Kitabı oxu: «Lichte Horizonte»

Şrift:


Anne begegnet Stéphane. Sie sind beide nicht frei, haben sich eingerichtet in ihren Leben. Aus ein paar Blicken und einem ersten Gespräch entwickelt sich ein Mailwechsel über Kreativität und Begehren, der zunehmend ins Erotische kippt. Und immer lauter wird die Frage, ob man etwas tatsächlich leben muss, damit es wahr wird.

Daniela Engist, 1971 bei Schwäbisch Gmünd geboren, lebt mit ihrer Familie in Freiburg. Studierte Germanistik, Anglistik und Musikwissenschaft, behauptete in ihrer linguistischen Doktorarbeit, dass der Dialekt nicht aussterbe – unter gewissen Umständen.

Freie Journalistin, PR-Managerin, »Managerseelenstreichlerin«. Nach dreizehn Jahren bei multinationalen Konzernen in der Schweiz tauschte sie Brot gegen Kunst und widmet sich seitdem dem Schreiben. Kleins Große Sache hieß 2017 ihr erfolgreicher, sehr gelobter Debütroman.


Daniela Engist

Lichte Horizonte

Roman

1. Auflage

in der Edition Klöpfer

Stuttgart, Kröner 2021

ISBN DRUCK: 978-3-520-75001-3

ISBN EBOOK: 978-3-520-75091-4

Umschlaggestaltung Denis Krnjaić

unter Verwendung von Alex Colville ©, Couple on Beach, 1957 casein tempera on masonite, 73.4 x 96.4 cm, purchased 195 National Gallery of Canada, Ottawa, Photo: NGC

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2021 Alfred Kröner Verlag Stuttgart · Alle Rechte vorbehalten

E-Book-Konvertierung: Zeilenwert GmbH Rudolstadt

Mir träumt’, du hättest mich ins Bett gezaubert, Mich in den Mond gesungen, in den Wahn geküsst. (Ich glaub, ich hab dich nur in meinem Kopf gemacht.)

SYLVIA PLATH, Mad Girl’s Love Song

Anlaufen
1

Alles ist voller Franzosen.

Ich gehe durch die Innenstadt am Samstagvormittag, normalerweise gehört sie da den Fremden, und die Einheimischen halten sich fern. Über den Rhein kommen sie, aus der nahegelegenen Schweiz und aus Frankreich, aber so viele Franzosen wie heute habe ich noch nie gesehen. Unsere Stadt ist nicht besonders groß, die Innenstadt schon gar nicht. Ich lebe hier schon lange, mein ganzes Erwachsenenleben lang. Ich bin herumgekommen in unserer Stadt, viermal bin ich umgezogen, jedes Mal in eine bessere Gegend. Wir leben hier in einer Grenzregion ohne sichtbare Grenzen, wir kennen das Gefühl der Freiheit. Ich kenne niemanden, der von hier weg will.

Seit Tagen haben wir Hochdruck ohne Wind. Inversionswetterlage. In den langen Winternächten hat sich unten kalte und feuchte Luft angesammelt, und die Sonne schafft es nicht mehr, die Luftmassen zu durchmischen. Wie ein Deckel liegt die wärmere Luft auf der Stadt und erstickt sie unter tiefhängenden Wolken.

Ich bin auf dem Weg zum letzten Musikgeschäft unserer Stadt, weil ich nun doch etwas von ihm haben will, obwohl ich gar nicht sicher bin, ob ich auch hören will, wovon er singt. Alle guten Künstler sind Lügner. Die anderen auch, aber aus anderen Gründen.

Ich nehme das neue und das vorherige Album, das Alexander haben wollte. Ausgerechnet. Er hört sonst nie Musik, aber ich glaube, Stéphanes Auftritt auf dem Festival hat ihm gefallen, zumal er die Texte viel besser verstanden hat als ich mit meinem Rest Schulfranzösisch. Vor allem das eine Chanson, in dem er erzählt, wie jemand aufsteht und geht und wortlos das ganze bisherige Leben zurücklässt, hat es ihm angetan. Er konnte gar nicht mehr aufhören, davon zu sprechen. Ich glaube, die Vorstellung fasziniert ihn, so wie einen ein furchtbares Verbrechen fasziniert, und man dann erleichtert flüstert: Zum Glück passiert mir das nicht. Ist doch nur ein Lied.

Dem Musikgeschäft gegenüber liegt unser neues Literaturhaus. Das wurde erst vor zwei Jahren eröffnet. Den Wunsch danach gab es schon lange, aber bis zur Umsetzung hat es gedauert. Man ging Umwege und Irrwege. Orte wurden vorgeschlagen und wieder verworfen. Früher war dort, wo es jetzt ins Literaturhaus hineingeht, die Aula der Alten Universität. Erstsemesterparty mit Thees. An Thees habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht. Und an all die anderen auch nicht.

Seit Tagen kommen sie aus allen Ritzen gekrochen, steigen auf, wo immer sich die Gelegenheit bietet, und sammeln sich wie Nebeltröpfchen in meinem Bewusstsein. Manche haben keinen Namen, manche kein Gesicht, aber alle haben eine Geschichte. Ich habe sie nicht gerufen, etwas hat sie aufgeweckt, hervorgelockt, als ob sie auf ein Zeichen gewartet hätten.

Thees also. Thees war, was man wohl eine treue Seele nennt, ein Freund, ein Beschützer, der immer auf seine Chance gewartet hat und darauf, dass sich das ganze Treusein und Beschützen eines Tages auszahlen würde. Ich war kaum auf der Party angekommen, da stand er schon neben mir. Er plapperte und tanzte um mich herum und machte sich zum Affen. Später hat er versucht, Affenherzen in Schweine zu transplantieren, für seine Doktorarbeit. Die Übertragung eines funktionsfähigen Herzens von einer Spezies auf die andere. Was für eine Idee! Fast immer ging es schief, und wenn einmal ein Schwein mit seinem Affenherzen ein paar Monate überlebte, galt es als großer Erfolg. Heute ist man da vermutlich weiter. Ich glaube, er ist tatsächlich Herzchirurg geworden, so ein dicker Oberarzt irgendwo in Deutschland. Man konnte damals schon erahnen, dass er dick werden würde, aber das war es nicht, warum aus uns nie etwas geworden ist.

Wir gingen aus, mit anderen und ohne. Er kochte für mich in seiner Wohnung unterm Dach, die in einem der entfernteren Stadtteile im Süden lag. Mein möbliertes Zimmer lag mitten in der Altstadt, mit dem Fenster zum Hof der Alten Universität und drei Minuten Fußweg zum Englischen Seminar. Ich musste ziemlich weit radeln, um zu ihm zu kommen. Er hatte eine Flasche Wein und einen Wok, den er virtuos bediente. Er dozierte über die Kunst des Wok-Kochens und zwischendurch warf er Brocken aus seiner Biografie ein, erzählte von seiner Freundin zu Hause, dass sie nicht mit nach Freiburg gekommen sei. Ich ging im Zimmer umher und machte Bemerkungen über die Sportgeräte, die überall herumstanden und herumlagen, Hanteln und Tennisschläger und ein Snowboard, ein Lenkdrache, selbst das Mountainbike hatte es bis unters Dach geschafft. Ich spürte, wie sein Blick mich verfolgte, und fing an, von Friedrich zu erzählen, dass er auch so ein Supersportler sei und auch Medizin studieren wolle, aber erst noch Zivildienst machen müsse. Dass er nicht mit nach Freiburg gekommen war, erzählte ich an diesem Abend nicht.

Als fünf Jahre später die Beziehung mit Friedrich zerbrach, lieh Thees mir sein Auto, um zu Theresa über den Schwarzwald nach Tübingen zu fahren, damit ich heulen kann und auf die Männer schimpfen. Ich war eine ungeübte Autofahrerin und ängstlich, aber diese Fahrt musste ich machen. Auf dem Rückweg geriet ich bei Hinterzarten in eine Polizeikontrolle. Reine Routine, und doch fühlte ich mich ertappt. Es war nicht mein Wagen, und ich wusste nicht, wo die Fahrzeugpapiere zu finden waren. Mit rotem Kopf wühlte ich im Handschuhfach. Dann musste ich aussteigen und hinter den beiden Polizisten in ihren VW-Bus klettern. Der Jüngere setzte sich mir gegenüber und blickte mich erwartungsvoll an, ohne zu lächeln. Ich entschloss mich zur Flucht nach vorn und gestand. Ich gestand, dass es das Auto eines Freundes war, und der junge Polizist glaubte meine Geschichte, aber seine Augen schienen zu sagen: Du lügst doch! Es ist verlogen, einfach sein Auto zu nehmen und Thees in der Hoffnung zurückzulassen, dass nun alles gut werden würde.

Die letzte Erinnerung, die ich an Thees habe, ist eine Nacht in meinem Zimmer am Seepark, wohin ich inzwischen umgezogen war. Er war damals schon aus der Stadt weggezogen, Praktisches Jahr irgendwo in der Schweiz. Wir saßen lange auf den warmen Bodenplatten vor der Terrassentür und schauten über das kurze Rasenstück, das in eine verwilderte Brache überging. Durchs Dickicht konnte man den See erahnen. Er rauchte, was ich nicht leiden konnte. Aber es ging mich nichts an. Wir tranken das Bier, das er mitgebracht hatte, und als ich nach drinnen ging, um eine Flasche Rotwein zu holen, fragte er mich, ob er über Nacht bleiben könne. Schweigend reichte ich ihm das Glas. Er meine natürlich nur so, übernachten eben, deshalb, er hob das Glas ein wenig an. Ja, klar, sagte ich. Zu viel Alkohol, nicht Auto fahren. Bestechend logisch und vernünftig. Er baute sich aus Kissen und Wolldecken ein Lager dicht neben meinem Bett. Es war der einzige Ort, der genügend Platz bot sich auszustrecken. Ich zog mich in meinem kleinen Bad um, Sommerpyjama, er sich bis auf die Unterhose aus. In der Dunkelheit hörte ich, wie er gleichmäßig atmete. Sein Atem war ruhig, aber flach, nicht der Atem von jemandem, der tief schläft. Es war der Atem von jemandem, der auf etwas wartet. Geduldig. Warum ist eigentlich nie etwas aus uns geworden? War das mein Gedanke, oder hatte er diesen Satz tatsächlich ausgesprochen? Von irgendwoher war dieser Satz aufgetaucht und stand in dem dunklen halben Meter zwischen uns.

Mit den zwei CDs in der Tasche steuere ich das Kolben-Café an. Das gibt es schon viel länger als mich in dieser Stadt, und obwohl mit den Jahren noch ein paar Orte mit gutem Kaffee dazugekommen sind, bleibe ich ihm treu.

Der Verkäufer im Musikgeschäft vorhin war gut informiert und kaum zu stoppen gewesen. Vermutlich passiert ihm das nicht alle Tage, dass sich jemand für die Nische interessiert, die sein Steckenpferd ist. Er schwärmte von einem Konzert in Marseille, da habe er Stéphane zum ersten Mal gehört, vor langer Zeit, in einem winzigen Saal. In Frankreich gebe es eine treue Fangemeinde dieser eigentümlichen Verbindung aus Poesie und Musik, aber leider werde so etwas selbst im französischen Radio kaum mehr gespielt, und so weiter und so weiter. Er tauchte unter der Theke nach Raritäten, die er mir zeigen wollte, verschwand in den Tiefen des Lagers, obwohl der Laden voller ungeduldiger Weihnachtseinkäufer stand, kehrte mit einem Stapel CDs verschiedener Künstler zurück, die er mir alle ans Herz legen wollte. Am Ende sah ich trotzdem davon ab, mehr zu kaufen, als ich vorgehabt hatte. Ich wolle ja nicht gleich ein Hobby oder eine Wissenschaft daraus machen, sagte ich entschuldigend. Für den Moment sei mir der eine Sänger genug.

Es waren auch Künstler dabei gewesen, die Stéphane in unserem langen Gespräch am Samstagmorgen erwähnt hatte. Ich war nach dem Frühstück bei einem der Schriftsteller sitzen geblieben, von dem ich nichts wusste, als dass er sich einen Namen gemacht hatte und schon lange im Geschäft war, und hatte versucht, den einen oder anderen brauchbaren Satz in dem zu entdecken, was er über sein Schreiben und seinen Alltag erzählte. Er nenne sich lieber Autor als Schriftsteller, sagte er, das würden die meisten so halten. Ich fragte mich, ob das eine Demutsgeste sei, echt oder geheuchelt. Ich mag den altmodischen Begriff Schriftstellerin, da doch die ganze Berufswahl sowieso eine einzige Anmaßung und Selbstüberschätzung ist. Man hofft, irgendwann einmal etwas zustande zu bringen, das den Namen Kunst verdient. Darauf legt man es an, muss man es anlegen. Das kann man dann ruhig auch sagen.

Stéphane hatte sich einfach zu mir und meinem Kollegen gesetzt. Er setzte sich neben mich, nicht direkt, sondern mit einem Stuhl Abstand, auf den er das Magazin legte, das er sich zum Lesen mitgebracht hatte. Als der andere aufbrach, blieb er sitzen. Und als er sich noch einen Kaffee holte, blieb ich sitzen. Als uns die Wirtin vom Tisch vertrieb, den sie fürs Mittagessen herrichten wollte, wechselten wir gemeinsam an einen Tisch nebenan. Als er nach draußen zum Rauchen ging, ging ich mit, obwohl ich nicht rauche. Es hätte genügend Gelegenheiten gegeben, unser Gespräch zu beenden. Wir hätten uns voneinander lösen und einfach auseinandergehen können. Ich denke zurück an diesen Morgen und sehe, wie wir Seite an Seite in unsere Kaffeetassen schauen und übers Geschichtenerzählen in der Musik und in der Literatur sprechen, woher sie kommen, die Geschichten, was sie hervortreibt und herbeilockt, warum manche unausweichlich sind und manche nie erzählt werden. Ich sehe ihn an der Ecke des Wirtshaustisches sitzen und von seinen Töchtern sprechen und vom Fangenspielen, und ich erinnere mich, wie gerne ich die Hand ausgestreckt und sie an seine Wange gelegt hätte, um besser in seine blauen Augen schauen zu können und etwas Wesentliches von ihm zu erfahren. Ich sehe uns draußen auf der Treppe beieinanderstehen und erinnere mich, wie ich den Impuls unterdrücke, meinen Arm unter seinen zu schieben und mich an ihn zu lehnen. Das war der Moment, in dem ich gegangen bin, um, wie ich sagte, doch noch die Lesung meines Kollegen zu besuchen, für die ich spät dran war, und in der ich mich dann sehr gelangweilt habe.

Stéphane schreibt: Ich möchte nicht in einer Geschichte vorkommen. Ich schreibe meine Lieder auch nicht nach der Wirklichkeit.

Ich denke: Nicht in einer Geschichte vorkommen? Das tust du doch längst. Oder woher kommen deine Lieder? Und was soll das sein, die Wirklichkeit? It’s all in your head, baby. Alle Künstler lügen. Ich werde wohl auch nicht ohne Lügen auskommen. Schon mein erstes Buch war von vorne bis hinten zusammengelogen. Aber eins nach dem anderen.

Ich biege in die Gasse ein, die zum Kolben-Café führt, passiere das Eckhaus mit der Studentenverbindung. Hinter einem dieser Fenster gab es mal einen, der war Volkswirtschaftler. Ich versuche mich zu erinnern, wie ich ihn kennengelernt hatte. Seminare oder Vorlesungen scheiden aus. Es fällt mir nicht ein. Er war aus der Gegend, stammte aus einer Kleinstadt an der französischen Grenze, deren Name mir nichts sagte. Wir hörten Hiphop und House in seinem Zimmer hinter diesem Fenster und hatten uns nicht viel zu sagen. Wenn er redete, dann redete er über Techno-Partys und schwärmte für Straßburg und Mulhouse und überhaupt für die Franzosen, die so viel lässiger seien als die langweiligen Deutschen.

Unsere erste größere Unternehmung führte dann auch gleich ins Elsass. Es war kurz vor Weihnachten, wie jetzt, und wir waren im Ballett. Schwanensee. Oder Nussknacker? Ich fror, sehr sogar, weil ich mit meiner Vorstellung von den lässigen Französinnen hatte mithalten wollen und einen kurzen Rock und hohe Schuhe trug. Im Theater war es wenigstens warm. Die Aufführung langweilte mich, Tschaikowski langweilte mich, wie immer schon, am langweiligsten aber war er. Jeder Versuch, ein Gespräch in Gang zu bringen, mündete nach zwei, drei Sätzen in ein Schweigen der schwer erträglichen Sorte. Auf dem Rückweg zum Auto hielt er ein bisschen meine Hand und legte ein bisschen seinen Arm um mich, während ich eine monströse Erkältung in mir aufsteigen fühlte. Ich rächte mich, indem ich beiläufig von Friedrich erzählte, und dass er nach Freiburg kommen werde, um als Rettungssanitäter zu arbeiten, weil er auf seinen Studienplatz warten müsse. Sein Abi-Schnitt sei bei Weitem nicht gut genug gewesen. Und schon gar nicht so gut wie meiner.

Heute frage ich mich, warum sich der Volkswirtschaftler immer noch weiter mit mir treffen wollte. Und warum ich immer noch weiter hingegangen bin. Vielleicht aus Langeweile. Oder Mitleid. Oder weil die anderen in seiner Verbindungs-WG so munter waren. Jedes Mal aufs Neue aber, wenn sich die Tür zu seinem Zimmer hinter uns schloss, fror langsam alles ein. Eines Abends legte er U2 in den CD-Spieler, I still haven’t found what I’m looking for, und kramte ein Gedicht hervor. Das habe er vor einiger Zeit für eine Freundin geschrieben, log er und verstummte. Von betörendem Duft, unbeschreiblichem Gefühl, Anmut, Grazie, gar Vollkommenheit, vom Unglaublichsten, was die Natur je erschuf, bis hin zu den glühenden Augen der Sphinx und dem Lächeln der Sirenen war alles dabei. Ich hatte das Werk in wenigen Augenblicken überflogen. Jetzt tat er mir wirklich leid. Ich betrachtete das Blatt deutlich länger als nötig, dann lächelte ich ihn an. Schön, log ich und gab es ihm zurück. Was ist aus ihr geworden, fragte ich im Aufstehen. An seine Antwort kann ich mich nicht erinnern. Am nächsten Tag fand ich einen Umschlag in meinem Briefkasten, darin war das Gedicht. Mit der Hand hatte er dazugeschrieben: Nur Bewunderung, Jens. Genau. Jens hieß er. Oder Jan?

Ich sitze vor meiner Tasse Cappuccino und hätte Lust, im Internet nach Jens zu suchen, aber mir fällt nicht ein, wie er mit Nachnamen hieß. Warum sind es die Namen, die man als Erstes vergisst? Ich kann mich an Einzelheiten erinnern, an den Klang einer Stimme, an einzelne Sätze, aber an Namen erinnere ich mich oft nicht.

Ich lasse Jens Jens sein und tippe Stéphanes Namen in die Suchmaschine. Es ist sein Künstlername, die ersten zwei Buchstaben genügen, an den Rest erinnert sich die Suchmaschine. Ich versuche, mir ein Bild von ihm zu machen, mich an die Oberfläche zu halten, um wieder Distanz zu gewinnen. Das ist doch dieser in Frankreich recht bekannte Sänger, nouveau chanson und so, der mit Frau und Kindern in Straßburg lebt und eine Webseite hat und ein Facebook-Profil. Jeder seiner wenigen, aber regelmäßigen Posts, die vermutlich von einer hübschen Marketingassistentin seiner Plattenfirma hochgeladen werden, zieht eine Unmenge an Loves und Likes auf sich. Vous êtes le poète nouveau de notre génération … Je suis tombée sous le charme … Je n’aime pas, j’adore! Was dachte ich denn?

Es gibt einen Clip mit einem längeren Interview. Die Moderatorin macht große Augen und sagt, er werde geliebt wie kaum einer seit Brel und Gainsbourg. Der Mann in dem Video ist mir fast genauso fremd wie vor unserer Begegnung, nicht unsympathisch, aber fremd. Das gilt auch für die Fotos, die mir das Internet präsentiert. Auf den Bildern, die vor fünf bis zehn Jahren entstanden sind, gefällt er mir besonders gut. Da muss er in etwa so alt gewesen sein wie ich jetzt. Die Bilder sind sehr gut gemacht, von zurückhaltender Künstlichkeit, aber doch künstlich wie eine Imagekampagne. Die behauptete Natürlichkeit, der anscheinend zufällig eingefangene Augenblick, alles ist inszeniert. Ich habe lange genug im Marketing gearbeitet, um das zu sehen.

Was man für ein Bild abgibt. Ich hatte mir Gedanken gemacht, bevor mein Buch auf den Markt kam. Dabei war es weniger die öffentliche Wahrnehmung gewesen, die mich beschäftigte. Realistisch gesehen, würde die sich in sehr engen Grenzen bewegen. Das Debüt einer unbekannten Spätberufenen. Wer würde sich schon dafür interessieren? Was wahrzunehmen wäre: das Buch, eine Satire über Akademikermütter, lustig; die Autorin, eine von den vielen ehemaligen Literaturwissenschaftlerinnen, die das Romaneschreiben anfangen, sobald sie Kinder bekommen. Alles klar. Alles wahr? Niemand würde sich dafür interessieren, wer ich wirklich war.

Auf der Suche nach einem geeigneten Pressebild scrollte ich mich durch unsere digitale Fotobibliothek, Jahre und Jahre rückwärts in der Zeit. Kindergeburtstage, Einschulungsfeiern, Urlaubsfotos, immer wieder Urlaubsfotos: Meer, Strand, Berge, Schnee, Stadtansichten, laufende, kniende, krabbelnde, kriechende Kinder, Kinder in Bauchlage, Kinder in Rückenlage, Taufkinder. Kein Foto von mir, auf dem nicht mindestens noch ein Kind zu sehen war. Kein Foto von mir allein. Erst in den alten Alben tauchten sie auf, als Einsteckbilder oder auf Papier geklebt, alle mit Alexanders analoger Kamera aufgenommen. Porträts von mir wie aus einem anderen Leben. Er hatte davon gesprochen, dass er die Negative einscannen wolle, dann war doch alles liegengeblieben. Ohne professionelle Fotos würde es nicht gehen. Was ich brauchte, waren Bilder, die gleichzeitig zeigten und verbargen, wer ich war.

Die Fotografin steuert ihren alten Kombi übers Land. Sie hat einen ganz bestimmten Ort im Kopf, zu dem sie mich bringen will. Wir sind am Holbeinpferdchen vorbeigekommen, das arme Tier wird immer wieder überpinselt und übersprüht, muss Farben tragen von Ländern, Parteien und Vereinen, Glückwünsche und Parolen auf seinen Flanken präsentieren. Ganz unförmig sieht es aus. Das schlanke Fohlen unter den Farbschichten ist kaum mehr zu erkennen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es früher ausgesehen hat. Wir reden über gemeinsame Bekannte und die Stadt, in der wir beide leben. Wir gleichen unsere Biografien ab. Gleich alt, der gleiche Blick auf die Welt und das Leben, die Überzeugung, dass man etwas wagen muss, der Anspruch, dass da mehr sein muss als Aufträge und Geld verdienen. Sie erzählt von einem Ex-Freund, der brutale Thriller schreibe und sich vor Rezensionen fürchte, und von ihren Kindern. Ich erzähle von meinen Jungs. Frauen mit Kindern reden ständig über ihre Kinder. Dann reden wir wieder übers Bildermachen, Bilder mit der Kamera und Bilder im Kopf. Wie an dem Morgen, als wir uns zum ersten Mal trafen.

Sie hatte auf meine Anfrage nach Porträtfotos mit einer Einladung in ein Café reagiert. Zum Kennenlernen. Danach wollte sie erst entscheiden, ob sie den Auftrag annimmt. Mir gefiel diese zurückhaltende Annäherung, denn der Gedanke, dass jemand mich und nur mich für eine unendliche Weile durch sein Objektiv betrachten würde, auf der Suche nach einer inneren Wahrheit, die ich womöglich selbst nicht kannte, beunruhigte mich. Das war doch gerade das Schöne an der Schriftstellerei, dass man selbst als Person nur sehr mittelbar in Erscheinung treten musste. In einer Art Rückfall in den Agentur-Modus breitete ich vor ihr aus, was ich zum Thema Autorinnenporträt recherchiert hatte. Ich erzählte von den Händen im Gesicht, unterm Kinn, an der Wange, einhändig oder beidhändig, und von den mit den Insignien der Schriftstellerei ausgestatteten Geschöpfen vor dem Bücherregal, hinter der Schreibmaschine oder gleich mit dem Füller in der Hand, die mir überall begegnet waren. Als ich bei den an die Wand gestellten Menschen vor Sichtbeton, Naturstein oder groben Holzbrettern angelangt war, mussten wir beide laut herauslachen. Das sei alles egal, sagte sie, und ich verstand sofort, was sie meinte.

Der besondere Ort, zu dem sie mich bringt, ist eine unscheinbare Straßenecke in einem kleinen Dorf, eine dieser Ecken, an denen man sein Leben lang vorbeigehen kann, ohne sie zu bemerken. Wir verbringen den ganzen Vormittag dort, viel länger als geplant. Wir stehen rum und reden. Bald schon habe ich vergessen, dass sie auch fotografiert. Sie fragt, ich antworte. Eine der Fragen bringt mich aus dem Konzept. Ob ich Geschwister habe? Früher mal, sage ich ausweichend. Kurz schaut sie hinter ihrer Kamera hervor, dann wechselt sie das Thema. Ich weiß nicht sicher, ob in diesem Moment das Bild entstand, das ich am Ende als Pressefoto auswählte. Es ist ein sehr ernstes Bild. Ganz im Gegensatz zum lustigen Buch.

Das Bild eines Künstlers. Es ist das Bild, das er von sich zeigen will, eine fast lebensgetreue Maske, keine Verkleidung, aber alles ein bisschen in die gewünschte Richtung verschoben. Der fremde Stéphane im Internet ist nicht der Mensch, der mir am Samstagmorgen gegenübersaß. Der Fremde sagt befremdliche Sachen, wie: Ich interessiere mich nicht für mich, Schriftsteller erzählen immer nur von sich selbst, ich singe lieber über die Welt. Keine Sekunde glaube ich ihm das.

Ich schreibe: Ich musste noch eine Weile übers Fangen und Gefangenwerden nachdenken, und warum ich weder gerne nachlaufe noch davonlaufe.

Stéphane schreibt: Wenn man nicht gerne fängt und nicht gerne gefangen wird, ist man dann nicht furchtbar allein?

Allein. Da fällt mir mein kleiner Medizinstudent ein, an dessen Namen ich mich auch nicht mehr erinnern kann. Noch ein angehender Arzt. Aber vielleicht zählt der nicht. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre er gar keiner gewesen. Ich wünsche ihm, dass er heute etwas ganz anderes macht! Und mein Wunsch fühlt sich noch genauso an wie die Abende, an denen wir auf seinem Bett saßen, und ich seinen Kopf auf meinem Schoß streichelte. Er hatte dunkles, weiches Haar und war schön und traurig. Er hatte mich in einem Club angesprochen, ganz klassisch. Ich sei ihm gleich aufgefallen, meine Art zu tanzen und wie ich angezogen sei (ich weiß noch heute bis zur Unterwäsche, was ich an diesem Abend anhatte), und er habe mich lange beobachtet. Ich sei so anders, so lebendig und unbekümmert. Nichts von dem, was er sagte, war außergewöhnlich oder originell, aber wie er es sagte, mit einer Offenheit, als ob er nackt vor mir stünde. Ich glaubte ihm jedes Wort, und am liebsten hätte ich ihn direkt geküsst, Friedrich hin oder her. Wir trafen uns ab und zu, lasen uns auf seinem Bett gegenseitig Grimms Märchen vor (einen meiner Bände hat er behalten, ob er den wohl noch hat?) und quatschten über Lebensziele und Elternerwartungen. Er interessierte sich sehr für Psychologie, wie mein Bruder und wie alle, die psychische Probleme haben. Vielleicht ist er Psychologe geworden. Aber genauso denkbar wäre es, dass er den Wünschen und Ansprüchen seiner Mediziner-Eltern nicht entkommen konnte. Oder dass er sich umgebracht hat.

Stéphane schreibt: Ich hatte vor dem Festival ein Foto von dir gesehen, da sahst du ziemlich streng und ernst aus. Als ich dich dann in der Realität erlebt habe, warst du so lebendig und irgendwie sprühend. Ich fand dich auch, und das hilft natürlich, très sexy.

Ich hasse es, wenn Alexander das sagt, ich sei sexy. Nach über zwanzig Jahren immer noch! Dann muss ich es sofort ins Lächerliche ziehen.

Alexander sagt: »Schreib doch mal was über mich!«

Ich sage: »Das willst du gar nicht. Aber ich werde wieder schreiben. Ich werde schreiben, um etwas herauszufinden.«

Alexander freut sich über meinen Tatendrang. »Um was geht’s denn?«

»Das Leben und so«, sage ich ausweichend. Es ist der gleiche Satz, den ich schon beim ersten Buch immer verwendet habe, wenn jemand danach fragte. »Ich will nicht darüber reden. Aber ein lustiges Buch wird es dieses Mal nicht.«

Was soll das sein, eine Schriftstellerin? Eine Autorin, die so lange schreibt, bis Kunst daraus wird? Wie kommt man dahin? Wohin soll man gehen? Wie merkt man, wenn man da ist?

Ich verlasse das Kolben-Café und mache mich auf den Nachhauseweg. Ob Spuren von dem, was gerade passiert, nicht doch eines Tages in einem Chanson auftauchen? Ich habe gar keine Lust mehr, seine Musik anzuhören. Ist mir doch egal, wie erfolgreich dieses Bild von einem Künstler ist. Auf dem Festival spielte er nur ein kurzes Set seiner bekanntesten Chansons, so stand es im Programmheft. Das war nicht schlecht, aber überzeugend fand ich es nicht. Als ob ihm nichts Besseres eingefallen wäre oder er dem Auftritt keine rechte Bedeutung zugemessen hätte. Vor zwanzig Jahren ist sein erstes erfolgreiches Album erschienen, seither hat er allerlei Preise eingesammelt, so steht es auf der Webseite seiner Plattenfirma. Auf keinen Fall hätte ich mir auf dem Festival eine CD von ihm gekauft und womöglich signieren lassen. Ich bin doch kein Groupie. Die Oberfläche interessiert mich nicht besonders.

2

Zu Hause lege ich die CDs auf die Kommode, wo alles landet, was von draußen kommt und keinen richtigen Platz im Haus hat. Oft bleiben die Dinge dort ewig liegen. Ich nehme mir die Tageszeitung und blättere lustlos darin herum. Kurz vor Weihnachten gibt es kaum Berichtenswertes mehr. Als ob gegen Ende des Jahres alles zum Erliegen käme.

Zum ersten Mal seit langer Zeit taucht das Bild von Jo in meinem Kopf auf, wie er von oben bis unten in Jeans und mit Cowboystiefeln am ersten Weihnachtsfeiertag ins Münster schlappt, das turmlose Münster der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Er hat die Kamera über der Schulter, der Chor singt Hosianna. Hochamt. Ich bin nur wegen Friedrich hier, und der ist nur wegen seiner gut katholischen Mutter hier. Das hat sich so ergeben. Es war in den ersten Jahren die einzige Möglichkeit gewesen, Friedrich über Weihnachten zu sehen, weil seine Eltern eine ganz eigene Vorstellung davon hatten, wie die Feiertage abzulaufen hätten. Wer nicht zur Familie gehörte, war nicht erwünscht. Ich drehe den Kopf, will, dass Jo mich sieht. Aber wie üblich hat er den Fokus auf Unendlich gestellt und bewegt sich unter seiner Fotografentarnkappe. Ich habe das immer bewundert, wie man so unsichtbar bleiben und den Dingen doch so nahekommen kann.

Auch in der Redaktion war er meist nicht zu sehen gewesen, verschwunden in seiner Dunkelkammer. Zutritt nur nach Klopfzeichen, gefolgt von einem deutlichen »Ja, bitte«, das sich anhörte wie ein »Wenn’s denn unbedingt sein muss«. Nach und nach fand ich heraus, dass er nicht die ganze Zeit mit Bilderentwickeln beschäftig war, sondern einfach seine Ruhe wollte. Und als ich herausfand, dass er ganz und gar nichts dagegen hatte, wenn ich seine Ruhe störte, fand ich das aufregend. Anfangs kam ich nur, um Bilder für meine Artikel auszuwählen. In der kleinen Kammer ging es eng zu, man kam nicht aneinander vorbei, ohne sich zu berühren. Wir lachten viel über unvorteilhafte Aufnahmen von Menschen, die sich wichtig nahmen.

Zu gemeinsamen Terminen fuhren wir in seinem himmelblauen Mercedes, in dem es nach Rauch und Leder roch. Im Kassettendeck steckten sorgsam zusammengestellte Sampler mit Siebzigerjahre-Rockmusik, und auf der Rückbank türmte sich die Fotoausrüstung. Während ich meine Recherchearbeit machte oder Interviews führte, ging er herum wie ein Schatten und suchte nach Motiven. Manchmal stand er auch nur in einer Ecke und rauchte und schaute. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, aber eines Tages entdeckte ich unter den Bildern, die er von unseren Terminen mitbrachte, immer mehr Fotos von mir, lebendige Schnappschüsse einer engagierten Jungjournalistin, mit dem Stift im Mund, mit dem Finger auf der Nasenspitze, mit der Hand die Augen abschattend, Bilder von einer jungen Frau, die mit übereinandergeschlagenen Beinen zwischen Honoratioren sitzt. Er schenkte mir Abzüge davon.

Kurz vor Ende der Semesterferien und kurz bevor ich wieder in meine Uni-Stadt zurückkehren musste, fragte er mich, ob ich ein Shooting mit ihm machen wolle. Angezogen natürlich, fügte er schnell hinzu. Irgendwo draußen. Ich lachte verlegen und meinte, das werde bestimmt peinlich. Von mir könne man keine guten Bilder machen, wenn ich wüsste, dass ich fotografiert werde. Aber ich sagte zu, und so fuhren wir mit dem himmelblauen Mercedes in die Natur. Ich hatte lange überlegt, was ich anziehen sollte, hatte mich sorgfältiger geschminkt und rutschte nervöser auf dem Ledersitz herum als sonst.

Nach dem Shooting fuhren wir in die Redaktion, es muss ein Samstag gewesen sein, denn ich kann mich an niemand anderen erinnern. Sonntags wären wir nicht allein gewesen, da hätte zumindest der Sonntagsdienst an seinem Schreibtisch gesessen, um die Zeitung für Montag zu bauen. Wir ließen uns einen Kaffee aus dem Automaten, er verschwand in der Dunkelkammer, und ich setzte mich an den leer geräumten Platz, der in den vergangenen Wochen mein Arbeitsplatz gewesen war. Ich wartete. Morgen würde ich in den Zug nach Freiburg steigen. Konnte ich nicht einfach dableiben? Aber ohne Studienabschluss würden sie mir kein Volontariat anbieten, egal wie gut ich war. Und Friedrich war in Freiburg. Schon paradox. Endlich war er nach Freiburg gezogen, und nun wollte ich nicht mehr zurück.

Als nächstes erinnere ich mich an Jos Hände über meinen Augen, warm und trocken und rauchig. Augen zu, befahl er, und ich ließ die roten Lichtschlitze zwischen seinen Fingern verschwinden. Und dann verschwanden auch seine Hände von meinem Gesicht, um die Abzüge vor mir auszubreiten. Ich vermisste sie sofort, diese Hände. Die Bilder waren sehr schön, aber auch ein wenig fremd. War das wirklich ich? War das, wie er mich sah? Da bemerkte ich, dass er mich unverwandt anschaute. Er ist viel zu alt. Und er hat eine Freundin. Und ich habe Friedrich, schoss es mir durch den Kopf. Aber wenn ich doch diese Hände noch einmal spüren könnte. Ich war Anfang zwanzig, er Anfang dreißig. Uns trennte ein halbes Leben. Mehr als zwanzig Jahre später fällt das nicht mehr so ins Gewicht, denke ich und muss lächeln.

Ich stecke die CD ins Abspielgerät und fange an, Wäsche zu machen. Heute Wäsche, gestern Wäsche, morgen Wäsche! Noch während des ersten Liedes muss ich mich hinsetzen und zuhören. Ich fummle das Booklet mit dem Text aus der Hülle und drücke nochmal auf Start. Soweit ich verstehe, singt er von Menschen, die sich nach Liebe sehnen. Was sonst? Seine Figuren treiben einsam und gleichgültig durch die Welt, werden wie beiläufig intim und gehen dann ihrer Wege. Oft lässt er ihnen einen Moment der Nähe und Geborgenheit und nimmt dann alles wieder zurück. Ständig ist jemand unterwegs, nie scheint jemand anzukommen. Seine Worte sind klar und einfach und kühl. Er begleitet sich selbst am Klavier, und manchmal widerspricht die Musik den Worten und entlarvt sie als Lüge. Ich sehe, wie er es macht, aber trotzdem tut es weh, und ich fürchte, es ist nur gut, weil es wehtut.

Seine Singstimme klingt höher als seine Sprechstimme. Ich versuche, mich genau an den Klang seiner Stimme zu erinnern, an den Klang unseres Gesprächs am Samstagmorgen. Er singt auf Französisch, aber gesprochen haben wir deutsch. Sein Deutsch ist nahezu perfekt, nur ab und zu spitzt er die Vokale kaum merklich an. Er sei praktisch bei seiner Großmutter aufgewachsen, ihre elsässische Mundart sei seine erste Sprache, erzählte er mir. In welcher Sprache er wohl träumt? Nach ein paar Wochen in Bath damals begann ich auf Englisch zu träumen. Noch seltsamer aber war, dass ich, wenn ich mit meinen Eltern in Deutschland telefonierte, nur noch den Dialekt herausbrachte, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gesprochen hatte. Es scheint, als gäbe es eine unterste Sprachschicht, eine Art Sprache im Rückenmark, die dann zum Tragen kommt, wenn alle höheren Kontrollinstanzen versagen. Fliehen oder bleiben? Fangen oder gefangen werden? Ich frage mich, ob die Sprache, die ihm am nächsten ist, nicht die Mundart seiner Großmutter sein müsste und ob sich seine französischen Liebeslieder für ihn nicht falsch anfühlen, wenn er sie singt. Aber vielleicht hilft ihm gerade das bei der Trennung des Persönlichen vom Biografischen, auf die er so vehement besteht.

Es ist ein komisches Spiel, das die Künstler treiben! Sie geben sich ganz in ihre Kunst, und hinterher behaupten sie, dass das alles nichts mit ihrem Leben zu tun habe. Abgesehen vielleicht von ein paar Verrückten, die keine Angst davor haben, Freunde und Familie zu verletzen und zu verlieren und die ganze Welt vor den Kopf zu stoßen.

Ich habe ihn mir oft vorgestellt, diesen Moment, als Thomas Mann in seinem Gartenstuhl in Pacific Palisades den Kopf hob und in die schweigenden Gesichter seiner Familie sah. Wie er auf dem sonnigen Rasen sitzt, im weißen Anzug, mit übereinandergeschlagenen Beinen, auf dem Schoß das Manuskript. Michaels gesenkter Kopf, die Hände in die Armlehnen gekrallt, zum Sprung bereit, und Katja mit der Empörung der Großmutter in den Augen, und dieses fassungslose Schweigen in der Luft, die Fassungslosigkeit darüber, dass er es getan hat, dass er seinen Enkel, seinen geliebten Enkel, sein Engelskind, an einer Hirnhautentzündung hat sterben, nein, nicht nur sterben, sondern qualvoll zugrunde gehen lassen. Ja, Echo war eine literarische Figur. Aber eben nicht nur. Der Schriftsteller hatte sich Michaels Sohn vorgenommen und war diesem Gefühl nachgegangen, dem Gefühl, zu dem er Zugang brauchte für seinen Leverkühn, dem Gefühl des schlimmsten Verlustes. Rücksichtslos, man muss es sagen, ohne Rücksicht auf irgendjemanden, auch nicht auf sich selbst. Wie lautet des Teufels Bedingung für wahre Kunst? Du darfst nicht lieben! Ganz schön pathetisch. Und wenn es stimmt?

Ich habe das Album in einem Rutsch durchgehört. Jetzt kann ich ihn schon nicht mehr so gut leiden. Zum Glück. Und doch spüre ich Panik aufsteigen, dass alles so unversehens endet, wie es angefangen hat, und ich dann wieder dem ewig gleichen Alltag ausgeliefert sein werde, der mich so unendlich müde macht.

Stéphane schreibt: Ich habe dein Buch gelesen. Aber ich habe dich nicht darin gefunden.

Ich schreibe: Warst es nicht du, der sagte, die Wirklichkeit hat in einer Geschichte nichts zu suchen?

Stéphane schreibt: Wahrheit und Wirklichkeit sind keine Synonyme. Du willst dich also nicht fangen lassen?

Ich schreibe: Was würdest du tun, wenn du mich fingest?

Stéphane schreibt: Wenn ich dich fangen würde, müsste ich dich wohl festhalten, damit du mir nicht wieder entkommst. Und dann würde ich versuchen, dich zu küssen. Et puis …?

Ich muss Theresa anrufen. Ich suche nach dem Telefon, verräume die Wäsche im Kinderzimmer, setze mich aufs Bett meines Sohnes und drücke die Kurzwahltaste. Wir sehen uns selten, meistens bleibt es bei Absichtsbeteuerungen, weil wieder was dazwischengekommen ist, krankes Kind, kranker Mann, Arbeit, Urlaub. Aber schlimm ist das nicht. Wir können, ohne uns zu treffen oder ständig zu telefonieren, jederzeit dort anknüpfen, wo wir immer waren. Anders als ich, ist sie nach dem Studium von einer Stadt in die nächste gezogen und schließlich in Offenburg gelandet. Als sie hört, wie meine Stimme am Telefon klingt, sagt sie nur: Komm! Komm sofort! Also fahre ich am Freitag zu Theresa und werde ihr erzählen und die Ohren vollheulen.

Wir kennen uns seit über dreißig Jahren. In der achten Klasse waren wir in denselben Jungen verschossen. Er war süß und ein völliger Idiot. Am Ende ist er mit einer Dritten davongezogen. Danach begann, was wir für unsere wilden Jahre hielten. Mit roten Ohren umpflügten wir das Schulhaus in der großen Pause und drehten die Köpfe nach den Oberstuflern. Friedrich wollte ich unbedingt. Ich war nicht besonders verliebt, aber ich wollte ihn unbedingt. Es war auf der Studienfahrt nach Rom, und wir waren siebzehn, bald achtzehn. Wir fuhren zusammen mit der Parallelklasse aus dem altsprachlichen Zug. Es waren nur etwa zehn Schülerinnen und Schüler, lauter Bildungsbürgerkinder, darunter Friedrich und Marcus. Und am Ende der Woche knutschte Theresa mit Marcus und ich mit Friedrich.

Wie konnte man nur siebzehn sein und Friedrich heißen? In den Achtzigerjahren. Er kam aus einer anderen Welt. Sein Vater stammte aus einer Frankfurter Professorenfamilie, war Mediziner und wohnte als Privatdozent drei Tage die Woche getrennt von seiner Familie in Stuttgart. Seine Mutter war Malerin. Das Haus in bester Hanglage der kleinen Stadt, in der wir zur Schule gingen, war voller Kunst und Bücher, und der Bechstein-Flügel im Wohnzimmer war kein Ausstellungsstück, sondern das Trainingsgerät des musikalisch hochbegabten älteren Bruders. Friedrich hatte Geigenunterricht, Leichtathletiktraining, Tennisstunden und war Ministrant im Münster.

Besonders quälte mich die Vorstellung vom Leichtathletiktraining, wo er zweimal in der Woche auf das Mädchen traf, von dem er sich nach der Studienfahrt getrennt hatte. Ganze zehn Tage hatte er dafür gebraucht. In der ersten Zeit sahen wir uns außerhalb der Schule praktisch nie. Direkt nach dem Unterricht wurde er mit seinem Bruder von der Mutter im Auto abgeholt. Und ich schlug mich mit der Frage herum, warum er vor ihr verheimlichte, dass er eine neue Freundin hatte.

Friedrich war riesig, und es genügte nicht, mich auf die Zehenspitzen zu stellen, wenn ich ihn küssen wollte. Im Grunde küsste immer nur er mich, von oben herab. In der großen Pause gingen wir Hand in Hand zu einer der Bänke im hinteren Bereich des Schulareals. Auf seinem Schoß sitzend war ich auf Augenhöhe mit ihm. Seine Küsse fand ich nie besonders aufregend, aber wenn niemand in der Nähe war, schob er seine Hand unter mein Oberteil und streichelte meine Brüste. Konzentriert, mit offenen Augen, die ins Unendliche blickten, liefen seine Finger ihre Form ab, von außen nach innen, immer und immer wieder.

Ich glaube, es dauerte ein halbes Jahr, bis ich zum ersten Mal bei Friedrich zu Hause war. Obwohl sie eine große Villa hatten, musste er sich das Zimmer mit seinem Bruder teilen, der jedes Recht hatte, hereinzuplatzen, wann immer es ihm einfiel. Zum Glück befand sich der Flügel zwei Halbgeschosse vom Zimmer der Brüder entfernt, sodass meist genügend Zeit blieb zwischen dem Verstummen der Musik und dem Öffnen der Tür.

Als wir den Führerschein hatten, fingen wir an, uns mit den Zweitwagen der Mütter regelmäßig zu besuchen. Das war im Herbst neunundachtzig, und in Berlin überschlugen sich die Ereignisse. Seit Jahrzehnten war im Westen klar, was im Fall des Mauerfalls zu denken und zu fühlen sei. Ohne kollektiven Freudentaumel in ganz Deutschland würde es nicht gehen, mit abnehmender Intensität von Nordosten nach Südwesten. Während sich in Berlin wildfremde Menschen um den Hals fielen, saßen Friedrich und ich am entgegengesetzten Ende des Landes unter einer Autobahnbrücke, das Autoradio aus, die Scheiben des Wagens beschlagen, seine Hand unter meinem Pulli, meine Hand in seiner Hose. Weiter weg vom Weltgeschehen konnte man nicht sein, und in meinem Kopf kreiste die Frage, was er wohl empfand und was ich wohl empfinden sollte.

Später begleitete ich ihn auf dem Bechstein, wenn er für die Vorspiele seines Musikleistungskurses übte. Der Bruder war inzwischen nach Freiburg gezogen, wo er Musik studierte. Er hatte das Instrument zurückgelassen, weil er in seinem Studentenzimmer nur für ein Klavier Platz hatte. Friedrichs Geigenspiel war technisch sauber, aber brutal, das Instrument erschien unterdimensioniert in seinen großen Händen. Vor jeder praktischen Prüfung mussten wir als Generalprobe seinem Vater vorspielen, den ich ansonsten selten zu Gesicht bekam und der sich in meiner Erinnerung fast nur aus von Friedrich erzählten Episoden zusammensetzt. Von dem jovialen, unterhaltsamen Mann, den mir sein Sohn beschrieb, bekam ich kaum eine Kostprobe. Ich sehe ihn nur mit hochrotem Gesicht und zusammengekniffenen Augenbrauen vor mir, wie die Speicheltropfen fliegen, und er mit heiserer Stimme schreit und schilt. Es galt nie mir, und doch fühlte ich mich schuldig, weil es mir nicht gelungen war, Friedrichs gefühlloses Spiel mit meiner Klavierbegleitung zu retten, obwohl ich alles gegeben hatte.

Ich werde also Theresa in Offenburg erzählen, wie sich unsere Blicke trafen, und ich werde ihr von den verpassten Momenten des Wochenendes erzählen. Da war dieses Festival für Literatur und Musik, werde ich sagen.

Schon am Freitagabend sah ich ihn im anderen Raum des Hotel-Restaurants sitzen. Ich hatte mich vorher über die Künstler, die mit mir auftreten würden, informiert, und mich gut gefühlt, weil ich mit ein paar bekannten Autoren das Podium teilen würde. Die Musiker sagten mir alle nichts, aber eine Internetabfrage später wusste ich dies und das. Das ist so ein Chanson-Sänger, der ist recht bekannt in Frankreich, sagte ich zu Alexander. Gut sieht der aus, dachte ich. Und neben ihm sitzt seine schöne junge Frau, dachte ich. Klar. Aber es war nur eine der Veranstalterinnen.

Nach dem Essen trafen sich Musiker und Autoren und Moderatoren in einem Nebenraum. Es gab nur einen Platz, auf den ich wirklich Lust gehabt hätte. Aber da saß schon der alte Kulturredakteur, der vor einiger Zeit eine meiner Lesungen moderiert hatte, und nahm den gutaussehenden Chansonnier in Beschlag. Höflich und geduldig sprach er mit dem Redakteur. Ich setzte mich zu irgendeinem Menschen, der mich nicht interessierte, und machte Konversation. Aber ab und zu fing ich einen Blick von meinem Sänger auf und wünschte mir, dass er sich wegwünschte vom Redakteur und hinwünschte auf die andere Seite des Tisches zu mir.

Ich muss Theresa auch erzählen, dass ich in manchen Momenten des Festival-Wochenendes meinen Mann und meine Kinder, die mich begleiteten, wegwünschte, und wie sehr ich mich dafür schämte, dass ich das tat.

Ich schreibe: Ich hätte schon am Freitagabend mit dir nach draußen gehen sollen. Aber ich rauche nicht. Und du hast mich nicht gefragt. Und zum Nachlaufen bin ich zu stolz. Und am Samstagmorgen hätte ich dich gerne geküsst. In einem anderen Leben. Aber so blieb’s im Ungefähren und Ungenauen, und jegliche körperliche Annäherung blieb innerhalb der Norm der französischen Umgangsformen. Wenigstens küsst man sich zum Abschied zweimal fast und hält nicht den anderen eine Armeslänge von sich weg.

Ich höre das Schloss in der Haustür, gleich darauf Trampeln und Geschrei im Treppenhaus. Der Große singt mit krächzender Stimme einen Spottgesang, begleitet vom immer schriller werdenden »Hör auf!« seines Bruders. Alexanders Stimme hallt ärgerlich im Gang. Die Tür zum Wohnzimmer wird aufgestoßen. Vor Empörung schluchzend läuft der Kleine auf mich zu, quer über den frisch geputzten Boden mit seinen Stiefeln voller Schneematsch. »Mama, der Matti hat …!« Ich verdrehe die Augen, nehme ihn in den Arm und sage nichts. »Ausziehen!«, ruft Alexander noch von der Tür. Er trägt den Christbaum quer durchs Zimmer nach draußen auf die Terrasse und erklärt dabei wortreich, dass er den schönsten Baum ausgesucht hätte, und ich dieses Mal bestimmt nichts daran auszusetzen fände, und dass es gar nicht so einfach gewesen sei, weil alle Bäume eben immer irgendwelche Fehler hätten, man könne ihn ja so stellen, dass man den fehlenden Ast auf der einen Seite gar nicht sehe. Die Kinder sind inzwischen in ihren Zimmern verschwunden, und Alexander verschwindet in seinem Büro. Ich gehe den Staubsauger und einen Eimer holen. Im Flur liegen Mattis Stiefel, Jacke und Mütze auf dem Boden. Als ich heißes Wasser in den Eimer fülle, verbrenne ich mich am Hahn und fluche. Ich sauge die Tannennadelspur bis zur Terrassentür auf, wo Alexanders Schuhe stehen. Dann scheuche ich die Besuchskatze aus dem Haus, die immer sofort da ist, wenn die Tür aufgeschoben wird. So wie sie aussieht, hat sie ein Zuhause, aber wir wissen nicht, wem sie gehört. Schließlich wische ich Jonas’ Dreckspur weg. »Vielen Dank!«, murmle ich. »Vielen, vielen Dank!«

Ich habe Stéphane geschrieben, dass ich am Freitag zu meiner Freundin nach Offenburg fahre. Das ist nicht weit von der französischen Grenze. Aber er hat nicht darauf reagiert und nur belangloses Zeug zurückgeschrieben. Ist er einer von denen, die sich dreimal bitten lassen? Herein, herein! Du musst es dreimal sagen! Du musst es sagen, und wenn sich dann der Teufel deine Seele nimmt, dann war’s doch auch deine Schuld.

Stéphane schreibt: Nichts ist mir mehr zuwider, als mich jemandem aufzudrängen, der nichts von mir wissen will.

Gleichzeitig schickt er mir Phantasien, die immer einen Schritt weiter gehen als meine.

3

Wir waren über ein Jahr zusammen, bevor Friedrich und ich auf die Idee kamen, miteinander zu schlafen. Ich ging zum Frauenarzt. Als ich zum ersten Mal die Pille nahm, fürchtete ich mich vor diesem Eingriff in meinen Körper. Mir war, als ob ich eine gefährliche Droge nähme, die mich für den Rest meines Lebens abhängig machen könnte. Das Bild, das mir geblieben ist: Die Nachttischlampe in Friedrichs Zimmer wirft ein rundes Licht auf die Blisterpackung, daneben der Beipackzettel auf dünnem Papier, dichtbedruckt, kleingedruckt. Ich habe ihm vorgelesen, Risiken und Nebenwirkungen. Ich drücke die erste Tablette aus ihrer Plastikblase und hoffe, dass er versteht.

Es folgte die Radtour übers Land, bergauf, bergab zum See. Übernachtung in der Jugendherberge. Die Suche nach einem Plätzchen für unser Vorhaben in der Dämmerung: ein Spielplatz, ein Toilettenhäuschen, die Treppenstufen zum See. Viel Herumgestochere, wenig Rauschhaftes. Wir enden in einer kleinen Pension. Die Wirtin mustert uns und kassiert vorab das Geld, das ein gewaltiges Loch in unsere Ausflugskasse reißt. Das rustikale Bett mit den dicken Federkissen am Nachmittag. Es gibt ein Foto von unseren ineinander verschlungenen Beinen, etwa ab Hälfte der Oberschenkel abwärts. Wo ist das geblieben? Ich habe es genau vor Augen, erinnere mich sogar an die winzige, rote Warze an meinem rechten Fußballen, über die ich mich wochenlang geärgert hatte, und die eines Tages einfach verschwand. Und ich erinnere mich an das lauwarme Gefühl, das die ganze Aktion begleitete. Der Rest ist weg.

Ich versuche, mir ein erfülltes körperliches Erlebnis mit Friedrich zurückzurufen. Wir waren sieben Jahre zusammen, das muss es doch gegeben haben? Aber es ist nichts mehr da. Dafür taucht ein anderes Bild auf: Wir sind in meiner Wohnung in der Innenstadt. Es ist helllichter Tag. Ich liege auf meinem Bett, das fast den ganzen Raum einnimmt, Friedrich daneben, aber ich kann ihn auf meinem Erinnerungsbild nicht sehen. Ich sehe nur mich, ich sehe, dass ich nackt bin. Eine nackte Frau. Nichts an der Frau bewegt sich. Man sieht nicht einmal, ob sie atmet. Der Augenblick wie eingefroren. Die Frau hält still, wie jemand, der auf keinen Fall gefunden werden will. Mit offenen Augen, vollkommen unbedeckt versteckt sie sich. Das Wort frigide habe ich ihm damals trotzdem nachgetragen. Heute glaube ich, dass er verzweifelt war. Er war so ein dummer Junge. Beide waren wir dumm und jung und ohne jede Erfahrung, wir kannten uns selbst nicht, und wir hatten keine Ahnung, wie wir miteinander umgehen sollten, weder mit uns selbst noch mit dem anderen. Und dann kommt mir doch noch ein warmer Moment in den Sinn: In einem dunklen Raum, in den nur schwaches Licht von draußen fällt, betrachte ich mit großen Augen, die seit Stunden an die Dunkelheit gewöhnt sind, diese Linie entlang der Wirbelsäule, und der weiche Schatten meiner Hand beschreibt das Auf und Ab des breiten Rückens, und ich denke, das ist die schönste Stelle eines Männerkörpers.

Stéphane schreibt: Ein Trophäenjäger bin ich nicht, das musst du mir glauben. Aber ein Engel bin ich wohl auch nicht. Hast du Erfahrung in diesen Dingen?

Ich schreibe: Was für Dinge meinst du genau?

Stéphane schreibt: Des intrigues amoureuses, Affären, Liebschaften oder wie immer du es nennen willst.

Die meisten Männer, die ich getroffen habe, seit ich verheiratet bin, waren langweilig und eindimensional. Die Art von Männern, die brav ihre Targets abliefern, sich eine dicke Uhr kaufen und angelesenes Zeug über Wein von sich geben. Das einzig Attraktive war ihre Macht und ihr Status – aber das hat mich nie wirklich interessiert. Und davor? Davor geht die Erzählung so: Ich wollte unbedingt an die ewige Liebe und Treue glauben … Der arme Friedrich! Ich glaube, ich habe ihn völlig überfordert. Vielleicht neige ich dazu, meine Männer zu überfordern.

Ich schreibe: Kann ich dir vertrauen?

Stéphane schreibt: Vermutlich würde dir jedes Schlitzohr sofort versichern, dass du ihm trauen kannst. Es wird dir also nicht viel helfen, wenn ich das schreibe. Aber: Ja, du kannst mir vertrauen.

Mit keinem bin ich so schnell im Bett gelandet wie mit Yannik, und mit keinem so oft. Dabei ging das Ganze vielleicht ein halbes Jahr, kaum länger. Zuerst hatte ich auf der Medizinerparty ein wenig mit einem anderen Kerl geflirtet, der mir sehr gut gefiel, aber er hatte eine Freundin, eine zierliche Medizinstudentin, der man anmerkte, dass sie diesen Mann nicht wieder aufgeben würde. Ich bin sicher, dass die beiden geheiratet und Kinder bekommen haben, und dass sie nie ihren Facharzt zu Ende gemacht hat. Und fast genauso sicher bin ich, dass er nach einer gewissen Zeit, als die Karriere und die Familie liefen, angefangen hat, sich nach anderen Frauen umzuschauen. Ganz diskret natürlich. Lutz hieß er. Wie sie hieß, weiß ich nicht mehr. Auf den ersten Blick war mir klar gewesen, dass Lutz beruflich sehr weit kommen würde, und weil ich auch seinen Nachnamen noch erinnere, finde ich im Internet prompt die Bestätigung: Radiologe, Professor Doktor, mittlerweile in der Schweiz. Er sieht noch genauso aus wie früher, nur alt, und das Alter steht ihm nicht. Es gibt diese Art von hübschen jungen Männern, die schlecht altern, so wie Ivo Pogorelich. Die Hülle seiner Schubert-Platte aus den Achtzigern hatte ich mir damals übers Bett gehängt. Und wie sieht er heute aus!

Yannik war ein Freund von Lutz. Nach ihm kann ich nicht suchen, der Nachname ist weg. Wieder eine Party, dieses Mal irgendwo privat, aber wo genau? Eher Innenstadtlage, denke ich. Jedenfalls war die Bude rappelvoll, eine Wohngemeinschaft, glaube ich. Jetzt hab ich’s: Lutz’ Freundin wohnte dort, und es war ihre Party.

Es war nicht lange, nachdem Friedrich mir mit furchtbar viel Schweigen erklärt hatte, dass er nicht mehr könne. Er war gerade nach Mannheim gezogen, um an seiner Promotion am Deutschen Krebsforschungszentrum zu arbeiten. Aber auch weniger räumliche Distanz hatte unsere Beziehung nicht retten können. Ich schaltete von Erfrieren auf Verbrennen um. Freddy Mercury war noch nicht lange tot, und überall liefen die alten Queen-Platten, Tonight, I’m gonna have myself a real good time … So don’t stop me now!

Wir haben getanzt. Nie vorher und nie nachher hat ein Mann so mit mir getanzt wie Yannik. Ich weiß, wovon ich spreche. Alexander macht immer ein beleidigtes Gesicht, wenn ich sage, ich könne mit jedem alles tanzen, wenn er nur führe. Dabei war es seine Idee gewesen, einen Tanzkurs mit mir zu machen. Bis zum Goldabzeichen haben wir es gebracht, aber selbst in der Zeit, als wir noch regelmäßig zum Tanzen gingen, bestand er auf die immer gleiche Abfolge der Figuren und zählte mit halboffenem Mund leise den Takt mit, obwohl er wusste, dass es mich wahnsinnig machte. Mit Yannik war es, als tanze er mich, als seien meine Bewegungen seine und seine meine. Eine Weile mischte Lutz noch mit. Wir probierten uns im Sandwich-Tanz, einer von vorne, einer von hinten und ich mitten drin, und wir lachten furchtbar viel. Bis Lutz’ Freundin neben uns auftauchte. Ich hatte sie schon eine Weile still an der Tür stehen sehen. Lutz verschwand, und Yannik und ich machten alleine weiter. Dann war der Raum plötzlich leer. Der Freund, mit dem ich gekommen war, war längst nicht mehr da. Er hatte sich nicht verabschiedet. Genau so war’s. Hatte ich vergessen. Ich weiß auch nicht mehr, welche Worte zwischen Yannik und mir gefallen sind, oder ob überhaupt Worte gefallen sind, und ich weiß auch nicht mehr, wie wir den Weg zu meinem Zimmer am Seepark zurückgelegt haben. Aber wenn ich die Augen schließe und es zulasse, taucht da wieder der Rausch im Kopf, im Bauch und zwischen den Beinen auf, ich erinnere mich an die vollkommene Hemmungslosigkeit dieser Nacht oder besser dieser frühen Morgenstunden und all derer, die noch folgen sollten.

Er hatte eine Wohnung im Westen der Stadt, nicht weit vom Seepark, in der ich von da an jede Nacht und dazu den halben Morgen verbrachte. Zwei Zimmer, Küche, Bad, in dieser Wohnung gab es keinen Ort, an dem wir nicht miteinander geschlafen hätten. Erst mit der Zeit fiel mir auf, dass wir uns nie küssten. Wir taten die intimsten Dinge mit allen möglichen Körperteilen, aber wir küssten uns nie, und wenn wir zusammen ausgingen, dann traten wir nicht als Paar auf.

Nur ein Mal. Es war der Silvesterball hoch oben auf dem Tübinger Schlossberg. Noch nie war mir so nach Jahreswechsel zumute gewesen. Ich wollte alles hinter mir lassen, war ganz auf Neuanfang eingestellt. Wir fuhren in Yanniks Auto über den Schwarzwald. An diesem Rastplatz bei Hinterzarten erzählte ich vermutlich meine Anekdote von der Polizeikontrolle. Ich hatte ein atemberaubendes Ballkleid im Gepäck, ausgeliehen aus dem Theaterfundus, roter Samt, enganliegend, schulterfrei, nur am Hals von einem Knoten zusammengehalten, tiefer Ausschnitt. Die roten Riemchenschuhe dazu waren meine eigenen, hatten zum letzten meiner Turnierkleider gehört, das ich längst verkauft hatte. Wir kamen in Verkleidung. Wir bestellten Sekt und Lachscanapés, spielten verliebt, verlobt, verheiratet, als wären wir in einem anderen Lebensjahrzehnt gelandet. Es fühlte sich an, als würde der Ball nur für uns veranstaltet werden, der gedeckte Tisch, das bunte Licht, das Tanzorchester, alles war nur für uns da. Es muss voll gewesen sein, aber ich kann mich an keine anderen Menschen erinnern, nicht einmal an Theresa, die uns überhaupt erst nach Tübingen eingeladen hatte, oder ihre Freunde. Nein, wir waren bestimmt nicht allein gekommen, und doch sind sie alle aus meinem Gedächtnis verschwunden. Da ist nur Yannik im ebenfalls geliehenen Smoking, der aussieht wie gemalt und den ich mir in meiner Erinnerung nur zehn Jahre älter vorstellen kann, als er damals war. Wir tanzen. Seine Hand auf der nackten Haut meines Rückens. Beim Wiener Walzer schaut er mich andauernd an, ich ermahne ihn mit gespieltem Ernst, gefälligst seine Augen von mir abzuwenden, wie wolle er uns sonst unfallfrei durchs Gedränge lotsen? Und überhaupt sei das ganz und gar nicht reglementgemäß. Aber ab und zu bewege ich selbst den Kopf hin und her, um den Drehschwindel noch zu intensivieren. Im Laufe der Nacht war es, als füllten sich Kleid und Smoking mit Leben. Vielleicht war aber auch nur die äußere Lüge nach innen gewandert, bis innere Wahrheit und äußere Verstellung nicht mehr zu unterscheiden waren.

Pulsuz fraqment bitdi.

32,15 ₼

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22 dekabr 2023
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9783520750914
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