Kitabı oxu: «Bei Anruf Callgirl»

Şrift:

BEI ANRUF CALLGIRL

IMPRESSUM

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages!

Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2021 dieser Ausgabe Obo e-Books Verlag,

alle Rechte vorbehalten.


M. Kluger

Fort Chambray

Apartment 20c

Gozo, Mgarr

GSM 2290

Covergestaltung: Art for your book

INHALT

1. Blödes Herz

2. Workaholic

3. Immer nur Probleme

4. Shit Meeting

5. Schicksal

6. Stock 16, bitte

7. Die Aufgabe

8. Christian Bailey

9. Let the Games Begin

10. Runder Arsch und Tequila

11. Einer zu viel

12. Fiese Tricks

13. Kopfschmerzen

14. Goldene Höschen

15. It’s getting hot, Baby

16. Der Countdown läuft

17. Gouvernanten-Spiele

18. Letzter Versuch

19. Blöde Pfirsiche

20. Untröstbar

21. Wer war nochmal schuld?

22. Geld ist nicht alles

23. Drei kleine Worte

Die „Plötzlich Callgirl“ Reihe

Über OBO e-Books

1

BLÖDES HERZ
EMMA

Liebe war definitiv nichts für Feiglinge …

Das Herz sprang einem aus dem Leib, man schwitzte wie ein Schwein und glotzte wie ein Kalb. Die Menschen laberten was von Schmetterlingen im Bauch und glaubten sterben zu müssen, wenn sie sich mal eine Minute nicht sahen. Sie stierten sich ständig in die Augen und dabei kribbelte es zwischen ihren Beinen.

Und genau dieses Kribbeln war der Beweis dafür, dass alles rein körperlich war! Die pure Biologie!

Und trotzdem bastelten die Irren um die naturbedingten Hormonexplosionen herum herzzerreißende Liebesschwüre, schrieben Liebesbriefe in Schönschrift und feierten Mammut-Hochzeiten. Sie glotzten sich bei Kerzenschein in die Augen und schworen sich ewige Treue.

Dann kam das böse Erwachen. Das verstaubte Parkett wurde von stinkenden Socken übersät und die Kerle suchten sich eine Jüngere. Stress, Tränen, Scheidung. Und dann saß man da, allein mit drei schreienden Kindern, und wusste nicht, wie man die satt bekommen sollte.

Das war nicht lustig.

Darum fragte ich mich, warum ich blöde Kuh ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich nach diesem Wochenende in den Flieger Richtung Heimat stieg. Die Turbinen dröhnten schon und die Flughafenmitarbeiter führten die letzten Checks durch. Noch konnte ich umkehren, aber das würde ich schön sein lassen.

„Herzlich Willkommen an Bord, Miss. Nach links, bitte”, begrüßte mich eine Stewardess, die mich mit ihrem langen, dunklen Haar und der rotbraunen Haut an die Indianerin Aponi erinnerte.

Ich rannte zu meinem Platz und schnallte mich sofort an. Ich wollte nicht zum Fenster rausgucken, doch ich konnte nicht anders.

Trat Jacob gerade vor dem Flughafen von einem großen Fuß auf den anderen und guckte alle zwei Sekunden auf die Uhr, um mich mit auf sein Schloss zu nehmen und mich bis in alle Ewigkeit zu lieben?

Fragte er sich, was er falsch gemacht hatte, weil er vergeblich wartete? Fühlte er sich verlassen und verarscht? Fühlte er einen Stich der Trauer in seinem Herzen?

Wohl kaum.

Klar, würde er mich mitnehmen. Mit mir ein paar Tage verbringen. Vielleicht sogar das nächste Wochenende. Wir würden Tag und Nacht vögeln. Solange bis wir das Kamasutra durchgeturnt hatten. Vielleicht würden wir manche Stellungen auch zwei- oder dreimal probieren. An manchen Tagen wären es aber auch zehn Stellungen, weil neuneinhalb davon schon im Ansatz zu Knochenbrüchen führten. Kurz: Letztendlich war kein Kamasutra so dick wie ein Schwanz. Am Ende würde der großartige Jacob Dean Morgan mich abschießen und vergessen - so wie all die anderen Weiber vor mir!

Ich schniefte die verdammten Tränen in die Serviette, die eigentlich dafür da war, den Mund zu reinigen, nachdem man den Kotzbeutel benutzt hatte.

Dachte ich echt, Jacob würde es ernst mit mir meinen? Wir kannten uns seit drei Tagen, wobei von wirklichem Kennen ja wohl kaum die Rede sein konnte. Ich kannte ihn jedoch genug durchschaut, um zu wissen, dass der Mann einfach nicht der Typ für eine feste Beziehung war. Hey, der mietete sich Callgirls, um seine Freunde zu beeindrucken. Wie krank war das denn?

Dumme Emma! Der Typ hat dir wohl das Hirn rausgevögelt.

Genau diese Worte würden meine echten Freunde für mich finden und darum blieb mein Arsch hübsch auf dem Fensterplatz sitzen.

Mein Leben war ein einziges Trümmerfeld. Wenn ich gewusst hätte, dass das hier erst der Anfang war, hätte ich mir die Bedienungsanleitung für den Notausgang durchgelesen - und wäre auf 10.000 Metern über den Wolken ausgestiegen.


„Wenn du gleich Feierabend machst, Emma, nimm den Müll mit raus“, sagte Mrs. Petersen.

Obwohl Mrs. Petersen als Büchereidrache bekannt war, machte es mich beinahe glücklich, sie zu sehen und ihr liebliches Keifstimmchen zu hören. Ich freute mich sogar, ihren Müll mit raus nehmen zu dürfen, denn es tat einfach gut, wieder im Alltag angekommen zu sein.

Im Nachhinein besehen war das hinter mir liegende Wochenende das Schlimmste meines gesamten bisherigen Lebens. Schlimmer noch als mein erstes Mal. Es hatte mich vollkommen durchgerüttelt, und zwar in jeder Hinsicht.

Aber ich wollte nicht klagen. Tina hatte jetzt das Geld für die Abtreibung zusammen und unsere Miete war gesichert. Insofern hatte ich absolut richtig gehandelt. Im Grunde genommen hatte ich ja auch keine andere Wahl gehabt. Es sei denn, ich hätte meine Freundin hängen lassen wollen, aber so war ich nun mal nicht gestrickt.

Jetzt musste ich nur noch Jacob vergessen. Aber dabei half mir ja der Alltag.

Ich ging ins Kabuff, wo die Kaffeemaschine stand, die die studentischen Hilfskräfte nicht benutzen durften, und schnappte mir den Müllbeutel.

Seit Anfang dieser Woche war es mir nicht mehr peinlich, damit durchs Foyer zu spazieren, an Hunderten von Studenten und Professoren vorbei. Ich hätte den Müll auch in den Container im Hinterhof bringen können, aber der war ab Mitte der Woche immer schon voll. Darum stopfte ich ihn in den Papierkorb, der vor der Bibliothek stand, und hielt nach meinem besten Freund Ausschau. Er sollte eigentlich schon hier auf mich warten.

Verdammt, Ron! Wo bleibst du denn?

Das Master-Kolloquium begann in fünf Minuten und wir brauchten von hier aus genau fünf Minuten zum Seminarraum. Es war also sowieso alles schon total knapp.

Ich schaute auf dem Handy nach, ob ich eine Nachricht verpasst hatte. Wuäääh … Ich hatte Tausende verpasst, doch die stammten alle von Jacob, weshalb ich sie auf einen Schlag entsorgte. Weg damit. Oh ja, ich wollte sie wirklich alle unwiederbringlich löschen, auch wenn sich dieser Vorgang nicht rückgängig machen ließ. Danke der Nachfrage, liebes Handy.

Jetzt waren meine verpassten Nachrichten weg, doch Ron war immer noch nicht da. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die dummen Tränen runter zu schlucken und allein loszugehen.

Mein Alltag, der mich eigentlich beruhigen sollte, fing echt wunderbar an. Gestern schon war Ron eine halbe Stunde zu spät in die Uni gekommen. Vorgestern hatte er mich ganz versetzt. Irgendetwas stimmte da nicht, aber bisher wollte Ron nichts davon wissen.

Als ich das Seminargebäude betrat, war mein Freund immer noch nicht da. Dafür grinste mir Michael, der Blödmann Nr. 1, entgegen.

„Hey-Ho, Emma. Hast du deinen Kopf in Farbe getunkt?“

„Du bleibst einfach immer auf dem Stand eines Elfjährigen, Michael“, entgegnete ich auf das missglückte Kompliment zu meiner aufgehellten Haarfarbe, und setzte mich auf einen der sechs Plätze, die es in diesem Seminarraum leider nur gab.

Mein feinfühliger Studienkollege pflanzte sich natürlich direkt neben mich.

Es war mir schleierhaft, wie der Penner es bis zum Ende des Studiums geschafft hatte. Und ich fürchtete fast, dass er für seine Masterarbeit die Bestnote kassieren würde, während ich wieder mal nur die Zweite war.

Wenigstens kam Ron endlich zur Tür rein gerast.

Aber was war denn mit dem los?

Die sonst stets supergepflegten, roten Haare bildeten ein einziges zerrupftes Entennest. Und erst Rons Haut. Die glich sowieso schon einem Kalkeimer, wenn Ron nicht gerade erregt und deswegen schweinchenrosa war, aber heute sah er aus wie Hui-Buh, das leibhaftige Schlossgespenst.

„Ron! Was ist los?“

Mein Freund ließ sich schwer auf den Holzstuhl zu meiner Rechten fallen. Er seufzte und nickte in Richtung der Tür, durch die soeben Professor Kentwell trat.

„Nachher“, wisperte er und schniefte demonstrativ hinter vorgehaltener Hand.

Oje. Das klang ja furchtbar. Ich schämte mich ein bisschen, als ich dachte, dass der ganze Ärger und Kummer in meinem Alltag auch ein Gutes hatte. Er lenkte mich auf jeden Fall von Jacob ab.

Die Frage war nur, wann die abschreckende Wirkung endlich einsetzen würde.

Während Professor Kentwell einen Vortrag darüber hielt, wie wichtig die Rechtschreibung in Abschlussarbeiten war, und welchen enormen Einfluss eine gute Ausdrucksweise in derselben Abschlussarbeit auf die Note hatte, vibrierte mein Handy alle paar Minuten.

„Du solltest es dir zwischen die Beine klemmen“, zischte Ron mir zu.

„Zu den juckenden Stoppeln, die ich dir und deinem Waxing zu verdanken habe?“, zischte ich zurück und drückte den eingehenden Anruf weg.

„Du könntest längst gekommen sein.”

„Blödmann.”

„Also ich finde, dass dein Indianer sich ziemlich viel Mühe mit deinem Sexleben gibt.“

Ich drückte den nächsten Anruf weg und wisperte: „Dir scheint es ja wieder besser zu gehen.”

„Von wegen. Aber wenn Pfirsich-Jacob mit Orgasmus-Garantie dir wirklich egal ist, dann verstehe ich nicht, warum du dein Handy nicht ausschaltest. Und wieso hat der überhaupt deine Nummer? Tina?“

Ich nickte mit bösem Blick.

„Könnten Sie beide ihre Privatgespräche eventuell auf die Zeit nach Studienabschluss verschieben? Bis dahin brauchen Sie nämlich alle Gehirnzellen für das Studium. Besonders Sie beide.“

„Verzeihung, Professor Kentwell“, sagte ich beschämt. Im selben Moment traf ich eine Entscheidung.

„Ich besorge mir noch heute eine neue Handy-Nummer. Ich schwöre, bei unserer Freundschaft”, flüsterte ich Ron zu.

„Gute Idee. Und wenn du schon bei den Neu-Anschaffungen bist, besorg dir auch gleich noch ein neues Herz.”

Ich nickte. Ein neues Herz war wirklich dringend erforderlich, denn in dem, das momentan in meiner Brust herumjaulte, war Jacob drin.

2

WORKAHOLIC
JACOB

Das Gute an Melanie war ihre absolute Loyalität. Obendrein war sie helle im Köpfchen und sie sah fantastisch aus. Ganz gleich, wo sie auftauchte, die bewundernden Blicke der Männer waren ihr gewiss. Ihre offensichtlichen positiven Eigenschaften öffneten ihr Tür und Tor. Besonders die Kerle waren gern bereit, sich von ihr ansprechen und ausfragen zu lassen.

Außerdem hatte sie eine unglaubliche Beobachtungsgabe. Ich legte großen Wert auf Melanies Urteil, denn in 99 Prozent aller Fälle traf sie damit voll ins Schwarze. Darum hatte ich sie auf diesem Trip mitgenommen, anstatt mich von einer heißen Lady vom Escort begleiten zu lassen.

Außerdem vertraute ich ihr zu 100 Prozent.

„Deine Augen sind so blutrot, als hättest du mal wieder die ganze Nacht gearbeitet - oder gesoffen. Vermutlich beides. Du solltest eine Sonnenbrille aufsetzen, um keine Kinder oder alte Damen zu erschrecken“, empfing sie mich in der Hotel-Lobby, noch bevor sie mir einen guten Morgen wünschte.

Tja, Melanies großartige Beobachtungsgabe hatte auch Nachteile.

Zumal in ihrer Bemerkung das Wort Brille vorkam, das seit einiger Zeit für mein Gehirn mit einer gewissen Frau verbunden und für mich zum Unwort des Jahres aufgestiegen war.

„Lass uns sofort durchstarten“, entgegnete ich und schob sie durch die Drehtür. Ich würde mich nicht vor ihr rechtfertigen. Ich arbeitete und trank so viel wie ich wollte, und nicht so wenig wie gut für mich war. Da ließ ich mir von niemandem reinreden. Nicht mal von meiner großartigen Assistentin, die im Übrigen das Gehalt eines Vorstandsvorsitzenden kassierte. Sie hatte jeden einzelnen Cent verdient, aber ich konnte auch verlangen, dass sie ihren Röntgenblick auf andere Objekte richtete als auf ihren Boss.

Kindern und alten Damen begegneten wir an diesem Tag sowieso nicht.

„Taxi, Sir?“, fragte einer der beiden Hotelpagen, die links und rechts vom Eingang des Luxushotels standen.

Ich nickte und der Angestellte im Livree schoss auf das nächste Yellow Cab zu, das am Straßenrand vor dem Hotel auf Gäste wartete, und hielt Melanie und mir die Tür auf.

„Zum Javits Convention Center, bitte“, sagte ich zu dem schwarzen Fahrer.


Das Taxi quälte sich durch Midtown Manhattan und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, seit wir gestern in New York angekommen waren, in welchem Stadtteil wohl Emma wohnte. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass es entweder Brooklyn oder die Bronx sein musste, denn welche Orte konnte eine Studentin sich sonst leisten?

Dass Emma reiche Eltern hatte, die sie mit einem hübschen Apartment in Manhattan pamperten, konnte ich ausschließen. In dem Fall hätte sie sicher keinen Job für eine vom Magen-Darm-Virus gebeutelte Freundin übernehmen müssen. Dann hätte sie Daddy angerufen und ihm die Kohle aus der Tasche geleiert, die sie und ihre ans Klo gefesselte Freundin so dringend brauchten. Wenn ausgerechnet ein Mädel wie Emma das Callgirl gab, konnte es nur am Geldmangel liegen.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte ich bloß ihre Freundin, von der ich die Telefonnummer hatte, und die mir bereitwillig Emmas Nummer gegeben hatte, nach der Adresse zu fragen brauchen. Noch drei Monate nach dem letzten meiner zahlreichen peinlichen Hinterlassenschaften auf Emmas AB, konnte ich die Nummer im Schlaf aufsagen. Leider galt die Ziffernfolge seitdem nicht mehr.

Ich hätte die Universitäten abklappern können, um Emma zu finden, oder einen Privatdetektiv einschalten. Meine alten Freunde hatten mir das empfohlen. Als wäre ich nicht selbst auf diese Ideen gekommen. Aber wenn jemand sogar seine Nummer wechselt, um einen loszuwerden, war das ein Zeichen. Eins, das leider ziemlich an mir nagte.

Na, super. Mein Ablenkungsmanöver funktionierte ja ganz toll. Ich war in dieser Stadt, um zu arbeiten und somit nie wieder an den kleinen Tollpatsch zu denken, der mich eiskalt hatte abblitzen lassen.

Dabei hatte ich in diesem Jahr eigentlich schon im Indian Summer mit der Arbeit abgeschlossen gehabt. Der letzte Deal mit Larry Henderson allein hatte Millionen eingebracht. Doch ich kannte keine bessere Möglichkeit, um meine Gedanken in produktive Bahnen zu lenken. Wenn ich im Geld zu ersaufen drohte, konnte ich es immer noch für einen guten Zweck spenden.

Je länger ich in New York war, desto klarer wurde mir, dass es besser gewesen wäre, mir Christian Bailey an einem anderen Ort anzusehen. Zwölf Wochen war die Season of Peaches nun her. Doch wohin ich auch guckte, ich sah eine Blondine mit Eieruhrfigur, pinken Glitzerklamotten und einer enormen Brille auf der Nase. Wenn das so weiterging, war ich bald reif für die Klapse.

Aber jetzt war ich hier. Und um Bailey anderswo zu treffen, hätte ich einen Termin mit ihm ausmachen müssen, und das wollte ich nicht. Noch nicht. Noch wollte ich ihn beobachten, wenn er sich unbeobachtet und somit sicher fühlte.

Wir hatten unser Ziel erreicht.

Der Fahrer reihte sein Yellow Cab in die lange Taxi-Schlange vor dem vollständig verglasten Messe-Zentrum ein, das mich auch schon wieder an eine Brille erinnerte. Ich schüttelte den Kopf über mich selbst, zahlte, gab dem Mann ein großzügiges Trinkgeld und machte mich mit Melanie auf den Weg, um die Konkurrenz auszukundschaften.


Es war genau so, wie ich es mir gedacht hatte: Der Australier war mit der gesamten Konkurrenz im Gespräch. Er wollte unbedingt eine Fusion mit einem amerikanischen Unternehmen, und ich wollte unbedingt derjenige sein, der mit ihm zusammen ging, um die weltweite Marktführerschaft im Bereich der Landmaschinen zu übernehmen.

Allein bei dem Gedanken an einen Gott neben mir hätte ich kotzen können. Aber es war nun einmal unbestritten, dass es eindeutig besser war für die Geschäfte, wenn man sich den anderen Gott ins Boot holte, denn nur so hatte man ihn unter Kontrolle. Andernfalls konnte es leicht passieren, dass irgendein Halbgott durch diese Fusion zum Gott aufstieg und ich demnächst im Suppentopf schmorte, während die bösen Geister um mich herumtanzten.

„Das müssen wir aber ganz geschickt vorbereiten“, meinte Melanie, nachdem wir Baileys Treiben auf der Messe hinreichend beobachtet hatten.

Meine großartige Assistentin sprach mir aus der Seele und ich nickte ihr über meinen doppelten Espresso hinweg zu.

Sie hatte sich einen Latte Macchiato bestellt und gönnte sich einen Brownie, von dem sie sich genüsslich ein großes Stück zwischen die Lippen schob. Melanies üppiger Mund bewegte sich mampfend und ich fragte mich, warum mich diese Lippen eigentlich nicht reizten.

„Stell dir vor. Ihr beide auf dem Cover des Forbes Magazine.”

Das hatte ich mir bereits vorgestellt. So ganz konnte ich mich mit dem Gedanken allerdings noch nicht anfreunden. Wie gesagt: Gott neben Gott. Aber auch wie gesagt: Ich hatte leider keine Wahl. Entweder fressen oder gefressen werden. Das waren die Regeln im Business. Ich wollte keinesfalls gefressen werden. Und um in Rente zu gehen, war ich ein wenig zu jung. Außerdem hatte ich Verantwortung meinen Mitarbeitern gegenüber.

„Oh, wow!”, riss Melanie mich schwärmerisch aus meinen Gedanken. „Du mit deinem wilden Charme und Christian Bailey, der sexy australische Surferboy, an deiner Seite. Da bekommt nicht nur die gesamte Geschäftswelt ein feuchtes Höschen. Sogar ich würde mit euch beiden in den Heuschober abschieben. Eine Ménage à trois. Das ist bestimmt sogar noch besser als dieser wirklich supersupersupertolle Brownie.“

Wie bitte? Was waren das für Worte von meiner seriösen Assistentin?

Ich tat, als hätte ich sie nicht gehört. Und so toll sah Bailey nun auch wieder nicht aus. Er war ein Modeltyp, aber von der Sorte Lackaffe. Deswegen hatte ich so wenig Bock auf diese Fusion. Ich würde nochmal eingehend mit mir ins Gericht ziehen. Vielleicht fiel mir ja eine andere Lösung ein, um Bailey auszuknocken.

Allerdings gingen mir Melanies Worte nicht aus dem Kopf. All die Jahre hatte ich den besten Sex gehabt, den man sich denken konnte. Und dann kam Emma und setzte dem Ganzen noch das Krönchen auf. Um nicht zu sagen die Krone. Und was war seither los? Nichts als heiße Luft. So ging das nicht weiter! Das Teil in meiner Hose starb mir noch ab. Soweit sollte es nicht kommen. Es musste endlich Schluss sein mit der Lustlosigkeit. Mann, es gab doch noch andere schöne Frauen auf der Welt.

„Hey, was soll das, Jacob?“

Melanies Augen wurden immer größer, als ich sie durch das Gate am JFK Airport schob.

„Ich komme in ein paar Tagen nach Hause. Sag in der Firma Bescheid und sag den anderen, dass wir vorerst alles tun werden, um mit Bailey zu fusionieren - es sei denn, wir finden einen anderen Ausweg aus dem Schlamassel“, rief ich ihr zu. Ich befand mich bereits auf dem Rückzug.

„Aber was willst du denn noch in New York?“, schrie Melanie aufgebracht. „Hat es etwas mit diesem Mädchen zu tun, mit dem du die Season of Peaches gewonnen hast?“

Oh, ja, das hatte es. Aber das würde ich wohl kaum meiner Assistentin auf die Nase binden. Außerdem hatte ich sowieso ganz etwas anderes vor, als Melanie es sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hätte. Mir war da nämlich eine Idee gekommen und ich sagte nur eins: Konfrontationstherapie!

3

IMMER NUR PROBLEME
EMMA

„Bestnote.“

Michael, der Idiot, trat mit einem triumphierenden Grinsen aus Prof. Kentwells Prüfungszimmer. Er machte eine aggressive Macho-Bewegung mit dem rechten Arm, bei der ich nur dachte: Steck dir den Finger doch in deinen Arsch.

Der Wichser war so arrogant, dass ich für einen Moment glatt Jacob vergaß, was ein verdammtes Wunder war, da ich in den vergangenen drei Monaten pausenlos an ihn gedacht hatte, obwohl ich genau das ausdrücklich vermeiden wollte. Aber für diesen einen noch beschisseneren Moment wanderte Jacob beiseite, denn es war eine absolute, himmelschreiende Scheiß-Unverschämtheit, dass der Hohlkopf die Bestnote bekam. Jeder wusste, dass er sich die Hälfte seiner Buchstabensuppe im Internet zusammengeklaut hatte. Und für die Umformulierungen hatte er garantiert jemanden bezahlt.

Aber der Professor hatte Besseres zu tun, als seiner verdammten Pflicht nachzugehen und seinem Lieblingsstudenten auf die kriminellen Fingerchen zu klopfen. Kentwell stand auf Arschkriecher.

Inzwischen glaubte ich sogar fast, dass der gut gewachsene Lehrkörper, dem das gesamte College nachsagte, dass er die Studentinnen reihenweise flachlegte, in Wirklichkeit schwul war. Wahrscheinlich galt dasselbe für Michael und seine ständigen Aufreißmanöver waren pure Tarnung.

„Glückwunsch“, sagte ich scheinheilig, denn das summa cum laude wünschte ich in diesem speziellen Fall nur mir. Und natürlich Ron, der den Termin nach mir hatte - und schon wieder nicht zur verabredeten Zeit anwesend war. Aber daran konnte ich jetzt auch nichts ändern. Meine eigene Urteilsverkündung stand kurz bevor. Da musste ich jetzt allein durch. Warum auch nicht? Ich war schließlich kein Baby. Und am Ende des Studiums sollte ich so langsam durch die Welt marschieren können, ohne dass mein bester Freund mir ständig das Händchen hielt.

Ich setzte mein strahlendstes Lächeln auf und betrat das Zimmer, in dem Prof. Kentwell mir in wenigen Minuten das Ergebnis meiner Masterthesis mitteilen würde.

Hoffentlich ging das hier so aus, wie ich es mir erträumte und wie ich es verdient hatte! Mit einem summa cum laude würde ich den begehrten Bonus erhalten, der mich über den nächsten Monat brachte, bis ich einen meinen Traumjob gefunden hatte.

Aber vielleicht bot Prof. Kentwell mir ja sogar eine Assistentenstelle an. Als seine studentische Hilfskraft war er mit meiner Arbeitsweise vertraut. Ich wünschte es mir so sehr. Doch ich war auch realistisch. Nachdem der Arschkriecher schon die Bestnote eingesackt hatte, war zumindest der Bonus schon halbiert - wenn Michael sich nicht längst den Assi-Job erschlichen hatte.

Aber damit hätte er doch auch gleich noch herumgeprahlt, oder?

„Guten Tag, Miss Smith.“

Ohne den Kopf zu heben, wies Prof. Kentwell auf den einzelnen Stuhl, der in der Mitte des runden Zimmers stand. Es war ein einfacher Holzstuhl, der mit Sicherheit aus dem Gründungsjahr der Uni stammte und im krassen Gegensatz zu der hochmodernen Rotunde mit den glänzend weißen Wänden und der indirekten Beleuchtung stand.

„Guten Tag, Professor Kentwell”, erwiderte ich und nahm Platz.

Es war ungewohnt, dem Professor hier zu begegnen, und dann auch noch quasi wie auf dem Präsentierteller zu sitzen. Ich fühlte mich wie der rote Fleck auf einer Zielscheibe. Das war gruselig. Wenn ich für Kentwell arbeitete, hielten wir uns stets in seinem kleinen Büro auf. Doch das wurde gerade renoviert. Ich wusste das, weil ich sämtliche siebentausendvierhundertdreiunddreißig Mathebücher in Kartons geräumt und dabei in eine Computerdatei eingegeben hatte. Inklusive Coverfotos, die ich mit meinem Smartphone geschossen hatte.

Kentwell hob nicht mal den Kopf. Er blätterte in meiner Masterarbeit. 50 Seiten reine Mathematik, in einem klassischen blauen Einband. Der von dem Arschkriecher war rot. Ekelhaft. Hauptsache auffallen.

Heute fiel allerdings auch ich mehr auf als sonst.

Auf Tinas dringendes Anraten hatte ich ein Kleid angezogen und hoffte, dass mir mein weibliches Äußeres half. Ich war sogar versucht, die Beine sexy übereinander zu schlagen, aber ich verkniff es mir. Tina würde mich natürlich nachträglich dafür steinigen. Die Bestnote war nämlich nicht nur für den Bonus erforderlich, sondern auch für eine qualifizierte Arbeitsstelle.

„Nun, Miss Smith. Ich weiß, wie sehr Sie die Mathematik lieben. Und, ich muss sagen, die Mathematik liebt Sie. Ich bin in weiten Teilen mit Ihrer Arbeit einverstanden.“

Kentwell hob endlich den Kopf, stutzte kurz und lächelte mir dann zu, während mir die Gesichtszüge entgleisten.

„In weiten Teilen?“, stammelte ich und schlug jetzt doch die Beine übereinander.

Der Professor grinste beinahe unmerklich. „Mit ihren Schlussfolgerungen bin ich nicht ganz einverstanden.“

„Was ist denn mit meinen Schlussfolgerung nicht in Ordnung?“

Ich gab’s ja zu, dass ich gerade bei den Schlussfolgerungen besonders häufig mit den Gedanken bei Jacob gewesen war, aber davon war die Qualität meiner Arbeit unberührt geblieben.

„Ich habe den Eindruck, dass Sie mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache waren.”

Oh nein!

„Wie meinen Sie denn das?“

„Ihre Ausführungen wirken fahrig, nicht vollständig durchdacht. Gerade von Ihnen hatte ich mehr erwartet. Dieser Meinung ist übrigens auch der Zweitgutachter. Ich dürfte Ihnen das eigentlich nicht verraten, aber da Sie meine ehemalige Hilfskraft sind und ich stets sehr zufrieden …“

Jetzt war ich doppelt geschockt. Ich schnappte nach Luft, was zu meinem Erschrecken klang wie das Katzentörchen an der Haustür meiner Eltern, wie ein blechernes Klappern. Kentwell hob beide Augenbrauen. Er war mir plötzlich so fremd. Dabei hatte ich doch drei Jahre für ihn gearbeitet.

„Wieso bin ich Ihre ehemalige Hilfskraft?“

„Miss Smith, dass ich das ausgerechnet Ihnen erklären muss. Sobald die Masterthesis beurteilt ist, sind Sie keine Studentin mehr und damit können Sie auch nicht mehr als studentische Hilfskraft für mich arbeiten. In jedem Fall möchte ich mich bei Ihnen für die langjährige, stets zufriedenstellende Zusammenarbeit bedanken. Zugleich möchte ich Ihnen zu einem ganz hervorragenden magna cum laude gratulieren.“

Ich sank in meinem Stuhl zusammen wie ein Luftballon, aus dem die Luft entwich. Magna cum laude. Ernsthaft?

Das war nur die zweitbeste Note.

„Aber Prof. Kentwell …”

„Suchen Sie sich eine schöne, gemütliche Stelle an einer kleinen, gemütlichen Schule auf dem Lande, heiraten Sie, setzen Sie ein paar nette Kinder in die Welt. Dabei wird Ihnen die Mathematik sehr nützlich sein …”

Ich wollte aufspringen, mich auf Kentwell stürzen und ihm die Fresse polieren. Aber ich besann mich. Ich klimperte mit den Wimpern, senkte die Lider, öffnete sie wieder und schaute Kentwell verführerisch an. Außerdem hatte ich in meinem ganzen Leben niemandem die Fresse poliert.

Und an der Endnote kann man gar nichts mehr ändern?, klangen Tinas Worte in meinen Ohren.

„Und an der Endnote kann man gar nichts mehr ändern?“, erklang meine eigene Stimme.

Das war ekelhaft. Wie ich mich schämte! Ich spürte, dass ich knallrot anlief. Ich hätte mir selbst vor die Füße kotzen können. Aber hier ging es um mein Leben. Um meine Zukunft. Die konnte ich mir doch nicht von einem übrig gebliebenen Macho versauen lassen. Oder von einem schwulen Feigling, wie Ron glaubte. Ich musste mich zur Wehr setzen. Meine Arbeit war wirklich sehr gut. Sehr sehr gut. Ich hatte auch sämtliche Vorleistungen mit der allerbesten Note bestanden. Ich konnte ganz objektiv beurteilen, wie gut meine Masterthesis war. Sie war eindeutig besser als die von dem blöden Michael. Darum hätte ich zumindest dieselbe Note verdient wie er. Das war so ungerecht!

„Miss Smith?”

„Ja, Professor?” Ich schürzte die Lippen.

„Haben Sie mir etwa gerade Sex angeboten, damit ich Ihre Note anhebe?“


Wie tief konnte man eigentlich sinken? Jetzt hatte ich mein Studium in meinem absoluten Traumfach abgeschlossen, in dem Fach, in dem meine einzige Begabung lag. Ich war immer fleißig gewesen und hatte alles gegeben. Ich hätte sogar noch mehr gegeben: Mich.

Eiskalt wäre ich mit Kentwell ins Bett gestiegen oder hätte mich über seinen Tisch geworfen und ihm meinen Hintern entgegengestreckt. Alles hätte ich getan. Ich hatte ja sogar demonstrativ an dem Gummirand meiner sexy halterlosen Nylonstrümpfe gezupft. Nicht mal darauf war Kentwell angesprungen. Es war so beschämend. Wahrscheinlich war der Professor wirklich stockschwul.

Ich heulte, wie ich nicht geheult hatte, seit ich vor drei Monaten am Flughafen von Buffalo abgeflogen war. Die Tränen plätscherten mir vor die Füße. Man hätte meinen können, es regnete, was eventuell daran lag, dass es wirklich in Strömen goss. Was auch sonst? Und einen Schirm hatte ich natürlich auch nicht dabei. Wozu brauchte ich auch einen? Mein Leben war eh gelaufen. Meine Karriere als Mathematikerin an einem College war heute den Bach runter gegangen. Und ich weigerte mich, über Alternativen nachzudenken. Alles andere als eine Karriere am College war indiskutabel für mich. Ich hatte doch so darauf hin gearbeitet.

Ich war nur noch ein paar Schritte von Rudy’s Bar entfernt, dem letzten Arbeitsplatz, den ich seit dem unrühmlichen Abschluss meines Studiums noch hatte, als mir klar wurde, dass die Heulerei meine Kontaktlinsen weggeschwemmt hatte. Und jetzt gleich würde ich auch noch Rudy anbetteln müssen, damit er meine Stunden aufstockte.

Noch mehr Arbeit zwischen notgeilen Kerlen, die mir an den Hintern packten. Das heute war der absolute Tiefpunkt in meinem Leben.

„Miss, kann ich Ihnen helfen?“, sprach mich ein Passant an, als ich gerade unter heftigsten Tränen darüber nachdachte, ob das heute Erlebte oder mein Erlebnis mit Jacob schlimmer waren, während ich gleichzeitig in den Untiefen meiner Beuteltasche nach meiner Brille kramte. Ich sah den Passanten wie durch eine von diesen dicken Plastikfolien mit den Bläschen. Hoffentlich kannte der Typ mich nicht von irgendwoher. Wenn ich noch mehr Pech hatte, war er einer von Rudy’s Gästen.

„Nein”, jaulte ich auf und drehte mich schnell weg. Wo zum Teufel war denn meine Brille? Wenn ich die jetzt auch noch zu Hause vergessen hatte.

„Sind Sie sicher? Tut Ihnen etwas weh? Hat Ihr Freund Sie verlassen?“

„Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen. Mit der zweitbesten Note“, heulte ich.

„Meinen Glückwunsch!“

„Mit der zweitbesten Note bekommt man aber keinen Job am College!“ Ich schlug nach der Hand, die sich auf meinen Arm gelegt hatte. Als ich das nächste Mal in die Tasche eintauchte, erwischte ich die Brille.

„Sorry! Ich wollte nur nett sein. Vielleicht sehen Sie das Ganze momentan ein wenig zu schwarz. Ich verstehe, dass Sie aufgebracht sind, aber schlafen Sie doch erst einmal darüber. Sie werden sehen: Morgen ...“

„Ja, Sie haben recht. Danke für die Aufmunterung”, keifte ich den Mann an. Mir war egal, ob er in mir leichte Beute sah, die er erst trösten und dann ficken konnte oder ob er nur nett sein wollte. Ich setzte mir meine Brille auf und stob davon.

Darüber schlafen, dass ich die Uni bloß mit der zweitbesten Note beendet hatte … Das brauchte ich nicht. Wozu? The winner takes it all. Das war die traurige Tatsache. Das Studium lag hinter mir und ich hatte nur noch die Bar, die ich durch den Haupteingang betreten musste, denn dummerweise besaß ich als Aushilfe natürlich auch keinen Schlüssel für den Angestellteneingang.

Mit gesenktem Kopf schlich ich in die Bar. Meine Schicht begann in weniger als fünf Minuten und ich musste unbedingt vorher mit Rudy sprechen. Denn auch, wenn mir danach war, so würde ich mich nicht vom World Trade Center stürzen. Als Tochter eines Pfarrers warf man sein Leben nicht einfach weg. Auch nicht, wenn alles, wofür man je gearbeitet hatte, in sich zusammenfiel.

Doch Rudy war nicht da. Er stand nicht wie sonst hinter der Theke, und er war auch nicht hinten, um irgendetwas zu holen, was vorn fehlte.

„Ich habe keine Ahnung. Wir wundern uns alle, wo er bleibt“, sagte Kelly, als ich sie nach Rudy fragte. Die dralle Rothaarige war eine von den Kolleginnen, die ich nur selten zu Gesicht bekam, da sie normalerweise die Spätschicht übernahm.

„Hat Rudy dich denn nicht angerufen, damit du früher anfängst?“ Ich wich ihrem durchdringenden Blick aus. Bestimmt hatte sie die rot unterlaufenen Augen hinter meinen dicken, beschlagenen Brillengläsern längst gesehen. Bestimmt? Ganz sicher! Die Frau war ja nicht blind.

„Er hat mich gestern Abend gefragt. Übrigens“, Kelly nickte in Richtung des Eingangs, „Da kommt dein Freund.“

Ron! Endlich! Erst in dem Augenblick wurde mir klar, dass mein Freund nicht vor dem Rundzimmer gestanden hatte, als ich dort hinaus gerast war. Ach, du Scheiße! Er hatte den Termin nach mir gehabt.

Doch nicht deswegen hatte ich ihn tausendmal nach meinem Termin bei Kentwell angerufen, sondern wegen mir. Ron hatte mich immer weggedrückt. Genau wie Tina, die ich auch ständig zu erreichen versucht hatte. Rons Augen waren noch roter als meine.

„Emma“, schluchzte er und schlang seine Arme um meinen Hals, wobei er mich gleichzeitig in eine dunkle Ecke der Bar zerrte. „Jonathan hat mich verlassen.“

Oh Gott!

Ich sank auf einen halbrunden Vorsprung, der aus der Mauer kam und von vielen Gästen als Sitzfläche missbraucht wurde. Ron kletterte mir beinahe auf den Schoß.

„Er hat einfach seinen Koffer gepackt und ist gegangen. Er hat gesagt, er kann das nicht. Dabei hat er es mir hoch und heilig versprochen! Und ich habe zu ihm gesagt: Wenn du jetzt allein durch diese Tür gehst, dann ist es für immer! Wie du meinst, hat Jonathan gesagt und die Tür hinter sich zugeknallt. Ich bin ihm natürlich hinterher, doch er hat mich angeschrien, dass er mich nie wiedersehen will. Du hättest seine Augen sehen sollen. Sie waren voller Hass.“

Dieser Tag war wirklich kaum noch zu toppen. Fehlte bloß noch, dass auch über Tina der Himmel eingestürzt war. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, dass das durchaus sein konnte. Bei dem Glück, das unsere kleine Wahlfamilie hatte!

Ich wäre mir schäbig vorgekommen, wenn ich meinem besten Freund jetzt noch von meinem Problem oder von einem eventuellen Problem Tinas vorgeheult hätte. Ron war am Boden zerstört. Wie sich nach mehrmaligem Nachfragen meinerseits herausstellte, war Jonathan allein zur goldenen Hochzeit seiner Eltern gefahren, obwohl die beiden eigentlich morgen, nachdem Ron seine Abschlussnote erfahren hatte, gemeinsam fahren wollten.

„Was ist denn mit deiner Abschlussnote? Du bist doch bei Prof. Kentwell gewesen?“

Ron schaute mich verständnislos aus seinen verheulten, rot geränderten Augen an.

„Du hattest heute einen Termin in der Uni.“

„Glaubst du, mich interessiert jetzt noch mein Studium? Jonathan war mein Leben. Und jetzt ist er weg! Ich muss mit Rudy sprechen. Nein, sag du ihm, dass ich heute nicht arbeiten kann, Emma. Ich muss hinter Jonathan her.“

Mit diesen Worten rannte Ron aus der Bar. Nicht nur ich sah ihm mit aufgeklapptem Mund nach.

„Wo will der denn jetzt hin?“, fragte Kelly panisch.

„Liebeskummer”, sagte ich matt.

„Na super. Dann hänge ich mich jetzt ans Telefon, um Ersatz für ihn zu beschaffen. Drück mir die Daumen, dass ich damit erfolgreich bin, denn sonst können wir die After Work Party, die gleich hier startet, allein stemmen.“

In dem Moment betraten zwei Pärchen die Bar. Obwohl das Licht schummrig war, erkannte ich gleich, um wen es sich bei den vier Personen handelte.

Nein ...

Nicht auch noch die.

Das war eindeutig zu viel für mich. Mein Maß für heute war voll. Ich duckte mich und verließ die Bar durch den Angestelltenausgang. Sally, Thea und ihren beiden Männern konnte ich unmöglich gegenübertreten. Da verlor ich lieber auch noch meinen letzten Job.


Wer behauptete eigentlich, Mathematikerinnen würden logisch denken und mit dem Kopf? Der- oder diejenige hatte mich noch nicht kennengelernt. Ich rannte wie ein geschlachtetes Huhn über die 121. Straße und zermarterte mir abwechselnd das Gehirn, ob ich nicht doch zu blöde war für die Mathematik und darum nur die zweitbeste Note verdient hatte. Oder ob ich selbst zu blöde war, um einen einfachen Job als Aushilfe in einer Bar zu behalten.

„Mein Leben ist gelaufen“, heulte ich und sprang Tina an den Hals.

„Aber Süße ...“

Tina arbeitete immer noch in der Escort-Agentur. Doch seit sie diese Riesenkugel vor sich her schob, machte sie meistens Bürodienst, denn Männer, die so schräg drauf waren, dass sie für eine Nacht mit einer Schwangeren ein Vermögen ausgaben, waren rar gesät. Abgesehen davon war Tina dafür noch nicht schwanger genug. Diese Nische zahlte sich erst im letzten Monat der Schwangerschaft aus.

„Ich bin so doof“, heulte ich und schüttele Tina tränenreich mein Herz aus. Angefangen von dem Masterarbeit-Desaster und der Tatsache, dass meine beiden Studentenjobs jetzt flöten waren, bis hin zu der Tatsache, dass ich gerade auch noch meinen Barjob geschmissen hatte.

„Aber was ist denn passiert, Süße? Warum musstest du denn aus der Bar fliehen, obwohl du doch jetzt eigentlich mehr Stunden dort arbeiten müsstest?“

Tina streichelte mir den Rücken und gab mir kleine Küsse ins Haar, was mich noch mehr heulen ließ, da die zärtlichen Gesten mich jetzt auch noch an Jacob erinnerten. Das war nämlich fast noch das Schlimmste an der ganzen Geschichte: In der Zwischenzeit hatte ich fast vergessen, dass dieser Mann nicht ganz richtig tickte mit seiner Callgirl-Bucherei. Jetzt liebte ich ihn nur noch.

„Nun beruhige dich mal wieder. Das ist doch alles halb so schlimm“, redete meine Freundin mit Engelszungen auf mich ein. „Du gehst jetzt ins Bad, wäschst dein Gesicht und dann rufst du Rudy an.“

„Aber Rudy ist doch gar nicht da.“

„Umso besser. Dann hat dein Boss noch nichts bemerkt. Sprich mit einem Kollegen. Am besten mit einem männlichen. Die sind sowieso verständnisvoller.“

„Es ist doch nur Kelly da. Was soll ich der Armen denn erzählen? Dass ich die Freunde von deinem Ex-Kunden gesehen habe, in den ich mich unsterblich verliebt habe? Kelly muss die ganze After Work Party allein schmeißen. Ich habe sie im Stich gelassen.“

Schon wieder strömte literweise Tränenflüssigkeit aus mir heraus. Meine Nase fühlte sich an, als hätte sie die Ausmaße einer riesigen Folienkartoffel.

„Du hast aber auch gar keine bösen Ideen“, schimpfte Tina mich scherzhaft aus. „Du sagst, dass du plötzlich eine flotten Heinrich bekommen hast und die Waschräume der Bar nicht versauen wolltest. Sowas leuchtet jedem ein.“

„Flotter Heinrich?“

„Durchfall, du Dummerchen.“

„Ich schäme mich so, dass ich mich so gehen lasse. Dabei ist Ron doch viel schlimmer dran als ich.“

„Der hat auch ein Problem? Meine Güte, da ist ja was los bei euch.“

Das von Ron wusste Tina noch nicht, und ich klärte Tina, die ja eigentlich genug eigene Probleme hatte, aber wenigstens kein neu dazu gekommenes, auch über das Problem unseres Freundes mit seinem Freund Jonathan auf.

„Ron soll sich mal nicht so künstlich aufregen. Das gibt sich doch wieder. Jonathan ist einfach noch nicht bereit für ein Coming-out vor seiner Familie“, meinte Tina gelassen.

Seit sie sich gegen die Abtreibung und für das Baby entschieden hatte, war Tina sowieso die Gelassenheit in Person. Sie hatte die letzten grünen Brocken ins Klo gespuckt und bereitete sich seitdem auf ihre Rolle als Mutter vor.

„Ich bewundere dich so sehr, Tina“, jaulte ich.

„Mann, Emma, jeder Mensch hat ein Recht darauf, sich auszuheulen, wenn es ihm schlecht geht! Deine Probleme sind auf jeden Fall ernster als die von Ron, die sich, glaube mir, ga-ran-tiert in Luft auflösen werden. Gib mir dein Handy, dann ruf ich für dich in der Bar an. Ich regele das.“

„Das willst du wirklich für mich tun?“

„Hast du vergessen, was du alles für mich getan hast, Mutter Theresa?“

„Aber das war doch selbstverständlich.“

„Und was glaubst du, was das ist, was ich jetzt für dich tue?”

Tina riss mir mein Handy aus der Hand und rief in der Bar an.

Während sie mit Rudy, der inzwischen in der Bar aufgetaucht war, herumalberte, dass ich angeblich bereits mit dem Klo verwachsen wäre, stopfte ich mir zur Beruhigung Tinas Kekse rein. Es waren selbst gebackene. Seit Tina sich auf ihre Mutterrolle vorbereitete, kochte und buk sie andauernd.

„So, meine Süße, Kelly hat zwei deiner Kollegen erreicht und dein Job ist gerettet. Du kannst so viele Stunden machen wie du willst, hat Rudy gesagt. Du gehst morgen einfach pünktlich zur Arbeit und gut ist.”

Ich verschlang Tinas letzten Keks und warf mich ihr wieder an den Hals. „Danke, Tina, danke! Ich wüsste nicht, was ich ohne dich tun sollte!“

„Jetzt krieg dich mal wieder ein. Und die zweitbeste Note zu bekommen ist auch kein Verbrechen. Ich wäre froh, wenn ich überhaupt einen Abschluss hätte. Irgendjemand wird dich schon einstellen. Und warum willst du überhaupt unbedingt an ein College? Das hattest du doch jetzt wohl lang genug, um zu wissen, dass da auch bloß Idioten rumlaufen.“

Tina hatte ja irgendwie recht. Ich schniefte trotzdem furchterregend.

„Kannst du mal einen Moment aufhören mit der Heulerei? Hier ruft ein Kunde an.”

„Ja, sofort“, heulte ich.

„Ich meine es ernst.“ Tina hielt den Hörer bereits in der Hand.

„Was ist?“, fragte ich bibbernd. In Tinas Augen stand plötzlich so ein komisches Glitzern und sie blies die Backen auf wie zwei Ballons.

„Die Nummer kenne ich.“

„Wenn es der Vater deines Kindes ist, das Schwein, dann gib mir das Telefon“, platzte ich heraus, bereit für die Rechte meiner Freundin und ihres Kindes zu kämpfen.

Tina schüttelte den Kopf und legte ihren Zeigefinger auf die Lippen, damit ich die Klappe hielt. Sie drückte sich den Hörer ans Ohr.

„Agentur Florence. Mein Name ist Charlene. Was kann ich für Sie tun, Sir?”

Pulsuz fraqment bitdi.

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9783968160511
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