Kitabı oxu: «Genderlinguistik»
Helga Kotthoff / Damaris Nübling
unter Mitarbeit von Claudia Schmidt
Genderlinguistik
Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht
A. Francke Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0152-3
Inhalt
Vorwort
1. Wozu Genderlinguistik? 1.1 Was ist Geschlecht? 1.2 Geschichte der linguistischen Genderforschung 1.3 Aufbau dieser Einführung
2. Doing, undoing und indexing gender in Sprache und Gespräch2.1 Was heißt „Konstruktion“ von Geschlecht?2.2 Was heißt doing gender?2.2.1 Der Ethnomethodologe Harald Garfinkel und seine Agnes-Studie2.2.2 Goffmans Sicht auf Arrangements der Geschlechter2.2.3 Geschlecht als reflexiv institutionalisiert2.2.4 Rückbindungen ans Biologische2.2.5 Gender hervorbringen und/oder mitlaufen lassen2.2.6 Gender bemerkbar in den Vordergrund der Interaktion bringen?2.2.7 Unterbrechung als doing gender?2.2.8 Gender als semiotische Gestalt2.2.9 Undoing gender, Grade an Salienz und Verzicht auf Relevantsetzung2.2.10 Indexing gender2.3 Indexikalität erster und zweiter Ordnung2.3.1 Jungen inszenieren eine weiblich assoziierte kommunikative Gattung2.3.2 Jugendliche in Detroit inszenieren Schicht und Gender2.3.3 Indirekte Assoziationen mit Gender2.3.4 Mehr zu Genderindices in der Jugendkommunikation2.3.5 Soziale Stilisierung über Genderindizien2.3.6 Kommunikation von Identitäten2.3.7 Stil-Basteln – Gender-Basteln2.4 Sozial-konstruktivistische und radikalkonstruktivistische Ansätze2.4.1 Judith Butlers Diskursidealismus2.4.2 Sind sexuelle Präferenzen für Identitäten immer zentral?Zusammenfassung
3. Prosodie und Phonologie3.1 Prosodie3.1.1 Die Stimmgrundfrequenz3.1.2 Schwankungen der Stimmgrundfrequenz3.1.3 Äußerungsfinale Tonverläufe und weitere Merkmale3.1.4 Die Singstimme und ihre Genderisierung3.2 PhonologieZusammenfassung
4. Nominalklassifikation: Flexion und Genus4.1 Deklination – Genus – Sexus – Gender4.2 Deklination und Geschlecht4.2.1 Gemischte und starke Feminina4.2.2 Starke Maskulina4.2.3 Schwache Maskulina4.2.4 Deklinationsunterschiede als sedimentierte Geschlechterrollen4.3 Genus und Geschlecht4.3.1 Genussysteme und Genuszuweisung4.3.2 Das Genus-Sexus-Prinzip4.3.3 Das Genus-Sexus-Prinzip bei personifizierten Tieren, Objekten und Abstrakta4.3.4 Evoziert das Genus von Objektbezeichnungen Geschlechterstereotype?4.3.5 Haben Geschlechterstereotype Auswirkungen auf die Genuszuweisung?4.3.6 Genus-Sexus-Devianzen beim Menschen als Reflexe von GenderZusammenfassung
5. Das so genannte generische Maskulinum5.1 Substantive5.1.1 Maskulina verstärken männliche Vorstellungen (Klein 1988, 2004)5.1.2 Psychologie des „generischen“ Maskulinums (Irmen/Köhncke 1996)5.1.3 Sind Frauen mitgemeint? (Heise 2000, 2003)5.1.4 Generische Maskulina und alternative Sprachformen im Vergleich (Stahlberg/Sczesny 2001)5.1.5 Der Einfluss sprachlicher Formen auf die Verarbeitung von Texten (Braun et al. 2007)5.1.6 Personenbezeichnungsmodelle auf dem Prüfstand (Rothmund/Scheele 2004)5.1.7 Generisch beabsichtigt, aber spezifisch interpretiert (Gygax et al. 2008)5.1.8 Die Macht von Sprachformen (Kusterle 2011)5.1.9 Referenz- und Relevanzanalyse an Texten (Pettersson 2011)5.1.10 Personenbezeichnungen im Deutschen und Niederländischen (De Backer/De Cuypere 2012)5.1.11 Zusammenfassung, Diskussion, Desiderata5.2 Indefinitpronomen
6. Morphologie6.1 Überblick über verschiedene Verfahren6.2 Wortbildung6.2.1 Komposition6.2.2 Derivation6.3 Flexion6.4 Morphosyntaktische Verfahren6.5 Analytische (periphrastische) VerfahrenZusammenfassung
7. Syntax7.1 Sprachgebrauchsmuster7.1.1 Vom Fischer und seiner Frau7.1.2 „… darunter auch Frauen und Kinder“7.1.3 Sie hat Erfolg „trotz ihrer zierlichen Figur“7.2 Binomiale (Koordinierungen)Zusammenfassung
8. Lexikon und Semantik 8.1 Etymologie von Geschlecht 8.2 Etymologie von Frauen- und Männerbezeichnungen 8.3 Pejorisierung von Frauenbezeichnungen 8.4 Geschlechter in Schimpf- und in Sprichwörtern 8.5 Geschlechter im Wortschatz (Lexikon) 8.6 Geschlechter im Wörterbuch 8.7 Geschlechter in der Linguistik Zusammenfassung
9. Onomastik: Personennamen 9.1 Luca und Eurone – Rufnamen und Geschlecht 9.2 Die Lutherin und Frau Thomas Mann – Familiennamen und Geschlecht 9.3 Das Heidi und das Merkel – (Frauen-)Namen im Neutrum 9.4 Weitere genderonomastische Forschungsfelder Zusammenfassung
10. Schreibung 10.1 Entstehung der Substantivgroßschreibung 10.2 Binnenmajuskeln, Schrägstriche, Klammern 10.3 Sterne, Unterstriche, -x und -ecs Zusammenfassung
11. Gender, Sozialisation, Kommunikation11.1 Gender kommt von außen11.2 Dimensionen des Genderkonzepts11.3 Aneignung der Gendersemiotik11.4 Eltern-Kind-Interaktion11.5 Kindergarten11.6 Kindercliquen – zwei Kulturen?11.7 Schule11.7.1 Ein Blick zurück11.7.2 Problemgruppe Jungen?11.7.3 Interaktionale Genderarrangements in der Schule11.7.4 ScherzverhaltenZusammenfassung
12. Gender in der Soziolinguistik12.1 Varietäten und ihr Prestige12.2 Die klassischen Studien12.2.1 Die englische Variable -ng12.2.2 Labovs Kaufhausstudien12.2.3 „Unruhe im Tabellenbild“12.2.4 Offenes und verdecktes Prestige12.2.5 Prestigeorientierung in Berlin12.2.6 Wo Männer mehr zur Hochsprache neigen12.3 Netzwerkstudien12.4 Sprache als Abgrenzungsverfahren – vor allem zwischen Müttern und Töchtern12.5 Habitus und Geschlechtsindizien12.5.1 Habitus bei Pierre Bourdieu12.5.2 Selbststilisierung und Attraktivität12.5.3 Cheshires Studie zu Jugendcliquen12.6 Situationsbezogenes Sprechen12.7 Befunde aus dem heutigen Deutschland12.8 Sprache und soziale Semiotik12.8.1 Sprachliche und soziale Stile in Detroiter „Handlungsgemeinschaften“12.8.2 Kinder inszenieren den Übergang ins Jugendalter12.8.3 Junge Leute in Barcelona12.9 Interaktionale Soziolinguistik12.10 Arbeitet die soziolinguistische Genderforschung intersektional?Zusammenfassung
13. Gender im Gespräch und darüber hinaus13.1 Dominanz und Unterordnung13.2 Gesprächsstile und ihre Bewertung13.3 Unterbrechungen und andere Interventionen13.4 Redezeiten13.5 Fragen und Rezeptionskundgaben13.5.1 Fragen13.5.2 Rezeptionskundgaben13.5.3 Das Modell der kulturellen Differenzen13.6 Direktheitsstufen bei Direktiva13.7 Rahmung von Autorität, Expertentum und Kompetenz13.8 Das Gestalten von Beziehungen der Nähe13.9 Gender, Humor und Lachen13.9.1 Humor und Status13.9.2 Scherzen auf eigene Kosten13.9.3 Spott, Frotzeln, Humor mit Biss13.9.4 Milieuunterschiede in der Privatwelt13.9.5 Sexualität und romantische Interessen13.9.6 Lachen13.10 Humor und indexing gender13.11 Ist Gender als Identitätskategorie immer relevant?13.12 Mode und die unterschiedliche Salienz von GenderZusammenfassung
14. Fernsehen, Radio und Printmedien14.1 Fernsehen14.1.1 Unterhaltung14.1.2 Zum Beispiel Germany’s next Topmodel14.2 Tagespresse14.3 Werbung14.3.1 Die kulturelle Supermacht14.3.2 Bildwerbung14.3.3 Radiowerbung14.4 Komik im Fernsehen14.4.1 Humoristische Kritik an Geschlechterverhältnissen14.4.2 GenderparodieZusammenfassung
15. Neue Medien15.1 Internetnutzung und Geschlecht15.2 Internetbasierte Kommunikation und Gender15.2.1 Sprachliche Merkmale internetbasierter Kommunikation15.2.2 Gender und Sprachgebrauch im Netz15.2.3 Genderisierte Stile internetbasierter Kommunikation?15.3 Gender und Identitätskonstruktion(en) im Netz15.3.1 Indexing gender15.3.2 Genderswapping15.3.3 Selfies15.3.4 Online-DatingZusammenfassung
Literatur
Register
Vorwort
Kaum ein Thema löst so vehemente, oft reflexhafte Reaktionen aus wie die Genderlinguistik. Längst hat sich ein öffentlicher Disput entsponnen, der sich zwar immer wieder über ‚die Sprache‘ äußert, aber weit von der dafür zuständigen wissenschaftlichen Disziplin, der Sprachwissenschaft, entfernt ist. Dieser weitgehend uninformiert und emotional geführte Diskurs hat sich so weit verselbständigt und dabei auf vermeintliche Vorschriften oder gar „Sprechverbote“ kapriziert, dass sich die Linguistik selbst gar nicht mehr zu Wort meldet: Man wüsste nicht, wo man anzufangen hätte. Ohne linguistische Elementarkenntnisse lässt sich kaum etwas vermitteln. Deshalb dringen weder Erkenntnisse aus der Linguistik nach außen noch fragt die Öffentlichkeit, ob die Linguistik etwas dazu zu sagen hätte. Wir meinen jedoch, dass dies dringend angezeigt ist.
Wir legen daher für alle diejenigen, die sich für die faszinierende Disziplin der Sprachwissenschaft interessieren, eine Einführung vor, die versucht, den aktuellen Wissensstand zum Komplex Sprache und Geschlecht allgemeinverständlich zu präsentieren. Manche Bereiche sind gut erforscht, andere weniger, viele auch gar nicht. Im letzten Fall müssen wir uns auf (meist) US-amerikanische Forschungen beziehen, die aufzeigen, was für das Deutsche noch zu leisten wäre. Da die Genderlinguistik (im Gegensatz zu anderen genderbezogenen Disziplinen) nie an deutschen Universitäten institutionalisiert wurde, sind gravierende Wissensdefizite zu beklagen, die die deutsche oft weit hinter die angelsächsische Genderlinguistik zurücktreten lässt. Solche Forschungslücken werden in dieser Einführung, die sich in erster Linie an die Studierenden unseres Faches wendet, benannt.
Zur besseren Orientierung im Buch sind zentrale Begriffe und Schlagwörter durch Fettdruck hervorgehoben. Außerdem sind manche Abschnitte in Textkästen gefasst und mit Icons versehen, die unterschiedliche Funktionen haben. Es handelt sich dabei um Abschnitte,
die wir für besonders wichtig halten,
die interessante Hintergrundinformationen bieten oder unsere Ausführungen vertiefen oder
Beispiele darstellen.
Dem Narr-Verlag und insbesondere Tillmann Bub danken wir für die tatkräftige und freundliche Unterstützung. Lena Späth sind wir für die kritische Lektüre aus studentischer Perspektive dankbar, Pepe Droste und dem Freiburger Forschungskolloquium für wertvolle Kommentare zu Kap. 12. Lea Sonek, Claudia Koontz, Elena Gritzner und Petra Landwehr haben aufwändige Layout-Arbeiten geleistet.
Die einzelnen Kap. wurden wie folgt aufgeteilt: Helga Kotthoff ist Verfasserin von Kap. 2 und 11 bis 14, Damaris Nübling von Kap. 3 bis 10, Kap. 1 stammt von beiden. Autorin von Kap. 15 ist Claudia Schmidt.
Freiburg und Mainz, im November 2018
Helga Kotthoff, Damaris Nübling, Claudia Schmidt
1. Wozu Genderlinguistik?
Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Goffman 1994, 131)
Diese Einführung ist kein feministischer Leitfaden. Sie ist auch keine Einführung in die feministische Linguistik, da sie keinen sprachpolitischen Anspruch verfolgt (hierzu Samel 2000; Pusch 1984). Als eine der wichtigsten Vertreterinnen der feministischen Linguistik schreibt Pusch (1990, 13):
Als feministische Wissenschaft ist die feministische Systemlinguistik ‚parteilich‘, d.h., sie bewertet und kritisiert ihre Befunde, begnügt sich nicht mit der Beschreibung, sondern zielt auf Änderung des Systems in Richtung auf eine gründliche Entpatrifizierung und partielle Feminisierung, damit aus Männersprachen humane Sprachen werden.
Diese Haltung ist legitim. Dennoch versuchen wir in dieser Einführung eine möglichst unparteiliche Position einzunehmen. Dabei thematisieren wir durchaus sprachpolitische Vorschläge, da sie den öffentlichen Diskurs bestimmen und bereits zu greifbaren Effekten in Form von Sprachwandel geführt haben. Um ein Beispiel zu nennen: Wir bewerten das IndefinitpronomenIndefinitpronomen man, obwohl es an Mann anklingt, damit etymologisch verwandt ist und maskulines Genus hat, mit Referenz auf Frauen nicht als ‚falsch‘ oder ‚inkongruent‘, auch wenn dies die feministische Sprachwissenschaft tut und das feminine Indefinitpronomen frau kreiert hat. Viele haben an dem Satz „Wie kann man seine Schwangerschaft feststellen?“ nichts auszusetzen und verwenden ihn selbstverständlich mit Bezug auf sich selbst oder auf andere Frauen. Dies gilt es festzustellen und nicht zu bewerten. Zur Wirkung feministischer Neuerungen kann man als Beispiel maskuline Formen (wie Student, jeder) anführen, die durch die Etablierung und Empfehlung femininer Formen stärker auf die männliche Referenz reduziert wurden und werden.
Was für das Deutsche fehlt, ist eine möglichst wertungsfreie Genderlinguistik, die den Einfluss der sozialen Variablen Geschlecht auf ‚die Sprache‘ (das System) und ‚das Sprechen‘ (Sprachverwendung, Gespräche) untersucht, und, wenn ein solcher Einfluss gegeben ist, diesen (möglichst) bemisst. Dass es dabei zur Feststellung von Asymmetrien kommt und zur Bestätigung von vielem, was die feministische Linguistik bereits erforscht und beschrieben hat, bedeutet nicht, auf sprachpolitische Maßnahmen abzuzielen, so sinnvoll und berechtigt sie sein mögen (hierzu gibt es mittlerweile viel Literatur, s. jüngst von Duden „Richtig Gendern“). Natürlich haben jahrhundertelang praktizierte Geschlechterunterscheidungen, Ungleichbewertungen und Hierarchisierungen nicht nur das Sprachsystem geprägt, sie wirken auch bis heute auf unser Sprachverhalten, in unsere Interaktionen ein. Diese Einführung behandelt daher einerseits den Sprachgebrauch, wie er sich im Sprechen über und durch die Geschlechter manifestiert; die gesprächs- und medienanalytische Genderforschung wird dabei auf den neuesten Stand gebracht. Andererseits analysieren wir das Sprachsystem, das in seinen erhärteten lexikalischen und grammatischen Strukturen frühere Gespräche, Geschlechterordnungen und das Sprechen über die Geschlechter konserviert, perpetuiert und reproduziert. Seit einigen Jahrzehnten werden Unterscheidungen nach Geschlecht politisch unterbunden, Geschlecht darf z.B. bei Bewerbungen und beruflichen Zugängen (außer dem Beruf des Priesters) keine Rolle spielen (undoing gender). Auch in vielen gesellschaftlichen Bereichen verliert diese Unterscheidung an Relevanz, sie wird zunehmend zurückgewiesen. Mütter gehen immer öfter arbeiten und Väter kümmern sich zunehmend um die Kinderversorgung. Auch hier stellt sich die Frage, ob solcher gesellschaftlicher Wandel sich bereits in ‚Sprache und Gespräch‘ niedergeschlagen hat oder dies derzeit tut.
1.1 Was ist Geschlecht?
Geschlecht ist eine in vielen Gesellschaften praktizierte soziale Unterscheidung von Menschen, die am Körper ansetzt. Als Geschlechtszugehörigkeit wird hier das begriffen, wozu Menschen sich selbst bekennen. In den meisten Fällen entspricht ihre GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentität (Gender) der bei der Geburt vorgenommenen und von den GenitalienGenitalien abgeleiteten Geschlechts(klassen)zuordnung (Sexus). Ist der Sexus nicht schon vorher bekannt, so lautet die erste Frage von Angehörigen nach der Geburt: „Und – was ist es?“. Mit „was“ könnte theoretisch viel gemeint sein, praktisch bezieht es sich nur auf das Geschlecht. Die Geschlechtszuordnung sortiert die Menschen von Anfang an in (mindestens) zwei Klassen und hat gewaltige soziale Folgen (zur jüngst etablierten dritten Klasse im Personenstandsregister s.u.). Das, was nach der Geburt allerorten vorgeführt und tagtäglich eingeübt wird, ist die – graduell ausgeprägte – soziale GeschlechterrolleGeschlechterrolle (Gender), die die Binarität in aller Regel vergrößert. Mit Gender sind somit alle an die biologische (anatomische) Geschlechtsbestimmung andockenden vielfältigen Praktiken der Geschlechtsdarstellung (doing gender) gemeint (Kap. 2). Diese sind viel wirkmächtiger als GenitalienGenitalien, Chromosomen- oder Hormonsätze und bestehen aus kulturell und historisch variablen Kleidungs-, Ornamentierungs-, Konsum-, Betätigungs-, Verhaltens- und auch Sprechweisen, die sachlich und logisch keinerlei Bezug zu dem haben, was man bei der Geburt zwischen den Beinen vorgefunden hat. Sie werden jedoch so früh und leidenschaftlich betrieben und dabei erhärtet, dass sie bald für Natur, für ‚angeboren‘ gehalten werden (NaturalisierungNaturalisierung von Gender). Versuche, ins Genderinventar der anderen Geschlechtsklasse zu greifen (röcketragende Männer, krawattetragende Frauen), werden mehr oder weniger stark sanktioniert. Röcketragende Männer riskieren sogar den Verlust ihres Geschlechts, mindestens ihres StatusStatus (sozialer), während hosetragende Frauen mittlerweile das Hosengeschlecht neutralisiert haben. Noch 1970 wurde die Parlamentarierin Lenelotte von Bothmer, weil sie es wagte, im Bundestag einen Hosenanzug zu tragen, von den (nicht anders gewandeten) Herren übel beschimpft („Sie sind ein unanständiges würdeloses Weib!“; „Sie sind keine Dame!“). Gender ist damit hochvariabel, kontingent und historisch wandel- inkl. umkehrbar (so war rosa früher die ‚Farbe der Jungen‘).
Die bei der Geburt vorgenommene Klassifikation wird als lebenslang begriffen und mit der Vergabe eines ebenfalls lebenslang geltenden, vergeschlechtlichten Namens hör- und sichtbar gemacht (Kap. 9). Eltern, die ihrem Kind schon lange vor der Geburt einen Proto- bzw. Pränatalnamen geben, ändern diesen häufig mit der Geschlechtsdiagnose. Da der Mehrheitsglaube der an zwei Geschlechter ist und tief in Gesellschaft, Gesetze, Sprache etc. eingelassen ist, untersuchen wir diese historisch sehr alte Unterscheidung in der deutschen Sprache. In diesem nicht-biologistischen Sinn sprechen wir von Gender oder einfach nur von Geschlecht, das die Kopplung von Gender an GeschlechtsorganeGeschlechtsorgane weder negiert noch erfordert. Auch viele andere Gesellschaften beziehen bei der Geschlechterunterscheidung körperliche Geschlechtsmerkmale ein. Da das natürliche, biologische oder körperliche Geschlecht oft sichtbar ist sowie – auf vielfältigste Art und Weise – sichtbar gemacht wird und auch bei der Geschlechtszuweisung durchaus thematisiert wird (der hat ja gar keinen Bart! die hat ja einen richtigen Bart!), da wir außerdem bei Kühen, Bullen und anderen TierenTiere nicht von Gender sprechen können, sondern deren Geschlechtsklasse sich nur aus körperlichen Merkmalen ergibt, sprechen wir auch von Sexus.
Auch auf der biologischen Sexusebene gelangte in den letzten Jahrzehnten die (medizinisch schon ältere) Erkenntnis ins allgemeine Bewusstsein, dass sich eine strikte Zweigeschlechtlichkeit nicht aufrechterhalten lässt. Auf anatomischer (innere und äußere GeschlechtsorganeGeschlechtsorgane), chromosomaler und hormonaler Ebene existieren vielfältige Zwischentypen und -formen, die bislang bald nach der Geburt medizinisch zugunsten der Geschlechtsbinarität bearbeitet (‚vereindeutigt‘) wurden. Auch so schafft man zwei (und nur zwei) Geschlechter und bannt man Ambiguität.
Gegenwärtig können wir beobachten, dass sich immer mehr Geschlechter und Geschlechtsidentitäten Gehör und Respekt verschaffen, z.B. Intersex-PersonenIntersex (mit uneindeutigen GeschlechtsorganenGeschlechtsorgane), die heute nach der Geburt nicht mehr operativ vereindeutigt werden müssen (man wartet ihre eigene Entscheidung ab) und die seit neuestem von einem dritten Geschlechtseintrag („inter/divers“) Gebrauch machen können. Ebenso kann die GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentität (auch soziales oder psychologisches Geschlecht genannt) von der genitalienbezogenen Zuordnung abweichen (TransgenderTransgender). Auch gibt es Personen, die sich jenseits jeglichen Geschlechts positionieren, jegliche Geschlechtszugehörigkeit also gekündigt haben (dem entsprechen in der Religion AtheistInnen): Sie weisen, egal, wie ihr Körper beschaffen ist, jegliche Vergeschlechtlichung von sich. Hier erlangen die GenitalienGenitalien den Status von Haarfarbe oder Sommersprossen, sie sind irrelevant. Dabei haben auch geschlechtsfreie Menschen mit der Tatsache zu kämpfen, dass ihnen, ob sie es wollen oder nicht, ein Geschlecht übergestülpt wird: In jeder Begegnung versucht das Gegenüber, ihnen eine von zwei Geschlechtsklassen zuzuweisen. Auch die (deutsche) Sprache erzwingt eine Geschlechtsbinarisierung, da sie gerade in zentralen Bereichen nur zwei Optionen (und nicht drei oder vier) vorsieht, so etwa bei der Anrede (Frau oder HerrHerr), in der Warteschlange (die DameDame/der HerrHerr war vor mir dran und kaum diese PersonPerson war vor mir dran), bei den Pronomen der 3. Person (sie oder er), bei der Namengebung (Michael oder Michaela). UnisexnamenUnisexnamen (Toni, Nicola) irritieren viele, führen zu Nachfragen und werden nur selten vergeben. Standesämter raten von ihnen ab.
Wir werden dieses Spektrum an geschlechtlicher Vielfalt mit in den Bick nehmen, ohne umgekehrt aus dem Blick zu verlieren, dass die große Mehrheit der Menschen der Zweigeschlechtlichkeit frönt und sich mehr oder wenig stark zu ihrem Geschlecht bekennt. Beim doing gender (Kap. 2) werden auch biologische Fakten ins Feld geführt: Stimmunterschiede werden dramatisiert, Bekleidungen gewählt, die deutlich auf die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale hinweisen bzw. diese exponieren, Operationen durchgeführt, die die biologischen Geschlechtsmerkmale bearbeiten, vergrößern, ‚optimieren‘, betonen, Bärte werden wachsen gelassen etc. Biologische Geschlechtsmerkmale werden somit (neben einer Palette an kulturellen Indices) mehr oder weniger bewusst zur Geschlechtsdarstellung eingesetzt – ein Blick ins Fernsehen, ins Internet oder auch nur ein Tritt vor die Tür reichen zur Bestätigung dessen aus. Biologische Sexus- und soziale Genderklasse korrelieren zu weit über 90 %, und dies wird von vielen affirmiert.
Daher differenzieren wir (entgegen radikalkonstruktivistischen Ansätzen von Judith Butler und anderen) zwischen Sexus und Gender, wohl wissend, dass Gender relevanter für die Geschlechtsdarstellung und -zuordnung ist und in keiner logischen Beziehung zum Sexus steht. Die Soziologie unterscheidet in diesem Sinn zwischen Weibchen und Männchen (Sexus) sowie zwischen Frauen und Männern (Gender) (Hirschauer 2013). Wir alle führen einen Körper mit uns, der für andere sichtbar ist und dem diese ein Geschlecht zuweisen (ein Faktum, das Butler vernachlässigt). Dies zeigt: Geschlecht ‚gehört‘ nicht nur dem Individuum, Geschlecht wird in aller Regel und binnen kürzester Zeit von außen zugewiesen. Gelingt die Geschlechtszuweisung nicht, führt dies (beiderseits) zu Irritationen. Dies erfahren Transgender-PersonenTransgender zu Beginn ihrer Transition, wenn sie Hormone einnehmen, ihre Kleidung verändern etc. Hier erweist sich das alltägliche Interesse an einer wohlgeformten GeschlechtergrenzeGeschlechtergrenze am offensichtlichsten: „Also uns sind Beschwerden über Sie zu Ohren gekommen. Sie sind geschlechtlich nicht eindeutig“, zitiert eine davon betroffene Trans-PersonTrans-Personen ihren Arbeitgeber (Schmidt-Jüngst 2018a, 66). Viele gehen im Alltag davon aus, dass jede Person genau ein festes Geschlecht hat. Jemanden nach ihrem/seinem Geschlecht zu fragen, bedeutet, es als solches zu bezweifeln. Die meisten Menschen würde diese Frage schockieren (sie wird auch kaum gestellt), selbst wenn sie an der Geschlechtsdarstellung (Gender) desinteressiert sind. Ab der Geburt wird das, was Geschlecht primär ausmacht, so schnell und intensiv verinnerlicht, ohne dass man sich (einschließlich vieler erschreckter Eltern, die behaupten, bei der Erziehung keinen Unterschied zu machen) dessen bewusst ist. Da wir uns im Folgenden nicht immer dazu äußern können und wollen, ob Sexus- und Genderklasse übereinstimmen, sprechen wir vereinfachend von Geschlecht, wenn wir die persönliche Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen meinen.1 Umso konsequenter werden wir in der Grammatik das Wort Geschlecht meiden (wir sprechen dort nur von Genus).
In ihrem berühmten Werk „Das andere Geschlecht“ (1949) erklärte Simone de Beauvoir:
Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es [d.h.: dazu gemacht]. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt. (Beauvoir 1992, 334).
Das große Anliegen der linguistischen Geschlechterforschung war und ist es, in diesem Sinn die sprachlichen und kommunikativen Beiträge zur Gestaltung von Männlichkeiten, Weiblichkeiten, Zwischen- und Transidentitäten nachzuzeichnen. Die noch größere Frage, wie es zur sprachlichen Geschlechtsdifferenzung überhaupt kommt – phylo-, historio- wie ontogenetisch –, ist noch kaum beantwortet: Weder wissen wir, ob alle Sprachen Geschlecht kodieren (und, wenn ja, wie verpflichtend und seit wann sie es tun), noch wie sich im Zeitverlauf der Ausdruck dieser Information verändert, verstärkt oder abschwächt. Dieses Buch wird dazu neue Einblicke liefern.