Kitabı oxu: «Todesfalle Campus»
Von Dagmar Isabell Schmidbauer
Todesfalle Campus
Kriminalroman
Imprint
Todesfalle Campus
Dagmar Isabell Schmidbauer
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Copyright: © 2016 Dagmar Isabell Schmidbauer
www.der-passau-krimi.de Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de
Prolog
Keuchend brach er im Sand zusammen. Horchend blieb er liegen, bis er sicher war, dass ihm niemand folgte. Auf der einen Seite der Sandbank, nur ein Stück von ihm entfernt, floss der Inn an diesem Tag ungewöhnlich träge dahin. Auf der anderen Seite gab es ein kleines Waldstück und dann diesen Radweg. Wenn sie doch noch kämen, um ihn zu holen, säße er in der Falle. Dann könnte er nur noch ins Wasser gehen und versuchen, das andere Ufer schwimmend zu erreichen.
Er hob den Kopf und stützte ihn mit der rechten Hand ab. Die Stimmen, die er vernahm, waren weit weg, und sie schienen auch nicht bedrohlich zu sein. Trotz allem würde er aber vorsichtig sein. Lieber noch eine Weile abwarten, bis die Luft wirklich rein war.
Plötzlich raschelten im nahen Gebüsch Schritte. Sein Herz schlug schneller, seine Muskeln spannten sich. Er war zum Sprung bereit. Dann die Entwarnung: In der zunehmenden Dämmerung erkannte er, dass sich ihm arglos ein schwarzer zotteliger Hund näherte. Erleichtert ließ er sich zurück in den Sand fallen. Der Hund kam näher und leckte ihm zutraulich erst über die Hände, dann übers Gesicht. Energisch schob er ihn weg, woraufhin der Hund sich ebenfalls im Sand niederließ. Blödes Vieh, dachte er und begann mit der linken Hand im Sand zu kratzen. Aufmerksam folgte der Hundeblick seinem Tun. Er mochte keine Hunde, hatte keine Lust mit ihnen zu toben und zu spielen, er brauchte keinen Kameraden.
In der oberen trockenen Sandschicht fand er einen Kronkorken. Erst blickte er ihn an, als habe er noch nie einen Kronkorken gesehen, dann buddelte er mit seiner Hilfe tiefer, bis seine Finger auf einmal etwas Größeres, Massives berührten.
Er richtete sich ein wenig auf, um so den ganzen Gegenstand freizulegen. Vielleicht hatte er ja etwas Wertvolles gefunden, dachte er noch und musste gleich darauf feststellen, dass es sich nur um eine Eisenstange handelte. Um eine angerostete Eisenstange, um genau zu sein. Nichts Besonderes eigentlich. Doch als er mit der Hand über die raue Oberfläche strich, bahnten sich Erinnerungen ihren Weg ans Licht, die er lange und tief verdrängt hatte.
Seine Kehle wurde eng, es war, als müsse er ersticken. Er sprang auf und schnappte nach Luft, wollte zum Wasser, doch seine Beine versagten ihm ihre Dienste. Und dann schoss dieses Dröhnen in seinen Kopf, das wie eine Botschaft aus vergangenen Zeiten war. Panik erfasste ihn. Er schüttelte den Kopf, warf ihn in den Nacken. Der Hund sprang an ihm hoch, jaulte auf und warf sich vor ihm in den Sand. Vielleicht wusste er instinktiv, was gleich passieren würde.
Kurz schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, war der Schwindel vorbei. Eine neue, nie gekannte Kraft erwuchs in ihm. Mit der rechten Hand hob er die Eisenstange empor und schlug mit einer einzigen Bewegung den Hund nieder, der erst vor Schmerz aufjaulte und dann nur noch kläglich winselte.
Da hob er die Eisenstange erneut und schlug zu, wieder und immer wieder, bis der Hund leblos liegen blieb. Erst jetzt ließ er die Stange sinken und entdeckte, dass seine Jacke voller Blut war. „Scheiß Köter!“, fluchte er und stierte auf seine ruinierte Jacke. Mit dem Fuß verpasste er dem Hund einige Tritte. Währenddessen zog er das Messer aus seiner Jacke und stach dann haltlos auf den leblosen Körper ein.

Wochen später …
„Guten Morgen Paulina, bist du schon wieder fit?“
Während Paulina auf dem Inn-Radweg entlang in Richtung Uni schlenderte, hatte sie ihr Studienkollege Bene mit seinem Fahrrad eingeholt und fuhr nun langsam neben ihr her. „Soll ich dich vielleicht ein Stück mitnehmen?“
Die junge Frau musterte seinen durchtrainierten Körper und lachte hell auf. Schließlich schüttelte sie noch immer belustigt den Kopf und scheuchte ihn mit den Händen davon. „Mach, dass du weg kommst, du verrückter Kerl!“, rief sie ihm lachend hinterher und sah zu, wie er in Richtung Audimax davon radelte.
Am gestrigen Abend hatten die jungen Leute mal wieder mächtig gefeiert und dabei ordentlich getankt. Passau hatte, wie jüngst eine Umfrage unter Studierenden ergeben hatte, den schönsten Campus Deutschlands. Unter den Passauer Studenten war das natürlich längst bekannt. Wer einmal einen Abend auf den Inn-Wiesen verbracht hatte, wusste auch warum. Kaum lockte die sommerliche Wärme, schon fanden sich die ersten Gruppen mit Grill, Fleisch, Salaten, Bier und Musik ein, und in Nullkommanichts war die ganze Wiese bevölkert, der Campus eine einzige Feiermeile.
Heute nun hatte Paulina um zehn Uhr eine Vorlesung bei Professor von Kalckreuth im neuen Informatikzentrum. Da würde sich zeigen, ob die, die gestern so fröhlich gefeiert hatten, heute auch rechtzeitig aus ihren Betten gekommen waren.
Bene war längst weg, als Paulina noch immer auf dem Radweg stand und ihm fröhlich hinterher winkte. Sie trug an diesem herrlichen Junitag ein weißes italienisches Spitzenkleid, das mit kühler Seide abgefüttert war, dazu Flipflops. Ihre langen dunklen Haare wehten offen in der leichten Brise, die vom Inn zu ihr heraufstieg. Der Campus lag schon in Sichtweite, nach und nach entdeckte sie immer mehr Kommilitonen, die sie von gemeinsamen Kursen kannte.
Dass der Passauer Campus nicht nur einer der schönsten, sondern auch einer mit einer ganz besonderen Geschichte war, hatte Paulina erst gestern Abend erfahren. Früher stand hier der städtische Schlachthof. Dieser war 1892 erbaut worden und galt damals als einer der modernsten. Neunzig Jahre später musste er allerdings den Neubauten der Universität weichen. Heute erinnert nur noch die alte Trafostation an diese Zeit. Da, wo einst Tiere geschlachtet, Fleischwaren hergestellt und die Felle verwertet wurden, hängen heute Studenten herum, hatte man ihr gestern als Witz erzählt. Ein irgendwie gruseliger Vergleich, dachte Paulina auch heute noch und bog jetzt ebenfalls in Richtung Audimax ab.
Vor ein paar Monaten hatte sie relativ spontan beschlossen, ein Aufbaustudium in Informatik an ihr abgeschlossenes BWL-Studium anzuhängen. Bei ihrem Chef war sie sofort auf offene Ohren gestoßen. Ganz anders sah die Sache allerdings bei ihrem guten Freund Josef Schneidlinger aus, dem leitenden Kriminalhauptkommissar der Passauer Mordkommission. Als sie ihm von ihrer Absicht erzählt hatte, war der praktisch aus allen Wolken gefallen.
„Du willst tatsächlich wieder studieren?“, hatte er gefragt und sie dabei angesehen, als wolle sie sich an einen reichen Scheich verkaufen.
Bei der Erinnerung an dieses Gespräch wurde Paulinas Grinsen breiter. Dieser Gedanke kam bei ihm natürlich nicht von ungefähr. Während ihres BWL-Studiums an der LMU München hatte sie, nebenbei und wie sie fand sehr elegant, für einen Escort-Service gearbeitet. Es gefiel ihr durchaus, mit interessanten Männern auszugehen und, naja, manchmal war natürlich auch mehr daraus geworden, aber auch das zählte zu den interessanten Erfahrungen ihres Lebens. Viele dieser Männer waren tatsächlich mehr daran interessiert gewesen, ihr etwas Gutes zu tun, als für sich etwas zu fordern. Wobei es letztlich in jedem Fall auf das Gleiche hinaus lief. Sie hatte mal mehr und mal weniger guten Sex gehabt, na und? Die Männer, die sie über den Escort-Service traf, waren zwar alle nicht mehr ganz jung, dafür hatten sie aber Manieren, waren gepflegt und sauber. Von ihren anderen Partnern konnte sie das nicht immer sagen.
Josef Schneidlinger war nicht nur leitender Kriminalhauptkommissar bei der Passauer Mordkommission, sondern auch glücklich verheiratet und Vater von vier Kindern im anstrengendsten Alter, wie er immer betonte. Paulina selbst war praktisch ohne Anhang und konnte tun und lassen was sie wollte. Dank einer guten Stelle mit interessanten Inhalten war sie unabhängig und frei. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, bestand zwischen ihnen seit Jahren eine besondere Beziehung, die aber nie weiter als bis zu einem guten Glas Rotwein zu zweit vorangeschritten war.
Kennengelernt hatten sie sich ebenfalls über den Escort-Service, nur dass Schneidlinger sozusagen auf der anderen Seite gestanden hatte. Einer ihrer Begleiter war zu ihr zwar ausgesprochen zuvorkommend und sehr großzügig gewesen, nebenbei hatte er aber auf nicht so ganz feine Art Geschäfte abgewickelt, die dazu führten, dass er in den Fokus der Polizei geriet und mit ihm Paulina, die als Zeugin im Prozess gegen ihn aussagen musste. Da sie zu diesem Zeitpunkt gerade mit ihrem Studium fertig gewesen war, hatte sie das Angebot eines großen Betriebes angenommen und war nach Passau gezogen. Schneidlinger folgte ihr, als dort die Stelle bei der Mordkommission vakant wurde. Rein zufällig, wie er immer wieder betonte.
Tatsächlich wusste sie längst, dass er mehr als Sympathie für sie empfand, doch sie hatte Respekt vor seiner Familie und hielt sich an die freundschaftlichen Regeln: Rotwein und Reden ja. Sex nein!
Natürlich hätte sie ihm einfach sagen können, dass das, was sie tat, ihn nichts anging. Aber das war nicht ihr Ding, und wenn er sich darauf versteift hatte, dass Studieren bei ihr gleichbedeutend mit „sich prostituieren“ war, dann hatte sie einfach keine Lust, mit ihm darüber zu diskutieren. Und um weiteren Streitereien aus dem Weg zu gehen, hatte sie im März beschlossen, das Thema einfach auszusparen und ohne sein Wissen ihr Studium aufzunehmen. Er war ein Freund, mehr nicht, und ein Freund musste ja nicht alles wissen.
Nach einem kurzen Abstecher über die Mensa-Cafete, wo sie sich bei Emma schnell einen Cappuccino to go der Extraklasse holte, erreichte Paulina das IT-Zentrum. Bene hatte sein Fahrrad längst abgeschlossen und stand nun plaudernd mit einigen Kommilitonen zusammen, die ebenfalls mit dem Rad gekommen waren. Radfahren stand ganz oben auf Paulinas Wunschliste. Der Inn-Radweg war ein Traum, das wusste sie vom Joggen, und per Fahrrad würde sie viel weiter kommen, bis in die reizende österreichische Stadt Schärding etwa. Dumm war nur, dass ihr Fahrrad seit dem Umzug aus München mit einem platten Vorderreifen im Keller stand und sie noch immer niemanden gefunden hatte, der ihr beim Austauschen der Schläuche half. Aber vielleicht konnte sie ja einen ihrer Kommilitonen ansprechen. Oder doch ihren Freund Schneidlinger?
Paulina steuerte die kleine Gruppe an, warf einen Blick auf die Uhr und mahnte: „Auf gehts, der Prof mag es doch nicht, wenn wir zu spät kommen!“
Vielleicht sollte sie nachher auch einfach mal Bene fragen, ob er ihr den Reifen wechseln würde. Fragen kostete ja nichts, das hatte sie in ihrem Leben gelernt und auch, dass Männer gerne helfen, wenn man sie nett darum bittet.

Wohlig räkelte sich Franziska im warmen Badewasser. Ihr Kopf ruhte auf einem Handtuch, die in Pink lackierten Zehen spielten mit dem Badeschaum. Seit Walter aus Palermo zurück war, achtete sie wieder mehr auf ihr Äußeres.
Ein halbes Jahr hatte er sich dort als Gastarbeiter an einem Theater weitergebildet – und damit war ein großer Traum von ihm in Erfüllung gegangen. Natürlich hatte sich Franziska für ihn gefreut und war auch gleich zwei Mal zu ihm ans Meer gereist, um mit ihm gemeinsam in einem kleinen Haus die schönste Zeit ihres Lebens zu verbringen, wie sie, allein wieder zuhause angekommen, seufzend feststellen musste. Während ihres gemeinsamen Urlaubs war einfach alles perfekt. Da stand kein Wölkchen an ihrem persönlichen Himmel, die Zeit flog dahin und nichts konnte ihr Glück trüben. Doch als der Tag der Abreise kam, schlichen sie sich wie aus dem Nichts heran, die trüben Gedanken, die sie mit Wucht von ihrer rosa Wolke katapultierten, hinab in einen Strudel aus Eifersucht und Zweifel. Sie bezeichnete das stets als ihr Temperament, während Walter sie lachend eine kleine Spießerin nannte. Doch egal welchen Namen sie ihnen gab: Diese Gedanken taten weh und machten Franziska verletzlich – ein Umstand, den sie so gar nicht leiden konnte.
Doch jetzt war alles so, wie Franziska es sich wünschte. Walter war zurückgekommen, lebte in der kleinen Wohnung über der Theaterwerkstatt in Maierhof und arbeitete wieder am Passauer Stadttheater. Mit dieser Situation konnte sie umgehen. Und wenn sie beide Zeit hatten, dann waren sie zusammen. Wenn Walter sich dann etwas Besonderes für sie ausdachte, wurde ihr schon beim Gedanken daran ganz heiß und ein wunderbares Kribbeln breitete sich in ihrem Schoß aus.
Ein Grinsen huschte über Franziskas Gesicht und setzte sich in ihren Mundwinkeln fest. Walter hatte sie ins Bad geschickt. Sie solle sich vom Dienst entspannen, abschalten, runterkommen. Als ob das jetzt noch ginge. Denn Walter war in ihrer Wohnung und bereitete etwas für sie vor. Das konnte eine Kleinigkeit sein wie ein köstliches Essen oder aber etwas ganz Ausgefallenes wie das Bemalen ihres nackten Körpers in der Künstlerwerkstatt. Er hatte sie schon an die ausgefallensten Orte entführt oder zu Tristans Isolde gemacht. Bei Walter war alles möglich, nur langweilig wurde es nie.
Vorsichtshalber hatte Franziska ihre langen Haare aufgesteckt, damit sie sie nachher nicht erst noch umständlich föhnen musste. Nachher war schon ganz bald, nämlich dann, wenn Walter mit seinen Vorbereitungen fertig war und sie holen kam.
Mit den Zehen bediente sie den Wasserhahn und ließ noch ein wenig heißes Wasser nachlaufen. Nie musste sie ihm sagen, was sie gerne hätte und was lieber nicht. Walter hatte ihre Bedürfnisse von Anfang an erkannt und wusste sehr genau, wie er sie nehmen und was er ihr geben musste. Und letztlich war die Ungewissheit über das was kommen würde der Grund, warum sie das Warten kaum noch ertragen konnte.
Walter, der leidenschaftliche Frauenversteher, wusste immer, was sie gerade brauchte. Holte sie mit seinen verrückten Ideen aus ihrem Alltagstrott und schenkte ihr damit den wunderbarsten Sex, den man sich vorstellen konnte. Als Oberkommissarin bei der Passauer Mordkommission hatte sie nur zu gern das Heft in der Hand. Und viele Jahre lang hatte sie gedacht, so müsse es auch sein, wenn sie mit einem Mann intim war. Bis sie den Bühnenkünstler Walter Froschhammer kennenlernte. Gleich zu Beginn, als eine Beziehung noch gar nicht infrage kam, übernahm er die Regie und reizte sie mit seinen Anspielungen und Nachrichten bis aufs Blut, das nur zu leicht in Wallung geriet, sobald sie ihm begegnete. Doch das war eine gefühlte Ewigkeit her.
Inzwischen kannten sie sich sehr gut, und so hatte sich vieles zwischen ihnen verändert. Nur eine Sache wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf: Als die Schauspieler während der Mordermittlungen im Passauer Stadttheater den Bühnenkünstler charakterisieren sollten, hatten sie berichtet, dass dieser Frauen gern in einem Akt festhielt. Und um ihre wahre Schönheit zu zeigen, führte er sie vorher zum Höhepunkt. Ob das so stimmte, wusste nur er. Denn egal wie raffiniert Franziska ihn auszuhorchen versuchte, Walter schwieg beharrlich.
Seufzend suchte sie nach einem unverfänglicheren Thema für ihre Gedanken. Schon huschte das nächste Lächeln über ihr Gesicht. Trotz der oft ausschweifenden Pizzaorgien mit ihrem Kollegen Hannes hatte sie eine Figur, um die sie manche Frau beneiden würde, na ja bis auf … Ach Quatsch! Sie war eine heiße Frau, wie Walter ihr immer versicherte, und seit seine Hände ihre Haut regelmäßig zum Lodern brachten, fühlte sie sich einfach großartig.
Ihr Blick glitt zum Türhaken, an dem auf einem Bügel ein schwarzes Nichts aus Spitze und Bändern hing. Walter hatte es aus Italien mitgebracht und ihr für den heutigen Abend als Dresscode überreicht. Mehr brauchst du nicht, hatte er gesagt, sie ganz zärtlich geküsst und ihr dann eine Wanne voll duftendem Schaumbad eingelassen.
Franziska lauschte in die Stille der Wohnung und fragte sich, ob er mit seinen Vorbereitungen wohl schon fertig war? Sofort erfasste ein lustvolles Beben ihren Körper und trieb sie aus dem Wasser. Auf dem kleinen Hocker gleich neben der Wanne lag ein dickes, flauschiges Handtuch, in das sie sich einhüllte. Ihre Haut kribbelte voller Vorfreude, voller Ungewissheit. Vorsichtig trocknete sie sich ab und cremte ihre Haut mit einer duftenden Lotion ein. Dann stieg sie in das Nichts, was angesichts der vielen Bänder gar nicht so einfach war. Sie löste ihre langen Haare, bürstete sie durch und betrachtete sich zufrieden im Spiegel.
Als sie die Tür zum Flur öffnete, stand Walter vor ihr und lächelte sie vielsagend an. Sein wunderbarer Körper steckte in nichts weiter als Boxershorts, die ganz lässig auf seinen Hüften saßen. Sie liebte dieses Lächeln und wusste, was es zu bedeuten hatte, doch bevor sie etwas sagen oder tun konnte, drehte er sie um und legte ihr wortlos ein schwarzes Tuch über die Augen, das er vorsichtig an ihrem Hinterkopf zuknotete.
„Hast du Lust darauf, etwas Neues auszuprobieren?“, fragte er mit sanfter Stimme, woraufhin ein wohliger Schauer ihren ganzen Körper überzog.
Zärtlich küsste sie der Mann ihrer Träume auf die linke Schulter, den Hals hinauf und schließlich ihre Lippen, bevor er sie hochhob und kreuz und quer durch die Wohnung trug, bis sie nicht mehr wusste, in welchem Raum sie sich befand. Weil sie nichts sehen konnte, registrierte sie jedes Geräusch, jeden Lufthauch, jede seiner Bewegungen umso intensiver, was ihre Lust immer weiter steigerte. Als er sie auf ihr Bett im Schlafzimmer gleiten ließ, brannte das Verlangen in ihrem Schoß bereits lichterloh.
Wie jedes Mal, wenn sie sich derart in seine Hände begab, war es eine Wahnsinnserfahrung aller Sinne. Nichts sehen zu können bedeutete, dass sie auf jeden noch so kleinen Reiz reagierte. Jedes Geräusch schwoll in ihren Ohren an, jede Berührung brachte ihre Haut zum Lodern, bis sie am ganzen Körper zitterte und bebte, doch am schlimmsten, am allerschlimmsten waren die Pausen. Dann, wenn er gar nichts tat, wenn sie nicht wusste, ob und wie er sie ansah und was er als nächstes tun würde.
Von diesen süßen Gedanken erfüllt, ließ sie es zu, dass er ihr erst den einen und dann den anderen Arm über den Kopf führte, sie küsste und streichelte … und erst als sie das kalte Metall an ihren Handgelenken spürte und gleich darauf das feine Klicken hörte, wusste sie Bescheid.
Dagegen musste sie natürlich protestieren, das ging nun doch zu weit. Aber weil er sie in diesem Moment so intensiv küsste und seine Hände dabei so zärtlich über ihre von schwarzer Spitze umrahmten Brüste streichelten, blieb es bei einem langen wohligen Stöhnen.
„Ganz ruhig, Frau Kommissarin, in den nächsten Stunden gehörst du ganz allein mir, und ich werde alles tun, damit du sie nie mehr vergisst“, flüsterte er und biss sie vorsichtig in ihr linkes Ohrläppchen.
„Wie soll ich ruhig sein“, stöhnte sie erneut, „wenn du mich derart … oh, ja! Mach weiter, nicht aufhören!“
Doch Walter tat nichts von dem, was sie sich so sehr wünschte, egal wie sie sich wand und seinen Händen entgegenreckte. Immer wenn sie ihn mit einem „Ja, oh ja!“, dazu bringen wollte, dass er weiter machen sollte, ließ er von ihr ab, um sie gleich darauf an einer anderen Stelle ihres sich immer weiter erhitzenden Körpers zu berühren. Alles, alles hätte er in diesem Moment von ihr haben können, wenn er sie nur endlich von ihren Qualen erlösen und ihren Körper zum Explodieren bringen würde. Wenn er nur endlich …
Und dann explodierte sie wirklich. Schnell, viel zu schnell. Wenn auch nicht vor Lust und Sinnlichkeit. Im ersten Moment hatte sie noch gedacht, er hätte vielleicht das Radio angeschaltet, damit die Nachbarn ihre Lustschreie nicht hören würden, doch das was sie hörte, war nicht das Radio, es war ihr Handy. Und die Stimme, die jetzt direkt in ihr Ohr sprach, gehörte niemand anderem als Hannes, ihrem Kollegen, der gerade fragte: „Franziska, hörst du mich?“
„Ja!“, antwortete sie gepresst und versuchte mühsam, ihren Atem und die ganze Situation unter Kontrolle zu bringen.
„Stör ich?“, fragte Hannes unnötigerweise, denn spätestens seit er sein Schätzchen Sabrina hatte, war es sinnlos ihm vorzumachen, dass sie vielleicht gerade beim Sport war.
„Nein.“ Franziska versuchte irgendwie eine vernünftigere Lage einzunehmen. Bestimmt würde sie dann seriöser klingen. Doch ihre vergeblichen Versuche lösten nur ein Klirren der Handschellen aus. Hannes würde dieses Geräusch todsicher erkennen und seine Schlüsse ziehen.
„Kein Problem, was gibt es denn?“ Wenn sie das Handy nur selbst in die Hand nehmen könnte … aber Walter reagierte ja nicht. Während sie auf Hannes’ Antwort wartete, zappelte sie mit den Füßen, in der Hoffnung, Walter würde ihr wenigstens die Augenbinde abnehmen.
„Auf dem Gelände der Universität wurde eine tote Frau gefunden. Kannst du dich losmachen und vorbeikommen? Obermüller sagt gerade dem Chef Bescheid.“
Für einen Moment setzte Franziskas Herz aus, dann bewegte sie den Kopf ruckartig in die Richtung, aus der Hannes’ Stimme kam, bis sie tatsächlich mit dem Ohr an ihr Handy stieß. „Ja, ich komme. Bis gleich.“ Mit einem einzigen Stöhnen sackten Lust, Sinnlichkeit, Verlangen und die Aussicht auf ein grandioses Ende in sich zusammen.
„Mach mich los! Bitte. Ich muss weg“, erklärte sie resigniert. Sie ging davon aus, dass alles gesagt war und Walter das Gespräch beendet und ihr Handy zur Seite gelegt hatte.
„Franziska?“, hörte sie da erneut Hannes fragen. „Willst du gar nicht wissen, wo du hin musst?“

Ein Abend voller Hiobsbotschaften.
So oder so ähnlich würde Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger im Nachhinein über diesen schwarzen Dienstag urteilen. Tatsächlich aber ahnte er in dem Moment, da die Nachrichten eine nach der anderen in sein Leben strömten, nicht, welche die schlimmste für ihn werden sollte und welche in letzter Konsequenz sein Leben am intensivsten auf den Kopf stellen und ihn zum Umdenken zwingen würde.
Alles begann, kaum dass er seinen Porsche Boxster in der großen Scheune des elterlichen Bauernhofes neben dem Traktor seines Bruders geparkt, das Verdeck geschlossen und den Motor abgestellt hatte, mit dem Läuten seines Handys. Als er die Nummer erkannte, griff er nach seinem Sakko auf dem Beifahrersitz und stieg aus.
„Hallo Schatz, ist was mit den Kindern?“, fragte er und malte sich in Gedanken das schlimmste Szenario aus. Unfalltod, Entführung, lebensbedrohliche Krankheit oder ein Hausbrand. Kaum rief ihn Gabi außer der Reihe an, begann sich schon das Horrorkarussell in seinem Kopf zu drehen.
„Musst du schon wieder so maßlos übertreiben?“, herrschte sie ihn in scharfem Ton an. Der sonst so energische Schneidlinger spürte, wie er innerlich zusammensackte.
„Also?“, fragte er geduldig zurück, ohne auf ihren Ton einzugehen.
„Die Kinder streiken. Sie wollen nicht mehr jedes Wochenende auf dem Bauernhof rumsitzen und hoffen, dass ihr Vater Zeit für sie hat.“
„Und du?“, fragte er seine Frau vorsichtig.
Die Wünsche der Kinder waren ihr noch nie so wichtig gewesen wie ihre eigenen Ziele. Und von jedem Wochenende konnte man ja sowieso nicht sprechen. Während er sich nach seinem beruflichen Umzug nach Passau wieder auf dem elterlichen Hof im Rottal eingelebt hatte, war der Rest der Familie in München geblieben und kam vielleicht alle zwei, eher alle drei, manchmal auch nur alle vier Wochen zu Besuch. Gabi besaß in München mehrere Geschäfte, in denen sie allerlei Kleinkram verkaufte, was unter dem Strich monatlich eine hübsche Summe zusammenbrachte. Kurz gesagt, sie verdiente das Geld, während er, um nicht vor Langeweile zu sterben, gewissermaßen hobbymäßig bei der Kripo seinen Dienst tat. So gesehen führten sie eine überaus moderne Ehe.
„Ich möchte auch nicht mehr auf den Bauernhof kommen“, sagte sie so leise, dass er im ersten Moment nicht glauben konnte, was er gehört hatte.
„Wie?“
„Ich denke, wir sollten uns eine Weile überhaupt nicht sehen. Abstand hat ja noch keiner Ehe geschadet“, erklärte sie wie auswendig gelernt und versuchte sich tatsächlich in einem aufmunternden Lachen.
„Sind die Kinder da?“, hatte er noch gefragt und als sie ihm sagte, dass sie im Schwimmbad seien, hatte er sich auch schon mit einem knappen „Tschüss“ verabschiedet. Er hatte nicht vor zu betteln, letztlich sollte es ja auch nur eine Trennung auf Zeit sein, nicht mehr und nicht weniger.
Als er die Scheune verlassen hatte und den Hof überquerte, war er froh darüber, in diesem Moment nicht seinem Bruder Franz in die Arme zu laufen. Der war das genaue Gegenteil von ihm. Am besten ließ sich das an ihren Lieblingsgefährten ablesen. Schneidlinger liebte den Boxster, sein Bruder seinen Traktor, wobei sie sich dabei preislich in nichts nachstanden.
Auch im Haus war alles still, nur der Fernsehapparat lief, doch den konnte er ignorieren. Die Tür zum Wohnzimmer war geschlossen. Trotzdem atmete er erleichtert auf, als er die Küche betrat, die seine Mutter nach dem Mittagessen wie immer tipptopp aufgeräumt hatte. Er musste Ruhe bewahren, es half überhaupt nichts, wenn er jetzt verrücktspielte. Mechanisch öffnete er den Kühlschrank, schnappte sich ein Bier und ließ den Verschluss laut aufploppen. Ein herrliches Geräusch, geschaffen, um die Welt hinter sich zu lassen.
Während er den herben Gerstensaft genüsslich durch seine Kehle rinnen ließ, beschloss er, Paulina anzurufen. Natürlich würde er sich nicht bei ihr ausweinen, das kam auch gar nicht infrage, aber ein Gespräch mit ihr brachte ihn zumindest auf andere Gedanken. Außerdem mochte er ihre Stimme am Telefon. Sie war sinnlich und verrucht und gleichzeitig unerreichbar. Sie war genau die Art Freundin, die einen Mann verrückt machte und ihn doch immer wieder auf den Boden der Tatsachen stellte.
„Na, wie war dein Tag?“, fragte er eloquent und nahm für sie sogar am Handy Haltung an.
„So schlimm?“, fragte Paulina belustigt zurück, und Schneidlinger musste lachen, weil er ihr einfach nichts vormachen konnte.
„Nein, im Büro war es ganz in Ordnung, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht.“
Dass im Büro alles in Ordnung war, entsprach nicht unbedingt der Wahrheit. Seit Passau neben Freilassing zum bevorzugten Einreisetor für die Flüchtlinge aller weltweiten Kriege geworden war, ging es rund in der Nibelungenstraße, auch wenn für Asylbewerber eigentlich die Bundespolizei zuständig war. Schon lange herrschte bei den öffentlichen Ordnungshütern ein wachsender Personalmangel, und seit zusätzlich die Probleme von außen auf diese Achillesferse drückten, standen sie kurz vor dem Kollaps. Da das niemand zugeben wollte, wurden inzwischen Anweisungen von höchster Stelle erteilt, dass man doch bitte bei nicht so dringenden Fällen einfach wegschauen sollte. Verkehrskontrollen beispielsweise also besser erst gar nicht durchführen, dann machten sie hinterher auch keine Arbeit.
Inzwischen rächte es sich eben, dass bei der Polizei in den letzten Jahren immer mehr gespart und die Achtung vor den Ordnungshütern nicht gestärkt, sondern durch zweifelhafte Gerichtsurteile sogar noch untergraben worden war.
„Was bist du doch für ein schamloser Lügner“, lachte Paulina, und Schneidlinger drückte sich ein wenig näher an sein Handy, denn genau diese Art der Unterhaltung war es, die er so sehr schätzte. „Aber gut, wenn du es unbedingt wissen willst, ich war heute in der Uni, so wie häufig in den letzten Monaten und es war sehr interessant …“
„Davon hast du aber gar nichts mehr erzählt. Ich dachte, wir wollten darüber noch einmal reden.“ Gern hätte er einen Schluck aus seiner Bierflasche genommen, aber das hätte Paulina gehört und dann hätte sie ihn auch dafür aufgezogen. Sie hatte ihn schon beim letzten Mal einen „Kleinbürger“ genannt. Natürlich nur spaßeshalber, aber immerhin. Also lehnte er sich an die Küchenzeile und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß ab.
„Josef, du tust ja gerade so, als würde ich in den Puff gehen. Ich studiere wieder, nicht mehr und nicht weniger …“
Er holte tief Luft, um zu einer Gegenargumentation anzusetzen und ihr zu erläutern, was er in ihrem Falle unter mehr oder weniger verstand, als seine Mutter zur Küchentür hereinkam, ihm einen strafenden Blick zuwarf und wortlos das Telefon hinhielt. Dabei war er sich nicht sicher, ob sie ihn belauscht hatte und das Gespräch, das er gerade mit seinem Handy führte, nicht guthieß, oder ob es sie nicht einfach ärgerte, dass sie von ihrer Lieblingssendung lassen und ein Gespräch annehmen musste, das nicht für sie bestimmt war. Schneidlinger vermutete letzteres, denn seine Mutter war eine herzensgute Frau, die lediglich ihre festen Prinzipien hatte. Und dazu gehörten einfach ihre Lieblingssendungen, die sie nicht verpassen wollte. Besser man kam ihr dabei nicht in die Quere.
Da es unmöglich war, sein Gespräch mit Paulina in Ruhe fortzusetzen, verlegte er sich aufs Beschwichtigen. „Nein, nein, natürlich nicht. Aber ganz so entspannt wie du sehe ich es auch nicht“, erklärte er umständlich und hoffte, im Vergleich zu seiner Mutter würde Paulina sofort verstehen, was er damit sagen wollte.
„Bist du nicht allein?“, fragte die prompt zurück.
Seine Mutter machte eine ungeduldige Kopfbewegung in Richtung des Telefons in ihrer Hand. Schneidlinger nickte zurück und erbat sich mit einer besänftigenden Handbewegung noch einen kleinen Aufschub. Paulina wartete auf eine Antwort. Sie hatten Anfang des Jahres schon einmal darüber gesprochen. Ganz kurz nur, und da hatte sie argumentiert, dass Weiterbildung in ihrem Job unumgänglich sei. Im Prinzip fand er das ja auch gut, nur eben nicht so, wie sie das organisierte … oder zumindest wie er befürchtete, dass sie es organisierte.
„Es tut mir leid, aber ich bekomme gerade einen dringenden Anruf“, sagte er mit enttäuschter Stimme. „Ich melde mich bei dir, machs gut!“
„Herr Obermüller“, erklärte seine Mutter und reichte ihm endgültig das Telefon. Sie war die einzige, die den Kollegen mit Herr ansprach, für alle anderen war er einfach nur Obermüller. Ein ausgezeichneter Ermittler, wie Schneidlinger inzwischen gelernt hatte, gemütlich, aber sehr zuverlässig und ausgleichend im Arbeitsklima. Obermüller hätte nie angerufen, wenn es nicht dringend gewesen wäre.
„Tut mir leid Chef, aber ich konnte Sie am Handy nicht erreichen. Auf dem Unigelände wurde eine weibliche Leiche gefunden. Und es gibt keinen Zweifel, die Frau wurde ermordet!“

Im Strom der Blechlawine, die sich um diese Zeit quer durch Passau arbeitete, wurde Franziska über die Schanzlbrücke, durch das Nadelöhr Nikolastraße und schließlich die Innstraße entlanggespült, bis sie sich, mit deutlich ruhigerem Pulsschlag, vor der Zentralbibliothek nach einer Parkmöglichkeit umsah. Walter hatte die Dringlichkeit des Anrufes endlich erfasst, sie von den Handschellen befreit und dann doch erst einmal seine Arme um sie geschlungen und ihr einen langen Kuss gegeben. Wie so oft hatte er Verständnis für das, was sein musste, während sie ihren Beruf in diesem Moment genauso dafür hasste, dass er immer zur falschen Zeit so wichtig wurde, wie sie ihn im nächsten Moment für seine ganze Vielfalt liebte.
Bevor sie sich jedoch auf den Weg machen konnte, musste sie sich zuerst der schwarzen Dessous entledigen und sich tatortgeeignet ankleiden.
So stieg sie jetzt mit Sneakers, Jeans, T-Shirt und einem Leinenblazer bekleidet aus ihrem Auto, das sie schließlich neben den Fahrzeugen der KTU abgestellt hatte und wappnete sich innerlich für das, was sie gleich in Augenschein nehmen sollte. „Mach dich auf einiges gefasst!“, hatte Hannes noch hinzugefügt, nachdem er ihr den rückseitigen Ausgang der Zentralbibliothek genannt hatte. So ließ Franziska auch den Haupteingang des Gebäudes unbeachtet liegen und umrundete den hellgestrichenen Bau, bis sie auf Obermüller stieß, der gemeinsam mit einigen Kollegen am Flatterband wartete. Der sonst so robuste Ermittler war grau im Gesicht und wirkte mitgenommen.
„Hallo Obermüller, gibt es schon Erkenntnisse?“ Noch versuchte sie ihrem Tonfall etwas Heiteres zu verpassen. Der Wunsch, egal wie schlimm es kommen konnte, nicht zu viel an sich heranzulassen, lag nahe.
„Ich würde sagen, sie hat sich mit dem falschen Kerl eingelassen.“
„Ich wollte von dir wissen, was du weißt und nicht was du vermutest“, wies ihn Franziska sanft zurecht.
„Georg Brummer, einer der Bibliothekare, hat die Leiche gefunden. Sie liegt in“, Obermüller blickte auf einen Zettel, den er in der Hand hielt, „einem Dublettenmagazin. Das grenzt direkt an das eigentliche Büchermagazin der Uni an, ist aber ein abgeschlossener Raum mit einer Tür nach draußen in Richtung Inn.“
Die Oberkommissarin nickte. „Weißt du sonst noch was, Obermüller?“
„Ja, also: Der Raum hat ursprünglich das Archiv der Universität beherbergt. Das zog dann nach Fertigstellung des Verwaltungsgebäudes dorthin um. Nachdem das Archiv frei war, wurde es kurzzeitig als Sozialraum für die Mitarbeiter des Magazindienstes genutzt, bis auch dafür entsprechende Räumlichkeiten eingerichtet wurden. Aktuell lagern dort Buch- und Zeitschriftenbestände, die in nächster Zeit ausgemistet werden sollen, weil es sich um Zweit- und Drittexemplare handelt.“
„Aha, und wer hat dich derart umfangreich informiert?“, hakte Franziska interessiert nach.
„Georg Brummer, er ist einer der Bibliothekare, die das alles sichten, eventuelle Schätze vor dem Untergang retten und alles andere der Vernichtung zuführen müssen.“ Der dicke Ermittler lächelte schief. „Ich hatte den Eindruck, als täte es ihm um diese alten staubigen Bücher mehr leid, als um die junge Frau.“
„Du meinst …“
Abwehrend hob Obermüller die Hände. „Nein, nicht dass ich ihm die Tat anhängen will, aber mir scheint, Bücher sind seine große Leidenschaft. Er ist übrigens Volkskundler … ja und normalerweise wird der Raum nur selten genutzt …“ Hilflos zuckte er mit den Schultern.
„Okay! Wo muss ich hin?“
„Immer dem Rundweg folgen, dann findest du es.“
„Ist der Chef auch schon da?“
„Ja, er hat die Uni-Präsidentin aus dem Bett geklingelt“, berichtete Obermüller sachlich. „Und dein Lieblings-Notarzt schaut sich das Opfer gerade an. Vielleicht kann er dir ja schon mehr sagen.“
Franziska nickte. „Der gute Dr. Buchner!“ Sie musste lächeln. Obwohl sie sich nur an Tatorten trafen, war zwischen dem gütigen Mediziner, der seine ruhige Art auch bei heftigen Fällen niemals ablegte, und ihr so etwas wie eine Freundschaft entstanden. Auch wenn er sich nie zu vorschnellen Aussagen verleiten ließ, konnte sie ihm meist etwas entlocken. Aber noch wichtiger war, dass sie ihm vertraute, weil er wusste, wie wichtig seine erste Einschätzung war.
Als sie das grüne Gittertor erreicht hatte, warf sie einen letzten Blick in den abendlichen und fast wolkenlosen Himmel, holte tief Luft und ging hinein. Die Tür zum Dublettenmagazin stand weit offen und gab den Blick auf einen Raum mit grauen, schäbigen Metallregalen und einem eben solchen PVC-Bodenbelag frei. In den Regalen lagerten die von Obermüller beschriebenen Bücher und Zeitschriften. In einer Ecke standen ein paar kaputte Stühle, platzsparend aufgestapelt. Aufgeschlitzte Kissen lagen auf einem Tisch. Die Oberkommissarin entdeckte Schachteln mit undefinierbarem Inhalt, kaputte Plakataufsteller, verbogene Buchstützen und über all dem strahlten Neonröhren, von denen die Spinnweben herunter hingen.
Franziska blickte zu Dr. Buchner in seinem roten Anorak. Der Notarzt untersuchte eine junge Frau, deren schlanker Körper mit einigen schwarzen Stofffetzen eher umwickelt als bekleidet war. „Man hat ihr die Kehle durchgeschnitten“, erklärte er gerade, woraufhin die Kommissarin näher trat und sich über den Hals und das arg zugerichtete Gesicht des Opfers beugte, das von unzähligen Wunden entstellt war. Franziska hatte schon einiges gesehen, dennoch sog sie scharf die Luft ein, als sie auf die junge Frau hinunter blickte. Die blutunterlaufene Haut und die zugeschwollenen Augen zeugten ebenso wie die Wunden, Striemen und Blutergüsse, mit denen ihr gesamter Körper überzogen war, von einem schlimmen Martyrium.
Die Tote lag auf der linken Seite, der Kopf ein wenig überstreckt in einer Blutlache, die langen blutgetränkten Haare nach oben gezogen, als ob sie daran festgehalten worden wäre. Ihre Arme lagen vor ihrem Körper, die Handgelenke wiesen dunkle Vertrocknungsspuren auf, was darauf hindeutete, dass sie vor ihrem Tod über einen langen Zeitraum gefesselt gewesen sein mussten. Die Beine lagen ausgestreckt auf dem staubigen Boden. An den Fußgelenken befanden sich die gleichen vertrockneten Fesselspuren wie an den Handgelenken.
Annemarie Michel, die Leiterin der Kriminaltechnik, stand neben Buchner und reichte Franziska ein Paar Latexhandschuhe für den Fall, dass sie die Tote inspizieren wollte.
„Hat sie versucht sich zu wehren?“, fragte die Oberkommissarin ihre ältere Kollegin, denn sie war sich sicher, dass Annemarie bereits alles in Augenschein genommen hatte.
Die Chefin der KTU beugte sich hinunter und ergriff die rechte Hand der Toten. „Entweder kam sie nicht mehr dazu, bevor sie gefesselt wurde“, Annemarie blickte Franziska nachdenklich an, „oder sie wollte sich gar nicht wehren. Fingernägel und Zähne sind jedenfalls intakt.“
„Du denkst an einvernehmlichen Sex? Prostitution oder ein ausuferndes Liebesspiel?“
Annemarie zuckte mit den Schultern. „Seit scheinbar alle Welt Gefallen an Sado-Maso-Spielchen entdeckt hat … wer weiß?“
„Ja gut“, räumte Franziska ein und dachte kurz an ihre eigene Vorstellung von Liebesspielen. „Aber solche Spiele haben doch ihre Grenzen, da gibt es feste Regeln und an die hat man sich zu halten. Und bestimmt gehört dazu nicht, sich ohne Gegenwehr die Kehle durchschneiden zu lassen.“
„Natürlich nicht!“ Annemarie erhob sich und gab damit den Blick auf den Boden rund um die Beine der Toten frei. „Aber siehst du die Staubschicht? Sie hat noch nicht einmal gezappelt, als er das Messer ansetzte.“
„Dann war sie vielleicht schon tot, als er ihr die Kehle durchschnitt?“
„Nein!“ Energisch mischte sich Buchner in die Spekulationen ein und lenkte damit den Blick wieder auf den Kopf der Toten. „Um so viel Blut aus dem Körper zu befördern, muss das Herz schon noch tüchtig pumpen. Und dass es den Körper noch ordentlich leergepumpt hat, zeigt sich wiederum an den nur sehr spärlich vorhandenen Leichenflecken.“
Franziska nickte. „Ja klar. Mein Fehler.“
Buchner schenkte ihr ein Lächeln. „Ich will mich nicht festlegen, das …“
„… können die Kollegen in München besser beurteilen!“ Auch Franziska lächelte über diese Routineaussagen.
„Sie könnte zu diesem Zeitpunkt einfach aufgegeben haben. Ich meine, so wie sie zugerichtet ist, war das keine Sache von fünf Minuten.“
„Wurde sie vergewaltigt?“
„Genau kann ich das nicht sagen. Fakt ist, dass sie im Genitalbereich schwer verletzt wurde. Ob nur äußerlich oder auch innerlich …“ Der Mediziner zuckte mit den Schultern.
„Aber dann muss sie doch wenigstens am Anfang geschrien haben. Und das muss doch jemand gehört haben. Draußen führt ein Weg direkt an der Tür vorbei. Da könnten Spaziergänger entlanggegangen sein …“ Franziska warf einen ratlosen Blick zu Hannes, der gerade neben ihr aufgetaucht war. Doch außer einem begrüßenden Nicken trug der nichts zum Gespräch bei.
„Können Sie etwas zum Todeszeitpunkt sagen?“, fragte Franziska vorsichtig, denn sie wusste, wie ungern sich der Notarzt solchen Spekulationen hingab.
„Na ja, ich denke jetzt mal laut nach. Die Leichenstarre ist voll ausgeprägt. Das ist in der Regel und vor allem bei den gerade herrschenden Temperaturen nach etwa acht bis zehn Stunden der Fall. Die Lösung sollte nach etwa vierundzwanzig Stunden beginnen. Das ist so, weil sich das Muskeleiweiß dann selbst verdaut, was anschließend in die Fäulnis übergeht. So weit ist es aber scheinbar noch nicht.“ Buchner blickte kurz die Kommissare an, sprach dann über die Tote gebeugt in seinem Vortragston weiter. „Die Leichenabkühlung erfolgt in drei Phasen. In den ersten zwei bis drei Stunden bleibt die Temperatur erhalten, die zum Todeszeitpunkt herrschte, danach geht sie pro Stunde etwa ein Grad runter, bis die Umgebungstemperatur erreicht ist.“
Der Mediziner blickte erst auf seine Uhr und dann auf die Thermometer, die er gerade ablas. „Jetzt haben wir 20 Uhr 50, sagen wir 21 Uhr. Die Umgebungstemperatur in diesem Raum beträgt 18 Grad. Die Mastdarmtemperatur unserer Leiche zeigt 19 Grad an. Sie ist also noch in der Auskühlungsphase. Wenn wir davon ausgehen, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes 37 Grad Körpertemperatur hatte, ergibt sich eine Differenz von 18 Grad beziehungsweise 18 Stunden, plus zwei bis drei Stunden. Macht 20 bis 21 Stunden oder eine geschätzte Todeszeit von 22 bis 23 Uhr am gestrigen Abend.“
Franziska nickte zufrieden. Sie wusste, dass sich Dr. Buchner auf diesen Zeitpunkt nicht festnageln lassen würde. Sie wusste aber auch, dass sie jetzt einen soliden Anhaltspunkt hatten.
„Gut, dann müssten wir jetzt nur noch wissen, wie lange sie hier zuvor festgehalten wurde.“
„Dazu kann vielleicht der Bibliothekar Georg Brummer etwas sagen“, mischte sich Hannes nun doch ein. „Ich habe ihn befragt, aber er musste zurück in den Lesesaal.“
„Was hat er ausgesagt?“
„Nur dass er sie aus Zufall gefunden hat. Er habe gestern Abend schon einige dieser“, Obermüller zuckte mit den Schultern, „Schätze geholt und wollte sich heute weitere holen, um sie sich in seiner Spätschicht vorzunehmen. Dabei hat er sie gefunden.“
„Wann gestern Abend?“
„Er meinte so um fünf. Da habe er seinen Spätdienst angetreten und da war der Raum leer.“
„Spätdienst! Ich wusste gar nicht, dass Bibliothekare so was machen“, überlegte Franziska.
„Na ja, das hab ich ihn auch gefragt, aber er sagte, er wäre lieber hier und sichte Bücher, als zuhause zu sein.“ Obermüller grinste kurz, aber aussagekräftig und streckte Franziska einen Zettel entgegen. „Hier ist seine Handynummer.“
„Und hier sind ihre Sachen“, mischte sich die kleine Mona, eine weitere Kollegin der KTU, in das Gespräch ein und drückte Hannes eine Plastiktasche in die inzwischen behandschuhten Hände. Mona war zwar nur einsfünfzig groß, dafür aber sehr gewieft und bekannt für ihre tollen Fotos. Wie immer hatte sie zunächst den ganzen Tatort minutiös abfotografiert, bevor irgendjemand sich daran zu schaffen machen durfte.
„Das hab ich da hinten gefunden.“ Mona zeigte zu einem der Stühle, die an der Wand aufgestapelt waren. „Solche durchsichtigen Taschen sind unter anderem in der Bibliothek vorgeschrieben“, bemerkte sie.
Annemarie nahm den Beutel aus Hannes’ Händen und schaute hinein. „Tempos, Geldbörse und Schlüsselbund.“ Vorsichtig hob sie ein Bündel Kleidung heraus. „Und ein komplettes Outfit: BH, Slip, Flipflops, ein Kleid“, zählte sie auf und schlussfolgerte sofort: „Demnach hat sie sich erst hier umgezogen!“
Hannes blickte sich um und dann die tote Frau an. „Also war sie verabredet und wollte den Mann beeindrucken“, spekulierte er.
„Ich weiß nicht. Das passt doch nicht! So was macht man in einem Hotel, aber doch nicht in einer Abstellkammer.“ Alle Augen richteten sich auf Franziska, doch die blickte ganz ruhig und nachdenklich auf die Tote. „So was zieht man am besten vor dem Spiegel an …“, Annemarie nickte zustimmend, „… und nicht in einer dunklen Ecke eines schmuddeligen Raumes. Noch dazu, wo hier ja scheinbar doch hin und wieder jemand vorbei kam.“
„Vielleicht hatte sie es zufällig dabei und ihr Partner überredete sie, es anzuziehen“, überlegte Hannes.
„Du meinst, sie haben es in der Stadt gekauft und fanden das so erregend, dass sie spontan beschlossen haben, hier Sex zu haben?“ Franziskas Gesichtsausdruck zeigte, dass sie dieser These sehr skeptisch gegenüberstand. „Habt ihr denn eine Einkaufstüte und einen Kassenzettel gefunden?“
Mona schüttelte den Kopf. „Nichts dergleichen!“
„Immerhin spricht die ganze Verkleidung für eine Beziehungstat. Für einvernehmlichen Sex, der dann zu heftig wurde“, resümierte Franziska ruhig. „Wie und warum sie hier gelandet sind, wird sich zeigen müssen …“
„Sie könnten sowohl durch die Bibliothek, als auch vom Innweg hereingekommen sein“, wusste Mona und griff nach der Geldbörse und dem Schlüsselbund, die sie vorsorglich in eine Asservatentüte gesteckt hatte. „Hier ist übrigens ihr Studentenausweis. Sie heißt Vanessa Auerbach.“
„Und sonst?“, fragte Franziska und blickte auf die Tasche.
„Hundertfünfzig Euro und eine EC-Karte. Zwei Kassenzettel, etwas Kleingeld. Eine Campus Card“, berichtete Mona und überprüfte die weiteren Fächer.
„Was ist mit dem Handy?“
„Kaputt!“ Mona holte aus ihrer Sammelbox eine weitere Tüte der Marke Asservatenkammer und hielt sie für alle gut sichtbar in die Höhe. „Dieses superschicke Smartphone wurde von irgendjemandem ziemlich schlecht behandelt.“
„Funktioniert es noch?“, hakte Franziska nach und wollte schon nach dem Handy greifen, aber Mona schüttelte energisch den Kopf. „Da muss ein Techniker ran.“
Resigniert nickte Franziska. „Was hast du sonst noch gefunden? Vielleicht die Tatwaffe, ein scharfes Messer oder so?“
„Bisher Fehlanzeige. Aber die Kollegen suchen bereits das Gelände ab.“
„Was allerdings schwierig werden wird.“
Franziska wirbelte herum. Hinter ihr stand der leitende Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger. „Ich habe mich gerade mit der Präsidentin der Universität unterhalten. Sie sagte mir, dass gestern auf dem Campus eine ziemlich große und durchaus laute Party stattgefunden hat, mit Livemusik, Picknick und wohl entsprechend viel Alkohol.“
„Immerhin erklärt das, warum niemand etwas bemerkt hat“, schlussfolgerte Hannes aus der Tatsache, dass zur Tatzeit rundum lautstark Musik gespielt worden war. „Man konnte ihre Schreie gar nicht hören. Vielleicht hat der Täter genau das ausgenutzt.“
Franziska nickte zögernd. „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber egal ob Prostitution, Liebesspiel oder was auch immer hier aus dem Ruder lief. Wir müssen herausbekommen, mit wem sie sich getroffen oder verabredet hat. Wer Zugang zu diesem Raum hatte und wer vielleicht doch etwas beobachten konnte.“ Sie griff nach dem Schlüsselbund in Hannes’ Händen.
„Wie kommen Sie auf Prostitution?“, hakte Schneidlinger ein wenig scharf nach, weshalb Franziska sofort in die Verteidigungsposition ging: „Ein Spiel? Geld? Drogen? Irgendetwas muss sie ja dazu gebracht haben, sich hier derart entkleidet auf ihren Mörder einzulassen.“
Schneidlinger blickte nachdenklich auf das zerstörte Gesicht der Toten. „Ja natürlich. Irgendetwas muss diese Frau dazu gebracht haben, an diesem besonderen Ort ein Stelldichein mit dem Tod zu haben.“

Ungeduldig pustete sie in ihre Tasse mit Kräutertee. Er würde ihr guttun, aber er war noch viel zu heiß, um ihn zu trinken. Enttäuscht stellte sie die Tasse zurück auf das kleine fahrbare Beistelltischchen, das sie sich an das Sofa herangezogen hatte und ließ sich in die Kissen sinken. Sie war so müde, so schrecklich müde und doch stemmte sie sich mit aller Kraft gegen den Schlaf, der ihren Körper gefangen nehmen wollte. Der ihn schwer wie Blei hinunter in die rabenschwarze Welt ihrer Albträume zu ziehen versuchte.
In diesen Albträumen stand sie am Gitter und schaute zu, wie das Monster zuschlug. Wie es quälte und zerstörte und schließlich tötete. Sie konnte nicht weglaufen, weil ihre Beine ihr den Dienst versagten. Sie wollte die Augen schließen, doch selbst dann hörte sie ja noch die entsetzlichen Schreie, wie von einem Tier. Nichts Menschliches lag mehr darin. Und immer spielte diese Musik, diese fürchterliche Musik, die so laut war, als müsse sie das, was geschah, überstrahlen, als könne sie es ungeschehen machen, wenn sie nur laut genug spielte. Als wäre alles nur ein großes Fest zu Ehren des Bösen, als wären alle gekommen, um seiner Zerstörungswut zu huldigen … und sie war mittendrin, gefangen in ihren eigenen Wünschen und Gedanken, von ihrer eigenen Hoffnung auf Gerechtigkeit, gefangen in ihrer Verletztheit und ihrer großen, großen Angst.
Sie sackte noch tiefer in die Kissen. Nur kurz ihren Kopf anlehnen, nur kurz die Augen schließen, auch wenn sie auf keinen Fall einschlafen durfte. Ihre Muskeln schmerzten wie nach einem langen Fieber. Sie fühlte sich so matt, und doch wusste sie, dass es kein Fieber war. Nie wieder wollte sie die Augen schließen, nie wieder in Ruhe schlafen. Sie war zur Komplizin eines Monsters geworden, ohne die Kraft sich ihm zu entziehen. Warum nur hatte sie in diesen Strudel aus Lüge und Betrug, aus Hass und Vergeltung geraten müssen? Warum nur hatte er ihr das alles angetan?

Kaum hatten Franziska und Hannes Vanessa Auerbachs Wohnung betreten, lächelte ihnen die ehemalige Bewohnerin in einem enganliegenden Abendkleid von einem großformatigen Foto sehr selbstbewusst entgegen.
„Für Inszenierungen hatte sie also schon mal was übrig“, kommentierte Franziska das Hochglanzplakat gegenüber der Eingangstür und warf Hannes einen fragenden Blick zu. „Hübsches Mädchen, selbstbewusst und eine eigene Wohnung. Warum hat sie sich bloß auf so einen Fessel-Scheiß eingelassen?“
Hannes zuckte die Schultern, wandte sich ab, öffnete die Tür zur Küche und tastete mit den Händen nach dem Lichtschalter.
Nachdem Hauptkommissar Schneidlinger mit Nachdruck dafür gesorgt hatte, dass die Studentenkanzlei, bei der alle Studierenden der Passauer Uni registriert sind, so spät am Abend nochmals besetzt worden war, war es eine Kleinigkeit gewesen, die Adresse der Toten herauszufinden. Mithilfe des bei ihr gefundenen Schlüssels hatten sie nach zweimaligem Klingeln – für den Fall, dass sie nicht allein lebte – die Wohnung im Klosterwinkel geöffnet.
„Hier ist es fast klinisch sauber“, kommentierte Hannes die Kücheneinrichtung. Er zog einige Schubladen auf und inspizierte den Inhalt des Kühlschrankes. „Es gibt weder Wurst noch Bier. So wie es hier aussieht, hat sie sich von Joghurt ernährt.“
Franziska nickte und ging vor ihm her ins Wohnzimmer. Es war nicht besonders groß und unspektakulär möbliert: ein Sofa, eine Anrichte, ein kleiner Esstisch mit vier Stühlen, Bücherregal, Fernseher. Vor dem Fenster hingen Raffrollos in leuchtenden Farben. Franziska zog sie hoch, was den Blick auf den nächtlichen Inn und das auf der anderen Seite liegende, hoch aufragende und sehr schön beleuchtete Kloster Maria Hilf freigab.
„Wahnsinn, was für ein Ausblick“, bemerkte sie und wandte sich vom Fenster ab, um das Regal zu durchsuchen. Da gab es einige Lehrbücher, Ordner, eine Box mit Stiften, Bücher und CDs. Gleich daneben hingen einige Gruppenaufnahmen an einer Pinnwand, wie sie zum Ende der Schulzeit oder ähnlichen Anlässen gern gemacht wurden.
„Kein Foto von einem Mann, aber die hier sind immerhin ein Anfang“, versuchte sich Franziska zu freuen.
„Vielleicht war die Beziehung noch zu neu. Ich meine, wie lange hast du kein Foto von deinem Bühnenkünstler auf dem Schreibtisch stehen gehabt?“
„Hab ich noch immer nicht. Wir teilen unser Büro einzig mit deiner Sabrina“, gab sie schnippischer als gewollt zurück und wandte sich, als sie es bemerkte, rasch dem Tisch zu, der offensichtlich gleichermaßen zum Essen und Lernen genutzt wurde. Neben einer gut gefüllten Obstschale stand dort ein Laptop, der, wie Hannes jetzt feststellen musste, mit einem Passwort geschützt war. Insgesamt fanden die Kommissare alles sehr ordentlich, bis sie ins Schlafzimmer kamen.
„Ups!“ Überrascht hielt Franziska inne. Vor ihren Augen breitete sich das totale Chaos aus. Auf dem großen Bett und dem hellen Holzboden lagen mehrere Blusen, T-Shirts, Hosen, zwei Kleidchen und etliche winzige Dessous verstreut. „Ich würde sagen, hier hat sich jemand nicht entscheiden können.“ Vorsichtig lugte sie in die offenstehenden Türen des Kleiderschranks und zog dann eine enttäuschte Schnute. Denn außer weiteren Klamotten, verschiedenen Schuhen und zwei Handtaschen, die Franziska herausnahm und öffnete, fand sich auch hier kein Hinweis auf einen Mann. „Schade! Ich hab schon gehofft, hier ihr geheimes Lager zu entdecken, wo sie alles bunkert, was Besuchern verborgen bleiben soll“, erklärte sie ihre Enttäuschung.
Hannes trat hinzu, hob einen der am Boden liegenden Büstenhalter auf, wog ihn in der Hand und meinte dann nachdenklich: „Eher Durchschnitt.“
„Ja“, antwortete Franziska, beachtete das billige Spitzengewebe aber nicht weiter. „Wie sieht es im Bad aus?“
„Nichts. Kein Rasierzeug, keine zweite Zahnbürste, kein Schlafanzug.“ Vorsichtig legte er den Büstenhalter aufs Bett zurück. „Vielleicht hat er ja ihre Sachen benutzt?“
„Machst du das?“ Sie blickte Hannes abwartend an, und als er nicht antwortete, fügte sie hinzu: „Das heißt, sie lebte allein, und ob sie eine Beziehung führte, wissen wir nicht.“ Suchend blickte sie sich um und landete schließlich wieder im Wohnzimmer vor den Gruppenbildern, auf denen Vanessa immer in der ersten Reihe stand. „Mensch Mädchen! Wenn wir das Schwein finden sollen, musst du uns schon was über dein Liebesleben preisgeben.“ Sie nahm die Fotos von der Pinnwand und blickte sich suchend nach einem Umschlag zum Verstauen um.
„Hey, hast du das schon gesehen, da hinten steht was drauf!“ Hannes nahm ihr eines der Fotos aus der Hand und drehte es so, dass er es lesen konnte. „Comenius-Gymnasium Deggendorf K12“.
Während Hannes las, nahm sich Franziska das Regal vor. „Schade, sie stand anscheinend nur auf Fantasy-Bücher. Dabei hatte ich gehofft, sie wäre eine SM-Anhängerin gewesen und würde uns vielleicht damit einen Hinweis geben.“ Franziska zuckte enttäuscht mit den Schultern. „Aber zumindest wissen wir jetzt eines ganz sicher: Wenn es einen Mann in ihrem Leben gegeben hat, dann hat sie ihn ziemlich gut versteckt.“
„Also eine typische Studentenwohnung, die nichts über die wahren Vorlieben ihrer Besitzerin aussagt“, kommentierte Hannes, doch das wollte seine Kollegin nicht gelten lassen.
„Das stimmt doch gar nicht.“ Sie blickte auf ihr Handy, um zu sehen wie spät es war und entdeckte eine SMS von Walter, die sie sich aber nicht zu lesen traute. „Wir haben die Fotos und können uns den Laptop vornehmen. Und …“, sie grinste, während sie ein mit dem Uni-Logo versehenes Blatt aus einem Buch zog, „… wir haben das hier!“
Hannes nahm es ihr aus der Hand und überflog den Inhalt. „Eine Ausschreibung für ein Seminar zum Thema „Betriebliches Rechnungswesen“. Wenn sie daran teilgenommen hat, wird vielleicht einer der Teilnehmer etwas mehr über sie wissen.“
Franziska zuckte mit den Schultern. „Das wird sich zeigen, aber es ist zumindest ein Anfang. Und morgen kann sich ja die Spurensicherung noch einmal alles ansehen.“

Obwohl sich Franziska Hannes gegenüber so zuversichtlich gab, hatte sie natürlich sehr wohl gehofft, in der Wohnung einen Hinweis auf eine offensichtliche Beziehung zwischen Vanessa Auerbach und einem Mann zu finden. Ein Foto, eine Anschrift, vielleicht den Freund persönlich, der sich unbeteiligt gab und den sie durch ein paar geschickte Fragen und seine am Tatort hinterlassenen Spuren sehr schnell überführen konnten. Stattdessen musste sie sich mit einem Klassenfoto und einem gesicherten Laptop zufrieden geben. Andererseits konnte sie so in aller Ruhe nach Hause fahren. Sie hatte nur noch rasch Hannes bei seinem Fahrrad an der Uni absetzen müssen. Von dort radelte dieser zu sich nach Hause in den Fuchsbauerweg, wo sein Schätzchen Sabrina, ebenfalls Polizistin, aber bei der Bereitschaftspolizei, auf ihn wartete.
Während Franziska ihm hinterherblickte, fiel ihr die SMS von Walter wieder ein. Er wolle nach seinem Termin am Theater in seine Wohnung fahren und dort übernachten, damit sie sich ganz auf ihren Fall konzentrieren konnte, las sie und war enttäuscht. Eine leere Wohnung und ein leeres Bett – beides fand sie in diesem Moment nicht besonders anziehend. Darum ließ sie ihr Auto vor der Studentenkanzlei stehen und beschloss spontan, noch einen Abstecher zum Inn zu machen, um sich dort in der kühlen Nachtluft den Kopf freipusten zu lassen.
Auf dem gesamten Uni-Gelände war es an diesem Abend beinahe gespenstisch ruhig. Ob es daran lag, dass selbst Studenten nach einer so ausgelassenen Feier wie am gestrigen Abend ein wenig mehr Schlaf benötigten, oder vielleicht doch eher an der Tatsache, dass sich die Nachricht vom Tod ihrer Kommilitonin bereits herumgesprochen hatte, konnte sie nur vermuten. Aus Erfahrung wusste Franziska, dass sich junge Menschen gern für unverwundbar hielten. Vielleicht hatten sich die Studenten ja auch, wenn schon nicht ins eigene Bett, so zumindest in ihre vier Wände oder in eine der Altstadtkneipen zurückgezogen, die als Treffpunkt dienten.
Der Leichnam von Vanessa Auerbach dagegen war längst in der Frauenlobstraße in München angekommen, und mit ein bisschen Glück wurde er dort auch schon obduziert. Je schneller sie das Ergebnis bekämen, desto früher konnten sie die dabei gewonnenen Erkenntnisse verwerten.
Vor dem Tatort hatte Kriminalhauptkommissar Schneidlinger eine Streife postiert, um ihn vor unbefugten Besuchern zu schützen. Die Spurensicherung sollte weitermachen, sobald es hell wurde. Ob sie unter all den Spuren und Fundstücken, die auf dem weitläufigen Gelände verstreut lagen, doch noch eine Tatwaffe finden könnten, oder etwas, was die Aufklärung der Tat beschleunigen würde, war nach einem derartigen Event, wie es zur Tatzeit abgehalten worden war, allerdings mehr als fraglich.
Müde ließ sich Franziska auf einer der vielen Parkbänke nieder und versuchte, an etwas anderes als den brutalen Mord an der Studentin Vanessa Auerbach zu denken, was ihr nicht gelingen wollte. Stattdessen stellte sie weitere Vermutungen an: Welche Art Männer musste sie gekannt haben, damit diese imstande waren, ihr so etwas anzutun?
Franziska blickte auf den nächtlichen Inn, als könne er ihr eine Antwort geben. Vor zwei Jahren hatte hier das Jahrtausend-Hochwasser alles unter sich und den mitgeführten Schlamm- und Sandmassen begraben. Danach waren unzählige ehrenamtliche Helfer ans Werk gegangen und hatten die Stadt in kürzester Zeit wieder aufgeräumt. Fremde, die einfach nur helfen wollten, weil es so unfassbar war, was Wassermassen anrichten konnten.
Hatte auch Vanessa Auerbach sich auf einen Fremden eingelassen oder hatte sie den Mann, der in der vergangenen Nacht mit so viel Brutalität ihr Leben ausgelöscht hatte, tatsächlich gekannt?
In ihrer Wohnung gab es absolut keine Hinweise auf eine Beziehung, weder eine bestehende noch eine vergangene. War sie einfach nicht der Typ gewesen, der die Trophäen vergangener Eroberungen hortete? Oder hatte sie ihr Liebesleben den Prinzipien unserer modernen Wegwerfgesellschaft angepasst: vorbei und weg damit?
Vanessa war ein hübsches Mädchen gewesen, die Haare lang, die Fußnägel lackiert, die Scham rasiert. Eine Frau, die Männern gefallen, von ihnen begehrt und nicht misshandelt werden wollte. Die Wäsche in ihrer Wohnung war weder bieder noch besonders aufreizend. Warum zeigte sie sich dann ausgerechnet an einem Ort wie dem Dublettenmagazin der Zentralbibliothek in einem derart gewagten Outfit?
Dafür konnte es nur eine Erklärung geben. Der Täter musste sie dazu animiert haben, musste die Sachen mitgebracht und sie ihr gegeben haben. Und ihrer Einschätzung nach musste sie sie auch freiwillig angezogen haben. Und dann? Was war dann passiert? Warum war dieses Rendezvous tödlich ausgegangen? Konnte sie wirklich so leichtsinnig gewesen sein, sich mit einem Mann das erste Mal auf diese spezielle Weise zu treffen und keinerlei Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen?
In einer Zeit, in der scheinbar alle auf einer verherrlichenden Sado-Maso-Welle ritten und kritiklos den Kick in der Hingabe ohne Absicherung suchten, war ja vielleicht sogar das möglich. Aber gehörte zu diesem Kick dann auch ein Platz zwischen staubigen alten Büchern und der Möglichkeit, entdeckt zu werden?
Franziska blickte nach links. Der Radweg entlang des Inns führte in dieser Richtung bis zur Ortsspitze, um sie herum und dann an der Donau entlang weiter. Sie wandte den Kopf und schaute nach rechts. In die entgegengesetzte Richtung konnte man bis nach St. Moritz durchradeln. Wobei der Inn mit seinem grünen Gebirgswasser noch etwas höher gelegen im Malojapass entspringt und dann mehr als fünfhundert Kilometer zurücklegt, bis er an der Ortsspitze in die Donau mündet.
Das alles hatte mit der Tat und mit ihrem Fall wenig zu tun, außer dass es zeigte, wie einfach der Täter den Tatort verlassen haben konnte. Wobei er genauso gut zu Fuß über die großangelegten Wiesenflächen, zwischen grillenden und feiernden Studenten oder mit dem Auto über die Innstraße entschwunden sein konnte. Letztlich sogar mit einem Boot.
Denn tatsächlich führten die Rasenflächen bis zum Fluss und wurden immer wieder für spontane Partys genutzt, so wie in der vergangenen Nacht, um das Studentenleben aufzulockern. Hinter ihr wuchsen große Büsche; sie sorgten bei Tag, wenn die Sonne unbarmherzig schien, für Schatten. In der Nacht konnte sich aber auch problemlos jemand dahinter verbergen. Jemand, der ein leichtes Opfer suchte und dieses dann ausgerechnet in den Keller der Zentralbibliothek entführte? Nein, nein, nein, dachte Franziska, nie und nimmer! Und dann begann sie doch ein wenig zu frösteln.
Im Grunde fürchtete sie sich nie oder zumindest nicht auf einer nächtlichen Parkbank auf dem Universitätsgelände. Und auch jetzt, trotz allem, konnte sie sich immer noch nicht vorstellen, dass Vanessa ihren Mörder nicht gekannt haben sollte. Vanessa – sie versuchte der Toten in ihren Gedanken das Gesicht wiederzugeben, ein Gesicht, das der Täter ihr mit Tritten oder Schlägen genommen hatte. Übertötung nennt man das, wusste die Kommissarin und auch, dass dahinter oft der Wunsch des Täters steckte, dem Opfer nicht nur das Leben, sondern auch die Identität zu rauben. Hatte Vanessa diesen Mann aus ihrem Leben verbannt und hatte er sie dann genauso zerstören wollen, wie sie ihre Beziehung zu ihm?
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als mehr über Vanessa Auerbach herauszufinden. Was ja eigentlich nicht so schwer sein durfte. In einer Zeit der allgemeinen Vernetzung und Verlinkung sollte sie doch Menschen finden, die die lebende Vanessa gekannt hatten und etwas über sie und ihre Bekanntschaften sagen konnten.
Alles sprach für eine Beziehungstat. Für eine gescheiterte oder zumindest für eine aus dem Ruder gelaufene Beziehung. Solche Fälle hatte sie schon des Öfteren erlebt. Eine totgeschlagene Ehefrau, die zur letzten Aussprache gegangen war, ohne begriffen zu haben, dass ihr Mann, wenn er sagte, er könne ohne sie nicht leben, das auch wortwörtlich meinte. Ihre letzte Aussprache war dann wirklich das letzte, was sie erlebte. Manchmal nahm sich der Mann dann ebenfalls das Leben, warf sich vor einen Zug oder knallte mit dem Auto gegen einen Baum. Sie konnte sich an zwei Fälle erinnern, wo es genauso abgelaufen war. Beim dritten hatte dem Mann der Mut gefehlt, es auch für sich selbst zu Ende zu bringen. Alle drei hatten Abschiedsbriefe geschrieben, worin sie mehr oder weniger flüssig beschrieben, was in ihnen vorgegangen war und warum sie so und nicht anders gehandelt hatten.
Diese Männer hatten ihre Frauen geschlagen, gewürgt und dann getötet. Wenn schon nicht auf Erden, dann zumindest im Himmel vereint, lautete die Botschaft. Eine Liebe, die nicht sterben durfte. Eine unendliche Liebe, die mit brutaler Gewalt gegen die Frauen erzwungen wurde. Unvorstellbar für einen rational denkenden Menschen, für die Täter aber allem Anschein nach der einzige Ausweg aus ihrem ganz persönlichen Dilemma. Eine der Frauen war damals ziemlich heftig vergewaltigt worden. Wobei sie alle drei in der gemeinsamen Wohnung oder dem gemeinsamen Haus gestorben waren und sich keine der Frauen extra aufreizend angezogen hatte.
Vielleicht würde sich ja auch im Fall Vanessa Auerbach ein solcher Abschiedsbrief finden, hoffte die Kommissarin, auch wenn nach dem aktuellen Ermittlungsstand nichts zu einer letzten Aussprache passte.
Franziska wandte sich um und blickte hinauf zu dem hell gestrichenen Bau der Zentralbibliothek, wo noch immer Licht brannte. Es war kurz vor elf. Der Bibliothekar leiste noch seinen ganz persönlichen Spätdienst, hatte Hannes gesagt. Franziska öffnete ihre Tasche und holte ihr grünes Notizbuch heraus. Darin lag der Zettel mit der Handynummer des Bibliothekars. Ich hoffe, du bist auch heute noch im Dienst und hast es nach allem, was passiert ist, nicht vorgezogen nach Hause zu fahren, dachte sie kurz. Dann tippte sie die Nummer ein und wartete darauf, dass ihr Anruf entgegengenommen wurde. Wenn sie an diesem Abend schon nichts über Vanessa in Erfahrung bringen konnte, dann konnte sie ja vielleicht die Frage klären, wie Opfer und Täter ins Dublettenmagazin gelangt waren.

Aufrecht saß er auf seinem schmalen Bett und beobachtete eine dunkelbraune Hausspinne, die über den Boden lief. Im Schutz der Dunkelheit war sie unter dem Schrank hervorgekommen und suchte jetzt nach einem geeigneten Platz, wo sie ihr Netz spinnen und darin ihre Beute fangen konnte. In seinem Zimmer gab es viele Spinnen. Er liebte sie, sie waren so konsequent, so gnadenlos. Sie sponnen ihr Netz und fraßen das, was sich darin fangen ließ. Wenn sie ihr Opfer erst einmal eingewickelt hatten, gab es kein Entrinnen mehr.
Um sie beobachten zu können, brauchte er kein Licht anzumachen, ihm reichte das wenige Licht der Straßenlaterne, das durch das Fenster hereindrang. Ruckartig lehnte er sich zurück und schlug ein paar Mal hart mit dem Hinterkopf gegen die Wand, bis sich alles um ihn herum drehte. Dann sprang er auf und schrie so laut er konnte.
Doch die Benommenheit in seinem Kopf ließ nicht nach. Wie ein Zug rauschte sie durch ihn hindurch. Ein Zug mit Hunderten von Güterwagen, die einer nach dem anderen durch seinen Kopf ratterten.
Dabei hatte er es doch getan.
Ratatat, ratatat, ratatat. Endlos fuhren die Waggons, weiter und immer weiter. Er legte seine Hände an die Ohren, doch das Rattern nahm noch zu. Ratatat, ratatat, ratatat! Er wollte, dass es aufhört, aber je mehr er sich das wünschte, desto schneller fuhr der Zug.
Die Spinnen töteten, um zu überleben und er machte jemand kalt, um seinen Schmerz weiter zu geben. Bis er es getan hatte, hatte er gar nicht gewusst, dass das die Lösung für sein Problem sein könnte und auch jetzt schien es irgendwie noch nicht stimmig zu sein. Eigentlich hätte er sich danach gut fühlen sollen, aber das Gegenteil war der Fall. Im Moment fühlte er sich wie früher, wenn er sich ganz schrecklich auf Weihnachten gefreut und dann doch wieder nur Dresche gekriegt hatte.
Für einen Moment hielt er inne. Irgendwie wollte ihm der Vergleich nicht so recht gefallen. Letztlich hatte er sich doch selbst beschenkt. Hatte sich genommen, was er haben wollte. Es war gut gewesen, oh ja. Aber eben nicht so gut, wie er gehofft hatte.
Vielleicht weil er sich das alles viel einfacher vorgestellt hatte. Nicht so chaotisch. Und mit so viel Blut und Sauerei hatte er auch nicht gerechnet. In seinen Fantasien war sein Opfer schneller gestorben. Er stellte sich gern solche Sachen vor. Es gefiel ihm, wenn seine imaginären Opfer laut aufschrien, weil sie erkannten, dass sie in seiner Gewalt waren und dass er mit ihnen machen konnte, was immer er wollte. Oder sie schrien, weil sie begriffen, dass sie keine Chance hatten, ihm zu entkommen, was auf das Gleiche hinauslief. Sie schrien und er wollte sie zum Schweigen bringen. Und je mehr sie schrien, desto lustvoller ließ er sie verstummen. Zu viel schreien durften sie nämlich auch nicht, weil er sich dann nicht auf das konzentrieren konnte, was ihn befriedigte und den Zug in seinem Kopf zumindest langsamer werden ließ.
Es hatte ihm gefallen, sie nicht gleich zu töten, sondern erst noch ein bisschen ranzunehmen. Er sah sie wieder vor sich und bekam prompt einen Steifen, weil das so ein Wahnsinnsgefühl gewesen war. Ohne zuvor etwas anderes zu tun, einfach rein und raus und wieder rein und immer tiefer rein, bis sie lauter und immer lauter schrie und sich zu wehren versuchte, bis er sie gewürgt hatte, damit sie aufhörte zu schreien, ohne Mitleid, denn letztlich war sie ja selber schuld gewesen, er hatte sich ja nur genommen, was sie ihm angeboten hatte und somit hatte sie es ja auch nicht anders verdient gehabt.
Er nahm die Hände von den Ohren und bemerkte, dass das Rattern nachgelassen hatte. Es hatte ihm unglaublich gut gefallen, wie sie schrie und sich wehren wollte, obwohl er sie da schon gefesselt hatte. Aber das war dann erst später gewesen.
Gleich als sie in sein Blickfeld geraten war, hatte er einen ordentlichen Ständer bekommen. Er hatte sie ein bisschen schreien lassen und dann … Aber dafür hatte er ja die Eisenstange dabei. Sie sackte einfach zusammen und er konnte sie in aller Ruhe verschnüren.
Mann, war das geil! Als sie gefesselt da lag und langsam wieder wach wurde und erkannte, was er mit ihr vorhatte und dass sie nicht abhauen konnte. Erst hatten sich ihre Augen geweitet und dann hatte sie geschrien. Er hätte ihr den Mund zuhalten können, aber das wäre dann nicht mehr so schön gewesen. Stattdessen hatte er sie einfach rangenommen. Erst vorn und dann hinten. Und wenn sie zu laut wurde, hatte er sie einfach wieder gewürgt, bis sie still war.
Und dann war sein Blick auf die Eisenstange gefallen. Er grinste bei dieser Erinnerung und öffnete endlich seine Hose. Das war ein Fest. Das musste er unbedingt wiederholen. Seine Bewegungen waren jetzt gleichmäßig und je mehr er an sie dachte, desto mehr nahmen sie an Intensität zu.
Wie sie um Gnade gewinselt hatte und er sie wieder und wieder … „Oooh!“, entfuhr ihm ein langer tiefer Seufzer. Das ist jetzt aber schnell gegangen, dachte er und wusste, dass er sich noch sehr oft an diesen Moment erinnern würde, den Moment, in dem sie gewusst hatte, dass sie ihm nicht mehr entkommen würde und ihre ganze Schreierei umsonst gewesen war. Dass die ihn noch zusätzlich angemacht hatte.
Als er die Stange aus ihr herausgeholt hatte, war sie voller Blut gewesen. Eine richtige Sauerei. Das wollte dann auch gar nicht mehr aufhören. Bis ihm die Idee mit dem Messer gekommen war. Eigentlich wollte er sie ja sowieso abstechen. Das hatte er auch extra geübt. Aber dann hatte er es sich ganz spontan anders überlegt, ihre Haare gepackt und zack – war es vorbei mit ihr! Aber die wäre ja sowieso nicht mehr zu gebrauchen gewesen, nachdem er die Eisenstange … Er lachte, und sein Blick fiel hinüber zu der Tüte auf dem Boden, in der das Teil steckte und schon wurde er wieder ganz scharf. Vielleicht sollte er darüber doch noch einmal ausgiebig nachdenken, jetzt wo der größte Druck weg war. Denn je länger er sich in seiner Erinnerung damit beschäftigte, desto langsamer wurde der Zug und kam manchmal sogar ganz zum Stillstand.

Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger hatte den neuen Fall und sein Vorgehen gleich bei Dienstbeginn mit Oberstaatsanwalt Dr. Dieter Schwertfeger besprechen wollen, dabei jedoch erfahren, dass dieser im Urlaub war und er sich mit dessen Urlaubsvertretung arrangieren musste. Dass die Gnädigste, wie er sie später freundlich titulierte, nicht die Richtige war, erkannte er sofort. Lydia Ehrenberger hatte weder Interesse an einer gut geführten Teamarbeit noch war sie bereit, persönlich aus dem am Domplatz gelegenen Heinrichsbau zu ihnen in die Nibelungenstraße herüberzukommen.
„Natürlich klären wir diesen Fall in Windeseile auf, gnädige Frau“, murmelte er, als er an Ramona vorbei zum Besprechungsraum ging, um die dort wartenden Kollegen zu instruieren. Die Sekretärin hatte seinen Satz aufgeschnappt und fragte sofort, ob sie etwas für ihn tun könne.
„Bringen Sie der ganzen Truppe Kaffee, den werden wir brauchen“, erklärte er und versuchte sich in einem freundlichen Lächeln. Schließlich konnte die Sekretärin nichts dafür, dass sich die Staatsanwaltschaft hinter Floskeln verschanzte.
Nun war Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger seit seinem Dienstantritt bei der Passauer Mordkommission dafür bekannt, dass er seinen Kaffee am liebsten selbst zubereitete und anschließend, zur Reflexion der Lage, auch das Geschirr selbst spülte. Wenn er also ohne seinen eigenen, und wie Franziska gern spottete, heiligen Kaffeeautomaten unter dem Arm an Ramona vorbeiging und die Kaffeezubereitung delegierte, dann musste schon ein ganz besonderer Druck auf ihm lasten.
„Dr. Schwertfeger genießt seinen wohlverdienten Urlaub, und die Staatsanwältin, die ihn vertritt, hat heute bereits einen Anruf von der Universitätsleitung bekommen“, erklärte er seiner Truppe und blickte einen nach dem anderen an. „Sie wissen, was das heißt?“
„Dass der Täter seit gestern in seiner Zelle sitzen sollte“, schmunzelte Obermüller gelassen. Der Ermittler, dessen Körperbau man früher mit den Ausmaßen eines Kleiderschrankes verglichen hätte, war seit dreißig Jahren bei der Kripo. Bisher hatten ihn derartige Anforderungen noch nie aus der Ruhe gebracht. Ein tragischer Fall konnte ihn um den Schlaf bringen, oder die Sorge um die Kollegen. Aber eine Drohung der Staatsanwaltschaft sicher nicht.
„Was war mit der Wohnung?“, fragte der Chef, ohne auf diesen flapsigen Kommentar einzugehen. Er mochte von Lydia Ehrenberger halten was er wollte, trotzdem würde er den Beweis antreten, dass er und sein Team einen Ruf zu verlieren hatten.
„Praktisch nichts. Wir haben zwar nicht jedes Buch umgedreht, aber was wir gesichtet haben, wies auf keinerlei Beziehung hin“, erklärte Franziska.
„Gut, dann soll die KTU jedes Buch umdrehen!“
Annemarie verschluckte sich fast an einem Keks, an dem sie knabberte und hustete daher heftig, bevor sie nickte.
„Was ist mit dem Handy?“
Wieder nickte sie. „Wir sind dran, wobei derjenige, der es zerstören wollte, ganze Arbeit geleistet hat.“
Schneidlinger blickte eher durch Obermüller hindurch als er anwies: „Gut, dann gehen Sie mit dem Kollegen Gruber auf den Campus und befragen Kommilitonen und Professoren. Gehen Sie in Uniform, zeigen Sie Präsenz. Finden Sie heraus, mit wem Vanessa Auerbach studierte oder sich sonst getroffen hat. Wer hat sie gekannt, wer weiß etwas über sie?“
Jetzt blickte der Chef zu Franziska und Hannes. „Wer hatte Zugang zu dem Raum, in dem sie gefunden wurde? Wie sind Täter und Opfer hinein gekommen? Et cetera pp. Ich werde sehen, ob wir Verstärkung bekommen können, aber Sie wissen ja selbst, seit Passau das neue Lampedusa für alle Flüchtlinge ist, die über die Balkanroute nach Deutschland kommen, sieht es in dieser Hinsicht schlecht aus.“
Als Ramona gleich darauf die Tür aufstieß, um das beladene Tablett hereinzubalancieren, gönnte er allen eine kurze Pause, die Franziska nutzte.
„Wir haben zwar keinen Hinweis auf eine Männerbekanntschaft, aber ein Foto, das Vanessa beim Abschluss ihrer Schulzeit zeigt und ein weiteres unkommentiertes, vielleicht mit ihrer Clique.“ Sie schob beide Fotos über den Tisch. „Und zudem habe ich gestern Abend noch mit dem Bibliothekar über einen möglichen Zugang zum Tatort gesprochen.“
Sie lächelte ein wenig zufrieden, weil auch Hannes sie erstaunt ansah und fuhr dann fort. „Durch die Bibliothek wäre nur jemand mit einem Generalschlüssel in dieses Dublettenmagazin gekommen. Der Bibliothekar war sich aber nicht sicher, ob nicht er selbst den Raum unverschlossen verlassen hat. Er ist wegen dieser Sache ziemlich zerknirscht“, berichtete die Kommissarin und dachte an seine umständliche Begründung. Dieser Bibliothekar war genau der Typ Mann, der seine Abende lieber an seinem Arbeitsplatz, in der Kneipe oder beim Sport, als zuhause bei der Familie zubrachte.
Schneidlinger ging nicht weiter auf das Schlüsselthema ein, sondern wandte sich wieder an Obermüller und Gruber. „Dann nehmen Sie dieses Foto mit, vielleicht kennt ja jemand die Abgelichteten“, ordnete er an, bevor er sich zu Franziska hindrehte.
„Frau Steinbacher …“, die Oberkommissarin erwiderte seinen Blick, „… Sie fahren bitte gleich im Anschluss mit Herrn Hollermann nach Deggendorf und reden mit den Eltern der Toten, bevor die diese Nachricht aus den Medien erhalten. Ich habe bereits einige Anfragen von Journalisten bekommen.“
„Alles klar, Chef“, nickte sie und schaute kurz zu Hannes, ob der etwas einzuwenden hatte.
„Ach ja!“ Schneidlinger hielt kurz inne, als müsse er erst nach dem richtigen Ton suchen. „Und vergessen Sie bitte die Nachbarn nicht. Vielleicht gibt es ja doch einen Freund, er muss ja nicht bei ihr gelebt haben.“
Franziska wollte schon protestieren, als sich Schneidlinger erhob und in die Runde grüßte. „So, dann trinken Sie Ihren Kaffee aus und machen sich an die Arbeit. Wenn sich etwas Neues ergibt …“ Der restliche Satz ging im allgemeinen Gemurmel unter.

„Wir müssen unbedingt wissen, mit wem Ihre Tochter befreundet war“, erkundigte sich Franziska bei Jens und Mandy Auerbach, nachdem sie den beiden die traurige Nachricht vom Tod der Tochter überbracht hatte. Sie versuchte, sich nicht zu sehr vom Anblick der abgewetzten Sofalehnen, des verschlissenen Teppichs und der angestoßenen Kaffeebecher auf dem Tisch gefangen nehmen zu lassen.
Gleich nach der Besprechung waren sie ins rund fünfzig Kilometer entfernte Deggendorf gefahren, wo die Eltern in einem zum Sofa passenden Wohnblock lebten. Oder vielmehr ihre Zeit totschlugen.
„Das wissen wir nicht“, erklärte die Mutter mit noch immer zitternder Stimme. Unter Schluchzen nickte sie ihrem Mann zu. „Sie war … Wir kamen ja gar nicht mehr an sie heran, und sie wollte auch nichts mehr mit uns zu tun haben.“
„Sie hielt uns für Spießer, nein, eigentlich für Loser“, erklärte Vanessas Vater. „Sie meinte, wir wären ja selber schuld an unserer Situation. Wir hätten unser Leben verpfuscht. Ihr könnte so etwas nicht passieren, glaubte sie.“ Resigniert nickte er seinen eigenen Worten nach.
Franziska wechselte einen schnellen Blick mit Hannes und mutmaßte dann vorsichtig: „Sie hatten nicht sehr viel Kontakt zu Ihrer Tochter?“
„Unsere Tochter war auf der Suche nach einem besseren Leben. Aber vor allem wollte sie es ganz anders machen als wir.“ Wieder lachte der Vater bitter auf. „Nun, wie es aussieht, hat sie das ja jetzt geschafft.“
„Jens, wie kannst du so etwas sagen!“ Vanessas Mutter konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
„Ist doch wahr!“ Er sah sich im Wohnzimmer um, als müsse er selbst erst begreifen, wie er hierher gekommen war. „Auch wir haben doch immer von einem besseren Leben geträumt.“
Nach einer kurzen Pause sah er erst Hannes und dann Franziska an. „Wir stammen von Drieben“, erklärte er und verfiel tatsächlich noch ein wenig mehr in seinen sächsischen Heimatdialekt. „Zunächst kannten wir es nicht anders, wir sind ja in das System hineingewachsen.“
„Es war ja auch nicht alles schlecht“, kommentierte die Mutter und lächelte wie ertappt, weil dieser Satz schon so häufig dafür hatte herhalten müssen, wenn Menschen versuchten, die eigene Vergangenheit nicht zu sehr abwerten zu lassen.
„Es wurde ja erst mit den Jahren immer enger, immer aussichtsloser. Oder vielleicht haben wir erst mit der Zeit kapiert, dass wir keine Perspektiven hatten, dass es um uns herum nur noch ein Verwalten des Untergangs gab. 1989, kurz vor der tatsächlichen Wende, träumte fast jeder … wenn nicht von der Flucht, so doch vom Leben im goldenen Westen.“
Jens Auerbach nahm seine Tasse und trank einen Schluck Kaffee. Keiner der anderen im Raum sagte etwas. „Wir kamen mit einem Urlaubsvisum nach Ungarn und flohen dann über Österreich nach Westdeutschland. Im Sommer 89 war das wie ein Virus. Die Ungarn hatte ihre Grenzen geöffnet, und wir DDR-Bürger sahen das Wunder.“
„Das wirkliche Wunder war, dass wir ein Visum bekommen haben“, mischte sich seine Frau ein. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Ja, alle wollten weg, und es schien dem Regime trotzdem nicht aufzufallen, dass ein Urlaub in Ungarn der beste Weg dafür war. Als wir Mitte Oktober in Budapest ankamen, war die Botschaft der Bundesrepublik schon überfüllt, und so mussten wir in Zelten im Garten unterkommen. Wir hatten fast alles zurückgelassen und konnten, nachdem uns die Stasi fotografiert und damit aktenkundig gemacht hatte, ja auch nicht mehr zurück.“
Er nahm noch einen Schluck von seinem mittlerweile kalten Kaffee. „Es sollten drei lange, zähe Wochen werden, bis eines Abends die Botschaft verkündet hat, dass wir rausdürfen. Und auf einmal ging alles ganz schnell. Wir wurden über die Grenze nach Österreich gebracht, in einen Bus gesetzt und erst nach Passau und dann nach Deggendorf gefahren. Dort landeten wir dann in der Turnhalle der Kaserne des Bundesgrenzschutzes zusammen mit hundertfünfzig anderen Flüchtlingen. Das war dann zwar auch nicht besser als in Budapest, aber es fühlte sich sehr gut an, denn immerhin waren wir jetzt im Westen. Da wo wir hingewollt hatten. Nach zwei weiteren Wochen fanden wir Unterkunft und Arbeit und konnten das enge Lager verlassen. Erst bekamen wir Arbeit, dann kam Vanessa auf die Welt, und schließlich bauten wir uns ein Häuschen in Fischerdorf.“
„Wir hatten alles erreicht, was wir uns gewünscht hatten. Wir waren frei und es ging uns gut …“
„Aber da konnte Ihre Tochter doch stolz auf Sie sein“, bemerkte Franziska und verstand einfach nicht, was daran schlecht war.
„Ja, bis das Hochwasser kam und uns in wenigen Stunden alles nahm. Auf dem Haus waren noch Schulden, und mein Betrieb machte kurz danach auch noch dicht.“
„Diesmal mussten wir fliehen, und als wir zurückgehen konnten, war alles kaputt. Zerstört vom Wasser und vom Öl“, ergänzte die Mutter. „Seither leben wir im Sozialbau. Keine Arbeit, keine Perspektive.“
„Vanessa sagte, ihr habt es geschafft, aus dieser beschissenen DDR zu fliehen und dann hängt ihr in diesem Kaff fest, baut euch ein Häuschen ins Überschwemmungsgebiet und jammert, wenn das Wasser kommt und euch alles nimmt!“
Beim Erzählen hatte die Mutter den Ton angenommen, in dem Vanessa vermutlich mit ihren Eltern gesprochen hatte. „Sie wollte studieren und dann hinaus in die Welt. Etwas sehen, etwas verändern, flexibel sein und vor allem etwas für sich tun.“
Und dann schluchzte die Mutter so laut auf, dass es Franziska ein wenig mit der Angst zu tun bekam. „Wir haben alles verloren, und jetzt auch noch unser Kind.“ Sie sprang auf und rannte aus dem Zimmer. Dann war aus dem Nachbarraum die schlagende Tür zu hören.
„Und wir sind schuld. Wir haben sie verzogen. Wir haben eine Egoistin aus ihr gemacht“, fasste Jens Auerbach nüchtern zusammen.
Dann stand auch er auf, ging mit seiner Kaffeetasse zum Schrank und schenkte sich aus einer großen Schnapsflasche reichlich ein. Franziska sah ihm zu und hoffte, dass zuvor tatsächlich Kaffee in der Tasse gewesen war.

„Ruf doch mal bitte bei Obermüller an und frag ihn, ob er schon was erfahren hat.“
Franziska fädelte sich auf der A3 in Richtung Passau in den Verkehr ein. Dann schüttelte sie in Erinnerung an das eben Erlebte den Kopf. „Hast du gesehen, wie der Vater den Schnaps einschenkte? Das sah für mich wie Routine aus. Die fliehen in den goldenen Westen und dann enden sie so.“
Hannes antwortete nicht, offenbar hatte er den Kollegen schon erreicht. „Ja, hallo Obermüller, Franzi möchte wissen, ob es schon was Neues gibt.“ Er lauschte.
„Stell doch mal laut“, bat Franziska und schien vor Neugierde fast zu vergehen.
„Ja, ja gut, ich sag es ihr.“
„Was ist?“, wollte Franziska sofort wissen.
„Nur dass wir uns im Büro treffen.“
Hannes grinste, lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen. Die vergangene Nacht war ausgesprochen kurz gewesen und hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen. Erst der Leichenfund, dann die Wohnung, und als er nach Hause gekommen war, hatte seine Freundin Sabrina auch noch mächtigen Redebedarf gehabt. Lächelnd beschwor er ihr Bild herauf.
„Denkst du an dein Schätzchen?“, fragte Franziska dann auch prompt, woraufhin er zusammenzuckte. „Vor mir kannst du eben nichts verbergen“, freute sie sich, lächelte nun ebenfalls zufrieden, und beide hingen ihren nichtdienstlichen Gedanken hinterher.
Eine halbe Stunde später saßen sie im Büro, hatten jeder eine Tasse heißen Tee vor sich und in der Mitte, da wo ihre Schreibtische zusammenstießen, stand eine Box voller belegter Brote, die Sabrina Hannes vorbeigebracht hatte und die er jetzt mit Franziska teilte. „Hm!“, schwärmte die gerade, als Obermüller die Tür aufriss und hereinstürmte.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, wie ein altes Ehepaar“, neckte er die beiden.
„Das alte nimmst du zurück“, grinste Franziska, prüfte ihren Tee und trank einen großen Schluck, bevor sie fragte: „Und, Obermüller, hast du was Schönes für uns?“
„Ich habe ihren Studienplan. Sie studierte „Business Administration and Economics“ … das hat früher wahrscheinlich mal BWL geheißen. Und hier ist eine Liste aller Studenten, die mit ihr zusammen in den Kursen sind.“ Er schob eine lange Liste über den Tisch.
„Na viel Spaß, wenn ihr die alle durchgehen wollt!“
„Danke.“ Obermüller nickte. „Wie war es bei den Eltern?“
„Die waren vorher schon fix und fertig, aber ich schätze, der Tod der Tochter wird sie endgültig erledigen“, fasste Franziska zusammen. „Und wissen tun sie auch nichts. Vanessa scheint sich sehr intensiv abgenabelt zu haben.“
„Eigentlich traurig, oder? Da ziehst du dir ein Kind groß und dann bist du doch allein.“
„Hey, Obermüller, nicht so sentimental. Bei dir wird das alles mal ganz anders, du bist ein toller Vater, ich würde dich sofort nehmen.“ Sie lächelte ihn frech an.
„Danke für die Blumen, aber sooo alt bin ich dann auch noch nicht.“
„Warum seid ihr denn eigentlich schon zurück? Hat der Chef nicht gesagt, dass ihr alle befragen sollt?“
Obermüller lachte. „Wir machen das jetzt per Rund-Mail. Wir haben alle angeschrieben, die in der Gruppe sind und auf der Liste stehen und um Rückmeldung und Hinweise gebeten. Die, die sich nicht melden, werden persönlich überprüft.“
„Und?“
„Bisher nichts wirklich Brauchbares.“
„Das kann doch nicht sein. Da wird ein so hübsches Mädchen derart bestialisch ermordet und niemand weiß etwas?“
„Vielleicht sind die eben auch alle zu geschockt“, versuchte es Obermüller mit einer lahmen Erklärung.
„So ein Blödsinn. In dem Alter hält man sich noch für unverwundbar“, wusste Franziska und schielte auf Vanessas Kursplan. „In einer halben Stunde beginnt eine Vorlesung mit Scheinpflicht“, las sie vor, und bevor einer der beiden Kollegen etwas antworten konnte, entschied sie: „Da fahren wir doch mal hin und konfrontieren die Kommilitonen mit Fotos der toten Vanessa. Vielleicht fällt denen dann doch ein, mit wem sie häufiger zusammen war.“
Sie schob die Brotbox zu Hannes hinüber, trank den letzten lauwarmen Schluck ihres Tees und erhob sich. „Nimm unser Lunchpaket mit, vielleicht brauchen wir später noch etwas zur Stärkung.“
Obermüller grinste über ihren Eifer. Der Schock und das anfängliche Entsetzen hatten dem professionellen Wunsch Platz gemacht, den Täter zu finden und damit der Bevölkerung wieder das Gefühl einer ungetrübten Sicherheit zu geben. Etwas anderes konnten sie sich in ihrem Job auch gar nicht leisten.

Zwar gehörte Franziska zu den beneidenswerten Frauen, die praktisch alles tragen konnten und zu fast jeder Zeit und in jeder Lage gut aussahen, doch das war nur äußerlich. In ihrem Inneren spürte sie sehr wohl die biologische Uhr ticken. Und die sagte ihr mit jedem Schlag zur vollen Stunde: Alles ist vergänglich. Was im Hinblick auf die vielen jungen Studentinnen, denen sie gleich begegnen würde, natürlich erst recht ins Gewicht fiel.
Daher machte sie, kurz bevor sie zur Uni aufbrachen, noch einen Abstecher zu den Toilettenräumen, um sich ein wenig aufzuhübschen. Was sich wenig später als unnötig herausstellte, denn als sie Hannes abholen wollte, empfing der sie mit einer überraschenden Nachricht.
„Wir haben eine Zeugin!“
„Was?“ Franziska warf einen schnellen Blick auf ihre Uhr. Sie war hin- und hergerissen. Einerseits die Möglichkeit, eine sich freiwillig meldende Zeugin zu befragen, andererseits die Gelegenheit, ein wenig Uni-Luft zu schnuppern und viele potentielle Zeugen aufzutun. „Wer ist es?“
„Stephanie Mittermaier, die beste Freundin von Vanessa Auerbach.“
„Wow!“ Ohne zu zögern war Franziskas Entscheidung gefallen. „Wo ist sie und weiß sie, was passiert ist?“
„Ja. Frau Mittermaier sitzt im Besprechungszimmer und wirkt“, Hannes sah ein wenig ratlos drein, „ziemlich gefasst!“ Davon konnte sich Franziska gleich darauf persönlich überzeugen.
„Hallo, ich bin Steffi, ich habe gehört, dass Sie jemand suchen, der Vanessa gut gekannt hat.“ Die junge Frau, die einen ziemlich unfrisierten kupferroten Kurzhaarschnitt und ein sackartiges Batikkleid trug, blickte von Hannes zu Franziska und dann auf einen Umschlag, den sie mitgebracht hatte.
„Und Sie kannten Vanessa Auerbach gut?“, fragte Franziska, die sich über den munteren Ton wunderte.
„Wir sind sozusagen die allerbesten Freundinnen!“ Ohne aufzublicken entnahm sie dem Umschlag ein Foto und schob es den Kommissaren über den Tisch zu. „Das war immer unser Lieblingsbild.“
Franziska zog das Foto zu sich heran und starrte es eine Weile an. Es zeigte zwei junge Frauen, die sich lachend umarmten. Die eine kupferrot, die andere blond.
„Dann wissen Sie ja sicher auch, wer der Freund Ihrer Freundin war?“, fragte Franziska und blickte die Zeugin eindringlich an.
„Vanessa konnte jeden haben, und sie konnte sich nicht entscheiden.“ Steffi lächelte einen Moment. „Sie sagte immer, das Leben ist zu kurz, um sich jetzt schon festzulegen.“
„Aha!“ Franziska versuchte ihre Verwunderung zu verbergen. „Und wie lief dieses Jeden-haben-können so ab?“, fragte sie leichthin.
„Ich glaube, sie verliebte sich einfach nicht. Sie traf sich mal mit dem einen und mal mit dem anderen, aber bevor es ernst werden konnte, hatte sie schon den nächsten.“ Stephanie Mittermeier zuckte gleichgültig mit den Schultern, als wäre das auch ihre Philosophie in Punkto Männer.
Wieder nickte die Kommissarin und warf ihrem Kollegen einen unsicheren Blick zu. „Gehts auch ein bisschen genauer?“, fragte der, woraufhin die Zeugin zum ersten Mal zu bemerken schien, dass ein Mann im Raum war. Nachdenklich schaute sie ihn an, sagte aber nichts. „Mit wem war sie am Wochenende verabredet?“, hakte Hannes nach.
„Tut mir leid, das weiß ich nicht, sie war da sehr spontan.“ Steffi schenkte Hannes einen Unschuldsblick aus kajalumrandeten Augen.
„Ihre beste Freundin ist tot“, betonte Franziska mit geduldiger Stimme, die ihre Verwunderung über das Auftreten der Studentin gut verbarg. „Sie wurde von einem Mann brutal misshandelt. Er hat sie gefesselt, geschlagen und getreten. Können Sie sich vorstellen, welcher dieser Freunde, mit denen sie spontan zusammenkam, so etwas mit ihr getan haben könnte?“
Damit ging Franziska ziemlich weit, doch tatsächlich zeigte ihre drastische Schilderung ein wenig Wirkung. Die Zeugin starrte sie entsetzt an und brach wie auf Kommando in Tränen aus. „O mein Gott, das ist ja furchtbar.“ Hannes warf seiner Kollegin einen scharfen Blick zu. „Das habe ich nicht gewusst. Ich dachte, sie wurde nur …“
„Vergewaltigt“, half Franziska verwundert aus.
„Ja! Ja, und das ist doch irgendwie immer auch ein wenig romantisch, oder?“ Steffi schniefte heftig auf, suchte in ihrer großen Tasche nach einem Taschentuch und schien wieder sehr gefasst. „Ich meine, das ist doch ein Zeichen, dass ein Mann einen wirklich haben möchte. Vielleicht kann er es nicht zeigen, kann nicht so gut reden oder weiß nicht, wie er es anfangen soll und dann nimmt er sie und zeigt ihr, dass er sie und nur sie haben möchte.“
Steffis Augen leuchteten unter einem feinen Tränenfilm. Franziska musterte sie eine Weile, doch kein Anzeichen verriet, dass die junge Dame bluffte.
Stephanie Mittermaier war, abgesehen von ihren Haaren, eine eher blasse Erscheinung, eine Frau, die auf Männer sicher nicht die Wirkung hatte, die sie ihrer Freundin zuschrieb. Und sie hatte bestimmt auch nicht deren Auswahlmöglichkeiten. Eine, die eher in die Gattung Mauerblümchen und Jungfrau ohne Erfahrung passte. Sie war Vanessa sicher keine ebenbürtige Freundin gewesen, keine, mit der man sich messen konnte, hatte ihr dafür aber vielleicht bedingungslos die Treue gehalten. Sie ist eine, bei deren Anblick man sich immer besser fühlt als man eigentlich ist, dachte Franziska. Und bekam bei dieser Einschätzung direkt ein schlechtes Gewissen.
„Ich will mir kaum vorstellen, dass Ihrer Freundin romantische Gedanken durch den Kopf gingen. Sie muss sehr gelitten haben.“
Die Kommissarin versuchte, nüchtern und sachlich und auch ein wenig vage zu bleiben. Sie hatte kein Recht darauf, der Zeugin vorzuschreiben, wie sie denken musste. Ihre Aufgabe war es, in Erfahrung zu bringen, wer für Vanessa Auerbachs Tod verantwortlich war. Nicht mehr.
„Also, Vanessa schwärmte immer von starken Männern, von denen, die wussten, wo es langgeht. Alphamännchen, wie man so schön sagt.“ Vanessas Freundin lächelte wieder kurz auf, bevor sie hinzufügte: „Vor ein paar Tagen erzählte sie von einem Typen, mit dem sie sich treffen wollte, aber sie hat mir nicht gesagt, wie er heißt. Ich weiß nur, dass er ihr eine SMS geschrieben hat und sie ihn ganz süß und heiß fand und dass sie sich sehr auf das Treffen gefreut hat. Meinen Sie, er hat das getan?“
„Das kann ich nicht sagen. Hat sie keinen Namen genannt?“
„Nein“, gab die Zeugin patzig zurück.
„Woher kannte sie ihn, wie hat sie ihn kennengelernt? Das hat sie Ihnen doch bestimmt erzählt. Ich meine, wo lernt man süße, heiße Typen kennen?“ Franziska deutete Hannes mit einem kurzen Blick an, dass er sie bitte nicht zu ernst nehmen sollte.
„Kannte sie diesen Mann aus der Uni?“, fragte der nun seinerseits nach, woraufhin Stephanie Mittermaier ihn lange anblickte.
„Ja, ja es ist natürlich gut möglich, dass er Student oder auch Dozent oder Professor war, sie hat da keine Unterschiede gemacht …“

Die Universität war zu seinem zweiten Zuhause geworden. Praktisch täglich kam er hier vorbei, kannte jeden Stein und jeden Weg, doch an diesem Tag sah alles ganz anders aus. Der Aufgang zur Mensa war mit rot-weißem Band weiträumig abgesperrt, und tatsächlich umgingen alle diese Stelle, nahmen entweder den Weg durch das WiWi-Gebäude, wo die Wirtschaftler zuhause waren, oder gleich den Inn-Lernpfad, der zu jeder Fakultät einen eigenen Aufgang hatte. Niemand wollte zu nah an das herankommen, was vorletzte Nacht hier geschehen war, obwohl es natürlich das Gesprächsthema Nummer Eins darstellte. Neben den fröhlichen Studenten und den häufig ein wenig linkisch oder arrogant wirkenden, oder auf ewige Jugend machenden Professoren, waren heute auch Streifenpolizisten unterwegs. Sie hatten Fotos dabei, die sie den Vorübereilenden zeigten und dann ihre Fragen stellten.
Schon seit einer Stunde beobachtete er dieses Treiben und hatte es bisher immer rechtzeitig geschafft, die Richtung zu wechseln, als auf einmal einer der Polizisten, groß und breit wie ein Kleiderschrank, vor ihm stand und ihm ein Foto unter die Nase hielt.
„Ist Ihnen diese Frau bekannt?“
„Nein!“, beteuerte er mit fester Stimme. „Die habe ich noch nie gesehen. Ich bin aber auch nur zufällig hier.“
Wo er am Montagabend gewesen sei und was er gemacht habe, fragte der Dicke weiter.
„Ich hab ferngesehen und bin dann ins Bett. Ich muss morgens früh raus“, gab er so ruhig wie möglich zur Antwort und wollte schon weiter, als ihm der Polizist noch eine Karte mit einer Telefonnummer in die Hand drückte.
„Gut, dann danke. Aber wenn Ihnen noch was einfällt, rufen Sie an, auch die kleinste Einzelheit kann wichtig sein.“
Die Karte entsorgte er im nächsten Mülleimer, wie die meisten anderen der Befragten auch. Irgendwie war das schon seltsam, dass sie ausgerechnet von ihm wissen wollten, mit wem die tote Studentin verabredet gewesen war und ob er sie vielleicht gemeinsam mit einem Mann gesehen hatte. Hatte er nicht – und das war noch nicht einmal gelogen.

„Die hat sie doch nicht mehr alle“, echauffierte sich Franziska auf dem Weg zur nachmittäglichen Besprechung. „Ein süßer, heißer Typ, der Frauen vergewaltigt, weil er sich nicht traut ihnen zu sagen, wie sehr er sie begehrt und eine Frau, die sich dadurch ausgezeichnet fühlt, wenn sie mit Gewalt genommen wird. Gehts noch?“ Mit Schwung öffnete sie erst die Zimmertür und gleich darauf das Fenster, sie brauchte dringend frische Luft.
Hannes lachte bei Franziskas Imitation laut auf. „Sie hat uns das Foto dagelassen, für den Fall, dass wir es für die Akten brauchen.“
„Oh natürlich!“ Franziska wirbelte herum. „Die beste Freundin gehört unbedingt zu den Akten. Aber wir tun ihr den Gefallen und geben es Ramona. Vielleicht gibt es ja irgendwann einmal einen Wettbewerb zum Thema dümmste Zeugin.“
„Immerhin wissen wir jetzt, dass er sie am Handy kontaktiert hat, wir brauchen also nur noch die Telefonkontaktlisten anzusehen und schon …“ Hannes machte eine allumfassende Bewegung mit den Armen.
Doch Franziska nahm sie ihm herunter, legte ihre Hände auf seine mageren Schultern und sah ihn fragend an. „Traust du ihr denn?“ Unsicher schüttelte Hannes den Kopf. Franziska ließ ihn los. „Eben! Sie ist eine graue Maus, die von einem Prinzen träumt. Und bei Vanessa Auerbach hing dieses Foto ja auch nicht herum, obwohl sie an ihrer Pinnwand noch Platz gehabt hätte …“
Annemarie von der KTU kam herein, schaute sich um, und als sie sah, dass der Chef noch nicht anwesend war, ließ sie sich wenig damenhaft auf einen Stuhl fallen. „Uff, ich glaube ich werde langsam zu alt für diesen Job“, gestand sie, lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen.
Franziska setzte sich neben sie, tätschelte mitleidig ihre Hand und fragte neugierig: „Hast du was gefunden?“
Annemarie wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Obermüller und Kollege Gruber, in ein lautes Gespräch vertieft, hereinkamen. Sie richtete sich auf und beugte sich zu Franziska hinüber. „Ach, wir haben Etliches, ob es uns freut, ist eine andere Sache.“ Sie zeigte auf ihren Bericht und dann zur Tür, durch die nun auch Hauptkommissar Schneidlinger trat, einen Blick in die Runde warf und sie hinter sich ins Schloss zog, als er feststellte, dass alle anwesend waren.
„Nun, wie sieht es aus?“, fragte er sein Team und richtete seine Aufmerksamkeit auf die KTU-Chefin, die gerade ihre Notizen aufblätterte.
„Wir haben die ganze Umgebung vor der Tür und den Vorplatz abgesucht, es gibt jede Menge Fußspuren und Hunderte von Fundstücken. Ob die zur Tatzeit dorthin kamen, kann ich natürlich nicht sagen …“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Beliebter Treffpunkt also?“, wollte Schneidlinger wissen.
„Na ja, es ist der Aufgang zur Mensa und somit nicht wirklich ein idyllisches Plätzchen für ein ungestörtes Schäferstündchen“, überlegte Obermüller, der sich eingehend in der Uni umgesehen hatte und nun versuchte, seine Schlüsse zu ziehen.
„So spät abends war die Mensa aber geschlossen, und es wurde auch kein Schäferstündchen, sondern eine brutale Abschlachtung!“, fuhr ihn Franziska an, die sich dank seiner Wortwahl an Stephanie Mittermaier erinnert fühlte und langsam genug von dieser Verniedlichung hatte.
„Schon, aber ich glaube kaum, dass Vanessa Auerbach zu diesem Date gegangen wäre, wenn sie das geahnt hätte!“, verteidigte sich Obermüller, woraufhin Franziska stumm nickte.
„Und unterhalb des Fensters ist ein Teil des Bewuchses abgerissen und eine Leiste der Rankhilfe durchgebrochen“, erklärte Annemarie weiter und beendete damit den Disput der beiden. „Die Schlussfolgerung überlasse ich euch, aber ich habe mich gefragt, wer wohl da hinaufklettern würde, solange es drinnen nur staubige Bücher zu sehen gab.“
„Du willst damit andeuten, dass jemand zugesehen hat, während Vanessa zu Tode gequält wurde?“ Entsetzt legte Franziska eine Hand vor den Mund. Was sie da gerade gesagt hatte, klang so ungeheuerlich, dass sie es selbst nicht glauben mochte.
„Nicht zwingend! Genauso gut könnten die Spuren darauf hinweisen, dass der Täter sich den Raum vorher von außen angesehen hat, um zu beurteilen, ob er für sein Vorhaben geeignet ist“, schlug Hannes vor.
„Und es könnte sein, dass dieser Jemand zu diesem Zweck eine Perücke aufgesetzt hatte.“ Annemarie wartete einen Moment, bevor sie hinzufügte: „Wir haben an einer Leiste neben dem Fenster einige künstliche schwarze Haare gefunden, die aussehen, als würden sie von einer Perücke stammen. Wann sie dort hinkamen, wissen wir nicht. Könnte mit der kaputten Leiste zusammenhängen, muss aber nicht.“
„Konnten Sie Fingerabdrücke oder DNA sichern?“, hakte Schneidlinger nach.
„Ja“, bestätigte Annemarie knapp.
„Und die Tatwaffe?“
„Negativ! Nichts, was irgendwie passen würde. Dafür mehr als genügend Müll, den wir bitte hoffentlich nicht auch noch einzeln auswerten müssen.“ Sie stöhnte und ließ erahnen, warum sie so erledigt war.
„Die Haare könnten darauf hindeuten, dass der Täter zum Auskundschaften des Tatorts eine schwarze Kunsthaarperücke trug. Was dann wiederum hieße, dass die Tat geplant war und dass Vanessa Auerbach nicht zufällig mit ihrem Begleiter in diese Abstellkammer gelangt ist. Und das könnte durchaus für eine bereits beendete Beziehung sprechen“, resümierte Franziska noch einmal den Haarfund. „Daher die nichtssagende Wohnung.“
„Es könnte aber auch jemand während der Tat am Fenster gestanden und zu Tarnungszwecken eine Perücke getragen haben“, führte Hannes eine weitere These ein.
„Warum trägt jemand, der auf eine Rankhilfe steigt, um durch ein Fenster zu blicken, hinter dem der Schauplatz einer derartigen Greueltat liegt, eine Kunsthaarperücke?“, wollte Franziska von ihm wissen.
„Um nicht erkannt zu werden“, mischte sich Obermüller in die Spekulationen ein.
„Aber dazu hätte derjenige doch schon im Vorfeld davon wissen müssen …“, gab Franziska zu bedenken.
„Auf diesem Weg kommen Sie nicht ans Ziel“, mahnte Schneidlinger und forderte: „Bleiben Sie bitte bei den Fakten!“
„Was ist mit dem Handy?“, wechselte Hannes das Thema, um zügig auf das Gespräch mit der Zeugin Stephanie Mittermaier zu kommen. Zu gern wollte er die Geschichte über den süßen, heißen Typen gegenprüfen.
Fragend schauten alle zu Annemarie, die sofort die Hände hob, um jedes weitere Verlangen abzuwiegeln. „Da sitzt Mona im Moment noch dran, sie wollte aber so schnell wie möglich …“
Als habe sie vor der Tür auf ihr Stichwort gewartet, wirbelte die kleine Kriminaltechnikerin zur Tür herein. „Das glaubt ihr jetzt nicht!“ Sie stellte ihren Laptop auf den Besprechungstisch und begann, ohne auf die Anwesenden und deren Unterhaltung einzugehen, mit ihrer Erklärung: „Vanessa Auerbach war verabredet!“
„Also sagte Stephanie Mittermaier doch die Wahrheit“, murmelte Franziska, woraufhin sie alle um eine Erklärung bittend, ansahen. „Wir hatten gerade eine Zeugin hier, die selbsternannte beste Freundin von Vanessa Auerbach, und die sagte, Vanessa habe sich mit einem süßen, heißen Typen verabredet.“
„Seinen Namen weiß sie allerdings nicht“, wusste Hannes.
„Tom!“, ergänzte Mona triumphierend.
„Tom.“ So einfach, dachte Franziska und warf Hannes einen kurzen Blick zu.
„Ja, also ein gewisser Tom hat Vanessa um neun Uhr zu diesem Zugang zur Zentralbibliothek bestellt und sein Bild gleich dazu geliefert. Scheinbar das erste Treffen der beiden. Ort und Zeit hat er vorgeschlagen. Sie war einverstanden. Er wollte eine Überraschung für sie bereitlegen, die sie anziehen sollte.“ Mona blickte auf.
„Da haben wir es. Die schwarzen Sachen waren von ihm“, kommentierte Franziska, für die das zunächst alles sehr logisch klang. „Sie hat sich also tatsächlich erst im Dublettenmagazin umgezogen, wie ich vermutet habe.“
„Aber allein. Denn er schreibt: Bist du heute bereit, dich ganz und gar auf ein Abenteuer mit mir einzulassen. Und sie antwortete: Ja klar! Du weißt doch, ich liebe Abenteuer.“
„Für eine Studentin ganz schön dumm, findet ihr nicht?“, fragte Hannes und Schneidlinger nickte zustimmend.
„Wenn sie ihn nicht gekannt hätte, schon“, räumte auch Franziska ein. „Aber ihre Freundin behauptete ja, dass sie für ihn schwärmte und damit sicher für integer hielt.“
„Leg dir die Augenbinde um und warte. Ich bin ganz in deiner Nähe und werde drei Mal an die Tür klopfen. Hast du den Mut, dich darauf einzulassen? Du wirst sehen, das wird das Heißeste, was du je erlebt hast. “ Mona schüttelte den Kopf, bevor sie weiterlas: „Sie antwortete ihm tatsächlich: Ich zittere jetzt schon vor Verlangen! Wie kann man nur so blöd sein?“
„Oder auf der Suche nach dem nächsten Kick“, gab Franziska zu bedenken und fügte hinzu: „Sie hat sicher nicht damit gerechnet, dass er ihr im Anschluss an ein extravagantes Liebesspiel die Kehle durchschneidet.“
„Stimmt!“ Mona vertiefte sich weiter in die Aufzeichnungen des Handys. „Ich liebe diese neuen Smartphones und die Faulheit der Besitzer, alte Nachrichten nicht löschen“, erklärte sie und lächelte zufrieden. „Hier! Er hatte sie angeschrieben.“ Wie um es allen zu zeigen, hob sie ihren Laptop kurz in die Höhe und las dann weiter: „Hallo Vanessa, ich saß heute in der Vorlesung eine Reihe schräg vor dir und musste dich immer wieder verstohlen ansehen. Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf, wollen wir uns vielleicht treffen?“
„So geht das also?“, bemerkte Obermüller trocken.
„Sie schrieb: Wie wäre es heute Nachmittag im Café Innsteg? Und er antwortete“, Mona schüttelte den Kopf, „wie billig: So öffentlich geht es nicht, meine Ex ist ziemlich eifersüchtig. Können wir uns nicht irgendwo abseits treffen? Darauf sie: Wo immer du willst.“
„Demnach muss sie sehr genau gewusst haben, wer sie da daten will“, bemerkte Franziska.
„Mein Vorstoß kommt dir vielleicht seltsam vor, aber du bist die heißeste Frau, die ich je gesehen habe. Und sie schrieb: Daran ist gar nichts seltsam. Ich finde dich nämlich auch ziemlich süß! Danach war er nicht mehr zu halten, würde ich sagen: Dann sollten wir nicht mehr zögern. Würdest du dich mir hingeben? Alle Entscheidungen mir überlassen? Und sie antwortete: Klingt sehr verlockend!“
„Wow!“ Obermüller hustete kurz verlegen auf.
„Ja.“ Mona schien jetzt wie besessen. „Bestimmt hast du schon viele heiße Höhepunkte erlebt, fragt er und sie antwortet mit einem Smiley. Und jetzt wieder er: Dann will ich dich auf die nächste Stufe der Lust heben … Den Rest hatten wir schon.“ Mona klappte den Laptop zu und blickte in die Runde. „Jetzt seid ihr dran. Ich drucke euch den Wortwechsel aus.“
„Haben sie auch telefoniert?“, fragte Hannes interessiert nach.
„Nein, nur gesimst.“
„Gut“, Franziska blickte kurz zu Schneidlinger, doch der nickte ihr auffordernd zu.
„Für mich klingt das total logisch. Vanessa Auerbach wurde von diesem Tom gedatet. Sie kannte ihn und fand ihn toll. Ihre Freundin Steffi behauptet, sie stand auf Alphamännchen. So wie er schreibt, weiß er was er will, passt also in ihr Beuteschema. Geschmeichelt sagt sie ihm zu und begibt sich in seine Hände. Der Typ befördert sie allerdings nicht auf die nächste Stufe der Lust, sondern gleich ins Jenseits. Jetzt brauchen wir nur noch seine Adresse, und dann knöpfen wir uns diesen heißen, süßen Tom mal vor!“ Auffordernd blickte sie Mona an, doch die zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„Die Nummer gehört zu einem Prepaid-Handy.“
Obermüller, der schon länger nichts mehr gesagt hatte, streckte der kleinen Kriminaltechnikerin die offene Hand entgegen. „Gib mir die Nummer, ich kümmere mich darum!“
Woraufhin Schneidlinger nickte und das gesamte Team mit einer eindeutigen Handbewegung aufforderte, sich wieder an die Arbeit zu machen.

Während Franziska hektisch auf ihrem Computer herumhackte und Toms Foto, das sie von Mona geschickt bekommen hatte, mit anderen Fotos im Netz verglich, wurde sie auf einmal nachdenklich. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sich eine Frau auf so etwas einlässt. Also, ja ich kann es mir natürlich vorstellen, aber nicht, wenn ich den Typen kaum oder gar nicht kenne und nicht weiß, ob ich ihm vertrauen kann!“
„Ab wann kann man denn jemandem wirklich vertrauen?“, fragte Hannes zurück und wirkte genauso nachdenklich wie Franziska.
„Auch wieder wahr. Hat ja schon mancher Ehemann seine Frau erschlagen, während sie friedlich neben ihm im Bett lag“, überlegte sie.
„Na siehst du. Wobei, wenn du so denkst, dann kannst du dich im Umkehrschluss nachts nur noch allein in deinem Schlafzimmer einsperren.“
„Na ja“, protestierte Franziska, bis sie ins Grübeln kam. „Aber stimmt … Trotzdem, so eine Anmache, das ist doch …“
„Nehmen wir mal deinen Bühnenkünstler. Vertraust du ihm zu hundert Prozent?“
„Wie kommst du denn jetzt auf den?“, empörte sich Franziska.
„Na wegen der Handschellen!“ Jetzt grinste Hannes, während Franziska ein wenig errötete.
„Was denn für Handschellen?“ Sie trug eine völlig gleichmütige Miene zur Schau.
Hannes schaute auf Franziskas Hände, die ruhig auf der Tastatur lagen. „Ich spreche von deinen heißen Spielen mit den Dienst-Handschellen.“
Franziska schwieg, zog eine Augenbraue hoch und schaute Hannes streng an.
„War ja gestern nicht zu übersehen und am Handy nicht zu überhören.“ Hannes grinste noch ein wenig anzüglicher. „Mach mich los! Bitte, bitte! Klimper, klimper!“ Auf einmal verging Hannes das Lachen. „Du hast gar nicht gewusst, dass du noch mit mir sprichst?“ Er schaute Franziska durchdringend an und spekulierte: „Hattest du etwa auch die Augen verbunden?“
Franziska sagte noch immer nichts, doch Hannes begriff auch so. „Du stehst darauf!“ Verlegen kratzte sich Hannes am Nacken und grinste dann unschlüssig.
„Ein Wort zu Obermüller!“ Franziska hob drohend die Stimme, doch Hannes nickte eifrig, wie ein gehorsamer Junge und versprach: „Keine Angst, bleibt unser kleines schmutziges Geheimnis.“
„Was bleibt euer kleines schmutziges Geheimnis?“ Obermüller war, ein bedrucktes Papier in den Händen, zur nur angelehnten Tür hereingekommen und setzte sich auf die Kante von Franziskas Schreibtisch, der daraufhin leise knarzte. „Ich dachte, er wäre mit seiner Sabrina glücklich?“ Fragend sah er von Franziska zu Hannes, während sein Gesicht vor Neugier glühte.
„Bin ich auch“, fasste sich Hannes als Erster. „Aber wir haben gerade darüber philosophiert, dass dieser Tom gut aussah, studiert hat und trotzdem zu blöd war, die Nachrichten oder gleich das ganze Handy zu beseitigen.“
Franziska nickte eifrig und schenkte Hannes einen ehrfürchtigen Blick. Seine Beziehung zu Sabrina tat nicht nur seiner Figur gut – seit er mit ihr zusammen war und regelmäßig bekocht wurde, war er nicht mehr ganz so mager –, auch sein Gehirn schien durch die regelmäßige Nahrungsaufnahme schneller zu kombinieren.
„Tja, echt seltsam. Aber wer weiß denn schon, was in den Köpfen der Leute vor sich geht, wenn Sex ins Spiel kommt“, stimmte Obermüller den beiden zu.
„Obermüller, willst du uns etwas beichten?“, neckte Franziska den älteren Ermittler wie so oft und schielte auf die Liste in seinen Händen.
„Krampf, aus dem Alter bin ich raus. Dafür hab ich aber in unserem Job auch schon etwas mehr gesehen, und daher sagt mir mein Instinkt, traue keinem, wenn es um Sex geht. Und mal ehrlich, diese Anmache, die war doch hochnotpeinlich!“
„Da hast du aber so was von recht“, stimmte Franziska ihm einschmeichelnd zu und zog das Papier aus seinen Händen. „Sind das die Verbindungsdaten?“, fragte sie und konzentrierte sich auf die Liste.
„Die gelb markierte Nummer gehört Tom Seibert. Eine Nummer für eine Prepaid-Karte.“ Er schaute sie abwartend an.
Franziska lachte meckernd. „Prepaid, und auf wessen Namen?“
„Auf seinen!“, wusste Obermüller und wiederholte: „Tom Seibert. Wohnanlage Donau-Schwaben-Straße in Passau.“
„Tom Seibert.“ Franziska versuchte diese neue Erkenntnis zu verarbeiten. „Auf seinen echten Namen also?“
Obermüller nickte.
„Saublöd, oder? Ich meine, das mit der Prepaid-Karte wäre ja noch schlau gewesen, weil er damit seine Spuren hätte verwischen können, aber wenn er dann auch noch seinen eigenen Namen angibt … Nicht so schlau.“
„Wieso, du musst doch auch bei einer Prepaid-Karte deine Identität nachweisen“, begehrte der ältere Ermittler auf.
„Nicht wenn du sie an der Supermarktkasse im Süßigkeitenbereich erstehst“, wusste Franziska. „Da musst du dich zwar auch anmelden, aber eben übers Internet, und niemand will deinen Ausweis sehen.“
„Interessant!“
„Willst du dir ein zweites Handy zulegen?“, neckte Franziska ihren Kollegen.
„Spinnst du, dann hab ich ja noch mehr Stress. Interessant finde ich, weil ich mich beim Abgleich gefragt habe, warum in seinem Geburtsdatum ein Zahlendreher drin ist.“
„Echt? Also wenn ich etwas weiß, dann ist es mein Geburtsdatum“, überlegte die Kommissarin und fügte dann an: „Hervorragende Arbeit, Obermüller! Sitzt er vielleicht schon im Vernehmungszimmer?“
Obermüller lachte verwundert auf. „Weißt du, was im ganzen Haus los ist, Franzi? Heute steht kein Streifenwagen mehr im Hof.“
„Warum, was ist denn passiert?“ Sie stand auf, blickte aus dem Fenster hinunter in den Hof und sah Obermüllers Aussage bestätigt.
„Heute wurden an der A3 bereits über dreihundert Flüchtlinge aufgegriffen, und ständig bekommen wir den nächsten Anruf, das ist passiert!“
Franziska nickte Hannes zu. „Gut, dann fahren wir jetzt zu Seibert und du hältst dich bereit, falls ich dich brauche, ja?“
Obermüller nickte und wandte sich zum Gehen. An der Tür hielt er inne, drehte sich um und richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. „Wenn der das wirklich war, dann würde ich gern einmal allein mit ihm reden.“
Franziska versprach es ihm hoch und heilig.
„Ach, und das mit dem schmutzigen Geheimnis behalte ich im Auge.“ Er zeigte mit dem gespreizten Mittel- und Zeigefinger seiner rechten Hand erst zu seinen Augen und dann in Richtung Franziska und Hannes. „Also: immer schön sauber bleiben!“

„Das ist ja wohl klar, dass das nur ein Scherz sein kann“, kommentierte Tom Seibert mit herablassender Stimme die Vorwürfe, die die Kriminalkommissarin gerade gegen ihn vorgebracht hatte und gab ihr das Handy zurück. „War es das, oder haben Sie noch andere Possen auf Lager?“ Ein wenig gelangweilt stand der junge Mann in der Tür zu seiner Studentenbude und blickte erst sie und dann Hannes an. Dabei machte er keine Anstalten, sie hereinzubitten.
In der Regel versuchte sich Franziska in jeden Menschen hineinzuversetzen, und selbst wenn es ihr schwerfiel, noch einen Grund für sein Handeln zu suchen. Irgendetwas, womit sie leben konnte. Etwas, das einen Menschen vom Tier unterschied. Im Falle Tom Seibert wünschte sie sich wie selten, sie hätte doch statt Hannes den Kollegen Obermüller mitgenommen und dieser würde sich, als Konsequenz für solche Aussagen, diesen jungen Schnösel einmal richtig zur Brust nehmen.
„Sie werden verdächtigt, sich mit Vanessa Auerbach in der Bibliothek der Universität verabredet und sie dabei getötet zu haben. Gehört das Töten eines Menschen zu Ihrem persönlichen Scherzrepertoire?“, fragte sie trotzdem so gefasst wie möglich und schob das Smartphone zurück in ihre braune Wildlederumhängetasche.
Nachdem Vanessas Smartphone vermutlich vom Täter völlig zerstört worden war, hatte Mona die SIM-Karte ausgelesen und auf Franziskas Handy überspielt, um Tom Seibert den SMS-Verlauf zeigen zu können.
„Das hier ist überhaupt nicht meine Nummer“, erklärte er mit fester Stimme, als könne das ausreichen, um die Anschuldigungen wirkungslos zu machen.
Tom Seibert war groß und hatte eine durchtrainierte Figur. Er sah gut aus, seine dunklen Haare waren locker nach hinten gegelt, das Kinn sauber rasiert. So wie er sich bewegte, machte er viel Sport. Und sicher konnte er eine Frau mit Leichtigkeit überwältigen, fesseln und zusammenschlagen. Wie einer, der ein Messer ansetzte, um einer Wehrlosen die Kehle durchzuschneiden, sah er allerdings nicht aus. Wobei ja ohnehin nur den wenigsten Tätern ihre Taten wirklich ins Gesicht geschrieben stehen.
„Ich habe schon davon gehört, aber ich kann Ihnen nur versichern, dass ich damit nichts zu tun habe.“ Seine Augen blickten ruhig, fast kalt. „Und ich gebe Ihnen gern meine richtige Handynummer, wenn Sie möchten.“ Bei diesem Vorschlag grinste er Franziska anzüglich an.
„Wo waren Sie vorgestern Abend zwischen 21 und 23 Uhr?“, übernahm daher Hannes die Befragung und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
„Ich? Das geht Sie gar nichts an.“
„Vielleicht sollten Sie diese Frage nicht zu sehr auf die leichte Schulter nehmen“, schlug Hannes dem Studenten vor, woraufhin der sich zu einer lahmen Antwort aufraffte. „Das war dann der Montag, richtig? Da war ich beim Rudern. Auf dem Inn. Und wenn Sie es genau wissen möchten, ich trainiere für die Deutschen Hochschulmeisterschaften.“
Franziska nickte, fühlte sich aber durch diese Aussage nur in ihrer Einschätzung seiner Figur bestätigt.
„Kann das jemand bezeugen?“, hakte Hannes noch einmal nach.
„Natürlich! Es waren ja etliche Leute dort. War’s das jetzt? Ich hab noch einiges zu tun.“
„Ja, aber halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung und verlassen Sie nicht die Stadt, wir …“
Weiter kam Franziska nicht. Denn genau in diesem Moment wurde die Tür des Nachbar-Appartements aufgerissen und ein junger Bursche mit kurzen schwarzen Haaren, mandelförmigen Augen und in grünen Boxershorts stürmte heraus und auf Tom Seibert zu.
„Oh, du hast Gäste. Tschuldigung. Aber: Hey, hast du schon die Fotos von Vanessa gesehen?“
Ohne auf eine Einladung zu warten, drängelte er sich quirlig an Tom Seibert vorbei bis zum Schreibtisch in dessen Wohnung und machte sich dort am geöffneten Laptop zu schaffen. Tom war seinem Nachbarn gefolgt, und auch die beiden Kommissare standen jetzt dicht hinter ihm.
„Echt geil, musst du dir ansehen!“, rief er über seine Schulter und klickte weiter, bis er fündig geworden war. „Wer die wohl dazu gebracht hat?“
„Mann Tian, was soll das?“, empörte sich Tom und schob seinen Besucher vom Schreibtisch weg. „Vanessa ist tot!“, erklärte er tonlos und schloss den Laptop. „Vanessa ist tot, und die beiden hier glauben, ich hätte etwas damit zu tun.“
Der junge Mann schüttelte seine schwarzen Haare, blieb einen Moment unschlüssig im Raum stehen und musterte schließlich Franziska und Hannes. „Sind Sie von der Polizei?“
„Franziska Steinbacher, Mordkommission Passau, mein Kollege Hannes Hollermann“, stellte sich die Kommissarin vor und blickte den jungen Burschen interessiert an. „Und Sie sind?“
„Tian Chang. Also ich, ich wohne nebenan“, erklärte er ein wenig umständlich und versuchte gar nicht zu verhehlen, dass ihm die Situation eher unangenehm war.
„Würden Sie uns die Seite bitte zeigen?“
Tian blickte zu Tom, bis der zustimmend nickte, als wolle er sagen, nun mach schon, dann haben wir es hinter uns. Also hob er den Deckel wieder an, und zwei Klicks später beherrschte Vanessa den Bildschirm.
„So empfängt Vanessa die Männer anderer Frauen!“, las Franziska laut vor und blickte gebannt auf die abgelichtete Frau. Man hätte das, was sie trug, einen schwarzen Overall nennen können, nur dass dieser hier mehr freie Flächen als bedeckende Stoffteile aufwies. Sie lehnte an der Tür zum Dublettenmagazin, das man im Hintergrund erahnen konnte. Es waren mehrere Fotos, die ganz kurz hintereinander geschossen worden sein mussten. Auf den ersten trug sie eine schwarze Maske, die ihre Augen bedeckte und ihr etwas Hilfloses und gleichzeitig sehr Verruchtes gab. Denn das restliche Gesicht lächelte lasziv verführerisch, und ihre ganze Körperhaltung war mehr als aufreizend, ja eigentlich einladend, als wolle sie sagen: Was auch immer du schon mal machen wolltest, mach es jetzt mit mir.
Dann kam der Break. Auf den nächsten Bildern hatte sie die Maske heruntergenommen, die Körperhaltung war jetzt abweisend, sie merkte, wie schutzlos sie da stand. Zunächst schaute sie den Betrachter etwas ungläubig an, dann wurde ihr Blick wild und ihre Körperhaltung aggressiv. Für Franziska stand außer Frage: Sie hatte mit etwas völlig anderem gerechnet, als mit dem, was sie soeben zu sehen bekommen hatte. Nur mit was oder eben mit wem hatte sie gerechnet? Wirklich mit Tom Seibert?

„Nach dem SMS-Austausch mit Vanessa hab ich mir diesen Tom irgendwie anders vorgestellt“, platzte es aus Franziska heraus, kaum dass sie im Auto saßen. Dann zückte sie ihr grünes Notizbuch und schrieb einige Stichworte hinein. „Er war so cool. Für sein Alter ungewöhnlich cool, findest du nicht?“ Die Kommissarin sah auf und blickte ihren Kollegen unschlüssig an. „Wahnsinn, wenn man in seine Augen sieht.“ Bei diesem Gedanken überkam sie erneut ein plötzliches Frösteln.
Gleich nachdem sie die Donau-Schwaben-Anlage verlassen hatten, hatte sie den Kollegen Gruber angerufen und ihn gebeten, die Facebookseite „World of Adventure“ für sie zu überprüfen und herauszufinden, wer die freizügigen Fotos von Vanessa Auerbach dort eingestellt hatte. Zu Beginn ihres Gesprächs hätte sie Tom Seibert am liebsten gleich mit in die Inspektion genommen, inzwischen war sie allerdings verunsichert über seine vehemente Unschuldsbehauptung, sein angebliches Alibi und die Fotos auf seinem Laptop. Auch der Zahlendreher bei der Anmeldung der Prepaid-Karte ließ sich jetzt nicht mehr einfach so wegwischen. Sie brauchten erst noch weitere Beweise. Wenn Gruber allerdings melden sollte, dass Tom auch hinter der Internetseite oder den Posts steckte, dann würde es doch wieder eng für ihn werden.
„Cool im Vergleich zu diesem Tian?“ Hannes nickte zustimmend. „Wobei ich fand, dass er ja schon ein bisschen geschockt war, vielleicht wollte er das nur hinter der Maske der Arroganz verbergen. Ich meine, wenn er es wirklich nicht war und ihm da jemand einen üblen Streich gespielt hat …“, Hannes besann sich. „Wenn jemand in deinem Namen Vanessa irgendwohin gelockt und getötet hat, dann wärst du doch auch geschockt und gleichzeitig entsetzt.“
„Vielleicht.“ Franziska zuckte unschlüssig mit den Schultern. „Na ja, schon. Aber schau dir sein Zimmer an, seine Frisur und dann seinen Nachbarn. Da liegen doch Welten dazwischen. Der ist nicht nur cool, der ist, hm, wie soll ich sagen … der ist herablassend. Ja genau. Als wäre er etwas Besseres.“
Hannes lachte, weil Franziska ihr Urteil so unumstößlich gefällt hatte. „Du traust ihm also nicht zu, dass er eine Frau in die höheren Sphären der Lust heben kann?“, fragte Hannes provokant nach.
Franziska blickte ihn schmunzelnd an. „Das würde ich nicht sagen. Wenn er die Wünsche einer Frau genauso korrekt umsetzt, wie er seine Haare in Form bringt …“ Sie kicherte, wurde aber schnell wieder ernst. „Typen wie der sind schlecht einschätzbar. Sie können ganz harmlos sein und genauso akkurat einen Mord begehen, mit allen Konsequenzen, eiskalt geplant, bis ins letzte Detail.“
„Und du traust ihm sogar die Sache mit den Fotos zu?“
Hannes blieb unsicher, doch Franziska schwieg, klappte ihr Notizbuch zu, schob es in ihre braune Umhängetasche und warf sie dann auf den Rücksitz, bevor sie den Motor startete. „Da warten wir jetzt einfach mal auf das, was Gruber uns ja hoffentlich bald mitteilt“, entschied sie und hoffte, der Kollege käme wirklich bald dazu, die Seite zu überprüfen und müsse nicht am Ende auch noch Streife fahren, um Flüchtlinge einzusammeln.
Draußen war es schon fast dunkel. Sie hatte außer den Pausenbroten von Sabrina noch nichts Vernünftiges gegessen. Sie war müde und sie sehnte sich nach einer liebevollen Umarmung. Auch Hannes warf jetzt einen Blick auf seine Uhr. „Wartet dein Schätzchen auf dich?“ Der Kollege verzog das Gesicht. „Entschuldige, deine Sabrina?“
Er nickte, dabei huschte ein glückliches Lächeln über sein Gesicht. „Und bei dir? Jetzt wo dein Bühnenkünstler wieder zurück ist.“ Er nahm ihre rechte Hand sanft vom Steuer und schaute sich das Handgelenk an. „Nichts mehr zu sehen!“
Franziska entzog sich ihm unwirsch und verpasste ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen, bevor sie ihn warnend anfunkelte. „Wir müssen morgen früh als erstes zu den Ruderern, um uns Tom Seiberts Alibi bestätigen zu lassen“, erklärte sie dann aber in ruhigem Ton und bog in die Neuburger Straße ein.
„Ja Chef“, schmunzelte Hannes. „Und wenn sie es bestätigen, was machen wir dann mit dem SMS-Wechsel und den Fotos?“ Er ging auf ihr Ablenkungsmanöver ein. „Das lässt sich ja schlecht ignorieren.“
Franziska zuckte mit den Schultern. Sie hatten den Fuchsbauerweg erreicht. „Das überlegen wir uns morgen, wenn wir wissen, ob Tom für das Einstellen der Fotos verantwortlich ist. Schlaf gut, mein Schatz!“
Hannes grinste und streichelte ihr kurz über die rechte Wange. „Ich werde es wirklich für mich behalten“, versprach er eifrig und holte seinen Rucksack von der Rückbank.
„Wenn er auf solche Inszenierungen steht, und so wie der aussieht, hat er bestimmt schon so manche Frau dazu gebracht seine Wünsche zu erfüllen, dann gehört es sicher auch zu seinem Repertoire, anderen etwas vorzuspielen“, resümierte Franziska ein letztes Mal die Begegnung mit Tom Seibert und dessen Kaltschnäuzigkeit und zeigte gleichzeitig, dass alles, was mit Walter zu tun hatte, nicht hierhergehörte.

Franziska betrat ihre Wohnung und wagte nicht zu hoffen, dass Walter an diesem Abend noch bei ihr vorbeikommen würde. Und selbst als es im Flur so wunderbar nach gebratenem Fleisch roch, glaubte sie zunächst an eine Sinnestäuschung. Bis er tatsächlich vor ihr stand: Eine Schürze um die Lenden gebunden, barfuß, ohne T-Shirt, praktisch nackt, schwang er den Kochlöffel und grinste sie frech an.
„Eigentlich hast du ja Wasser und trockenes Brot verdient, nachdem du dich den ganzen Tag über mit keiner Silbe bei mir gemeldet hast.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Aber wenn du Besserung gelobst, will ich mal nicht so sein.“
„Ich gelobe Besserung“, schwor Franziska, küsste ihn schmatzend, hob einen der Topfdeckel an und verbrannte sich prompt die Finger.
„Hey, Vorsicht, keiner hat von Selbstverstümmelung gesprochen!“ Walter nahm ihr den Deckel aus der Hand, pustete und küsste zärtlich die geröteten Stellen, bis Franziska ein seliges Frösteln über den Rücken lief.
„Oh, ich bin am Verhungern“, erklärte sie theatralisch und angelte nach der Gabel, die neben dem Topf lag.
„Dann wasch dir die Hände, es kann gleich losgehen.“
Doch auf einmal überlegte es sich Franziska anders. „Meinst du, dass das, was da so köstlich riecht, noch eine Dusche abwarten kann?“, erkundigte sie sich vorsichtig.
Walter schaute, als müsse er den erfragten Vorgang prüfen, nickte und schob sie zur Tür hinaus. „Dann aber schnell“, gab er ihr mit auf den Weg.
Unter der Dusche trällerte Franziska zufrieden eine Melodie ohne Text vor sich hin. Sie verspürte ein wohlig-aufgeregtes Kribbeln im Bauch.
Abgetrocknet, eingecremt und nach zwei Tellern vom feurigsten Gulasch, das sie je gegessen hatte, lehnte sie sich schließlich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und gähnte lächelnd.
„Na, müde?“
„Ein wenig, aber die Lebensgeister kommen bereits zurück“, schwärmte sie, bis ihr etwas einfiel. „Nur beim Anblick meiner Küche fühle ich wieder diese Schwäche …“ Sie stöhnte, als sei sie gerade vom Keller bis in den zehnten Stock gerannt.
„Wenn das deine einzige Sorge ist, dann hast du keine. Den Abwasch übernehme selbstverständlich ich.“ Walter strahlte sie an.
„Das ist aber lieb von dir“, freute sich Franziska, vermutete allerdings, dass so viel Selbstlosigkeit nicht ohne Selbstzweck war … „Ich wollte ohnehin noch schnell was im Internet nachschauen“, prüfte sie vorsichtig, wie weit sie gehen konnte. Doch Walter durchschaute sie sofort.
„Beruflich oder privat?“
„Halb privat!“
„Abgelehnt. Halb privat heißt bei dir hundert Prozent beruflich.“ Walter stand auf, ging um den Tisch herum und stellte sich hinter ihren Stuhl, um ihr sanft die Schultern zu massieren. „So geht das nicht, Frau Kommissarin. Ich bin ein Mann!“
„Jaaa!“
„Ich habe Bedürfnisse!“
„Jaaa!“
„Ich kann nicht immer hinter deinen Tätern zurückstecken.“
„Aber das musst du doch gar nicht. Nur in Notfällen. Und hier in Passau werden auch nicht täglich Leute ermordet“, rechtfertigte sie sich eifrig.
„Trotzdem, so geht das nicht“, maulte Walter und ließ von ihrem Nacken ab.
Franziska wirbelte herum. „Jetzt hör aber auf. Da wurde ein Mädchen brutal getötet, vorher wahrscheinlich schwer missbraucht oder zumindest misshandelt und das einzige, an das du denkst, ist Sex?“
Walter musterte sie eine Weile, bevor er sie in eine liebevolle Umarmung zog. „Aber du wirst mich doch nicht etwa mit so einem Monster vergleichen?“
„Nein“, hauchte Franziska an seine Schulter, „natürlich nicht.“
„Willst du darüber reden?“
Franziska bedachte das Für und Wider, nickte und eine halbe Stunde später lagen beide nebeneinander im Bett. Sie in einem alten kuscheligen Blümchenpyjama und bis zur Nasenspitze zugedeckt, Walter neben ihr und noch immer nur in Shorts. Nachdem er sich lang und breit über ihr wenig erotisches Kleidungsstück ausgelassen hatte, schob er seinen Arm unter ihren Nacken und zog sie an sich. „Nur kuscheln“, beteuerte er.
So erzählte sie ihm, in welchem Zustand sie die Leiche gefunden hatten und auch von der Handy-Verabredung mit dem Studenten. Sie schilderte das Outfit, das er für sie bereitgelegt hatte und dass er sie dann in dieser Verkleidung fotografierte, um die Bilder später ins Netz zu stellen, bevor er sie misshandelte und schließlich tötete.
„Und das war alles dieser Student?“, hakte Walter ungläubig nach.
„Er wird verdächtigt, bewiesen ist bisher nichts.“
„Wenn er es war, wäre er nicht nur brutal, sondern auch raffiniert. Oder ziemlich dumm.“
„Also dumm scheint er mir nicht zu sein“, gab Franziska zu bedenken.
„Jetzt mal ehrlich, ich kann mir so ein Vorgehen nicht vorstellen“, überlegte Walter. „Der musste doch wissen, dass er entlarvt wird, sobald sich jemand ihr Handy anschaut.“
„Der Täter muss ziemlich heftig darauf herumgetrampelt sein. Vielleicht dachte er, es wäre zu kaputt, als dass es noch einmal Informationen ausspucken könnte.“
„Was studiert der, Dummheit? In jedem mittelmäßigen Tatort schafft das die Spurensicherung in Nullkommanichts. Und außerdem bleibt ja immer noch der digitale Fußabdruck im Internet, da kriegst du doch heutzutage alles raus. Oder?“
„Das ist ja auch unsere Hoffnung“, gab Franziska zu und ließ ihre Finger zärtlich über seinen Bauch streicheln. „Wobei mir einfach nicht in den Kopf gehen will, warum er diese Fotos nach ihrem Tod noch ins Netz gestellt hat.“
„Vielleicht aus Rache.“
„Wofür? Sie war ganz sicher tot.“
„Vielleicht weil sie ihn so schön angemacht hatte und dann doch nicht zum Zug kommen lassen wollte“, schlug Walter vor und schaute zu, wie Franziska ihre Hand immer weiter in Richtung seiner Shorts wandern ließ. „Wenn du nur kuscheln willst, dann solltest du jetzt ganz schnell aufhören“, gab er zu bedenken.
„Vielleicht will ich einfach sehen, was passiert, wenn ich trotzdem weitermache“, erklärte sie grinsend und schob ihre Hand gänzlich unter den Gummibund, wo sie sehr schnell auf große Zustimmung stieß.
„Das kannst du haben!“
Mit Schwung zog er ihr die Decke weg und schob seinen Kopf unter ihr Oberteil, während seine Hände ihre Handgelenke umfassten. Völlig Herr der Lage küsste er sich langsam ihren Bauch hinauf, bis Franziska aufschrie und versuchte, sich aus dieser ohnmächtigen Situation zu befreien. Doch Walter vergrub seinen Kopf nur noch tiefer in ihrem Schlafanzug und dachte gar nicht daran, von ihr abzulassen. Als er ihre aufgerichteten Brustwarzen erreichte, knabberte und saugte er so lustvoll an ihnen, bis die Druckknöpfe ihres Pyjamas dem Druck nicht mehr standhielten und einer nach dem anderen aufsprang. Lachend ließ er von ihr ab und stützte sich auf seine Hände, um sie besser betrachten zu können.
„Oh! Das sieht ja direkt nach einer Kapitulation aus“, kommentierte er und blickte grinsend auf ihren einladenden Busen.
„Wehe!“, mahnte Franziska, konnte diese Drohung aber nicht mehr weiter ausführen, weil sie in diesem Moment unglaublich zärtlich geküsst wurde. Egal wie sehr sich Franziska zu wehren versuchte, er ließ erst von ihr ab, als sie sich ihm ganz und gar und ausgesprochen freiwillig ergeben hatte.

Nachdem er sich eine Weile am Inn herumgetrieben hatte, war er nach Hause gegangen, um sich auf sein Bett zu werfen und die Augen zu schließen. Reglos lag er da, bis er wie unter Strom gesetzt aufsprang, zur Tür lief und sie zweimal abschloss. Als nächstes ging er zum Fenster und ließ die Rollos herunter. Er wollte nichts sehen, nichts hören. Es sollte endlich still sein, er brauchte dringend Schlaf. Wieder legte er sich auf sein Bett und wartete. Doch statt der ersehnten Ruhe kam ihm die Eisenstange in den Sinn, und schon war es vorbei.
Ratatat, ratatat, ratatat!
Der Zug fuhr an. Nahm Geschwindigkeit auf. Mist, verdammter. Aber es stimmte ja. Wie konnte er hier einfach liegen und so tun, als wäre nichts geschehen?
Wieder sprang er vom Bett und wankte zur Tür. Seine Hände suchten den Lichtschalter. Als sie ihn nicht gleich fanden, fluchte er und trat mit dem Fuß gegen die Zimmertür.
Ratatat, ratatat, ratatat!, machte es in seinem Kopf. Doch dann erblickte er die Plastiktüte mit der Eisenstange, und der Zug wurde langsamer. Heute hatte ihn die Polizei befragt. Es war ganz harmlos gewesen und sie hatten ihm ja auch geglaubt, dass er nichts mit der Sache zu tun hatte, aber trotzdem war es sicher besser, die Spuren zu beseitigen.
Darum nahm er die Tüte mit ins Bad und hielt die Stange unter den Wasserhahn, um das Blut abzuspülen, das noch immer an ihr haftete. Und weil das nicht so einfach ging, rieb er mit der anderen Hand kräftig drüber, wobei er sich an einer Unebenheit die Haut aufschürfte.
„Verdammte Sauerei!“, fluchte er und spürte, wie der Zug an Fahrt aufnahm. „Was musste dieses Miststück auch so bluten!“
Hastig stopfte er die Eisenstange zurück in die Plastiktüte und stapfte zu seinem Bett, wo er sie unter sein Kopfkissen schob. Nachdem er sich erneut hingelegt hatte, überlegte er, ob er sie nicht vielleicht doch vergraben sollte. An einem sicheren Ort, falls er sie wieder brauchte, aber nicht in seiner unmittelbaren Umgebung. Andererseits wusste ja niemand von ihr, also konnte er sie genauso gut auch behalten. Er schloss erneut die Augen und bemerkte, wie anstrengend das alles gewesen war. Er brauchte jetzt Schlaf, viel Schlaf. Er musste zu Kräften kommen und den Zug anhalten. Doch der brauste durch seinen Kopf, als gäbe es keine Bremsen und keine Signale. Der Schmerz, der schon immer in ihm gewütet hatte, saß am Steuer. „Mach sie alle“, hatte er gesagt, „mach, dass sie nie wieder lachen kann!“

Pulsuz fraqment bitdi.