Kitabı oxu: «Naranari - Mehr als Glückseligkeit»

Şrift:

NARANARI

Mehr als Glückseligkeit

Daniela Jodorf

IMPRESSUM

Text

© Copyright by Daniela Jodorf 2021

Umschlag

© Copyright by Daniela Jodorf 2021

Lizenzfreies Coverfoto und Design mit Dank an Canva.com

Verlag

Daniela Jodorf

Leonhard-Kraus Str. 23

53604 Bad Honnef

dj@daniela.jodorf.de

veröffentlicht durch

epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

Danksagung

Mit besonderem Dank an alle, die bei der Entstehung dieses

Buches mitgewirkt haben:

Monika Winterstein

Serga Falck

Bianca Dauber

Monika Jodorf

NARANARI ist unser gemeinsames Werk.

Schön, dass es Euch gibt!

Disclaimer

Alle in diesem Roman vorkommenden Figuren, Schauplätze und Organisationen sind rein fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind vollkommen zufällig und beruhen allein auf der Tatsache, dass in dieser Erzählung allgemeingültige Verhaltens- und Erfahrungsmuster zu den Themen Guru-Abhängigkeit und spiritueller Missbrauch dargestellt werden, die sich zu verschiedenen Zeiten an ganz unterschiedlichen Orten und zwischen völlig anderen Menschen ereignen können und trotzdem fast identisch wirken.

Für Menschen, die selbst die Abhängigkeit von einem Guru, einer spirituellen Institution oder Tradition oder spirituellen Missbrauch in körperlicher, sexueller, seelischer oder anderer Form erlebt haben oder gerade erleben, kann dieser Roman triggernd wirken. Er bietet aber auch die Möglichkeit, die Muster der Guru-Schüler-Dynamik zu verstehen und die eigenen Schatten zu erkennen und zu integrieren.

Es ist nicht die Absicht der Autorin, mit dieser Erzählung in irgendeiner Form Heilwissen anzubieten. Dieser Roman soll lediglich auf die Gefahren und Illusionen auf dem spirituellen Weg hinweisen und so die Möglichkeit zu einem ehrlicheren, realistischeren Umgang mit dem Thema Spiritualität eröffnen, der auch die negativen Seiten mit einschließt und den Leser zu einem kritischen Bewusstsein ermutigt, das ihn in die Lage versetzt, sich selbst vor leidvollen spirituellen Begegnungen zu schützen.

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Die Schatten auf dem spirituellen Weg

sind lang und unsichtbar

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Die richtigen Dinge sind immer einfach,

aber die einfachen Dinge nicht immer richtig

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1

MEERA

Die saftig grüne, tropische Landschaft flog mit der gemächlichen Geschwindigkeit des alten rostigen Taxis an Meera vorüber. Sie konnte kaum fassen, dass sie endlich hier war. Wie viele Jahre hatte sie von Goa geträumt. Wie oft hatte sie sich vorgestellt, hier mit Janaka herzukommen, sich von ihm alle Orte zeigen zu lassen, die ihn berührt und inspiriert hatten; die Orte, an denen er erwacht war, die ihm seinen Weg und seine Mission enthüllt hatten. Nun war sie hier, doch der Sitz neben ihr leer. Tränen rollten über ihre Wangen, als sie sich sein schönes Gesicht vorstellte. Er fehlte ihr so.

Das Taxi wurde im Laufe der Fahrt immer schneller, als hätte es sich erst vom Rost befreien müssen. Inzwischen düste der Fahrer hastig und eckig um die Kurven. Meera sah angestrengt und konzentriert aus dem Frontfenster, um die Übelkeit zu bekämpfen. Trotz der wunderschönen Umgebung wanderten ihre Gedanken immer wieder zurück zu Janaka und seinen bunten, ausgeschmückten Erzählungen von seiner Zeit in Indien.

In ihr regte sich unendliche Traurigkeit. Sie hätte ständig weinen können. Um Janaka, der so tief gefallen war. Und auch um sich, weil sie geglaubt hatte, alles gefunden zu haben, wonach sie sich gesehnt hatte, nur um am Ende alles wieder zu verlieren. Der Schmerz saß tief und schien unheilbar. Sie war unerträglich verletzt, furchtbar verstört und verwundet. Sich das einzugestehen, war ihr so schwer gefallen, dass sie mehr als zehn Jahre dafür gebraucht hatte. Jahre, in denen sie sich täglich eingeredet hatte, dass alles in Ordnung war, obwohl gar nichts in Ordnung gewesen war.

Sie mahnte sich zur Disziplin. Wenn sie einigermaßen heil in ihrem Hotel ankommen wollte, dann durfte sie jetzt nicht darüber nachdenken. Sie musste sich konzentrieren. Auf das Hier und das Jetzt. Jetzt saß sie in einem Taxi in Goa und schwitzte. Jetzt freute sie sich auf Ferien am Strand. Jetzt schien die Sonne. Jetzt spürte sie Durst. Es gelang ihr, die Vergangenheit auszublenden, sie rigoros auszuschließen aus ihrem Erleben.

Der Fahrer deutete auf einen Tempel und rief begeistert: „Shiva Temple, Madame. Sehr heilig.“

Er konnte nicht wissen, dass sie auch das an Janaka erinnerte, wie eigentlich alles die schmerzlich geliebten Erinnerungen hochspülte. Hatte sie überhaupt ein Leben ohne ihn, fragte sie sich verzweifelt und ein bisschen wütend. Würde sie jemals wieder ein Leben ohne ihn haben?

Der Fahrer wartete offenbar auf ihre Reaktion, denn er starrte sie im Rückspiegel erwartungsvoll an. Sie nickte freundlich. „Ja, ich kenne Shiva. Sehr, sehr heilig“, antwortete sie, und endlich blickte der Fahrer wieder auf die holprige Straße vor ihnen, die in Richtung Ashvem Beach im nördlichen Teil Goas führte. Er konnte nicht wissen, wie verbunden sie mit Shiva war, was er ihr bedeutete, obwohl sie Deutsche war. Auch Shiva verband sie mit Janaka, mit ihrem geliebten Lehrer, der ihr alles, was sie über die geistige Welt wusste, beigebracht hatte. Der ihr vor allem zuerst das Vertrauen in die Existenz der geistigen Welt gegeben hatte. Sollte das alles Illusion gewesen sein? Sie konnte und wollte das nicht glauben. Was war überhaupt noch wahr in einer Welt, in der die Menschen nicht das waren, was sie zu sein vorgaben? Was war wirklich, in einer Welt, in der man dem, den man am meisten liebte, nicht vertrauen konnte? Wieder begannen ihre Tränen zu fließen und diesmal ließ sie es geschehen.

„Traurig, Madame?“, fragte der Fahrer mitfühlend und starrte wieder nur in den Rückspiegel, statt die Straße im Blick zu behalten.

„Nein, sehr glücklich“, log sie, um ihn dazu zu bewegen, nach vorne zu sehen. „Ich wollte schon so lange herkommen.“

Der Fahrer freute sich und lachte. „Goa sein beste Platz von India! Alles hier: Meer, Strand, Kultur, Musik, Party, Yoga, Tempel, Gewürze, Ayurveda… Alles.“

Sie nickte wieder und war froh, dass er ihre Gedanken nicht hörte. „Ja, alles ist hier, aber nicht das, was ich mir am sehnlichsten wünsche.“

Der Taxifahrer spürte, dass er sie nicht aufmuntern konnte und schwieg den Rest der Fahrt. Sie fuhren jetzt auf kleineren Landstraßen kreuz und quer durch Palmenhaine, kleine Siedlungen, vorbei an einer schneeweißen christlichen Kapelle, über Brücken und Flüsse. Goa war so schön. Meera atmete tief durch, als sie ein überraschender Hoffnungsschimmer mitriss.

„Vielleicht finde ich hier doch die Erlösung, die ich suche“, dachte sie. „Aber was, wenn nicht“, durchfuhr sie gleich wieder der alte, grauenvolle Schrecken. Was, wenn sie keinen Weg fand, mit dem Schmerz und der Enttäuschung, die sich tief in ihr Herz gegraben hatten, zu leben? Was, wenn sie keinen Weg fand, mit ihrer eigenen Vergangenheit zu leben?

Nach etwa eineinhalb Stunden bog der Fahrer in der ihm eigenen zackigen Weise in eine von hohen Kokospalmen gesäumte, enge Straße ein. Er deutete nach vorne auf ein schwarzes Eisentor, das von einem bewaffneten Mann und einem schlafenden, beigefarbenen Hund bewacht wurde.

„Hotel Cozy Yoga, Madame! Sehen Sie. Sie haben geschafft Reise und jetzt an Ihre Ziel!“

Wie schön wäre es, wenn sie ihre Reise wirklich endlich geschafft, wenn sie ihr Ziel erreicht hätte. Sie war jetzt Mitte Dreißig und von sich selbst und der Verwirklichung ihrer Ziele vielleicht so weit entfernt wie niemals zuvor. Einst hatte sie gehofft, dass Janaka sie zu ihrer Berufung führen würde, dass er ihr zumindest helfen würde, sie zu entdecken. Aber es war alles ganz anders gekommen.

Das Tor öffnete sich automatisch, nachdem der Fahrer dem Wächter ihren Namen genannt hatte. Der lächelte sie an und nickte freundlich, als ihr Taxi in Schritttempo an ihm vorbeifuhr. Der Hund würdigte sie keines Blickes. Er schlief ungerührt tief und fest in der schwülen Hitze des indischen Nachmittags.

Sie folgten weiter der schmalen, palmengesäumten Straße, bis sie ein zweistöckiges Gebäude in satten Erdtönen erreichten, das über und über mit blühenden Ranken bewachsen war. Schon als Meera die Wagentür öffnete, stieg ihr der betörende, süßliche Duft von Frangipani-Blüten in die Nase. Automatisch atmete sie tief ein und spürte, wie sich etwas in ihr entspannte und zur Ruhe kam, das in den letzten fünfzehn Jahren immer rastlos und angespannt gewesen war.

Der Fahrer hatte bereits ihr Gepäck ausgeladen und es an einen eilig herbeigeeilten Porter übergeben, der geduldig auf sie wartete, während sie das Taxi bezahlte und dem Fahrer ungewöhnlich freundlich alles Gute wünschte. Vielleicht hatte er ja doch einen sechsten Sinn und sie war wirklich am Ziel ihrer Reise. Jetzt, als sie hier vor dem Hoteleingang stand, auf der Schwelle zu einem neuen Kapitel ihres Lebens, fühlte sie jedenfalls etwas, das sie lange nicht empfunden hatte: das Gefühl, sich endlich nicht mehr schützen zu müssen. Fast hätte sie wieder geweint, doch der Porter blickte sie auffordernd an. Er wartete darauf, sie zur Rezeption zu führen.

Sie folgte ihm in das Innere des zweistöckigen Gebäudes, das sie ein bisschen an eine französische Villa erinnerte. Die Fassade war aus beigefarbenen und bräunlichen Natursteinen gebaut, das Dach mit terrakottafarbenen Ziegeln gedeckt. Meera hatte Mühe, in der schattigen und angenehm kühlen Lobby etwas zu erkennen, nachdem das Sonnenlicht sie auf der ganzen Fahrt geblendet hatte. Zuerst hörte sie deshalb das laute Kreischen und Plappern eines munteren Papageien. „Hallihallo. Fremde. Hallihallo.“

Meera antwortete dem Vogel lachend. „Hallihallo. Wer bist denn du?“

„Ich heiße Captain Hook. Captain Hook. Hallihallo.“

„Hallo, Captain Hook. Ich bin Meera.“

„Meera, Meera, Meerabai!“

„Du kennst Meerabai?“ fragte sie erstaunt, denn ihr Name stammte tatsächlich von der bekannten indischen Heiligen, die im sechzehnten Jahrhundert in Rajasthan gelebt hatte. Janaka hatte Meera vor Jahren so genannt. „Dieser Name ist sehr besonders“, hatte er damals nach der Einweihungszeremonie, bei der er allen neuen Sannyasins indische Namen gegeben hatte, zu ihr gesagt. „Meerabai war die vielleicht größte Bhakta, die es je gegeben hat. Ihre Liebe zu Krishna, zum Göttlichen, war so groß, dass sie jedes Hindernis und jede Gefahr überwand. Sie konnte an nichts anderes denken als an ihren Geliebten, sang von ihm Tag und Nacht. Die Sehnsucht nach ihm zerriss fast ihr Herz. Dein Weg ist der Weg dieser Liebe, Meera. Doch dieser Weg ist der schwierigste von allen. Er ist wie das Balancieren auf Messers Schneide. Wenn du abrutschtst, wirst du dich schwer verletzen. Nur wenn dein Herz vollständig von der Liebe gereinigt ist, wirst du dein Ziel erreichen. Du musst den Mut haben, dich ganz und gar in der Liebe zu verlieren...“

Die warme Stimme des Concierge riss sie aus ihren Erinnerungen. „Willkommen im Cozy Yoga Resort. Captain Hook ist ein schlauer Kerl, der wirklich weiß, wer Meerabai ist. Wir singen hier oft ihre Bhajans. Manchmal singt er sogar mit oder er flötet dazu. Nicht wahr, Captain Hook?“

Wie zur Bestätigung stimmte der Papagei eine melancholische Melodie an.

„Sie sind also auf jeden Fall richtig bei uns.“ Der Concierge lachte fröhlich und sie stimmte - zurückhaltend zwar - in sein gelöstes Lachen mit ein. „Sie werden drei Wochen bleiben?“, fragte der Concierge.

„Ja. Voraussichtlich.“

„Wunderbar. Dann werden Sie sehr viel Zeit haben, sich gut bei uns zu erholen und viel von Goa zu sehen.“

„Ich habe sehr viel von Goa gehört und wollte schon lange herkommen. Jetzt bin ich endlich da.“

„Dann noch einmal ein herzliches Willkommen. Bitte füllen Sie das Anmeldeformular in aller Ruhe aus und geben es mir später zurück. Jetzt sind Sie sicher müde. Rajkumar wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Wenn irgendetwas nicht zu Ihrer Zufriedenheit ist, geben Sie mir bitte sofort Bescheid. Wir finden eine Lösung.“

Im ersten Moment dachte sie, dass dieser Hotelangestellte sehr gut dressiert war und seine Rolle als zuvorkommender Freund perfekt spielte. Ihre Gefühle widersprachen. Seine Worte und Versprechungen fühlten sich echt und ehrlich an. Doch gerade diesen Gefühlen vertraute sie nicht mehr. Wie viele Worte und Versprechungen hatte sie schon für echt und aufrichtig gehalten, die doch nur leer und unaufrichtig gewesen waren.

∞

Rajkumar führte Meera durch das Haupthaus hindurch, hinaus ins Freie, über verschlungene Wege zwischen zweistöckigen Bungalos, die wie kleine Kopien des Haupthauses aussahen, kreuz und quer durch die Anlage. Unmöglich konnte sie sich den Weg merken. Überall zwitscherten Vögel, zirpten Grillen, schwirrten Insekten. Und immer wieder erreichte sie der unvergleichliche Duft der Frangipani, die neben Hibiskus und anderen exotischen Pflanzen und Blumen auf den Wiesen und in den Beeten des paradiesischen Hotelgartens standen.

Fast fünf Minuten später hatten sie endlich ihr Zimmer im Parterre eines Bungalows direkt am Meer erreicht. Meera roch den salzigen Duft und hörte die ersten Wellen. Rajkumar öffnete die schwere, eisenbeschlagene Holztür und führte sie hinein. Er schien ihre Reaktion sehr genau zu beobachten. Meera spürte seine Neugierde. Wie viele Gäste mochte er schon auf ihre Zimmer gebracht haben? Wie oft hatte er sie wohl Staunen sehen? So, wie Meera jetzt. Die weiß gekalkten Wände waren mit erdfarbenen Mandalas bemalt. Das große Bett aus dunklem Teakholz hatte einen weißen Baldachin. Überall standen kleine Vasen mit Blumen. In einer Ecke, direkt neben dem großen Fenster, gab es einen kleinen Altar, auf dem ein Elefantengott stand.

„Das Zimmer ist wunderschön, Rajkumar. Danke.“

Der Porter lächelte glücklich. Meera spürte, dass ihre Reaktion ihn berührte und erfreute.

Rajkumar stellte ihren Koffer neben den Wandschrank und ging Richtung Fenster. „Warten Sie, bis Sie den Blick gesehen haben, Miss Meera.“

Stolz öffnete er die Tür zur Veranda, die wie ein Safarizelt mit Stoff überdacht war und zwei herrlichen Liegen mehr als ausreichend Platz bot. In etwa fünfzig Meter Entfernung sah sie den gelben Strand und das tiefblaue Meer. Ein Schauer des Wohlbefindens lief ihr durch den ganzen Körper. Wann hatte sie sich zuletzt so gefühlt? Ihr war, als sei das in einem anderen Leben gewesen. In einem Leben, an das sie sich kaum mehr erinnerte.

Rajkumar ließ die Türen zur Veranda weit geöffnet und kam zurück ins Zimmer, um ihr die wichtigsten Dinge zu erklären.

„Das ist unser Haustelefon. Über die 202 erreichen Sie die Rezeption. Hier in diesem Prospekt finden Sie alle wichtigen Informationen zu den Mahlzeiten, Yogastunden, Meditationen, Ausflügen. Alles, was wir täglich für unsere Gäste anbieten.“

Meera hatte plötzlich große Mühe zuzuhören. Ihr Kopf schien leer und schwer von Begriff. Langsam wiederholte sie: „Rezeption 202?“

„Die Nummer finden Sie auch hier in unserem Prospekt. Sie müssen sehr müde sein, nach Ihrer langen Reise, Miss Meera.“

„Ja. Das bin ich auf einmal. Ich glaube, ich lege mich direkt ein bisschen hin.“

Sie drückte Rajkumar dankbar ein paar Rupien in die Hand und schloss die Tür hinter ihm.

„Ein fremder Mensch ist aufmerksamer und fürsorglicher zu mir, als die Menschen, die mir am meisten bedeuten“, dachte sie erschüttert, nur um sofort wieder den Schmerz und die negativen Erinnerungen niederzukämpfen.

Sie trank durstig einen Schluck eiskaltes Wasser aus einer Thermoskanne, die zwischen Bett und Veranda auf einem Sideboard neben einem Wasserkocher, Tee und Instant-Kaffee bereitstand. Dann ging sie ins Bad, wusch sich Gesicht und Hände und legte sich anschließend völlig erschlagen auf das riesige, himmlische Bett, wo sie binnen Sekunden in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.

∞

Zwei Stunden später wachte Meera von ihrem laut und unkontrolliert klopfenden Herzen auf. Es raste in ihrer Brust in einem wild galoppierenden, undefinierbaren Rhythmus. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie hatte das Gefühl zu ersticken. Hatte sie etwa ihre Tabletten nicht genommen? Panisch sah sie auf ihr Handy, das sie zwei Mal täglich an ihre Tabletten erinnerte und stellte erschrocken fest, dass die Funktion ausgeschaltet war. Wieso hatte sie das nicht bemerkt? Meera rannte zu ihrem Handgepäck, das sie vorhin achtlos auf dem Sideboard unter dem Fernseher abgestellt hatte. Ihr Herz raste weiter ungestüm. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Gleich konnte sie die Betablocker nehmen, die es wieder in den richtigen, sanften Rhythmus bringen und die Atemnot der Angstattacke auflösen würden. Hastig schüttete sie den Inhalt ihrer Tasche auf den kühlen Steinboden vor dem Bett. In ihrem Schminketui waren die Tabletten. Sie fingerte nervös eine der kleinen Pillen aus der Aluverpackung und schluckte sie ohne Wasser. Der psychische Druck ließ sofort nach, die körperlichen Symptome jedoch nicht.

Meera ging wackelig in das Badezimmer und ließ kaltes Wasser über ihre Hände und Unterarme laufen. Anschließend klopfte sie mit einer Hand mehrfach auf die Haut unterhalb der Schlüsselbeine und sagte sich laut: „Ich bin sicher und geborgen. Ich bin sicher und geborgen. Ich bin sicher und geborgen.“

Das Klopfen und die Affirmation beruhigte sie langsam. Ihr Herz raste nicht mehr, aber es klopfte noch immer viel zu schnell. Meera wiederholte ihr Ritual drei Mal. Und endlich spürte sie, dass sie wieder tiefer und ruhiger atmen konnte. Die Lungen öffneten sich, die Blockade hatte sich gelöst. Zittrig und mit weichen Knien ging sie zurück zum Bett und legte sich auf den Rücken. Ihr Herz klopfte weiter laut und arhythmisch, aber wesentlich langsamer als zuvor. Jetzt spürte sie die Wirkung des Adrenalins in ihrem Körper. Sie fühlte sich, als wäre sie einen Marathon gelaufen.

Meera wusste, was sie jetzt zu tun hatte. Sie hatte es mit ihrer Therapeutin tausendfach geübt. Noch einmal klopfte sie die EFT-Punkte an den Schlüsselbeinen und sagte sich: „Ich bin geborgen und sicher“. Dann klopfte sie weitere Punkte im Gesicht, an den Handkanten und Rippen und wiederholte verschiedene Affirmationen, die sie in- und auswendig kannte. Die Enge löste sich mehr und mehr, ihr Brustraum dehnte sich weiter aus, und Meeras Herz begann, sich zu beruhigen. Zuletzt atmete sie abwechselnd durch das rechte und linke Nasenloch ein und aus. Diese alternierende Nasenatmung brachte das Nervensystem, Sympatikus und Parasympatikus, wieder in sein natürliches Gleichgewicht, das durch die Panikattacke verloren gegangen war.

Eine halbe Stunde nachdem die Angst sie aus dem Schlaf gerissen hatte, war Meera wieder ruhig. Herz und Atmung hatten sich normalisiert. Doch die Gedanken rasten noch wild hin und her, angepeitscht von Wut und Verzweiflung, von Selbsthass und dem Hass auf Janaka. Seitdem sie ihn und seine Gruppe verlassen hatte, litt sie unter dieser Angststörung. Auch eine zweijährige Therapie hatte sie nicht davon geheilt, sondern ihr nur geholfen, mit ihr zurechtzukommen. Für Meera war das nur ein weiterer Beweis dafür, dass Janaka ihr Leben noch immer bestimmte, obwohl sie ihn fast vier Jahre nicht gesehen hatte. In geistiger Form lebte er weiter mit ihr, sagte ihr noch immer, was sie glauben, tun und lassen sollte, lobte sie, tadelte sie, trieb sie an … und liebte sie.

Mühsam riss sie sich aus der Gedankenspirale, die sie immer tiefer hinab in die Traurigkeit zog. Sie hatte doch ihrer Mutter versprochen, sich zu melden, sobald sie sicher im Hotel angekommen war. Meera stand auf, stieg über den Inhalt ihrer Handtasche, der überall auf dem Boden verstreut lag und suchte auf dem Hotelprospekt nach dem WiFi-Passwort. Schnell hatte sie es gefunden und tippte es in ihr Handy ein. Wenige Sekunden später klingelte bereits das Handy ihrer Mutter in Deutschland.

„Meera, endlich. Wie geht es dir?“

„Sehr gut, Mama. Der Flug war super, die Fahrt zum Hotel total interessant und das Hotel ist ein Traum.“

„Gott sei Dank, mein Schatz. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“

„Alles gut, Mama. Ich bin hier sehr gut aufgehoben. Sobald ich mich ein bisschen umgesehen habe, schicke ich dir ein paar Fotos. Vor allem von meinem bombastischen Zimmer mit Himmelbett.“

„Unbedingt. Wie spät habt ihr denn jetzt?“

„Ich habe keine Ahnung. Es wird langsam dunkel. Vielleicht so gegen sechs. Ich habe einen Riesenhunger und gehe gleich etwas essen.“

„Mach das, Schatz. Pass gut auf dich auf. Wenn etwas ist, kannst du mich jederzeit anrufen. Ich lass dich in Ruhe, damit du die Zeit ganz für dich hast.“

„Ach, Mama. Du weißt doch, wie viel mir unsere Gespräche bedeuten.“

„Ich weiß, mein Schatz. Aber du weißt auch, dass du viel zu lange viel zu wenig Freiheit und Privatsphäre hattest.“

Meera schwieg und spürte den ganzen Schmerz ihrer Mutter, die ihr Kind fast verloren hätte und dann viele Jahre hatte leiden sehen, ohne ihm helfen zu können. „Danke, Mama. Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch, Meera. Bis bald...“

„Küsschen und bis bald.“

Den Tränen nahe legte Meera das Handy weg. Ihre Mutter so besorgt und so traurig zu erleben, war schlimm für sie. Nur selten wagte sie sich einzugestehen, dass sie nicht die einzige war, die in ihrer Zeit bei Janaka gelitten hatte. Wie sehr hatte sie ihre Mutter verletzt. Heute schämte Meera sich dafür. Wie blind war sie gewesen, wie egoistisch und wie dumm.

Nachdem Meera den Inhalt ihrer Tasche sortiert und wieder eingeräumt hatte, meldete sich der Hunger erneut. Sie suchte online nach der aktuellen Uhrzeit. Es war 18:30 Uhr. In einer halben Stunde öffnete das Restaurant. Ausreichend Zeit also, ihren Koffer auszupacken und etwas Leichteres, Bequemeres anzuziehen.

∞

In einem weiten Hosenanzug mit Spaghettiträgern schlenderte Meera eine halbe Stunde später über die verschlungenen Wege durch den Hotelgarten. An jeder Wegbiegung tauchte sie in einen anderen floralen Duft ein. Mal waren es Hibiskus, mal Bougainvillea, mal einfache Geranien und immer wieder die betörenden Frangipani-Blüten.

Sie brauchte über zehn Minuten, um das Restaurant zu erreichen, das am anderen Ende des Geländes oberhalb des Strandes lag, und Meera genoss jede Minute des Weges. Es war so herrlich hier, so beruhigend und entspannend. Ihr war, als bröckele hier im Cozy Yoga Hotel Stück für Stück eine verkrustete Schutzschicht von ihr ab, die sie hart, unbeweglich und angespannt gemacht hatte. Meera wusste, dass diese Schutzschicht sie gerettet hatte. Ohne sie hätte ihre Psyche nicht überlebt, hätte sie selbst nicht überlebt. Aber sie wusste auch, dass sie nur eine Zukunft hatte, wenn sie es schaffen würde, diese Härte, diesen emotionalen Panzer, wieder abzulegen und sich dem Leben erneut zu öffnen.

Ein adrett gekleideter Kellner empfing sie am Eingang zum Restaurant, das eigentlich nur eine überdachte Terrasse war. Der Boden schien aus Ton oder Sand gestampft zu sein. Das Dach bestand aus robusten Hölzern, Stoffen und Palmblättern. An verschiedenen Tischen saßen bereits drei bis vier Personen zusammen und redeten leise.

„Möchten Sie sich zu jemandem setzten, Madame, oder lieber alleine speisen?“, fragte der Kellner in akzentfreiem Englisch.

„Ich wäre gerne allein, wenn das möglich ist.“

„Aber selbstverständlich. Kommen Sie.“ Der Kellner führte sie an einen Tisch neben einer aus Blättern geflochtenen Brüstung. „Wie gefällt Ihnen dieser Tisch? Sie können sogar das Meer sehen.“

Und tatsächlich. Rechts von sich hörte sie das Rauschen des Meeres, und als sie genauer hinsah, sah sie es sogar. „Dieser Tisch ist wunderbar. Danke.“

Der Kellner rückte ihr den Stuhl zurecht und zündete eine Eukalyptuskerze an. „Kann ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen. Wasser, Wein, Bier, Softdrinks, Mangolassi?“

„Ein Wasser und ein Lassi wären toll. Danke sehr.“

Immer mehr Gäste trafen in kleinen Gruppen ein. Die meisten waren braun gebrannt, wirkten fröhlich und erholt. Niemand schien allein hier zu sein.

Der Kellner brachte Meeras Getränke. „Wenn Sie möchten, können Sie sich direkt am Buffet bedienen. Es beginnt mit den Vorspeisen. In der Mitte finden Sie die Hauptgerichte und am Ende die Desserts. Wenn Sie noch etwas brauchen, rufen Sie mich.“

Meera nickte dankend und trank durstig einen Schluck des eiskalten Mangolassis, sobald der Kellner sich anderen Gästen zugewandt hatte, die einen Tisch suchten. Schnell füllte sich das Restaurant mit fast fünfzig Leuten. Und Meera begann, sich unwohl zu fühlen. Wieder krochen die Erinnerungen aus ihrem Unterbewusstsein hervor, nicht schnell und überwältigend, sondern leise und verführerisch. Sie dachte an die vielen, köstlichen Mahlzeiten, die sie in Janakas Ashram auf dem Boden sitzend mit den Fingern gegessen hatte. Oft hatte sie selbst in der Küche geholfen. Eine Zeit lang hatte sie sogar die Küche geleitet und stets versucht, gute, ausgewogene, vegetarisch- ayurvedische Ernährung für über hundert Bewohner auf die Teller zu zaubern. Diese Arbeit hatte sie geliebt. Bis Janaka eines Tages bemerkt hatte, mit wie viel Freude und Leidenschaft sie bei der Sache war und wie sie täglich mehr aufblühte. Er hatte sie noch am gleichen Abend zu sich in sein Apartment auf dem Ashramgelände, einem alten Gutshof im Odenwald, gerufen. Nichtsahnend war sie zu ihm gegangen, hatte sich sogar auf die Zeit mit ihm allein gefreut. Doch sein strenger Blick hatte ihr gleich verraten, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Er hatte sie nicht lange im Ungewissen gelassen. „Was bedeutet vairagya, Meera?“ hatte er sie gefragt, und sie hatte gleich gewusst, dass das eine Fangfrage war.

„Losgelöstheit, Verhaftungslosigkeit.“

„Genau. Und wie praktiziert man Verhaftungslosigkeit?“

„Indem man an nichts festhält, nichts als sein Eigentum betrachtet.“

„Richtig. Und warum praktizieren wir vairagya?“

„Weil das Leben ein stetiger Wechsel und Wandel ist und wir stets bereit sein müssen, Dinge, die uns lieb sind, loszulassen.“

„Bist du bereit, das, was dir lieb ist, loszulassen?“

„Ich glaube schon.“

„Du glaubst schon? Ist das die Antwort eines reifen spirituellen Menschen?“

Meera hatte verunsichert auf den Boden geblickt. Jetzt hatte er sie, und sie war dagegen völlig machtlos gewesen. Den Tränen nahe, wäre sie am liebsten fortgerannt.

„Sieh mich an, wenn ich mit dir rede, Meera. Ist das die Antwort eines reifen spirituellen Menschen?“

Meera hatte den Blick wider Willen gehoben und Janaka, in dessen Gesicht sie weder Zuneigung noch Mitgefühl erkannte, sondern nur Kälte und Verachtung, direkt angesehen.

„Nein, Guruji. Das ist die Antwort eines ängstlichen und verunsicherten Menschen.“

Meera hatte sich zur Gewohnheit gemacht, in solchen Situationen, die beinahe wöchentlich vorkamen, stets offen und ehrlich zu sein. Wenn er sie kleinmachen und demütigen wollte, war das seine Sache. Sie wollte zu sich und ihren Gefühlen stehen, auch wenn die Konsequenzen schmerzhaft waren. Sie würde nicht vorgeben, etwas oder jemand zu sein, der sie nicht war. Sie wusste genau, dass ihn das wütend machte, doch er ließ sich nichts anmerken.

„Du wirst die Chance bekommen, vairagya zu üben, Meera. Ab morgen wirst du deinen Dienst im Garten verrichten und nicht mehr in der Küche.“

Es hätte keinen Sinn gehabt, mit ihm zu diskutieren und seine Entscheidung in Frage zu stellen.

Meera hatte sich mit vor der Brust aneinandergelegten Händen verneigt und war gegangen.

„Bedeutet vairagya, dass man nichts lieben darf? Dass man nichts mit Leib und Seele und mit Herzblut tun darf?“, hatte sie sich damals traurig und verletzt gefragt. „Bedeutet Verhaftungslosigkeit, dass Freude bei dem, was man tut, schlecht ist? Dass man dann gehen muss, wenn es am schönsten ist? Das glaube ich nicht.“ Janaka selbst sprach immer davon, dass man leidenschaftlich bei der Sache sein sollte, dass man nichts nur mechanisch tun sollte, sondern stets achtsam und mit der Kraft der Seele. Warum galten diese Dinge immer nur dann, wenn er in seinem Satsang, seinem sonntäglichen Vortrag, darüber sprach? Warum galten sie nicht im Leben hier im Ashram? Warum galten sie für ihn, aber nicht für sie und die vielen anderen, die hier lebten und für die Janaka ein Lehrer und Vorbild war?

Meera wischte sich die Tränen mit einem Taschentuch aus den Augen. Der Kellner sah, dass sie weinte und kam mitfühlend zu ihr. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Madame? Kann ich etwas für Sie tun?“

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich zu sammeln. „Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen. Es geht schon wieder. Ich habe mich nur gerade an etwas erinnert.“

„Etwas Schönes oder etwas Schlechtes?“ fragte der Kellner unschuldig.

„Das ist eine sehr gute Frage. Mal scheint es schön zu sein und mal schlecht. Auf jeden Fall ist es vorbei, und das macht mich traurig.“

„Jetzt sind Sie ja hier, und hier werden Sie viele neue, schöne Erinnerungen sammeln. Dieser Ort hat schon viele traurige Menschen glücklich gemacht.“

Meera lächelte und sah sich dabei zu, wie sie eine Hand auf ihr Herz legte. Die Reaktion des Kellners berührte sie sehr. Er ahnte gar nicht, wie sehr sie hoffte, dass seine Worte wahr wären, dass auch sie wieder glücklich sein könnte.

Mit einem Mal hatte Meera keinen Hunger mehr. Vielleicht lag es am sättigenden Lassi oder an ihren schweren Erinnerungen. Nach der langen Reise und dem anstrengenden Tag hatte sie nicht die Kraft, dem Fluchtimpuls zu widerstehen. Sie stand auf und ging am Buffet vorbei, nahm sich eine Banane, ein paar Datteln und eine Orange und verließ das Hotelrestaurant.

Zurück in ihrem Zimmer aß sie die Orange und eine Dattel, duschte endlich ausgiebig und legte sich dann erschöpft ins Bett. Kurz bevor sie einschlief, dachte sie: „Wie soll ich hier nur drei Wochen aushalten, wenn die Erinnerungen jeden Tag so stark sind. Ich dachte, ich wäre schon viel weiter in meinem Heilungsprozess.“

Meera war noch wach genug, eine Bitte an Shiva zu formulieren: „Ich brauche deine Hilfe. Bitte hilf mir. Ich brauche Heilung. Bitte heile mich.“

Noch nie hatte sie so deutlich gespürt, dass es so, wie es jetzt war, nicht weitergehen konnte.

2

TIMM

Timm wusste nicht mehr, wann er das erste Mal begriffen hatte, dass er anders war. Es musste irgendwann in der siebten oder achten Klasse gewesen sein. Auf der jährlichen Klassenfete hatte er gerade noch ausgelassen getanzt, da dimmte der DJ das Licht und legte einen Schmuseblues auf. Jeder Junge schnappte sich ein Mädchen, und es bildeten sich im Nu eng umschlungene Paare, die sanft im Kreis wogten und kuschelten. Vorwärts, rückwärts, vor und zurück. Nur Timm stand da, wie gelähmt, unfähig sich eine Tanzpartnerin zu suchen. Er fand die Mädchen blöd, hasste die Musik, wollte weder schmusen noch knutschen. Er hätte gar nicht gewusst mit wem. Also rannte er davon. Verkroch sich auf der Toilette, bis er hörte, dass sich die Musik wieder änderte. Erst als alle wieder ausgelassen herum hopsten, wagte er sich aus seinem Versteck. Doch seine gute Stimmung war dahin. Timm fühlte sich klein, leer, mut- und kraftlos und hoffte, dass es keiner bemerken würde. Doch Petra hatte ihn schon im Visier. Sie steuerte direkt auf ihn zu, als er ins Klassenzimmer zurückkehrte.

„Hey, Timmy. Was ist mit dir? Tanzen wir gleich den nächsten Blues?“

„Nee. Ich muss heim!“

„Was? Jetzt schon? Der Spaß fängt doch gerade erst an!“

Sie kam immer näher. Er fühlte sich bedrängt. „Ich hasse Blues!“

„Warum?“

Warum, hatte er sich bereits selbst die gesamte halbe Stunde gefragt, die er allein auf der Toilette gehockt hatte. Petras Fragen waren ihm unangenehm und noch mehr ihre Distanzlosigkeit. Er fühlte sich irgendwie ertappt und wollte nichts als seine Ruhe haben. „Weiß nicht. Mag´s halt nicht“, gab er deshalb nur lakonisch von sich und blickte dabei unbeteiligt aus dem Fenster.

Ihr Blick wurde ein wenig hämisch, fast verächtlich. „Bist du etwa zu schüchtern!?“

„Ich muss jetzt wirklich nach Hause, Petra.“

Unsanft schob er sie an die Seite und rannte wie ein Gejagter aus der Tür, durch die halbe Schule und endlich hinaus ins Freie, tief verstört von seinen eigenartigen Empfindungen der Abwehr und der Scham. Warum wollte er nicht, was alle anderen toll fanden? Warum fand er es sogar so schlimm, dass er sich verstecken und weglaufen musste? Den Tränen nahe, konnte er in diesem Moment seine unsagbare Einsamkeit kaum ertragen. Ein eigenartiger Schmerz legte sich auf seine Brust, so schwer wie ein Fels, der ihm auch die Kehle zuschnürte.

„Wie, schon zu Hause?“, fragte seine Mutter, als er viel früher als erwartet heimkam.

„Ja, war doof!“

„Hast du Hunger?“

„Nee. Bin müde.“

Sie sah ihm besorgt nach, als er sich in sein Zimmer zurückzog. So wortkarg und niedergeschlagen hatte sie ihren Sohn nur selten gesehen.

Timm schmiss sich auf seine Matratze und grub sein Gesicht in das Kissen, damit niemand hörte, wie verzweifelt er weinte.

Er lag an diesem Abend lange wach und kämpfte gegen die unbeherrschbaren Gefühle, die ihn noch immer fest im Griff hatten. Erst weit nach Mitternacht fasste er, des inneren Kampfes müde, einen tiefgreifenden Entschluss. So wollte er sich nie wieder fühlen. So würde er sich nicht wieder fühlen. Er beschloss an diesem Tag, alles zu tun, was in seiner Macht stand, um sich selbst vor dieser tiefen Traurigkeit und Einsamkeit zu schützen. Es war wie ein Gelübde, wie ein heiliger Schwur, den er vor sich selbst und für sich ablegte: „Nie wieder werde ich mich so fühlen. Koste es, was es wolle!“

∞

Am nächsten Morgen ging es Timm wieder gut. Er war noch ein bisschen matt und müde, aber der Schmerz war fort, und eigenartigerweise wusste er, sobald er die Augen aufschlug, ganz genau, was er zu tun hatte. Es war alles ganz einfach; er sah es klar und deutlich vor sich.

Gleich am Wochenende fuhr er in den Technostore am Frankfurter Hauptbahnhof, in dem alle DJs der Stadt einkauften. Timm fragte die Verkäufer nach den neuesten Tracks, den aktuellen Trends und freundete sich schnell mit ihnen an. Plötzlich tauchte er in eine magische Welt ein und lernte jeden Tag etwas dazu. Er gab sein ganzes Taschengeld für Musik aus und schlachtete sein blaues Sparschwein für sein erstes, gebrauchtes DJ-Pult. Jeden neuen Track probierte er sofort aus, testete die besten Übergänge, stand täglich in seinem Zimmer hinter seinen Turntables und übte so lange, bis er jede Note und jeden Beat auswendig kannte. Und ein Jahr später, beim nächsten Klassenfest, legte er selbst auf; machte er die Musik.

Die Klasse tanzte ohne Pause zu seinen liebsten Elektro-Sounds. Plötzlich wollte keiner mehr Blues tanzen, und Timm hatte das Erlebnis vom letzten Jahr völlig vergessen. Hier und heute war er in seinem Element. Jetzt gab er den Ton an. Und er war gut, sehr gut sogar. Nichts liebte er mehr, als die Musik, die ihn elektrisierte, bewegte, beflügelte. Sie machte etwas mit ihm, veränderte ihn, und er ließ das gerne geschehen.

Spät an diesem Abend spielte er den letzten Song und beobachtete seine Mitschüler, die sich in den letzten Stunden fast in Ekstase getanzt hatten. So ausgelassen, so frei hatte er seine Freunde noch nie gesehen. Etwas war geschehen an diesem Abend, aber Timm hätte nicht sagen können, was.

Nach dem Wochenende zurück in der Schule, noch vor dem ersten Klingeln, umringte Timm ein großer Pulk von Klassenkameraden und bombardierte ihn mit Lob und Fragen.

„Was war das denn, Timm?“

„So coole Musik hab´ ich noch nie gehört.“

„Mega, was du drauf hast.“

„Ich will mehr davon.“

„Kannst du mir das aufnehmen?“

Timm wusste gar nicht, mit wem er zuerst reden, wem er zuerst antworten sollte. Der Englischlehrer, der pünktlich mit dem Gong die Klasse betrat, hielt von diesem Aufruhr gar nichts und scheuchte alle Schüler auf ihre Plätze. „Es ist ja toll, Timm, dass du deine Klassenkameraden mit dieser Elektro-Musik erfreut hast, aber heute ist Schule und nicht Klassenfete!“

Widerwillig grummelnd und schimpfend folgten alle der Aufforderung.

„Ich hoffe, deine Noten leiden nicht unter deinem musikalischen Interesse und Talent.“

Plötzlich applaudierten alle und Timm errötete.

∞

Von jetzt auf gleich war alles anders; Timm war ein anderer. Er wusste plötzlich genau, was er mochte, was er konnte und wollte. Timm begann, für das Auflegen und durch das Auflegen zu leben. Die Musik bestimmte fortan sein Leben, war in kürzester Zeit sein Lebensinhalt geworden. Nichts interessierte ihn so sehr. Nichts ließ ihn so sehr sich selbst vergessen. Schon im Sommer legte er auf der Schulparty auf und bewegte die Masse. Tausend Schüler der Mittel- und Oberstufe tanzten zu seinen Beats und jeder, der dabei war, fühlte sich besonders und beflügelt.

Seine Eltern beobachteten Timm zuerst besorgt, doch als sie merkten, dass es ihm gut ging und seine schulischen Leistungen nicht nachließen, ließen sie ihn machen. Irgendwie waren sie sogar stolz auf ihren Sohn, sein neu entdecktes Talent, seine Disziplin und Zielstrebigkeit. Er war ein Teenager und hätte seine Zeit auch ganz anders verbringen können.

Sogar seine zwei Jahre ältere Schwester begann, sich für Timm und seine Musik zu interessieren. Sie hing oft in seinem Zimmer ab, wollte immer die neusten Stücke hören und verteilte seine Aufnahmen stolz an ihre Freunde.

Schon nach kurzer Zeit spielte Timm erste kleinere, bezahlte Gigs. Und jeden Abend wieder sah er die Menschen tanzen und eins mit seiner Musik werden. Die meisten Tänzer vergaßen alles, solange die Musik spielte; sogar oder vor allem sich selbst. Viele berichteten von einem Gefühl der Leichtigkeit und Leere. „Mein Körper hat einfach getanzt. Ich hätte ihn nicht stoppen können“, beschrieben mehrere Freunde ihre Erlebnisse auf der Tanzfläche.

Die elektronische Musik versetzte alle in einen eigenartigen Rausch. Timm fühlte sich von einem nie gekannten Flow getragen, der ihn einfach mitriss. Er hätte sich nicht gegen diesen magischen Fluss wehren können und genoss das Gefühl, dass er nichts dafür tun musste, um Neues zu entdecken und weiterzukommen. Alles ergab sich wie von selbst, jeder nächste Schritt, jede Handlung, jede Entscheidung. Leider war er erst sechzehn und durfte deshalb keine Angebote bis spät in die Nacht annehmen. Er legte hauptsächlich auf Partys von Freunden oder Schulfesten auf. Doch weil er immer in seinem geliebten Technoladen unter dem Bahnhof auf der Suche nach neuen Sachen war, knüpfte er enge und wichtige Kontakte zu den älteren Vorreitern der Frankfurter Technoszene. Manchen gab er seine Aufnahmen und immer wieder hörte er dasselbe:

„Zu dumm, dass du noch keine achtzehn bist. Deine Musik ist wirklich besonders.“

Timm bekam sein erstes Engagement auf einem Rave in einer alten Lagerhalle im Casellahafen und legte zwei Mal im Monat samstags von elf bis vierzehn Uhr auf. Die Halle war immer voll. Viele der Raver kamen tatsächlich nur wegen ihm. Manche reisten von weit her an. In kürzester Zeit war er zu einem Geheimtipp der echten Raver geworden. Wer ihn kannte, gehörte wirklich zum engsten Kreis der Frankfurter Clubszene.

Petra, mit der er seit einigen Monaten zusammen war, begleitete ihn sichtlich stolz zu fast jedem Gig. Timm selbst sah „die Sache“, wie er seine erste Beziehung nannte, wesentlich nüchterner als Petra. Sie hatte lange darum gekämpft, ihn für sich zu interessieren. Auf der letzten Klassenfahrt hatte er einfach nicht länger nein sagen können. Vielleicht verletzte seine Unnahbarkeit sie, aber sie ließ es sich nicht anmerken. Ebenso, wie er ihre Anhänglichkeit tolerierte. In seiner Gegenwart war sie stets fröhlich und wirkte verliebt. Timm nahm sich nicht die Zeit, sich zu fragen, ob ihm eine solch unausgeglichene Beziehung reichte, ob er vielleicht etwas ganz anderes wollte oder sogar gar keine Freundin. Wenn es morgen aus gewesen wäre zwischen ihnen, hätte es ihn wohl kaum berührt. Petra passte perfekt in sein Leben. Sie forderte nichts, außer ein wenig seiner Aufmerksamkeit und ging mit ihm, wohin er wollte.

An einem heißen Spätsommersamstag stand sie plötzlich neben seinem DJ-Pult und legte ihm drei bunte Pillen neben seine Cola. Timm trank keinen Tropfen Alkohol.

“Die musst du probieren, das ist unglaublich. Wie fliegen. Alles ist soo leicht...“

Timm sah sie skeptisch an. „Lass die Finger weg von den Drogen, Petzi. Guck dir die ganzen Leute doch an, die jedes Wochenende etwas anderes einwerfen.“

„Ach, Mensch, Timmy. Du bist ein echter Spielverderber. Du stehst hier an deinem Mischpult und liebst, was du tust. Gönn´ mir doch auch ein bisschen Spaß.“

„Drogen sind kein Spaß, und das weißt du ganz genau.“

Sie tänzelte davon, hinein in die wogende Menge, in der wahrscheinlich achtzig Prozent der Leute diese Pillen genommen hatten.

Während der nächsten zwei Stunden würdigte Timm die Pillen keines Blickes. Er brauchte kein Ecstasy, um high zu sein. Später, beim Einpacken, steckte er die Dinger achtlos in die Brusttasche seiner Jeansjacke und fuhr nach Hause, während Petra unermüdlich auch beim nächsten DJ weiter tanzte.

Nur eine Woche später waren Timm und Petra bei einer gemeinsamen Freundin eingeladen, auf deren Geburtstagsparty Timm ausnahmsweise mal nicht auflegte. Susanne konnte, wie so viele, mit Techno gar nichts anfangen. Sie liebte Independent und Rock und hatte deshalb einen anderen Freund gebeten, die Musik zu machen. Timm hatte sich erst vor der Party drücken wollen, hatte das dann aber doch nicht übers Herz gebracht. Jetzt stand er mit Petra in einer Ecke und fühlte sich irgendwie unwohl. Die Musik langweilte ihn zu Tode. Er hatte weder Bock zu reden, noch zu tanzen. Das hier war gar nicht seine Welt, und er spürte das mit jeder Faser seines Körpers. Doch er wollte Susanne und Petra auf keinen Fall enttäuschen. Es bedeutete ihnen viel, dass er hier war. Die paar Stunden würde er ihnen zuliebe schon durchhalten.

Petra hatte immer und überall Spaß. Das war vielleicht ihre größte Stärke, die er ganz besonders an ihr schätzte. Sie zerrte ihn kurze Zeit später fröhlich hopsend auf die enge Tanzfläche. Sie musste einfach tanzen, wenn sie Musik hörte, egal, welche. Wie anders war er doch, dachte Timm. Für ihn gab es nur noch Techno. Jede andere Musik erschien ihm furchtbar. Er gab sich Mühe, seine wahren Gefühle zu verbergen, fühlte sich aber gerade deshalb auf der Tanzfläche wie ein schwerer, steifer Betonklotz. Nach drei Liedern zog er sich wieder einmal auf die Toilette zurück. Dort kämpfte er tapfer gegen die Abwärtsspirale der negativen Stimmung. Er versuchte, sich mental zu motivieren, den Abend durchzuhalten, als er sich unvermittelt an die Pillen in seiner Jackentasche erinnerte. Vielleicht sollte er doch einmal eine probieren? Er kämpfte nicht lange mit sich, denn er erinnerte sich an seinen Schwur. Koste es, was es wolle… Mit einem Schluck Leitungswasser spülte er eine grüne Pille hinunter.

Zurück bei Petra fühlte er sich bereits entspannter, dem Geschehen um sich herum und seinen eigenen Reaktionen und Emotionen weniger ausgeliefert. Eine halbe Stunde später spürte er den Rhythmus der Musik in seinem ganzen Körper so deutlich wie seinen eigenen Herzschlag und ließ sich einfach von ihm bewegen. Mit einem Mal spielte es gar keine Rolle mehr, ob er Indie oder Techno hörte. Er fühlte die Musik in sich, und er liebte es. Petra sah ihn fragend an. So kannte sie Timm gar nicht. War er endlich aufgetaut, fragte sie sich. Timm tanzte und tanzte, zu jedem Song, zu jedem Beat, völlig frei und losgelöst. Die Abwehr, die Beklemmung und die Hemmung von vorhin waren gänzlich vergessen. Stattdessen breitete sich ein seltsames Gefühl des entspannten Glückes in ihm aus. Je mehr er tanzte, desto stärker wurde dieses Glücksgefühl, das fast seine Liebe zum Techno in den Schatten stellte.

Timm und Petra verließen die Party als Letzte und fuhren mit dem Fahrrad zu Timm nach Hause. Vor der Haustür hielt Petra ihn fest und sah ihm tief in die Augen. „Mal ehrlich, Timmy. Hast du eine von den Pillen genommen?“

„Nur eine.“

„Ist das nicht ein irres Gefühl?“

„ Ich hab´s mir nicht so befreiend vorgestellt.“

Petra küsste ihn leidenschaftlich. Fast hatte er das Gefühl, als liebe sie ihn dafür, dass er eine Ecstasy genommen hatte, noch mehr. „Willkommen im Club“, sagte sie grinsend, während er sich über diese Logik wunderte.

Obwohl die Wirkung der Pille längst nachgelassen haben musste, träumte Timm in dieser Nacht einen eigenartigen Traum. Er sah sich an seinem DJ-Pult vor Tausenden von Leuten, die alle synchron zu seinen Beats tanzten. Die Masse wogte wie ein Wesen, wie ein Fischschwarm, der graziös durch das Wasser tanzte. Die Einzelnen schienen jegliche Identität verloren zu haben. Aber das war nicht erschreckend, sondern schön, schöner als alles, was Timm jemals gesehen und erlebt hatte. Irgendwie wusste er in diesem Moment, dass er deshalb auflegte: um diesen Zustand, an dem er selber teilhatte, zu erleben. Dieses Einheitsgefühl berührte ihn tief, bewegte ihn sogar zu Tränen. Dies war ein Moment der Seligkeit, der Glückseligkeit, und er wollte ihn unbedingt festhalten.

Doch Träume können grausam sein. Timm wachte unvermittelt auf. Er hatte noch nicht länger als eine Stunde geschlafen. Petra setzte sich verschlafen neben ihm auf. Kurz sah er auch sie mit den Augen der Verbundenheit und für diesen Moment liebte er sie. Erstmals sah er, wie hübsch sie eigentlich war, und für einen winzigen Augenblick schätzte er sie, ihre Zuneigung und ihre Anhänglichkeit, die plötzlich wie unerschütterliche Loyalität wirkten.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie ein wenig besorgt, als sie seinen verklärten Blick wahrnahm.

„Ja, ja, alles in Ordnung. Hab nur komisch geträumt...“

„Komisch? Was denn?“

„Weiß auch nicht. Ist schon wieder weg. Irgendwas vom Auflegen.“

Der Traum war flüchtig. Ebenso flüchtig wie das Einheitsgefühl, das Timms Unterbewusstsein für einen nächtlichen Moment in archetypische Traumbilder gefasst hatte. Am nächsten Morgen erinnerte Timm sich nur daran, dass er etwas Schönes gefühlt und gesehen hatte.

∞

Timms DJ-Karriere nahm weiter Fahrt auf. Er konnte sich vor Anfragen kaum retten und verbrachte fast jeden Nachmittag im Technostore. Mattes, der Besitzer, hatte ihn unter seine Fittiche genommen. Oft probierten sie im Hinterzimmer des Ladens neue Tracks gemeinsam aus oder kreierten Loops und ganze Songs.

„Du musst unbedingt im Sommer auf der Frank Beats auflegen, Timm“, sagte Mattes eines nachmittags.

„Auf der Frank Beats?“

„Ja, der Frank Beats!“

„Machst du Witze? Das Festival ist legendär.“

„Genau. Deshalb musst du unbedingt dabei sein.“

„Ehrlich, Mattes? Das ist ein Traum für mich.“

„Gut, dann hätten wir das also geklärt.“ Mattes klopfte Timm freundschaftlich auf den Rücken und spielte den nächsten Beat an.

Petra kreischte wie verrückt, als sie hörte, dass Timm im Sommer auf dem weltberühmten Techno-Festival an einem Baggersee außerhalb von Frankfurt spielen würde. „Timmy, das ist Wahnsinn. Nimmst du mich mit?“

„Natürlich, Petzi. Du bist überall dabei!“

„Ich kann´s kaum erwarten. Da sind alle. Einfach alle.“

„Ja, und wir zwei.“ Timm umarmte Petra herzlich und ließ sie seine Freude und Zuneigung spüren.

Petra wirkte auf einmal nachdenklicher als sonst. „Ich weiß gar nicht, was wir ohne die Musik machen würden.“

„Wie meinst du das?“

„Ich meine, Techno bedeutet uns so viel. Wir verbringen soviel Zeit damit. Du noch mehr als ich. Ich hab´ das Gefühl, dass es nichts auf der Welt gibt, das uns so wichtig ist. Nichts, das uns so sehr verbindet.“

Timm ließ sich von ihrer Nachdenklichkeit anstecken. „Ja, das ist wahr. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nur am DJ-Pult und durch die Musik wirklich lebe.“

„Und wir gehören alle zusammen. Ich meine, die, die Techno lieben, sind wie eine große Familie. Wir verstehen uns blind. Wir lieben das Gleiche, wir denken das Gleiche, wir machen das Gleiche. Ich hätte nie gedacht, dass es so etwas gibt.“

Timm sagte nichts mehr. Ihre Worte hallten in ihm nach. Irgendwie erschienen sie ihm groß und wichtig. Warum hatte er noch nie so über Techno nachgedacht? Ja, auch er hatte das Gefühl, irgendwie angekommen zu sein; das gefunden zu haben, was ihn ausmachte und erfüllte. Techno bedeutete ihm alles. Die Liebe zur Musik erfüllte ihn mit nie gekannter Leidenschaft. Er hatte das Gefühl, endlich das gefunden zu haben, was ihn ausmachte. Die Musik gab ihm Kraft, Identität und Selbstbewusstsein.

Das nächste Ziel stand für Timm also fest. Je konzentrierter er darauf hinarbeitete, desto rasender verging die Zeit. Timm bereitete sich akribisch auf seinen Auftritt auf der Frank Beats vor. Mattes spielte ihm ungefragt immer wieder neue Ideen und Anregungen zu. Er rückte nicht richtig mit der Sprache heraus, aber Timm hatte das Gefühl, als wolle er ihn aufbauen, als hätte er in Zukunft irgendetwas mit ihm vor.

Und dann war es endlich soweit. Timm und Petra standen im Hochsommer zum Soundcheck auf der riesigen Bühne des sandigen Festival-Areals, das größer als zwei Fußballfelder sein musste. Bald würden hier tausende Technofans aus aller Welt vor ihnen stehen und tanzen. Timm sah es schon vor seinem geistigen Auge. Das Ganze wirkte auf die beiden Schüler vollkommen surreal und überwältigend.

Die Sonne knallte vom blauen Himmel. Das Wetter war einfach perfekt für diesen Rave, der am späten Freitagnachmittag begann und erst Sonntagmorgen enden würde. Mattes kam vorbei und klopfte Timm auf die Schulter. „Na, aufgeregt?“

„Total. Meine Knie schlottern. Diese Bühne und dieser Blick sind einfach gigantisch.“

„Du machst das schon. Denk daran: du tust hier nur, was du immer machst und am besten kannst. Lampenfieber ist gut. Es gibt einem den nötigen Kick, um noch ein bisschen besser zu sein als sonst.“

Und genau so war es. Timm war einer der ersten Künstler, die am Freitag das Festival eröffneten. Als er von seinem Synthesizer aufsah und in die erwartungsvolle Menschenmenge blickte, klopfte sein Herz rasend schnell und laut. Jetzt galt die gesammelte Aufmerksamkeit ihm. Jetzt konnte er zeigen, was er konnte. Mit seiner Musik konnte er die Menge in Ekstase versetzen. Er konnte ihr Freude schenken, das Gefühl, sich wie ein Wesen zu bewegen, eine große, begeisterte Einheit zu sein. Nach den ersten Tracks spürte er, dass der Funke übersprang, dass seine Intention aufging und seine Musik ankam. Jetzt erst verstand er, dass Techno so viel mehr als Musik, Tanz und Vergnügen war. Techno war eine Einstellung, eine Lebensart, eine Philosophie, die einen beinahe unergründlichen Tiefgang zu haben schien und sich mit nichts vergleichen ließ, das er bisher kannte oder erlebt hatte.

Sie rauschten euphorisch durch die Tage auf der Frank Beats. Nach seinem Gig war Timm selbst in die Menge getaucht, hatte mit Petra die ganze Nacht durch getanzt und alles andere vergessen. Es hatte nur noch diesen Moment gegeben und sonst nichts.

Wenn Timm später nach dieser Zeit gefragt wurde, fand er nie die richtigen Worte, um sie zu beschreiben. Er sagte dann immer: „Das alles war größer als wir. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich richtig lebendig und dazugehörig gefühlt. Das alles war ich. Es war genau so, wie ich sein wollte, wie ich mich ausdrücken wollte. Alle waren so und alle wollten dasselbe.“

Nach seinem Auftritt auf dem Festival wurde Timm mit Angeboten für Gigs überschwemmt und verkaufte inzwischen eigene Aufnahmen in Mattes Laden. Dies war keine Zeit für Selbstzweifel, keine Zeit zur Selbstreflexion. Das Leben schenkte Timm Spaß, Anerkennung und vieles mehr, und er musste nie darüber nachdenken, welchen Schritt er als nächstes machen sollte. Die Frage, ob er das Richtige tat, stellte sich ohnehin nicht.

„Hör mal, Timmy. Wann wirst du denn endlich achtzehn?“, fragte Mattes ihn irgendwann. Timm spürte, dass dies ein ernsteres, wichtigeres Gespräch war, als sonst.

„Nächstes Jahr im November! Warum?“

Mattes lachte. „Es gibt ein paar Leute, die dich gerne häufiger hören würden.“

„Ich will das Abi machen, Mattes. Ich will unbedingt studieren.“

„Das schaffst du doch mit links, oder?“

„Na ja. Ich muss schon was dafür tun. Ohne Petra wäre es viel schwieriger. Sie hilft mir oft aus, wenn ich in der Schule zu müde bin und nur die Hälfte verstanden hab.“

„Ihr seid ein gutes Team. Ich mag Petzi. Also, nochmal fürs Protokoll: nächsten November wirst du achtzehn und im Sommer darauf machst du Abi?“

„Wenn alles so läuft, wie geplant...“

3

MEERA

Nach einer traumlosen Nacht erwachte Meera vom aufgeregten, morgendlichen Kreischen der Möwen, die vom Meer über den Hotelgarten hinweg segelten. Meeras Körper fühlte sich schwer und wie erschlagen an, obwohl sie gut geschlafen hatte. Nichts hätte sie motivieren können aufzustehen. Weder die herrliche Sonne, noch der goldgelbe Strand, oder das blaue Meer. Nicht einmal die Aussicht auf viele, tolle Sehenswürdigkeiten, oder Yoga und Meditation. Sie wollte einfach nur schlafen; so lange, bis sie endlich nicht mehr matt und müde war, ganz egal, wie lange das dauern würde.

Sie schlief direkt wieder ein, bis die Hitze des Mittags sie erneut aufweckte. Das Zimmerthermometer zeigte fünfunddreißig Grad. Der Himmel war wolkenlos und die Luftfeuchtigkeit hoch. Ende Oktober! Meera verließ das Bett matt und dösig für eine kurze kalte Dusche. Die Banane von gestern Abend und zwei Datteln aß sie auf der Terrasse und trank dazu einen Tee, den sie mit dem zimmer-eigenen Wasserkocher selbst aufbrühte.

Es schien sehr ruhig in der Hotelanlage. Die meisten anderen Gäste waren sicher am Strand oder unterwegs, überlegte Meera. Stille und Alleinsein taten ihr seelisch gut. Doch körperlich verstärkten beide nur ihre unendliche Müdigkeit. Meera wusste, dass ihre Psyche sich mit extremer Erschöpfung schützte. Ihre Therapeutin hatte diese bleierne, körperliche Schwere Heilungskrisenfatigue genannt, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Das war kurz nach der Flucht aus Janakas Ashram gewesen.

Bei Nacht und Nebel war sie damals mit einem einzigen Rucksack geflüchtet. Sie hatte wochenlang auf den richtigen Moment gewartet und ihren Plan geheim gehalten. Inzwischen war sie die rechte Hand von Janaka geworden, hatte viel Verantwortung im Ashram und wusste viel zu viel. Janaka hätte sie niemals freiwillig gehen lassen, vor allem dann nicht, wenn er gewusst hätte, was sie vorhatte. Sie war die halbe Nacht durch den Wald nach Nordwesten gelaufen. Den ganzen nächsten Tag hatte sie sich im Unterholz versteckt. Erst in der darauffolgenden Nacht war sie weiter gewandert und hatte gegen Morgen Darmstadt erreicht. Dort war sie in einen Zug nach Hannover gestiegen. Ohne sich vorher angemeldet zu haben, hatte sie nach zwölf Jahren fast ohne Kontakt bei ihrer Mutter vor der Haustür gestanden. Die war in Tränen ausgebrochen, hatte kein Wort herausgebracht, keine Erklärung verlangt, sie einfach nur umarmt und festgehalten. Später hatte sie Meera im Souterrain ein Bett zurechtgemacht, ihr einen neuen Schlafanzug gebracht und gesagt: „Schlaf dich aus. Hier bist du sicher!“

Und Meera hatte geschlafen und geschlafen. Der ganze Schlafmangel, der sich über zwölf lange, arbeitsame Jahre in ihr angesammelt hatte, hatte scheinbar auf einmal nachgeholt werden wollen. Als Meera nach zwei Wochen noch immer zu müde und zu schlapp gewesen war, das Bett länger als eine Stunde am Tag zu verlassen, hatte ihre Mutter Franka angerufen, eine alte Freundin, die als Therapeutin arbeitete. Franka war sofort gekommen und hatte sich Zeit für Meera genommen. Damals war es noch zu früh für Meera gewesen, ihre Geschichte zu erzählen. Zum Glück hatte Franka gewusst, wo sie gewesen war und auch geahnt, was ihr geschehen war. Deshalb hatte sie keine Fragen gestellt. Doch ihre erste klare Feststellung hallte noch heute in Meeras Gedächtnis wieder. „Diese Müdigkeit heißt Heilungskrisenfatigue. Sie schützt dich vor allzu schlimmen Erinnerungen, die jetzt, wo du dich sicher fühlst, aus dir herausbrechen könnten. Wehre dich nicht gegen die Müdigkeit. Sie wird von selbst weniger, wenn deine Psyche versteht, dass es vorbei ist.“

Zynisch hatte Meera entgegnet: „Es ist noch lange nicht vorbei. Das Schlimmste steht mir noch bevor.“

„Da könntest du recht haben. Aber du wirst es erst dann angehen, wenn du bereit dazu bist. Darauf werden wir gemeinsam achten, versprochen?“

Meera hatte die krasse emotionale Wirkung von Frankas Worten im ganzen Körper gespürt. Endlich, nach so vielen Jahren, schien ihr wieder jemand zu erlauben, ihrem eigenen Urteil und Rhythmus zu folgen und sie dabei unterstützen zu wollen. Das hatte so gut getan, dass Meera unvermittelt in Tränen ausgebrochen war. In diesem Moment hatte sie begriffen, dass die Zeit des stummen Dienens endlich vorbei war, und dass sie erst wieder lernen musste, selbstbestimmt ihren eigenen Impulsen zu folgen.

Vier Jahre später saß sie allein in Goa und spürte dieselbe Müdigkeit. Doch von dem ersten Gespräch mit Franka trennte sie heute so viel; viele kleine Schritte, die ihr Urteilsvermögen und ihre Eigenständigkeit teilweise zurückgebracht hatten. Viele kleine Schritte, die Aufarbeitung und Heilung bedeuteten. Die Reise nach Goa war der größte Schritt, den sie bisher allein gewagt hatte, denn sie hatte ihr Versprechen, das sie Franka gegeben hatte, gehalten. Sie hatte auch diesen Schritt erst dann gewagt, als sie bereit dafür war. Doch warum war sie dann jetzt so unendlich müde? Wovor schützte ihre Psyche sie diesmal? Meera schloss die Terrassentür, stellte den Deckenventilator an und kletterte wieder in ihr herrliches Himmelbett.

∞

Sie schlief insgesamt drei Tage und drei Nächte, bestellte sich nur ab und zu beim Zimmerservice ein Sandwich oder ein Lassi. Am zweiten Tag fragte Rajkumar, der ihr ein Gurkensandwich, eine Mango und Nüsse brachte: „Sind sie in Ordnung, Miss Meera? Sollen wir einen Arzt rufen?“

„Nein, danke, Rajkumar. Mir fehlt nichts. Ich bin nur sehr, sehr müde. Das habe ich manchmal. Ich habe eine schwere Zeit hinter mir.“

Der Zimmerkellner sah sie warmherzig an. „Das tut mir sehr leid. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, sagen Sie das bitte. Ich könnte Ihnen auch Misses Mukherji vorbeischicken, die Besitzerin vom Cozy Yoga Hotel. Sie ist eine sehr mitfühlende Frau und weiß immer Rat.“

„Danke, Rajkumar. Ich weiß Ihre Besorgnis sehr zu schätzen. Wenn es mir übermorgen nicht besser gehen sollte, komme ich gerne auf Ihr Angebot zurück. Bis dahin würde ich lieber abwarten, denn ich glaube, dass mein Körper sehr genau weiß, was er braucht.“

„Da haben Sie Recht, Miss Meera. Wenn Sie Ihrem Körper so vertrauen, dann tue ich das auch.“ Er lachte und verabschiedete sich fröhlich und merklich erleichtert.

Erst am Abend des dritten Tages fühlte Meera sich wach und stark genug, ihr Zimmer zu verlassen. Sie wollte endlich den Strand sehen, ein bisschen schwimmen, umherlaufen und frische, salzige Meeresluft atmen. Sie zog sich also einen Badeanzug an, wickelte sich ein Tuch um die Hüften und packte ein Handtuch in ihre Badetasche.

Auf dem Weg zum Strand begegneten ihr die ersten Menschen. Die meisten grüßten sie lächelnd. Meera bog nach links ab. Auf dem Hotelplan hatte es so ausgesehen, als wäre der Strand dort breiter und das Meer flacher und ruhiger. Sie fand schnell den Hauptweg, der unter Kokospalmen direkt am Strand entlang führte und folgte ihm. Die sanfte Brise, die vom Meer herüber wehte, ließ sie tief durchatmen. Der goldgelbe Strand wirkte relativ leer. Meera lief fast bis ans äußerste Ende des Hotelgeländes und suchte sich dann einen Liegeplatz auf einer breiten Holzliege unter einem großem Sonnenschirm.

Kurz darauf schwamm sie schon im lauwarmen Arabischen Meer. Kleine Fischchen knabberten an ihren Füßen und Waden, und sie lachte, weil das kitzelte. Dann legte sie sich auf den Rücken und ließ sich einfach treiben. Das salzige Meer trug sie, und sie fühlte sich beinahe schwerelos. Danach hatte sie sich gesehnt. Wie viele Jahre hatte sie einfach nur einmal unbeschwert den Moment genießen wollen? Stattdessen hatte sie immer etwas zu tun gehabt. Aber am schlimmsten war der psychische Druck gewesen, sich ständig entwickeln zu müssen. Immer hatte es etwas zu heilen gegeben, etwas zu erkennen, etwas loszulassen. Nie war sie einfach so, wie sie war, genug gewesen. Janaka hatte ihr und allen seinen Schülern ständig das Gefühl gegeben, dass sie noch besser, noch wacher, noch schneller, noch bewusster werden konnten – und werden mussten. War ein Ziel erreicht, hatte er im selben Moment schon das nächste gesteckt.

Meera zwang sich, sich nicht erneut in Erinnerungen zu verlieren. Jetzt wollte sie einfach das Meer genießen und sich selbst erlauben, für einen kurzen Moment glücklich zu sein. Wasser spritzte in ihr Gesicht. Der blaue Himmel, mit kleinen weißen Wolken getupft, tanzte über ihr. Ihr Körper wurde immer leichter. Ihr Herz schien sich zu öffnen und auszudehnen. Ein einfaches, doch sehr essentielles Glücksgefühl überkam sie. Sie spürte den Impuls, dieses Gefühl abzuschneiden, es schnell zu beenden. „Diesmal nicht“, sagte sie sich. „Diesmal lasse ich es zu.“

Meera hatte schon so oft darüber nachgedacht, warum man Glück nicht mehr aushalten konnte, wenn man zu viel Leid erlebt hatte. Sie hatte diesen inneren Mechanismus bis heute nicht verstanden. Wenn man Glücklichsein am meisten brauchte, konnte man es am wenigsten ertragen. Heute konnte Meera es aushalten, obwohl sie sich erst bewusst dafür entscheiden musste. Sie genoss jede Sekunde, die sie im flachen, warmen Meer in Ufernähe wie eine Luftmatratze trieb. Leicht und unbeschwert. Es war einfach großartig.

Nach dem Baden legte sie sich in den warmen Sand, panierte sich fröhlich ein, wie sie es als Kind immer getan hatte. Und plötzlich flammte eine neue Erinnerung auf. Die Erinnerung an das glückliche Kind, das sie einst gewesen war. Das Gefühl, das sie damals gehabt hatte, durchflutete ihren ganzen Körper. Meera staunte über die Kraft und Lebendigkeit dieses Wesensteils, der viel zu viele Jahre tief in ihr versteckt gewesen war. Die Wucht, mit der das Leben in sie zurückkehrte, war gewaltig. Die Kraft des unschuldigen Kindes, des unverletzten Kindes, durchbrach den Panzer des Selbstschutzes wie eine Tsunamiwelle. Gleichzeitig überwältigte Meera ein nie gekanntes Gefühl der Liebe für sich selbst und für das Leben. Erst jetzt erfasste sie, was sie wirklich verloren hatte und wie groß ihr Verlust tatsächlich war. Doch diese Erkenntnis erfüllte sie nicht mit Trauer, Wut oder Hilflosigkeit, so wie es viele Erkenntnisse vorher getan hatten. Nein, diese klaren, starken Empfindungen erfüllten sie mit Hoffnung, mit dem tiefen Glauben, dass sie frei sein würde, so frei und unbeschwert wie ihr kindliches Selbst, das in ihr, unter den vielen Trümmern ihrer verletzten Persönlichkeit, noch immer lebte. Instinktiv hörte Meera auf zu denken, die tiefe Empfindung in irgendeiner Form zu analysieren, zu rationalisieren. Statt dessen erlaubte sie ihr, sich in ihr auszubreiten, Besitz von ihr zu ergreifen, ihren Körper und ihr Herz zu füllen.

Irgendwann verebbten die Empfindungen, doch die Veränderung in Meeras innerem Zustand, den die Erinnerung an das heile, unschuldige Kind in ihr bewirkt hatte, blieb. Statt sich nach dem Sonnenbaden direkt wieder in ihr Zimmer zurückzuziehen, ging Meera voller Tatendrang zur Rezeption, um sich nach Ausflugsangeboten und Hotelaktivitäten zu erkundigen.

Schon als sie die Lobby betrat, hörte sie das fröhliche Kreischen Captain Hooks. „Hallihallo, Meera. Meerabai. Hallo. Hallihallo.“

Meera ging zu der Holzstange, auf der er auf einem Bein hockte und sie fröhlich mit schräg gelegtem Kopf ansah.

„Na, Captain Hook. Du kennst mich ja.“

„Oh, meine Meera. Traurig und schön. Die Liebe hat dein Herz gebrochen...“

Meera errötete. War es wirklich möglich, dass der Papagei wusste, wie sie sich fühlte, oder plapperte er alles aus, was er über Meerabai wusste? „Na, du kennst Meerabai ja sehr gut.“

„Meera, Meera. Traurig und schön. Die Liebe hat dein Herz gebrochen...“

Meera lachte. „Bist du auch verliebt, Captain Hook?“

„Captain Hook. Ich bin Captain Hook. Jawohl!“

Der Rezeptionist lachte. „Captain Hook, du sollst doch unsere Gäste nicht in Verlegenheit bringen“, schalt er den Ara mit einem Augenzwinkern.

„Ich bin ein ehrlicher Papagei. Captain Hook.“

Meera streichelte Captain Hook vorsichtig über den bunten Kopf. „Ich mag dich, Captain.“

„Captain Hook ist ein ehrlicher Papagei“, wiederholte der, und Meera hatte fast das Gefühl, dass er beleidigt war, weil der Concierge ihn zurechtgewiesen hatte.

„Was kann ich für Sie tun, Madame?“, wollte der Concierge freundlich von ihr wissen.

„Ich möchte ein oder zwei Ausflüge machen und wüsste gerne, ob es auch im Hotel das eine oder andere Freizeitangebot gibt.“

„Ja, natürlich. Hier sehen Sie, bitte.“ Der Empfangschef entfaltete einen Prospekt, den er auf den Tresen legte, um Meera alle Angebote zu zeigen. „Was halten Sie von einer Tour zu einer Gewürzplantage?“

„Das hört sich sehr gut an. Ich liebe indische Gewürze. Kardamon, Ingwer, Pfeffer… “

„Die Tour können Sie schon Morgen machen. Sie dauert einen halben Tag und startet um zehn Uhr morgens. Für 800 Rupien. Mittagessen inklusive.“

„Das hört sich toll an. Ich freue mich drauf.“

„Hier im Hotel können Sie Yoga machen, Meditation, wir haben auch einen Massagebereich mit Ayurveda Massagen.“

Meera zögerte. All diese Dinge erinnerten sie zu sehr an Janaka und ihr Leben im Ashram. Janaka hatte so viele Übungen und Rituale aus Indien mitgebracht. „Ich dachte eher an etwas Praktischeres.“

„Wassersport vielleicht?“

Meera zuckte mit den Schultern.

„Ah, sehen Sie hier... Wenn Sie Gewürze lieben, dann könnte das genau das Richtige für Sie sein. Am Samstag gibt es einen original indischen Kochkurs. Es sind noch einige Plätze frei.“

Meera überlegte nicht lange. „Perfekt. Das ist eine wunderbare Idee.“

„Der Kurs findet in unserer Außenküche am Restaurant statt. Er beginnt nachmittags um zwei.“

„Wunderbar! Auch da freue ich mich sehr drauf.“

Captain Hook hatte die ganze Zeit ruhig zugehört. Als er merkte, dass das Gespräch zu Ende war, meldete er sich wieder fröhlich krächzend. „Meerabai, fröhlich und schön. Ich bin ein ehrlicher Papagei.“ Er legte den Kopf schief und schien auf die Reaktion des Concierge zu warten, der gemeinsam mit Meera laut lachte.

Meera streichelte Captain Hook noch einmal über seinen bunten Kopf und tat so, als wolle sie ihn küssen. „Tschüss, du ehrlicher Papagei. Ich mag dich wirklich.“

„Bye bye, Meerabai. Bye bye.“

∞

Zehn Minuten vor zehn am nächsten Morgen fand Meera sich an der Rezeption ein, um in einem Kleinbus mit elf anderen Hotelgästen zu der Gewürzfarm im Süden Goas zu fahren. Zuerst begrüßte sie ihren Freund, den Captain, der wieder eine melancholische Melodie flötete, als er sie sah und dann fröhlich rief: „Meerabai, Meerabai. Traurig und schön. Traurig und schön.“ Einige der ebenfalls auf den Bus wartenden Gäste lachten, und Meera zuckte verlegen mit den Schultern. Sie streichelte den Captain und versprach ihm, später noch einmal vorbeizuschauen. „See you later. See you later“, rief der Captain fröhlich.

Die Gewürzfarm lag in Ponda, ganz in der Nähe des Flughafens. Die Fahrt würde also mehr als eine Stunde dauern. Meera freute sich darauf, mehr von Goa zu sehen, die grüne Landschaft, die Dörfer, die Flüsse und Palmen, das Meer. Bei ihrer Ankunft war sie doch sehr müde und angespannt gewesen. Ihr war so viel durch den Kopf gegangen.

Im Bus saß sie allein und hörte Musik. Obwohl sie nicht mehr müde war und sich bereit fühlte, sich unter Menschen zu begeben, wollte sie doch ihre Ruhe haben. Es fiel ihr immer noch schwer, mit weltlichen Menschen länger zusammen zu sein. Bevor sie Janaka getroffen hatte, hatte sie schon das Gefühl gehabt, anders zu sein, als die meisten: empfindsamer, sensibler, einfühlsamer, aber auch verletzlicher. Als Teenager und junge Erwachsene hatte sie sehr unter dem oft kalten und rüden Verhalten anderer Menschen gelitten. Erst durch Janaka und seine Lehre war ihr klar geworden, dass sie ein spiritueller Mensch war, der eine besondere empathische Begabung hatte. Im Ashram waren plötzlich viele so bewusst, sensibel und verletzlich gewesen wie sie. Alle dort wollten an sich arbeiten, wollten erwachen und einem höheren Ziel dienen. Mit Gleichgesinnten zu leben und endlich eine Erklärung dafür gefunden zu haben, warum sie sich oft anders fühlte und unter dem Verhalten anderer Menschen litt, hatte eine fundamentale Wirkung auf ihr Selbstwertgefühl gehabt. Sie hatte sich nicht mehr anders, unnormal oder sogar ein bisschen verrückt gefühlt. Die Erleichterung, die sie damals gespürt hatte, war enorm gewesen und wirkte noch heute nach. Doch seit der Flucht aus Pavitra Nagar, Janakas Ashram im Odenwald, lebte sie wieder unter weltlichen Menschen, die die Welt mit anderen Augen sahen, die nicht an sich arbeiteten, die keinem höheren Ziel dienten, die nicht wach und bewusst sein wollten, die keine Rücksicht auf ihre Sensibilität nahmen, weil sie diese weder von sich selbst kannten, noch in ihr erkannten. Meera hatte oft das Gefühl, sich aus dem allgemeinen Geschehen herausziehen und klare Grenzen setzen zu müssen. Viel häufiger als im Ashram hatte sie das Bedürfnis, allein zu sein und Zeit in der Natur zu verbringen. Die Nähe von Tieren tat ihr besonders gut, und Tiere liebten sie, so wie Captain Hook.

Anders als das Taxi vor wenigen Tagen glitt der Bus sanft und leise durch die Landschaft. Meera genoss die Kühle und Ruhe im klimatisierten Bus, die durch die jazzigen Chilloutsounds, die sie hörte, noch verstärkt wurden. Mit jedem Kilometer Fahrt entspannte sie tiefer. Ihre Gedanken beruhigten sich, ihr Bewusstsein wurde wach und wacher.

Als der Bus nach eineinhalb Stunden auf einem staubigen Parkplatz hielt, hatte Meera das Gefühl, nicht länger als dreißig Minuten gefahren zu sein. Sie stellte die Musik aus und folgte der Gruppe über eine schwimmende Brücke, die über einen träge fließenden, bräunlich grün gefärbten Fluss ans andere Ufer zum Eingang der Gewürzfarm führte. Hier war es sehr feucht und heiß. Die Mittagssonne brannte unbarmherzig. Zum Glück hatte Meera einen Sonnenhut dabei und war gut eingecremt. Der Busfahrer übergab die Gruppe einer jungen Inderin, die sie durch die Farm führen würde.

Sobald sie die Eingangsgebäude verlassen hatten, fanden sie sich in einem grünen Dschungel wieder, in dem Pflanzen aller Größen neben, unter und übereinander wuchsen. An verschiedenen Stellen sprühte Wasser aus Schläuchen, die einen feinen Nebel verteilten. Meera genoss das angenehme Gefühl, dass der Schatten der Bäume und die zarten Wassertropfen auf ihrer Haut auslösten. Sie durfte Vanille berühren und riechen, Kardamon, Süssholz, Ingwerwurzel und die verwandten Kurkuma und Galgant, sowie schwarzen Pfeffer. Meera hatte noch nie gesehen, wie Pfeffer wuchs und staunte über die langen Ranken, die bis zu zehn Meter hoch an Bäumen empor kletterten. Roter, grüner, weißer und schwarzer Pfeffer stammten von derselben Pflanze und unterschieden sich nur im Reifegrad. Das in den Beeren enthaltene Piperin verlieh ihnen die typische Schärfe, erklärte ihre Führerin. Auf der Farm wuchsen Kaffeepflanzen, Ananas, Bananen und Kokosnüsse, Datteln, Zimtrinde, Nelken, Muskat- und Cashewnüsse und vieles mehr über, unter und nebeneinander. Als Showeinlage kletterte ein barfüßiger Angestellter nur mit Hilfe eines Seiles, das er um eine Palme schlang, hoch hinauf und schlug für die Gruppe ein paar Kokosnüsse.

In einem See badeten drei Elefanten und prusteten vergnügt das Wasser über sich und ihren Mahut, ihren Führer. Das ganze Ambiente erinnerte Meera an Rudyard Kiplings Dschungelbuch und weckte wieder die Energie des fröhlichen, lebendigen, neugierigen Mädchens in ihr. „Wie herrlich es hier ist“, dachte sie. „Und das, obwohl die Farm eine kommerzielle Veranstaltung für Touristen ist und keine wirkliche Idylle.“ Und doch wirkten die Menschen echt. Sie schienen Freude an ihrer Arbeit zu haben und diese Freude steckte jeden an.

Wie sehr beneidete Meera diese Leute. Sie hatte weder eine abgeschlossene Ausbildung, noch einen Job. Seit ihrer Flucht aus dem Ashram lebte sie bei ihrer Mutter und verdiente nur ein bisschen Geld mit englischen Übersetzungen und Nachhilfeunterricht. Zu mehr hatte sie sich bis heute nicht in der Lage gesehen. Wie gerne würde sie wieder täglich zur Arbeit gehen, zu einer Arbeit, die ihren Fähigkeiten entsprach und ihr Spaß machte, die sie nicht überforderte, sondern erfüllte. Kurz nachdem sie Janaka kennengelernt hatte, war sie in seinen Ashram gezogen und hatte ihr VWL-Studium abgebrochen. Ihre Mutter hatte damals alles versucht, sie davon abzubringen; sie beschworen, erst ihr Studium zu beenden. Doch Meera hatte nicht warten können. Sie hatte geglaubt, endlich gefunden zu haben, was sie unbewusst schon immer gesucht hatte: einen weisen Lehrer und ein spirituelles Leben in einer Gemeinschaft von jungen Menschen, die ihr ähnlich waren, die das Gleiche wollten und suchten wie sie. Sie hatte das Gefühl gehabt, endlich etwas gefunden zu haben, das sie tief erfüllte, das sinnvoll war und ihrem Charakter, der sich viel zu lange angepasst und verbogen hatte, entsprach. Wie viele andere, die mit Janaka in Pavitra Nagar gelebt hatten, die für ihn gearbeitet hatten und mit ihm gereist waren, hatte sie ihre besten und wichtigsten Jahre verschenkt.

Meera zwang ihren Geist zurück in die Gegenwart. Es war so schön hier. Sie wollte den Ort wirklich wahrnehmen und den Aufenthalt auf der Farm genießen. Ihre Gruppe machte an einem Bewässerungsgraben im Schatten unter Bäumen und einem Sonnenzelt Rast. Ihre Führerin reichte allen eine kühle Zitronen-Ingwer Limonade. Meera trank durstig den ersten Schluck. Plötzlich spürte sie eine kühle weiche Berührung an ihrer rechten Wange. Es fühlte sich an, als würde eine speckige Hand sie streicheln. Kurz darauf zog die vermeintliche Hand ihren Hut in die Luft und setzte sie einer jungen Australierin, die Meera gegenüber stand, auf den Kopf. Alle lachten und fotografierten. Erst jetzt sah Meera, dass kein Mensch, sondern ein Elefant hinter ihr stand, der mit seinem Rüssel ihren Hut geklaut hatte. Während sie sich langsam und vorsichtig herumdrehte, streichelte ihr wieder der weiche Rüssel zärtlich über die Wange. Der relativ kleine und doch massige Elefant sah sie aus großen, dunkelbraunen Augen an. Dieser Blick war so warm und unschuldig, dass Meera unvermittelt Tränen der Rührung in die Augen schossen. Ohne Nachzudenken streichelte sie den Elefant an der Rüsselwurzel zwischen den Augen. Es schien ihm zu gefallen. Jetzt trauten sich auch andere Touristen näher heran. Das Tier genoss die Aufmerksamkeit sichtlich und ließ sich berühren und fotografieren.

„Das ist Shishu, unser Baby. Sie ist erst zwei Jahre alt und noch sehr verspielt“, erklärte der Mahut ruhig.

Das verspielte Elefantenkind holte mit seinem Rüssel überaus geschickt Meeras Hut zurück und setzte ihn ihr wieder auf. Meera sah das Tier noch einmal an und bedankte sich mit einem stummen Nicken. Die Nähe, die sie in diesem Moment zwischen sich und dem Tier spürte, war so stark, so überwältigend, dass ihr schwindelig wurde. Schnell trank sie einen Schluck ihrer Limonade und zog sich aus der Enge der Menge, die sich um sie und Shishu gebildet hatte, ein paar Schritte zurück. Der Mahut ließ die Touristen noch einige Minuten streicheln, fotografieren und filmen und setzte dann mit seiner Elefantengruppe gemächlich seinen Weg fort.

Und auch die Gewürzführung näherte sich langsam dem Ende. Die Gruppe kletterte noch, einer nach dem anderen, über einen wackeligen, schwimmenden Holzsteg unter dem Meera einige Wasserschildkröten entdeckte und wurde dann in eine Bambushütte geführt, wo alle Gewürze, Nüsse und Früchte verkauft wurden, die auf der Farm wuchsen. Meera kaufte Ingwer, Vanille, Cashews, Nelken, Koriandersamen und Pfeffer. Obwohl alles gut verpackt war, strömte ein betörender, orientalischer Duft aus ihrer Tasche.

Direkt aus dem Shop gelangte die Gruppe ins einfache Restaurant, in dem schon andere Gruppen saßen, plauderten und aßen. Ihre Führerin zeigte Meeras Gruppe den Tisch, der für sie reserviert war und verabschiedete sich mit einer freundlichen Verneigung.

4

TIMM

Mit Ehrgeiz und Willenskraft schaffte Timm den ständigen Spagat zwischen Schule und Musik, zwischen Pflicht und Leidenschaft.

„Bist du sicher, dass du dir nicht zu viel zumutest?“, fragte sein Vater eines Abends beim gemeinsamen Essen, weniger besorgt, als fürsorglich.

„Ach, Papa. Es ist schon manchmal viel, aber es geht schon. Ich will das schaffen, und ich kann das schaffen.“

„Es wäre auch okay, wenn du noch ein Jahr länger zur Schule gingst.“

„Waas?“ Timm war empört. „Auf gar keinen Fall! Ich will so schnell da raus wie möglich. Ich habe schon so viele Jahre das Gefühl, dass ich da eigentlich nicht hingehöre.“

„Wie meinst du das?“, horchte seine Mutter auf.

„Ach weißt du, die meisten Leute in der Schule kennen nichts als Lernen, Sport, Freunde und Ausgehen. Das hat mich alles nie interessiert. Ich fühle mich manchmal wie ein Alien.“

„Aber du hast doch auch Freunde und deine Petra!“, warf seine Mutter erschüttert ein.

„Ja, und das ist gut so. Ich sag ja nur, dass ich mit den anderen und deren Interessen wenig anfangen kann. Mit Mattes und DJ Frank hab ich mehr zu reden, als mit Jörg, den ich schon seit dem Kindergarten kenne.“

Timms Mutter wirkte traurig nach seinen ehrlichen Worten. Er fühlte sich mit einem Mal schlecht, weil er sie unnötig in Sorge versetzt hatte. Er hatte nicht darüber nachgedacht, dass sich seine Aussage für eine Mutter fürchterlich anhören musste. Für ihn war es völlig normal, sich anders zu fühlen. Es machte ihm nichts mehr aus, denn er wusste ja, wohin er gehörte.

„Ach, Mama. Du musst dir keine Sorgen machen. Ich bin okay. Ich mache das, was ich liebe und kriege so viel Liebe zurück. Du kannst dir das nicht vorstellen, wie das ist, wenn die ganze Halle zu deiner Musik tanzt… Ich wollte, jeder könnte das erleben, das fühlen.“

„Wir sind wahrscheinlich zu alt für diese Art von Musik“, versuchte sein Vater sich zu erklären.

„Für mich wäre das nichts. Das ist mir alles viel zu laut und viel zu monoton“, legte auch seine Mutter nach.

Timm lachte laut und die bedrückte Stimmung löste sich augenblicklich auf.

„Willst du denn nach dem Abi nur noch Musik machen?“, fragte sein Vater vorsichtig. Timm spürte, dass er auf jeden Fall vermeiden wollte, Druck auf ihn auszuüben.

„Nein! Auf gar keinen Fall. Ich habe an Soziologie oder Psychologie gedacht.“

Natürlich entging Timm die Erleichterung seiner Eltern nicht.

„Wie kommst du gerade auf diese Fächer?“

„Nun. Irgendetwas fasziniert mich total an dem, was ich gerade erlebe und auf jedem Rave, auf jeder-Party sehe. Dieses Gruppengefühl, dieses Gefühl, eine große Familie zu sein. Ich würde gerne wissen, woher das kommt und warum man das nicht überall empfindet. Ich meine, ich glaube, eigentlich suchen alle danach, aber es lässt sich nicht überall finden. Warum nicht? Und wieso ist es dann plötzlich einfach da!“

Timms Eltern blickten sich staunend an. Es dauerte eine Weile, bis sein Vater die Sprache wiederfand. „Du weißt, dass wir dich immer unterstützen, Timmy.“

∞

Jörg hatte Timm eingeladen, mal wieder bei ihm zu kickern, und obwohl Timm keine rechte Lust gehabt hatte, hatte er zugesagt – um der alten Zeiten willen. Jörg wirkte total aufgedreht und benahm sich irgendwie eigenartig. Er redete viel zu viel und haute Luftlöcher, statt den Ball zu treffen. Irgendwann hatte Timm genug von Jörgs eigenartigem Verhalten, und er sprach ihn direkt darauf an. „Sag mal, Jörg, was ist eigentlich mit dir los? Erst lädst du mich seit ewigen Zeiten mal wieder ein, dann rennst du herum wie ein aufgescheuchtes Huhn und triffst keinen Ball. Das macht echt keinen Spaß!“

„Sorry, Timmy. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich…, ich...“

„Raus mit der Sprache, sonst geh ich auf der Stelle.“

„Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht zwei Freikarten für deinen Samstags-Rave besorgen könntest?“

„Du lädst mich ein, weil du Karten von mir willst? Wir sind Freunde, Mann!“

Jörgs Blick wurde ernst und traurig. „Sind wir das noch, Timmy? Wir waren Freunde und haben echt viel geteilt. Aber jetzt? Jetzt gibt es für dich nur noch Musik und diese ganzen DJs, den Technostore, die Raves und Festivals… Alle kennen dich. Ich verstehe ja, dass ich für dich nicht mehr interessant bin.“

Timm setzte sich auf das durchgewetzte Sofa, das in Jörgs Kickergarage stand. Die Worte seines alten Freundes taten weh. Nicht, weil sie ungerecht waren, sondern, weil sie wahr waren. Das musste er erst einmal verdauen. Dass Jörg sich so fühlte, tat ihm unsagbar leid. „Mensch, Jörg, warum sagst du denn nichts?“

„Wann denn? Und warum denn? Wir können doch nichts daran ändern, dass wir nicht mehr dieselben sind. In deiner Liga kann ich einfach nicht mitspielen.“

„Das ist doch kompletter Schwachsinn! Petzi ist doch auch immer dabei. Du könntest jedes Wochenende mitfeiern.“

„Wie dein Groupie? Nein danke. Du stehst doch nur hinter diesem verdammten DJ-Pult und legst auf. Ich weiß gar nicht, wann ich dich das letzte Mal hab´ tanzen sehen.“

Timm schwieg traurig. Jörg hatte recht. Sie hatten sich auseinandergelebt. Konnte er diese Freundschaft noch reparieren? „Pass auf! Ich hab´ eine Idee. Wir gehen Freitag zusammen tanzen. Du und ich und sonst keiner. Ich zeig dir den neuesten Club in der Stadt, und wenn es dir gefällt, dann machen wir das öfter.“

So richtige Erleichterung wollte jedoch bei beiden alten Freunden nicht aufkommen. Irgendwie ahnten sie, dass Timms Welt nicht Jörgs Welt war, und dass es keinen Sinn hatte, zusammenbringen zu wollen, was nicht zusammen gehörte.

Vor dem Eingang des Tower Clubs im Bankenviertel traute Timm am Freitagabend seinen Augen kaum. Jörg trug einen viel zu engen Papieroverall und orangefarbene Gummistiefel. Dazu eine rosafarbene Sonnenbrille.

„Was ist das denn für ein schräges Outfit?“, fragte Timm gerade heraus.

„Hab ich mir extra gekauft. So was trägt man doch bei euch, oder?“

„Äh, ja, nein. Ach, ist doch egal. Jeder kann tragen, was er will.“

„Hör mal, wenn ich dir peinlich bin, dann lassen wir das.“

„Spinnst du, Jörg. Du bist mir doch nicht peinlich. Jetzt hör´ mit dieser blöden „ich spiele nicht in deiner Liga“-Nummer auf. Wir sind als Freunde hier, um Spaß zu haben. Verstanden?“

Jörg wirkte erleichtert, als er spürte, dass Timm meinte, was er sagte. „Also los, rein ins Getümmel.“

„Rein ins Getümmel.“

Der Türsteher in der 25. Etage des Bürogebäudes kannte Timm und winkte beide durch; nicht ohne Jörg einen geringschätzigen Blick zuzuwerfen. Timm entging der Blick nicht, und er spürte den dringenden Impuls, seinen Freund zu beschützen. „Komm, lass uns direkt tanzen.“ Timm zog Jörg am Papierärmel hinter sich her auf die Tanzfläche, hinaus aus der Schusslinie.

Die durchdringenden Technobeats trafen sie im ersten Moment wie elektrische Schläge, unsichtbaren Peitschen gleich, die körperlich weh taten, solange man sich nicht auf sie einstimmte, die aber die Kraft hatten, einen zu bewegen, wenn man begann, sie zu fühlen und gleichzeitig loszulassen.

Jörg stapfte steif wie ein Tanzbär von einem Fuß auf den anderen. „So wird das nie was“, dachte Timm. Also drängte er seinen Freund wieder durch die tanzende Menge in eine Ecke, die sie vor den Blicken anderer schützte. „Hier! Wir nehmen jetzt jeder eine.“

Die gelben Pillen sahen aus wie Brausebonbons. „Sind das Drogen, Timm?“

„Ja, das sind Drogen. Die nimmt hier jeder.“

„Du etwa auch?“

„Nur, wenn ich nicht auflege.“

„Ich weiß nicht...“

„Komm schon, die sind harmlos. Morgen hast du nicht einmal Kopfschmerzen. Du trinkst doch auch Alkohol.“

„Das ist doch was anderes.“

„Ist es nicht. Komm. Auf drei. Eins, zwei, drei...“

Sie schluckten beide die Pille und kämpften sich zurück auf die Tanzfläche. Es dauerte eine Weile, bis die Musik sie einfing und die Ecstasy zu wirken begann. Timm beobachtete sehr genau, wie Jörg von Minute zu Minute lockerer und freier wurde. Endlich fühlte auch Timm sich besser.

Binnen weniger Minuten begann er, die Musik auf ganz andere Weise wahrzunehmen. Er sah sie mit einem Mal mehr, als dass er sie fühlte. Sie erschien ihm wie Fäden aus Energie, die ein eigenartiges, vielfarbiges Netz auf die Tanzfläche warfen. Die Töne wirkten Laserpointern gleich, deren verschiedene Farben verschiedene Bewegungen erzeugten. Manche Töne kitzelten, manche schmerzten ein wenig. Doch vor allem fühlte Timm, dass sie ihn mit Energie aufluden; mit Energie, die ihn veränderte, die ihn dehnbarer und beweglicher machte und ihn aus der Enge seines kleinen Ichs befreite. Sein Körper bewegte sich schneller als eigentlich möglich. Die Wellen der Elektroklänge erfassten langsam auch Jörg. Er wirbelte gelenkig herum, statt wie zuvor tapsig von einem Bein auf das andere zu stapfen.

Sie tanzten die halbe Nacht, berauscht von den Klängen, der Wirkung der Pille und der tanzenden Menge, die sie umgab. „Wie ein Wesen“, dachte Timm immer wieder, und zum ersten Mal erinnerte er sich wieder an den Traum vom Fischschwarm, den er nach seiner ersten Ecstasy geträumt hatte. Für einen Moment wusste er heute nicht, ob er ein einzelner Fisch oder der ganze Schwarm war, oder etwas anderes, viel Größeres, Unsichtbares, das den Schwarm zusammenhielt und seinen wunderschönen Tanz dirigierte. Timm fühlte sich nicht nur anders, er nahm auch ganz anders wahr. Diese andere Wahrnehmung schien viel besser, viel richtiger, viel wahrer, als die gewohnte Art, die Dinge zu sehen.

∞

Schon am nächsten Nachmittag legte Timm selber wieder in der Ravehalle im Casellahafen auf. Um vierzehn Uhr war die Halle nur halb voll, aber sie würde sich innerhalb der nächsten Stunde bis zum Bersten füllen. Timm spürte keine Müdigkeit, obwohl er erst um vier Uhr ins Bett gefallen war. Sein rechter Fuß schmerzte ein bisschen. Er musste beim Hüpfen umgeknickt sein. Und er hatte furchtbaren Durst und trank alle paar Minuten ein großes Glas Wasser. Sonst war er hellwach, sehr aufmerksam und vollkommen eins mit der Musik. Er wusste genau, welche Tracks er spielen würde, wie er die Übergänge gestalten und der Sound am Ende klingen würde.

Heute blickte er aus einer anderen Perspektive auf die tanzende Menge als gestern; nicht als ein integraler Teil, sondern als deren externer Beweger. Ja, so eigenartig dieses Wort wirkte, genauso fühlte es sich für ihn an. Er bewegte die Masse, den Fischschwarm, wie eine Marionette, die an elektronischen Klangfäden hing. Fast hatte Timm den Eindruck, als wüsste er genau, mit welchem Sound er welche Bewegung der Menge erzeugen konnte. Und mit einem Mal überkam ihn ein Gefühl der Macht. Er war mit der Musik, die er spielte, in der Lage, das Verhalten der ganzen Masse zu beeinflussen. Auch dieses Machtgefühl löste einen seltsamen Rausch in ihm aus. Anders als dem Rausch durch Ecstasy, Musik und Tanz, haftete diesem Machtrausch aber eine kaum wahrnehmbare, intuitive Warnung vor Gefahr an. Timms Brust schnürte sich für einen Nano-Augenblick zusammen. Doch das Machtgefühl war zu stark und zu gut, als dass ein vages Ziehen in der Brust ihn davon hätte abhalten können, es voll und ganz zuzulassen und zu genießen. Dies war sein Moment, dachte er, sein Lohn.

Vier Stunden später, Timm packte gerade seine Platten ein, tauchte Mattes neben ihm auf. „Hey, Mann. Das war großartig. So gut warst du noch nie.“

„Irgendwas war anders heute, ja.“

„Du hast den Leuten wirklich etwas gegeben.“

„Meinst du?“

„Mensch, Timm. Du weißt gar nicht, wie gut du bist. Die Leute haben alles vergessen, haben alles hinter sich gelassen, was vor der Tür auf sie wartet. Sie waren total im Jetzt, in der Musik. Das ist echte Magie. Das macht dir so schnell keiner nach.“

Jetzt, im Gespräch mit Mattes, erschien Timm das Gefühl der Macht, das er eben noch genossen hatte, wie eine Art Größenwahn. „Ich hab doch gar nichts gemacht.“

„Nichts gemacht? Du hast den Leuten Freiheit geschenkt, Glück, Lebensfreude. Das ist doch nicht nichts.“

5

MEERA

Zurück im Hotel verbrachte Meera den Rest des Nachmittags auf ihrer Zeltterrasse. Es wehte eine angenehme Brise vom Ozean herüber. Die Temperatur war einfach perfekt, gerade so, dass Meera im leichten Pareo weder fror noch schwitzte. Sie döste ein bisschen und schrieb dann einige Nachrichten mit Fotos, die sie unterwegs gemacht hatte, an ihre Mutter und zwei Freundinnen.

Abends im Restaurant setzte sie sich auf Einladung sogar zu dem australischen Pärchen, mit dem sie auf der Gewürzfarm beim Mittagessen ins Gespräch gekommen war, an den Tisch. Einerseits tat es ihr gut, weniger allein zu sein, andererseits brachte es sie schnell wieder aus dem gerade erst stabiler werdenden inneren Gleichgewicht. Meera beobachtete sich dabei, wie sie den angenehmen Smalltalk als oberflächlich bewertete und sich wünschte, Menschen zu begegnen, mit denen sie tiefgründige, wichtige Gespräche führen konnte, die sie und die anderen bewegten und weiterbrachten. Natürlich wusste Meera, dass diese Bewertung ungerecht und überheblich war, weil eine Urlaubsbekanntschaft eben eine Urlaubsbekanntschaft war. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Warum konnte sie nicht einfach zufrieden damit sein, dass ihr Menschen offen begegneten und sie herzlich zu sich an den Tisch einluden? Lag es nicht an ihr, was sie daraus machte? War nicht gerade diese Geste wertvoller als jedes tiefsinnige Gespräch? Wie viele dieser Gespräche hatte sie im Ashram mit Janaka, aber auch mit Freunden und Fremden geführt. Doch was hatten ihr diese Gespräche gebracht? Wie ehrlich waren sie gewesen? Waren nicht alle viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, Tiefgründigkeit zu suchen und auszudrücken, statt genau hinzuschauen, was hinter der spirituellen Fassade von Pavitra Nagar und Janaka geschah? Hatte nicht gerade die vermeintliche Tiefgründigkeit sie und alle anderen getäuscht und von den dunklen Schatten abgelenkt, die von Anfang an über Janakas Arbeit und seinem Verhalten gelegen hatten?

Meera wendete sich bewusst den beiden Australiern zu, die einige Jahre jünger sein mussten als sie. Sie war Grundschullehrerin. Er arbeitete an einer Universität. Die beiden waren intelligent und eloquent. Sie hatten viel zu erzählen. Meera bemerkte gar nicht, wie schnell die Zeit verging. Um zehn sah sie das erste Mal auf die Uhr, weil sie plötzlich wieder sehr, sehr müde wurde. „Was, schon zehn? Habt ihr gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist?“

Die beiden lachten. „Wir haben so viel gequatscht.“

„Ich muss ins Bett. Ich bin auf einmal total müde.“ Meeras Augenlider waren plötzlich bleischwer und ihr Rücken schmerzte.

„Du musst noch den Nachtisch probieren, Meera“, sagte Vicky, die Australierin. „Nilesh ist ein echter Patissier. Ich glaube, er hat sogar in Paris gearbeitet. Obwohl er sagt, dass er lieber kocht, als Süßspeisen zuzubereiten.“

„Wer ist Nilesh?“

„Nilesh ist der Chefkoch hier im Hotel. Er ist ein Genie!“

„Ja, das Essen ist wirklich hervorragend. Sehr fein und doch traditionell“, musste Meera zugeben.

Vicky sprang auf, zog Meera vom Stuhl und hinüber zum Ende des Buffets, wo die Desserts standen. „Du musst unbedingt das Khir probieren und das Kulfi-Eis.“

Meera liebte Khir und Kulfi. Zu besonderen Festtagen hatten sie beides im Ashram zubereitet. Und auch, wenn sie im Frühjahr in Indien waren, hatte es zu besonderen Anlässen den Milchreispudding mit Kardamon und Zimt und das typische indische Milcheis gegeben. Meera nahm je eine Portion und kehrte mit der begeisterten Vicky zurück an den Tisch zu Gregory.

Zuerst tauchte Meera ihren Löffel vorsichtig in das Khir und nahm nur eine Spitze voll, um zu probieren. Sofort breitete sich der süße Geschmack in ihrem Mund aus und löste tausend Erinnerungen aus. Vicky beobachtete sie neugierig und wartete auf ihre Reaktion. Meera kämpfte mit den Erinnerungen. Es waren einige der schönsten, die sie hatte. Sie waren wie Schätze, die man nur ganz selten aus der Schatztruhe holte, um sie andächtig zu betrachten.

„Und? Was sagst du?“ Vicky konnte Meeras Reaktion gar nicht abwarten.

„Wunderbar! Perfekt. Genau die richtige Cremigkeit, optimale Süße, nicht zu viel Kardamon, ein Hauch von Zimt und Safran und als i-Tüpfelchen eine winzige Prise Salz.“

Vicky freute sich über Meeras Expertise, als hätte sie das Dessert selbst gemacht. „Du kennst dich ja gut aus, Meera.“

Meera versuchte, von sich abzulenken. „Wusstet ihr, dass Khir schon seit über zweitausend Jahren zubereitet wird. Ursprünglich wurde es als Opfergabe für die Götter gekocht. Heute muss Khir bei jeder Hochzeit dabei sein, um das Brautpaar und die Ehe zu segnen. Es ist also sozusagen die indische Götterspeise.“

Die drei lachten.

„Jetzt das Kulfi-Eis.“ Vicky hatte noch nicht genug von der Dessert-Probe. Sie hing förmlich an Meeras Lippen und schien ein echter Fan von Nilesh zu sein. Meera probierte also das Kulfi-Eis am Stiel. Geschmacklich glich es dem Khir, und doch hatte das Eis noch andere Aromen: Rosenwasser und Pistazie. Die Konsistenz war wunderbar fest und kompakt, genau wie Kulfi sein musste. Die Zucker-Milch-Mischung wurde lange in einer Pfanne gekocht und gerührt, bis der Zucker in der Milch karamellisierte und zu einer puddingartigen Masse stockte. Erst dann wurde es in die typischen, konischen Metallförmchen gefüllt und eingefroren.

„Wunderbar. Keine Eiskristalle, feine Rosennote, die nicht seifig schmeckt. Besser kann man Kulfi nicht machen.“

„Wieso kennst du dich so gut aus, Meera?“

„Ich habe eine Zeit lang viel indisch gekocht. Auch in Indien. Damals habe ich all diese Dinge zubereitet. Es war eine sehr glückliche Zeit für mich. Ich liebe die indischen Gewürze und Speisen.“

„Warum hast du damit aufgehört, wenn du es so liebst?“, wollte Gregory wissen.

„Ich hätte sehr gerne weitergemacht, aber die Umstände haben es nicht erlaubt.“ Meera spürte selbst, dass man ihr die Enttäuschung noch immer deutlich anmerkte.

„Kochst du denn zu Hause indisch?“

„Nein. Das habe ich ganz aufgegeben.“

„Wie schade.“ Vicky wirkte traurig. Erst jetzt bemerkte Meera wie emotional und mitfühlend sie war, und ein Gefühl der Dankbarkeit erfasste sie.

„Vielleicht fange ich ja irgendwann wieder damit an...“, sagte sie wie zu sich selbst.

∞

Viele Jahre hatte Meera ihre Liebe zum Kochen völlig verdrängt. Hier in Indien aber erinnerte sie täglich alles daran. Und mit der Erinnerung erwachte die Liebe wieder, wurde sogar stärker als jemals zuvor, weil sie nicht mehr verboten war und als unspirituell abgetan wurde. Vor allem aber, weil niemand versuchte, ihr ganzes Leben zu kontrollieren, und sie selbst nach und nach die Kontrolle zurückgewann. Endlich durften eigene Impulse wieder leben. Endlich gewann ihr Leben wieder an Bandbreite, an Möglichkeiten. Endlich durfte sie wieder neugierig sein und offen für neue Erfahrungen. Im Ashram war jeder Tag von morgens bis abends durchgetaktet gewesen und derselben Routine gefolgt. Sogar sonntags hatten alle von acht bis elf gearbeitet. Danach hatten sie sich in der großen Halle zum Satsang eingefunden. Das Wort Satsang stammte aus dem Sanskrit, wie die gesamte Terminologie, die Janaka benutzt hatte. Es bedeutete: Zusammensein mit der Wahrheit. Janaka hatte Meera einmal erklärt, dass ihn die Begegnung mit der indischen Spiritualität vollkommen durchdrungen habe und dass alle Worte, die er vorher für den spirituellen Weg, das spirituelle Leben und Bewusstsein gebraucht hatte, von da an keine Bedeutung mehr für ihn gehabt hätten. Er hätte damals, in seiner Zeit in Indien, erkannt, dass seine Seele indisch war, und dass er in Europa wiedergeboren worden wäre, um die tiefe, wahre indische Spiritualität dorthin zu tragen und jungen Menschen zugänglich zu machen.

Meera sah Janaka vor ihrem geistigen Auge auf seinem Podest in der Satsang-Halle sitzen und auf sie herabblicken. Entweder hatte er bei diesen Gelegenheiten zu einem Thema, das er für wichtig und aktuell hielt, referiert, oder er hatte Fragen zu spirituellen Themen seiner Anhänger beantwortet. So hatte er seine Ideologie verbreitet und den allgemeinen Ashram-Jargon geprägt. Jeder, der länger als zwei Wochen dort gewesen war, hatte Janakas Worte benutzt, um sich selbst und bestimmte innere oder äußere Phänomene und Prozesse zu beschreiben. Es hatte Meera oft erstaunt, wie schnell die neuen Besucher lernten und sich anpassten. Manchmal war es ihr so vorgekommen, als saugten sie alles im Schlaf in sich auf. Niemand hatte geahnt, in welch gefährliches Terrain er sich gewagt hatte. Keiner hatte gewusst, wie groß die Gefahr war, sich selbst zu verlieren, wenn ein anderer und seine Gruppe täglich daran arbeiteten, einen zu indoktrinieren. Die Menschen waren aus Zuneigung, aus Interesse und manchmal auch aus Leiden, einer inneren Suche, Sehnsucht oder Leere zu Janaka gekommen. Alle hatten ihm vertraut. Alle hatten seiner Gruppe vertraut und geglaubt, dass sie ausschließlich gute Absichten hatte, die sie in ein besseres, ein weiseres, ein freieres, ein erfüllteres Leben führen würden. Wie sehr hatten sie sich getäuscht. Wie sehr hatten sie sich täuschen lassen.

Die Küche lag einige Meter abseits vom Restaurant in einer Art Steinhütte mit großen Fenstern, die weit offen standen. Auf ihrem Weg zum Kochkurs hörte Meera am Samstagnachmittag leise Stimmen im Inneren und klopfte zaghaft an die Tür. Ein junger Inder, der vielleicht zwanzig war, öffnete ihr. Er trug ein blaues Kopftuch und eine passende Schürze über einem blütenweißen T-Shirt und einem Dhoti, einem leichten Baumwolltuch, das wie eine Hose gewickelt wurde. Der Junge lächelte, als er sie begrüßte und seine grün-braunen Augen funkelten und strahlten.

„Hello, Misses. Schön dass Sie da sind. Mein Name ist Bikram. Ich bin heute der Assistent von Chef Nilesh.“

Meera staunte. „Der Chefkoch selbst gibt den Kurs?“

Bikram wirkte amüsiert. „Chef Nilesh ist nicht wie ein Chef. Er zeigt den Gästen gerne, wie er kocht. Ein paar Geheimzutaten hier, ein paar Tricks dort.“

Meera konnte ihr Glück kaum fassen. „Wow, das ist ja toll.“

Sie sah sich im Inneren der Hütte um, die wie ein Hightech-Küche ausgestattet schien. Edelstahlarbeitsplatten, zwei Gasherde mit je sechs Brennern. Zwei Backöfen, mehrere Kühlschränke. Alles blitzte und blinkte, als wäre es gerade erst gewienert und poliert worden.

Ein Paar war bereist da und wartete darauf, dass es losging. Es klopfte wieder, und Bikram öffnete den beiden letzten Teilnehmern. Fast gleichzeitig betrat der Chefkoch die Küche durch die Hintertür. Er schleppte eine Holzkiste mit Gemüse, Obst und anderen Zutaten und rief fröhlich in die kleine Gruppe: „Hallo. Schön, dass ihr da seid.“ Dann stellte er die Kiste auf eine Arbeitsplatte, klopfte die Hände gegeneinander und sah jeden der Teilnehmer nacheinander an. „Ich bin Nilesh. Und bitte nennt mich auf keinen Fall Mister Mukherji, auf den Namen höre ich leider nicht.“

Alle lachten.

„Wir haben heute einiges vor. Ich hoffe, ihr habt Freude am Kochen mitgebracht!?“

Alle nickten begeistert.

„Also. Hier ist der Plan. Wir haben vier Stunden Zeit für zwei Vorspeisen, zwei Hauptspeisen mit Brot, Reis und zwei Desserts. Wenn unser Essen fertig ist, essen wir gemeinsam. Einverstanden?“

„Ist das nicht ein bisschen viel?“, fragte eine Mittfünfzigerin mit französischem Akzent, die sehr zaghaft wirkte.

Nilesh lachte. „Nein. Auf keinen Fall. Könnt ihr alle kochen, oder sind blutige Anfänger dabei?“

Die Französin oder Kanadierin meldete sich erneut. „Ich bin keine Anfängerin, aber ich koche sehr wenig.“

„Was isst du denn zu Hause?“, wollte Nilesh wissen.

„Naja. Ich arbeite viel. Ich esse in der Kantine, im Restaurant, hole mir etwas auf die Hand.“

„Haha. Dann bist du hier genau richtig. In Indien isst man am liebsten, was im eigenen Haushalt zubereitet wurde. Wer von euch hat schon einmal von den Dabbawalas in Mumbai gehört?“

Der Mann, der mit seiner Frau oder Freundin vor Meera gekommen war, kannte sich offenbar aus. „Sind das nicht die Lieferanten, die Blechdosen mit Essen bei den Leuten zu Hause abholen und durch die ganze Stadt tragen, um sie mittags zu den Arbeitnehmern in den Bürogebäuden oder Werkstätten zu bringen?“

„Genau. Die Dabbawalas liefern täglich ungefähr 200.000 Tiffins, die Henkelmänner, nach einem ausgeklügelten System in der ganzen Stadt aus. Niemand versteht so richtig wie das geht. Das ist ihr Geheimnis. Aber das Wichtigste ist, dass jeder, der möchte, sein Essen von zu Hause zur Arbeit geliefert bekommt. Täglich, pünktlich, absolut zuverlässig und warm. Ich glaube, wir Inder sind da nur mit den Italienern zu vergleichen. Es schmeckt einfach nur von unserer Mutter oder Frau.“

Meera staunte wie leicht Nilesh das Gefühl transportiert hatte, das beim Essen am wichtigsten war: Geborgenheit und Verbundenheit.

„Seid ihr bereit, so ein Essen zu kochen? Ein Essen, das sich nach Zuhause anfühlt? Ein Essen, das euch glücklich macht?“

Meera spürte die Neugier und Begeisterung, die Nilesh in ihnen allen geweckt hatte.

In der nächsten halben Stunde erklärte Chef Nilesh die vegetarischen Gerichte, die sie kochen würden: Pakoras, frittiertes Gemüse in Kichererbsenteig; Papaya Salat mit Chili; Paneer Korma, indischer Käse in einer Mandel-Kokoscreme; Dal Makhani, cremige, schwarze Linsen und rote Bohnen; Mangocreme und Gajar Halwa, Möhrenhalwa.

„Alle Rezepte, die ich heute mit euch teile, sind Familienrezepte. Meine Oma hat sie schon gekocht und meine Mutter. Jede Familie hat solche Rezepte, und ich kann euch versichern, dass sie in jeder Familie anders schmecken. Es sind Feinheiten, Nuancen, die einen himmelweiten Unterschied machen.“

Zuerst musste gehackt, gemahlen und geschnitten werden: Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Okra, Auberginen, Blumenkohl, Koriander.

Während die meisten schnibbelten und frisch angebratene Gewürze mörserten, Reis wuschen und Mehl für das Naan, das indische Fladenbrot abwogen, kochte Nilesh einen Topf Milch auf, goss Zitrone hinein und rührte das dampfende Gebräu so lange, bis die Milch ausflockte und sich von der Molke trennte. Dann schüttete er alles durch ein Tuch und drückte die wässrige Molke so lange heraus, bis er einen festen Käse hatte, den Paneer. Jeder durfte den ziemlich neutral schmeckenden Käse probieren.

„Paneer ist unser vegetarischer Fleischersatz. Er wird meist gegrillt oder in Saucen als Curry gekocht. Der Käse selbst hat kaum Geschmack. Er gewinnt erst durch seine Zubereitung.“

Endlich stand das Mise en Place, und Nilesh teilte ohne zu fragen jedem Teilnehmer ein Gericht zu. Weil nur fünf Gäste hier waren, übernahm er selbst das einfachste, den Papaya Salat. Meera freute sich darüber, dass sie das Dal Makhani kochen durfte, ihr absolutes Lieblingsgericht.

Konzentriert gingen alle ans Werk. Nilesh erklärte jedem sehr genau, was er machen musste. Bikram kam immer wieder zur Hilfe, wenn Fragen oder Probleme auftauchten. Die Frau mit dem französischen Akzent, Colette, schien am unsichersten und brauchte die meiste Hilfe bei den Pakoras, dem geraspelten Gemüse, das sie zuerst in Kichererbsenmehlteig wälzen und dann in heißem Erdnussöl ausbacken musste. Nilesh und Bikram blieben geduldig und unterstützten sie.

Meera dagegen war vollkommen in ihrem Element. Sie las das Rezept einmal durch und begann dann mit dem Kochen. Gleichzeitig bereitete sie das Naan vor, das aus einem Hefeteig mit Joghurt und Olivenöl gemacht wurde, der mindestens eine Stunde gehen musste, bevor er in der Pfanne oder im Ofen ausgebacken wurde. Sie vergaß alles um sich herum, tauchte völlig ein in die Welt der Gewürze und wunderbaren Produkte, die Nilesh eingekauft hatte. Es war fast so wie früher, nur freier und leichter. Hier musste sie nicht perfekt funktionieren, wie in Janakas Ashram, wo von allen Mitgliedern stets Höchstleistungen erwartet wurden und perfekt nie gut genug gewesen war.

Nilesh kam ab und zu an ihren Kochplatz und sah, dass sie mehr als gut klar kam. „Wow, Meera. Man könnte meinen, du bist Köchin.“

Sie lachte fröhlich. „Ich habe mal in einer Küche geholfen, ja.“

„Geholfen?“ Nilesh lachte. „Du kochst wie ein Profi.“

„Ich liebe es einfach.“

Er sah sie neugierig an. In diesem Moment nahm sie Nilesh zum ersten Mal wirklich wahr. Seine feine Erscheinung, seinen Blick für das Wesentliche, seine Freundlichkeit und seine Attraktivität. Er trug das gleiche Outfit wie Bikram, war aber größer, schlanker und männlicher. Meera schätzte ihn auf Mitte dreißig. Doch irgendetwas an ihm wirkte älter, reifer, gelassener, als bei anderen Männern dieses Alters.

„Ich liebe es auch...“, sagte er nachdenklich und von ihren Worten offenbar tief berührt. Sie ahnte, dass hinter diesen vier Worten eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, Freude und Leid stand. Ganz automatisch berührte sie ihn am Arm, um ihr Mitgefühl auszudrücken und ihm zu zeigen, dass sie wusste, dass das Leben auch leidvoll sein konnte. Sie standen einige Sekunden so da, bis Meera plötzlich das Gefühl hatte, dass das alles viel zu intim, viel zu vertraut war. Sie zog ihre Hand von seinem Arm und rührte in ihrem Kochtopf, um nicht stante pede davonzulaufen und sich lächerlich zu machen. Wenn Nilesh ihre Furcht spürte, ließ er es sich nicht anmerken. Er ging hinüber zum nächsten Kochschüler, widmete sich allen Fragen, assistierte und gab wie versprochen den ein oder anderen Geheimtipp preis.

Die Zeit raste, und drei Stunden später stand tatsächlich das gesamte Essen auf einem großen Tisch hinter der Küche. Sie deckten gemeinsam und unterhielten sich angeregt. Aus Fremden waren in der kurzen Zeit Bekannte geworden. Die gemeinsame Arbeit hatte sie verbunden.

Bikram brachte Getränke, Wasser, Softdrinks und Chai, den man zu den Nachspeisen trank und schon saßen alle an der großen Tafel und blickten erwartungsvoll auf ihren hervorragenden Lehrer, Chef Nilesh.

„Ich finde, das haben wir großartig hingekriegt. Danke, dass ihr so aufmerksam und mit Freude bei der Sache ward.“

Die Gruppe klopfte auf den Tisch. Robert, einer der Männer, ergriff das Wort. „Danke, Nilesh. Danke, Bikram. Ihr habt uns einen unvergesslichen Nachmittag und einen tiefen, authentischen Einblick in den Zauber der indischen Küche geschenkt.“

Wieder klopften alle auf den Tisch.

„Lasst es euch schmecken. Das ist euer Werk!“, sagte Nilesh.

Das Essen schmeckte himmlisch. Die Pakoras waren goldgelb und knusprig. Und obwohl sie nicht mehr ganz warm waren, schmeckten sie mit einem minzig, scharfen Joghurtdip fast göttlich. Der Papayasalat hatte genau die richtige Schärfe und eine leichte Säure, die am Gaumen kitzelte. Meera genoss jeden Bissen. Ihr Dal Makhani war extrem cremig und brachte ihr Lob von allen ein. Nilesh sah sie begeistert an, und sie freute sich sehr über sein stilles Lob. Das Paneer Korma hatte eine leichte Süße, die die Schärfe der grünen Chilis, die sie verwendet hatten, überdeckte, aber nicht auslöschte. Das fluffige, warme Naan schmeckte fantastisch dazu, aber auch der luftige Basmatireis.

Meera war eigentlich schon satt. Dennoch probierte sie die Mangocreme, die gänzlich ohne Süßungsmittel auskam. Die Süße der Mango reichte aus, um sie zu einem perfekten Sommerdessert zu machen. Und das Möhrenhalwa weckte, ähnlich wie das Khir, das sie neulich probiert hatte, unendlich viele Erinnerungen an ein Leben, das sie unwiederbringlich verloren hatte. Ein Leben, das Gott sei Dank vorbei war. Und doch war es noch immer, selbst heute an diesem schönen, unbeschwerten Tag, als wäre sie einen Tod gestorben, den sie nicht hatte sterben wollen. Mit ihren Illusionen war ein Teil ihres Selbst gegangen, der ihr lieb und wichtig gewesen war. Sie wollte sich so gerne einreden, dass dieser Tod eine notwendige Transformation gewesen war, aber er fühlte sich ganz anders an. Es war, als sei der Teil von ihr gestorben, der offen für Neues war, der Vertrauen und Nähe zulassen konnte; der Teil, der zum Leben am wichtigsten war.

∞

Obwohl es schon dunkel war, lief Meera langsam und nachdenklich am Strand entlang zu ihrem Bungalow. Der Sand unter ihren Füßen war noch warm und auch das Meer. Sie ging barfuß durch die sanft ausrollenden Wellen, atmete tief ein und aus – so tief und entspannt wie lange nicht. Gleichzeitig schwappte eine Welle des starken, grundlosen Glückes über sie und löste große Dankbarkeit in ihr aus. Etwas geschah mit ihr, hier in Goa. Sie konnte es täglich deutlicher spüren. Es war, als würde die Last des Leidens endlich leichter und erträglicher. Konnte sie wirklich hoffen, eines Tages gänzlich von ihr befreit zu sein?

In dieser Nacht schlief Meera so tief und so gut wie seit Jahren nicht. Der Schlaf brachte endlich wieder Erholung und keine sich endlos wiederholenden Gedanken- und Gefühlsschleifen, die sie stundenlang wach hielten. Gegen Morgen, als die ersten Vögel im Cozy Yoga Resort bereits zu zwitschern begannen, träumte sie von Pavitra Nagar. Sie war wieder dort, wie in unendlich vielen Nächten seit ihrer Flucht. Diesmal kam sie als Gast zu einer Veranstaltung, zu der die Leute aus der ganzen Welt herbeiströmten. Die Stimmung war erwartungsvoll, ausgelassen, fröhlich und ehrfürchtig. Alle glaubten, Teil von etwas Besonderem, von etwas Heiligem zu sein. Wie immer war alles perfekt organisiert und inszeniert. Kein Detail blieb dem Zufall überlassen. Alles war seit Monaten geplant und vorbereitet worden. Meera bewegte sich frei und unbehelligt im Ashram. Aber sie war nicht mehr unwissend. Sie war die Meera von heute, die die Schatten dieses Ortes und seiner Bewohner genau kannte. In ihr war keine Wut. Auch spürte sie keine Trauer. Sie sah sich alles genau an, von dem ganzen Zirkus unberührt. Sie spürte, dass sie nicht mehr Teil der Gemeinschaft, aber auch nicht mehr Teil des Glaubenssystems, der Ideologie war, die sie einst mitgerissen und völlig durchdrungen hatte.

Fast fünfhundert Menschen saßen zum Satsang in der großen Halle, in der Janaka von der Großartigkeit des spirituellen Lebens und von der wichtigen Aufgabe, die sie alle für die Evolution der Menschheit und des Planeten hatten, fabulierte. Meera wusste nicht, wie oft sie diese Geschichte gehört hatte. Gleich würde er von seinem Guru erzählen, von dem Tag, an dem er den Schleier der Unwissenheit von seinem Bewusstsein genommen und ihm das höchste, das reine Bewusstsein enthüllt hatte.

Meera stand an der Tür und betrachtete die „Hypnotisierten“, wie sie Janakas Anhänger in den Jahren vor ihrer Flucht bereits genannt hatte. Er war ein hervorragender Redner, ein gefährlicher Demagoge, der mit Worten verführte und mit den Sehnsüchten und Ängsten der Menschen spielte. Alle, die hier saßen, glaubten ihm jedes Wort. Alle hofften, dass er ihnen genau das geben würde, was sein Guru ihm einst angeblich gegeben hatte. Meera hatte diese Geschichte nie geglaubt. Sie wollte sich gerade abwenden und gehen, da traf sie sein kalter, durchdringender Blick. Er erkannte sie sofort, und sie spürte seinen ganzen Hass. Das Schlimmste, was sie ihm hatte antun können, war, sich gegen ihn zu wenden. Das würde er ihr niemals verzeihen. In seinen Augen hatte sie ihn und seine Sache verraten. Nichts war ihm wichtiger als seine Mission. Nur für sie lebte er. Wahrscheinlich hätte er es hingenommen, wenn sie ihn persönlich zurückgewiesen hätte. Sie wäre ersetzbar gewesen. Sie war ohnehin nie seine einzige Geliebte gewesen, obwohl er immer behauptet hatte, dass sie seine Seelengefährtin, seine Zwillingsflamme, sei. Lügen und Täuschung waren das Geschäft, das er am besten verstanden hatte. Nein, sein Hass traf sie, weil sie sein Lebenswerk zerstört hatte; alles, wofür er gelebt hatte. Meera kannte ihn so gut, dass sie ihn verstand. Sie fühlte sogar mit ihm. Er hatte viel verloren, mehr als sie. Aber nicht wegen ihr, sondern wegen sich selbst. Er hatte andere benutzt und verletzt, sie belogen und betrogen. Sie war nur als Einzige nicht mehr bereit gewesen, dieses Verhalten zu tolerieren, und sie hatte andere vor ihm schützen wollen.

Im Traum drehte sie sich einfach um und ging; lief die Auffahrt hinunter zum Tor, das den Ashram von der Außenwelt abriegelte. Und, anders als bei ihrer Flucht vor vielen Jahren, ging sie heute aufrecht und ungebeugt bei Tageslicht durch dieses Tor und ließ den Ashram und das geistige und emotionale Korsett, das er noch heute für sie bedeutete, ein für alle Mal hinter sich zurück.

6

TIMM

Die Zeit raste wie ein Hochgeschwindigkeitszug. Oftmals spürte Timm nur den Fahrtwind; so konzentriert arbeitete und lernte er. Petra beschwerte sich nie und war stets an seiner Seite. Sie lernte mit ihm, sie feierte mit ihm. Sie liebte ihn. Er spürte ihre Wärme und ihre echte, tiefe Freude darüber, mit ihm zusammen zu sein. Doch er selbst zeigte ihr nur selten echte Zuneigung, mied Momente der Zweisamkeit und Intimität. Vielleicht war er noch zu jung für das emotionale Zeug, dachte er manchmal, wenn er bemerkte, dass sie mehr brauchte, als er ihr geben konnte. Es war komisch. Petra gehörte irgendwie zu ihm und doch fühlte er keine echte Bindung zu ihr. Er wusste, dass sie diese Verbundenheit sehr wohl spürte und hätte ihr niemals absichtlich weh getan.

Je bekannter Timm wurde, desto mehr Mädels scharten sich in den ersten Reihen vor seinem DJ-Pult und versuchten, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Manchmal erschreckte es ihn, zu erleben, was Frauen alles taten, um wahrgenommen zu werden, um nur einen Blick von ihm zu erhaschen. Dabei sah er nicht einmal gut aus. Eher durchschnittlich. Er war mittelgroß, hatte mittelbraune Haare, die in großen Wellen bis auf seine Schultern fielen. Bei der Arbeit trug er meistens einen Zopf, Jeans und T-Shirt. Dadurch sah er viel eher wie ein Skater oder Surfer, als wie ein Techno-DJ aus. Für die meisten, die ihn anhimmelten, war er definitiv viel zu jung. Er selbst hatte kein Interesse am Flirten. Er fühlte sich irgendwie immun gegen jegliche Art von weiblichem Begehren. Er hatte alles, was er wollte. Zu sehr erfüllte ihn, was er tat. Und doch spürte er, dass er auch hier Macht hatte und sie – vielleicht ungewollt - ausübte. Seine Unnahbarkeit verlieh ihm diese Macht gegenüber denjenigen, die ihn begehrten. Aus welchen Gründen auch immer. Häufig scherzte er nach einem Rave mit Petzi darüber.

„Hast du die Blonde vorne an der linken Säule gesehen? Wie sie ihre Haare hin und her geschmissen hat, als wollte sie dich mit einem Lasso einfangen?“, amüsierte sich Petra, während sie gemeinsam nach Hause radelten. Sie konnte so locker darüber Witze machen, weil sie wusste, dass Timm niemals links oder rechts schaute und ihr absolut treu war.

Timm grunzte. „Ich glaube, sie hat versucht, mich zu hypnotisieren. Wie die Schlange Ka! Mir wurde schon ganz schwindelig.“

„Ja, klar. Die sind wirklich gefährlich, diese Frauen.“ Petzi kicherte.

„Ich habe keine Angst vor ihnen“, scherzte Timm. „Wenn die wüssten, wie langweilig ich bin.“

„Ja, du bist wirklich sehr langweilig. Ich sollte mir überlegen, warum ich eigentlich mit dir zusammen bin.“

„Das solltest du wirklich, Petzi. Ich arbeite dauernd, ich liebe die Musik mehr als dich. Ich brauche ständig deine Hilfe und, und, und...“

Sie lachten gemeinsam, doch irgendetwas in Timm registrierte, dass seine ironischen Worte sein Verhalten sehr genau auf den Punkt gebracht hatten.

∞

Das zwölfte Schuljahr ging langsam zu Ende. Timm bereitete sich gemeinsam mit Mattes und seinem Freund, DJ Frank, auf den nächsten Frank Beats Rave vor, ihr Techno-Highlight jedes Sommers. Die drei hockten stundenlang in Mattes Laden und tüftelten beinahe wie besessen an neuen Tracks und feinsten Feinheiten. Das Festival würde in diesem Jahr noch mehr Raver und DJs aus der ganzen Welt anziehen und sie, als Frankfurter, wollten für ihre Stadt und ihre Fans das Allerbeste geben. Die enorme Energie, die von der Frank Beats ausging, inspirierte und beflügelte ihre Kreativität. Sie hatten das Gefühl, als ginge von Frankfurt ein Ruf in die Welt, dem tausende Techno-Fans begeistert folgten. Es war eine Ehre, ein Privileg, bei der Planung und Durchführung der Frank Beats dabei zu sein; ein Ritterschlag für jeden DJ.

Nach drei Stunden intensiver Arbeit rieb Timm sich müde die Augen. „Ich glaube, ich brauche bald eine Brille.“ Er lachte jungenhaft und ein bisschen selbstironisch.

„Ich kann dir da was Cooles besorgen...“, scherzte DJ Frank.

„Aber bitte nicht mit rosa oder gelben Gläsern, das trübt nur meinen Blick.“

„Ich hätte da was Verspiegeltes im Angebot.“

„Super. Das nehme ich.“

Mattes holte statt der Brille drei Bier aus dem stets gefüllten Kühlschrank im Hinterzimmer. „So meine Herren. Genug gearbeitet. Jetzt ist Feierabend.“

Sie stießen gemeinsam an und tranken durstig den ersten Schluck.

„Ich habe übrigens noch eine kleine Überraschung für dich, Timmy.“ Mattes blickte ihn neutral, fast nüchtern, an. Nichts an seiner Mimik verriet Timm, was er wohl meinen könnte.

„Was denn?“

„Das ist echt der Hammer, Timmy.“ Frank wusste offenbar schon Bescheid und schürte seine Neugier.

„Was denn, sagt schon!“

„Nichts Großes...“

„Nun sagt schon.“

„Eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich es überhaupt erwähnen soll.“ Jetzt grinsten beide Freunde.

„Hallo. Was ist es?“

„Du könntest… Also, nur wenn du wolltest…“

„Wenn du nicht sofort mit der Sprache rausrückst, Mattes, platze ich!“

„Das wäre aber sehr schade... Weil du dann nämlich nicht in den Sommerferien auf Ibiza auflegen könntest.“

„WAS!“ Timm sprang auf. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch. Ist es. Das El Gallito hat angefragt, ob du im Sommer vier Wochen auflegen könntest.“

„Das El Gallito? Das glaub ich nicht. Das ist der beste, schickste Club auf Ibiza.“

„Ja. Und du bist dabei...“

„Ihr verarscht mich.“

„Nein. Hier ist die Anfrage, wenn du mir nicht glaubst.“

Mattes drückte Timm einen Vertrag in die Hand. Timm versuchte zu lesen, was dort stand, doch die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Er musste sich höllisch konzentrieren, um die einfachen englischen Sätze zu lesen und zu verstehen. Als er endlich kapiert hatte, dass er tatsächlich als Summer-DJ nach Ibiza eingeladen war, fiel er Mattes um den Hals.

„Ich fass´ es nicht. Es ist doch alles schon so genial, und jetzt wird es noch genialer.“

„Das ist erst der Anfang, Timmy“, sagte Mattes und Frank nickte begeistert, bevor er einen großen Schluck aus seiner Bierflasche nahm.

∞

Timms Eltern zeigten sich von der Einladung nach Ibiza nicht so begeistert wie seine Freunde, aber tolerant genug, ihm diese Chance nicht zu verbauen. Sie vertrauten ihrem Sohn und vielleicht noch mehr seinem Ehrgeiz, dem sie manchmal völlig überrascht begegneten.

„Ich weiß gar nicht, von wem er das hat“, sagte Timms Vater in dem ernsten Gespräch, das er mit seiner Frau führte, um zu beraten, ob sie ihren minderjährigen Sohn wenige Monate vor seinem achtzehnten Geburtstag vier Wochen lang allein nach Ibiza lassen konnten. Am Ende hatten sie einen annehmbaren Kompromiss gefunden.

„Wir wissen, dass das ein grandioses Angebot für dich ist. Und wir wollen, dass du das machst, Timmy. Aber wir haben zwei Bedingungen. Nicht, weil wir dich irgendwie kontrollieren wollen, sondern weil wir als Eltern auch aufpassen müssen, dass es dir gut geht und dass du dich nicht übernimmst.“

Timm sah seinen Vater fragend an.

„Wir halten es für das Beste, wenn Petra dich begleitet.“

„Kein Problem. Ich hab´ sie schon gefragt. Sie ist dabei und freut sich noch mehr als ich.“

„Und du arbeitest nicht jeden Tag, sondern machst zwei Abende die Woche frei.“

„Wie das klingt: Arbeit. Die Musik ist keine Arbeit für mich. Ob ich in einer Disco stehe oder zu Hause bin, ich mache sowieso immer dasselbe: auflegen, auflegen, auflegen. Aber ich verstehe, was ihr meint. Ich hab den Vertrag zwar noch nicht im Detail gelesen, aber ich denke, so wird das sowieso sein. Kein DJ der Welt legt jede Nacht auf.“

„Dann kannst du von uns aus nach Ibiza.“

„Danke. Das ist echt cool von euch. Das wird der Sommer meines Lebens!“

∞

Schon Tage vor Beginn des Sommer-Rave hatten Petra und Timm ihre Sachen gepackt. Je eine Tasche, ein Schlafsack und ein gemeinsames Zelt standen für die Frank Beats bereit; daneben ihre Koffer für Ibiza. Nach dem Festival würden sie keine Zeit zu packen haben. Ihr Flug ging Montagmorgen, nur wenige Stunden nach dem Ende des Techno-Events, auf dem Timm dieses Jahr gleich zwei Mal auflegen durfte.

Sie hatten ohne Ende Freikarten und einige Backstage-Pässe verschenkt. Alle, die sie kannten, sollten und wollten dabei sein. Petra hatte sich ein paar neue Outfits gekauft, nur Timm trug wie immer T-Shirt, Jeans und Turnschuhe. So fühlte er sich einfach am wohlsten.

Während Petra noch das Zelt einrichtete, machte Timm sich schon auf den Weg zum Soundcheck. Die Autos und Campingbusse, die neben den Zelten parkten, kamen von überall aus Deutschland, sogar aus Frankreich und Holland. Für einen Moment konnte Timm selbst kaum glauben, dass er vor so vielen, fremden Menschen spielen würde. Doch so richtig fremd war ihm hier eigentlich niemand. Sie waren eine Gemeinschaft, die mehr verband als trennte, dachte er, bevor er die Stahltreppe zur schwarzen Bühne erklomm.

Sobald er seine Geräte angeschlossen und die vorhandenen Geräte auf seinen Synthesizer eingestellt hatte, vergaß er alles, um sich herum. Jetzt funktionierte er präzise wie ein Uhrwerk, dachte keinen unnötigen Gedanken, fühlte kein unwichtiges Gefühl. Er war vollkommen konzentriert. Jede Bewegung saß ebenso wie jeder Handgriff. Sein Gehör war so exakt geeicht wie die feinfühligste Stimmgabel. Als dann die ersten Töne erklangen, trennte ihn nichts von seiner Musik. Er sah die Leute, die später hier ekstatisch tanzen würden, die rhythmische Bewegung der Hände und Köpfe, die er von hier oben aus sehen würde, vor seinem inneren Auge. Dankbarkeit erfasste ihn. Was für ein Glück er hatte. Womit hatte er so etwas Großartiges wie das, was er tun durfte, nur verdient, fragte er sich, während er die Bässe und die Höhen professionell austestete.

Während Timm mit Mattes, DJ Frank und anderen Backstage saß und auf den Startschuss zur mehrtägigen Party wartete, fanden sich nach und nach alle Freunde bei Petra ein. Die Mädels brezelten sich mit Hilfe kleiner Handspiegel auf und die Jungs grillten für alle. Für viele von ihnen waren dies die freiesten, die ausgelassensten Momente ihres Lebens. Schule und Eltern waren weit weg. Niemand verschwendete auch nur einen Gedanken daran.

Schon lange vor dem Start des Raves, suchten sich Petra und ihre Freunde die besten Plätze in der Nähe der gigantischen Bühne. Sie war aufgeregt; aufgeregter als Timm, der als erster DJ auflegen würde.

Und dann begann das Spektakel mit einem Feuerwerk aus Licht und Nebel, mit schnellen Beats, hohen Tönen und beruhigenden Bässen. Und mit einer fantastischen Überraschung. Timm und Frank standen sich gegenüber und warfen sich die Sounds scheinbar spielerisch zu. Doch hinter all dem steckte unendliche Planung und wahnsinnige Präzisionsarbeit. Ihr Plan ging jedoch auf. Die Masse tobte bereits nach einer Minute, der Elektro-Vibe ergriff die Tänzer. Er fegte sie über den sandigen Boden der alten Kiesbaggerei. Petra kreischte euphorisch tanzend. Wieso hatte ihr Timm von seinem genialen Plan, mit Frank aufzutreten, nichts erzählt? Das Beste behielt er immer für sich, dachte sie nüchtern, mit einer leisen Spur von Enttäuschung.

Kurz darauf hatte sie den kleinen Stich ins Herz, der die Enttäuschung begleitete, schon wieder vergessen, weil sie sich von der Musik, von Timms Musik, einfangen und ganz und gar tragen ließ. Ihr Körper zappelte und bog sich, schien viel beweglicher als sonst. Diese Körperlichkeit katapultierte sie und die meisten Raver um sie herum mit aller Macht in die Gegenwart. Ungeahnte Energien wurden frei. Die Raver lösten sich in ihrem ekstatischen Gemeinschaftstanz gefühlt in eine große Ganzheit auf. Ein einmaliges und unbeschreibliches Glücksgefühl ging damit einher.

Timm beobachtete die Magie von seinem DJ-Pult aus. Hier war er zwar Teil des Erlebnisses und doch von ihm getrennt. Er selbst kannte jeden Sound, bevor er ihn spielte, bevor die anderen ihn hörten und spürten. Kurz fühlte er sich wie ein Hellsichtiger, der wusste, was passieren würde, noch bevor die anderen es ahnten. Er sah Frank grinsend an, während sie sich weiter die elektronischen Bälle zuwarfen wie ein perfekt eingespieltes Jongleur-Team. Dies war ein perfekter Moment. Ein Moment, in dem alles stimmte, die gesamte lang erarbeitete Choreographie und die Reaktion der Raver. Innen und außen waren eins in diesem idealen Moment, Wünschen, Wollen und Handeln, ebenso wie Denken und Fühlen.

Timms gemeinsamer Auftritt mit DJ Frank war zwar erst der Auftakt der Frank Beats, und doch schon der eigentliche Höhepunkt, ein unvergessliches Gipfelerlebnis, das vieles, was vorher war und einiges, was noch kommen würde, in den Schatten stellte. Selbst die folgenden zwei Tage konnten nicht mit diesem fulminanten Start mithalten, obwohl sie für Timm unvergesslich blieben.

Am frühen Samstagabend legte Timm ein weiteres Mal auf. Diesmal stand er allein auf der gigantischen Bühne vor geschätzten dreitausend Tänzern. Die Raver waren nach über vierundzwanzig Stunden Dauerparty noch immer nicht müde oder erschöpft. Timm holte die besten Tracks aus seinem Repertoire. In den vergangenen Wochen hatte er oft bis spät in die Nacht daran gefeilt. Ohne es zu bemerken, war er zu einem Perfektionisten geworden, dem gut nicht mehr gut genug war. Den Lohn dieser Akribie durfte er hier und jetzt ernten, und er genoss jede Sekunde davon. Mit Leib, Herz und Seele.

∞

Beim Abschied am Flughafen, nach dem Check-Inn, war Timm am Montag nicht nur hundemüde, sondern so sentimental wie selten. Er umarmte seine Mutter lange und fest und drückte auch seinen Vater innig. Er hatte das Gefühl, dass dieser Abschied ein wichtiger Meilenstein für ihn war; als würde er sich zum ersten Mal in seinem Leben ein Stück von seiner Familie abnabeln. In diesem Moment war er seinen Eltern unsagbar dankbar für ihre Toleranz und Unterstützung.

„Ihr seid die Besten“, sagte er kurz, damit er nicht in Tränen ausbrach. Petras Blicken wich er gekonnt aus. Es war ihm unangenehm, dass sie ihn so emotional sah.

„Genießt die Zeit auf Ibiza. Ihr seid jung, ihr seid frei.“ Timms Vater wirkte, als wollte er seine Lebensuhr am liebsten eigenhändig zurückdrehen.

„Das machen wir“, versicherten Timm und Petra im Chor. Alle umarmten und küssten sich noch einmal, dann verschwanden Timm und Petra Hand in Hand hinter der Absperrung des Sicherheitschecks.

Timms Mutter winkte ihnen noch nach, als sie schon lange außer Sichtweite waren.

7

MEERA

Meera war eine der Ersten beim Frühstück und stand schon vor neun bei Captain Hook an der Rezeption. Sie hatte ihm zwei Cashewnüsse und ein Stück Apfel vom Buffet mitgebracht.

„Darf ich ihm das geben?“ fragte sie den Concierge.

„Ja, gerne. Captain Hook liebt Sie, Misses Meera. Er redet den ganzen Tag von Ihnen.“

Sie näherte sich langsam und vorsichtig der Sitzstange des lustigen Vogels. „Hallihallo. Meerabai. Taurig und schön!“, krächzte der Papagei wie letztes Mal.

„Hallo, Captain. Ich hab´ dir etwas zu futtern mitgebracht. Magst du Nüsse?“

„Ich bin Captain Hook. Captain Hook.“

Meera legte Apfelstück und Nüsse in ihre geöffnete Hand. Der Captain sah zuerst sie mit schief gelegtem Kopf an, dann ihre Hand und die Köstlichkeiten darin. Und schon kletterte er von seiner Stange auf ihren Unterarm. Er war ganz schön schwer. Jetzt begann er, an dem Apfelschnitz zu knabbern und ließ sich durch nichts und niemanden stören. Meera sah ihm begeistert dabei zu und freute sich über die Zutraulichkeit und den Appetit des Vogels. In aller Seelenruhe verspeiste er den ganzen Snack und kletterte dann zurück auf seinen Platz. Meera gab ihm einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete sich. „Bye-bye. See you later, Captain.“

„See you later, Meera, meine Meera.“

Zum Abschied pfiff er wieder die bereits vertraute melancholische Melodie.

Den Concierge fragte Meera nach einem Gemüsemarkt in der Nähe. Sie wollte unbedingt die ganzen köstlichen Sachen sehen, anfassen und riechen, die sie gestern bei Nilesh in der Küche verarbeitet hatten.

„Der Markt ist nicht weit von hier. Sie können mit einer Motorriksha hinfahren. Soll ich Ihnen eine rufen? Die Fahrt dauert ungefähr zwanzig Minuten und sollte nicht mehr als hundertachtzig Rupien kosten.“

„Perfekt. Ich warte draußen auf den Fahrer. Vielen, vielen Dank.“

Weniger als fünf Minuten später brauste eine gelb-schwarze Motorriksha auf Meera zu. Der Fahrer trug eine bunte Kappe und hinter seiner Windschutzscheibe hingen allerlei bunte Devotionalien, Malas, Heiligenbildchen und -figürchen – wie in einem Hippiebus. Meera kletterte auf den Rücksitz und hielt sich gut fest. Sie hatte mehr als einmal erlebt, wie die Riskhawalas durch den Verkehr rasten. Auch dieser Fahrer gab rücksichtslos Gas. Er wusste offenbar, wo Meera hinwollte, denn er sprach kein Wort mit ihr. Sie bretterten über die lange Einfahrt des Cozy Yoga Resorts und bogen hinter dem Tor rechts auf die Landstraße ab. Der Fahrer beschleunigte in Windeseile. Zum Glück waren nur wenige andere Fahrzeuge unterwegs. Meera klammerte sich eisern fest und ruckelte und schuckelte auf dem roten Plastiksitz hoch und runter, hin und her. Fünfzehn Minuten später stoppte der Fahrer mit einer Vollbremsung am Eingang zu einer Fußgängerzone.

„Der Markt ist gleich dahinten. Am Ende der Straße. Ich kriege zweihundertzwanzig Rupien, Misses.“

Meera lachte. „Sorry. Yatra key kimat adhikatam 150 thee. Die Fahrt war höchstens hundertfünzig wert“, sagte sie auf Hindi.

Der Fahrer staunte. „Aap hindi baat kr rahe hain? Sie sprechen Hindi? Wunderbar! Hundertfünfzig. Sahmat hona. Einverstanden.“

Meera gab ihm hundertachtzig Rupien und verabschiedete sich lachend. Der Fahrer winkte ihr fröhlich hinterher.

Auf dem Markt war Meera gleich in ihrem Element. Obst, Gemüse, Früchte, Kräuter. Alles lag ordentlich nebeneinander auf großen Tüchern auf dem Boden oder auf Tischen. Vieles davon kannte Meera aus Deutschland, aber es gab auch einige Gemüse- und Obstsorten, die sie noch nie gesehen hatte. Sie fragte nach den Namen und durfte daran riechen. Einige Händler erklärten ihr sogar, wie man ihr Gemüse am schmackhaftesten zubereitete. Es war herrlich. Ein kleines Schlaraffenland. Obwohl Indien noch immer ein Land war, in dem es viel Armut gab, wirkte dieser Markt hier üppig und frisch. In Deutschland hatte sie nie so eine Vielfalt und Frische auf dem Wochenmarkt erlebt.

Meera probierte frischen Ingwer und Kardamon. Ein besonders herzlicher Händler schenkte ihr eine saftige Orange. Sie hätte Stunden, ja Tage, hier verbringen können, obwohl es von geschäftigen Menschen nur so wimmelte. Wieder füllte sich ihre Einkaufstasche schnell mit haltbaren Produkten, die sie in ihrem Zimmer aufbewahren und zubereiten konnte.

Meera feilschte gerade mit einer Marktfrau über ein großes Stück Kurkuma, das sie sich abends vor dem Schlafengehen mit heißem Wasser und Kokosmilch zubereiten wollte, als sie eine vertraute Stimme hörte.

„Meera? Hallo!“

Meera sah erschrocken auf. Wer kannte sie denn hier? „Nilesh! Hallo. Du hast mich ganz schön erschreckt.“

„Hat dir das Kochen gestern so gut gefallen, dass du heute selbst einkaufen gehst?“

Meera strich sich eine lockige Strähne aus dem Gesicht. „Ja, hat es tatsächlich. Schade, dass ich keine Küche in meinem Hotelzimmer habe.“

„Du kannst jederzeit in unserer zweiten Küche kochen. Wir nutzen sie nur für Feste und unsere Kochkurse.“

„Wow, das ist ein tolles Angebot, Nilesh. Danke.“

„Hast du Lust, mir beim Einkaufen zu helfen?“

„Du kaufst für das Hotel hier ein?“

„Nicht alles. Vieles wird uns geliefert. Aber ich lasse es mir nicht nehmen, so oft es geht herzukommen und ein paar frische Sachen selbst auszusuchen, die ich spontan für das Buffet zubereite.“

„Ich helfe dir gerne. Was suchst du heute?“

„Ich dachte an ein paar ungewöhnliche Gemüse und Früchte für das Nachtischbuffet.“

„Ungewöhnliches Gemüse habe ich gerade erst dahinten gesehen. Die Marktfrau hat mir auch ein tolles Rezept verraten.“

Meera zog Nilesh begeistert hinter sich her. Sie bemerkte gar nicht, dass sie sich wie ausgewechselt verhielt, wie ein anderer Mensch, der spontan und fröhlich und nicht immer nur niedergeschlagen, selbstkontrolliert und nachdenklich war. Sie zeigte Nilesh ihre Entdeckung und bat die Marktfrau, ihm noch einmal das Rezept zu erklären. Er kannte das Gemüse sogar, das Broccoli ein bisschen ähnelte, aber das Rezept war ihm neu. Er kaufte gleich eine ganze Kiste und freute sich. „Das ist eine tolle Entdeckung. Hilfst du mir beim Kochen?“

„Ich?“

„Nein, du!“ Nilesh lachte.

„Das kann ich doch nicht.“

„Warum? Du kochst hervorragend.“

„Aber nicht in einer professionellen Restaurantküche.“

„Du musst doch nicht allein kochen. Ich bin ja auch noch da.“

„Meinst du wirklich?“

„Natürlich. Du hast das Gemüse ja entdeckt. Es kann doch nichts schief gehen. Im schlimmsten Fall essen wir es selbst.“

„Okay. Überredet.“

Sie gingen noch weiter über den Markt, kauften frisches Obst und eine besondere Sorte Zwiebeln. „Welches ist dein indisches Lieblingsgericht?“, wollte Nilesh von Meera wissen.

„Du wirst es nicht glauben. Dal Makhani. Darin steckt für mich alles, was ich an Indien liebe?“

Er sah sie neugierig an. „Und das wäre?

„Hm, also zuerst einmal die Bodenständigkeit. Bei uns in Deutschland sind Linsengerichte althergebrachte Alltagsgerichte, die sich früher jeder leisten konnte. Arbeiter, Bauern, einfach jeder. Aber: Dal Makhani ist gleichzeitig irgendwie erhaben, samtig und fein auf der Zunge. Irgendwie edel. Die Schärfe verleiht dem Gericht Mut und Lebenskraft und die sahnige Süße Geborgenheit und Freude, die butterige Note verstärkt das noch und setzt dem Ganzen einen Hauch von Glückseligkeit hinzu. Das ist für mich Indien. Es steckt sehr viel Konträres darin und doch ist das Ganze vollkommen harmonisch.“

Nilesh schien sprachlos. Er brauchte ein bisschen, bis er etwas sagen konnte. „Ich habe schon viele Beschreibungen von Indien gehört. Aber das…, das ist sehr besonders.“ Er wirkte nachdenklich, gerührt und berührt.

Sie kamen an einem Streetfood-Restaurant vorbei. „Darf ich dich auf eine Nimbu-Limonade einladen“, fragte Nilesh vorsichtig. Er schien ihre Vorsicht und Zurückhaltung zu spüren und zu respektieren.

Trotzdem nahm sie die Einladung an. Sie setzten sich an einen schäbigen, von der starken Sonne ausgeblichenen, ehemals roten Plastiktisch mit passenden Stühlen. Nilesh holte an der Theke zwei Limonaden mit Blätterstrohhalm.

„Was bedeutet Kochen für dich?“, fragte Meera ihn, als er neben ihr saß und sie den ersten Schluck der sauer erfrischenden Limonade mit Strohhalm getrunken hatten.

Er sah in den Himmel und holte tief Luft. Auch wenn er nichts gesagt hätte, hätte sie in diesem Moment gewusst, dass ihm Kochen alles bedeutete.

„Alles“, sagte er und schwieg eine Weile. „Mein Vater hatte ein indisches Restaurant in London. Ich bin in seiner Küche groß geworden. Ich weiß noch ganz genau, wie es dort roch, wie heiß es dort war, wie ich überall herumlief und alles probierte. Die Köche hatten ihre liebe Not mit mir.“

„Und du?“

Meera holte ebenfalls tief Luft, aber ihre Reaktion war schwerer, belasteter als seine. Er nahm sofort den Schmerz wahr, der für sie mit dem Kochen verbunden war. „Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht willst“, sagte er mitfühlend.

„Doch, will ich“, entgegnete sie bestimmt, wie um sich selbst zu motivieren. „Ich war noch sehr jung, Anfang zwanzig, als ich in Deutschland in einen Ashram gezogen bin. Dort habe ich sehr viel gearbeitet und dadurch auch sehr viele verschiedene Dinge gelernt. Eines Tages sollte ich in der Küche aushelfen. Weil ich ganz gut war, habe ich immer mehr Verantwortung gekriegt. Am Ende habe ich die Küche praktisch geleitet und jeden Tag drei Mahlzeiten geplant, eingekauft und gekocht. Wir haben ausschließlich vegetarisch und meistens indisch gekocht, weil unser Guru in Indien erwacht war und schon als sehr junger Mann den Auftrag erhalten hatte, sein spirituelles Wissen nach Deutschland und in die ganze Welt zu tragen.“

„Und was tut daran so weh?“ fragte Nilesh sehr direkt, aber mit einem Unterton, der Meera nicht verletzte, sondern ermunterte, ehrlich zu sein.

„Alles!“, anwortete sie, und sofort füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Irgendwann holte mich Janaka, der Guru, zu sich und sagte mir, dass ich die Küche sofort verlassen müsse, weil ich meine Tätigkeit zu sehr lieben würde. Diese Anhaftung wäre nicht gut für mich. Ich müsste vairagya üben, Verhaftungslosigkeit. Es sind dort viele schlimme Dinge passiert. Ich habe trotzdem noch viele Jahre ausgehalten, bis es zu viel war und ich eines Tages geflüchtet bin. Da war ich plötzlich über dreißig und hatte nichts mehr. Das war die wirkliche Lektion in Verhaftungslosigkeit, in Loslassen. Ich habe sie bis heute nicht gelernt.“

„Weil du das alles noch liebst und gleichzeitig weißt, wie falsch und furchtbar es war und noch ist?“

„Ja. Woher weißt du das?“

„Mein Vater war oder ist auch Anhänger eines sehr berühmten indischen Gurus. Für uns Inder ist das eigentlich normal. Deshalb war es für alle völlig selbstverständlich, dass meine Mutter und auch wir Kinder dem Meister und seinen Lehren folgten. Aber meine Mutter war schon immer eine sehr aufgeklärte, extrem unabhängige und selbstbewusste Frau, die sich und ihr Leben dem Guru nicht vollständig unterwerfen wollte. Sie konnte es einfach nicht, weil sie der Mensch ist, der sie ist. Niemand hat Macht über sie. Mein Vater hatte das völlig unterschätzt. Wir lebten damals in London, aber der Guru kam einmal im Jahr zu Besuch, und wir flogen einmal jährlich nach Indien. Nicht zu unseren Verwandten, zu den Menschen, die wir liebten, sondern zu irgendwelchen Festen im Ashram des Heiligen. Ich habe schöne Erinnerungen an diese Zeit, aber ich habe auch immer gespürt, dass etwas nicht stimmte. Ein anderer hat unser gesamtes Leben bestimmt, bekam all unsere Aufmerksamkeit, unser ganzes Erspartes; sagte uns, was richtig und was falsch war... Als ich acht war, konnte meine Mutter einfach nicht mehr. Sie trennte sich von meinem Vater, dem Guru und dem Ashram und nahm meine Schwester und mich mit zurück nach Indien. An dem Tag waren wir für meinen Vater gestorben. Ich habe ihn nie wieder gesehen.“

Auch Nileshs Augen füllten sich mit Tränen. Meera spürte die Leere, die die frühe Trennung von seinem Vater in ihm hinterlassen hatte. Sie berührte tröstend seinen Arm.

„Du musst meine Mutter unbedingt kennenlernen. Sie ist leider gerade bei ihrer Schwester in Delhi und kommt erst in zwei Wochen zurück.“

„Dann bin ich leider schon wieder in Deutschland. Ich reise heute in zwei Wochen ab.“

„Ich habe ganz vergessen, dass du ja eine Touristin und unser Hotelgast bist.“

„Ist das nicht eigenartig? Ich auch.“

∞

Meera nahm Nileshs Angebot an, mit ihm zurück zum Hotel zu fahren. Sie lachte, als sie seinen Wagen sah, eine knallbunte Motorriksha mit Ladefläche.

„Warum lachst du? Gefällt dir mein Auto nicht?“, fragte Nilesh augenzwinkernd.

„Oh, doch. Ich hatte nur etwas anderes erwartet.“

Er fragte nicht, was sie sich vorgestellt hatte. Wahrscheinlich wusste er es genau. Sie war einem Klischee aufgesessen und hatte Nilesh in einem dieser weißen, asiatischen SUV gesehen, die hier scheinbar alle fuhren, die es sich leisten konnten.

Erst als sie ihre Einkäufe auf der Ladefläche verstaut hatten und Meera auf der Vorderbank neben ihm Platz genommen hatte, griff Nilesh das Thema Auto erneut auf.

„Das ist nur mein Arbeitswagen. Wenn ich frei habe, fahre ich am liebsten Motorrad.“

Er hatte den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, da schoss Meera der Gedanke durch den Kopf, dass er nicht verheiratet war. Automatisch sah sie auf seine Hände, die ringlos das Steuer umfassten. Sie erschrak. Warum spielte das eine Rolle für sie? Gefiel er ihr etwa? Sie versuchte, ihre Gefühle zu erfassen, doch da war nichts, als ein undurchsichtiger Nebel, der hin und her waberte. Dieses undefinierbare Etwas hätte alles sein können, von großer Zuneigung bis hin zu ebenso großer Abneigung. Ihre Angst vor Nähe vernebelte ihre Empfindungen und die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle klar zu erfassen, verstärkte die Angst. Sie kam ihrem dunkelsten inneren Teufelskreis gefährlich nahe. Würde sie jemals wieder ihre Gefühle erkennen, ihnen vertrauen und sie zulassen können?

Zum Glück startete Nilesh den knatternden Motor des Zweitakters und bemerkte ihre emotionale Reaktion nicht. Meera konnte sich gerade noch festhalten, bevor er Gas gab und hupend auf die Fahrbahn knatterte, ohne sich ordentlich einzuordnen. Seine forsche Aktion wurde mit einem wütenden Hupkonzert gekontert, doch Nilesh scherte sich nicht darum. Er beschleunigte ungerührt und brauste Richtung Hotel. Meera hielt die Augen während der ganzen Fahrt geschlossen. Nilesh fuhr noch wahnsinniger als der Fahrer, der sie hergebracht hatte. Er bremste erst im allerletzten Moment, kurz bevor er seinem Vordermann aufzufahren schien. Den Blinker benutzte er offenbar grundsätzlich nicht. Meera versuchte, ruhig zu bleiben, doch ihr Herz raste und sie bekam schwer Luft. Sie stand die ganze Fahrt über auf einer imaginären Bremse, aber das nützte nichts. Sie versuchte, sich in alter Gewohnheit mit Worten zu beruhigen und wiederholte ihre Affirmation: „Ich bin geborgen und sicher.“ Aber die Wirklichkeit strafte ihre Worte lügen. Dieser Höllenritt war alles andere als sicher. Ihre Angst war vollkommen berechtigt und ließ sich nicht verdrängen.

Trotzdem erreichten sie das Cozy Yoga Hotel unversehrt. Meera stieg auf wackeligen Beinen aus. Es dauerte einige Sekunden bis sie sich ein bisschen beruhigt hatte und auf dem festen Boden einigermaßen sicher stand. Ihre Brust war eng, und sie kämpfte um jeden Atemzug, während ihr Herz unregelmäßig klopfte. Hatte sie heute Morgen ihre Medikamente genommen?

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Nilesh, der plötzlich wieder ganz sanft wirkte, obwohl er Meera gerade wie ein aggressiver Rüpel vorgekommen war.

Wenn sie in den letzten Jahren eines gelernt hatte, dann ehrlich zu sein. „Ich bin gerade fast gestorben.“

„Wegen meines Fahrstils?“

„Fahrstil, nennt man das?“ Meera versuchte, trotz allem Humor zu beweisen.

„Ich bin etwas wild unterwegs. Ich weiß. Entschuldige bitte.“

„Alles gut. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass du wie ein verrückter Rikshawala fährst. Es fällt mir sehr schwer, die Kontrolle derart abzugeben. Das löst absolute Panik in mir aus.“

Nilesh kam zu ihr herüber und nahm sie fest in den Arm. „Ich bin ein Idiot. Ich habe nicht eine Sekunde nachgedacht.“

Meera zitterte in seinen Armen, beruhigte sich aber langsam. Nilesh sagte kein Wort mehr. Er hielt sie einfach fest. In dieser einen Minute schoss ihr unendlich viel durch den Kopf. Wie oft hatte sie sich danach gesehnt, dass jemand ihre Gefühle, ihre Ängste ernst nahm und sie respektierte. Janaka und seine Anhänger hatten jeden verachtet, der Schwäche zeigte. Die schlimmsten emotionalen Wunden waren im Ashram gnadenlos aufgedeckt und erneut aufgerissen worden – manchmal vor aller Augen und nicht immer nur von Janaka. Vorgeblich aus altruistischen, spirituellen Gründen, um sie sichtbar zu machen und zu heilen, doch eigentlich war es nur darum gegangen, auf sadistische Weise andere bloßzustellen, sie zu verletzen und klein zu machen. Janaka hatte jede Schwäche Meeras in Sekundenschnelle erfasst und nicht lange gezögert, nicht nur einen Finger, sondern seine ganze Faust in ihre Wunden zu bohren. Franka hatte ihr in der Therapie erklärt, dass das ein sehr typisches Verhalten von autoritären Gruppenführern – zu denen offenbar viele Gurus gehörten - war. So gewannen sie Macht über ihre Anhänger, die ihnen bedingungslos vertrauten; die ihrer Ideologie bedingungslos vertrauten. Janaka hatte fast täglich gepredigt, dass alle alten Wunden aufgerissen werden müssten, damit man sich von ihnen befreien konnte. Doch wer riss seine Wunden auf? Gab es irgendjemanden, der ihn mit sich selbst und seinen Schwächen auf die gleiche, oftmals brutale Weise konfrontierte? Meera hatte im Ashram nicht einen Menschen gesehen, der es gewagt hätte, die strenge Hierarchie zu durchbrechen und Janaka auf Augenhöhe gegenüber zu treten. Wie viel Schmerz hatten sie alle erlitten? Franka hatte ein hässliches Wort dafür gebraucht: psychologischer Missbrauch. Meera hatte sich lange und heftig gewehrt, diese Strategie von Janaka und seiner spirituellen Gemeinschaft so zu nennen. Sie hatte sich selbst nicht als Opfer von Missbrauch sehen wollen. Zuerst hatte sie selbst noch geglaubt, dass extremes Leiden einen spirituellen Sinn hatte und einen der Wahrheit näher bringen konnte; ja, dass Leiden sogar ein wichtiger Katalysator für persönliches Wachstum und Transformation war. Lange hatte sie glauben wollen, dass Janaka es doch eigentlich gut mit ihr gemeint hatte. Er hatte sie wirklich stärken und befreien wollen. Dieser höhere Zweck schien alle Mittel zu heiligen. Hatten nicht viele Menschen, die heute als spirituelle Vorbilder galten, furchtbar gelitten?

Nilesh löste die liebevolle Umarmung langsam, lehnte sich ein wenig zurück und sah ihr fest in die Augen. „Ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Es tut mir unendlich leid. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich gerade geritten hat.“

Meera erwiderte seinen Blick dankbar und viel ruhiger als zuvor. „Du musst dich für nichts entschuldigen, Nilesh. Woher solltest du von meinen Ängsten wissen?“

Er drückte ihre Hände, die er jetzt hielt. „Ich hätte es spüren können. Ich meine, ich spüre es. Deine Verletzlichkeit. Deine Verletztheit.“

Sie sah auf den Boden, um sich ein bisschen zu schützen. Sie fühlte sich nackt und wie ein offenes Buch. „Mir sind sehr schlimme Dinge passiert, Nilesh. Über viele Jahre hinweg. Das mit dem Kochen, das ich dir vorhin erzählt habe, war wahrscheinlich das Harmloseste von allem. Und, auch wenn ich einen guten, einen souveränen und gesunden Weg aus diesem leidvollen Leben heraus gefunden habe, sind meine Wunden noch lange nicht verheilt. Aber all das ist nicht das Erste, über das ich mit jemandem spreche, den ich bei einem Kochkurs im Urlaub kennenlerne.“

Nilesh lachte, vielleicht auch, um die Anspannung loszuwerden. „Oh nein. Das bin ich also für dich. Ein Koch-Animateur, der dich ein bisschen bespaßt, aber mit dem du nicht ernsthaft reden kannst?“

Sie stimmte in sein Lachen ein, weil diese Vorstellung völlig absurd war. Nilesh war vom ersten Moment an sehr viel mehr oder etwas ganz anderes für sie gewesen.

„Hast du überhaupt noch Lust mit diesem wahnsinnigen Rikshawala zu kochen?“, fragte er flapsig, aber mit einem Hauch von Unsicherheit in der Stimme.

Sie tat so, als müsse sie überlegen. Er schubste sie leicht und tat beleidigt.

„Natürlich. Aber ich muss mich erst umziehen und frisch machen.“

Er wirkte erleichtert. „Dann in einer halben Stunde in meiner Küche?“

„Sehr gerne.“

∞

Meera sprang schnell unter die Dusche und erholte sich langsam von dem Höllenritt und der erneuten Angstattacke. Sie prüfte nach, ob sie ihre Tabletten genommen hatte und stellte erleichtert fest, dass sie keine vergessen hatte, seit sie in Goa war. Dann zog sie sich eine lockere Pumphose und ein helles T-Shirt über und knotete ihre leicht gelockten, rot-blonden Haare zu einem hohen Dutt. Zuletzt schlüpfte sie in bequeme Turnschuhe und machte sich auf den Weg zur Küche.

Die Hauptküche lag im hinteren Teil des Hotelgartens, gut versteckt hinter einer Bambushecke. Meera hörte schon von weitem das vertraute Klappern der Töpfe und Pfannen. Es duftete nach Garam Masala, einer indischen Gewürzmischung, Ingwer, Knoblauch und Butterschmalz. Meera liebte diesen Duft über alles. Wieder klopfte sie zaghaft an die Tür. Der fröhliche Bikram öffnete wie gestern mit seinem strahlenden Lächeln. „Hello. Misses Meera. Wie schön, dass Sie mit uns kochen.“

Nilesh war sofort an Bikrams Seite und winkte Meera in sein Heiligtum. Die Küche war riesig, sicher über sechzig Quadratmeter und mindestens so gut ausgestattet und blitzblank wie die Außenküche am Restaurant, in der sie gestern Nachmittag gekocht hatten.

„Sehr schön ist dein Reich...“, staunte Meera, und Nilesh freute sich stolz.

„Alle mal herhören. Das ist Meera. Sie wird heute mit mir kochen. Bitte behandelt sie wie eine von uns. Sie ist ein Profi.“

Die Köche nickten stumm und machten sich nach Nileshs Ansage direkt wieder an die Arbeit. Nilesh führte Meera an einigen Stationen vorbei an seinen Platz. „Fühl dich bitte frei, alles zu benutzen und zu probieren, was du willst. Hier, deine Schürze und dein Kopftuch. Die tragen wir alle. Messer hängen dort an der Wand. Gewürze stehen da oben auf dem Regal. Willst du lieber allein oder wollen wir zusammen kochen?“

„Mit dir natürlich!“

„Hast du das Rezept noch im Kopf?“

Sie tippte mit dem Zeigefinger an ihre Stirn. „Und du?“

„Dann los?!“

Sie schnibbelten, schälten, rösteten Gewürze, mörserten Knoblauch und Ingwer, häuteten Tomaten. Meera war vollkommen ruhig, sehr konzentriert und ganz bei der Sache. Sie brauchte nur wenige Worte, um sich mit Nilesh zu verständigen. Es war, als hätten sie immer so zusammen gearbeitet; Hand in Hand, wie ein perfektes Uhrwerk. Völlig im Fluss.

Zuerst erhitzten sie in einer Art Wok Erdnussöl und brieten darin verschiedene Gewürze und grüne Chilis scharf an, bevor sie die Knoblauch-Ingwerpaste und weitere, bereits geröstete Gemüse hinzugaben. Meera liebte den scharfen Duft, der kurz darauf aus dem Wok aufstieg und sie immer ein wenig zum Husten brachte. Nun kam das Gemüse hinzu, das nach einiger Zeit mit etwas Wasser abgelöscht wurde. Nach etwa zehn Minuten folgten die inzwischen gehackten Tomaten. Dann musste alles noch einmal solange köcheln, bis die Tomaten auseinanderfielen und zu einer Sauce eingekocht waren. Ganz am Ende rundeten ein Becher Kokosmilch und eine Handvoll frischer Koriander alles ab.

Nilesh reichte Meera eine Untertasse zum Probieren. „Was meinst du?“

Das Gericht duftete leicht kohlig und intensiv nach Kokos, Koriander und Gewürzen. Meera liebte es jetzt schon. Sie hatte ein bisschen Angst, dass es zu scharf sein könnte, doch sie hatten wohl eine milde Sorte Chili verwendet, die eine angenehme, leichte Schärfe an das Essen abgegeben hatte. Nilesh kostete ebenfalls. „Wunderbar. Das schmeckt herrlich“, stellte er begeistert fest.

„Eine Kleinigkeit fehlt noch, finde ich.“ Meera suchte auf dem Gewürzregal nach Zucker und fügte etwa eine halben Teelöffel braunen Rohrzucker hinzu.

„Zucker?“, wunderte sich Nilesh.

„Ja. Zucker hebt die Säure der Tomate auf und gibt ihr dadurch mehr Aroma. Außerdem nimmt er die Bitterkeit, die man ganz leicht hinten am Gaumen schmecken konnte.“

Nilesh probierte erneut und freute sich. „Das gibt es doch gar nicht. Das ist ein Riesenunterschied.“

Auch Meera probierte ein weiteres Mal und war endlich zufrieden. Nilesh winkte Bikram herüber und reichte ihm eine Probierportion.

„Es riecht wunderbar, leicht kohlig, aber angenehm. Hm…, und es schmeckt perfekt. Sehr gut gewürzt. Sehr gut abgeschmeckt. Obwohl es ein einfaches Gericht ist, ist es sehr fein. Ihr seid ein gutes Team.“

Meera sah Nilesh an. Er wirkte glücklich und stolz. „Du bist ein Naturtalent“, lobte er sie schon wieder.

„Du übertreibst“, wiegelte sie ab. Es war ihr unangenehm, gelobt zu werden.

„Übertreibe ich, Bikram?“

„Nein, ganz und gar nicht. Sie kochen sehr gut, Misses Meera. Mit Technik, Struktur, Geschmack und Herz.“

„Siehst du! So etwas hat Bikram von mir noch nie gesagt.“

Bikram ging lachend zurück an seinen Arbeitsplatz, und Meera stand allein mit Nilesh da. Nun, da die Arbeit getan war, war ihr die Nähe, die Intimität zwischen ihnen plötzlich wieder unangenehm. Ihr Fluchtimpuls regte sich. Sie fürchtete, er könnte sie erneut umarmen. Deshalb machte sie sich daran, ihren Arbeitsplatz akribisch aufzuräumen.

„Das brauchst du nicht. Das mache ich gleich.“

Hatte er sie etwa durchschaut? „Eine echte Köchin räumt ihren Arbeitsplatz immer auf.“

„Aber nicht, wenn die Köchin eigentlich Urlaub hat.“

„Stimmt, ich habe Urlaub. Wie eigenartig.“ Sie lachte. „Okay, dann lasse ich den Koch, der leider keinen Urlaub hat, jetzt mit seiner Arbeit allein. Wann kann ich dieses hervorragende Spargoli-Gericht denn auf dem Büffet finden, Chef Nilesh?“

Nilesh sah auf die Uhr. „In einer halben Stunde.“

Meera verabschiedete sich schüchtern. Sie hatte das Gefühl, dass alle Köche und Gehilfen Nilesh und sie genau beobachteten. Sie nahm kurz seine Hand, hielt sie fest gedrückt und sagte leise danke. Als sie seine Hand loslassen wollte, drehte er seine blitzschnell um, griff ihr Handgelenk und hielt sie zurück. Er sah ihr tief in die Augen, als wäre er mit ihr allein. „Ich danke dir, Meera. Das war der schönste Morgen, den ich seit Jahren hatte. Du bist wunderbar! Ich genieße jede Minute mit dir.“

Sie errötete und blickte sich um. Die anderen Köche taten zumindest so, als hätten sie nichts bemerkt. Obwohl Meera sich innerlich dagegen wehrte, war dies ein schöner, ein sehr glücklicher Moment. Sie spürte Nileshs aufrichtige Zuneigung. Etwas in ihr genoss seine Aufmerksamkeit und Nähe. Aber da war auch noch ein anderer Teil von ihr, der genau diese Aufmerksamkeit und Nähe wie die Hölle fürchtete. Es war gefährlich, einem anderen sein Herz zu öffnen, dessen Liebe anzunehmen und die eigene Liebe zuzulassen, hatte sie gelernt. Ihr unterbewusstes Frühwarnsystem schlug heftig Alarm.

∞

So viel wie heute, hatte Meera ewig nicht erlebt und doch wusste sie, dass sie keine normale Müdigkeit überfiel sobald sie in ihrem Zimmer war, sondern die altbekannte Fatigue. Sie legte sich matt auf ihr Himmelbett, deckte sich mit einem leichten Baumwolltuch zu und döste fast augenblicklich ein.

Ein Stunde später wachte sie auf und sah sich in ihrem Zimmer um, noch immer viel zu müde, um aufzustehen. „Ich kann doch den Rest dieses schönen Tages nicht einfach verschlafen“, dachte sie. Doch ihr Körper war anderer Meinung, und sie schlief wieder ein.

Das nächste Mal wachte sie gegen halb vier am Nachmittag auf. Sie hatte plötzlich großen Durst, trank einen Schluck Wasser und kochte sich einen Tee, der vielleicht die Lebensgeister in ihr wieder zu wecken vermochte, hoffte sie. Sie saß im Bett und trank den heißen Tee mit Ingwer in kleinen Schlucken. Fast unmittelbar begann der Ingwer seine wärmende Wirkung zu entfalten, und Meera fühlte sich ein bisschen wacher und klarer im Kopf. Ihr Körper hingegen schien noch immer bleischwer und müde. Das war genau der Zustand zwischen Wachen und Schlafen, in dem es die Erinnerungen am leichtesten hatten, sie zu überfallen und zu überfluten. Sie war einfach zu schläfrig, um etwas dagegen zu tun.

Mit einem Mal war ihr, als drehe jemand das Rad der Zeit einfach zurück und immer weiter zurück; fünfzehn Jahre bis zu dem Tag, an dem sie Janaka das erste Mal begegnet war. Drei Wochen nach ihrem einundzwanzigsten Geburtstag. Damals hatte sie noch Britta geheißen, wie ein anderer Mensch in einem anderen Leben.

Kati, eine gute Freundin, hatte ihr zum Geburtstag den Eintritt zu einem Satsang von Janaka geschenkt. Sie hatten beide keine Ahnung, was ein Satsang eigentlich war und was sie dort erwartete. Meeras Freundin studierte Psychologie und hatte einen Aushang am schwarzen Brett in der Uni gelesen. Auf Meeras Geburtstagskarte hatte sie geschrieben: „Vielleicht hat er Antworten auf die vielen Fragen, die wir uns in unseren herrlichen, nächtlichen Gesprächen bei Vino Rosso und Chips selbst nicht beantworten können.“

Anbei lag der Flyer, den sie vom schwarzen Brett geklaut hatte. Darauf stand eigentlich nicht viel.

„Janakananda bedeutet Erschaffer der Glückseligkeit. Diesen Namen erhielt Janaka, wie sich der deutsche Lehrer westlicher und indischer Spiritualität nennt, von Shiva und seinem indischen Guru, Sri Adideva, im Jahr 1998. Sein Lehrer war es auch, der dem jungen, suchenden Deutschen das höchste Selbst oder das reine Sein enthüllte und ihn kurz darauf als eigenständigen Lehrer und Fortführer der Tradition zurück nach Deutschland schickte, um die Spiritualität der Neuen Zeit mit der zeitlosen indischen Spiritualität zu verbinden und westlichen Menschen zugänglich zu machen. Janaka erfüllt damit seine Mission: anderen Suchenden den Weg zur Seele zu zeigen, die er selbst mit Hilfe verschiedener Lehrer fand. Seine Organisation, die Menschen aus vielen Ländern der Welt anzieht, heißt deshalb Atma Jivan, Seele des Lebens. Janaka lebt in Deutschland, in einem kleinen Ort im Odenwald in seinem Ashram, Pavitra Nagar, mit Schülern und Sannyasins nach alter indischer Tradition.“

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