!!“ zum Schweigen. Gehorsam folgte ich. Der Mann war groß und kräftig und wusste genau, was er wollte. Mit geübten Fingern band er mir ein Tuch um die Augen, zog mir Jacke und Rock aus und führte mich ins Wohnzimmer. Ich fühlte mich schutzlos und gleichzeitig erregt. Es war eine wunderbare Mischung. Auf einmal blieb er stehen und drückte mich hinunter auf die Knie. Reglos wartete ich ab. Ich hörte das Rascheln von Stoff und das Öffnen eines Reißverschlusses, dann spürte ich eine zarte Berührung auf meinen Beinen und gleich darauf das heftige Schnalzen meiner Strumpfbänder. Meine Anspannung wuchs, bis ich an den Schultern gepackt und grob auf die Sitzfläche eines Stuhles gedrückt wurde. Vor Schreck und Lust schrie ich auf, spürte den Übergriff und ...

Tief Luft holend versuchte ich mich wieder zu beruhigen. Mit weit geöffneten Augen saß ich noch immer auf dem Bett, die zarte Wäsche in der Hand, und versuchte verzweifelt, meine Erinnerung abzuschütteln. Ach Harry, dachte ich, wie soll ich nur ohne dich weiterleben?

Energisch legte ich die Sachen in die Schublade zurück und wählte etwas Schlichteres. Alles andere wäre jetzt unpassend gewesen.

Autofahren erschien mir an diesem Morgen als zu große Bedrohung; darum beschloss ich, den Bus zu nehmen. Bei einem letzten Blick in den Spiegel sah ich: Mein Anblick war grässlich. Die Augen zierten dunkle Ringe, die Wangen waren eingefallen und meine Hautfarbe in ein fahles Grau getaucht. Meine Mundwinkel zuckten, und obwohl ich es zu unterdrücken versuchte, gelang es mir nicht, was mich zusätzlich ärgerte.

Als ich das Firmengelände erreichte, kam mir Sepp entgegen. Er war unser Hausmeister.

„Es tut mir ja so leid, Magdalena! Und ich wollte Ihnen nur sagen, wenn Sie mal Hilfe brauchen, bin ich immer für Sie da!“ Ein wenig linkisch reichte er mir die Hand. Ja, sagte ich in Gedanken, mir tut es auch sehr leid.

Tapfer öffnete ich die große Glastür und ging an den Vitrinen mit den Ausstellungsstücken aus der Produktion vorbei. Sie waren neu gestaltet und erinnerten mich an futuristische Handschellen, was sie aber sicher nicht waren.

Am Empfangsschalter saß Jutta Ackermann. Sie schien sehr beschäftigt, und das war mir nur recht. Vielleicht konnte ich mich ungesehen in mein Büro schleichen, vielleicht ... sie sah auf, strich ihre Haare hinter die Ohren und lächelte aufmunternd.

„Magdalena, wie schön! Ich hab dem Chef gleich gesagt: Du lässt uns nicht im Stich.“ Sie kam um den Tresen herum und drückte mich kurz an ihre mütterliche Brust.

„Ach weißt du, daheim halte ich es nicht aus, alles erinnert mich an Harry.“ Noch einmal drückte Jutta fest zu.

„O ja, das kann ich gut verstehen.“ Mitfühlend schaute sie mich an. „Es ist alles so furchtbar, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Wieder drückte sie mich an ihr großes Herz, und mir blieb nichts anderes übrig, als hilflos mit den Schultern zu zucken.

Jutta ließ mich los und hielt lediglich meine Hände noch in den ihren. Mir war zum Heulen.

„Wie konnte so was nur passieren?“

Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. „Ich weiß es nicht“, hauchte ich, und dann riss ich mich hastig von ihr und diesem Gespräch los, nuschelte eine Entschuldigung, lief kopflos in mein Zimmer, schlug die Tür hinter mir zu und lehnte mich von innen mehrere Minuten lang dagegen. Wie konnte so was passieren? Sie suchen einen dunkelgrünen Sportwagen, hatte die Kommissarin gesagt. Ich stieß mich von der Tür ab und schaute aus dem Fenster auf den Firmenparkplatz. Dort gab es keinen dunkelgrünen Sportwagen. Ich griff nach der Messinggießkanne, um die Blumen auf dem Fensterbrett zu gießen und mich abzulenken. Mein Arbeitstag hatte begonnen. Ich holte den Schlüssel für meinen Schreibtisch aus der Tasche, öffnete meine Kostümjacke und setzte mich hin. Vornüber gebeugt verstaute ich meine Handtasche in der untersten Schublade. Während ich ein paar Notizen von der vergangenen Woche sortierte, begann mein Kopf wieder frei zu werden.

Arbeit, Müßigkeit und Ruh schließt dem Arzt die Türe zu! Ein Lieblingsspruch meiner Mutter. Endlich hatte er Geltung. Zumindest, bis Stella kam.

„Mein Beileid, und das ist vom Chef!“ Achtlos knallte sie mir einen Packen Papiere auf den Schreibtisch. Empört drehte ich mich um. Wie fast immer trug sie ein buntes Shirt, heute mit Ärmel, und ein kurzes Flatterröckchen. „Du sollst dich gleich mal drum kümmern, meinte er!“

„Danke“, sagte ich höflich.

„Na, schau es dir erst mal an.“ Sie zeigte auf den Stapel.

„Ich meinte dein Beileid“, antwortete ich kühl.

„Ach so ja. Geht’s dir gut?“ Gleichgültig schaute sie mich an.

„Na klar!“, behauptete ich, oder hatte sie gedacht, dass ich ausgerechnet vor ihr das große Plärren inszenieren würde?

14. Szene
Klara

Den Sonntag hielt ich schon immer für ziemlich nutzlos. Überall liefen Pärchen Hand in Hand und vertrödelten den Tag mit Glücklichsein. Die Geschäfte hatten geschlossen, und Auskünfte bekam man auch nur sehr widerwillig. Montags war das etwas anderes. Die Pflegedienstleitung sagte, Sylvia Nigl sei zwar eine allein erziehende Mutter, aber sehr beliebt. Dass der Vater unbekannt sei, führte zu einem kurzen Nasenrümpfen, sonst gab es jedoch keine Beanstandungen. Über ihren Typ sagte sie, sie passe wunderbar in die Urologie, wie sollten sich denn die armen Männer fühlen, wenn lauter aufgedonnerte Weibsleute da herumliefen!

Tja, da war Frau Nigl natürlich keine Gefahr.

Zurück im Büro versuchte ich es wieder mit Julia Fabriosa. Diesmal stürzte das Programm nicht ab, aber dafür gab es über sie auch keinen Eintrag. Komisch, und was war das eigentlich für ein ausgefallener Name?

15. Szene
Magdalena

Gegen Mittag trieb es mich in die Kaffeeküche, mein Körper verlangte Koffein und Glucose. An dem Tisch mit der geblümten Wachstuchdecke saß Jutta und beugte sich konzentriert über ein Blatt Papier, auf dem ein Kreis mit vielen Unterteilungen aufgemalt war. In der rechten Hand hielt sie einen geschliffenen Kristall, der an einer dünnen Kette hing. Vorsichtig schlich ich mich hinter ihrem Rücken vorbei.

„Welche Bachblüten wirken sich auf meine derzeitige Verfassung besonders positiv aus?“, fragte sie mit monotoner Stimme.

„Keine Ahnung“, antwortete ich, weil ich eigentlich nur Sumpfdotterblumen kannte.

„Welche Bachblüten ...“, fing sie erneut an, und endlich kapierte ich, dass sie gar nicht mit mir sprach, sondern mit dem Papier vor ihr auf dem Tisch und dem darüber hin und her pendelnden Kristall. Da sie so sehr in diese Aufgabe vertieft war, beschloss ich, mir schnell meinen Kaffee und ein paar Kekse zu nehmen und mich dann möglichst unbemerkt aus dem Staub zu machen. Doch daraus wurde nichts! Genau in dem Moment blickte sie auf, schob das Blatt beiseite und sah mich über den Rand ihrer Brille aufmerksam an. „Du siehst schlecht aus.“

„Danke“, antwortete ich schwach. „Was hast du erwartet?“

„Ich will dich nicht kränken, ich will dir helfen“, beharrte sie und stand auf.

„Magdalena, du musst was für dich tun!“ Sie nahm mir meine Tasse aus der Hand, stellte sie auf das Tischchen neben ihre Blätter und ergriff erneut meine Hände, um sie zu drücken. Das war zuviel, ohne Vorwarnung liefen mir Tränen über mein mühsam geschminktes Gesicht und richteten ziemliche Schäden an.

„Ja, so ist es gut“, lobte Jutta, „du musst deine Trauer annehmen und darfst sie auf keinen Fall unterdrücken.“

„Ach Jutta, was redest du da, ich kann doch nicht heulend hier herumlaufen, was sollen denn die Kunden von mir denken.“

„Was interessieren dich die Kunden, die haben ja schließlich keinen geliebten Menschen verloren!“

Ich machte mich erneut los, griff nach meiner Tasse und trank eine tiefen Schluck. Jutta drückte mich auf den Stuhl, auf dem sie selbst eben noch gesessen hatte, und hielt mir ein Buch vor die Nase.

„Hier!“

Mit dem Unterbewusstsein die eigene Welt verändern.

„Das ist es, was du jetzt brauchst! Damit kannst du es schaffen!“

„Mit dem Unterbewusstsein?“

„Ja! Du musst es dir so lange einreden, bis es dir besser geht!“

Ich sah sie mehr als skeptisch an.

„Hast du noch nie den Satz gehört: Du redest dir das alles doch nur ein?“

Ich nickte.

„Genau das musst du machen. Rede dir morgens und abends immer wieder ein, dass es dir bald besser geht. Glaub an dich, und Harry wird stolz auf dich sein.“

Dankend nahm ich Buch und Ratschlag entgegen und legte es später in meine Schublade, um es zu vergessen. Was wusste Jutta schon von meinem Schmerz und wie ich damit umgehen musste? Einreden! Ausreden! Harry war tot und ließ sich auch nicht wieder lebendig reden.

16. Szene
Klara

Seit dem Mittagessen arbeitete ich an den Richtlinien für die Aufdeckung von Schwarzgeld-Kurieren. Nach der europaweiten Einführung der Zinssteuer versuchten immer mehr heimliche Sparer, ihr Geld aus dem Ausland unauffällig wieder zurückzuholen. Aufgabe meiner Truppe sollte es sein, sie nach dem Grenzübertritt gemeinsam mit dem Zoll herauszupicken und wenn notwendig zu verhören. Das Verschieben solcher Sparguthaben kostete den Steuerzahler Milliarden. Das Geld wäre sinnvoller in unserer neuen Datenbank angelegt. Alle Welt schrie nach Sicherheit, aber kosten durfte sie natürlich nichts. Und die, die am lautesten schrien, wollten am wenigsten dafür ausgeben.

Nachdem ich meine Notizen dazu geheftet hatte, kam mir spontan die Idee, noch einmal Frau Morgenroth aufzusuchen. Sie und ihre kapriziöse Wohnung ließen mir keine Ruhe.

Beim Mittagessen hatte sich Obermüller vorsichtig nach ihrem Befinden erkundigt, und ich hatte ihm vorsichtig Auskunft gegeben. Der Speiseplan unserer Kantine war zweifellos im Winter geschrieben worden, darum aß ich nur einen Salat und ein belegtes Baguette. Obermüller haute rein. Zwischen zwei Bissen Schweinebraten mit Knödel erzählte er vom Fahndungserfolg. Er war gleich Null. Aber der Zeuge, der sich so gut mit Autos auskannte, hatte ihnen immerhin den Tipp gegeben, es bei den ansässigen Automobilclubs zu probieren. Ich vermied es zu sagen, dass sie selber daran hätten denken können.

Die Frau mit dem Kind war wie die meisten Zeugen. Wenn es darauf ankam, konnten sie sich nicht mehr so genau erinnern.

„Tja ein Fall wie viele. Wir werden irgendwann per Zufall den Wagen finden, den Halter feststellen, und wenn wir Glück haben, hat er kein Alibi!“ Obermüller schob sich das letzte Stück Apfelkuchen rein und fragte, ob er mir noch was mitbringen solle. Dankend lehnte ich ab. Ich sah noch eine andere Möglichkeit, der Sache auf den Grund zu gehen. Als Obermüller mit einem weiteren Apfelkuchen zurück kam, fragte ich ihn, ob er mir nicht einen Vorwand liefern könnte, um Frau Morgenroth noch einmal zu besuchen. Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Mit ein bisschen Glück schickt die Spurensicherung heute noch die Auswertung vom Unfallfahrzeug.“ Er schob ein Stück Kuchen in den Mund und sprach dann undeutlich weiter: „Was willst du denn eigentlich damit erreichen?“

„Du meinst, sie haben im Auto Spuren gefunden, die uns weiterhelfen könnten?“

„Am Telefon sagten sie etwas von einer Haaranalyse, auf jeden Fall sind sie blond.“

„Du meinst, eine blonde Frau saß mit im Auto? Dann haben wir ja sogar eine Zeugin für den Unfallhergang!“

Aufgeregt beugte ich mich über den Tisch und wartete, bis er endlich geschluckt hatte.

Doch Obermüller schob noch ein weiteres Stück Kuchen in den Mund und zog ein nachdenkliches Gesicht. „Warum bist du so interessiert an dem Fall? Reichen dir deine Schwarzgeldkonten nicht mehr?“

17. Szene
Magdalena

Auf dem Heimweg lächelte mir plötzlich Bernhard, Harrys großer Bruder, entgegen. Nicht in echt, wie Anna sagen würde, sondern von einem Plakat. Im September standen in Bayern Wahlen an, und Bernhard kandidierte für das Amt des Landrates. Er wurde von den Wählerinnen und Wählern direkt gewählt, und insofern war es nur recht, dass er sich ein bisschen ins Zeug legte.

Für einen Landratsanwärter war er noch recht jung, aber das machte nichts, denn er war sein ganzes Leben darauf vorbereitet worden, sich in Amt und Würden richtig zu benehmen; so hatte es Harry zumindest erzählt.

„Schau ihn dir an, so mausgrau hat er schon seine Jugend verbracht!“ Wir lagen an jenem Tag nackt im Bett. Harry hatte ein Kissen hinter dem Kopf und ich lag auf seiner Brust. Wir waren noch ganz warm, hatten den Fernseher nur aus Zufall angemacht und dann gelacht, weil Bernhard so unvermutet auf der Bildfläche erschienen war.

„Der Erfolg gibt ihm recht“, antwortete ich klug und richtete mich ein wenig auf.

„Schon, aber um welchen Preis! Möchtest du vielleicht die langweilige Marielinde jeden Morgen neben dir im Bett liegen sehen?“

Ich dachte an Bernhards Gesicht und schüttelte den Kopf. „Weder sie, noch ihn“, erklärte ich und sah Harry kritisch an. „Da bist du mir schon tausendmal lieber!“ Ich kuschelte mich an seine Schulter und kämmte mit den Händen seine Haare nach hinten. „Bist du denn überhaupt nicht neidisch auf ihn?“ Harry war ganz schön eitel.

„Auf was? Auf sein Jurastudium oder auf seine Kinder?“ Er sah mich herausfordernd an.

„Ich weiß nicht, sag du es mir.“

„Magdalena!“, fuhr er streng fort, „Kinder möchte ich am liebsten ein halbes Dutzend, das weißt du, aber nicht seine. Ich brauche keinen Stammhalter oder ein Vorzeigeobjekt. Meine Kinder sollen glücklich sein, sollen spielen und sich dreckig machen können, ohne Angst vor dem nächsten Pressetermin!“

Ich stand immer noch unter dem Wahlplakat und dachte zurück. Es war ein schöner Nachmittag gewesen, und Harry hatte noch das eine oder andere von Bernhard und ihrer gemeinsamen Jugend erzählt. Von Streichen, die er ihm gespielt hatte, vom Lauschen an der Zimmertür, während seine Freunde bei ihm waren, und lauter solchen Sachen. Harry sagte, er sei zu dieser Zeit viel lieber mit seiner Kamera herumgelaufen und hätte alles fotografiert, was ihm vor die Linse kam. Immerhin war er fast zehn Jahre jünger als Bernhard.

Ein älterer Herr kam mir entgegen und schaute, was es da zu sehen gab. „Meine Stimme hat er“, sagte er und nuschelte im Weitergehen. „Ein prima Mann, wirklich ein prima Mann!“

Bernhard schien mit seiner Politik Erfolg zu haben. Er war sehr konservativ und versuchte den Menschen klar zu machen, wie wichtig ein starkes Land sei. Er bestand darauf, zuerst den eigenen Leuten Arbeit zu geben und erst dann über Zuwanderungsbedingungen zu diskutieren. Er verstand die Bewohner im Grenzgebiet und ihre Ängste um die Arbeitsplätze. Außerdem suchte er nach Möglichkeiten, der wachsenden Jugendkriminalität Einhalt zu gebieten. Harry teilte seine Meinung nicht, er war ein verspäteter Anhänger von Che Guevara, dem 1967 erschossenen Guerillaführer, und stand in seiner politischen Meinung weit links. Genau wie seine Mutter, die zwar voller Stolz von ihrem Ältesten sprach, aber genauso leidenschaftlich mit ihm stritt.

Am Bahnhof kaufte ich mir eine Tageszeitung und ein paar Zeitschriften zur Unterhaltung und ließ dann ihn und die Ausläufer des Stadtzentrums hinter mir. Begleitet von Bernhards aufgesetztem Lächeln lief ich die Straße entlang. Bald schaute ich nicht mehr nach oben. Er sah auf jedem Bild so aus, wie ich ihn bei meinem Antrittsbesuch im Hause Kaufmann kennen gelernt hatte: dunkler Anzug, Krawatte und akkurat gescheitelte, an den Seiten schon leicht ergraute Haare, dazu ein glatt rasiertes Kinn. Und auf manchen sah man sogar die distinguierte, in sanftes Aprikot gehüllte Ehefrau Marielinde.

Nachdem ich die Gleisanlage überquert hatte, ging ich zu Krösus und kaufte ein paar Köstlichkeiten für den Abend. Mit einer Tasche voll teurer Leckereien stand ich schließlich an einer roten Fußgängerampel und dachte plötzlich erneut an Bernhard. Welche Opfer musste er bringen, um da oben mitmischen zu können?

Die Politik war ein hartes Brot. Schon lange ging es den Staatsmännern nicht mehr darum, das Beste für ihr Volk zu wollen. Jeder log und betrog und dachte nur daran, möglichst lange regieren zu können. Wer auf den Listen stand, musste sich entblößen, und das Beste war, man hatte keine Vergangenheit. Gnadenlos fielen Mitglieder verschiedener Listen übereinander her, suchten beim anderen nach möglichen Verfehlungen und verpetzten alles nur Erdenkliche der Öffentlichkeit.

Die Ampel sprang auf Grün. Ich beeilte mich hinüberzukommen. Bei Bernhard konnte ich mir so was nicht vorstellen; aber bei seinem Gegner, der hatte Angst! Im Lokalsender hatte ich einmal eine seiner Reden verfolgt. Sie bestand hauptsächlich aus heißer Luft und hatte besonders Harry köstlich amüsiert. „Was soll das Ganze?“, hatte er gefragt und vorgeschlagen, den Herrn mal von wirklich delikaten Dingen in Kenntnis zu setzen. „Wenn ich auspacke, dann vergeht ihm das einstudierte Lachen!“ Dabei hatte Harry richtig gemein gegrinst, ungewöhnlich gemein, wie ich fand.

Ich hatte die Vornholzstraße erreicht. Auf der linken Seite war eine Wohnsiedlung und auf der rechten Gewerbegebiet. Viele Hallen standen seit langem leer oder wurden umgebaut. Ich nahm die ausgediente Lastwagenzufahrt und betrat den Hof der ehemaligen Druckerei. Vor einigen Jahren, als die Vorschriften über Emissionswerte und Lärmschutz immer schärfer wurden, hatte ein pfiffiger Architekt den oberen Stock umgebaut und drei gemütliche Lofts eingerichtet. Im unteren Bereich befand sich die Werkstatt, die das Ziel hatte, Jugendliche von der Straße zu bekommen und sie wieder für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Auch eine Form von Jugendkriminalitäts-Bekämpfung!

18. Szene
Magdalena

Hinter mir fiel die Tür ins Schloss, ich war erleichtert. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Soviel Beileidsbekundungen, soviel Rücksichtnahme, soviel Getuschel hinter meinem Rücken! Ich streifte die Schuhe von den Füßen, legte Schlüssel und Handtasche weg und sehnte mich nach einem entspannenden Bad. Doch dann fiel mein Blick auf den dick wattierten Umschlag, der allein im Briefkasten gelegen hatte. Er war an Harry Persönlich adressiert und trug keinen Absender. Die Schrift kam mir irgendwie bekannt vor, darum nahm ich ihn mit nach oben. Ein Fehler, wie sich bald herausstellte.

Mit spitzen Fingern besah ich ihn von allen Seiten. Er war hellbraun, und außer dem Hinweis Harry Persönlich, konnte ich nichts Ungewöhnliches entdecken. Wer hatte ihn geschickt? Kein Absender, also wer? Ich verschob mein Bad und kochte erst einmal Kaffee. Wie wichtig musste der Inhalt sein, um den Absender seine Adresse vergessen zu lassen, und stattdessen „Persönlich“ darauf zu schreiben?

Mit der Tasse in der Hand setzte ich mich an den Esstisch und trank. Der Klebestreifen ließ sich leicht öffnen und gleich darauf schob ich meine Hand durch den geöffneten Schlitz, konnte aber außer der genoppten Plastikfolie nichts ertasten. Komisch, dachte ich und warf einen Blick hinein. Leer!

„Was soll das?“, fragte ich laut, drehte den Umschlag herum und heraus fiel ein Schlüssel. Anscheinend hatte er sich irgendwo am Boden festgeklammert, hatte vielleicht gespürt, dass ich nicht autorisiert war, weil ich nicht Harry Persönlich war. Beeindruckt von soviel Willen, drehte ich den Schlüssel hin und her, überlegte, wohin er gehören könnte, und zerlegte den Briefumschlag in seine einzelnen Schichten, um vielleicht dort irgendeinen Hinweis zu bekommen. Aber außer recyclingfähigen Einzelteilen fand ich nichts.

Enttäuscht nahm ich die Zeitung zur Hand und blätterte sie durch. Auf der vorletzten Seite fand ich eine riesige Todesanzeige mit schwarzem Rand und Harrys Namen in großen Lettern. Seine ganze Familie nahm tränenreich Abschied, selbst mich hatten sie in ihre kollektive Trauer mit einbezogen. Sie baten darum, von Beileidsbezichtigungen am Grab Abstand zu nehmen. Ich war gerührt und beschloss, Harrys Mutter anzurufen.

Es wäre eine gute Möglichkeit gewesen, den Abend zu beschließen, aber irgendwie ging mir der Schlüssel nicht aus dem Kopf. Ich klaubte den zerlegten Umschlag noch einmal aus dem Müll und versuchte den Poststempel zu entziffern. Der Ort war ziemlich verschmiert, aber der Datumsstempel zeigte eindeutig den sechzehnten August an, der Tag, an dem Harry mich für immer verlassen hatte.

19. Szene
Magdalena

Dieser merkwürdige Zufall beschäftigte meinen Kopf noch immer, als es an der Tür klingelte. Ich öffnete, und vor mir stand die Kommissarin. Höflich bat ich sie herein; die Wohnung war aufgeräumt und der Kaffee noch heiß. Zum Glück hatte ich mich noch nicht umgezogen. In meinem Kostüm fühlte ich mich ihr gleich viel besser gewachsen. Sie wirkte zielstrebig und sicher, aber vor allem ungewöhnlich frisch, wie nach einem Frühstück im Bett mit anschließender Wechseldusche. Mir schien, sie hatte sich auf diesen Besuch gut vorbereitet!

Sofort kam sie zur Sache, wollte ohne Einleitung von mir wissen, ob mir denn nun eingefallen sei, wo Harry an seinem Todestag hin wollte. Ich schaute sie äußerst kritisch an. Hielt sie mich für blöd? Wenn ich nicht wusste, wo er hin wollte, dann wusste ich es nicht! Schließlich war ich nicht sein Kindermädchen und somit auch nicht über jeden seiner Schritte informiert. Endlich zeigte sie sich einsichtig.

„Dann wissen Sie sicher auch nicht, ob er vielleicht eine blonde Frau mitgenommen hat.“ Sie gab mir Zeit zum Nachdenken. „Wir haben blonde Haare in seinem Auto gefunden“, fügte sie schließlich erklärend hinzu und musterte meine mangogesträhnte Frisur.

Mit meinem freundlichsten Lächeln sah ich sie an. Er hatte eine blonde Frau dabei, ja, aber ich würde den Teufel tun und es ihr erzählen. Das ging sie nämlich nichts an! Außerdem fand ich ihre Art, wie sie von Harry sprach, ohnehin unerträglich.

Sie nickte langsam und erhob sich, dabei warf sie einen sehnsüchtigen Blick auf den Tigersessel. „Naja, ich dachte es mir fast! Haben Sie vielen Dank.“

Nachdem die Kommissarin wieder weg war, setzte ich mich in den Sessel und dachte nach. Sie zog sich gut an, schminkte sich, wirkte gepflegt. Bis auf die Fältchen um die Oberlippe und an den Augenwinkeln sah sie jung aus, trotzdem wirkte sie abgebrüht und alt. Sicher war es nicht leicht, jeden Tag mit dem Tod konfrontiert zu sein und sicher war das ständige Fragen und auf Antworten warten auch nicht einfach, deshalb hatte sie aber noch lange kein Recht, mich zu quälen!

Schlimm genug, dass Harry tot war, aber mussten mich alle immer an die blonde Frau auf dem Beifahrersitz erinnern? Als ob Blondsein etwas Besonderes wäre. Harry liebte mich so, wie ich war. Hätte er mich blond gewollt, hätte er es gesagt. Ich holte mir eine weitere Tasse lauwarmen Kaffee. Zum Glück hatte sie nicht auch noch Bilder von blonden Frauen dabei. War es diese oder diese? Wir haben Haare in seinem Auto gefunden, darf ich mal aufs Laken schauen, vielleicht sind da ja auch welche.

„Niemals!“, schrie ich, stand auf und zog das Bett ab. Niemand sollte Gelegenheit zum Schnüffeln haben - sie nicht und ich selbst nicht. Als ich fertig war, suchte ich im Fotoalbum ein Bild, auf dem Harry so unverwechselbar selbstbewusst in die Kamera lächelte. Zusammen mit der letzten erblühten Rose aus dem Bad stellte ich ihn auf den Kamin. Jeder, der zur Tür hereinkam, sollte sofort sehen: Harry gehört mir!

Dienstag 20.8.
20. Szene
Klara

Der Wecker hatte noch nicht geklingelt, aber ich lag schon lange wach. Als es sechs war, stand ich auf, öffnete das Fenster und drückte auf die Play-Taste.

Quedamos para esta tarde? Treffen wir uns heute Abend?

„Ke´damos ´para esta ´tarde?“, wiederholte ich brav. Vielleicht sollte ich sie wirklich noch einmal besuchen und befragen, bis sie den Mund aufmacht.

Si, muy bien. Ja gerne.

„Si, mui bjen!“ Obwohl ihr Schweigen ja auch einiges hergab.

Lo siento, pero ya he quedado. Ich habe schon etwas vor.

„Lo´sjento,´pero ja e ke´dado.“ Von wegen „große Liebe“, der hatte sie nach Strich und Faden betrogen, sie will es nicht wahrhaben und keiner öffnet ihr die Augen. Aber ich, ich werde ihr helfen. In ein paar Tagen hat sie einen lückenlosen Lebenslauf von ihrem Liebsten. Dann wird sie verstehen, seine Sachen packen und sich sagen: War nichts, futsch, aus und vorbei.

Cenamos juntos esta noche? Wollen wir heute Abend zusammen essen?

„Ce´namos ´chuntos esta ´notsche?“

Ja, so ist das mit den Männern. Du denkst, du hast den Richtigen gefunden, einen, der dir auf ewig dankbar ist, weil du ihn so nett in dir aufgenommen hast, und was macht er, macht die Fliege mit einer anderen und verhöhnt dich auch noch.

Déjeme en paz! Ich hab schon etwas vor.

„Decheme em pas!“

Dabei hat es Magdalena noch richtig gut, weil es ihn erwischt hat. Sonst haben ja eher die Frauen diesen Part. Ich öffnete den quietschenden Kleiderschrank.

Lárgate! Verschwinde!

Ah, das gefällt mir. „´Largate! ´Largate! ´Largate!“ Ich ließ das Wort auf meiner Zunge tanzen und suchte mir eine leichte Hose und ein Shirt. Das war ein Wort, das ich mir unbedingt merken musste. ´Largate - Verschwinde - piss off! Decheme em pas! Magdalena hatte es gar nicht so schlecht getroffen, sie war noch jung, sie konnte sich wenigstens sagen: Auch andere Mütter haben hübsche Söhne! In meinem kleinen altmodischen Bad putzte ich mir die Zähne und hörte meinen Spanischkurs nur noch leise im Hintergrund.

He enttendido Ich habe verstanden!

„Hast du? Dann trauere nicht lange, Magdalena, du bist doch hübsch, Mädel!“

21. Szene
Magdalena

Natürlich hatte ich Harrys Mutter nicht mehr angerufen. Was sollte ich ihr auch sagen? Es tut mir leid! Ihr sicher auch. Ihr ganz besonders. Aber Marielinde würde sich schon um sie kümmern, die hatte wenigstens den nötigen Abstand. Trotzdem fürchtete ich Bernhards Zorn. Ich wollte auf keinen Fall wieder an seinen Plakaten vorbei laufen.

In meinem Büro waren die Rollos herunter gelassen, die Möbel verstellt und die Pflanzen entfernt. Stattdessen lag ein dezenter weißer Umschlag mit schwarzem Rand auf meinem Schreibtisch. Er enthielt eine Karte, auf der mir alle Kollegen ihr Beileid ausdrückten, und Geld. Unschlüssig betrachtete ich die Karte. Erwarteten sie jetzt, dass ich einen ausgab? Während ich meine Möbel wieder auf ihren angestammten Platz schob, klopfte es an der Tür. Es war Stella.

„Hey, wie geht’s dir heute?“, fragte sie knapp und lächelte mich zweireihig und falsch an.

„Geht schon“, log ich dementsprechend.

„Der Chef möchte einen Ausdruck von den letzten vier Wochen haben, und er sagt, du sollst auch die offenen Außenposten mit einbeziehen!“

Warum schickte mein Chef mit so einer Sache ausgerechnet Stella zu mir, ein Anruf hätte doch genügt? Stella setzte sich auf meine Schreibtischkante und sah mir verunsichert ins Gesicht. Aber vielleicht täuschte ich mich auch. „Frag mich nicht, unser Beauty-Heinz ist heute nämlich nicht sehr gesprächig!“

Ich schwieg, denn Stella war nervig, sie zupfte an ihrem knappen Flatterröckchen herum und griff nach der Karte. „War Juttas Idee.“

Ich nickte, das war typisch für sie!

Dann sah ich sie an: „War sonst noch was?“ Sie wusste genau, dass ich es nicht leiden konnte, wenn jemand auf meinem Schreibtisch saß und zusah, wie ich meine PIN eingab.

„Schon gut, schon gut.“ Abwehrend hob sie die Hände und rutschte von ihrem Platz. „Ich bin ja schon weg!“

Ich wartete, bis die Tür zuknallte, und atmete tief durch. Ausgerechnet jetzt. Hätte Wirtmeir nicht noch ein paar Tage warten können?

Gegen Mittag hatte ich alle Unterlagen beisammen, steckte eine große Aktenklammer dran und trug sie ins Chefzimmer hinüber. Da sich auf mein Klopfen niemand meldete, ging ich einfach hinein. Das Zimmer war leer, das Fenster gekippt, trotzdem hing ein würziger Duft in der Luft. Schnuppernd schaute ich mich um. Auf dem Schreibtisch stand ein Aschenbecher mit einer halb gerauchten Zigarre. Es war ein seltsames Gefühl, allein im Chefbüro zu sein, darum legte ich die Sachen schnell auf den Tisch und wendete mich zum Gehen.

22. Szene
Klara

Es war die Zeit der leeren Ablagen; außer ein paar Kleinigkeiten hatte ich nichts zu tun. Vielleicht sollte ich mir Urlaub nehmen und nach München fahren. Meiner Wohnung täte es bestimmt gut, aber andererseits hatte ich keine große Lust, Christina und ihren Freund zu treffen. Auf meinem Bildschirm baute sich ein komplexes Röhrensystem mit gefangenen Ratten auf. Fasziniert schaute ich in der Vergrößerung zu, wie sie, die Nasen am Boden, nach einem Ausweg suchten. Dabei kam mir die Idee, es ihnen gleichzutun und einfach so lange herumzuschnüffeln, bis ich etwas Brauchbares gefunden hatte.

Dazu musste ich mit meinen Kollegen sprechen und alles auch noch so unwichtig Erscheinende zusammentragen. Ich begann meine Liste durchzusehen. Bernhard Kaufmann, der Bruder, will Landrat werden. Das hatten mir Obermüller und Wegerbauer gar nicht erzählt. Also, ich nichts wie hin, um es ihnen unter die Nase zu reiben. Aber die beiden waren beschäftigt. Hatten mal wieder so einen abenteuerdurstigen Halbstarken unter einem Lastwagen rausgekratzt. Auch nicht schön. Aber es war ein klarer Fall von Selbstüberschätzung - der Junge hatte gerade einmal zwei Wochen seinen Führerschein. Schnell machte ich mich aus dem Staub, das sind genau die Dinge, die mich ins Wirtschaftsdezernat getrieben haben.

Der Bruder also ist Jurist, verheiratet, hat zwei Kinder und ist sogar im Wahlkampf grundanständig. Wow! Sein Programm kommt bei den Leuten gut an. Er verspricht die heile Welt, als ob es das irgendwo gäbe. Kurz und gut, er ist ein Langweiler, obwohl das oft die Allerschlimmsten sind. Harrys Leben dagegen schien richtig spannend. Er hatte eine Firma in der Altstadt, einen Waffenschein mit der Lizenz zum Sammeln, und ein Punktekonto in Flensburg, das ich nicht geschenkt haben mochte. Ja, ein verwöhnter Balg aus gutem Hause war er. In Unfälle bisher nicht verwickelt, jedenfalls wurde er nie erwischt; war immer nur zu schnell, Zack - Blitz - und zur Kasse bitte!

Im Geiste sah ich ihn vor mir. Überheblich, selbstgefällig und mit einem Lächeln im Gesicht, immer gut gelaunt. Und so einer wird von der Straße gedrängt und an einen Betonpfeiler gedrückt! Nie im Leben. Den wollte jemand loswerden. Da geh ich jede Wette ein.

Ich stellte Wasser für einen Cappuccino auf. Der Mensch wird ja so genügsam, wenn er keine Küche mehr hat. Und was ist mit solchen Männern, denen die Frauen weglaufen? Wegen irgend so einem Kerl, dem im Leben alles geschenkt wird? Da könnte man doch ausrasten. Vor allem auf dem Land sind die Leute in Glaubenssachen nicht so tolerant. Liebe, Treue, das ist Sache des Glaubens. Wenn er ihr nun aber nicht mehr geglaubt hat, der Ehemann der blonden Beifahrerin? Es war alles hypothetisch, aber so könnte es durchaus gewesen sein. Er hatte eine Mordswut im Bauch, hat die beiden verfolgt und abgedrängt. Er sah rot, wollte sich einfach rächen; und jetzt saß er vielleicht zu Hause und heulte sich die Augen aus dem Kopf, weil er es nicht mehr ungeschehen machen konnte.

„Klara, das ist ausgezeichnet. Mit dieser These findest du den Täter, stellst ihn wegen Totschlag und Fahrerflucht vor Gericht und beweist nebenbei auch noch, dass Harry Kaufmann ein Schwein war, wie alle Männer!“

Eigentlich brauchte ich nur die Beerdigung abzuwarten, und schon konnte ich zuschlagen. Ich schob die Cappuccinotasse zur Seite, nahm mir ein Blatt Papier und begann meine Fallanalyse zu erstellen.

23. Szene
Magdalena

Es war schon nach drei, als ich die Kaffeeküche betrat. Außer Jutta, die wieder mit ihrem Pendel hantierte, war niemand da. Ich nahm mir eine Tasse und fragte sie, ob ich ihr auch einschenken solle. Sie legte ihr Pendel in die linke Hand und umschloss es zärtlich, dann erst kam sie zu mir herüber. „Hast du den Chef heute schon gesehen?“

„Nein“, gab ich zu, obwohl das eigentlich merkwürdig war.

„Er hat ziemlich schlechte Laune. Ich hab das Gefühl, dass er unter Druck steht, und wüsste zu gerne warum, du nicht?“

Ich zuckte mit den Schultern. Stella hatte so etwas erwähnt, aber wenn Jutta es nicht wusste, wer dann? Sie war die Seele der Firma, hatte schon beim Seniorchef gearbeitet und miterlebt, wie der junge Wirtmeir den Betrieb übernahm.

„Ich habe das Pendel schon gefragt, aber es will mir keine Antwort geben. Wahrscheinlich bin ich zu aufgeregt und verwirre es“, gestand sie mir freimütig und öffnete vorsichtig die linke Hand.

Ach, Jutta, dachte ich, warum musst du nur immer an so einen Quatsch glauben? Jutta trat vor das kleine Waschbecken und ließ kaltes Wasser über ihre linke Hand laufen.

„Glaubst du, es ist ihm zu heiß geworden?“, spöttelte ich.

„Ich reinige es von negativen Strahlen, die hier überall herumschwirren“, belehrte sie mich, während sie es vorsichtig abtrocknete. Ich trank meinen Kaffee aus und ging. Vielleicht war sie ja morgen besser drauf. „Hat der Chef Probleme zu Hause?“, war die letzte Frage, die ich hörte.

24. Szene
Klara

Obermüller kam herein. Er erzählte, dass der Obduktionsbericht am nächsten Tag mit der Post käme und die Leiche für die Beerdigung am Donnerstag freigegeben sei. Die Familie habe gedrängt, sei ja auch verständlich, schließlich müssten sie den Wahlkampf durchstehen. Also wusste er es doch!

„Wir werden den Fall zu den Akten legen, dann kommen die Angehörigen wenigstens zur Ruhe.“

Obermüller setzte sich auf meinen Besucherstuhl. „Ist das Cappuccino in der Dose!“

„Stell dir vor!“

„Ob du mir wohl einen machst? Ich bin ziemlich am Ende, war kein schöner Anblick. Ich glaube, bei dem Jungen war kein einziger Knochen mehr heil.“ Ich stand auf - ausnahmsweise!

„Er hatte noch nicht einmal die Spur einer Chance!“

„Glaubst du denn, Harry Kaufmann hatte eine Chance?“ Ich rührte in der Tasse und stellte sie ihm auf den kleinen Tisch neben dem Stuhl. „Ich meine, wer hat denn überhaupt eine Chance, wenn es so schlimm kracht!“

Obermüller trank langsam. „Na ja, er hätte zumindest bremsen können, aber der Junge, der war schon platt, bevor er begriff, was eigentlich los war!“

Nachdenklich blieb ich neben dem Wasserkocher stehen. Das stimmte natürlich, bremsen hätte er können. Er schien doch sonst so raffiniert zu sein.

25. Szene
Magdalena

In meinem Briefkasten lagen etliche Briefe. Man schrieb mir von Hoffnung und Gnade und wünschte mir ein schnelles Vergessen. Wollte ich das? Ich las und legte sie achtlos beiseite, als einer meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er stammte vom Auktionshaus Franziskus in München. Harry und ich waren vor einem Jahr dort gewesen, um an einer Versteigerung teilzunehmen. Harry schwärmte von alten Waffen und hatte schon eine kleine Sammlung im Tresor, und auch für mich war es ein unvergessliches Erlebnis. Vor der Versteigerung hatten wir alte Vorderlader, Steinschlossflinten, Schwarzpulverflaschen, antike Messer, angerostete Degen, an denen noch das Blut vergangener Duelle zu kleben schien, Pistolen und Revolver, Schilde und sogar ein paar echte Ritterrüstungen besichtigt. Ich faltete das Blatt auseinander und wunderte mich!

Harry wollte sich von seinen Waffen trennen, so stand es da schwarz auf weiß. Warum? Ich meine, klar, nun konnte er sie ja nicht mehr gebrauchen, es gibt keine Taschen im letzten Hemd, aber laut Brief hatte er sie bereits vor Wochen persönlich hingebracht, und das war mehr als merkwürdig. Die Veranstaltung sollte am Mittwoch, den 28. August stattfinden. Nächste Woche.

Einer Eingebung folgend ging ich ins Schlafzimmer, öffnete den Tresor und sah, dass er tatsächlich leer war. Der Brief fiel aus meinen Händen, auch mein geliebter Schmuck war weg. Ein Rubinarmband, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte, und eine schlichte goldene Kette, ein Geschenk meines Vaters zum 13. Geburtstag. Meine Mutter hatte sich damals furchtbar aufgeregt, weil mein Vater mir ein so teures Geschenk machte. Sie war der Meinung, ich könne es gar nicht richtig einschätzen. Aber da hatte sie sich geirrt. Außerdem war es die letzte Erinnerung an meinen Vater, danach löste er sich in Nebel auf.

Ich bückte mich und las den Brief noch einmal Zeile für Zeile. Nein, mein Schmuck wurde mit keiner Silbe erwähnt. Also begann ich zu suchen. In unserer Wohnung gab es viele Plätze, an denen sich ein Schmuckkästchen abstellen ließ. Ich musste logisch vorgehen. Durcheinander war ich nur wegen den Waffen. Warum wollte Harry sie hergeben? Er hatte sie geliebt!

Seine Firma war eine tolle Sache. Nachdem er die Regensburger Firma Top Ten verlassen hatte, hätte ich nie geglaubt, dass sie einmal so gut gehen würde. Ich stand vor dem großen Esstisch und schaute auf die massive Platte aus dunklem Nussholz. Hier hatte er auf seinem Notebook die Programme geschrieben, hatte mit verschiedenen Firmen telefoniert und sie beworben, bis er endlich den ersten Auftrag in der Tasche hatte. Den ersten eigenen Auftrag! Und dann war alles ganz schnell gegangen, zu schnell, denn jetzt brauchte er Leute, die ihm halfen. Die Blonde – ja, auch wenn sie blond war, er brauchte sie, sonst hätte er sich kaputt gemacht!

Während ich sämtliche Pullover zur Seite schob, unter jeden Stapel und in jede Jackentasche fasste, gewissenhaft meine Strümpfe aus- und wieder einräumte, in jeder Handtasche nachschaute und sogar hinter den Fernsehschrank kroch, dachte ich voller Mitgefühl an Harry. Er hatte sich so in seine Arbeit hinein gekniet, war allem Anschein nach sogar bereit, seine Waffen zu verkaufen, nur um sein Ziel zu erreichen, wollte hoch und noch höher steigen. „Software ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken, und je dümmer die Benutzer sind, desto intelligenter muss das Programm sein!“

Gern hörte ich Harry zu, wenn er erzählte und auch jetzt hätte ich viel darum gegeben, wenn er mir hätte sagen können, wo mein Schmuck geblieben war. Weder zwischen dem Geschirr noch in einem der Töpfe oder der Besteckschublade wurde ich fündig.

Resigniert setzte ich mich in einen Sessel und schloss für lange Zeit die Augen. Der strahlende Tag war einer wolkenlosen Nacht gewichen und mein Magen machte sich angesichts heftiger Vernachlässigung drauf und dran auszuwandern. Mühsam stand ich auf und öffnete den Kühlschrank. Doch nichts von dem, was ich sah, konnte mich wirklich reizen. Immerhin war der Hunger ein tatsächlicher Schmerz, und dann dachte ich doch wieder an Harry, er hatte es hinter sich. Mein Mitgefühl galt mir. Es troff aus allen Nähten und die Versuchung, mit Harrys Pulli im Arm einfach loszuheulen, war groß! Nur satt machte es nicht.

Mittwoch 21.8.
26. Szene
Magdalena

Der nächste Morgen war drückend. Mein Nachthemd klebte unangenehm an meinem Körper und fühlte sich an, als ob ich durch einen Regenguss gelaufen wäre. Ich zitterte und fror trotz sommerlichen Wetters und hing noch immer in meinem letzten Traum fest, dessen Botschaft ich verzweifelt zu verstehen versuchte. Harry hatte mich hintergangen!

Durch die Vorhänge sah ich das erste Licht des Tages. Es ist alles gut, es ist alles gut! Unbewusst lullte ich mich mit dieser monotonen Phrase ein. Ich zog mein Nachthemd über den Kopf, warf es zu Harrys Kratzbürste und wendete die Decke.

Um acht rief ich in der Firma an und meldete mich krank. Jeder hätte vermutlich Verständnis für meinen Wunsch nach Ruhe gehabt, nur Jutta nicht. Sie bestand darauf, sofort vorbeizukommen und mich ein wenig zu bemuttern. Im ersten Moment sah ich lauter okkulte Auswüchse durch meine Wohnung tanzen, doch dann fühlte ich mich durch ihren Besuch wenigstens dazu gezwungen, nicht andauernd Trübsal zu blasen. Ich stellte mich unter die Dusche, erst heiß, dann kalt, und holte meinen Körper ins Leben zurück.

Noch bevor Jutta klingelte, war der Kaffee fertig. Wir tranken und redeten, über unseren schönen Chef und seine Launen, und darüber, dass er, wie Jutta glaubte, vielleicht etwas mit einem der Mädchen hätte.

Hellhörig schaute ich auf. „Stella?“, fragte ich, ohne zu überlegen, weil sie eigentlich die einzige war, der ich so etwas zutrauen würde.

„Stella?“ Jutta grübelte. „Nein, das glaub ich nicht, obwohl ich von Anfang an wusste, dass Stella nichts als Ärger machen würde!“

Jutta und ihre Befürchtungen. Ich schenkte uns eine zweite Tasse Kaffee ein und schaute sie abwartend an.

„Wie kommst du darauf? Gefällt dir ihre Nase nicht?“

„Ach was“, brummte Jutta, „sie ist die dreizehnte in unserer Abteilung und das bringt nun mal Unglück.

„Jutta, das ist doch Blödsinn!“

Aber so leicht ließ sich Jutta nicht von ihrer Behauptung abbringen. Über den Rand ihrer Brille hinweg sah sie mich ernst und weise an. „Immerhin gab es viele berühmte Männer, die daran glaubten. Napoleon zum Beispiel, zog an einem Dreizehnten in keine Schlacht, und Bismarck unterzeichnete keinen Vertrag, und Heinz Wirtmeir hätte gut daran getan, diese Stella nicht einzustellen, sie ist sein Verderben!“

Stella war ein Problem, weil sie alles hatte. Tolle Haare, ein liebliches Gesicht mit einer Nase wie aus Meissner Porzellan, eine schöne Haut und vor allem eine tolle Figur! Nur war unser Chef viel zu gerissen, sich an eine wie Stella heranzumachen. Die wäre im Stande und würde sich bei seiner Frau beschweren, weil die Knöpfe an seinen Hemden zu groß sind und sie sich immer ihre Fingernägel daran abbricht. Das sagte ich Jutta, und Jutta konnte es nur bestätigen, außerdem würde er sich keinen hausgemachten Skandal in die Firma holen.

„Warum sollte unser Chef überhaupt eine Geliebte haben?“

„Weil ich ihm Karten für diese Sexmesse am kleinen Exerzierplatz samt Liveauftritten besorgen musste, und eines weiß ich ganz sicher, seine Frau würde da niemals mit ihm hingehen!“

Mir gefiel der Gedanke, doch Jutta wechselte das Thema. „Hast du dir für morgen schon alles hergerichtet?“, fragte sie ungemütlich.

„Für morgen?“

„Die Beerdigung, du solltest für diesen Tag gut gerüstet sein!“

Harrys Beerdigung. Ich versuchte nicht daran zu denken. Jutta meinte mit alles hergerichtet meine Kleidung, mein korrektes Auftreten sozusagen, als ob das jemand interessieren würde.

„Du musst auf jeden Fall etwas Schwarzes mit einem möglichst langen Rock anziehen und einen Hut mit Schleier aufsetzen. Hast du so was?“

Natürlich hatte ich schwarze Sachen, was für eine Frage, ich hatte alles, was schwarz, edel und schick war. Harry stand ja auf so was, und ein schwarzes Kostüm hatte ich natürlich auch, obwohl Harry mein schwarzes Kleid, in dem wir uns kennen gelernt hatten, sicher bevorzugen würde.

„Was soll ich mit einem Hut, ich trage nie Hüte, sie passen nicht zu mir!“ Angestrengt versuchte ich mir dabei vorzustellen, dass es sich bei unserem Gespräch um so etwas wie die Reparatur der Gemeinschafts-Waschmaschine im Keller handelte.

„Die schwarzen Sachen schützen dich vor dem Geist des Verstorbenen!“, erklärte Jutta feierlich.

„Du meinst, Harry würde in mich fahren, wenn ich Weiß trage?“ Ich stellte mir das Ganze bildlich vor. Harry und ich in meinem Körper vereint. Nun ja, das wäre vielleicht ein bisschen eng, andererseits hätte ich ihn dann wenigstens bei mir und bräuchte den kratzigen, braunen Pulli nicht mehr.

Dann erzählte sie mir, wieso man am Grab Kerzen aufstellt - sie sollten den Toten vor bösen Geistern schützen -, und dass es Sitte sei, einen Toten mit den Füßen voran aus dem Haus zu tragen, damit er nicht mehr zurückkomme. Ich überlegte angestrengt, ob mein Körper im Falle einer Geistereinnistung wohl männliche Züge annehmen würde und ob ich mich dann künftig rasieren müsste.

27. Szene
Klara

Obermüller kam an diesem Tag etwas später zum Dienst, dafür sah er aber auch wieder besser aus. Vermutlich hatte er seine Betroffenheit im Hemingway´s ertränkt. „Ich nehme alles zurück, der Tote vom Freitag hatte genauso wenig Chancen zu bremsen wie der Junge gestern!“

Verblüfft sah ich ihn an. Obermüller hatte es bisher noch nie geschafft, mich zu verblüffen. „Wie das?“

Er wedelte mit dem Bericht vor meiner Nase herum und ließ ihn dann elegant auf meinen Schreibtisch gleiten.

„Hier!“ Obermüller deutete auf eine Stelle, die gelb markiert war. „Der Kerl war randvoll mit Diazepam.“

Im ersten Moment dachte ich, so einer war dieser Harry Kaufmann also, aber dann fiel mir ein, dass er ja zu einer Verabredung wollte. Obermüller sah, wie ich litt und lächelte schwach. „Du kannst ihn behalten, es ist eine Kopie!“

Ich dankte ihm und begann von vorne zu lesen. Dann rief ich in der Gerichtsmedizin in München an und fragte, wie ich mir das alles vorzustellen hätte.

„Kennen Sie Silvester Stallone?“, fragte der Doktor statt einer Antwort.

„Ja, doch.“ Wer kannte den nicht?

„In einem Interview sagte er einmal: mein Körper ist mein Tempel! Genau so müssen sie sich das bei unserem Freund vorstellen. Er war kerngesund und durchtrainiert, außen und innen ohne Makel!“

„Sie meinen, er war nicht der Typ, der sich ruhig stellte?“

„Zumindest habe ich dafür keinerlei Anhaltspunkte gefunden.“

„Okay, das hab ich verstanden, aber wie ist das mit seinen Händen?“

„Das ist eigentlich ganz einfach. Wir wissen, dass er der Fahrer war, aber seine Hände lagen ganz entspannt in seinem Schoß, als es krachte, und da er auch nicht angegurtet war, flog er ungebremst gegen das Lenkrad!“

28. Szene
Magdalena

Die Angst vor der Einsamkeit ließ mich immer nur die Tischplatte anstarren und machte mich bewegungslos: später, später räume ich auf, wenn es gar nicht mehr zu ertragen ist. Doch plötzlich klingelte es an der Tür. Es war die Kommissarin. Sie fragte mich nach meinem Befinden, und als ich vorgab, es ginge schon, legte sie unverzüglich los.

„Sie haben also keine Ahnung, wer die Freundin gewesen sein könnte?“

„Harry hatte keine Freundin!“, antwortete ich fest.

„Hören Sie, Ihr Freund wurde mit Diazepam, mit Valium, vollgepumpt und dann gegen einen Betonpfeiler gefahren, es ist sogar möglich, dass er zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr in der Lage war, selbst zu lenken. Und jetzt frage ich Sie, wer macht so was?“

„Sicher niemand, der ihn liebt!“, antwortete ich kleinlaut und zog vorsichtig die Nase hoch.

„Nein, aber leider haben wir auch sonst kein Motiv. Sie sagen, er hatte keine Freundin und auch keine Feinde. Erpresst wurde er sicher auch nicht?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Vielleicht war alles doch nur ein dummer schrecklicher Unfall“, versuchte ich zu erklären und spürte, wie meine Stimme brach.

„An solche Unfälle glaube ich schon lange nicht mehr. Zumal die einzige Zeugin auch noch verschwunden ist.“

„Wie kommen Sie überhaupt darauf, dass Harry Beruhigungsmittel nahm? Harry war Sportler, für ihn gab es andere Möglichkeiten, sich zu beruhigen.“ Ich versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

„Das mag schon zutreffen, aber irgendwie scheint er doch nicht klargekommen zu sein. Laut Obduktionsbericht hat er mindestens zehn Tabletten genommen, haben Sie dafür auch eine harmlose Erklärung parat?“

„Nein, nein...“ O Gott - Obduktionsbericht! Mir wurde ganz schlecht. Er lag nicht mehr in seiner Zinkwanne, sie haben ihn aufgeschnitten, ihn auseinandergenommen, wie ein Stück Vieh, ich musste mich setzen. „... was haben Sie gesagt, wie viel hat er getrunken?“

„Mindestens zehn Tabletten Valium, aber ich habe nicht gesagt, er hat es getrunken!“ Sie sah mich an, und ich hatte das Gefühl, dass sie triumphierte.

„Wissen Sie denn jetzt wenigstens, wo er hin wollte? Sie haben sich doch sicher Gedanken darüber gemacht!“

29. Szene
Klara

Jetzt hat sie auch noch einen kleinen Altar aufgebaut, wie süß, mit Rose und einem Bild, so richtig zum Verlieben. Also, ein Hübscher war er ja schon, dieser Harry Kaufmann. Bei seinem Anblick wusste ich gleich, dass der keine Probleme hatte, sich eine Frau zu angeln.

Dass Frau Morgenroth das nicht verstand, war klar, sie war immer noch blind vor Liebe und Trauer. Also lag es an mir, sie mit den Tatsachen zu konfrontieren. Dann tat es wenigstens nur einmal weh!

Diazepam gab es nicht nur in Apotheken, sondern auch in Krankenhäusern. Im Auto saß eine blonde Frau, und ein aufgemotzter Sportwagen drängte sie beide von der Straße. Kaufmann war nicht angeschnallt und hatte die Hände nicht am Steuer. Das passte alles nicht zusammen.

Nachdem ich schon einmal im Haus war, klingelte ich bei Frau Nigl. Sie war Krankenschwester und kannte sich mit Medikamenten aus. Ich dachte mir, wenn ich ihr erzähle, was mit ihrem Nachbarn wirklich passiert ist, erinnert sie sich vielleicht besser an die blonde Frau.

Leider war sie nicht zu Hause, und Julia Fabriosa auch nicht. Ich verglich den Namen auf dem Schild mit meinen Notizen, er stimmte. Auf dem Weg in meine Pension nahm ich mir fest vor, weiter nach ihr zu forschen. Ich konnte es nicht offiziell tun, sie war keine Verdächtige. Trotzdem war es merkwürdig, dass es sie überhaupt nicht gab.

Donnerstag 22.8.
30. Szene
Klara

Um Frau Morgenroth zu provozieren, hatte ich sie gefragt, wo Harry Kaufmann an seinem letzten Tag hin wollte, das war natürlich falsch. Ich musste wissen, wo er herkam, wie er seinen Tag verbracht hatte. Bis zur Beerdigung hatte ich noch etwas Zeit, darum ging ich zu Obermüller. Ich traf ihn im Gang mit einem Ladendieb am Schlafittchen. Während wir nebeneinander herliefen, fragte ich nach den Gegenständen, die im Auto gefunden wurden.

„Muss das jetzt sein?“ Ich nickte. Der Junge war vielleicht dreizehn, klaute schon morgens vor der Schule. Er trug eine Jacke mit vielen Taschen und eine dieser übergroßen Hosen, bei denen ich immer den Verdacht hatte, es stecke noch eine Windel drin. Aus einer der Taschen führte ein Kabel direkt zu seinen Ohren. Kaum hatte er das Zimmer betreten, begann er im Takt zu wippen, nicht ansprechbar für alles um ihn herum. Bum, bum, bum machte es dumpf und laut, es war scheußlich.

„Hör mal“, sagte Obermüller und nahm mich zur Seite. Der Junge knatschte einen Kaugummi und blätterte völlig ungeniert in einer Akte herum. „Wir waren wirklich froh, dass du uns geholfen hast, aber heute ist die Beerdigung, der Wagen ist noch nicht gefunden, die Zeugin mit den blonden Haaren weiterhin verschwunden, und wir haben andere Sorgen!“ Er riss dem Jungen die Akte weg und drückte ihn auf einen Stuhl.

„Eben, also wo?“

Obermüller deutete auf ein Fach im Rollschrank und seufzte.

„Danke“, sagte ich freundlich. Soll er doch froh sein.

In meinem Zimmer packte ich alles aus, eine Brieftasche, ein Päckchen Kaugummi und einen Straßenatlas. Es half mir nicht weiter. Ich musste noch einmal zu Frau Morgenroth. Leider war die viel schlauer als mir lieb war. Mit dummen Menschen konnte man eine Weile spielen und sie so verwirren, dass sie am Ende alles zugaben. Aber die Morgenroth durchschaute mich. Ich sah auf die Uhr. Verdammt, jetzt musste ich mich aber beeilen.

31. Szene
Magdalena

„Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“, rief der Pfarrer feierlich in den Raum. Ich saß in der zweiten Bank, zwischen Julia und Sylvia und konnte vor lauter Schmerz und Verzweiflung kaum atmen. Der Sarg war über und über mit Blumen geschmückt und vor der Tür stapelten sich die Kränze.

„Lamm Gottes!“, rief der Pfarrer und erhob seine Hände zum Himmel. Der schwarze Hut mit dem dezenten Schleier, den mir Jutta schließlich gebracht hatte, gab mir ein wenig Deckung; in meiner geräumigen Tasche häuften sich die verheulten Taschentücher.

„Heilige Maria Mutter Gottes, voll der Gnaden!“ Die Kaufmanns saßen in der ersten Reihe. Ich warf einen Blick auf Bernhard, der erstaunlich sicher seine Haltung bewahrte. Gelernt ist eben gelernt. Neben ihm saß lässig ein großer Mann in dunklem Anzug, weißem Hemd und durchgestuften, dunklen Haaren, der angestrengt seine Umgebung musterte und sich scheinbar nur widerwillig an dem ganzen Auf und Ab der Trauergemeinde beteiligte. Wahrscheinlich ein Bodyguard, obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was Bernhard dazu veranlassen sollte, sich in Gefahr zu wägen.

„Wir sind heute hier zusammen gekommen, um...“ Und wenn schon, Harry hätten selbst zehn Bodyguards nicht helfen können.

„...viel zu früh wurde er aus unserer Mitte gerissen!“ Sylvia schluchzte auf, und ich drückte ihr schnell die Hand.

„Vater unser im Himmel!“ Sie registrierte es gar nicht.

„Dein Wille geschehe!“ Warum Harry, warum? Auf der Rückenlehne der Bank vor mir stand: Gott war hier! Wenn er hier war, wenn er Harry geleitet hat, warum hat er ihn dann nicht umgeleitet? Die Ministranten schwenkten das Weihrauchfass, und mir wurde schlecht. Ich hasse Weihrauch! Ich hasse Beerdigungen! Ich wollte Harry doch nur lieben, für immer und ewig! Seine Mutter war sehr still, ich konnte nicht ergründen, ob sie überhaupt bei der Sache war. Still betrachtete ich ihren Hut und die zierlichen goldenen Ohrringe. Plötzlich hielt mir Julia ein Opferkörbchen hin. Wir waren gerade zum Gebet aufgestanden. Verdutzt hielt ich es in der Hand und starrte hinein. Es lagen schon etliche Geldscheine drin. Vielleicht können wir ihn ja freikaufen, dachte ich und schaute auf die mitgelieferten Sterbebildchen. Es war ein Ausschnitt. Ich hatte das Bild nach einer erfolgreichen Jagd auf einen Oryx in der Savanne Namibias gemacht. Damals hatte Harry seinen Sieg errungen, den Sieg über einen fahlbraunen Oryxbock. Aus seinen Augen leuchtete Stolz, denn der Oryx galt als hartes, mutiges Wild, dass sich seinem Jäger auch mal entgegenstellte, um ihn auf seine langen Hörner zu nehmen. Aber Harry blieb der Sieger, damals, als er noch lebte. Doch jetzt war er tot. Krampfhaft hielt ich das Körbchen fest und starrte vor mich hin, bis Julia sanft meine Finger löste und es nach hinten weiterreichte. „Lamm Gottes, in Ewigkeit. Amen!“

32. Szene
Magdalena

Der Gang über den Friedhof glich einem Spießrutenlauf. Es war schrecklich heiß und nach der Kühle in der Kirche kaum zu ertragen. Überall standen Leute, die mich beobachteten. Mit letzter Kraft setzte ich Fuß vor Fuß. Warf einen roten Rosenstrauß auf den dunklen Sargdeckel und hielt für einen Moment stille Andacht für Harry. Als mir klar wurde, dass er von diesem Zeitpunkt an für immer aus meinem Leben verschwunden war, ohne eine Hoffnung auf Rückkehr, überkam mich eine solche Verzweiflung, dass ich nichts sehnlicher wünschte, als mich gleich zu ihm zu legen.

Ich wollte sterben, hier und jetzt und für immer und ewig, und ohne mein Leid länger ertragen zu müssen. Aber man ließ mich nicht. Eine starke Hand fasste nach mir, bevor ich ganz zu Boden gehen konnte und zog mich an sich. Es war Bernhard. Die Art, wie er mich hielt, erinnerte mich an Harry und das allein tröstete mich mehr als seine Worte.

„Du musst jetzt ganz stark sein, ja“, sagte er und streichelte meinen Rücken. „Du darfst jetzt nicht aufgeben, ja!“ Er drückte mich sanft und im nächsten Moment blitzte eine Kamera auf. Entsetzt machte ich mich los.

Mir war heiß und mein Kopf schmerzte. Um mir Abkühlung zu verschaffen, wollte ich meine Jacke öffnen. Ich nestelte an den großen Knöpfen herum, ohne sie jedoch aufzubekommen. In diesem Moment trat Jutta zu uns, ergriff meine Hand, die stark zitterte, und schob mich in den Schatten einer großen Tanne. Oder hatte sie mich gar durchschaut? Meinen Versuch, Harry doch noch Gelegenheit zu geben, in meinen Körper zu schlüpfen?

Ich schaute zum Himmel, er war strahlend blau, mit einer einzigen gemütlichen Schäfchenwolke über mir, deren Umrisse mich entfernt an einen liegenden Menschen erinnerten. Ich ließ von meinen Knöpfen ab, es war unmöglich, Harry eine Chance zu geben. Letztlich glaubte ich auch nicht wirklich an eine solche Möglichkeit, und die Vorstellung, dass Harry da oben auf einer watteweichen Wolke über den Himmel schwebte und auf mich herunterschaute, gefiel mir ohnehin besser.

Während wir Harry das letzte Geleit gaben und uns anschließend am Grab versammelten, saß der Mann im dunklen Anzug wie ein falsch platziertes Mitglied im Schatten und langweilte sich. Mir war nicht ganz klar, wofür Bernhard so einen Mann überhaupt brauchte, bis er auf ein Zeichen seines Chefs herüberkam, ohne große Worte den Weg frei machte und die Wagentür öffnete. Erleichtert sank ich in das dunkelgraue Polster. Meine Augen waren leer geweint und ich wollte nur noch nach Hause. Bernhard tat mir den Gefallen.

Vor meiner Wohnungstür sah ich ihn bittend an. „Willst du vielleicht ...“, stotterte ich. Da schob sich ein vorsichtiges Lächeln in sein Gesicht und er nickte. „Mir ist jetzt auch nicht nach Rummel“, sagte er und folgte mir neugierig in die Wohnung. Kaum war er durch die Tür, da strafften sich seine Schultern und sein Gesicht wurde zu einer Maske. Zu gern hätte ich gewusst, was in ihm vorging in diesem Moment. Im Hause Kaufmann gab es nur echte Eiche rustikal, die hält ein Leben lang und lässt sich anschließend noch an die nächste Generation weiter vererben, so viel wusste ich, aber es hätte mich brennend interessiert, was er von unserer Wohnung hielt.

Auf einmal drehte er sich zu den Tigersesseln um, lächelte belustigt und sank hinein. Er schien sichtlich entspannt. Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, musterte sein Gesicht, und erneut fiel mir auf, wie wenig sich die Brüder ähnelten. Bernhard holte tief Luft, betrachtete die Bücherregale und den alten Sekretär und sah mich dann an.

„So hat er also gelebt.“ An die Stelle seines Lächelns trat ein Anflug von Spott und ich wusste nicht, was ich erwidern sollte.

„Möchtest du vielleicht was trinken?“, fragte ich schnell und sprang auf. Vor lauter Verwunderung hatte ich doch glatt meine guten Manieren vergessen.

„Hmm“, antwortete er unschlüssig und ich zählte ihm schnell die verschiedenen Getränke auf, die ich im Kühlschrank hatte. „Oder möchtest du lieber Whiskey oder so was?“

„Trank Harry Whiskey?“, fragte er interessiert zurück.

„Hin und wieder einen Bourbon mit Eis.“ Ich stand auf, um Flasche und Gläser zu holen, aber er wehrte ab.

„Nein, lass mal, ich möchte doch lieber etwas Alkoholfreies! Ich habe gleich noch einen Termin.“

33. Szene
Klara

Das war keine schlechte Vorstellung, die Kirche besetzt bis auf den letzten Platz und alle traurig und ehrfurchtsvoll ergriffen. Wir hatten gemeinsam für einen Mann, den ich nicht einmal kannte, gebetet und dem Pfarrer auf seinen Sprechgesang geantwortet, und auf einmal fühlte ich mich nicht mehr so allein in dieser neuen Stadt, und ich dachte, vielleicht sollte ich öfter mal zum lieben Gott beten, einfach so. Damals bei meiner Hochzeit machten sie auch so viel Aufhebens, aber gehalten hat es trotzdem nicht, resümierte ich traurig.

„Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld!“ Nur, wer war es wirklich? Natürlich gab es haufenweise blonde Frauen. Echte und falsche, und Männer hatten auch viele und ich hätte schwören können, dass ein Großteil sie heftig betrog.

Einen grünen Sportwagen sah ich nicht, rund um das Friedhofsgelände und am Grab fand ich eigentlich nur Frau Morgenroth so richtig überzeugend. Irgendwie tat sie mir leid. Sie dachte immer noch, er hätte es verdient, so betrauert zu werden. Ich hielt mich hinter den Büschen verborgen und knipste alles, was mir vor die Linse kam. So blieb mir zumindest noch eine Hoffnung.

34. Szene
Magdalena

„Fühlst du dich eigentlich wohl in dieser Wohnung?“, fragte Bernhard auf einmal und stellte sein Glas auf den kleinen Tisch neben seinem Sessel.

„Ja natürlich, wir haben sie zusammen eingerichtet!“

„Es sieht ein bisschen wie in einer Räuberhöhle aus“, sagte er und lächelte. War das nett gemeint?

„Findest du?“ Rasch schaute ich mich um, was sollte dieser Vergleich?

„Hat Harry eigentlich ein Testament gemacht?“

Ich schüttelte den Kopf, wir waren jung, und wenn man jung ist, dann sterben immer nur die anderen.

„Ich werde mich darum kümmern, dass du alles behalten kannst“, versprach er und richtete sich auf.

„Na ja, also das wäre wirklich nett“, versicherte ich ihm und fühlte mich dennoch unwohl dabei.

Am Himmel hatten sich die Schäfchenwolken vermehrt und die Sonne verdeckt, darum stand ich auf und schaltete sämtliche Lampen an. Von wegen Räuberhöhle. Fünfundzwanzig Birnchen erstrahlten, keine aufdringlich, jede bewusst platziert. Bernhard staunte nicht schlecht, stand ebenfalls auf und durchschritt die ganze Wohnung. Vor den Tigersesseln hielt er erneut inne. „Glaubst du, sie würden zu mir passen?“

Ich wollte sie ihm auf keinen Fall überlassen, aber sein spitzbübisches Lächeln verunsicherte mich. Bernhard lächelte nur selten so.

Vielleicht war es doch noch nicht zu spät für ihn, dachte ich, vielleicht wurde doch noch ein richtig sympathischer Mensch aus ihm, wenn der Wahlkampf erst einmal hinter ihm lag und er Landrat war.

Endlich schüttelte ich den Kopf. „Aber wenn du jemals Sehnsucht nach ihnen hast, dann komm doch einfach vorbei!“

Und dann kam vom Hof das Zeichen zum Aufbruch. Ich hätte ihn gern noch gefragt, ob das erforderlich sei, aber in dem Moment sagte er mit kalter, entschlossener Stimme: „Ich hoffe, das ist nicht nötig!“

35. Szene
Klara

Zuerst war Obermüller ziemlich ungehalten über meine Bitte. Er sagte, das wäre ja das dämlichste, was er je gehört habe. Eine ganze Trauergesellschaft zu checken. Aber dann ließ er sich doch locken. Frischen Cappuccino gab es nicht alle Tage und einen halben Kuchen hatte ich auch noch für ihn besorgt.

Einen Teil der Bilder konnte selbst ich zuordnen: die Nachbarinnen, den Bruder, seine Frau und die Mutter - die Ärmste. Obermüller stellte mir die wichtigsten Obrigkeiten vor und wunderte sich hin und wieder über das Partei übergreifende Interesse. Bei manchen Bildern musste er passen, nahm sie aber an sich und versprach, sich darum zu kümmern. Sicher rechnete er beim Abschluss seiner Recherchen mit einer ebenso freundlichen Bewirtung.

Nachdem ich also auf diese Art noch nicht weitergekommen war, machte ich einen Spaziergang, vorbei an der Neuen Bischöflichen Residenz, in der der Domschatz ruhte, und lief dann ziellos über den Vorplatz des Stephansdoms. Als ich das große Tor erreichte, blies mir ein heftiger Wind ins Gesicht. Schnell drehte ich um. Zum Abschluss des Tages wollte ich noch zu Bernhard Kaufmann. Mal sehen, was der gestresste Bruder zu unseren Ermittlungen zu sagen hatte.

36. Szene
Klara

Warum freuen sich die Menschen eigentlich so selten, wenn sie mich sehen? Bernhard Kaufmann ging es wie den meisten. Er wirkte abweisend, blies die Backen auf, grummelte und schmatzte. Doch wirklich - aber es half ihm nichts, ich wollte hinein und das schaffte ich auch.

Das Haus lag in der Ilzstadt, hatte einen gepflegten Vorgarten und eine eindrucksvoll gestaltete Hausnummer. Eine Doppelgarage und ein Springbrunnen gehörten zur Vorderansicht, und obwohl hier zwei Kinder zu Hause sein mussten, war das Haus penibel aufgeräumt. Im Arbeitszimmer durfte ich mich auf einen Besucherstuhl setzen und dem Besitzer ein paar Fragen stellen.

Mein Gott, was für ein Unterschied. Wenn Harry Kaufmanns Körper ein Tempel war, dann war sein Bruder eine Ruine, zumindest sein Gesicht. Den Rest verbarg er geschickt in einem maßgeschneiderten Anzug. Ich fragte ihn nach seinem Wahlkampf und ob das alles nicht sehr anstrengend wäre. Dann erst schwenkte ich zum eigentlichen Thema um. Sein Bruder und er hätten kaum Kontakt gehabt, sagte er und wahrscheinlich war das noch untertrieben. Bei einem solchen Unterschied musste es einfach Spannungen geben. Ich wollte auch keine Schwester, die aussah wie Sandra Bullock. Bernhard Kaufmann war sehr schweigsam an diesem Abend, ganz anders als in seinen Wahlkampfreden.

Zum Sprechen bringen wollte ich ihn, erwähnte das Diazepam und den grünen Sportwagen, aber natürlich hatte er keine Ahnung, wo er doch so mit seinem Wahlkampf beschäftigt war. „Er war schon als Kind nicht ganz einfach, aber deshalb wurde er ja wohl nicht umgebracht!“

Als ich vor die Haustür trat, begann der Regen gerade die Luft zu reinigen. Es tat gut, obwohl er meine Frisur ruinierte. Bevor ich ins Auto stieg, warf ich noch schnell einen Blick zurück. Im offenen Garagentor erkannte ich die dunkle Limousine und einen mittelblauen Zweitwagen für die Ehefrau. Grün gab es auch hier nicht und ein aufgemotzter Sportwagen hätte im Grunde ja auch gar nicht zu ihm gepasst.

37. Szene
Magdalena

Lange noch nachdem Bernhard weggefahren war, saß ich im Sessel und dachte über die beiden Brüder nach. Die Wolkenfront hatte sich verdichtet und die ersten Blitze schossen mit lautem Donner vom Himmel. Bis auf zwei Stehlampen hatte ich alle Lichter wieder gelöscht. Ich saß gern im Dunkeln und sah dem Gewitter zu. Vor den Fenstern fegte ein heftiger Wind Blätter und kleine Zweige vorbei und schlug sie gegen die Scheiben. Das Prasseln des endlich einsetzenden Regens war wie eine Erlösung für meine wunde Seele. Waschtag! Ich holte mir ein Glas Wein, legte die Füße hoch und trank es schnell leer.

Auf einmal sah ich Harry. Die Hände fest zum Gebet gefaltet, in einem mit weinrotem Samt ausgeschlagenen Sarg. Wie auf ein Zeichen hin versuchte er sich gegen den Deckel zu stemmen, frische Erde drang zu ihm herein und bedeckte seinen Körper. Zum Zuschauen verdammt war ich bei ihm, bis sein Kopf mit einem breiten Lachen im blassen Gesicht durch den frisch aufgeworfenen Grabhügel herausschaute. Gemeinsam beobachteten wir, wie hinter ihm eine tiefe, schwarze Grube entstand. Aus den hohen Bäumen drang Juttas Stimme zu mir: „Wenn das Grab einstürzt, stirbt bald wieder jemand aus der Familie, der Tote holt sich einen Kameraden, einen Kameraden, einen Kameraden...“ Ich hielt mir die Ohren zu. Harry würde so etwas nie tun, er liebt mich doch, oder vielleicht gerade aus diesem Grund?

Jetzt hatte er mich erkannt, seine Züge hellten sich auf. Ich wusste, es war ein Traum, aber ich konnte ihn nicht beeinflussen, wiederholte immer wieder: „Harry, komm her, halt mich fest!“ Aber je mehr ich ihn mir herbei wünschte, um so weiter entfernte er sich.

„Magdalena, das ist kein Ort für dich!“, mahnte er mich und löste sich langsam im Nebel auf. Zurück blieb ein offenes Grab, das auf mich zu warten schien.

Als ich wieder zu mir kam, tat mir alles weh. Natürlich war das kein Ort für mich, aber auch nicht für ihn. Ich holte mir Sylvias Pillendöschen, doch bevor ich eine nahm, las ich auf dem Etikett:Trockenextrakt aus der Baldrianwurzel und alles mögliche. Von Diazepam keine Rede. Ich trank noch ein Glas Wein hinterher und legte mich ins Bett. An die Decke starrend, wartete ich auf den Schlaf, ahnungslos gegenüber dem, was in nächster Zeit auf mich einstürzen würde.

Freitag 23.8.
38. Szene

Magdalena

Am nächsten Morgen wollte ich ein ausgiebiges Bad nehmen, aber dann kamen Sylvia und Julia. Sie brachten einen selbstgebackenen Kuchen mit und einen Kaffee, der Tote zum Leben erwecken konnte, nur eben nicht Harry.

„Du kannst nicht ewig Trübsal blasen, das Leben geht weiter, und Harry hat dich immerhin geliebt. So was erleben manche Menschen nie!“ Julia nahm ihren Teller in die Hand, lehnte sich zurück und erzählte von einsamen, ungeliebten Männern, die Tag für Tag und Nacht für Nacht zu ihr kamen.

Julia war eine Zauberfee, und das hielt ich für die hübscheste Umschreibung ihres Berufes überhaupt. Bei ihr durften die Männer sich wünschen, was sie wollten, Dinge, die sie sonst nirgends bekamen. Dafür bezahlten sie gerne.

Als ich zum ersten Mal davon erfuhr, war ich, wie wohl die meisten Menschen, erst einmal schockiert, versuchte mir ihr Leben auszumalen, ohne eine Ahnung davon zu haben. Ich musste einen Mann lieben oder wenigstens unheimlich anziehend finden, so wie Harry damals. Ohne Liebe war es für mich unmöglich, mit einem Mann zu schlafen. Julia konnte das, und verdiente dabei nicht schlecht. Trotzdem wurden wir Freundinnen. Wir respektierten einander.

Bei einem festen Kundenstamm war Julias Risiko relativ gering. Die Herren waren verheiratet, scheuten jeglichen Skandal und suchten in der Regel Abwechslung von ihrer lustlosen Ehefrau oder den richtigen Kick.

„Sag mal, Julia, vor ein paar Tagen stand so ein Typ mit Maske und langem schwarzen Mantel vor deiner Tür, wollte der was Bestimmtes?“, fragte Sylvia recht naiv.

Julia lachte, „natürlich wollte der was Bestimmtes, sonst wäre er ja nicht zu mir gekommen.“

„Mit einer Maske? Hast du so was öfters?“, wollte ich wissen.

„Manche brauchen das, und bei ihm ging es sogar noch weiter.“

„Ach!“ Sylvia legte ihre Gabel weg und beugte sich vor.

„Ihn törnen gut platzierte Schläge an, die Maske ist nur Teil seines Spieles. Aber sonst ist er total nett und unheimlich großzügig.“

„Und hast du es ihm ordentlich gegeben?“ Ich sah Sylvia mit schwarzen Lackstiefeln und Peitsche über einem armen wimmernden Mann stehen und auf ihn eindreschen. Das war wirklich zu komisch.

„Er ist verheiratet, da muss man sehr vorsichtig vorgehen, damit keine Andenken zurückbleiben, sonst kriegt er daheim Ärger.“

Sylvia ereiferte sich: „Aber das will er doch, oder?“ Sie sah mich fragend an.

Unwissend zuckte ich die Schultern. „Keine Ahnung!“ gab ich zu, denn Harry hatte so etwas nicht begeistert.

„Falls du es mal ausprobieren willst, nimm auf jeden Fall etwas Flaches, einen Tischtennisschläger zum Beispiel oder die Rückseite einer Haarbürste“, empfahl Julia und aß ihren Kuchen weiter, als hätte sie gerade irgendwelche Tipps über das Rühren von Knetteig gegeben.

„Das ist gar keine so schlechte Idee, wenn ich mir vorstelle, dass ich im Krankenhaus Tag für Tag schufte und es doch nie so weit bringen werde wie du, dann könnte ich mir wirklich vorstellen, in Zukunft für Geld Männer zu verhauen!“ Bei dieser Vorstellung verschluckte ich mich beinahe und außerdem bahnte sich bei mir ein Lachkrampf an.

„Du brauchst gar nicht zu lachen, Magdalena, ich trage mich schon lange mit dem Gedanken, dem Krankenhaus den Rücken zu kehren. Öffentlicher Dienst hin oder her, was hilft es mir, wenn sie jetzt öffentlich auf unserem Rücken sparen?“

„Was willst du denn sonst machen?“, fragte ich, und Sylvia zuckte unwissend die Schultern: „Weißt du, das ist im Moment nicht so einfach.“

Das Telefon klingelte, und Julia fragte: „Warum?“ Ich nahm den Hörer ab, lauschte und sah, wie Sylvia rot wurde und Julia ungläubig den Kopf schüttelte. Dann musste ich mich auf das Gespräch konzentrieren, es war sehr leise.

„Hallo, Magdalena, ich muss dir unbedingt was erzählen!“

„Wer ist denn da?“, fragte ich, weil ich die Stimme nicht zuordnen konnte.

„Jutta“, antwortete das Flüstern. „Magdalena, das komische Verhalten hängt doch mit der Firma zusammen. Der Chef ist völlig fertig und verlangt dauernd nach dir. Hast du irgendetwas angestellt?“

Ich schüttelte den Kopf: „Nein“, hauchte ich.

„Er sagt nichts, aber diese verfluchte Stella hat...“

Im Hintergrund wurde eine Tür geschlagen und dann erlebte ich das Donnerwetter: „Jutta!!!“, schrie er, und Jutta flüsterte: „Ich muss jetzt Schluss machen, ich ruf dich wieder an!“

Was war das denn, so hatte ich meinen Chef noch nie erlebt! Ich setzte mich an den Tisch zurück und nahm einen Schluck Kaffee. Die beiden waren noch immer beim selben Thema.

„Na, ich weiß nicht, Abfindung hin, Sicherheiten her, ich bin lieber meine eigene Chefin, da kann ich machen, was ich will!“

„Du? Du musst doch machen, was die Männer wollen!“, schnaubte Sylvia verächtlich. Aber Julia nahm es gelassen, sie kannte diesen Standpunkt. Er rührte daher, dass Sylvia von Annas Vater verlassen worden war, als Ausgleich für ihre Erziehung diese Wohnung bekommen hatte und seither eigentlich kein großes Glück mehr mit Männern hatte, außer kleineren Spielereien.

„Ach Sylvie, du siehst das völlig falsch, ich mache es, weil ich Spaß am Sex habe, und wenn es mir mal keinen Spaß macht, dann bekomme ich wenigstens gutes Geld dafür. Außerdem entlaste ich so manche Ehefrau. Im Prinzip ist es nicht anders als bei dir. Ich erbringe eine Dienstleistung. Du pflegst deine Männer so und ich pflege sie so, beides tut ihnen gut!“

Sylvia schien nicht wirklich überzeugt zu sein und auch ich überlegte mir, ob ich mich jeden Abend vor einem anderen Mann ausziehen und seine Wünsche erfüllen wollte. So lustig, wie Julia das manchmal schilderte, konnte ich es mir nicht vorstellen.

„Lass uns nicht streiten, in deinem Zustand ist das nicht gut“, lenkte Julia versöhnlich ein, und ich merkte, dass mir vorhin tatsächlich etwas entgangen sein musste.

„In welchem Zustand?“, fragte ich daher.

„Sylvie ist schwanger!“, erklärte Julia so stolz, als sei es von ihr.

39. Szene
Klara

Die Eichenholzkommode schaute mich zweifelnd an. Ich fühlte mich schlecht und vermutlich spürte sie es. Nach der letzten Tour hatte ich mich noch mit Obermüller getroffen. Ach, der gute Obermüller.

Julia Fabriosa heißt in Wirklichkeit Andrea Sondelhofer und arbeitet als Callgirl. Sie ist eine richtige Hure; daher der Wohlstand!

Der Inhalt meines Glases war rot. Wodka mit Erdbeersaft. Ich trank und war ein bisschen belustigt über Andrea-Julia-Sondelhofer-Fabriosa.

Natürlich ist das hochinteressant und unheimlich wichtig für mich. Ich will schließlich meine Vergangenheit ablegen, und wie könnte ich es in Passau besser zu etwas bringen, als durch Informationen? Diese Julia empfing bestimmt tolle Männer. Kleine Würstchen trauen sich ja nicht zu so einer, die verdrehten höchstens den Kopf nach einer wie mir. Hin und wieder tun wir uns dann für eine Nacht zusammen und vergessen dabei unser Elend.

Beim nächsten Schluck dachte ich über die Möglichkeit eines Beobachtungspostens nach. Eine kleine Andeutung hier, eine Indiskretion da, schon öffnen sich Tür und Tor, das war überall so.

Meine Vorbereitungen waren ebenso wie meine Informationsquellen immer einwandfrei gewesen - ich trank einen wütenden Schluck - bis man mich zum Ziel des Spottes gemacht hatte. Der Wodka besänftigte mich, in Zukunft wollte ich mir meine Männer genauer anschauen. Ohne Eile erhob ich mich vom Bett. Das Glas war leer, mein Geist leicht. Ich konnte weiter trinken, entschied mich aber für den Sinn des Lebens.

Bei den blonden Frauen war leider keine dabei, die in Frage kam. Meine Hochachtung für so schnelle Arbeit. Mein erster Gedanke war: sie will sich verbergen. Der zweite: Magdalena kennt sie, erkennt sie und sagt aus. In meinem Auto lagen noch die Sachen von Harry Kaufmann. Ich könnte seine Magdalena noch einmal besuchen, sie ihr geben und sagen: „Komm, lass uns ein wenig über deinen Harry plaudern!“

40. Szene
Magdalena

Jutta hatte nicht mehr angerufen. Also war es vermutlich nichts Ernstes gewesen, der Chef wieder ruhig und am Montag alles wie immer. Nachdem Julia und Sylvia mich verlassen hatten, nahm ich mir die Wohnung vor, putzte, suchte mir einen lustigen Film für den Abend heraus und leerte eine ganze Büchse Ravioli. Satt und zufrieden wartete ich auf den Vorspann. Ich hatte mir eine Flasche Weißwein kalt gestellt und freute mich auf den Film. Doch dann kam alles anders. Vor der Tür stand die Kommissarin mit einigen Sachen unter dem Arm, die ich sofort erkannte. Sie wolle nicht stören, sagte sie, und hereingelassen werden. Film adé.

„Wenn Sie schon nicht wissen, wo Ihr Freund an jenem Freitag hin wollte, dann wissen Sie ja vielleicht, wo er herkam?“ Sie hielt mir den Packen entgegen, die Brieftasche obenauf. Zumindest sie war jetzt wieder da, wo sie hingehörte. Die Kommissarin deutete darauf. „Leider war hier noch nicht mal eine Tankrechnung drin, obwohl das Auto erst sechzig Kilometer vor dem Unfall getankt worden war. Wissen Sie etwas darüber?“

Ich roch ihre ziemlich scharfen Pfefferminzbonbons. „Nein, nein, ich weiß nichts darüber!“

„Sie müssen uns helfen, sonst können wir seinen Tod nie aufklären!“

Ich ging zum Kamin und sah sein Bild an. „Können Sie ihn mit Ihren Methoden am Ende auch wieder lebendig machen? Ich meine, so richtig, nicht nur in meiner Erinnerung?“

„Nein, natürlich nicht, aber wir können den Täter verurteilen und bestrafen.“

„Harry bleibt trotzdem tot!“ Resigniert ließ ich mich in den Sessel fallen. Die Kommissarin ging nun ebenfalls zum Kamin und schaute sich Harrys Bild lange an. Noch hatte mich die Trauer nicht völlig überwältigt. Ich stand auf, holte den Weißwein und zwei Gläser und fragte: „Möchten Sie auch ein Glas?“ Mein Film hatte eh längst angefangen, da konnten wir auch ein wenig plaudern.

„Ja gern!“ Sie löste sich von Harrys Foto und setzte sich zu mir. Ich musterte sie heimlich, während sie das Glas gierig in sich hineintrank.

„Harry sah sehr gut aus, er war sehr sportlich.“ Gespannt sah ich auf. „Sicher haben Sie noch mehr Bilder von ihm!“ Sie zeigte zum Kamin. Ich zögerte, dachte nach, dann holte ich mein Lieblingsalbum.

41. Szene
Klara

Das war der Moment, an dem es anfing, schief zu laufen. Magdalena reichte mir ein Fotoalbum und ließ mich blättern. Sie sahen unverschämt glücklich aus, für meinen Geschmack zu glücklich. Ein Bild zeigte ihn am Tennisplatz, ein anderes beide gemeinsam am Badesee, Sylvia mit Baby, Harry mit Anna, dann eines in der Wüste in Shorts und Khakihemd, das Gewehr im Anschlag, mit einem Bock als Trophäe unter seinem rechten Fuß.

Ein warmes Kribbeln breitete sich in meinem Bauch aus, während ich Seite für Seite umblätterte und jedes Detail studierte. Der Pathologe hatte Recht: diesem Körper wurde gehuldigt und er war zu schön für eine Frau allein. Nachdem Magdalena nachgeschenkt hatte, trank ich einen Schluck Wein und gleich noch einen. Dann deutete ich auf das Jagdbild: „Wo war das?“ Magdalena beugte sich vor und Stolz zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Das war in Namibia bei der Oryxjagd!“

Mein Magen knurrte, ich hatte den ganzen Tag nur wenig gegessen, hastig trank ich noch einen Schluck. Auf der letzten Seite sah ich Harry dann fast nackt in Positur, ein Bild wie aus der Werbung. Ich löste es vorsichtig unter der Klebefolie heraus und fragte möglichst unschuldig: „Darf ich mir das hier mitnehmen?“ Magdalena nippte verträumt an ihrem Weinglas, sicher dachte sie an jenen Urlaub zurück, jetzt schoss sie hoch, riss mir das Bild aus der Hand. „Warum?“, fragte sie und drückte es an sich. Alkohol machte einen manchmal sentimental und hemmungslos und manchmal auch aggressiv, so wie mich jetzt.

„Finden Sie es eigentlich gerecht, so einen Mann ganz für sich allein zu haben? Ihr Freund war bereit, seinen Körper mit anderen zu teilen, das zeigen die Spuren im Auto, warum geben Sie dann nicht wenigstens dieses Bild von ihm her?“

„Harry hatte keine andere Frau, egal, wie oft Sie es behaupten!“ Sie war aufgestanden und schaute mich wütend an.

„Wir haben eindeutig blonde Haare gefunden, kolorierte blonde Haare, von einer gesunden jungen Frau“, fügte ich einfach frech hinzu, „warum wollen Sie es nicht wahrhaben, er hatte eine Andere, und vermutlich hat deren Ehemann Ihren Freund aus dem Weg geräumt. Und jetzt frage ich Sie: Wer war sie, und wo waren Sie am Freitag letzter Woche?“

Sie stand ganz ruhig vor mir. „Und ich sage Ihnen, er hatte keine andere Frau, und die Spuren in seinem Auto bedeuten überhaupt nichts.“ Wie zur Beruhigung atmete sie kurz durch, dann warf sie mich raus. Wenn ich keine vernünftigen Fragen hätte, sollte ich besser gehen und froh sein, wenn sie das, was heute hier passiert war, nicht meinem Chef mitteilte.

Schlagartig war ich wieder nüchtern. Verdammt, ich hatte sie provoziert und war zu weit gegangen. Schnell verließ ich das Haus. Einen weiteren Vermerk in meiner Akte wegen eines Mannes wollte und konnte ich auf keinen Fall riskieren.

Samstag 24.8.
42. Szene
Klara

Der Lärm der Autos unten auf der Straße trieb mich aus dem Bett. In der Nacht hatte ich das Fenster aufgemacht, weil mir schlecht war; jetzt musste ich es büßen. Nur mit Slip und Handy schlurfte ich aufs Klo und rief Christina an. In München würde ich ein wenig Abstand bekommen, von diesem Zimmer und von dem Mist, den ich bei der Morgenroth gebaut hatte. Wegen der Männer, oder wegen alkoholischer Verlockungen, oder eigentlich beidem zusammen, ich konnte einfach meine Finger nicht davon lassen!

Christina meldete sich verschlafen, ich hatte sie geweckt. „Ach Klara, du bist es!“

„Ich komme heute nach Hause, kannst du ein bisschen einkaufen?“, fragte ich vorsichtig, manchmal kaufte sie nämlich gerne ein, dann wieder hungerte sie sich den letzten Speck von den Rippen, nur weil ihr Freund darauf stand.

„Hm, ja, aber bei uns ist heute Abend Party angesagt, ich weiß nicht, ob du dich da wohl fühlst!“

„So schlimm wird es schon nicht sein.“ Eine Party wäre genau das Richtige, um meiner Seele frische Nahrung zu geben. „Was feiert ihr denn?“

„Wir feiern den Sieg über die Obrigkeit. Die letzte Demo war ein Bombenerfolg. So viele Verletzte gab es noch nie auf der anderen Seite!“

„Ach Christina, das ist doch Scheiße, was soll das denn?“ Ich war enttäuscht, dachte, sie hätte endlich aufgehört, mit diesen Querulanten zu verkehren, stattdessen trafen sie sich jetzt auch noch unter meinem Dach.

„Klara, das verstehst du nicht! Wir wollen etwas erreichen, und anders hört uns ja niemand zu!“

„Aber doch nicht mit Gewalt! Christina, das sind Polizisten, die da ihren Kopf hinhalten!“

„Ich weiß, darum wäre es auch besser, wenn du nicht kommst. Sie könnten etwas gegen dich haben!“

„Ja“, sagte ich lahm und legte auf. Mir war auch die Lust vergangen. Demonstranten in meiner Wohnung!

Ich zog mir einen Jogginganzug über und ging die Treppe hinunter. Wenn ich Glück hatte, lag im Hausgang noch die Zeitung für Berthold aus dem Parterre.

43. Szene
Magdalena

Frisch gewaschen umrahmten die dunklen Haare sein kantiges Gesicht. „Ich hab etwas für Sie!“, und er reichte mir einen einfachen Umschlag. Für einen Moment verzog sich sein Gesicht zu einem aufgesetzten Lächeln, dann verabschiedete er sich und ging. Unschlüssig blieb ich in der offenen Wohnungstür stehen, wusste nicht gleich, was ich davon halten sollte. Ich war gerade erst vom Einkaufen nach Hause gekommen. Hinter mir stand noch der Einkaufskorb mit Fertiggerichten, einem Strauß Rosen für Harry und der Zeitung.

Ich öffnete den Brief: jetzt war ich also Erbin eines Schrotthaufens und einer Waffensammlung, die bereits zur Versteigerung angemeldet war, besaß einen Anteil an einer gut gehenden Computersoftwarefirma, hatte eine eigene Wohnung und einen überzähligen Wäscheberg der Größe 50. Ich schob meine Fertigpizza in den Ofen - eigentlich hatte sich nichts geändert.

Beim Essen breitete ich die Zeitung vor mir aus, das lenkte mich ab, zunächst jedenfalls, dann entdeckte ich einen Bericht über Bernhard und sein Wahlkampfkonzept. Am Rande hatte der Reporter die Beerdigung seines Bruders erwähnt, und ich sah ein Bild von ihm und mir in tröstlicher Pose. Rasch blätterte ich weiter. Wie hatte der Pfarrer gesagt? „Nun lasset uns beten für denjenigen aus unserer Mitte, der dem Verstorbenen als erstes nachfolgen wird.“ Bei keiner der Todesanzeigen entdeckte ich einen Bekannten. Dafür appellierte das Rote Kreuz an meine Menschlichkeit und forderte mich auf, gut erhaltene Kleider zu spenden. Ich schaute in Richtung Schlafzimmer. Wenn, dann musste ich gleich handeln.

44. Szene
Klara

In der Zeitung war alles supertoll angepriesen und sah genau nach dem Richtigen für mich aus. Eine Wohnung wie meine in München hatte ich mir vorgestellt, etwas richtig Eigenes, am besten mit Blick über die Stadt, wie die der Morgenroth.

Ich rief einige Nummern an und schrieb die Adressen auf. Die letzte beschrieb mir den Weg bis in die Vornholzstraße. Diese Gegend kannte ich und sie gefiel mir.

Als ich ankam, war ich enttäuscht. Vor lauter Vorfreude hatte ich keine Minute mit der Möglichkeit gespielt, es könne sich um die Mietskasernen auf der anderen Straßenseite handeln.

Ich fuhr schnell weiter, kam am Haus der Morgenroth vorbei und entdeckte eine Baustelle. „Wir bauen für Sie!“ stand auf dem Plakat, und wenn sie das schon taten, konnte ich es mir ja auch gleich schon mal anschauen. Der Bauzaun zum angrenzenden Haus war schlampig zusammengenagelt, und als ich näher hin ging, erkannte ich zwischen zwei Brettern den Hof mit den Stellplätzen, den Schuppen und eine Seite der Werkstatt. Ich schaute mich um, von der Straße aus konnte man mich nicht sehen. Aber ich konnte beobachten, wer bei Andrea Sondelhofer alias Julia Fabriosa ein- und ausging. Ich konnte die Bretter ja noch ein bisschen lösen und vielleicht auch das eine oder andere Bild schießen. Das war ein idealer Posten. Ich sah mir die Autos an und überlegte, welches mir vom letzten Besuch noch bekannt vorkam. Die dunkle Limousine passte eindeutig nicht hierher. Da kam ein Mann über den Hof. Er war eigentlich nicht der Typ Mann, der zu einer Hure ging. Er sah gut aus, ging ohne Hast zu seinem Wagen und schaute sich kurz um, bevor er einstieg. Es war der Begleiter von Bernhard Kaufmann. Na so was, was machte der denn hier?

Ich beschloss, noch ein bisschen zu bleiben, suchte mir einen leeren Bierkasten, holte die Zeitung aus dem Auto und las. Der Bericht von unserem künftigen Landrat gefiel mir. So lernte ich gleich die ganze Familie kennen, ohne ihnen weitere Besuche abstatten zu müssen. Das Bild von ihm und Magdalena war qualitativ gut und brachte mich auf eine Idee. Könnte der Reporter, der diese Bilder geschossen hatte, nicht am Ende noch mehr davon haben?

45. Szene
Magdalena

Ich wollte mit Harrys Klamotten lediglich das Selbstwertgefühl einiger armer Kerle heben. Nur aus diesem Grunde holte ich einen Wäschekorb aus dem Keller und räumte den Schrank aus. Alles, was Harry gehört hatte, legte ich auf unser Bett: Hemden, Hosen und Unterwäsche konnte ich weggeben. Die Joggingsachen behielt ich, die passten mir auch, die Tenniskleidung dagegen schien mir ziemlich überflüssig.

Zärtlich strich ich über den Stoff, stellte mir Harry noch einmal in jedem seiner Hemden vor und legte sie danach entschlossen in den Wäschekorb. Auf einmal hielt ich inne. Harry war am Donnerstag mit zwei Sporttaschen in den Tennisclub gefahren. Am Sonntag sollte das Turnier sein. Dort war er aber nicht mehr gewesen, wie kamen dann seine Sachen wieder in den Schrank, noch dazu komplett? Kopfschüttelnd verwarf ich diese Frage und machte weiter.

Als ich fertig war, holte ich auch noch die Schuhe aus dem Schrank und steckte sie in eine Plastiktüte. Die Wander­stiefel musste ich erst putzen. Ich fasste mit der Hand hinein und fand ein Stück Papier. Es war klein und zusammengefaltet. Kalahari! las ich, nachdem es glatt gestrichen war. Kalahari! War das ein Versehen oder eine Botschaft?

Im Wohnzimmer war es inzwischen dunkel geworden. Ich schaltete einen Teil der Birnchen über den Bücherregalen an und sah mich um. Kalahari! Roter Sand, eintönige Ebene, Büschelgras, Dornbüsche, der Oryx! Namibia! Ich holte das Fotoalbum heraus und sah es vor mir. Rotes Land, so weit das Auge reicht. Aufgerissen von der Dürre. Ein Paradies für Jäger, denn wenn die Flusstäler ausgetrocknet sind, kommt jedes Wild zu den Wasserlöchern der Farmer und das ist die Chance des Jägers. Harrys Chance. Ich hörte das Krachen eines Schusses und zuckte zusammen.

Pulsuz fraqment bitdi.

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