Kitabı oxu: «Echte Freunde»

Şrift:

Daniel Zimakoff
Echte Freunde

Aus dem Dänischen von Kerstin Schöps

Saga

Kapitel 1

Auf halber Höhe der Böschung lag ein kleiner Haufen pissgelben Schnees. Obwohl es draußen sieben Grad warm war, weigerte er sich beharrlich zu schmelzen, vielleicht blockierte der Säuregrad des Urins den Prozess. Die langweiligen Osterferien waren vorbei, und der erste Schultag ohne Oskar stand mir drohend bevor. Mein bester Freund lief mit gesenktem Kopf auf der anderen Seite der Erde herum, und ich stapfte allein zur Schule. Oskar hatte mich immer früh abgeholt, damit wir noch genug Zeit hatten, vor der ersten Stunde miteinander zu reden. Ab jetzt musste ich selbst auf die Uhr gucken, und obwohl ich spät dran war, wollten meine Beine einfach nicht schneller gehen. Oskar hatte seine erste Schulstunde schon gehabt, viele Zeitzonen von mir entfernt. Eine Menge neue Gesichter – und keiner sprach dänisch. Aber er würde schon klarkommen, das hatte er immer getan, und bald würde er bestimmt total beliebt sein und einen Haufen neuer Freunde haben. Es hatte schon zur ersten Stunde geklingelt, als ich ins Klassenzimmer schlich.

Ich murmelte eine Entschuldigung und wollte mich schnell auf meinen Platz neben dem leeren Stuhl setzen, auf dem Oskar gesessen hatte, aber der Stuhl war nicht leer! Ich sah nach vorne zu unserem Klassenlehrer am Pult, und unsere Blicke trafen sich.

»Ja, wie ich gerade eben schon gesagt habe«, sagte Bjarne und nickte mir zu. »Ich habe allen nach den Ferien neue Plätze zugewiesen. Und das ist kein Vorschlag, der zur Diskussion steht!«

Langsam ging ich zu meinem Platz, hinten im Klassenzimmer. Nach Oskars Auswanderung waren wir jetzt dreiundzwanzigeinhalb in der Klasse, und mit zwölf Zweiertischen musste ja einer neben dem Halben sitzen. Und das Genie Bjarne hatte herausgefunden, dass ich derjenige sein würde. Der Halbe war Vitus. Vitus war krank und roch nach Krankenhaus und Friedhof. Vitus sah mich mit glühenden Augen an. Chemofrisur unter der Schirmmütze und käsebleich im Gesicht.

»Hey, Oliver«, sagte er mit heiserer Stimme. Seine Augenlider flackerten.

»Hey.« Ich sah weg und wäre fast über seine Tasche gefallen.

»’tschuldige.« Er zog die Tasche zu sich ran und grinste blöde.

Ich machte eine Grimasse und setzte mich hin. Vitus hatte Leukämie. Das war Krebs im Blut. Krebs. Daran konnte man sterben. Das letzte Jahr war er praktisch gar nicht in der Schule gewesen, und ab jetzt würde er ein paar Tage die Woche zum Unterricht kommen. Das tat mir echt leid für ihn, wirklich, aber warum durfte ich nicht einfach einen ganz normalen Tischnachbarn haben? Man konnte doch gar nicht befreundet sein mit einem, der weder Fußball spielen konnte noch die Kletterwand hochkam oder irgendwas anderes Cooles machte. Und der auch höchstens zweimal die Woche in die Schule kam. Ich sah mich um, suchte verständnisvolle Blicke, aber alle waren mit ihren Sitznachbarn beschäftigt.

»Wir haben den Test vor den Ferien ja nicht mehr geschafft ...«, begann Bjarne. Vor Ostern hatten wir eine Projektwoche Philosophie gehabt. Jetzt wollte Bjarne sehen, an was wir uns noch erinnerten. Er las zehn verschiedene Zitate vor, und wir sollten aufschreiben, wer jeweils dahinter stand, also wer sie ausgesprochen hatte.

»Zitat Nummer 1: ›Das Leben muss rückwärts gerichtet verstanden, aber vorwärts gelebt werden.‹ Habt ihr das? Gut. Zitat Nummer 2: ›Ich denke, also bin ich.‹ Nicht schummeln, Sebastian!«

»›Nicht schummeln‹, gehört das zu Zitat Nummer 2?«, fragte Joakim und brachte alle zum Lachen. Ich konnte mich an kein einziges Zitat erinnern. Platon aus dem alten Griechenland war dabei gewesen, Hegel war Deutscher und Kierkegaard, der war Däne, aber ich brachte die alle durcheinander. Ich schielte rüber zu Vitus, der die Antworten eifrig auf das Papier schrieb. Als er fertig war, schob er sein Heft zu mir rüber, nur ein kleines bisschen, und lehnte sich zurück. Ich zögerte, Oskar und ich hatten uns auch immer gegenseitig geholfen.

Ich schob das Heft zurück. Vitus sah enttäuscht aus. Ich schrieb schließlich nicht von jedem ab, und außerdem war er wohl kaum klüger als ich. Er ging ja noch nicht mal jeden Tag in die Schule. Und auf den Klassenausflug würde er auch nicht mitkommen, vielleicht sollte ich auch krank werden und mich abmelden. Ohne Oskar würde das hundertprozentig eine komplett langweilige Reise werden.

Es klingelte, die Stunde war zu Ende. Bjarne sammelte unsere Tests ein. Wir würden nächste Stunde die Noten erfahren. Ich wusste in der kleinen Pause nichts mit mir anzufangen. Ein paar von den Jungs wollten Fußball spielen, mit Sitzbänken als Tore. Die meisten von ihnen waren im selben Fußballverein. Sebastian, der in der ersten Mannschaft vom Verein spielte, teilte gerade die Mannschaften ein. Ich schlenderte zu ihnen rüber. Fühlte mich irgendwie nackt, so ohne Oskar. Natürlich sagte keiner: Hey, Oliver, willst du mitspielen?

»Darf ... darf ich mitmachen?«, fragte ich und versuchte, es beiläufig klingen zu lassen.

»Wir sind genau vier in jeder Mannschaft«, sagte Sebastian und fuhr sich mit der Hand durch seine blonden Haare. »Wenn du noch einen findest?«

Ich sah mich auf dem Schulhof um. Zwei andere Jungen aus der Klasse saßen zusammen und tauschten Sammelkarten. Der Einzige, der allein herumhing, war Vitus. Er saß auf einer Bank und schützte sich mit einer Hand vor der Sonne. Oder winkte er mir zu? Ich tat so, als hätte ich nichts gesehen, er konnte ja sowieso nicht mitmachen.

»Können wir nicht fünf gegen vier spielen?«, fragte ich.

»Nee. Das ist nicht so ’ne gute Idee. Du kannst ja Reserve sein, vielleicht wird einer müde.«

»Ja, oder hat einen Herzinfarkt und kippt um!«

»So ist das nun mal.« Ich hatte genau verstanden, was er meinte. Jetzt, wo Oskar weg war, musste ich von vorn anfangen, mich von unten wieder hocharbeiten. Ich drehte mich um und ging. Reserve! Auch wenn Oskar und ich nicht im Verein gespielt hatten, waren wir mindestens so gut wie die anderen. Hinter mir hörte ich, dass das Spiel begann.

Die Toiletten rochen irgendwie verkehrt. Sie stanken überhaupt nicht so wie sonst. Während der Ferien waren sie geputzt worden, und der Geruch von dem alten Scheuerpulver war schlimmer als der vertraute Gestank. Ich setzte mich auf die Kloschüssel und seufzte. So würde das jetzt für immer sein. Ich würde ein beschissener Einzelgänger ohne Freunde sein. Das Schlimmste daran war, dass ich sie gut verstehen konnte. Als Oskar noch da war, war es mir auch egal gewesen, ob alle einen Freund hatten. Ich hatte ja Oskar, und wir waren die ganze Zeit zusammen. Papa und Mama hatten echt hart daran gearbeitet, mir in den Ferien einen neuen Freund zu besorgen. Sie hatten sich über meine Proteste hinweggesetzt und die »nettesten Jungs« aus der Klasse angerufen. Nee, tut mir leid. Sie hatten alle andere Pläne. Natürlich hatten sie das, und das machte es nur noch peinlicher für mich: Der große Junge kann noch nicht mal selbst anrufen. Jetzt sahen mich die anderen in der Klasse mit verächtlichen und mitleidigen Blicken an. Ich könnte ohne Schwierigkeit einer von Sebastians Untertanen werden, wenn ich ihn alles bestimmen ließ. Aber dazu hatte ich keine Lust. Es klingelte zur nächsten Stunde, aber ich blieb noch ein bisschen sitzen. Die Innenseiten der Toilettentüren waren übersät mit Sprüchen. Die ließen sich einfach nicht abwaschen. Ich hatte sie schon tausendmal gelesen.

1 Million Fliegen können sich nicht irren – fresst Scheiße. Haltet Dänemark sauber, zeigt jedem Schweden den Weg zur Fähre. Alle Mädchen lieben Sebastian, William liebt Andrea – Andrea liebt sich selbst.

Aber daneben stand ein neuer. Was ist Oliver ohne Oskar? Ein Huhn ohne Kopf. Wer verdammt noch mal hatte das geschrieben? Sahen diese langen Buchstaben nicht aus wie die Handschrift von Sebastian?

Bjarne war dabei, unseren Test zu korrigieren, als ich ins Klassenzimmer kam und mich an meinen Platz setzte. Er hörte kurz auf und sah mich an, dann machte er weiter.

»Es ist wirklich nicht einfach, das Niveau in dieser Klasse zu bestimmen«, sagte er und seufzte übertrieben. »Hier gibt es alles: von null bis zehn Richtige.«

Alle wollten wissen, wer null und wer zehn Richtige hatte. Könnte ich das sein? Mir war so, als hätte Bjarne mich angesehen.

»Derjenige von euch mit null Richtigen weiß selbst, dass er sich zusammenreißen muss und in der Stunde die Ohren spitzen sollte.«

»Und wer hat zehn Richtige?« Das war Ida, die das unbedingt wissen wollte, die Klassenbeste. Wenn sie es nicht war, hatte garantiert eines der anderen Mädchen zehn Richtige. Die Mädchen schrieben im Unterricht mit und machten immer ihre Hausaufgaben.

»Die hat Vitus, tatsächlich! Gut gemacht, Vitus. Und das, obwohl du gar nicht die ganze Zeit da warst. Hast du zu Hause viel gelesen?«

»Ja, habe ich.«

»Es hört sich an, als ob du sehr viel wüsstest.«

»Ich weiß, dass ich nichts weiß«, sagte Vitus und wurde knallrot in seinem sonst so blassen Gesicht.

»So spricht ein wahrer Philosoph. Davon könnt ihr anderen was lernen. Ein Philosoph ist neugierig, stellt Fragen und denkt nach, ohne sich einzubilden, etwas zu wissen. Ja bitte, Sebastian?«

Sebastian räusperte sich. Alle sahen ihn an, und es war offensichtlich, dass er die Situation genoss.

»Vitus hat viel gefehlt und kommt auch nur ein paarmal die Woche. Das, was wir daraus lernen können, ist dann wohl ..., dass wir anderen viel zu oft hier sind?«

Die Klasse lachte. Sebastian sah zufrieden aus. Er hatte seine Position als der Chef der Klasse wieder einmal bestätigt. Er war der Größte von den Jungen, und vor den Weihnachtsferien war er die Nummer zwei nach Oskar, der zu Mister 7a gewählt worden war – von den Mädchen natürlich. Sebastians Eltern wohnten in einem riesigen Haus mit eigenem Strand. Dort hatte er vor Kurzem seinen 14. Geburtstag gefeiert. Mein Papa hatte im Sommer einmal gesagt, dass Sebastians Eltern stinkreich seien. Sebastian benahm sich auch schon wie ein Geschäftsführer, und jetzt, seitdem Oskar nicht mehr da war, um ihn am Boden zu halten, würde er sofort unerträglich werden. Bjarne schüttelte den Kopf und verteilte die Tests. Ich hatte drei Richtige.

»Du hättest doch auf mein Blatt gucken sollen«, flüsterte Vitus und klang kein bisschen schadenfroh. Ich antwortete nicht, sondern rückte ein Stück von seinem Medizinatem weg.

Nach der Stunde bat mich Bjarne, noch einen Augenblick zu bleiben. Wir warteten, bis der Klassenraum leer war. Bjarne räusperte sich.

»Drei Richtige. Das kannst du besser, Oliver.«

»Offensichtlich nicht.«

»Hast du was von Oskar gehört?«

»Es geht ihm gut.«

»Vermisst du ihn?«

»Was glauben Sie denn?«

»Gute Antwort. Ich habe deinen Vater letztes Wochenende spielen gehört. Ich war mit meiner Frau im Königlichen Theater. Fantastisch, wie die das können.«

»Ja, das klingt ganz okay.«

»Übrigens, wir haben dich für das Komitee fürs Kattegat aufgestellt.«

»Für was?«

»Den Klassenausflug. Die Gegend, in die wir fahren, heißt Kattegat.«

»Für dieses Komitee hat sich doch Sebastian gemeldet.«

»Wir haben das geändert, zwei Schüler pro Klasse plus die Lehrer.«

»Warum denn ausgerechnet ich?«

»Weil ... du immer so gute Ideen hast.«

»Das können Sie mal schön vergessen.« Ich hatte keine Lust, im selben Komitee wie Sebastian zu sein.

»Das neue Mädchen aus der Parallelklasse wird auch dabei sein.« Bjarne sah mich an. »Hast du sie schon kennengelernt?«

»Nein. Und es ist mir auch egal.« Tatsache war, dass ich sie schon gesehen hatte. Verwaschene Hüftjeans, einen weichen nackten Bauch, darüber eine schwarze Bluse, in derselben Farbe wie ihr kurzes, strubbeliges Haar. Ich fand, sie sah aus wie ein eingebildetes ›Sieh-mich-an‹-Girlie.

»Wir rechnen mit dir, am Donnerstag nach der letzten Stunde.«

Endlich war die letzte Stunde vorbei, und es klingelte. Die anderen packten lärmend ihre Sachen zusammen und stürmten aus dem Klassenzimmer. Ich blieb sitzen, während Vitus seine Tasche packte. Die Sonne schien durch die dreckigen Fenster und zeichnete Streifen in den Staub auf meinem Tisch.

»Na dann ... tschüss.« Vitus hob eine Hand zum Gruß.

»Tschüss.«

Vitus schlurfte raus. Ob er wohl Angst vor dem Tod hatte? War er darum so gut in Philosophie? Weil er den Sinn des Ganzen verstehen wollte, bevor er ins Gras biss? Ich trottete allein aus dem Klassenzimmer. Oskar und ich hatten um diese Zeit immer überlegt, ob wir noch in den Club gehen sollten oder nicht. Nach Hause zu ihm oder zu mir? Mein Leben war jetzt praktisch zu Ende. Game over. Ich konnte genauso gut die Konsequenzen daraus ziehen und mir den spitzesten Bleistift in das eine Ohr stecken und einmal quer durch den Kopf schieben. Oder die Schule schmeißen, auf einem Schiff anheuern und auf die andere Seite der Erde zu Oskar fahren. Sebastian stand bei den Fahrradständern und redete mit ein paar Jungen aus der Klasse. Lachten die gerade über mich?

Ich machte einen großen Bogen um sie und passte nicht auf, wo ich langging. Ein Fahrrad krachte in mich rein. Ich fiel hin und schlug mir das linke Knie auf.

»Verdammt noch mal!« Die Stimme gehörte einem Mädchen. Sie saß auf dem Radweg, das Fahrrad im Schoß.

»Entschuldige.« Ich rappelte mich auf und half ihr, das Fahrrad hinzustellen. Jetzt konnte ich auch sehen, dass es die Neue aus der Parallelklasse war. Sie stand auf, überprüfte die Klamotten auf irgendwelche Schäden, checkte das Handy und steckte die Haarspange fest.

»Das hier ist ein Fahrradweg.« Sie sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.

»Ich weiß, ich habe ... geschlafen.«

»Du bist geschlafwandelt?« Es klang spöttisch.

»Ja, nein, nicht so richtig im Schlaf.«

Sie sah an mir runter. Ich hatte mir ein Loch in die Hose gerissen, und das Knie blutete.

»Du blutest ja. Tut es weh?«

»Nein, nein. Das ist nichts.«

»Lass mich mal sehen.« Sie klappte den Fahrradständer aus und ging vor mir in die Hocke. Sie riss das Loch im Stoff ein bisschen auf und betrachtete mein kaputtes Knie. Ein leichter Duft von Seife stieg in meine Nase. Ihre Stimme war etwas nasal, weich, rund, aber voller Energie und mit einem kaum hörbaren Zischen, wenn die Luft durch die Lücke zwischen den Schneidezähnen wich. Ich weiß nicht, ob es der Geruch von Seife oder ihre Stimme war, aber ich hatte so ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch.

»Du wirst es überleben, aber es ist schade um die Hose.« Sie hatte eine kleine spitze Nase in einem großen Gesicht mit hohen Wangenknochen und energischem Kinn.

»Das macht nichts«, murmelte ich.

»Was für ein Glück, du Schlafwandler, dass Löcher in den Jeans immer noch in Mode sind.« Sie sah mir direkt in die Augen, und für einen kurzen, albernen Moment hatte ich das Gefühl, dass wir uns kannten. Dass wir irgendetwas gemeinsam hatten. Sie lächelte. Die Lücke zwischen den Schneidezähnen teilte den Mund in zwei Hälften, es war so, als ob die zwei Seiten ihres Mundes nicht sorgfältig zusammengesetzt worden waren.

»Ich hoffe, dass dein Fahrrad nicht ...«, fing ich an.

»Das wird schon«, unterbrach sie mich. »Das bringt mein Vater wieder in Ordnung. Er liebt es, an Fahrrädern rumzuschrauben.« Sie schwang sich auf den Sattel und fuhr mit einem rhythmisch knirschenden Schutzblech davon. Ich sah ihr nach, bis sie verschwunden war, dann humpelte ich mit einem Loch in der Hose und einem eigenartigen Gefühl im Körper nach Hause.

Kapitel 2

Am Donnerstag, drei richtig elende Tage später, machte ich mich nach der Schule auf den Weg zum Lehrerzimmer. Es schüttete, und ich lief mit der Jacke über dem Kopf einmal quer über den Schulhof. Ich wollte nur kurz bei der Sitzung von diesem Ausflugskomitee vorbeigehen und mitteilen, dass sie nicht mit mir rechnen konnten. Oskar hatte schon einen neuen Freund, nicht dass er das so direkt geschrieben hätte, aber ich konnte es zwischen den Zeilen lesen. Er hieß Andrew, und sein Vater hatte einen fetten Geländewagen. Oskar vermisse mich, schrieb er, aber das hatte er bestimmt nur getan, um mich zu trösten. Ich hatte ihm nämlich eine ziemlich frustrierte E-Mail geschickt.

Susanne, die Klassenlehrerin der Parallelklasse, strahlte, als sie mich sah. Sie kam auf mich zu und hieß mich herzlich im Komitee willkommen, als wäre ich irgendeine Berühmtheit. Ist schon komisch, dass Verlierer und Stars gleich behandelt werden, man sieht ihnen nicht in die Augen und redet mit ihnen nicht wie mit normalen Menschen.

»Ich bin nur vorbeigekommen, um zu sagen, dass ich ...«

Das Telefon klingelte. Susanne hob ihre Hand in die Luft und ging ans Telefon. Bestimmt ein besorgter Elternteil. Bjarne saß an einem der Tische am anderen Ende des Lehrerzimmers, in den Händen sein treu ergebener Kaffeebecher. Er nickte mir zu und hielt den Daumen hoch. Ich schüttelte den Kopf. Sebastian saß ihm gegenüber und warf mir ›Was-machst-du-denn-hier?-Geh-bloß-nach-Hause‹-Blicke zu. An demselben Tisch saß Camilla aus der Parallelklasse. Wo war denn die Neue? Na, mir war das auch egal, ich würde ja sowieso nicht mitmachen. Susanne bedeckte mit der einen Hand den Hörer.

»Die Jacke bitte draußen in die Garderobe«, sagte sie.

»Ja, aber ich will ja gar nicht ...«

Susanne hob wieder die Hand und redete weiter. »Natürlich werden wir darauf achten, aber es ist ja nicht unsere Aufgabe, dass ...«

Ich wollte zu Bjarne rübergehen und mich abmelden, aber Susannes Hand flog erneut in die Luft. Sie wollte mich auf gar keinen Fall mit den tropfenden Sachen reinlassen. Okay. Ich ging wieder raus, um meine nasse Jacke auf einen Bügel zwischen die langen Mäntel der Lehrer zu hängen. Als ich mich umdrehte, stand ich direkt vor einem nassen schwarzen Regenschirm. Der Besitzer beziehungsweise die Besitzerin senkte den Regenschirm.

»Ach, der Schlafwandler, der Selbstmord begehen wollte. Verfolgst du mich?«, fragte sie mit einem Lächeln in der Stimme. »Oder bist du Privatdetektiv?« Sie streifte die Lackjacke ab und sah mich prüfend an.

»Genau. Deine Eltern bezahlen mich dafür, dass ich dich beschatte«, antwortete ich. Das war das Erstbeste, was mir einfiel.

»Aber jetzt bist du aufgeflogen und musst aufgeben.« Ich nickte. »Bist du auch im Komitee?«, fragte sie.

»Ja, das heißt, mein Lehrer hat mich dafür vorgesehen, aber ich ...«

»Bei mir genauso. Bestimmt, um der Neuen die Eingewöhnung ein bisschen zu erleichtern. Was ist dein Problem? Ich heiße übrigens Linnea«, fügte sie hinzu, bevor ich antworten konnte. »Wer bist du?«

»Oliver. Aus der Parallelklasse.«

Wir gingen zusammen ins Lehrerzimmer, so dicht nebeneinander, dass ich sie riechen konnte. Ein leichter Blumenduft. Ich entdeckte, dass ihr Nacken mit feinen weißen Feenhaaren bedeckt war.

»Hey, Linnea.« Sebastian stand auf und winkte.

»Hey, Bastian.« Linnea winkte zurück. Sebastian kicherte albern über seinen Kosenamen. Er zog den Stuhl neben sich zur Seite.

»Ist Olli einer deiner Freunde?« Linnea setzte sich und nickte zu mir rüber.

»Oliver? Wir gehen nur in eine Klasse.« Sebastian setzte sich wieder hin und rückte seinen Stuhl so nahe wie möglich an Linnea heran. Als wären sie ein altes Liebespaar. Susanne warf Bjarne einen Blick zu, aber der zuckte nur mit den Schultern. Jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen, um ihnen mitzuteilen, dass ich nicht mitmache. Stattdessen setzte ich mich auf die andere Seite des Tisches. Sie hatte mich Olli genannt, genauso wie Oskar früher. Ist er einer deiner Freunde?, hatte sie gefragt. Nicht, dass das besonders schmeichelnd gewesen wäre, Sebastian hatte keine Freunde, er hatte Untertanen, aber es bedeutete, dass sie mich wahrgenommen hatte. Und sie konnte sich daran erinnern, dass sie mich mit ihrem Rad umgefahren hatte. Sie konnte doch unmöglich mit Sebastian gehen, nicht jetzt schon, sie war doch gerade erst an die Schule gekommen. Bjarne stellte uns gegenseitig vor.

»Ja, das ist also Linnea. Gerade angefangen und schon aktiv.« Bjarne wedelte mit der Hand. »Camilla, die kennst du ja schon.« Linnea nickte. »Oliver ist das Sprachgenie aus der Parallelklasse, und Sebastian, ja, den kennst du offensichtlich auch schon.«

»Linnea und ich haben uns schon vor ein paar Tagen kennengelernt«, sagte Sebastian.

»Sebastian war so nett und hat mir an meinem ersten Tag gezeigt, wo das Schulbüro ist«, sagte Linnea.

»Okay.« Bjarne stellte seinen Kaffeebecher ab. »Jetzt, da wir alle versammelt sind, lasst uns gleich loslegen. Habt ihr Ideen für den ersten Abend?«

Es waren hauptsächlich die Lehrer, die Ideen hatten. Ich hatte mir aus gutem Grund keine Gedanken gemacht. Wir sollten versuchen, Biwaks zu bauen und in diesen unter fast freiem Himmel zu schlafen, hatten sich die Lehrer überlegt.

»Draußen schlafen, ist das nicht zu kalt im Mai?«, fragte Linnea.

»Das muss es nicht sein.« Sebastian grinste dämlich. Er saß so dicht neben Linnea, dass man glauben konnte, sie seien zusammengewachsen. Wenn er sprach, bewegte sich ihr Haar. Linnea rutschte ein Stück von ihm weg. Sebastian rutschte hinterher, und aus irgendeinem Grund störte mich das wahnsinnig.

»Es geht hier um eine einzige Nacht, und das auch nur, wenn es das Wetter zulässt.« Susanne lehnte sich nach vorne, ihre Pfadfinderaugen glühten. »Ihr baut Biwaks, seht die Sterne an, erkennt, wie klein ihr seid, und werdet dadurch größer.«

»Genau«, ergänzte Bjarne. »Außerdem ist es Ende Mai in der Regel schon warm, und wenn alle ihre Thermoschlafsäcke dabeihaben, wird das schon gehen.«

»Ich habe das bei den Pfadfindern schon mal gemacht«, sagte Sebastian. »Ich bin ziemlich gut im Bioark bauen.«

Er spuckte fast vor Eifer. Und dann passierte es, dass ich etwas sagte, ohne darüber nachzudenken. Das ist schon immer mein Problem gewesen, meine Zunge ist schneller als mein Kopf.

»Das heißt Biwak, Sebastian«, sagte ich.

»Ak-was?«

»Biwa, nicht Bio. Das ist ja kein Öko-Zelt, oder?«

Linnea und Camilla kicherten. Die Lehrer grinsten. Sebastian wurde knallrot. Explosionsrot.

»Das sagen viele verkehrt«, sagte Susanne. »Das kommt aus dem Französischen.«

»Französisch ist eine leichte Sprache«, sagte Bjarne. »Pferd heißt cheval, und so geht es die ganze Zeit weiter.«

Linnea sah mich an. Mir wurde ganz warm im Gesicht, und ich sah weg. Sebastian warf mir einen Blick zu, der grausame Blutrache schwor.

»Was haltet ihr von einem Schachturnier?« Das war Linneas Vorschlag. Sie sah in unsere erstaunten Gesichter.

»Spielt ihr zwei Kampfhähne kein Schach?« Sie schnaubte verächtlich. Es war klar, dass man das können musste, wenn man bei ihr eine Chance haben wollte. Sie habe ein sehr schönes Schachspiel, das ihr Vater aus Kasachstan mitgebracht hatte, erzählte sie.

»Ein bisschen Schach kann doch eigentlich jeder«, sagte Sebastian.

»Ja. So schwer ist das doch auch nicht«, sagte ich. »Das Pferd heißt cheval und darf im Zickzack springen.«

Linnea lachte nicht. »Nicht das Pferd. Der Springer.« Sie sah mich misstrauisch an. Es war eindeutig, dass sie Beweise für meine Schachkünste haben wollte.

»Du kannst doch keine einzige Figur richtig ziehen, Oliver. Es geht da um logisches Denken, wie in der Mathematik«, sagte Sebastian. Er sah zu den Lehrern rüber, um eine Bestätigung zu bekommen. Sie nickten. Sebastian war der Beste in Mathe. Genauso wie ich der Beste in Sprachen war.

»Schach ist nicht nur Mathematik«, sagte Linnea. »Das ist auch ... Intuition.«

»Das habe ich bestimmt«, sagte ich. Die Lehrer bemühten sich sehr, ein Lächeln zu unterdrücken. »Genau genommen bin ich ziemlich gut im Schach«, sagte ich und merkte, wie mein Gesicht ganz warm wurde. Linnea sah mich an. Sie wirkte überhaupt nicht überzeugt. Die Lehrer waren von der Schachidee total begeistert.

»Wer hilft Linnea bei den Vorbereitungen für das Turnier?«, fragte Bjarne.

»Das mache ich«, sagten Sebastian und ich im Chor. Ich weiß nicht, warum ich mich gemeldet habe, vielleicht, um Sebastian zu ärgern, um es ihm heimzuzahlen wegen der Fußballsache in der Pause.

»Ich kann kein Schach spielen«, sagte Camilla.

»Hmm.« Bjarne sah von einem zum anderen und zum Schluss zu Linnea. Linnea zuckte mit den Schultern. Sie wollte es nicht entscheiden.

»Wer von euch kennt sich aus mit ...«, fing Bjarne an.

»Wir können das Turnier auf dem Computer meines Vaters vorbereiten«, unterbrach ich ihn. »Listen erstellen. Das habe ich schon mal gemacht.«

»Okay. Oliver und Linnea sind verantwortlich für das Schachturnier und die Medaille für den Gewinner.« Bjarne überhörte Sebastians Proteste. Wir vereinbarten außerdem, dass das Kochen und Putzen von Gruppen übernommen werden würde, die aus Schülern beider Klassen bestehen sollten. Die wollte Susanne schon vor der Abreise zusammenstellen. Bjarne schlug vor, am Samstag die große Party zu feiern und Sonntagnachmittag dann die Heimreise anzutreten. Sebastian und Camilla wurden zum Partykomitee ernannt.

»Aber kein Alkohol«, sagte Susanne. »Als Mitorganisatoren seid ihr auch für die anderen verantwortlich.« Sie sah Sebastian fest in die Augen, der noch immer sauer war.

Es regnete nur noch ein bisschen, und ich ließ meine Jacke offen. Ich wollte den Club sausen lassen und gleich nach Hause gehen, um Oskar eine E-Mail zu schicken. Ihm erzählen, dass ich im Ausflugskomitee war, weil ich es nicht geschafft hatte abzusagen. Wie wohl die Mädchen in Neuseeland waren? Wenn man ein Mädchen als Freund hatte, könnte man es dann besser aushalten ohne einen besten Freund? Linnea hatte gesagt. »Tschüss, Olli, wir sehen uns.« Es flatterte in meinem Magen, so was hatte ich noch nie gehabt, lag das daran, weil Oskar nicht hier war? Weil ich mir einen Freund wünschte? Könnte Linnea meine erste richtige Freundin werden? Sie war hübsch, keine Frage, aber das war es nicht allein. Vielleicht war es die Stimme oder ihr direkter Blick oder das Glitzern in den Augen. Und jetzt würde sie bald zu mir nach Hause kommen. Ich musste Papa unbedingt überreden, mir noch mal zu zeigen, wie man diese Tabellen erstellt. Und dann könnte ich ihr die Wahrheit sagen, dass ich ein totaler Schachamateur war und nur irgendwas gesagt hatte, um Sebastian zu ärgern. Der Schulausflug nach Rørvig im Mai hatte eine ganz neue Perspektive bekommen, und morgen würden wir zusammen mit der Parallelklasse einen Ausflug nach Kronborg machen. Vielleicht war doch nicht alles so düster. Sebastian holte mich ein. Er sah sauer aus.

»Du glaubst wohl, du bist superclever, was?«

»Was meinst du damit?«, fragte ich, obwohl ich natürlich genau wusste, was er meinte.

»Warum musstest du, verdammt noch mal, auch bei dem Komitee mitmachen?«

»Das war nicht meine Idee.«

»Du glaubst wohl, ich habe nicht gesehen, wie du Linnea die ganze Zeit angeglotzt hast?« Seine Stimme klang sehr bedrohlich, aber ich konnte trotzdem meinen Mund nicht halten.

»Zumindest habe ich nicht in ihr Haar gesabbert«, sagte ich. Und ging.

Das Letzte, was ich hörte, war eine Drohung, die wie ein bösartiges Zischen klang.

»Du wirst schon noch sehen.«

Pulsuz fraqment bitdi.

7,92 ₼
Yaş həddi:
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Həcm:
130 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711464540
Naşir:
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Bookwire
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