Kitabı oxu: «Dekadent»

Şrift:

DANKMAR H. ISLEIB

86401 DEKADENT

THRILLER

münchenMAFIAmord

3


Inhalt

Hinweis

PROLOG

EPILOG

ANHANG

Hinweis

Diese Story ist in fast allen Komponenten komplett frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig und sind nicht gewollt. Die Namen der Straßen und Handlungsorte in München sind korrekt.

Aber daraus sollte nicht geschlussfolgert werden, dass in dem Haus „X“ die Person „Y“ lebt oder der Mord „Z“ im Lokal „XYZ“ geschehen ist.

DEKADENT ist ein Thriller und nicht mehr …

Das Buch erhebt keinesfalls den Anspruch, ein Spiegelbild der Arbeit der Kriminalpolizei zu sein.

Übrigens:

Der Protagonist Daniel Richter ist ein Musikfreak. Wen die kurzen Songtexte stören, der sollte sie einfach überlesen. Sie passen zur Story, aber … Also: bitte nicht darüber ärgern.

Prolog

ANNA, Fanny und ich flogen First Class von Kapstadt nach München, um zu heiraten. Also Anna und ich. Das mit der Luxusklasse hatten wir uns alle verdient. Anna, weil sie mich liebt – und das ist wahrlich bei einem Typen wie mir nicht einfach … –, Fanny, weil er mal in den Genuss kommen sollte, im Jumbo ganz vorne zu sitzen, auch wenn er freiwillig auf den Champagner verzichtete, mit den arroganten Passagieren der Luxusklasse nicht besonders gut klarkam und insgesamt mit der Fliegerei ein wenig überfordert schien, und ich – weil ich den letzten großen Fall perfekt gelöst und ein absolut geiles Honorar von einem Mann kassiert hatte, der inzwischen längst im Knast saß.

Wieder einmal hatte die Gerechtigkeit gesiegt und darauf war ich ein wenig stolz!

Kaum zuhause angekommen, traf ich den Anrufer, der mich ursächlich vom südafrikanischen Urlaubsparadies weggelotst hatte. Die Heirat hätte noch ein paar Tage warten können, aber in einem Anflug romantischer Stimmung am Strand von Kapstadt hatte ich Anna gefragt, ob sie denn …

Jetzt musste ich feststellen, dass der neue Auftrag nicht für einen schnellen Erfolg taugte und viel Zeit in Anspruch nehmen würde.

Ein Riesenprojekt mit umfangreichen Recherchen, alles ausgesprochen reizvoll. Erfolg über Nacht war schon deshalb nicht möglich, weil mich dieser Auftrag fast um den ganzen Globus führen würde. Wir saßen stundenlang beim ›Käfer‹ zusammen und je mehr mein neuer Auftraggeber erzählte, umso heißer wurde ich darauf, den Fall anzunehmen, und ich war auch sicher, ihn lösen zu können.

Nur so viel: Es würde sich um ein spezielles Glas handeln. Ich hatte vor diesem Gespräch noch nie davon gehört …

Mehr kann und darf ich zurzeit noch nicht preisgeben.

Ich denke schon, dass der Mann, der mich unbedingt sprechen wollte, wusste, was er tat, und einen der Besten der Branche für den Job ausgesucht hatte.

So viel Selbstbewusstsein muss sein.

Meine Position, die ich einst beim LKA hatte, zahlte sich inzwischen doch aus.

Als wir uns trennten, war der Handschlagdeal perfekt. Der Mann bot mir ein sehr gutes Honorar und üppige Spesen, die mir völlig freie Hand lassen würden.

Auf beiden Seiten gut gelaunt, verabschiedeten wir uns voneinander.

Danach bummelte ich noch durch die Stadt. Verglich Kapstadt mit München und stellte fest, dass man Städte nicht miteinander vergleichen sollte, dass Capetown viel aufregender ist als meine Heimatstadt und dass ich dennoch aus meinem geliebten Minga nicht wegwollte.

Dass mich ein anderer Fall vor dem Mammutprojekt, das ich per Handschlagdeal gerade zugesagt hatte, dermaßen aufwühlen und uns alle fast an den Rand des Wahnsinns treiben würde, damit konnte ich wirklich nicht rechnen.

Das Timing des total durchgeknallten Mörders war mal wieder perfekt.

Ich hatte nur einen einzigen Tag zur Lösung des Rätsels und selbst wenn es mir gelingen sollte, würden dennoch viele Menschen sterben müssen …

Eigentlich war ich ja ‚nur‘ zum Heiraten nach München gekommen.

Meine Anna!

Ich will nicht vorgreifen, aber das ging irgendwie in die Hose.

Wäre ich doch lieber in Kapstadt geblieben …

Aber ich liebe außer Anna nur München und meinen Job!

Und Fanny.

Um ehrlich und gerecht zu bleiben.

Denn:

DIE GERECHTIGKEIT IST UNSTERBLICH.

(Buch der Weisheit 1,15 – um 50 v. Christus)

Der ‚Doktor‘:

12:34 Uhr. Nicht mal zum Frühstück komme ich. Ich glaube, ich schmeiße mein Handy in den Pool. Katastrophe. Die Leute lassen mich einfach nicht in Ruhe. Ständig wird in München gemordet, geraubt, geklaut, geprellt, gefickt, gelogen, ge …

Geht‘s noch?

Und mich rufen sie dann an, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Irgendeinen Scheiß fabriziert haben, aus dem sie nicht mehr rauskommen. Oder was erlebt haben, was ihnen die Hutschnur zerlegt.

Neulich sitze ich im Café, am Nebentisch zwei Top-Tussis, aufgetakelt wie ein Fünfmaster kurz vor ‘ner Sturmwarnung, sagt die eine zu der anderen: „In München gibt es so viele neidische und bösartige Frauen. Die gönnen dir nicht mal das Schwarze unten den Fingernägeln, obwohl sie selbst so viel Geld haben, dass sie dich damit zusch … könnten – na du weißt schon, ich möchte ja nicht vulgär sein –, aber noch mehr Probleme, als Kohle haben …“

O. K., dachte mich mir.

Genau davon lebe ich.

Und nicht mal schlecht.

Der ‚Doktor‘ hat einen guten Ruf. In Kreisen, die um ihren guten Ruf besorgt sind.

Das iPhone. Es lärmt noch immer. Mein Klingelton? „Zero Days“ von PRONG. Hart, härter.

Ein Killersong.

Anna Fischer, meine Noch-immer-Freundin-und-bald-Ehefrau (JA!!), hatte mir die Nummer vor ein paar Wochen in Kapstadt draufgespielt. Findet crossover trash zurzeit „abgeschädelt“. Wollte mich wohl, ach was weiß ich …

»Ja?«

»Sie sind der Doktor, stimmt’s?«

Frauenstimme.

Als ob ich es geahnt hätte. Schrill wie ein Dampfkessel kurz vor dem Zerplatzen. Nervös, die Dame.

Blöde Frage. Sie hat meine Nummer. Die hat nicht jeder. Ich bin nicht auf Facebook oder Twitter, habe keine Website, hänge in München auch keine Plakate mit meiner Visage und der Handynummer auf. Instagram ist für mich eine neue Kaffeesorte. Trotzdem kennt Madame Schrillpfeife meine Nummer. Derjenige, der sie ihr gegeben hat, weiß doch genau, wer ich bin!

O. K.

Der Dampfkessel schrillt noch schriller weiter:

»Mein Mann, ja, der ist, eh, der war ein Arschloch! Ein riesiges!«

Klingt fein, die Ansprache. Was will die Schrille von mir?

»Der ist tot! Einfach so. Sagt der Rudi, der ihn mit ins DEKADENT geschleppt hat. Sie kennen den besten Privatclub Münchens, ja? Und mein Ecki …«

Ich verstehe nur Bahnhof.

»Halt! Stopp! Jetzt mal von vorne, gute Frau, bitte! «

»Der Anruf von Rudi kam vor genau drei Minuten. Er sagte, dass ‚das Spiel‘ jetzt beginne. Auf die Sekunde. Und er faselte was von Vierhundertsechzigtausend oder so. Und noch einer Toten. Und er gab mir Ihre Nummer, Doktor!«

»Noch mal, bitte. Wer sind Sie?«

Ich schaue zur Uhr, rechne zurück und schreibe mir automatisch die Zahl auf, die die Anruferin genannt hatte – 12:37. Der Ermittler in mir. Alles könnte wichtig sein. Das habe ich noch nicht abgelegt, aber es hat in meinem Job Vorteile, wenn man präzise arbeiten kann. Aber heute, ausgerechnet heute! Da geht bei mir gar nichts. Keine Zeit. Anruf annehmen, ja. Aber ansonsten: Anna, Fanny und ich haben nachher noch etwas Einmaliges, Besonderes vor uns …

»Ach so, ja, ich bin Gitti Mörsmann. Die Frau, eh, Ex-Frau, nein, falsch, die Witwe von Ecki Mörsmann.«

Schluchzen, das sich anhörte, als ob ein halbes Dutzend New-Yorker-Bullenkarren im nächtlichen Volleinsatz die Fifth Avenue Richtung Downtown rasen, um einen schießwütigen Junkie auf Speed einzufangen.

Mein iPhone machte schlapp …

Hussein-Hiob Hiebler:

12:37 Uhr. Der bullige Typ transpiriert. Ob es sein überflüssiges Bauchfett ist, dass ihm die Schweißperlen auf die Stirn treibt, die auf der Tastatur seines geöffneten Laptops staubumhüllte Regentropfen hinterlassen, ist eher zu verneinen. Schwerer Atem füllt den Raum. Die braunen, stechenden Augen starren gebannt auf den Bildschirm; flinke, ja zarte, lange Finger, die viel eher zu einer jungen Frau passen würden, huschen über die Tasten und verwischen den salzigen Regen – die Tastatur hätte mehr Pflege verdient –, der noch immer aus seinen schwarzen Haaren tropft.

Hussein-Hiob Hiebler hatte soeben den virtuellen und doch echten Startschuss zu seinem perfiden Spiel gegeben.

Auf die Sekunde genau.

‚Sie‘, alle die, die er zu dem Spiel eingeladen hatte, würde der Zeitdruck in den Wahnsinn treiben. Vorausgesetzt, sie kapierten das tödliche Spiel.

Allerdings würde der involvierte Personenkreis vermutlich erst zu spät erfahren, in welcher Gefahr er sich befand …

Figurella:

12:39 Uhr. Sie hätte jetzt Philosophie gehabt. Bei ihrem Lieblingslehrer. Verrückt: Für genau 12:39 Uhr hatte sie geplant, heftige Magenkrämpfe vorzutäuschen, um den Unterricht vorzeitig verlassen zu dürfen. Dr. Möller würde ihr das nicht abschlagen. Sie war für 12:45 Uhr mit ihrer Freundin Lyssie verabredet und brauchte vom Wilhelmsgymnasium exakt sechs Minuten bis zum ›Zepp‹, ihrem Lieblingscafé. Figurella, wenige Wochen vor ihrem sechzehnten Geburtstag, müsste Lyssie dringend berichten, wie es gestern im DEKADENT war. Beim nächsten Mal würde sie Lyssie, ebenfalls noch fünfzehn, mitnehmen, so viel stand fest. Wochenlang hatten die beiden Freundinnen überlegt, wie sie es anstellen könnten, in Münchens neuen Hotspot zu kommen. Es gab kein anderes Thema in ihrer Clique, seit der geheimnisvolle, streng geheime Club der Superreichen Münchens eröffnet wurde. Der Zufall hatte ihr vor acht Tagen das Glück direkt vor die Füße gespült.

Besser gesagt, ein Ecki Mörsmann war ihr vor die Füße gefallen. Die Mädchen lachten sich kaputt, als der Typ, einen Pappbecher mit Coffee to go in der Hand, ins ›Zepp‹ stolperte und mit seinem Gesicht straight auf den silbernen Kennel & Schmenger-Sneakers von Figurella landete, dabei mit dem Rest des Inhaltes des Pappbechers nicht nur die Sohlen vom Straßenschmutz abspülte.

»Die sind schon geputzt, Chef«, pflaumte sie den Hinfaller des Tages an, und grinste den gutaussehenden Mann mit dem vielsagenden Blick einer Möchtegern-Prostituierten aufreizend an. Der Typ rappelte sich auf, suchte seine Armani-Sonnenbrille und erkannte, dass an den silbernen Sneakers ein ausgesprochen attraktives Objekt mit goldenen Schnürsenkeln und blaugrünen Ringelsöckchen, knackigem Po, herrlich festen Titten und goldbraunem, lockigem Haar festgebunden war. Die braucht noch keine Medikamente, stellte er in Sekundenschnelle fest und auch, dass er den Kaffee im Café ohnehin nicht mehr brauchen und die Kleine gerne mit seiner Nudel beglücken würde.

Ungefragt setzte er sich zu den fröhlichen Girls – und schon lachten sie zu dritt über sein Missgeschick.

»Ecki«, stellte sich der Mann vor. Teuer gekleidet wie die Mädchen; er hätte locker zumindest ihr Vater, wenn nicht mehr sein können.

»Sorry, ich bin zum ersten Mal hier. Ich bin mit einem Kunden verabredet, aber wie ich sehe, ist der noch nicht da.«

»Macht nichts. Wir nehmen noch einen mit Latte, Ecki, nicht wahr, Lyssie?!«

Sie zeigte mit den Augen auf ihre Freundin.

»Ich bin übrigens Figurella.«

»Und ich Ecki Mörsmann. Patentinhaber. Ich mache in Pharmazie, wenn ihr versteht, was ich meine.«

Stolz, um nicht zu sagen großkotzig, prahlte der Ecki rum. Kohle schien er zu haben.

Die Mädchen warfen sich vielsagende Blicke zu.

»Das klingt abgefahren, dekadent! Patente!«, flötete Figurella den aus ihrer Sicht alten Mann an.

»Aha. Interessant. Wie kommst du auf „dekadent“?

Ecki fühlte sich ertappt:

Geheimclub. Nur für uns Reiche! Ging leider trotzdem durch die Klatschpresse. Weiß sie was? Aber die Kleine ist hot, very hot!

Anmachen, vollsülzen, protzen. Aushorchen.

Bla, bla bla.

Zwei Stunden später – der Kunde war vergessen, oder hatte Ecki vergessen – landete Figurella mit Ecki im Bett. Um die Ecke, nahe der Maximilianstraße, in einem kleinen Touristenhotel, das nicht den frischesten Eindruck machte. Es stank überall nach Reinigungsmitteln und in der ‚Suite‘ nach muffiger Bettwäsche. Das interessierte „Vater und Tochter“ nicht.

Der Kroate mit der goldgefassten Mütze an der Desk nickte verständnisvoll und ein wenig eifersüchtig, als er dem ungleichen Paar den Schlüssel für Zimmer 7 im Austausch gegen einen Fünfhunderter aushändigte. Gerne hätte er der jetzt folgenden Nummer beigewohnt. Denn: Als erfahrener Portier wusste er, was da gleich abgehen würde. Leider konnte er seinen Arbeitsplatz nicht verlassen und eine Kamera war auf dem Zimmer auch nicht installiert …

Als das ungleiche Pärchen eine Stunde später die Absteige wieder verließ, lief vor der Goldmütze ein Porno ab.

Figurella strahlte zwischen schüchtern und ich-will-mehr und dem erschöpften Pharmatypen namens Ecki stand auf der Stirn geschrieben:

Wenn meine Frau doch auch so geil wäre oder lieber doch nicht …

Figurella hatte ihr Ziel erreicht. Ein einziges Wort hatte ihren Schädel durcheinandergewirbelt:

Dekadent.

Zufall oder Schicksal?

Herr Eckehart Mörsmann war gerade Mitglied im geheimsten der geheimen Clubs in München geworden und ganz heiß darauf, sie dorthin mitzunehmen. Der One-Night-(Nachmittags)-Stand hatte sich für Figurella gelohnt.

Sie verabredeten sich für den heutigen Abend.

Spannend.

Geheimclub der Reichen.

Ecki würde sie um 23:00 Uhr bei ihrer Freundin Lyssie abholen; ihrer Mutter würde sie gesagt haben, dass sie bei Lyssie übernachten werde. Sie müssten noch gemeinsam für die Philosophie-Klausur lernen …

Leider kam alles ganz anders. Um 12:39 Uhr des auf den Abend im DEKADENT folgenden Tages, an dem sie den Philosophieunterricht verlassen wollte, also genau jetzt, fast auf die Sekunde, waren Figurella – wie auch Ecki – bereits seit gut zehn Stunden tot. Zeitgleich hatte es sie beide dahingerafft.

Für immer.

Um 01:34 Uhr.

Im DEKADENT.

Wie, warum und durch wen klärten gerade die Beamten der noch in der Nacht sofort und unverzüglich gebildeten Sonderkommission des LKA.

Sehr diskret.

Der Einsatzleiter hatte einen Anruf von ‚ganz oben‘ bekommen.

Mysteriös waren die Tötungsdelikte allemal.

Beamte des LKA, Figurella und Ecki:

12:41 Uhr und zwei Sekunden. Zufall oder nicht. Der Demi-Chef de Cuisine des Clubs läutete zum Essen. Der Clubchef hatte es sich nicht nehmen lassen, für die Leute des LKA einen Lunch zu kredenzen, der den ‚armen Hunden‘ von der Polizei zeigen sollte, wo der wahre Reichtum der Upperclass beginnt: Sautierte Jakobsmuscheln an Apfel, Curry-Kürbis an Endiviensalat, Bretonischer Hummer an frischen Steinpilzen, Pak Choi an Lauchpüree, Gratiniertes Carré vom Lammrücken an breiten Bohnen, Artischocken und Auberginen-Couscous, Mohnsoufflé mit eingemachten Kirschen an Vanille-Krokant-Eis.

Eine Glocke ertönte, die besser zum Big Ben gepasst hätte, als in den mit mittelalterlichen Wandgemälden überfrachteten Raum, in dem der Tisch – natürlich in Gold – eingedeckt war. Die Damen und Herren der SOKO, inklusive der Spezialisten der SpuSi, wussten nun nicht nur, wo der ach so geheime Geheimclub der Schickeria war, sondern auch, wie schwülstig und dekadent er eingerichtet war, und wie die es dort krachen ließen. Schon anhand der Bilder, die durch die Presse gegangen waren, bevor das DEKADENT eröffnet wurde, konnte man sich ausmalen, dass die fensterlosen Räumlichkeiten in einem Kellergewölbe eines alten Gebäudes der Stadt untergebracht waren. Edel, ja, aber total kitschig gestaltet.

Interessant allerdings der Ort.

Damit hatten sie nicht gerechnet.

Die Lage, das Gebäude – eine Sensation!

Was Franz-Josef wohl dazu gesagt hätte!, ging es dem Leiter der SOKO durch den Kopf, als er in der Nacht mit seinem erst Minuten vorher in Hochgeschwindigkeit auf Anweisung von ganz oben – also dem zuständigen Innenministerium – zusammengestellten Team von der Michaelstraße kommend in die Von-der-Tann-Straße einbog und dann vor dem prunkvollen Gebäude auf der rechten Seite seinen Dienst-BMW parkte.

Aber der hatte ja auch seine Geheimnisse gehabt.

Franz-Xaver Bleiling, Kriminalrat und nur noch sehr selten im Außeneinsatz, lächelte süffisant in sich hinein …

Protz hoch drei. Und überall Gold, Gold, Gold. Blattgold, versteht sich. Sooo viel Geld wollte man nun auch nicht investieren. Wert? Protz hoch zwei.

Höchstens.

Nachdem der Chef der SOKO das Festessen für sich und seine Kollegen abgenickt hatte, schlugen alle vierzehn Damen und Herren des LKA zu und träumten vielleicht hier und da auch davon, wie schön es doch wäre, wenn man zwanzig Millionen auf dem Konto hätte. Das sollte, so hieß es, die untere Schmerzgrenze an Vermögen sein, die zum Eintritt in den exklusiven Club berechtigen würde. Vom jährlichen Mitgliedsbeitrag von 100.000 Dollar – warum Dollar, wussten sicher nur die Erfinder des Betrugsladens! – mal abgesehen. So viel Kleingeld kann man schon mal für ein paar nette Clubabende ausgeben, oder?!

Wieder einmal war das Sachgebiet SG 203, Forensische DNA-Analytik – Blut, Speichel, Sperma, Gewebe verschiedener Herkunft, Hautschuppen und Haare – besonders gefragt, denn sie hatten es mit einer ungewöhnlichen Tötungsart zu tun.

Das ungleiche Pärchen, das sie im DEKADENT zu untersuchen hatten, saß noch immer unverändert auf den goldenen Stühlen, nachdem die anderen Clubmitglieder während des vorzüglichen Dinners der letzten Nacht bemerkt hatten, dass Eckehart, genannt ‚Ecki‘, Mörsmann und seine sehr junge, weibliche Begleitung sich nicht mehr bewegten.

Wie versteinert.

Wenn da nicht …

Mit weit aufgerissenen Augen und angstverzerrten Gesichtern hatten die anderen zehn Clubmitglieder fluchtartig den Tisch und das Gewölbe ›Tiberius Sempronius Gracchus‹ geräuschlos verlassen. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können.

Angst, Angst, Angst!

Und: Diskretion war angesagt.

Man war schließlich im DEKADENT und etwas Besonderes.

Münchens Elite.

Amen. Also wegen der ‚Elite‘ …

Aber der Schrecken über den Anblick des ungleichen Pärchens überwog; ein Bild wie dieses hatte keiner der Herren vorher gesehen. Es hätte eines der mystisch/grausamen Bilder von Hieronymus Bosch sein können.

Der Herr Mörsmann und seine Begleitung wirkten wie vom Blitz getroffen, versteinert. Einerseits. Andererseits merkwürdig lasch und fahl. Ein Widerspruch in sich, dem der Chef-Forensiker nur ein ungläubiges Lächeln entgegensetzen konnte.

Bei dem verdammt jungen Mädchen hatten sich auf der linken Seite ihres schönen Kopfes die Haare gelöst. Was war das? Trug sie eine Perücke? Hatte sie eine Chemotherapie erhalten?

Kahl die linke Seite.

Auf der eigentlich stofffreien Schulter – sie trug eine weit ausgeschnittene Seidenbluse ihrer Mutter in Royalblau – lange, braune Haare. Wie ausgerissen. Aber ihr Nachbar des Dinners, ein ziemlich verkrampft und nervös wirkender Privatbankier, hatte weder an ihr gerissen, noch sie in irgendeiner Weise sittlich oder unsittlich berührt.

Wie kam das?

Haare, überall Haare und eine Halbglatze.

Innerhalb von Minuten.

Und aus ihrer Nase tropfte Blut.

Noch immer …

Ihr Gegenüber, der in der Münchener Gesellschaft eigentlich völlig unbekannte Eckehart Mörsmann, mit dem gleichen Phänomen: sein Hinterkopf kahl. Wie frisch rasiert. Seine fahlblonden Haare in Büscheln verteilt auf dem schwarzen Sakko. Auf der Sitzfläche des mit goldenem Brokat bezogenen Sessels, auf dem der Tote saß, war blutiger, hellroter Kot zu sehen, der inzwischen den Boden des edlen Gemaches ›Tiberius Sempronius Gracchus‹ erreicht hatte.

Stinkend.

Ein Anblick, den die Flüchtenden nicht vergessen würden.

Ebenso leise und unauffällig verließen die anderen 88 Mitglieder den Club. Allein im Festsaal ›Romulus‹ hatten die 66 Gründungsmitglieder des DEKADENT gefeiert. Die acht Clubmitglieder, die sich alle schon von einer internationalen politischen Verbindung her kannten und befreundet zu sein schienen, und die im ›Caligula‹ schon einige Flaschen Absinth über den Durst getrunken hatten, waren hart im Nehmen. Sie wollten in ihrem Suff unbedingt einen Blick auf das gespenstische Pärchen im ›Tiberius Sempronius Gracchus‹ werfen, bevor sie schwankend den Ort des Geschehens verließen. Die ‚Freunde‘ gehörten definitiv zur Hardcore-Abteilung des DEKADENT und hatten nach dem Schockerlebnis ihren Abgang besonderer Art.

Niemand wollte letztlich mit dem merkwürdigen Gruselereignis in Verbindung gebracht werden.

Es wurde gesimst, dass die Handys glühten.

Anwälte schmissen ihre Geliebten oder Ehefrauen aus den Betten. Sie fingen zu rotieren an und wussten dennoch nicht, wo sie ansetzen sollten und wofür die Aufregung eigentlich gut sein sollte, außer für ihr eigenes Bankkonto.

Zwei Tote! Im DEKADENT!

Schrecklich!

Heuchelei pur.

Sie dachten alle nur an ihr Honorar, das in Fällen wie diesen besonders hoch ausfallen würde.

In den Stunden seit dem Eintreffen der SOKO waren sich die Spezialisten einig, dass sie es mit dem ungewöhnlichsten Fall zu tun hatten, der ihnen in ihrer Laufbahn untergekommen war.

Der Toxikologe der SpuSi stand regungslos vor den beiden sitzenden Leichen. Er schüttelte mehrfach seinen Kopf.

»Ich bin ratlos, Chef, völlig ratlos! Ich habe schon viele Tatorte gesehen, aber einen wie diesen …«

»Könnte es sein«, fragte Kriminalrat Franz-Xaver Bleiling den Toxikologen, »dass wir es hier mit den Folgen einer Radioaktivität zu tun haben? Mir fällt da gerade der Fall des russischen Spions Litwinenko ein, der vor etlichen Jahren in London einem Anschlag mit radioaktivem Material zum Opfer fiel. Wir hatten seinerzeit dazu mehrere Weiterbildungen. Haarausfall, Diarrhö, Blutungen und so sind da an der Tagesordnung.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, aber die Möglichkeit sofort wieder verworfen. Wir leben in Deutschland, in München! Sind in einem obskuren Nachtklub der Neureichen und Angeber. Wer sollte hier mit atomaren Materialien arbeiten können?! Da kommt keiner ran. Und überhaupt: warum, wofür? Töten kann man auch anders. Das macht alles keinen Sinn. Aber wann sind Morde schon sinnvoll … Nein, Xaver, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, obwohl die Symptome passen könnten. Bei dem Russen war es Polonium, 210Po. Je nachdem, wie viel man von dem Zeug verabreicht, liegen die Halbwertzeiten in etwa zwischen 3·10−7 Sekunden für 212Po bis zu 103 Jahren für das künstlich hergestellte 209Po, wenn dir das was sagt!«

»Das heißt was?«

»Wie lange man auf so einen Tod warten muss, wenn man das Zeug verabreicht bekommt? Es hängt natürlich von der Menge ab. Und von der Art und Weise, wie das Polonium in den Körper gelangt. Vorausgesetzt, wir haben es hier überhaupt mit Polonium zu tun. Das kann der Doc erst feststellen, wenn er die beiden Leichen auf dem Tisch hat. Wenn Polonium-210 in den Körper gelangt – entweder über das Essen, über Getränke oder durch Einatmen –, kann das wahnsinnig schnell gehen. Dann entfaltet die Strahlung je nach Menge oft blitzartig ihre zerstörerische Wirkung. Zwar wird ein großer Teil des aufgenommenen Poloniums direkt wieder ausgeschieden, doch über den Blutstrom erreicht der Rest verschiedene Gewebe und Organe. Dort hat die Alphastrahlung eine so große Energie, dass sie Zellstrukturen geradezu in Sekundenschnelle zertrümmern kann. Das muss hier geschehen sein. Immer vorausgesetzt, wir haben es mit Polonium zu tun. Ist ja nur eine Vermutung. Einfach crazy, verdammt noch mal …«

»Du machst mir Angst, Toxi!«, erwiderte Kriminalrat Franz-Xaver Bleiling vom LKA. Er nahm den mit „Toxi“ angesprochenen Kollegen am Arm und sagte:

»Komm, lass uns was essen gehen. Könnte ja sein, dass das nicht vergiftet ist …«

Daniel Richter und Sepp Huberbauer:

12:43 Uhr. Der Monolog von Gitti Mörsmann hatte um 12:42 Uhr geendet. Fanny schaute mich an und ich ahnte, was er sagen wollte.

Die Alte hat dich genervt, stimmt’s?

»Klar, mein Alter!«, antwortete ich ungefragt meinem Tosa Inu und streichelte ihm über seinen dicken Dickschädel. Die achtundachtzig – oder waren es schon fünfundneunzig? – Kilogramm Lebendgewicht – er hatte in Südafrika wirklich zugelegt! – drehten sich zur Seite. Fanny irrte sich so gut wie nie.

Er war zufrieden und bestand weiterhin auf seinen Mittagsschlaf.

Ich wählte unverzüglich eine Nummer in der Ettstraße; es war 12:44 Uhr. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass bei diesem Fall der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle spielen sollte, aber ich wusste nicht, welchen:

»Sepp, kennst du einen Club namens DEKADENT?«, fiel ich mit meinem Anruf Hauptkommissar Huberbauer vom Morddezernat München 1 vermutlich direkt in seinen Mittagsschlaf.

»Natürlich, du Ignorant!«, brummelte Sepp in den Hörer.

»Da scheint es einen Doppelmord gegeben zu haben. Bist du nicht eigentlich dafür zuständig?«

Jetzt war Hauptkommissar Huberbauer hellwach.

»Was sagst du da? Einen Doppelmord? Im DEKADENT? Wann denn? Gerade eben? Warum weiß ich nichts davon?«

Ich hatte ihn.

Er log mich nicht an. Der clevere Graukopf, ein ruhiger Typ und mich irgendwie an Colombo aus der alten US-TV-Serie erinnernd, wusste wirklich nichts. Aber warum? Hatte mich die Mörsmann, die mich in einer Stunde im Café Luitpold treffen wollte, veralbert? Gab es gar keinen Mord?

»Sepp, ich bin in zehn Minuten bei dir.«

Rascheln. Grummelgrummel.

Aufgelegt.

Huberbauer war stinkig und würde sofort in die Vollen gehen. Ich weckte Fanny und schon waren wir unterwegs in Richtung Ettstraße. Anna hatte mir ein ätzend orangefarbenes Fahrrad mit der Bemerkung geschenkt: »Damit ihr nicht verfettet« – und meinte tatsächlich Fanny und mich.

Frechheit!

Als wir das Büro des Hauptkommissars betraten, hing Sepp mit hochrotem Kopf noch immer am Telefon. Dann knallte er den Hörer auf.

Wie bei mir.

Diesmal ohne ‚Grummelgrummel‘.

»Irgend so eine Pfeife aus der Staatskanzlei hat doch tatsächlich den Bleiling vom LKA letzte Nacht aus dem Schlaf geholt, eine SOKO bilden lassen und in den dämlichen Club geschickt. An mir vorbei! Kannst du das glauben? An mir vorbei! Bin ich denn schon in Pension oder wie?! Zwei Tote. Blutjunges Mädchen und ein reicher Armleuchter. Da läuft was, was mir gar nicht gefällt. LKA! Und noch viel weniger, dass du, Doktor, schon wieder mehr weißt als ich, und deine Finger im Spiel zu haben scheinst!«

Stille.

Nicht ganz, denn die Klimaanlage machte ätzende Geräusche.

Huberbauer war angepisst.

Hussein-Hiob Hiebler:

12:45 Uhr. Hussein-Hiob Hiebler transpirierte noch immer und das würde sich in den nächsten 85541 Sekunden auch nicht ändern. Innerhalb dieser gerade begonnenen 85541 Sekunden würde seine Wahrsagung, die er insgesamt an 108 (+ 2) (+ 1) – also 111 – Personen per SMS mit einem sekundengenauen Versprechen verschickt hatte, in Erfüllung gegangen sein.

Für jeden Einzelnen. In exakt berechneten Abständen, so, dass man die Atomuhr in Brüssel danach stellen könnte.

Sogar an sich selbst hatte er eine Kopie der SMS geschickt („+1“). Der guten Ordnung halber, um die Kraft der Zahl 111 nicht zu zerstören. Allerdings hatte er für sich die Message, die er soeben an die anderen 108 Männer geschickt hatte, von negativ in positiv gewandelt.

Zwei weitere Personen waren von der Weissagung ausgeschlossen. Die hatten ihre Message direkt zum Zeitpunkt der Erfüllung erhalten und waren schon einem Exempel zum Opfer gefallen.

Ein herrlicher Anblick, den er leider nur für Augenblicke genossen hatte!

Und, was nur er wusste: Morgen um diese Zeit wäre bereits alles vorbei! Auf die Sekunde …

111 Mitglieder hatte der Club der Reichen und Neureichen, DEKADENT.

Eine Powerzahl.

Hussein-Hiob Hiebler hatte die Gründungsväter der ach so geheimen neuen Supervereinigung Münchens reichster Männer geschickt dazu überreden können.

111 – keine Person mehr, keine weniger.

Manipulation war eine seiner Stärken.

Und als er vom Initiator des DEKADENT-Clubs auf die Möglichkeit einer Mitgliedschaft angesprochen wurde – ‚man‘ hatte sein Vermögen geprüft und mit aktuell 217 Millionen Euro für ausreichend befunden –, hatte HHH, wie er in der Branche der auffällig Reichen nicht ohne Bewunderung genannt wurde, sofort an eine okkulte Zahl gedacht, die es einzubringen gelte …

HHH – er wusste, dass ihn seine Kommilitonen mit Nicknamen HaHaHa nannten, ihm war ÄitschÄitschÄitsch, natürlich Englisch ausgesprochen, schließlich leben wir in Deutschland, dem Land der Anglisten, viel lieber, das machte was her! Hussein-Hiob Hiebler galt in der Schickeria der bayerischen Hauptstadt als ein kleines, einsvierundachtzig großes Genie. Ein Emporkömmling, dem man in Kreisen des meist neureichen Geldadels eine gewisse Hochachtung zollte.

Der 32-jährige Hussein-Hiob hatte es tatsächlich geschafft: Sein Vater, Hussein III., Ägypter und vor 33 Jahren als knapp Neunzehnjähriger aus Alexandria nach Deutschland gekommen, arbeitete noch immer am Fließband bei BMW. Den Job bekam er, kaum dass er ein paar Tage in München war. Schon am zweiten Arbeitstag, als er für seinen ersten Hilfsarbeiterposten eingearbeitet wurde, stand plötzlich neben ihm ein Mädchen, in das er sich auf Anhieb verguckte. Liebe auf den ersten Blick oder die Angst vor der Einsamkeit? Er ließ den Schraubenschlüssel fallen und starrte nur noch die Schönheit an, nicht die Hinterachse des 3er BMWs. Das Mädchen, das völlig unerwartet vor ihm stand, brachte ihm einen Fragebogen von der Personalabteilung vorbei, den er ausfüllen sollte. Hussein sprach zwar fließend Französisch, da er in Alexandria auf eine französischsprachige Schule gegangen war und auch recht gut Englisch. Mit dem Deutschen tat er sich mehr als schwer, obwohl er vor seiner Flucht die Sprache des Landes seiner Träume gepaukt hatte.

Leah, so hieß die Kleine mit den langen pechschwarzen Haaren, war Lehrling. Gerade mal 15 Jahre. Sie wollte Sekretärin werden. Auch sie eine Immigrantin, aus Kiew, das zu der Zeit, als ihre Eltern mit ihr nach Deutschland kamen, noch zu Russland gehörte. Hussein lächelte sie an und bat um Hilfe. Sie verabredeten sich nach der Arbeit, um den Fragebogen gemeinsam auszufüllen. Hussein nahm Leah mit auf seine Bude im Olympiapark – da hatte BMW ein paar Zimmer angemietet, die sie neuen Mitarbeitern für die Zeit zur Verfügung stellten, bis sie eine Wohnung gefunden hatten – und fiel sofort über sie her. Frauen und Islam, da verstehen junge Männer oft etwas falsch. Aber Hussein junior hatte Glück. Leah war selig – endlich wurde sie entjungfert und zur richtigen Frau. Auch sie war scharf wie Nachbars Lumpi. Ihre Freundinnen in der Berufsschule, die meist älter waren, erzählten von nichts anderem als vom ‚Bumsen‘ und wie schön das wäre und gebrauchten diesen Begriff immer, wenn sie Leah anmachten, es doch endlich auch mal zu versuchen.

Seit diesem Tag, es waren fast 33 Jahre vergangen, waren Leah und Hussein ein Paar. Sie hatten noch während ihrer Schwangerschaft geheiratet. Denn: Gleich beim ersten Mal hatte es geklappt – Leah, selbst noch ein Kind, erwartete ein Kind. Ganz zur großen Freude ihrer Eltern …! Eine Minderjährige …! Zuerst wurde nach jüdischer Zeremonie geheiratet, dann muslimisch. Alles lief harmonisch ab, Leahs Eltern waren zwar nicht happy, aber extrem tolerant und akzeptierten das junge Paar.

Beide, Hussein und Leah, arbeiteten noch immer bei BMW, liebten ihre Jobs – Hussein als Fließbandarbeiter und Leah als Sekretärin – und lehnten das Angebot ihres einzigen Kindes ab, von ihm, Hussein-Hiob, ausgehalten zu werden. Das war unter ihrer Würde. Ja, sie waren stolz auf ihren Sohn, aber gleichzeitig war es ihnen nicht geheuer, wie man als junger Mann schon so viel Geld auf ehrliche Art und Weise machen konnte. Sie malochten lieber und verdienten ihr Geld mit richtiger, anständiger Arbeit.

Hussein-Hiob ging das völlig am Arsch vorbei.

Er hatte in all den Jahren seiner Kindheit und noch während des Studiums damit zu kämpfen, dass man ihn akzeptierte. Seine Hautfarbe war für einen deutschen Mann zu dunkel; die braunen, stechenden Augen zu schräg, zu asiatisch und zu direkt, die Hände zu ‚weibisch‘, wie man es ungalant in Bayern nannte, nur weil sie zart, lang und schmal waren. Die einen empfanden seinen durchdringenden Blick, für den er gar nichts konnte, als aufdringlich. Stechend-widerlich die anderen.

Hussein-Hiob hatte einen großen Hass auf seine Eltern, darauf, dass sie ihn gezeugt hatten. Prahlen konnte man ohnehin mit ihnen nicht und schließlich waren die schuld, dass er so aussah, wie er aussah. Warum mussten die ein Kind kriegen! Vögeln, ja. Das machte er selber ausgiebig und so gut wie täglich. Er benutzte die Frauen, egal wie schön, jung oder alt sie waren. Er war sich bewusst, dass sie letztlich seine Millionen vögelten, nicht ihn. Eine war anders. Sie liebte ihn, sagte sie immer. Aber das war HHH egal. Er bemerkte es nicht mal. Das Gesülze war ihm lästig. Um so einen Scheiß konnte er sich nicht kümmern.

Liebe.

Während des Studiums des Mathematical Engineerings an der Uni der Bundeswehr gab es nur wenig Frauen. Die schauten durch ihn durch. Beachteten ihn nicht. Sie hatten schnell mitbekommen, dass der Hussein-Hiob ein weinerlicher, wahnsinnig aggressiver Typ war. Lief irgendetwas, und sei es die kleinste Kleinigkeit, nicht nach seiner Vorstellung, seinem Willen ab, wurde er jähzornig. Extrem jähzornig und sah dann aus wie ein zerplatzender, knallroter Luftballon. Dazu sein Gang. Der war einfach nur lächerlich. HaHaHa lief wie ein frisch aufgezogener, mechanisch und recht plump arbeitender Roboter der ersten Versuchsreihen, die nach siebzehn mühseligen Schritten bei der kleinsten Unebenheit umfielen.

Eckig, kantig, klobig, unbeholfen, unmusisch.

Das törnte die wenigen Studentinnen der Uni ab.

Wenn der sich auch so beim Ficken anstellt – na denn Prost Mahlzeit. Da kannste nur flüchten! – das war die einhellige Meinung der Damenwelt.

Aber es sprach sich ebenso schnell rum, dass ‚HaHaHa, der Aufgezogene‘, was in der Birne hatte. Ein Rechengenie. In dieser Hinsicht kam in München-Neubiberg Bewunderung auf. Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, von verschämtem Gekicher begleitet, denn Neid gehört zum Leben.

Zahlen hatten es ihm angetan.

Alles, was es an Literatur zu Zahlen und ihrer Bedeutung gab, hatte er schon während der Zeit auf dem Gymnasium verschlungen. Er ließ nicht locker, sich auf diesem Gebiet weiterzubilden. So war ihm die kosmische Bedeutung der Zahl 1 bestens bekannt.

Dynamik und Kraft.

Das steht für die 1. Und die 11 ist gewissermaßen der Gegenpol. Ying und Yang. Diese Zahl erfordert hohe Aufmerksamkeit. Sie kann Kräfte ins Positive wie ins Negative umwandeln. Anders ist es mit der 111. Sie ist mit ungemeiner Power geladen. Wenn man die kosmische Zahl richtig nutzt, ist man der King des Universums. Zumindest aber Münchens.

Also stand für ihn fest, dass es nicht mehr und nicht weniger als 111 Mitglieder im geheimen Club der Reichen Münchens geben dürfte.

Damit sie, die Mitglieder, über ungebremste Macht verfügen würden. Die er an der Spitze des DEKADENT zu übernehmen gedachte …

Ob das seinen Club-Brüdern im DEKADENT bewusst war, interessierte ihn nicht.

Manipulation.

Darum ging es ihm.

9/11.

Er hatte die Zahlen des Ereignisses in New York genauestens studiert.

Die Basis war letztlich die 11. Was hatte sie für Unheil angerichtet!

Das begeisterte den zahlenperversen Herrn Hiebler.

Gott spielen.

Die Kabbala nutzen.

HHH war total einseitig gebildet. Alles in seinem Leben übersetzte er in Zahlen, handelte nach ihnen. So, wie die Schöpfung es vorbestimmt hatte. Es war kein Zufall, dass es im Saal ›Romulus‹ 66 Plätze gab, im Raum ›Tiberius‹ 12 Plätze, die die Gegenspieler zu den zwölf Aposteln darstellen sollten, von denen zwei teuflisch besetzt waren, ein weiteres Zimmer, ›Caesar‹, 13 Sessel hatte.

13 – im deutschen Volksmund keine Glückszahl. In anderen Regionen schon. Die Thora Gottes erwähnt 13 Attribute der Gnade. Im Sikhismus wird die Gründung der Khalsa am 13. April gefeiert. Im Hinduismus wird 13 Tage nach einem Todesfall ein Festschmaus (Tehranvi) organisiert, um dem Verstorbenen ewigen Frieden zu geben. Die Colgate Universität, USA, hält die Zahl 13 für eine Glückszahl, weil die Universität von 13 Männern mit 13 Dollar, 13 Gebeten und 13 Berichten gegründet wurde. Die Universität befindet sich auf dem Oak Drive Nummer 13. Für die Mitglieder der Universität ist alles, was mit der 13 zusammenhängt, ein gutes Omen. Auch in Italien hält man die 13 für eine Glückszahl.

Für Hiebler waren es die zwölf Apostel: Simon Petrus, Andreas, Jacobus der Sohn des Zebedäus, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus, Jakobus der Sohn Alphäus, Thaddäus, Simon und Judas. Ein weiterer Sessel war für ein geheimnisvolles Wesen reserviert. Man munkelte, der 13. Platz in der Runde wäre für Gott – oder Satan, je nach Auslegung von Ying/Yang.

Dann gab es noch den seiner Meinung nach am schönsten gestalteten Raum des Kellergewölbes, ›Augustus‹. Der hatte 22 Plätze.

Die 22 ist eine Meisterzahl, eine Schwingungszahl, die höchste und mächtigste Zahl und sehr selten.

Davon träumte HHH.

Er wollte der Meister sein. Konnte sich aber nicht entscheiden, denn eigentlich gefiel ihm der kleinste Raum in seiner Bedeutung auch.

Ambivalent, ja: ›Caligula‹, mit nur 6 Stühlen!

Die Zahl 6 repräsentiert das Gleichgewicht, die Vollkommenheit.

Aber die Deutung stand im Widerspruch zu seinem Namen, Caligula. Die antiken Quellen – und HHH hatte alles über den Herrscher gelesen, dessen er habhaft werden konnte – beschrieben Caligula praktisch einhellig als wahnsinnigen Gewaltherrscher mit zahlreichen Skandalgeschichten. Der Kaiser war wie kaum eine zweite Herrscherpersönlichkeit der Antike zum Gegenstand belletristischer und populärwissenschaftlicher Bearbeitungen geworden. Einige Beiträge der jüngeren Forschung diskutieren allerdings alternative Ansichten und gelangen so zu einer differenzierteren Darstellung. Eben ambivalent. Das gefiel dem Psychopathen Hussein-Hiob und er fand sich irgendwie auf die Neuzeit gespiegelt.

HHH wollte auf Nummer Sicher gehen. Alles berücksichtigen.

Der Gründer des Clubs folgte Hieblers suggestiver Manipulation und fand die Idee einfach nur riesig! Dass er sich durch den hatte manipulieren lassen, begriff er nicht. In seinem Kopf gab es nur eines: Geld. Er glaubte, er sei so gut wie Milliardär, stand eigentlich aber kurz vor der Pleite. Luftschlösser. Hussein-Hiob war drauf und dran, dem Typen alles wegzunehmen. Dank seiner Kenntnisse über die Macht der Zahlen.

Das Leben war für ihn ein Zauberwürfel.

Der ‚Magische Kubus‘.

Denken wir uns auf dem Würfel mit seinen sechs Seiten je sechs Zahlenreihen senkrecht und waagerecht mit fortlaufenden Ziffern von oben links bis unten rechts, so kommen wir bis zur Zahl 36. Addieren wir dann die Ziffern einer Diagonale, so erhalten wir stets 111. Power ohne Ende! Sechs Seiten bedeuten also 6 x 111 = 666!

HHH ging die Offenbarung des Johannes, Kapitel 13, Vers 18 durch den Kopf, als er sein spezielles Spiel mit den Clubmitgliedern begann. Auch die religiöse Verschleierung der Kraft der Zahlen war HHH bekannt. Letztlich war die Mystifizierung eines Zahlenspiels von immenser Bedeutung.

Das alles wollte sich der Manipulator zunutze machen. Für ihn stand fest, dass er der reichste Mann Münchens werden würde …

Daniel Richter und Sepp Huberbauer:

13:05 Uhr. Schweigend waren Hauptkommissar Huberbauer und Daniel Richter zum Marienplatz gelaufen und setzten sich auf die Terrasse vom ›Café Richard‹ mit Blick auf den Viktualienmarkt. Fanny war beleidigt hinter ihnen hergelaufen, denn niemand hatte sich um ihn gekümmert, ja, sie hätten sogar vergessen ihn mitzunehmen, als sie das Dienstzimmer vom Huberbauer Sepp in der Ettstraße verließen, wenn Fanny sich nicht lautstark bemerkbar gemacht hätte …

Die frisch restaurierte Kirche gegenüber schlug zur vollen Stunde an. Zu spät. Eine Minute! Von wegen restauriert. Aber selbst das bemerkten die sehr verschieden gestrickten Männer nicht. Sie waren in Gedanken.

»Bist du zum gleichen Ergebnis gekommen wie ich?«, fragte Huberbauer.

»Wie soll ich wissen, was in deinem Kopf vor sich geht!«

»Ich wundere mich, was da beim Polizeipräsidenten abgeht. Zwischen wem die Drähte heißlaufen und warum das LKA eingeschaltet wurde. Gleich nachdem die Meldung irgendwo platziert worden war! Nachts! Bevor du kamst, habe ich mal rumtelefoniert. Da läuft definitiv was falsch. Mein Chef, der Oberleitner, sagte mir: „Ja, bitte, kümmern Sie sich auch darum. Übrigens – ich habe Ihnen nichts gesagt, Ihnen keinen Auftrag dazu gegeben. Sie müssen die Ermittlungen auf Ihre eigene Kappe nehmen, Huberbauer, da Sie die Meldung über zwei Tote im DEKADENT auf Ihrem Tisch vorfanden. Haben wir uns verstanden? Rufen Sie aber nicht beim LKA an. Gehen Sie einfach in den Club, haben Sie die Adresse?“ Ich sagte „nein“. Da gibt er sie mir und ich falle fast vom Stuhl!«

»Machst mich neugierig. Sag an, Sepp, wo ist der ominöse, geheimnisvolle Club?«

Huberbauer zieht einen Zettel aus der Tasche, den Rest eines ehemaligen stattlichen Bleistifts von Faber-Castell, kritzelt etwas drauf und schiebt mir den Zettel rüber.

Wow!

Das ist der Hammer!

»Sepp, wo sind wir da reingeraten?!«

»Keine Idee. Noch nicht.

So: Was weißt du, Doktor, sag an?«

»Noch stehe ich auch auf dem Schlauch. Mich rief eine Frau an, Gitti Mörsmann, die von irgendjemand meine Handynummer bekommen hat. Sie sagte mir, dass ihr Alter umgekommen sei. Im DEKADENT. Letzte Nacht. Und eine blutjunge Frau, die ihm gegenüber gesessen hätte. Sie redete von Mord. Sie war völlig von der Rolle und murmelte auch was von einer Zahl. Die scheint eine Bedeutung zu haben. Ein Kumpel ihres ermordeten Mannes, ein gewisser Rudi, rief sie an und gab ihr eine Zahl durch mit der Bemerkung, dass „das Spiel jetzt beginnt. Auf die Sekunde“. Ich hielt die Zeit fest, zu der angeblich „das Spiel“ beginnen soll, weil die eine Bedeutung zu haben scheint. Zur Zahl, die sie nannte, kann ich noch nichts sagen, weil die Frau durch den Wind war. Ein schriller, klirrender Teekessel. Check du mal, wer die Mörsmanns sind. Ich treffe mich mit ihr gleich im ›Luitpold‹, aber das sagte ich schon. Besser: Willst du mitkommen? Ich stelle dich als meinen Assistenten vor. Vier Ohren sehen mehr als zwei, oder so ähnlich. Und wir haben Fanny. Was meinst du?«

»Ist nicht nach Vorschrift, aber wenn es hilft? Mich haben die vom LKA auch verarscht und einfach übergangen. Dann lass uns aufbrechen, wir wollen sie nicht warten lassen, falls die Frau pünktlich ist. Wie erkennst du sie?«

»Gar nicht. Sie muss mich erkennen. Vermutlich hat sie ein Foto von mir. Alles mysteriös.«

Huberbauer telefonierte schon mit der Ettstraße. Während ich meinen Cappuccino austrank, versuchte, mit der beleidigten Leberwurst, dem überfetteten Kampfhund Fanny, in einen sinnvollen Dialog einzutreten, kam schon die Antwort.

Nun wussten wir wenigstens, wer der Tote war und wer die Gitti Mörsmann und auch, dass ihr Mann, der Pharmatyp, mit einem minderjährigen Mädchen namens Figurella Estavilla in dem Club gewesen war und angeblich noch immer dort sitzt. Das stand in einem Protokoll, das fälschlicherweise – oder doch nicht?! – in Kopie an die Ettstraße gegangen war, obwohl es an das LKA gerichtet war. Ein Bote hatte es mit der Bemerkung abgegeben: „Für Hauptkommissar Huberbauer.“

Der Fall wurde immer undurchsichtiger, obwohl wir mit der Recherche noch gar nicht richtig begonnen hatten.

Der Mörsmann war tot wie seine nächtliche Begleiterin. Um die brauchten wir uns jetzt erst mal nicht mehr zu kümmern. Auch der Tatort war von meinen Ex-Kollegen des LKA abgegrast. Während wir auf dem Weg zum Treffpunkt waren, bekam Huberbauer einen Anruf. Vom LKA … Die hatten irgendwie Wind davon bekommen, dass der Huberbauer angefressen war. Der Leiter der SOKO, Kriminalrat Bleiling, war höchstpersönlich dran:

»Huberbauer. Ich habe die Information bekommen, dass Sie ein gewisser Daniel Richter angerufen hat. Sie wissen, dass der mal in unserem Verein war. Halten Sie sich da raus und glauben Sie dem Doktor kein Wort. Verstanden? Das ist eine Weisung, verstehen Sie mich richtig, Huberbauer!«

Zack.

Gespräch beendet, bevor der Sepp etwas erwidern konnte.

»Sag mal, was ist jetzt los? Weißt du, wer das eben war? Bleiling. Von deinem Ex-Verein. Ich solle mich aus dem „Fall“ raushalten. Er sagte nicht, welcher und ging davon aus, dass ich es wüsste. Er gab mir die Weisung, dir nichts zu glauben. Was soll ich dir nicht glauben, Ex-LKA-Bulle? Ich traue dem nicht. Der kann mir keine Weisung geben! Was für ein Trottel!«

Huberbauer war verwirrt.

»Ein echter Sesselpupser. Den mochte ich nie. Wo haben Sie den denn wieder aus der Schublade gezogen. Mittelmäßiger – Betonung auf mäßig – Karrierist. Eigentlich zuständig für Bandenbildung und illegale Vereinigungen …«

Alles wurde noch mysteriöser. Es musste also einen Maulwurf geben, der Interna von der Ettstraße an das LKA weitergab. Es konnte nur der Chef vom Huberbauer sein, oder? Mir war es egal.

»Zahlen!«

Fanny hatte sich einigermaßen beruhigt. Ich hatte ihm eine Bratwurst mit Sauerkraut spendiert. Um ihn zu ärgern. Natürlich hatte er das Sauerkraut ignoriert, die Wurst mit einem einzigen Biss und einem lauten Schmatzer verächtlich runtergeschlungen. Kaum im Magen, rülpste er lautstark, wartete auf die Reaktion der anderen Gäste auf der Terrasse und schaute mich in einer Mischung aus Vorwurf und Grinsen an.

Wir verstanden uns.

Er wartete auf seine Aufgabe, denn er vermutete, dass es auch für ihn wieder was zu erledigen gäbe. Irgendwie rührend. Ich sagte ihm, dass ich ihm in diesem Fall nicht viel zutraue, dass er außerdem viel zu fett sei und schon sprang er auf, um zu beweisen, dass er fit sei und hellwach. Dass er aus Versehen mit seiner kräftigen Rute – viele sagen fälschlich Schwanz dazu und denken, eine Rute gehört nur zum Weihnachtsmann – dabei wieder mal drei Tische in der Umgebung abräumte, natürlich die, an denen auf den ersten Blick auch für ihn erkennbar Touristen saßen, die er von Hause aus nicht leiden konnte, da sie München mit ihrer Anwesenheit zumüllten, wie er glaubte, war seiner – absolut nicht vorhandenen – Überfettung und der dadurch angeblich entstandenen Unbeweglichkeit zuzuschreiben.

Ich fand‘s prima.

War ja nicht mein Hund …

Dr. med. Christian Fischer und Emanuel Kracht:

13:08 Uhr. Dr. med. Christian Fischer rief aufgeregt und verwirrt in der Ettstraße an:

»Bitte verbinden Sie mich mit einem Beamten, der für ungewöhnliche Tötungsdelikte zuständig ist. Ich bin Dr. Fischer, der Hausarzt von Emanuel Kracht, dem Fabrikanten. Ich wurde von seiner Haushälterin gerufen …«

»Halt, Doktor Fischer. Erzählen Sie das nicht mir. Ich verbinde Sie gleich. Bitte warten Sie einen Augenblick. Bleiben Sie in der Leitung.«

Der Beamte in der Zentrale versuchte den Leiter von Mord 1, Hauptkommissar Huberbauer, zu erreichen. „Der ist zur Mittagspause“, hieß es von der jungen Anwärterin, die im Vorzimmer des Sepp Huberbauer saß.

»Bitte bleiben Sie noch in der Leitung, Doktor Fischer. Einen Moment bitte …«

Der Hauptwachtmeister war an ungewöhnliche Anrufe gewöhnt. Immer wieder meldeten sich Spinner. Gehörte der Anrufer dazu?

»Kannst du das übernehmen, Waldemar? Hier ist ein Arzt, ein Doktor Fischer, der einen Toten melden will. Was wir damit zu tun haben, kann ich dir nicht sagen.«

»Okay, verbinde mich.«

»Kommissar Obermeier für Sie, Herr Doktor.«

»Danke. Na endlich!«

»Obermeier.«

»Schön, dass Sie mich nicht länger warten lassen, Herr Kommissar!«

Noch immer schien der Arzt völlig aufgelöst. Aber Obermeier kannte das. Er war zwar erst ein Jahr in der Abteilung Mord 1, doch es war immer das gleiche Lied: Wenn sie ein Tötungsdelikt gemeldet bekamen, waren die Anrufenden meist völlig neben der Kappe.

»Was gibt es denn?«, sagte Obermeier freundlich und mit bewusst ruhiger Stimme.

»So etwas haben Sie noch nicht gesehen. Kommen Sie bitte sofort, Herr Kommissar. In die Hubertusstraße. Mein Patient, Emanuel Kracht, vielleicht kennen Sie seinen Namen, der Fabrikant – er stellt Windkrafträder her –, ist tot. Das wäre nicht völlig unnormal, denn er ist schon zweiundsechzig und hatte immer zu hohen Blutdruck, arbeitete viel zu viel und ist auch übergewichtig, aber die Art seines Todes und wie er hier liegt. Nein, das müssen Sie sehen, Herr Kommissar!«

»Wer hat Sie gerufen, Doktor Fischer?«

»Die Haushälterin. Sie ist ohnmächtig geworden und ich muss mich auch um sie kümmern, Sie verstehen?«

»Jetzt sagen Sie mir die Hausnummer, bitte, und bleiben Sie vor Ort. Wie auch die Haushälterin. Ich schicke Ihnen sofort ein Team rüber. Hubertusstraße, sagten Sie?«

»Hundertzweiundfünfzig. Ein großes Anwesen. Gelb. Nicht zu verfehlen.«

»Danke, Doktor.«

Der junge Kommissar Waldemar Obermeier war aufgeregt. Sein erster Fall, in dem er alleine agieren musste. Hauptkommissar Huberbauer war außer Haus. Sein Handy ausgeschaltet. Der anrufende Arzt hatte es eilig gemacht und schien selbst sehr erschrocken zu sein. Es war Mittagszeit und Obermeier brauchte gut zehn Minuten, um das Team zusammenzubekommen. Bis zur Hubertusstraße waren es noch mal gut zehn Minuten. Rund dreißig Minuten nach dem Anruf trafen sie in Nymphenburg ein. Den Toten würde die halbe Stunde nicht stören. Tot ist tot.

Obermeier wurde aschfahl. So etwas hatte er in seiner jungen Laufbahn noch nicht gesehen. Der Tote war am Schreibtisch zusammengesackt. Das war nichts Ungewöhnliches. Bei Schlaganfällen oder Herzversagen, Infarkten und ähnlichen Todesursachen sitzen die Betroffenen meist an Schreibtischen. Workaholics, die es bei der Arbeit dahinrafft. Das hatten sie oft genug im Hörsaal auf Fotos gesehen. Aber der hier? Überall lagen Haare rum. Der Schreibtisch war übersät mit grauen Haaren. Das Fenster stand offen, der Wind hatte sein Übriges getan. Der Kopf kahl. Wie glattrasiert. Blut floss aus der Nase, bedeckte große Teile des Schreibtischs, der Mund weit offen, die Zunge hing raus, als ob der Tote das Blut wieder auflecken wollte – ein ekliger Anblick. Obermeier überlegte in dem Moment, ob der Beruf des Kriminalbeamten in der Abteilung Mord der richtige Job für ihn sei.

Ich sollte zur Sitte wechseln. Da sehe ich höchstens überreife Prostituierte, die es verlernt haben, sich über ihren erniedrigenden Job zu schämen.

Sein Team begann mit der Routinearbeit. Auch sie waren geflasht. Tote dieser Art sieht man nicht alle Tage. Keine Schusswunde, keine Anzeichen, dass der Tote Tabletten geschluckt und Suizid begangen hätte. Ein gespenstischer Anblick für alle Anwesenden.

Haare und Glatze, Blut und die Zunge. Die Hautfarbe!

Ein Rätsel.

Der Hausarzt stand bleich daneben. Die Haushälterin hatte er gerade wieder zum Leben erweckt. Sie zitterte am ganzen Körper.

»Ich kam, um Herrn Kracht Mittagessen zu machen. Dann rief ich ihn, wie sonst immer: „Essen, Herr Kracht“, bekam aber keine Antwort. Sie müssen wissen, er hat Diabetes und ich muss ihm immer eine spezielle Diät zubereiten. Ich rief noch mal „Essen, Herr Kracht!“ Nichts. Sonst brüllt er immer gleich zurück: „Ja doch, seien Sie nicht so ungeduldig!“ Dann weiß ich, er hat gute Laune. Bei schlechter Laune murmelt er irgendwas in sich hinein. Seit sich seine Frau von ihm getrennt hat, ist er meist guter Laune. Komisch, die Männer.«

Sie wischt sich automatisch und völlig überflüssig die Hände an der weißen Schürze ab, denn es gab nichts abzuwischen und beginnt erneut zu heulen. Sirenenartig. Laut. Hoch, tief, hoch, tief.

»Na ja. Und dann bin ich in sein Arbeitszimmer. Da saß er wie jetzt noch immer. Ich habe sofort den Herrn Doktor angerufen. Der kam dann auch gleich. Und dann weiß ich nichts mehr. Ich muss wohl umgekippt sein.«

Es sprudelte nur so aus ihr heraus und Kommissar Obermeier nickte verständnisvoll, obwohl er nichts verstand.

Ruben Mussorgskovich:

13:11 Uhr. Vor nunmehr genau 41 Minuten hatte Ruben Mussorgskovich eine SMS von Hussein-Hiob Hiebler erhalten, die nur aus einer Zahl bestand: …86401… und einem in Anführungszeichen sowie mit drei Ausrufungszeichen gesetzten: „HaHaHa!!!“. Somit gab es für ihn keinen Zweifel, dass die SMS von seinem Gegenüber des letzten Abends stammte.

Der durchtrainierte Extrem-Radfahrer, Ruben …

Ihm ging einer ab, wenn er sich bis zur völligen Erschöpfung quälte. Ruben, eine schwierige Persönlichkeit, 33 Jahre jung, 70 Kilogramm schwer und 1,70 Meter groß mit einer hohen Denkerstirn, dachte seit dieser Sekunde. Er saß in seiner Penthousewohnung in Harlaching, blickte auf den kleinen Bach, der sich Fluss nannte, die Isar, und dachte.

Er dachte einfach. Denken war sein zweites Ich.

Henry Ford sagte einmal, dass das die schwierigste Arbeit überhaupt sei. Denken.

Mussorgskovich war sich zu 200 Prozent sicher, dass die Zahl 86401 ein Code war, den er knacken sollte. Das war sein Auftrag. Darauf würde er jede Wette abschließen und auch auf dem Gebiet war er unschlagbar. Fast.

Wenn da neben der Zockerei nicht noch so manch dunkle Seite wäre.

Darknet im Kop …!

Was für ein fieser, fetter, dummer Sack! ‚HaHaHa!‘ Glaubt, besser zu sein als ich.

Mussorgskovich schüttelte sich. Er fing zu frösteln an. Wie immer, wenn er in geistigem Stress war, zog sich seine Haut zusammen. Am ganzen Körper. Dann sah er aus, wie ein schlecht rasierter Kaktus mit Ganzkörperdreitagebart. Gleichzeitig machte ihn der Gedanke, das Rätsel zu knacken, richtig wepsig. Er wollte, nein, er musste seine Überlegenheit beweisen.

86401.

Sein Hobby waren die Primzahlen. Er wusste aus der Studienzeit, dass sich HHH auch damit beschäftigte. Ein Kampf zwischen zwei Nerds?

Ausgehend von der Annahme, dass es nur endlich viele Primzahlen gibt, lässt sich eine weitere Zahl konstruieren, die eine bisher nicht bekannte Primzahl als Teiler hat oder selbst eine Primzahl ist, was einen Widerspruch zur Annahme darstellt. Somit kann eine endliche Menge niemals alle Primzahlen enthalten, also gibt es unendlich viele. Heute kennt man eine ganze Reihe von Beweisen für den Satz von Euklid.

Die 86401 passte da nicht hin.

Das machte Ruben zu schaffen. Was wollte HaHaHa ihm sagen!?

Rubens Eltern hatten längst mit dem Sohn gebrochen, wie auch seine drei Geschwister. Ruben war das jüngste der vier Kinder, gleichzeitig derjenige, der völlig aus der Art geschlagen war. Sein Vater, gebürtiger Kirgise, ausübender Physiotherapeut, hatte zwar ein Faible für Übersinnliches, wie auch seine Mutter, eine eigentlich sehr bodenständige Bayerin, die dem Vater die Praxis führte und Heilpraktikerin war, aber ihren Jüngsten verstanden sie nicht. In ihren Augen war er krank. Geltungssüchtig, spielsüchtig – schon als Kind. Er daddelte immer nur mit Computerspielen und war seinen Geschwistern, wie den Mitschülern, egal welchen Alters, darin haushoch überlegen.

Ein Einzelgänger. Braune Haare im Streetstyle à la Jerome Boateng, mit seinen 33 Jahren schon graue Schläfen, Vollbart. Leuchtend blaue Augen, die die Frauen verrückt machten. Ein Blick – sie fielen um und lagen schon auf den Knien und bettelten, von ihm genommen zu werden. Längst hatte er das ultimative System gefunden, um jeden Roulettetisch zu knacken. Aber da war noch ein Geheimnis, das er nie und nimmer preisgeben würde. Dass er auf Fesselspiele stand, pervers veranlagt war und sich durch Münchens Schönheiten vögelte, mit der Kohle nur so um sich schmiss – angeblich alles beim Glücksspiel verdientes Geld –, war nur die Oberfläche. Das Sichtbare an Ruben Mussorgskovich. Das war, so meinten es seine Eltern und Geschwister, schon genug und einfach nur widerwärtig. Mit einem Protz wie ihm wollten sie nichts mehr zu tun haben. Ruben war das völlig gleichgültig. Eigentlich viel schlimmer: Er machte sich über seine Familie lustig. Für ihn waren das alles Versager.

Sein Handy klingelte.

Eine Seltenheit.

Er, Ruben der Große, rief an!

Wenn es unbedingt nötig sein sollte.

Nicht andere ihn.

Ruben war ein einsames Raubtier. Eigentlich völlig ohne Freunde.

Der Anruf kam von einem seiner neuen Bekannten aus dem DEKADENT-Club. Fuzzy Müllkorn. Einer, der mit Devisengeschäften reich geworden war. Der saß bei der Eröffnungsparty neben ihm. Sie tauschten Visitenkarten aus und Ruben befand, dass der Mann ihm gute Dienste erweisen könnte. Auf seiner – goldgeränderten – Karte stand nur sein Name. Wenn Mussorgskovich gnädig war, schrieb er auf die Rückseite seine Handynummer. So wie bei Müllkorn. Denn er wollte was von dem. Ruben hatte viel Geld, um es über den Fuzzy bei irgendwelchen Fonds anzulegen. Rendite gleichgültig. Andere würden sagen, um es zu waschen, aber das hatte der Mussorgskovich nicht nötig.

Mir kann keiner was!

Seine Haltung.

Arroganz war sein zweiter Vorname.

In der Beziehung hätte er der Zwillingsbruder von Hiebler sein können.

Und auch sonst …

»Haben Sie schon gehört? Der Kracht ist tot. Den hat es auf ganz merkwürdige Weise dahingerafft. Gerade hat mich sein Hausarzt angerufen, mit dem ich seit Jahren zum Segeln gehe. Wir haben eine Yacht in Nizza und ein kleines Boot auf dem Starnberger See, wenn Sie wissen, was ich sagen will. Fürchterlich. Also der Tote. Der soll so ausgesehen haben, wie das Pärchen, das tot im ›Tiberius‹ saß. Haare verloren, Glatze. Am Schreibtisch hat er gesessen. Wie nach einem Infarkt. War es aber nicht. Und mein Segelfreund weiß, wovon er redet!«

»Kracht? Sagt mir nichts. Kenne ich nicht.«

Eiskalt und abweisend.

»Haben Sie heute eigentlich auch eine ominöse SMS erhalten. Ich erhielt nur drei Zahlenfolgen, mit denen ich partout nichts anfangen kann! Kein Absender, nichts!«

Der Anrufer war nervös, fahrig, und ratterte mit heiserer Stimme drauflos wie ein altes, rostiges Maschinengewehr aus dem Ersten Weltkrieg.

»Nein«, log Ruben Fuzzy an. Wozu sollte er ihm sagen, dass er von seinem langjährigen Lieblingsfeind eine SMS erhalten hatte, allerdings mit nur einer Zahlenreihe, mit Absender, den er kannte …

»Was haben Sie denn für Zahlen bekommen, Fuzzy, ich darf doch Fuzzy zu Ihnen sagen?«

»Klar, Ruben, du warst mir sofort sympathisch«, log Fuzzy Ruben die Hucke voll. Schließlich wollte auch er mit dem Angeber Geschäfte machen und ihn ausnehmen.

»O.K., gerne, bleiben wir beim „du“, Fuzzy.«

»In meiner SMS stand 800 - 34 - 86401. Ich dachte, es sei eine Telefonnummer. Habe alles ausprobiert. Noch Nullen on top eingegeben. Vorne, hinten, Mitte, na Sie, eh, du, weißt schon, was ich meine. Egal, was ich auch machte, nichts! Muss was anderes sein. Hast du eine Idee? Man sagt, du seist in Zahlen ein Genie. Wenn du verstehst, was ich meine, Ruben?«

»Nein, sorry, Fuzzy. Beim besten Willen nicht. Noch nie gehört. Ich kenne die Nummer auch nicht. Wenn es denn ein Telefonanschluss sein sollte. Die Zahlen sagen mir gar nichts. Ja, es könnte irgendwo auf der Welt eine Firma oder so sein. Vergiss es einfach. Da will dich jemand verarschen oder hat an eine falsche Nummer eine SMS geschickt. Das passiert doch.«

»Das hätte ich auch gedacht, wenn da nicht seit letzter Nacht drei von uns tot wären. Erschreckt dich das nicht, Ruben?«

Ruben dachte.

Natürlich hatte er sich sofort die Zahlen aufgeschrieben und erschrak schon während des Schreibens. 86401 war Bestandteil der SMS … Und er dachte schneller als ein Computer. Es machte sofort ‚klick‘ und er fragte:

»Schau doch mal, wann die SMS bei dir eingegangen ist, ja?«

»Moment … 12 Uhr 30.«

Ruben verglich die Zeit mit seinem Handy: Treffer. 12:30. Auch bei Fuzzy Müllkorn.

»Mhm, nee. Keine Ahnung. Hätte ja sein können, dass da irgendwas, ach, vergiss es. War blöd von mir. Schade, Fuzzy, ich hätte dir gerne geholfen. Ich rufe dich an, wenn ich eine Superidee habe. Wollte mit dir sowieso mal sprechen wegen einer guten Anlage. Ich habe da ein paar Mittel frei. Vielleicht kommen wir ins Geschäft. Du sollst dafür der Beste sein, sagte man gestern im Club.«

Fuzzy Müllkorn fühlte sich gebauchpinselt. Er ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass auch er in weniger als zwölf Stunden den immer währenden Zyklus des Seins, Samsara, aus anderer Sichtweise betrachten sollte und das DEKADENT nie wieder betreten würde.

Schade eigentlich.

Ihm hatte der Club super gefallen. Doch selbst den Gedanken konnte er nicht denken, als er zu Ruben sagte:

»Machen wir gerne. Morgen hätte ich nachmittags Zeit. Ruf einfach an, wenn du kannst. Dann treffen wir uns, ja? Danke dir, Ruben. Und – behalte bitte die Information zum Tod von dem Kracht für dich. Ich möchte meinen Arzt nicht in Verlegenheit bringen. Es wird spätestens übermorgen eh in der Zeitung stehen, aber im Moment …«

Chantal Alsberg:

13:12 Uhr. Sie versuchte schon zum dritten Mal, Ruben zu erreichen. Erst ging er nicht ans Handy, dann war die Mailbox dran, auf die sie aber nichts sprechen wollte. Das war ihr zu unpersönlich. Dann war besetzt. Eigentlich wollte sie sich nur erkundigen, wie der Abend in dem neuen Superclub Münchens gewesen war. Ruben hatte sie gestern nicht mitgenommen, weil angeblich nur Männer willkommen gewesen seien. Chantal war traurig und eifersüchtig in einem. Sie vermutete, dass ihr Liebster mit einer anderen Frau hingegangen war. Sie ahnte auch schon, wer das gewesen sein könnte. Durfte sie ihm sagen, dass sie wieder einmal die ganze Nacht durchgeheult hatte? War er sich eigentlich bewusst, wie sehr sie ihn liebte?

Ja, sie war vor mehr als zwei Jahren auf seine wunderschönen blauen Augen reingefallen.

Ja, sie war in der Beziehung blöd. Außenstehende sehen immer mehr als der/die Betroffenen selbst.

Ja, sie hätte auf ihre einzige beste Freundin, Minou Walter, hören sollen.

Aber jetzt war es längst zu spät. Chantal war dem Kotzbrocken – so sahen ihn die anderen, normalen Menschen in München, die mit ihm zu tun hatten – völlig verfallen. Ihm ausgeliefert.

Seit sie sich beim Robbie-Williams-Konzert, zu dem sie mit ihrer besten Freundin Minou gegangen war, im Olympiastadion kennengelernt hatten, war sie zu einem Strich in der Landschaft abgemagert. Nein: Chantal Alsberg war noch immer eine Schönheit, der man hinterherschaute, ob Mann oder Frau. Das allein war es nicht. Eigentlich hatte sie Modelqualitäten. Aber sie war leider nur 1,66 groß. Zu klein für ein Top-Model. Und mit aktuell 47 Kilogramm definitiv zu dünn. Nein, nicht für ein Model. Aber sie war ja, leider, keines. Das fiel den Betrachtern der Schönheit nicht auf, da die Proportionen an ihr einfach super stimmten. Hals, Busen, Taille, Hintern – alles perfekt! Natürlich trug sie immer High Heels, um ihre zu kurz geratenen Beine optisch zu verlängern. Männer liefen der schüchternen Blondine reihenweise hinterher. Ihr goldblondes, langes, welliges Haar betörte die Typen und ließ die Frauenwelt eifersüchtig oder bewundernd zurück.

Das alles bemerkte Chantal nicht.

Es war nach dem Konzert, das sie schlicht langweilig fand, nichts passiert. Ruben und sie hatten sich in der Pause des Konzertes ganz gut unterhalten; sie faszinierte sein Blick, diese starken, blauen Augen … Er bot an, die jungen Frauen nach Hause zu bringen, was sie ablehnten. Sie waren mit der U-Bahn gekommen und wollten auch so wieder nach Hause fahren. Schweigend und Hand in Hand ging sie mit ihrer Busenfreundin Minou die letzten Meter von der Station Lehel zu ihrer Wohnung. Minou wohnte direkt gegenüber. Noch ein Bussi, die Freundinnen schauten sich in die Augen.

»Sag nichts. Du hast dich in den Typen verknallt.«

»Sieht man mir das an?«, fragte Chantal damals naiv und überrascht ihre liebste Freundin und hätte mit ihrer Gesichtsfarbe einen ganzen Feuerwehrzug rot anstreichen können.

Drei Tage später stand Ruben Mussorgskovich bei ihr in der Boutique in der Perusastraße. Sie bekam weiche Knie und brachte kein Wort heraus. Ruben sagte zu ihr:

»Ich möchte für meine Freundin ein paar Klamotten kaufen. Sie hat in etwa deine Figur und Größe. Such doch mal was Schönes raus.«

Jetzt war Chantal in ihrem Element. Zum einen konnte sie sich hinter ihrer Nervosität verstecken, zum anderen lag es ihr, Mode zu beurteilen und außerdem war sie doch ein bisschen erleichtert, dass der Blauäugige schon vergeben war. Die Boutique war das Flaggschiff der Familie. Die hatte, als Chantal mit gerade mal 24 Jahren die Geschäfte von ihrer Großmutter übernahm, es Chantal überlassen, was sie mit den anderen fünf Modeboutiquen, die ebenfalls noch der Oma in München gehörten, machen wollte. Chantal verkaufte sie.

Jetzt war sie 29 Jahre jung und Besitzerin des vielleicht am besten florierenden Modetempels der Stadt. Sie hatte ein Händchen für den Einkauf noch ziemlich unbekannter Edelmarken, die auf dem Weg nach ganz oben waren. Die Society Münchens kaufte bei ihr:

¡CHANTAL!

Das war ein Must-have.

Ihre Eltern hatten kein Interesse an Mode. Der Vater war Beamter im Verkehrsministerium, ihre Mutter Hausfrau und Chefin eines wohltätigen Vereins und damit völlig ausgelastet.

Nachdem Ruben sich alle möglichen Klamotten hatte zeigen lassen und die Ladentheke übervoll war, sagte er nur:

»Pack das alles mal ein.«

»Alles?«

»Alles!«

Schmiss ihr mit einer lässigen, um nicht zu sagen total unangenehmen Geste – die sie nicht bemerkte, so sehr schlug ihr Herz – seine schwarze AMEX hin und Chantal packte und packte.

»Wo soll ich das hinbringen lassen?«, fragte sie, während er in dem weichen Ledersessel saß und ihr beim Einpacken der circa vierzig Teile zuschaute. Mit seinem arroganten und ziemlich widerlichen, geilen Blick. Er hatte sie in Gedanken schon hart von hinten genommen, wenn sie wieder um den Tresen kam und ihm, völlig ins Packen vertieft, ihren wohlgeformten Hintern entgegenstreckte, bevor sie ihm dann regelmäßig ihr reizendes, naives Lächeln geschenkt hatte, das er völlig anders und falsch deutete.

»Ich weiß ja nicht, wo du wohnst. Du hast mir nur gesagt, dass du in der Nähe der Praterinsel eine Wohnung hast.«

Chantal war völlig von den Socken. Sieben große Tüten voll mit herrlichen Klamotten. Sie schaute ihn mit ihren großen, leuchtenden grünen Augen an, als ob er direkt vom Mars gekommen wäre.

Auf so bezaubernde Weise hatte sie noch nie ein Mann angemacht.

Mein Gott, ist der sensibel, hat der Stil und Charakter! – ging es ihr durch den Kopf und ahnte damals nicht, wie falsch sie mit ihrer Einschätzung lag …

Seit dieser Zeit hatten sie ein On-Off-Verhältnis, das eigentlich nur daraus bestand, dass er sie von Zeit zu Zeit zu sich bestellte, sie durchvögelte, sie währenddessen mit Alkohol abfüllte, um sie für seine perversen Sexspiele noch gefügiger zu machen und nach seiner Art zu entwürdigen, um sie dann anschließend wieder wegzuschicken. Auch konnte sie seine sexuellen Vorlieben überhaupt nicht teilen. Sie hatte gehofft, den sensiblen, feinfühligen Mann, den sie sich in ihrer Boutique erträumt hatte und der er wahrlich nicht war, irgendwann doch wiederzuerkennen.

Fehlanzeige.

Um ihn nicht völlig zu verlieren, gab sie sich ihm hin, machte, was er verlangte, aber jedes Mal, wenn sie nach ein paar Stunden des ekligen Rammelns in ihren Mini stieg und nach Hause fuhr, heulte sie sich die Augen aus. Nicht selten hätte sie fast einen Unfall verursacht, so war sie von der Rolle, schämte sich, hatte Schmerzen in fast allen Öffnungen, die ein Mensch so hat. Er benutzte Sexspielzeug, von dem sie noch nicht einmal ansatzweise etwas gehört, geschweige denn diese gesehen und erst recht nicht benutzt hatte und das eigentlich auch nie gewollt hätte. Sie glaubte und hoffte noch immer, dass Ruben sich ändern würde, dass er sie doch auf seine Weise liebte und aus ihnen ein glückliches Paar mit romantischer Hochzeit mit weißer Kutsche, vielen Kindern und so werden könnte. Chantal traute sich nicht einmal, mit Minou über seine abartigen Sexpraktiken zu sprechen, denn sie kannte deren Einstellung zu Ruben. Ja – sie fühlte sich benutzt und musste sich das eingestehen. Dennoch kam sie von Ruben nicht los. Ganz zum Leidwesen ihrer Freundin, die mit ihr litt und sah, wie es mit Chantal abwärts ging.

Nach dem vierten vergeblichen Anlauf heute ihren Liebsten – Chantals Sicht – zu erreichen, gab sie auf …

Der ‚Doktor‘, Huberbauer und Frau Mörsmann:

13:22 Uhr. Hauptkommissar Huberbauer und ich erreichten das ›Café Luitpold‹. Fanny war schon ein paar Meter vorgelaufen und blieb im Palmengarten vor einer zierlichen Frau stehen. Er legte seinen riesigen Kopf auf ihre Oberschenkel und schaute sie zwischen grimmig und vertraut an. So, als wolle er sagen, „ich tue dir nichts, du solltest es aber auch nicht darauf anlegen, es lohnt sich nicht – und schon gar nicht abhauen!“ Und dann den Kopf zu mir gewandt: „Ich habe sie.“

Fanny hatte ein untrügliches Gespür dafür, die richtige Person zu finden. Das hatte er in der Vergangenheit schon öfter bewiesen. Huberbauer erlebte das zum ersten Mal und war verblüfft.

»Wie kann dein Riesenviech wissen, wer die Mörsmann ist?«, zischte er mir zu, während die unscheinbare Frau zwar aufstehen wollte, aber durch gefühlte vierhundert Kilo Schädelmasse wie zwischen den Backen eines Schraubstocks am Stuhl gefesselt war. Sie schaute mich ängstlich, fragend und nervös an.

Ihr Blick sagte alles.

»Fanny hat sie gefunden. Aber Frage: Woher kennen Sie mich? Frau Mörsmann, oder sollte mein Hund falsch liegen?«

Ich ging auf sie zu, nahm ihre vor Angstschweiß feuchte Hand beruhigend zwischen meine Hände. Fanny ließ von ihr ab und Huberbauer stand noch immer leicht staunend zwei Schritte hinter mir.

Ich wusste, was er tat. Sichern. Das Gebiet sichern. Er traute dem Frieden nicht und wollte wissen, ob noch jemand zu der Frau gehörte. Fanny bemerkte dessen Rundumblick und schüttelte verächtlich den Kopf. So, als ob er sage wolle: „Mensch, Huberbauer! Du denkst, ich bin ein Trottel. Habe ich doch längst abgecheckt, bevor du überhaupt daran gedacht hast. Vertrau einfach meinen Instinkten …“

Endlich entspannte sich die unscheinbare Frau, die gar nicht zu einem Millionär passen wollte. Wohlwollend betrachtet, sah sie eher aus wie seine Haushälterin, um nicht diskreditierend zu sagen, wie seine Putzfrau, denn der Beruf ist wichtig. Mörsmann schien seine Gitti nicht gerade an der langen Leine, geschweige denn auf Augenhöhe behandelt zu haben.

Millionärspfeife halt.

Auf so eine Ehe könnte ich verzichten und schlagartig wurde mir bewusst, dass ich in weniger als zwei Stunden heiraten wollte. Eine Multimillionärin in spe. Sie würde einen riesigen Batzen des Vermögens ihres ermordeten Vaters erben.

Hallelujah, ‚Doktor‘!

Was denke ich also für einen Schmarrn, als ob es um Kohle gehen würde …

Meine Anna.

Die Frau meines Lebens.

Unsere lockere On-Off-Beziehung sollte endlich ein Ende haben.

Ganz romantisch, am Strand von Kapstadt, war ich vor ihr auf die Knie gesunken, hatte sie angeschaut und brauchte gar nichts weiter zu sagen. Anna kniete sich zu mir, nahm meinen Kopf zwischen ihre Hände, küsste mich lang und intensiv, was sofort einen Eifersuchtssturm der Entrüstung bei Fanny auslöste – verdammtes Viech, er wusste doch, dass ich nicht schwul bin und er keine Chance bei mir haben würde, nur weil er einen Frauennamen trägt! –, mich zu Tränen rührte und sie auch.

Fanny war völlig perplex.

Er schüttelte seinen Riesenschädel und grinste in sich hinein.

Damit hätte er nicht gerechnet, dass er den ‚Doktor‘ mal mit Wasser in den Augen sieht, wo es doch im Meer vor seiner Nase genug davon gab.

Wir sagten nichts.

Es war beschlossen und ich hatte noch am nächsten Tag in München angerufen und im Standesamt einen Termin zur Trauung ausgemacht.

Er stand heute für 15:00 Uhr auf dem Programm.

Anna war jetzt längst beim Probieren ihres Brautkleides, da möchte ich wetten. Den Termin grundsätzlich hatte ich nicht vergessen, aber doch wegen des anstehenden Falles verdrängt, wie mir gerade siedend heiß bewusst wurde …

Jetzt wurde ich nervös und hatte schwitzige Hände.

Den Hochzeitstermin mit Anna verschieben? Das wäre ja ein Scheidungsgrund. Na ja, ginge nicht. Das würde erst um 16:00 Uhr möglich sein. Also musste ich hier Gas geben …

Schon wieder diese Schrille in der Stimme. Die von mir Angesprochene plärrte los, dass jeder Gast des gut besuchten Cafés des Palmengartens nun wusste, dass Dampfloks auch quer durchs ›Luitpold‹ fahren:

»Der Rudi hat mir ein Bild von Ihnen gegeben und Sie sehen ja wirklich so fantastisch aus wie auf dem Foto!«

Nun wusste auch noch jeder Gast, dass ich blendend aussehe. Die Dampflok hatte es gerade verkündet. Mein ‚Assistent‘ Huberbauer stand wie auf den Schienen festgetackert. Er war perplex und dachte vermutlich, dass die Frau nicht ganz richtig tickt. Nur Fanny schaute amüsiert zu. Er saß noch immer vor Frau Mörsmann und bewachte sie. Aber vermutlich hatte er den gesamten Palmengarten im Blickfeld, meine aufmerksame und treue Seele.

Ich setzte mich zu Gitti Mörsmann, nahm wieder ihre Hand in der Hoffnung, dass sie Dampf aus dem Kessel ablassen würde und sagte:

»Das ist mein Mitarbeiter, Herr Huberbauer. Fanny haben Sie ja schon kennengelernt. Jetzt lassen Sie uns noch mal von vorn beginnen, bitte, ja, Frau Mörsmann?«

Der Kellner eilte herbei. Sicher wollte auch er die Dampflok begutachten. Er störte, aber wir gaben unsere Bestellung auf. Das heißt, die Dampflok tat es. Nun konnten sich alle Gäste zusätzlich Notizen machen, was der Angestellte an Tisch 7 bringen sollte.

»Für mich einen doppelten Espresso mit einem Schuss Cognac. Hardy Perfection werden Sie sicher nicht haben, dann Le Voyage de Delamain, das sollte doch machbar sein, oder! Und für die Herren ein großes Pils und wenn Sie dann noch die Güte haben, für den Hund Wasser bereitzustellen!«

Der Kellner zog davon. Er würde sich krankmelden, Tinnitus, definitiv.

Zumindest in Cognacs schien sich die Dame auszukennen. Ihre Alkoholprobleme konnte ich verstehen, auch ohne ihren Mann lebend kennengelernt zu haben. Der Kellner kam zurück und servierte, bevor wir das Gespräch richtig fortsetzen konnten, denn Frau Mörsmann war nicht nur eine Wasserkessel-Dampflok-Sirene, sie war auch ein blitzschnell ratterndes US-Maschinengewehr M60 mit 550 Wortschüssen in der Minute, wie ich es einmal bei einem Einsatz in Serbien erleben durfte, und sie schoss ihre Wortkaskaden nur so ab.

»Gnädige Frau, ich habe Ihnen einen Hennessy XO von 1892 gebracht, wenn Sie gestatten. Die etwas preiswerteren Sorten haben wir leider nicht im Angebot.«

Sein Gesicht zeigte, dass er sich jetzt schon darauf freute, die Rechnung servieren zu können …

Wir, wie die anderen Gäste, waren nun über die familiären Verhältnisse ausreichend informiert und kannten inzwischen auch den besten Freund ihres Mannes, Rudi Nercke. Das war der, den sie in unserem kurzen Telefonat nur mit dem Vornamen genannt hatte, als sie vom Tod ihres Mannes sprach. Nein, dumm war Frau Mörsmann nicht. Hatte ich befürchtet, dass sie von der Ermordung ihres Mannes sprach, tat sie das Gott sei Dank nicht. Sie sprach auch lediglich vielsagend von „dem Club“, ohne den Namen zu nennen.

Während man Ecki Mörsmann in Münchens Schickeria nicht kannte, war Rudi Nercke eine Größe. Der hatte im Herzen der Stadt ein florierendes Pharmaunternehmen geerbt, FLUGOL. Ein alternder Playboy, Junggeselle mit ständig wechselnden Begleitungen. Ein gefundenes Fressen für die Klatschpresse. Der passte zum DEKADENT perfekt. Frau Mörsmann hatte uns auch erzählt, dass sich ihr Verstorbener und der Nercke seit der Schulzeit kannten und Nercke es war, der ihren Mann Ecki – »der war schon ein wirkliches Arschloch, meine Herren, das können Sie mir glauben!« – reich gemacht hatte.

Kein Wunder, dass mich der Nercke empfohlen hatte. Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit einen Maulwurf in seiner Firma entlarvt, der die Zusammensetzung eines neuen Medikamentes an eine indische Gruppe verraten hatte. Als sie bei ihrem Anruf vorhin „Rudi“ sagte, hatte ich nicht geschnallt, dass sie den Nercke meint. Meine Gedanken waren wohl noch zu sehr in Afrika …

Einblick in das Clubleben konnte uns Frau Mörsmann auch nicht geben. Ja, wir hatten erfahren, dass der Nercke einer der Gründungsmitglieder des Clubs war. Ansonsten war das alles mager. Schade. Huberbauer stellte einige Fragen, aber mit denen war Gitti Mörsmann überfordert. Sie hatte nicht mal die Polizei angerufen, um sich von der Richtigkeit des Anrufs von dem Nercke zu überzeugen und auch selbst, so beteuerte sie jedenfalls, bis jetzt keinen Anruf von der Kripo erhalten.

»Wollen Sie mir sagen, Frau Mörsmann, dass sie keinen Anruf von einer Dienststelle der Polizei erhielten?«

»Nein, wirklich nicht. Deshalb bin ich ja so verzweifelt und habe den Doktor auf Empfehlung von Rudi angerufen.«

Huberbauer schaute mich an und mit seinem Blick signalisierte er mir meinen ehemaligen Verein: das LKA. Schon merkwürdig, dass die Ehefrau nicht über das Ableben ihres Mannes informiert wurde. Dem LKA wurde der Fall von oben aufgedrückt und die meldeten sich nicht bei den Angehörigen?! Das gibt es normalerweise überhaupt nicht!

Es war Zeit, dass wir die Sache in die Hand nahmen.

Huberbauer und ich verstanden uns auch ohne Worte: Das stinkt alles zum Himmel.

So bieder sie auch aussah, die Frau hatte eine gewisse Cleverness in sich. Schließlich beauftragte sie mich, den Tod ihres Mannes mit all seinen Begleitumständen aufzuklären. Was sie mit „Begleitumständen“ meinte, war ebenfalls sonnenklar.

Gitti Mörsmann zuckte nicht einmal, als ich ihr mein Tageshonorar nannte und fragte nur, ob vier Wochen zur Aufklärung reichen würden. Ich machte ihr den Gegenvorschlag eines Fixhonorars auf Basis der vier Wochen, egal, wie lange ich an dem Fall arbeiten müsste. Sie willigte ein. Ich war mir sicher, dass ich sehr schnell Ergebnisse liefern konnte.

»Wissen Sie« – und jetzt wurde sie wirklich leise – »der Ecki sah so unscheinbar aus. Aber der hatte ständig was am Laufen. Der war sein Leben lang schwanzgesteuert. Ich möchte schon wissen, ob er an dem Abend auch in Begleitung im Club war, wissen Sie, Doktor?! Vielleicht saß die junge Frau auch nur zufällig ihm gegenüber.«

»Natürlich, Frau Mörsmann. Ich habe noch eine Frage. Sie sagten, dass der Herr Nercke ihnen mitgeteilt hätte, dass ‚das Spiel‘ jetzt beginnt, oder beginnen würde, und er nannte Ihnen eine Zahl. Können Sie mir das erneut noch mal schildern? Sie standen vorhin am Telefon unter Schock, wenn Sie mich fragen.«

»Ja, da haben Sie recht, Doktor, wenn ich bei der Anrede bleiben darf. Die klingt für mich so vertrauenerweckend. Der Rudi, also Herr Nercke, sagte definitiv „das Spiel beginnt“. Was für ein Spiel, kann ich nicht sagen. Auch nicht, von wem er den Hinweis bekam. An die Zahl kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Das war irgendetwas mit acht und sechs, oder umgekehrt. Und groß war die Zahl, also mehrstellig, in den Tausendern. Ich war verwirrt und er sagte es nur einmal.«

»Ist schon gut, Frau Mörsmann. Es ist vielleicht auch nicht so wichtig. Zermartern Sie sich nicht Ihren Kopf. Aber dennoch: Wie viel Zeit verging zwischen dem Anruf des Herrn Nercke bei Ihnen und Ihrem Anruf bei mir?«

»Ach, das waren vielleicht zwei bis drei Minuten. Ich musste mich erst mal fassen. Auch wenn mein Mann nicht einfach war, er war dennoch über ein Jahrzehnt mein Ehemann.«

»Danke. Das reicht schon, Frau Mörsmann. Quälen Sie sich nicht, okay?«

Huberbauer hatte sein Handy wieder angeschaltet.

Es klingelte seitdem unaufhörlich.

Huberbauer ignorierte die Anrufe.

Das nervte.

Er mache sich laufend Notizen, während er uns zuhörte. Wieder klingelte es bei ihm. Endlich. Sepp stand auf und nahm das eingehende Gespräch an. Als er nach weniger als einer Minute zurückkam, war sein Gesichtsausdruck völlig verändert.

»Chef, wir müssen gehen«, forderte er mich mit einem Augenzwinkern auf und blieb gleich stehen.

»Sie sehen, Frau Mörsmann, unsere Arbeit ruft. Ich werde mich noch heute bei Ihnen melden. Wir sind uns einig und ich verspreche Ihnen, dass Sie zufrieden sein werden. Leider kann ich Ihnen Ihren Mann nicht zurückbringen.«

»Na, das fehlte noch! Eigentlich bin ich ja froh, dass ich ihn los bin.«

Wieder hörten alle Gäste der lautstarken Sirene zu; das Geklapper von Tellern, Besteck, Gläsern und Tassen war für Sekunden verstummt.

Fanny sprang auch auf und wir ließen, etwas unhöflich, die Witwe, Frau Dampfkessel-Maschinengewehr, zurück. Schätze, sie hat sich über die Rechnung sehr gefreut. Am Blick des Kellners konnte man schon während des Servierens erkennen, dass der Cognac etwas mehr kostet als ein Hamburger … Und sie orderte noch drei weitere … Unser spendiertes Bier hatten wir nicht angerührt, selbst Fanny hatte sein Wasser ignoriert. War sicher zu viel Chlor drin. Er ist eben auch ein Gourmet und weiß Qualität zu schätzen.

Deshalb ist er an meiner Seite.

»Doktor, wir haben es mit mehreren Morden zu tun. Ich erhielt eine SMS von meinem Boss: Die Toten sind tatsächlich der Mann von der Mörsmann und ein Teenager von nicht einmal 16 Jahren, eine gewisse Figurella Estavilla. Hier schau dir mal die Fotos an, die er mir mitschickte. Grauenvoll!«

Sepp schob mir sein Smartphone rüber.

Die Fotos zeigten eigentlich nur zwei Köpfe in einem luxuriösen Raum. Die Köpfe hatten es in sich. Für mich sah das aus, als ob dort im wahrsten Sinne eine Mini-Atombombe eingeschlagen hatte.

»Denkst du das gleiche wie ich, Doktor?«

»Ja. Solche Köpfe kennt man eigentlich nur aus Hiroshima oder Tschernobyl.«

»Verdammt. Wo sind wir da reingeraten …«

Nachdenkliches Schweigen.

»Kaum hatte ich aufgelegt, rief mich Kommissar Obermeier aus meiner Abteilung an. Er meldete mir einen, wenn du mich fragst, weiteren Mord. Und was glaubst du, wie der Tote aussieht?«

»Sag es mir: wie die Toten auf dem Bild?!«

»Du hast es erraten. Das gibt es doch gar nicht. Die Duplizität der Ereignisse ist verblüffend. Auch wieder ein reicher Mann, aber ein ganz anderer Ort. Ein gewisser Emanuel Kracht. Unternehmer in Sachen erneuerbarer Energie. Es erwischte ihn in seinem Haus in der Hubertusstraße. Der Gerichtsmediziner konnte noch nichts sagen, aber ein Strahlentod sei nicht auszuschließen, meinte er.«

»Jetzt sag mir nur noch, dass der Tote auch Mitglied im DEKADENT war …«

»Das weiß ich noch nicht, Doktor. Lass uns in meine Dienststelle gehen. Es wartet in der Tat viel Arbeit auf mich – dein Fall scheint schon gelöst zu sein. Für das Honorar muss ich ein Jahr malochen. Sonntagsarbeit, Überstunden, nachts rausgeklingelt werden und nie abschalten können.«

»Dann komm zu mir. In München gibt es immer genug zu tun, wir wären doch kein schlechtes Team, Sepp!«

»Vergiss es. Ich warte auf meine Beamtenpension. Die gefährde ich nicht, so kurz vor dem Ziel …«

Während wir durch die Fünf Höfe liefen, Fanny immer vorneweg, als ob er genau wüsste, wo es hingeht, der clevere Mastiff, klingelte Huberbauers Handy schon wieder.

»Ja.«

…

»Was?«

…

»O. K., ich bin gleich da. Fünf Minuten.«

Wir kamen an einem Geschäft für Bettwäsche vorbei. Huberbauer hätte sich reinlegen können, ohne dass man ihn sieht.

Weißer als weiß.

Wenn so ein erfahrener Mann dermaßen blass wird, dann muss schon etwas Außergewöhnliches passiert sein.

»Das war mein Büro. Schon wieder wurde uns ein Toter gemeldet. In Bogenhausen. Dreimal darfst du raten, wie der aussieht …«

»Wie die anderen drei. Tschernobyl, sag ich nur!«

Wir schwiegen uns an, Fanny erreichte als Erster die Ettstraße und blieb als wohlerzogener Hund vor dem Eingang stehen, auf uns wartend. Bevor wir durch das eiserne Tor den Vorplatz betraten, klingelte Huberbauers Smartphone schon wieder.

»Huberbauer!«

…

»Nicht möglich. Bin schon da. Sekunde bitte.«

»Jetzt sag nichts. Noch ein Toter, wieder männlich, wieder mit einer Glatze?«

»Ja, Doktor. Fünf Tote in wenigen Stunden. Das ist definitiv eine Serie. Der letzte wurde uns soeben vom Revier aus Deisenhofen gemeldet. Sie bitten um Hilfe. Ein großer Bauunternehmer.«

»Ich glaube, wir können davon ausgehen, dass sie alle in diesem Scheißclub DEKADENT Mitglieder waren.«

Fanny nickte.

Kluger Hund.

Wenn ich ihn nicht hätte.

Ruben Mussorgskovich:

13:28 Uhr. Die Mail, die Ruben Mussorgskovich eben erhalten hatte, machte ihn nicht gerade glücklich. Dafür hatte er im Augenblick eigentlich gar keine Zeit. Fieberhaft beschäftigte er sich seit des Anrufes von Fuzzy Müllkorn mit den Zahlen, die er mit einem Filzstift übergroß auf ein Blatt Papier geschrieben hatte und die in Blickweite vor ihm lagen:

86401

800 - 34 - 86401

Er hatte den Ehrgeiz, das Zahlenrätsel zu lösen. Er war sich sicher, dass HHH ihm etwas Substanzielles damit sagen wollte. Was bedeutete die 86401.

Die war der Schlüssel zu einem Geheimnis.

Was die anderen Zahlen in der Kombination mit der 86401 zu sagen hatten, die ihm dank König Zufall in Person von Fuzzy Müllkorn zugespielt wurden, ging ihm völlig ab.

Mussorgskovich stand vor einem Rätsel.

Das nervte den Nerd total.

Der war doch nie besser als ich. Ich bin das Rechengenie. HaHaHa braucht dazu noch Lichtjahre, um meine Geistesqualität zu erreichen.

Selbstüberschätzung kannte Ruben Mussorgskovich nicht.

Er war das Genie.

Period!

Wenn da nicht auch noch diese Mail wäre, die ihn eben erreicht hatte …

Sehr geehrter Herr Mussorgskovich, wir dürfen Sie daran erinnern, dass Sie die letzte Lieferung noch nicht abgerechnet haben. Wir erwarten den Eingang der Zahlung bis übermorgen um 18:00 Uhr unserer Zeit. Zur Erinnerung der offene Betrag: 12,500,000 US-$. Weitere Schritte behalten wir uns vor. Wir übergeben nach Ablauf der Frist die Angelegenheit unseren Anwälten.

Mit freundlichen Grüßen,

Stanislav Bulkowski

- CEO -

Interservice Bulgariatrade OOD

4005 Plovdiv 5

Rubalskaya 24

Bulgaria

Ruben konnte das gar nicht verstehen. Sein Konto war gut gefüllt, den Auftrag zur Überweisung des Betrages hatte er vor einer Woche seiner Bank erteilt, die Abbuchung war erfolgt. Den Beleg konnte er Bulkowski schicken.

Wenn Bulkowski Bulkowski war. Pässe lassen sich fälschen.

Mails ebenso.

Was wollten sie von ihm?

Mussorgskovich ging der Allerwerteste auf Grundeis, um es vorsichtig zu formulieren. Mit denen war nicht zu spaßen. Zwei seiner Mittelsmänner waren über Nacht verschollen. Ebenso ein Lieferant, der die Ware vor Lieferung ausprobiert hatte. Das war gegen die Regeln. Ruben befürchtete das Schlimmste.

Würde er der Nächste sein?

Nein, beruhigte er sich:

Ich habe mich nie an der Ware vergriffen, habe immer beste Kunden geliefert. Werde mir doch nicht die großartigste Einnahmequelle versauen. Glücksspiel, Roulette, ja, das funktionierte eine Zeit ganz gut. Aber die Casinos sind auch nicht blöd. Die lassen mich doch kaum noch rein, da, wo ich abgeräumt habe. Wenn überhaupt, darf ich nur zuschauen oder an den Idiotenautomaten für hundert Euro spielen. Was soll das mit dem Bulkowski. Ist das eine Falle? Warum machen die das! Ich bin viel zu wichtig für die.

Dennoch: Handeln war angesagt, aber er wusste noch nicht, wen er anrufen sollte, um sich aus der gefährlichen Situation zu befreien. Totstellen oder antworten? Die Taktik war entscheidend. Jetzt bahnte sich auch bei ihm der Angstschweiß den Weg durch die Haut an die Oberfläche.

Dazu wieder der Schüttelfrost.

Ruben. Ein regennasser Kaktus. Ein Schwitzfrierer.

Fuck! Fuck! Fuck!

Pling.

Ruben schaute nervös auf sein Handy. Eine SMS.

»Wollen wir uns um Zwei im Dukatz treffen? Habe News für dich. Fuzzy«

»OK. Bis gleich. R.M.«

Hussein-Hiob Hiebler:

13:33 Uhr. HHH tätigte von seinem Prepaid-Handy drei Anrufe.

Zweimal Mailbox. Er hinterließ keine Nachricht.

Einmal: »Ja, wer ist dort? Melden Sie sich. Hier spricht Rummels, Oberkommissar Rummels.«

Er legte auf. Anschließend vernichtete er die SIM-Card. Im Safe lagen genügend davon …

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