Kitabı oxu: «Marionette des Teufels»

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Von Dagmar Isabell Schmidbauer

Marionette des Teufels

Kriminalroman

Imprint

Marionette des Teufels

Dagmar Isabell Schmidbauer

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2011 Dagmar Isabell Schmidbauer

www.der-passau-krimi.de Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de

Prolog

Aufgeregt wanderten die Augen der hübschen Frau durch den kleinen Raum, in dem sie sich an diesem Tag mit einem Mann verabredet hatte, von dem sie nicht wusste, zu was er fähig war. Es war der schmuddeligste Ort im Haus, kein Vergleich zu den anderen Zimmern, die für die Gäste vorgesehen waren. Als sich ihre Blicke trafen, erstarrte Sibylle. Er hatte sie gemustert, hatte ihre Figur einer eingehenden Prüfung unterzogen und schien jetzt sein Urteil zu fällen. Nervös strich sie sich eine Strähne ihrer dunklen Haare hinters Ohr und wartete. Er mochte Mitte dreißig sein, trug einen tadellosen Anzug und passte damit eigentlich sehr gut zu diesem Haus. Sie überlegte kurz, ob sie das Fenster öffnen sollte. Ihr war heiß und ihre Hände schwitzten, weshalb sie sie an ihrem Kittel abwischte. Noch wusste sie nicht genau, was er von ihr erwartete, aber sie beruhigte sich mit der Überlegung, dass, solange sie mit ihm nur in diesem Zimmer blieb, nichts Schlimmes passieren konnte. Erst als ein kleines Lächeln über sein Gesicht huschte, begann sie sich zu entspannen.

Während er sie noch immer ansah, zog er einen Geldschein aus seiner Brieftasche und hielt ihn ihr entgegen. Sibylle lächelte jetzt ein wenig verschämt und blickte kurz zur Tür, bevor sie den Schein in die Tasche ihres Kittels steckte. Er hatte sie gekauft, das wurde ihr in diesem Moment klar, und sie wusste noch immer nicht, ob sie das, wofür er sie bezahlt hatte, auch wirklich geben wollte. Doch als sie sich gleich darauf ein wenig umdrehte, um ihm einen Platz auf dem abgewetzten Sofa anzubieten, raschelte das Papier verführerisch in ihrer Tasche. So einfach konnte Geldverdienen sein, dachte sie und setzte sich zu ihm.

„An was haben Sie denn gedacht?“, fragte sie, nachdem er noch immer nichts sagte und sie die Spannung nicht mehr aushalten konnte.

„Erzählen Sie einfach“, forderte er und sah sie abwartend an.

„Erzählen?“ Wieder dieser scheue Blick zur Tür, aber es war noch zu früh, noch würde niemand kommen, um nach ihr zu fragen.

Der Mann sah jünger aus, als er vermutlich war. Was vielleicht auch daran lag, dass er großen Wert auf sein Äußeres legte. Sein Anzug, in einem dezenten Grau, saß perfekt. Dazu trug er ein helles Hemd und sauber geputzte Schuhe. Die Krawatte war mit einem sehr ordentlichen Knoten gebunden. Sibylle mochte es bei Männern, wenn sie sich Zeit nahmen und auf ihr Äußeres achteten. Sein Parfüm war teuer, ließ aber Raum für seinen eigenen Duft. Unsicher griff er in das Innenfach seines Sakkos und holte einen weiteren Geldschein hervor. Die Frau lächelte verlegen, schob erneut eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr, bevor sie nickte und auch diesen Geldschein rasch verschwinden ließ.

„Möchten Sie vielleicht etwas trinken?“ Sie wollte höflich sein.

„Nein, vielen Dank. Aber jetzt erzählen Sie doch!“, drängte er. Auf der Suche nach einem Anfang wanderte ihr Blick erneut durch den kleinen Raum. Vor ihnen stand ein niedriger Tisch aus billigem Holz, bedeckt mit Brandflecken längst verglühter Zigaretten. An einer der Wände hing ein Schränkchen mit einigen Gläsern und Flaschen, in der Ecke hinter der Tür ein blauer Arbeitskittel, an dem schon lange ein Knopf lose herunterhing. Auf dem Boden davor stand ein Paar schmutzige Straßenschuhe auf einem löchrigen Putzlappen. Bisher hatte sie das alles nie so genau betrachtet. Aber bisher war auch noch kein Fremder hier hereingekommen.

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“, wich sie erneut aus. Die Haarsträhne fiel wieder in ihr Gesicht, was ihm zu gefallen schien.

„Haben Sie Angst?“

„Nein.“

„Ist es Ihnen peinlich?“

„Nein.“ Sie lächelte und er schüttelte belustigt den Kopf.

„Die wenigsten Menschen können sich das hier so richtig vorstellen. Es ist schon anders als anderswo“, erklärte sie voller Ernst und musste dann doch selbst über ihr Wortspiel lachen. „Wenn man hier arbeitet, muss man sich einfach von der Vorstellung lösen, dass es Dinge gibt, für die sich niemand begeistern kann“, fügte sie schnell als Erklärung hinzu. Und er nickte, von ihrer Heiterkeit angesteckt, noch immer lächelnd.

„Also bekommt man hier alles?“

„Na ja, im Prinzip schon.“

Und dann begann sie, aus ihrem Alltag zu erzählen.

„Als ich hier anfing, da dachte ich, es ist ein Job wie jeder andere. Wissen Sie, ich hatte keine große Wahl, war froh, überhaupt Arbeit gefunden zu haben. Aber dann habe ich Sachen gehört und auch gesehen, die konnte ich mir bis dahin gar nicht vorstellen.“ Sie machte eine Pause und suchte nach den passenden Worten.

„Ich meine, dass jemand Spaß an so was haben soll und, na ja, dass jemand einfach mitmacht, weil er Geld dafür bekommt.“ Sie dachte an das Geld in ihrer Tasche und wurde unsicher.

„Was für Dinge sind das?“

„Ja, wie soll ich sagen? Ziehen Sie die Grenzen dort, wo Sie Ihrer Fantasie im Traum Grenzen setzen und Sie wissen, wo es aufhört.“

Sibylle hatte, während sie das sagte, auf die Löcher des Putzlappens gestarrt, jetzt riss sie sein lautes Räuspern aus ihrer Versunkenheit. Sie sah ihn an und spürte eine Verlegenheit, die sie ihm vorher nicht zugetraut hatte. Er schien über ihre Aussage nachgedacht zu haben. Vielleicht zog er auch in diesem Moment für sich selbst diese Grenze.

„Und was ist bei all dem Ihr Job?“ Er machte eine Handbewegung in den Raum hinein.

„Ich räume auf und mache die kleinen Schweinereien weg.“

„Die kleinen Schweinereien.“ Er fand das nett.

„Ja, natürlich! Das ist ja mein Job.“

Sibylle straffte sich. Sie hatte das, was sie hier tat, schon oft verteidigen müssen und so fuhr sie auch gleich fort. „Wenn ich Freunden von meinem Job erzähle, dann rümpfen die erst mal die Nase. Und so was kannst du?, fragen sie. Aber dann werden sie neugierig und wollen, dass ich erzähle. Genau wie Sie.“

„Sehen Sie, es ist einfach interessant.“

Sie überging seinen Einwand und erzählte weiter. „Sie fragen dann, was ich bei der Arbeit anhabe, ob ich auch nackt sein muss und ob die Männer mich auch begrapschen.“

Sie sah ihn an, wollte wissen, wie er darauf reagierte.

„Und? Tun sie das?“ Seine Augen ruhten auf ihren Lippen, sie waren sehr sinnlich, wie er fand.

„Nein, natürlich nicht!“

„Beides nicht?“

„Sehen Sie mich doch an!“ Sie strich über ihren Kittel.

„Eben, daher die Frage.“ Als er sie ansah, zog er kurz die Augenbrauen nach oben, woraufhin Sibylle rot wurde. Komplimente hatten sie schon immer unsicher gemacht.

„Aber glauben Sie mir doch, es ist ein ganz normaler Job!“

„Das wäre jetzt eine hübsche Überschrift: ein ganz normaler Job.“

„Im Grunde ist es wirklich nichts anderes.“

„Aber für die Männer ist das hier natürlich schon etwas ganz Besonderes?“

„Ich denke schon. Es ist einfach ihr Abend.“

„Sie haben eine hübsche Art, Dinge zu formulieren.“

„Finden Sie?“

„Aber ja doch“, er nickte zur Bekräftigung. „Wie sieht denn so ein Männerabend aus?“

Wieder warf sie einen raschen Blick zur Tür. Sie wäre gerne aufgestanden und hätte nachgesehen, ob jemand draußen stand, denn er hatte eine tiefe Stimme und sprach nicht gerade leise. Bestimmt konnte man ihr Gespräch draußen mithören.

„Na ja, das ist ganz unterschiedlich. Jeder so, wie er es mag.“ Dann beugte sie sich ein bisschen zu ihm hinüber und fügte hinzu. „Nicht, dass Sie glauben, hier gebe es doppelte Spiegel oder Kameras oder so. Aber ich habe tatsächlich erst kürzlich bei einer solchen Inszenierung zugesehen.“

„Ach!“ Sein Ohr war jetzt ganz nah bei ihren Lippen – sie hätte sogar flüstern können und er hätte es noch gehört.

Eigentlich war es schön, dass er so interessiert war und sie so ernst nahm. Denn seit Tagen suchte sie jemanden, dem sie von ihrem Erlebnis erzählen konnte. Es hatte sie tief berührt, aber sie hatte einfach nicht die richtigen Freunde, um sich darüber auszusprechen. Am Ende würden sie ihr gar nicht glauben. Warum sie ausgerechnet diesem Mann vertraute, wusste sie selbst nicht.

„Die Tür war nur angelehnt, da konnte ich gar nicht anders“, begann sie und entschuldigte sich gleich für ihre Neugierde. Der Mann neben ihr nickte und blickte dabei gebannt auf seine Schuhspitzen. Es war gut, dass er sie nicht ansah, da erzählte es sich leichter.

„Was sie vorher getan haben, weiß ich natürlich nicht, aber als ich hineinschaute, lag der Mann in einem der Betten, die mit schwarzer Satinwäsche bezogen sind. Eines der Mädchen war bei ihm, fuhr ihm über die Haare und sagte: Aufstehen! Zeit für deine Lektion! Er setzte sich verschlafen auf und rieb sich die Augen. Dabei trug er einen Pyjama, der mit großen Teddybären bedruckt war. Die Statur des Mannes war gewaltig und, na ja, er war auch nicht mehr ganz jung und auch nicht ganz schlank. Es sah ein wenig grotesk aus. Das war wohl auch der Grund, warum ich nicht einfach weitergegangen bin. Nachdem er aus seinem Scheinschlaf erwacht war, kniete das Mädchen vor ihm nieder und knöpfte ihm erst die Pyjamajacke und dann die Hose auf und holte seinen …, Sie wissen schon was heraus.“

Die junge Frau sah ihren Zuhörer an und der nickte, noch immer in den Anblick seiner Schuhe versunken. „Auf einmal begann sie mit ihm zu schimpfen, sagte streng: Hab ich dir nicht gesagt, dass du mehr an dir arbeiten musst, was soll ich mit so einem schlappen Kerlchen anfangen? Los, steh auf! Und er stand gehorsam auf und sie zog ihm den Pyjama aus und führte ihn zu einem Balken mitten im Zimmer.“

Sie hatte ihrer Stimme den Tonfall des Mädchens gegeben, und als ihr auffiel, wie enthusiastisch das wirken musste, hielt sie irritiert inne.

„Sie erzählen sehr anschaulich“, sagte er und sah sie kurz an. Sein Blick verriet seine Begeisterung. „Erzählen Sie weiter!“

Sie räusperte sich und suchte den Anschluss.

„Dort band sie ihn mit den Armen über dem Kopf und an den Beinen so fest, dass er ihr ausgeliefert war. Dann ging sie zu einem Tischchen und malte in aller Ruhe ihre Lippen in einem leuchtenden Rot aus. Er sah ihr dabei genau zu und sie lächelte ihn verführerisch an, während sie wieder und wieder ihre Lippen übermalte. Gefällt dir das Rot?, fragte sie, und er nickte schüchtern. Als sie kurz darauf wieder vor ihm kniete, war ihre Stimme nicht mehr so streng, aber sie ermahnte ihn trotzdem immer weiter. Du musst jeden Tag an ihm arbeiten! Versprichst du mir das? Jeden Tag. Und dann nahm sie ihn in ihre Hände und erklärte und zeigte ihm, was er machen sollte, wenn er übte. Und während sie noch redete, wurde er tatsächlich immer größer und sie schien langsam richtig zufrieden mit ihm zu sein, denn auf einmal öffnete sie ihren Mund und redete nicht mehr, sondern …, na ja, sie hatte ihn sich ja extra so schön angemalt.“ Ihr Zuhörer war ganz unruhig geworden, denn sie musste ihm gar nicht erst sagen, was das Mädchen mit dem wehrlosen Mann machte. Er wusste es längst und er musste sich sehr beherrschen, um sich das Ganze nicht allzu bildlich vorzustellen.

„Glauben Sie, dass er seine Lektion gelernt hat?“, fragte er und sah sie verschmitzt an. Er wusste, dass ihr klar war, wie es jetzt in ihm brodelte.

„Ich weiß es nicht. Ich habe die Tür geschlossen, weil jemand den Flur entlang kam“, behauptete sie, um seiner Frage auszuweichen.

„Kam er wieder?“

„Warum wollen Sie das wissen?“, fragte Sibylle überrascht zurück.

„Wäre doch interessant zu erfahren, was er sich beim nächsten Mal gewünscht hat. Er hat es sich doch gewünscht, oder?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie unsicher und dachte daran, wie es für ihn ausgegangen war. „Vielleicht nicht so.“

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja, ich weiß ja nicht, ob die Männer wirklich ein Drehbuch schreiben oder ob sie das nur kurz mit den Mädchen absprechen und die dann nach ihren eigenen Vorstellungen handeln“, erklärte sie und wich ihm damit erneut aus.

„Kannten sie den Mann? Ich meine, würden Sie ihn wiedererkennen?“

„Das geht jetzt aber wirklich zu weit. Sie wissen doch, ich darf nichts über die Gäste sagen, sonst bin ich nämlich meinen Job los und es wäre mir auch lieber, wenn sie über das, was ich ihnen gerade erzählt habe, nicht schreiben.“ Er nickte, was sie als Versprechen auffasste. „Außerdem kennt man sich hier nicht, verstehen Sie? Selbst wenn man sich erkennen würde, so spricht man einfach nicht davon. Hier will jeder lieber unerkannt bleiben!“

„Ja, das kann ich gut verstehen.“

Er machte eine Pause und blickte sich dabei ein wenig im Raum um. Vielleicht hätte er jetzt doch gern etwas getrunken. „Erzählen Sie mehr von Ihrem Job. Er scheint doch sehr interessant zu sein.“

„Ich weiß nicht. Meinen Sie wirklich?“ Er nickte und sah wieder auf ihre Lippen, bis sie zu lächeln begann.

Irgendwie war es schön, hier mit ihm zusammenzusitzen, dachte sie, seinen Blick erwidernd. „Ich beginne am späten Nachmittag. Da ist dann genug Zeit für die Grundreinigung. Im Tageslicht sieht auch alles ganz anders aus. Wenn dann die Mädchen kommen, kümmern die sich um die Zimmer. Sie holen sich eins von den großen Handtüchern vom Stapel und den Schlüssel. Und wenn dann alles gut geht, Sie wissen schon, dann bleibt alles schön sauber. Wird einer aber ein bisschen wilder, kann es natürlich auch mal sein, dass das ganze Bett abgezogen werden muss und dann legen sie den Schlüssel separat zurück. Der Rest ist mein Job. Aber das ist ja nicht schlimm.“

„Und die Mädchen sind sehr hübsch? Tragen schwarze Strümpfe und Strapse und sind alle sehr üppig oben rum?“, ein wenig unbeholfen zeigte der Mann mit seinen Händen, wie er sich das vorstellte.

„Sie sehen zu viele Filme“, lachte Sibylle herzhaft, was dem Mann ebenfalls ein entspanntes Lächeln abrang. „Wir haben richtig üppige Frauen und wir haben auch ganz dünne. Manche verdienen sich ein paar Euros dazu, indem sie auf dem Laufsteg Dessous vorführen und andere sind völlig unscheinbar. Aber in dem, was sie tun, sind sie einfach spitze. Heißt es. Die Männer mögen ja auch ganz unterschiedliche Dinge. Den Busen zeigen allerdings alle. Ich glaube, das ist Bedingung. Daran sind die Kunden schon sehr interessiert, die wollen ja schließlich etwas anfassen können. Viele sind verheiratet und möchten hier das, was sie zu Hause nicht bekommen. Wobei ja wohl doch die meisten Männer davon träumen, eine schöne Frau zu besitzen oder von ihr verführt zu werden.“

„Gibt es auch Frauen, die sich hinter einer Maske verstecken?“

„Nein. Ich glaube, das hat keine nötig.“

„Ich dachte da auch mehr an das Geheimnisvolle. An das Wechseln ihrer Identität!“

„Also, wenn es zum Spiel gehört bestimmt.“

„Und die Frauen machen das alle hauptberuflich oder haben die noch einen anderen Job?“

„Na, ich glaube nicht, dass die nebenbei noch putzen gehen.“ Sie überlegte und fügte dann hinzu. „Aber wenn Sie das genau wissen wollen, sollten Sie lieber eines der Mädchen fragen.“

Er nickte kurz und wechselte dann das Thema. „Treffen Sie oft auf Kunden?“

„Wir versuchen, es zu vermeiden. Niemand will schließlich gern an so profane Dinge wie das Saubermachen erinnert werden.“

„Ja, natürlich.“

Auf einmal waren vor der Tür Schritte zu hören. „Ich glaube, wir sollten jetzt lieber aufhören, ich möchte nicht, dass Sie hier von jemandem gesehen werden.“

Sie stand auf, zum Zeichen, dass Schluss war, und im gleichen Moment wurde ihr klar, dass es vielleicht ohnehin ein Fehler gewesen war, hier mit ihm zu sprechen.

„Ja, ich verstehe. Wäre es Ihnen denn recht, wenn ich noch einmal wiederkomme?“ Er stand ihr gegenüber, ein bisschen größer als sie und sah sie fast bettelnd an. „Oder vielleicht könnten wir uns ja auch woanders weiter unterhalten?“ Die junge Frau streifte mit ihren Händen über den billigen Putzkittel. Dabei spürte sie die Geldscheine in ihrer Tasche und wurde leichtsinnig.

„Warum eigentlich nicht?“

Es war wirklich schön mit ihm, aber andererseits hatte sie ihn noch immer nicht gefragt, wie er ausgerechnet auf sie gekommen war.

Wochen später …

Die letzten Stunden hatte Sophia damit zugebracht, alles aufzuräumen, zu putzen und wegzuschaffen, was man in ihrer Wohnung nicht finden sollte. Dann hatte sie ein Bad genommen, ihre langen blonden Haare gewaschen und die Fußnägel lackiert. Doch jetzt, nachdem sie alles erledigt hatte und es, außer zu warten, so gar nichts mehr zu tun gab, spürte sie, wie die Nervosität von ihr Besitz ergriff. Wie ein gejagtes Tier lief sie in der Wohnung herum: Berührte kurz ihre Geige, wusste aber, dass sie jetzt nicht spielen konnte, legte sich aufs Bett und stand gleich darauf wieder auf, schaltete den Fernseher an und wieder aus. Sie wollte sich etwas zu Essen machen, hatte aber keinen Hunger. Schließlich nervte sie sogar das Ticken der Uhr in der Küche, weshalb sie energisch die Küchentür schloss.

Sophia fühlte sich allein auf der Welt. Allein mit diesem Gefühl der Unruhe, das sie seit einiger Zeit nicht mehr losließ und dem sie sich auf keinen Fall ausliefern durfte. Nicht heute. Nicht jetzt. Nicht in diesem wichtigen Moment.

Sie überlegte, dass sie etwas anziehen sollte, was angemessen war, verschob es dann aber auf später. Es blieb ihr noch genug Zeit, bis ihr Besuch kommen würde.

Stattdessen ging sie zum Fenster und blickte hinunter auf die Postackerstraße. Dort herrschte um diese Zeit kaum Verkehr, denn es war bereits dunkel und die Straßenlaternen brannten. Doch das gelbe Licht wurde vom Nebel fast gänzlich verschluckt.

Als sie im Schlafzimmer an ihrem Spiegel vorbei kam, sah sie, wie blass und fahl sie war. Trotz ihrer erst zweiunddreißig Jahre, zeigten sich bereits die ersten Fältchen um die Augen. Sie sah genauer hin, lächelte und hoffte, sie würde sich in den nächsten Jahren irgendwie an sie gewöhnen. Und dann dachte sie an ihren bevorstehenden Triumph und wie sie ihn auskosten würde. Auf das, was heute vor ihr lag, hatte sie schließlich ihr ganzes Leben gewartet.

Als es dann tatsächlich klingelte, war sie zunächst verwirrt und gleich darauf erleichtert. Zumindest bis zu dem Moment, bis sie bemerkte, dass sie noch immer den alten Bademantel trug. Sie musste im Sessel sitzend eingeschlafen sein und jetzt fehlte ihr die Zeit, um sich noch etwas Seriöseres anzuziehen. Nun, dann musste es eben so gehen, entschied sie, stand auf und ging in den Flur, um die Haustür zu öffnen. Doch als sie auf den Türöffner drücken wollte, sah sie durch die Milchglasscheibe der Wohnungstür, dass ihr Besucher bereits heraufgekommen war.

Während sie sich in Erinnerung rief, wie sie sich später, wenn alles vorüber war, eine kleine Schwäche erlauben durfte, floss ein zufriedenes kleines Lächeln über ihr Gesicht. Später, dachte sie und besann sich. Dann zog sie den Gürtel ihres Bademantels fester und öffnete die Tür.

„Du?“ Sophia kannte den Mann vor ihrer Tür und ließ ihn herein, damit zumindest die Alte, die ein Stockwerk tiefer wohnte, nichts von seinem Besuch mitbekam. Ein Fehler, wie sich jedoch bald herausstellen sollte. Denn an diesem Tag ging es ihm nicht um die üblichen Höflichkeitsfloskeln, die er sonst bei ihren Begegnungen parat hatte. Kaum hatte er das Wohnzimmer erreicht, da wurde er auch schon zudringlich, legte seine Hände auf ihren Körper und versuchte den Bademantel über ihre Schultern zu streifen. Abwehrend zog die Frau den Gürtel fester um ihren schlanken Körper und bereute es nun doch sehr, dass sie sich nicht rechtzeitig angezogen hatte.

„Sophia, wir beide“, begann er gerade erneut doch sie wandte sich gleich unwirsch ab. Er roch nach Alkohol, nach Kneipe und war unrasiert.

„Was soll das denn jetzt?“, fragte sie und fügte mit fester Stimme hinzu, „ich glaube es wird Zeit, dass du wieder gehst!“

„Aber du kannst mich doch nicht einfach wegschicken. Nicht nach allem, was passiert ist.“

„Passiert ist?“ Sie sah ihn fragend an. „Was ist denn schon groß passiert? Du hast dich übernommen, das ist passiert! Und jetzt kommst du zu mir, damit ich dein elendes Spiel mitspiele.“ Den letzten Teil spuckte sie ihm geradezu vor die Füße und schob ihn dann energisch von sich, als er versuchte, sie zu umarmen.

„Geh jetzt und vergiss alles, was du dir in deinem kranken Hirn ausgedacht hast!“, riet sie ihm und dachte, damit sei zumindest diese Geschichte ausgestanden. Aber da irrte sich Sophia gewaltig, denn der Mann, der an diesem Abend zu ihr gekommen war, war in Not, er hatte sich gut auf dieses Zusammentreffen vorbereitet und war daher auch nicht bereit, so schnell aufzugeben.

„Aber meine Schöne, vor uns liegt doch eine wunderbare Zukunft“, versuchte er ihr erneut zu erklären. Doch sie hatte längst die Geduld verloren und wurde langsam böse. „Vor mir liegt eine wunderbare Zukunft! Vor dir dagegen liegt gar nichts mehr. Du hast deine Zukunft bereits hinter dir, und du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass ich mit dir diesen Abstieg antrete?“

Er wollte etwas antworten, wollte von ihr hören, dass sie nur Spaß machte. Aber Sophia hatte sich längst in Rage geredet, beschimpfte ihn ohne Punkt und Komma. Und er schwieg, wusste auch gar nicht, was er noch sagen sollte. Dafür wechselte ganz langsam sein Gesichtsausdruck – eben noch Glück und Hoffnung, dann Unverständnis, Enttäuschung und jetzt Zorn. Kalte Wut überzog sein Gesicht. Er bettelte nicht mehr, stand nur still da und wusste auf einmal, dass er getäuscht worden war.

„Jetzt verschwinde endlich!“, fauchte Sophia ihm gerade entgegen, dabei war ihre Stimme so kalt wie das Wasser der Donau. Vielleicht hätte sie ihn nicht einfach so abfertigen sollen, ihm stattdessen erklären, warum jetzt alles anders war.

Vielleicht hätte das aber auch gar nichts an seinem Entschluss geändert. Denn letztlich griff er ja nicht bewusst nach der Glaskugel, die neben ihm im Regal lag, sondern packte nur das Erstbeste, das ihm in die Finger kam, um sie zum Schweigen zu bringen. Er hätte ihr auch einfach den Mund zuhalten können. Aber er war sich nicht sicher, ob das ausgereicht hätte. Sicher wusste er nur, dass er das, was sie zu ihm gesagt hatte, nicht hören wollte. Das war alles.

Sophia bemerkte die schwere Glaskugel in seiner Hand und nahm die Aufwärtsbewegung seines Armes wahr. Als sie realisierte, was er vorhatte, wurden ihre Augen für einen kleinen Moment ganz groß, doch ihr Gehirn war nicht mehr in der Lage, diese Informationen sinnvoll zu verarbeiten. Zu schnell ging alles auf einmal. Ihre vollen Lippen öffneten sich, aber ihr fehlte die Kraft, um etwas zu sagen. Schon sackte ihr leichter Körper schwer in sich zusammen. Sie hatte noch nicht einmal gezuckt, keine Zeit gefunden, um aufzuschreien. Auf einmal ging alles ganz, ganz schnell.

Niemals würde sie erfahren, dass es ihm Leid getan hatte, nachdem alles vorüber war.

Er hatte sie aufs Bett gelegt und die Spuren, die er hinterlassen hatte, beseitigt. Später dann, laut und drängend, begann das Telefon zu läuten. Durch die tödliche Stille schien es noch lauter als sonst, so als wollte der Anrufer damit nicht nur auf sich aufmerksam machen, sondern eine Tote zum Leben erwecken. Auf dem Display erschien keine Nummer, denn der Anrufer hatte sie unterdrückt. Vielleicht war es Zufall, vielleicht wollte er auch einfach unerkannt bleiben und damit verheimlichen, dass er eines von Sophias Geheimnissen kannte.

***

Gleißend helles, fast schon obszönes Scheinwerferlicht leuchtete den Raum bis in den letzten Winkel aus und offenbarte dem Betrachter seine Geheimnisse. Bei einem solchen Licht ließ sich nichts verbergen, nichts beschönigen. Die weißen Wände bekamen durch das Schattenspiel tiefe Furchen, die hellen Holzmöbel ein Eigenleben und nur die junge Frau auf dem Bett, mit den edlen, von Rüschen umsäumten Damastbezügen, lag in einer stoischen Ruhe da, so als ginge sie das alles nichts an. Was im Grunde ja auch stimmte.

Denn von nun an hatten andere das Sagen, wenn es darum ging, was mit ihr und ihrem Körper, der ihr immer so wichtig gewesen war, geschehen sollte.

Männer wie Hauptkommissar Berthold Brauser, der gerade vor ihrem Bett stand und kaum glauben mochte, was er im Spiegel sah.

Eigentlich machte sich Brauser nicht viel aus seinem Äußeren, zumindest in den letzten Jahren nichtmehr, und er wollte auch jetzt, so kurz vor seiner Pensionierung, nicht daran denken. Aber ignorieren konnte er seinen heutigen Anblick eben auch nicht: Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, neben den Mundwinkeln hatten sich tiefe Falten eingegraben und seine ganze Haltung drückte eine viel zu große Betroffenheit aus. Dabei war er ein großer stattlicher Mann. Ein bisschen übergewichtig vielleicht, aber nicht dick. Die Haare schon grau, aber durchaus noch voll. Ein Mann in den besten Jahren, wie er bis vor kurzem noch von sich behauptet hatte.

Der Hauptkommissar löste den Blick von seinem eigenen Spiegelbild und beugte sich noch tiefer über die junge Frau. Sie war nackt und wunderschön und er konnte einfach nicht verstehen, wie so etwas passieren konnte.

Dass sie tot war, daran hatte er keinen Zweifel. Zu vielen toten Menschen hatte er in seiner langen Dienstzeit schon in die leeren Augen geblickt. Auch wenn diese selten von so langen schwarzen Wimpern und einer so perfekt gezupften Braue umrahmt gewesen waren.

Dabei war sie von einer derart unschuldigen Nacktheit, als warte sie darauf, von einem großen Künstler gemalt zu werden. Doch am Ende warteten auch auf sie der Leichensack und die Rechtsmedizin mit ihren wissenschaftlichen Methoden, um dem Tod seine Ursache zu entlocken.

Langsam sog der Kommissar ihren unverwechselbaren Duft ein. Einen Geruch, der bei jedem Toten neu definiert wurde, so als könne man, wenn man ihn tief genug einatmete, die Ursache für das Sterben verstehen. Als läge in den Poren ihrer Haut das Geheimnis ihres Todes verborgen. Ihre Brüste waren fest und voll und neigten sich etwas zur Seite, kein Silikon bestimmte ihre Form: Sie waren echt und schön. Bei anderer Gelegenheit hätte er sie gerne voller Leidenschaft berührt und gespürt, wie sie darauf reagierte.

Ihre Hüftknochen bildeten zwei sanfte Hügel, zwischen denen der Bauch lag, flach mit einer kleinen Wölbung. Der Venushügel war genau wie der restliche Körper völlig haarlos, was ihr, als Kontrast zu den langen blonden Locken, die ihr Gesicht umrahmten, noch immer etwas sehr Kindliches gab. Die schlanken Beine endeten in zartrosa lackierten Fußnägeln. Überhaupt war sie genau so, wie Männer, wie er selbst, sich Frauen erträumen. Denn im Grunde wirkte sie wie ein Traum, zu perfekt, um zu leben. Zudem schien sie auch im Tod noch geheimnisvoll zu lächeln. Fast sah es so aus, als amüsierte sie der Umstand ihres Endes oder vielleicht hatte sie dieses auch noch gar nicht realisiert.

Zu gern hätte Brauser sich abgewendet, den Blick von diesem jungen, schönen, toten Körper genommen, von dieser Verschwendung der Natur. Aber das ging nicht, er war der Chef und seine Mitarbeiter erwarteten von ihm, dass er sich auch so benahm.

Darum blieb er, sah in die völlig geweiteten Pupillen, von deren einstiger Farbe nichts mehr zu erkennen war und überlegte, dass sie vielleicht einmal strahlend blau gewesen waren. Doch jetzt war nur noch dieser leere Blick übrig geblieben. Ein Blick wie durch einen bangen Nebel und er wollte nicht, dass sie sah, was mit ihr in den nächsten Stunden geschehen würde. Deshalb hob er seine Hand und schloss mit einer entschiedenen Bewegung ihre Lider.

Der Hauptkommissar war schon lange in seinem Beruf tätig und hatte viele frisch und auch länger Verstorbene gesehen, wenn auch die meisten eines natürlichen Todes gestorben waren. Trotzdem hatte er sie gewissenhaft untersucht, gewendet und gedreht. Respektvoll, weil ja jeder irgendwann einmal diesen Weg gehen musste und jeder hoffte, im Tod nicht entwürdigt zu werden. Brauser wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn. Er hatte sich nicht mehr im Griff, vielleicht war es für ihn wirklich an der Zeit aufzuhören, vielleicht musste er sich doch eingestehen, dass er langsam zu alt wurde für diesen Job, zu alt und zu sentimental. Dabei gab es nur wenig, was er so sehr liebte wie seinen Beruf.

Um ihn herum wuselte das Team der Kriminaltechnik, Annemarie und die kleine Mona, die nur einsfünfzig groß war und die immer einen Stuhl brauchte, wenn sie an die oberen Akten im Büro herankommen wollte. Sie suchten Spuren. Dinge, die nicht hingehörten, wo sie sie fanden. Brauser war an die Kollegen in ihren weißen Gazeanzügen gewöhnt. Sie störten ihn schon lange nicht mehr bei seinen trüben Gedanken. Nur der Mann, der auf einmal neben dem Bett erschien, der ihm bekannt vorkam und doch auch wieder nicht und der die Kamera hob, so wie Mona eben, und der Bilder von der Toten machte, Bilder mit ihm auf einer Höhe, der irritierte ihn. Brauser sah ihn an und plötzlich fiel ihm ein, um wen es sich handelte. Er sah gepflegt aus und benahm sich respektvoll der Toten gegenüber, aber mit seiner Knipserei störte er die Untersuchungen und er gehörte definitiv nicht hierher. Immerhin betrat er ungeschützt einen Tatort, woraufhin ihn die Leiterin der Spurensicherung auch in einem barschen Ton davonscheuchte, aufgebracht und bissig. Aber so war Annemarie, denn auch sie liebte ihren Beruf.

Natürlich wäre es an ihm gewesen einzugreifen, doch nach der vergangenen Nacht fehlte ihm dazu einfach die Kraft. Er merkte, wie ihn die Ereignisse der letzten Wochen langsam einholten. Resigniert atmete Brauser tief durch. Herz und Lunge waren schon lange nicht mehr seine Verbündeten, wenn es darum ging, mit den Kollegen in den dritten Stock hinaufzusteigen. Aber heute war es noch schlimmer gewesen. Heute ging es ihm wirklich schlecht und er bereute, wie selten, dass er sich gestern mit Obermüller getroffen und mal wieder viel zu viel getrunken hatte.

Seine Frau Maria freute sich schon darauf, wenn er in Rente gehen würde und endlich mehr Zeit für sie hatte, doch bisher hatte er immer Angst vor der Leere gehabt, die sie füllen mussten. Vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche, ohne die Wahrscheinlichkeit, von einem dringenden Anruf auf seinem Handy abgelenkt zu werden. Er hatte es sich schön geredet. Hatte sich gesagt, dass er dann, wann immer er wollte, angeln gehen, lesen, endlich seinen Keller aufräumen und reisen könnte. Überall hin, wo er noch nicht war, vielleicht bis nach Australien oder Mexiko. Da war es jetzt schön warm. Aber würde es ihm dort deshalb auch besser gehen? Und würde er dort vergessen können?

Vielleicht würde es mit den Jahren besser werden, aber in der vergangenen Nacht hatte ihn noch nicht einmal der Alkohol von seinen Sorgen befreien können.

Bis vor kurzem hatte er noch an die ewige Jugend geglaubt, jetzt spürte er die Müdigkeit in allen Knochen. Und am schlimmsten war, dass dieses Gefühl so plötzlich über ihn hereingebrochen war.

„Na, Chef, da kam wohl nicht der, den sie erwartet hatte.“ Mit fester, fast fröhlicher Stimme mischte sich die junge Oberkommissarin Franziska Steinbacher in Brausers Gedanken und deutete auf den nackten Körper der Toten.

„Sieht so aus, als ob sie jemanden erwartet hatte, oder?“ Ihre blitzgescheiten Augen sahen den Hauptkommissar eindringlich an. Um ihre Mundwinkel spielte ein kleines Lächeln. Wie immer war sie in Hochform, trug mit routinierter Selbstverständlichkeit ihre Latexhandschuhe und notierte und analysierte alles, was sie in die Finger bekam.

„Sie ist aber nicht an einer Überdosis Glück gestorben, sondern an einem kräftigen Schlag auf den Hinterkopf“, warf der Notarzt, Dr. Buchner, der seine Sachen gepackt hatte und sich verabschieden wollte, von der anderen Seite des Bettes ein.

„Das weiß ich, und sie ist auch nicht im Schlafzimmer gestorben, richtig?“ Auf Zustimmung wartend, wanderte ihr Blick über das Bett.

„Wie kommst du denn darauf?“ Brauser hatte sich ein wenig gefangen. Nur wer ihn kannte, konnte aus seinem ungewohnten Ton schließen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. „Ihre gesamte Wohnung ist weiß gestrichen und auch die Möbel sind entweder weiß oder aus Ahornholz, nur bei den Accessoires dominiert in jedem Zimmer eine andere Farbe. Im Schlafzimmer ist es Gelb und Orange, in der Küche Rot, im Wohnzimmer Apfelgrün und im Bad Rosa. Das Kissen, auf dem ihr Kopf liegt, ist das einzige, auf dem wir Blut gefunden haben und es ist apfelgrün, obwohl im gesamten Bett genug andere Kissen liegen. Warum wohl?“

Nachdem keiner der Männer eine Antwort einbrachte, fuhr sie selbst fort. „Weil der Täter uns glauben machen will, dass sie im Bett gestorben ist. Von der Hand ihres Liebhabers! Oder, weil es ihm nach der Tat Leid tat und er sie nicht einfach so auf dem Fußboden herumliegen lassen wollte und sie stattdessen ins Bett gelegt, ja schon fast aufgebahrt hat. Beides spricht dafür, dass es sich um einen engen Bekannten handelt, aber vielleicht nicht um die große Liebe“, spekulierte Franziska und sah ihren Chef herausfordernd an, weil der sich an ihren Spekulationen nicht beteiligt hatte. Anerkennend nickte der Notarzt der jungen Oberkommissarin zu und wollte schon zu einer Belobigung ansetzen, als Brauser ihn schroff unterbrach: „Sind Sie denn mit Ihrer Arbeit schon fertig?“

„Ja, ich gehe jetzt.“ Hastig schnappte er sich seinen großen Alukoffer und seine rote Jacke und wäre um ein Haar mit Johannes Hollermann zusammengestoßen, der mit erheblicher Verspätung am Einsatzort erschien.

„Wollen Sie uns nicht noch etwas über den Todeszeitpunkt und die Art der Tatwaffe sagen?“, fragte Franziska schnell, bevor er endgültig verschwand. Von ihrem Chef schien an diesem Tag ja nichts Hilfreiches mehr zu kommen. Der Notarzt blickte kurz zu Hannes, der noch immer seinen Fahrradhelm in der Hand hielt und Franziska stöhnte kaum hörbar auf: Als ob er den nicht draußen im Flur bei seinem Vorderrad lassen könnte, dachte sie missbilligend.

„Anhand der Totenflecken auf der Unterseite und der vollständigen Ausbildung des Rigor der Skelettmuskulatur schätze ich, dass sie mindestens seit dem gestrigen Abend tot ist. Aber festlegen möchte ich mich da nicht, das können die in der Rechtsmedizin in München besser.“ Er warf einen kurzen Blick auf die Tote. „Aus der großen Platzwunde am Kopf ist nur wenig Blut ausgetreten, daher denke ich, dass mit einem stumpfen Gegenstand fest zugeschlagen wurde.“ Er sah zu Franziska. „Sie finden schon was Passendes.“

Auch Hannes blickte jetzt auf die Leiche, nestelte dabei aber nervös an seinem Helm herum. Ihm war alles andere als wohl in seiner Haut.

„Hübsches Mädchen, nicht?“, versuchte Franziska ihn ein bisschen aufzumuntern, denn Hannes war noch nicht lange bei der Mordkommission und hatte somit auch noch nicht sehr viel Erfahrung mit toten Menschen.

„Warum kommen Sie erst jetzt?“ Brauser sah auf die Uhr und wartete. Im Vergleich zu Franziska verzichtete er bei Hollermann auf das Du, aber Franziska war ja auch sein Mädchen! Wenn er eine Tochter gehabt hätte, dann hätte sie so sein sollen wie sie. Hollermann war nur einer von vielen.

„Meine Katze ist heute Morgen weggelaufen und ich musste sie suchen.“

„Das ist doch nicht Ihr Ernst! Wegen einer Katze kommen Sie zu spät zum Dienst?“ Brauser hasste Katzen. Wenn es überhaupt eine Daseinsberechtigung für sie gab, dann war das, die, zur Unterhaltung alter, alleinstehender Frauen, für die sich einfach kein Mann mehr interessierte, zu dienen. Was aber tat ein junger Kerl mit so einem Vieh? Der sollte sich lieber ein Mädchen suchen und eine Familie gründen. Verdammt, was war das nur für eine Welt, wo Männer jammerten und Schmusetieren nachliefen und am Ende noch Windeln wechselten und sich ans Bügelbrett stellten.

Franziska schob Hannes energisch nach draußen, nahm den Helm und legte ihn auf den Boden. „Jetzt reiß dich aber mal zusammen, wir sind hier bei der Mordkommission!“ Obwohl er deutlich größer war als seine Kollegin, legte sie ihm die Hände auf die mageren Schultern und schüttelte ihn, bis sie das Gefühl hatte, dass er ihr auch wirklich zuhörte. „Hör mal, den Chef hat’s mächtig erwischt. Ich glaube, der nimmt sich seinen bevorstehenden Abschied ganz schön zu Herzen, der ist gar nicht mehr bei der Sache. Aber wir beide, wir kümmern uns darum, hast du verstanden?“

Hannes nickte und folgte ihr zurück in die Wohnung.

„Ich sag dir, was wir wissen, und du schaltest deinen Verstand ein“, forderte ihn Franziska auf und fuhr fort, ohne auf einen Einwand zu warten. „Sie heißt Sophia Weberknecht, ist zweiunddreißig Jahre alt und Sopranistin am Fürstbischöflichen Opernhaus. Zumindest hat das Dr. Buchner behauptet. Und der ist bekennender Opernfan. Und nun zu meiner Theorie.“ Hannes nickte und Franziska lächelte zufrieden.

„Ich denke, sie hat ihren Liebhaber erwartet, daher war sie nackt, zumindest haben wir nirgends herumliegende Kleidung gefunden. Alles ist super aufgeräumt und blitzblank geputzt. Als er kam, hat sie ihn entweder hereingelassen oder er hatte sogar einen eigenen Schlüssel, aufgebrochen wurde nämlich nicht. Es kam zum Streit zwischen den beiden, vielleicht ums Geld oder sie hat ihn erst angemacht und wollte dann doch nicht. Und dann hat er sie mit einemstumpfen Gegenstand erschlagen und ins Bett gelegt. Näheres müssen die Ermittlungen ergeben, aber es ist zumindest mal ein guter Ansatz, findest du nicht?“

Hannes nickte wie ein kleiner Bruder, der seiner großen Schwester alles glauben wollte. „Gibt es irgendwelche Hinweise auf einen Täter?“

„Nein, und auch nicht, ob sie überhaupt einen Freund hatte. Im Bad gibt es allerdings nichts, was zu einem Mann passen würde, weder ein herbes Deo noch Rasierzeug oder eine zweite Zahnbürste. Auffällig ist nur der dunkelblaue, abgewetzte Bademantel, der so gar nicht zu ihrem Weiß-Tick passt, aber ihre Größe hat – na, obwohl, dir könnte er auch passen.“ Franziska grinste frech, bevor sie fortfuhr. „In der Küche liegt eine Tüte mit einer Semmel, vermutlich von gestern. Aber selbst wenn wir wüssten, wie viele darin waren, könnten wir nicht abschätzen, ob sie nur viel Hunger oder Besuch zum Frühstück hatte. In der Spülmaschine sind mehrere Gedecke, könnten natürlich auch alle von ihr sein. Anni kümmert sich darum. Wir müssen überhaupt erst mal abwarten, was die Spurensuche ergibt.“

„Was allerdings bald keinen Sinn mehr hat, wenn euer Chef weiterhin überall seine Spuren hinterlässt“, raunzte Annemarie von der Kriminaltechnik und scheuchte Brauser aus dem Wohnzimmer, wohin er sich in der Zwischenzeit begeben hatte.

„Das heißt also, bis wir die Auswertung bekommen, kann es dauern“, stellte Franziska nüchtern fest.

„Dann schlage ich vor, dass wir uns zuerst die Nachbarn vornehmen, solange ihre Erinnerungen noch frisch sind“, drängte Hannes, um möglich schnell die Wohnung zu verlassen.

„Das ist eine ausgezeichnete Idee“, lobte Brauser voller Sarkasmus. „Sind Sie da ganz allein draufgekommen, Herr Hollermann?“ Der Hauptkommissar baute sich vor dem jungen Kollegen auf, musterte ihn eindringlich, so als wollte er ihn zurechtweisen, nickte dann aber und befand, „Okay, gehen Sie, ich mache hier weiter.“

Als sie auf die Wohnungstür zugingen, fragte Hannes Franziska leise: „Wer hat sie eigentlich gefunden?“ Ihm war klar, dass die beiden anderen das längst besprochen hatten.

„Die Nachbarin von gegenüber. Sie sollte für die Mutter irgendwas in der Wohnung nachschauen. Ich denke, ich werde zuerst mit ihr reden. Wenn sie die Mutter kennt, wird sie uns sicher auch einiges über die Tochter sagen können.“

„Dann übernehme ich die Leute im Haus oder hast du schon mit jemandem gesprochen?“

„Na, hör mal! Ich bin ja auch noch nicht seit gestern hier.“

„Schade, sonst hättest du vielleicht unseren Täter gesehen und wir könnten uns den ganzen Aufwand sparen.“

***

In der Wohnung der Toten war es trotz der eisigen Atmosphäre, angenehm warm gewesen, und so traf die Kommissarin der feuchte Nebel, der bereits am frühen Nachmittag von Inn und Donau heraufzog und sich zwischen den Häuserzeilen ausbreitete, ganz besonders empfindlich. Frierend hielt sie die Vorderkanten ihres hellbraunen Ledermantels zusammen und zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern. Für die Jahreszeit war sie nicht passend angezogen, trotz Jeans und Stiefel, aber wer wusste im Herbst schon, was passend war. Letzte Woche war es noch herrlich warm gewesen, fast Biergartenwetter und dann der plötzliche Einbruch, die ersten Vorboten des nahenden Winters.

Um sich aufzuwärmen, hätte sie sofort zu der Nachbarin gehen können, um deren Zeugenaussage aufzunehmen, doch zuerst brauchte sie eine kleine Auszeit. In ihrer großen Handtasche aus braunem Wildleder fand sie einen Müsliriegel in einer etwas gammligen Verpackung, in den sie hungrig hineinbiss. Während ihre Zähne die Körner zermalmten und die Kohlenhydrate ihr Gehirn wieder leistungsfähig machten, ging sie langsam die großbürgerliche Häuserzeile entlang. Neben dem Bürgersteig parkten unzählige Autos Stoßstange an Stoßstange, so, als würden sie sich aneinander kuscheln, damit sie nicht frieren mussten.

Franziska dachte über die Frau nach, die tot in ihrer Wohnung lag. Was hatte sie für ein Leben geführt? Was tat eine Sängerin eigentlich, wenn sie nicht gerade auf der Bühne stand und Opernarien schmetterte? Bestimmt unterschied sich ihr Leben ganz gravierend von ihrem eigenen. Nur wie? Das würde sie als Erstes herausfinden und dann natürlich, was jemanden dazu gebracht hatte, sie zu töten.

Obwohl das dreistöckige Haus in einer eher ruhigen Wohngegend lag, hatte sich eine Bäckereifiliale in einem der Nachbarhäuser angesiedelt. Beim Anblick der eingetrockneten Ausstellungsstücke im Schaufenster lief ihr das Wasser im Munde zusammen, doch sie konnte ja unmöglich mit Gebäck zur Befragung erscheinen. Ein Stück weiter stand die Tür zu einer Videothek offen. Im Schaufenster wurden auf großen Plakaten die neuesten Videos angeboten. Filme, die sie gern im Kino gesehen hätte, die sie aber wegen irgendeines Falles verpasst hatte.

Das Piepsen ihres Handys und die SMS ihrer Freundin Lisa, mit dem Wunsch sie zu treffen, erinnerten sie nur allzu schmerzlich daran, dass es neben dem aufzuklärenden Tod eines Menschen auch noch andere Dinge in ihrem Leben gab, die jetzt aber wieder einmal warten mussten. Im Gehen schrieb sie zurück:

Geht Leider nicht,

bin an einem neuen

mordfall, melde mich,

wenn ich wieder mehr

zeit habe! Liebe

grüße franziska

Lisa hatte in der Regel Verständnis für ihren Beruf. Wenn es nicht ging, dann ging es eben nicht. Mit Männern sah es in ihrem Leben jedoch schlecht aus. Die wenigen, mit denen sie sich eingelassen hatte, stellten sich im Nachhinein als zu unflexibel heraus, als dass Franziska die Beziehungen zu ihnen mit ihrem Beruf vereinbaren konnte. Sie wollte gut sein, alles richtig, wenn nicht noch besser zu machen, gehörte einfach zu ihrer Grundüberzeugung. Fehler konnten andere machen, das ließ sich entschuldigen. Bei sich selbst setzte sie höhere Maßstäbe an. Viel höhere.

***

„Ach, sie war ja so ein reizendes und hübsches Mädchen.“ Noch immer schien Paula Nowak von ihrem Fund am Vormittag mitgenommen zu sein. Beinahe abwesend bot sie Franziska eine Tasse sehr heißen grünen Tee und einen Platz auf ihrem beigen Blümchensofa an. In ihren alten Augen schimmerten Tränen. „Wissen Sie, als sie einzog, da dachte ich, da werden die Burschen ja bald Schlange stehen!“

„Und?“ Franziska wollte hören, wie es denn nun war, wenn sich die Männer nicht sattsehen konnten, wenn eine Frau ständig umschwirrt war und natürlich, ob vielleicht einer dabei war, der als Täter infrage kam. Sie dachte an die Liebesfilme, bei denen die Hauptdarstellerinnen immer so aussahen wie Sophia Weberknecht: blond, schön und mit einer makellosen Figur. Ach ja, und natürlich waren sie auch stets voller Liebreiz.

„Eigentlich kam kaum einer. Das war ganz selten. Sie ließ niemanden an sich ran. Also ich an ihrer Stelle …“ Die alte Frau wischte mit der Hand über die Augen und kicherte. „Aber wenn jemand kam, dann ist Ihnen das schon aufgefallen?“ Franziska stand auf und spähte zwischen den Gardinen hindurch auf das gegenüberliegende Haus. Der Blick war gut.

„Aber natürlich“, rief Paula Nowak munter, besann sich aber gleich darauf, „also nicht, dass ich neugierig bin, aber“, Hilfe suchend sah sie erst aus dem Wohnzimmerfenster und dann zu ihrem Wellensittich, der in seinem Käfig zufrieden auf einer kleinen Holzschaukel vor sich hindöste. „Früher hatte ich oft Logisgäste. Um die konnte ich mich kümmern und mich mit ihnen unterhalten, aber seit ich mit meinen Beinen nicht mehr so kann, sind der Hansi und ich ganz allein. Und da sitzen wir oft hier und schauen aus dem Fenster.“ Sie ließ den Satz ein wenig in der Luft hängen, erwartete wohl nicht, darauf eine Antwort zu bekommen. Franziska nickte zustimmend. Von solchen Dingen erzählten viele alte Menschen.

„Natürlich, das verstehe ich und in diesem Fall war es ja sogar ganz wichtig, dass Sie hingeschaut haben“, bekräftigte die Kommissarin. „Haben Sie denn gestern Abend jemanden kommen oder gehen sehen?“

„Gestern Abend? Nein, da kam doch diese spannende Show im Ersten. Sie wissen schon, wo sie immer Geld für einen guten Zweck sammeln und die ganzen tollen Stars auftreten, die …“

„Ja, natürlich!“ Ach, wie Franziska diese Sätze hasste! Warum? Warum mussten die besten Zeugen immer dann, wenn man sie am dringendsten brauchte, etwas anderes tun, als neugierig aus dem Fenster zu glotzen?

„Aber gestern Nachmittag“, sie überlegte kurz, „da kam ein Mann die Straße entlang und blieb vor ihrem Haus stehen. Er sah sehr gut aus.“

Die Kommissarin lächelte entschädigt. „Und der wollte zu Sophia Weberknecht?“

„Na, so genau weiß ich das nicht. Am Nachmittag lass ich den Hansi immer fliegen. Das ist sein kleiner Spaziergang“, fügte Paula Nowak erklärend hinzu, stemmte sich von ihrem Platz hoch und stellte sich neben den Käfig.

„Dabei habe ich dann gesehen, wie der Mann aufs Haus zuging.“ Sie blickte mehrmals sehr betont vom Käfig zum Fenster. „Natürlich musste ich auch dem Hansi zusehen, wie er durchs Zimmer geflogen ist, wissen Sie, sein Lieblingsplatz ist die Lampe. Aber als ich wieder rüber sah, da stand der Mann noch immer am Haus, so, als überlege er, ob er klingeln und reingehen soll oder nicht.“

„Und?“

„Da hab ich dann so lange hingesehen, bis er reingegangen ist“, rief Paula Nowak fast fröhlich aus. „Ich hab mich so für sie gefreut! Der war ja auch viel hübscher als der andere, der manchmal kam und …“

„Und Sie sind sich sicher, dass er zu Frau Weberknecht wollte?“

„Was sollte er denn bei den beiden Ollen da drüben? Außerdem ist der Brandner im Urlaub, na, und Agnes bekommt ja keinen Männerbesuch.“

„Agnes?“

„Neumüller. Sie hat die Wohnung unter Sophia, aber die ist viel zu alt für so einen hübschen Kerl.“

„Können Sie ihn denn beschreiben?“

„Na ja, er war groß und eben richtig gut aussehend.“ Franziska überlegte, was die alte Frau wohl unter ‚richtig gut aussehend‘ verstand und ob sich ihre Meinungen wohl decken würden. Sie war sich in diesem Moment selbst nicht sicher, was sie an einem Mann als gut aussehend empfand.

„Haben Sie ihn schon mal gesehen?“

„Den? Nein! Ein anderer kam manchmal, ich glaube aber, das war nur ein Bekannter oder so. Bestimmt kannte sie den vom Theater. Ich wollte sie nicht nach ihm fragen, weil ich immer das Gefühl hatte, er sei nur ein Freund und vielleicht anders herum, Sie wissen schon, was ich meine.“

Franziska zog die Stirn in Falten und sah die alte Dame kopfschüttelnd an. „Dass er Männer liebt“, fügte die alte Frau erklärend hinzu.

„Ach, sie meinen, er war ein Schwuler, äh, Verzeihung, homosexuell?“

Paula Nowak zupfte an ihrer Bluse herum und kicherte dann wie ein schüchternes Mädchen. „Ihr jungen Leute bringt immer alles auf den Punkt. Zu meiner Zeit schickte sich das nicht.“ Dann nickte sie, „Aber ja“, rief sie noch fröhlicher aus, dieses Thema schien ihr äußerst viel Freude zu bereiten. „ich dachte immer, er sei ein Schwuler.“

„Aber seinen Namen wissen Sie nicht?“

Die alte Frau kicherte erneut, „Von dem Schwulen?“ Franziska musste nun auch lachen. „Ja.“

„Nein.“

„Warum glauben Sie eigentlich, dass er schwul war?“

„Weil er die Haare so lang getragen hat.“ Sie zeigte mit der rechten Hand am linken Oberarm, was sie meinte. „Und das machen doch nur Schwule, oder?“

Franziska fürchtete, dass dieses Gespräch nun doch in die falsche Richtung ging und versuchte, ihre Zeugin wieder auf den eigentlichen Grund ihrer Ermittlungen zu führen.

„Frau Nowak, bitte erzählen Sie mir, wie sie Sophia Weberknecht gefunden haben.“

Vielleicht hatte die alte Frau in der Heiterkeit des Gespräches versucht, die traurige Tatsache, dass das Mädchen tot war, zu übergehen. Nun hatte sie die Wahrheit eingeholt. Innerhalb eines Augenblicks spiegelte ihr Gesicht die ganze Tragödie und den Schmerz wider, den der Tod eines lieben Menschen hervorruft.

„Das war heute Vormittag“, begann sie mit fast tonloser Stimme. „So gegen elf. Wissen Sie, da geht es mit meinen Beinen immer am besten und ich schaffe die Treppe leichter. Die Sophia wohnt ja im obersten Stock.“

Franziska nickte und schrieb die Daten stichpunktartig in ihr grünes Notizbuch. „Zuerst hab ich bei ihr angerufen, und als niemand ranging, hab ich den Schlüssel vom Brett genommen und bin rübergegangen. Ich dachte ja, sie ist weggegangen, denn am späten Vormittag war sie meist bei Proben. An der Tür hab ich dann noch mal geklingelt, und als niemand aufmachte, schloss ich auf. Ich habe noch ihren Namen gerufen, bekam aber keine Antwort. Und dann sah ich sie auf dem Bett liegen. Erst dachte ich, sie schläft noch. Wissen Sie, bei ihr wird es am Abend oft spät, bis sie heimkommt. Ich wollte schon auf dem Absatz kehrtmachen, weil sie nackt war. Da schaut man ja nicht so genau hin. Obwohl sie ja ein wirklich hübsches Mädchen ist, ich meine, sie kann es sich leisten. Aber dann kam es mir doch seltsam vor, weil es eigentlich viel zu kalt war, um nackt zu schlafen. Ich bin zu ihr hingegangen, weil ich sie zudecken wollte. Und da sah ich ihre Augen, sie waren so leer, so weit weg, ach, es war so traurig, sie so zu sehen!“

Sie sah die Kommissarin an und jetzt bahnten sich die Tränen ungehalten ihren Weg. „Ach, es war so furchtbar! Ich musste sie noch nicht einmal berühren, da wusste ich schon, dass sie tot war. Ich kannte diesen Blick ja von früher.“ Verzweifelt sah sie zum Fenster und versuchte ihre Tränen wegzublinzeln. „Ich bin eine alte Frau. Mich hätte er holen sollen, nicht so ein junges Ding, das sein ganzes Leben noch vor sich hat.“

Franziska ließ der alten Frau Zeit, um sich zu fangen. „Haben Sie etwas verändert, als sie bei ihr waren?“

„Nein, ich bin gleich wieder raus, hab die Tür zugezogen und bin in meine Wohnung. Hier hab ich gesessen“, sie deutetet auf den Platz auf dem Sofa, „und hab die Polizei angerufen.“

Franziska wusste von den Kollegen, dass sie nicht mit hinaufgegangen war, „einmal am Tag reicht!“, hatte sie argumentiert und ihnen den Schlüssel in die Hand gedrückt.

„Und Sie haben in der Wohnung nichts verändert, vielleicht ein paar Sachen weggeräumt?“, wollte Franziska wissen.

„Nein, nein, nichts.“

„Wo bewahren Sie eigentlich den Schlüssel von Frau Weberknecht auf?“

„In der Küche, gleich hinter der Tür.“ Die alte Frau war im Begriff aufzustehen, aber Franziska bedeutete ihr sitzen zu bleiben und ging selbst in die angezeigte Richtung. „Am Schlüsselbrett“, rief ihr Paula Nowak hinterher.

Die Küchentür stand offen und gab den Blick auf eine blitzblank saubere Küche frei. Die Türen der hellen Einbauschränke waren geschlossen, alles war ordentlich verräumt, nur ein Korb mit Äpfeln und zwei gesprenkelten Bananen stand in einer Ecke. Auf dem Küchentisch lag eine karierte Tischdecke und am Fenster standen ein blühender Hibiskus und eine rote Gießkanne. Vielleicht hatte die alte Paula ja jemanden, der für Ordnung sorgte, und der könnte sich dann auch den Schlüssel ausgeliehen haben, überlegte Franziska. Dann schloss sie die Küchentür und sah auf das beschriebene Schlüsselbrett: Es hingen etliche Schlüssel daran und jeder hatte einen anderen Anhänger. Ein Haken aber war frei.

„Haben Sie eigentlich jemanden, der Ihnen hilft?“, fragte sie, als sie wieder im Wohnzimmer angelangt war, „Oder machen sie alles noch alleine?“

„Wenn man sich Zeit lässt, dann geht alles. Und Zeit hab ich ja genug, nicht wahr?“

„Kann sich jemand den Schlüssel bei Ihnen ausgeliehen haben? Also hatten Sie Besuch in letzter Zeit?“

„Nur der Briefträger, der brachte mir am Montag die Telefonrechnung. Da bin ich gerade vom Einkaufen heimgekommen, aber sonst war niemand da.“

„Und als Sie den Schlüssel heute Vormittag vom Haken genommen haben, hing er an seinem Platz?“

„Aber ja.“

Franziska nickte. „Was wollten Sie eigentlich in der Wohnung von Frau Weberknecht?“

„Ihre Mutter rief mich an und bat mich, nach den Blumen zu sehen. Angeblich ging es um ein Geburtstagsgeschenk, aber ich glaube, sie wollte nur, dass ich nach dem Rechten sehe. Sophias Mutter ist sehr besorgt um sie. Wissen Sie, sie behandelte sie wie ein kleines Mädchen und manchmal dachte ich, wenn die Mutti kommt, dann benimmt sie sich auch wieder so.“

„Wie meinen Sie das?“

„Na, immerhin war Sophia bereits zweiunddreißig und Sopranistin am Fürstbischöflichen Opernhaus, also musste sie doch irgendwann einmal auf eigenen Beinen stehen. Aber ihre Mutter wollte das nie einsehen. Vielleicht sind Mütter so. Ich habe ja keine Kinder.“

Franziska war bereits früh flügge geworden und hatte seither immer allein gelebt. Es war nicht immer leicht, aber letztlich war sie davon überzeugt, dass sie nur so tun und lassen konnte, was sie wollte.

„Sie hat so wunderbar gesungen! Und sah so bezaubernd aus. Mir hat sie immer wieder Freikarten besorgt, wissen Sie. Ich saß dann hinter der Säule auf den Teilsichtplätzen. Da hat man zwar nicht so gut gesehen, aber es war eine nette Abwechslung für mich. Ich hab ja nicht viel Rente.“

„Wie kam denn ihre Mutter auf Sie und warum hat sie Ihnen ihre Tochter so ans Herz gelegt? Das ist doch auch nicht üblich, oder?“

„Reinhilde hat für ihre Tochter eine Wohnung gesucht, und als die gegenüber frei wurde, habe ich ihr davon erzählt. Wissen Sie, wir kennen uns schon sehr lange.“

„Ach?“

„Ja, schon seit dem Krieg.“

„Was, so lange schon?“

„Na ja, wir waren zusammen beim Roten Kreuz.“ Paula Nowak stellte ihre Tasse auf den Tisch und lehnte sich zurück, dann begann sie zu erzählen.

„Nach dem Krieg kamen die Amerikaner in die Stadt, unsere Beschützer. Aber natürlich machte das unser Leben auch nicht besser. Es herrschte immer noch große Not und die Arbeit von uns Frauen war immer noch sehr wichtig – es gab ja auch so viel zu tun für uns. Eine schlimme Zeit war das, wissen Sie, fast noch schlimmer als im Krieg selbst.“

Sie sah Franziska an, die zwar nickte aber keine Ahnung hatte, weil sie sich damit noch nie beschäftigt hatte. „Damals war ich ja noch jung“, sie lächelte. „Und in der Frauenbereitschaft des Roten Kreuzes. In der Nikolaschule haben wir die erste Wärmestube aufgemacht. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, was die Menschen für Not litten. Jeder Besucher erhielt dort einen Teller Suppe und konnte sich aufwärmen.“ Paula Nowak rückte sich ein Kissen zurecht und schien sich in Gedanken an den Geschmack der Kohlsuppe zu erinnern.

„Im Oberhaus hatten sie ein Hilfskrankenhaus. Dort waren wir Schwestern und Helferinnen im Dienst, aber am meisten zu tun gab es in den Flüchtlingslagern. Bis achtundfünfzig hatten wir ja Flüchtlinge in der Stadt, wissen Sie das überhaupt? Und dann das Hochwasser! Vierundfünfzig war es ganz schlimm. Zweitausend Menschen haben wir täglich verpflegt, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen!“ Die alte Frau schloss für einen Moment die Augen, so als hätte sie den Faden verloren.

„Es muss wohl irgendwann nach dem Krieg gewesen sein, als ich das erste Mal mit Reinhilde zusammengearbeitet habe. Sie ist ja fast zehn Jahre jünger als ich und fing damals erst an. Ich habe sie eingearbeitet, ihr gezeigt, wie man aus wenig vielmachen und damit helfen konnte. Und wenn man so tagtäglich zusammen ist, kommt man sich auch näher, nicht?“

Franziska wusste nicht, ob sie auf diese Frage antworten sollte. Hannes und sie waren sich bisher noch nicht näher gekommen, aber sie wusste auch nicht, ob sie das wollte.

„Und wissen Sie was, es waren gute Jahre und ich möchte sie nicht missen. Eines Tages hab ich dabei dann Otto, meinen Mann, kennengelernt. Er war ein so lieber Kerl. Ich dachte schon, es findet mich gar keiner mehr“, sie lächelte und dann wurde ihr Gesicht auch schon wieder traurig, „Leider ist er schon vor vielen Jahren an Lungenkrebs gestorben. Es war schrecklich! Aber damals haben alle geraucht, man wusste ja nicht, wie gefährlich das Zeug war, und als es bekannt wurde, war es zu spät.“ Das kam fast trotzig, vielleicht, um den Verlust besser ertragen zu können, vielleicht hatte sie sich mit dieser Ausrede schon oft selbst getröstet.

„Und Reinhilde?“, fragte Franziska, um auf den Mordfall zurückzukommen.

„Zu der kam dieser Kerl mit seinem tollen Auto und den Lebensmittelspenden. Wir waren ganz aus dem Häuschen, weil damals ja kaum jemand so eine heiße Kiste fuhr. Reinhilde hat sich die Haare gebürstet und die Lippen nachgezogen und ist zu ihm hin. Ob sie nicht mal mitfahren darf, hatte sie gefragt und er hat sie mitgenommen. Zwei Monate später haben sie geheiratet. Ja, so war das mit ihr. Sie war genau so hübsch wie ihre Sophia, aber sie hat es den Männern auch gezeigt.“

„Und waren Sie nach der Hochzeit immer noch zusammen in der Frauenbereitschaft?“

„Nein, nein, wo denken Sie hin! Als Reinhilde erst einmal eine Weberknecht war, war es vorbei mit dem Dienst. Er kam aus gutem Hause, war Senffabrikant. Die hatten auch nach dem Krieg gleich wieder was. Die mussten sich die Hände nicht schmutzig machen. Die brachten Lebensmittelspenden. Zu Hause servierte ein Dienstmädchen. Und Reinhilde durfte dann ja auch überhaupt nicht mehr arbeiten gehen. Im Hause Weberknecht hatte man nämlich eine ganz feste Vorstellung von dem, was man tat und was man ließ und für meine Freundin gab es eigentlich nur eine Möglichkeit: Sie musste diese Vorstellungen erfüllen, eine gute Ehefrau sein und Kinder bekommen.“

„Und?“ Franziska fand die Wendung, die das Gespräch nahm, äußert interessant. „Als Ehefrau war sie sehr gut, nur mit dem Kinderkriegen wollte es nicht klappen. Na ja, und wahrscheinlich waren Otto und ich dann einfach auch nicht mehr gut genug für die beiden, denn als die Prinzessin dann endlich auf die Welt kam, hatten wir uns bereits aus den Augen verloren. Eigentlich, bis sie die Wohnung gesucht hat, da hat sie bei mir aus heiterem Himmel angerufen.“ Paula Nowak hielt inne. Zum ersten Mal schien sie sich zu fragen, ob das denn richtig gewesen war, dass sie so lange nichts von sich hören ließ und dann so plötzlich wieder anrief. „Sagen Sie, haben Sie den Eltern eigentlich schon Bescheid gesagt?“

Jetzt wurde die alte Frau ganz blass und Franziska hoffte, sie würde ihr nach der ganzen Aufregung nicht noch umfallen. „Ach, ich hatte gehofft, das machen Sie!“

„Ja, natürlich machen wir das, das ist ja auch unsere Aufgabe. Ich dachte ja auch nur, weil Sie die Mutter doch so gut kennen.“

„Darum fürchte ich mich ja auch so davor“, flüsterte die alte Frau verschwörerisch. „Am Ende denken die, ich hätte sie umgebracht!“

***

Vorsichtig lehnte Kriminalkommissar Hannes Hollermann seinen Fahrradvorderreifen an die Wand und drückte auf den Messingknopf der Klingel. Die Wohnungstür war in einem vornehmen Altweiß lackiert, die Glaseinsätze zierten großflächige florale Jugendstilornamente, ein Vorhang an der Innenseite verdeckte die Sicht auf die Wohnung. Das herrliche Haus stammte aus dem beginnenden Zwanzigsten Jahrhundert und war mit viel Liebe gebaut und erhalten worden, wie Hannes jetzt feststellte. Er selbst wohnte in einer bescheidenen Dachgeschosswohnung, ebenfalls Altbau, aber lange nicht so nobel.

Während er sich noch im Treppenhaus umsah, öffnete Agnes Neumüller in einem schicken schwarz-weiß gemusterten Kleid und flachen schwarzen Schuhen die Tür.

Sie sei ein bisschen schwerhörig, entschuldigte sich die alterslos erscheinende Dame mit einem Lächeln und bat den jungen Kommissar herein. Auf dem Tisch standen eine Kaffeekanne mit Tropfschutz, ein zierliches Gedeck mit Goldrand und ein Kuchenteller mit reichlich Auswahl. „Bei Ihnen riecht es aber lecker“, bemerkte Hannes und spürte, wie sein Magen nach einem Blick auf die Kaffeetafel zu knurren begann.

„Ach, wenn Sie sich vielleicht zu mir setzen wollen?“ Hannes zögerte nicht lange. Er gehörte zu den Menschen, die ohne Ende essen konnten und davon weder dick noch satt wurden.

„Früher konnte ich auch so viel essen, aber mit den Jahren muss man immer mehr auf sein Gewicht achten“, erzählte Agnes Neumüller schmunzelnd, während sie Hannes beim Essen zusah. Dann berichtete sie gestenreich von ihrer Zeit, als sie am Auersperg-Gymnasium Deutsch und Geschichte unterrichtet hatte und wie sehr ihr das manchmal fehlte. „Ach, all die entzückenden Kinder!“, seufzte sie und Hannes war sich sicher, dass sie es ernst meinte.

Sie sei gern Lehrerin gewesen, habe ihren Beruf geliebt und sei nur in Rente gegangen, weil es an der Zeit war, und nun kämen nur noch hin und wieder Nachhilfeschüler, um sich von ihr unterrichten zu lassen. Nebenbei wollte sie dem Kommissar schon das nächste Stück auf den Teller laden, doch der winkte ab. „Oh, vielen Dank, aber jetzt kann selbst ich nicht mehr.“

„Dann vielleicht noch ein Tässchen Kaffee?“ Die Dame zwinkerte ihm zu und Hannes reichte seine Tasse zu ihr hinüber. „Erzählen Sie mir von Frau Weberknecht“, bat er, während er langsam Milch in die schwarze Flüssigkeit goss und sie mit viel Hingabe unterrührte.

„Sophia war ein reizendes Mädchen. Kaum zu glauben, dass ihr das jemand antun konnte. Sie war immer so hilfsbereit und freundlich und sie liebte klassische Musik. Sie spielte ja ganz wunderbar Geige und sang – ach, einfach schön! Sie passte schon sehr gut in unser Haus.“

„Wann ist sie denn eingezogen?“

„Das war ziemlich bald nachdem Hildegard ausgezogen war. So vor drei Jahren. Heute nennt sie sich Charlotte Stein. Das soll sich besser machen in ihren Kreisen, wissen Sie. Sie ist Schriftstellerin, und nachdem sie mit ihrem ersten Roman so viel Erfolg hatte, ist sie dann ja auch nach Berlin gezogen, meinte, das sei weltmännischer. Ihr nächster war dann nicht mehr so gut, wahrscheinlich hatte sie ihre Ideen verbraucht.“ Unschlüssig zuckte sie mit den Schultern.

„Und dann zog Frau Weberknecht in die Wohnung über Ihnen?“

„Genau. Wissen Sie, wir waren sehr eng befreundet und die Wohnung oben ist ja auch ein echtes Prachtstück. Darum war ich natürlich froh, dass nach Hildegard ein so liebes Mädchen einzog.“

„Dann liegt Ihnen sicher auch viel daran, dass wir denjenigen, der ihr das antat, so schnell wie möglich finden“, folgerte Hannes und wunderte sich selbst, wie schnell er sich auf die Wortwahl der alten Dame eingestellt hatte.

„Aber natürlich, sagen Sie mir, was ich tun kann.“ Hannes nickte. „Wann haben Sie denn Frau Weberknecht zum letzten Mal gesehen?“

„Gestern früh, vor dem Einsingen für die Probe. Sie kam gerade vom Bäcker und hatte es eilig.“

„Und wann genau war das?“

„Also nach ihr kann man ja die Uhr stellen. Jeden Morgen singt sie sich von neun Uhr zwanzig bis neun Uhr fünfundvierzig ein, dann fährt sie zur Probe ins Theater. Die beginnt um zehn. Also ich schätze, es war so kurz vor neun.“

„Hatte sie Besuch?“

„So kurz vor der Probe? Nein.“

„Aber Sie wissen nicht, ob sie zu dieser Probe gegangen ist?“ „Na ja, davon gehe ich aus. Ihr Auto stand über Mittag nicht im Hof und daher denke ich, sie ist damit weggefahren.“ „Haben Sie gestern jemanden im Haus gesehen, der zu Frau Weberknecht wollte?“

„Nein. Es könnte natürlich sein, dass jemand bei ihr war, aber wissen tue ich es nicht.“

Der Kommissar spürte, wie sie mit sich rang.

„Frau Neumüller, wenn Sie etwas wissen, müssen Sie es mir sagen!“

„Ich weiß wirklich nichts und das ärgert mich eben. Ich habe Brahms gehört. Brahms muss man laut hören, erst dann kommt er so richtig zu Ehren. Aber jetzt ärgere ich mich natürlich, dass ich nicht auf das geachtet habe, was im Haus vor sich ging, verstehen Sie?“

Hannes nickte erneut.

„Hatte sie denn einen Freund?“

Agnes Neumüller sah den jungen Kommissar musternd an, bevor ein Lächeln über ihr mit feinen Linien belebtes Gesicht huschte. „Ihnen hätte sie auch gefallen!“ Dann wurde ihr bewusst, was sie dem Kommissar eben unterstellt hatte und fügte schnell hinzu: „So wie sie aussah, sollte man meinen, dass sie einen Freund hatte, nicht?“

„Und?“

„Mir hat sie keinen vorgestellt.“

Hannes seufzte. Wäre ja auch zu schön gewesen.

„Manchmal hat sie nachts Besuch bekommen.“

„Sie meinen, es hat jemand bei ihr übernachtet?“, fragte er aufgekratzt zurück. „Ein Mann?“

„Ich weiß nicht, ob er die ganze Nacht blieb, aber er kam immer so gegen drei Uhr morgens. Wegen der genauen Uhrzeit bin ich mir nicht ganz sicher.“

„Und wie oft kam er?“

„Also, das muss im Sommer gewesen sein. Ich meine, ich überwache ja nachts nicht das Treppenhaus. Aber im August war es so heiß und da konnte ich nicht schlafen, und eines Nachts hörte ich auf der Treppe Schritte und hab dann vorsichtig den Vorhang an der Wohnungstür zur Seite geschoben um zu sehen, wer draußen ist.“

„Würden Sie den Mann wiedererkennen?“ Hannes begann weiter zu hoffen.

„Nein, nein, ich glaube nicht. Er ging ja im Dunklen hinauf und irgendwie sah er zur Wand.“ Agnes Neumüller stutzte. „Meinen Sie, er hat gewusst, dass ich ihn sehe, und hat deshalb zur Wand gesehen?“ Hannes zuckte die Schultern.

„Meinen Sie, das war ihr Mörder?“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, als sie sich beide Hände aufs Herz legte. Es dauerte eine Weile, bis sie und ihr Atem sich wieder beruhigt hatten.

„Auf jeden Fall hat er sich gut im Haus ausgekannt.“

„Und Frau Weberknecht hat ihn erwartet?“

„Zumindest hatte er einen Schlüssel.“

„Das ist ja interessant.“

„Hilft Ihnen das weiter?“

Hannes überlegte. Nein, eigentlich nicht, nicht wenn sie ihm keine Beschreibung geben konnte. Aber immerhin wusste er jetzt, dass jemand einen Schlüssel zu Sophias Wohnung hatte und häufiger in der Nacht zu Besuch kam. Vielleicht tatsächlich der Mörder?

„Ja, wenn Ihnen doch noch etwas zu diesem Besuch einfällt, würden Sie mich dann bitte anrufen?“ Er legte eine Karte mit seiner Durchwahl auf ihren Kaffeetisch. Sie war druckfrisch.

„Aber natürlich, Herr Kommissar, das mach ich doch gerne.“

„Na, dann will ich mal unten mein Glück versuchen, bei …“, er schaute auf seinen Block.

„Der Herr Brandner ist verreist. Schon die ganze Woche.“

„Wissen Sie, wann er wieder kommt?“

„Das weiß man bei ihm nie. Er fährt immer wieder für längere Zeit zu seinen Kindern und Enkeln. Aber ich kann Sie ja anrufen, wenn er wieder da ist?“

„Das wäre sehr nett von Ihnen.“

***

Sichtlich verlegen stand Hauptkommissar Berthold Brauser vor der Wäschekommode im Schlafzimmer der Toten. Er hatte die oberste Schublade geöffnet und hielt nun zarte, viel zu klein wirkende Wäscheteilchen in seinen rauen Händen. Sie waren schwarz, grau, lila und champagnerfarben. Die Spitze war weich, der Satin kühl und glatt, die Seide voller Leben.

Kurz sah er zum Bett, aber die Tote war inzwischen auf dem Weg in die Rechtsmedizin nach München.

Während er nun so da stand, dachte er an Maria. Solange er mit ihr zusammen war, trug sie weiße Baumwollschlüpfer. Achtunddreißig Jahre lang. Und es war immer schön gewesen, wenn er sie ihr ausgezogen hatte. Früher und auch später noch.

Nun hielt er diese Teilchen in den Händen und versuchte sich vorzustellen, wie sie mit so etwas ausgesehen hätte, damals, mit den langen blonden Haaren, ihrem strahlenden Lächeln, als man sie für alles hatte begeistern können. Brauser überkam in Erinnerung ein sanftes, längst vergessenes Gefühl einer heiß brennenden Liebe. Ach, seine Maria!

Was hatten sie nicht alles erlebt. Sie beide und die Vespa, mit der sie durch die Landschaft gefahren waren. Gemeinsam hatten sie ihre Jugend genossen und alles, was neu und schön war. Maria trug duftige Blumenkleider und er hatte die Haare zurückgekämmt. Schwarz wie das Gummi der Reifen waren sie gewesen. Mit einer schnellen Bewegung fuhr er sich durchs Haar und stöhnte. Sein Kopf schmerzte.

Für einen Moment schloss er die Augen und legte dann die Sachen zurück in die Schublade, um als Nächstes den Kleiderschrank zu öffnen. Dunkle Hosen, weiße Blusen, edle Kaschmirpullis, ein braunes Kleid mit geometrischen Motiven und einem braunen Satingürtel. Brauser nahm es heraus und sah es lange an, bevor er es zurückhängte. Am Boden standen sauber geputzte Schuhe mit hohen Absätzen und zierlichen Riemchen für den Sommer und einige Paar Stiefel für den Winter. Er ging ins Wohnzimmer. Annemarie und ihre Truppe waren gegangen und sie hatten noch immer nichts gefunden, deshalb würden sie wiederkommen müssen. Brauser trug jetzt brav seine Latexhandschuhe. Er brauchte in seinem Zustand nicht noch einen Rüffel von Annemarie.

Neben unzähligen Büchern und CDs saßen Engel im Regal: Unschuldsengel, Weihnachtsengel, Schutzengel? Lieblich, kitschig, fromm und am Ende erfolglos, dachte er, nachdem er einen nach dem anderen in die Hand genommen und wieder an seinen Platz gestellt hatte. Im unteren Bereich stand eine aus verschiedenen Bausteinen ordentlich aufeinandergesetzte Stereoanlage und daneben, in einem Ständer aus Chrom, Opern aller Art, Klassik, aber auch Jazz. In zwei Ecken die dazugehörenden Lautsprecher, für den Geschmack des Kommissars ziemlich dominant. Der zierliche Sekretär im Fenstererker war ordentlich aufgeräumt. Neben mehreren Stapeln Notenmaterials befanden sich in einer Ablage ein paar Rechnungen. Brauser blätterte sie durch: Kleidung, Lebensmittel, Tankrechnungen – nichts Besonderes. Ein Notizblock, ein örtliches Telefonbuch, eine Zeitung von Mittwoch und ein paar Stifte; nichts, was ihn interessierte.

Er spürte, wie der brennende Schmerz in seinen Fußballen zunahm. Zu viel Harnsäure, hatte ihm der Arzt erklärt. Das komme vom Alkohol. Brauser wusste, dass es bald schlimmer wurde. Er brauchte dringend einen Schnaps.

Viel Auswahl gab es hier nicht, nur etwas süßen Schoko-Sahne-Likör, einen halbvollen Williams Christ und einen Kräuterschnaps, den er dann schließlich wählte. Einen kleinen nur, denn noch war er im Dienst. Aber es gab Einsätze, bei denen musste man auf die Regeln pfeifen und im Grunde, was sollte ihm jetzt noch passieren? In sechs Wochen ging er in Pension. Danach war es ohnehin vorbei mit den Regeln und allem, was seinem Leben einen Sinn und Rahmen gegeben hatte. Oder war es nicht jetzt schon vorbei? Neben dem Regal stand ein Holzständer mit einer Geige. Ein sehr schönes Instrument, das wunderbar in der Hand lag. Er nahm den Bogen in die rechte Hand und tat so, als könne er spielen. Schade, er hatte nie Zeit gefunden, ein Instrument zu lernen und für so etwas Teures hatte man bei Brausers auch kein Geld gehabt. Seine Eltern hatten viele Mäuler zu stopfen, denn sie waren zu Hause zu acht gewesen.

Vorsichtig, wie es sich für einen Laien gehörte, legte er alles wieder an seinen Platz zurück.

Nach einem zweiten Schnaps nahm er eines der Fotoalben aus dem Regal, setzte sich auf die vordere Sofakante und begann die Seiten durchzublättern. Sophia an der Ballettstange mit Haarknoten und mit Zahnlücke beim schüchternen Lächeln zwischen Mama und Papa sitzend. Er im dunklen Anzug, sie im Kostüm. Alles sehr schick, sehr gediegen, sehr stolz. Ein Mädchen aus gutem Hause also. Prost! Brauser stand vom Sofa auf, trank einen dritten und allerletzten Schnaps und stellte Flasche und Album ins Regal zurück. An der Wand hingen gestochen scharfe Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigten die Sängerin in ihren verschiedenen Rollen: als Heldin, Geliebte, Göttin. Ein Engel im Licht der Scheinwerfer, festgehalten in einem Augenblick, gemacht für die Ewigkeit.

Der Kommissar hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen, sodass er den Alkohol spürte, der ihn ein wenig versöhnlich stimmte und den Schmerz in seinen Füßen betäubte. Doch vor seinem inneren Auge war alles längst zu einem grauen, bleischweren Nebel geworden. Es gab keine Facetten mehr, keine Farbe und kaum Licht. Es gab nur noch diesen Schatten, der alles verschlang und auf einmal fragte er sich, was er hier überhaupt machte. Das hier konnte nicht sein Fall werden! Wie sollte er ihn auch lösen? Ihm blieb einfach nicht mehr genug Zeit dafür. Der Kommissar drehte eine letzte Runde durch die Wohnung. Er hätte gerne noch einen Schnaps getrunken, aber das kam nicht infrage. Energisch schaltete er das Licht aus. Es war höchste Zeit für ihn.

***

„Berthold, jetzt reiß dich doch mal zusammen!“ Oberstaatsanwalt Dr. Dieter Schwertfeger schlug nach Brausers Bericht einen freundschaftlich strengen Ton an. „Wer außer dir kann den Fall denn lösen?“

„Das überlasse ich dir!“ Brauser lehnte sich in dem gemütlichen Besucherstuhl der Staatanwaltschaft zurück und trank langsam einen Schluck des malzig weichen Whiskeys, bevor er fast trotzig hinzufügte: „Ich bin krank.“

„Du fühlst dich krank“, verbesserte der Staatsanwalt geduldig. „Du hast den jungen Hollermann und dein Mädchen, die kleine Steinbacher. Lass sie den Fall der toten Sängerin ermitteln und kümmere du dich primär um den Automord. Es wird ohnehin Zeit, dass du die Jungen ran lässt. Lass sie zeigen, was sie können! Es reicht ja vielleicht, wenn du sie unterstützt, die Ergebnisse besprichst und in schwierigen Situationen eingreifst. Und ich bin ja auch noch da.“

„Du verstehst mich nicht, Dieter, ich kann nicht!“

„Ach was, deine Fische werden schon noch auf dich warten. Und gibt es was Schöneres, als eine lange Kriminalkarriere mit einem richtig großen Fall abzuschließen?“

Brauser schüttelte resigniert den Kopf. Schwertfeger konnte ihn einfach nicht verstehen. Dabei hatten sie schon zusammen Jura studiert, bis Brauser gemerkt hatte, dass es ihm mehr Spaß machte, die Wahrheit zu suchen, statt anderer Leute Lügen zu verteidigen. Er hatte immer seinen Kopf durchsetzen wollen und nicht den anderer retten. Trotzdem waren die beiden natürlich gute Freunde geblieben und, was noch wichtiger war, inzwischen ein gutes Team. Brauser ermittelte, Schwertfeger hielt ihm den Rücken frei. Vor allem wenn er auch einmal unkonventionelle Maßnahmen ergreifen musste. Gemeinsam mit ihren Ehefrauen hatten sie viel unternommen, bis der Staatsanwalt sich von seiner ersten Frau Johanna trennte und Maria mit der Neuen einfach nichts anfangen konnte, wie sie immer wieder betonte.

„Ist alles in Ordnung bei dir zu Hause? Was macht Maria? Ich habe sie lange nicht gesehen.“

„Was hat Maria damit zu tun?“

„Kümmert sie sich um dich?“

„Ja, natürlich.“

„Ich meine, du weißt schon, manchmal braucht ein Mann einen Tapetenwechsel.“

Brauser stellte sein Glas energisch auf den Schreibtisch. Sein Ton wurde angriffslustig. „Du meinst, so wie bei dir?“

Resigniert schnaufte sein Freund aus und griff nach seiner Pfeife, die er immer in Reichweite hatte, aber nie ansteckte. Sie beruhigte ihn einfach.

„Okay, okay.“ Abwehrend hob er die freie Hand. „Wir besprechen den Fall morgen in der großen Runde, vielleicht gibt es dann ja auch schon weitere Fakten. So und jetzt sag mir lieber mal, wie es in dem Automord weitergeht.“ Der Kommissar sah auf die Uhr. „Wenn du Zeit hast, sprechen wir den ganzen Fall einmal durch, ich komme ohnehin nicht weiter.“ Mit dem Themawechsel hatten beide rasch zum gewohnten Ton zurückgefunden. Schwertfeger nickte, stand auf und ging zu dem Sideboard aus Eichenholz, das neben der Tür stand, um die Whiskeyflasche herüberzuholen. Draußen wurde es langsam dämmrig und in den übrigen Dienstzimmern machten die Kollegen bereits Feierabend – wahrscheinlich verdientermaßen. Aber an solche Zeiten hatten sich in all den Jahren weder Brauser noch Schwertfeger gehalten. Großzügig schenkte der Staatsanwalt für beide ein, dann lehnte er sich zurück und hörte seinem Freund aufmerksam zu.

„Klaus Wallenstein, siebenundvierzig Jahre, wohnhaft in Frankfurt am Main, starb in der Nacht vom 16. auf den 17. August. Eine Streife fand ihn am Morgen auf dem Parkplatz in Ingling. Zunächst mussten wir davon ausgehen, er sei mit seinem Mercedes am Abend dorthin gefahren und von Unbekannten erschossen worden. Der oder die Schützen hatten ihn zweimal mit einem großkalibrigen Geschoss in den Kopf getroffen. Die Windschutzscheibe war zersprungen und auch die Karosserie wies mehrere Einschüsse auf. Insgesamt vier. Wir gehen von einem Revolver aus, da am ganzen Tatort keine Patronen gefunden wurden. Dafür fanden wir etwas anderes. Etwas sehr Interessantes: Die Haut des Toten wies an beiden Handgelenken und am Hals Vertrocknungsspuren auf, die daraufhin deuten, dass er vor seinem Tod gefesselt wurde. Wir glauben, man hat ihm die Schlinge um den Hals gelegt und ihn damit an seinen Sitz gebunden, ihn mit einer Waffe bedroht und gezwungen, auf den Parkplatz zu fahren. Dem Opfer wurden dann die Hände gefesselt, er wurde durch die Windschutzscheibe erschossen. Allerdings fanden wir nur einen Strick, der zu den Spuren am Hals passte. Dieser lag auf dem Rücksitz. Die Täter, wir gehen den Fußspuren nach von mehreren aus, haben ihn also nach der Tat wieder losgebunden und die Stricke mitgenommen.“

Der Kommissar nahm einen kleinen Schluck Whiskey und erwärmte in langsam im Mund, bevor er ihn hinunterschluckte und berichtete dann weiter. „Er trug einen Anzug von guter Wollqualität. Wir fanden seinen Ausweis, aber weder Kreditkarten noch Bargeld. Augenscheinlich wurde er durchsucht und alles von Wert wurde mitgenommen.“ Brauser sah seinen Freund an, ohne auf einen Einwand oder eine Frage zu warten.

„Sein Gesicht war durch die Einschüsse zwar völlig unkenntlich und wir mussten auf eine DNA-Untersuchung zurückgreifen, aber da ja der Ausweis noch in seiner Brieftasche steckte, und auch das Auto auf den Toten zugelassen war, konnte es wohl nicht Sinn der Täter sein, seine Identität zu verschleiern.“

„Was sehr gut zu einem Racheakt in Dealerkreisen passen würde“, warf Schwertfeger ein und ließ seinen Freund kopfschüttelnd weiterberichten.

„Du erinnerst dich richtig. In den ersten Ermittlungsansätzen sah es tatsächlich so aus, als habe er mit Drogen gehandelt, denn auf dem Anzug des Toten fanden wir Tabak und Ascheteilchen von Marihuana, außerdem einige Jointstummel am Tatort.“

Brauser trank sein Glas leer und ließ sich dann nachschenken. Eine Weile blieb es still im Raum. Die Dunkelheit, die draußen vor den Fenstern eine undurchdringliche Wand gebildet hatte, schien hereinzudrängen und das Licht der Schreibtischlampe aufzusaugen.

„Es hat tatsächlich alles für einen Mord im Milieu gesprochen. Das Auto, der Parkplatz, das Rauschgift und vor allem die Todesart, die stark an eine Hinrichtung erinnerte. Wir ließen den Wagen von Drogenspürhunden durchsuchen, aber die fanden keine weiteren Indizien und dann kam ja auch die Wende aus der Rechtsmedizin in München: Getötet hatten Klaus Wallenstein nicht die Schüsse, er war bereits Stunden vorher an einer Luftembolie in der rechten Herzkammer gestorben. Ihn Stunden nach seinem Tod noch zu erschießen, machte natürlich überhaupt keinen Sinn, es sei denn, der Täter war sich nicht sicher, ob Wallenstein überhaupt tot war, und wollte ihn mit dieser Ungewissheit nicht auf dem Parkplatz zurücklassen. Aber passte das zu unserer Theorie, dass es sich um Rache handelte? Die Einstichstelle befand sich in der linken Armbeuge. Der Tod trat gegen Mitternacht ein und auf dem Parkplatz war es dunkel. Kann man bei den schlechten Lichtverhältnissen eine Vene punktieren? Wir haben den Parkplatz überwacht und festgestellt, dass er um diese Zeit durchaus noch frequentiert wird. Das Risiko, entdeckt zu werden, war groß. Also suchten wir Zeugen. Tatsächlich meldeten sich einige und in einem Punkt deckten sich ihre Aussagen: Keiner hatte am späten Abend des 16. August einen silbergrauen Mercedes auf dem Parkplatz beobachtet.

Daraufhin ließ ich von der KTU das gesamte Auto noch einmal auseinandernehmen und das war ein Aufwand, der belohnt wurde. Wir fanden schwarze chemische Fasern, wie von billigem Satin auf beiden Sitzen und auch auf dem Hemd des Toten. Und es wird noch besser: Abriebspuren vom Strick an der Kopfstütze des Beifahrersitzes. Wallenstein war also auf dem Beifahrersitz festgebunden und dann erst auf den Fahrersitz gesetzt und dort erschossen worden. Der Befund der Rechtsmedizin brachte endgültig den Beweis. Er war angeschnallt, aber sein Kopf nicht mehr mit dem Strick fixiert, als ihn die Schüsse trafen.“

„Sonst wäre am Strick ja sicher auch Blut gefunden worden.“

„Nicht unbedingt, denn da er ja schon Stunden tot war, bluteten seine Wunden auch nicht mehr.“ Brauser war, erregt von seiner Zusammenfassung, immer weiter nach vorn gerutscht und lehnte sich jetzt, da alle Fakten auf dem Tisch lagen, wieder etwas entspannter zurück. „Sechs Wochen gute Arbeit und doch sind wir noch immer nicht wirklich weiter gekommen. Wir haben die Waffe nicht. Wissen nicht, wo Wallenstein starb, geschweige denn, wo er sich vor seinem Tod aufgehalten hat. Das Gesicht lässt sich durch die Schüsse nicht rekonstruieren und die Familie besitzt nur alte Fotos von ihm, auf denen ihn wohl selbst dann niemand mehr erkennen würde, wenn er ihn erst kürzlich gesehen hätte. Wir haben seinen Bruder befragt. Die beiden hatten ein sehr enges Verhältnis. Wallenstein war Geschäftsmann, handelte angeblich mit Systemküchen. Vielleicht war das ja nicht alles und vielleicht stand er jemandem im Weg und musste deshalb sterben. Seiner Sekretärin hat er nicht gesagt, wo er hinwollte, und im Auto fanden wir keinen Terminkalender. Ob er Gepäck dabei hatte, konnte die Ehefrau nicht sagen. Geschäftlich schien er nicht unterwegs zu sein, das haben wir überprüft. Was also wollte er hier?“, fragte sich der Kommissar zum wiederholten Male selbst.

„Was ist mit dem Marihuana?“, warf Schwertfeger ein.

„Der Bruder sagt natürlich, das könne er sich nicht vorstellen, dass er etwas mit Marihuana zu tun hatte, und auch seine Frau war ganz entsetzt, als die Kollegen sie mit dieser Theorie konfrontiert haben. Allerdings konnte sie bisher auch noch nicht schlüssig nachweisen, wo ihr Mann die letzten Tage gewesen ist. Sie ist in der Politik sehr engagiert und, so wie es aussieht, ist jeder seinen eigenen Lebenszielen nachgegangen. Mal ganz ehrlich, Marihuana ist ein Rauschgift für die Jungen, die Ausgeflippten. Leute wie Wallenstein handeln vielleicht damit, aber sie rauchen es nicht.“

„Er hat aber nicht damit gehandelt?“

„Zumindest fanden sich keine Spuren, außer denen auf seiner Kleidung.“

„Vermutlich ist er von Marihuana rauchenden Tätern getötet worden, die vielleicht so zugekifft waren, dass sie gar nicht wussten, dass er bereits tot war, als sie auf ihn schossen.“

„Richtig.“ Brauser nickte.

„Du solltest dich also doch mehr auf die Drogenszene konzentrieren.“

„Welche Drogenszene? Passau ist eine saubere Stadt.“ Brauser grinste über seine eigene Ironie. „Aber mal im Ernst, soll ich jetzt an allen Schulen anfangen zu ermitteln? Von jedem Jugendlichen ab zwölf Fingerabdrücke nehmen lassen?“

„Nein, natürlich nicht“, beruhigte ihn Schwertfeger. „Aber was ist mit dem Parkplatz?“

„Wird überwacht.“

„Und?“

„Nichts! Wir bräuchten mehr Leute, damit wir auch das Umfeld beschatten können, aber bisher sind nur stichpunktartige Überwachungen möglich und vermutlich kommen die Täter auch nicht an den Tatort zurück.“

„Das ist ja ohnehin nur ein dummer Spruch“, bemerkte Schwertfeger. „Das heißt also, wir können nur abwarten?“ „Ich hatte gehofft, dir fällt noch was Besseres ein!“ Brauser grinste. „Eine Sache hab ich noch, ich weiß nur nicht, wie uns das weiterhelfen soll. An Wallensteins Penis wurde Capsaicin gefunden.“ Der Kommissar lächelte zufrieden, denn er war sich sicher, sein Freund hatte keine Ahnung, welches Teufelszeug sich hinter dieser Bezeichnung verbarg.

„Was bitte ist Capsaicin?“

„Chili! Scharfe Chilifrüchte.“

„Du meinst, er hat sich seinen …“, Schwertfeger kratzte sich am Kinn, „mit Chilischoten eingerieben?“

„Na ja, vielleicht hat er ja auch nur beim Essen gekleckert.“ Der Polizist lachte ironisch und nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Auf jeden Fall war das eine heiße Sache, zumindest wurde das Gewebe an dieser Stelle ordentlich durchblutet, um die vermeintliche Wärme abzutransportieren, was ja vielleicht der eigentliche Zweck des Ganzen war.“

„Ein Aphrodisiakum also?“

„Ich weiß es nicht. Wenn das Schärfeempfinden nachlässt, wirkt es schmerzlindernd und dämpfend, und es gibt wohl keine Studien darüber, wie lange die Wirkung anhält. Aber vielleicht hatte er ja Erfahrung damit.“

„Also wirklich Berthold, man lernt nie aus!“

„Willst du es probieren?“

„Bist du verrückt? Nein! Aber ich weiß jetzt immerhin, dass du nicht zu krank bist, um zu ermitteln. Also keine weiteren Ausreden! Mach dich an die Arbeit, ich verlasse mich auf dich.“

***

Am nächsten Morgen lag wieder eine zähe, dicke Nebelsuppe über der Stadt. Es war nasskalt und ungemütlich und wer nicht hinausgehen musste, blieb im Haus und schaltete möglichst viele Lichter an, um sich wenigstens die Illusion von Sonnenschein zu gönnen.

Franziska trug an diesem Morgen Stiefel, Tweedrock und einen Wickelpulli aus Mohair unter ihrem Mantel. Sie parkte ihr Auto möglichst nah an der Hauswand und ging dann zügig, die Arme vor dem Körper verschränkt, um die Kälte abzuwehren, die wenigen Stufen bis zum Dienstgebäude hinauf. Für gewöhnlich sehnte sie sich bei so einem Wetter nach ihrem gemütlichen Lesesofa im Wohnzimmer, einem spannenden Buch und einer großen Tasse Tee.

Doch an diesem Tag wartete ein neuer Fall auf sie, ein interessanter Fall, ihre große Chance, und damit kaum die richtige Zeit, um ans Faulenzen zu denken, zumal der Chef gar nicht mehr richtig bei der Sache war.

Den gestrigen Abend hatte sie gemeinsam mit Hannes damit zugebracht von Haustür zu Haustür zu gehen und zu fragen, ob jemand etwas gesehen hatte. Etwas Ungewöhnliches. Jemanden, der nicht in diese Gegend passte. Einen Mann, wie ihn Agnes Neumüller und Paula Nowak beobachtet hatten. Denn vielleicht waren der Mann auf der nächtlichen Treppe und der, den die alte Nowak am Nachmittag der Tat vor dem Haus gesehen hatte, ein und derselbe.

Die Definitionen, was in einer Gegend verdächtig war, gingen stark auseinander. Ein alter Mann hatte eine Gruppe Jugendlicher die Straße entlangziehen und mit einer Bierdose kicken sehen und war sich sicher, dass es sich bei ihnen um die Täter handeln musste. Eine Frau hatte eine schwarze Gestalt mit Kapuze und Sonnenbrille gesehen und schloss sich jetzt aus Angst hermetisch ein. Und einer wollte sogar den Chef gesehen haben, mit langem Mantel und Pudelmütze. Das Gesicht hatte der Zeuge nicht erkennen können, aber er hatte Brauser am Mittag ins Auto steigen sehen und meinte, der Täter habe große Ähnlichkeit mit dem Hauptkommissar gehabt. Franziska hatte es zur Kenntnis genommen, aber nicht einmal in ihr grünes Notizbuch geschrieben, so absurd war diese vermeintliche Beobachtung. Trotzdem, so überlegte sie weiter, gab es keine Immunität mehr, selbst einem Polizisten traute man inzwischen alles zu. Laut Statistik nahmen die Verbrechen immer mehr ab und die Aufklärungsrate stieg. Doch die Bürger fürchteten sich, was vielleicht auch an den stets sensationsheischenden Berichten der Journalisten lag. Gewalt, egal ob sie auf der Straße oder in Familien auftrat, wurde einfach nicht mehr toleriert. Wie immer benutzte Franziska die rechte Schulter, um damit die Glastür, die zu ihrem Büro führte, aufzudrücken. Vielleicht würde ein wenig Öl ausreichen, aber niemand hatte Zeit, um sich darum zu kümmern, und so wurde es immer zu einem Kraftakt, sie zu öffnen.

Im Vorraum saß Ramona an ihrem Schreibtisch und war in eine Liste vertieft.

„Na, was brütest du denn Schönes aus?“

„Ach, das ist nur die Liste, wer alles schon bezahlt hat.“

„Bezahlt? Wofür?“

„Für das Abschiedsgeschenk für den Chef, du weißt schon.“

„Ach ja, richtig, seine Angel. Du sag mal, kommt er dir auch so komisch vor in letzter Zeit? Ich glaube, er will gar nicht gehen.“

Ramona beugte sich so weit über den Schreibtisch zu ihr nach vorn, dass Franziska gezwungen war, in ihren Ausschnitt zu schauen. „Heute Morgen hat er gesagt, er sei krank. Ich kenne ihn jetzt seit fast fünfzehn Jahren und noch nie hat er darüber geklagt, krank zu sein.“

„Eben, das meine ich ja.“ Auch Franziska beugte sich nun näher zu Ramona hinunter. „Vielleicht ist es einfach das Alter. Er kann nicht mehr so wie früher und das will er nicht wahrhaben.“ Die Frauen hatten einen verschwörerischen Flüsterton angeschlagen.

„Dabei geht es ihm doch gut, er hat keine Sorgen, Aussicht auf eine schöne Rente und seine Frau ist doch eine ganz Liebe.“

***

Auch als sich im Westen Politiker und Wirtschaftsbosse noch nicht so viele Gedanken über Krippenplätze und Erziehungszeiten gemacht hatten, musste Ramona Maier als Sekretärin ihre Frau stehen. Der Vater ihrer beiden inzwischen vierzehn- und fünfzehnjährigen Töchter hatte sich so erfolgreich aus dem Staub gemacht, dass auch die hartnäckigste Behörde irgendwann aufgab und sie allein für den Unterhalt der Kleinfamilie verantwortlich war. Eine Belastung, die mit dem Alter und den Ansprüchen der Mädchen wuchs. Aus ihrer eigenen Jugend wusste sie nur zu genau, dass jeder, der nicht mithalten konnte, auch nicht dazugehörte. Doch sie wollte, dass ihre Mädchen dazugehören. Dafür arbeitete sie.

„Was machen deine beiden Mädels?“, fragte Franziska, weil sie wusste, dass es Ramona gut tat, wenn sie ein bisschen über ihre Sorgen jammern konnte.

„Na ja, mit zwei pubertierenden Töchtern ist es halt nicht immer einfach“, stöhnte sie und verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Sie wollte nicht klagen. Sie wollte einfach Verständnis.

„Waren wir nicht alle mal so?“

„Ich weiß nicht. Ich will ja, dass sie es besser haben, als ich damals, aber“, sie zuckte hilflos mit den Schultern, „ständig brauchen sie Geld und immer muss es das neueste Handy sein. Mir reicht doch auch ein ganz einfaches. Hauptsache, es ruft mal jemand an!“

Automatisch zog Franziska ihr Handy aus der Tasche und warf einen Blick drauf. Keine neuen Nachrichten. Ramona hatte recht: Hauptsache es melden sich nicht immer nur die Kollegen.

„Sag mal, ist Hannes schon da?“

„Ja, er sitzt in eurem Büro.“

„Und weißt du, wann die Besprechung ist?“

„Die müsste jeden Moment beginnen.“

Als Franziska und Hannes kurz darauf gemeinsam den Konferenzraum betraten, saßen alle, die zum Team Weberknecht gehörten, bereits an den u-förmig gestellten Tischen und sahen sie erwartungsvoll an. Oberstaatsanwalt Schwertfeger hatte sich zu seinem Freund Brauser gesetzt und nippte, sichtlich lustlos, an einem Becher mit dünnem Kaffee. Sein Gesichtsausdruck ließ ahnen, dass der in der Staatsanwaltschaft schmackhafter war. Franziska trug eine Akte mit allem, was sie bereits recherchiert hatte unter dem Arm und begann gleich darauf, Fotos der toten und der lebenden Sophia Weberknecht an die Wand zu pinnen. Während sie die Bilder akkurat aufhängte, berichtete sie für alle, die nicht am Tatort waren, aus dem Leben des Opfers.

„Sophia Weberknecht wurde zweiunddreißig Jahre alt. Sie stammt aus der Senf-Dynastie Weberknecht in Regensburg.“ Ein zustimmendes Gemurmel ging durch den Raum und Franziska lächelte nachsichtig, bis sie fortfahren konnte.

„Okay. Sie war seit drei Jahren als Sängerin am Fürstbischöflichem Opernhaus zu Passau engagiert und lebte seither in der Postackerstraße 7. Wie es aussieht, allein.“

Die Kommissarin blickte kurz in die Runde, ob jemand einen Einwand hatte, und fuhr dann fort. „Nach dem bisherigen Bericht wurde Sophia irgendwann am Mittwochabend in ihrem Wohnzimmer mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen, anschließend ins Schlafzimmer gebracht und aufs Bett gelegt. Sie war nackt, als die alte Nachbarin Paula Nowak sie fand. Das Türschloss war noch intakt, und da sich in der Wohnung durchaus wertvolle Gegenstände befanden, kann wohl ein Raubmord ausgeschlossen werden.“

„Es sei denn, jemand hatte es auf etwas Bestimmtes abgesehen. Auf etwas, das im ersten Moment niemandem fehlt“, warf einer der Ermittler ein.

„Wie auch immer, sie muss von dem tödlichen Schlag überrascht worden sein, zumindest fanden wir keine Hinweise dafür, dass sie sich gewehrt hat. Näheres wird aber erst die Obduktion ergeben. Aus diesen Umständen schließen wir, dass sie ihren Mörder kannte. Laut einer Zeugin“, Franziska sah kurz zu Hannes, der Agnes Neumüller befragt hatte, „bekam sie immer wieder nächtlichen Besuch von einem Mann, der angeblich einen Schlüssel zu Haus und Wohnung hatte.“ Ihr Kollege nickte ihr zu.

„Eine Zeugin sah am Nachmittag einen Mann am Haus. Wir wissen nicht, ob es nicht derselbe war, der am Abend wiederkam oder vielleicht noch immer in der Wohnung war und so Gelegenheit zur Tat hatte. Vielleicht war er der nächtliche Besucher. Leider haben wir bisher noch keine Beschreibung.“ Franziska warf einen Blick in ihr grünes Notizbuch und schmunzelte, bevor sie vorlas. „Aber er soll gut ausgesehen haben!“

„Was bitte verstehst du unter gut aussehen?“ Der für die Ermittlungsarbeit hinzugezogene Kollege Obermüller war ein großer Kerl, breit wie ein Schrank, mit einem nicht zu übersehenden Bauchansatz, der durch zu viele Döner Kebabs während des Dienstes kam. Seine mittelblonden Haare trug er kurz, das Gesicht rasiert. Er war ein Mann der Tat, legte sich die Vorschriften gern selbst aus, leistete jedoch stets gute Arbeit.

Franziska sah ihn kurz an. Für Mitte vierzig hatte er sich sicher gut gehalten, aber gut aussehend fand sie ihn eigentlich nicht. Sympathisch ja, aber nicht schön.

„Schwer zu sagen. Vor allem weiß ich nicht, was Paula Nowak darunter versteht. Aber ich würde sie heute gern abholen lassen und vielleicht kommen wir mit Beispielen ihrer Beschreibung etwas näher. Sie ist übrigens schon weit in den Achtzigern und nicht mehr so ganz fit.“

„Soll ich das übernehmen?“, fragte Kollege Gruber, der eine Schwäche für alte Damen hatte.

„Ich glaube, es wäre besser, wenn Obermüller das macht. Frau Nowak vertritt nämlich die Meinung, dass alle Männer mit langen Haaren schwul sind.“ Vergnügt zwinkerte sie Obermüller zu.

„Ja sag mal, was für eine Art von Gesprächen führst du denn mit deinen Zeugen?“ Ludwig Gruber strich sich in einer oft wiederholten Geste die dunkelbraunen Haare hinter die Ohren. Seine lange Mähne war sein Markenzeichen. Auch er war groß, aber schlanker als Obermüller, mit dem Dreitagebart, den auch der beste Rasierer kaum im Zaum halten konnte, und der olivbraunen Haut hatte er viel von einem Südländer oder eben einem Indianer. Ob das der Grund für seinen Spitznamen war oder die Tatsache, dass er an manchen Wochenenden sein Tipi aufbaute und darin campierte, wusste keiner seiner Kollegen so genau zu sagen. Hinter seinem Rücken unterhielten sie sich jedenfalls gern darüber, dass es für einen Mann mit fast fünfzig schon ein bisschen lächerlich sei, Indianer zu spielen. Noch dazu, wo er außer einer Frau auch schon erwachsene Zwillingstöchter hatte, die ein wenig jünger als Franziska waren.

„Weiter!“, forderte Schwertfeger, den in diesem heiteren Moment alle vergessen hatten, nicht unfreundlich und mahnte, an den Fall zu denken.

Ertappt zupfte Franziska an ihrem Pulli herum und fuhr dann fort. „Zum Täterprofil würde ich sagen, dass wir es mit einem großen, kräftig gebauten, männlichen Täter zu tun haben. Einem, der sich entweder sehr gut auskannte oder so unauffällig war, dass er von niemandem wahrgenommen wurde. Da wir am Tatort kein Notizbuch und kein Handy mit Telefonnummern gefunden haben, sollten wir uns, neben der Befragung der Nachbarn, vor allem auf das Stadttheater konzentrieren. Frau Weberknecht sang viele Titelrollen und war, den Besprechungen nach, beim Publikum sehr beliebt. Doch schreiben die Zeitungen das eine und die Kollegen sagen vielleicht was ganz anderes.“

„Der liebe Kollegentratsch!“ Gruber grinste in die Runde, fügte aber nichts mehr hinzu.

„Vielleicht ist er in diesem Fall ja von Vorteil und bringt uns ein bisschen weiter“, gab Franziska zu bedenken, die sofort wusste, was ihr Kollege meinte. „Ich denke nämlich, dass die Frau entweder keine Freunde hatte und man daher über sie sprach, oder dass gerade einer dieser Freunde der Täter war und aus diesem Grund das Handy mitgenommen hat, weil er fürchtete, dort gespeichert zu sein.“ Keiner wollte ihrer These zu diesem Zeitpunkt widersprechen.

„Was wissen wir über die Art der Tötung?“, fragte der Staatsanwalt nach einem Blick auf die Uhr.

„Der Notarzt ging davon aus, dass Frau Weberknecht mit einem flachen Gegenstand einen tödlichen Schlag auf den Hinterkopf bekommen hat. Näheres wird uns hoffentlich bald die Rechtsmedizin in München mitteilen.“

„Sie fahren hin?“

„Ja.“ Sie nickte zur Bekräftigung.

„Wie sieht es mit Spuren am Tatort aus?“ Schwertfeger sah jetzt Annemarie Michl von der Kriminaltechnik an, die die Ermittlungen vor Ort geleitet hatte.

„Nichts. Keine verwertbaren Spuren. Der Täter hatte entweder Handschuhe getragen oder er wusste genau, wie man die Spuren effektiv beseitigt. Die Tatwaffe fehlt ebenfalls.“ Sie warf einen Blick auf ihr Notizbuch, das geschlossen vor ihr lag, und fuhr fort. „Der ganze Tatort war picobello sauber. Wahrscheinlich war sie gerade mit ihrem Herbstputz fertig, als sie getötet wurde. Vielleicht hatte sie auch eine Bakterienphobie. In ihrem Badezimmer und im Nachttisch haben wir jede Menge Vitamin C gefunden und einige Schachteln Cortison.“

„Ich hab mal gelesen, dass Sänger damit ihre Stimme dopen“, warf Hannes ein und Franziska sah ihn verwundert an, nickte dann aber mechanisch.

„Gut. Fürs Erste ist es nicht viel, aber es sind Ansätze da und denen gehen Sie bitte nach. Ich muss sicher nicht extra betonen, welche Priorität dieser Fall hat? Bei einer gesellschaftlichen Bekanntheit wie Sophia Weberknecht haben wir ganz schnell die Medien im Nacken und was das heißt, wissen Sie so gut wie ich.“

Schwertfeger nickte Brauser aufmunternd zu und ging nach einem kurzen Gruß Richtung Tür, dort drehte er sich noch einmal um. „Was ist eigentlich mit den Eltern?“

Alle Augen richteten sich auf Brauser, während es im Raum ganz still wurde. Und tatsächlich bot er sich an, nach Regensburg zu fahren, um mit den Eltern über den Tod ihres einzigen Kindes zu sprechen. Keine begehrte Aufgabe, aber vielleicht wollte er seinem Mädchen wenigstens die unangenehmen Dinge abnehmen, bevor sie lernen musste, ohne ihn zurechtzukommen. Als er gemeinsam mit Schwertfeger zu seinem Wagen ging, spielte ein kleines Lächeln um seinen Mund.

***

Der Mann, der an diesem Morgen allein an dem schmuddeligen Tisch saß und seinen Blick nicht von der Zeitung wenden konnte, mochte Mitte vierzig sein. So genau ließ sich das bei ihm nicht sagen, denn sein Gesicht war gezeichnet von den Spuren eines unsteten Lebens, das von einem üblen Charakter getrieben worden war.

Im Laufe der letzten Jahre hatte er viele Namen getragen, einige länger, manche auch nur für wenige Stunden. Er war ein Meister im Tarnen und Täuschen und am Ende hatte stets er den anderen die Maske vom Gesicht gerissen. Inzwischen trug er teure Jeans und ein Hemd von Armani. Früher war das anders gewesen, aber diese Zeiten lagen lange hinter ihm. Seine Schuhe waren Maßarbeit aus feinstem Leder und noch kaum getragen. Dass er sich das alles leisten konnte, hatte nicht unbedingt mit seinem Arbeitseifer zu tun. Im Grunde war er nur skrupelloser als andere und das schlug sich eben auf seiner Habenseite nieder.

Der Bericht über die tote Sopranistin war das erste, was ihm seit langer Zeit wirklich nahe gegangen war und das machte ihn vielleicht noch wütender als ihr Tod. Seit drei Jahren hatte sie für ihn in den himmlischsten Tönen jubiliert, egal, was alle anderen behaupteten, egal, was die Zeitungen berichteten, sie war sein Engel gewesen. Langsam ließ er seinen Kopf auf das Schwarz-Weiß-Foto sinken und versuchte sich an ihren erregenden Duft zu erinnern. Vor zwei Tagen noch hatte er sie gesehen, hatte sie umfangen, ihre zarte Taille unter dem Stoff ihres Kleides gespürt und voller Genugtuung erlebt, wie sie immer nachgiebiger wurde, immer gieriger, wie sie zu allem bereit war. Wie konnte sie jetzt tot sein? Sie, die immer so voller Leben war! Auf dem Foto lag sie friedlich auf ihrem Bett, es sah alles so unschuldig aus. Wenn nicht all diese Strahler sie beleuchten würden und die vielen geschäftigen Menschen um sie herum so unpersönlich wirkten.

„Am späten Vormittag des gestrigen Tages wurde die beliebte Sopranistin Sophia W. tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Polizei geht von Mord aus, konnte bis jetzt aber noch keinen Hinweis auf einen möglichen Täter ermitteln.“ Seine Stimme war voller Sarkasmus, als er die Sätze geradezu aus sich heraus spie. Immer wieder, immer lauter, bis er sie schrie.

Voller Wut fegte er die Zeitung vom Tisch. Wer immer das geschrieben hatte, hatte sie nicht gekannt, nichts von ihrem wirklichen Leben gewusst. Der Mann schlug mit der Faust auf den Tisch. Es war ein kräftiger Schlag, denn seine Faust schien aus Stahl zu sein. Wehe dem, der sie zu spüren bekam. Nur langsam beruhigte er sich wieder. Er und Sophia waren ein ausgesprochen erfolgreiches Team gewesen. Gemeinsam hatten sie jede Inszenierung mit Erfolg gekrönt. Sie hätten alles erreichen können! Er lachte laut bei dem Gedanken an ihre gemeinsamen Spielchen. Doch jetzt sollte das alles wirklich vorbei sein?

Aber höchstens für sie!

Er dagegen musste weitermachen, so als wäre nichts geschehen. Und er musste wissen, wem er die Schuld zuschieben konnte und wem seine Rache gelten würde. Aber zunächst musste er mehr erfahren, mehr, als die Zeitungen schrieben. Die Devise seines Erfolges war: Wissen ist Macht, das durfte man nie außer Acht lassen!

Auf dem Boden neben dem alten Tisch standen zwei Flaschen Bier, die irgendjemand dort hingestellt und vergessen hatte. Aber Bier mochte er seit damals nicht mehr, davon hatte er in seinem Leben schon zu viel getrunken. Wenn, dann half ihm nur etwas Härteres, ein Schnaps vielleicht. Als er aufstand, fiel sein Blick auf den blauen Arbeitskittel und eine Schiebermütze in der Ecke. Dinge, die er im Gefängnis getragen hatte, damals, bevor er sich schwor, dieses armselige Leben für immer hinter sich zu lassen. Er hatte sie zur Erinnerung mitgehen lassen. Als Mahnung, sagte er sich, während er zum Schrank ging und sich einen doppelten Schnaps einschenkte. Doch bevor er das Glas ansetzen konnte, überkam ihn ein Gedanke, der sehr schnell eine sehr konkrete Form annahm. Er stellte das Glas zur Seite, nahm den Kittel und probierte ihn an. Ein Knopf hing lose an einigen Fäden. Knöpfe annähen war nicht sein Ding, aber vielleicht würde seine Verkleidung dadurch ja nur noch glaubhafter sein? Und dann hob er doch das Glas und trank es in einem Zug aus. „Für Sophia! Meinen Engel!“, rief er. Als er ausgetrunken hatte, warf er das Glas gegen die Wand. Es war ein Ausdruck seines Zornes, es war ein Vorgeschmack seiner fürchterlichen Rache, die keine Gnade kennen würde. Denn wer sich ihm in den Weg stellte, der musste auf alles gefasst sein!

***

Noch in der Nacht hatte das Team um den Rechtsmediziner Professor Anton Wassly Sophia Weberknecht auf den Seziertisch gelegt und sich angesehen, was kein Mensch im Vorbeigehen je geahnt hätte: Ihr Blinddarm war latent entzündet, sie hatte eine Zyste an der linken Niere, vielleicht ihr nie geborener Zwilling, was gar nicht so selten vorkam. Gestorben war sie jedoch – und das relativ zügig – an der bekannten Kopfverletzung.

„Es liegt eine klare Impressionsfraktur vor, wobei die Tabula interna stärker gesplittert ist. Außerdem konnte ich mehrere konzentrische äquatoriale Bruchlinien finden.“

Hannes, der Franziska nach München in die Frauenlobstraße begleitet hatte, versuchte sich ganz stark auf die Worte des Professors zu konzentrieren. Trotzdem verstand er nicht, was dieser ihnen sagen wollte, bis seine Kollegin nachfragte. „Das heißt in einfachen Worten?“

„Das Schädeldach ist eingebrochen.“ Professor Wassly ergriff das weiße Tuch und enthüllte die obere Körperhälfte der toten Sängerin, sodass nicht nur das Gesicht und der zum Teil rasierte Kopf, sondern auch die Brust mit dem grob zusammengenähten Y-Schnitt zu sehen waren.

„Und mit was?“, Franziska räusperte sich ein wenig verlegen, während sie zusah, wie der Professor der Toten fast liebevoll die verbliebenen Haare aus dem Gesicht strich.

„Mit einem breitflächigen Gegenstand, der gut in der Hand lag. Es war keine glatte Oberfläche, aber da die Vertrocknungsspuren in den Haaren liegen, konnten wir die Zeichen nicht genau erkennen. Ein Kollege hat Fotos gemacht.“

„Kann es sein, dass sie nach dieser Verletzung noch handlungsfähig war?“

„Wohl kaum.“

„Gab es irgendwelche Abwehrspuren?“ Franziska warf dem Professor einen abschätzenden Blick zu. Er trug die dunklen Haare brav gescheitelt, seine Brille war randlos, das Gesicht frisch rasiert. Die Fünfziger lagen hinter ihm.

„Nein, entweder war sie arglos oder sie wurde überrascht, was kein Wunder wäre, denn der Schlag wurde von links hinten oben ausgeführt. Ich denke, sie stand dem Täter gegenüber, der holte mit der rechten Hand aus und schlug einmal zu. Er muss größer als sie gewesen sein.“ Der Pathologe hatte sich vor sie hingestellt und Franziska recht anschaulich seine Theorie vorgeführt. Dabei hatte sie sein dezentes Parfüm gerochen: sportlich fruchtig.

„Hatte sie Geschlechtsverkehr vor ihrem Tod?“ Franziska warf Hannes einen kurzen Blick zu, aber dieser schien keine Fragen zu haben. In Gedanken versunken starrte er auf das Gesicht der Toten.

„Nein, und auch nicht danach. Dem Täter ging es nicht um die Befriedigung des Geschlechtstriebs. Er war nicht besonders grausam zu ihr. Er hat sie mit einem Schlag getötet. Ich würde sagen, es war ein Totschlag im Affekt.“ Franziska nickte, das hatte sie auch gedacht, als sie die Sängerin zum ersten Mal in ihrem Bett gesehen hatte, dass sie friedlich gestorben war.

„Sie hat sich nicht gewehrt, weil sie gar keine Zeit dazu hatte. Vor ein paar Jahren lag eine Studentin aus Passau auf diesem Tisch. Die junge Frau war mit 27Messerstichen grausam getötet worden. Der Täter muss vor Wut wie von Sinnen gewesen sein. Dieses Mädchen“, nun sah auch er Sophia an, „hat zumindest nicht gelitten.“

„Und ist das alles?“ Eigentlich reichte es Franziska fürs Erste, aber Professor Wassly hatte tatsächlich noch etwas für sie. „Nein, eines noch. Sie hat ein Intimpiercing. Ist wohl niemandem aufgefallen, sie trägt es sehr verborgen. Wollen Sie es sehen?“

Franziska zögerte, verborgen konnte nur eines heißen.

„Ihr kriegt ein Foto, okay?“, schlug der Professor auf ihr ausdauerndes Schweigen hin vor.

„Ja, danke. Sonst noch was?“

„Wussten Sie“, der Professor sah von Franziska zu Hannes, „dass sich bei den meisten Tötungsdelikten in Deutschland Folgen stumpfer Gewalt nachweisen lassen?“

„Nein.“

„Doch. Vermutlich ist es am einfachsten, aus Wut kräftig zuzuschlagen. Mit der Faust, mit einer Latte oder einem Werkzeug, was eben gerade greifbar ist.“

***

„Hier ist Bruno.“

„Ach, Bruno, Sie!“

„Störe ich?“

„Nein, nein. Aber ich habe nicht viel Zeit.“

„Gibt’s was Neues?“

„Es hat eine Tote gegeben.“

„Traf es die Richtige?“

„Hören Sie, über so etwas macht man keine Scherze.“

„Sie haben Angst.“ Es war keine Frage, es war eine Feststellung und sein Ton war verächtlich. „Das wäre dann doch genau der richtige Moment, um alles aufzudecken, oder?“ „Ich werde mich darum kümmern und ich werde sehr gewissenhaft vorgehen. Aber dafür brauche ich Zeit und noch mehr Beweise. So etwas muss Hand und Fuß haben, sonst wird das nichts. Wir wollen ja auch überzeugen.“

„Und wie stellen Sie sich das vor, haben Sie schon einen Plan?“ Der Mann schien sich ein wenig beruhigt zu haben, seine Stimme klang jetzt weniger aggressiv.

„Das überlassen Sie mal schön mir. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich es auf meine Art mache.“

„Gut. Ich warte. Aber hören Sie, vielleicht wird es ja nicht bei einem Toten bleiben.“ Mit dieser Feststellung beendete der Anrufer das Gespräch. Er hatte seine Nummer unterdrückt und war damit noch nicht einmal auf der Anruferliste registriert. Aber Bruno war ohnehin nicht der, für den er sich ausgab und somit war auch das egal.

***

„Was war das nur für ein Mann, dem sie da so arglos ihre Wohnungstür geöffnet hat?“, fragte Franziska, nachdem auch Hannes im Dienstwagen Platz genommen hatte. Ohne auf eine Antwort zu warten, holte sie einen Müsliriegel und ihr grünes Notizbuch heraus. Sie riss hastig das Alupapier von ihrem Snack und biss hungrig hinein. Während sie kaute, schrieb sie einige Bemerkungen auf eine freie Seite ihres Notizbuchs.

Hannes beobachtete sie, zuckte mit den Schultern, wusste einfach nicht, worauf sie hinaus wollte, bis Franziska endlich fortfuhr. „Er war größer als sie und so stark, dass er sie mit einem Schlag niederstrecken und anschließend ins Schlafzimmer tragen konnte. Er neigt zu Wutausbrüchen oder lässt sich zumindest leicht reizen.“ Die junge Kommissarin nickte vor sich hin. „Und er hatte Erfahrung im Beseitigen von Spuren.“ Auf einmal sah sie Hannes direkt an. „Oder kannst du dir vorstellen, dass jemand mit Handschuhen zu einer Frau wie Sophia Weberknecht geht? Ich meine, das wäre ihr doch sicher komisch vorgekommen, oder? Hätte sie ihm dann die Tür geöffnet?“

„Du meinst, sie hatte Umgang mit Kriminellen? Aber das passt doch gar nicht zu ihr.“

„Nicht zu dem, was die Nachbarinnen gesagt haben, aber wer weiß, was die wirklich über sie wissen.“ Franziska schob sich den restlichen Riegel in den Mund und kaute in aller Ruhe. „Ich bin gespannt, wie es Obermüller heute mit Paula Nowak ergangen ist.“

„Wegen der Homosexualität?“

„Nein, wegen des Bildes. Wenn es was taugt, kannst du es Agnes Neumüller zeigen und vielleicht erkennt sie den nächtlichen Besucher dann ja doch wieder, hm?“

„Na gut, wollen wir dann erst ins Büro fahren oder …“

„Wir fahren ins Fürstbischöfliche Opernhaus“, entschied Franziska und freute sich nicht nur darüber, von dem unwirtlichen Ort der Rechtsmedizin wegzukommen, sondern auch, das Theater endlich einmal von innen zu sehen. „Sänger sollen ja schließlich auch zu Wutausbrüchen neigen.“

„Oh, Hannes, bitte, lass doch die Klischees!“, mahnte Franziska, legte den ersten Gang ein und fuhr los.

***

Das Haus der Familie Weberknecht stammte aus den 50er-Jahren, hatte zur Straße hin ein großes Panoramafenster, in dem üppige Grünpflanzenwuchsen, war ansonsten aber eher schlicht. Brauser hätte sich mehr erwartet. Etliche Steinstufen führten hinauf zur dunkelgebeizten Eingangstür vor der zwei Buchsbäumchen in großen Tontöpfen standen. Die um den Stamm gebundenen schwarzen Bänder flatterten verspielt im kühlen Herbstwind. Ein Messingschild wies auf den Hausherrn hin: Karl Weberknecht. Nachdem Brauser auf den Knopf unterhalb des Schildes gedrückt hatte und eine schmetternde Fanfare erklang, öffnete ihm das Hausmädchen, das eigentlich eher eine Hausoma war, wie der Kommissar ein wenig amüsiert feststellte.

Der Besuch von nahen Angehörigen eines Opfers war nie leicht und es stellte sich, auch nach so vielen Dienstjahren, einfach keine Routine ein. Im Gegenteil, das Leid schien sich mit jedem Mal noch zu addieren. Am schlimmsten war es, wenn Kinder vor ihren Eltern starben. Trotzdem sah es der Kommissar stets als seine Pflicht, aber auch als eine Möglichkeit an, etwas Näheres über das Opfer zu erfahren. Eine Hilfestellung für die Bewältigung des Schmerzes konnte er nicht anbieten. Schon gar nicht bei den Weberknechts.

Als Brauser gleich darauf der Hausherrin in der Diele gegenübertrat, hätte der Kommissar sie fast nicht wiedererkannt. Zu lange schien es her, seit die Fotos, die er in Sophias Wohnung gesehen hatte, geschossen worden waren. Frau Weberknecht trug eine schlichte graue Flanellhose und einen auberginefarbenen Rollkragenpulli über dem eine lange Perlenkette hing.

Brauser wusste, dass ein schrecklicher Verlust plötzlich altern lassen konnte: Haare wurden auf einmal grau, eben noch strahlende Gesichter fielen in sich zusammen und erblühten nie mehr zu ihrem vorherigen Leben. Doch Reinhilde und Karl Weberknecht, der auch zur Begrüßung auf dem Sofa sitzen blieb, waren bereits alt und gebrechlich, als sie vom tragischen Ende ihrer Tochter erfahren mussten. Während die Mutter mit der einen Hand nach einem weißen, sorgfältig gebügelten Taschentuch griff und vorsichtig hineinschnäuzte, suchte die andere zögerlich die Hand ihres Mannes und seinen Trost. Doch ihr Mann blieb starr und stumm, unfähig sich zu rühren, krampfhaft das Asthmaspray umfassend und verschlossen für den Rest der Welt. Nur das Pfeifen seiner Lungen zeigte, dass er noch lebte. Tief berührt sah sich der Brauser im Wohnzimmer um.

An den Wänden hingen große gerahmte Bühnenplakate: Sophia als schöne Blonde, die Männer reihenweise verführende Lulu im Goldlamékleid, mit raffiniert aufgesteckten Haaren. Als Lucia di Lammermoor im weißen Unschuldsgewand mit umherirrenden Blick, dem Wahnsinn bereits verfallen. Und als ausgestoßene, schwindsüchtige Violetta aus La Traviata, bezaubernd und doch nur vom Gevatter Tod zu erwählen. Waren das auch die Rollen in ihrem Leben? Verführen, verzweifeln, sterben? Und war das den Eltern bewusst? Sicher waren sie sehr stolz auf die schöne Tochter, dachte Brauser, der ja selbst nie Kinder hatte und sich somit auch niemals solche Bilder ins Wohnzimmer hängen konnte.

Auf einmal stand Reinhilde Weberknecht neben ihm, folgte seinem Blick und versuchte, ihm das Wesen ihrer Tochter zu erklären.

„Die Lulu, das war ihre Lieblingsrolle, die Urgestalt des Weibes.“ Sie nickte, wobei ihre Augen blitzten und für einen kurzen Moment konnte Brauser ihre einstige Schönheit sehen, bevor sie wieder hinter dem Schleier von Alter, Leid und Verzweiflung verschwand.

„Ich glaube, diese Rolle der Verführerin hat sie so sehr gereizt, weil sie im wirklichen Leben viel zu schüchtern dazu war.“

Fast unbemerkt tupfte sich Reinhilde eine Träne aus dem Augenwinkel und stand dann still und sehr aufrecht wie ein Gardesoldat, der gelernt hatte, sich Gemütsregungen nicht anmerken zu lassen. Nur der Blick haftete noch immer ein wenig träumerisch auf den Bildern ihrer Tochter.

„Auf der Bühne, da taute unsere Sophia auf, das war schon so, als sie klein war. Sie liebte den Applaus, den Moment, wenn ihr fremde Menschen zu Füßen lagen.“

Brauser versuchte gerade diese Bemerkung mit der toten Sopranistin zusammenzubringen, als die Mutter von einem weiteren Detail erzählte. „Dabei war Sophia sehr konservativ. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als eine große Hochzeit, ganz in weiß, mit vielen Gästen und einem wunderbaren Ehemann. Für ihn wollte sie sich aufheben. Das war ihr großer Traum“, schniefte sie und der Kommissar sah verlegen weg.

Brauser fragte sich, ob diese Vorstellung, die in der heutigen Zeit nicht gerade üblich war, vielleicht eher den Wünschen der Eltern entsprach.

„Kam Ihre Tochter denn oft nach Hause?“

„Leider nicht. Sie war sehr beschäftigt. Das Leben einer Sängerin ist ja nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt. Und sie hatte ja auch ihre eigene Wohnung, die ihr sehr viel bedeutete.“

„Warum hat sie sich eigentlich keine Wohnung gesucht, die näher beim Theater lag?“, fragte Brauser.

„Sophia legte viel Wert auf ihre Privatsphäre und sie meinte, wenn sie so dicht beim Theater wohnen würde, dann käme nur ständig einer der Kollegen vorbei.“ Reinhilde warf einen Blick zu ihrem Mann hinüber und fügte dann hinzu: „Seit mein Mann so schlimm Asthma hat, bleibt er lieber zu Hause. Aber ich habe sie schon hin und wieder in Passau besucht.“

Auf einmal schien sie eine Idee zu haben. „Möchten Sie vielleicht ihr Zimmer sehen?“

Der Kommissar nickte. Vor allem wollte er raus aus diesem Wohnzimmer, in dem es fast noch mehr nach Tod roch, als in der Wohnung der Tochter, nachdem man sie gefunden hatte.

Gemeinsam stiegen sie eine massive Eichenholztreppe in den ersten Stock empor. Die Stufen waren mit weinroten Teppichhalbrunden belegt. An den weißen, rau verputzten Wänden hingen große goldgerahmte Landschaftsbilder aus der Umgebung und auf dem Absatz eine geheimnisvoll lächelnde Mona Lisa von Leonardo da Vinci. Zu Sophias Zimmer am Ende des Flures gehörte ein hell gekacheltes Bad mit Dusche und Bidet. Der Raum war, genau wie in ihrer Wohnung in Passau, mit hellen Möbeln eingerichtet, hatte rosageblümte Vorhänge und in der Mitte des Zimmers lag ein Flokati. Über dem Bett hing ein Einhornposter, Stofftiere und Puppen mit ordentlich gekämmten Zöpfen auf dem weißen Bettüberwurf schienen die ehemalige Besitzerin nicht zu vermissen. Vor dem Kleiderschrank hing ein Tutu auf einem umhäkelten Holzbügel, an der Wand daneben die dazugehörenden Ballettschuhe – bestimmt die ersten in Sophias Leben. Auf den Brettern des Regals lag kein Krümelchen Staub. Es war das Zimmer eines Kindes, eines kleinen Mädchens, das von einem Prinzen träumte, aber nicht das einer lebenslustigen jungen Frau, die auf der Bühne Karriere machte.

Während Brauser sich umsah, ließ sich Reinhilde Weberknecht schwer aufs Bett sinken und nahm eine der Puppen in den Arm. „Wir hätten sie nicht gehen lassen sollen“, sagte sie mehr zu der Puppe, als zu ihrem Begleiter. „Sie war für so ein Leben nicht geschaffen“, dabei blickte sie gedankenverloren aus dem Fenster in Richtung Fabrikgebäude.

„Natürlich, deshalb wurde sie ja auch Sängerin.“ Mit pfeifenden Lungen stand Karl Weberknecht im Türrahmen und sah den Kommissar aufmerksam an, bevor er ihm erklärte. „Als einziges Kind hätte sie auch das Geschäft übernehmen können. Hinbekommen hätte sie es bestimmt. Sie hat ein glänzendes Abi in Mathe hingelegt, aber wir wollten beide nicht, dass sie in die Firma einsteigt.“

Brauser nickte, wobei ihm nicht klar war, ob das wir beide auch Sophia einschloss. „Und Ihre Tochter hatte das auch nie in Erwägung gezogen?“

„Nein. Ein Neffe von mir hat das Geschäft bereits übernommen.“

Der Alte setzte das Spray an den Mund und nahm einen kräftigen Zug, dann erst fuhr er fort. „Wissen Sie, unsere Senfproduktion ist seit neunzehnhundertvierzehn fest in Familienhand. Anfangs gehörten mehrere Metzgereien dazu und der Senf war eigentlich nur ein Nebenprodukt. Der wurde damals nämlich noch in den Haushalten selbst gemacht, was aber sehr mühsam war. Senfkörner und Blütensaat müssen gemahlen und teilweise entölt werden, bis gelbes und braunes Senfmehl entsteht. Dann kommen Farinzucker, Wasser, Brandweinessig hinzu und natürlich weitere Gewürze, für die jede Familie ihr eigenes Rezept hatte. So wie meine Urgroßmutter. Nur dass die ihren Senf in den Metzgereien portionsweise zur Wurst verkauft hat.“ Der Alte hustete und Brauser hoffte, er würde mehr erzählen. Die Herstellung von Senf hatte ihn schon immer sehr interessiert.

„Und Sie produzieren heute noch nach diesem alten Rezept?“

„Ja. Und nur ganz wenige wissen, welche Gewürze tatsächlich verwendet werden. Der Reifungsprozess ist streng geheim. Aber natürlich nehmen wir nur beste Zutaten. Das Originalrezept befindet sich übrigens im Safe.“

Wieder hustete der Alte und dann huschte ein Schmunzeln über sein Gesicht. „Meine Urgroßmutter hatte einfach das Beste. Die Leute mochten ihren Senf so sehr, dass sie schließlich mit der professionellen Produktion beginnen konnte, allerdings in einer eher bescheidenen Fabrik. Mit den Jahren wurde die Firma dann immer größer. Heute könnte sich niemand mehr vorstellen, seinen Senf im Kochtopf selbst zu machen.“

So wie der Alte das sagte, klang es kein bisschen eingebildet, sondern einfach nur stolz. Wie ein Mann, der sein Leben genutzt hatte, und nun zufrieden zurück sah. „Heute laufen wöchentlich rund eine halbe Million Gläser und Tuben vom Band“, erklärte er abschließend.

„Trotzdem hat sich Ihre Tochter nicht dafür interessiert?“, führte der Kommissar wieder zu seinem eigentlichen Anliegen zurück.

„Unsere Tochter hat getanzt, Geige gespielt und von einer Karriere als Sängerin geträumt. Wir waren in der glücklichen Lage, ihr diese Wünsche zu erfüllen.“

Jetzt besann sich Weberknecht, denn er hatte sich von der Geschichte davontragen lassen und für einen Moment den Grund der Befragung durch den Hauptkommissar vergessen. Er war schlagartig wieder da und fuhr mit milder Stimme fort. „Ich wollte immer nur das Beste für sie. Aber welcher Vater weiß schon, was das Beste für sein Kind ist?“

***

Für die Passauer Bevölkerung war es einfach nur „das Stadttheater“, das da am südlichen Steilhang des Domberges, der Schokoladenseite der Stadt, entlang der Gottfried-Schäfer-Straße lag. Im 17. Jahrhundert war es als Ballhaus für ein beliebtes spanisches Hallenballspiel erbaut worden und hatte dann in seiner wechselvollen Geschichte viele Pächter erlebt. Vom anspruchsvollen Musentempel war es zum mittelmäßigen Theater abgestiegen, in dem Varietés und schlechte Inszenierungen gegeben wurden, bis es wieder zu dem wurde, was es heute war: ein liebevoll restauriertes und modernisiertes Kleinod der Theaterszene.

Schon von unterwegs hatte Hannes sie beim Verwaltungsdirektor angemeldet und so stand dieser, als sie am Nachmittag vor dem Haus anhielten, auf der obersten Treppenstufe, um sie zu empfangen. Die Sonne versank gerade zwischen den Bäumen entlang des Inns, einem der drei Passauer Flüsse, was ein ganz besonderes Schauspiel nach den Tagen im zähen Nebel war.

Lutz Schaffroth schien vom Tod seiner Sopranistin betroffen, wenn auch nicht am Boden zerstört. Die Luft in seinem Büro wirkte so alt wie das Gebäude, obwohl das kleine Fenster, mit Blick auf den Inn, weit offen stand und Franziska ahnte, dass die vielen Zigarettenstummel in seinem Aschenbecher der Grund dafür waren. Der Verwaltungsdirektor war über einen Meter und achtzig groß, trug einen Anzug, der dringend gebügelt werden sollte, und hatte kurze, sehr dunkle Haare. Ob er besonders stark war oder zu Wutausbrüchen neigte, konnte man in diesem Moment nicht sagen, aber schließlich stand der Mann ja auch nicht unter Verdacht.

„Wie konnte so etwas Schreckliches nur passieren?“, fragte er, nachdem alle Platz genommen und seine Sekretärin Kaffee und Mineralwasser angeboten hatte. Er fügte schnell hinzu: „Ich meine, auf der Bühne stirbt man selbstverständlich hundert Tode, aber in der Realität?“ Wie um weitere Gedanken an dieses Thema von sich zu weisen, schüttelte er den Kopf.

„Sie kannten Frau Weberknecht gut?“, fragte die junge Kommissarin und musterte ihn aufmerksam, während sie das Wasserglas in ihren Händen drehte. Es strahlte eine so angenehme Frische aus.

„Was heißt gut? Ich bin seit einem Jahr hier am Theater und da lernt man schon den einen oder anderen kennen. Aber nicht näher, wenn Sie das meinen.“ Schaffroth sprach schnell, beinahe hastig, so als liefe ihm die Zeit davon.

„Nun, wie wir schon am Telefon sagten, Frau Weberknecht wurde erschlagen. In ihrer Wohnung fanden wir aber weder Adressbuch noch Handy. Sie hatte aber doch sicher eines?“

„Äh, ja. Ja, ja.“ Schaffroth schob seine Kaffeetasse ein Stück zur Seite und legte die eben angezündete Zigarette auf dem Aschenbecher ab, um in seinem Adressbuch zu blättern. „Ich habe hier zumindest ihre Handynummer.“

„Ach, würden Sie mir die bitte geben?“ Franziska öffnete ihr grünes Notizbuch und ließ sich die Nummer diktieren.

„Wie war sie denn so?“, wandte sich nun Hannes an Schaffroth, der Franziska ansah.

„Tja, was soll ich dazu sagen. Sophia Weberknecht war eine sehr gute Sopranistin und eine zuverlässige Kollegin. Sie war stets exzellent vorbereitet, pünktlich am Bus, wenn wir auswärts auftraten, und beklagte sich im Vergleich zu manch anderem nie über die Fahrt. Sie kam in der Presse sehr gut an und war sehr beliebt beim Publikum und beim Ensemble. Deshalb ist es sicher ein großer Verlust für unser Theater und womöglich sogar für die gesamte Opernwelt.“ Er machte eine Pause und zog hastig drei, vier Mal an seiner Zigarette, bevor er fortfuhr. „Ich weiß nicht, wie gut Sie mit dem Betrieb eines Theaters vertraut sind?“, fragend sah er die beiden Kommissare an, bis diese unsicher mit den Achseln zuckten. Theater, das war etwas für Liebhaber, für ältere Herrschaften oder einschlägige Studenten. Für Polizisten gab es andere Dinge.

„Nun wir sind eines der kleinsten Zweispartentheater im deutschsprachigen Raum. Dass wir dem Publikum trotzdem eine große Vielfalt an Werken anbieten können, ist nur möglich, weil wir uns das Ensemble mit Landshut und Straubing teilen, wobei in Passau das Musiktheater und in Landshut das Schauspiel zu Hause ist.“ Schaffroth unterstrich seine Ausführungen gestenreich und fuhr hastig fort. „Ein weiterer Punkt ist, dass wir einfach günstiger arbeiten. In der Münchner Staatsoper ist jede Neuinszenierung mit immensem Aufwand in finanzieller, organisatorischer und zeitlicher Hinsicht verbunden. Dort scheut man sich natürlich, selten gespielte Werke anzubieten. Wir in der Provinz können und müssen das, denn unser Publikum möchte ja auch Abwechslung haben.“

Franziska nickte, was Schaffroth als Aufforderung auffasste, fortzufahren.

„Natürlich wird man in Passau nie den Pomp und Prunk eines Münchner Bühnenbildes oder dessen technische Finessen erreichen können, aber die Frage ist doch, ob wir das überhaupt anstreben wollen und sollen. Die Chancen für uns sind andere. Das Fürstbischöfliche Opernhaus bietet einen so einmaligen und intimen Rahmen, in dem das Publikum gewissermaßen hautnah das Geschehen auf der Bühne miterleben kann. Bei uns brauchen Sie kein Opernglas, um die Mimik der Sänger zu erkennen. Der Zuschauerraum, der die Besucher als festliches Gartentheater empfängt, kann direkt in die Aufführung einbezogen werden.“

„Sie wollen damit sagen, dass es für die Sänger eine besondere Auszeichnung ist, in Passau aufzutreten?“ Franziska war sich nicht sicher, aber nach den schwärmerischen Ausführungen des Verwaltungsdirektors lag dieser Schluss einfach nahe. Schaffroth lächelte nachsichtig und zündete sich eine neue Zigarette an.

„Na ja, ganz so ist es nicht. Eine ganz wichtige Aufgabe des Musiktheaters in der Provinz ist es, jungen Sängern, die eben ihr Studium vollendet haben, die Möglichkeit zu bieten, sich in großen Partien auf der Bühne zu erproben und zu bewähren.“ Der Direktor drückte seine Zigarette aus, stand auf und zeigte auf einige Fotos hinter sich an der Wand. „So manch großer Star trat in jungen Jahren an unserem Theater auf. Ingeborg Hallstein, Rosel Zech oder Klaus Wennemann zum Beispiel.“

Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und überlegte. Es schien, als habe er den Faden verloren. „Und Frau Weberknecht kam direkt nach dem Studium nach Passau?“

Er holte einen dicken Ordner aus seinem Schreibtisch und blätterte darin. „Nein, sie hat in Nürnberg studiert. Dort hat sie während des Studiums auch schon kleinere Partien am Staatstheater gesungen. Hm, dann hatte sie einen Gastvertrag am Theater in Heidelberg, das ist ein kleineres Theater, und war dann drei Jahre am Theater in Lübeck, bevor sie zu uns kam.“

„Mit wem war denn Frau Weberknecht des Öfteren zusammen? Ich meine, wer war mehr als nur ein Kollege für sie?“, fragte Franziska in die eingetretene Stille hinein, unbeeindruckt der großen Künstlernamen, und brachte den Direktor damit ein bisschen ins Schleudern.

„Also, das dürfen Sie mich jetzt nicht fragen! Ich weiß, dass sie mit unserer Kostümbildnerin Swetlana Hermannova ab und zu einen Kaffee getrunken hat, aber sonst … Da fragen Sie mal besser die Mitglieder des Ensembles.“

„Sind die gerade da?“

Schaffroth warf einen Blick auf seine Uhr „Einige. Wir haben heute Ensembleproben. Um fünf geht es los, und wenn Sie möchten, bringe ich Sie hin.“

Wenn man bei der Kriminalpolizei arbeitet, bleibt es nicht aus, dass man in vielen Häusern ein und aus geht: große Fabriken, kleine Gartenhäuschen, verkommene Wohnungen und elegante Einfamilienhäuser. Das Verbrechen machte vor nichts halt. Ein Theater war Hannes und Franziska allerdings noch nicht untergekommen, und so waren beide sehr gespannt, als Lutz Schaffroth sich erhob, den großen Schlüsselbund von seinem Schreibtisch nahm und sie über die moderne Edelstahltreppe aus dem Verwaltungstrakt durch den großen Redoutensaal, vorbei am Zuschauerraum bis hinüber zur Nebenbühne des Theaters führte.

Umgeben vom tiefen Schwarz der Bühnenrückseite und den Vorhängen rechts und links stand mitten im Raum eine einzelne Tür, auf die ein Herz mit den Buchstaben „G“ und „M“ gemalt war. Auf beiden Seiten der Tür waren Stoffbahnen angebracht, die mit dem hellen Bodenbelag so etwas wie ein Zimmer darstellen sollten. Bei keinem der vorwiegend jungen Leute, die innerhalb oder außerhalb dieser Kulisse herumstanden und neugierig zu ihnen herübersahen, konnte man erkennen, ob es sich um Sänger oder einfach nur um Bühnentechniker handelte. Sie alle waren unspektakulär gekleidet, manche trugen Jeans und T-Shirts oder Pullis, einige sahen aus, als ob sie gar zu einer Straßengang gehörten, und wieder andere hatten einfach eine Jogginghose an.

„Wäre Frau Weberknecht heute auch dabei gewesen?“, fragte Franziska leise, den Blick dem Geschehen auf der Bühne zugewandt.

„Im Prinzip schon.“ Verwundert blickte die junge Oberkommissarin den Verwaltungsdirektor an. Warum war er denn auf einmal so wortkarg?

„Das heißt, Sie müssen sich jetzt eine neue Besetzung für ihre Rolle suchen?“

„Richtig. Aber das ist beim Musiktheater kein allzu großes Problem.“

„Und warum ist das kein großes Problem?“

„Weil wir bereits einen Ersatz haben.“

Franziska nickte und sah erneut zur Bühne. „Woher wussten Sie, dass Sie Ersatz brauchen?“

„Äh, ja also“, nervös fuhr er sich übers kurze Haar. „Sophia hatte Probleme mit der Rolle und da habe ich zugesehen, dass ich eine Zweitbesetzung für sie bekomme.“

„War sie ihr zu schwer?“

„Nein, nein! Zumindest glaube ich das nicht. Aber sie stand in letzter Zeit unter großem Druck. Das ging schon eine ganze Weile so. Vielleicht hat sie sich zu viel zugemutet. Auf jeden Fall war ich mir nicht sicher, ob sie alle Termine absolvieren kann, und da hab ich mich, in weiser Voraussicht sozusagen, nach einer anderen Besetzung umgesehen.“

„Aha. Kam das häufiger vor?“

„Es ist nicht unüblich. Große Rollen haben manchmal zwei Besetzungen. Ich meine, so was kann ja immer mal passieren. Also, ich meine natürlich nicht, dass jemand stirbt, aber ein Ausfall schon. Ja, das schon.“

Franziska nickte.

„Und wo ist jetzt diese Kostümbildnerin?“ „Swetlana Hermannova ist in diesem Stadium mit ihrer Arbeit eigentlich schon fertig. Sie hat die Entwürfe an die Schneiderei gegeben und dort werden die Sachen gefertigt. Sie kommt erst zur Anprobe wieder.“

„Und wo finden wir sie bis dahin?“ Franziska fand es ermüdend, wie sich Schaffroth jetzt alle Informationen aus der Nase ziehen ließ.

„Ich denke, sie ist zu Hause, in Krumau.“

Franziska sah ihn ungläubig an. „Im tschechischen Krumau?“

„Ja, natürlich. Sie stammt von dort. Ihre Mutter ist Kostümbildnerin am Schlosstheater. Waren Sie noch nie dort? Ein herrliches Theater, sehr alt, sehr schön.“

„Ich werde es mir ansehen, aber vorher würde ich gern mit einigen ihrer Kollegen sprechen. Wenn Sie das vielleicht organisieren könnten?“

„Ja, natürlich. Ansonsten hätte ich Ihnen noch den Rest des Hauses gezeigt.“ Unschlüssig nickte Schaffroth zur Tür, die von der Seitenbühne zum Treppenhaus führte. Das Ruhe-Schild war für die Proben nicht beleuchtet.

„Ja, gern. Ach, da fällt mir ein: Als Solistin hatte sie doch sicher auch eine eigene Garderobe?“ Franziska überlegte, ob sie dort vielleicht auch private Gegenstände verwahrte, ein Handy oder vielleicht ein Adressbuch?

„Ich glaube, Sie machen sich da falsche Vorstellungen.“ Der Verwaltungsdirektor stieg bereits die Steintreppe, die in den oberen Stock führte, hinauf. „Wir sind ein kleines Opernhaus, wie ich vorhin schon ausführte. Wir können günstiger arbeiten, müssen aber eben auch sparen. Bei uns gibt es nur je eine Sammelumkleide für Männer und Frauen und natürlich für den Chor und das Orchester. Aber Sie können sich gern alles anschauen.“ Auffordernd zeigte er mit dem rechten Arm in einen schlicht eingerichteten Raum. Ein Tisch mit großem Spiegel darüber und einem Stuhl davor. Alles in hellem Kiefernholz gehalten, wie in einem Klassenzimmer. Nur die Fotos, die an manchen Spiegeln im Rahmen steckten, wiesen auf die Individualität ihrer Besitzer hin.

„Hier ist der Platz von Sophia Weberknecht.“ Schaffroth wollte schon weitergehen, doch Franziska hielt ihn zurück.

„Hatte sie keinen Schrank oder so?“

„Nein, nur diesen Platz. Alles was die Künstler brauchen, haben sie dabei und die Kostüme werden im Fundus in großen Holzkisten aufbewahrt, schließlich müssen sie ja jederzeit auf Reisen gehen können.“ Der Verwaltungsdirektor hatte inzwischen viel von seiner Selbstsicherheit eingebüßt, vielleicht fehlten ihm auch seine Zigaretten. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und immer wieder fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Fast tat er Franziska Leid, als sie die Treppe nach unten ansteuerten und sie fragte: „Welches Stück proben Sie eigentlich?“

„Rigoletto! Das ist die Oper von Giuseppe Verdi schlechthin. Mit ihr hat er seinen Weltruhm begründet. Eine wunderbare Oper, ein faszinierendes musikalisches Drama. Absurdes Theater. Einfach herrlich!“ Auf Schaffroths Gesicht breitete sich eine begeisterte Röte aus.

„Und um was geht‘s?“

Schaffroth hatte die Treppe erreicht und erzählte, während er langsam hinunterging. „Um einen missgestalteten Opernhelden, der einen Sack hinter sich her schleift, in dem sich, ohne dass er es ahnt, seine sterbende Tochter befindet. Es ist eine typische Dreiecksgeschichte, die den Gesetzen der italienischen Nummernoper entspricht. Ein Tenor liebt einen Sopran, solange bis ein Bariton etwas dagegen hat.“

„Und Frau Weberknecht sang den Sopran?“

„Ja, die Gilda. Ihr Vater, Rigoletto, ist der bucklige Hofnarr des Herzogs von Mantua – ein notorischer Frauenheld, der gehörnte Ehemänner und entsetzte Väter mit beißendem Spott überzieht. Er treibt es so schlimm, dass selbst die Höflinge genug von ihm haben und beschließen, ihm einen Denkzettel zu verpassen. Da kommt ihnen Gilda, die Tochter Rigolettos, die sich der Herzog als neueste Eroberung ausgesucht hat, gerade recht. Rigoletto, der für seinen Herrn eigentlich die Gräfin Ceprano entführen wollte, beteiligt sich unwissentlich an der Entführung der eigenen Tochter. Als er erfährt, dass sie sich in den Herzog verliebt hat, will er sie in Männerkleidung fortschicken und den Herzog von einem Meuchelmörder umbringen lassen. Rigoletto behandelt Gilda, die längst zu einer lebenshungrigen Frau geworden ist, wie ein Kleinkind. Als sie erfährt, dass der Geliebte getötet werden soll, opfert sie sich für ihn, wird tödlich verletzt und landet in dem Sack, den Rigoletto übergeben bekommt. Erst als er die Stimme des Herzogs hört, öffnet er den Sack und entdeckt Gilda darin. Am Ende stirbt seine Tochter in seinen Armen.“

„Das ist ja furchtbar!“

„Das ist die Oper! Übrigens bin ich mir sicher, dass Sie den einen oder anderen Opernhit des Herzogs von Mantua ohnehin kennen.“ Gleich darauf erhob Schaffroth seine Stimme und sang: „La donna è mobile qual piuma al vento, muta d‘accento e di pensiero. Sempre un amabile, leggiadro viso, in pianto o in riso, è menzognero.“

„Aus der Pizzawerbung?“, fragte Franziska fasziniert.

„Aus dem Rigoletto!“, antwortete Schaffroth voller Stolz.

„Ja, sehr schön“, mischte sich Hannes ein wenig unwirsch in die Darbietung ein. „Und wer hat jetzt alles mit Frau Weberknecht zusammengearbeitet?“

„Einen Moment, bitte.“ Der Verwaltungsdirektor räusperte sich, ging zu einem Pult neben dem schwarzen Vorhang, der die Hauptbühne abgrenzte, und drückte einige Knöpfe, bevor er in ein Mikrofon sprach: „Bitte das gesamte Ensemble zu einer Besprechung auf die Bühne.“

Kurz darauf öffnete sich die Tür zur Hinterbühne und etliche Männer und Frauen strömten herein, um sich zwischen den Kulissen niederzulassen. Als Schaffroth den erstaunten Blick der Oberkommissarin sah, erklärte er. „Über das Inspizientenpult werden während der Aufführung Sänger, Chor, Techniker und Kulissen eingerufen. In jedem Raum hängen extra Lautsprecher.“

„Hey, ich bin Carlos.“ Der kräftige junge Mann, der erst jetzt hinzukam, nickte den Kommissaren zu und gesellte sich zu den anderen.

„Carlos singt den Herzog von Mantua“, flüsterte Schaffroth den beiden zu.

„Tenor?“, wollte Hannes wissen.

„Respekt, Herr Kommissar, Sie kennen sich aus!“

„Ich bin Franziska Steinbacher von der Mordkommission Passau und das ist mein Kollege Johannes Hollermann“, stellte Franziska sie dem Ensemble vor. „Wir ermitteln im Todesfall Sophia Weberknecht und möchten Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“

„Sie ermitteln bei uns? Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass einer von uns Sophia etwas angetan hat?“

„Wir sind Sänger, wir inszenieren einen Mord auf der Bühne, aber doch nicht in echt!“

„Wie ist sie denn eigentlich gestorben?“, fragte schließlich eine der Frauen, die sie schon zu Beginn auf der Bühne gesehen hatten, mit dunkler Stimme. Sie hatte eine sehr weibliche Figur mit üppigen Rundungen, wie Hannes entzückt feststellte.

„Das ist Katharina Eschenbacher, sie singt die Maddalena. Mezzosopran“, flüsterte Schaffroth erneut.

„Sie wurde in ihrer Wohnung erschlagen“, antwortete Franziska ungeachtet seiner Eingaben. Ein Raunen ging durch den Raum und es dauerte, bis sich alle wieder beruhigt hatten.

„Wir müssen davon ausgehen, dass sie ihren Mörder kannte.“ Wieder stieg der Geräuschpegel beachtlich. Die Akustik war wirklich sehr gut.

„Wer von Ihnen hat sie denn näher gekannt? Wer kann mir etwas über ihr Leben erzählen, über ihren Umgang, ihre Freunde? Was hat sie gemacht, wenn sie nicht auf der Bühne stand?

„Geprobt vermutlich“, spekulierte Carlos laut und quittierte seine Aussage mit einem schelmischen Lächeln. Franziska warf schnell einen Blick zu Schaffroth, aber der schien gar nichts sagen zu wollen.

„Nein, wirklich, sie hat ständig geprobt und an sich gearbeitet. Hatte für nichts und niemand Zeit. Wenn überhaupt, dann kannte Sweta sie näher, die hat sie mal nach Krumau eingeladen.“ Es war erneut Carlos, der sich zu einer Aussage hinreißen ließ und dabei ein paar Schritte auf Franziska zuging. „Aber sonst wüsste ich niemanden. Ich bin mir gar nicht sicher, ob Sophia überhaupt Freunde hatte oder brauchte. Ich glaube, die war sich selbst genug.“ Franziska musterte den Sänger: Seine Stimme war wirklich schön und zudem hatte er ein weiches, freundliches Gesicht. So unschuldig, wie es sich für einen Verführer auf der Bühne eben gehörte. Er mochte Ende zwanzig sein. Ob das jetzt auch eine Rolle war, die er ihr vorspielte?

„Was ist denn mit Walter?“, fragte eine zierliche junge Frau in Jogginghosen und knappem T-Shirt, woraufhin sich Carlos erstaunlich schnell zu ihr umdrehte.

„Walter? Bist du verrückt! Der wollte sie doch auch nur für eine schnelle Nummer, wie alle anderen, die er gemalt hat!“

„Wer ist Walter?“ Franziska blickte sich suchend um, aber niemand meldete sich.

„Unser Bühnenbildner. Ein verkannter Künstler.“ Die Stimme der Eschenbacher klang sehr erotisch. „Nein, im Ernst. Zurzeit bereitet er eine Ausstellung vor. Wird bestimmt ganz spektakulär.“

„Ist er denn so gut?“

„Kommt ganz drauf an.“

„Auf was?“ Die junge Kommissarin war sich sicher, dass sie Insiderwissen brauchen würde, um diesen Dialog zu verstehen.

„Ob man auf seine Fantasien steht.“

„Jetzt sag es ihr schon“, mischte sich die junge Frau in der Jogginghose mit kecker Stimme ein und die Eschenbacher ging ein paar Schritte vor, bis sie direkt vor Franziska stand und ihr in einem vertraulichen Ton erklärte. „Er zeichnet 85 Frauenakte. Aber bevor er sich ans Malen macht, geht er mit ihnen ins Bett. Walter sagt, wenn er die Frauen zuerst richtig durchvögelt, dann lassen sie sich anschließend besser zeichnen.“

„Das stimmt so nicht. Walter behauptet, es sei der Flash nach dem gelungenen Höhepunkt, der die Frauen so unwiderstehlich schön machen würde, und die, die es ihm glauben, gehen mit ihm ins Bett.“ Carlos hatte sich zu den beiden Frauen gesellt. „Aber so wie es aussieht, wollte Sophia nicht. Weder aus dem einen noch aus dem anderen Grund. Vielleicht war sie ja frigide?“

Irritiert über diese offene Diffamierung sah Franziska von einem zum anderen.

„Wie sieht er denn aus, dieser Walter?“

„Interesse?“ Die Eschenbacher musterte sie spöttisch.

Franziska errötete, hatte sich jedoch gleich wieder im Griff.

„Nein, aber ich wüsste gern, ob er der letzte Besucher von Sophia Weberknecht gewesen sein könnte. Es liegen Zeugenaussagen vor.“

„Also, im Grunde ist Walter nichts Besonderes. Ich meine, man fragt sich, warum ihm alle Frauen zu Füßen liegen, aber vielleicht gehen Sie einfach mal bei ihm vorbei.“ Schaffroth hatte sich ins Gespräch eingemischt, versuchte die erhitzten Gemüter zu besänftigen und warf jetzt einen Blick auf seine Uhr, „Es könnte durchaus sein, dass Sie ihn draußen in Maierhof in der Werkstatt antreffen. Dort werden unsere Bühnenbilder gemacht und er hat da eine kleine Wohnung.“

„Und Sie haben sich alle supergut mit Frau Weberknecht verstanden?“, wandte sich Franziska wieder an die gesamte Truppe und dachte an das, was sie ihr gegenüber ausgeplaudert hatten. Wer weiß, was sie besprachen, wenn sie allein waren.

„Na ja, natürlich gab es hier und da mal ein paar Unstimmigkeiten, aber deshalb bringt man doch niemand um, oder?“ „Nein, natürlich nicht. Aber Frau Weberknecht ist tot und irgendjemand hat sie umgebracht. Ich gebe Ihnen jetzt meine Karte, vielleicht fällt Ihnen ja noch etwas ein. Dann melden Sie sich bitte bei mir.“

***

„Sag mal, Hannes, kennst du dich etwa mit der Oper aus?“

„Was heißt auskennen? Ich habe mal im Chor gesungen.“

„Wie? Hier im Theater?“

„Nein, im Kirchenchor.“

„Ach, das hast du mir ja gar nicht erzählt. Als Tenor?“

„Das war als Kind.“ „Ach so. Du, die Eschenbacher hat eine tolle Stimme, findest du nicht?“

„Doch, überhaupt scheint das eine tolle Truppe zu sein. Ich fand sie alle sehr sympathisch – impulsiv, aber sehr nett.“

„Ich bin ganz schön gespannt auf diesen Walter.“ Franziska warf einen kurzen Blick auf das Navi und fuhr dann über die Josef-Strauß-Brücke.

„Reizt er dich?“

Ohne darauf einzugehen sagte Franziska: „Wäre doch interessant zu wissen, wer von den Damen diesem vermeintlichen Lüstling erlegen ist. Ich meine, die sprachen immer nur von anderen Frauen, aber wenn er es angeblich auf Sophia Weberknecht abgesehen hatte, dann hat er es ja vielleicht auch bei der Eschenbacher probiert.“

„Wir sind hier im Blumenparadies gelandet: Tulpenstraße, Geranienweg …“, zählte Hannes auf, während er bereits nach dem richtigen Gebäude Ausschau hielt.

Franziska sah sich interessiert um. Noch immer kannte sie nicht alle Winkel von Passau.

„Nein, das muss noch weiter vorn sein. Hinter der Tankstelle hat Schaffroth gesagt. Schau, da vorne steht ein Lastwagen vom Theater.“

Franziska kreuzte die Bundesstraße und parkte direkt hinter dem Theaterlastwagen. Nachdem sie die zehn Stufen der Metalltreppe hinaufgestiegen waren, klingelte Hannes an der einzigen Haustür neben der Lkw-Rampe. Aber auch nach mehreren Versuchen wurde ihnen nicht geöffnet.

„Weißt du was, wir sollten uns jeden Einzelnen morgen noch einmal in Ruhe vornehmen. Dann sehen wir auch eher, ob die uns nur was vorspielen oder ob wirklich keiner was weiß. Wenn Frau Weberknecht seit einiger Zeit Probleme hatte, dann hat sie doch bestimmt auch mit den anderen darüber geredet und nicht nur mit Schaffroth.“ Franziska nickte. Je länger sie darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher schien ihr ihre Idee. „Na, und wenn nicht, dann haben sie ja vielleicht wenigstens etwas gemerkt und wollten das heute einfach nicht sagen. Ich hatte nämlich das Gefühl, da wollte jeder ein bisschen cooler sein als der andere.“

***

Nachdem er die Steinstufen vor dem Haus hinuntergegangen war, blieb Hauptkommissar Brauser für einen Moment am Gartenzaun stehen. Die ganze Zeit schon hatte er sich gefragt, wie die beiden das alles so ruhig aufnehmen konnten, warum sie nicht tobten und mit ihm schimpften. Warum sie nicht gefordert hatten, dass er ihnen ihre Tochter wiederbrachte. Natürlich konnte er das nicht tun, es gab kein Zurück mehr. Brauser warf einen Blick zum Haus, doch es schien wie ausgestorben.

Langsam schlüpfte er in seine Jacke, die er noch immer in der Hand hielt, und dachte dabei an die beiden Alten. Ja, es wäre leichter für ihn gewesen, wenn sie getobt hätten. So aber stand er am Gartenzaun, zog seine Jacke enger an sich und spürte, wie ihre Trauer allmählich auf ihn überging, und es schien ihm auf einmal, als könne er sie nie mehr ablegen.

Mit langsamen Schritten verließ er das Grundstück.

Das Haus lag am Rande des Gewerbegebietes. Alles flach rundherum, sehr ruhig und deshalb für ältere Herrschaften ein idealer Ort. Für eine Heranwachsende dagegen war es viel zu einsam. Kein Wunder, dass sie weg wollte. Kein Wunder, dass sie nicht auch noch als Erwachsene im elterlichen Betrieb bleiben wollte, wie die Eltern erzählt hatten.

Die Straße war schmal, gegenüber standen zwei weitere Häuser. Sie waren kleiner als das Weberknecht’sche Anwesen und schlichter. Links davon schloss eine große Wiese an, auf der Pferde friedlich auf einer Koppel grasten, dahinter begann ein Wald, der über einen gesandeten Weg gut erreichbar schien. Vielleicht hatte eines der Pferde Sophia gehört, überlegte Brauser, schließlich träumten doch alle Mädchen von einem eigenen Pferd. Ohne zu überlegen ging er auf die Häuser zu. Er würde einfach klingeln und fragen, und wenn er Glück hatte, dann hatten die Bewohner sie gekannt und konnten ihm erzählen, warum Sophia so geworden war. Als er vor dem ersten Briefkasten stand, las er den Namen Chr. Sundhofer. Brauser klingelte beherzt, doch als nach dem zweiten Klingeln immer noch niemand öffnete, ging er zur nächsten Haustür, um dort sein Glück zu versuchen. Er wollte gerade auf die Klingel von Familie Horwitz drücken, da öffnete sich die Haustür und ein etwa zweijähriger Junge erschien, gefolgt von einer brünetten jungen Frau in Jeans, Laufschuhen und einem wattierten Anorak. Ihre Hände schoben einen geländegängigen Kinderwagen. Als die junge Frau Brauser entdeckte, rief sie den Jungen zurück und fragte irritiert: „Wer sind Sie?“

Der Kommissar konnte sich beim Anblick des quengelnden Jungen eines Lächelns nicht erwehren. Er zog seinen Ausweis aus der Tasche und stellte sich vor. „Hauptkommissar Berthold Brauser von der Kripo Passau. Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“

„Ja, wenn es schnell geht. Ich hab nämlich Max versprochen zum Spielplatz zu gehen und jetzt ist er nicht mehr zu halten.“ Sie sah den Kommissar an, überlegte kurz und forderte dann: „Kommen Sie doch mit!“

Brauser sah auf die Uhr und nickte. Warum auch nicht? Ihm blieb genug Zeit, denn wenn er jetzt zurückfuhr, würde er ohnehin nur im Berufsverkehr stecken.

„Ich bin übrigens Anne Horwitz. Der Spielplatz ist gleich da hinten, am Waldrand.“ Sie deutete auf die Waldlichtung hinter der Pferdekoppel.

Der Sand knirschte unter den großen Gummirädern des Kinderwagens, in dem Philipp, der kleine Bruder von Max, friedlich schlief.

„Wie lange wohnen Sie schon hier?“, fragte Brauser und sah dabei über die Schulter zurück zum Haus der Familie Horwitz.

„Eigentlich schon immer. Als ich vor vier Jahren geheiratet habe, bin ich einfach geblieben. Man könnte auch sagen: übrig geblieben.“ Sie lachte, weil es ein bisschen resigniert klang. „Mit den Kindern fand ich es praktisch, denn ich muss mir hier nicht so viele Sorgen wegen des Verkehrs machen. Für meinen Mann ist es nicht ganz so gut. Er fährt jeden Morgen eine gute Stunde zur Arbeit, aber noch lohnt es sich.“

Im Laufschritt hatte Max die Lichtung mit dem Spielplatz erreicht und stürmte die Leiter zur Rutschbahn hinauf. Brauser blieb bei diesem Unterfangen fast das Herz stehen, doch seine Mutter schien daran gewöhnt. Außer der Rutschbahn gab es noch ein Spielhäuschen, eine Wippe, zwei Balancierbalken, eine Schaukel mit Gummireifen, einen Streetballkorb und mehrere Bänke. Zu einer davon steuerte Anne Horwitz den Kinderwagen und setzte sich, während sie darauf wartete, dass Brauser ihr folgte.

Doch der Kommissar drehte erst einmal eine Runde und sah sich die Spielgeräte näher an, bevor er sich ebenfalls auf die Bank setzte. Es war alles in einem Topzustand. „Den meisten Kommunen fehlt für so etwas das Geld“, bemerkte er nach einem weiteren Blick.

„Den haben die Weberknechts bauen lassen. Für ihre Tochter Sophia. Sie wuchs als Einzelkind auf und war der ganze Stolz der Eltern. Und damit sie mit anderen zusammenspielen konnte, baute der Vater kurzerhand diesen Spielplatz. Er war immer ein Magnet für Mütter und Kinder aus der ganzen Gegend und er wird jedes Jahr im Frühjahr überholt.“ Brauser holte ein Foto von Sophia aus seiner Jackentasche und hielt es Anne Horwitz entgegen. „Dann kennen Sie Sophia Weberknecht gut?“

„Ja, klar! Wir kennen uns aus dem Sandkasten, waren später zusammen auf dem Gymnasium. Erst seit ich geheiratet habe und die beiden Jungs da sind, sehen wir uns kaum noch. Sie machte Karriere und ich bin Hausfrau. Schade, eigentlich. Es war immer ziemlich praktisch für mich, mit Sophia befreundet zu sein. Warum fragen Sie?“

„Sophia Weberknecht ist tot.“

Die eben noch lächelnde junge Frau schlug beide Hände vor den Mund und sah an Brauser vorbei, um ihm nicht ins Gesicht blicken zu müssen. „Sie ist tot“, flüsterte sie hinter ihren Händen und schüttelte langsam den Kopf. „Wie, ich meine, woran ist sie gestorben?“ Sie blickte dem Kommissar direkt in die Augen.

„Sie wurde in ihrer Wohnung erschlagen.“

„Das ist ja schrecklich!“

Brauser hob bedauernd die Schultern und fragte: „Wann haben Sie sie denn zum letzten Mal gesehen?“

Anne sah zum Sandkasten hinüber, bevor sie antwortete.

„Oh, das ist lange her. Sie kommt ja auch nur noch ganz selten nach Hause und bei ihrem letzten Besuch war ich gerade im Krankenhaus zur Entbindung von Philipp.“

Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass es dem Baby gut ging, bevor sie sich wieder dem Kommissar zuwandte.

„Warum?“ Sie legte ihren ganzen Schmerz, ihre ganze Fassungslosigkeit in dieses eine Wort.

Brauser schüttelte voller Bedauern seinen Kopf und ließ ihr Zeit, bevor er weiterfragte. „Wie war Sophia? Erzählen Sie mir von ihr.“

„Sophia? Die ist eine richtige Träumerin. Na ja, sie kann sich das ja auch leisten. Ich meine, ihre Eltern haben richtig Kohle, und wenn sie etwas wollte, dann bekam sie das auch. Meistens.“

„Meistens?“

„Ja, wirklich. Außer den Roller, der war ihrem Vater einfach zu gefährlich, und ihre Mutter hat sie ja ohnehin immer gefahren. Tja, seit ich selbst Kinder habe, verstehe ich das auch viel besser.“

„Hatte Sophia viele Freunde?“

„Oh ja, sie war schon immer sehr umschwärmt. Die Jungs lagen ihr zu Füßen, so wie heute die Männer, aber Sophia ist sehr wählerisch.“ Die junge Frau begann auf ihrem linken Daumennagel herumzubeißen und dabei schien sie in Gedanken um Jahre zurückzureisen.

„Sie haben eben gesagt, dass es recht praktisch für Sie war, mit ihr befreundet zu sein, wie haben Sie das gemeint?“ Sie wollte schon zu einer Antwort ansetzen, als der kleine Max mit viel Geschrei zu ihnen herübergelaufen kam. Anscheinend langweilte ihn das Rutschen.

„Schau mal, Mäxchen, ich hab deinen Eimer dabei!“ Anne Horwitz bückte sich und holte aus dem unteren Ablagekorb des Kinderwagens einen kleinen Eimer mit Schaufel und Sieb. Der Kommissar sah ihm lächelnd hinterher, als er zufrieden davontrottete.

Anne Horwitz fuhr fort. „Sophia ist das einzige Kind der Weberknechts und sie wollte nicht immer so, wie die Eltern. Darum haben sie mich oft mitgenommen, morgens in die Schule, abends zum Essengehen oder ins Kino. Natürlich habe ich mich immer besonders gut benommen.“ Lächelnd strich sie sich eine Strähne ihrer dunklen Haare aus dem Gesicht. „Einmal durfte ich sogar mit in den Urlaub fahren, nach Sirmione, das ist ein kleines mittelalterliches Städtchen auf einer Halbinsel im Gardasee.“ Die junge Mutter blickte in die Ferne, als läge dort der Gardasee und sie könne mit ihrem Willen die Zeit von damals zurückbringen. Brauser fand sie sehr hübsch in diesem Moment. „Die hatten dort sogar ein Thermalbad, so was habe ich vorher noch nie betreten, und unser Zimmer erst! Wir wohnten in einem ganz teuren Hotel, es war der schönste Urlaub meines Lebens. Sophia hat ständig rumgenörgelt, sie kannte es nicht anders.“

„Und dann wollte sie Sängerin werden?“ Brauser dachte an die Bilder, die im Wohnzimmer hingen. Von der Lulu, der Lucia und der Violetta.

„Ja, was sollte sie denn auch sonst machen?“

Diesen Einwurf verstand er nicht. „Wie meinen Sie das?“

„Na ja, wir gingen zusammen aufs Gymnasium, ich lernte mit ihr und half ihr, vor allem in Mathe, was ich konnte. Aber sie begriff es einfach nicht und sie war wohl auch zu faul, weil es ihr keinen Spaß machte. Nur beim Tanzen und Musizieren, da war sie eifrig. Und wenn sie sang. Ihre Mutter ging mit ihr zum Vorsingen, die Chance auf eine Karriere als gefeierter Bühnenstar hat ihren Vater dann schnell überzeugt. Bestimmt hatte er sich insgeheim ausgemalt, mit der schönen Tochter im Blitzlichtgewitter der Journalistenkameras zu stehen, der Stolz in Person. Nach dem Abi hat sie dann in Nürnberg am Meistersingerkonservatorium studiert. Sie hat wirklich Talent und sogar schon einen Preis gewonnen. Aber dafür hat sie auch wie eine Besessene geübt. Ja, dafür schon.“

Während Anne Horwitz den schulischen Werdegang von Sophia Weberknecht schilderte, war der Kommissar stutzig geworden, denn etwas kam ihm seltsam vor, doch das Klingeln seines Handys unterbrach jede weitere Überlegung. Er stand auf und ging einige Schritte davon, bevor er das Gespräch annahm. „Chef, kommen Sie heute noch ins Büro?“

Brauser sah auf seine Uhr. „Warum, gibt’s was Neues?“

„Und ob! Wallensteins Waffe wurde gefunden.“

„Mensch, Hollermann, können Sie sich nicht korrekt ausdrücken? Die Tatwaffe im Mordfall Wallenstein wurde gefunden, so muss das heißen.“

„Ja, Chef, die Tatwaffe im Mordfall Wallenstein wurde gefunden, und es handelt sich um Wallensteins Waffe.“

***

Hauptkommissar Berthold Brauser hatte auf der A3 in Richtung Passau ordentlich Gas gegeben. Endlich etwas, auf das er aufbauen konnte. Endlich eine neue Spur in diesem vertrackten Fall. Er musste sich schleunigst ein Bild davon machen.

Die Waffe, mit der Wallenstein erschossen worden war, hatte also ihm selbst gehört. Aber warum zum Teufel hatte er sie aus der Hand gegeben und sich damit erschießen lassen, statt sich zu wehren? Nein, halt, er war ja schon tot gewesen, als er erschossen wurde. Aber vorher, warum hatte er sich vorher nicht gewehrt? Wie hatte es überhaupt so weit kommen können, wo er doch bewaffnet gewesen war? Wieder wurde Brauser klar, dass er immer noch im Dunkeln tappte.

Es gab noch immer keinen Anhaltspunkt dafür, dass Wallenstein bereits vorher in Passau gewesen war, also konnte Brauser nur annehmen, dass er direkt von Frankfurt über die A3 nach Passau gefahren war. Irgendwo hatte er wahrscheinlich einen oder vielleicht auch mehrere Mitfahrer mitgenommen. Freiwillig, denn sonst hätte er ja seine Waffe gezogen, und das war neu an seiner Überlegung. Es sei denn, diese hatte im Auto gelegen, die Täter waren selbst bewaffnet gewesen und er hatte gar keine Zeit seine Waffe zu nutzen.

Der Kommissar verließ an der Abzweigung Passau-Nord die Autobahn und fuhr Richtung Franz-Josef-Strauß-Brücke. „Nein!“, rief er energisch, das passte nicht. Wären sie bewaffnet gewesen, dann hätten sie ihn doch nicht mit dem Seil am Beifahrersitz festbinden müssen. Oder doch? Vielleicht hatten sie ihm ja auch schon unterwegs die Luft in die Venen gespritzt und hatten ihn dann, als er längst an der Embolie gestorben war, auf den Beifahrersitz gebunden, damit er seine Haltung nicht verlor. Das schien plausibler. „Ja!“, rief Brauser, als er über die kleine Haitzingerbrücke und dann nach links in Richtung Polizeigebäude einbog. Er sah es fast vor sich, das Gesindel, das sich auf einem Rastplatz herumtrieb und den arglosen Klaus Wallenstein ansprach und überwältigte.

Und die Waffe? Brauser ermahnte sich innerlich. Tja, die Waffe. Wo legt man als Normalbürger seine Waffe hin, wenn man unterwegs ist? Einzig Polizisten dürfen sie einsatzbereit am Körper führen. Für alle anderen war es sicher besser, sie irgendwo verborgen zu halten. Im Handschuhfach, im Kofferraum, in einem kleinen Koffer auf dem Rücksitz; es gab unzählige Möglichkeiten, man wollte gar nicht glauben, wo die Leute Waffen versteckten, und wo sie die Polizei bei Razzien wieder zum Vorschein brachte.

Ein wenig mürrisch schloss er das Auto ab und betrat das Dienstgebäude. Ramona war zum Glück schon nach Hause gegangen. Nicht, dass er etwas gegen sie hatte. Nein, das nicht. Aber mit ihrer angeblich geheimen Planung für seinen Abschied ging sie ihm schon mächtig auf die Nerven. Natürlich musste er so tun, als bemerke er nichts, aber welchem Kriminalbeamten, der etwas auf sich hielt, sollte so etwas schon entgehen?

Die Tür zum Büro Hollermann/Steinbacher stand offen, man erwartete ihn also, na, immerhin. Brauser betrat das Dienstzimmer und öffnete als Erstes ein Fenster, denn die Luft war mächtig verbraucht, was aber keinen der jungen Kollegen zu stören schien. „Also, was ist mit der Waffe?“

„Wie bereits vermutet handelt es sich um einen Revolver der Marke Smith & Wesson.“ Hannes sah auf den Bericht der Kollegen, obwohl er die Daten inzwischen auswendig kannte. „Ein Rentner hat ihn gestern Abend in Kelberg am Rande des Neuburger Waldes gefunden und gab ihn heute Vormittag an der Pforte ab. Zunächst konnten die Kollegen nichts damit anfangen, bis sie die Waffennummer beim LKA abgefragt haben: Der Revolver ist auf einen gewissen Klaus Wallenstein aus Frankfurt registriert. Er nutzt ihn als Sportschütze, alles ganz legal.“

„Und die Fingerabdrücke sind auch von Wallenstein?“

Hannes blickte jetzt auf. „Das wird sich zeigen. Er ist noch in der KTU. Die Kollegen haben viel Spaß damit.“

Er lächelte süffisant und auch Franziska, die die ganze Zeit still zugehört hatte, sah belustigt aus.

„Was ist daran so lustig?“ Brauser legte seine Jacke auf einen freien Stuhl und trat näher an den Schreibtisch heran. „Der Rentner hat sie beim Pinkeln gefunden, oder besser gesagt: beim Draufpinkeln, und anschließend hat er sie in eine Plastiktüte gepackt, in eine benutzte. Vertrauen Sie Ihrem Fleischerfachgeschäft stand drauf, und vorher war sicher eine geräucherte Sau drin, so wie die gerochen hat.“

Brauser sah auf die Uhr. Es war spät und er hatte Maria versprochen pünktlich zum Abendessen zu kommen. Das konnte man in seinem Beruf nicht oft einhalten und seine Frau wusste das auch, aber in diesem Fall lief ihm ja nichts mehr weg.

„Gut, geben Sie mir die Adresse. Ich werde morgen mit dem Mann reden. Gibt’s sonst noch was?“

„Der Obduktionsbefund hat die Vermutung des Notarztes bestätigt. Frau Weberknecht wurde erschlagen. Der Professor meinte, der Täter sei nicht grausam zu ihr gewesen“, Franziska sah abwartend zu Brauser, um zu sehen, was der von dieser Formulierung hielt.

„Nicht grausam?“ Brauser nickte vor sich hin.

„Na ja, das sagt man halt so, wenn es schnell geht und das Opfer nicht mehr vielmitbekommt, oder?“ Franziska sah ihn lauernd an, aber Brauser äußerte sich nicht.

„Ach, da fällt mir noch was ein: Die Oberfläche des Gegenstandes war nicht glatt. Sie haben in der Kopfhaut ein Muster an Vertrocknungsspuren gefunden. Vielleicht liefert das ja einen Hinweis auf die Tatwaffe.“

Brauser schien tief in Gedanken versunken.

„Wie war es denn bei den Eltern?“, fragte Franziska schließlich.

„Was? Ach so, ja. Das Übliche würde ich sagen. Wobei, na ja, nicht ganz. Die Herrschaften waren schon recht alt.“ Franziska konnte sich angesichts Brausers bevorstehender Pensionierung ein Lächeln nicht verkneifen.

„Ich weiß, was du jetzt denkst, Mädchen, aber ich meine richtig alt und gezeichnet.“ Franziska nickte. „Diese Familie ist zerstört, und wenn du mich fragst, dann war sie das schon, bevor ihre Tochter starb. Aber vielleicht liegt das ja nur an dieser verdammten hochnäsigen Erziehung, die einfach keine ehrlichen Gefühle zulässt.“

Franziska begann, sich ein paar Stichpunkte in ihr grünes Notizbuch zu machen, und als Brauser das bemerkte, wurde er ganz Chef. „Anne Horwitz kannst du auch gleich noch aufschreiben. Sie wohnt direkt nebenan und ging mit Sophia Weberknecht zur Schule.“ Brauser überlegte, was denn eigentlich das Wichtigste aus diesem Gespräch war. „Vielleicht sprichst du selbst noch mal mit ihr, ich hab dir die Telefonnummer aufgeschrieben.“ Er schob einen Zettel über den Tisch.

„Dem Anschein nach haben wir im Theater eine heiße Spur gefunden“, berichtete Hannes, der sich wieder einmal so richtig überflüssig vorkam. Bei dieser Behauptung blickte Franziska auf und zog kritisch die Augenbrauen zusammen. „Ist schon ein interessantes Völkchen und so friedlich, wie es den Anschein haben sollte, ging es da nicht zu, oder?“ Hannes sah Franziska an, um ihre Zustimmung einzuholen. „Stimmt!“, bestätigte diese. „Wir wollen morgen noch mal mit allen reden.“

„Gut, macht das.“ Der Kommissar nahm seine Jacke vom Stuhl und schlüpfte hinein. Doch plötzlich hielt er inne und drehte sich noch einmal den Kollegen zu.

„Könnt ihr solche Familien verstehen?“ Er machte eine lange Pause und die beiden wussten nicht gleich, worauf er hinaus wollte. „Warum hat uns eigentlich niemand gesagt, dass der Wallenstein Schütze war? Wie glauben die denn, sollen wir unsere Arbeit machen?“

„Sie hielten es für nicht so wichtig, nehme ich mal an.“ Franziska musterte den Chef ungeniert. Er sah alt und müde aus.

„Ja“, sagte er ohne jede Regung. „Vermutlich.“

„Ach, da fällt mir noch etwas ein. Obermüller hat heute mit Paula Nowak ein Bild von dem Mann erstellt, den sie vor dem Haus gesehen hat.“ Franziska suchte in der Mappe, die vor ihr lag, nach dem Bild.

„Und?“

„Er war ganz entzückt von ihr, weil sie sich noch so gut an alles erinnern konnte. Sie muss ihm mächtig viel von der guten alten Zeit erzählt haben, von Bräuteschulen, in denen die jungen Frauen auf die Ehe vorbereitet wurden und so. Hat ihm gut gefallen.“

„Ich meine die Zeichnung? Kann man jemanden erkennen?“, fragte Brauser.

„Sieht glaubhaft aus und könnte uns weiterhelfen.“ Franziska hatte das Blatt gefunden und hielt es in die Höhe. Brauser nahm es ihr aus der Hand, sah es sich lange an und legte es dann auf den Schreibtisch zurück. „Ist er irgendwo aktenkundig?“

„Bisher haben wir nichts gefunden, aber vielleicht ist er ja auch nur ein Zeuge, der uns auf eine Spur bringen kann“, teilte Franziska ihm ihre Überlegungen mit.

Ihr Chef nickte und ging zur Tür. Dort klopfte er sich unschlüssig auf seine helle Stoffjacke, so als suche er etwas und als wolle er fühlen, ob es sich in den Brusttaschen verborgen hielt. „Vielleicht wollte Wallenstein gar nicht nach Passau, sondern weiter nach Linz oder Wien, und ist nur durch die Tatsache, dass ihn jemand ermordet hat, in Passau gelandet.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er aus dem Raum. Verdutzt sahen die beiden anderen sich an und hörten gleich darauf die Tür im Flur zuschlagen.

***

Weder vor seinen Freunden noch vor seinen Arbeitskollegen würde Hauptkommissar Berthold Brauser je zugeben, wie gut es sich für ihn anfühlte, nach Hause zu kommen und zu wissen, dass er sich hier nicht verstellen muss, dass er hier sein konnte, wie er war.

Seit über dreißig Jahren wohnte er schon in diesem Haus und genauso lange parkte er abends sein Auto in der Garage neben den Stellplätzen mit den Vogelbeerbüschen und ging den Plattenweg und die wenigen Stufen zu dem Mehrfamilienhaus, in dem er lebte, hinauf. Am Anfang hatte er noch von einem kleinen Anwesen im Grünen geträumt, mit Kinderzimmern und einem Hobbykeller für die Eisenbahn. Aber dann zerplatzte der Traum von eigenen Kindern, und irgendwann hatte er sich damit abgefunden, dass es keinen Sinn machte, sich ein eigenes Haus zuzulegen. Die Vespa hatte er behalten und zur Erinnerung in der Garage hinten quer gestellt, wo sie auf bessere Zeiten wartete. Brauser wusste nicht einmal, ob sie überhaupt noch anspringen würde, wenn er es probierte. Die Haustür stand offen, wie so häufig. Nur gut, dass noch nie jemand auf die Idee gekommen war, sich hier herumzutreiben. Aber leichtsinnig war es doch, und wie immer drehte er den Riegel, damit die Tür hinter ihm zuschnappte, sodass alle, die ins Haus wollten, klingeln mussten, wie es sich gehörte.

Auf dem Treppenabsatz standen eine paar elend aussehende Topfpflanzen, über die sich Brauser jeden Abend ärgerte, aber so waren die Leute: Das, was sie nicht in der Wohnung haben wollten, muteten sie anderen Mietern beim Nachhausekommen zu. Brauser stieg die Treppen hinauf. Im dritten Stock gab es zwei Wohnungen. Rechts wohnte Frau Bachmeier, eine alte Frau, um die sich Maria einmal am Tag kümmerte, und links die Brausers. Er schloss die Tür auf.

„Bertl, bist du das?“ Brauser zog sich gerade die Schuhe aus und stellte seine Aktentasche neben den Schuhschrank.

„Natürlich, wer sonst?“, antwortete er. Jeden Tag dasselbe.

„Hast du Hunger? Es gibt Rouladen mit Püree und Rotkraut. Ist schon fertig“, rief Maria und er ging ins Wohnzimmer, wo seine Frau gerade einen Korb Wäsche bügelte.

„Und wie!“, antwortete er und ließ sich auf einen Stuhl fallen, der neben dem Esstisch stand.

„Was macht der neue Fall?“ Maria fügte eine weitere gebügelte Feinrippunterhose dem ordentlichen Stapel, der auf dem Tisch hinter ihr anwuchs, hinzu.

„Soll ich vielleicht schon mal den Tisch decken?“, wich Brauser aus.

„Sie war eine Sängerin am Opernhaus, stimmt‘s? Das muss ganz schön aufregend sein.“ Der Kommissar lugte in den Wäschekorb, in dem nur noch zwei Teile lagen. „Ich könnte doch schon decken?“

Maria sah ihn über den Rand ihrer Brille fragend an. „Was ist, darfst du nicht darüber reden?“

„Ach, ich hab einfach keine Lust auf dieses Thema. Was gab’s denn bei dir heute?“

„Ich hab mich heute mal wieder mit Johanna getroffen. Stell dir vor, dem Schwertfeger seine Neue spinnt total. Jetzt will sie es als Model versuchen.“ Maria lachte abschätzig, legte die letzte Unterhose auf den Stapel und zog den Stecker. „Sie mag ja jung sein und Dieter gibt ihr vielleicht das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, aber eigentlich ist sie nur dumm und billig.“

„Sagt das Johanna?“, fragte Brauser müde und ließ sich am Tisch nieder, während seine Frau für ihn aufdeckte.

„Ja, und …“

Brauser zog sich die Zeitung heran und blätterte im Fernsehprogramm. Auch auf dieses Gespräch hatte er keine Lust, obwohl er natürlich wusste, dass Johanna Recht hatte. Dieter machte sich mit dieser Frau nur lächerlich, aber das musste er selbst herausfinden. Er selbst war nicht die Art von Freund, der anderen gute Ratschläge gab.

„Kommt heute wieder deine Serie?“

„Ja. Warum?“ Maria hielt mit der Püreeschüssel kurz inne und sah ihn fragend an, aber ihr Mann nickte nur.

„Ach, nur so.“ Dann blätterte er weiter.

„Du, Bertl, stell dir vor, bei der Margarethe war heute ein Mann, der wollte die Fernseher im Haus überprüfen, um zu sehen, ob wir auch in Zukunft noch das Satellitenprogramm empfangen können. Der sagte, dass das jetzt gar nicht mehr selbstverständlich ist, auch wenn wir uns erst kürzlich eine neue Anlage gekauft hätten. Ist das nicht eine Schweinerei? Und die alten Leute wissen es nicht und denken ihr Fernseher ist kaputt.“

In ihrer Aufregung stellte sie die Platte mit den Rouladen ein wenig zu heftig auf den Tisch, sodass etwas Soße auf dem abwaschbaren Schutz über dem Tischtuch landete. Schnell lief sie in die Küche, um einen Lappen zu holen. „Und dann wollte der Mann der Frau Bachmeier eine neue Anlage verkaufen, damit sie nicht denkt, ihr Fernseher ist kaputt“, schlussfolgerte Brauser. Eine geniale Strategie, dachte er, darauf muss man erst einmal kommen.

„Wollte der doch gar nicht“, rief Maria aus der Küche. „Er hat ein bisschen rumgeschraubt und schon ging alles wieder einwandfrei.“ Sie wischte die Soße auf, legte den Lappen zur Seite und gab ihrem Mann zwei Rouladen auf den Teller, bevor sie ihm die Schüssel mit dem Püree hinhielt. „Und zum Glück hat sie ja auch für unsere Wohnung einen Schlüssel, so konnte sie den Techniker auch bei uns reinlassen.“

„Wo kam der Kerl denn her?“ Er legte eine Roulade zurück, denn er war sich nicht sicher, ob sein Appetit heute für zwei reichen würde.

„Ach, Bertl, du immer mit deinem Misstrauen. Er kam von der Stadt und es war alles in Ordnung, glaub mir!“ Maria schöpfte sich vom Rotkraut auf, wobei sie den Saft vorher ablaufen ließ.

„Hat er sich ausgewiesen?“

„Das weiß ich nicht. Aber sei doch froh, so kostet uns das alles nichts.“

Brauser stöhnte, denn nun war ihm der Appetit völlig vergangen. „Dann sag der Frau Bachmeier bitte, sie solle solche Leute nur noch in unsere Wohnung lassen, wenn du daheim bist. Nein, sag ihr, sie soll gar niemanden in unsere Wohnung lassen.“

„Aber dieses Gratisangebot galt doch nur heute, weil er ohnehin in der Nähe war, hat er zu Margarethe gesagt.“

Natürlich waren die Rouladen köstlich wie immer. Brauser sah mit einem liebevollen Blick zu Maria hinüber. Beim Kochen machte ihr keiner was vor, aber manchmal war sie einfach zu naiv. Vielleicht musste er in Zukunft nur besser auf sie aufpassen, dachte er, und ahnte nicht, wie schnell sich seine Befürchtung bewahrheiten sollte.

***

„Meinst du, er hat Recht?“

„Womit?“

„Womit wohl? Mit seiner Vermutung, dass Wallenstein nur zufällig in Passau gelandet ist.“ Auch nachdem Brauser längst zu Hause war saßen Franziska und Hannes noch immer an ihren Schreibtischen und brüteten über Brausers Vermutung. „Warum nicht? Immerhin haben wir nichts gefunden, was auf etwas anderes schließen lässt.“

„Jetzt stell dir das doch mal vor.“ Franziska hob die Hände, um ihre Geschichte zu untermauern. „Du fährst auf einen Rastplatz, um dir einen Kaffee zu holen. Und wenn du zurückkommst, dann stehen da ein paar Typen vor deinem Auto und zwingen dich einzusteigen, was du brav machst. Und natürlich machst du auch kein großes Aufheben, wenn du eine Spritze voller Luft in die Venen gepumpt bekommst.“ Sie ließ ihre Hände erschöpft auf die Tischkante fallen und sah Hannes abwartend an.

„Stimmt, es müsste in der Öffentlichkeit passiert sein, noch dazu an einem Freitag. Da sind die Autobahnen nämlich voll und die Rastplätze bestimmt auch.“

Hannes blätterte in der Akte Wallenstein, bis er das Gesuchte gefunden hatte. „Und außerdem hatte er laut Obduktionsbericht keinen Kaffee getrunken, sondern einen Chartogne-Taillet. Trinkst du so was am Rastplatz?“

„Ich weiß nicht, ob ich so was überhaupt schon mal getrunken habe.“ Franziska trommelte nervös mit ihren Fingern auf der Unterlage herum, so, als müsse sie über diese Tatsache lange nachdenken. „Ich glaube nicht, dass man sich von einem Unbekannten eine Spritze setzen lässt. Die war ja auch nicht klein. Eine tödliche Menge sind mindestens vierzig Milliliter.“

„Er war immerhin gefesselt.“

„Stimmt, obwohl er eine Waffe hatte und …“

„… er sich hätte wehren können, bevor er gefesselt wurde. Richtig.“ Hannes nickte zufrieden, sie waren sich einig. Weiter aber waren sie nicht.

„Schau doch mal in der Akte, ob es irgendwelche Quittungen gab, Toilettenbenutzung oder so.“

„Negativ. Und eigentlich hatten wir das alles auch schon mal.“

„Eben. Wir müssen davon ausgehen, dass Wallenstein einen Grund hatte, um nach Passau zu kommen, und dass er seine Mörder eventuell auch gekannt hat. Denn wenn es rein zufällig geschehen ist und die Täter längst über alle Berge sind, dann finden wir sie nie.“

„Warum so resigniert? Wir haben die Waffe, also lass uns einfach abwarten, was bei der Laboruntersuchung herauskommt. Vielleicht sind ja da Fingerabdrücke drauf.“ Abrupt unterbrach Hannes seine Ansprache, er hatte das Gefühl, Franziska höre ihm gar nicht zu.

„Ich sag dir was“, sie beugte sich weit nach vorn, um Hannes besser in die Augen sehen zu können, „das ist Brausers Fall, da soll er sich mal schön selbst seine Gedanken drüber machen. Unser Fall heißt Sophia Weberknecht, und mit der sind wir auch noch kein Stück weiter.“

Sie stand auf und suchte nach einem Müsliriegel in ihrer Tasche, gerne hätte sie auch Hannes einen spendiert, aber sie fand nur einen und ihr Magen knurrte. Nachdem sie ihn, ohne auf Hannes zu achten, aufgegessen hatte, nahm sie die Unterhaltung wieder auf.

„Wie denn auch?“ Franziska imitierte die alte Nowak, „sie war ja so ein nettes Mädchen!“

„Und sie konnte so toll Geige spielen!“ warf Hannes in hoher Fistelstimme ein.

„Ja, und zuverlässig war sie, und immer pünktlich am Bus!“ Das sollte Schaffroths Stimme sein.

„Nein, wir haben uns immer gut verstanden. Krach gab es nie. Wir sind Schauspieler, wir morden auf der Bühne, aber doch nicht in Wirklichkeit!“

„Ach, und: Bei ihrem Aussehen dachte ich ja, die Burschen würden bei ihr Schlange stehen.“ Auf einmal wurde Franziska ernst. „Haben sie aber nicht, und die, die kamen, kamen scheinbar heimlich, unauffällig, nachts.“

„Stimmt!“ Auch Hannes war wieder ernst. „Wie lichtscheues Gesindel.“

„Sie kamen in der Nacht, wie der Mann, der sie umgebracht hat, und ich bin mir sicher, es war ein Mann.“ Franziska stand erneut auf und suchte im Zimmer herum. „Hast du irgendwas zu essen? Ich verhungere gleich. Mir ist schon ganz schlecht!“

„Wir könnten Pizza bestellen.“

„Nein, das dauert ja auch wieder so lange. Ich denke, wir machen Schluss und knöpfen uns morgen die Theaterleute vor, bis sie uns sagen, was sie wirklich über Sophia Weberknecht wissen. Einzeln sind die bestimmt nicht mehr so abgeklärt, meinst du nicht?“

„Ich weiß nicht, wir können es nur versuchen.“

***

Franz Albert Mager war seit einem halben Jahr Witwer. Seine Frau hatte sich leise davon gemacht, unscheinbar, so wie sie es in den siebenundvierzig Jahren ihrer Ehe immer gehalten hatte. Die Wohnung sauber, zu jedermann höflich und nur nicht klagen. „Mit Gottes Hilfe wird es schon wieder“, hatte sie gesagt, und vielleicht war er wirklich gnädig zu ihr gewesen, auf ihrem letzten Weg. Zurück blieb ein Ehemann, der es nicht glauben wollte und mit der neuen, so nie geplanten Situation nicht umgehen konnte.

Unschlüssig sah sich Mager an diesem Morgen in der Wohnung um, bis sein Dackel Wastl auf ihn zugelaufen kam und ihm signalisierte, dass es Zeit war, nach draußen zu gehen. Doch zunächst musste er noch auf seine Tochter Ilona warten. Die kam jeden Morgen bei ihm vorbei, fragte, was sie einkaufen sollte und wusste es am Ende doch besser. Sie kümmerte sich um die Wäsche und das Essen und plauderte ein wenig unbeholfen mit ihm, wie er sehr wohl spürte. Sie hatte eigentlich keine Zeit, aber sie nahm sie sich, und das rechnete er ihr hoch an.

Als es klingelte, sagte er zu Wastl: „Jetzt hat das Mädel wieder unseren Schlüssel vergessen“, schüttelte gutmütig den Kopf und lief, ein kleines Lächeln die Mundwinkel umspielend, zur Wohnungstür. Wastl folgte ihm und bellte aufgeregt. „Psst, Wastl, du schreckst ja das ganze Haus auf!“

Vor der Tür stand Hauptkommissar Berthold Brauser und hielt ihm seine Dienstmarke entgegen. „Guten Morgen, Herr Mager, ich hoffe, ich störe nicht?“

Mager schüttelte den Kopf und bat den nur wenige Jahre jüngeren Kommissar herein.

Der Witwer wohnte in einer ähnlichen Siedlung wie die Brausers. Im Treppenhaus standen die gleichen ärmlichen Topfpflanzen, nur dass hier auch noch unzählige Schuhpaare vor den einzelnen Wohnungstüren herumlagen. Die Wohnung dagegen war aufgeräumt, fast ein wenig leer.

„Ich möchte Sie bitten, mir den Fundort der Waffe zu zeigen“, setzte Brauser an und warf einen Blick in die Küche. Auf der Anrichte standen ein Kaffeebecher und ein Brettchen mit einem Messer und einem Löffel darauf. „Ja, ja.“ antwortete Mager ein wenig abwesend und sah zur Tür. Brauser missverstand diesen Blick.

„Wenn Sie sich etwas Warmes anziehen wollen – ich hab das Auto gleich vor der Tür geparkt.“

„Ja, wissen Sie, ich muss aber noch auf meine Tochter warten.“ Der Kommissar blickte ihn fragend an und Mager fügte hinzu: „Sie hilft mir im Haushalt.“

„Wann kommt sie denn?“

Er sah auf die Uhr. „Eigentlich müsste sie schon da sein, ich dachte ja …“ Anstatt seinen Satz zu beenden, holte er einen Block und einen kleinen Bleistift aus der Schublade und schrieb mit der schönen, lange vernachlässigten Schreibschrift eines Drittklässlers:

Ich musste weg.

Mach alles so, wie du denkst

du weißt ja am besten, was ich brauche.

Dein Vater

Brauser hatte ihm über die Schulter geschaut, aber nichts verstanden. Doch Mager nahm Jacke und Hut, zog die Schuhe an und griff nach der Leine von Wastl.

„Wir könnten zu Fuß gehen, es ist nicht weit und der Hund muss auch raus.“

Brauser nickte und Mager sah ihn an, als wären sie alte Bekannte. Zwar war das Wetter nicht besonders einladend, aber bei einem Hund durfte man wohl nicht empfindlich sein. „Wo müssen wir denn jetzt hin?“, fragte der Kommissar, schlug den Kragen seiner Jacke hoch und schob fröstelnd die Hände in die Taschen. Doch der Nebel kroch klamm und erbarmungslos seine Wirbelsäule entlang. Die Sonne hatte am Tag zuvor wirklich nur ein Gastspiel gegeben.

„Äh, wie meinen Sie das?“

„Sie wollten mir den Platz zeigen, wo Sie die Waffe gefunden haben.“

„Ja, natürlich, hier entlang bitte“, rief Mager munter und ging bereits los, ohne auf seinen Begleiter zu warten. Der Dackel zog an der Leine und die beiden Männer folgten ihm.

„Immer dem Hund nach, der kennt den Weg.“ Seit sie die Wohnung verlassen hatten schien sich die Laune des Rentners aufzuhellen. Wahrscheinlich liebte er dieses Schmuddelwetter, dachte Brauser, der denselben Weg bereits kurz zuvor mit dem Auto entlanggefahren war. Doch von dort aus waren ihm die langweiligen Wohnblocks mit den immer gleichen Garagen davor und den Mülltonnen an der Straße nicht so endlos vorgekommen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit bogen Herr und Hund in einen gepflasterten Weg ein, der an einigen Garagen vorbei führte. An einer Seite wuchsen schmucklose Sträucher, die sicher ihrer Robustheit wegen ausgesucht worden waren, und auf der anderen gab es einen kleinen Zaun, der wohl was auch immer aufhalten sollte. Brauser betrachtete den Dackel. Vielleicht benötigte er, wenn er erst einmal in Pension war, auch einen kleinen vierbeinigen Freund, um mit ihm Gassi zu gehen, überlegte er kurz, das war bestimmt gesund.

„Ist es noch weit?“ Brauser hörte sich an wie ein quengelndes Kind.

„Da hinten am Wald.“ Mager zeigte mit dem Finger die Richtung an, aber die gesuchte Stelle lag im Nebel verborgen. Nicht weit, äffte Brauser den Rentner in Gedanken nach, beschwerte sich aber nicht.

„Wie oft muss so ein Tier am Tag eigentlich raus?“

Der alte Mann war stehen geblieben und Brauser bückte sich, um das Fell des Hundes zu streicheln.

„Zwei- bis dreimal am Tag. Am liebsten ist mir die Abendrunde vor dem Schlafengehen, da fühl ich mich nicht so allein.“ Brauser nickte, obwohl er nichts verstand. „Meine Frau ist immer am Nachmittag gegangen, aber jetzt sind wir zwei allein und müssen zusammenhalten, nicht wahr, Wastl?“ Er zog an der Leine und ging energisch weiter.

„Und da gehen Sie immer diese Strecke?“ Inzwischen waren die beiden Männer und der Hund auf einem Wiesenpfad, der Wald war in greifbarer Nähe.

„Abends immer. Sie führt an der Trinkhalle vorbei, da genehmige ich mir dann ein Bierchen und Wastl bekommt einen Keks. Das ist zwar nicht gesund, aber in unserem Alter spielt das doch keine Rolle mehr.“

„Und wie war das nun vorgestern?“

„Ja, da hab ich den Rudi getroffen. Der macht das auch so, nur ohne Hund. Und dann wurde es eben ein Bierchen mehr. Aber manchmal ist der Kummer einfach zu groß.“

Brauser nickte. Auf diesem Gebiet kannte er sich sehr gut aus.

„Anschließend bin ich dann auch ganz schnell nach Hause, obwohl …“

„Und dabei haben Sie die Waffe gefunden?“, unterbrach der Brauser seine Ausführungen.

„Nein. Das Bier hat auf einmal so gedrückt und da bin ich dann eben ein Stückchen in den Wald rein und …“

„Da haben Sie die Waffe gefunden.“

„Nicht gleich, nein. Ich hab mich an einen Baum gestellt. Das dauert ja bei mir immer schon ein bisschen, bei Ihnen auch?“

Brauser ignorierte die Frage.

„Und als ich gerade so schön dabei war, da dachte ich mir , Hört sich aber komisch an, wie du heute bieselst.“

„Und?“

„Na ja, bei dem Nebel sieht man ja nicht so gut, also habe ich mich gebückt und da lag dann die Waffe. Ich hab natürlich sofort aufgehört, ist mir ja auch direkt vergangen, obwohl es wirklich sehr gut ging.“ Er sah seinen Begleiter an, aber der nickte nur. „Meine Tochter, die Ilona, hat mir eine Taschenlampe geschenkt, sie sagt immer: Papa, wenn du mit dem Wastl immer so spät spazieren gehst, wirst du dich noch mal verlaufen, und dann zwinkert sie, weil ich glaube, sie weiß, dass ich nicht nur spazieren gehe.“ Der Witwer verstummte.

„Und?“, fragte Brauser, der seine Ungeduld nicht mehr länger verbergen konnte.

„Jedenfalls hab ich die Taschenlampe herausgeholt und mir die Pistole erst einmal genau angesehen und dann dachte ich mir …“

„Den Revolver.“

„Revolver?“

„Es war ein Revolver.“

„Ach so, ja. Ich kenn mich da nicht so aus. Jedenfalls dachte ich mir, Franz Albert, im Fernsehen nehmen sie so etwas nie in die Hand. Da hab ich dann mein Taschentuch herausgeholt und damit das Ding aufgehoben. War doch richtig so?“ Sie hatten den Waldrand erreicht und Mager war stehen geblieben, um die einzelnen Bäume zu vergleichen.

„Ja. Das war richtig so. Wissen Sie denn noch, wo genau die Waffe lag?“

„Sicher bin ich mir natürlich nicht. Aber ich glaube, es war dort hinten!“ Der Rentner nahm den Finger zuhilfe, um dem Kommissar die Richtung zu zeigen. Er deutete auf eine Baumgruppe, nur wenige Schritte vom Weg entfernt, eine zugegeben geeignete Stelle, wenn man einen Platz brauchte, um sich zu erleichtern. Gerade wollte der Rentner darauf losstapfen, als Brauser ihn am Ärmel packte und zurückhielt.

Halt, halt! Da schicken wir jetzt erst einmal die Spurensicherung hin. Vielleicht finden die ja noch etwas Brauchbares.“ Er fischte das Handy aus seiner Tasche und beschrieb den Kollegen den Weg zum Fundort.

Dann fiel ihm doch noch etwas ein. „Sagen Sie, war der Rudi eigentlich bei Ihnen, als Sie die Waffe gefunden haben?“ „Der Rudi? Nein, der wohnt doch drüben in Kohlbruck.“

„Ah ja! Haben Sie eigentlich eine Vorstellung, wer die dort hingeworfen haben könnte?“

„Keine Ahnung, ich kenne auch niemanden, dem eine Waffe gehört.“

„Und Sie sind wirklich jeden Tag um diese Zeit hier unterwegs?“

„Ja, immer um die gleiche Zeit.“

„Können Sie sich noch an den 17. August erinnern? Das war auch ein Freitag.“

„Das ist lange her.“

„Stimmt.“

„Da müsste ich nachdenken.“

„Tun Sie das. Ach, eines noch, die Spurensicherung wird zum Vergleich die Schuhe brauchen, die Sie vorgestern getragen haben.“

„Ja, aber …“ Mager sah zu seinen Füßen.

„Sie sind jetzt ein wichtiger Zeuge“, betonte Brauser und bemerkte, wie der alte Mann sich aufrichtete, „und sie bekommen sie selbstverständlich wieder zurück.“

***

Hannes parkte den Dienstwagen im Halteverbot vor dem Verwaltungstrakt des Stadttheaters, klingelte und stieg die Treppenkonstruktion aus Edelstahl hinauf in den zweiten Stock. Als er gerade den schmalen und mit unzähligen Kisten und Regalen vollgestellten Flur zum Büro einschlagen wollte, kam ihm Katharina Eschenbacher entgegen.

„Hallo, Herr Kommissar.“ Sie reichte ihm ihre kühle, feingliedrige Hand und ihre angenehme Stimme schmeichelte und neckte ihn zugleich. „Guten Morgen, Frau Eschenbacher. So früh schon zur Probe?“ Hannes zog seine Hand wieder zurück und versuchte unbeeindruckt zu bleiben, aber die Frau hatte etwas, das es einem Mann verdammt schwer machte.

„Nein, Probe ist erst um zehn, aber ich hatte etwas mit Herrn Schaffroth zu besprechen, wegen unseres Rigolettos.“ Während ihre schönen, vollen Lippen die Worte formten, unterstrichen ihre Hände deren Bedeutung und zogen Hannes in ihren Bann.

„Ah ja. Ich auch.“ Hannes überlegte, ob er sie nicht gleich an Ort und Stelle ausfragen sollte, anstatt sie später ins Büro zu bestellen, fand dann aber, dass es hier ein bisschen arg finster für ein solches Gespräch war.

„Sie wollen zu Schaffroth?“

„Ja.“ Hannes nickte.

„Er hat eine Adressenliste für Sie vorbereitet.“

„Ja, prima.“

„Haben Sie schon mit Walter gesprochen?“

„Nein, wir haben ihn noch nicht getroffen.“

„Er wird im Museum für Moderne Kunst sein und dort seine Ausstellung vorbereiten. Waren Sie dort auch schon?“

„Nein, noch nicht.“ Hannes stieg ihr Parfüm in die Nase. Sie roch genauso verlockend, wie ihre Stimme klang.

„Haben Sie schon mal eines seiner Bilder gesehen?“ Ihr fragender Blick beobachtete ihn genau.

„Ich glaube nicht“, Hannes fühlte sich ein wenig unwohl, während sie ihn unverdrossen ansah.

„Er unterschreibt nur mit seinem Vornamen. Das große „W“ Von Walter sieht aus wie eine volle Frauenbrust, können Sie sich das vorstellen?“ Die Eschenbacher trug an diesem Tag ein T-Shirt, das mehr enthüllte als verbarg und während sie mit den Händen in der Luft ein großes „W“ malte, verfolgte Hannes das Heben und Senken ihrer Brüste und hatte eine sehr angenehme Vorstellung von dem, was sie meinte. Andererseits, wenn dieser Walter auf so etwas stand, dann hatte er sich doch sicher auch an die Eschenbacher herangemacht, vielleicht sogar was mit ihr gehabt? Die Mezzosopranistin schien seine Gedanken zu lesen und lächelte. „Sie wollen jetzt bestimmt wissen, ob ich was mit Walter hatte.“

„Und? Hatten Sie?“

„Sie dürfen raten.“

Wieder lächelte sie dieses anzügliche Lächeln. Es passte zu ihr wie Sahne zu einem großen köstlichen Eisbecher.

„Nein, ich …“, antwortete Hannes zögerlich.

„Bravo!“, entzückt klatschte sie in die Hände und Hannes war sich sicher, dass sie diese Geste schon oft auf der Bühne benutzt hatte. Dabei hatte er eigentlich nur seine Verweigerung, über ein solches Thema eine Meinung abzugeben, kundtun wollen.

„So, ich muss jetzt weiter, aber ich bin mir sicher, den Rest finden Sie schon selbst heraus“, verkündete sie und Hannes nickte. „Bestimmt. Ach, eines hätte ich doch glatt vergessen“, er reichte ihr eine seiner Visitenkarten, „wenn Sie sich bitte heute Nachmittag im Büro melden, wir haben da noch ein paar Fragen.“

Die Eschenbacher sah sich die Visitenkarte genau an, vielleicht nur, weil sie im finsteren Flur fast nichts erkennen konnte. „Johannes Hollermann.“ Sie sah auf: „Sehr gern, Herr Kommissar, wenn Sie Fragen haben, jederzeit!“ Dann lächelte sie zum Abschied.

„Nicht ich, meine Kollegin“, stellte Hannes klar und wandte sich schnell zum Büro Schaffroths um.

***

„In welchem Verhältnis standen Sie denn zu Frau Weberknecht?“ Franziska beobachtete den Mann, der vor ihr auf dem Boden kniete, sehr genau. Doch obwohl sie ihm eindringlich geschildert hatte, wie Sophia Weberknecht ums Leben gekommen war, schien er nicht beeindruckt und legte weder Hammer noch Nägel weg, sondern beschäftigte sich noch intensiver mit seinen Bildern. Sein Gesicht verriet, soweit Franziska es von der Seite aus sehen konnte, rein gar nichts.

„Warum tun Sie eigentlich so, als wäre Sophia eine Heilige gewesen?“ Endlich blickte der so viel beschäftigte Künstler auf und sah ihr ins Gesicht. Sein Blick traf sie völlig unerwartet. Er hatte ein markantes Kinn und eine imposante schöne Nase. Seine Haare hatte er mit einem Gummiband gebändigt, trotzdem reichten sie ihm bis weit über die Schultern. Sie wirkten gepflegt, wenn auch schon einige silberne Strähnen durch das Schwarz durchschimmerten. Er sah interessant aus, fand Franziska, aber einen Frauenhelden hatte sie sich anders vorgestellt. „Sophia war durch und durch verdorben.“

„Wie kommen Sie zu dieser Behauptung?“

Jetzt endlich legte er sein Handwerkszeug zur Seite, erhob sich und stellte sich direkt vor sie. Er mochte einen Kopf größer als sie sein, außerdem war er sehr durchtrainiert.

„Ach, jetzt lassen Sie mich mal raten. Da hat Ihnen doch tatsächlich so ein munteres Vögelchen Dinge über mich gezwitschert, und trotzdem denken Sie, das müsste alles stimmen?“ Sein Ton war jetzt angriffslustig, aber Franziska hielt seinem Blick stand. Nein, auf so etwas fiel sie nicht herein, so etwas musste er sich fürs Theater aufheben. Sie kam von der Mordkommission. Nachdem sie nicht antwortete, begann er sich zu rechtfertigen. „Hören Sie, ich kenne mich mit Frauen aus. Sie tun häufig so, als wären sie voller Liebreiz, brav, ja fast bieder, aber in ihren Träumen wollen sie es so richtig krachen lassen. Jede Frau hat einen ganz persönlichen Traum. Und viele dieser Träume sind nicht wirklich jugendfrei.“

„Und Frau Weberknecht hatte Ihrer Meinung nach auch so einen nicht jugendfreien Traum? Passt das nicht eher in einen schlechten Porno? Oder zu dem Irrglauben, dass alle Frauen die vergewaltigt werden, das selbst wollten, und im Grunde nur darauf warteten, dass ein Mann vorbeikommt, um es ihnen mal ordentlich zu besorgen?“

Franziska wunderte sich über ihre heftige Reaktion. Nur gut, dass Hannes das nicht mitbekommen hatte und noch immer an den Stellwänden mit den bereits aufgehängten Bildern vorbeiging und irgendetwas zu suchen schien. Walter Froschhammer lächelte sie siegessicher an.

„Pornos, Frau Kommissarin, werden für Männer gemacht, das muss man ganz klar festhalten, und in diesem Punkt gebe ich Ihnen auch völlig recht. Aber auch Frauen möchten angeregt werden. Das müssten Sie doch am besten wissen!“ Er machte eine Pause, doch Franziska ließ sich nicht ein Zweites Mal provozieren. „Frauen brauchen Rollen, Orte, Gefühle mit denen sie umgehen können. Sie müssen sich in eine erregende Situation vollkommen sicher hineinfallen lassen können, dann sind sie auch zu allem bereit.“

Während er das sagte, nahm er ein Bild zur Hand, hielt es in die Höhe und sah es abschätzend an. Es zeigte eine Frau, die sich nackt auf einem Diwan räkelte. Mit nur wenigen Kohlestrichen hatte er die sich Darbietende in mattem Schwarz eingefangen. Sie wirkte sehr entspannt und sehr offen.

„Klingt wie der Herzog von Mantua.“

„Ach, Sie haben sich mit Rigoletto beschäftigt?“ Froschhammer stellte das Bild zurück und nahm sich das nächste vor. Auch hier war viel nacktes Fleisch zu sehen. Allerdings handelte es sich um eine Ansicht von hinten, wobei die Schöne einen sehnsüchtigen Blick über die rechte Schulter warf und den Betrachter ansah. Festgehalten war diese Eroberung in leuchtenden Aquarellfarben.

„Gehört zu meinen Ermittlungen.“

Mit einem tiefen Blick sah Froschhammer Franziska in die Augen. „Sophia war eine Frau auf der Suche. Leider ließ sie mich ihr nicht beim Finden helfen.“

„Und da haben Sie sie in ihrer Wohnung besucht, weil sie aber nicht von Ihnen gefunden werden wollte, haben Sie kurzerhand nachgeholfen und sie erschlagen“, hakte Franziska nach, während Froschhammer das nächste Bild in die Hand nahm und es abschätzend in die Höhe hielt.

„Bis ins Mittelalter waren Kohlezeichnungen nur für Skizzen und Vorbereitungen geeignet, weil man sie nicht fixieren konnte, erst danach waren sie eine eigenständige Technik, wobei uns Albrecht Dürer erstmals die meisterhafte Handhabung der Kohlezeichnung zeigte. Wussten Sie das?“

„Nein, das wusste ich nicht. Aber ich weiß auch nicht, was das mit meiner Frage zu tun hat“, schnaubte sie.

„Nichts.“ Ohne sich zu rühren, sah er sie an. „Aber das war auch keine Frage, sondern eine Unterstellung. Glauben Sie wirklich, ich hätte das nötig?“ Sein Blick wurde spöttisch. „Wissen Sie, eigentlich hätte ich das alles gar nicht über Sophia erzählt, das ist für mich Ehrensache, aber Sie haben so nett gefragt und da dachte ich, ich helfe Ihnen mal ein bisschen, damit Sie mehr über Sophia erfahren. Aber einen Mord lasse ich mir nicht anhängen, auch nicht von Ihnen!“ Beim Reden sah Franziska, dass ihm an einem Schneidezahn ein Eckchen fehlte. Vielleicht hatte er von einem gehörnten Ehemann eine Faust ins Gesicht bekommen? Ob er wohl genug Kraft hatte, um eine Frau durch die Wohnung zu tragen?

„Sie haben ein schönes Lächeln“, behauptete Froschhammer, und erst in diesem Moment fiel Franziska auf, dass sie tatsächlich lächelte. Ausgerechnet vor diesem aufgeblasenen Künstler! Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und rief sich zur Ordnung.

„Wo waren Sie in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober?“

„Sie glauben also wirklich, ich hätte etwas mit ihrem Tod zu tun? Aber das ist doch völlig absurd!“

„Das ist Routine. Also?“

„Hören Sie, in fünf Tagen beginnt meine Ausstellung und bis dahin hab ich noch alle Hände voll zu tun.“ Er sah Franziska an, und nachdem sie keine Anstalten machte, sich damit zufrieden zu geben, fügte er hinzu: „Ich war hier.“

„Kann das jemand bezeugen?“

„Der Kurator, Maximilian Wertersbach, kam zweimal vorbei. Fragen Sie ihn!“ „Das werde ich.“ Froschhammer nickte.

„Bitte sehr.“ „Ich gebe Ihnen meine Karte, falls Ihnen noch was einfällt. Und halten Sie sich bitte zu meiner Verfügung.“

„Aber gern.“ Froschhammer sah sie mit einem anzüglichen Lächeln an, als hätte sie gesagt, lass uns vögeln.

Rasch wandte sich die junge Kommissarin ab und suchte Hannes, der seinen Rundgang beendet hatte. „Also, dieses Haus hat schon was ganz Besonderes! Und die Bilder erst. Echt spitze!“

„Ja, ich glaube die Ausstellung wird einschlagen wie eine Bombe.“ Der Künstler strahlte die Kommissarin so selbstsicher an, dass diese einfach nichts mehr erwidern konnte.

***

Während Franziska und Hannes auf dem Donaukai entlangfuhren, deutete Hannes mit dem Kopf in Richtung Veste Niederhaus auf der anderen Seite des Flusses. „Da drüben wohnt auch so ein Vogel, wie dieser eben.“

„Ja sag mal, Hannes, du kennst den Besitzer von Niederhaus?“

„Na ja, nicht persönlich, aber der soll auch ein Maler sein.“

„Hat Niederhaus nicht mal diesem Ferdinand Wagner gehört, diesem Historienmaler?“ „Ja, schon, aber das ist lange her. Wobei man sagt, dass es dort wüste Künstlerfeste gegeben hat.“

„Sagt man.“

„Er war Ehrenbürger von Passau und bekannt als Meister des Pinsels. Aber er passte eben nicht ins Gesellschaftsbild der damaligen Zeit.“

„Unser Froschhammer heute scheinbar auch nicht.“

„Ist dir der Schriftzug aufgefallen, mit dem er unterschreibt? Das große „W“ gleicht der Brust einer Frau, originell nicht?“

„Passt zu ihm. Wie hast du das so schnell herausgefunden?“

„Das hat mir Katharina Eschenbacher erklärt.“

„Wann?“

„Heute Morgen im Theater.“

„Das hast du mir ja gar nicht erzählt.“ Franziska fuhr über den Kreisel und ließ die Luitpoldbrücke rechts liegen.

„Nö, ich wollte es mir erst selbst ansehen.“

„Ach, darum hast du so lange gebraucht! Kam dir bei den Porträtierten eigentlich jemand bekannt vor?“

„Du meinst aus dem Theater?“

„Ja, zum Beispiel die Eschenbacher.“

„Katharina Eschenbacher habe ich nicht gefunden, aber ich bin mir sicher, es wird einige Herrschaften in der Stadt geben, die gar nicht erfreut sind über diese Ausstellung.“

„Und dieser Froschhammer ist so eingebildet und glaubt es wird ein Knüller.“

„Da bin ich mir auch ganz sicher.“ Franziska warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Na, überleg doch mal. Wenn sich das herumspricht, was die uns im Theater über seine Methoden erzählt haben, dann ist doch die ganze Stadt da. Dann will doch jeder sehen, wen er gemalt und vorher flachgelegt hat.“

„Also bitte, Hannes, geht es auch ein bisschen weniger anzüglich?!“

„Wie war das doch gleich mit dem ordentlich besorgen?“

Franziskas Wangen wurden rot. „Aber das war doch nur wegen seiner Behauptung, dass die Weberknecht durch und durch verdorben war und er wüsste, dass es viele Frauen gern mal ordentlich krachen lassen würden, zumindest in ihren Träumen.“

„Wenn ich das Obermüller erzähle!“

„Untersteh dich! Sonst erzähl ich ihm, dass du voll auf die Eschenbacher abfährst.“ Franziska schüttelte lachend den Kopf. Dann wurde sie wieder ernst.

„Auf jeden Fall haben wir jetzt einen Verdächtigen.“

„Du meinst, der Froschhammer hat sie erschlagen?“

„Er hätte zumindest ein Motiv und außerdem hat er lange Haare.“

„Macht das den Mann jetzt verdächtig?“

„Paula Nowak hat scheinbar ab und zu einen Mann mit langen Haaren in der Nähe der Wohnung gesehen“, erinnerte Franziska.

„Okay, verdächtig. Aber wir sollten vielleicht lieber noch anderen Spuren nachgehen, immerhin hat er ein Alibi.“

Ja, dachte Franziska und immerhin gab es unzählige Männer mit langen Haaren in Passau. Da musste es ja nicht unbedingt dieser Künstler sein.

***

Hauptkommissar Berthold Brauser hatte im Café Greindl längst seinen Stammplatz: an der hinteren Wand, mit Blick auf den Tresen, mit Blick auf die Tür, mit Blick auf alle Gäste im Raum.

Wenn er erst einmal Platz genommen hatte, genügte ein Wink mit der Hand und schon brachte Stefan, ein junger Mann, der sich neben dem Studium ein bisschen Geld mit Servieren verdiente, einen Cappuccino mit allem, was das Herz eines Mannes begehrte, den es nach Koffein lechzte.

„Wie wäre es mit einem Heidelbeerstrudel? Ganz frisch und sehr lecker.“

Brauser schmunzelte amüsiert. „Lecker ist bei euch doch alles.“

„Aber Herr Hauptkommissar, bei Ihrem Job braucht man doch vor allem Standfestigkeit, und die bekommen Sie nicht vom Hungern“, argumentierte Stefan, der glaubte, Brauser wäre auf Diät.

Er nickte zufrieden, das war das Argument, das er immer brauchte und dem er sonst nie widerstehen konnte. Doch heute blieb er standhaft und ließ sich nur einen Cappuccino bringen.

Das Café Greindl hatte es ihm angetan. Hier konnte er ungestört und aus einer völlig anderen Perspektive an den Fall denken, den er gerade bearbeitete.

Der Kommissar wählte seinen Platz immer so aus, dass er möglichst viel von den anderen Gästen sehen konnte. Noch lieber, als an der Rückwand des Cafés, saß er draußen auf der Straße und verfolgte das bunte Treiben. Sah den Touristen zu, die hier vorbei und in Richtung Dom oder Innenstadt gingen. Dabei musterte er einen nach dem anderen und fragte sich, woher sie kamen und was sie taten, wenn sie nicht mit Fotoapparat und Regenschirm eine fremde Stadt besichtigten.

Dabei konnte er sich total verlieren. Das ging so weit, dass er im vergangenen Sommer fast nicht bemerkt hatte, dass eine junge Frau zu ihm an den Tisch gekommen war und ihn fragte, ob sie sich zu ihm setzen durfte. So etwas war ihm noch nie passiert und entsprechend verlegen war er dann auch gewesen. Bis heute wusste er eigentlich nicht, was sie bei ihm gesucht hatte. Aber es war ein sehr netter Nachmittag geworden. Vergessen waren die Touristen und was ihn sonst beschäftigt hatte. Sie hatten viel zusammen gelacht und Brauser hatte sich geschmeichelt gefühlt, denn sie war nicht nur jung gewesen, sie hatte auch sehr gut ausgesehen.

Als er den letzten Milchschaum aus seiner Tasse gelöffelt hatte, kam Stefan erneut an den Tisch, räumte das Geschirr zusammen und stellte es auf die freie Seite, dann setzte er sich auf ein Schwätzchen zu ihm. Es war nicht viel los im Moment.

„Und, Herr Hauptkommissar, gibt’s etwas Neues bei Ihrem Fall?“

„Nein, Stefan, nichts, leider.“ Brauser mochte den jungen Mann. Er trug zwar manchmal dick auf, aber das tat er nur, um ein besseres Trinkgeld zu bekommen. Die Leute werden ja immer geiziger, hatte er mal erzählt. Er war auch so ein Kerl, den er vom Fleck weg adoptiert hätte, genauso wie seine Franziska. Vielleicht sollte er sie mit ihm zusammenbringen. Aber erst, wenn Stefan mit seinem Studium fertig war und das konnte noch ein bisschen dauern, denn er wollte Lehrer werden.

„Ich gehe bald in Rente“, sagte Brauser auf einmal.

„Aber das kann doch nicht sein, lassen die Sie denn schon so früh gehen?“

„Du brauchst mir nicht schmeicheln. Ich bin fast fünfundsechzig.“

Stefan erhob sich, weil zwei ältere Damen das Café betreten hatten. Laut unterhielten sie sich über die Einrichtung.

„Fast wie in Wien, sag ich dir und es riecht genauso gut.“ „Grüß Gott, die Damen, was darf‘s denn sein?“

Belustigt beobachtete der Kommissar, wie Stefan sich um die zwei alten Damen kümmerte und sie nach ihren Wünschen fragte, und er hoffte für ihn, dass sich dieses Anbiedern auch hinterher auszahlte. Die zwei mochten sein Alter haben und hatten sich dafür erstaunlich aufgebrezelt. Vielleicht kamen sie gerade vom Friseur, begann er zu spekulieren, und während er das tat, erinnerte er sich wieder an die junge Frau vom Sommer und fragte sich zum hundertsten Mal, was sie von ihm gewollt haben konnte.

***

„Hey, ich bin Carlos.“ Wie bereits am Tag vorher im Theater stellte sich der leidenschaftliche Sänger bei Ramona mit einer tiefen Verbeugung vor. „Ich werde erwartet.“

„Oh, ja ja, ich weiß schon Bescheid. Einen kleinen Moment, bitte!“ Ramona warf beinahe ihren Stuhl um, als sie aufsprang, um diesen eindrucksvollen Besuch bei Franziska anzumelden. Doch die hatte die ganze Begrüßungsszene mit angehört und kam mit einem süffisanten Grinsen in den Vorraum, um den Sänger abzuholen.

„Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“, fragte die Sekretärin noch schnell, bevor die beiden in Franziskas Zimmer verschwanden.

„Nein, leider. Ich habe nicht viel Zeit“, rief er über die Schulter. An Franziska gewandt fügte er hinzu: „Wir haben heute eine Aufführung, da ist das jetzt gar nicht günstig.“

„Ja, tut mir Leid, ich mache es auch kurz.“

Carlos nickte ernst.

„Was war Sophia Weberknecht für ein Mensch?“

Der Sänger kratzte sich nachdenklich am Kopf, verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Sie nahm ihren Beruf sehr ernst, hat dauernd geprobt und war auch wirklich zuverlässig. Aber im Grunde war sie kein Mensch, mit dem man gern allein in einem Raum war, Sie verstehen?“ Seine braunen Augen ruhten abwartend auf Franziska, so als habe er sie gerade gefragt, ob sie eine Nacht mit ihm verbringen wolle.

„Warum denn nicht?“ Franziska dachte an den Anblick der jungen Frau und konnte die Aussage nicht nachvollziehen. Schon gar nicht von einem Mann wie Carlos.

„Ich weiß nicht, sie hatte so eine unterkühlte Art, nichts Herzliches, nichts Einladendes. Sie war einfach … ja, ich glaube, sie war gern allein mit sich.“

„Aber wie konnte sie dann auf der Bühne singen?“

„Ich meine ja nicht, dass sie auf der Bühne so war. So war sie im echten Leben! Zum Beispiel wenn wir einfach nur rumhingen nach einer Probe oder so, und warteten, bis es weiterging. Auf der Bühne war Sophia perfekt.“

„Hatte sie Neider?“ „Neider? Nein, ich glaube nicht. So wie sie wollte keiner sein, also ich zumindest nicht. Das Leben soll doch auch Spaß machen, oder?“

Wieder dieser Blick und dieses Feuer in seinen Augen. Franziska fiel es zunehmend schwerer, sich zu konzentrieren.

„War Sophia in letzter Zeit anders? Ich meine, fiel Ihnen eine Veränderung an ihr auf?“ „Schwer zu sagen. Wissen Sie, die Besetzung ist ja nicht bei jedem Stück gleich.“

„Herr Schaffroth hat für die Rolle der …“ Franziska legte den Bleistift weg und blätterte in ihrem Notizbuch, denn sie suchte nach einem Namen, „Gilda, richtig, eine Zweitbesetzung organisiert. Hat er ihr die Gilda nicht zugetraut?“

Carlos unterdrückte sein Grinsen. „Die Gilda! Ja, komisch nicht? Sophia spielte einen halbnackten männermordenden Vamp oder eine Schwindsüchtige, ohne mit der Wimper zu zucken, aber wenn sie ein liebes Mädchen spielen sollte, das der Vater wie ein Kleinkind beschützt, dann rastete sie aus.“

„Wie meinen Sie das?“

„Caro nome che il mio cor festi primo palpitar“, sang Carlos mit sehr sanfter Stimme. Franziska sah ihn ungläubig an. „Teurer Name, dessen Klang tief mir in die Seele drang! Verstehen Sie das?“

Franziska verstand gar nichts, außer, dass das die schönste Darbietung gewesen war, die sie je gehört hatte.

„Das ist wohl eine der berühmtesten Liebesarien aus Rigoletto und gleichzeitig eine Schlüsselszene. Der bucklige Narr hat seiner Tochter nie seinen Namen genannt, und als sie dann endlich auf den ersten Mann außer ihrem Vater trifft, verliebt sie sich prompt.“

„In Sie, äh, natürlich in den Herzog von Mantua?“

„Richtig! Aber was uns alle umgehauen hat: Als Sophia diesen Satz zum ersten Mal bei der Probe sang, ging sie auf Rigoletto los, schimpfte ihn, er solle sie in Ruhe lassen und nicht immer sagen, was sie tun solle und was nicht, sie sei alt genug, selbst zu entscheiden. Wir waren sprachlos.“

„Wer spielt eigentlich den Rigoletto?“

„Heinz Wagenthaler.“

„Und hat er ihr einen Grund dafür gegeben, so zu reagieren?“ „Nein. Ich meine, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Zumindest in dem Moment nicht. Es war einfach seltsam.“ Mit einem schnellen Blick auf die Uhr über dem Besprechungstisch beendete Carlos seine Ausführungen.

„Ja, dann“, Franziska machte sich eine Notiz, dass sie Wagenthaler später befragen musste, „haben Sie vielen Dank.“ Sie erhob sich, während es im selben Moment an die Tür klopfte und Ramona den Kopf hereinsteckte. Sie hatte Lippenstift aufgetragen und sich die Haare gebürstet. „Da ist eine Nina Breitmann für Sie.“ Franziska dankte ihr lächelnd. Wenn Besuch kam, zog sie immer das respektvollere Sie vor. „Ah, Nina! Die kann Ihnen bestimmt mehr über Sophia sagen, aber glauben Sie bitte nicht alles, was sie sagt, ja?“

„Hätte sie denn einen Grund, jemanden anzuschwärzen?“

„Anschwärzen? Nein, da würde sie andere vorschicken. Sie … ach, lassen Sie sich einfach überraschen.“ Er nickte Franziska zu. „Kann ich dann gehen?“

„Ja. Nein, eine Frage hätte ich noch. Mit welchen Männern hat sich Sophia Weberknecht getroffen?“

„Das wollten Sie ja schon im Theater wissen, aber ich weiß es wirklich nicht. Mit mir jedenfalls nicht.“

„Und, nur der Routine halber, wo waren Sie in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober?“

Carlos kratzte sich am Kopf, dass seine dicken Locken nur so herumwirbelten. „Das war Dienstag auf Mittwoch, richtig?“

„Genau.“

Dann strahlte er übers ganze Gesicht. „Da waren meine Mama und meine Schwester Theresa zu Besuch. Die kommen zweimal im Jahr und schauen nach, ob es dem kleinen Carlos gut geht.“ Er freute sich wie ein kleiner Junge. Ob des vorhandenen Alibis oder des Besuches konnte Franziska nicht heraushören.

„Ja, dann, vielen Dank. Wenn noch was ist, melde ich mich bei Ihnen.“ Franziska brachte ihn zur Tür, wo er von Ramona mit den Worten „Ich liebe die Oper!“ in Empfang genommen und dazu genötigt wurde, ihr ein Autogramm zu geben.

***

„Ich glaube, Sophia war krank.“ Nina Breitmann war noch nicht richtig zur Tür hereingekommen und hatte der Oberkommissarin nur lasch die Hand gereicht, da legte sie auch schon los. Franziska deutete mit der rechten Hand auf den eben erst frei gewordenen Stuhl und sah sie interessiert an.

„Wie kommen Sie darauf?“ „Sie sah nicht gut aus in letzter Zeit, war immer so blass und fahrig, und dann hat sie ja auch immer diese Tabletten nehmen müssen.“

„Tabletten? Davon haben uns Ihre Kollegen ja gar nichts erzählt.“ Franziska beugte sich ein wenig vor.

„Wer sollte Ihnen auch davon erzählen? Carlos? Der ist ein Mann. Männern fällt so was nicht auf. Oder Katharina? Ach, die große Eschenbacher, die achtet doch nicht auf so was!“ Franziska dachte an Carlos‘ Warnung. „Aber Sie, Sie haben darauf geachtet?“

„Ja, natürlich. Ich hab es ihr immer gleich angesehen, wenn es ihr nicht gut ging. Ich musste ihr nur in die Augen gucken. Ich hab ihr dann oft ein Glas Wasser hingehalten und gesagt: Sophia, du musst deine Tabletten nehmen.“

„Und wie hat sie reagiert?“

„Es gab Tage, da hat sie gar nicht hingeschaut, so als wäre ich nicht da, und an anderen Tagen hat sie mich angelächelt und gesagt: Danke, Nina, wenn ich dich nicht hätte.“

„Aber Sie wissen nicht, um welche Krankheit es sich gehandelt hat?“

„Nein, leider. Vielleicht war es ihr ja peinlich, immerhin war sie ein gefeierter Star. Sie bekam ja auch tolle Artikel in der Presse, und einmal war sie sogar im Fernsehen.“

„Hatten Sie Mitleid mit ihr?“

„Nein. Ich meine, die hatte doch alles. Warum sollte sie mir Leid tun?“ Fragend sah sie Franziska an, doch die zuckte nur mit den Schultern, also fuhr sie fort. „Wissen Sie, wie ich mir mein Studium finanziert habe? Ich habe morgens um fünf Zeitungen ausgetragen und bin abends putzen gegangen, und auch heute kann ich mir kaum was leisten und muss jeden Cent umdrehen.“ Franziska nickte, dachte an die schöne Wohnung der Weberknecht, und dass sie sich so was auch nicht leisten konnte.

„Und wegen der Krankheit?“

„Wenn sie ihre Tabletten genommen hatte, ging es ihr ja wieder gut.“ Nina Breitmann überlegte, zuckte mit den Schultern und fügte dann etwas milder hinzu: „Ein bisschen Leid getan hat sie mir vielleicht schon. Die Sophia, die hatte Geld, aber glücklich war sie nicht. Verwöhnt schon. Aber nicht wirklich glücklich.“

„Wie sah es denn bei Sophia mit Männern aus? Hatte sie einen festen Freund? Jemanden, der sie regelmäßig nach der Vorstellung abgeholt hat oder so?“

Die Zeugin zuckte erneut mit den Schultern, sah aus wie ein Schulmädchen bei der Vokabelabfrage. „Also, wenn Sie mich jetzt so fragen“, zur Bekräftigung zuckte sie erneut mit den Schultern, bis auf einmal ihr Gesicht zu leuchten anfing, „doch einmal, da ist sie von jemandem abgeholt worden. Ich war hinter ihr und dem Heinzi, aber der ließ sich so viel Zeit, dass ich ihn nicht richtig sehen konnte. Und wenn Sie mich fragen, dann wollte Sophia das auch nicht. Sie ist ganz schnell mit ihm verschwunden.“

„Sie meinen, sie wollte nicht von Ihnen gesehen werden?“

„Vielleicht wollte sie ja auch nur nicht, dass ich ihn anspreche.“

„Wie sah er denn aus?“, wollte Franziska wissen.

„Hm, groß, breite Schultern …“

„Mit langen Haaren?“ Franziska biss sich auf die Zunge, verdammt – Zeugenbeeinflussung!

Aber Nina Breitmann schien sie gar nicht gehört zu haben: „… irgendwie, ja, wie soll ich sagen, so ganz jung war der nicht mehr.“

Als ihre Zeugin nach einer guten halben Stunde Befragung gegangen war, war Franziska froh, dass Hannes endlich den Kopf hereinsteckte und sich mit zwei Bechern Tee zu ihr an den Tisch setzte. „Ramona war von unserem Carlos ja ganz angetan.“

„Ja, und stell dir vor, er wusste, warum der Schaffroth eine Zweitbesetzung wollte.“ Franziska fasste das Gespräch zusammen.

„Ich sag doch, Sänger sind unberechenbar!“

Franziska nickte, „Vielleicht. Hast du was herausgefunden?“

„Ja. Also, laut der Unterlagen, die mir Schaffroth gegeben hat, war keiner aus dem derzeitigen Ensemble mit Sophia zur gleichen Zeit an einem anderen Theater. Erst in Passau trafen sich ihre Wege.“

Franziska nickte und dachte an das, was sie eben von den Theaterleuten erfahren hatte. „Weißt du, was ich glaube?“ Hannes zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch. „Es ist gar nicht so einfach, ständig in neue Rollen zu schlüpfen.“

„Meinst du?“

Franziska hob den Becher und atmete tief. „Hhhm, herrlich!

Jasmintee?“ Hannes nickte.

„Nina Breitmann?“ „Hm!“ Franziska stellte ihre Tasse wieder ab. „Sie meint, Sophia sei krank gewesen und hätte Tabletten genommen.“

„Hätten uns das die Eltern dann nicht gesagt?“

„Also, wenn ich einen Schnupfen hab, ruf ich auch nicht extra bei Mama an, aber wer weiß. Vielleicht hat sie diese Nina Breitmann ja auch auf den Arm genommen, die scheint eine richtige Nervensäge zu sein. Das ist so eine, die hinten rumstichelt und dann aber doch nichts sagt“, berichtete Franziska.

„Nettes Mädchen.“

„Ja.“

„Glaubst du, sie kommt infrage?“

„Die Breitmann? Das glaub ich nicht, ich meine, die war neidisch auf Sophia, aber deshalb würde sie sie nicht umbringen. Sowie ich das sehe, wäre sie eher gern die beste Freundin gewesen und ist in der Besetzung nicht angenommen worden. Sie sagte, sie wäre gern mal zu ihr nach Hause eingeladen worden, aber Sophia hätte dort niemanden rein gelassen.“

„Woher weiß sie das so genau?“

„Eben.“

„Meinst du, sie war als Stalker unterwegs?“

„Wenn, dann nicht in der Nacht des Mordes, denn sonst hätte sie es mir unter die Nase gerieben.“

„Wenn sie nicht selbst zugeschlagen hat.“

„Dafür schien sie mir nicht kräftig genug. Obwohl …“ Hannes sah sie lauernd an. „Obwohl, Frau Oberkommissarin?“

„Sie hat kein Alibi.“

„Aha.“

„Sie war am besagten Abend allein zu Hause, hat sich in der fünften Wiederholung ‚Bridget Jones‘ angesehen.“

„Au weia.“

„Du sagst es.“

„Und nun?“

„Freuen wir uns auf Heinz Wagenthaler und Katharina Eschenbacher. Wen willst du?“

„Wagenthaler.“

„Ich dachte, du stehst auf die Eschenbacher?“

„Die ist mir unheimlich.“

Franziska lachte herzhaft und befreiend. „Wie das denn?“ Hannes zuckte mit den Schultern. „Was ist mit Mimi Wagner?“

„Die darf nicht, Schaffroth hat angerufen und mitgeteilt, dass sie unabkömmlich sei, weil sie sich jetzt ganz besonders in die Rolle der Gilda einarbeiten muss.“

„Lassen wir so was durchgehen?“

„Nein, du wartest nach der Probe auf sie.“

***

„Warum glauben Sie, kam es dazu, dass Sophia Weberknecht Sie in der Probe so unschön angefahren hat?“

„Ach, das!“ Heinz Wagenthaler lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück und lächelte Franziska nachsichtig an. „Wissen Sie, ich mach das ja schon ein paar Jahre und so leicht bringt mich da nichts mehr aus der Ruhe. Aber die Sophia konnte tatsächlich sehr ungemütlich werden. Keine Ahnung, warum sie so aufbrauste, ich hab ihr bestimmt nichts getan, und vor allem glaube ich nicht, dass ich sie tatsächlich bevormundet habe. Wie käme ich auch dazu?“ Franziska, die schon wieder an ihrem Bleistift herumkauen wollte, zeigte mit den Händen an, dass auch sie keine Ahnung hatte. „Kamen solche Szenen häufiger bei ihr vor?“

„Hier und da. Es schien, als täte ihr die Rolle der Gilda nicht gut, deshalb hat Schaffroth dann ja auch die Mimi als Zweitbesetzung geholt. Die beiden waren sich dann natürlich auch nicht grün.“

„Sie meinen …“

„Heute würde man das wohl Zickenkrieg nennen, aber so weit gehe ich nicht, und außerdem konnte ich die Sophia da auch verstehen. Man teilt nicht gern seine Hauptrolle. Da ist man dann auch schnell mal ersetzt, verstehen Sie?“

Nur zu gut, dachte Franziska. „War Rigoletto das erste Projekt, das Sie miteinander einstudierten?“

„Nein, wir haben schon in Tosca zusammengearbeitet, aber da war sie ganz anders. Na ja, das war natürlich auch ein Auftritt, der wie für sie geschrieben war. Die Rolle der großen Primadonna Tosca, die liebte und plante und sich mit Leidenschaft Baron Scarpia, dem bösen Chef der Polizei, hingibt, nur um ihren Liebsten zu retten.“ Franziska hörte ihm lächelnd zu. Es schien eine Angewohnheit aller Sänger zu sein, Laien wie ihr die Oper nahebringen zu wollen.

Eifrig erzählte Wagenthaler weiter: „Dabei betrügt Tosca den Betrüger, denn nachdem ihr Scarpia, also ich, versprochen hat, ihren Geliebten nur zum Schein zu erschießen, ersticht sie ihn – also mich – in einer Umarmung. Als der Vorhang nach dem ersten Akt gefallen war, klopfte Sophia mir auf die Schulter und sagte: Nimm‘s leicht, Heinz, ich konnte nicht anders. Ich höre sie noch heute. Und eigentlich ist es aberwitzig, denn auch Tosca stirbt ja am Ende der Vorstellung. Scarpia hatte Toscas Geliebten nämlich doch erschießen lassen, und als Tosca dahinter kommt, springt sie von der Engelsburg in den Tiber und stirbt ebenfalls. Ein großartiges Ende! Alle tot, alle zufrieden, das ist die Oper!“

„In der Oper mag das ja so sein, aber im Fall Sophia Weberknecht gab es keine Vereinbarung mit dem Polizeichef, und sie sprang auch nicht freiwillig in den Tod, sondern wurde erschlagen.“

„Ja, Sie haben Recht, man spielt so oft eine Rolle, dass man die Realität manchmal nicht mehr ernst nimmt.“ Franziska nickte, eigentlich hatte sie ihn gar nicht kritisieren wollen.

„Wann spielte sie die Tosca?“

„Oh, zu Beginn der Spielzeit, im September. Tosca war sozusagen der Startschuss.“

„Abgesehen von ihrem cholerischen Auftreten Ihnen gegenüber, gab es etwas anderes, was Ihnen an ihr aufgefallen ist.“

„Nein. An was haben Sie gedacht?“

„War sie vielleicht krank oder hatte sie vielleicht private Probleme?“

„Also, dass sie krank war, ist mir nicht aufgefallen, zumindest hat sie sich nicht beklagt. Das war auch nicht ihr Ding.“ Wagenthaler überlegte eine Weile, bevor er weitersprach. „Ob sie Probleme hatte, kann ich nicht sagen, aber ich glaube eigentlich nicht. Sophia war sich selbst genug im Weg.“ „Haben Sie Sophia Weberknecht je mit einem Mann zusammen gesehen, ich meine nach der Vorstellung?“

„Also, darauf habe ich nicht geachtet. Kann sein. Ich meine, Sophia sah ja wirklich gut aus. Ich denke schon, dass sie Verehrer hatte, und bestimmt gab es einen Mann in ihrem Leben, lesbisch schien sie mir nicht, aber auf so was achte ich auch nicht. Ich bin glücklich verheiratet und habe drei Kinder, und glauben Sie mir, meine Frau sieht vielleicht nicht so toll aus wie Sophia, aber dafür kann man mit ihr Pferde stehlen und das ist es doch, was im Leben zählt.“

„In ihrer Wohnung waren Sie dann sicher auch nicht, oder?“

„Nein, was sollte ich da?“

„Letzte Frage: Wo waren Sie in der Nacht vom 8. auf 9. Oktober?“

„Da war ich zu Hause, ich hatte frei. Wollen Sie meine Frau fragen? Sie erinnert sich bestimmt gut, sie hatte nämlich Geburtstag. Es waren an die zwanzig Gäste da und glauben Sie mir, es wäre aufgefallen, wenn ich da mal schnell verschwunden wäre, um die Weberknecht zu erschlagen, sagten Sie?“ Wagenthaler lehnte sich zurück, sehr lässig, und Franziska fand, dass er das ein wenig demonstrativ tat. Sein Alibi schien ihr zu perfekt.

„Ja, und danach haben Sie dann bestimmt noch ein bisschen aufgeräumt?“

„Na ja, was man halt so macht, wenn man in Feierlaune ist und die Frau Geburtstag hat, Sie wissen schon“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Franziska nickte. „Klar! Dann macht es Ihnen sicher auch nichts aus, wenn Sie mir eine Liste Ihrer Gäste erstellen, oder?“

Franziska beobachtete ihn genau und sah, wie sich sein Gesicht veränderte, obwohl er das sicher nicht wollte. Aber mit diesem Wunsch hatte er einfach nicht mehr gerechnet.

***

Auf der schwarzen Seitenbühne stand ein auf alt gemachter Lehnsessel, auf dem Hannes es sich vor einigen Minuten bequem gemacht hatte. Er wartete auf die zweite Gilda, die sich gerade stimmgewaltig von einigen Höflingen des Herzogs von Mantua entführen und in dessen Liebesnest bringen ließ. An den schwarzen Pfeilern und Vorhängen vorbei konnte er hin und wieder einen Blick auf die Singenden erhaschen. Er warf einen Blick auf die Uhr und räusperte sich, woraufhin der Inspizient zu ihm herüber sah.

„Die Szene ist gleich vorbei, dann können Sie mit ihr sprechen.“ Hannes nickte zum Dank für diese Auskunft und legte sich noch einmal seine Fragen zurecht.

„Kannten Sie Sophia Weberknecht schon, bevor Sie für die Rolle der Gilda angeworben wurden?“

Mimi Wagner hatte Hannes einen Stuhl angeboten. Sie selbst saß auf dem Schminktisch der Sammelumkleide mit dem Rücken zum Spiegel und ließ die Beine wie ein Schulkind baumeln. Bei ihrem Anblick versuchte Hannes sich vorzustellen, wie sie im Sack über die Bühne geschleift werden sollte. „Nein, nicht wirklich, aber wir haben uns von Anfang an gut verstanden.“

„Gab es denn gar keine Konkurrenz unter Ihnen? Immerhin wollten Sie doch bestimmt beide mit der Gilda auf der Bühne stehen?“

Mimi Wagner lachte verächtlich. „Aber das hatten wir doch ohnehin nicht in der Hand, das liegt in der Entscheidung des Intendanten.“

„Schaffroth?“

„Sie kennen sich wohl nicht so gut mit der Oper aus, was?“ Mimi blickte ihn ernst an und fügte dann rasch als Erklärung hinzu: „Schaffroth ist der Direktor. Er ist für die betriebswirtschaftliche Seite verantwortlich. Unser Intendant heißt Fritz Mühlbauer, er ist der künstlerische Leiter und auch ein ganz anderer Typ als Schaffroth, obwohl sie natürlich sehr eng zusammenarbeiten.“

„Ach!“ Hannes stand auf und warf einen Blick aus dem Fenster, direkt auf die enge Ballhausstiege, die am hinteren Teil des Opernhauses vorbei hinauf zum Domberg führte. „Kannten Sie eigentlich Freunde von Sophia?“

„Nein, Sie war kein Mensch, der gleich mit seinem Privatleben prahlt.“ Fast wäre Hannes erneut ein „Ach“ herausgerutscht. „Dann waren Sie also nie in ihrer Wohnung?“

„Doch. Wir haben uns dort getroffen, weil wir gemeinsam über die Rolle sprechen wollten. Jeder spielt die Gilda ein bisschen anders, aber bei einer Doppelbesetzung muss man sie natürlich synchron spielen, sonst werden die anderen ja auch total verwirrt.“

„Ja, natürlich. Wann waren Sie denn zuletzt bei ihr?“ Hannes wurde unruhig. Kam jetzt der entscheidende Hinweis?

„Am Dienstag. Nachmittags.“

„Dann waren Sie ja vielleicht die Letzte, die sie lebend gesehen hat.“ Er sah sie eindringlich an. Es verwirrte ihn, dass sie so völlig ruhig blieb, andere würden jetzt sofort nach einem Grund suchen, warum sie die Tote zwar zuletzt gesehen hatten, aber keinesfalls etwas mit ihrem Tod zutun haben konnten.

„Ja, das hab ich mir auch schon überlegt, aber ich kann es nicht ändern und ich wollte es Ihnen auch nicht verschweigen.“

„Hatten Sie an diesem Tag das Gefühl, dass Frau Weberknecht etwas bedrückte?“

„Ja, sie sagte, sie müsse unbedingt noch aufräumen, sie erwarte Besuch. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich über diesen Besuch nicht besonders freute, aber ich habe sie nicht danach gefragt. Aber mal ganz ehrlich, vielleicht war das auch nur ein Grund, um mich loszuwerden, denn eigentlich war die Wohnung tipp-topp sauber, also bei mir …“ Sie brach ab und nickte entschuldigend. „Ich musste aber ohnehin weg, ich hatte noch einen Termin beim Gynäkologen, die sind immer schwer zu bekommen und …“, sie sah Hannes schmunzelnd an, „ist nicht Ihr Thema, was?“

Hannes ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wie lange waren Sie denn bei Ihrem Gynäkologen?“

„Das ist ja das Schlimme: Erst bekommt man keinen Termin und dann lassen sie einen warten! Ich glaube, es war schon fast acht, bis ich rauskam.“

„Und dann?“

„Bin ich zu meinem Freund nach Fürstenzell. Wenn Sie mir einen Stift geben, schreib ich Ihnen seine Adresse auf, die brauchen Sie doch bestimmt.“

Hannes nickte und sah ihr zu, wie sie mit ungelenken Bewegungen Buchstaben auf seinen Block schrieb. Sie lächelte entschuldigend, „Ich hab‘s nicht so mit dem Schreiben, aber das müssten Sie schon lesen können.“

„Als Sie die Wohnung verließen, haben Sie aber niemanden gesehen, oder? Ich meine, jemanden, der wie ein Besucher aussah?“

„Nein, auf der Treppe war niemand und vor dem Haus habe ich nicht darauf geachtet. Wie sieht denn jemand aus, der zu Besuch kommt?“ Hannes nickte. Ja, das war eine berechtigte Frage.

„Hatte Frau Weberknecht Freunde im Ensemble?“

„Ob sie Freunde hatte, weiß ich nicht. Ich bin noch nicht so lange hier, aber eines ist mir gleich aufgefallen: Der Carlos, der hat ein Auge auf sie geworfen. Haben Sie mal seine Augen gesehen? Ach, nein, Sie sind ja ein Mann. Trotzdem, der konnte Sophia anschauen, ich glaube, er war heimlich in sie verliebt. Hat er nichts davon gesagt?“

***

Maria fühlte sich zu ihrer Arbeit im Hospizverein berufen. Sie war einfach gern für andere Menschen da und darum war es ihr auch egal, wie lange sie auf der Palliativstation zubrachte.

Früher hatte sie einen lukrativen Job bei der Volksbank, den sie aber aufgegeben hatte, als ihr Kind unterwegs war. Dort war sie am Schalter mit vielen Menschen zusammengekommen. Eine schöne Zeit. Aber sie hatte auch die tiefsten Nöte armer Seelen kennenlernen müssen und sich oft gewünscht, helfen zu können, was natürlich nicht ging. Heute wusste sie, dass sie das Schicksal nicht ändern konnte.

Die Menschen, zu denen sie ging, waren vom Tod gezeichnet, hatten Schmerzen und Angst. Die Angehörigen waren verunsichert, trauerten und wussten oft weder ein noch aus. An so vieles musste gedacht werden, um bei allem Leid die Würde des Menschen zu bewahren. Maria hatte an vielen Schulungen teilgenommen, um auf ihre Tätigkeit vorbereitet zu sein, aber manchmal traf es sie noch mitten ins Herz. So wie an diesem Freitag, als die alte Frau Linus aus Hacklberg endlich losgelassen und sich von ihrem Leben auf Erden in die Hände Gottes begeben hatte, wie Maria beseelt dachte.

Es war ein langer, schwerer Tod gewesen, der von der armen Frau viel abverlangt hatte, und sie selbst war bis zum späten Nachmittag tapfer bei ihr geblieben. An ihrem Bett sitzend hatte sie ihre Hand gehalten, eine Hand, die immer schlaffer und dünner wurde und aus der das Leben langsam wich, wie Kohlensäure aus einem Limonadenglas, wenn es so lange in der Sonne stand, bis nur noch eine trübe Brühe übrig blieb. Eine leere Hülle ohne Leben. Doch obwohl Frau Linus schon lange nicht mehr konnte, hatte sich ihr ausgemergelter Körper immer wieder aufgebäumt, wollte das Leben nicht preisgeben, so als gebe es noch etwas zu tun auf Erden, etwas, das kein anderer für sie übernehmen konnte. Sie hatte gebetet und gebettelt: „Lieber Gott, nimm diese arme Frau zu dir. Erspar ihr weiteres Leid und lass sie in all deine Herrlichkeit eintauchen. Ich weiß, dass sie nie etwas Böses getan hat, strafe sie nicht länger mit deiner Missachtung, sondern führe sie heim. Amen.“ Und dann hatte Gott sie endlich erhört.

Obwohl es ihr dafür eigentlich schon zu kalt war, hatte sie auch an diesem Tag noch einmal das Rad genommen, was sie vor allem jetzt auf dem zugigen Innsteg bereute. Die feuchte Luft, die vom Wasser heraufstieg, biss ihr geradezu in die Waden, und ihre Finger waren schon ganz steif, weil sie ihre Handschuhe bei Anna im Büro des Hospizvereins vergessen hatte.

Wie war sie nur auf den Vergleich mit der Limonade gekommen, fragte sie sich, während sie tapfer ihr Rad über den Steg schob. So etwas trank sie doch nie. Viel lieber hätte sie jetzt ohnehin einen Becher heißen Tee gehabt. Die arme Frau Linus. Sie hatte sie gemocht, sie hatte sich nie beklagt, hatte ihr Schicksal hingenommen und auf Gott vertraut. Ach, sie war so tapfer gewesen!

Auch Maria war tief gläubig, aber ihr Glaube war schon einmal schwer erschüttert worden, damals, als der Kleine auf die Welt kam und nur wenige Stunden gelebt hatte. Und jetzt wusste sie nicht, ob sie wie die alte Frau Linus wieder ein so großes Vertrauen in Gott fassen konnte.

Aus diesen schwermütigen Gedanken riss sie ein metallenes Klappern. Es hörte sich an, wie wenn eine Rohrzange auf Metall schlug. Sie orientierte sich. Es kam von hinten. Rasch wandte sie den Kopf, konnte in der Dämmerung aber nur eine große Gestalt mit Kapuze entdecken, die langsam näher kam. Maria drängte sich näher an ihr Fahrrad, um Platz zu machen. Aber niemand versuchte, an ihr vorbeizugehen. Im Gegenteil, auch die Schritte wurden langsamer, hielten den Abstand konstant. Maria sah stur nach vorn. Ihr war ein bisschen mulmig bei dem Gedanken, dass da jemand hinter ihr herging. Aber andererseits hatte sie gleich das Ende des Steges erreicht, konnte aufsteigen und davonradeln. Bestimmt war sie mit dem Fahrrad schneller als er zu Fuß. Während sie weiterging, wurde ihr bewusst, dass die Schritte nicht zufällig hinter ihr waren. Sie folgten ihr. Wenn sie ihr Fahrrad langsamer schob, wurden auch die Schritte langsamer, und wenn sie schneller lief, beschleunigten sie ebenfalls, aber warum? Was hatte sie, was der Mann, und sie war sich sicher, dass es ein Mann sein musste, haben wollte? Mit der rechten Hand ließ sie den Lenker los und fuhr damit in die Tasche ihrer gesteppten Allwetterjacke. Sie hatte noch nicht einmal ein Portemonnaie dabei, keine Chance sich freizukaufen.

Bei jedem Schritt hörte sie jetzt seinen Atem, entweder strengte ihn das Gehen an oder der Kerl war erregt. Wovon? Wovon wohl, Mädchen, neckte sie sich, um Ruhe in ihre Gedanken zu bringen, was ihr nicht gelingen mochte. Sie war eine ältere Frau und kein Kerl erregte sich bei dem Gedanken, ihr zu folgen, es sei denn …

Voller Entsetzen hielt sie sich die Hand, die gerade noch in ihrer Jackentasche nach dem Portemonnaie gesucht hatte, vor den Mund – sonst hätte sie vor Schreck laut aufgeschrien.

… es sei denn, er hätte Spaß daran, ihr etwas anzutun. Maria traute sich nicht, noch einmal nach hinten zu sehen, konzentrierte sich nur auf ihre Schritte und seinen Atem, der regelmäßig und laut an ihr Ohr drang. Und eigentlich war es auch mehr ein Stöhnen.

Kaum hatte Maria den Innsteg verlassen, stieg sie so hastig auf ihr Rad, dass sie beinahe auf der anderen Seite wieder heruntergefallen wäre. Da spürte sie, wie jemand den Gepäckträger festhielt, das Fahrrad damit in die Balance zwang und sie gleichzeitig am Losfahren hinderte. Mit eiskalter Hand fuhr ihr die Angst unter den Pullover und kroch unbarmherzig die nackte Haut ihres Rückens hinauf, bis sich ihre kurzen Haare im Nacken aufstellten. Sie wandte den Kopf, die Augen weit aufgerissen, wusste nicht, ob sie schreien oder lieber still sein sollte. Es ging alles so schnell und doch kam es ihr wie eine Ewigkeit vor. Sie hätte später nicht sagen können, ob es Minuten, Stunden oder Tage waren, in denen sie da auf dem Fahrrad festsaß, während der Angstschweiß langsam auf ihrer Haut gefror, bis sie ihn nicht mehr spürte. Und die ganze Zeit hörte sie nichts als seinen erregten Atem, sah nichts als seine Kapuze, die er sich so weit ins Gesicht gezogen hatte, dass sie noch nicht einmal ahnen konnte, ob er alt oder jung war. Endlich bewegte er seinen Kopf. Deutete ihr an, nach vorn zu schauen. Maria wusste nicht warum, aber sie gehorchte, und dann bekam sie einen Schubs, so wie damals, als sie vom Großvater das Radfahren gelernt hatte. Sie wagte nicht zurückzublicken, damals aus Angst, der Großvater könnte wirklich losgelassen haben, diesmal, weil sie fürchtete, der Kapuzenmann könne vielleicht auf dem Gepäckträger sitzen und sie höre seinen erregten Atem nur deshalb nicht, weil ihr eigener vor lauter Anstrengung und Angst so heftig ging.

***

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