Kitabı oxu: «Kämpferseele»
DAMARIS KOFMEHL

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7492-3 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-5999-9 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2020 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: info@scm-haenssler.de
Kontakt zur Autorin: kofmehl@hotmail.com / www.damariskofmehl.ch
Website der Hilfsorganisation Open Arms: www.openarms.ch
Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.
Weiter wurden verwendet:
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Hoffnung für alle® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®.
Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel.
Lektorat: Christina Bachmann
Umschlaggestaltung und Titelbild: Nakischa Scheibe Fotografie + Design
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Im Gedenken an Demetri
Ich widme dieses Buch meiner Mutter und meiner Schwester Mirjam, die in all den Stürmen meines Lebens immer zu mir gehalten haben und es noch immer tun.
Dieses Buch erzählt meine Geschichte. Was ich schreibe, ist meine persönliche Perspektive und muss nicht unbedingt die Ansichten oder die Empfindungen von Dritten widerspiegeln. Einige Namen, Organisationen, Orte und Details wurden aus Gründen der Sicherheit und des Persönlichkeitsschutzes geändert.
Inhalt
Über die Autorin
Vorwort
TEIL 1 | Meine Jahre als Single
Auf ins Abenteuer!
Bücher schreiben
Die Reise auf der Calbuco
São Paulo
Es muss mehr sein als nur ein Buch
Der alltägliche Wahnsinn
Marcio und Valdir
Ein falsches Spiel
Ausgeraubt
Am Anschlag
Düstere Weihnachten
Rogérios Rache
Der Wille Gottes
Ein unerwartetes Angebot
Ich steige aus
Flughafenprobleme
Gottes Plan
TEIL 2 | Meine Jahre mit Demetri
Die Drogenreha im Wald
Verliebt
Antrag am Spuckeimer
Turbulente Hochzeit
Leonardos Abkehr
Ups …
Auf den Straßen São Paulos
Üble Gerüchte
Die Büchse der Pandora
Paranoia
In der Psychiatrie
Ich strample mich frei
Gochsheim
Im Visier der Staatsanwaltschaft
Das Verhör
Die Flucht
Der letzte Verrat
TEIL 3 | Meine Jahre ohne Demetri
Neue Herausforderungen
Tod und Schmerz
Walderdbeeren
Früchte ernten
Der Engel mit den rot lackierten Fingernägeln
Versöhnung
Andauernde Heilung
Ein paar abschließende Worte
Bücher von Damaris Kofmehl
Kontakt
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Über die Autorin
DAMARIS KOFMEHL ist Bestseller-Autorin und erzählt wahre Begebenheiten als »True-Life«-Thriller, Fantasy und Biografien. Ihre Buchrecherchen führten sie unter anderem nach Brasilien, Pakistan, Guatemala, Chile, Peru, Australien und in die USA. Sie lebte lange unter Straßenkindern in Brasilien und wohnt heute wieder in ihrem Heimatland, der Schweiz.
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Vorwort
»Wann schreibst du endlich ein Buch über dich selbst?«
Ehrlich gesagt habe ich es bereits Jahre vor mir hergeschoben. Nicht, weil ich nichts zu erzählen hätte. Im Gegenteil. Ich habe eine ganze Menge zu erzählen. Aber ehrlich gesagt ist es tausendmal leichter, die krassen Geschichten anderer Menschen aufzuschreiben, als in meinem eigenen Leben herumzustochern. Da kommen nämlich Dinge wieder hoch, die ich längst begraben habe und an die ich mich eigentlich nicht mehr erinnern möchte. Da war so viel Ungerechtigkeit, Verzweiflung, Verleumdung, Verrat, Bedrohung, Lüge, Zerbruch, Trauer und Leid, dass ich manchmal selbst kaum glauben kann, wie ich das alles überlebt habe.
Es muss Gottes unendliche Gnade und Barmherzigkeit sein, die mich gehalten hat. Denn menschlich kann ich mir nicht erklären, warum ich allen Umständen zum Trotz ein fröhlicher Mensch geblieben bin. Denn das bin ich! Ich lache wahnsinnig gerne und trage Gottes Freude und Zuversicht in mir. Ich bin weder verbittert geworden, noch habe ich meinen Glauben verloren. Ich habe mich mit meiner Vergangenheit versöhnt. Es ist ein riesiges Geschenk des Himmels, dass ich dies so sagen kann.
Wenn ich also in diesem Buch in teils düstere Kapitel meines Lebens eintauche, so tue ich dies nicht aus Bitterkeit heraus. Ich tue es einerseits, weil ich diesen Teil meines Lebens ganz bewusst für mich abschließen will, um offen für Neues zu sein. Aber vor allem tue ich es für dich, lieber Leser, weil ich glaube, dass auch du Dinge erlebt hast, die schwer zu ertragen sind. Weil ich glaube, dass du das Gefühl kennst, wenn die Seele einfach nur noch schreien will vor lauter Schmerz. Durch meine Geschichte möchte ich dir Mut machen. Wenn ich es geschafft habe, das alles durchzustehen, ohne die Hoffnung zu verlieren, dann schaffst du es auch! Du schaffst es! Hörst du mich?
Ein paar erklärende Bemerkungen zu Beginn:
Im Buch »Seid stark, Frauen!«, das 2008 veröffentlicht wurde, habe ich Teile meiner Geschichte bereits aufgeschrieben. Damals waren viele Dinge noch so frisch, dass ich einiges davon zum Schutz der Betroffenen bewusst modifiziert habe. In diesem Buch habe ich es nun aber endlich so aufgeschrieben, wie es wirklich war. Einige Namen von Personen und Organisationen sind allerdings auch hier abgeändert, denn es geht mir nicht darum, irgendjemandem zu schaden.
Im Buch »Wilder Himmelskrieger«, dem dritten Buch, das ich über meinen geliebten Mann Demetri geschrieben habe, komme ich selbstverständlich auch drin vor, weil wir ja verheiratet waren. Darum werden dir ein paar Storys nicht ganz fremd sein, die ich hier nochmals aus meiner Perspektive aufgreife. Doch dies alles ist nur ein winziger Teil im Vergleich zu dem, was ich noch nie veröffentlicht und von mir preisgegeben habe.
Es hat mich viel Überwindung gekostet, dieses vorliegende Buch zu schreiben. Doch ich tat es in der Überzeugung, dass es dir, lieber Leser, zum Segen dienen kann. Also schnall dich gut an und lass dich mit hineinspülen in die Stürme meines Lebens.
Dies ist die Geschichte hinter all den Büchern. Meine eigene Geschichte. Mein ganz persönlicher True-Life-Thriller.
Damaris Kofmehl, im November 2018
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TEIL 1
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Auf ins Abenteuer!
22. Februar 1996. Ein Uhr nachts. Das Meer rauschte. Die Wellen vor der Küste Chiles schlugen unablässig gegen das schlecht beleuchtete Dock, wo ich mir seit Stunden die Füße abfror. Ein eisiger Wind peitschte mir ins Gesicht, als die Calbuco endlich anlegte und ich das Schiff über eine schmale Brücke betrat.
»Wo muss ich hin?«, fragte ich auf Spanisch.
»Da vorne, in den Container da.«
Ich nickte und folgte den anderen Passagieren, die auf eine Art Bunker vorne im Bug zusteuerten. Nie werde ich den Anblick vergessen, der sich mir bot, als ich mein zukünftiges Schlafquartier betrat: In einem spärlich beleuchteten Raum von vielleicht sechs mal zehn Metern befanden sich vierzig Sitze, angeordnet wie in einem Kino. Ungefähr dreißig Leute hatten sich bereits mehr schlecht als recht auf den zerschlissenen Sitzen zusammengerollt wie junge Kätzchen. Einige lagen in Decken gehüllt auf dem Boden und schliefen. Viele standen im Mittelgang, alle mit dicken Jacken, Halstüchern und Wollmützen bekleidet, und unterhielten sich raunend. Ich kam mir vor wie in einem Flüchtlingslager. Unschlüssig blieb ich stehen, bis mich ein älterer Herr zu sich herüberwinkte.
»Señorita, hier ist noch ein Platz frei.«
»Oh, danke.«
Ich setzte mich neben ihn.
»Du bist keine Chilenin, hab ich recht?«
»Nein, Schweizerin. Ich trampe gerade durch Chile.«
»Alleine?!«
»Ja.«
»Als Frau?!«
»Ja.«
»Alle Achtung. Dann bist du aber auf dem falschen Schiff gelandet.«
»Wieso?«
»Nun, die Calbuco ist ein Frachtschiff, wie dir vielleicht aufgefallen ist. Hier gibt es nur Matrosen und Einheimische.«
»Wirklich? Das hat mir im Reisebüro keiner gesagt, als sie mir das Ticket verkauften.«
»Ja, ist so ziemlich die billigste Reiseklasse hier. Die Matrosen haben ihre Kojen, und wir Mitreisenden müssen mit diesen Sitzen vorliebnehmen. Viel Schlaf wirst du nicht kriegen in den nächsten Tagen.«
»Auch egal«, meinte ich achselzuckend. »Ich mag Abenteuer.«
»Sieht ganz so aus. Wo ist eigentlich dein Gepäck?«
»Hier.«
Die Augen des alten Mannes weiteten sich. »Eine Plastiktüte?!«
Ich grinste. »Ich wollte herausfinden, mit wie wenig Gepäck man drei Monate lang auskommen kann. Den Rest habe ich in einem Schließfach in Santiago de Chile deponiert.«
»Du reist allen Ernstes mit einer Plastiktüte durch ganz Chile? Und das alleine als Frau? Hast du keine Angst, dass dir etwas zustößt?«
»Eigentlich nicht. Zugegeben, es hat mich anfangs einiges an Überwindung gekostet. Aber ich dachte mir, ich probier’s einfach. Ich will sehen, ob ich das schaffe, als Frau alleine durch Südamerika zu reisen. Und das mit einer Plastiktüte.«
»Du hast echt Nerven.« Er streckte mir die Hand entgegen. »Ich bin übrigens Emilio.«
»Damaris«, sagte ich und schüttelte seine Hand.
Draußen hörte ich, wie die Matrosen sich auf Spanisch Befehle zuriefen. Ich spürte, wie das Schiff den Hafen verließ. Die Reise ging los! Emilio kramte eine Wolldecke aus seinem Gepäck.
»Wo hast du so gut Spanisch gelernt, Damaris?«
»In Costa Rica. Ich hab dort eineinhalb Jahre im Dschungel bei den Indianern gelebt und Missionarskinder unterrichtet.«
»Du lässt dir aber auch kein Abenteuer entgehen.«
Ich lachte. »Ich hatte noch nie Bock auf ein gewöhnliches Leben als Grundschullehrerin.«
»Du bist Lehrerin?«
»Und Schriftstellerin. Das ist auch der eigentliche Grund meiner Chile-Reise. Ich recherchiere für mein neustes Buch.«
»Du schreibst Bücher? Was für welche?«
»Jugendbücher. Geschichten, wo die Kids immer ein wenig schlauer sind als die Polizei. Das hier wird mein achtes Buch. Und wenn ich das geschrieben habe, reise ich für drei Monate nach Brasilien für die nächste Buchrecherche. Mein Verlag sagte, ich solle ein Buch über Straßenkinder schreiben. Also dachte ich mir, ich reise nach Brasilien. Da soll es ja eine Menge Straßenkinder geben.«
»Ja, das ist wohl wahr.« Emilio nickte bedächtig. »Na, dann viel Erfolg bei deinen Recherchen und Abenteuern. Ich haue mich jetzt aufs Ohr. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Er drehte sich von mir weg, kuschelte sich in seine Decke und schlief kurz darauf bereits tief und fest. Ich beneidete ihn. Ich hatte keine Decke dabei und es war eisig kalt in dem Bunker. Kaum erreichte der Kahn das offene Meer, war der Wellengang so hoch, dass die Einheimischen ständig auf die Toilette rannten, wo sie sich übergeben mussten. Gott sei Dank wurde ich selbst nicht seekrank. An Schlafen war allerdings nicht zu denken. Die Menschen unterhielten sich die ganze Nacht, das Neonlicht brannte, die Schiebetür der Toilette knallte ständig auf und zu und vom Bug her drang beißende Kälte zu mir hindurch. Da hatte ich mir ja was Schönes eingebrockt! Wie war ich bloß hier gelandet, mitten auf einem Fischkutter im Südpazifik? Alleine als Frau? Mit einer Plastiktüte als einzigem Gepäckstück? Meine ehemaligen Mitstudenten hatten es kommen sehen.
»Damaris, du wirst nie ein gewöhnliches Leben führen.«
»Meint ihr?«
»Ein normaler Job, ein Häuschen, ein Garten, ein Mann, zwei Kinder, einen Hund, Strandurlaub auf Mallorca. Du? Nee, ganz bestimmt nicht. Das liegt dir nicht im Blut.«
Sie hatten wohl recht. Ich hatte schon immer irgendwie anders getickt. Und während ich fröstelnd auf dem zerschlissenen Sitz in dem Container saß, schweiften meine Gedanken in die Vergangenheit.
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Bücher schreiben
Am 10. August 1970 wurde ich in Zürich geboren. Ich wuchs in einem christlichen, wohlbehüteten Elternhaus zusammen mit meiner drei Jahre älteren Schwester Mirjam auf. Jeden Sonntag besuchten wir den Gottesdienst in der Heilsarmee in Zürich. Im Teenageralter war ich bei den Pfadfindern. Ich habe nie geraucht, ich war nie betrunken, ich hatte nie Probleme in der Schule, ich hatte nie eine rebellische Teenagerphase, ich war nie in der Disco, ich hatte nie einen Freund. Ich war wirklich ein sehr anständiges Mädchen und es gab eigentlich nur eines, was mich interessierte: Schreiben.
Meine erste Geschichte erfand ich, als ich noch nicht schreiben konnte, und diktierte sie meiner Mutter. Ich war fünf Jahre alt und schmückte die Geschichte mit selbst gemalten Bildern aus. Mit sieben Jahren kam ich in die Schule und konnte meine Geschichten endlich selber aufschreiben. Es waren richtige Kunstwerke. Jeder Buchstabe hatte eine andere Farbe. Sowohl meine Eltern als auch meine Grundschullehrerin förderten mein Talent. Meine Eltern ließen meine Geschichten zu kleinen Büchlein binden und meine Lehrerin erlaubte mir, alle Aufsätze nach dem Unterricht mit nach Hause zu nehmen, damit ich sie dort fertig schreiben konnte. In der fünften Klasse gab sie mir ein Erwachsenentheater von Momo, damit ich es für die Klasse umschrieb, was ich mit Begeisterung tat. Es folgten Theaterstücke, Hörspiele für das Schweizer Radio und immer längere Geschichten, die stets genauso lang waren wie die Schulhefte dick.
Erstaunlicherweise las ich sehr wenig. Ich fand die Bücher immer furchtbar langweilig. Wenn es nicht auf den ersten drei Seiten spannend wurde, legte ich das Buch wieder weg.
Langweilig! Das könnte man besser schreiben!, dachte ich jeweils.
Längst stand für mich fest: Eines Tages werde ich selbst ein Buch veröffentlichen. Meine Lieblingsschriftstellerin Federica de Cesco hatte mit 16 Jahren ihr erstes Buch herausgegeben. Also beschloss ich, mit 15 Jahren mein erstes Buch zu veröffentlichen, nur, um sagen zu können, ich hätte Federica de Cesco geschlagen. Gesagt, getan: Mit 15 Jahren schrieb ich mein erstes Manuskript, das ich sechs Verlagen vorlegte. Drei der Verlage waren christlich, die anderen nicht. Ich war wahnsinnig gespannt, ob einer der Verlage sich dafür interessieren würde. In einer Zeitschrift hatte ich gelesen, wie schwierig es sei, einen Verlag zu finden. Es hieß, man solle sich keine großen Hoffnungen machen. Verlage bekämen täglich Hunderte von Manuskripten zugeschickt. Die Chance, dass sie sich ausgerechnet für deines entscheiden würden, sei sehr gering.
Tja, und dann kam die unglaubliche Antwort: Nicht nur einer, sondern gleich drei Verlage wollten mein Buch! Ich fiel aus allen Wolken. Zwei der Verlage waren nicht christlich, einer war christlich. Jetzt stand ich vor der schwierigen Wahl, welchem der drei ich mein Buch geben sollte. Der christliche Verlag schrieb, sie würden die Story gerne als ersten Band einer Jugendbuchserie veröffentlichen. Die anderen Verlage wollten es als Einzelbuch bringen, stellten allerdings eine Bedingung: »Wir nehmen dein Buch, aber du musst Gott herausstreichen.«
Gott herausstreichen? Das war eine Bedingung, die mich ziemlich herausforderte. Gott spielte in meinem Leben schon immer eine wichtige Rolle. Ich glaubte an ihn, seit ich denken konnte. Mit 13 Jahren hatte ich ihm ganz bewusst mein Leben gegeben, weil mir klar geworden war, dass es nicht reichte, jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Mir war klar geworden, dass eine Entscheidung von mir nötig war. Entweder, ich folgte Jesus nach, und zwar radikal und mit allen Konsequenzen, oder ich ließ es bleiben. So kniete ich mich eines Abends ganz unspektakulär vor meinem Bett nieder und bat Jesus, in mein Herz zu kommen. Das war vor zwei Jahren gewesen. Und nun stand ich als 15-Jährige vor der schwierigen Entscheidung, ob ich Gott aus meinem Buch herausstreichen sollte oder nicht, eine Entscheidung, die sich auf mein ganzes Leben auswirken würde.
Veröffentliche ich mein Buch in einem weltlichen Verlag, wird es vielleicht ein Bestseller und ich werde eine berühmte Schriftstellerin. Das Einzige, was ich dafür tun muss, ist, Gott herauszustreichen. Soll ich das tun? Oder soll ich Gott drinlassen, ein kleineres Publikum erreichen, vielleicht nicht so berühmt werden, dafür aber eine Karriere mit Gott einschlagen?
Gott war es, der mir die Gabe des Schreibens gegeben hatte. Daran hatte ich keinen Zweifel. Ich kam aus einer künstlerischen Familie, sowohl mütterlicher- wie väterlicherseits. Meine Großmutter war eine begnadete Porzellan-Malerin gewesen. Mein Großvater hatte in den Siebzigern alleine ein Haus gebaut und es von außen isoliert, wofür ihn damals alle auslachten, weil man so etwas noch nie gesehen hatte. Meine Mutter vollbrachte wahre Kunstwerke mit der Nähmaschine. Mein Vater hatte ständig irgendwelche Dinge erfunden, einmal eine Uhr für Modelleisenbahnen, die um ein Vielfaches schneller lief, damit die Modelleisenbahn vom einen zum anderen Bahnhof eine Stunde brauchte und nicht 15 Sekunden. Einer meiner Onkel ist ein hochbegabter Musiker und spielte viele Jahre im Tonhallenorchester in Zürich. Mein Patenonkel hat den berühmten Singing Christmas Tree an der Bahnhofstraße in Zürich ins Leben gerufen, eine Bühne in Form eines überdimensionalen Weihnachtsbaumes, wo während der Adventszeit als Christbaumschmuck verkleidete Chöre Weihnachtslieder singen. Mein Cousin ist ein Künstler, der bewegliche, maschinenähnliche Skulpturen baut wie der berühmte Schweizer Bildhauer Jean Tinguely. Meine Schwester schneidert vom Foto die wildesten Kostüme. Kunst und Kreativität scheinen irgendwie in unseren Genen zu liegen. Bei mir war und ist es das Schreiben.
Nun musste ich mich also entscheiden, wie ich mein Talent in Zukunft einsetzen würde: für mich oder für Gott. Ich entschied mich für Gott. Und so kam mein allererstes Buch auf den Markt. Es hieß Conny reißt aus und wurde vom christlichen Verlag Schulte & Gerth – heute Gerth-Medien – verlegt. Wow. Mein erstes Buch! Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Es verkaufte sich so gut, dass der Verlag schon bald einen zweiten Band herausgeben wollte. Die Serie nannte sich Die Abenteuerklasse. Jetzt hatte ich ein Problem. Ich war Schülerin im Gymnasium und hatte eigentlich überhaupt keine Zeit, ein zweites Buch zu schreiben. Doch der Verlag drängte mich geradezu und rief mich mehrmals an.
»Wann kannst du uns das nächste Manuskript abliefern?«
»Ich weiß es nicht! Ich schreibe jede freie Minute, ehrlich!«
Das war nicht gelogen. Meine ganze Freizeit ging dafür drauf, sogar meine Ferien. Schließlich begann ich, während des Unterrichts zu schreiben, vor allem in den langweiligen Mathestunden. Unser Mathelehrer war gar nicht erfreut darüber und setzte mich mehrmals vor die Tür. Das fand ich gut, so hatte ich noch mehr Zeit zum Schreiben!
Eines Tages hielt mich unser Geschichtslehrer nach der Stunde zurück, um mit mir zu reden. Seiner Miene nach ging es um etwas Gravierendes.
»Damaris«, sagte er. »Ich mache mir ernsthaft Sorgen um dich.«
»Ach ja? Meine Noten sind doch gut.«
»Es geht nicht um die Noten. Es geht um dich, darum, dass du dich nicht wie ein normaler Teenager verhältst.«
Ich schaute ihn verdutzt an. »Was genau meinen Sie damit?«
»Du rauchst nicht, du trinkst nicht, du hängst nicht mit den anderen ab. Alles, was du tust, ist schreiben. Das ist doch nicht normal. Warum amüsierst du dich nicht wie alle anderen in deinem Alter? Gehst mal in die Disco? In ein Konzert? Angelst dir einen Freund?«
»Äh …« Ich zuckte die Achseln. »Ich schreibe eben gerne. Was ist falsch daran?«
»Nichts, es ist nur … sehr ungewöhnlich.«
»Hmm …«
Ehrlich gesagt verstand ich überhaupt nicht, was sein Problem war. Und er verstand offenbar genauso wenig, warum ich nicht verstand, wie ernst die Lage war. Jedenfalls ignorierte ich all seine gut gemeinten Ratschläge und schrieb munter weiter. Mein zweites Buch hieß Der Banküberfall und kam 1988 auf den Markt.
1989 machte ich mein Abitur. Ein Jahr später, an Pfingsten, starb mein Vater ganz überraschend an einem Herzinfarkt. Er war gerade mal 44 Jahre alt gewesen und kerngesund. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich. Mein Vater war der beste Vater gewesen, den ein Kind sich wünschen konnte. Er war immer für mich da gewesen. Er hatte sich immer Zeit für mich genommen und mich immer unterstützt bei all meinen ausgefallenen Ideen und Projekten.
An dem Nachmittag, als mein Vater ins Krankenhaus gefahren wurde, kniete ich mich in unserem Wohnzimmer auf den Boden und dankte Gott für meinen Papa. Zu diesem Zeitpunkt war noch alles offen, aber irgendwie spürte ich, dass ich ihn loslassen musste. Ich spürte, dass ich ihn verlieren würde. Und so weinte ich und dankte Gott für die 19 wundervollen Jahre, die ich mit ihm hatte verbringen dürfen. Als ich dann Stunden später erfuhr, dass mein Vater gestorben war, empfand ich keinerlei Bitterkeit gegenüber Gott. Ich war nicht wütend auf Gott, dass er mir meinen Vater so früh genommen hatte. Ich war dankbar, dass ich einen Vater gehabt hatte. So viele Menschen haben keinen Vater oder einen, der sie vernachlässigt oder misshandelt. Ich hatte das Privileg, einen Papa haben zu dürfen, der mich über alles geliebt hatte. Und das 19 Jahre lang. Natürlich vermisste ich ihn. Ich hatte ihn geliebt und er hinterließ bei uns allen eine große Lücke, die niemand wieder zu füllen vermochte. Doch über all der Trauer stand eine tiefe Dankbarkeit für die kostbare Zeit mit ihm.
Eine Sache gab es allerdings, die mir unmittelbar nach dem Tod meines Vaters sehr zu schaffen machte: Durfte ich jetzt nie mehr lachen? Weil sonst alle dachten, ich hätte meinen Vater nicht geliebt?
Diese Frage beschäftigte mich wirklich sehr. Ich lache sehr oft, sehr gerne und manchmal auch sehr laut. In der Heilsarmee meiner Heimatgemeinde sind mir deswegen von den älteren Leuten oft böse Blicke zugeworfen worden. Ein Prediger fragte mich sogar einmal, ob alles in Ordnung mit mir sei. Er meinte, oft würde sich hinter einer so überschwänglich guten Laune eine tiefe Depression verbergen. Aber ich war nicht depressiv. So bin ich nicht veranlagt. Ich bin von Natur aus ein fröhlicher Mensch. Das war schon immer so. Doch jetzt, wo mein Vater gestorben war, war ich mir nicht sicher, ob ich das noch sein durfte.
Meiner Mutter und meiner Schwester ging es ähnlich. Wir hielten diese Trauerstimmung kaum noch aus. Also suchten wir uns die lustigste Komödie aus, die wir auf Video hatten, ließen alle Rollläden herunter, damit uns ja keiner sah, und dann schauten wir uns einen Film mit Bud Spencer und Terence Hill an und lachten uns einen Abend lang kaputt. Es war wie Balsam für unsere Seelen.
Von 1990 bis 1993 machte ich die Ausbildung zur Grundschullehrerin. Daneben schrieb ich weitere Bände der Abenteuerklasse: Der Schatz auf der Insel, Gefahr im Zeltlager und den fünften und letzten Band der Serie, Die geheimnisvolle Brosche.
Die Ausbildung machte mir großen Spaß mit Ausnahme von einigen Fächern, die meiner Meinung nach wirklich überflüssig waren, zum Beispiel der Zeichenunterricht, wo wir uns als Bäume fühlen mussten, oder das Fach Politik und Umwelt. Da langweilte ich mich zu Tode. Am meisten nervte es mich, dass wir stundenlang darüber diskutierten, wie man die Welt verbessern könnte.
Da saßen wir in unserem schönen beheizten Klassenzimmer und glaubten, wir hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Was wussten wir schon von Armut? Von Krieg? Von den echten Problemen dieser Welt? Und wer von uns war bereit, auch nur einen Finger dafür zu krümmen, um die Welt wirklich zu verändern? Wer von uns war bereit, selbst anzupacken, um etwas zu bewirken in dieser Welt, und nicht nur darüber zu quatschen?
Während die Diskussion immer heftiger wurde, fasste ich innerlich einen Entschluss: Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, will ich mir die Hände schmutzig machen. Ich will nicht länger debattieren, ich will handeln!
1993 setzte ich meinen Entschluss in die Tat um. Anstatt wie alle anderen aus meiner Klasse eine Lehrerstelle im Kanton Zürich anzutreten, meldete ich mich für einen Dschungeleinsatz in Südamerika. Ich reiste nach Costa Rica, wo ich eineinhalb Jahre im Dschungel bei den Indianern lebte und drei Missionarskinder unterrichtete. Was für ein Abenteuer! Ich liebte es! Jeden Morgen wurden wir von Brüllaffen geweckt. Wir unternahmen Ausritte zu versteckten Wasserfällen im Dschungel, spielten mit den Indianern Fußball. Ich fing eine giftige Korallenschlange und häutete sie mit meiner Nagelschere. Ich legte mir eine Sammlung aus handflächengroßen Schmetterlingen, Stabheuschrecken, Vogelspinnen, geflügelten, faustgroßen Monsterkäfern und Skorpionen an. Ich schlachtete mein erstes Huhn, wanderte mit meinen drei Zweitklässlern mit der Machete bewaffnet durch den Urwald, campierte unter Palmen an einsamen Stränden, kletterte in drei Tagen auf den 3820 Meter hohen Cerro Chirripó und reiste durch ein von Guerillakämpfern besetztes Kriegsgebiet in Guatemala. Natürlich kam auch das Schreiben nicht zu kurz. Ich begann eine neue Jugendbuchserie: Abenteuer in Südamerika. Selbstverständlich baute ich all meine spannenden Erlebnisse mit ein. Der erste Band spielte in Costa Rica und hieß Gejagt durch Costa Rica. Der zweite spielte in Guatemala und hieß Das Geheimnis des Maya-Tempels. Der dritte Band stand noch aus.
Als ich im Frühjahr 1995 in die Schweiz zurückkehrte und am Flughafen von meiner Familie und meinen Freunden stürmisch begrüßt wurde, merkte ich erst, wie sehr ich mich in den eineinhalb Jahren verändert hatte. Ich hatte Feuer gefangen, ich brannte für Südamerika, für wilde Abenteuer und die Arbeit als Missionarin. Ich konnte mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen, ein gewöhnliches Leben in der Schweiz zu führen, zu unterrichten, zu heiraten und Kinder zu haben. Ich wollte wieder weg! Ich musste wieder weg oder die Normalität hätte mich erschlagen. Aber wohin?
Die Antwort kam von unerwarteter Seite. Mein Verlag wollte sich mit mir treffen, um darüber zu reden, was für Buchprojekte ich als Nächstes in Angriff nähme. Ich fuhr nach Wetzlar und traf mich mit dem Cheflektor.
»Nun, Damaris, die beiden Serien von dir verkaufen sich ganz gut. Was ist als Nächstes geplant?«
»Ich will auf jeden Fall noch einen dritten Band von Abenteuer in Südamerika anhängen. Ich dachte an ein Abenteuer in Chile. Dieses Land fasziniert mich schon lange.«
»Klingt gut. Und danach?«
»Danach ist alles offen. Ich weiß es nicht.«
»Wie wär’s mit einer Jugendserie über Pferde?«
»Pferde?!«
»Ja, alle Mädchen lieben Pferdegeschichten. Du bist als Mädchen bestimmt auch geritten.«
»Nein.«
»Nicht? Jedes Mädchen will doch irgendwann ein eigenes Pony haben.«
»Ich nicht.«
»Eine Serie über Pferde würde sich gut verkaufen.«
»Das mag ja sein. Aber ich verstehe rein gar nichts von Pferden. Das ist nicht meine Welt.«
»Und was ist deine Welt?«
Meine Welt? Einmal mehr wurde mir bewusst, wie anders ich doch tickte. Ich hatte mich nie für Mädchenkram interessiert. Ich hatte nie mit Puppen gespielt, sondern lieber gebastelt oder geschrieben. Ich wollte nie zum Ballett gehen, sondern lieber Fußball und Rugby mit den Jungs aus der Nachbarschaft spielen. Ich hatte nie Röcke getragen, immer nur Hosen. Eigentlich wollte ich immer ein Junge sein, denn ich fand es total unfair, dass Jungen so viele tolle Sachen machen durften und Mädchen nicht. Mädchen liefen Jungs nach, kicherten meiner Meinung nach viel zu viel und redeten andauernd nur über Mode, Schminke, Nagellack und Schuhe. Nichts davon bedeutete mir etwas. Ich wollte cool sein, nicht hübsch. Ich wollte mutig sein, kein Weichei. Es war nicht so, dass ich mich im falschen Körper fühlte oder auf Frauen stand. Bloß fand ich es ungerecht, dass es für Mädchen nicht angebracht war, aus ihrer Rolle zu fallen, während den Männern die Welt offenstand. Dabei war es genau das, was ich wollte: Ich wollte meine Grenzen austesten. Ich wollte Dinge tun, die man als Mädchen oder Frau eben nicht tat. Genau das wollte ich!
Die Frage des Cheflektors blieb im Raum hängen. Und dann sagte er etwas, was mein Leben von Grund auf verändern sollte. Radikal. Mit Folgen, die weder er noch ich zu diesem Zeitpunkt auch nur im Entferntesten ermessen konnten.
»Also gut, keine Pferdebücher. Wie wär’s mit einem Buch über Straßenkinder?«
»Straßenkinder?«
»Ja, ich denke, das wäre ein interessantes Thema für ein Buch.«
»Stimmt«, sagte ich und nickte bedächtig. Keine Ahnung, wie er überhaupt auf dieses Thema gekommen war. Doch sein Vorschlag traf mitten ins Schwarze. Straßenkinder. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr faszinierte mich die Idee. Ein Buch über Straßenkinder. Warum eigentlich nicht? Ich beschloss, die Sache in Angriff zu nehmen. Wieder zu Hause holte ich einen Atlas hervor. Straßenkinder gibt es ja überall auf der Welt. Also ließ ich meinen Finger in der Luft kreisen und zielte dann willkürlich auf irgendeinen Punkt auf der Weltkarte. Meine Fingerspitze landete auf São Paulo, Brasilien.
Alles klar, dann soll es also Brasilien sein!, dachte ich. Jetzt brauche ich bloß noch irgendeinen Kontakt vor Ort, dann kann es losgehen.
Ein paar Monate später traf ich bei einem Vikariat, das ist in der Schweiz eine Stellvertretung an der Schule, eine Lehrerin namens Erna Thoma, die mir in der großen Pause erzählte, sie sei gerade auf Heimaturlaub und würde nächste Woche zurück an den Amazonas reisen. Sie unterrichtete in Belém, im Norden Brasiliens, Missionarskinder. Unser Gespräch dauerte gerade mal 15 Minuten, doch in diesen 15 Minuten tauschten wir Telefonnummern und E-Mail-Adressen aus und ich hatte meinen Kontakt in Brasilien.
Ich plante meine Reise wie folgt: Am 28. Dezember würde ich nach Costa Rica fliegen, um dort mit ein paar jungen Männern ein neues Missionarshaus im Dschungel zu bauen. Am 11. Februar 1996 würde ich für zwei Monate Chile bereisen, um Material für den dritten Band meiner Abenteuerserie zu sammeln. Am 10. April würde ich für drei Monate nach Brasilien reisen, erst zwei Monate nach Belém, um Portugiesisch zu lernen, und dann noch einen Monat nach São Paulo für die eigentliche Recherche über Straßenkinder. Am 10. Juli 1996 würde ich dann wieder in die Schweiz zurückkehren, meine Abenteuer in Südamerika beenden und irgendwie versuchen, wieder Fuß in meiner Heimat zu fassen.
Das war der Plan.
Natürlich kam alles anders …
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Die Reise auf der Calbuco
Ein durchdringender Hornstoß riss mich aus meinem Halbschlaf. Es war sieben Uhr morgens. Die erste schlaflose Nacht war überstanden. Ich rekelte mich auf meinem Sitz im Container und ging nach draußen. Die Calbuco war zwischen den Inseln an der Südküste Chiles vor Anker gegangen. Im Mittelteil des Schiffes wurden die Vorräte aufgefüllt. Ich hatte mir abends zuvor am Pier einen halben Liter Coca-Cola und eine Packung Kekse gekauft. So genoss ich mein Frühstück aus Cola und Keksen und sah den Matrosen bei der Arbeit zu.
Ist doch ganz gut, dass ich auf keinem Touristenschiff gelandet bin, dachte ich. Das hier ist viel spannender.
Warum man mir im Reisebüro eine Fahrt auf der Calbuco verkauft hatte, war mir nach wie vor ein Rätsel. Ich hatte einfach gesagt, ich wolle die sechstägige Schiffreise zur berühmten Laguna San Rafael buchen, wo der äquatornächste Gletscher in einen von treibenden Eisschollen gefüllten Zungenbeckensee mündet. Nun, egal. Ich wollte ein Abenteuer erleben, hier hatte ich eins. Und was für eins!
Nach zwei Stunden ging die Fahrt weiter, immer zwischen den vielen Inseln hindurch Richtung Süden. Das Wetter war launisch. Mal schien die Sonne von einem azurblauen Himmel und die vielen Inseln lagen in sanften Blautönen hintereinander. Dann wieder regnete oder hagelte es. Ab und zu sah ich Seehunde und Delfine.
Es war immer noch eisig kalt. Ich war dankbar für meine Thermounterwäsche, fror aber trotzdem die ganze Zeit. Zur durchdringenden Kälte kam seit unserem Zwischenstopp ein penetranter Gestank nach Muscheln hinzu. Sie lagen in großen Säcken direkt beim Eingang unseres Bunkers, sodass man in dem Raum kaum noch atmen konnte. Ja, ein paar Unannehmlichkeiten brachte die Reise auf dem Frachter schon mit sich. Zum Beispiel waren die sanitären Einrichtungen eine absolute Katastrophe. Die Toilette stank fürchterlich. Papier gab es sowieso keines, der Boden war nass und das Wasser stand im Waschbecken.
Noch schlimmer war die Dusche. Sie war nicht größer als eine Telefonkabine. Der Ablauf war gleich neben dem Eingang, was zur Folge hatte, dass das Wasser erst abfließen konnte, wenn das Schiff sich auf die entsprechende Seite neigte. Schaukelte es zurück auf die andere Seite, standen dafür meine Schuhe im Wasser. Der einzige Kleiderhaken befand sich direkt neben dem Duschkopf. Keine Ahnung, wer auf diese glorreiche Idee gekommen war. Also klemmte ich meine Kleider zwischen ein paar Rohre und Kabel unter der Decke, damit sie trocken blieben. Das würde das erste und letzte Mal sein, dass ich hier duschte! Doch zumindest hatte ich mal wieder saubere Haare.
Mangelnde Hygiene und stinkende Muscheln waren aber bei Weitem nicht meine größten Sorgen. Im Reisebüro hatte man mir versichert, dass man auf dem Schiff Essen kaufen könne. Dem war aber nicht so, wie ich nun herausfand, als ich gegen Mittag die Kantine aufsuchte. Das Einzige, was man kaufen konnte, war Kaffee!
»Gibt es wenigstens eine Möglichkeit, irgendwo an Land zu gehen, um etwas einzukaufen?«, fragte ich den Mann hinter der Theke. Er verneinte.
Na toll, dachte ich. Jetzt habe ich ein echtes Problem.
Ich kaufte mir einen Kaffee, wärmte meine klammen Finger an dem Becher und spürte, wie wohlige Wärme sich in meinem durchfrorenen Körper ausbreitete.
Wie um alles in der Welt soll ich sechs Tage mit drei Deziliter Cola und einer drei Viertel vollen Schachtel Kekse auskommen?, überlegte ich. Hätte ich bloß nicht so viele davon zum Frühstück gegessen! Warum hatte mir keiner gesagt, dass man auf dem Schiff nichts zu essen bekam?
Ich rechnete mir aus, dass ich pro Tag zwei Kekse essen und etwa 50 Milliliter Coca-Cola trinken durfte. Irgendwie werde ich das schon überleben, dachte ich und schlürfte an meinem Kaffee.
Die zweite Nacht im Container war noch kälter als die erste. An Schlafen war nicht zu denken. Außerdem quälten mich Hunger und Durst. Meine Zuversicht schwand langsam dahin. Am nächsten Morgen gegen elf Uhr ging ich mich in der Kantine aufwärmen, als mich ein chilenischer Matrose ansprach.
»Woher kommst du?«
»Aus der Schweiz«, sagte ich.
»Oh, aus Schweden!«
»Nein, nicht Schweden. Schweiz. Das sind zwei verschiedene Länder.«
»Ah«, sagte der Mann und streckte mir seine schwielige Hand entgegen. »Ich heiße Pepe. Ich arbeite als Maschinist auf der Calbuco.«
»Damaris«, stellte ich mich vor.
»Damaris. Schöner Name. Wieso reist eine junge hübsche Frau wie du auf einem Frachtschiff wie diesem?«
Ich schmunzelte und erklärte es ihm.
»Unfassbar. Die hätten dir überhaupt kein Ticket verkaufen dürfen. Kannst du überhaupt schlafen in dem Bunker?«
»Nicht wirklich, um ehrlich zu sein.«
»Hey, hättest du Lust, dir den Maschinenraum anzusehen?«
»Ja, sehr gerne!«
»Dann komm mit.«
Ich folgte dem Matrosen aus der Kantine, durch einen schmalen Korridor und durch eine schwere Eisentür. Über eine Metallleiter gelangten wir in den Maschinenraum. Es war laut und warm. Die Maschinen dröhnten, dass man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Es roch nach Öl und Metall. Pepe stellte mich all seinen Freunden vor und brachte mich dann wieder nach oben. Ich bedankte mich für die Führung und ging Richtung Bug, um ein paar Fotos von der Landschaft zu machen. Mein Magen knurrte. Wenn ich doch bloß etwas zu essen hätte! Diesen Teil der Geschichte hatte ich Pepe gegenüber absichtlich nicht erwähnt. Ich wollte kein Mitleid erregen.
Es war noch keine Stunde vergangen, als ein anderer Matrose auf mich zukam und mich mit Namen ansprach.
»Damaris?«
»Ja!«
»Der Kapitän möchte dich sehen.«
»Der Kapitän?!«
Verwirrt folgte ich dem Mann. Wieso wollte der Kapitän mich sehen? Er kannte mich doch überhaupt nicht. Der Matrose führte mich in den Mannschaftsessraum, wo mehrere Männer an einem Tisch saßen und eine Suppe schlürften. Pepe war auch da, ebenso der Kapitän, der leicht an seiner Uniform zu erkennen war.
»Ah, da ist sie ja!«, rief Pepe begeistert. »Käpt’n, das ist die junge Schwedin, von der ich dir erzählt habe.«
»Schweizerin.«
»Sag ich doch«, grinste Pepe und deutete auf einen leeren Stuhl. »Setz dich zu uns.«
Der Kapitän reichte mir seine Pranke und begrüßte mich herzlich. »Hast du Hunger?«
»Und wie!« Wenn ihr wüsstet …!, dachte ich.
Der Kapitän gab einem der Matrosen einen Wink, der verschwand in der Kombüse und kam mit einem prall gefüllten Teller mit Fleisch und Kartoffeln zurück. Ich glaubte zu träumen.
»Guten Appetit!«, sagte der Kapitän. »Lass es dir schmecken.«
Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen. Gierig machte ich mich über den Teller her. Ich hatte einen Kohldampf, ich hätte ein ganzes Pferd verspeisen können. Das Fleisch war zwar mehr Fett als Fleisch, aber das war mir egal. Ich aß den ganzen Teller leer, auch wenn mir die halbe Portion bei Weitem gereicht hätte. Doch ich wollte nicht unhöflich sein, außerdem wusste ich nicht, wann ich das nächste Mal ein anständiges Essen zwischen die Zähne kriegen würde.
Es kam noch besser. Nachdem ich aufgegessen und lange mit der Mannschaft geplaudert und gelacht hatte, bat mich Pepe, mit ihm mitzukommen. Er führte mich in seine Kajüte, die er mit einem anderen Maschinisten teilte.
»Wenn du willst, kannst du meine Koje haben. Vorne im Bunker ist es viel zu kalt.«
Ich glaubte, mich verhört zu haben. Er stellte mir seine eigene Schlafkoje zur Verfügung? Zugegeben, der Gedanke an ein warmes Bett war verführerisch. Doch bei so viel Freundlichkeit gab es bestimmt einen Haken. Wollte er im Gegenzug vielleicht etwas von mir?
»Und wo schläfst du dann?«, fragte ich vorsichtig.
»Mein Kumpel und ich teilen uns die obere Koje. Wir arbeiten sowieso in Schichten. Du kannst also gerne in der unteren schlafen.«
»Bist du sicher?«
»Absolut. Es sei denn, du ziehst es vor, mit den anderen Reisenden im Container zu bleiben.«
Ich überlegte. Natürlich war es ziemlich naiv, einem wildfremden Matrosen einfach so zu vertrauen. Aber eine weitere Nacht im Bug durchschlottern wollte ich auch nicht. Und so nahm ich sein Angebot an. Ich bereute es nicht. Pepe und auch alle anderen Matrosen hatten offenbar einen Narren an mir gefressen. Ich wurde ihr VIP. Ich durfte jeden Tag mit dem Kapitän und der Mannschaft zu Mittag essen und konnte in einem warmen Bett schlafen. Was wollte ich mehr?
Von nun an konnte ich die Reise auf der Calbuco in vollen Zügen genießen. Je weiter wir nach Süden vorstießen, desto kälter wurde es. Das Wetter war regnerisch und ungemütlich. Am dritten Tag erreichten wir die berühmte Laguna San Rafael. Pepe lieh mir eine dicke Jacke, Handschuhe und Wollmütze aus. In zwei kleinen Rettungsbooten tuckerten wir in die Nähe der gewaltigen Gletscherzunge. Zu nahe durfte man nicht heran, denn mehr als einmal lösten sich riesige Eisbrocken vom Gletscher und stürzten krachend ins Meer. Es war absolut eindrücklich. Zur Krönung des Ausflugs wurde Whisky ausgeschenkt, der traditionsgemäß mit tausendjährigen Eiswürfeln getrunken wurde, die man sich selbst vom Boot aus angeln konnte.
Die dreitägige Rückreise war ebenfalls unvergesslich. Wir liefen die verschiedensten kleinen Häfen an, wo Einheimische an Land gingen und neue Fracht an Bord kam oder den Inselbewohnern übergeben wurde. Ich liebte es, der Schiffscrew beim Entladen und Verladen zuzusehen. Die Inselbewohner ruderten in kleinen Holzbooten herbei, um die Nahrungsmittel, Muscheln, Fische und Früchte in Empfang zu nehmen oder der Calbuco zum Transport mitzugeben. Einmal wurden ein Bett, eine Tür und zwei Fenster mit dem Kran auf ein Ruderboot gehievt, ein anderes Mal kam ein ganzes Motorboot an Bord und einmal wurde sogar ein Lama aufgeladen. Sehr eindrücklich war auch ein Dorf am Rand einer Insel, das man Plastikstadt nannte, weil alle Häuser aus Plastik waren.
In Puerto Montt verabschiedete ich mich von Pepe und der ganzen Besatzung und ging von Bord. Von all den Abenteuern, die ich bisher in Südamerika erlebt hatte, war dieses eindeutig das spektakulärste gewesen. Ich hatte ja keinen Schimmer, dass die Abenteuer, die mich in Brasilien erwarteten, noch um einiges heftiger würden. Vor allem um einiges gefährlicher …
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São Paulo
Donnerstag, 4. Juni 1996. São Paulo, Brasilien. Mit 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken und acht Kilogramm am Bauch, der Wegbeschreibung in der einen und der Armbanduhr in der anderen Hosentasche – damit sie nicht geklaut würde – schlug ich mich mit Bus und Metro zur Rua Vergueiro durch.
Wenn bloß niemand auf die Idee kommt, mich auszurauben!, dachte ich die ganze Zeit und gab mir Mühe, einen möglichst unauffälligen Eindruck zu erwecken. Man hörte schließlich allerhand Horrorgeschichten von Überfällen in dieser Millionenstadt.
Hier war ich nun also. Im Stadtzentrum von São Paulo, der letzten Station auf meiner sechsmonatigen Südamerikareise. Ich schaute dieser Zeit mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Einen Monat würde ich in dieser kriminellen Metropole verbringen. Wie würde ich das bloß überstehen? Würde mich Gott auch hier zur rechten Zeit an den rechten Ort führen? Alles, worauf ich mich stützte, waren eine Adresse der Hilfsorganisation Hope in Christ International1, kurz HCI, und ein Telefongespräch mit Roland, einem Pastor dieser Organisation, der mir vor einem Monat in gebrochenem Deutsch ein Bett in ihrem Studentenheim in São Paulo zugesichert hatte.
Eigentlich hatte ich keinen Grund zur Sorge. Wenn es etwas gab, was ich in den vergangenen fünf Monaten gelernt hatte, dann, dass Gott mich nie im Stich ließ. Er war der beste Reiseleiter, den man sich wünschen konnte. Er hatte mir auf der Calbuco ein Bett und zu essen gegeben. Er hatte mir in einem Bus die Schwester des Schweizer Skirennfahrers Daniel Mahrer über den Weg geschickt, die mich anschließend für einen Monat in Santiago de Chile bei sich beherbergt hatte, damit ich mein Buch über Chile (Kampf um den Regenwald) schreiben konnte. Er hatte mich in einer 15-minütigen Pause mit Erna Thoma bekannt gemacht, durch die ich zu einem zweimonatigen Aufenthalt in Belém an der Mündung des Amazonas gekommen war, wo ich Portugiesisch gelernt und eine deutsche Straßenkindermissionarin kennengelernt hatte, die mir die Adresse von HCI in São Paulo gegeben hatte.
Gott hatte meine ganze Südamerikareise perfekt orchestriert und mich vor Hunderten von Gefahren bewahrt, wie zum Beispiel in der chilenischen Wüste, als ich mitten im Nirgendwo am Straßenrand stand, weil ich zu früh aus einem Bus ausgestiegen war. Irgendjemand hatte mir geraten, ich solle hier in einen anderen Bus umsteigen, was völliger Quatsch war. Es gab überhaupt keinen anderen Bus, nur Wüste, so weit das Auge reichte. Mehrere Stunden stand ich in der sengenden Sonne, 60 Kilometer von jeglicher Zivilisation entfernt, bis endlich ein Auto kam und mich in die nächste Stadt mitnahm.
Oder da war die Geschichte mit meinem 26-Kilometer-Marsch durch den Nationalpark Alerce Andino, ein Naturreservat mit schmalen, morastigen Pfaden. Mutterseelenallein, ohne irgendeinen Kontakt zur Außenwelt, wanderte ich durch diesen chaotischen Naturwald, kletterte über tausend Jahre alte umgestürzte Bäume und kämpfte mich durch Sümpfe und Gestrüpp. Hätte ich den Pfad verloren oder mir den Fuß verknackst, ich glaube, niemand hätte mich je gefunden.
Ja, Gott hatte in Chile die Hand über mir gehalten und nicht zugelassen, dass mir irgendetwas zustieß. Er würde auch in São Paulo bei mir sein.
Nervös war ich trotzdem.
Hope in Christ International (HCI) ist eine weltweite christliche Organisation, die in vielen Ländern der Welt tätig ist und ihren internationalen Sitz in Atlanta hat. Es gibt sowohl christliche Gemeinden als auch soziale Einrichtungen von HCI, die meist Hand in Hand laufen und von Pastoren derselben Organisation geleitet werden. Jedes Land funktioniert eigenständig und hat seine eigene Bibelschule für seine zukünftigen Pastoren. Anders als bei anderen kirchlichen Organisationen dürfen die Pastoren ihren Einsatzort nicht frei wählen. Er wird ihnen von der Landesleitung zugeteilt und ändert sich im Schnitt alle vier bis sechs Jahre, je nach Bedarf. An der Spitze des jeweiligen Landes steht der Landesleiter. Gleich unter ihm in der Hierarchie kommt der Vize-Landesleiter, dem wiederum mehrere Gebietsleiter unterstellt sind. Jeder Gebietsleiter ist zuständig für einen einzelnen Staat und hat die Leitung über sämtliche Pastoren dieses Staates inne. Da es in ärmeren Ländern oft zu wenig einheimische Pastoren gibt, sendet HCI auch Pastoren aus Europa und den USA in diese Länder, wo sie dann unter der jeweiligen nationalen Landesleitung dienen.
So auch die Schweizer Pastoren Rosa und Roland. Sie kamen aus dem Welschland, dem französisch sprechenden Teil der Schweiz, und leiteten in São Paulo eine Kirchengemeinde und ein Sozialhilfeprogramm von HCI Brasilien. Sie hießen mich mit offenen Armen willkommen, gaben mir ein Bett in einem Viererzimmer im Studentenheim und luden mich gleich zum Mittagessen ein.
»Du willst also ein Buch über Straßenkinder schreiben?«, fragte mich Roland interessiert.
»Ja. Ich habe dafür extra Portugiesisch gelernt«, sagte ich in meinem sehr gebrochenen Portugiesisch. »Ich hoffe, ich kann hier genug Material sammeln.«
»Das kannst du auf jeden Fall«, sagte Rosa. »Und dein Timing ist perfekt: Wir stehen seit zwei Jahren in der Planung eines Straßenkinderprojektes. Und in einer Woche wird es eröffnet.«
»In einer Woche? Das ist ja unglaublich!«
»Es wäre toll, wenn du im Projekt mithelfen könntest, solange du hier bist.«
»Aber klar! Auf jeden Fall!«
Ich war hellauf begeistert. Wieder staunte ich über die präzise Reiseplanung von oben. Einen besseren Zeitpunkt für meinen Aufenthalt in São Paulo hätte ich nicht wählen können.
»Wir können dich auch mit einem Straßenmissionar in Kontakt bringen, der dich mit zu den Straßenkindern nimmt, wenn du das möchtest.«
»Ja, großartig! Das ist … Wow! Vielen Dank!«
Der Missionar, von dem sie sprachen, hieß Virgilio. Er war nicht bei HCI, aber Rosa und Roland arbeiteten mit den verschiedensten Sozialwerken zusammen und waren gut vernetzt. Virgilio war ein ungefähr 40-jähriger Brasilianer, der Tag für Tag auf den Straßen São Paulos unterwegs war und dort die Straßenkinder besuchte. Ich traf ihn am Montag bei einer Metrostation und er gab mir eine Stadtführung, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.
Als Erstes machten wir bei einer Brücke halt. Unter der Brücke war ein riesiger Hohlraum, rundum von hohen Betonmauern umgeben. Virgilio schwang sich über das Brückengeländer und hangelte sich entlang eines Gitters bis zu einem steilen, glitschigen Abhang.
»Komm!«, rief er mir zu. »Keine Angst.«
Zögerlich folgte ich ihm, während die Passanten verwundert stehen blieben und sich wohl fragten, was zum Geier wir da machten. Mehrere schauten neugierig über das Geländer und beobachteten, wie wir im miefenden Dreck den Hügel hinabkraxelten. Wir erreichten ein Loch in der Betonmauer, der Einstieg zum Unterschlupf der Straßenkinder. Er war ungefähr einen Meter hoch und 50 Zentimeter breit. Virgilio zwängte sich hindurch, ich tat es ihm gleich. Dahinter war es düster. Unter uns, am Fuße des Abhangs, war alles mit Müll übersät. Aber ich sah keine Kinder.
»Hier übernachten die Straßenkinder«, erklärte mir Virgilio. »Hier nehmen sie Drogen, schlafen miteinander. Es gibt auch Ratten, die beißen. Ich komme hier öfter des Nachts her, um mit den Kindern zu reden und ihnen von Jesus zu erzählen.«
»Hast du keine Angst vor ihnen? Ich habe in einem Buch gelesen, dass Straßenkinder sehr gefährlich sein können.«
»Nicht, wenn du ihnen Liebe schenkst. Anfangs war es schon etwas schwierig und es kam vor, dass sie mir ein Messer an den Hals hielten. Doch in der Zwischenzeit kennen sie mich. Sie umarmen mich, schmutzig wie sie sind. Und stell dir vor, ich habe noch nie Läuse bekommen.« Er lachte. »Das ist ein Wunder von Gott, sage ich dir. Keine Läuse!«
»Warst du früher auch ein Straßenkind?«
»Nein. Ich war ein Schläger in Rio de Janeiro. Allein Gottes Gnade hat mich daran gehindert, Menschen zu töten. Ich habe ein paar hübsche Narben aus meinem alten Leben davongetragen.«
»Was war dein gefährlichstes Erlebnis auf der Straße?«
»Oh, da gibt es ständig welche. Kürzlich, als ich mit einer Gruppe von Straßenkindern redete, kam ein Polizist und drohte mir mit vorgehaltener Waffe, mich zu erschießen.«
»Was?« Meine Augen weiteten sich. »Wie hast du reagiert?«
»Nun, ich habe innerlich gezittert, ihn angeschaut und gesagt: ›Sie können mich erschießen, denn ich weiß, wohin ich gehe. Aber wenn Sie das tun, wer wird dann diesen Kindern von der Liebe Gottes erzählen, diesen Kindern, die ihr Polizisten schlagt und misshandelt?‹ Da hat er mich gehen lassen.«
»Meine Güte. Ich dachte, die Polizisten wären die Guten. Und du sagst, sie misshandeln die Kinder?«
»Sie bringen auch viele um.«
»Bitte was?!«
»Straßenkinder stören das Stadtbild«, sagte Virgilio mit einer Selbstverständlichkeit, die mich noch mehr schockierte. »Keiner will sie haben. Man sieht sie nicht als Menschen, sondern als lästiges Ungeziefer. Die Polizei handelt nach dem Motto: Ein toter Bandit ist ein guter Bandit. Es gibt nur wenige, die sich wirklich für diese Kinder einsetzen. Und wenn du es tust, musst du 100-prozentig wissen, dass Gott dich dazu berufen hat, sonst stehst du es nicht lange durch.«
Das bestätigte eine Aussage der Straßenkindermissionarin Elke aus Belém, Worte, die sich mir tief eingeprägt hatten: »Wenn du keine klare Berufung von Gott für diese Arbeit hast, lässt du besser die Finger davon.«
Langsam begann ich zu begreifen, was sie damit meinte.
Wir verließen das üble Versteck und die Tour ging weiter. Ich staunte über die vielen modernen Hochhäuser und die Massen an gut gekleideten Leuten, die sich außer ihrer dunkleren Hautfarbe kaum von den Passanten in Zürich unterschieden. Alle waren beschäftigt und hatten es eilig, irgendwo hinzukommen. Was anders war als in Zürich, waren die vielen Straßenhändler und Bettler und die Menschenschlangen, die sich in den Bankgebäuden oder vor irgendwelchen Schaltern bildeten. Anstehen und warten nahm in São Paulo – wie ich noch herausfinden würde – sehr viel Zeit in Anspruch.
Virgilio steuerte auf eine weitere Brücke zu. Hinter einem Absperrgitter, verschanzt in einer Burg aus Kartons, Decken und Türmen von Abfall, lagen mehrere Straßenkinder. Es war ein Anblick von Elend und Hoffnungslosigkeit. Ich war zutiefst erschüttert.
»Hey! Bernardo!«, rief Virgilio durch das Gitter. Ein vielleicht 14-jähriger Junge hob den Kopf. Sein erloschenes Gesicht hellte sich auf, als er Virgilio sah.
»Tio2 Virgilio!«, rief er und kam sofort auf uns zugelaufen.
Er reichte Virgilio seine Hand durchs Gitter. Dann gab er auch mir die Hand. Es kostete mich einiges an Überwindung, sie zu schütteln. Sie war so schmutzig, dass man den Schmutz regelrecht fühlen konnte. Der Junge strotzte vor Dreck, sein zerschlissener Pullover und die viel zu weiten Hosen waren bestimmt seit Monaten nicht gewaschen worden. Virgilio unterhielt sich eine Weile mit Bernardo. Ich verstand nicht alles, aber ich sah die Liebe Gottes aus Virgilios Augen strahlen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es kam mir wirklich vor, als würde Jesus höchstpersönlich mit diesem Straßenjungen reden. Ich war zutiefst bewegt.
Wenn Jesus heute als Mensch unter uns leben würde, dann wäre er genau wie Virgilio, dachte ich. Und er würde genau hier sein, hier unter dieser Brücke inmitten von Müll und Dreck, und würde diesem Straßenjungen sagen, wie sehr er ihn liebe und dass er einen Plan für sein Leben habe.
Als Nächstes führte mich Virgilio zu einem Autotunnel. Über eine Treppe gelangten wir in den Tunnel hinunter. Links und rechts von der Treppe waren viereckige Löcher im Beton, Schächte, die den Straßenkindern als Schlupfwinkel dienten. Der Lärm der Autos war ohrenbetäubend. Wir mussten schreien, um einander zu verstehen.
»Hier, entlang der Mauer, schlafen nachts etwa 30 Kinder!«, rief mir Virgilio zu.
Über den schmalen Randstein neben den dahinbrausenden Autos gelangten wir zurück ins Freie. Wir gingen weiter. An jeder Straßenecke, bei jeder Treppe, hinter jedem Gebäude wusste Virgilio eine Geschichte zu erzählen. Er berichtete von Jugendlichen, die erstochen oder erschossen worden waren, alles Straßenkinder, die er persönlich gekannt hatte. Die Realität der Straße war brutaler als jeder Horrorfilm. Ich hätte mir noch vor einer Woche nicht im Entferntesten vorstellen können, dass es so etwas überhaupt gab. Es war übel. Wirklich übel.
Unter einer mehrspurigen Autobahnbrücke trafen wir auf eine Straßenkindergruppe, die auf dem vier Meter breiten Betonstreifen in der Mitte der Fahrbahnen lebte. Sie kannten Virgilio und empfingen ihn freudig. Es roch nach Abgas und Urin. Zwei etwa achtjährige Knaben zeigten mir stolz ihr Quartier, ein paar Matratzen, Decken, ein zerschlissenes Sofa und ungefähr 20 junge Hündchen, die sie in einer großen Kartonschachtel aufbewahrten. Ein Mädchen hielt sich eine Plastiktüte mit einer gelben, klebrigen Masse vor den Mund. Es war Klebstoff, wie ich später erfuhr. Das Mädchen inhalierte die giftigen Dämpfe und war so beduselt davon, dass sie viel zu nah an der Fahrbahn herumtorkelte. Ich hatte echt Angst, sie würde jeden Moment einen falschen Schritt machen und von einem Auto erfasst werden. Plötzlich entdeckte ich ein etwa 50 Zentimeter großes Loch in der Decke der Brücke und einen Kopf, der daraus hervorlugte. Ich traute meinen Augen nicht.
Mein Gott, die leben in der Brücke drin!, dachte ich verstört. Wie um alles in der Welt können die da drin leben?!
Ein Strick wurde heruntergelassen und ein Mädchen kletterte daran hoch und verschwand in der Öffnung. Ich schoss ein paar Fotos und ging dann zu Virgilio, der neben ein paar Jugendlichen auf dem schmutzigen Boden kniete und ihnen von Jesus erzählte. Zum Schluss sang er ein Lied mit ihnen und betete für sie. Freude und Dankbarkeit spiegelten sich in ihren trüben Augen, als wir uns mit Handschlag von ihnen verabschiedeten und weiterzogen. Wir besuchten noch ein paar weitere Orte, doch es waren keine Straßenkinder da.
»Sie sind ständig in Bewegung«, erklärte mir Virgilio. »Mal sind sie hier, mal dort. Man weiß nie, wo man sie antrifft.«
Mit tausend Eindrücken im Kopf kam ich am späten Nachmittag zurück ins Studentenheim. Ich brauchte dringend eine Dusche. Ich war erschüttert von dem, was ich gesehen und gehört hatte. Im Vorfeld hatte ich viele Bücher über Straßenkinder gelesen. Aber ihr Elend mit eigenen Augen zu sehen, war etwas gänzlich anderes. Es brach mir das Herz. Ich war so behütet aufgewachsen und diese Kinder lebten auf der Straße und hatten niemanden auf der Welt außer sich selbst. Gleichzeitig hatte ich miterlebt, wie Virgilio inmitten dieser Trostlosigkeit Hoffnung und Liebe verbreitet hatte. Nie zuvor hatte ich die Kraft des Evangeliums so eindrücklich in Aktion gesehen. Gottes Wort war tatsächlich lebendig und in der Lage, den Hunger dieser Kinder zu stillen! Unglaublich!
Am Mittwoch war im HCI-Gebäude eine Planbesprechung für das Straßenkinderprojekt, das am Montag eröffnet werden sollte. Das Projekt hieß Drei Herzen und würde Straßenjungen, die von der Straße wegkommen wollten, eine provisorische Übernachtungsmöglichkeit geben. Und ich war mittendrin bei den letzten Vorbereitungen. Das war so cool! Wir kauften Gitarren, Bücher, Spiele, Kleider und Geschirr. Ich schrieb Lieder auf Plakate, eine Hausordnung wurde erstellt, die Betten wurden bezogen, die Vorratskammer aufgefüllt, Pfannen und Töpfe in die Küchenregale geräumt.
Ich freundete mich rasch mit allen Mitarbeitern an. Da war als Erstes die quirlige kleine Brasilianerin namens Ana. Sie alberte ständig herum, brauchte immer eine Ewigkeit, um sich schick zu machen, und wollte später Pastorin bei HCI werden. Sie quatschte mich von morgens bis abends voll und obwohl sie schwarz und drei Köpfe kleiner war als ich, erklärte sie mich zu ihrer Zwillingsschwester.
Der Zweite im Bunde war Cleudemir. Cleudemir war vorgesehen, die Nachtschicht im Projekt zu übernehmen. Er hatte ein kaputtes Bein und ging am Stock. Er war ein schrulliger Bursche, stets guter Laune und für jeden Schabernack zu haben. Manchmal besorgte er sich im Secondhandshop im Erdgeschoss irgendwelche Kleider oder Perücken und schlüpfte in die unmöglichsten Rollen. Mal mimte er eine alte Dame mit Hut, dann wieder einen hartgesottenen Soldaten in Tarnuniform. Mit Cleudemir gab es immer etwas zu lachen.
Und zu guter Letzt war da noch Leonardo. Leonardo war 18 Jahre alt und hatte fast sein ganzes Leben auf der Straße verbracht. Eine Sozialarbeiterin hatte ihn vor zwei Jahren bei HCI abgeliefert. In einem Begleitschreiben stand: »Nachdem wir bereits alle Projekte und Heime ausprobiert haben, seid ihr unsere letzte Hoffnung. Leonardo integriert sich nirgends.« Die Polizei hatte ihm eine Geburtsurkunde ausgestellt, auf der stand: »Vater unbekannt. Mutter unbekannt.« Leonardo war bei seinem Stiefvater aufgewachsen, bis dieser ermordet worden war. Daraufhin hatte der Bruder des ermordeten Stiefvaters ihn bei sich aufgenommen. Allerdings nur, bis er selber wegen Mordes im Gefängnis landete, weil er den Mörder seines Bruders umgebracht hatte. So kam Leonardo ins Heim, wo er mit acht Jahren abhaute und von da an auf der Straße lebte.
Rosa und Roland nahmen ihn bei sich auf und innerhalb weniger Monate blühte der 16-Jährige förmlich auf. Sein erstes Gebet, so sagte Rosa, habe sie zu Tränen gerührt. Er begann auf einmal zu lachen, machte Witze, war unglaublich hilfsbereit und kehrte nie wieder auf die Straße zurück. Er hatte ein Zuhause gefunden. Sein radikaler Ausstieg von der Straße war es auch, der Rosa und Roland dazu animiert hatte, ein Straßenkinderprojekt zu eröffnen. Als Leonardo davon erfahren hatte, hatte er nur noch gestrahlt und gesagt, er wolle unbedingt als Leiter im Projekt mithelfen, wenn es so weit wäre. Und nun war er tatsächlich mit im Team.
Am 17. Juni 1996, dem Eröffnungstag von Drei Herzen, waren alle furchtbar nervös. Ana und Leonardo hetzten wie aufgedreht kreuz und quer durch das ganze Gebäude. Auch ich konnte es kaum erwarten, die ersten Straßenjungen ins Projekt einzulassen. Etwas mulmig war mir schon zumute. Wie viele würden kommen? Was sollten wir tun, wenn sie Drogen bei sich hatten oder gewalttätig würden? Immerhin hatte ich keinerlei Erfahrung im Umgang mit Straßenkindern.
Die Spannung stieg mit jeder Minute. Doch an diesem Abend ließ sich kein einziger Straßenjunge blicken. Vielleicht hatte es sich noch nicht herumgesprochen, dass wir eröffnet hatten. Dafür kam am nächsten Abend der erste und am übernächsten waren es schon vier. Der Ablauf war sehr einfach: Zwischen 18 und 19 Uhr war Einlass. Die Jungs duschten und konnten ihre Kleider waschen, falls sie wollten. Dann gab es ein gemeinsames Abendessen und im Anschluss eine kurze Andacht mit Gesang und biblischer Botschaft. Bis zur Nachtruhe um 23 Uhr waren sie frei, Kartenspiele und Gitarre zu spielen, zu zeichnen oder Filme zu gucken. Nach einem einfachen Frühstück kehrten die Jungs am nächsten Morgen auf die Straße zurück. Der Platz reichte für 20 Jungen im Alter von sieben bis 17 Jahren. Ana, Leonardo und ich kümmerten uns abwechselnd im Zweier- oder Dreierteam von 18 bis 23 Uhr um sie, Cleudemir blieb über Nacht bis zum nächsten Morgen.
Es machte mir riesig Spaß, im Projekt mitzuarbeiten. Zwei Jungs hatte ich besonders ins Herz geschlossen. Der eine war 17 Jahre alt und hieß Valdir. Ich wusste nicht viel über ihn, außer, dass er mit Drogen dealte und auf der Straße den Spitznamen »Specht« hatte. Mir fiel auf, dass er nie lachte. Der andere war 16 und hieß Paulo. Auch er war kriminell und hatte schon viele Leute bestohlen.
Parallel zu meiner Arbeit im Projekt hatte ich die einmalige Chance, an einem Camp teilzunehmen, wo ehemalige Straßenkinder aus ganz São Paulo zusammenkamen. Ich nahm ein kleines Aufnahmegerät mit, um ihre Geschichten auf Band mitzuschneiden. Mir standen die Haare zu Berge, als sie mir aus ihrem Leben erzählten. Es waren Geschichten von häuslicher Gewalt, Drogen, Kriminalität, Gefängnis, Mord und Totschlag. Die meisten von ihnen hatten Raubüberfälle begangen, waren im Jugendknast gewesen, einige hatten schon Menschen getötet. Alle waren am Tiefpunkt ihres Lebens Jesus Christus begegnet, der ihr Leben radikal verändert hatte. Ihre Augen strahlten, sobald sie mir von Jesus erzählten und wie er sie aus der Hölle der Straße befreit hatte. Ich war beeindruckt und je mehr Geschichten ich hörte, desto klarer wusste ich, was ich zu tun hatte.
Das ist es, worüber ich schreiben muss! Die Menschen in Europa müssen diese Geschichten hören! Wieso soll ich weiter Abenteuergeschichten erfinden, wenn das Leben die besten Geschichten schreibt? Diese Storys sind der Hammer, wahre True-Life-Thriller, die jede erfundene Story in den Schatten stellen!
Ich wählte die eindrücklichsten Storys aus, um daraus ein Buch zu machen. Außerdem gab es zwei Geschichten, die ich unbedingt als Einzelbuch herausbringen wollte. Die eine war die eines Straßenjungen namens Marcio. Er war 18 Jahre alt, genau wie Leonardo, und war ungefähr zur gleichen Zeit wie dieser bei HCI aufgetaucht. Auch ihm hatten Rosa und Roland einen Neuanfang ermöglicht. Seine Mutter war eine Prostituierte aus Curitiba. Marcio und seine drei Brüder waren in einem Waisenheim aufgewachsen, bis Marcio als Achtjähriger von dort abgehauen war. Später landeten auch seine Brüder alle auf der Straße. Das Außergewöhnliche an Marcios Geschichte war, dass er auf der Straße nie Drogen genommen und nie gestohlen hatte.
Die zweite Geschichte war die eines ehemaligen Straßenmädchens namens Shannon. Shannon war 26 Jahre alt, genau wie ich, und wohnte im Studentenheim im Zimmer neben mir. Eines Tages kamen wir ins Gespräch und sie erwähnte so nebenbei, dass sie früher in einer Gang in Cleveland gelebt und mit zehn Jahren ihren ersten Mord begangen hatte!
Mein Gott, dachte ich. Noch eine Story für ein Buch! Wenn das so weitergeht, bin ich für die nächsten Jahre ausgebucht!
Und dann sagte mir Shannon etwas, was mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Nachdem ich ihr viele Fragen über die Situation der Straßenkinder gestellt hatte, sah sie mich an und sagte:
»Damaris, komm zurück nach Brasilien. Wir brauchen hier Leute wie dich.«
Meine Zeit in São Paulo verging wie im Flug. Am letzten Abend organisierte das Team zusammen mit den Straßenjungen vom Projekt eine Abschiedsparty für mich. Plötzlich fiel mir Paulo, der Junge, den ich so sehr ins Herz geschlossen hatte, um den Hals und begann zu weinen.
»Tante Damaris, komm zurück, wir brauchen dich hier!«, flüsterte er mir ins Ohr. Mir lief es heiß und kalt über den Rücken. Es waren dieselben Worte, die mir Shannon gesagt hatte, doch aus dem Mund dieses Straßenjungen klangen sie wie ein Hilferuf. Sie trafen mich mitten ins Herz. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Was hatte ich diesen Kindern schon gegeben? Mein portugiesischer Wortschatz war sehr limitiert. Alles, was ich in den vergangenen zwei Wochen getan hatte, war, anwesend zu sein und mich irgendwie nützlich zu machen. Und dieser 14-jährige Junge war so traurig über meinen Abschied, dass er weinen musste?
Auch alle Mitarbeiter und Rosa und Roland ließen mich nur ungern ziehen und sagten mir, ich solle unbedingt zurückkommen, diesmal für länger. Ich weinte den ganzen 10-stündigen Flug von São Paulo nach Zürich ununterbrochen. Es war mir egal, was mein Sitznachbar über mich dachte. Ich war so aufgewühlt und so bewegt, dass mir die Tränen in Strömen über die Wangen liefen. Alles, woran ich denken konnte, waren Paulos flehende Worte:
Komm zurück, wir brauchen dich hier!
Komm zurück, wir brauchen dich hier!
Komm zurück!
Wir brauchen dich hier!
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Es muss mehr sein als nur ein Buch
Ich saß vor meinem Computer und sah vor lauter Tränen die Buchstaben nicht mehr, die ich eingetippt hatte. Da war ich nun, wieder zu Hause in der schönen Schweiz, mit allen Annehmlichkeiten, auf die ich die vergangenen sechs Monate verzichtet hatte, doch in meinem Innern war ich in Südamerika hängen geblieben. Costa Rica, Chile und vor allem Brasilien hatten tiefe Spuren in mir hinterlassen. Ich schrieb Buch Nummer neun – das Zeugnisbuch, das später den Titel erhielt: Christus kam bis São Paulo – Wie Straßenkinder ihrer Hölle entrinnen. Und als ich mich an Buch Nummer zehn setzte, Marcio – ich will leben, geschah etwas Merkwürdiges mit mir. Es war, als würden meine eigenen Worte auf dem Bildschirm zu mir sprechen und mir zurufen:
Damaris, es muss mehr sein als nur ein Buch!
Ich wusste nicht, wie mir geschah. Was war nur los mit mir? Ich schrieb weiter an Marcios Geschichte. Doch schon wenige Sätze später hörte ich sie wieder, diese feine Stimme in meinem Herzen. Es war, als ob Gott mir zuflüsterte:
Du hast einmal gesagt, du möchtest nicht nur über die Probleme dieser Welt diskutieren, sondern dir die Hände schmutzig machen und etwas dagegen tun. Dies ist deine Gelegenheit: Verwandle das, worüber du schreibst, in konkrete Taten! Geh zurück nach São Paulo!
»Das kann ich nicht«, flüsterte ich und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass ich dieser Aufgabe gewachsen wäre.«
Das kannst du nicht wissen, bevor du es nicht wenigstens probiert hast! Was ist mit Paulos Hilferuf? Hast du seine Worte schon vergessen?
»Wie könnte ich die jemals vergessen!«, schniefte ich, während der Text auf dem Bildschirm vor meinen Augen verschwamm. »Aber ich habe Angst! Ich trau mir das nicht zu! São Paulo ist eine riesige Stadt, voller Kriminalität. Mir könnte weiß Gott was passieren.«
Dir hätte auch in Chile weiß Gott was passieren können. Aber ich habe es nicht zugelassen.
»Chile war ein spannendes Abenteuer. Das hier ist etwas völlig anderes. Du weißt, wenn ich Blut sehe, falle ich in Ohnmacht. Und was mache ich, wenn mir jemand eine Waffe an den Kopf hält wie Virgilio? Ich glaube, ich würde durchdrehen.«
Ich kenne deine Grenzen. Ich gebe dir nie mehr, als du tragen kannst. Bist du bereit, mit mir übers Wasser zu gehen? Bist du bereit, dich mit mir zusammen in die Höhle des Löwen zu wagen?
Ich war hin- und hergerissen. Elkes Worte nagten an mir: »Wenn du keine klare Berufung von Gott hast, lass die Finger davon.« Was, wenn ich nicht dafür berufen war? Wie konnte ich mir absolut sicher sein, dass dies der Weg war, den ich einschlagen sollte? Eine gute Freundin hatte mir einst gesagt, das mit der Berufung sei gar nicht so schwierig, wie wir glaubten.
»Gott kennt uns durch und durch«, so hatte sie gesagt. »Er kennt unser Herz und unsere innigsten Wünsche. Wenn dein Herz für eine Sache brennt, ist die Chance groß, dass genau da deine Berufung liegt. Folge deinem Herzen und Gott wird dich lenken.«
Folge einfach deinem Herzen. Die Worte meiner Freundin hallten in mir nach, während ich noch immer auf den Bildschirm vor mir starrte. Ich hatte in einer Stunde gerade mal zwei Sätze an meinem Marcio-Buch geschrieben.
»Okay, Jesus«, sagte ich und traf eine Entscheidung. »Wenn du wirklich möchtest, dass ich nach São Paulo gehe, dann tue ich das. Aber ich brauche ein klares Zeichen von dir.« Ich überlegte. Ich hatte von verschiedenen Seiten immer wieder gehört, es sei sehr schwer, ein Visum für Brasilien zu erhalten. Also schloss ich mit Gott einen Deal: »Wenn du mir ein Visum gibst, dann gehe ich nach Brasilien!«
Der Entschluss war gefasst. Ich setzte mich mit HCI Schweiz in Verbindung und erkundigte mich, ob es überhaupt möglich war, für HCI als Missionarin nach Brasilien zu gehen, obwohl ich keine ihrer eigenen Pastorinnen war. Die zuständige Person in der Landeszentrale in Bern war eine Pastorin namens Heidi. Sie sagte mir, es sei durchaus möglich. Sie könnten mich von HCI Schweiz aussenden, doch offiziell müsste ich von HCI Brasilien eingeladen werden, um durch sie mein Visum zu bekommen. Wenn das alles klappte, sei ich für die Dauer meines Aufenthaltes HCI Brasilien unterstellt. HCI Schweiz würde mich lediglich aus der Ferne begleiten und meine Sozialversicherung bezahlen. Den Rest musste ich selber berappen. Ich war damit einverstanden und die Vorbereitungen begannen zu laufen.
Je konkreter es wurde, desto größer wurden meine Bedenken. Worauf um alles in der Welt ließ ich mich da bloß ein? Doch überall, wo ich davon erzählte, wurde ich ermutigt, den Schritt zu wagen. Und Rosa und Roland, Ana, Leonardo und Cleudemir freuten sich bereits wie kleine Kinder auf meine Rückkehr. Alles, was mir jetzt noch fehlte, war das Visum. Am Donnerstag vor Ostern betrat ich mit einem Stapel beglaubigter Papiere von HCI Brasilien das brasilianische Konsulat in Zürich. Die Frau am Schalter überflog die Papiere, sah mich an und hatte nur eine einzige Frage:
»Warum möchten Sie denn nach Brasilien?«
»Ich möchte unter Straßenkindern arbeiten.«
»Oh, das ist eine gute Sache«, meinte sie und machte flott einen Stempel auf meinen Antrag. »Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen das Visum noch heute per Express zugestellt wird. Guten Aufenthalt in Brasilien!«
Mir fiel die Kinnlade herunter. Normalerweise dauerte es Monate, bis ein Visumantrag geprüft war. Und ich hatte meinen innerhalb von Minuten genehmigt bekommen! Einfach so! Wenn das kein Zeichen von oben war, dann wusste ich auch nicht.
Und so flog ich einen Monat später, am 15. Mai 1997, zurück nach São Paulo, bangend, was mich dort erwartete, aber auch mit der absoluten Gewissheit, dass diese Reise von Gott arrangiert worden war.
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Der alltägliche Wahnsinn
HCI Brasilien besaß zwei große Gebäude im Stadtzentrum von São Paulo. Das eine war die Landeszentrale, ein Hochhaus mit ungefähr 15 Stockwerken, vielen Wohnungen und einer Menge Büros. Hier wohnte und arbeitete die gesamte Landesleitung von HCI Brasilien, unter anderem der Landesleiter, ein Brasilianer namens Lopez, dann Vize-Landesleiter Monteiro sowie der Gebietsleiter von São Paulo, ein Amerikaner namens Evans, und die Chefin über die Sozialprojekte des Staates São Paulo, eine wohlbeleibte brasilianische Pastorin namens Gloria. Die Fäden des ganzen Landes liefen hier zusammen.
Das zweite Gebäude war das an der Rua Vergueiro 209, wo ich sowohl wohnen als auch arbeiten würde. Im Kellergeschoss befand sich die Herberge für die Straßenkinder, im Erdgeschoss ein Secondhandshop, darüber im ersten Stock Büros und die Wohnung von Rosa und Roland. Im zweiten Stock waren das Studentenheim und eine weitere Wohnung, die ich fortan mit Ana teilte. Im dritten Stock gab es noch eine Wohnung und im großen Anbau war die Kirchgemeinde von HCI untergebracht. Normalerweise wurden Sozialarbeit und Kirche nicht von ein und derselben Person geleitet. Doch aus Personalmangel waren Rosa und Roland gleich für beides zuständig, Gemeinde und Sozialwerk.
Roland und Ana holten mich vom Flughafen ab. Natürlich brannte ich darauf, zu erfahren, was alles geschehen war in den vergangenen Monaten.
»Wie geht es Paulo?«, war eine meiner ersten Fragen. »Ist er noch im Projekt?«
»Leider nein«, sagte Ana mit trauriger Miene. »Er wurde vor zwei Wochen von der Polizei erschossen.«
»Was?!« Das durfte doch nicht wahr sein! Paulo war tot? Ausgerechnet der Junge, dessen Worte mich dazu bewegt hatten, nach São Paulo zurückzukehren, lebte nicht mehr?
»Dafür hat sich Valdir bekehrt. Erinnerst du dich an ihn?«
»Aber klar, das ist doch der Bursche, der nie gelacht hat!«
»Jetzt hört er nicht mehr auf zu lachen«, kicherte Ana. »Er ist total verändert. Er arbeitet jetzt auch bei HCI mit.«
»Cool.«
Wenigstens eine gute Nachricht. Ich erkundigte mich nach einigen anderen, die ich vor zehn Monaten im Projekt kennengelernt hatte. Die meisten hätten sie aus den Augen verloren, berichtete mir Ana. Von einem wusste sie, dass er im Gefängnis war, ein anderer sei vor ein paar Tagen von einer Gangsterbande erstochen worden. Mir lief es kalt den Rücken hinunter.
Mein Gott, in anderen Ländern sterben die Kinder an Hunger. Hier werden sie umgebracht!, dachte ich. Wenn wir diese Kids nicht rechtzeitig von der Straße holen, sind sie morgen vielleicht schon tot!
Die ersten Tage in São Paulo fühlte ich mich extrem unwohl. Ich war seltsam drauf und hatte ständig einen Kloß im Hals. Vielleicht hatte ich mich doch etwas überschätzt. Damals, bei meinem Einsatz in Costa Rica, war ich zwar in einer fremden Kultur gewesen, hatte aber täglich schweizerische und deutsche Missionare um mich gehabt. Ich war im Ausland gewesen und trotzdem irgendwie eingebettet in meine Heimat. Aber jetzt war ich ganz auf mich allein gestellt. Da war niemand, der Schweizerdeutsch redete. Rosa und Roland redeten nur Französisch – was ich sehr schlecht konnte – und Portugiesisch – was ich noch schlechter konnte. Da war niemand, der meine Kultur oder mein Denken verstand, niemand, mit dem ich darüber reden konnte, wie es mir ging. Ich hatte ja nicht mal den Wortschatz dafür!
War hier wirklich mein Platz?, fragte ich mich. Hatte ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Eigentlich war ich überzeugt davon, aber das ungute Gefühl blieb. Und dass ich mich für ein Jahr verpflichtet hatte, daran wollte ich im Augenblick lieber gar nicht erst denken. Ich wusste, dass Gott bei mir war und es gut mit mir meinte. An diese Gewissheit klammerte ich mich wie an einen Rettungsanker, so lange, bis sich meine emotionale Achterbahn nach ungefähr einer Woche endlich legte. Jetzt konnte ich mich voll und ganz auf die Arbeit im Straßenkinderprojekt konzentrieren. Und die brauchte wirklich meine volle Konzentration und jede Menge Nerven. Ana, Leonardo und ich hatten immer alle Hände voll zu tun. Es war, als müsste man einen Sack Flöhe hüten und gleichzeitig auf einem Pulverfass sitzen, das jeden Moment explodieren konnte.
Eines Abends klingelte jemand wie wahnsinnig an der Garagentür. Da sich das Projekt im Kellergeschoss befand, wurden die Jugendlichen durch die Garage eingelassen. Als Leonardo die Tür öffnete, stand Max vor dem Gebäude, völlig eingeschüchtert, Panik in den Augen. Max war 17, ein kräftiger schwarzer Bursche, der weder lesen noch schreiben konnte. Er kam aus Rio de Janeiro. Dort stand er unter Todesdrohung, weswegen er nach São Paulo geflohen war, wo er jetzt auf der Straße lebte. Seine Großmutter hatte vor ihrem Tod die Seelen von ihm und seinem Bruder dem Teufel verkauft, damit sie bald sterben würden. Max sprang in die Garage wie ein gehetztes Tier und flehte Leonardo an, um Himmels willen die Tür hinter ihm zu schließen. Dann stolperte er ins Projekt, kauerte sich zitternd in eine Ecke und begann zu weinen. Leonardo und ich knieten uns zu ihm.
»Was ist geschehen, Max? Was ist los?«
Der Junge stammelte wirres Zeug und brachte keinen einzigen Satz zustande. Er schien furchtbare Angst zu haben. Erst nach einer Weile beruhigte er sich so weit, dass er imstande war, uns alles zu erzählen. Da waren fünf Typen von der Straße, die behaupteten, ein Freund von ihm habe ihnen letzte Nacht ihre Kleider gestohlen, als sie in einer staatlichen Herberge übernachteten. Und Max würde mit ihm unter einer Decke stecken.
»Ich hatte nichts mit der Sache zu tun. Doch sie glaubten mir nicht und forderten ihre Kleider zurück. Sie schlugen mich mit Holzstöcken, bis ich ihnen versprach, ihnen ein paar meiner eigenen Kleider zu geben, die ich hier in Drei Herzen aufbewahre. Sie pressten mir einen Revolver in den Rücken und zwangen mich, sie herzuführen. Auf dem Weg hierher kamen wir an einem Polizisten vorbei. Ich wollte mich bemerkbar machen, doch sie ermahnten mich, ich solle mich ruhig verhalten oder ich würde es bereuen.«
»Wo sind die Kerle jetzt?«, fragte ich.
»Sie stehen draußen und gehen nicht eher, bis sie die Kleider haben.«
»Und sie sind bewaffnet?«
Max nickte. »Ja. Aber wenn ich ihnen jetzt keine Kleider gebe, bin ich morgen ein toter Mann. Ich habe keine Wahl.«
Leonardo und ich warfen uns einen fragenden Blick zu. Dann entschieden wir uns spontan, einen der Typen ins Projekt zu lassen. Vorher tastete Leonardo ihn allerdings nach Waffen ab. Das taten wir sowieso bei jedem, der ins Projekt kam. Wenn die Jugendlichen Messer dabeihatten, bewahrten wir sie über Nacht auf und gaben sie ihnen am nächsten Morgen wieder zurück. Die Straße war ein gefährlicher Ort und viele der Straßenkinder hatten irgendwo im Hosenbein oder Hemdsärmel ein Messer versteckt, um gewappnet zu sein, wenn es hart auf hart kam. Nun, der Kerl kam ins Projekt, durchwühlte Max’ Kleidersack, nahm sich, was er wollte, verließ das Gebäude wieder und zog mit seiner Clique von dannen.
Die Gewalt, mit der diese Straßenjungen täglich konfrontiert waren, erschreckte mich. Genauso erschreckte mich ihre eigene Gewaltbereitschaft und wie normal das alles in ihren Augen war. Luiz Fernando war einer jener Jungen, der mit seinen 17 Jahren schon viel zu viele Grenzen überschritten hatte. Eine Aura von Hass und Finsternis umgab ihn jedes Mal, wenn er ins Projekt kam. Er beschwerte sich ständig über alles und jeden und war immer kurz vorm Explodieren. Eines Abends war er wieder einmal unausstehlich. Ich zitierte ihn in eines der Zimmer und ließ ihn erst einmal seine Aggressionen an mir auslassen.
»Schickt mich doch fort!«, fauchte er. »Die Jungs provozieren mich bloß. Aber denen zahle ich es heim. Nicht hier drinnen. Aber da draußen werde ich ihnen die Fresse vollhauen!«
»Ich sage dir eines, Luiz Fernando: Wenn du so weitermachst, wirst du eines Tages mit einer Kugel im Kopf sterben. Willst du das?«
Der Bursche schnaubte und blickte düster vor sich hin.
»Warum bist du nur so rebellisch? Was ist in deinem Leben schiefgelaufen?«
»Meine Mutter hat uns verlassen, mein Vater hat mich immer nur geschlagen, das ist schiefgelaufen«, knirschte er. »Wie soll ich vergessen, was sie mir angetan haben?«
»Solange du deine Vergangenheit und deinen Hass auf deine Eltern nicht begräbst, wirst du nie glücklich sein«, sagte ich ihm. »Nur Jesus kann die Wunden deines Herzens heilen und dir wieder Freude schenken.«
»Alles Lüge!«, blaffte er mich an. Seine Augen funkelten vor Zorn. »Eure Kirche, euer Glaube, alles Quatsch! Du hast ja keine Ahnung, was ich durchgemacht habe. Mein Bruder hat viele Waffen zu Hause. Vielleicht gehe ich zu ihm und leihe mir eine davon aus.«
»Hast du schon Menschen getötet?«
»Ja, zwei«, sagte der Junge, als sei nichts dabei.
»Und du bereust nicht, was du getan hast?«
Er schüttelte den Kopf und versank in dumpfes Grübeln.
Luiz Fernando war bei Weitem nicht der Einzige, der von seinem Vater geschlagen worden war. Eigentlich kamen die allermeisten Kinder und Jugendlichen, die wir betreuten, aus einem zerrütteten Elternhaus und wurden entweder von ihrem gewalttätigen Vater oder Stiefvater misshandelt, bis sie es nicht mehr länger aushielten und auf die Straße flohen. Aber die Gewalt spielte sich nicht nur in der Familie ab. Viele Kinder wuchsen in Armenvierteln, sogenannten Favelas, auf, wo Alkohol, Streit und Gewalt an der Tagesordnung waren und Kriminalität und Drogenhandel sich direkt vor ihrer Haustür abspielten.
Ein Straßenjunge, der sich ebenfalls mit Gewalt auskannte, war der 15-jährige Leandro. Alle nannten ihn »Zähnchen«, weil einer seiner Vorderzähne zur Hälfte abgebrochen war. Er war groß, kräftig und sehr leicht reizbar. Es hieß, er hätte schon zwei Menschenleben auf dem Gewissen und stünde auf der Abschussliste der Polizei, weil er in einen Polizistenmord verwickelt gewesen war. Er wurde von allen Tagesprojekten als äußerst gefährlich eingestuft, in einigen hatte er wegen seiner Aggressivität sogar Eintrittsverbot. Wegen eines bewaffneten Raubüberfalls, Angriff auf eine Mitarbeiterin eines Nachtprojektes und zahlreicher anderer Verbrechen war er schließlich ins Jugendgefängnis gekommen. Als er wieder rauskam, besuchte er unser Projekt. Bei der täglichen Andacht fragte Ana die Jugendlichen, was sie sich wünschten.
»Ich wünschte, ich würde meinen Vater kennen«, sagte Leandro. Ana ging nicht näher darauf ein, als Leandro plötzlich wie ein kleines Kind zu schluchzen begann. Ana versuchte, ihn zu trösten, doch er hörte nicht auf zu weinen. Ich nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm ins Büro. Wir setzten uns aufs Sofa und mit stockender Stimme erzählte Leandro.
»Ich habe meinen Vater nie gekannt. Er wurde umgebracht, als meine Mutter mit mir schwanger war. Es war bei einem Überfall. Die Diebe haben ihn gezwungen, sein Geld herzugeben. Als er sich weigerte, haben sie ihn einfach erschossen.« Der 15-jährige, sonst so vorlaute, furchtlose Jugendliche war zu einem einzigen heulenden Bündel zusammengeschrumpft. Ich versuchte, ihn zu trösten, obwohl es keine Worte gab, die ihm seinen Vater zurückbringen konnten.
Die Realität, mit der ich Tag für Tag zu tun hatte, war oft grausam. Ich fühlte mich ohnmächtig angesichts der Schicksale dieser Jugendlichen.
Was weiß ich schon vom Leben?, dachte ich oft. Ich bin behütet aufgewachsen, hatte liebevolle Eltern. Ich habe Fußball gespielt, Fahrradtouren unternommen, bin mit meinem Papa segeln gegangen, habe Theater gespielt, bin auf Bäume geklettert. Meine und die Welt dieser Kinder sind so weit auseinander wie Himmel und Hölle. Was habe ich ihnen schon zu sagen?
Doch immer wieder erlebte ich, wie Gott wirkte. Ausgerechnet da, wo menschlich gesehen alles verloren war, griff er ein. Und zwar so eindrücklich und radikal, dass ich es manchmal selbst kaum glauben konnte. Ein paar Monate nach seinem Zusammenbruch erzählte mir Leandro, er hätte beinahe jemanden getötet, aber Gott habe es verhindert.
»Das war gestern Abend«, sagte er. »Ich war stinksauer auf jemanden. Also besorgte ich mir eine Waffe und machte mich auf, um den Kerl abzuknallen. Doch unterwegs hörte ich plötzlich, wie mich jemand beim Namen rief. Tante Damaris, ich sag dir, ich war alleine unterwegs. Da war weit und breit niemand zu sehen. Es war unmöglich, dass mich jemand gerufen hatte, und doch hab ich ganz deutlich eine Stimme gehört. Da hab ich mich mit einem Mal an alles erinnert, was ihr uns hier im Projekt über Jesus erzählt habt. Ich hab den Revolver eingesteckt und bin umgekehrt. Das war Gottes Stimme, die mich aufgehalten hat, nicht wahr?«
»Ja, das war sie!«, sagte ich, völlig überwältigt von dem, was mir Leandro da erzählte.
Wie krass ist das denn!, dachte ich. Das ist ja wie bei Saulus, als Gott ihn beim Namen rief, um ihn davon abzuhalten, Christen zu töten!
Am nächsten Abend erzählte mir Leandro gleich noch etwas Erstaunliches. Er sei mitten in der Nacht aufgewacht und habe festgestellt, dass sein Gesicht tränenbenetzt war.
»Das ist, weil hier im Projekt der Heilige Geist am Wirken ist, nicht wahr, Tante?«
Ich wusste nicht genau, was ich darauf antworten sollte. Aber ich sah ein kindliches Staunen in seinen Augen, wie ich es noch nie bei ihm gesehen hatte. Keine Frage, Gott war dabei, Leandro von innen heraus zu verändern, und offenbar tat er dies sogar, während Leandro schlief. Unglaublich!
Gott überraschte mich jeden Tag aufs Neue. Manchmal hatte ich den Eindruck, ich erlebte hier in einer Woche mehr mit Gott als zuvor in einem ganzen Jahr in der Schweiz. Manchmal war ich so überwältigt von all den Wundern, die sich direkt vor meiner Nase abspielten, dass ich beim Bibellesen ganz feuchte Augen bekam. Hätte mich jemand gefragt, ob ich wüsste, wo Gott wohnt, ich hätte ihm sogar die genaue Adresse nennen können: Rua Vergueiro 209 im Kellergeschoss. Genau dort wohnte Gott. So steht es sogar in der Bibel, nachzuschlagen in Jesaja 57, Vers 15: »Ich wohne […] bei denen, die einen zerschlagenen und gedemütigten Sinn haben, um die Gedemütigten neu zu beleben, und die zerschlagenen Herzen wieder aufleben zu lassen.«
Besonders eindrücklich war mein erstes Weihnachtsfest mit den Straßenkindern. Obwohl: So richtige Weihnachtsstimmung kam nicht auf. Es war 38 Grad heiß. Die Tannenbäumchen in den Schaufenstern waren mit Schneespray eingesprüht und mit blinkenden farbigen Lichterketten umwickelt. Da war rein gar nichts von Besinnlichkeit zu spüren. Der Zauber von Weihnachten fehlte komplett. Und der Weihnachtsabend im Projekt begann chaotisch wie immer. Es kamen nur sieben Jungs und ich war entschlossen, alle nach der Andacht gleich ins Bett zu schicken, denn sie benahmen sich wieder einmal unmöglich: Fernando stritt wie immer mit seinem Bruder, Rodrigo schlug mit dem Fußball eine Scheibe ein, Luiz Claudio gab Rodrigo beim Essen eine Ohrfeige, worauf ihm dieser die Lasagne ins Gesicht warf. Ich war kurz davor, die Geduld zu verlieren.
Mann, heute ist Weihnachten!, dachte ich genervt. Was soll das?
Ich sehnte mich nach rieselndem Schnee draußen in der Dunkelheit, nach brennenden Kerzen in einem weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer, nach Weihnachtsgebäck, dem Duft von Orangenschalen und Tannennadeln, nach meiner Familie, die gemütlich vor dem Christbaum saß und gemeinsam Weihnachtslieder sang. Stattdessen war ich hier im Projekt, zusammen mit sieben nervenaufreibenden Straßenjungen und kam mir vor wie ein Feuerlöscher, ständig in Alarmbereitschaft, um jede aufkeimende Flamme im Keim zu ersticken.
Nach 21 Uhr begannen wir mit der Andacht. Allmählich beruhigten sich die Jungs und ich schlug vor, einen Moment des Gebets zu haben. Wir stellten uns in einem Kreis auf, reichten uns die Hände, schlossen die Augen und begannen zu beten. Was dann geschah, hatte ich nie und nimmer erwartet. Ich dachte, jeder würde ein kurzes Gebet sprechen und damit hätte es sich. Doch die Jungen hörten nicht mehr mit Beten auf! Kaum hatte einer das Amen gesprochen, setzte der Nächste ein. Die Jungs beteten für Ana, Leonardo, für mich, für Rosa und Roland, für alle Straßenjungen auf der Straße und im Gefängnis. Sie baten mich im Gebet um Verzeihung für ihr schlechtes Benehmen, sie beteten für eine Arbeitsstelle für Marco Antonio, sie übergaben Jesus die Führung ihres Lebens. Sie beteten und beteten, inbrünstig, ehrlich und ungeschminkt in ihrem Straßenslang. Es war überwältigend. Die Luft war zwar nicht erfüllt von Kerzenduft, dafür aber von Friede, Freude und Feierlichkeit. Als wir die Augen wieder aufschlugen, war es bereits 22 Uhr! Wir hatten fast eine Stunde lang gebetet! Wir umarmten uns gegenseitig und wünschten uns schöne Weihnachten. An diesem Abend hatten wir Weihnachten im wahrsten Sinne des Wortes erleben dürfen.
Acht Monate war ich nun schon in São Paulo und längst hatte ich mein Herz an die Straßenkinder verloren. Ich lebte zwar mitten in einem Thriller, und das jeden Tag. Doch ich wollte nirgendwo sonst auf der Welt sein. Ich beantragte eine Visumsverlängerung, die ich problemlos bekam. Mein Portugiesisch war mittlerweile ziemlich gut. Ich verstand mich ausgezeichnet mit allen von HCI, ich fühlte mich rundum wohl und integriert in die brasilianische Kultur. Die Straßenkinder, das Leben, die Arbeit, es war alles wie für mich geschaffen. Obwohl es rein logisch betrachtet nicht den geringsten Sinn ergab: Aber genau hier, inmitten dieser gefährlichen, von Abgasen verpesteten Großstadt, umgeben von drogenabhängigen, mit Klebstoff zugedröhnten, kriminellen Jugendlichen, wollte ich den Rest meines Lebens verbringen. Ich wusste es ohne den Hauch eines Zweifels: Ich hatte meine Berufung gefunden.
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Marcio und Valdir
Neben meiner Arbeit unter den Straßenkindern blieb nicht mehr viel Zeit zum Schreiben. Aber Schreiben war ein Teil von mir und wenn ich längere Zeit nicht schrieb, war es, als würde irgendetwas fehlen. Außerdem wimmelte es hier nur so von True-Life-Stories, eine Geschichte haarsträubender als die andere. Am liebsten hätte ich sie alle aufgeschrieben, bloß fehlte mir die Zeit dazu.
Mein Verlag wartete bereits sehnsüchtig auf das nächste Manuskript, denn mein letztes Buch Marcio, ich will leben!, hatte all ihre Erwartungen übertroffen. Es verkaufte sich sehr gut. Und ich bekam eine Menge Leserbriefe. Die Menschen waren ergriffen von Marcios Schicksal. Das Buch wurde als Musical aufgeführt, in Konfirmationsklassen gelesen, in der Sonntagsschule den Kindern erzählt. Eine Familie taufte sogar ihr Neugeborenes Marcio und schickte mir stolz ein Babyfoto!
Es war das erste meiner bis dahin zehn Bücher, das wirklich etwas ins Rollen gebracht hatte. Genau das, was ich mir immer gewünscht hatte, als ich mich mit 15 Jahren dafür entschieden hatte, mit meinen Büchern für Gott zu schreiben, genau das war eingetroffen. Meine Bücher waren nicht nur Buchstaben zwischen zwei Buchdeckeln. Sie bewirkten etwas! Menschen waren bewegt, und das nicht nur von Marcio, sondern allgemein vom Schicksal der Straßenkinder. Es gab Kinder, die begannen, ihr Taschengeld für die Straßenkinder zu sammeln. Es gab Sponsorenläufe, Kuchenbackaktionen, Vorträge in Schulen und Spendenaktionen. Ich war überwältigt, mit welchem Eifer die Menschen, viele davon noch Kinder, sich plötzlich für die Straßenkinder einsetzten. Und das alles nur, weil ich ein Buch darüber geschrieben hatte!
Es kam noch besser. Der letzte Satz im Buch lautete: »Bitte betet für meine Brüder!«
Dieser eine Satz führte dazu, dass viele Leser begannen, für Marcios Brüder zu beten. Zum Zeitpunkt, als ich seine Geschichte aufgeschrieben hatte, lebten seine drei Brüder noch immer auf der Straße und seine Mutter war noch immer in der Prostitution. Dieser eine Satz wurde nun auf wundersame Weise zum Segen für Marcios ganze Familie. Marcio arbeitete seit Kurzem im Drei Herzen mit und wir waren gut befreundet. Kurz vor Weihnachten erhielt Marcio einen Anruf von seiner Schwester Angela.
»Marcio, du musst unbedingt nach Curitiba kommen. Es ist etwas Unglaubliches passiert!«
»Was denn?«
»Das kann ich dir nicht am Telefon sagen. Das musst du selbst sehen. Es hat mit unserer Mutter zu tun.« Mehr wollte sie nicht verraten. Also reiste Marcio nach Curitiba und rief mich von dort aus an. Er war total aufgeregt.
»Was hier passiert ist, kann ich dir unmöglich am Telefon erzählen! Ich sag’s dir am Sonntagabend, wenn ich zurück bin.«
Voller Spannung erwartete ich seine Rückkehr. Am Sonntagabend kam er ins Projekt gestürmt, wo ich gerade mit Leonardo in der Küche saß und eine gezuckerte Avocado auslöffelte. Die Straßenjungen schliefen bereits.
»Ihr werdet es nicht glauben«, platzte Marcio mit der Neuigkeit heraus: »Meine Mutter hat sich bekehrt!«
»Was?!«, riefen Leonardo und ich gleichzeitig aus.
»Ja! Eine Christin ist in das Freudenhaus gekommen, wo sie arbeitete, hat ihr von Jesus erzählt und sie hat sich bekehrt! Das ist vor ein paar Monaten passiert. Die Frau hat ihr dann geholfen, aus der Prostitution auszusteigen und hat ihr sogar eine Wohnung besorgt. Und das ist noch nicht alles: Meine Mutter hat meine Brüder auf der Straße ausfindig gemacht und sie bei sich aufgenommen. Jetzt gehen sie jeden Sonntag zum Gottesdienst. Ich glaube, meine Brüder werden sich auch bald für Jesus entscheiden. Ist das nicht fantastisch?«
Ich war absolut baff. Augenblicklich musste ich an mein Buch denken und die dadurch ausgelöste Gebetswelle für Marcios Brüder. Das hatte mit Sicherheit einen Zusammenhang! Gott hatte die Gebete meiner Leser erhört und war dabei, Marcios gesamte Familie zu retten.
Eine Woche später ging Marcio beim Abendgottesdienst ans Mikrofon und gab Zeugnis von der wunderbaren Bekehrung seiner Mutter. Mittendrin begann er zu weinen und sagte unter Tränen: »Ihr betet einen lebendigen Gott an. Gott macht keine halben Sachen. Ich war ein Nichts. Ich war Müll, ein Straßenkind. Doch Gott hat mir ein neues Leben gegeben.« Dann wandte er sich an die Straßenjungen vom Projekt, die in der vordersten Reihe saßen. »Ihr seid wertvoll für Gott. Ihr seid nicht Müll. Gott liebt euch und ich liebe euch auch und ich sage euch: Gott hat einen Plan für euer Leben. Für ihn ist nichts unmöglich. Er hat mich gerettet. Und er hat meine Mutter gerettet. Heute beten wir denselben Gott an: Jesus Christus. Ihm sei alle Ehre!«
Später sagte mir Marcio, seine Mutter habe ihn gefragt, ob er nicht auch zu ihr ziehen möge. Doch er wollte nicht. Er hatte sich hier in São Paulo mithilfe von HCI ein neues Leben aufgebaut und war glücklich.
Natürlich schrieb ich meinem Verlag (ich hatte übrigens zu Fontis Basel gewechselt) von der tollen Neuigkeit, dass Marcios Mutter sich bekehrt hatte. Sie waren begeistert und hakten gleich nach, wann denn endlich das nächste Manuskript käme. Die Geschichte dazu hatte ich bereits. Ich hatte mich für Valdir entschieden. Er arbeitete ebenfalls im Projekt mit und Marcio, er und ich waren richtig gute Freunde geworden.
Da mein Leben in São Paulo viel zu hektisch war, um ein Buch zu schreiben, zog ich mich für einen Monat in eine Hütte irgendwo in der Pampa zurück und schrieb das Buch Flieh, Valdir, flieh! in sage und schreibe 30 Tagen! Ein neuer Rekord für mich. Nun hatte ich also mit meinen 27 Jahren bereits elf Bücher geschrieben, acht, die ich »zur Ehre Gottes erfunden hatte«, wie mein Verleger es mit einem Augenzwinkern auszudrücken pflegte, und drei Thriller, die das Leben selbst geschrieben hatte.
Valdirs Geschichte war genauso bewegend wie die von Marcio, allerdings um einiges brutaler. Valdir war Chef einer Straßenkinderbande gewesen. Sie hatten Passanten überfallen und Drogen verkauft. Manchmal war Valdir von der Polizei gezwungen worden, Touristen auszurauben und danach den Gewinn mit den Polizisten zu teilen. Einmal hatte ein Polizist ihn aufgefordert, seinen besten Freund zu erschießen. Valdir weigerte sich, worauf der Polizist den Freund vor seinen Augen erschoss. Kein Wunder, dass Valdir noch nie gelacht hatte, als er zum ersten Mal im Drei Herzen aufkreuzte. In seinem Leben hatte es wahrlich nichts zum Lachen gegeben.
Doch inzwischen war Valdir ein veränderter Mensch, ein aufgeweckter Junge, fleißig und bei der Arbeit stets ein Liedchen trällernd. Er erzählte jedem, der ihm begegnete, von Jesus. Manchmal rannte er hinter irgendwelchen Passanten her, und wenn er sie einholte, sagte er keuchend: »Hast du schon gewusst: Jesus liebt dich!«
Ich mochte Valdir unglaublich gerne. Er war wie ein kleiner Bruder für mich und umgekehrt hatte Valdir großes Vertrauen zu mir. Das zeigte sich ganz besonders, als er einmal kurz davor stand, eine große Dummheit zu begehen. Es war mitten in der Nacht, als mein Telefon klingelte. Ich fiel vor Schreck aus dem Bett und schlug mir die große Zehe an. Ich tastete nach dem Telefon und meldete mich im Halbschlaf: »Ja? Wer ist da?«
»Ich bin’s, Valdir.«
»Es ist zwei Uhr in der Früh, Valdir.«
»Habe ich dich geweckt?«
»Natürlich hast du! Was ist los?«
»Nun, Folgendes: Ich sitze hier mit ein paar alten Kumpels zusammen und wir planen, morgen eine Bank auszurauben. Was denkst du?«
Ich glaubte, mich verhört zu haben. War das sein Ernst?! Eine Bank ausrauben?! Wollte er allen Ernstes von mir wissen, was ich davon hielt?
»Valdir! Eine Bank auszurauben, ist eine sehr, sehr dumme Idee! Natürlich tust du das nicht!«
»Okay, wenn du meinst, dann lass ich’s eben«, sagte Valdir. Dann legte er auf.
Das war wohl mit Abstand das schrägste Telefongespräch, das ich je geführt hatte. Und das Verrückte daran war: Es war kein Scherz gewesen!
Jahre später, als Valdir schon verheiratet war, gab es noch einen zweiten ähnlichen Anruf mitten in der Nacht. Und wieder war es Valdir bitterernst, auch wenn es kaum zu glauben war, dass er diese Möglichkeit überhaupt in Betracht zog!
»Hör zu, Damaris. Meine Schwiegermutter bringt mich zur Weißglut. Ich sitze hier mit einer Waffe in der Hand und überlege mir, ob ich nicht rübergehe und sie erschieße. Was denkst du? Soll ich es tun?«
»Valdir! Du kannst doch nicht einfach deine Schwiegermutter erschießen! Lass den Quatsch!«
»Aber die Frau nervt total!«
»Dann geh und rede mit ihr! Aber ohne Waffe! Hörst du mich?«
»Okay«, antwortete Valdir treuherzig. »Dann rede ich mit ihr.«
»Warum hast du überhaupt eine Waffe?«
»Ich lebe in der Favela, Damaris. Da hat fast jeder eine Waffe.«
»Schön. Aber versprich mir, dass du keine Dummheiten machst! Versprich es mir!«
»Ich verspreche es dir, Damaris. Alles klar, wir sehen uns dann morgen bei der Arbeit. Gute Nacht.«
Und somit hatte sich die Sache erledigt und Valdirs Schwiegermutter blieb am Leben. Wirklich kaum zu glauben, mit welcher Selbstverständlichkeit wir über einen Banküberfall oder einen Mord redeten, als ginge es darum, ob wir Pizza oder doch lieber gebratene Nudeln zum Abendessen bestellen sollten. Doch das war die Realität, in der diese Jungs lebten.
Eines wurde mir dabei immer mehr bewusst: Die Jugendlichen von der Straße zu holen, war leichter, als die Straße aus ihnen zu holen. Valdir war zwar von der Straße weg, aber die Straße ließ ihn trotzdem nicht los. Mehr als einmal wurde er von Drogendealern angesprochen, er solle doch wieder ins Geschäft einsteigen. Einmal zeigte ihm ein Dealer einen Kofferraum voller Drogen, bereit zum Verkauf.
»Ich will ehrlich zu dir sein, Damaris. Die Verlockung war unglaublich stark. Aber ich werde es nicht tun. Ich gehöre zu Jesus«, sagte er mir am nächsten Morgen. »Ach, und übrigens, hast du es schon gehört?«
»Nein, was denn?«, fragte ich neugierig, worauf sich ein breites Grinsen über Valdirs Gesicht zog und er mir sagte: »Jesus liebt dich!«
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Ein falsches Spiel
Damit hatte niemand gerechnet: Roland und Rosa wurden nach Recife versetzt. An ihre Stelle kamen zwei Pastoren, zum einen der verwitwete brasilianische Pastor Lourival, der fortan die Gemeinde leitete, und zum anderen die brasilianische Pastorin Camila, die nun das Projekt Drei Herzen leitete. Pastor Lourival zog in die Wohnung im ersten, Camila in die Wohnung im dritten Stock.
Es war im Februar 1998, als Camila die Projektleitung übernahm. Von diesem Moment an war es vorbei mit dem guten Arbeitsklima, das wir bisher genossen hatten. Ein Sturm braute sich zusammen. Doch mir war überhaupt nicht klar, was da auf mich zurollte. Ich war zu verblendet, zu gutgläubig, zu unerfahren, zu unwissend. Ich begriff erst, was für ein Spiel hier gespielt wurde, als es fast schon zu spät war.
Es begann damit, dass ich mich mit Ana zerstritt. Wir waren beste Freundinnen gewesen, doch irgendwie war seit Camilas Ankunft der Wurm drin. Ständig gerieten wir uns in die Haare, und egal, wie oft wir uns versöhnten, es war einfach nicht mehr wie früher.
Eines Abends im Projekt, nachdem Ana und ich uns wieder mal den ganzen Abend lang nur angeschwiegen hatten und aus dem Weg gegangen waren, reichte es mir. Die Jungs waren schon im Bett und Ana spülte die letzten Töpfe in der Küche.
»Ana«, sagte ich. »Was ist eigentlich los? Was ist es, das ich falsch gemacht habe? Was auch immer es ist, sag es mir!«
»Du willst es ja doch nicht hören«, brummte Ana und schrubbte eifrig die angebrannten Reisreste aus dem Topf.
Ich packte sie am Arm und zwang sie, mich anzusehen. »Doch, das will ich! Bitte, rede mit mir!«
»Damit du unsere werte Chefin wieder in Schutz nehmen kannst?« Sie zog geräuschvoll die gelben Plastikhandschuhe aus. »Bist du wirklich so blind oder willst du es einfach nicht wahrhaben?«
»Was denn?«
»Na, alles! Was hier falsch läuft! Wie Camila alles kaputt macht, was Rosa und Roland aufgebaut haben! Uns Brasilianer behandelt sie wie den letzten Dreck und dich trägt sie auf Händen.«
»Aber das tut sie doch gar nicht!«
»Natürlich tut sie das! Ist dir nie aufgefallen, wie sie dich vor allen in den Himmel lobt? Wie sie immer Zeit für dich hat und dir die ganze Zeit Honig ums Maul schmiert? Hast du dich nie gefragt, wieso sie das tut?«
»Vielleicht, weil sie mich mag? Weil sie mit meiner Arbeit zufrieden ist?«
»Weil sie deine Gunst braucht! Weil du die Kohle bringst, Damaris! Begreifst du denn nicht? Du bist ihr Goldesel!«
Ich starrte Ana verdattert an. Ich erinnerte mich an eine Aussage von Camila, der ich damals nicht allzu viel Gewicht beigemessen hatte: »Wer das Projekt finanziell durchträgt, bist du. Würden durch deine Anwesenheit nicht Spendengelder aus der Schweiz eintreffen, wir könnten den Laden hier dichtmachen.«
Es war tatsächlich so, dass durch mich einiges an Geld in das Straßenkinderprojekt floss. Das hatte einerseits mit den drei Büchern zu tun, die ich über Straßenkinder geschrieben hatte, andererseits mit den Freundesbriefen, die ich regelmäßig verfasste. Leute begannen, Geld zu spenden, und ich investierte es in die Arbeit unter Straßenkindern. Ich investierte auch mein privates Geld. Als mein Vater gestorben war, hatte er mir eine beachtliche Erbschaft hinterlassen, und nur so war es mir überhaupt möglich gewesen, mich über so lange Zeit ins Projekt zu investieren, ohne dafür bezahlt zu werden. Auch meine Mutter war so angetan von den Straßenkindern, dass sie mehrmals größere Summen spendete. Einmal kam sie mich in São Paulo besuchen und Camila schwärmte uns vor, wie toll es doch wäre, wenn wir ein paar industrielle Overlock-Nähmaschinen hätten.
»Ich könnte den Straßenjungen das Nähen beibringen. Die hergestellten Pullover würden wir im Secondhandshop verkaufen und der Erlös würde dem Projekt Drei Herzen zugutekommen.«
Sowohl meine Mutter als auch ich hielten das für eine fantastische Idee und meine Mutter finanzierte die teuren Nähmaschinen. Camila gab ein paar Straßenjungen eine Einführung, wir schossen Fotos von den strahlenden Jungs, wie sie an den Nähmaschinen saßen, und dann … durfte nie wieder ein Straßenjunge die Maschinen anrühren. Nur noch Camila nähte eifrig Pullover für den Shop und der Erlös versickerte auf mysteriöse Weise. Er kam jedenfalls nie im Projekt an. Ich weiß, das hätte mich stutzig machen müssen. Tat es aber nicht.
Ein paar Monate später überzeugte mich Camila davon, dass das Projekt dringend einen VW-Bus brauche, um die Straßenjungs zum Fußball zu fahren oder zu Gerichts- oder Arztterminen. Meine Mutter war sofort bereit, diesen Bus zu sponsern. Was für ein Fehler! Von da an ließ sich Pastorin Camila Tag für Tag von Valdir in der Stadt herumchauffieren wie eine Königin. Wenn wir vom Projekt hingegen einen Ausflug mit den Jungen machen wollten, stand der Bus gar nicht oder erst nach langer Diskussion zur Verfügung. Und wieder war ich blind. Es geschah alles vor meiner Nase und ich sah es nicht. Ich sah nicht, wie die Hilfsbereitschaft von mir und meiner Mutter total ausgenutzt wurde, und das jetzt schon zum zweiten Mal.
Vermutlich hatte meine Naivität mit meiner behüteten Kindheit zu tun. Ich war in einem guten, christlichen Elternhaus aufgewachsen. Ich hatte ein viel zu gutes Bild von den Menschen, war viel zu vertrauensselig. Natürlich wusste ich, dass es Böses in der Welt gab und Menschen zu schrecklichen Dingen in der Lage waren. Aber ich hatte das nie am eigenen Leib erlebt. Und schon gar nicht von Christen! Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass ich von einer Pastorin über den Tisch gezogen werden könnte. Dieser Gedanke war mir so fremd wie einem Dschungelindianer die Vorstellung von Schnee. Doch jetzt, in diesem Gespräch mit Ana, geriet mein christlich geprägtes Weltbild auf einmal ins Wanken.
»Du bist Camilas persönliche Goldgrube geworden, Damaris, so sieht’s aus«, fuhr Ana fort. »Und du merkst nicht mal, wie sie dich nach Strich und Faden vorführt. Klagt dir vor, dass das Projekt kein Geld mehr hat, nur, damit du noch mehr reinpumpst. Hast du gewusst, dass sie bei jedem Einkauf fürs Projekt auch gleich für sich selbst einkauft? Und aus der Vorratskammer fürs Projekt verschwinden ständig Lebensmittel, weil sie sich nach Lust und Laune selbst bedient.«
Ich traute meinen Ohren nicht. »Das ist nicht dein Ernst.«
»Leider ja. Weißt du, was mich am meisten schmerzt? Dass sie uns gezielt gegeneinander ausgespielt hat, damit sie dich ganz für sich alleine hat und dich manipulieren kann, wie es ihr gefällt. Ist ihr ja auch hervorragend gelungen. Wir waren mal beste Freundinnen. Wir nannten uns sogar Zwillingsschwestern, erinnerst du dich?«
Ich schluckte. Die Rädchen in meinem Kopf ratterten. Auf einmal verstand ich. Alles ergab auf einmal einen erschreckenden Sinn. Die Nähmaschinen. Der Bus. Die Spenden fürs Projekt. Es war Camila nie um das Wohl der Straßenkinder gegangen, immer nur darum, möglichst viel Profit aus mir zu schlagen. Mich auszusaugen, bis es nichts mehr zu holen gab! Die Gier nach Geld hatte sie vollständig korrumpiert. Warum hatte ich nie gemerkt, dass Camilas übertriebene Freundlichkeit nur ein Mittel zum Zweck war, um zu kriegen, was sie wollte? Warum hatte ich nie gemerkt, dass sie meine Leidenschaft für die Straßenkinder schamlos ausnutzte? Warum war ich bloß so grün hinter den Ohren? Die biblische Aussage, dass Geld die Wurzel allen Übels ist, bekam mit einem Mal eine ganz neue Dimension für mich. Geld! Es war immer nur um Geld gegangen, nie um die Kinder! Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht. Bestürzt schüttelte ich den Kopf.
»Warum hast du denn nie etwas gesagt, Ana?«
»Habe ich doch ständig versucht.«
»Nein, hast du nicht! Diese Dinge höre ich zum ersten Mal, Ana! Warum hast du immer nur um den heißen Brei herumgeredet, anstatt mir die Wahrheit zu sagen?«
Ana zuckte die Achseln. Ein wenig sauer war ich schon, dass nicht mal meine beste Freundin den Mumm gehabt hatte, Klartext mit mir zu reden, und das über Monate hinweg. Sogar unsere Freundschaft war deswegen in die Brüche gegangen und sie hatte trotzdem beharrlich geschwiegen. Warum nur? Erst viel später lernte ich, dass dies ein Teil der brasilianischen Kultur ist. Vieles wäre anders gelaufen, hätten die Leute mit mir statt über mich geredet.
Nun denn, ich konnte die Uhr nicht zurückdrehen. Aber eines konnte ich tun: Ich konnte verhindern, dass es je wieder so weit käme. Bis jetzt hatte niemand den Mut gehabt, etwas dagegen zu unternehmen. Nun, ich hatte ihn! Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit musste endlich ans Licht kommen.
»Ich werde Camila zur Rede stellen«, verkündete ich vehement.
Ana war gar nicht begeistert davon. »Das ist keine gute Idee, Damaris.«
»Jemand muss die Frau zur Verantwortung ziehen! Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass meine Freunde weiter unter ihrer Regentschaft leiden, während ich auf der Sonnenseite stehe.«
»Tu das nicht. Der Preis ist zu hoch.«
»Ist mir egal, wie hoch der Preis ist. Jemand muss handeln. Euch könnte sie mit Entlassung drohen, wenn ihr den Mund aufmacht. Mir kann sie nichts anhaben. Also muss ich es tun.«
Ich war wirklich wild entschlossen, für die Straßenkinder und meine Freunde in die Bresche zu springen. Wenn ich es nicht tat, wer dann?
Unwillkürlich erinnerte ich mich an die biblische Geschichte von Königin Esther. Sie war unter Todesgefahr vor den König getreten, um für ihr Volk einzustehen. Obwohl es gegen das Gesetz verstößt, werde ich zum König gehen, so hatte sie gesagt. Wenn ich umkomme, dann komme ich um (vgl. Esther 4,16). Esther war mir mit ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit schon immer ein Vorbild gewesen. Ich wollte so mutig sein wie sie.
In den nächsten Tagen konnte ich an nichts anderes mehr denken. Zweifel machten sich breit. Ob ich tatsächlich den Mut hatte, zu tun, was ich für richtig hielt, egal, was das für mich selbst bedeutete? Je länger ich darüber nachgrübelte, desto unsicherer wurde ich. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich einer so schwierigen und unangenehmen Aufgabe gegenübergesehen. Nachts konnte ich nicht mehr schlafen und wenn ich jeweils am Morgen in aller Frühe im Park joggen ging, konnte ich nicht mehr richtig atmen vor lauter Unruhe. Eines Morgens, als ich vom Joggen kam, setzte ich mich aufs Bett und legte Gott die ganze vertrackte Situation hin: Was soll ich tun? Soll ich mich wirklich hinstellen und aussprechen, was keiner sich laut zu sagen traut? Soll ich meine Sonderstellung und Privilegien wirklich dafür opfern?
In meinem Herzen wusste ich, was zu tun war. Mir war aber auch klar, dass ich damit einen Weg einschlagen würde, der mir selbst am meisten schadete. War ich dazu bereit? Hatte ich den Mut, mich um der anderen willen selbst zur Zielscheibe zu machen? Für die Ungerechtigkeit aufzustehen und zu kämpfen?
Ich schlug willkürlich die Bibel auf. Mein Blick fiel auf Jesaja 60,1 und 2, wo ich las: »Steh auf und leuchte! Denn dein Licht ist gekommen und die Herrlichkeit des Herrn erstrahlt über dir! Denn die Erde ist von Finsternis zugedeckt und die Völker liegen in tiefer Dunkelheit, aber über dir strahlt der Herr auf. Man kann seine Herrlichkeit über dir schon erkennen.«
Ich war absolut erschlagen von diesen Worten und begann vor Ergriffenheit zu weinen. Es kam mir vor, als würde Gott höchstpersönlich zu mir reden. Ja, meine Freunde und das Projekt lagen in tiefer Dunkelheit, und ja, ich wollte aufstehen und für sie leuchten! Eindeutiger hätte Gott nicht zu mir reden können. Was auch immer die Konsequenzen sein würden, ich musste für meine Freunde und für die Straßenkinder einstehen. Ich konnte nicht länger wegsehen! Ich fasste mir ein Herz und ging auf direktem Weg zu Pastorin Camilas Wohnung. Ich war furchtbar nervös, als sie die Tür öffnete. Doch ich ließ mir nichts anmerken.
»Camila, ich möchte eine Team-Sitzung einberufen. Und ich wünsche die Anwesenheit von Pastor Lourival.« Ich wollte ihn unbedingt als Unterstützung dabeihaben, falls es hässlich werden sollte.
»Was gibt es denn so Wichtiges zu besprechen, das ich nicht lösen könnte?«, fragte sie verwirrt.
»Das kann ich jetzt nicht sagen. Aber es ist wichtig.«
»Wie wichtig?«
»Sehr wichtig«, sagte ich.
Wir vereinbarten, uns alle am nächsten Morgen um 9 Uhr im Büro zu versammeln. Am selben Nachmittag rief meine Mutter an, was sehr ungewöhnlich war, da wir normalerweise nur montags telefonierten.
»Bitte bete für die Sitzung«, sagte ich ihr. »Bete, dass meine Worte von Gott gelenkt sind und nicht von meinen Gefühlen. Wenn Camila mich daraufhin davonschickt, dann soll sie es eben tun. Gott wird einen anderen Platz für mich finden.«
Wenn ich umkomme, dann komme ich um, hallten Esthers Worte in meinem Kopf wider.
Am Abend nach meiner Arbeit im Projekt setzte ich mich bis Mitternacht an den Computer und schrieb alles nieder, was ich in der Sitzung sagen wollte, um in der Aufregung nichts zu vergessen.
Und dann war er da, der 23. Oktober 1998, der Tag, an dem ich alles riskierte. Der Tag, der einen Stein ins Rollen brachte, der mich neun Jahre später beinahe erschlagen sollte … In Anwesenheit von Ana, Cleudemir, Marcio, Valdir, Leonardo, Pastor Lourival und Pastorin Camila legte ich die Karten offen auf den Tisch und sagte alles, was mir auf dem Herzen brannte. Ich sagte, dass Camila sich auf Kosten des Projektes bereichere, dass sie bei den Einkäufen für das Projekt auch gleich für sich selbst einkaufe, dass sie sich nach Belieben in der Vorratskammer des Projektes bediene, dass sie den VW-Bus und die industriellen Nähmaschinen nur für sich selbst gebrauche. Ich sagte, wie furchtbar sie alle außer mich behandle und dass ich für sie nichts weiter als eine Geldquelle sei, was ich nicht länger bereit sei zu tolerieren. Ich schloss mit den Worten: »Wenn sich die Situation nicht radikal ändert, werde ich meine Koffer packen und gehen.«
Eine peinliche Stille lag in der Luft. Keiner sagte ein Wort. Ich machte mich auf eine hitzige Diskussion mit Camila gefasst. Doch die Pastorin reagierte völlig anders als erwartet: Ohne ein einziges Wort zu sagen, stand sie auf und verließ das Büro. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, dachte aber, vielleicht sei ihr Schweigen eine Art Schuldeingeständnis. Dann reagierte aber auch Pastor Lourival sehr seltsam. Bevor er als Letzter den Raum verließ, sah er mich mit kaltem Blick an und sagte nur:
»Das war falsch, Damaris. Das hättest du nicht tun sollen.«
Zu diesem Zeitpunkt war mir absolut nicht klar, dass ich mit dieser Sitzung in eines der schlimmsten Fettnäpfchen getreten war, das es in der brasilianischen Kultur gab: Ich hatte jemanden öffentlich bloßgestellt. Dies ist der fatalste Regelverstoß, den man in einer schamorientierten Kultur machen kann, ähnlich wie der Gesetzesverstoß, den Königin Esther begangen hatte, als sie unaufgefordert zum König gegangen war. Erst viele Jahre später wurde mir die Reichweite meines Verhaltens klar, als ich mich mit dem Thema der scham- bzw. schuldorientierten Kultur auseinandersetzte.
In Europa leben wir zum Beispiel in einer schuldorientierten Kultur, während südamerikanische Länder sowie der Nahe und Ferne Osten schamorientiert sind. Das bedeutet, bei einem Fehlverhalten legen wir Europäer Wert auf die Schuld und die Bestrafung für dieses Vergehen und appellieren dabei an das Gewissen der Person, die sich schuldig gemacht hat. Dagegen geht es in einer schamorientierten Kultur nicht um ein gutes Gewissen oder einen anständigen Charakter, sondern allein darum, nicht das Gesicht zu verlieren. Es kommt nicht darauf an, ob man schuldig oder unschuldig ist, sondern darauf, wie man von den anderen wahrgenommen wird. Es geht um Ehre, nicht um Wahrheit. Es geht um öffentliche Wertschätzung, nicht um einen allgemeingültigen Maßstab, was richtig oder falsch ist. Es geht darum, sich nicht erwischen zu lassen. Solange man nicht erwischt wird, ist Diebstahl kein Diebstahl und man hat auch kein schlechtes Gewissen. Und sollte man doch erwischt werden, empfindet man keine Reue über die falsche Tat und kein Bedürfnis, dafür geradezustehen, sondern Scham, weil es nun alle wissen, und Rachegefühle gegenüber der Person, die einen in diese unangenehme Lage gebracht hat.
Diese Denkstrukturen sind für einen westlich geprägten Menschen schwer nachvollziehbar, während sie für jemanden aus einer schamorientierten Kultur einen Sinn ergeben. Weil ich das alles nicht wusste, hatte ich nach brasilianischem Verständnis eine Grenze überschritten, die man niemals, unter absolut keinen Umständen überschreiten durfte: Ich hatte den Ruf einer Pastorin geschädigt und das war unverzeihlich.
Von diesem Tag an redete Camila kein einziges Wort mehr mit mir. Diejenigen, die sie für meine Verbündeten hielt, behandelte sie mit noch größerer Verachtung als zuvor. Dennoch war ich überzeugt, das Richtige getan zu haben, und Gott zeigte mir auf eindrückliche Weise, dass er zu mir stand.
Am nächsten Tag erhielt ich einen Brief von einem mir völlig unbekannten Mann aus der Schweiz, der mir schrieb: »Ich habe den Auftrag, dir zu schreiben. Streite für Jesus, halte deinen Kopf hoch und das Schwert bereit, meine liebe Schwester. Den Sieg feiern wir dann mit unserem Herrn.«
Und als wäre das noch nicht Bestätigung genug, schrieben mir Freunde in dieser Zeit mehrmals unabhängig voneinander und ohne zu wissen, was hier gerade abging, denselben Bibelvers, nämlich 2. Timotheus 1,7: »Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.«
Nun, was auch immer noch vor mir lag, ich hatte meinen Teil getan.
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Ausgeraubt
»Sag mal, Damaris, warum starten wir nicht unser eigenes Projekt?«
Leonardo und ich saßen verschwitzt und keuchend nebeneinander auf der Zuschauertribüne und warteten, bis unser Fußballteam erneut aufs Feld durfte. Es war Samstagnachmittag und da spielte ich häufig zusammen mit ein paar Jungen der HCI-Gemeinde Fußball auf dem Gelände der Landeszentrale, welche nur ein paar Metrostationen von uns entfernt war. Seit dem Meeting mit Camila war noch keine Woche verstrichen.
»Unser eigenes Projekt?«, fragte ich zurück und wischte mir den Schweiß von der Stirn.
»Ja. Ich meine, ich war selbst Straßenkind und du hast Erfahrung genug im Umgang mit Straßenkindern. Schluss mit Vorgesetzten, die nur ans Geld denken und nicht an die Kinder. Wir würden so was nie zulassen. Gott würde unsere Arbeit segnen, da bin ich mir sicher.«
Ich betrachtete Leonardo nachdenklich von der Seite.
Warum eigentlich nicht?, dachte ich spontan. Ich konnte mir tatsächlich vorstellen, etwas Eigenes aufzuziehen. Vor allem mit Leonardo an meiner Seite, und das nicht nur, weil er selbst Straßenkind gewesen war. Zwischen uns hatte sich ein tiefes Band der Freundschaft entwickelt. Ich mochte den jungen Mann sehr, vielleicht ein bisschen zu sehr, um ehrlich zu sein. Natürlich wusste ich, dass er viel zu jung für mich war. Er war 20, ich 28. Und ja, er war sich seines guten Aussehens und seines Charmes durchaus bewusst, flirtete gerne mit den Mädchen in der Gemeinde und hatte schon so manchem jungen Mädchen den Kopf verdreht. Aber er war auch sehr zuverlässig und fleißig. Und er liebte die Straßenkinder, das war das Wichtigste.
Manchmal, wenn er mich auf eine gewisse Art und Weise ansah, schlug mein Herz etwas höher, ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte. Ich war mir dann nie ganz sicher, ob er vielleicht mir gegenüber doch mehr empfand, als er zugeben wollte. Gerade jetzt sah er mich wieder so an, aber meine Vernunft wies mich sogleich in die Schranken und lenkte meinen Fokus zurück auf das, was Leonardo mir vorgeschlagen hatte. Gefühle hin oder her, seine Idee war gut, und wenn es jemanden gab, mit dem ich einen solchen Schritt wagen würde, dann definitiv mit Leonardo.
»An was für eine Art von Projekt denkst du?«
»Keine Ahnung«, meinte er achselzuckend. »Vielleicht ein Heim für Straßenkinder. Dazu bräuchten wir allerdings ein Haus.«
»Ja, ein Heim für Straßenkinder, das wäre toll. Und tagsüber bieten wir Kurse wie Musik, Kunst, Englisch oder Computer an.«
»Klingt gut. Ich wäre sofort dabei«, sagte er.
Der Gedanke ließ mich nicht mehr los, nicht an diesem Nachmittag noch in den nächsten Tagen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Endlich den Fokus wieder auf die Straßenkinder legen und nicht mehr gegen Habgier und Missgunst ankämpfen müssen. Allein die Vorstellung war so erfrischend wie eine kühle Brise in der glühenden Sommerhitze, vor allem, da Camilas Regentschaft langsam untragbar wurde.
Es war traurig zu sehen, wie sehr sie sich im Verlauf dieses Jahres verändert hatte. Als sie vor neun Monaten die Leitung der Straßenkinderherberge übernommen hatte, war sie sehr motiviert gewesen und hatte sogar ab und zu im Projekt die Andacht gehalten. Jetzt gab es nur noch zwei Orte, wo sie sich aufhielt: Im Secondhandshop auf Schnäppchenjagd oder in ihrer Wohnung, wo sie fast den ganzen Tag nichts anderes tat, als vor dem laufenden Fernseher zu sitzen und zu häkeln. Die Straßenkinder waren ihr völlig schnuppe.
Nachdem ich ihre Machenschaften öffentlich aufgedeckt hatte, war sie in einem Dauerzustand schlechter Laune, schrie durchs ganze Treppenhaus und kommandierte uns herum, als wären wir ihre Bediensteten – wobei sie mit mir ja nicht mehr sprach und mir ihre Befehle nur noch über Dritte ausrichten ließ, selbst wenn ich direkt vor ihr stand. Sie redete tatsächlich kein einziges Wort mehr mit mir. Als meine Mutter mich Anfang November nochmals besuchen kam, behandelte sie auch meine Mutter wie Luft und schüttelte ihr nicht einmal die Hand. Ihr Hass auf mich war unendlich groß. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mich ihre ganze Verachtung spüren zu lassen. Valdir gegenüber sagte sie sogar: »Ich wünsche Damaris in die Hölle. Wenn sie von einem Auto überfahren würde und ich würde sehen, dass sie noch lebt, würde ich nochmals drüberfahren, damit sie endgültig tot ist.«
Je mehr Camila mich verabscheute, desto stärker wuchs in mir der Wunsch, ein eigenes Projekt zu starten. Und dann zog Gott einen klaren Schlussstrich: Am 20. November erfuhren wir, dass die Landeszentrale Pastorin Camila im Februar nach Paranaguá, also mitten in die Pampa versetzen würde. Mein Handeln hatte also doch etwas bewirkt!
Dieses Jahr feierte ich Weihnachten in der Schweiz, was nach all den Turbulenzen der vergangenen Monate sehr wohltuend war. Mir graute allerdings davor, am 8. Januar 1999 nach São Paulo zurückzukehren. Mein Magen krampfte sich zusammen, wenn ich nur schon an Camila dachte und mit welcher Herablassung sie mich willkommen heißen würde. Ihre Begrüßung war denn auch wie erwartet: Sie würdigte mich keines Blickes. Nun ja, bis zu ihrer Versetzung war es nur noch ein Monat. Den würde ich auch noch überstehen. Und es hieß, die Pastoren Sandra und Samuel, die Camila im Februar ablösen und Drei Herzen übernehmen würden, seien ganz okay. Besser als Camila würden sie auf jeden Fall sein, dessen war ich mir sicher.
Außerdem stand ich in den Startlöchern für mein eigenes Straßenkinderprojekt. Nachdem Camilas Versetzung bekannt geworden war, hatte ich mich geradezu beflügelt gefühlt, meine Idee in die Tat umzusetzen. Und es war kaum zu fassen: Innerhalb kürzester Zeit fand ich das perfekte Haus für mein Vorhaben. Ich handelte mit HCI einen Deal aus, dass das Projekt im Namen von HCI und als Erweiterung von Drei Herzen, aber unter meiner Leitung laufen würde. Meine Mutter war so angetan von der Idee, dass sie unser Ferienhaus im Appenzeller Land zum Verkauf ausschrieb, damit ich von dem Erlös das Straßenkinderhaus kaufen könnte. Es ging alles wahnsinnig schnell. Innerhalb von gerade mal zwei Monaten gingen der Verkauf unseres Ferienhauses und der Kauf des Hauses in São Paulo über die Bühne. Als ich im Januar 1999 aus meinem Weihnachtsurlaub zurückkam, brauchte ich nur noch die Hausschlüssel abzuholen.
Vorher musste ich allerdings noch zum Geldwechselbüro und anschließend zur Bank. Die Bezahlung des Hauses hatte ich zwar über die Bank abgewickelt, aber internationale Geldtransfers nach Brasilien waren extrem kompliziert und nervenaufreibend. Also hatte ich für den Umbau 24 000 Dollar in bar mitgenommen. Das Geld konnte man allerdings nicht auf der Bank wechseln, sondern nur in sogenannten Wechselstuben. Eine Wechselstube befand sich genau gegenüber von meiner Bank. Ich war spät dran, wollte das Geld aber unbedingt noch umtauschen und in meiner Bank einzahlen.
Es war Freitagnachmittag kurz vor 16 Uhr und um 16 Uhr schlossen die Banken. Ich eilte also zum Wechselbüro und tauschte die Dollar in Reais um. Der Kurs war fast eins zu eins. Mit den gewechselten 24 000 Reais ging ich über die Straße zu meiner Bank. Als ich dort ankam, war es eine Minute nach sechzehn Uhr. Ich beeilte mich, um gerade noch in letzter Sekunde in die Bank hineinzuschlüpfen. Doch die Glastür war bereits verschlossen. Ich signalisierte dem Wächter hinter der Glasfront, ich müsse unbedingt noch in die Bank hinein. Aber er deutete auf seine Armbanduhr und zuckte entschuldigend die Achseln.
So ein Mist aber auch!, dachte ich genervt. Was jetzt?
Die Banken öffneten erst wieder am Montag. Mir blieb also nichts anderes übrig, als die 24 000 Reais über das Wochenende in meiner Wohnung aufzubewahren. Mir war gar nicht wohl dabei. Ich versteckte das viele Geld im Fuß meines Kleiderschrankes und hoffte, dass nichts passierte.
Unmittelbar hinter meinem Badezimmer war ein Schacht, der bis ins Kellergeschoss hinabging, wo sich das Projekt befand. Wenn sich Leute in der Projektküche unterhielten, konnte ich durch das Fenster meines Bades jedes einzelne Wort verstehen. Herzhaftes Lachen drang durch den Schacht zu mir hoch und ich erkannte die prägnanten Stimmen von Wesley, Ivana und Valdir.
Wesley war vor ein paar Monaten zu unserem Team dazugestoßen. Er war extrem übergewichtig und extrem witzig, weswegen wir ihn alle sehr mochten. Er kam fast jeden Abend, um für die Straßenjungen zu kochen. Ivana war eine alleinerziehende Mutter und half ab und zu im Secondhandshop mit. Ana war nach Amerika ausgewandert und Ivana füllte die Lücke, die Ana bei mir hinterlassen hatte. Ivana war mir zu einer guten Freundin geworden, der einzigen, die ich hatte. Überhaupt waren alle, mit denen ich im Projekt zusammenarbeitete, auch gleichzeitig meine besten Freunde: Leonardo, Marcio, Valdir, Cleudemir und nun auch Ivana und Wesley. Wir hingen auch außerhalb der Arbeitszeiten oft im Projekt ab und hatten immer viel Spaß. Es war unglaublich wertvoll, solch gute Freunde zu haben, und durch Camilas Tyrannei waren wir zu Leidensgeschwistern geworden, was uns als Truppe noch viel mehr zusammengeschweißt hatte.
Manchmal hatten wir nichts als Unsinn im Kopf. Zu meinem 28. Geburtstag zum Beispiel hatten meine Freunde mir eine riesige Schokoladentorte geschenkt und als ich sie voller Freude anschneiden wollte, stellte sich heraus, dass es nur ein Holzklotz mit Schokoladenguss war. Meine Freunde hatten sich kaputtgelacht. Als Trostpreis hatten sie mir eine Büchse Sardinen geschenkt. (Ich hasse Sardinen!) Dann war Cleudemir auf die glorreiche Idee gekommen, sich im Secondhandshop ein paar Kleider auszuleihen. Wir alle setzten Perücken auf, die Jungs schminkten sich, Marcio verkleidete sich als Braut und wir posierten alle hinter der hölzernen Torte und der Sardinenbüchse für ein Geburtstagsfoto. Später gab es dann doch noch einen richtigen Kuchen. Es war mit Abstand eine meiner schönsten Geburtstagsfeiern gewesen. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel gelacht.
Als ich Wesley, Ivana und Valdir in der Küche herumalbern hörte, ging ich runter ins Projekt und fand Leonardo, Marcio, Valdir, Ivana und Wesley beim Kaffeetrinken. Ich gesellte mich dazu und wurde stürmisch begrüßt. Wir quatschten über unsere Weihnachtserlebnisse und dann erzählte ich ihnen von meiner blöden Verspätung bei der Bank und dass ich deswegen übers Wochenende eine Tasche mit einer Unmenge an Bargeld in meinem Schrankfuß liegen hätte. Sie schüttelten alle den Kopf und meinten, der Wächter bei der Bank hätte mich echt noch reinlassen müssen.
»Nun, ist ja nur bis Montag. Da wird schon nichts passieren«, beruhigte mich Wesley und schenkte eine neue Runde Kaffee ein.
Tja, und dann passierte es. Am Sonntagmorgen, während ich in der Gemeinde die Predigt hielt. Als ich nach dem Gottesdienst zu meiner Wohnung zurückkam, war die Tür aufgebrochen. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab. Das Geld! Ich stürzte in die Wohnung, riss den Kleiderschrank auf und erstarrte. Das Geld war weg! 24 000 Reais – einfach weg! Gestohlen!
»Nein, nein, nein«, hauchte ich entsetzt. »Das darf doch nicht wahr sein. Nein! Wie um alles in der Welt …«
Und dann durchfuhr mich ein zweiter Schauer von Kopf bis Fuß: Meine Freunde! Niemand außer meinen besten Freunden hatte von dem Geld gewusst, was bedeutete … einer von ihnen musste das Geld gestohlen haben! Allein der Gedanke ließ mir die Galle hochkommen. Das konnte, nein, das durfte nicht sein! Nicht meine Freunde! Nein! Aber wer denn sonst?
Ich holte Leonardo und zeigte ihm den leeren Kleiderschrank. Er war genauso schockiert wie ich und sagte, wir müssten die Polizei verständigen. Zwei Polizisten kamen und untersuchten das aufgebrochene Schloss und den Schrank kopfschüttelnd, während ich ihnen schilderte, was passiert war. Sie mussten mich für eine komplette Idiotin halten. Wie konnte man nur so dumm sein und 24 000 Reais in einem Schrank verstecken und dann auch noch mehreren Leuten frei heraus davon erzählen? Ich schämte mich für meine Dummheit in Grund und Boden. Aber das brachte das Geld auch nicht mehr zurück.
»Wer wusste alles von dem Geld?«, fragte mich einer der Polizisten.
»Nur meine engsten Freunde.«
»Namen?«
»Marcio, Valdir, Leonardo, Ivana und Wesley.«
»Sollen herkommen.«
Nachdem sich alle in meinem Wohnzimmer versammelt hatten, wurden sie der Reihe nach von den Polizisten befragt. Das Geld war eindeutig während des Gottesdienstes geklaut worden, doch für dieses Zeitfenster hatten alle ein Alibi, denn alle waren ja im Gottesdienst gewesen und hatten meiner Predigt zugehört. Ich kam mir vor wie in einem Krimi von Agatha Christie. Jeder der fünf hatte ein hieb- und stichfestes Alibi und dennoch musste einer von ihnen der Täter sein. Einer von ihnen log mir geradeheraus ins Gesicht, ohne dabei auch nur rot zu werden. Einer von ihnen hatte mich ausgeraubt. Einer meiner besten Freunde! Ich wollte es nicht wahrhaben. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so betrogen worden von Menschen, denen ich vertraut hatte. Es schmerzte mehr, als es sich mit Worten beschreiben lässt. Es war, als hätte mir jemand einen Pfeil in die Seele gebohrt, und ich wusste noch nicht mal, wer! Ich wagte es kaum, in die Runde zu blicken. Ich wagte es kaum, meinen Freunden in die Augen zu sehen. Noch vor zwei Tagen hatten wir alle zusammengesessen, Kaffee getrunken, geplaudert und gelacht. Und jetzt war einer von ihnen ein Verräter. Es brach mir das Herz.
»Als Sie die Wohnung verließen, um zum Gottesdienst zu gehen, war das Geld noch da, ja?« Die Frage war an mich gerichtet und holte mich aus meinen Gedanken zurück.
»Ja, das Geld war eindeutig noch da«, antwortete ich.
»Wie weit ist es von Ihrer Wohnung bis zum Gemeindesaal, Senhorita?«
»Keine Minute. Ich muss dafür nicht einmal das Gebäude verlassen.«
»Und Sie gingen von Ihrer Wohnung direkt zum Gottesdienst, und zwar unmittelbar vor Gottesdienstbeginn? Und kamen nach dem Gottesdienst unverzüglich zurück?«
»Ja.«
»Und während des gesamten Gottesdienstes waren die Verdächtigen alle im Gemeindesaal anwesend?«
»Ja, es waren alle da.«
»Ist einer von ihnen früher gegangen?«
»Ich glaube nicht, nein.«
»Ist einer zu spät gekommen?«
»Ich hab nicht darauf geachtet, um ehrlich zu sein. Wobei …« Ich überlegte kurz. Mein Blick huschte zu Ivana. »Bist du nicht etwas später gekommen?«
Fehler! Fataler Fehler! Die Frage hätte ich ihr nicht stellen dürfen. Ivana starrte mich entgeistert an. »Was willst du damit sagen?«
»Nichts. Ich versuche nur herauszufinden …«
»Sind Sie zu spät gekommen, Ivana?«, hakte einer der Polizisten gleich nach.
»Mein Bus hatte Verspätung«, sagte Ivana, den beiden Polizisten zugewandt, während sie begann, nervös auf ihrem Stuhl hin- und herzuwippen. »Das ist ja wohl kein Verbrechen, oder?« Ihre Brust hob und senkte sich. In Sekundenschnelle verwandelte sie sich in eine Furie.
»Ich fasse es nicht, dass die da tatsächlich glaubt, ich hätte ihr Geld gestohlen!«, keifte sie zornig, ohne mich anzusehen. »Wieso sollte ich ihr verfluchtes Geld stehlen? Sehe ich etwa aus wie eine Diebin, hm? Sehe ich so aus? Unverschämtheit! Ich verdiene mein Geld ehrlich! Ich habe es nicht nötig, einer arroganten Gringa3 ihr Geld zu klauen!«
Sie knetete ihre Finger und ich sah, wie ihre Gesichtszüge sich versteinerten. Die Luft war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Ich beobachtete Ivana. Während die Polizisten sie weiter in die Mangel nahmen und sie immer nervöser wurde und immer vehementer versuchte, sich herauszureden, formte sich bei mir aus einem Hauch von Misstrauen allmählich eine mögliche Theorie.
Ist sie es gewesen? Hat sie das Geld gestohlen?, überlegte ich. Sie war tatsächlich die Einzige, deren Alibi zu bröckeln begann. Die fünf, sechs Minuten, die sie zu spät zum Gottesdienst gekommen war, hätten locker ausgereicht, um in meine Wohnung einzubrechen, das Geld zu klauen und irgendwo zu verstecken, wo sie es später holen konnte. Wahrscheinlich war das Geld sogar in diesem Augenblick noch im Gebäude! Mein Verdacht erhärtete sich, je länger ich darüber nachdachte. Sie musste es gewesen sein! Ivana hatte das Geld gestohlen. Es war die einzige logische Erklärung. Und ich hatte ihr vertraut! Wie hatte ich mich nur so in ihr täuschen können?
Die Befragung dauerte geschlagene zwei Stunden. Ich war fix und fertig danach. Die Polizisten entließen alle Verdächtigen. Fluchworte auf den Lippen stapfte Ivana mit finsterer Miene an mir vorbei.
»Das wird ein Nachspiel haben!«, raunte sie mir drohend zu. Ihre Worte trafen mich tief. Von einem Moment auf den anderen hatte sich meine beste, meine einzige Freundin in meine erbittertste Feindin verwandelt. Es war unerträglich, genauso unerträglich wie die schauerliche und leider sehr starke Gewissheit, dass sie es wahrscheinlich gewesen war, die mich bestohlen hatte.
Die Polizisten versicherten mir, sie würden weitere Ermittlungen einleiten und sich melden, sobald sie eine Spur hätten. Einer von ihnen drehte sich auf der Türschwelle nochmals um und fragte mich doch tatsächlich, ob ich nicht Lust hätte, mich später auf einen Drink mit ihm zu treffen. Ich hätte ihm am liebsten eine gescheuert für diesen Annäherungsversuch. Natürlich habe ich nie wieder etwas von ihnen und den Ermittlungen gehört.
Unterdessen hatte mir Ivana den Krieg erklärt. Feuer loderte in ihren Augen, wann immer ich ihr im Flur begegnete.
»In der Hölle wirst du schmoren!«, zischte sie. »Ich werde dich prozessieren, das schwör ich dir!«
Tatsächlich spazierte sie zwei Tage nach dem Vorfall mit zwei Anwälten ins Gebäude. Und Pastor Lourival gab mir klipp und klar zu verstehen, ich müsse die Klage fallen lassen, oder es würde übel für mich enden. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich war es, die ausgeraubt worden war, und jetzt war ich auf einmal die Schuldige? Außerdem rührte die Polizei sowieso keinen Finger, um den Fall zu klären. Sie hatte ja am Tatort nicht mal Fingerabdrücke genommen!
»Mach dir keinen Kopf. Ivana blufft nur«, beruhigte mich Leonardo, als ich ihm von ihrer Drohung und den Schlipsträgern erzählte. »Hunde, die bellen, beißen nicht.«
»Ich verstehe einfach nicht, wie sie – oder wer auch immer – mir das antun konnte. Alle wussten doch, dass das Geld für den Umbau des Straßenkinderhauses bestimmt war.«
Leonardo zuckte die Achseln. »Geld verändert Menschen. Erleben wir ja nicht das erste Mal.«
»Ich weiß. Aber es tut verflucht weh, so betrogen zu werden, und das von jemandem, der dir nahesteht.«
»Weiß deine Mutter schon, was passiert ist?«
Ich nickte. »Sie sagte, der Dieb würde ihr leidtun, weil er ja nicht uns, sondern Gott bestohlen habe. Und sie meinte, ich solle Ivana um Vergebung bitten.«
»Um Vergebung bitten?«
»Ja, dafür, dass ich sie verdächtigt habe. Und meine Mutter hat recht. Egal, ob Ivana es getan hat oder nicht, ich sollte sie aus meiner Anklage entlassen und die Sache Gott abgeben. Es ist schließlich sein Geld, also wird auch er sich darum kümmern.«
Noch am selben Tag suchte ich Ivana im Secondhandshop auf und bat sie, mir zu verzeihen. Es fiel mir nicht leicht, doch ich tat es, weil es das Richtige war, und um unserer Freundschaft willen, die mir viel bedeutete. Ich versuchte, ihr dabei in die Augen zu sehen. Doch sie mied jeglichen Blickkontakt und brummte missmutig: »Ich vergebe dir nur, weil Jesus es uns geboten hat. Ich selbst kann es nicht tun.«
Mein Versöhnungsangebot änderte leider rein gar nichts an ihrer Haltung mir gegenüber. Ich hatte vor versammelter Schar angedeutet, sie könnte die Täterin sein. Ich hatte ihre Ehre in den Schmutz gezogen und das war nicht wiedergutzumachen. Ich war für sie gestorben. Endgültig. Sie redete nicht mehr mit mir und ignorierte mich vollkommen. Es war vorbei.
Neun Tage nach dem Diebstahl saß ich allein in meiner Wohnung und fühlte mich elend. Die ganze Sache belastete mich enorm. Einen Vertrauensmissbrauch wie diesen hatte ich noch nie erlebt, und ich hatte niemanden, dem ich mein Herz ausschütten konnte. Nicht einmal Leonardo. Es gab Dinge, die schien kein Brasilianer zu verstehen. Ich fühlte mich unverstanden und völlig alleingelassen. Meine Seele hatte einen tiefen Riss bekommen, eine Wunde, von der ich mir nicht sicher war, ob sie je wieder verheilen würde.
Durch das Fenster meines Badezimmers hörte ich Leonardo, Marcio, Valdir und Wesley, wie sie in der Küche des Projektes saßen und sich über irgendetwas köstlich amüsierten. Ich ertrug es nicht, ihr Gelächter länger mitanzuhören. Wie konnten sie so unbeschwert lachen nach dem, was geschehen war? Wie konnten sie einfach zur Tagesordnung übergehen, als wäre alles in Ordnung? Natürlich war ich es, die ausgeraubt worden war. Aber die Fröhlichkeit meiner Freunde war wie ein Hohn in meinen Ohren und schien den Riss in meiner Seele noch tiefer zu reißen. Ich bildete mir sogar ein, sie würden mich alle auslachen wegen meiner Dummheit und Naivität. Ich stürmte aus meiner Wohnung und eilte die 700 Meter bis zu meinem Haus, das ich gekauft hatte. Ich schloss die Tür auf und ließ mich entlang der Wand auf den Boden gleiten. Und dann weinte ich mir die Seele aus dem Leib.
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Am Anschlag
Seit dem Diebstahl der 24 000 Reais war etwas in mir zerbrochen. Meine Unbeschwertheit, mein kindliches Grundvertrauen in die Menschen, mein wahrscheinlich zu idealistisches Weltbild war mir mit Gewalt entrissen worden. Ich fühlte mich nicht mehr wohl in São Paulo. Ich begann, alles zu hinterfragen, meine Entscheidungen, meine Vision, meine Berufung. Ich war kaputt und ausgelaugt und fragte mich ernsthaft, wie lange ich das alles noch aushalten würde.
Ich wünschte mir, ich hätte eine Gemeinde gehabt, die mich in meiner inneren Not hätte auffangen können. Doch die hatte ich nicht. Pastor Lourivals Predigten waren geprägt von »du sollst nicht, du darfst nicht, Gottes Strafe wird dich treffen, wenn du nicht tust, was er verlangt«. Ich kam gebrochen in den Gottesdienst und ging noch gebrochener wieder hinaus. Ich lechzte nach Worten der Ermutigung oder des Trostes. Ich sehnte mich nach jemandem, der mir nicht die Bibel um die Ohren hauen würde, sondern mich verstand und sich Zeit für mich nahm. Ich brauchte einen Hirten.
Doch Pastor Lourival war ein Zuchtmeister, kein Hirte. Seine Worte waren hart, nicht erbauend. Außerdem hatte er nichts für die Straßenkinder übrig, was man seinem Gesicht sehr deutlich ansehen konnte, wenn wir die Jungs in den Gottesdienst brachten. Und mir persönlich war er nach der Geschichte mit Camila sowieso nicht mehr wohlgesonnen. Vordergründig ließ er nichts davon durchblicken, ermunterte mich sogar, ich solle die Pastorenausbildung von HCI absolvieren, um der Organisation vollzeitlich zu dienen. Doch hinter meinem Rücken redete er schlecht von mir. Da er von meiner engen Freundschaft mit Leonardo wusste, besuchte er ihn einmal zu Hause – was er sonst nie tat –, nur, um ihn eindringlich vor mir und meinem neuen Projekt zu warnen. Leonardo erzählte mir am nächsten Tag davon.
»Er sagte mir, du wärst verrückt und würdest deine eigene Stimme als die Stimme Gottes interpretieren.«
»Was? Das hat er gesagt?«
»Du hättest hören sollen, wie er über dich herzog. Er riet mir mehrmals, mich von dir und deinen Plänen fernzuhalten. Das wäre nicht von Gott und würde nicht gut gehen.«
Es war schon hart, zu wissen, dass der eigene Pastor nicht für, sondern gegen mich war. Überhaupt war seit meiner Rückkehr nach São Paulo irgendwie alles sehr seltsam. Leonardo verriet mir, es würde viel über mich gemunkelt. Ich fragte ihn, was denn genau für Gerüchte über mich im Umlauf seien, aber darauf gab er mir keine konkrete Antwort. Er sagte nur, viele seien sehr skeptisch, was mein Vorhaben mit dem Straßenkinderhaus angehe. Es gebe viel Neid und Misstrauen. Ich verstand nicht, wieso. Alles, was ich tat, war, mich für die Straßenkinder einzusetzen. Warum löste das eine derartige Abneigung mir gegenüber aus?
Einen weiteren Schlag ins Gesicht bekam ich dann ausgerechnet von Enrique. Enrique war Gemeindeältester in der HCI-Gemeinde und hatte eine eigene Baufirma. Nach dem Diebstahl meines Geldes hatte meine Mutter alles zusammengekratzt, was sie hatte, und es mir für den Umbau nach São Paulo geschickt. Enrique leitete den Umbau, doch er nahm mich nach Strich und Faden aus. Ständig verlangte er mehr Geld, viel mehr Geld als ursprünglich vereinbart, und jedes Mal, wenn ich ihn um eine Abrechnung bat, vertröstete er mich auf später. Schließlich, als ich darauf beharrte, endlich schwarz auf weiß zu sehen, warum die Umbaukosten sich verdreifacht hatten, behauptete er: »Ich würde dir ja liebend gerne zeigen, wie viel Geld ich wofür ausgegeben habe, aber ob du’s glaubst oder nicht: Gestern sind mir doch tatsächlich sämtliche Belege des Umbaus aus meinem Auto geklaut worden.«
Eine billigere Ausrede hätte er sich wirklich nicht einfallen lassen können. Einmal mehr fühlte ich mich zum Narren gehalten. Als ich meiner Mutter am Telefon davon erzählte, meinte sie bloß: »Sieh es doch mal so: Wenn nicht er uns beklaut, dann beklaut uns vermutlich ein anderer. Für das, was er tut, muss er vor Gott gradestehen, nicht wir. Es ist Gottes Aufgabe zu richten, nicht unsere.«
Ich staunte, wie gelassen sie das Ganze nahm. Ich versuchte, die Tatsache irgendwie auszublenden, von einem Gemeindeältesten bestohlen zu werden, aber es fiel mir sehr schwer, vor allem, da Enrique fast jeden zweiten Sonntag in der Gemeinde predigte. Er war ein leidenschaftlicher Prediger und ich saß da und hätte einfach nur schreien können. Wie konnte jemand auf der Kanzel stehen und davon predigen, wir sollten nicht stehlen und nicht lügen, wenn er selbst stahl und mir ins Gesicht lügen konnte, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken? Warum schien eigentlich nie jemand ein schlechtes Gewissen dabei zu haben, mich nach Lust und Laune auszunehmen? Warum schien sich nie jemand um die Straßenkinder zu scheren, sondern immer nur darum, möglichst viel Profit aus ihnen zu schlagen?
Mittwochabends ging ich regelmäßig in die Gebetsstunde. Ich fühlte mich so kraftlos, ich war nicht einmal mehr in der Lage, ein Gebet zu formulieren. Die Gebete und Worte der anderen, die ich früher immer als segensreich und erfrischend empfunden hatte, konnten meine Leere nicht mehr ausfüllen. Außerdem konnte ich keinem sagen, wie ich mich wirklich fühlte, geschweige denn warum, denn Pastor Lourival und Enrique und auch Ivana waren ja ebenfalls anwesend! Ich war geistlich am Verhungern. Und da mein Arbeitsumfeld sich mit meinem privaten und kirchlichen Umfeld überlappte, konnte ich nirgendwo offen reden. Ja, ich hatte ein paar gute Kumpels, die Jungs, mit denen ich Fußball und Theater spielte. Wir hingen zusammen ab, gingen ins Kino oder zu McDonald’s und hatten jede Menge Spaß. Doch einen Freund oder eine Freundin, wo ich mich gänzlich hätte fallen lassen und mein Herz hätte ausschütten können, besaß ich nicht.
Was einer wahren Freundschaft am nächsten kam, war immer noch meine Freundschaft mit Leonardo. Er war mein Verbündeter, derjenige, der durch alle Stürme zu mir gehalten hatte, und zwar von Anfang an. In den zwei Jahren, die ich nun in São Paulo lebte, hatte ich mich immer mehr in ihn verliebt. Ich hatte nie den Mut aufgebracht, es ihm zu sagen. Einmal hatte ich Wesley meine heimliche Schwäche für Leonardo gestanden und ihn gefragt, was er davon halte. Er meinte, Leonardo sei zu unreif für mich. Wahrscheinlich hatte er recht. Aber in meinem Innern träumte ich trotzdem davon, wie es wohl wäre, mit ihm zusammen zu sein.
Was die Liebe angeht, war ich sehr unerfahren. Ich war 28 Jahre alt und hatte noch nie einen Freund gehabt, nicht mal als Teenager. Das einzige Mal, dass ich einen Jungen geküsst hatte, war bei einem Flaschendrehspiel in der sechsten Klasse gewesen. Alle meine Freundinnen aus der Schweiz waren längst verheiratet und hatten Kinder. Nur ich nicht. Ich fragte mich ernsthaft, was wohl falsch an mir war, dass noch nie ein Mann sich in mich verliebt hatte. Ich wollte nicht bis an mein Lebensende alleine bleiben. Ich wollte einen Partner an meiner Seite, aber nicht irgendeinen 0815-Typen mit irgendeinem 0815-Bürojob. Ich wollte jemanden, zu dem ich aufsehen konnte, jemand, der geistlich reif war und der auch ein Herz für Straßenkinder hatte.
Letzteres war mir sehr wichtig. Denn eines war mir klar: Sollte ich mich je zwischen einem Mann und den Straßenkindern entscheiden müssen, so würde ich mich ohne Zögern für die Straßenkinder entscheiden. So viel bedeutete mir mein Dienst. Aber wo sollte ich so einen Mann finden, der bereit war, diesen Weg mit mir zu gehen? Waren meine Vorstellungen vielleicht utopisch? Hatte ich meine Anforderungen an einen Mann zu hoch gesteckt und verbaute mir damit meine Chance, jemals zu heiraten? Musste ich vielleicht einfach ein paar Abstriche machen, damit es irgendwann doch noch klappte?
Ich weiß noch, dass eine Tante von mir mich bei jedem Familientreffen gefragt hatte: »Und, wann hast du endlich einen Freund?« Das war immer furchtbar nervig gewesen und hatte mich in dem Gefühl bestärkt, dass irgendetwas nicht stimmte mit mir. Alle aus meiner Heimatgemeinde heirateten mit 20 Jahren, bekamen mit 22 ihr erstes Kind und mit 25 ihr zweites. Nur ich war immer noch Single.
Als mir sogar der Lektor meines damaligen Verlages diesbezüglich einen besorgten Brief schrieb, bekam ich langsam Torschlusspanik. Er schrieb mir, ich solle doch einfach mal für ein, zwei Jahre in die Schweiz kommen, damit ich endlich einen Mann fände. Als Missionarin in Brasilien stünden meine Chancen ja ziemlich schlecht. Und dann schrieb er mir noch von einer Missionsgesellschaft, die ihren Missionaren im Busch einfach per Schiff eine Frau zuschicke, wenn sie heiraten wollten.
Und was genau soll ich nun damit anfangen?, dachte ich. Soll ich bei HCI einen Mann bestellen oder wie?! Oder soll ich in die Schweiz kommen und jede Bibelfreizeit abklappern, die angeboten wird, um mir einen Mann zu angeln? Das mache ich ganz bestimmt nicht! Aber was sollte ich dann tun? Weiter Däumchen drehen und hoffen, dass eines Tages mein Traumprinz auf einem weißen Schimmel vor meiner Tür stünde und mich um meine Hand bäte?
In Matthäus 6,33 steht: »Macht das Reich Gottes zu eurem wichtigsten Anliegen, lebt in Gottes Gerechtigkeit, und er wird euch all das geben, was ihr braucht.« Immer, wenn ich diesen Vers las, dachte ich insgeheim trotzig: Na toll, ich setze mich für Gottes Reich ein und deswegen verpasse ich jetzt meine Chance auf einen Mann. Wo bleibt da dein Versprechen, mir das zu geben, was ich brauche, Herr? Ist es zu viel verlangt, dass ich einen Mann an meiner Seite haben möchte? Du weißt doch genau, dass diese Arbeit als alleinstehende Frau in einem von Männern dominierten Land doppelt so schwer ist. Es wäre so viel einfacher mit einem Partner! Warum gibst du mir denn keinen? Und warum sind alle großartigen Männer immer schon vergeben? Warum gibt es keinen, der sich mal für mich interessiert?
Und dann war da Leonardo, dieser junge, attraktive, charmante Brasilianer, der genauso ein Herz für die Straßenkinder hatte wie ich. War er vielleicht doch der Richtige? Diese Frage stellte ich mir andauernd. Wie verliebt musste man eigentlich sein, um zu wissen, dass jemand der Richtige war? Und wenn Leonardo der Richtige war, wie lange sollte ich dann auf ihn warten? Ich fühlte mich stark zu ihm hingezogen, aber es kam auch der Punkt, wo ich mich entschied, ihn innerlich loszulassen, wenn er meine Gefühle nicht bald erwidern würde. Ständig verliebt zu sein in jemanden, der zwar immer mal wieder gewisse Signale aussandte, dann aber doch keinen konkreten Schritt auf mich zumachte, war nämlich auf Dauer ganz schön anstrengend. Aber ganz loslassen konnte ich ihn trotzdem nicht. Einen Funken Hoffnung bewahrte ich wie einen Schatz in meinem Herzen auf. Nur für alle Fälle.
Im Moment hatte ich jedoch keine Zeit für Liebeskummer. Von Mai bis Juni 1999 ging ich mit Marcio und Valdir auf Vortragstournee in die Schweiz und nach Deutschland. Wir traten in 60 Gemeinden, Schulen, Jugendgruppen und Buchhandlungen auf und erreichten über 6 000 Menschen. Marcio und Valdir erzählten aus ihrem Leben als Straßenjungen und die Menschen waren sehr bewegt von ihren Zeugnissen. Es war eine geniale Zeit, aber auch enorm anstrengend, und so war ich bei meiner Rückkehr nach São Paulo erschöpfter als davor. Mehr noch als das: Ich hatte auf einmal null Bock auf die Arbeit mit den Straßenkindern. Ich fühlte mich überflüssig, fehl am Platz, absolut mies und ausgebrannt. Am liebsten wäre ich mit dem nächstbesten Flugzeug zurück in die Schweiz geflogen. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Es war einfach nichts mehr da, keine Freude, kein Ziel, keine Energie, nichts. Ich hatte keine Lust mehr, die täglichen Streitereien der Jungen zu schlichten. Es war mir auch völlig egal, aus welchem Grund wer wem den Billardschläger über den Schädel geschlagen hatte, wessen Zahnbürste in der Toilettenschüssel herumdümpelte und wem die verpinkelte Hose gehörte, die wieder mal unter einem der Betten lag. Einmal, als ich einen Straßenjungen vor die Tür setzen wollte, weil er sich unmöglich benommen hatte, verbiss er sich wie ein Raubtier in meiner Hand. Ich kam mir vor wie in einem Albtraum.
Als wäre mein ganzes Gefühlschaos nicht schon schlimm genug gewesen, hielt ich es kaum noch aus, mit Leonardo zu arbeiten und ihm zu verschweigen, dass ich eigentlich unsterblich in ihn verliebt war. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und schrieb ihm einen langen Brief, wo ich ihm zum ersten Mal in zwei Jahren meine Gefühle offenbarte. Ich war mir ziemlich sicher, dass er mich eigentlich mehr mochte, als er zugeben wollte. Vielleicht brauchte er einfach einen kleinen Schubser, um mich endlich darauf anzusprechen. Die Ernüchterung kam ein paar Tage später. Leonardo setzte sich mit mir in eine ruhige Ecke und sagte mir geradeheraus, dass er mich nicht liebe.
»Ich glaube, du bist einfach auf der Suche nach jemandem. Doch ich bin nicht der Richtige für dich. Ich empfinde nichts für dich, Damaris. Tut mir leid.«
Das war hart. Am nächsten Morgen, als ich im Park joggen ging, liefen mir die Tränen in Strömen übers Gesicht. Warum nur war es mir nicht vergönnt, glücklich zu sein? Warum schien in diesem Jahr einfach alles schiefzulaufen? Warum fühlte ich mich so leer und allein? Warum schien mein ganzes Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammenzustürzen? Das erste Mal, seit ich nach São Paulo gekommen war, sah ich nicht mehr den geringsten Sinn in meiner Anwesenheit. Ich dachte ernsthaft darüber nach, ob meine Zeit in Brasilien vielleicht abgelaufen war.
Und das ausgerechnet, wo die Vorbereitungen für die Eröffnung meines Straßenkinderhauses auf Hochtouren liefen! Ja, mein Straßenkinderhaus. Ich hatte mich so darauf gefreut. Was hatte ich doch gelitten, damit dieses Heim und Tagesprojekt entstehen konnte: Ich war von einem meiner besten Freunde ausgeraubt worden und wusste noch immer nicht, von wem. Ich war von Enrique, einem Gemeindeältesten, über den Tisch gezogen und von meinem eigenen Pastor schlechtgemacht worden. Außerdem hatte Pastorin Gloria, die Leiterin der gesamten Sozialarbeit in São Paulo, doch tatsächlich versucht, mich zu erpressen, damit ich das Haus HCI schenken würde.
Sie zog praktisch dieselbe Nummer mit mir ab wie Camila mit den Nähmaschinen und dem Bus, nur, dass es diesmal um ein ganzes Haus ging. Sie behauptete allen Ernstes, es sei rechtlich nicht erlaubt, dass das Projekt sich in einem Haus befände, das nicht HCI gehöre. Wahrscheinlich hatte sie sich erhofft, ich würde darauf eingehen und sie könne dann die Lorbeeren ernten. Als ich mich weigerte, ging die Sache bis zum Landesleiter hoch, der dann ein Machtwort zu meinen Gunsten sprach. Er bat mich sogar in sein Büro in der Landeszentrale, um mir die Entscheidung persönlich mitzuteilen. Er sagte, es sei überhaupt kein Problem, dass das Haus auf meinen Namen liefe.
»Das Gebäude an der Rua Vergueiro gehört auch nicht HCI, sondern der Stadt São Paulo. Die Stadt stellt uns das Gebäude lediglich für 100 Jahre zur Verfügung unter der Bedingung, dass wir darin soziale Arbeit leisten.«
»Das wusste ich gar nicht«, sagte ich verblüfft.
»Ja, und genauso können wir das mit dir machen. Ich habe bereits veranlasst, einen Vertrag aufzusetzen, der HCI für eine gewisse Zeit die Nutzungsrechte an deinem Haus zusichert. Für wie lange, ob zwei, fünf oder zwanzig Jahre, bleibt dir überlassen.«
»Das ist großartig. Danke!«, sagte ich.
»HCI hat zu danken«, meinte Landesleiter Lopez. »Und entschuldige bitte die Fehlinformation durch Pastorin Gloria. Ich bin sicher, es war nur ein Missverständnis.«
Natürlich war es kein Missverständnis. Und das Dumme war, dass Pastorin Gloria mich seit der Einmischung des Landesleiters auf dem Kieker hatte. Sie machte mir das Leben schwer, wo sie nur konnte, und hatte durch ihre Position als Gesamtleiterin über alle Sozialprojekte in São Paulo leider auch die Mittel, die Wege und die Macht dazu. Anders als vereinbart übertrug sie dem neuen Pastorenehepaar Sara und Samuel kurzum die Gesamtleitung über die Herberge und mein Projekt. Von meiner ursprünglichen Idee, in Zusammenarbeit mit HCI mein eigenständiges Projekt zu leiten, war somit nichts mehr übrig. Natürlich hätte ich mich dagegen wehren können. Aber ich war viel zu ausgelaugt, um mich mit einer hochrangigen Pastorin wie Gloria anzulegen. Also ließ ich es zu und zwang mich, trotz allem irgendwie zuversichtlich zu bleiben, obwohl ich langsam nicht mehr wusste, wie.
Im Oktober fand eine große Eröffnungsfeier für das Heim und Tagesprojekt statt. Sogar das Fernsehen kam. Pastorin Gloria als Vertreterin der gesamten Sozialarbeit in São Paulo präsentierte voller Stolz das neue Projekt von HCI und dessen tüchtige Projektleiter Sara und Samuel. Und ich? Ich stand irgendwo abseits und wurde mit keiner Silbe erwähnt. Kein Hahn krähte nach mir. Es war, als würde ich nicht mal existieren. Ich hätte heulen können. Doch ich schwieg. Meine Kraftreserven waren gänzlich aufgebraucht und ich näherte mich einem gefährlichen Tiefpunkt.
Kurz nach der Eröffnung des neuen Projekts verschwand unser wohlbeleibter Freund Wesley von einem Tag auf den anderen plötzlich spurlos und ohne ein Wort des Abschieds. Keiner wusste, wieso, bis die Polizei bei HCI aufkreuzte – mit einem Haftbefehl für den Mann, den wir als Wesley gekannt hatten. In Wirklichkeit hieß er Gustavo Pinheiro, und die Polizei war ihm wegen Scheckbetrugs und Raubes auf den Fersen. Tja, somit war dann wohl geklärt, wer die 24 000 Reais aus meiner Wohnung geklaut hatte. Es war nicht Ivana gewesen, sondern Wesley. Der Wolf im Schafspelz. Wer hätte das gedacht!
Unterdessen waren Heim und Tagesprojekt gut gestartet. Wir hatten acht Straßenjungen aufgenommen und Djebson und Andrea, ein junges Ehepaar aus Recife, betreuten die Jungs als Heimeltern und wohnten mit ihnen in meinem Haus, der Casa Damaris, wie wir es nannten. Ich selber arbeitete mal nachts in der Herberge Drei Herzen, mal tagsüber in der Casa Damaris. Da ich die Ausbildung zur Grundschullehrerin absolviert hatte, versuchte ich mich als Lehrerin, scheiterte jedoch kläglich. Die Straßenkinder zu unterrichten, war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie konnten nicht eine Minute lang still sitzen. Innerhalb eines einzigen Nachmittags war ich mit meiner Weisheit (und meinen Nerven) am Ende. Es war frustrierend. Ich fühlte mich unfähig, unter- und überfordert gleichzeitig. Ich fand mich schlicht nicht mehr zurecht und sah keinen Ausweg aus meiner Not, die sich nun schon über Monate ohne irgendeinen Lichtblick dahinzog. Ich hatte alles versucht, um positiv zu bleiben und mich selbst aus dem Würgegriff dieser Krise herauszuwinden. Aber es funktionierte nicht. Ich kroch nur noch auf dem Zahnfleisch. Ich wusste schlicht nicht mehr weiter.
In dieser Zeit wurde ich von Virgilio in seine Gemeinde eingeladen. Ich hatte immer noch guten Kontakt zu ihm. Virgilio ging nach wie vor jeden Tag auf die Straße zu den Straßenkindern und manchmal begleitete ich ihn. Auf der Straße bei den Straßenkindern zu sein, rückte jedes Mal meinen Fokus wieder zurecht und ich wusste wieder, wofür ich eigentlich kämpfte. Als ich mit Virgilio den Gottesdienst in seiner Gemeinde besuchte, kam ein kleines Mädchen auf mich zu und schenkte mir ein Blümchen.
»Hier, für dich«, sagte es und lächelte mich an. »Hab ich in Gottes Garten für dich gepflückt.«
Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Plötzlich stand Virgilio hinter mir, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: »Damaris, du bist so wichtig hier in Brasilien.«
Der Knoten wurde größer, und ich wischte mir über die feuchten Augen. Es tat so gut zu hören, dass ich wichtig war und dass ich einen Auftrag hier in Brasilien hatte. Oh, wie gut es tat, das zu hören!
Ein paar Tage später fand Rogério, ein ehemaliger Straßenjunge, der seit Kurzem im Projekt mitarbeitete, beim täglichen Putz ein Büchlein auf dem Boden. Der Titel lautete: »Die Probleme eines Missionars und die Lösung Gottes.«
»Hier, das habe ich irgendwo in der Ecke gefunden. Vielleicht kannst du ja was damit anfangen«, sagte er und gab mir das zerfledderte Buch.
Ich nahm es mit in meine Wohnung, begann darin zu blättern und schon nach zwei gelesenen Sätzen tropften die ersten Tränen auf die Buchseiten. Alles, was da geschrieben stand, passte haarscharf in meine Situation! Ich sog jedes Wort in mich auf wie ein ausgetrockneter Schwamm. Endlich, endlich hatte ich das Gefühl, jemand würde verstehen, wie es in mir drin aussah! Endlich jemand, der den Schmerz meiner Seele kannte und meine Verzweiflung in Worte fassen konnte! Und die Lösung, die der Autor für sich selbst entdeckt hatte, war so simpel: Überlasse das Lösen deines Problems Gott. Er wird das Problem entweder aus dem Weg räumen oder dir die nötige Kraft geben, damit umzugehen.
Bei dieser Aussage sank ich schluchzend in die Knie.
»Herr, du weißt, ich kann nicht mehr! Bitte gib mir die Kraft, loszulassen! Kämpfe du für mich! Ich vertraue dir! Du hast mich bis hierher gebracht, du wirst mich auch durch diese Krise bringen! Bitte, Herr, gib mir neuen Mut! Gib mir wieder Freude an meiner Arbeit! Gib mir wieder deine Liebe für die Straßenkinder. Ich brauche deine Liebe, denn meine ist längst aufgebraucht. Bitte!«
Am nächsten Tag brachte ich endlich den Mut auf, mit den Pastoren des Projekts zu reden und Sara und Samuel meine innere Not zu offenbaren. Es war ein unglaublich befreiendes Gespräch. Die gesamte Last, die ich über Monate mit mir herumgeschleppt hatte, fiel von mir ab, und zum ersten Mal seit so langer Zeit konnte ich wieder durchatmen.
Nach und nach kehrten meine Vision und meine Leidenschaft für die Straßenkinder zurück. Ich hatte wieder Boden unter den Füßen. Am 20. Dezember, als ich am Abend in der Herberge die Andacht hielt, geschah etwas Unglaubliches: Als ich zu den Straßenjungen redete, spürte ich, wie mein Herz zu brennen begann. Ich spürte ein Feuer in mir und eine Liebe für diese Jugendlichen, die unmöglich von mir selbst sein konnte. Es war eine Liebe, die weit über das hinausging, was man als Mensch überhaupt empfinden kann. Es war Gottes reine, verzehrende Liebe, die in mir brannte und die ich für jeden Einzelnen dieser Straßenjungen empfand. Gott hatte mein Gebet erhört und mich ganz neu mit seiner Kraft und seiner Liebe erfüllt. Es war überwältigend!
Klarer denn je wusste ich: Der Teufel würde mich nicht in die Knie zwingen! Was auch immer er noch für Angriffe geplant hatte, wie auch immer er versuchen würde, mich zu zerstören, es würde ihm nicht gelingen. Gott hatte mich hierhergestellt und nur Gott allein würde sagen, wann es zu Ende war. Ich würde meine Frau stehen. Komme, was da wolle.
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Pulsuz fraqment bitdi.