Kitabı oxu: «Goldgier»
Von Dagmar Isabell Schmidbauer
Goldgier
Kriminalroman
Imprint
Goldgier
Dagmar Isabell Schmidbauer
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Copyright: © 2018 Dagmar Isabell Schmidbauer
Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de
Prolog
Nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet, kniete die Frau auf dem harten Holzboden ihres Schlafzimmers. Den Kopf gesenkt, die Augen weit aufgerissen und zitternd vor Kälte, ging ihr Atem inzwischen nur noch stoßweise. Todesangst schnürte ihr die Kehle zu und ließ sie trotz heftiger Schmerzen in dieser misslichen Lage ausharren. Sie solle sich nicht rühren, hatte einer der Männer gesagt und mit der Waffe auf ihren Kopf gezeigt, woraufhin sie aufgeschrien hatte. Ihr Mann, der gleich neben ihr kniete, hatte nur genickt und ihr mit seinem zuversichtlichen Blick signalisiert, dass sie ruhig bleiben solle. Ruhig in Anbetracht dieser tödlichen Bedrohung.
Tatsächlich hatten sein Blick und die Geräusche, die die nächtlichen Besucher in ihrem Haus verursachten, ihr zunächst Hoffnung gegeben. Sie waren auf der Suche. Sie würden fündig werden. Ihr Mann hatte sich kooperativ gezeigt, ihnen Zugang zu allem gegeben, das sich im Haus befand.
Doch das musste Stunden her sein, seitdem hoffte sie auf ein Ende der Tortur.
Die Schmerzen in ihren Beinen waren schier unerträglich, doch sie traute sich nicht, sich zu bewegen oder gar eine andere Haltung einzunehmen, denn der Mann mit der Waffe stand hinter ihr, und sie spürte seine Bereitschaft zum Töten.
Der einzige Trost war das Lächeln ihres Sohnes Moritz, zu dessen Foto ihr Blick immer wieder unbemerkt wandern konnte. Was für ein Glück, dass zumindest er nicht im Haus war. Sie seufzte kaum hörbar. Ach, wenn sie doch nur die Hand ihres Mannes halten könnte. Nur kurz seine Wärme und seine Zuversicht spüren dürfte, dann würde sie auch weiter durchhalten und ertragen, was kaum mehr zu ertragen war. Vorsichtig bewegte sie ihre Hand in Richtung ihres Mannes. Streckte einen Finger nach ihm aus, glaubte ihn gleich erreicht zu haben, als sie einen Schlag auf den Kopf spürte und zusammenbrach.
„Hast es wohl eilig mit dem Sterben?“, spottete der Mann und riss an ihr, bis sie sich wieder aufrichtete. „Hinknien!“, befahl er, und sie wusste, er würde seine Macht auskosten.
„Aber wir haben Ihnen doch alles gegeben“, jammerte sie, „was wollen Sie denn noch von uns?“
„Sssch!“, machte ihr Ehemann, und als sie trotz der Warnung kurz zu ihm hinübersah, erkannte sie, dass auch er Angst hatte. Der Blick ihres Mannes bewies ihr, wie schlimm es wirklich war. Wenn er ihr seine Angst so deutlich zeigte, dann gab es keine Hoffnung mehr.
Als Kind war sie leicht zu erschrecken gewesen und hatte sich daher am liebsten im Haus bei der Mutter aufgehalten. Erst die Stärke ihres Mannes hatte auch sie stärker gemacht. An ihn und seine Möglichkeiten, alles zum Guten oder noch Besseren zu wenden, hatte sie geglaubt. Stets hatte er für sie gesorgt, und mit den Jahren hatte sie sich so sehr an das sichere Leben an seiner Seite gewöhnt, dass sie ein anderes gar nicht mehr in Betracht gezogen hatte. Sie schloss die Augen, dachte ganz fest an ihre Mutter, ihre Wärme und Liebe und die Gebete, die sie gemeinsam gesprochen hatten, um Angst und Leid zu vertreiben.
Selbst als sie weitere Stimmen hörte und Schritte, die laut stampfend näher kamen, schaute sie nicht auf. „Heilige Mutter Gottes“, flehte sie stumm in die jetzt unheilvolle Stille hinein. Wieder und immer wieder, bis die Kugel ihren Kopf durchschlug und sie von ihrer Angst, ihren Schmerzen und ihrem Flehen erlöste.
∞
20 Jahre später …
November. Feucht und kalt waberten die Nebelschwaden, die vom Inn heraufzogen, zwischen den Grabsteinen des Passauer Innstadtfriedhofs und legten sich wie Schleierfetzen auf die Gräber. Die höher gelegene zweistöckige Gruft und die Kuppel der Gedächtniskapelle sowie die Bäume und Sträucher, unter denen Engelchen gebettet waren, die nur für wenige Stunden oder Tage unter den Lebenden geweilt hatten, waren in der anbrechenden Dunkelheit kaum noch zu erahnen. In Nächten wie diesen gehörte der Friedhof allein den Toten und den wenigen, die sich trotz der unwirtlichen Kulisse nicht von einem Besuch abhalten ließen.
Aus dem Geräteschuppen, der an der Mauer zwischen den prachtvoll mit Stuck und Gemälden geschmückten Arkadengräbern und dem hinteren Eingang lag, trat ein Mann. Er hieß Arnold Schwarzenflecker, war Mitte vierzig, groß, und sein schlanker, an harte Arbeit gewöhnter Körper steckte in einer wattierten Jacke, Arbeitshosen und Stiefeln. Er bugsierte eine Schubkarre vor sich her, die mit Spitzhacke und Schaufel bestückt war. Mit forschem Schritt lief er die gekiesten Wege den Berg hinauf zu den weiter oben gelegenen Grabreihen. Sein Ziel war die Grabstelle von Theo Koller, dessen sterbliche Überreste er ausgraben sollte, damit er genau wie seine Witwe Rosemarie nach Berlin übersiedeln konnte.
Als Arnie vor vielen Jahren diesen für die meisten Menschen nicht infrage kommenden Job übernommen hatte, wusste er noch nicht wirklich, was ihn erwarten würde. Schon in der zweiten Woche traf er bei seiner ersten Umbettung auf eine sogenannte Wachsleiche, bei der selbst die Gesichtszüge noch erkennbar waren. Solche Überraschungen waren auch der Grund dafür, warum Umbettungen immer spätabends durchgeführt wurden. Zum einen sollten die Friedhofsbesucher nicht unfreiwillig Zeuge werden, andererseits konnte so verhindert werden, dass jemand fotografierte und die Bilder anschließend als Gruselfotos ins Netz stellte.
Die meisten Leichen blieben lange genug in ihrem Grab unter der Erde, um vollständig zu verwesen, sodass bei der Auflassung ihrer Gräber, wenn überhaupt, nur noch Knochen und der kahle Schädel übrig waren.
Trotz mancher nicht immer schöner, aber ausgesprochen menschlicher Fundstücke liebte Arnie seine stille Arbeit, bei der ihn niemand störte und er eins werden konnte mit seinen Werkzeugen, die er mit Kraft und Ausdauer in die lehmige Erde trieb. Diese schweißtreibende Tätigkeit erinnerte ihn an die Arbeit im Wald seines Vaters, bevor der Sturm Kyrill wie aus dem Nichts aufgetaucht war und kleine, abgegrenzte Gebiete überfallen hatte – ein Vorbote der Klimaänderung. Scharf war der Sturm in jener Nacht durch das Waldstück gefegt und hatte genau die Bäume, die seinem Vater gehörten, herausgeschnitten. Das Grundstück des Nachbarn war praktisch verschont geblieben. Gemeinsam hatten sie noch aufgeräumt, das Holz zu einem Spottpreis verkauft und neue Schösslinge gepflanzt. Danach hatte er sich etwas Neues suchen müssen und wurde so Angestellter der Stadt Passau, die seinen Lohn immer pünktlich bezahlte.
Inzwischen war Arnie am Grab angekommen und stellte die Schubkarre neben die Einfassungssteine, die er bereits am Vormittag entfernt hatte.
Er musste sich beeilen. Er war in Sorge.
Noch nie zuvor hatte Arnie während der Arbeit an eine Frau gedacht.
Sein Leben war stets fest getaktet gewesen: Er ging zur Arbeit, kam nach Hause, duschte, machte sich sein Abendbrot und schaute fern. Alles war eine gut abgestimmte Routine, bis eines Abends – seine Aufmerksamkeit galt gerade einem dieser Vorabendkrimis – an seiner Wohnungstür geklingelt wurde. Verwundert erhob er sich. Für gewöhnlich gab es niemanden, der ihn in seinem Feierabend störte. Als er die Tür öffnete, stand die Frau aus dem Erdgeschoss vor ihm. Vor ein paar Wochen erst war sie in die lange Zeit leerstehende Wohnung unter ihm eingezogen. Er hatte sie im Vorbeigehen schon ein paar Mal angesehen und ihr Lächeln erwidert. Auch jetzt lächelte sie und hielt ihm einen Teller mit belegten Sandwiches und eine Flasche Wein entgegen. „Ich dachte, ich schau mal auf einen Antrittsbesuch vorbei“, erklärte sie ihm und schielte an ihm vorbei in seine Wohnung. „Oder komme ich ungelegen?“ Arnie hatten die Worte gefehlt, weshalb er nur stumm den Kopf geschüttelt und sie hereingelassen hatte.
„Oh, Sie schauen fern. Ich liebe diese Krimis am Vorabend“, plapperte sie weiter und drängelte sich in ihrem Rock, der auf Sliphöhe endete, an ihm vorbei. Sprachlos schloss er die Tür und folgte ihr ins Wohnzimmer. „Die Wohnung hat den gleichen Schnitt wie meine“, erklärte sie und wandte sich dann zu ihm um. „Ich heiße Daniela, wollen wir uns nicht duzen?“
Weil der Film bereits lief, hatte Arnie aus der Küche Gläser und Teller geholt und Taschentücher bereitgelegt, so etwas wie Servietten gab es in seinem Ein-Mann-Haushalt nicht. Eigentlich hatte er zuvor schon gegessen, aber Danielas Sandwich war natürlich viel besser. Schinken und Käse waren mit Mayonnaise und Salat verfeinert, und ihr fröhliches Gequassel, das ihn die wichtigsten Stellen glatt verpassen ließ, störte ihn auch nicht im Mindesten.
Nachdem sie gegessen hatten, räumte Daniela die Teller zusammen, schenkte Wein nach und fragte, ob es ihn störe, wenn sie ihre Füße auf den Tisch legen würde, das wäre einfach bequemer nach dem langen Tag in der Tankstelle. Arnie hatte natürlich nichts dagegen, schon weil sie sich dazu ein wenig an ihn lehnte und er sie so besser riechen konnte. Daniela duftete sehr weiblich, und er fand auch das einfach schön. Irgendwann stand Daniela auf, ging zur Toilette, und als sie zurückkam, schaffte sie es, seinen Arm um ihre Schultern zu legen und sich noch ein bisschen mehr an ihn zu kuscheln.
Von diesem Tag an kam Daniela jeden Abend zu ihm herauf, und Arnie durfte sich an ihren Zärtlichkeiten und Liebkosungen sattfühlen.
Bald schon spürte er unter der Dusche nach der Arbeit schmerzhaft das Verlangen nach ihr. Eine Sehnsucht, die nur gestillt werden konnte, wenn er neben ihr lag und ihren nackten Körper an seinem spürte.
Natürlich hatte Arnie schon die eine oder andere Frau gehabt, doch diese Beziehungen waren über kurz oder lang schwierig geworden, weil jede ihn auf die eine oder andere Art umerziehen wollte. Als ob er ein Hündchen wäre, hatte er einmal sogar gedacht. Irgendwann hatte er es dann aufgegeben, nach der Richtigen zu suchen. Bei Daniela war alles anders.
Wenn er bei ihr seine von der harten Arbeit schwieligen Hände auf Entdeckungsreise schickte und dabei immer unersättlicher wurde, schmolz sie einfach nur dahin, was seine Begierde und Fantasie befeuerte.
An einem Abend kam sie im roten Negligé und am nächsten in schwarzen Netzstrümpfen und Strapsen. Ihr Vorrat schien so unerschöpflich wie Arnies Verlangen nach ihren Brüsten, die er streicheln und drücken und an denen er saugen durfte. Nie wies sie ihn zurück, immer wollte sie es genau so sehr wie er. Bis es vor ein paar Tagen zu diesem mehr als störenden Zwischenfall kam.
Längst trafen sie sich nicht nur in seiner, sondern auch in ihrer Wohnung. An jenem Abend hatte Daniela im Bett nackt vor ihm auf allen Vieren gekniet – eine Position, die Arnie besonders liebte. Sanft waren seine Hände über ihren Rücken gefahren, damit sie ihn noch mehr durchdrückte, und an den Seiten vorbei. Sie hatte laut aufgestöhnt, als er ihre Brüste umfasste, die Knospen sanft streichelte und vorsichtig knetete, bis die Geliebte sich seinen Händen immer mehr entgegendrängte. Er genoss dieses Stöhnen und Sich-Hingeben und hatte gerade ganz langsam in sie eindringen wollen, als es laut an der Tür geklingelt hatte und gleich darauf gegen das Türblatt gehämmert worden war.
Erschrocken waren sie auseinandergefahren. Noch einmal hatte es ungestüm an der Tür geklopft.
„Wer ist das denn?“, hatte Arnie geschimpft. Er war aus dem Bett gesprungen und hatte seine Hose gesucht. Inzwischen wurde laut nach Daniela gerufen. „Lass mal, ich muss selbst gehen“, hatte Daniela ihm energisch erklärt und sich ihren Bademantel geschnappt.
„Hast du Bohnen in den Ohren?“, war das Erste, was Arnie, der im Schlafzimmer auf dem Bett sitzend zurückgeblieben war, von dem späten Besucher zu hören bekam.
„Psst, nicht so laut!“, zischte Daniela zurück. Arnie hatte sich vom Bett erhoben und den Kopf an die Tür gedrückt, um lauschen zu können. Ihre Stimme hatte auf einmal so fremd geklungen, und auch der Inhalt ihres Gesprächs hatte ihn alarmiert.
Natürlich wusste Arnie längst nicht alles von Daniela, und letztlich war praktisch ihr ganzes vorheriges Leben ein einziges Geheimnis für ihn. Nach wie vor. Arnie hatte erkannt, dass ihn das sogar ein wenig erregte. Aber der Typ, der sich in diesem Moment mit ihr im Wohnzimmer befand, machte einfach keinen guten Eindruck auf ihn.
„Du schuldest mir etwas.“ Die Stimme war fordernd, und gleich darauf hatte Arnie ein Geräusch vernommen, das er nur als Ohrfeige deuten konnte. Vorsichtig hatte er die Tür geöffnet, ein zweiter Schlag und ein unterdrückter Aufschrei, gefolgt von einem Fluch, waren zu hören. „Ich hab dein Scheißgeld nicht!“ Im Wohnzimmer entstand ein Tumult, und Arnie war nicht mehr zu halten gewesen.
Er war ins Wohnzimmer gesprungen, hatte den Eindringling von hinten gepackt und überwältigt. Der Unbekannte hatte sich losmachen wollen, aber Arnie hatte ihn fest im Griff gehabt und zur Tür geschoben.
„Und jetzt raus mit dir, Bürschchen, sonst vergesse ich mich!“, hatte Arnie mit drohender Stimme geknurrt. Der Fremde schien verstanden zu haben. Er hatte etwas gemurmelt, was sich wie ein „Okay, okay, ich hab’s kapiert, du hast jetzt einen Aufpasser!“ angehört hatte. Ohne weitere Gegenwehr ließ sich der Eindringling zur Tür bugsieren und mit einem kräftigen Stoß hinausbefördern. Dort hatte er seine Lederjacke gerichtet und war sich durchs gegelte Haar gefahren. Dann hatte er an Arnie vorbei gerufen: „Das wirst du mir büßen. Du wirst schon sehen, was du davon hast, wenn du versuchst, dich hinter deinem Bodyguard zu verstecken!“
„Wer war das denn, und woher kennst du solche Typen?“, hatte Arnie gefragt, nachdem er die Tür mit Nachdruck geschlossen hatte.
Seine immer noch leicht bekleidete Freundin hatte den Kopf geschüttelt, sich an ihn geschmiegt und ein „Ist nicht so wichtig“ genuschelt. Doch mit dieser Antwort hatte er sich nicht zufriedengeben wollen. Energisch schob er sie ein wenig von sich, damit er ihr Gesicht sehen konnte.
„Jetzt sag schon! Hattest du was mit ihm?“
„Ich hab mal für ihn gearbeitet. Und jetzt behauptet er, ich hätte ihm Geld gestohlen, aber das stimmt nicht“, hatte sie mit Tränen in den Augen gebeichtet.
„Sollten wir nicht zur Polizei gehen?“, hatte Arnie vorgeschlagen, von ihren Tränen überwältigt, doch Daniela hatte ihn zurück ins Schlafzimmer gezogen, ihren Bademantel geöffnet und langsam über ihre Schultern zu Boden gleiten lassen. „Nein. Der kommt nicht wieder. Ich glaube, er hat es begriffen.“
Aber Arnie hatte der Vorfall trotzdem keine Ruhe gelassen. Vielleicht hatte Daniela gedacht, er würde nicht bemerken, wie sehr sie sich verstellte, um ihre Angst nicht zu zeigen. Arnie wusste inzwischen, dass Daniela kein Geld hatte. Wie viel sie benötigte, um ihren Schuldner zufriedenzustellen, wusste er nicht. Trotzdem hatte er beschlossen, ihr zu helfen. Denn eines wusste er sicher: Er wollte nicht, dass seine Liebste von Typen wie ihm belästigt wurde …
Inzwischen war Arnie in seinen kleinen Bagger geklettert. Er wollte gerade starten, als er ein Geräusch vernahm, das ihn innehalten ließ. Mit Hilfe seiner Stirnlampe blickte er sich zwischen den Grabreihen um. Er war nicht ängstlich, und auch vor den Toten fürchtete er sich nicht. Ihm ging es nur um die Menschen, die vielleicht zufällig Zeuge dessen werden könnten, was er in den nächsten Stunden freilegen würde. Doch um ihn herum war alles still. Er musste sich getäuscht haben, dachte er und ließ den Motor an.
∞
Mit dicken Socken und einer an vielen Stellen geflickten Männerstrickjacke über dem knappen Trägerhemdchen saß Daniela am Küchentisch ihrer kleinen Parterrewohnung und blätterte in der Heimatzeitung, die sie beim Nachhause Kommen aus dem Papiercontainer gefischt hatte. Sie wollte sich ablenken, um nicht ständig an ihre Sorgen denken zu müssen.
Ihr Vormieter war im Alter von 88 Jahren in seinem Fernsehsessel eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Erst viele Tage später hatte ihn der Hausbesitzer gefunden. Die Bestürzung in der Straße war so groß gewesen, dass bald die ganze Innstadt davon wusste. Und trotz des Passauer Wohnungsmangels hatte niemand sich für eine Nachmietung beworben – niemand außer Daniela, die es sich nicht leisten konnte, wählerisch zu sein.
Für sie war die Wohnung, direkt am Inn gelegen, ein Geschenk des Himmels. Wobei natürlich auch sie sich anfangs vor dem Gestank geekelt hatte. Aber nach einer gründlichen Reinigung mit allem, was gut und wohlriechend war, konnte sie sich einreden, dass die Ausdünstungen des alten Mannes verschwunden waren. Zumindest solange die Luft mild war und sie die Fenster auf Durchzug lassen konnte. Mit Einsetzen des feuchtkalten Nebelwetters kam jedoch auch der leichte Verwesungsgeruch zurück, und so folgte Daniela dem Tipp eines Zeitungsartikels über das Ausräuchern. Sie kaufte eine Duftlampe, legte Rosmarinzweige und Wacholderbeeren auf das Drahtsieb und vertrieb damit den unangenehmen Geruch aus der Wohnung.
Der einzige Sohn des alten Mannes hatte sich, wie Daniela nur zu gut verstehen konnte, geweigert, die Wohnung nach dem Tod des Vaters noch einmal zu betreten, und daher den Vermieter gebeten, alles, was sein Vater besessen hatte, zu verschenken oder zu entsorgen. Dieser Wunsch war für Daniela ein Segen, denn außer dem sehr speziellen Duft war die Wohnung ein wahres Schatzkämmerchen, wie Daniela sehr schnell feststellte. Täglich fand sie nützliche Dinge.
Im vollgestopften Kleiderschrank hatte sie nicht nur einen kleinen Vorrat an Sekt, sondern auch mehrere Bündel Geldscheine entdeckt. Der Sekt war schnell verbraucht, doch das Geld legte sie vorsichtshalber zurück unter die langen Männerunterhosen.
Weil es draußen bereits dunkel war, hatte sie die Vorhänge zugezogen und wie jeden Abend eine Duftkerze entzündet. Vor ihr stand eine Tasse mit dampfendem Tee, daneben lag eine angebrochene Tafel Schokolade. Die Schokolade schmeckte so billig, wie sie gewesen war, aber Daniela brauchte Nervennahrung. Die Sache mit Kanopka, dem unerwünschten Besucher vom Vortag, machte sie unruhig. Reine Auslegungssache, ob er ihr Geld schuldete oder sie ihm. Fest stand nur, dass er sich am längeren Hebel befand und sie ihm wenig entgegenzusetzen hatte. Arnie hatte sich zwar als Held erwiesen, aber sie kannte Kanopka und wusste, dass er das nur einmal mit sich machen ließ.
Daniela erhob sich schwerfällig und humpelte ins Schlafzimmer, das auf der hinteren Seite des Hauses lag, mit Blick direkt auf den Innstadtbahnhofsweg und den Inn, der sich nur ein Stück weiter östlich mit Donau und Ilz vermählte und der Stadt Passau ihren Beinamen gab: Dreiflüssestadt. Lange bevor sie eingezogen war, waren auf dem Weg unterhalb ihres Hauses Züge gefahren. Die Gleise lagen noch, doch unterwegs waren jetzt Radfahrer und Fußgänger, oft mit ihren vierbeinigen Freunden. Neuerdings wurde an dem Gleisbett wieder gebaut, weil ein rühriger Verein die alte Bahnlinie reaktivieren will.
Wenn sie unter Stress stand, machte sich der nie richtig ausgeheilte Schienbeinbruch, den sie sich vor Jahren bei einem Unfall zugezogen hatte, mit einem stechenden Pochen bemerkbar. Und allein bei dem Gedanken an Kanopka und seine Kaltblütigkeit schmerzte sie ihr rechtes Bein so sehr, dass sie kaum auftreten konnte. Sie holte das Geld des Vormieters aus dem Versteck, es wog schwer in ihrer Hand. Das könnte sie Kanopka geben, dann wäre sie ihre Schulden los, aber eben nur die, noch lange aber nicht Kanopka selbst. Das Geld, das sie sich für ihren Umzug nach Passau „stibitzt“ hatte, war längst verbraucht und sicher nicht der Grund für sein Auftauchen. Kanopka führte etwas im Schilde, und wenn er zu ihr kam, dann wollte er etwas von ihr. Was das sein könnte, davon hatte Daniela keine Ahnung, aber sie wusste, dass sie nicht mitmachen würde. Und sie wusste auch, dass sie ihm das Geld nicht geben würde, denn mittlerweile betrachtete sie das Geld als eine Art Alterssicherung.
Sorgfältig schob Daniela die Geldbündel zurück an ihren Platz und schloss gewissenhaft die Schranktür. Danach warf sie einen Blick auf den altmodischen Wecker, aber Arnie musste heute länger arbeiten. Sie beschloss, zurück in die Küche zu gehen, ihren Tee zu trinken und weiter auf ihn zu warten. Da klopfte es auf einmal laut und fest an ihr Fenster.
Daniela schrak zusammen und verhielt sich automatisch ganz still. Wieder klopfte es, heftiger noch als zuvor. Daniela schielte zur Küchenuhr. Konnte es sein, dass Arnie doch schon fertig war?
Mit der Zeitung in der rechten Hand ging sie zum Küchenfenster, aus dem sie in Richtung Kapuzinerstraße blicken konnte. Mit der linken Hand zog sie die beiden Teile des Vorhangs auseinander. Kanopka. Er bedeutete ihr mit einer unwirschen Handbewegung, das Fenster zu öffnen. Daniela schüttelte den Kopf. Glaubte der allen Ernstes, dass sie so dumm sein würde, ihn hereinzulassen?
Doch gleich darauf verpuffte ihr Löwenmut zu Mäusedreck. Plötzlich hielt Kanopka eine Spraydose in der Hand und schrie so laut, dass im Haus gegenüber die Lichter angingen: „Wenn du nicht aufmachst, erfährt jeder in dieser Straße, wer du wirklich bist!“ Er zog die Kappe von der Farbdose und sprayte das erste Wort auf die Scheibe: „Hier …“
„Lass mich in Ruhe, ich hab dein Geld nicht mehr“, schrie sie durch das geschlossene Fenster zurück, aber da entstanden schon die nächsten Worte „wohnt eine verf…“. Voller Wut riss Daniela das Fenster auf. Hastig wischte sie mit der Zeitung über die Schmierereien. Die Buchstaben verloren ihren Sinn. Zu spät begriff sie, dass Kanopka sie nur abgelenkt hatte. Rasch zog er sich am Fensterbrett hoch und stemmte sich auf die Brüstung. Endlich erkannte Daniela, was er vorhatte, und attackierte ihn mit ihren Fäusten. Kanopka schubste sie von sich und sprang in ihre Küche. Als Daniela sich nach ihm umwandte, traf sie seine Faust völlig unvermittelt ins Gesicht. In Sekunden schwoll ihr linkes Auge bis auf einen kleinen Schlitz zu, während aus der Nase das Blut schoss und der Schmerz in ihrem Gesicht hämmerte. Es war nicht das erste Mal, dass Daniela von ihm verprügelt wurde, sie wusste, was nun kommen würde, und versuchte, sich hastig in Sicherheit zu bringen. Dabei stolperte sie über ihre am Boden herumliegenden Schuhe, und als sie sich an irgendetwas festhalten wollte, traf sie der nächste Schlag brutal in die Magengrube. Würgend ging sie endgültig zu Boden, wo sie sich zusammenrollte und die Hände schützend um ihren Kopf legte, um zumindest ihn vor weiteren Schlägen zu schützen.
„Hast du genug, oder soll ich weitermachen?“, fragte Kanopka überheblich, musterte Daniela eingehend und stellte sich schließlich breitbeinig über ihren Körper, um ihr die Hand zum Aufstehen zu reichen. „Na los, ich will dir ein Geschäft anbieten.“
Doch Daniela war viel zu verängstigt, um etwas zu sagen, und schüttelte nur schwach den Kopf, denn sie dachte überhaupt nicht daran, mit Kanopka Geschäfte zu machen. Sie wusste schließlich, wohin sie das führen könnte. „Wenn Arnie dich erwischt, dann bist du dran.“
Kanopka schnaubte verächtlich, zog seine Hand zurück und machte zwei Schritte von Daniela weg, dann drehte er sich um, holte aus und verpasste ihr einen Tritt in die Flanke.
Während sie vor Schmerz aufschrie, ging Kanopka neben ihr in die Hocke und zischte ihr zu: „Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass dich dieser Weichling tatsächlich beschützen kann? Wo ist er denn, dein neuer Beschützer? Vielleicht beim Leicheneinbuddeln?“
Daniela schwieg.
„Brauchst nichts sagen, ich habe ihn weggehen sehen. Und weißt du, was ich jetzt mache? Ich geh zum Friedhof, und dann nehme ich mir dein Freundchen vor, und wenn ich mit ihm fertig bin und du ihn nicht mehr wiedererkennst, dann wirst du angewinselt kommen und betteln, dass ich dir einen Job gebe. Und vielleicht, wenn ich ganz gut gestimmt bin, werde ich dir tatsächlich noch einmal die Hand reichen. Aber da musst du schon richtig vor mir kriechen, das kann ich dir versprechen.“
Kanopka stand wieder auf und ging in Richtung Flur, um die Wohnung zu verlassen, drehte sich dann aber noch einmal um und erklärte lautstark: „Du gehörst mir, und du machst, was ich dir sage, hast du das kapiert?“
∞
Arnie liebte seinen Spezialbagger, einen Bobcat. Schallisoliert, hydraulisch und leichtgängig, machte der ihm richtig Spaß. Beim Ausheben alter Gräber musste er natürlich vorsichtig sein, aber seine Erfahrung sagte ihm, wann es genug war. Als der Erdaushub neben der Grabstätte kniehoch lag, schaltete er den Bobcat aus, legte Hacke und Schippe an den Rand des Lochs und kletterte über die Leiter hinunter.
Sofort spürte und hörte er morsches Holz unter seinen Stiefeln brechen. Kalte, modrige Luft stieg ihm in die Nase. Das war der Moment, in dem ihn jedes Mal fröstelte, auch wenn ihn die Beschaffenheit des Sarges nicht interessierte. Oder die des Leichnams. Vor einem Toten musste man sich nicht fürchten, egal in welchem Stadium der Verwesung er sich gerade befand. Arnie ging es nur darum, möglichst schnell mit dem Graben fertig zu werden, denn er hoffte, dass auch die Berliner Bestatter dann ihren Teil zügig erledigen würden, damit er das Grab wieder verfüllen und endlich zu Daniela nach Hause fahren konnte. In einer Nacht wie dieser hatte niemand Lust auf einen gepflegten Plausch am offenen Grab.
Daniela. Natürlich dachte er die ganze Zeit über nur an sie, auch wenn er sich konzentrieren musste, weil er jetzt jeden Moment damit rechnete, auf Holz zu treffen, was bedeuten würde, dass seine Arbeit vorerst abgeschlossen war. Tatsächlich erreichte er, als er die Schaufel das nächste Mal in die Erde führte, den eingebrochenen Sargdeckel. Rasch legte er den gesamten Sarg frei, und als er die Schaufel beiseite stellte und ein Stück des verwitterten Deckels anhob, fiel sein Blick auf die Röhrenknochen der Beine und einen Teil des Beckens. Zwischen den Knochen zu seinen Füßen, noch halb von Erde bedeckt, glänzte etwas in der Dunkelheit. Ein künstliches Hüftgelenk, dachte Arnie. Um genauer zu sehen, schaltete er seine Taschenlampe an, die er immer mit sich trug. Zwei Dinge wurden ihm sofort klar.
Erstens: Das, was glänzte, war zwar Metall, vielleicht sogar Edelstahl, aber es war ganz sicher kein Hüftgelenk. Zweitens: Dieses Ding aus Edelstahl konnte nicht zum eigentlichen Sarg und seinem Bewohner gehören. Seltsam.
Mit den behandschuhten Händen grub Arnie neben seinem Fund weiter und befreite gleich darauf eine komplette Urne, die auf einer Seite mit der Blüte einer Calla verziert war.
Er hob das metallene Fundstück mit beiden Händen an. Als er es zur Seite stellen wollte, damit er den Leichnam weiter bergen konnte, wurde ihm bewusst, dass das Gewicht dieses Behältnisses einfach nicht zu seinem vorgesehenen Inhalt passte. Arnie hielt inne – er musste nachdenken. Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Er selbst war an der Grablegung von Theo Koller vor sechs Jahren beteiligt gewesen, und er wusste, dass das Grab seither nicht mehr für eine Urnenbeisetzung geöffnet worden war. Auch der Grabstein selbst schwieg sich aus: Kein zweiter Mensch lag hier neben Theo Koller bestattet. Wie also war die Urne dann ins Grab oder ja eigentlich in den Sarg gekommen?
Vielleicht würde die Inschrift weiterhelfen. Er wischte über den Verschluss der Urne. Sie könnte ihm zumindest zeigen, wessen Asche sich im Inneren befand. Doch der Behälter war nicht nur viel zu schwer für eine mit Asche gefüllte Urne, er besaß auch keinerlei Inschrift.
Seltsam, dachte Arnie erneut, und wenn er nicht gewusst hätte, dass er die Grube zu keiner Zeit aus den Augen gelassen hatte, dann hätte er spätestens jetzt an einen üblen Scherz im Sinne von ‚Verstehen Sie Spaß‘ geglaubt.
So aber kletterte er mit dem Gefäß unter dem Arm umständlich die Leiter hinauf und schaute zum hinteren Friedhofstor, das er an diesem Abend extra unverschlossen gelassen hatte. Er wollte nachsehen, ob die Berliner schon im Anmarsch waren. Wenn ja, musste er seine Arbeit schnellstens beenden. Wenn nein, konnte er einen ungestörten Blick in die Urne riskieren. Arnie stellte sie auf seine wattierte Arbeitsjacke, die er während des Schaufelns ausgezogen hatte.
Um ihn herum war alles still. Hin und wieder fuhr ein Auto jenseits der Friedhofsmauer vorbei. Vereinzelt hörte er von Alkohol aufgekratzte Stimmen, die vom Fünferlsteg herüberkamen, Studenten vermutlich, die bald darauf oben im Wohnheim verschwinden würden. Arnie überlegte, ob er nicht doch lieber schnell seine Arbeit beenden und sich erst, wenn die Berliner Schädel, Knochen und die sie umgebenden breiigen Reste des Verstorbenen verstaut hatten, um den mysteriösen Inhalt der Urne kümmern sollte.
Doch er konnte seinen Blick nicht von dem Behälter lösen. Er kniete sich auf seine Jacke und wog ihn noch einmal in seinen Händen. Er faszinierte ihn. Ratlos senkte ihn Arnie zu Boden. Kein Laut wies auf die Ankunft der Bestatter hin. Er war ganz allein, er und die Toten in ihren Gräbern.
Hin- und hergerissen zwischen Neugierde und Pflichtbewusstsein, umfasste Arnie mit einer Hand den Deckel des Metallgefäßes. Mit etwas Kraftanstrengung konnte er ihn lösen und drehen. Das Gewinde quietschte. In der Stille des Friedhofs war es das einzige Geräusch, überlaut, erschreckend. Arnie fühlte sich ertappt und schaute sich um. Niemand da, er war noch immer allein. Versunken in sein Tun, dachte Arnie inzwischen weder an die Berliner noch an den zersetzten Leichnam am Boden der Grube. Ihn interessierte ausschließlich, was sich derart Schweres im Inneren des Behälters befand.
Als er den Deckel endlich freibekommen hatte, sah er ein fest zusammengeknülltes Stück Zeitung. Er zog es heraus, musterte es kurz, dann schob er es in die Tasche seiner Jacke. Mit beiden Händen hob er die Urne auf und drehte sie im Lichtkegel seiner Stirnlampe. Im nächsten Moment starrte Arnie fassungslos auf den Inhalt und ihm wurde heiß. „Das, das, das gibt’s doch nicht!“, stotterte er schließlich und wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes über die Augen, bevor er noch einmal hineinblickte.
Doch das Gefäß blieb gefüllt mit kleinen eingeschweißten Goldbarren, die selbst durch die Folie hindurch im Licht seiner Lampe um die Wette strahlten. Träumte er? Lag er vielleicht zu Hause in seinem warmen Bett und fantasierte nur, auf dem nebelkalten Friedhof zu stehen und eine Urne mit Goldbarren in der Hand zu halten? Die Luft war so klamm, das musste real sein. Aber wer, um Gottes Willen, packte eine Urne voller Gold in einen Sarg? Und wem konnte das Gold jetzt gehören? Er hatte es gefunden, aber er wusste auch, dass Münzfunde dem Staat gehörten. Doch das hier waren ja Goldbarren, die noch dazu in Folie eingeschweißt waren. Also sicher nichts Altes. Trotzdem wusste er nicht, wie er den Besitz des Goldes erklären sollte. Arnie wurde ganz schwindelig. Wieder blickte er sich um. Noch immer war er allein. Sollte er einfach alles stehen und liegen lassen und mit dem Gold verschwinden? Wer wusste schon, wie lange die Berliner wirklich auf sich warten ließen? Was, wenn sie genau in dem Moment, in dem er mit dem Behälter unter dem Arm den Friedhof verlassen wollte, angefahren kamen? Dann wäre er ertappt. Arnie wurde heiß. Er musste das Gold an einer anderen Stelle in Sicherheit bringen. Bis auf Kleinigkeiten hatte Arnie noch nie etwas Unrechtes getan, aber das hier war etwas anderes. Denn während er verzweifelt nach einer Lösung suchte, wurde ihm klar, dass er das alles nur für Daniela tat. Er hatte keine Ahnung, warum und wie viel Geld der Typ von neulich von ihr wollte, doch es wäre sicher von Vorteil, über einen Goldschatz zu verfügen, wenn es darum ging, diesen Burschen ruhig zu stellen.
Und dann hatte Arnie eine Idee. Nach einem prüfenden Blick auf sein Handy, das ihm aber keinen entgangenen Anruf anzeigte, schraubte er die Urne rasch wieder zu, wickelte sie in seine Jacke und erhob sich, um sie in den Geräteschuppen zu bringen. Zwei Schritte weit kam er, dann traf ihn ein heftiger Schlag auf den Kopf, und in ihm wurde es so dunkel wie um ihn herum.
∞
Kriminaloberkommissarin Franziska Steinbacher machte sich auf den Heimweg. Obwohl in ihrem Kommissariat momentan kein besonderer Fall zu bearbeiten war, war sie völlig erledigt. Seit Wochen ging dieser üble Magen-Darm-Virus um, der auch sie für ein paar Tage niedergestreckt hatte und von dem sie sich erst noch erholen musste. Hinzu kam, dass ihr die familiäre Situation des Kollegen Hannes Hollermann mächtig auf die Nerven ging. Seit er, besser gesagt, sein ‘Schätzchen‘ Sabrina schwanger war, drehte sich in ihren Gesprächen praktisch alles nur noch um den passenden Kindsnamen, um dicke Beine und Kurzatmigkeit, um Schwangerschaftsgymnastik und in letzter Zeit vor allem um einen möglichen vorzeitigen Blasensprung sowie die daraufhin einsetzenden Wehen und das rechtzeitige Eintreffen des Notarztwagens. Trotz aller Beruhigungsversuche, dass es doch auch ganz normale und völlig unkomplizierte Schwangerschaften gab, ließ sich Hannes nicht von diesem Schreckensszenario abbringen. Ein bisschen verstand Franziska ihn ja, denn noch immer fühlte sich Hannes schuldig am Tod seiner früheren Freundin Mira, weswegen er nun übervorsichtig geworden war. Hannes fuhr seit dem tödlichen Unfall nur noch in absoluten Ausnahmesituationen Auto, was Franziska nicht immer gelassen hinnehmen konnte.
Franziska mochte ihren jüngeren und schlaksigen Kollegen, Hannes war für sie so etwas wie ein kleiner Bruder. Ein kleiner Bruder, der ihr schon mehrmals in wirklich allerletzter Sekunde zu Hilfe gekommen war. Während Franziska über die Schanzlbrücke fuhr, musste sie auf einmal laut loslachen. An diesem Abend sollte Hannes in einem Kurs für werdende Eltern das richtige Atmen lernen und, wie er Sabrina bei der Entbindung unterstützen konnte. Franziska stellte sich gerade vor, wie Hannes hechelte und Sabrina den Rhythmus vorgab, sie mochte nicht glauben, dass junge Eltern danach wieder ungestümen Sex miteinander haben konnten, ohne an das Gehechel während der Entbindung zu denken.
Sie bog in die Stephanstraße und fuhr langsam den Berg hinauf. Obwohl sie älter als Hannes war, hatte sie das Thema Kinderkriegen bisher resolut vor sich hergeschoben, auch wenn sie sehr wohl wusste, dass die biologische Uhr laut und heftig tickte. Franziska liebte ihre Freiheit, und in einer Partnerschaft ging es für sie um mehr als nur ums Kinderkriegen. Sie liebte vor allem diese aufregenden und wunderbar erotischen Augenblicke, in denen sie alles vergessen konnte. In ihrem Beruf war sie, soweit es ihr möglich war, eine entschlossene Frau, die sich nicht so leicht unterkriegen oder gar herumkommandieren ließ. Beim Sex mit ihrem Freund Walter dagegen gab sie zu gern die Kontrolle ab und überließ ihm die Führung. Walter war Bühnenbildner am Fürstbischöflichen Opernhaus, und entsprechend geschult war sein Sinn für außergewöhnliche und auch erregende Inszenierungen. Nicht nur auf der Theaterbühne. Es war schon vorgekommen, dass er, während sie noch im Büro war, ihr Wohnzimmer umgeräumt und sie beim Nachhause Kommen in einer Kulisse aus künstlichen Felsen, Fellen und sogar Bäumen erwartet hatte, um mit ihr eine Szene aus ‚Tristan und Isolde‘ nachzuspielen. Franziska musste lächeln. Er hatte ihr die Augen verbunden und ihre Hände gefesselt, um sie König Marke zu übergeben, dem sie versprochen war, und sie hatte damals wirklich geglaubt, er würde sie einem anderen Mann überlassen. Franziska liebte nichts so sehr, wie wenn Walter ihr die Augen verband. Diese bei ihm sehr zärtliche Handlung fachte ihre Lust an, und wenn er ihr dann auch noch die Hände fesselte und sie anschließend an einen Ort brachte, ohne dass sie wusste, wo sie war und was er mit ihr vorhatte, vergaß sie alles um sich herum. Sie lauschte dann auf jedes Geräusch, jede Bewegung und jede Andeutung, die er machte. Bei nichts konnte sie sich so fallen lassen wie bei diesem Spiel aus Macht und Unterwerfung.
Kürzlich erst hatte Walter sie gefragt, ob sie Lust hätte, etwas Neues auszuprobieren, und sofort hatte ein heftiges Prickeln Franziskas Nervenbahnen in Aufruhr versetzt. Allein diese Ankündigung machte ihren Körper weich und willig. Daraufhin hatten sie sich mit dem Laptop ins Bett gelegt und im Internet nach Anregungen gesucht. Auf der Seite einer Frauenzeitschrift waren sie schließlich auf Abbildungen verschiedener Fesselungen gestoßen. Vor allem das japanische Shibari hatte es ihr angetan, weil es dabei nicht um profanes Verschnüren ging, sondern bestimmte Teile des weiblichen Körpers kunstvoll mit geölten Hanfseilen eingerahmt und hervorgehoben wurden. Walter hatte sie fragend angesehen und Franziska hatte lustvoll geseufzt, woraufhin Walter ein leises: „Schauen wir mal“, gemurmelt hatte. Für Franziska wie ein Versprechen.
Sie hatte ihr Mietshaus erreicht und lief, beflügelt von Gedanken an ‚Shibari‘, die Treppe hinauf. Als sie die Wohnungstür öffnete, waren Müdigkeit und Schwäche schon beinahe verschwunden. Walter hatte gekocht. Italienisch.
Ihr Geliebter bewohnte ein Appartement über der Theaterwerkstatt in Maierhof, aber seit er von seinem Auslandsaufenthalt in Palermo zurück war, blieb er immer häufiger auch über Nacht bei ihr. Damit hatte sich eine Routine eingestellt, die sich irgendwie gut anfühlte: Etwa wenn sie, wie kürzlich, krank war und er ihr Tee kochte und sie ins Bad führte, weil ihre Beine zu schwach waren. Andererseits drohte die Gewohnheit aber auch den Reiz der Ungewissheit zu nehmen, weil Franziska jetzt immer damit rechnete, dass er auf sie wartete.
Sie seufzte leise auf. Ihr Walter war ein ganz besonderer Mann – und einer, der es ihr nicht leicht machte. Das Theaterleben und der Umgang untereinander waren für sie noch immer eine fremde Welt. Ein Anflug von Eifersucht war immer präsent, wenn sie sich der Vorstellung hingab, wie die Darstellerinnen halbnackt durch die Gänge liefen, vollgepumpt mit Adrenalin, und Walter mittendrin, der ihnen nur zu gern behilflich war, um mit einer schnellen Nummer, zwischen Requisiten und Stellwänden, herunterzukommen. Sex war eine wunderbare Möglichkeit, zu entspannen. Bei Walter war Franziska immer wieder unsicher, ob er nur sie liebte oder auch all jene Frauen, die er neben seinem Job für ein Aktbild porträtierte. Angeblich hatte er mit allen Frauen geschlafen, bevor er sie malte, weil sie dann besonders schön waren. Ein Gerücht, das Franziska am Anfang ihrer Beziehung häufiger zu Ohren gekommen war, zu dem Walter aber konsequent jeden Kommentar verweigerte.
Franziska war gerade im Begriff, ihre Jacke aufzuhängen, als neben ihr die Küchentür aufging.
„Hände hoch!“ Walter, mit nichts als einer Küchenschürze bekleidet, zielte mit dem Kochlöffel auf sie. Franziska versuchte sich ein Lachen zu verkneifen. Sie ließ ihre Jacke fallen und hob brav die Hände. Walter, noch immer den Kochlöffel auf sie gerichtet, schlich auf sie zu.
„Das Lachen wird dir schon noch vergehen!“, erklärte er mit grimmiger Stimme. „Dies ist ein Überfall und wenn du nicht tust, was ich von dir fordere, dann wirst du das bitter bereuen.“
Alles war wie weggeblasen, Eifersucht, Sorge, Müdigkeit. Franziska kicherte und antwortete mit gespieltem Ernst: „Ich will alles tun, was du von mir verlangst.“ Und fügte hinzu: „Du böser Räuber!“
Walter, der inzwischen vor ihr stand, zog die Luft pfeifend durch die Zähne und schaute sie lüstern an. „So ist es brav.“ Langsam schob er den Stiel des Kochlöffels durch die Knopfleiste ihrer Bluse. „Ausziehen!“, und Franziska beeilte sich, die Knöpfe zu öffnen, bevor Walter sie ihr abriss.
„Sehr schön“, kommentierte Walter die Spitzenunterwäsche und zeigte mit dem Kochlöffelstiel, dass sie die Arme wieder nach oben nehmen sollte. Nachdem Franziska gehorcht hatte, bemerkte Walter: „Du scheinst ja ganz wild darauf zu sein, dass es dir mal jemand so richtig besorgt!“ Franziska nickte schüchtern und ließ ihren Blick dabei über seine wohldefinierten Schultern und Oberarme wandern.
„Darf ich die Arme jetzt wieder herunternehmen?“, fragte Franziska vorsichtig.
„Warum? Du hast doch gesagt, dass du alles tun willst, was ich verlange!“ Walter lächelte verschmitzt.
„Und du hast gesagt, dass du es mir richtig besorgen willst“, konterte Franziska forsch.
„Oh, oh, oh. Nur nicht frech werden. Ich habe nicht gesagt, dass ich es dir besorgen will.“
Franziska zog eine Schnute. „Wer dann?“ Walter zuckte mit den Schultern.
„Hast du Hunger?“, fragte er statt einer Antwort.
Franziska horchte in sich hinein. Wenn Walter sich eine prickelnde Inszenierung ausgedacht hatte, wollte sie jetzt besser nichts essen. Energisch schüttelte sie den Kopf, bis ihr bewusst wurde, dass Walter ja nicht ohne Grund eine Schürze trug. Und zwar nur eine Schürze. „Wir könnten ja später essen.“
„Auch gut!“, bemerkte Walter und deutete mit seinem Kochlöffelstiel an, dass sie sich umdrehen sollte. Franziska gehorchte. „Halt!“, rief Walter und Franziska hielt lauernd in ihrer Bewegung inne. Ein wunderbares Kribbeln erwärmte ihren Leib. Was hatte er sich ausgedacht und was würde als Nächstes kommen, fragte sie sich und fühlte Walters warmen Atem in ihrem Nacken und seine Hände, die ihre Taille umfingen, ihre Brüste streiften und schließlich ihre Arme ergriffen und auf ihren Rücken führten. Franziska dachte an ‚Shibari‘ und ein heißer Schauer ließ sie zusammenzucken. Walter küsste ihren Nacken, streifte die Bluse herunter, öffnete den Verschluss ihres Büstenhalters, ließ auch ihn zu Boden gleiten und widmete sich mit seinen Lippen ihren Schultern und ihrem Rücken. Ein herrliches Beben überlief ihren Körper, während Walter sie langsam in Richtung Schlafzimmer schob, wo er sie auf den Arm nahm, um sie sachte auf das Bett gleiten zu lassen.
„Aber aufpassen, du weißt ja, auf meine Pille können wir uns diesen Monat nicht verlassen.“ Aufreizend aalte sich Franziska und schloss die Augen.
„Na klar, auf mich kannst du dich verlassen.“ Walter zog ihr Hose und Slip herunter. Sie lächelte versonnen, als Walter sich über sie beugte und sie zärtlich auf den Mund küsste, bevor er ihre Arme nahm und sie über ihrem Kopf zusammenführte. „Und genauso bleibst du jetzt liegen!“, befahl er. Es gehörte zu den Spielregeln, Befehlen wie diesem zu gehorchen. Ihre Zungen berührten sich, umkreisten sich, und als Walter mit der Hand ihre Brüste streichelte und dabei immer wieder sanft die Knospen berührte, stöhnte Franziska laut, riss die Augen auf und blickte in Walters zufriedenes Gesicht. Seine Zunge leckte über ihre Lippen, das Kinn und die Nasenspitze, bevor er sie erneut in ihren Mund schob. Seine Hand streichelte ihren Bauch, ihre Hüften, die Oberschenkel. Erst außen, dann die Innenseiten. Er drückte ihre Beine auseinander. Ihren Venushügel berührte er nur ganz vorsichtig. Pause. Wieder eine zärtliche Berührung, während seine Zunge die ihre umkreiste und er sie zärtlich biss. Franziska hob ihr Becken an, versuchte sich zu Walter hinüberzudrehen, doch der erinnerte sie mit festem Griff an seine Anweisung, und nachdem sie gehorcht hatte, fuhr er fort mit seinen quälend zarten Berührungen und den fast nicht zu ertragenden Pausen. Franziskas Körper bebte und ihr Stöhnen wurde zum Keuchen. Sie hielt es nicht mehr aus. Aber immer wenn sie dachte, jetzt, jetzt ist es gleich so weit, hörte Walter wieder auf und ließ sie sich beruhigen, bevor er sie erneut anfachte.
„Ich könnte dich jetzt ein Weilchen so liegen lassen und in der Zwischenzeit die Seile holen“, überlegte er und spielte weiter mit ihrer Vulva. „Und dann setzt du dich auf und ich mache aus deinem Körper ein wunderbares Kunstwerk.“
„Oh bitte, ich halte es nicht mehr aus“, bettelte Franziska auf diese Ankündigung hin.
Walter nahm seine Hände von ihr. „Hast du schon genug?“, fragte er lüstern.
„Nein, nein, bitte nicht aufhören, nicht aufhören. Alles, nur nicht aufhören“, flehte Franziska und wand sich in ihrer Haltung, die sie nicht verlassen durfte.
„Gut, dann könnte ich deine Hände über den Kopf nach hinten führen, dann kannst du dich überhaupt nicht mehr bewegen und ich könnte deine Brüste streicheln oder mit hübschen Schmuckstücken behängen und dich vielleicht sogar malen …“
Walters Berührungen wurden intensiver und in Franziskas Becken pochte die Lust so heftig, dass sie nur noch stoßweise atmen konnte. Sie schloss die Augen, spürte, wie er das Gewicht verlagerte und sich zwischen ihre Beine kniete. Sie hob den Kopf und sah, wie er sich zu ihr herunterbeugte und abwechselnd ihre Oberschenkel küsste, bis er ihren nassen Schoß erreichte. Seine Zunge drang in sie ein, leckte sie mit Hingabe und ließ sie erneut betteln. „Oh, bitte, bitte“, flüsterte Franziska. Ihr Körper zitterte und bebte heftig. Mit ihren Händen wollte sie seinen Kopf umfassen, um ihn festzuhalten, doch sie musste sie ja über ihrem Kopf behalten. Ihre Atmung nahm eine gefährliche Frequenz an. Sie war kurz vorm Hyperventilieren, und um sich ein wenig zu beruhigen, atmete sie tief ein und aus. Walter schien verstanden zu haben und küsste und leckte sich langsam ihren Bauch hinauf, umkreiste die Knospen ihrer Brüste, was Franziska erneut in heftigen Aufruhr versetzte.
„Ganz ruhig“, flüsterte Walter in ihr Ohr und knabberte und saugte daran, was sie noch mehr aus der Fassung brachte.
„Ich kann nicht mehr!“, jammerte Franziska, und endlich hatte Walter ein Einsehen. Als er langsam in sie drang, begann sie zu winseln. „Oh Gott, ist das schön“, hauchte sie und gab sich, begleitet von erlösendem Stöhnen, einem wunderbaren Höhepunkt hin, dem sich Walter nur wenige Stöße später anschloss.
Erst als sich ihre Atmung und ihr Puls langsam wieder beruhigt hatten, drehte sich Franziska zu dem ebenfalls erschöpften Walter um und kuschelte sich glücklich an seine Brust. „Wie bist du nur auf die Sache mit dem Kochlöffel gekommen?“, wollte sie wissen und streichelte ihn sanft.
„Mir ist nichts Besseres eingefallen, und ich dachte mir, wenn ich nicht so tue, als hätte ich mir etwas Verrücktes überlegt, dann kriege ich dich heute nicht ins Bett.“
Franziska richtete sich auf. „Wieso ausgerechnet heute?“, wollte sie wissen.
„Weil meine App sagt, dass du heute deinen Eisprung haben solltest, und das ist nun mal der richtige Zeitpunkt, um schwanger zu werden.“ Walter schien zufrieden und versuchte Franziska eine Hand auf den schlanken Bauch zu legen. „Bald schon wächst hier …“, weiter kam er nicht.
Franziska war aufgesprungen. „Bist du verrückt? Hast du etwa nicht verhütet? Wie konntest du nur? Wer hat dir gesagt …“ Diesmal war es an Franziska, die ihre Fragen nicht zu Ende stellen konnte, denn Walter war ebenfalls aus dem Bett geklettert. Fest zog er sie in eine Umarmung und legte ihr dabei die Hand auf den Mund.
„Ganz ruhig, Tiger, ganz ruhig. Ich nehme jetzt meine Hand weg und du versprichst mir, dass du mir zuhörst.“ Franziska riss sich los, nickte aber zum Zeichen, dass sie reden konnten.
„Natürlich habe ich dich nicht hintergangen, und ich habe auch keine Ahnung, ob du deinen Eisprung hast. Ich wollte einfach mal sehen, wie du reagierst.“ Franziska schwieg. „Das weiß ich ja jetzt!“ Walter machte ein enttäuschtes Gesicht und sah Franziska traurig an.
„Aber du wusstest doch, dass ich noch nicht bereit bin für die Mutterrolle. Ich liebe meinen Beruf. Da passt ein Kind nicht rein. Ich sehe doch bei Hannes, wie schwierig das ist“, rechtfertigte sich Franziska.
„Ja klar. Das habe ich auch verstanden. Nur werden wir beide auch nicht jünger und … ach, vergiss es.“ Walter ließ sie stehen und verschwand im Bad. Franziska, noch immer völlig geplättet von seinem Experiment, kroch zurück ins Bett, zog die Decke hoch und versuchte ihre Gedanken zu sortieren, als sie hörte, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel.
„Verdammt!“, rief sie hinter Walter her und sprang aus dem Bett. Auf dem Weg zur Tür musste sie an der Küche vorbeilaufen. Ihr Blick fiel auf den gedeckten Tisch, auf die Kerzen und die Rosen in der Vase. Mit angehaltenem Atem betrat sie den Raum. Auf dem Herd standen Töpfe mit Ravioli und Tomatensoße, selbstgemacht natürlich, genau wie sie es liebte, auf dem Tisch entdeckte sie eine Karte. „Alles Liebe zum 5-Jährigen. Du bist die Frau meines Lebens, und ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll“, stand dort in Walters schönster Schrift. Und darunter, fast unleserlich, wie eiligst hingekritzelt: „Aber ich werde es lernen.“
Resigniert ließ sich Franziska auf einen der Küchenstühle fallen, zog die Rotweinflasche heran und schenkte sich ein. Hatte sie falsch reagiert? Hatte sie etwa kein Recht auf eine Mitentscheidung? Wer wäre denn schwanger – sie oder Walter? Wer würde denn auf den Beruf verzichten – sie oder Walter? Und dann diese große Angst: Wer würde denn wieder mit dem Aktmalen beginnen, wenn sie, zu Tode erschöpft von der Hausarbeit, abends kein Interesse mehr aufbringen könnte für die ‚Inszenierungen eines Künstlers‘?
In Franziskas Bauch grummelte es. Sie hatte Hunger. Seufzend blickte sie sich um, fand, dass es sinnlos wäre, wenn sie hungrig bliebe, und belud sich einen Teller mit Ravioli. Sie zündete eine Kerze an, murmelte: „Du Blödmann!“ Ohne genau zu wissen, wen sie damit meinte: sich selbst oder Walter, setzte sich an den Tisch und spießte eine Ravioli auf. Das Essen war kalt, aber es schmeckte wunderbar. Wie immer eben, wenn Walter für sie gekocht hatte. Sie aß ein paar Bissen und überlegte, ob sie den Teller in die Mikrowelle schieben sollte, ließ es aber bleiben. Ihr fehlte die Kraft. Ihr fehlte Walter. Traurig hob sie das Glas und wollte es gerade ansetzen, als ihr Smartphone klingelte. Sie stellte das Glas zurück und lief in den Flur. Vielleicht will er sich entschuldigen, dachte sie mit Herzklopfen. Sie blickte aufs Display. Es war die Nummer ihres Kollegen Obermüller, des treuesten Ermittlers, den sie sich vorstellen konnte.
∞
Als es endlich wieder heller um ihn wurde, befand sich Arnie am Grunde des von ihm zuvor ausgeschaufelten Grabs, direkt über den sterblichen Überresten von Theo Koller, was ihn aber nicht störte. Überhaupt schien ihm, hier unten am Grunde der Grube, alles völlig gleichgültig zu sein. Nichts war wichtig oder gar von Bedeutung. Inzwischen war alles einfach wurscht.
Er konnte seinen Körper nicht mehr spüren – wurscht.
Er lag völlig verdreht im Matsch – wurscht.
Sein Gesicht berührte die sauber abgestochene Erde – wurscht.
Er lag so dicht an der Erdkrume, dass er praktisch keine Luft bekam – wurscht.
Moment mal! Wenn er nicht atmen konnte, dann konnte er doch auch nicht denken, und wenn er nichts spürte, dann konnte er …
Arnie überlegte, was wohl passiert war, aber es fiel ihm einfach nichts dazu ein. In seinem Kopf war nichts als Leere und Gleichgültigkeit. Aber wie konnte ihm das alles nur wurscht sein?
Und warum machte ihm das alles so gar, gar nichts aus?
Eine Weile ließ er dieses ‚Mir-doch-wurscht‘ auf sich wirken, dann wurde es ihm langweilig, und er wünschte sich, es wäre ihm zumindest an einem anderen Ort alles wurscht, als ausgerechnet hier unten in dieser dunklen Grube.
Doch noch bevor ihm einfiel, welcher Ort dies sein sollte, erhob er sich auch schon aus dem Grab und schwebte aufwärts. Höher und immer höher, weit über den Grubenrand hinauf. Er ließ die Grabsteine, Sträucher und Bäume unter sich, stieg höher und höher und begann, wie selbstverständlich eine Runde über dem Friedhof zu drehen.
Über ihm schien der Mond. Sein Licht und das Wehen des Windes ließen die Schatten der Bäume zwischen den Grabsteinen herumalbern. Arnie musste lachen, weil es gerade einfach nichts mehr gab, was er nicht lustig fand. Frei und zufrieden, wie er sich inzwischen fühlte.
Ausgelassen wie ein Papierdrachen im Herbstwind, schwebte Arnie über den Friedhof, besuchte erst die prachtvolle Stockbauer-Gruft, anschließend die noch prachtvollere Baratsits-Gedächtniskapelle und stattete anschließend allen Passauer Ehrenbürgern und Bischöfen an ihren Friedhofsadressen einen Besuch ab. Zu schade, fand er, dass keiner zu Hause war. Wäre doch nett gewesen, wenn er mit dem einen oder anderen hätte plaudern können.
In dieser wunderbaren und völlig neuen Situation hörte Arnie plötzlich eine Stimme, die nach ihm rief. Oder eigentlich mehr die Ahnung einer Stimme, ein Gefühl, das ihm immerhin nicht wurscht war. Und obwohl Arnie die Stimme nicht wahrhaftig hören konnte, zog sie ihn magisch zurück zum Grab von Theo Koller, wo er entsetzt feststellte, dass sein Körper noch immer am Fuße der Grube lag.
Wie konnte das denn sein, fragte sich Arnie gerade, schließlich schwebte er doch frei wie ein Vogel über dem Friedhof dahin, als er die Antwort in seinem Inneren hörte. Du bist tot, Arnie, und damit ist deine Seele jetzt frei, darum fühlst du dich so großartig und leicht. Da unten liegt nur deine sterbliche Hülle. Doch Arnie erschrak noch nicht einmal, auch das war ihm wurscht, er war einfach tot. Na und, dachte er, weil tot zu sein doch sehr befreiend war. Keine Sorgen, keine Ängste, keine Schuldgefühle, keine …
Endlich wusste Arnie, warum all die toten Menschen, denen er, aufgebahrt in ihren Särgen, seine Aufwartung gemacht hatte, immer so friedlich dreinschauten. Sie alle wussten längst, was zu entdecken er gerade im Begriff war. Der Tod war die Erlösung. So einfach war das.
Aber nur für dich , hörte er wieder diese Stimme, ganz leise und von ganz weit hinten in seinem Bewusstsein, und gleich darauf sah er ein Bild von Daniela.
Arnie, was scherst du dich noch um andere , lachte die erste Stimme, die Totsein einfach nur großartig fand. Deine Seele ist frei, du solltest das feiern, statt dir Gedanken zu machen.
Arnie nickte. Ganz genau, mir doch wurscht, beteuerte er eifrig. Doch das Stimmchen säte Zweifel in seine neuen Glaubenssätze, und dann spürte er auch schon, wie weitere Stimmen zu ihm sprachen.
Ihm war auf einmal, als würden sie in ihn hineinkriechen, um ihn ganz mit ihrer Mission zu erfüllen. Arnie begann sich unwohl zu fühlen, gerade hatte er seinen neuen Zustand zu schätzen gelernt, da kam dieses seltsame Gefühl, und schon war er wieder über der Grube.
Dort hatten sich inzwischen viele Leute versammelt, und Arnie war sofort klar, dass sie nur seinetwegen hier waren. Gerührt ließ er sich auf einem Grabstein nieder, um sie zu betrachten. So viele Leute und so viele Kerzen und Ansprachen.
Ein letzter Blick hinunter in die Grube, um von seinem verdrehten Leib Abschied zu nehmen, bevor sie die Erde auf ihn werfen würden. Er blickte sich um, vielleicht kam ja noch ein Chor, der das ‚Ave Maria‘ für ihn anstimmen würde. Arnie mochte dieses Lied, es hatte etwas so Feierliches, und er hätte auf jedes Grab zeigen können, an dem es gesungen worden war. Da der Chor auf sich warten ließ, ließ Arnie sich nur stumm auf dem Grabstein nieder und schaute den Menschen zu, die erstaunlich geschäftig herumliefen. Er hatte keine Ahnung, welche Aufgaben sie hatten, aber er wusste, dass das, was sie taten, bei einer Beerdigung nicht üblich war. Denn Arnie lag jetzt auf einer Trage und hatte noch immer seine Latzhose und das dicke Hemd an, das er beim Graben zu tragen pflegte. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihn herzurichten und umzuziehen. Noch nicht einmal die Stiefel hatten sie geputzt. Und das alles ihm, dem Totengräber vom Innstadtfriedhof! Tatsächlich aber war es ihm wurscht. Wurscht, bis es ihm nicht mehr wurscht war. Denn die Stimmen, die nach ihm riefen, wurden immer mehr und immer lauter und sie hatten alle nur eines im Sinn: Sie wollten ihn zurückholen. Zurück in diesen geschundenen Leib stecken.
„Geht weg, verschwindet!“, rief er ihnen zu, sprang auf und versuchte sie zu verscheuchen. Allerdings nahm niemand Notiz von ihm.
Arnie war zum Heulen zumute: An seinem Grab gab es keine Musikanten und keinen Sarg, nur ein planloses Durcheinander.
Am liebsten hätte er all diesen Leuten gehörig die Meinung gesagt, aber er konnte ja nicht, und außerdem fiel ihm gerade auf, dass er sie auch nicht kannte. Und weil er eigentlich keine Lust darauf hatte, sich weiterhin diesen ganzen unwürdigen Zirkus anzusehen, beschloss er, sich aufzuschwingen, um mehr von der nächtlichen Stadt zu entdecken, die er ja zum ersten Mal aus der Vogelperspektive betrachten durfte. Da bemerkte er, dass erneut etwas Seltsames in ihm vorging.
Das mit dem Schweben hatte doch gerade so gut funktioniert, warum klappte es jetzt nicht mehr? Er flog ein Stückchen in den Himmel, kam bis zur Kirche Sankt Gertraud und wollte schon den Inn Richtung Dom überqueren, als er mit einem kräftigen Ruck zurück zum Grab von Theo Koller geholt wurde. Ohne sich einen Reim darauf machen zu können, schwang er sich erneut auf, diesmal schwebte er zur Sendeanlage des Bayerischen Rundfunks auf dem Kühberg, weil man von hier oben einen tollen Blick auf die Stadt hatte. Kaum hatte er die Sendemasten erreicht, tat es einen erneuten Ruck, und Arnie befand sich schon wieder über dem Grab von Theo Koller. Verdammt, dachte Arnie ärgerlich und startete zu einem weiteren Versuch, diesmal ins Lindental hinauf bis ins österreichische Schardenberg und über Freinberg zurück über die grüne Grenze bei der Tankstelle in Achleiten. Herrlich war das, so frei durch die Lüfte zu schweben. Niemand konnte ihn sehen, niemand konnte ihn aufhalten. Arnie plante, über die Donau und dann über Grubweg und Hals hinauf zum Oberhaus zu fliegen, doch kurz nach der Tankstelle schien ihm die Puste auszugehen. Er fühlte sich auf einmal so schwer und kaum noch manövrierfähig, und gleich darauf wusste er auch, warum.
Du musst zurück, hörte er die Nörgelstimme, die scheinbar alles tat, um ihm das hier zu vermasseln. Du musst doch Daniela retten! Und wieder schickte sie ihm ein Bild seiner Liebsten, die so verzweifelt durch die Wohnung lief, die er so gut kannte und in der er so viel Schönes erfahren hatte. Er sah sie weinen und weinen, etwas, was er an Daniela noch nie erlebt hatte, und dann dachte er an das Gold in der Urne.
Das Gold, natürlich! Arnie hatte ganz vergessen, dass ihm solche irdischen Dinge inzwischen doch wurscht waren, weil sie ihm gerade eben nicht mehr ganz wurscht waren, sondern auf seltsame Weise wieder existenziell wurden – warum auch immer. Tatsächlich lag er selbst im nächsten Moment auf der Trage und etwas blendete ihn so sehr, dass er die Augen ganz fest zusammenkneifen musste. Das kann nur mein Gold sein, dachte er und hätte sich am liebsten auch die Ohren zugehalten, weil all die Stimmen wild durcheinander redeten. Fremd und laut und wild. Doch Arnie konnte nicht einfach weghören; instinktiv wusste er, dass es für dieses ganze Durcheinander nur einen Grund geben konnte: Sie alle waren auf sein Gold aus.
Als Arnie bewusst war, was das ganze Geschrei zu bedeuten hatte, versuchte er von der Trage herunterzuspringen. Schließlich musste er sie abhalten, musste sein Gold retten, um Daniela damit für immer in Sicherheit zu bringen.
Du musst es zurückholen, du musst es dir zurückholen , riet ihm die geheimnisvolle Präsenz ganz tief in seinem Inneren.
„Hallo, können Sie mich jetzt verstehen?“, fragte ihn ein tiefer, männlicher Bass, der von weit her zu ihm zu sprechen schien.
„Wo ist mein Gold?“, versuchte Arnie zu fragen, denn die menschlichen Laute hörten sich kompetent an, vielleicht wussten sie ja etwas. Das Sprechen fiel ihm schwer, und wegen des grellen Lichtes ließ er die Augen lieber geschlossen. Als er keine Antwort erhielt, öffnete er sie doch ein wenig, was aber keine gute Idee war. Ein heller Scheinwerfer zeigte direkt auf ihn, und als er versuchte, einen Arm zu heben, um mit der Hand das grelle Licht abzuwehren, fuhr ein heftiger Schmerz in Arm und Oberkörper. Kraftlos ließ er den Arm zurück auf die Unterlage sinken und hoffte, dieses ‚Mir-doch-wurscht-Gefühl‘ würde ihn augenblicklich wieder erlösen.
Stattdessen begann eine Hand vorsichtig sein Gesicht zu tätscheln. „Hallo, hierbleiben!“
„Er kommt wieder zu sich!“, freute sich die erste Stimme, und weil sie sich so sehr um ihn bemühte, gab Arnie schließlich nach, kehrte in seinen geschundenen Körper zurück – und wurde augenblicklich von einem pochenden Schmerz erfasst, der ihn vom Kopf bis in die Fußspitzen ausfüllte. Wie heiße Lava. Mit flachen Atemzügen versuchte er still zu liegen. Inzwischen war er sich nicht mehr sicher, ob er wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Was ist nur mit mir passiert , fragte sein vernebeltes Gehirn, das sich kaum noch an die Zeit des schwerelosen Schwebens erinnern mochte. Oder fragte das etwa diese Person, die während seines Fliegens nach ihm gerufen hatte?
War er vielleicht schon im Himmel gewesen? Nein, im Himmel wäre doch nicht alles voller Nebel gewesen, dachte er, im Himmel musste doch die Sonne scheinen, oder?
Arnie hatte keine Ahnung. Wo war er gewesen und warum hatte man ihn wieder zurückgeschickt, zurück in diesen schmerzenden Körper, der zu nichts zu gebrauchen war?
Es konnte nur mit dem Gold zu tun haben, mit dem vielen, schweren Gold, das bestimmt nicht ihm gehörte und das er sich trotzdem hatte nehmen wollen. Nur woher wussten all diese Leute von seinem Fund, er war doch ganz allein gewesen? Und warum hatten sie ihm so wehgetan?
„Können Sie mir ein paar Fragen beantworten?“, fragte eine der Stimmen erneut, und Arnie dachte, es müsste eine Frau sein. Er deutete ein Kopfschütteln an, weil sein Kopf so leer war und er gar nichts mehr wusste; aber um den Kopf richtig schütteln zu können, tat ihm alles viel zu sehr weh. Um ihr zu zeigen, dass er sie dennoch hörte, und damit sie ihr Rufen einstellte, das so stark in seinem Kopf dröhnte, öffnete er einen Spaltbreit die Augen und erkannte, es war wirklich eine Frau.
Sie trug, genau wie der Mann neben ihr, einen dicken Anorak. Unter ihrer Strickmütze schauten die langen dunkelblonden Haare heraus. Sie sah sehr freundlich aus. Er hätte sie gerne noch ein wenig betrachtet, weil er so vielleicht herausfinden konnte, ob er sie schon einmal irgendwo gesehen hatte. Doch dann beugte sich die Frau ganz nah zu ihm herunter, woraufhin Arnie angstvoll das Gesicht verzog, weil er fürchtete, sie könne ihm erneut wehtun, sollte sie ihn berühren.
„Mein Name ist Franziska Steinbacher. Ich bin von der Passauer Mordkommission. Meine Kollegen haben Sie aus diesem Grab gezogen. Sie sind verletzt, aber machen Sie sich bitte keine Gedanken: Wir helfen Ihnen.“ So dicht an seinem Ohr tönte ihre Stimme viel zu laut, weshalb Arnie dann doch den Kopf schüttelte, was wiederum den Vulkan in seinem Kopf zum Kochen brachte.
„Wo bin ich?“, fragte Arnie, und diesmal gelang es ihm, so klar zu sprechen, dass die Frau ihn verstehen konnte und mit ruhiger Stimme ihre Fragen wiederholte: „Sie sind auf dem Innstadtfriedhof, wir haben Sie aus einem Grab gezogen. Sie waren ohnmächtig. Wissen Sie noch, wie Sie da hineingekommen sind? Können Sie sich an etwas erinnern?“
Arnie wusste es nicht und fragte stattdessen: „Wo ist mein Gold?“
„Ihr Gold?“, die Frau schien in seinem Gesicht zu forschen. „Von welchem Gold sprechen Sie?“
„Vielleicht von diesem hier!“ Ein großer dicker Mann kam in sein Blickfeld und streckte ihr triumphierend zwei Bierflaschen entgegen.
„Was ist passiert?“, fragte Arnie, ohne die Bierflaschen zu beachten. Bier interessierte ihn nicht, er hatte schon länger keines mehr getrunken.
„Sie sind in ein Grab gefallen“, erklärte sie ihm erneut. „Haben Sie das gegraben? War jemand bei Ihnen? Hat Sie vielleicht jemand gestoßen?“
„Ich. Ja, hab ich.“ Müde schloss Arnie die Augen.
„Wie heißen Sie denn?“, fragte die Frau in seine Gedanken hinein, und ihre Stimme klang sehr freundlich. „Ich bin Kriminaloberkommissarin und möchte Ihnen helfen“, ließ sie nicht locker. „Und das hier ist Doktor Buchner, er ist Notarzt.“
„Arnie“, erklärte Arnie knapp, weil ihm das Reden schwerfiel.
„Ich habe seinen Ausweis gefunden, der steckte in der Jacke. Arnold Schwarzenflecker heißt er“, erklärte der Dicke mit heiterer Stimme, und dann hörte Arnie, wie er laut loslachte. „Wahnsinn, das klingt ja fast wie bei dem Actionhelden meiner Kindheit.“
Verärgert wandte die Frau ihren Kopf dem Dicken zu. „Obermüller, jetzt reiß dich aber mal zusammen und erzähl hier nichts von Kinohelden. Der Mann wurde niedergeschlagen, er kann nichts dafür.“
„Ist ja schon gut, Franzilein“, maulte der Dicke gutmütig. „Trotzdem klingt Arnold Schwarzenflecker fast wie Arnold Schwarzenegger, oder?“
Arnie gab einen verärgerten Ton von sich, denn das Letzte, was er in dieser Situation brauchte, war ein Geplänkel über seinen Namen.
„So, ich glaube, das reicht“, mischte sich der Mann ein, der die ganze Zeit schon neben ‚Franzilein‘ gestanden hatte. „Ich gebe Ihnen jetzt etwas gegen die Schmerzen, dann wird es leichter für Sie.“
Gleich darauf schob er ihm den Ärmel seines Hemdes nach oben, legte einen Stauschlauch an, und im nächsten Moment ließen die Schmerzen tatsächlich nach. Arnie merkte, wie er sich entspannte – wie alles wieder wurscht wurde. „Alles wird gut“, versicherte der gutmütige Bass des Arztes. „Sie haben großes Glück gehabt.“ Arnie lächelte. Warum wusste er nicht, vielleicht lag das an dem Schmerzmittel, überlegte er noch, bevor es passierte. Denn genau in dem Moment, in dem die Schmerzen sich bereits zurückgezogen hatten, sein Bewusstsein vom Morphin aber noch nicht gänzlich getrübt war, erinnerte sich Arnie erneut an den herrlichen Glanz des Goldes im Schein seiner Lampe und an die Erkenntnis, dass mit ihm all seine Sorgen hinfällig würden. Der Fund des Goldes war wie ein Wunder gewesen, weshalb Arnie beschloss, allen Anwesenden mit fester Stimme zu erklären: „Ich will mein Gold zurück! Ich habe es gefunden, und darum gehört es mir.“
Als niemand darauf reagierte, versuchte er sich aufzurichten, was ebenso wenig funktionierte wie die Richtigstellung.
„Wir bringen Sie jetzt erst einmal ins Klinikum“, erklärte der Notarzt, und bevor Arnie in jener Dunkelheit versank, in der die ihm schon bekannten Geister auf ihn warteten, registrierte er, dass er jetzt doch wieder schweben konnte, wenn auch nur knapp über dem Boden.
Jetzt legst du dich schon zu den Toten, Toten, Toten, höhnte die erste Stimme und fügte ein schepperndes Lachen an. Ha ha ha ha haaa, im Todesmatsch versunken, versunken, versunken. Ach, Arnie, was ist nur aus dir geworden? Arnie, warum bist du denn zurückgekehrt, zurückgekehrt, zurückgekehrt?
Arnie schluckte heftig, eine jähe Übelkeit ließ ihn würgen.
Mit dir ist es doch längst vorbei, vorbei, vorbei. Erde zu Erde, Staub zu Staub und Matsch zu Matsch zu Matsch zu Matsch zu Matsch.
Und während er sich mehr und mehr im Niemandsland zwischen hier und der Unendlichkeit verlor, registrierte er als Letztes, dass sich die Stimmen ebenfalls zur Ruhe begeben hatten. Auch wurscht.
∞
Kanopka saß in seinem Ford Mustang Coupé und schlug fluchend mit der Faust aufs Lenkrad ein. Was hatte er nur angerichtet? Verdammt! Während er auch weiterhin sein Tun mit allen möglichen Schimpfwörtern kommentierte, fuhr er die Straße Lindental hinauf. Weiter oben, am Rand des Stadtgebiets, lag der Bauernhof, neben dem er zurzeit in einem Wohnmobil hauste, das er bereits von München aus bei einem ortsansässigen Händler geordert hatte. Den Hof hatte er ausgewählt, weil er nur wenige Kilometer von der Grenze zu Österreich entfernt lag. Nachdem er seinen Wagen im Schutz der Brombeerhecken geparkt hatte, öffnete er die Tür zu seiner Behausung, griff eine Flasche Helles aus dem Kühlschrank und ließ sich auf die kleine Bank fallen. Die Flasche war in wenigen Minuten geleert. Kanopka warf sie auf den Boden, stützte den Kopf in die Hände und starrte auf die Tischplatte aus Eichenholzimitat. Wie hatte er sich nur so gehen lassen können? Tränen glitzerten in seinen Augen. Sein Selbstmitleid war grenzenlos.
Dabei hatte alles so gut angefangen. Der Zufall hatte Kanopka vor Wochen an diesen himmlischen Platz geführt, denn auch wenn Pflanzen sonst nicht sein Ding waren, hatte er die auf der anderen Seite der Brombeeren wachsenden Pflanzen sofort identifiziert: Hanf! Nach einem ersten Besuch beim Besitzer der Anpflanzung kam Kanopka sehr entspannt und mit einem Verlängerungskabel für die Stromversorgung sowie einem kleinen Vorrat an Gras zurück.
Doch von diesem entspannenden Trip war er im Moment weit entfernt, und Schuld daran war einzig Daniela. Natürlich war er wütend gewesen und natürlich hatte die Schlampe ihn gereizt, aber doch nicht so. Was er getan hatte, tat ihm leid, unendlich leid. Aber egal, jetzt war es passiert und jetzt brauchte er Geduld und einen neuen Plan. Vor allem Geduld konnte er sich nicht leisten, denn letztlich lag es ja nicht an ihm zu entscheiden, wie viel Zeit er sich lassen konnte.
In den letzten Tagen hatte er immer wieder im Wohnmobil Quartier bezogen, um sich mit der Umgebung vertraut zu machen, und er hatte nicht wirklich gewusst, worum es diesmal gehen würde. Bis er eines Tages seinen Auftrag erhalten hatte. Dabei war ihm eines sofort klar gewesen. Diesen Auftrag konnte er unmöglich allein übernehmen. Nicht weil er es nicht konnte, sondern weil es viel zu riskant für ihn war.
Kanopka griff erneut zum Bier. Aber das Gesöff beruhigte ihn keineswegs. Es machte ihn eher noch wehleidiger, wenn das überhaupt möglich war. Warum hatte sie auch nicht einfach zugestimmt, in Zukunft wieder für ihn zu arbeiten, war das etwa zu viel verlangt? Hätte sie doch machen können. Warum hatte sie nicht wie sonst einfach eingesehen, dass es das Beste für sie war? Er wollte ihr doch gar nicht wehtun. Und den blöden Kerl hätte er ihr auch schnell ausgetrieben, er hatte es ihr doch auch sonst immer gut besorgt! Aber nein, das Fräulein musste ja Zicken machen, musste ja so tun, als würde sie jetzt den Ton angeben! Da konnte er doch gar nichts anderes machen, als ihr die Fresse zu polieren und ihr damit die Richtung zu zeigen, oder etwa nicht?
Als er auch eine dritte Flasche ausgetrunken und noch eine vierte leer zum übrigen Müll auf den Boden geworfen hatte, erhob er sich, öffnete seine Hose und die Tür und pisste in hohem Bogen nach draußen. Während er seinen Reißverschluss wieder zuzog, überlegte er, ob er nicht lieber auf Schnaps umsteigen sollte. Er öffnete den Kühlschrank, entdeckte die Wodkaflasche und setzte sie schon im Stehen an.
Während er trank, hatte er das Gefühl, die vergammelten Kartoffeln noch zu schmecken. Die Wirkung des Alkohols besänftigte ihn, und er dachte genussvoll daran, wie Daniela am Boden gelegen hatte – fast wie früher – und wie er zutrat und sie aufstöhnte. Nur gefickt hatte er sie nicht. Noch nicht. Und zu seiner Befriedigung hatte noch etwas gefehlt.
Er ließ die Flasche sinken. Das Miststück. Warum hatte sie nicht geheult, nicht um Gnade gewinselt? Vielleicht hätte er dann früher aufgehört. Er überlegte. Nein, sie wollte es so. Allerdings hätte es ihm viel mehr Spaß gemacht, wenn sie sich nicht so sehr beherrscht hätte. Er liebte es, wenn sie winselte und bettelte und er trotzdem weitermachte. Einfach so, weil er es konnte und weil sie ihm ja sowieso alles verzieh. Die kleine Schlampe hatte ihn wirklich geliebt. Ach Gott, war sie jung gewesen und so süß, eigentlich viel zu schade; aber das war jetzt schon so lange her, und letztlich war ja auch nicht viel von ihrer Schönheit übriggeblieben. Kanopka nahm einen weiteren Schluck und erinnerte sich plötzlich, warum er so schlecht drauf war.
Er, Kanopka, war das Opfer dieses Miststücks. Sie allein hatte in der Hand gehabt, was mit ihr passierte. Nicht er war schuld, nein, sie hatte ihn dazu getrieben. Ganz genau. Wie um zu beweisen, dass er noch immer unter seinem Tun litt, schüttelte er sein Handgelenk: Es tat ihm richtig weh. Und das Schlimmste an der ganzen Geschichte war, dass er noch einmal zu ihr gehen musste, dass er sie so lange bearbeiten musste, bis sie endlich machte, was er von ihr wollte. Sein Problem war nämlich, dass er sie wirklich brauchte und ihr genau das nicht sagen konnte. Er setzte die Flasche an und trank. Daniela war eben genau die Richtige für den Job, den er übernehmen musste. Verdammt noch Mal, er hatte doch keine Lust, sich selbst zu opfern.
Was mit Daniela passieren würde, war ihm relativ egal, schließlich saß er ja auch nur ihretwegen noch in diesem trostlosen Wohnmobil herum. Runtergekommen, stickig und zugemüllt. Immerhin gab es Wasser und eine Dusche. An das Klo wollte er besser nicht denken, das gehörte dringend geleert, aber wer sollte das machen? Vielleicht könnte er Daniela dazu bringen, überlegte er noch, und die Vorstellung, wie sie in der engen Kabine herumschrubbte, gefiel ihm. Wenn sie fertig geputzt hatte, würde er sie genau in dieser Position nehmen und schon beim Gedanken daran begannen seine Eier heftig zu jucken, was ihm gefiel, denn Daniela hatte es einfach noch immer drauf, ihn in Fahrt zu bringen. Doch bevor er sich ganz in der Vorstellung von der vor ihm knienden Daniela verlor, erinnerte er sich an ihr verschwollenes Gesicht und daran, dass das erst abheilen musste. Das bedeutete: abwarten und sich die Vorhaltungen des Grafen anhören.
Scheiße. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Und wem hatte er das zu verdanken? Natürlich nur Daniela, der alten Fotze. Dafür würde er sie so richtig rannehmen. Er wollte schon seine Hose öffnen, um sich ein wenig Erleichterung zu verschaffen, aber so einfach sollte sie ihm nicht davonkommen.
Letztlich konnte er nicht einmal begreifen, warum sie ihn überhaupt verlassen hatte. Und dann auch noch mit seinem Geld! Sie musste doch am besten wissen, dass er sie finden und es sich zurückholen würde. Das Geld oder eben das, was sie dafür tun musste, um ihre Schulden bei ihm zu bezahlen.
Der Graf rief jetzt fast täglich an und fragte, ob er endlich liefern konnte. Kanopka log ihm dann immer etwas vor. Lügen mochte der Boss gar nicht gerne aufgetischt bekommen. Aber nachweisen hatte er ihm noch keine können, und er würde den Teufel tun, sich selbst zu entlarven. Bisher hatte er den Boss beschwichtigen und hinhalten können; aber viel Spielraum würde er ihm nicht mehr zugestehen. Und der Graf war nicht zimperlich.
Kanopka seufzte. Ach, wenn er ihm doch einfach sagen könnte, er solle seinen Scheiß alleine machen. Aber das ging natürlich nicht. Der Graf hatte ihn damals bei sich aufgenommen und seinen ersten Job gegeben, und seither stand er bei ihm in der Kreide, und das würde auch immer so bleiben. Denn der Graf gab, und der Graf nahm – und immer so, wie es ihm gefiel, und Kanopka tat gut daran, ihn nicht unnötig zu reizen. Denn wenn der Boss herausbekam, wie er Daniela zugerichtet hatte, dann gnade ihm Gott.
∞
Nach einem kurzen Abstecher ins Kommissariat machte sich Franziska auf den Heimweg. Noch immer war sie sich nicht sicher, ob Arnold Schwarzenflecker in die Grube gestoßen worden war oder lediglich einen Unfall gehabt hatte. Obermüller hatte in der Nähe der Grabungsstätte leere Bierflaschen gefunden, und mit zu viel Alkohol im Blut konnte so etwas schnell passieren. Das war ja durchaus möglich bei diesem Knochenjob. Vielleicht auch zu wenig Schlaf und dann völlig übermüdet in der Dunkelheit ein Grab ausheben, da konnte man sich schon mal überschätzen und in die Grube fallen.
Der Notarzt Dr. Buchner wollte sich wie immer nicht festlegen, ob der Totengräber die Folgen des Sturzes überlebt hätte, wenn die Bestatter aus Berlin nicht rechtzeitig aufgetaucht wären und die Polizei alarmiert hätten. „Die Nächte sind schon ziemlich kalt“, hatte der Doktor lediglich zu bedenken gegeben.
Von den beiden Berliner Bestattern, die die Überreste von Theo Koller mitnehmen sollten, wusste Franziska, dass solche Umbettungen in der Regel nachts ausgeführt wurden, weil sich dann keine Besucher auf dem Friedhof aufhielten und sich somit niemand von dem vielleicht nicht so schönen Anblick belästigt fühlen musste.
Nachdem Arnold Schwarzenflecker ins Klinikum gebracht worden war, waren die beiden Berliner selbst hinuntergestiegen, hatten die sterblichen Überreste von Theo Koller aus dem Grab geborgen und in einer Kiste verstaut. Sie mussten zurück und hatten es daher eilig. Obermüller hatte ihre Personalien aufgenommen und ein kurzes Protokoll darüber angefertigt, dass die beiden eigentlich viel früher hätten ankommen sollen, sie aber durch einen schweren Unfall auf der A3 aufgehalten worden waren und sich deshalb verspätet hatten. Ein möglicher Täter hätte so etwas allerdings nicht vorhersehen können.
Nachdem es am Tatort nichts mehr für sie zu tun gab, hatte die Kriminaloberkommissarin die Streife, die sie bereits bei ihrer Ankunft am Friedhof erwartet und ihr den Weg zum Grab gewiesen hatte, beauftragt, die Sicherung der Grabstelle vorzunehmen und am nächsten Tag die Friedhofsverwaltung zu verständigen.
Franziska stellte ihr Auto auf dem Parkplatz ab und spurtete durch die kalte, feuchte Herbstnacht bis zur Haustür. Sie war völlig durchgefroren und wollte nur eins, hinauf ins warme Bett, vorher noch heiß duschen und dann ...
Als sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, war sie froh darüber, dass Walter nicht zurück in ihre Wohnung gekommen war. Allein der Gedanke daran, dass er überhaupt in Erwägung gezogen hatte, ihr, ohne es mit ihr abzusprechen, ein Kind zu machen, brachte sie auf Hundertachtzig. Und dann hatte er sie mit diesem Thema auch noch verarscht und sich damit lustig über sie und ihre Karriere gemacht. Franziska steigerte sich immer mehr in Rage. Was erlaubte der sich überhaupt! Und wer gab ihm ein Recht dazu, so über sie zu bestimmen? Natürlich würde sie sich mit dem Thema Baby irgendwann auseinandersetzen müssen, aber doch nicht jetzt! Dazu liebte sie ihren Beruf viel zu sehr, und beides konnte man nur unter einen Hut bringen, wenn man Mann war und die Frau sich um das Austragen und Versorgen kümmerte. Oder etwa nicht? Franziska überlegte, ob sie sich einen Schnaps gönnen oder einen Tee kochen sollte, entschied sich in Anbetracht ihres geschwächten Magens aber für den Tee und versuchte, sich von dem Babythema abzulenken, indem sie an den Totengräber und sein Missgeschick dachte.
Vielleicht arbeitete der Friedhofsangestellte genauso ungern in der Kälte wie sie. Was, wenn er, um seinen Job machen zu können, nicht nur Tee, sondern hin und wieder ein Bier oder einen Schnaps oder beides und vielleicht in größerer Zahl brauchte? Das Teewasser kochte endlich und Franziska wählte einen Kamillentee.
Natürlich musste er eine mögliche Trunkenheit während der Arbeit vehement abstreiten, denn bei einem Arbeitsunfall sollte verständlicherweise kein Alkohol im Spiel gewesen sein. Vorsichtig schlürfte Franziska an ihrer Tasse und ließ dann noch etwas kaltes Wasser zulaufen. Während sie trank, musste sie sich eingestehen, dass sie sich noch nie mit den Arbeitsbedingungen eines Totengräbers beschäftigt hatte. Selbstredend musste es auch Menschen geben, die die Toten beerdigten. Aber warum machte Arnold Schwarzenflecker diesen Job? Gab es dafür einen Grund, den sie wissen sollte, weil dieser Grund auch das Motiv für seinen mysteriösen Unfall war?
Während sie den letzten Rest Tee austrank, beschloss sie, sich gleich am nächsten Morgen um den Background des Totengräbers zu kümmern. Auf dem Weg ins Bad stolperte sie fast über den Kochlöffel und die achtlos hingeworfene Schürze, die Walter an diesem Abend bei der Zubereitung der Ravioli getragen hatte. Sie hob beides auf und schnupperte an der Schürze. Sie roch nach Essen und nach Walter. Als sie den Kochlöffel in die Küche brachte, fiel ihr Blick erneut auf den kleinen Tisch und die Flasche Rotwein. Aus ihrem Glas hatte sie bisher nicht getrunken. Sie goss Wein dazu, hob das Glas an die Nase und schwenkte es nachdenklich. Mit dem Kamillentee hatte sie ihrem Magen geschmeichelt. Der Rotwein würde ihre Nerven beruhigen, wäre aber sicher nicht gut für ihren Magen. „Verdammter Virus“, fluchte sie auf einmal ungehalten. Im Beipackzettel hatte sie gelesen, dass eine Magen-Darm-Infektion die Aufnahme der Pille samt ihrer empfängnisverhütenden Hormone erschweren könnte. Wenn das nicht gewesen wäre, dann müsste sie sich keine Sorgen machen, dass die Pille vielleicht nicht wirken könnte. Dann hätte Walter sie nie so bluffen können, und sie hätten sich nicht gestritten, und Walter wäre nicht davongelaufen …
Der Wein roch verlockend. Franziska hätte ihn gern getrunken, aber eine leise Stimme in ihrem Kopf riet ihr: Geh auf Nummer sicher!
Franziska war zum Heulen, bis zwei Aspekte ihre Stimmung kippen ließen. Walter hätte sich nie so schnell aus dem Staub gemacht, wenn er sie wirklich geschwängert hätte. Da war es viel wahrscheinlicher, dass er ihre Reaktion vorhergesehen und ausgenutzt hatte und schon längst mit einer anderen Frau im Bett lag. Mit einer, die alles mit sich machen ließ. Walter bekam immer, was er wollte, einfach weil er Walter war und diesen ganz besonderen Schlag bei Frauen hatte.
Franziska streifte ihre Kleidung ab und ging nackt, mit der Schürze und dem Rotweinglas in der Hand, ins Bad. Sie drehte das Wasser auf und vergrub ihre Nase in der Schürze, während sie darauf wartete, dass es warm wurde.
Sie dachte wieder an den Friedhof. Es gab keine Leiche und somit keinen Fall. Alles, was es gab, war ein schwerverletzter Totengräber, der, einsam wie sie selbst in diesem Moment, sich dem Alkohol oder was auch immer hingegeben hatte. Franziska hob das Glas und musste lachen. So einfach war es, mit ein paar Schluck alle Probleme zu verdrängen. Franziska stellte den Wein aufs Waschbecken und ging unter die Dusche. Das Wasser lief warm über ihren Rücken, die Schultern und in kleinen Bächen über ihre Brüste. Sie drehte den Wasserhahn so weit zu, dass nur noch ein kleines Rinnsal über ihren Rücken lief, wählte ein Duschgel und verteilte es mit sanften Bewegungen über ihren Brüsten, dem Bauch, den Armen. Sie liebte diesen Duft von Rosen und Jasmin. Walter hatte es ihr geschenkt und schäumte sie, wenn sie gemeinsam duschten, immer sehr liebevoll damit ein. Er wusste ganz genau, wie er sie verführen konnte. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, er würde hinter ihr stehen und … Verdammt, natürlich wusste Walter, wie er sie sich gefügig machen konnte! Und genau dieses Wissen hatte er am frühen Abend ausgenutzt, um sie zu überrumpeln. Franziska schrubbte sich jetzt mehr, als dass sie sich verwöhnte. „Mistkerl“, schimpfte sie, drehte das Wasser wieder voll auf, erst warm und dann so kalt, dass sie auch das letzte bisschen Gefühl für Walter vergaß.
Fröstelnd schlüpfte Franziska unter die Decke, die noch immer so wunderbar nach Walter und ihrer gemeinsamen Liebe roch. Warum hatte er nicht einfach alles so lassen können, wie es war? In Gedanken ließ sie seine Hände nun doch ein wenig über ihren erneut hungrigen Körper streicheln und fiel schließlich erschöpft in einen tiefen Schlummer. Im Schlaf hatte sie gehofft, Walter zu begegnen und mit ihm gemeinsam ihre Lust noch einmal zu befriedigen; doch kaum hatte sie in ihrem nächtlichen Kinosaal Platz genommen und den ersten Blick auf die Leinwand geworfen, da sah sie sich auch schon auf dem Friedhof stehen, eine Schaufel in der einen Hand, ein Glas Rotwein in der anderen. In der Realität wäre es völlig unmöglich, mit einem Weinglas in der Hand ein Grab auszuschaufeln. Aber was war auf einem nächtlichen Friedhof schon normal? Ohne zu murren, begann Franziska mit der Arbeit, sie schaufelte und schwitzte und schaufelte, und doch fiel jede Schaufel voll Erde, egal wie kraftvoll sie sie auch hinaufwarf, sofort wieder herunter zu ihr und bildete einen immer größer werdenden Berg, auf dem sie schließlich stand und sich selbst mit dem Rotwein zuprostete.
Kurz vor neun riss ein Klingeln sie aus dem Schlaf. Sie war schweißgebadet und fühlte sich wie gerädert. Alle Überlegungen, was der Traum bedeuten könnte, liefen ins Leere, und letztlich war sie einfach nur froh darüber, dass das ganze Martyrium von ihrem Wecker beendet worden war, bis ihr einfiel, dass sie diesen nach ihrer gestrigen Spätschicht ja gar nicht gestellt hatte. Mit einem wohligen Seufzen wollte sie sich gerade wieder umdrehen, als es erneut klingelte. Es war ihr Handy.
∞
Schon als kleines Mädchen hatte Frederike Semmelweis gewusst, dass sie Ärztin werden wollte. Als eine Nachfahrin des berühmten Gynäkologen Ignaz Semmelweis war dieser Berufswunsch für sie praktisch Programm. Sie las alles über die große Leistung des aus Ungarn stammenden Arztes. Er hatte erkannt, dass Wöchnerinnen viel öfter eine tödliche Infektion erlitten, wenn Medizinstudenten zwischen ihren Stationen und dem Sektionssaal hin und her wechselten, wo Leichen obduziert wurden. Gegen den Widerstand vieler Kollegen führte er die erste Hygienevorschrift ein, die Ärzte und Schwestern zu ausgiebigem Händewaschen aufforderte. So wurde er der Retter der Mütter und Frederikes großes Idol. Das Ziel, Ärztin zu werden und Gutes zu tun, hatte sie durch ihre Schulzeit getragen und auch nicht straucheln lassen, wenn es mit den Noten mal nicht so lief. Nach dem Abitur war sie zum Studium nach München gegangen und vor ein paar Jahren als Frau Doktor nach Passau zurückgekehrt. Inzwischen hatte sie das Klinikum am Inn und seine Patienten kennen und lieben gelernt. Man musste in keiner Unfallchirurgie in München arbeiten, um zu wissen, dass es nichts gab, was es nicht gab. Wie zum Beispiel die multiplen Verletzungen des Totengräbers, der in der Nacht auf ihrem Tisch gelandet war.
Auf Grund einer angeordneten Umbettung habe er im Dunklen auf dem Friedhof ein Grab ausgehoben und sei dabei, vermutlich unter Alkoholeinfluss, in die Grube gestürzt, hatte ihr Kollege Dr. Buchner, der als Notarzt die Erstversorgung übernommen hatte, bei der Übergabe erklärt. Der Mann sei schon bald ansprechbar gewesen, habe die Augen geöffnet und einige unzusammenhängende Worte von sich gegeben. Er habe ihn mit einem Morphinpräparat sediert, um ihn transportieren zu können. Nachdem Frederike ihrem Patienten Blut für einen Alkoholtest abgenommen, sich die Wunden angesehen, sie dokumentiert und versorgt hatte, war ihr aufgefallen, dass an der Geschichte, die ihr Dr. Buchner erzählt hatte, etwas nicht stimmen konnte.
Arnold Schwarzenflecker konnte sich all seine Verletzungen nicht lediglich beim Sturz in eine Grube zugezogen haben, selbst wenn diese 2,20 Meter tief war. Um seine Verletzungen zu erklären, musste ihm mehr passiert sein, wie Frederike auch durch das Ergebnis des Bluttests sehr schnell erkannte. Der Verunglückte hatte nämlich keinerlei Alkohol im Blut. Im Laufe ihres Nachtdienstes schaute sie mehrmals bei ihm vorbei und bemerkte erfreut, dass sich sein Zustand langsam besserte. Als ihre Schicht am frühen Morgen endete, ließ ihr die Neugierde keine Ruhe, und sie machte sich auf den Weg zum Innstadtfriedhof, um mit Hilfe ihrer Dokumentation zu rekonstruieren, was dem Mann in der vergangenen Nacht passiert sein konnte.
∞
Im Laufe der Nacht war Arnie immer wieder kurz erwacht, um gleich darauf in einen tiefen Schlummer zu fallen, der ihn von allen Fragen erlöste. Er müsse jetzt schlafen und sich ausruhen, hatte eine Schwester ihm eindringlich geraten. Kurz darauf hatte er sich schon nicht mehr an ihr Gesicht und die Tatsache, dass sie gerade bei ihm war, erinnern können.
Als er am nächsten Morgen die Augen aufschlug, fühlte er sich taub und nutzlos, weshalb er einfach liegen blieb und abwartete, ob jemand kommen und ihm erklären würde, was mit ihm passiert war. In seinem Kopf war nicht viel, an das er sich erinnern konnte, und noch weniger, woran er sich erinnern wollte.
Also schloss er wieder die Augen, dachte an möglichst nichts und schon gar nicht an die Stimmen und Bilder, die ihn in der Nacht auf dem Friedhof bedrängt hatten und von denen er inzwischen glaubte, dass er sie nur geträumt hatte.
Erst als er versuchte, sich vorsichtig zu bewegen, war ihm aufgefallen, dass sein linker Arm auf einer weichgepolsterten Schiene fixiert und der rechte eingegipst und noch weniger zu bewegen war.
Auf seinem Handrücken klebte ein Schlauch, und als er ihm mit den Augen folgte, erkannte er über sich eine Infusionsflasche. Tropfen auf Tropfen rieselte langsam, beinahe im Sekundentakt, in das trichterförmige Sammelbecken unterhalb der Flasche und nahm von da aus den Weg durch den Schlauch zum Handrücken in die Braunüle und in seine Venen. Tropfen für Tropfen – Sekunde auf Sekunde – Schäfchen auf Schäfchen. Arnie zählte sie, kam mit Mühe auf vier und schlief ermattet ein.
∞
„Wir kennen uns bereits!“, versicherte Frederike, streckte Franziska die Hand entgegen und schenkte ihr ein herzliches Lachen. Nach einem Telefonat voller Andeutungen hatten sie sich in der Cafeteria des Klinikums zum gemeinsamen Frühstück verabredet.
Nachdem die junge Ärztin Franziska am Handy erklärt hatte, dass sie unbedingt und am besten sofort mit ihr über Arnold Schwarzenflecker sprechen müsse, weil sie in der Nacht Erkenntnisse gewonnen hätte, die sie unbedingt mitteilen müsse, hatte sich Franziska nach einem knappen Aufenthalt im Bad sofort auf den Weg gemacht.
Franziska ließ sich gegenüber der Ärztin auf einem der beiden freien Stühle nieder und legte ihre Jacke über den anderen. Sie trug, genau wie Frederike, Jeans, Pulli und Sneakers, und nach einer kurzen Musterung stellte sie fest, dass sie gleich alt sein mochten. Woher sie sich aber kannten, wollte ihr einfach nicht einfallen.
Frederike lächelte und lüftete schließlich das Geheimnis. „Aus der Rechtsmedizin. Ich war bei Professor Wassly, in München, in der Nußbaumstraße“, half die Ärztin Franziska auf die Sprünge. „Du, also, wollen wir nicht du sagen? Meine Freunde nennen mich Freddy und manche auch Frettchen, obwohl ich das nicht so gerne mag, weil ich dann immer denke, ich hätte ein Figurproblem.“
Franziska lauschte dieser Spitznamenerklärung nur mit einem Ohr, weil sie jetzt zwar wusste, woher sie sich kannten, ihr aber nicht einfallen wollte, bei welcher Gelegenheit oder welchem Fall sie miteinander zu tun gehabt hatten.
„Du erinnerst dich wirklich nicht? Du warst bei uns wegen einer Frau, die aus dem Fenster gesprungen ist. Ihr habt versucht, ihre Identität zu ermitteln, und wir haben ihr dafür ihr Gesicht zurückgegeben.“
„Stimmt!“, fiel es Franziska endlich ein.
„Wir haben sie zur Leichentoilette geschickt, damit ihr Fotos von ihr veröffentlichen konntet“, ergänzte Frederike den Sachverhalt.
„Du erinnerst dich gut!“, lobte Franziska die neue Freundin, woraufhin Frederike nachdenklich mit den Schultern zuckte. „Fälle wie dieser waren der Grund, warum ich dann doch nicht in der Rechtsmedizin geblieben bin. Und außerdem fand ich dich schon damals sehr sympathisch.“
„Oh je! Und ich kann mich nicht an dich erinnern“, seufzte Franziska und verzog bekümmert das Gesicht.
„Macht ja nichts.“ Frederike stand auf und zog Franziska mit sich zur Theke. „Magst du einen Kaffee?“
„Nein, ich trinke nur Tee“, erklärte Franziska und begutachtete das Angebot in der Kühltheke, bevor sie ein Glas Darjeeling und ein Schinkenbaguette orderte. Frederike entschied sich für einen großen Cappuccino und ein Schokocroissant. „Nach der Rennerei heute Nacht habe ich mir das verdient“, erklärte sie lachend.
Nachdem der erste Hunger gestillt war, hakte Franziska nach. „Also dann, Freddy!“ Sie hob ihre Tasse und prostete Frederike zu. „Du wolltest mir etwas über den Zustand des Totengräbers erzählen.“
„Ja, stimmt!“ Frederike schmunzelte. „Hast du eigentlich auch einen Spitznamen?“
„Franzi! Und Obermüller, mein Kollege, nennt mich Franzilein.“ Franziska verzog das Gesicht, um zu signalisieren, dass das nicht ihr liebster Spitzname war und einzig von Obermüller verwendet werden durfte.
„Und dein Schatz?“
Frederike kam ja ganz schön schnell zur Sache, dachte Franziska und zögerte mit der Antwort. Vorsichtig nahm sie einen Schluck der goldgelben Flüssigkeit und verbrannte sich fast den Mund. Sie musste an die letzte Nacht und ihren Babystreit denken und dass ‚ihr Schatz‘ einfach weggefahren war. Sie machte eine wegwerfende Bewegung.
„Darf ich Franze sagen? Das passt irgendwie besser zu dir.“ Frederike streute vorsichtig Zucker auf ihren Milchschaum und kostete einen Löffel voll, bevor sie ihn unterrührte.
„Franze?“ Franziska ließ sich diese ungewohnte Anrede auf der Zunge zergehen und nickte. „Okay, darfst du!“
„Sehr schön“, freute sich Frederike und hob nun auch ihre Tasse, um Franziska zuzuprosten. „Aber zurück zu deinem Fall.“
„Ich bitte darum.“ Die Kommissarin biss in ihr Baguette.
„Kollege Buchner hat mir bei der Übergabe geschildert, dass der Mann vermutlich betrunken in die Grube gestürzt ist.“ Franziska nickte kauend. „Logische Schlussfolgerung: zu viel Arbeit, zu viel Bier.“
„Hm“, bestätigte Franziska und schluckte. „Dann hat sich diese Vermutung also bestätigt?“
Die Ärztin schmunzelte. „Zu viel Arbeit vielleicht – zu viel Alkohol sicher nicht. Der Mann hatte null Promille im Blut. Er war so nüchtern wie ein neugeborenes Kalb.“ Frederike biss in ihr Croissant und lachte, weil sie sich mit Puderzucker eingestäubt hatte.
„Okay, dann fällt dieser Grund für seinen Absturz also weg“, kombinierte Franziska und versuchte ihr neues Wissen einzuordnen, als sie das Grinsen bemerkte, das aus Frederikes Gesicht geradezu herausplatzen wollte. „Du hast eine Idee dafür, warum er in die Grube gestürzt ist?“, hakte die Kommissarin nach.
„Also so würde ich es nicht nennen“, hielt die Ärztin sie weiter hin.
„Egal, Hauptsache ein Ansatz!“, lockte Franziska und lächelte. Sie mochte die junge Ärztin, und das Gespräch mit ihr machte Spaß, trotzdem wollte sie endlich die Fakten kennen.
„Ich habe nicht nur eine Idee, ich habe ein ganzes Tatmuster“, erklärte Frederike mit einem Zwinkern. „Darüber befinden wir nach deinem Bericht!“, kommentierte Franziska die Anmaßung der Freundin. „Leg los!“
„Zunächst habe ich mir die Kopfverletzung von Arnold Schwarzenflecker angesehen.“ Franziska lauschte aufmerksam. „Es handelt sich hierbei um eine sogenannte ‚Gewalteinwirkung eines nicht geformten stumpfen Gegenstandes‘. Die Fläche der Tatwaffe muss größer gewesen sein als der Schädel selbst. Das erkennt man, weil die entstandene Wunde nur durch die Anatomie des Kopfes begrenzt wird. Es gibt also keine Wundränder und auch keine Wundmuster, die eine eindeutige Schlussfolgerung zulassen würden. Dadurch bleibt alles offen. Es könnte tatsächlich sein, dass der Totengräber in die Grube gestürzt ist und sich beim Aufprall die Verletzungen zugezogen hat.“
Franziska nickte und wollte gerade zu einer Bemerkung wie: „Ja, aber das ist doch alles klar, ein Unfall …“ ansetzen, als die Ärztin auch schon in ihrer Erklärung fortfuhr.
„Gegen diese Theorie spricht allerdings auch einiges. Erstens: Warum sollte der Totengräber ohne Alkoholisierung einfach so in seine Grube fallen? Ich habe ihn gründlich untersucht und nichts gefunden, was etwa für einen Herzinfarkt oder Ähnliches spricht.“ Franziska zuckte mit den Schultern, darüber hatte sie sich bisher keine Gedanken gemacht.
„Zweitens: Der Boden der Grube ist zu weich für eine solch schwere Verletzung, es sei denn, der Patient wäre beim Sturz auf Sargreste getroffen. Dann hätten sich diese allerdings als Wundmuster erkennen lassen. Damit fällt der Sturz in die Grube als Entstehungsmöglichkeit für seine Kopfwunden auch weg.“
Die Kommissarin machte große Augen, weil ihr gerade aufging, was das zu bedeuten hatte. „Das heißt ja dann …“
„Abwarten. Denn drittens kennst du ja vielleicht die sogenannte ‚Hutkrempenregel‘, nach der man davon ausgeht, dass in der Regel Verletzungen, die bei einem Sturz entstehen, unterhalb der Hutkrempe lokalisiert sind. Tatsächlich weist der Totengräber zwei Kopfverletzungen auf. Eine befindet sich unterhalb der Hutkrempe und eine weitere, viel schwerere, oberhalb der Hutkrempe.“
Frederike nahm einen Schluck ihres Cappuccinos und lächelte. „Das habe ich bei Professor Wassly gelernt.“
„Du hast eine ähnliche Art, Dinge auf den Punkt zu bringen!“, bestätigte Franziska lächelnd und trank von ihrem Tee als Zeichen, dass sie gerne zuhörte.
„Den Arm hat er sich wohl wirklich beim Sturz in die Grube gebrochen, die Tritte in die Flanken muss er allerdings schon oben bekommen haben, und die Tatsache, dass sich kein Werkzeug abbilden lässt, kann auch einfach an der Größe des Werkzeugs liegen.“
„Wow! Wie kommst du darauf?“
„Na ja, ich will jetzt nicht sagen, dass das einfach war, aber wenn man eins und eins zusammenzählt, dann schon“, freute sich Frederike.
„Bist du dir sicher, dass du nicht zurück zu Professor Wassly willst?“
Frederike lachte so laut auf, dass sich am Nachbartisch zwei alte Damen umdrehten, die aussahen, als hätte man sie bei der Planung eines Komplotts gestört. Mit erhobenen Händen entschuldigte sich die Ärztin für die Störung und beugte sich zu Franziska hinüber.
„Nachdem ich mich heute früh persönlich auf dem Friedhof umgesehen habe, würde ich folgenden Tatablauf annehmen.“ Frederike rutschte auf ihrem Stuhl noch ein wenig weiter nach vorn und flüsterte jetzt. „Der Totengräber wurde von hinten mit seinem eigenen Grabwerkzeug niedergeschlagen. Das Blatt der Schaufel und auch des Spatens ist größer als der Kopf, daher keine Wundränder. Der Schlag traf ihn stehend von oben. Danach ging der Mann zu Boden, und beim Aufschlag zog er sich die zweite, leichtere Wunde zu. Im Liegen bekam er einige Tritte in die Flanken, was die Einblutungen auf der linken Seite in Höhe der Milz sehr schön zeigen. Und ich gehe davon aus, dass er erst anschließend in die Grube befördert, vielleicht sogar geschubst wurde. Dabei hat er sich dann den Arm gebrochen und einige Abschürfungen zugezogen.“ Frederike schaute Franziska abwartend an. „Na, was sagst du jetzt, ist das ein Tatmuster?“
„Freddy, ich bin sprachlos!“, versicherte Franziska anerkennend. „Und es klingt wirklich alles total glaubwürdig. Nur, wie kommst du auf die Werkzeuge?“
„Ich ging vom Schlimmsten aus und suchte in der heftigsten Wunde nach Hinweisen. Nachdem es keine Wundränder gab, klingelte ich Dr. Buchner aus dem Bett und ließ mir alles noch einmal schildern, und dabei kam er auf den Spaten zu sprechen. Ich suchte nach Spuren von Lack oder Rost oder etwas anderem, was zu einer Schaufel als Tatwerkzeug passen würde, und entdeckte beides.“
„Und dass er einfach auf seine eigene Schaufel gefallen ist?“ Noch zögerte Franziska. Sie wollte schließlich keinen Fall bearbeiten, der keiner war.
„Und getreten hat er sich auch selbst, und wenn ich noch einmal nachschaue, dann hat er sich auch in den Hintern gebissen, oder?“ Die Ärztin kicherte auf und erntete von einer der beiden Damen am Nachbartisch einen zurechtweisenden Blick.
„Tut mir leid, wir klären hier gerade einen Mord auf“, versicherte die Ärztin mit geheimnisvoller Stimme, woraufhin sich die Blicke der Damen in Neugierde wandelten.
„Hast du das gehört, Burgi?“, flüsterte die eine, und die andere bestätigte: „Agnes, Schäfchen, natürlich habe ich es gehört, meine Ohren sind ja schließlich völlig in Ordnung.“
Hastig legte Frederike einen Finger auf die Lippen und deutete den beiden Damen damit an, dass das, was sie gerade gehört hatten, top secret war.
„Okay, das heißt, ich muss zusehen, dass ich die Werkzeuge auftreibe und mit den Proben aus der Wunde vergleichen lasse.“ Franziska nickte ganz in Gedanken an diese Möglichkeit der Ermittlung. „Immerhin eine Spur“, erklärte sie schließlich voller Zuversicht, bis ihr einfiel, dass sie gestern, als sie noch vom Alkohol als Täter ausgegangen waren, praktisch nichts gesichert hatten. „Wenn sie noch zu finden sind.“
„Sind sie.“ Die junge Ärztin lächelte zufrieden. „Und zwar ordentlich mit Plastik umhüllt in meinem Auto.“
„Nein!“
„Doch. Die lagen ja einfach neben dem Grab.“ Tadelnd schüttelte Frederike den Kopf.
„Und hast du den Täter vielleicht auf dem Beifahrersitz festgeschnallt?“, erkundigte sich Franziska, um von ihrer Nachlässigkeit abzulenken.
„Aber Franze, wo denkst du hin? Die Aufklärungsarbeit überlasse ich natürlich dir. Sonst wirst du noch arbeitslos.“
Die Kommissarin lachte abwehrend, bevor sie sich bei Frederike bedankte. „Ja also, was soll ich sagen? Das war eine wirklich hervorragende Analyse. Danke!“ Franziska trank ihren Tee aus und erhob sich. „Was meinst du? Könnte ich gleich mal mit dem Totengräber sprechen? Vielleicht kann er deine Theorie ja mit Hinweisen ergänzen?“
∞
Nachdem Kanopka die Wohnungstür mit einem lauten Knall ins Schloss geworfen hatte, war Daniela wimmernd auf dem Boden zurückgeblieben. Einfach so, ohne sich zu rühren. Sie dachte sich, wenn sie einfach liegen blieb, dann müsste es bald vorbei sein. Sie war noch nicht einmal traurig darüber, hoffte einfach nur, dass es schnell gehen würde. Alles tat ihr weh, und es erschien ihr unmöglich, sich auch nur umzudrehen, geschweige denn aufzustehen. Wofür auch? Egal was sie in den letzten Jahren versuchte hatte, um diesen Arsch loszuwerden, es war alles umsonst gewesen. Außer der kurzen Zeit mit Arnie war ihr Leben eine Aneinanderreihung von mal mehr, mal weniger beschissenen Tagen. Wozu es fortsetzen?
So oft hatte Daniela von vorn begonnen, immer und immer wieder hatte sie eine Lücke in dem Zaun gesehen, der ihr kleines Leben einengte, und war hindurchgeschlüpft, überzeugt, dass sie Kanopka diesmal entkommen konnte. Aber egal wie weit und egal wohin sie ging, der Kerl war irgendwann wieder zur Stelle.
Jetzt fehlte ihr die Kraft, um weiterhin ein Leben zu führen, dem sie stets die Stirn geboten, das im Gegenzug jedoch nur Schläge und Tritte für sie parat gehabt hatte.
Zusätzlich zu den Schmerzen breitete sich bald schon eine Eiseskälte in Daniela aus, was dazu führte, dass ihre Zähne hart aufeinanderschlugen. Der Schmerz in ihrem Gesicht wurde dadurch schier unerträglich, und doch wurde gleichzeitig ihr Lebensmut angestachelt.
Daniela fluchte. Erst im Stillen und dann immer lauter: „Du verdammte Sau, was hast du gemacht?“ Sie hob den Kopf und drehte ihn vorsichtig zum Fenster. Es stand noch immer offen und ließ die kalte, vom Innwasser geschwängerte Herbstluft ungehindert hereinströmen. „Du widerlicher Bastard! Verrecken sollst du, elendiger! Verrecken!“
Mit diesen und weiteren wüsten Flüchen schaffte sie es schließlich, sich auf den Bauch zu drehen und zum Fenster hinüberzurobben. „Du mieser Scheißkerl, du dreckiger!“, geiferte sie und spürte, wie sie mit jedem Fluch, den sie Kanopka hinterherschickte, neuen Lebensmut fand. „Du Drecksau, du Riesenarschloch, du Arschgeburt!“ Jedes dieser Worte wirkte wie eine Befreiung und verlieh ihr gleichzeitig die Energie, die sie brauchte. Begleitet von Schmerzenslauten und weiteren Verwünschungen richtete sie sich auf und schloss das Fenster. Daniela schwankte, und sie musste sich am Fensterbrett abstützen. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung und auf die Wärme des Heizkörpers. Langsam kroch das Leben zurück in ihren geschundenen Leib. Durch das fast vollständig zugeschwollene Auge konnte Daniela nur schemenhaft sehen, und sie ahnte, wie ihr restlicher Körper zugerichtet worden war. Mit Misshandlungen kannte sie sich aus.
„Na los, du kleine Schlampe, du wirst dich doch von so was nicht unterkriegen lassen!“, feuerte sie sich selbst an und schlurfte mit kleinen vorsichtigen Schritten ins Schlafzimmer. „So schnell ist noch keine gestorben“, erinnerte sie sich an die Worte der alten Puffmutter, die sie nach einer ähnlichen Attacke mit Hühnersüppchen und harten Worten aufgepäppelt hatte. Nur dass der Verursacher damals ein Freier war, und die Alte für ihr Schweigen reichlich Kohle bekommen hatte.
Daniela war im Schlafzimmer angekommen und wollte nur in ihr Bett kriechen, die Decke hochziehen und alles vergessen. Trotzdem schälte sie sich aus ihrer Strickjacke und schob die Träger über die Schultern, damit das Teil erst die Arme entlang und dann an ihrem Körper hinunterrutschen konnte. Als sie sich gleich darauf vor den halbblinden Spiegel ihres Schlafzimmerschrankes stellte, entfuhr ihr ein heiserer Schrei. Das Gesicht geschwollen, ein Veilchen links, die Lippe aufgeplatzt, die linke Schulter stark gerötet. Die rechte Flanke war blutunterlaufen und tat höllisch weh. Benommen starrte sie ihren arg zugerichteten Körper an.
„Du Schwein, was hast du getan?“ Daniela schluchzte laut auf, und im nächsten Moment liefen ihr doch die Tränen über die Wangen, und ihr ganzer Körper wurde von einem heftigen Weinkrampf geschüttelt. Nie zuvor hatte sie so hemmungslos Rotz und Wasser geheult. Mit hängenden Armen und gesenktem Kopf ergab sie sich in ihr Elend, bis es endlich leichter wurde, das Heulen in ein hysterisches Lachen überging und sie schließlich zur Ruhe kam.
„Altes Mädchen, dass du das noch einmal erleben darfst!“, besann sie sich plötzlich, vom Weinen wie befreit. Nackt wie sie war, schleppte sie sich ins Bad und holte aus dem kleinen Apothekerschränkchen, das noch vom Vormieter stammte, eine Schachtel Schmerztabletten und eine Salbe gegen Blutergüsse. Von den Tabletten nahm sie gleich vier auf einmal. „Viel hilft viel“, hatte die Alte ihr damals beigebracht, und die Salbe trug sie vorsichtig auf. Sie kühlte, und tatsächlich wurden die Schmerzen schon bald so erträglich, dass sie ein Nachthemd überziehen, ins Bett kriechen und die Decke über sich breiten konnte. Ihr letzter Gedanke galt Arnie, der sie auf keinen Fall so sehen durfte. Und jetzt war sie wirklich froh darüber, dass er nach seinem gestrigen Einsatz nicht mehr bei ihr vorbeigekommen war.
Längst hatte sie die Augen geschlossen, als ihr einfiel, dass das doch so gar nicht seine Art war und dass sie ja auch gar nicht mitbekommen hatte, wie er nach Hause gekommen war. Kanopkas letzte Worte fielen ihr ein, und ein ganz böses Gefühl wollte sie überkommen. Doch als es sich auf den Weg machte, ihr Gehirn mit Sorgen zu fluten, hatten die Schmerztabletten bereits ganze Arbeit geleistet und schenkten ihr einen ruhigen, tiefen Schlaf. An Arnie könnte sie am nächsten Morgen noch genug denken, schien ihr Unterbewusstsein entschieden zu haben, jetzt musste sie erst einmal selbst wieder auf die Beine kommen. Und dazu brauchte sie dringend Schlaf.
∞
Völlig außer Puste drückte Franziska um die Mittagszeit die Glastür zum Flur der Mordkommission auf, wo sie von der langjährigen Sekretärin Ramona Meier begrüßt wurde.
„Du sollst zum Chef kommen! Der war schon zweimal bei mir, weil er wissen will, warum seine Mordkommission verwaist ist“, erklärte Ramona und verdrehte dabei zum Zeichen der Solidarität die Augen.
Franziska blieb vor Ramonas Schreibtisch stehen. „Wie kommt er darauf? Ich habe meinen Job gemacht“, rechtfertigte sie sich aufgebrachter als geplant. Nach einem sehr informativen Frühstück mit Frederike Semmelweis hatte sie sich gerade eben erst mit Schaufel, Spaten und den Proben aus der Wunde des Totengräbers abgeschleppt, um sie bei Annemarie Michel abzugeben, ihrer Kollegin aus der Kriminaltechnik.
Beschwichtigend hob Ramona die Arme. „Reg dich nicht auf. Mir musst du das auch gar nicht erklären. Obermüller hat mir nämlich schon von eurem nächtlichen Einsatz berichtet.“
„Ja, und Hannes müsste doch auch schon da sein?“ Franziska schielte auf ihre Armbanduhr. Es war fast eins. „Solange kann sein Atemkurs ja wohl nicht dauern.“
Erheitert schüttelte Ramona den Kopf. „Er ist heute früh mit Sabrina ins Klinikum gefahren. Sie bekam heute Nacht Wehen, und da wollten sie auf Nummer sicher gehen.“
„Zu viel geatmet, was?“, frotzelte Franziska.
Ramona, die selbst Mutter zweier fast erwachsener Töchter war, zuckte mit den Schultern. „Bisher habe ich noch keine Nachricht bekommen, aber ich bin mir sicher, Hannes wird sich sofort bei uns melden, wenn alles ausgestanden ist.“
Franziska ließ sich auf der Schreibtischkante nieder und seufzte in der Hoffnung, in Ramona eine verständnisvolle Zuhörerin zu finden. „Sag mal, Ramona, war das bei dir auch so kompliziert? Ich meine, wenn man miterlebt, wie sich Hannes verändert hat, dann kann man doch wirklich Angst davor bekommen, dass es einen selbst erwischt, oder?“
Ramona musterte Franziska von unten herauf. „Bist du schwanger?“
Franziska blickte verlegen auf ihre Fingernägel und beeilte sich dann zu versichern. „Nein, nein, sicher nicht. Wer sollte denn dann auch die Arbeit machen? Ich meine ja nur …“
Ramona lachte leise auf. „Mach dir keine Sorgen, Franzi. Bisher hat es noch jede irgendwie geschafft. Da werden Sabrina und Hannes keine Ausnahme machen.“
Franziska seufzte fast unmerklich. „Trotzdem macht es natürlich keinen Spaß, einen Partner zu haben, der ständig an Frau und Kind denkt. Wie soll das werden, wenn Hannes’ Würmchen erst einmal da ist?“
Ramona erhob sich und schaute Franziska direkt in die Augen. „Ich glaube, du bist einfach noch nicht wieder ganz fit. Magst du vielleicht einen Kamillentee?“ Franziska nickte, in Gedanken noch immer bei einer möglichen und ihr ganzes Leben auf den Kopf stellenden Schwangerschaft. Weil ihr das aber langsam zu viel wurde, entschied sie mit fester Stimme. „Okay, ich hör jetzt auf damit. Von nun an wird einfach ermittelt, und wenn es da ist, dann wird Hannes auch wieder tatkräftig mitarbeiten.“
„Und was, bitte, ermitteln Sie, wenn ich fragen darf?“ Unbemerkt war der leitende Kriminalhauptkommissar Schneidlinger aus seinem Büro gekommen und hatte sich zu den beiden plaudernden Frauen gesellt. Franziska fuhr herum. „Ach, Chef!“ Ihr fiel nicht gleich ein, was sie sagen sollte, weil sie nicht wusste, was er mitgehört hatte. „Hat Ihnen Obermüller noch nichts gesagt?“
„Kollege Obermüller hat mich darüber informiert, dass es heute Nacht auf dem Innstadtfriedhof einen tragischen Unfall gegeben hat. Ich warte allerdings noch auf den abschließenden Bericht“, blaffte Schneidlinger und blickte Franziska an, während diese wiederum ihren Vorgesetzten musterte. Wie immer trug er einen tadellos sitzenden Anzug, Hemd und Krawatte. Doch beim näheren Hinschauen sah er an diesem Tag wirklich schlecht aus: blass und mit tiefen Sorgenfalten um die Augen. Dabei hatte er doch erst kürzlich damit geprahlt, dass ihm so ein Virus nichts anhaben konnte, weil er mit Dreck und Mist aufgewachsen war.
Als Schneidlinger vor einigen Jahren als neuer Leiter der Mordkommission von München zu ihnen nach Passau gewechselt war, hatte es einige Unstimmigkeiten gegeben, weil er ihnen zu wenig vertraute und jedem das Gefühl gab, alles besser zu wissen. Bei ihrem ersten gemeinsamen Fall hatte er dann aber gezeigt, dass er sich nicht nur als Chef aufspielte, sondern sich auch vor seine ‚Truppe‘ stellte, wenn es hart auf hart kam. Inzwischen waren sie ein gutes Team. Doch heute musste ihm irgendetwas die Laune verhagelt haben.
„Ich ermittle, weil es sich um keinen tragischen Unfall, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach um einen versuchten Totschlag handelt“, erklärte ihm Franziska mit aufgesetzt fröhlicher Stimme.
Mürrisch schüttelte Schneidlinger den Kopf. „Und wie kommen Sie auf diesen Richtungswechsel?“
Franziska lächelte triumphierend: „Ich habe mich heute Morgen mit der behandelnden Ärztin unterhalten. Sie ist eine frühere Kollegin von Professor Wassly und …“
Obermüller war durch die offenstehende Tür seines Büros herausgetreten. Dem Geruch nach hatte er gerade mindestens drei Leberkässemmeln vertilgt. Franziska wurde flau im Magen. Wie konnte er nur? Im Gehen wischte er sich umständlich den Mund mit einer Serviette ab, bevor er nachhakte. „Und was hat sie gesagt?“
„Sie sagte, dass es sich unmöglich um einen Sturz gehandelt haben …“
In diesem Moment öffnete Kollege Hollermann die Glastür gerade so weit, dass er hindurchpasste. Er sah ähnlich schlecht wie der Chef aus: die Haare wirr, das Gesicht blass, die Mundwinkel hängend, und vor allem trug er unter seiner Regenjacke eine verbeulte Jeans und ein Hemd, das vermutlich dringend in die Wäsche gehörte. „Falscher Alarm“, erklärte Hannes, bis er zu bemerken schien, dass er gerade in ein wichtiges Gespräch geplatzt war.
Franziska, die sich ein Schmunzeln nur mit Mühe verkneifen konnte, weil es sich ja nicht um den ersten falschen Alarm handelte, schaute ihren jüngeren Kollegen nachsichtig an, bevor ihr die Frage in den Sinn kam, ob Walter sie auch so fürsorglich zum Arzt und ins Krankenhaus bringen und sich um sie kümmern würde, wenn sie nicht mehr sexy, sondern einfach nur plump und schwanger wäre.
Schneidlinger blickte den Kollegen mitleidig an, wobei Franziska diesen Blick als ein Da-machen-wir-Männer-aber-auch-was-mit deutete. Oder würde Walter genau das nicht mitmachen und seine schwangere Frau, wenn es darauf ankam, sitzen lassen und sich in der Wartezeit mit anderen, nicht-schwangeren Frauen vergnügen?
Innerlich rief Franziska sich zur Ordnung. Langsam nervten sie diese ständigen Gedanken rund um eine Schwangerschaft. Sie wollte kein Kind, sie wollte ermitteln. Darum ging sie auf Hannes zu, wickelte ihm den von Sabrina selbstgestrickten Schal ab und warf ihn achtlos auf einen Stuhl vor Ramonas Schreibtisch. Dann packte sie ihren Kollegen bei den noch in der Regenjacke steckenden Schultern und schüttelte ihn. „Da hast du ja jetzt wieder Zeit, um mit mir zu ermitteln – wir haben nämlich einen neuen Fall!“, erklärte sie lebhaft und schenkte Schneidlinger ihr allerschönstes Lächeln, bevor sie weiter berichtete: „Der Totengräber von letzter Nacht wurde nämlich niedergeschlagen und in die Grube geworfen, und so wie es aussieht mit seiner eigenen Schaufel.“ Das saß. Auch bei Schneidlinger.
„Wie kommen Sie …“, wollte der schon loslegen, wechselte dann aber einen Blick mit Obermüller, der gelassen alles von der Tür aus beobachtet und nur mit den Schultern gezuckt hatte, holte tief Luft und forderte mit fester Stimme: „In mein Büro! Alle!“
„Soll ich Kaffee bringen?“, fragte Ramona noch, und Franziska wartete gespannt auf Schneidlingers Reaktion. Doch dieser winkte nur unwirsch ab.
Begleitet von Obermüllers Zwischenrufen, schilderte Franziska die Situation der vergangenen Nacht und fügte dann genüsslich an, was sie am Vormittag von Frederike erfahren hatte.
„Und es war wirklich kein Alkohol im Spiel?“, wollte Obermüller ungläubig wissen. „Wir hätten doch schwören können …“
„Du hättest schwören können“, korrigierte Franziska mit einem kleinen Augenzwinkern und fügte dann hinzu: „Nein, es war definitiv kein Alkohol im Spiel.“ Und dann wiederholte sie die Erklärung, mit der ihr Frederike klar gemacht hatte, dass der Totengräber ein Fall für die Kripo war.
„Damit scheint es also ausgeschlossen, dass der Friedhofsangestellte nur versehentlich in die Grube gefallen ist?“, hakte der Chef nach, und als Franziska nickte, stand er auf und lief zwischen seinem Schreibtisch und den Kollegen, die nicht alle einen Platz gefunden hatten und sich stattdessen an einer der Wände anlehnten, hin und her. Schneidlinger bedachte jeden mit einem kurzen Blick. Selbst Ramona, deren Vorschlag, Kaffee zu bringen, er ungewohnt und rüde abgewiesen hatte. Was Franziska kurz überlegen ließ, ob es ihn vielleicht doch auch erwischt hatte.
„Wenn der Mann brutal niedergeschlagen, getreten und anschließend in die Grube geworfen wurde, dann gilt es ab jetzt, diesen jemand so schnell wie möglich zu finden“, erklärte er, indem er jedes einzelne Wort sorgfältig betonte. „Wo kommen wir denn hin, wenn man noch nicht einmal mehr auf dem Friedhof sicher ist?“
Franziska nickte heftig, Obermüller eher skeptisch, und Hannes sah aus, als wolle er im nächsten Moment einschlafen.
„Wer macht denn so was?“, ließ sich Ramona mit einem schaudernden Flüstern vernehmen. „Einen Totengräber auf dem Friedhof niederschlagen? Das macht man doch nicht!“
Schneidlinger wandte sich zu Ramona um und ließ seinen Blick eine Weile auf ihr ruhen. „Das sollte zu klären sein“, mutmaßte er und sah Franziska an: „Gibt es bereits einen Ansatz?“
„Nein, nicht wirklich. Wir gingen ja von einem Unfall aus.“ Franziska blickte zu Obermüller, aber der schien sich auch nicht rechtfertigen zu wollen.
„Und jetzt gehen Sie eben von einem versuchten Totschlag oder sogar von einem Mordversuch aus!“, polterte Schneidlinger und Franziska fragte sich erneut, ob das wirklich nur an dem Virus liegen konnte, denn normalerweise benahm er sich nicht wie ein Sklaventreiber, zumindest nicht in dieser frühen Phase der Ermittlungen.
„Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten“, versuchte Franziska sich in einem Ansatz und warf Hannes dabei einen beschwörenden Blick zu. Es schien ihr mehr als fraglich, ob mit ihm überhaupt etwas anzufangen sei.
„Entweder kamen der oder die Täter zufällig vorbei und nutzten die Möglichkeit, einen wehrlosen Mann ungesehen zusammenzuschlagen, oder aber es legte sich jemand gezielt auf die Lauer, weil er mit Arnold Schwarzenflecker noch eine Rechnung offen hatte. So oder so nutzte jemand die Gelegenheit, den Totengräber nachts allein auf dem Friedhof anzutreffen.“ Franziska holte Luft. „Aber das ist alles nur Spekulation, reine Theorie.“
Endlich wandte sich Schneidlinger wieder seiner Oberkommissarin zu. „Konnten Sie denn den Mann inzwischen vernehmen? Kann er etwas zur Aufklärung des Tathergangs beitragen?“
Franziska schüttelte den Kopf. „Nein, leider! Der Mann hat eine schwere Kopfverletzung und wurde sediert.“
„Dann bleiben Sie an ihm dran, und ich setze den Oberstaatsanwalt ins Bild.“
∞
„Bitte, sagen Sie doch einfach Arnie zu mir!“, forderte der Totengräber, und zum ersten Mal, seit Franziska am vergangenen Abend seine Bekanntschaft gemacht hatte, hatte sie das Gefühl, dass er wirklich wusste, was er gerade sagte.
Noch immer war sein Kopf bandagiert, und etliche Schläuche, die in seinen Körper hinein- und wieder herausführten, zeigten, wie ernst sein Zustand eingeschätzt wurde. Ein mögliches Gehirnödem dürfe man niemals verharmlosen, hatte ihr Frederike gerade erst noch einmal erklärt, um sie gleich darauf zu bitten, das Gespräch nicht in die Länge zu ziehen. Der Patient und vor allem sein Gehirn bräuchten jetzt Ruhe.
Insofern passte es gut, dass Franziska Hannes angeboten hatte, im Auto auf sie zu warten, während sie nachsehen wollte, ob Arnold Schwarzenflecker schon vernehmungsfähig war.
„Arnie“, begann die Kommissarin und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, „Ihr Handy ist bei Ihrem Sturz in die Grube kaputt gegangen. Gibt es jemanden, den ich für Sie verständigen kann? Frau, Kinder oder Ihre Eltern?“
Der Totengräber schüttelte den Kopf. „Nein, niemand.“
Franziska seufzte. „Wir haben begründete Hinweise dafür gefunden, dass man Sie niedergeschlagen hat. Erinnern Sie sich inzwischen, was passiert ist?“ Franziska blickte den Verletzten aufmerksam an, sie lechzte nach Informationen.
Doch der Totengräber schloss die Augen und schwieg, und nach einer ganzen Weile glaubte Franziska, er wäre vielleicht schon wieder eingeschlafen. Ein wenig enttäuscht schaute sie sich im Zimmer um, aber außer seiner dicken Jacke, die an einem Haken neben der Tür hing, konnte sie nichts Persönliches entdecken. Der Kommissarin wurde bewusst, dass noch niemand bei ihm war, um Blumen oder eine Schachtel Pralinen zu bringen.
Franziska machte zwei Schritte in Richtung Tür, schaute kurz zu Arnie, der sich noch immer nicht rührte, und schob dann schnell ihre Hand in jede der aufgesetzten Taschen. Aus der einen fischte sie den Haustürschlüssel und eine kleine Mappe mit seinen Ausweispapieren, die Obermüller schon in der Nacht angesehen hatte. Sie steckte beides zurück. Aus der anderen Tasche holte sie ein paar Münzen und eine alte Zeitung heraus. Franziska wollte sie gerade näher betrachten, als es an der Tür klopfte und die Krankenschwester den Kopf hereinsteckte, um zu fragen, ob alles in Ordnung wäre. Hastig stopfte Franziska Zeitung und Münzen zurück. „Ja, danke. Ich bin ohnehin gleich weg“, versicherte sie, ohne Anstalten zum Gehen zu machen.
Franziska trat ans Fenster, und nachdem sich Arnie noch immer nicht rührte, schaute sie hinaus. Von hier oben konnte man direkt auf die Kinderstation blicken. Die erkannte sie, weil dort lauter Abziehbilder an den Fenstern klebten. Irgendwo da unten hatte Hannes mit Sabrina die letzte Nacht verbracht. War auf- und abgelaufen und hatte sich sicher auch gewünscht, es wäre bald vorbei und das Baby endlich da. Im Fernsehen sah man ja ständig Entbindungen, die unter schrecklichen Schmerzen und am Limit der mütterlichen Kräfte abliefen. Ramona hatte ihr erklärt, das wäre alles nur Show. „Du kannst nicht pressen und gleichzeitig schreien!“ Trotzdem versuchte Franziska genau in diesem Moment sich vorzustellen, wie es sein würde, und dann war ihr klar, dass sich Hannes und auch Sabrina bestimmt die gleichen Fragen stellten und sie total ungerecht über die beiden dachte.
Wenn Hannes’ Baby auf der Welt sein würde, so beschloss sie, würde sie Sabrina einen Besuch abstatten und ihr ein hübsches Geschenk für das Kleine mitbringen. Schon um sich ‚das Wurm‘, wie sie das Baby gern betitelte, genau anzusehen. Bisher hatte Hannes noch niemandem verraten, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird.
Vielleicht sollte sie in den nächsten Tagen mit Ramona darüber sprechen. Ramona hatte für so etwas Gespür und immer die richtige Idee für passende Geschenke, und vor allem kannte sie sich mit den Gefühlen junger Mütter aus.
„Nein, tut mir leid, es ist alles wie abgeschnitten.“ Franziska erschrak, weil sie vor lauter Strampelhosen, Babyglück und Hannes gar nicht mehr mit einer Antwort gerechnet hatte. Sie drehte sich um und blickte dem Totengräber direkt in die Augen. Franziska wandte sich vom Fenster ab und Arnie in seinem Bett zu.
„Aber Sie wissen noch, dass Sie auf dem Friedhof waren?“ Die Kommissarin beschloss, einfach weiter vorne anzusetzen.
„Ja, natürlich.“ Jetzt nickte er heftig, verzog gleich darauf aber das Gesicht, er schien Schmerzen zu haben. Trotzdem antwortete er tapfer. „Ich hab mir schon am Vormittag alles bereit gelegt und den Bagger hingefahren, damit es am Abend nicht so lange dauert.“
„Ist das üblich? Ich meine, kommt das öfter vor, dass Sie so spät abends ein Grab ausheben?“
„Nein, das machen wir nur bei einer Umbettung, weil das die Besucher des Friedhofs nicht mitbekommen sollen. Man weiß ja nie, in welchem Zustand sich der Leichnam befindet. Ist das wichtig?“
„Es könnte wichtig sein, nämlich dann, wenn jemand damit rechnen konnte, Sie dort anzutreffen. Oder haben Sie vielleicht sogar jemanden durch das Graben gestört?“ Franziska blickte den blassen Totengräber auffordernd an, doch der zuckte erneut nur vorsichtig mit den Schultern.
Die Kommissarin war sich nicht sicher, wie viel sie ihm zumuten durfte, und war dann umso erstaunter, als er zurückfragte: „Sie denken, Theo Koller wollte gar nicht nach Berlin umziehen und hat mich daher zu sich heruntergezogen?“
Über diese Vermutung war Franziska zunächst sprachlos. „Nein, ich denke eher, dass es jemanden gibt, der es auf Sie abgesehen hatte.“ Sie lächelte den Totengräber nachsichtig an. „Arnie, haben Sie Feinde? Gibt es einen Menschen, der Ihnen so etwas antun könnte?“
Wieder schloss der Totengräber die Augen, deshalb blieb Franziska einfach neben seinem Bett stehen und wartete, bis er sie wieder öffnen und ihr erklären würde, nach wem sie zu suchen hatte.
„In meinem Beruf hat man keine Feinde“, erklärte Arnie auf einmal, und Franziska dachte: „Was hat das mit dem Beruf zu tun?“
„Hören Sie, Herr Schwarzenflecker, also Arnie: Theo Koller hat Sie ganz sicher nicht niedergeschlagen! Es muss also jemanden geben, der entweder eine Mordswut auf Sie hat oder sich einen Spaß daraus gemacht hat, Sie so zuzurichten. In beiden Fällen möchte, nein muss ich diesen Jemand finden. Er oder sie hat ein Verbrechen begangen. Sie sollten also auf jeden Fall noch einmal darüber nachdenken, wer dafür infrage kommt. Wenn es nicht nur ein übler Spaß war, dann könnte er oder sie es nämlich noch einmal versuchen.“ Und dann schloss die Kommissarin kurz die Augen und nickte dabei, was Arnie für einen freundlichen Ratschlag halten sollte, und sie hoffte nur, dass er ihn auch beherzigen würde.
„Ich lasse Ihnen auf jeden Fall meine Karte da!“ Sie legte sie ihm auf den Bettcontainer neben Joghurt und Banane. „Ach und, Arnie, wäre es in Ordnung für Sie, wenn ich Ihren Wohnungsschlüssel mitnehme? Dann könnte ich Ihnen Wäsche und Waschzeug holen, oder gibt es jemanden, der Ihnen etwas vorbeibringen kann?“ Geduldig wartete Franziska auf seine Antwort, denn Arnie hatte seine Augen bereits wieder geschlossen. Sein Atem ging flach. Er schien zu schlafen. „Das wäre sehr nett von Ihnen“, versicherte er.
Franziska verabschiedete sich und wünschte ihm gute Besserung. Auf dem Weg zur Tür klimperte sein Schlüssel leise in Franziskas Tasche. Wenn Arnie ihr nicht weiterhelfen wollte oder konnte, musste sie eben selbst sehen, wie sie ihn schützen konnte.
∞
Mal stöhnend, mal fluchend schleppte sich Daniela an der Wand entlang bis zum Klo, wo sie sich auf den Sitz fallen ließ. Mit Hilfe der starken und viel zu hoch dosierten Schmerztabletten aus dem Vorrat ihres Vormieters waren ihr einige Stunden Schlaf vergönnt gewesen. Nun aber drangen die Schmerzen mit Wucht zurück in ihr Bewusstsein. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es inzwischen war, fühlte weder Hunger noch Durst, sondern einzig den Schmerz, der in ihrem gesamten Körper wütete.
Zwischen den blickdichten Vorhängen fiel ein schmaler Streifen trübes Tageslicht herein. Das konnte um diese Jahreszeit viel bedeuten: neun Uhr morgens oder zwölf Uhr mittags. Sie rappelte sich von der Kloschüssel hoch, ließ Wasser in ihren Zahnputzbecher laufen und torkelte wie eine Betrunkene, mühsam den Becher ausbalancierend, zurück zum Bett, wo die Tablettenschachtel auf dem Nachtkästchen bereit lag.
Benommen ließ sie sich in die Kissen sinken und fingerte zwei Tabletten aus der Packung. Mehr wollte sie nicht nehmen; sie wusste, früher oder später würde Arnie bei ihr auftauchen, und wenn er sie dann so zugedröhnt im Bett finden würde, wäre er sicher nicht begeistert. Sie würde ihm eine Begründung für ihren Zustand anbieten müssen, und sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Außer, natürlich, die Wahrheit. Dumm nur, dass er genau die niemals erfahren durfte. Mit zwei großen Schluck Wasser spülte Daniela die Tabletten hinunter.
Eine halbe Stunde später setzte die Wirkung ein und sie konnte wieder etwas klarer denken. Inzwischen wusste sie, dass es bereits früher Nachmittag war. Sie kletterte aus dem Bett und schleppte sich in die Küche, wo sie extra viel Pulver in den Filter gab, bevor sie die Kaffeemaschine anwarf.
Während sie am Küchentisch saß und schlückchenweise den Kaffee trank, versuchte sie, sich eine Erklärung für ihren Zustand zurechtzulegen. Eine, die glaubhaft war, aber nichts verriet. Plötzlich hielt sie inne. Seltsam, dachte sie. Wie seltsam, dass Arnie noch nicht gekommen war. Und dann überkam sie die Vorahnung, die sie schon vor dem Einschlafen in der Nacht gehabt hatte, und ihr wurde speiübel. Aber diesmal waren es nicht die Schmerzen und nicht die Tabletten. Es war das sichere Wissen, dass mit Arnie etwas passiert sein musste.
Nach einer Nachtschicht wie der gestrigen hatte er am nächsten Tag frei. Daniela hatte heute auch frei, zum Glück, und das wusste Arnie auch. Alarmiert hievte sie sich vom Stuhl hoch, zog den Vorhang zur Seite und blickte in den Hof. Arnies Auto stand nicht an seinem Platz.
Daniela tastete sich ins Bad. Der Cocktail aus Kaffee und Schmerztabletten half ihr auf die Beine. Trotzdem kostete es sie viel Mühe, das Nachthemd über den Kopf zu schieben, in die Badewanne zu klettern und die Dusche anzustellen. Erst warm und nach dem Abseifen kalt. Sie mochte das kalte Wasser nicht, aber heute brauchte sie diesen Kick. Nachdem sie sich vorsichtig abgetrocknet und die Zähne geputzt hatte, bedeckte sie die durch Tritte und Schläge entstandenen Blutergüsse mit einer dünnen Salbenschicht und suchte ihre Schminkutensilien zusammen, um die Spuren der Misshandlung zu überdecken. Fürs Spurenverwischen hatte Daniela ein besonderes Händchen.
Vor dem Kleiderschrank zögerte sie nicht lange, nahm ein Strickkleid mit Rollkragen und eine blickdichte Strumpfhose heraus und zog sich vorsichtig an. Anschließend klaubte Daniela beide Wohnungsschlüssel vom Haken und lauschte ins Treppenhaus. Heute konnte sie auf ihrem Weg in Arnies Wohnung noch weniger Aufsehen als sonst gebrauchen. Gott sei Dank war kein Ton zu hören, und so schlich sie die Stufen hinauf. Doch kaum hatte sie den Schlüssel ins Schloss gesteckt, da hörte sie von unten Stimmen. „Typisch!“, dachte sie verärgert, und „ausgerechnet heute!“ Sie fluchte leise.
„Er wohnt im ersten Stock!“, erklärte eine Frauenstimme nachdrücklich.
Daniela erschrak. Im ersten Stock wohnte nur Arnie. Wer also mochte auf dem Weg zu ihm sein? Die Stimme sagte ihr gar nichts, aber die Besucher bewegten sich den Hausflur entlang in Richtung Treppe.
„Hast du den Schlüssel?“ Das war ein Mann.
Daniela ließ von der Tür ab. Wenn der Unbekannte einen Schlüssel für Arnies Wohnung hatte, sollte sie besser nicht drin sein. Das würde nur unnötige Fragen aufwerfen. Verflixt, die Tabletten bremsten sie aus. „Denk schneller, Daniela“, trieb sie sich an und blickte sich um. Was sollte sie machen? Sie hörte die ersten Schritte auf der Treppe. Hastig schlüpfte sie aus ihren Schuhen, bückte sich nach ihnen und schlich, so schnell es ihre Füße erlaubten, weiter die Treppe hinauf, wo sie gerade den zweiten Absatz erreichte, als die Stimmen offensichtlich im ersten Stock angekommen waren. Sie vernahm ein Klopfen, dann hörte sie, wie der Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde, und schließlich, wie die Tür leise aufschwang.
„Und du glaubst wirklich, dass du hier etwas findest, was uns zum Täter führt?“, fragte jetzt die Männerstimme. Um besser hören zu können, beugte sich Daniela über das Geländer und betete im Stillen, dass sie der alte Herr aus der oberen Wohnung nicht entdecken würde.
„In erster Linie sind wir hier, um einige Sachen zu holen. Der arme Mann ist allein. Hat niemand, der für ihn sorgen kann. Als ich ihn im Klinikum besucht habe, hatte ich das Gefühl, dass er richtig froh darüber ist, dass ich ihm etwas vorbeibringe.“ Diese Aussage klang sachlich, allein der Unterton verriet Daniela, dass sie noch etwas anderes im Schilde führte. Bevor der Mann darauf antworten konnte, wurde die Tür von innen geschlossen.
Täter, Klinikum, Sachen holen. In Danielas Kopf wirbelten die Informationen wild durcheinander und machten ihr vor allem Angst. Was war mit Arnie passiert? Und warum erzählte er, dass er ganz allein war?
Um mehr zu erfahren, stieg sie vorsichtig die Treppe wieder hinunter und stellte sich lauschend vor die Wohnungstür. Wenn Arnie im Klinikum war, dann stimmte tatsächlich etwas nicht mit ihm. Der Mann hatte nach einem Täter gefragt. Was für ein Täter, fragte sich Daniela. Kanopka?
Sie wollten ihm Sachen holen, weil „der arme Mann“ allein lebte. Aber warum rief er sie denn dann nicht einfach an? Sie würde ihm doch alles bringen, was er brauchte. Daniela blickte an sich hinunter und zögerte. So wie sie zugerichtet worden war, wäre es nicht einfach, durch die Stadt und ins Klinikum zu gehen. Doch dann fiel ihr ein, dass Arnie ja gar nicht wissen konnte, dass Kanopka sie verprügelt hatte.
Sie lauschte weiter an der Tür, konnte aber nichts hören. Sie mussten im Schlafzimmer sein. Herrje! Daniela fiel ein, dass dort ja noch ihre Sachen von ihrem letzten Besuch herumlagen.
„Nichts. Wie ich vermutet habe“, vernahm sie nach einer gefühlten Ewigkeit die Stimme der Frau, und Daniela war klar, dass es sich bei ihr nur um eine Polizistin handeln konnte. Der Mann, vermutlich ihr Kollege, brummte nur, zumindest hörte es sich durch die geschlossene Wohnungstür so an. Die Frau war eindeutig diejenige, die das Sagen hatte.
„Was hast du erwartet?“ Ja, das würde Daniela auch interessieren. „Drohbriefe?“
Drohbriefe! Daniela fuhr zusammen. Wer sollte Arnie drohen und vor allem warum? Da wurde ihr klar, dass sie, Daniela, einen Menschen kannte, der Arnie bedrohen könnte. Sie kannte sogar einen Menschen, der ihren Liebsten tatsächlich auch bedroht hatte. Konnte das sein? Würde Kanopka …? Dieser Scheißkerl tat manches, aber er würde nie, niemals einen Drohbrief schreiben. Trotzdem war sich Daniela sicher, dass es nur einen gab, der Arnie ins Krankenhaus gebracht haben konnte: Kanopka! Du Schwein!
„Lass uns gehen, hier gibt es nichts“, erklärte die Frau dicht hinter der Wohnungstür, und Daniela erkannte, sie musste weg. Dringend!
Auf keinen Fall durfte sie diesem Polizisten-Pärchen in die Hände fallen. Denn sonst würde sie sich genau diese Fragen, die die beiden sich gerade gegenseitig gestellt hatten, auch anhören müssen. Und sie hatte auf keine davon eine Antwort. Zumindest keine, die sie den beiden präsentieren konnte. Sie bückte sich gerade nach ihren Schuhen, als sie auch schon sah, wie die Wohnungstür langsam aufging. Oh nein, dachte Daniela verzweifelt und suchte hektisch nach einer plausiblen Ausrede. Aber nachdenken und weglaufen funktionierten nicht parallel. Nicht nach der Dosis chemischer Helferlein, die sie in sich hatte. Nicht mit ihren Beinen. Sie schloss die Augen. Das kannte sie von früher: Wenn du nicht weglaufen kannst, dann stell dich am besten tot.
Als ein Handyton erklang, wusste sie zunächst gar nicht, wie ihr geschah. „Obermüller, was gibt es?“ Die Wohnungstür wurde wieder geschlossen. Was immer der Anrufer wollte, Obermüller war ihr rettender Engel. Zumindest in diesem Moment.
∞
Als Arnie das nächste Mal erwachte, erinnerte er sich nicht nur daran, dass die junge, hübsche Ärztin mit den frechen, kurzen und sehr blonden Haaren immer wieder nach ihm gesehen hatte, sondern auch an eine junge Frau von der Polizei.
Sie hatte an seinem Bett gestanden und jede Menge Fragen gestellt. Fragen, auf die auch er gerne eine Antwort gewusst hätte. Warum war das alles ausgerechnet ihm passiert? Dieser Gedanke bohrte ständig in ihm, aber nie gelang es ihm, lange genug wach zu bleiben, um darüber nachdenken zu können.
Die Ärztin hatte ihm geraten, sich ruhig zu verhalten, doch wie sollte er das machen, wenn sich schon nach dem nächsten Nickerchen das Gedankenkarussell erneut und heftig zu drehen begann? Tatsächlich schien es viel einfacher, eine Polizistin loszuwerden, als die Bilder in seinem Kopf zu beruhigen.
Auch jetzt blitzten vor seinem geistigen Auge die Urne und die in Folie gepackten Goldbarren auf, und zum ersten Mal schaffte er es über diesen Punkt hinaus. Urnen bekam er ständig zu Gesicht, aber noch niemals hatte er eine in Händen gehalten, die mit lauter kleinen Goldbarren gefüllt war. Konnte so eine Vorstellung überhaupt real sein, oder spielte ihm sein Gehirn nur einen üblen Streich? Die Polizistin hatte ihm viele Fragen gestellt und sich dann seinen Wohnungsschlüssel genommen, um ihm Wäsche zu bringen, wie sie ihm erklärt hatte. Das Gold hatte sie nicht erwähnt. Demnach hatten sie es nicht gefunden.
Arnie dachte an die Nacht in der Grube. Wie war das? Er hatte den Sarg erreicht und die Gebeine Theo Kollers freigelegt.
Er sah das Holz vor sich, das Holz des verrottenden Sarges und dann das Blitzen von Metall. Eine Urne. Er hatte sich gewundert, das schon, aber er hatte seine Sinne nicht angezweifelt. Er war einfach davon ausgegangen, dass es für dieses Gefäß eine Begründung geben würde. Darum hatte er es ja auch aus der Grube gehoben und auf seine Jacke gestellt. Das alles hatte er sich nicht eingebildet, das alles war genauso gewesen, wie er sich jetzt in diesem Moment daran erinnerte.
Das Denken strengte ihn an. Seine Überwachungsgeräte bemerkten das und piepsten alarmierend. Eine Schwester kam eiligen Schrittes herein, überprüfte die Anzeigen auf dem Display und die Sequenz der Infusion, dann fragte sie ihn, ob alles in Ordnung sei oder er etwas brauche. Arnie bat um ein Glas Wasser und beruhigte sich wieder.
Als die Schwester gegangen war, nahm er seine Überlegungen wieder auf. Wie weit war er gekommen, bevor seine Roboter am Bett Alarm gedudelt hatten? Die Urne, genau! Er hatte sie geöffnet, weil die Berliner Kollegen noch nicht da waren. Und dann hatte er das Gold gesehen. Lauter in Folie eingeschweißte kleine Barren. Er hatte sie in den Friedhofsschuppen bringen wollen, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wie weit er gekommen war. Und dann war es dunkel geworden. Auf dem Weg zum Schuppen. Aber warum?
Die Kommissarin hatte gesagt, dass er niedergeschlagen worden war und dass es dafür einen Grund geben musste. Aber sie hatte ihm nicht sagen können, um welchen Grund es sich dabei handelte. Tatsächlich schien sie selbst etwas ratlos zu sein. Arnie schloss die Augen. Er solle nicht an das denken, was mit ihm passiert war, er solle froh sein, dass alles nicht schlimmer gekommen war, hatte die Ärztin gesagt. Aber so leicht, wie die freche Blonde sich das vorstellte, war es nun mal nicht.
Die Kommissarin hatte gefragt, ob er Feinde habe, und er hatte verneint. Natürlich hatte er keine Feinde. Er hatte ja auch keine Freunde, und er besaß ja auch kein Geld oder sonst etwas. Er hatte nur seinen Job und seit einiger Zeit Daniela. Auch wenn es ihm so vorkam, als wäre sie schon immer bei ihm, weil er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen konnte.
Das Gold hatte ihm nicht gehört. Natürlich nicht. Aber er brauchte es – eben für Daniela. Damit sie nicht länger bedroht wurde.
Er wusste nicht mehr genau, was und wem er gestern Abend von seinem Fund erzählt hatte, aber er erinnerte sich ganz fest daran, dass ihn der dicke Polizist ausgelacht hatte. Auch an die beiden Bierflaschen, die er ihm vor die Nase gehalten hatte, erinnerte er sich nur zu gut. Er hatte ihm unterstellt, bei der Arbeit zu trinken! Als ob er das nötig hätte!
All diese Gedanken machten Arnie ganz schwindelig. Er musste sich wirklich ausruhen, am besten sofort wieder einschlafen, da hatte die Ärztin recht, denn letztlich brachte ihn das ganze Nachdenken ohnehin nicht weiter.
Er wandte den Kopf und blickte zum Fenster hinaus. Draußen war es dämmrig, ob früh oder spät, ließ sich nicht sagen, denn der Nebel verschluckte alle Facetten, genau wie in seinem Kopf. Goldbarren, ausgerechnet im Sarg von Theo Koller. Ob das wirklich einen Sinn ergeben konnte?
Seine Mutter hatte ihm oft zu erklären versucht, dass das, woran man intensiv dachte, wie ein Sich-etwas-wünschen sei; und was man sich ganz fest wünschte, das zog man auch an. Als ob man dem Wunsch Energie verleihen würde, und darum würde er wahr werden. Irgendwie. Wie genau, das hatte sie nie erklärt und vielleicht auch gar nicht gewusst. Aber es sollte funktionieren, egal ob es sich um etwas Gutes oder etwas Schlechtes handelte. Das war der Grund, warum man nie leichtfertig mit seinen Wünschen umgehen und seine Gedanken immer schön im Zaum halten sollte, hatte sie stets hinzugefügt.
Genau wie sein Vater hatte er sie dafür belächelt, natürlich nur im Stillen und nie so, dass sie es mitbekam. Als sie dann diesen Krebs bekam, der sich rasant ausbreitete und sie so grausam dahinraffte, und als wenig später auch sein Vater an einem Herzinfarkt starb, hatte er endgültig aufgehört, an ihre Wünscherei zu glauben. Schon weil er sich nicht vorstellen mochte, dass sie sich dieses Ende so gewünscht hatte.
Doch jetzt, hier in diesem Krankenhausbett, schienen ihm die Behauptungen seiner Mutter die einzige Erklärung dafür, was er in der gestrigen Nacht erlebt hatte. Vielleicht weil er sich noch nie zuvor etwas so sehr gewünscht hatte.
Seit Tagen hatte er an nichts anderes gedacht als daran, wie er zu Geld kommen konnte, um Daniela zu retten. Selbst in der Nacht, während er das Grab ausgehoben hatte, hatte er nur an sie gedacht und an ihr Problem. Ohne eine Ahnung davon zu haben, wie er dieses Problem angehen sollte, und ohne zu wissen, von wie viel Geld die Rede war. Er hatte einfach gegraben und gegraben und war dabei auf einen Behälter voller Gold gestoßen. Einfach so. Und wenn er nicht im letzten Moment niedergeschlagen worden wäre, dann wäre er jetzt all seine Sorgen los. Natürlich war ihm bewusst gewesen, dass ihm dieser Schatz nicht gehörte, aber da er in einem Sarg gelegen hatte, war er praktisch herrenlos, und somit hätte er ihn ruhig an sich nehmen dürfen, entschied er noch einmal, um sein Gewissen zu beruhigen.
Das Gold gehörte ihm und sonst niemandem, und plötzlich wusste Arnie, was er machen würde. Einen Plan schmieden. Er würde sich überlegen, wie er den Schatz zurückholen könnte. Doch bevor er auch nur Vermutungen anstellen konnte, wo das Gold inzwischen war und ob so ein Plan überhaupt gelingen mochte, geschweige denn, wie er aussehen sollte, war er auch schon wieder eingeschlafen.
∞
Als ihn das Smartphone am nächsten Vormittag aus seinem komatösen Schlaf riss, räusperte sich Kanopka umständlich und starrte auf das Display. Die Nummer sagte ihm nichts, also konnte es jeder sein. Von der Telefonwerbung bis zu Daniela, die sich bei ihm für ihren Starrsinn entschuldigen wollte, was ihm am liebsten wäre.
Mit einem zögerlichen: „Was is los?“, nahm er den Anruf entgegen und wollte sie schon anraunzen, als er seinen Denkfehler erkannte: Daniela besaß seine Nummer nicht. „Ist alles in Ordnung, Kanopka?“, fragte der Graf. „Du hörst dich seltsam an.“ Er wollte gerade behaupten, dass das nur an der schlechten Verbindung im Grenzgebiet lag, als der Graf hinzufügte: „Du hast doch nicht etwa getrunken?“
Kanopka schüttelte den Kopf und brachte dann immerhin ein: „Wo denken Sie hin!“ heraus. Der Graf hielt nichts vom Saufen, einzig einen Schnaps duldete er, einen einzigen nur und ausschließlich nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss. Der aber war noch lange nicht in Sicht.
„Hast du dir alles angeschaut?“, fragte er jetzt, und Kanopka begann zu schwitzen. „Ja, Chef, hab ich, es gibt kein Schlupfloch, das ich nicht kenne.“
„Gut!“ Der Anrufer schien nicht restlos überzeugt zu sein. „Ich gebe dir jetzt durch, wo du die Lieferung abholst“, erklärte er ihm, ohne zu sagen, worum es überhaupt ging. „Bist du allein?“ Kanopka nickte. „Keine Weibergeschichten?“ Wieder wollte er sich auf ein Nicken beschränken, doch dann fiel ihm ein, dass das der Graf ja nicht sehen konnte. „Nein Chef, keine Weiber, kein Alkohol, ich lebe wie ein Priester im Seminar.“
Einen Moment war es ruhig in der Leitung und Kanopka fürchtete schon, er habe das Gespräch unterbrochen. „Du bist doch nicht etwa in einem Pfarrhaus untergekommen?“, lachte der Graf, was selten genug passierte.
Trotz seines Brummschädels konnte sich Kanopka ein Lächeln nicht verkneifen. Jetzt wusste er wenigstens, dass das Wohnmobil nicht verwanzt war. „Nein, ich hab mir ein hübsches Plätzchen am Stadtrand gesucht. Praktisch direkt an der Grenze.“
„Gut!“, beschied der Graf, und dann gab er die angekündigten Daten durch. „Kannst du dir das merken? Du weißt, dass nichts mitgeschrieben wird!“ Kanopka brummte eine Zustimmung und zog hastig einen Zettel unter der leeren Schnapsflasche hervor. In seinem Zustand musste er auf Nummer sicher gehen. „Weißt du, wo das ist?“, wollte der Graf jetzt wissen, und Kanopka legte etwas Begeisterung in seine Stimme: „Na logo, Chef, ist praktisch mein zweites Zuhause, und schließlich weiß ich, was außer den Flüchtlingen noch so über die Balkanroute ins Land kommt.“
„Du weißt, worum es geht?“ Der Graf schien verwundert.
„Na Waffen, oder?“ Kanopka hielt die Luft an.
„Melde dich, wenn du ankommst, und warte auf den Anruf.“ Der Graf schien nicht auf seine Vermutung eingehen zu wollen.
„Alles klaro, Chef, wie immer halt“, kommentierte Kanopka den üblichen Vorgang.
„Dein vorlautes Maul wird dich noch mal deinen Kopf kosten“, drohte der Graf, woraufhin Kanopka wieder kleinlaut wurde. Er wusste, was das zu bedeuten hatte, und hätte die weitere Erklärung nicht mehr gebraucht, um zu verstehen, was für ihn auf dem Spiel stand. „Wenn du auffliegst, warst du es allein, hast du verstanden?“ Kanopka nickte. „Wenn du redest, bist du tot! Hast du verstanden?“ Wieder nickte er. „Ob du verstanden hast, will ich wissen!“ In der Stimme des Grafen lag Schärfe, und er beeilte sich mit der Antwort. „Ja, hab’ ich, Chef. Sie können sich auf mich verlassen“, sagte er und schob zur Bekräftigung hinterher: „Sie können sich auf mich …“ Aber da erkannte er, dass der Graf bereits aufgelegt hatte.
Kanopka starrte noch eine Weile sein Smartphone an, dann legte er den Zettel mit der Adressnotiz unter eine Schnapsflasche und kletterte aus dem Wohnmobil. Feuchtkalter Nebel schlug ihm entgegen, und er erleichterte sich rasch an der Brombeerhecke. Zurück im Wohnbereich schaltete er die Kaffeemaschine an, musste aber feststellen, dass der Wasserbehälter leer war. Er drehte den Hahn auf, doch auch hier kam kein Tropfen heraus. Missmutig schnappte er sich den 10-Liter-Kanister und machte sich auf den Weg zum Stall. An der Außenmauer des Bauernhofs gab es einen Wasserhahn, den konnte er benutzen. Wenn er mehr wollte, musste er Bescheid sagen. Soweit die Abmachung, an die sich Kanopka nie hielt. Denn natürlich hatte er längst herausgefunden, wo der Typ das inzwischen geerntete Gras lagerte, und natürlich hatte er sich auch schon hin und wieder aus dem üppigen Vorrat bedient.
Nachdem er den Kaffee getrunken hatte, begann er, die Angaben des Grafen auswendig zu lernen. Jener hatte ihm nicht wirklich gesagt, um welche Art Ware es sich handelte. Aber anhand der Adresse hatte Kanopka zumindest eine gewisse Ahnung, und vielleicht würde er es auch noch herausbekommen. Noch einmal starrte er auf den Zettel, und als er sicher war, dass er sich alles gemerkt hatte, knüllte er das Papier zusammen und warf es mit Schwung zu dem restlichen Müll auf den Boden. Später würde er alles entsorgen, aber jetzt musste er erst einmal wieder nüchtern werden. „Daniela, ich komme“, murmelte er und fand den Wortwitz gelungen: Ich komme – genau! War viel zu lange her, dass er es der Schlampe besorgt hatte. Erst ein wenig weichklopfen, dann ein wenig weichstoßen. Ein Kinderspiel.
∞
Als Daniela die Wohnungstür leise ins Schloss gezogen hatte und sich schwer atmend an dem Garderobenschränkchen im Flur abstützen konnte, war sie einfach nur froh, es rechtzeitig in ihre Wohnung geschafft zu haben. Sie musste sich hinsetzen, besser noch hinlegen. Ihr war schlecht, und in ihrem Kopf schwirrten die Gedanken, als wollten sie sie verhöhnen. Arnie verletzt. Arnie im Klinikum. Die Polizei in Arnies Wohnung, in seinen und ihren Sachen herumwühlend. Sie musste ihren Liebsten anrufen. Hektisch wühlte sie in ihrer Tasche nach ihrem Handy. Er würde ihr sagen, dass die beiden sich geirrt hatten und …
Sie hatte diese Möglichkeit noch nicht zu Ende formuliert, da klingelte es auch schon an ihrer Tür. Vor lauter Schreck ließ sie beinahe die Tasche fallen.
Es klingelte erneut. Was jetzt? Daniela hielt den Atem an und lauschte. Sie konnte nicht öffnen, nicht in ihrem Zustand, aber vielleicht würden die Besucher ja auch vor ihrer Tür etwas sagen. Etwas, was für sie wichtig war. Oder einfach wieder gehen.
„Um diese Zeit ist da niemand zu Hause!“, erklärte jemand, und Daniela hätte schwören können, dass es sich um den alten Herrn aus dem dritten Stock handelte. So gesehen hatte sie also wirklich Glück gehabt. Nicht auszudenken, wenn er früher nach Hause gekommen wäre. Und sie wusste jetzt, dass er wusste, wann sie kam und ging.
„Franziska Steinbacher von der Mordkommission Passau, das ist mein Kollege Hannes Hollermann!“ Die zwei vor ihrer Wohnung waren also tatsächlich Polizisten. Aber wieso Mordkommission? Arnie lag doch im Klinikum?
„Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“, erkundigte sich die Frau – Steinbacher war der Name der Polizistin. Die beiden Beamten stiegen langsam die Treppe weiter hinauf. „Reinhard Kerschbaum“, erwiderte der Angesprochene, „und ich wohne hier schon seit einigen Jahren.“
„Kennen Sie Arnold Schwarzenflecker?“, hörte sie jetzt die Stimme des Polizisten.
„Ja, natürlich. Er wohnt ja schon fast so lange im Haus wie ich. Ein sehr ruhiger Mann. Also na ja, in letzter Zeit nicht so …“ Jetzt wird es interessant, dachte Daniela und wurde ganz unruhig. „Ich glaube, er hat eine Frau kennengelernt.“ Sie musste trotz allem ein Kichern unterdrücken.
„Ach!“, ließ sich die Kommissarin vernehmen. „Ist das so ungewöhnlich?“
Diesmal hätte Daniela schwören können, dass sie gerade an die Sachen dachte, die sie im Schlafzimmer entdeckt haben musste, denn Arnie hatte ihren roten Büstenhalter an der Lampe aufgehängt. Das fand er lustig. Sieht ja keiner, hatte er noch gesagt.
„Bei Arnie schon. Der war viel zu lange allein, genau wie ich.“ Bis zu diesem Moment hatte sich Daniela keine Gedanken darüber gemacht, welche Bedürfnisse der alte Herr haben könnte, und auch jetzt blieb ihr keine Zeit dazu, denn schon fiel der nächste Satz, der sie aus ihren Gedanken riss.
„Dann können Sie mir sicher sagen, um wen es sich bei dieser Bekanntschaft handelt?“ Daniela horchte angestrengt, aber vor der Tür herrschte nur Stille. „Oder sie zumindest beschreiben?“, hakte die Frau nach. Sie hielt die Luft an.
„Tut mir leid, ich habe sie bisher nur gehört. Das war allerdings eindeutig, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und hemmungslos!“ Bei diesem letzten Wort hätte Daniela losprusten können, weswegen sie sich rasch in die Hand biss.
„Gut, dann danke.“ Daniela atmete auf. Jetzt würden sie gehen, schließlich mussten die beiden denken, dass sie nicht zu Hause war, und damit würde sie ihre Ruhe haben. „Ach Moment, eine Frage noch. Hatte Herr Schwarzenflecker manchmal auch Männerbesuch?“
„Wie bitte?“, vernahm Daniela die Stimme des Nachbarn und dachte. Wie jetzt? Arnie ist doch nicht …
„Freunde halt“, spezifizierte der Polizist. Wie hatte seine Kollegin ihn genannt, ihn vorgestellt? Hollermann, ja Hollermann. Namen konnte sich Daniela schon immer gut merken. Auch wenn die meisten, die sie zu hören bekommen hatte, falsch gewesen waren. „Auf ein Bier. Zum Schafkopf, so was eben.“
„Also ich weiß nichts davon. Ich stehe ja nicht am Fenster und führe Buch, wer kommt und wer geht!“
Die beiden bedankten sich, und gleich darauf hörte Daniela die Haustür ins Schloss fallen.
Erleichtert humpelte sie mit ihrer Tasche ins Wohnzimmer, wo sie sich vorsichtig auf dem Sofa niederließ. Zum Glück hatte sie die Vorhänge gestern ordentlich zugezogen und bisher noch nicht geöffnet, dachte sie und zog ihr Handy heraus. Sie wählte Arnies Nummer, doch statt seiner Stimme hörte sie nur eine blecherne Ansage, die sie informierte, dass der Teilnehmer gerade nicht zu erreichen war. Enttäuscht schloss sie die Augen, um ihre Gedanken besser sortieren zu können.
Pulsuz fraqment bitdi.