Kitabı oxu: «Drogenparty»
DANKMAR H. ISLEIB
DROGENPARTY
THRILLER
münchenMAFIAmord
2

Hinweis
Diese Story ist in fast allen Komponenten komplett frei
erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein
zufällig und sind nicht gewollt. Die Namen der Straßen und
Handlungsorte in München sind korrekt.
Aber daraus sollte nicht geschlussfolgert werden, dass in dem
Haus „X“ die Person „Y“ lebt oder der Mord „Z“ im Lokal
„XYZ“ geschehen ist.
DROGENPARTY ist ein Thriller und nicht mehr …
Das Buch erhebt keinesfalls den Anspruch, ein Spiegelbild der
Arbeit der Kriminalpolizei zu sein.
Übrigens:
Der Protagonist Daniel Richter ist ein Musikfreak. Wen die kurzen Songtexte stören, der sollte sie einfach überlesen. Sie passen zur Story, aber … Also: bitte nicht darüber ärgern.
Inhalt
PROLOG
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
EPILOG
PROLOG
WER FEINGEIST gelesen hat, weiß ja schon in etwa, wie ich ticke. Daniel Richter, der ‚Doktor‘, seit fast einem Jahr nur noch Privatdetektiv, nicht mehr der aufgehende Star beim LKA.
Dennoch: Ich liebe München nach wie vor. Job und privat – das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Auch wenn der Karriereknick mich kurzzeitig angefressen hatte. Gar keine Frage. Dadurch bin ich in der letzten Zeit vielleicht auch unangenehmer und härter rübergekommen, als ich eigentlich bin. Aber in meinem Job ist es schwer, die innere Balance zu halten. Wenn man sieht, was ich gesehen habe, was ich erleben musste, was für fiese Charaktere es auf der abgründigen Seite unserer Mitbewohner auf diesem Planeten gibt, dann kann einem schon mal die Galle überlaufen und man rastet selbst aus. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die das Fass zum Überlaufen bringen.
Ich gelobe Besserung.
Davon abgesehen: Einige Dinge in München gehen mir gehörig auf den Keks.
Kommt mein Vermieter letzte Woche ganz scheinheilig auf mich zu und sagt allen Ernstes: „Herr Richter, ich habe die Miete bei Ihnen jetzt schon drei Jahre nicht erhöht. Der Herr Werner, dem das Haus nebenan gehört – und das ist nicht so schön wie meines –, nimmt für die gleiche Wohnung wie die Ihre 425 Euro mehr! 425! Wir sollten in den nächsten Tagen auch mal sprechen, aber jetzt gehe ich erst mal einen Kaffee trinken. Nichts für ungut, Herr Richter!“
Mir war der Tag versaut.
Apropos Kaffeetrinken.
Die alte Frau Berger, die unter mir wohnt, erzählte mir, dass sie früher beim ›Dallmayr‹ immer ihr Damenkränzchen abgehalten hat. Da kostete das Kännchen Kaffee 1,60 in DM, sagte sie. Ich fragte sie, „was war denn ‚Demark‘?!“
Ja, ich weiß, die ‚Demark‘ gab es noch zu meiner Studienzeit. Das Kännchen also 0,82 Cent!
Und heute?
Ich war gestern in der Blue Spa Lounge im Bayerischen Hof. Die Tasse Kaffee 11 Euro. Also 21,51 DM nach altem Geld.
Mehr als das Dreizehnfache. Ist der Kaffee jetzt nun im Laufe der Jahre das 13-fache mehr wert oder ist unser Geld nichts mehr wert?
Ich will ja nicht meckern, aber solche ‚Kleinigkeiten‘ fallen mir schon auf. Warum steigt der Wert der alten Häuser so rasant wie bei auserlesenen Antiquitäten? Nichts als Wucher.
Das Geschäft mit der Not der Menschen.
In unserer Gegend ist es nun mal angeraten in Steinhöhlen zu leben, oder?! Ist doch pervers: In Bayern gibt es sogar noch eine Verordnung, die besagt, dass der Vermieter keine Heizung stellen muss. Soll der doch mal bei 12 Grad minus darin wohnen!
Und die Wohnungen in München werden immer teurer.
Jedes Hemd, was du gerade gekauft hast und morgen wieder im Secondhand-Laden loswerden willst, weil dir die Farbe nicht gefällt, bringt nur noch 20% von dem, was du hinlegen musstest …
Wir leben in einer verdrehten Welt.
Das hat alles nichts mit meinen Fällen zu tun, die ich bearbeite, aber doch etwas mit meinem Credo, das auch für mein Leben gilt, den Alltag.
München ist manchmal echt anstrengend.
Angeblich ist die Stadt Nummer Eins in Deutschland. Jobs, Attraktivität, Einkommen, Sauberkeit, Zukunftsaussichten, Museen, Gaststätten, Grundstücks- und Immobilienpreise.
Auf jeden Fall sind wir Nummer Eins im Abzocken.
Und bei Baustellen mindestens auch.
Aktuell über 70 im Innenstadtbereich. Wo man hinschaut, wird gebuddelt und gemacht, von der neuen U-Bahn bis hin zu Straßenerweiterungen, vom Hauptbahnhof ganz zu schweigen.
München lobt sich selbst als sicherste Großstadt in Deutschland. 128.141 Straftaten im Jahr 2016 bei einer Aufklärungsrate von 71,7 Prozent heißt, dass 36.264 Fälle unaufgeklärt blieben.
Das sind genau 36.264 zu viel!
Die 1.298 Kolleginnen und Kollegen bei der Münchener Kriminalpolizei machen einen guten Job, sind aber ziemlich überlastet. Gewaltdelikte sind zwar um 1,7 Prozent auf 4.123 gesunken, aber in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe um 21,7 Prozent innerhalb eines Jahres gestiegen. Im Amtsdeutsch heißt das, „… es ist ein eklatanter Anstieg von Straftaten nach dem Aufenthaltsgesetz zu verzeichnen …“.
Es gab 58 Tötungsdelikte.
Rauschgiftdelikte nahmen um sieben Prozent zu. Dazu kamen 2016 62 Drogentote. Wie viele davon durch ‚Fremdeinwirkung‘?
Es wird leider noch immer fröhlich gemordet. Mehr als man es glaubt!
Deshalb mache ich weiter und mein Credo bleibt unverändert:
DIE GERECHTIGKEIT IST UNSTERBLICH. (Buch der Weisheit 1,15 – um 50 v. Christus)
I
„DANIEL Richter: Du bist ein Mega-V.I.P. Willkommen heute Abend 21 Uhr zum Mega-Event im MEGA. Eine Überraschungsparty des Tierschutzvereins Starnberg. Lass dich überraschen. Gäste willkommen.“
Die dämlich verfasste SMS erreichte mich kurz nach dem Aufstehen. Also um 12:28, um genau zu sein.
Wir, Anna und ich, hatten einen harten Tag hinter uns. Gestritten, versöhnt, erneut gezofft, wieder versöhnt und dann die halbe Nacht schweißtreibend, laut und wild rumgemacht, bis wir nicht mehr konnten.
Liebe ist was Anstrengendes.
Und schön!
Was wären wir ohne Liebe?
Nur gut, dass den Lärm keiner mitbekam. Das Gästehaus, das wir nun schon seit mehr als drei Jahren mit Unterbrechungen bewohnen, liegt halt prima. Niemand hört uns, keiner stört uns. Wir hätten längst ins Haupthaus der Fischers umziehen können, aber der Schock über die Ermordung ihres Vaters saß Anna noch zu tief in den Knochen. Es war ja erst zehn Wochen her. Also zofften wir uns im Gäste-/Gartenhaus. Ich war noch ganz schön fertig, so hatte mich Anna rangenommen und meine Stimme war rau wie 45er Schmirgelpapier. Woher hat sie nur diese Kondition beim Streiten wie beim Lieben!
Alles ging gut aus.
Die Versöhnung war herrlich.
Meine Anna. Ein Prachtstück …
»Fischer. Mach dich fertig. Wir sind zu ‘ner Party eingeladen!«, rief ich ins Haus, da ich nicht wusste, wo Anna sich gerade aufhielt.
»Was für eine Party?«
Schön, ihre Stimme zu hören. Die war genauso kaputt wie meine. Klang nach Zigarren, Suff und Oktoberfest. Wir hatten es aber auch krachen lassen. Es geht doch nichts über eine gute Nummer, oder?!
Anna wurstelte in der Küche rum. Wollte uns wohl ein spätes Frühstück machen, damit wir wieder zu Kräften kommen. Ein paar Eier, gebraten mit Schnittlauch oder Petersilie – das wäre jetzt nicht schlecht.
»Das MEGA lädt ein und so ein Tierschutzverein. Also müssen wir Fanny mitnehmen, Geburtstag nachfeiern, was meinst du?«
»Au ja. Das klingt gut. Wann geht das los?«
»Irgendwie um neun.«
»Und da soll ich mich jetzt schon fertigmachen? Lass uns doch lieber noch ‘ne Runde drehen oder kannst du nicht mehr?«
Unersättlich die Fischer!
»Vergiss es. Ich muss vorher mit Fanny noch zum Friseur.«
Meine Art, Anna zu verarschen. Als ob der riesige Köter geföhnt werden wollte. Aber wenn der Tierschutzverein Starnberg schon zum Schaulaufen ruft, dann sollte ein Kampfhund wie Fanny auch in Hochform sein.
Die Konkurrenz schläft nicht.
Wir sahen das illustre Völkchen vor dem MEGA schon von weitem. Bevor ich meinen F-Type SVR und seine 575 PS gebändigt und den Boliden in der Garage des Hotels Vier Jahreszeiten für unglaubliche 28 Euro für den Rest des Abends einparken würde, ließ ich Anna schon mal geräuschvoll direkt vor dem Club aussteigen. Sie hatte wohl eine Freundin in dem Pulk entdeckt und war selbst schon in voller Partylaune.
Was ein guter Streit bewirkt.
Meine Anna …
Ich weiß, ich komme aus dem Schwärmen nicht raus. Aber sie ist auch eine Prachtbraut, alles was Recht ist.
Als ich zu der Meute stieß, kam ich mir vor wie eine Blindschleiche im Tigerkäfig. Die waren vielleicht gut drauf!
Ich versuchte, meine Stimmung in den Griff zu bekommen, und wie ich so um mich schaute: Niemand außer mir hatte ein Tier dabei.
Blöd.
Ich dachte, es lädt der Tierschutz ein.
Wo waren die Hunde und Katzen, die Affen und Schafe, die Kaninchen und Löwen?! Da hatte ich wohl die Arschkarte gezogen. Nur Partylöwen und sanfte Miezekätzchen auf Mäuserichfang.
Mindestens fünfzig übermäßig aufgezäumte In-People lachten sich gleich mal über mich scheckig. Hatte ich den Eindruck. Meine Klamotten passten nicht, das sah ich den Damen der Gesellschaft an – und dann noch Fanny! Am liebsten wäre ich sofort umgekehrt. Aber als harter Knochen, als der ich in der Branche verschrien war, gab es kein Entweichen vor Münchens It-Girls und It-Boys. Anwälte, Werbefuzzis, die üblichen Möchtegern-Models, Schnippelärzte, die ich aus Annas Erzählungen kannte und noch mehr Mädels, die hofften, einen Typen abzubekommen, der ihnen die Angst vor einer geregelten Arbeit abnimmt. Denn mit Arbeit kann man sich ja den ganzen Tag versauen.
Klunker ohne Ende, dass man sofort Klunkerzoll würde verlangen können. Echt/unecht. Klunker und Anwesende …?
Die ganze Gesellschaft. Irgendwie nicht mein Revier.
Und alle waren so gut drauf, dass ich glaubte, die würden jetzt schon fliegen können.
Fanny schaute mich entsetzt an. So, als ob er sagen wollte: „Was machen wir denn hier? Alter, das ist nichts für uns!“ Und schon schleckte er Anna die Füße ab.
Liebe ist halt vielseitig.
Was für ein Aufwand!
Es öffnete sich die Tür zum Edelschuppen. Livrierte Kleiderschränke mit Knöpfchen im Ohr, wie bei der Inauguration von Trump. Typen, die megamäßig versuchten, einen geregelten Einlass zu der Mega-Party des Mega-Tierschutzvereins megacool im MEGA hinzukriegen. Die nahmen sich verdammt wichtig. Dabei ging es nur um eine lächerliche Party.
Saufen, abtanzen, anmachen.
Der rote Teppich blieb rot und trocken, denn wir hatten Sommer und unverschämtes Glück mit dem Wetter. Zum Kotzen war es noch zu früh – alles megapaletti.
Der Tierschutzverein, den ich wirklich nicht kannte, hatte Glück: Sonne bis in den späten Abend bei 27 Grad. Die In&It-People dachten vermutlich, es gehe zur Oscarverleihung.
Ehrlich.
Ein Tamtam war das, mitten in der Woche! Die hatten sich auch alle aufgezäumt! Klar, dass Anna locker mithalten konnte. Sie weiß immer, was für welchen Anlass richtig ist und sah rattenscharf aus.
Doch: Wo blieben die Tiere? Hatte ich etwa etwas missverstanden? Tierschutzverein und so?
Solo für Fanny.
Wohin mit Fanny?
Anna hatte ihre Freundin, die ich vorher noch nie zu Gesicht bekommen hatte, untergehakt.
Ella Wolkenheim.
Ein echt heißes Geschoss mit Augen, die nicht zu ihr passen wollten. Arrogant und megacool. Eine von der Sorte ‚ich-weiß-wer-ich-bin-du-mich-auch‘. Die Tochter eines Schönheitschirurgen. Des angesagtesten in München und Umgebung, erklärte mir Anna voller Ehrfurcht. Mir unerklärlich, wie man einen Faltenschnippler so vergöttern kann.
Aber: Das ist München. Von Typen wie dem lebe auch ich. Professor Doktor Peter Wolkenheim. Selbst mir sagte der Name was, da der Herr Professor Botoxlippe-Nasenbär – das soll seine Spezialität sein, Nasen – ständig durch die Klatschzeitungen ging.
Der Elektriker von nebenan gibt mir keine Aufträge. Es gibt in unserer schönen Stadt unzählige Privatermittler, von denen sich einige sogar Detektive nennen:
„Unsere Detektei ist Ihr zuverlässiger Partner, wenn Sie Detektive für Privat- sowie Wirtschaftsermittlungen aller Art suchen. Vertrauen Sie auf unsere Kompetenz, langjährige Erfahrung und Diskretion, wenn sie einen Detektiv in Anspruch nehmen möchten. Die Qualität unserer Arbeit und unser Engagement werden regelmäßig DEKRA zertifiziert. Erstberatung kostenlos.“
Was für ein Scheiß!
Die echten Aufträge bekommen Leute wie ich. Die Jobs sind zwar seltener, aber wenn, dann braucht man wirklich Leute mit einer guten Ausbildung, echtem Können. Der Job hat was mit Arbeit zu tun, wie ich sie über Jahre beim bayerischen LKA erfolgreich gemacht hatte. Dass sie mich gefeuert hatten, das war ein Politikum gewesen …
Okay. Ella Wolkenheim. Interessante Person. Trotz ihrer zur Schau gestellten Arroganz.
Der Lärm, der aus dem MEGA drang, war jetzt schon unerträglich. Fanny war entsetzt und blieb gleich an der Garderobe hängen. Keine Chance, ihn auch nur einen Millimeter in den Laden zu zerren. Ich musste also einen der hochnäsigen Kleiderständer fragen:
»War wohl ‘ne Fehleinschätzung. Tierschutzverein. Wo kann ich den mal für ein paar Minuten abstellen?«, fragte ich den Tätowierten im schwarzen Anzug, der mir am nächsten stand, und zeigte auf das Tosa-Inu-Monster.
Der Muskelprotz grinste mich herablassend an:
»Lass ihn hier in der Garderobe. Der kackt doch nicht alles voll, oder?!«
Fuzzi, Ohrknopfträger mit direkter Verbindung zum Boss, Angeber blöder.
Meine Superwaffe, Fanny: Er war schließlich so groß und bissig wie Max, der Typ, der keine Waffe braucht und ein echter Kumpel von mir ist …
»Nee – wo denkst du hin!«
»Okay. Dann mach ihn da fest. Ich bin den ganzen Abend hier vorne.«
Fanny schaute ihn mit herabgezogenen Lefzen an. So einer passte ihm nicht, aber er akzeptierte. Fanny wollte mir nicht den Abend verderben.
Mein Gott, was für ein Lärm. Musik soll das sein? DJ DongDong – oder so ähnlich – aus New York. Extra eingeflogen. Einfach nur mega! DJ, das ist heute was Besonderes. Die Jungs verdienen ihr Geld leichter als ich. Was der wohl heute Nacht einstreicht? Zwanzig Mille oder fünfzig? Wie bezahlt das ein Tierschutzverein aus Starnberg? Ich muss die googeln.
Die Drinks waren schlapp. Das Fingerfood ebenso. Lauwarm wie die Luft der Klimaanlage. Reden – unmöglich. Aber mit wem sollte ich mich schon unterhalten … Abtanzen war angesagt. Dazu war ich zu faul, ehrlich. Nach der Mammutvorstellung der letzten Nacht. Echt, ich war ein Platzhirsch. Zumindest für Anna. So fühlte ich mich. Wenngleich ich im Moment ziemlich abgefuckt aussah, oder?
„Shed A Light“ von Robin Schulz & David Guetta hämmerte sich in meine Ohren ein. Anna war selig und sie tanzte mit ihrer Freundin, der Ella, die einen guten Style draufhatte, von der ich aber noch nie was gehört hatte. Komisch. Anna erzählt mir doch sonst alles …
So verging die Zeit für die anderen.
Für mich stand sie still.
Der angeblich so berühmte DJ Dingdong, oder DongDong aus NYC wollte uns gerade anteasern, den absoluten Top-Song der Woche „Picco“ von „Unstoppable“ mit ihm abzufeiern, da ertönte aus einer Ecke ein gnadenlos aufdringlicher Schrei. Der Schrei einer Sirene klang dagegen wie ein abgestandener Pups im Weltall.
DJ Dindingeling unterbrach seine Werbehymne. Alle schauten in Richtung Treppe, von der aus es zu den Toiletten im Untergeschoss ging und erstarrten.
Ich erwachte aus meiner mir selbstverordneten Lethargie. Der Bulle brach mit mir durch. Handy raus, 110, Notarzt, dann die drei getippt: Sepp. Der neue Super-Commissario, der meinen Freund Mario, den Verschollenen – eigentlich war der im Zeugenschutzprogramm, aber das wusste keiner außer mir und dem neuen LKA-Chef A.D. Lauer – im Kommissariat 1 der Mordkommission abgelöst hatte.
Mein Instinkt sagte mir, dass etwas faul sei.
Ich sah den zuckenden Körper eines Mädchens mit einem auffälligen Long-Bob im Ombre-Ton und bahnte mir wild einen Weg zur Treppe.
Sepp war nicht erreichbar.
Mailbox.
»Komm ins MEGA, sofort!«, schrie ich in das smarte Teil, um dann, noch immer ganz (Ex)-Bulle, sofort die Situation mit meinem Smartphone zu filmen.
Gelber Schaum drang stoßweise aus ihrem Mund. Dann nur noch epileptisches Zucken.
Aus.
Als ich direkt neben ihr stand, war es bereits zu spät.
Das It-Girl war tot.
Definitiv.
Jetzt schrie der ganze Club. Schriller als jeder Jet beim Start von einer zu kurzen Piste auf dem direkten Weg zum Crash.
Panik brach aus.
Ich musste einen kühlen Kopf bewahren. Ich brüllte mit aller Kraft, die ich noch in meiner angefressenen Stimme aufbringen konnte:
»Fanny! Achtung!«
Braver Hund.
Hatte mich gehört. Hunde haben halt sensationelle Lauscher! Er wusste, was zu tun ist. Er riss sich in der Garderobe los, rannte zu mir, schneller als ein aufgepimpter, tiefergelegter 88er Golf GTI eines Luden von der Reeperbahn, warf mir einen fragenden Blick zu. Verstand mich und raste ebenso schnell wieder zur Eingangstür und machte sich dort breit.
An ihm kam in den nächsten Minuten, wenn‘s sein musste Stunden, keiner mehr vorbei. Das Party-Völkchen wollte sich nämlich sofort verpissen.
Jetzt hatten sie plötzlich alle Schiss. Verständlich, denn ich war mir sicher, dass in der Nacht Muntermacher aller Couleur und jeder Preisklasse unterwegs waren. Ein gefundenes Fressen für eine Razzia, die unweigerlich durchgeführt werden würde, sowie ich einen meiner Ex-Kollegen endlich erreicht hatte.
»Das ist ja Fee!«
Eine panische Stimme.
Es ist Ella, die Neu-Alt-Freundin von Anna, die in Schockstarre plötzlich neben mir stand, die Hand vor Entsetzen vor ihren süßen Schmollmund haltend.
»Mein Gott, das ist ja Fee!«, wiederholt sie sich und fing schrill zu kreischen an. Wie eine Kreissäge im Einsatz bei ihrem Vater, dem Professor für gewollte Körperveränderungen.
Jetzt stand auch Anna neben mir.
»Wer ist Fee?«, brüllte ich sie an, Münchens Party-People in Panik übertönend.
»Die kennst du nicht? Es ist Fee Herzog. Die Tochter vom Immo-Herzog. Dem reichsten Makler der Stadt! Das ist eine Katastrophe!«
Anna Fischer war ebenfalls in Panik. Na ja, nicht jeden Tag hat man eine eklig aussehende Leiche auf einer Party. Ich verstand das schon.
Die Models und Millionäre, die Söhne und Töchter, Banker, Makler und Mimosen drängten raus auf die Maximilianstraße. Wollten weg. Nichts wie weg. Aber Fanny stand wie eine Wand mitten in der einzigen Tür nach draußen. Gefährlich glänzende Augen und ein Gebiss …! Ein Ungeheuer, mit dem sicher keiner der Damen und Herren Feiglinge anlegen wollte.
Wie auch immer: An meine Lauscher drangen Sirenen. Irgendjemand muss auch noch die Bullen gerufen haben. Ich war es nicht oder hatte Sepp meinen Anruf mitten in der Nacht doch mitbekommen?
Es waren drei Einsatzwagen.
Sepp schob sich als Erster an Fanny vorbei. Der kannte den Aufsteiger aus der Ettstraße und war nicht abgeneigt, die Verstärkung willkommen zu heißen.
Super. Auf Sepp war Verlass.
Ich stand noch immer an der Leiche. Kein schöner Anblick, wenn man Situationen wie diese nicht gewöhnt war. Nicht eine Person hatte den Club verlassen können. Der Mörder musste noch unter uns sein …
II
ES wurde eine lange Nacht. Sepp machte mit seinem Team einen gründlichen Job. Stoisch ruhig – er war ein ganz anderer Typ als mein ‚verschollener‘ Freund, Ex-Hauptkommissar Mario vom Morddezernat München 1 – ließ er von allen Partypeoples erst mal die Personalien aufnehmen. Das dauerte. Und nicht nur das: Schnell wurde mir klar, dass das keine Party des Tierschutzvereins Starnberg war.
Wie ich vermutet hatte – ein Fake.
Es ging im MEGA mega um Saufen, Abzocken und Drogen …
»Wie kommst du denn auf diese ‚Party‘, Doktor?«, fragte mich Sepp auch sofort, nachdem sich seine Leute und er einen Überblick verschafft hatten.
»Gute Frage. Einladung per SMS. Und da Fanny gestern vier Jahre alt geworden war, dachte ich, die Leute vom Tierschutz wussten das, weil ja mein guter Fanny registriert ist. Du weißt doch, Kampfhunde und so. American Staffordshire Terrier, Bullterrier und Pit Bull Terrier, sowie Bullmastiff, Staffordshire Bullterrier, Dogo Argentino, Bordeaux Dogge, Fila Brasileiro, Mastin Espanol, Mastino Napoletano und Mastiffs, wie mein Tosa Inu, unterliegen der Polizeiverordnung über das Halten gefährlicher Hunde!
Die liebenswerten Viecher haben Kennzeichnungspflicht. Der Tierschutz. Ich wollte Fanny eine Freude machen, wenn er schon eingeladen ist …«
»Den Tierschutzverein Starnberg gibt es nicht. Vergiss es. Wir wissen noch nicht, wer dahinter steckt, aber das ist auf jeden Fall eine Falle für Leute wie dich und deinen Fanny!«, antwortete mir der immer ernste und müde aussehende Sepp, der schon seit über zwanzig Jahren Dienst in München tat. Ein unauffälliger Beamter. Immer korrekt, nie aus der Ruhe zu bringen und kein Freund von meinem Tosa Inu.
Soviel stand fest.
»So was Ähnliches dachte ich mir schon, Sepp! Na ja, das geht mich hier nichts an. Das ist euer Job. Ich mach mich dann mal vom Acker, wenn du nichts dagegen hast. Fanny, den du nicht leiden kannst, hat euch gut vertreten, denke ich mal.«
»Ja, danke. Wenn du mich fragst, ist die ‚Party‘ hier gemacht, um Drogen zu verticken. Die laden ein, tun so als ob, spendieren den Kids ein paar Drinks und, wenn‘s gut geht, ein paar Häppchen dazu, damit sie sie später in der Nacht ausnehmen und ihnen ihre scheiß Pillen andrehen können. Die Dealer wollen neue Kunden anwerben. Ich habe gerade schon die Kollegen vom Drogendezernat gebeten, sich die Jungs mal unter die Lupe zu nehmen. Die werden gleich eintrudeln und ich schätze, da werden einige der Herrschaften unruhig. Schau nur in ihre Gesichter!«
Mit dem Statement ließ mich der behäbig schlurfend und immer viel zu langsam gehende Kommissar stehen, um sich gleich noch mal umzudrehen:
»Das weißt du selbst. Das Mädchen ist an einem Drogencocktail gestorben. Für mich Mord. Eindeutig.«
Dann trottete Sepp wieder die paar Meter zum Tatort und zündete sich ein Zigarillo an. Er erinnerte mich an Columbo, den etwas wirr wirkenden, zerknautschten und angeblich vergesslichen Inspektor der Los Angeles Police vergangener Filmtage, der es mit seinem vertrottelten Charme, kühler Analyse und gesundem Intellekt faustdick hinter den Ohren hatte.
Verrückt: Für Sepp waren alle unter Fünfzig ‚Kids‘. Ich mag diese altmodischen Herren bei der Polizei …
Anna versuchte, Ella Wolkenheim irgendwie zu trösten. Seit die Bullen das MEGA übernommen hatten, waren drei Stunden vergangen und Ella heulte noch immer.
Clever, das muss man ihnen lassen: Sepp und seine Kollegen hatten, kaum waren sie im MEGA eingetroffen, alle Handys eingesammelt. Das war ihre erste Amtshandlung und ging so schnell und überraschend, dass die verwirrten, angeschickerten, angefixten Feiersüchtigen keine Chance mehr hatten noch zu telefonieren oder eine SMS zu schicken, Fotos auf Instagram zu posten oder Videos zu versenden.
Der Schock saß zu tief und das Ereignis war zu abstrus für die ‚high‘ (waren die meisten) ‚Society‘, so dass sie mit der Situation nichts richtig anzufangen wussten.
Inzwischen waren auch die Jungs von der Droge eingetroffen. Sauber! Weitere vier Bullen in Zivil, darunter eine Frau, die aussah, als sei sie selbst auf Droge …
Fanny bekam Besuch:
Zwei Schäferhunde beschnupperten ihn neugierig. Dass sie keine Drogen bei ihm vermuteten, verstand sich von selbst.
Tiere unter sich.
Können sie sich riechen, ist alles gut. Wenn nicht, ist Knurren und Zähnefletschen angesagt. Es blieb friedlich und Fanny war wohl ganz happy nicht alleine die Verantwortung tragen zu müssen. Er fühlte sich dank seiner Statur als der Boss. Logisch! Mindestens 92 Kilogramm Lebendgewicht. Seit der Sache mit dem Feingeist und den Russen hatte er noch mal vier Kilo draufgelegt. Diesmal keine Muskelmasse, sondern Bauch. Ihm ging es bei uns einfach zu gut und er hatte sich nach seinem letzten Einsatz gegen Feingeist & Co. auch eine Belohnung verdient.
Es kam richtig Unruhe auf. Schätze, im MEGA waren circa zweihundert Party-People. Die genaue Zahl kannte nur Sepp. Wenn ich mich so umblickte, sah ich definitiv in rund zweihundert ängstliche Augenpaare.
Die Temperatur im Club stieg.
Angst schüttet Katecholamine aus. Stresshormone. Adrenalin und Noradrenalin. Botenstoffe. Sie verbreiten die Nachricht:
„Scheiße, ich sitze in der Falle. Wohin mit meinen Pillen, wohin mit dem Koks, dem Ethanol, dem Ecstasy, dem Crystal Meth, Candyflipping, Badesalz, Spice, Krokodil und Russian Cocktail?!!“
Das Herz spinnt, die Gefäße verengen sich, der Blutdruck steigt. Der Körper schreit „Hilfe“ und hyperventiliert. Im MEGA war es inzwischen megawarm. Gefühlt 55 Grad plus!
Sonderschicht für die Kollegen von Sepp und die Hunde.
Klar, dass sich die PP verpissen wollten. Nur wie?
Der Laden war dicht. Dichter, am dichtesten.
Auf den Klos Hochbetrieb. Nützte nichts, denn dort standen ein paar Uniformierte in ihrem modischen Abenddress. Nix mit wegkippen. Schlucken war auch keine Lösung. Fallenlassen bei den gierigen deutschen Schäferhunden mit je 225 Millionen Geruchsrezeptoren in der Nase?
Keine gute Idee!
Kollektiv hörte Fanny, ohne dass etwas zu hören war, die Menschenmeute schon wieder sagen:
„Scheiße – wir sitzen alle in der Falle!“
Ella Wolkenheim begann zu zittern wie das berühmte Espenlaub. Nein, sie war nicht drauf, wie mir Anna versicherte. Auf gar nichts. Clean. Sie musste es wissen. Schließlich war es ihre Freundin, nicht meine.
»Geht‘s dir nicht gut, Ella? Kann ich was für dich tun?«, versuchte ich die verkrampfte Stimmung irgendwie in den Griff zu bekommen.
»Nein. Alles okay. Besser: fast! Mich schockt das alles. Fee war mein Sonnenstern. Meine beste Freundin. Seit dem Kindergarten, verstehst du?! Ich kann das gar nicht begreifen! Wer macht sowas? Die hat man doch vergiftet, oder?«
Dabei schaute sie mich so flehend an, dass ich fast auch ‘nen Anfall von Mitleid bekommen hätte.
»Wenn ich mich hier umsehe, würde ich eher sagen, die war auf einem harten Trip!«
Jetzt zuckte Ella Wolkenheim noch mehr zusammen. Wurde aschfahl und mit dem Zittern hätte sie jeden Wettbewerb um das beste Zittern im Espenwald gewonnen!
Ich hatte einen wunden Punkt getroffen. Der Ex-LKA-Ermittler in mir regte sich. Der siebte Sinn. Ellas Augen sprachen Bände.
Aber eigentlich ging mich der ganze Schmarrn nichts an. Ich wollte nur Fanny und Anna einen Gefallen tun. Hatte mich allein 28 Euro Parkgebühren gekostet. Und nun hingen wir hier rum und ich machte mir auch noch ‘nen Kopf wegen einer Freundin meiner Freundin!
Doktor, schalt einfach ab und lass das die Bullen machen. Pack deine Bagage und ab durch die Mitte.
Aber Ella hing mir plötzlich am Hals. Sie fühlte wohl, dass ich sie beschützen konnte.
Weswegen brauchte sie Hilfe?
Mir war das peinlich, ehrlich. Anna war mein Sechser im Lotto. Das hatte sie mir erst heute wieder klargemacht. Nicht nur, weil sie einfach eine Granate im Bett ist. Das reicht nicht. Anna ist auch sonst ein Schatz und mit einem Charakter ausgestattet, den man ihren Eltern nun wahrlich nicht anhängen kann. Ja, ich weiß, der Alte ist tot, die Mutter abgehauen.
Das hatte Anna alles nicht verdient.
Ich war in der Vergangenheit zu oft auf Abwegen unterwegs gewesen. Das sollte ein für alle Mal ein Ende haben.
Ella – du bist nichts für mich. Du rattenscharfer Volltreffer!
»Fanny, Anna! Wir gehen!«, pfiff ich unfreundlich meine beiden Begleiter an. Ella hatte sich wider meinen Willen in meinen Unterleib geschmuggelt.
Ich war sauer auf mich, weil ich auf die Freundin meiner Freundin scharf war. Hatte ich mir nicht gerade Treue geschworen?
III
»HAST du gehört? Razzia im MEGA. Das ist einfach nur mega Scheiße! Was habe ich dir immer gesagt? Du bist einfach eine gottverdammte Niete!«
Der Angerufene brach in Schweiß aus. Gerade hatte ‚Dackelblick‘ sich schlafen gelegt. Er war früher gegangen, weil er fürchterlichen Dünnschiss bekommen hatte. Einfach so. Urplötzlich. Aus dem Nichts heraus. Sein Glück, sein Pech.
Woher wusste Ufuk schon wieder, dass es heute Nacht im MEGA eine Razzia gegeben hatte? Der Türke muss eine echt gute Verbindung zu den Bullen haben! Kacke, verdammte Kacke!
‚Dackelblick‘, der eigentlich Rainer Bormann heißt, war durch den Wind.
Er selbst war immer clean.
Die hätten mich checken können. Null Problemo!
Der Abend hatte sich gelohnt. Zweihundertachtundvierzig Päckchen hatte er verkauft.
Gemischtwaren.
Die Lotterie brachte ihm 29.200 Euronen ein. Clubmiete, Getränke, Fingerfood und der DJ abgezogen: Reingewinn 15.000. Den musste er sich mit zwei weiteren Parteien teilen. Für ihn blieben 40 Prozent. DJ DenDen legte für ‚Dackelblick‘ immer kostenlos auf. Den hatte er in der Hand. DJDD brauchte er nur ein Flugticket zu hinterlegen. Amsterdam-München. Peanuts. Und er hatte mindestens fünfzig neue Kunden gewonnen, die dauerhaft was wollten.
Genau das war sein Plan gewesen.
Nicht schlecht für drei Stunden. Aber nun …
Wie konnte es zu einer Razzia kommen? Wer hat gequatscht, wer hat den Tierschutzverein verpfiffen? Wen soll ich jetzt im MEGA anrufen?
Nee, Rainer, mach das bloß nicht! Nachher orten die noch dein Handy.
Mir kann keiner was.
Ich war gar nicht da.
Außerdem …
An Schlaf war nicht zu denken. Erst der Dünnschiss, dann der Anruf von Ufuk. 04:22.
Rainer Bormann, Sohn des Promi-Bohrers Dr. med. dent. Volker Bormann. Der 21-Jährige, der in der Szene nur ‚Dackelblick‘ genannt wurde, weil er so treu, so lieb und harmlos gucken konnte wie ein hinterlistiger Rauhaardackel, der ständig nach Fressen bettelt. ‚Dackelblick‘ wälzte sich hin und her.
Dann raste er wieder aufs Klo.
Dann schlich er sich wieder ins Bett.
So ging das alle paar Minuten.
04:38. ‚Dackelblick‘ schreckte hoch, als er die Sirene hörte. Ein fieser Ton, den sein Vater hatte einbauen lassen. Gar nicht laut, aber eine Frequenz, die ihn gleich wieder auf den Topf springen ließ. Einfach nur ätzend.
Ätzender Ton und Dünnpfiff.
Jetzt ging ihm richtig der Stift! Einbruch?
Die Bullen?
Fehlalarm?
‚Dackelblicks‘ Eltern waren in Baden-Baden zu einem Kongress der Bohrerelite. Neue Substanz für noch weißeres Bleaching. Da stehen die Frauen in München drauf. Sein Alter konnte es gar nicht erwarten, seinen Patientinnen – Männer besuchten seine Praxis sehr selten – das neue Zeug zu verklickern. Darin war er spitze. Noch weißere Zähne als weiß. Das war es doch! In unverständlichstem Bayerisch quatschte Doktor ‚Volli‘, wie er liebevoll von seinen Patientinnen genannt wurde, die Tussis voll, wenn sie auf seinem Stuhl lagen und, Schlauch im Mund, eh nichts erwidern konnten. Methode.
Aber jetzt?
Was war das?
Es wurde laut im Erdgeschoss. Die Villa in der Dall‘Armistraße in Nymphenburg war gleichzeitig die Praxis des Promi-Zahndocs. Das ganze großzügige Erdgeschoss, eingerichtet von Ennio Graf Pilati, dem Innenarchitekten der Stadt, wenn man viel Kohle raushauen will.
Es klirrte und krachte, dass ‚Dackelblick‘ in Panik geriet. ‚Dackelblick‘ überlegte, ob er die Bullen rufen soll.
Er riet sich selbst davon ab.
Vermutlich würden sie sein Labor finden. Das wäre nicht so gut für ihn und seine Familie …
Er verbarrikadierte sich in seiner Behausung. ‚Dackelblick‘ war messiemäßig unterwegs. Wohnung konnte man zu der Edel-Chaos-Bude nicht gerade sagen. Er wartete ab.
Um 07:13 wagte er sich ins Erdgeschoss und erstarrte: Die Luxus-Praxis war ein einziges Schlachtfeld. Alle Computer rabiat rausgerissen. Weg. Die Telefonanlage ebenfalls. Weg. Die Gemälde – rund um Zähne –, Sonderanfertigungen von Matthias Waske, dem Promi-Maler für die Münchener Schickeria-Profis, wie den Promi-Bohrer, zerschnitten. Die Wände, das teure Interieur – alles hin. Ein genialer Sprayer hatte sich ausgetobt:
»Fick dich!«
»Arschloch!«
»Promi-Wichser!«
»Zahn-Loser!«
»Drogen-Dödel!«
»Dosenöffner!«
Das waren noch die ganz harmlosen Losungen.
‚Dackelblick‘ war sich nicht sicher, ob das alles seinem Vater galt oder ihm oder beiden. Fest stand, dass die Praxis eigentlich um 08:30 geöffnet werden würde. Zwei der Helferinnen würden, wie stets, überpünktlich kommen, um die Damen der Gesellschaft zu empfangen. Zum Säubern der Beißerchen, Airflow, Bleaching, Fissurenversiegelung und all das, was die reiche, schöne, die junge und fast junge Frau, die reifere, die schon leicht in die Jahre gekommene usw. wöchentlich dringend braucht, um in der Gesellschaft bestehen zu können.
‚Dackelblick‘ bekam weiche Knie.
Das ging nicht ohne Polizei.
Also raffte er sich auf. Er hatte genau eine Stunde, um sein Labor im Untergeschoss zu cleanen. Fieberhaft machte sich Rainer Bormann, der blutjunge Drogenmillionär – also fast –, an die Arbeit.
07:15. Geschafft. Alle 213 Party-People, die eigentlich einen geilen Abend auf Kosten des Starnberger Tierschutzvereins im MEGA abfeiern wollten, waren aufgenommen, vernommen, registriert und katalogisiert. Blut abgenommen, Fingerabdrücke gemacht, Speichelabstriche. Von Sepp und seinem Team, die alle einen harten Job hinter sich hatten.
156 PP weiblichen Geschlechts zwischen 14 und 28. Die meisten verschüchtert, friedlich, aber zu 90 Prozent irgendwie überdreht, weggetreten. Nur fünf weigerten sich und wollten unbedingt ihren Anwalt sprechen. Nur einer der Gewünschten rief zurück. Er wurde abgewimmelt und für 10:00 ins Präsidium gebeten. Bei 28 der jungen Damen wurde ein Alkoholpegel von über 1,6 Promille festgestellt.
Anders die 57 aufgezäumten Typen, die im MEGA megaerfolgreich Mädels aufreißen wollten. Sie waren zwischen 19 und 48 Jahre alt. Mehr als die Hälfte verweigerte einen Speicheltest. Ebenso verweigerten sich 30 der männlichen PP, freiwillig Blut für keinen guten Zweck zu spenden.
Es gab richtig Zoff.
Die Kerle wurden laut, unverschämt. „Bullenarschgesicht“ war noch der freundlichste Ausdruck. Aber Sepp nahm alles mit stoischer Ruhe hin. Kein lautes Wort von ihm. Er grinste die Arschgesichter an und war sich seiner Sache sicher: Das war ein erfolgreicher Einsatz.
35 der Typen verlangten sofort und jetzt auf der Stelle nach ihrem Anwalt.
Abgelehnt.
10:00 im Präsidium.
Die Familie der Toten war benachrichtigt. Also zur Hälfte. Vater Adalbert Herzog, 54, Münchens Immobilienhai, den kaum jemand kannte. Ein gehetzter Typ, stark übergewichtig, immer nervös, ein wenig abwesend wirkend, der seine Tochter abgöttisch liebte. Er stand, kaum erreichte ihn der Anruf des leitenden Beamten, nur wenige Minuten später mitten im MEGA. Aufgelöst, fahrig, wie ein Edelclochard angezogen: weißes Hemd, bis zum Knie offen, zerfledderter schwarzer Kaschmirmantel – und das im Hochsommer – zur ausgewaschenen Flickenjeans, ungeputzte Ed.Meier-Schuhe. Schweißperlen auf der Stirn und eine Gauloises im Mund, an der er aufgeregt zog, die Schachtel nervös zwischen den Fingern drehend.
Fee Herzog lag längst im obligatorischen Blechsarg. Kaum sah Adalbert Herzog den Sarg, kniete er schon vor ihm. Tränen in den Augen, die nächste Gauloises zwischen den Lippen.
»Ihre Frau konnten wir nicht erreichen, Herr Herzog. Mein Beileid.«
Sepp cool und relaxed dem erschütterten Mann die Hand schüttelnd.
»Ich bin geschieden. Meine Frau Rita, Ex-Frau, lebt in Kitzbühel. Ich werde sie informieren. Was ist passiert? Kommissar …?«
»Huberbauer. Hauptkommissar, Mord Eins.«
»Herr Huberbauer, was ist mit meiner Tochter!?«
Leise, aber mit Nachdruck bestand der Immohai darauf zu erfahren, wie seine Tochter, gerade erstarrte 23 Jahre alt, ums Leben gekommen war.
»Wir gehen von einem Mord aus, Herr Herzog«, antwortete ihm der Hauptkommissar, sich ein Zigarillo der Marke Mehari‘s Mini Dominican ansteckend.
Jahrzehntelang Bulle und noch immer das gleiche Lied: Auch er zeigte Nerven, jetzt, wo der Vater vor ihm stand. Hauptkommissar Huberbauer hatte sich noch immer nicht an Leichen gewöhnt. Noch dazu wenn sie so jung und hübsch waren wie Fee Herzog. Das schlaucht.
»Eine Überdosis von einer mit synthetischen Cannabinoiden versetzten Kräutermischung. Das ist der letzte Schrei in München. In irgendwelchen kleinen Drogenküchen gemischt. Das passiert nicht durch Zufall. Also der Tod. Eigentlich sind diese Mischungen nicht lebensgefährlich. Diese neuen Drogen erzeugen Gefühle erhöhter Energie. Wie die ‚Badesalze‘. Das sind alles Designerdrogen, die wir gar nicht mehr auf dem Schirm haben, so schnell gibt es neue Mischungen auf dem Markt. Klar, jede Droge kann tödlich sein. Aber hier wurde bewusst eine Überdosis verabreicht. Davon ist unser Arzt überzeugt. Wir müssen der Sache nachgehen. Eine Obduktion wird unvermeidlich sein, Herr Herzog.«
»Sagen Sie mir, wie ich helfen kann. Geld spielt keine Rolle. Ich will nur den Mörder. Verstehen Sie mich?«
Und schon hatte er sich am Stummel der einen die nächste Gauloises angezündet.
Nervenbündel, der Immo-Macker.
07:52. Die Explosion war bis zum Kanal zu hören. Die älteren Damen, die ihren Liebling am Nymphenburg-Biedersteiner Kanal Gassi führten, hörten nichts. Dazu waren die Gehörgänge schon zu sehr verrottet. Aber die lieben Tierchen. Die blickten ängstlich ihr jeweiliges Frauchen an. Sich sofort Blickrichtung West orientierend. Dann ein „wuff“ von sich gebend und noch mal stehenbleibend. Es war ein merkwürdiges Geräusch. Matt. Dumpf, aber eindringlich. Dass es die Drogenküche eines einundzwanzigjährigen Abiturienten ohne Abitur war, ahnten die Pinscherdackelmöpse nicht. Auch nicht, dass der in der Szene unter dem Namen ‚Dackelblick‘ bekannte Sohn des Promi-Bohrers Dr. ‚Volli‘ Bormann einen guten Ruf besaß, weil er quasi alle Drogen, die aktuell angesagt sind, binnen 24 Stunden beschaffen konnte …
Das war es dann wohl.
Der Keller der feinen Villa in der Dall‘Armistraße 80638 München war fein geschrottet. Kaum hatte ‚Dackelblick‘ seine Aufräum-Abräum-Entsorgungsarbeiten in der kleinen, aber feinen Drogenküche im Keller beendet, um endlich die Bullen wegen des Einbruchs anzurufen, passierte es.
‚Dackelblick‘ saß schon wieder auf dem Klo und dünnpfiffte vor sich hin, als sich zu seinen absonderlichen Geräuschen ein weiteres gesellte. Dumpf, aber eindringlich. Sein Hintern hob sich von der Schüssel, wieder brach Schweiß aus.
Das Edelhaus wackelte nur kurz.
Dann war Stille.
Dank der massiven Betonbauweise stand die Villa noch, als ob nichts geschehen sei.
‚Dackelblick‘ hörte Sekunden später die Haustür zuschlagen und wiederum Sekunden später erst Gackern, dann Gezeter, danach Geschrei. Die beiden Zahnarzthelferinnen Anja und Eylül waren angekommen und geschockt.
»Das muss eben passiert sein. Ich saß auf dem Klo und dann hörte ich erst Lärm und dann einen dumpfen Knall. Ruft die Polizei, aber schnell!«, rief ‚Dackelblick‘ den beiden Schönen zu, die völlig konsterniert in dem Chaos standen, während er die Treppe von ganz oben heruntergelaufen kam.
Der Feigling drückte sich vor dem Anruf. Was im Keller passiert war, konnte er sich nicht erklären. Auch nicht, warum erst die Haustür zugeschlagen wurde, um dann wenig später von den beiden Helferinnen wieder geöffnet zu werden. Es musste sich noch jemand im Haus befunden haben, während er vorhin sein Arbeitsfeld der Bullen wegen reinigte.
Als die ersten zwei Damen der Gesellschaft zum Bleachen kamen, standen auch schon zwei Fahrzeuge der Münchener Polizei mit kreisendem Blaulicht vor der Villa und Eylül in der Tür. Sie klärte die Damen auf, dass der heutige Termin um eine Woche verschoben werden müsste. Sie ließ die Damen gar nicht erst ins Haus.
»Es gab einen Einbruch«, zauberte Eylül den Damen ein gequältes Lächeln auf das mit Botox aufgepolsterte Gesicht. Was ja auch irgendwie stimmte, das mit dem Einbruch.
Peinlich, die Arbeiten des Sprayers – „Fick dich!“ – „Arschloch!“ – „Promi-Wichser!“ – „Zahn-Loser!“ – „Drogen-Dödel!“ – „Dosenöffner!“ – vorzeigen zu müssen. Das vermied Eylül.
Neugierige Fragen der aufgemotzten Schachteln ließ Eylül gar nicht erst aufkommen …
Anna und Fanny schliefen bis in die Puppen. Das war ein merkwürdiger Abend gewesen. Ein Tierschutzverein, den es nicht gibt. Eine Tote, blutjung und ermordet.
Aus welchem Grund?
Von wem?
213 megaüberdrehte PP.
Ein riesiger Tosa Inu, der den Wachtmeister spielte.
Und Bullen mit viel Nachtarbeit.
Halt München, wie man es liebt und kennt.
Heute hatte ich definitiv zu nichts Lust. Was für ein versauter Abend! Eigentlich ging mich der ganze Mist nichts an. Dass ausgerechnet ich darauf reinfiel!
Der Tierschutzverein Starnberg lädt ein …
Wenigstens hatte Fanny sich nützlich machen können. Ich sollte mich auch noch mal hinlegen. Anna rekelte sich, tief und fest schlafend, im Lotterbett wie eine Hollywood-Diva in einer Romantikschnulze und sah dabei bezaubernd aus. An normalen Tagen hätte ich sofort die Gelegenheit ergriffen.
Ich ließ es sein.
Annas Handy klingelte, nein: sang mich an mit „Happy“ von Pharrell Williams, was mir fürchterlich auf den Sack ging. Immer diese Fröhlichkeit! Ich nahm das Ding und ging aus dem Schlafzimmer, um meinen Hollywoodstar nicht zu wecken.
»Was gibt‘s?«
»Ach, bist du es, Daniel?«
Niemand sagt Daniel zu mir. Aber die Stimme kam mir bekannt vor.
»Hier ist Ella. Du weißt schon. Von letzter Nacht. Ich wollte eigentlich Anna haben, aber wenn du direkt dran bist, umso besser. Ich sitze gerade mit Adi Herzog in der ›Kulisse‹. Kannst du vielleicht mal vorbeikommen. Wir brauchen deine Hilfe.«
„Wir brauchen deine Hilfe!“ – was soll denn das? Was habe ich mit der Sache zu tun. Der Herzog ist ohnehin ein Typ, mit dem ich nichts zu tun haben will. Auf der anderen Seite könnte ich mal wieder einen Job annehmen. Anna hat zwar Kohle, aber ich kann nicht immer …
»Okay. Wartet auf mich. Ich brauche eine Stunde.«
IV
SIE saßen draußen. Der Herzog hatte noch immer die Klamotten letzter Nacht an. Er sah zum Fürchten aus. Zerzauste Haare, grau das Gesicht, tiefe Augenringe. Die obligatorische Gauloises zwischen den Fingern. In der Verfassung würde der Immo-Hai heute keine guten Geschäfte machen können.
Neben ihm Ella Wolkenheim. Mein Gott, sah die heiß aus! Auch sie hatte noch immer ihr Partydress an. Von Kopf bis Fuß Geld: Chanel-Jäckchen, hautenge kristallverzierte Jeans von Dolce & Gabbana, High Heels. Die mit den roten Sohlen. Mit Schmuck war Ella locker achtzig Mille wert.
Faltenschnippler müsste man zum Vater haben!
Fanny sprang über die Tür aus dem F-Type SVR Cabrio und lief direkt auf das ungleiche Pärchen zu. Vor mir parkte ein schwarzer BMW Roadster Z8. Kennzeichen M-AH 111. Aha! Z8. Mindestens doppelt so teuer wie meiner. Rassiger Schlitten.
Auf der Maximilianstraße ging es heute ausgesprochen ruhig zu. Ungewöhnlich, aber erfreulich.
»Richter. Mein Beileid!«, begrüßte ich den trauernden Vater und gab ihm die Hand. Im Club hatte ich mich zurückgehalten. Das war der Job der Bullen gewesen. Herzog kannte mich nicht.
Ella sprang auf und schmiegte sich an mich, als wolle sie gleich mit mir in die Kiste springen. Dabei hatte ich sie gerade erst vor ein paar Stunden kennengelernt und keine drei Sätze mit ihr gewechselt. Ich setzte mich den beiden gegenüber auf einen der kleinen, harten Aluminiumstühle. Es ist eng auf dem Fußweg und ich hatte einen Scheißplatz. Fanny legte sich hinter mich. Wer jetzt noch vorbei wollte, musste einen großen Schritt über Fannys ausladendes Hinterteil machen.
Viel Vergnügen!
»Was kann ich für Sie tun?«, eröffnete ich das Gespräch. Der Herzog saß da, als ob er jeden Moment seinen Geist aufgeben wollte. Völlig zerknautscht. Hätte ich nicht gedacht. Er soll doch ein harter Hund sein. Aber der plötzliche Tod seiner Tochter schien ihm echt an die Nieren gegangen zu sein. Schon wieder zündete er sich am Stummel der letzten Zigarette die nächste an. Fanny gefiel der Qualm gar nicht und er knurrte.
Ich rief ihn zur Ordnung.
Ella himmelte mich an. Das war offensichtlich. Sie hielt aber die Klappe und war einfach nur traurig.
»Sie müssen wissen, dass unsere Familien, also die Eltern von Ella, mit uns Herzogs eng befreundet sind. Ja, ich bin geschieden und meine Ex kümmert sich kaum noch um Fee, aber dennoch sind wir eine Familie. Und Freunde der Wolkenheims.«
Herzog fiel es sichtlich schwer zu reden. Er hatte wohl auch noch immer nicht richtig realisiert, dass seine Tochter tot war.
„Meine Ex kümmert sich kaum noch um Fee.“
Dafür war es nun zu spät. Er sollte sich daran gewöhnen, über seine Tochter in der Vergangenheitsform zu sprechen.
»Es war meine Idee, Daniel. Anna hatte mir mal erzählt, dass du bei der Kripo bist. Du kannst ‚Adi‘ sicher helfen, oder? Ich kann nämlich nicht glauben, dass die Fee freiwillig zu viel von einem Drogencocktail genommen haben soll. Und der muffige, ältere Polizist, der im MEGA das da leitete, sagte auch, dass die Fee ermordet wurde.«
Mein Gott, die hat ja überhaupt keine Ahnung, wie das bei Mord abläuft und schon gar nicht, was ich mache!
Herzog sprang ein und ergänzte: »Es war Ellas Vorschlag, Sie …«
In dem Moment knallte es, die Scheibe hinter Ella und Herzog zerbarst. Und gleich noch mal – drei Schüsse. Insgesamt. Alles ging so schnell, dass ich in den Sekundenbruchteilen nicht mal zum Atmen kam. Fanny lief längst hinter einem blauen Kombi hinterher, als die Reste der Scheibe des Theaterrestaurants ›Kulisse‹ den Boden erreichten.
Schreie.
Alle Tische waren besetzt, die Kellnerin hatte ihr volles Tablett fallen gelassen und ich versuchte, die Situation zu erfassen.
Ella saß steif wie ein tiefgefrorener Fisch auf ihrem Stuhl und hielt sich die linke Schulter.
Herzog war unter dem Tisch verschwunden.
Eindeutig: Der Anschlag galt uns. Also Ella oder Herzog, oder beiden …? Oder war alles ganz anders …?
Blauer Kombi. Davon gibt es in München vermutlich tausende. Fanny blieb zweiter Sieger. Herzog lag noch immer hinter dem umgekippten Tisch und Ella fing entsetzlich zu jammern an. Inzwischen waren wir drei die einzigen Gäste in der ›Kulisse‹. Panikartig hatten die anderen Luschen den Laden verlassen. Ich kümmerte mich um Ella und stellte fest, dass sie eine der Kugeln am Oberarm getroffen hatte. Streifschuss, aber das Chanel-Jäckchen war nur noch was für den Müll. Dass Ella Schmerzen hatte, war mir völlig klar. Sie war noch immer steif wie ein Stockfisch am Stock.
Jetzt hörte ich eine Sirene. Eine der Kellnerinnen fing ganz sinnlos an, die Scherben der zerborstenen Scheibe aufzufegen.
Schockreaktion pur.
Nun rappelte sich auch Herzog wieder auf. Er versuchte, seinen schwarzen Kaschmirmantel abzuklopfen.
Nervosität pur.
Die Streife sperrte sofort den Bereich rings um die ›Kulisse‹ großräumig ab. Profis. Zwischen Valentino und Hermes …
Perfektion pur.
Ich hatte in den Sekunden dazwischen die 110 angerufen und einen Krankenwagen geordert. Ella musste auf jeden Fall behandelt werden. Ein Gespräch mit Herzog war nicht möglich; Ella wurde versorgt. Alles halb so schlimm, aber für ein junges Mädchen natürlich der Horror. Eine Narbe am Oberarm. Arbeit für ihren Vater. Der würde vermutlich sagen: „Kindchen, das gibt keine Narbe. Ich nähe das so fein, dass du in vier Wochen nichts mehr davon siehst! Wofür hast du den besten Schönheitschirurgen Deutschlands zum Vater!“
Um sie dann für acht Wochen zur Kur nach Honolulu zu schicken.
Ich war gerade dabei Fanny zu streicheln. Er war geknickt, dass er den blauen Kombi nicht erwischt hatte, als plötzlich Sepp neben mir stand:
»Du hast aber auch nur Scheiße am Hacken, Doktor! Wo du auftauchst, sterben die Menschen. Vielleicht solltest du umschulen zum Heilpraktiker.«
Schaler Humor.
Aber es stimmte schon. Irgendwie war ich in etwas hineingeraten, von dem ich keine Ahnung hatte. Auch kannte ich den Grund für den Mord und die soeben stattgefundene Schießerei nicht.
Fest stand für mich: Zwischen dem Mord an Fee und dem Anschlag auf Ella, Adalbert Herzog oder/und mich gab es einen Zusammenhang. Das war mein Ansatzpunkt und den Link musste ich herausfinden.
Aber dazu brauchte ich erst mal einen Auftrag. Just for fun würde ich nicht ermitteln …
Vier Schüsse. Vier Geschosse wurden gefunden. In der Theke, in der Tür zum Klo, in der Wand der ›Kulisse‹.
»Die stammen definitiv aus einer ‚Strisch‘, Russlands neuer Wunderwaffe. Die Pistole hat ein Kaliber von 9×19 mm. Das Standardmagazin hat 17 Patronen, die Sturmvariante 30 Patronen. Gerade haben wir die im Kommissariat vorgestellt bekommen. Die Strisch ist besser als alles andere auf dem Markt. Wahnsinnig schnelle Schussfolge, hohe Treffergenauigkeit, wenig Rückstoß und eben mit einer Munition ausgestattet, die man sofort erkennt. Sie wurde speziell für die Polizei-, Sicherheitsbehörden und die Geheimdienste entwickelt.«
Sepp war fasziniert und gleichzeitig geschockt.
»Wenn die schon bei uns im Einsatz ist, dann haben wir es mit richtig bösen Buben zu tun.«
Seine Art von Humor.
Ella sah hinreißend aus.
Der provisorische Verband am linken Oberarm stand ihr gut. Besser als das Chanel-Jäckchen. Ihr Make-up war gewöhnungsbedürftig. Sie versuchte es mit einem Lächeln. Das galt mir. Nachdem Sepp uns alle befragt hatte und wir, Fanny ausgenommen, unseren Senf abgegeben hatten, bot ich Ella an, sie zu ihrem Vater in die Klinik zu fahren …
»Komm. Alles andere hat jetzt Zeit. Du solltest dir eine Auszeit gönnen. Ich bringe dich zu deinem Alten.«
»Oh ja, das ist lieb von dir, Daniel«, flötete sie mich an und zu Herzog: »Adi. Es ist alles viel schlimmer! Aber ich bin sicher, Herr Richter kann dir helfen, okay?«
Sie lächelte den Vater ihrer verstorbenen Freundin an, der noch immer völlig von der Rolle war. Nicht einmal eine Gauloises hing zwischen seinen Lippen.
»Du solltest dich nachschminken«, antwortete er völlig zusammenhanglos. »Dein Lidschatten ist verschmiert, Kindchen.«
Herzog deutete mit dem Zeigefinger auf Ellas Gesicht. Der Immo-König hatte wohl seine getötete Tochter vor Augen. Dann zog er aus seiner Manteltasche ein Kärtchen, überreichte es mir mit den Worten:
»Kommen Sie morgen um elf in mein Büro!«
Jetzt war er wieder ganz der große Macker in Sachen Immobilien. Herzog wurde auf mehrere Milliarden geschätzt. Allein auf der Straße der Schießerei sollen ihm an die zwanzig Häuser auf der Seite des Hotels ›Vier Jahreszeiten‹ gehören, die er über Jahre einem alteingesessenen Anwalt abgekauft – oder soll man sagen, weit unter Wert ‚abgeluchst‘?? – hatte.
Er ging zu seinem BMW Z8, wir mit Ella und Fanny zu meinem läppischen Jaguar.
Fanny schaute mich mal wieder schräg an, weil ich ihn nach hinten bat. Das musste sein, denn Ella war schließlich verletzt.
Ich fuhr sie straight zur Klinik ihres Vaters, die den blöden Namen ›Temple de la Beauté‹, Tempel der Schönheit, trug, zur Scheinerstraße. Wolkenheim, der seine Professur angeblich irgendwo in Litauen erhalten haben soll, stand schon am Eingang, nachdem ihm Ella von unterwegs eine SMS geschrieben hatte. Wortlos übergab ich dem diensthabenden Schnippler seine Tochter und fuhr nach Grünwald.
Mein Tag war gelaufen. Ich wollte jetzt nur noch zu Anna.
V
AKBAY Gökhan lag mit zwei blonden Schönheiten auf seiner Yacht. Die Sonne knallte auf die fast nackten Körper. Von Land hörte man den Muezzin vom Minarett der Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul rufen. Es roch nach Sonnencreme und Champagner. Die Yacht lag, leicht schaukelnd, nahe der Bosporusbrücke. Beide neben Akbay liegenden Handys klingelten fast zeitgleich.
»Bu yanlış gitti budur…« = : „Es ist was schiefgegangen …“
Der Himmelsherrscher, also Gökhan, so die Deutung seines Familiennamens, sprang hoch, rutschte auf einer Tube Sonnencreme aus, fluchte lautstark und beschimpfte die Blondinen, die nichts dafür konnten. Er trat erst der einen, dann der anderen mit voller Wucht in die Seite. Nierenschäden programmiert. Sie nahmen es, die Schmerzen unterdrückend, mit stoischer Ruhe hin. Schließlich wurden sie gut bezahlt.
Schon klingelte das andere iPhone.
»Gökhan!«, brüllte er in das Handy, das nichts dafür konnte, dass er ausgerutscht war.
»Scheiße, Scheiße, Scheiße! Wie oft soll ich euch noch sagen, dass der einfach zu jung ist, um den Markt richtig zu kontrollieren!«
»Ja aber …«
»Idiot! Nichts mit „aber“. Schafft die Küche weg. Aber schnell!«
»Ist schon geschehen.«
»Çok güzel, prima!«
Und ins goldene iPhone:
»Ich habe verstanden. Ein Grund zum Feiern. Ja. Aber: Alla kahretmesin! Ihr habt es wieder so dilettantisch gemacht wie letzte Woche in Amsterdam! Das ist Scheiße, bok, bok, bok!«
Danach legte sich Akbay, was im Türkischen soviel wie „ein ehrlicher Reicher“ heißt, wieder zwischen die beiden Schönen. Er griff ihnen dahin, wo eigentlich ein Teil der Bikinis seinen Dienst versehen sollte um die letzte Nacktheit zu verbergen und freute sich, dass sie so ordentlich rasiert waren. Das mochte er. Dass er sie gerade Sekunden vorher halb totgetreten hatte, interessierte ihn wenig. Er wollte sich jetzt sofort und auf der Stelle von ihnen einen blasen lassen.
Özensiz olmak!!
Später hatte er noch ein Treffen mit Tjark Nazil. Gökhan wollte die Lieferquoten erhöht wissen. Der Afghane war schließlich einer der wichtigsten Großhändler von Opium, so wie Afghanistan der weltweit größte Anbauer von Schlafmohn ist. Der Basis für viele gute Produkte. Auf gut 300.000 Hektar wachsen zwischen Taliban und Maschinenpistolen, UN-Einsätzen und Drogendealern die wundervollen Pflanzen mit vierzig Alkaloiden wie Morphin, Codein, Papaverin, Noscapin, Thebain und Narcein.
Für Details interessierte sich Gökhan nicht. Er wollte nur reich sein. Der Absatz boomte. Speziell in Deutschland waren die Süchtigen heiß auf seine Ware. Bayern war inzwischen sein Hauptabsatzmarkt. Da setzte er jährlich mehr als 600 Millionen um. Reingewinn für ihn: 180 Millionen Euro.
Akbay Gökhan fühlte sich großartig. Und die Schlampen hatten sich zu fügen. Er beschenkte sie fürstlich. Dafür konnten sie schon mal ein paar Tritte aushalten. Und auch sonst musste er seinen Laden in Ordnung halten. Skrupel kannte der ‚ehrliche Reiche‘, Akbay, nicht.
VI
‚DACKELBLICK‘ hatte Schiss. Ufuk wollte ihn sehen. Sofort. Also schwang er sich in den Maserati Ghibli, den er sich selbst verdient hatte. Mit Drogen.
Café Schwabing.
Warum muss der sich ausgerechnet da treffen wollen. Aber gut. Da kann er mir nichts anhaben. Der Laden ist immer voll. Sommer, Sonne, draußen sitzen. Mir kann nichts passieren …
»Was ist gestern im MEGA abgegangen? Du sollst gut verkauft haben, Dackelblick!«, begrüßte ihn der bullige Ufuk, der in seinen besten Jahren mal Weltmeister in Aikidō war, einer japanischen Kampfsportart. Davon sah man nicht mehr viel, weil der Wohlstand zu viel Bauch über den Muskeln angesetzt hatte. Dennoch war Ufuk nicht zu unterschätzen und brutal. Das war ‚Dackelblick‘ bekannt.
Drei seiner Dauerkunden aus gutem Hause, die Stoff wollten, aber nicht flüssig waren, hatten einsehen müssen, dass man einen Ufuk nicht abzocken kann. Er hatte ihnen kurzerhand die Fresse polieren lassen, als sie ihre Schulden nicht auf der Stelle begleichen wollten und nach einem Kredit bei ihm, ‚Dackelblick‘, angefragt hatten. Klar, dass er das Ufuk berichten musste. Und der wiederum hatte seine Schläger zu den Jungs geschickt. Selbst macht der sich nie die Hände schmutzig. Der hatte mal Jura studiert, hieß es in der Szene …
»Ich kann mich nicht um jede süchtige Schlampe kümmern. Ist mir auch egal, ob sie verreckt oder nicht. Aber musste das ausgerechnet im MEGA passieren?!«
Ufuk war stinksauer.
»Das ist nicht gut fürs Geschäft. Mein Boss hat davon schon erfahren, bevor du es mir gesagt hast.«
Ufuk wurde ganz leise. Sprach wie ein Wüstenfloh beim Lauschangriff. ‚Dackelblick‘ begann zu frösteln. Mitten im Hochsommer.
»Weißt du, was das heißt? Dass ich meinen Laden nicht im Griff habe. Falls du schon Eier hast – ich reiße sie dir ab, Furzkeks.«
»Aber …«
»Nichts mit ‚aber‘. Das ist dein Revier. Du bist dafür verantwortlich. Wer war das? Warum musste sie abkratzen? Was hast du ihr verkauft?«
»Ufuk, ich habe keine Ahnung. Sie hat das übliche Päckchen bekommen. Bonbons zum Lutschen. Da war nichts dabei, von dem sie hätte abkacken können. Nichts. Wirklich nicht! Von mir jedenfalls hat sie keine harten Sachen gekriegt. Ich werde mir doch meine besten Kundinnen nicht versauen. Das musst du mir glauben!«, winselte der junge Bormann, um Gnade bettelnd.
Ufuk bestellte sich ein zweites Stück Käsekuchen und schaute auf die Tauben, die vor seinen Füßen die Reste wegpickten.
10:20. Es wurde Zeit, dass ich zu Herzog fuhr. Für einen Milliardär eine unauffällige Adresse: Falkenturmstraße. Aha. Deshalb war er so schnell im MEGA gewesen. Das sind keine zweihundert Meter. Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut.
Clever.
Passt zu seinem verschlissenen Kaschmirmantel. Und zu seinem Image.
Ein Haus in der Falkenturmstraße, an dem man vorbeigeht, ohne es zu beachten. Kein Fahrstuhl. Fünfter Stock. Knarrende Treppe. Das alte Haus war solide renoviert und restauriert, aber eben völlig unauffällig. Und erst das Büro: verwinkelt, urig eingerichtet, Krimskrams, wohin man schaute und Ramsch. Antiquitäten, also Möbel, die zwar alt waren, aber keinen Wert hatten.
Ein neuer Anstrich würde dem Gebälk guttun.
Herzog hatte mir selbst geöffnet. Die unvermeidliche Gauloises zwischen den Lippen:
»Kommen Sie rein. Ich liebe Pünktlichkeit. Sie sind zwei Minuten zu spät.«
Wenn das nicht der Beginn einer guten Geschäftsbeziehung werden würde …
Herzog führte mich durch die verqualmte Bude. Ich hätte einen Kompass mitnehmen sollen! Aha. Noch eine Etage. Über eine kleine Stiege ging es weiter nach oben. Ein Atelier. Bin ich nun bei Münchens Immobilienkönig oder einem Maler-Clochard? Und noch eine Treppe. Wir kamen ganz oben an. Wau! Was für ein Ausblick. Eine riesige Terrasse mit Blick über die Innenstadt. Genau auf die Maximilianstraße, die Oper, Frauenkirche, Theatinerkirche bis hin zum Hofgarten. Das hatte ich nicht erwartet.
»Sechzig Prozent dessen, was Sie sehen, gehört mir. Verstehen Sie jetzt, warum ich hier mein Büro habe?«
Herzog deutete auf jedes einzelne Haus in der Umgebung und in der Tat, von den städtischen Gebäuden mal abgesehen, schien ihm so gut wie alles auf Münchens teuerster Meile zu gehören.
»Deshalb war ich so schnell im MEGA. Seit mich meine Frau verlassen hat, wohne ich meistens auch hier. Das erspart mir Wege und Zeit. Aber Sie sind nicht gekommen, damit wir über mich reden. Es geht um meine Tochter, Fee.«
Als wir die Terrasse wieder verließen, bemerkte ich, dass die meisten Bilder, die auf mehreren Staffeleien in dem Atelier standen, Fee zeigten. So genau hatte ich mir die Leiche nun auch wieder nicht angesehen.
Fee in Jeans, lachend an einem See stehend.
Fee im eleganten Kostüm, das sicher von ihrer Mutter stammte. Damenhaft und streng.
Fee im Bikini auf der Terrasse, im Hintergrund die Theatinerkirche.
Fee auf einer Yacht irgendwo in der Karibik.
Fee beim Skifahren in Davos.
Fee in allen Posen und Positionen.
Nicht mal schlecht getroffen, wenn er die Bilder selbst gemalt hatte. Eine attraktive Person mit einem feenhaften, bildschönen, ebenmäßigen Gesicht. Eben eine Fee.
»Sie verstehen. Ich muss den Mörder haben. Egal, was es kostet, egal, wie Sie es machen. Sie war mein einziger Lebensinhalt. Fee. Der ist nun weg. Mir ist es egal, wie viel Sie ausgeben müssen, um Erfolg zu haben. Schaffen Sie mir den Mörder ran. Bitte.«
Herzog legte mir einen Umschlag hin.
»Fangen Sie jetzt an. Jetzt. Und wenn ich das so sage, dann meine ich es auch so!«
»Ich werde mir Mühe geben.«
Blöder Spruch von mir.
Der hätte von irgendeinem Anfänger stammen können. Rausreden. Zeit schinden. Doch nicht so ein Spruch vom ‚Doktor‘!
Doktor, du solltest dich am Riemen reißen. Das ist ein easy Job und der Typ hat Kohle ohne Ende …
»Jeden Tag um 21:00 erwarte ich einen persönlichen Report von Ihnen. Ist das klar? Und wenn ich sage 21:00, dann meine ich 21:00. Nicht so wie heute. Hier bei mir. Nicht in der Öffentlichkeit.«
Und schon qualmte er mir wieder die Hucke voll. Ich stank schon wie ein Räucheraal kurz vor dem Verzehr.
Schon komisch.
Herzog hatte mit keinem Wort den Anschlag von gestern Mittag erwähnt. Er hätte tot sein können, wie wir alle! Und er sagte nichts dazu? Das war das Erste, was ich erwartet hatte, als ich zu ihm kam. Die Frage, „wer steckt hinter dem Anschlag auf der Maximilianstraße? Wer hat vor der ›Kulisse‹ auf uns geschossen?!“ Das wäre doch logisch gewesen. Er stellte sie mir nicht.
Doktor – das sollte dich nachdenklich stimmen. Hinter der ganzen Geschichte mit Fee Herzog und Adalbert Herzog steckt viel mehr, als dir der Tycoon sagen will.
Wer ist ‚Adi‘ Herzog …?
VII
FRAGEN über Fragen. Polizei und Feuerwehr vor der Villa in der Dall‘Armistraße. Im Haus wuselte es noch immer nur so von unterschiedlichen Uniformen. ‚Dackelblick‘ war total überfordert und wenn die beiden cleveren Zahnarzthelferinnen Anja und Eylül nicht alles perfekt gemanagt hätten, er wäre erledigt gewesen.
Als Ufuk ihn zur Münchner Freiheit bestellte, waren die Bullen schon im vollen Gange gewesen. Er seilte sich mit der Ausrede ab, dass er einen dringenden Arzttermin habe. Da Dr. Bormann stadtbekannt war, hegte der leitende Beamte keinen Verdacht, dass dessen Sohn, ein nervöser, dürrer Typ, der aussah wie Vierzehn, abhauen könnte.
Die clevere Eylül hatte längst ihren Boss angerufen. Dazu war Feigling ‚Dackelblick‘ nicht in der Lage gewesen. Was hätte er seinem Vater sagen sollen?
Dr. Volker Bormann war geschockt.
»Danke, Eylül. Wir fahren sofort in Baden-Baden los. Ich werde meinen Anwalt verständigen, dass der zu euch kommt.«
‚Volli‘ war mehr als nervös.
Was werden die finden? War Rainer clever genug gewesen, alles Verdächtige verschwinden zu lassen. Merde! Kann man den Jungen nicht einmal ein paar Stunden allein lassen?
»Katharina. Bei uns ist eingebrochen worden. Pack deine Klamotten. Wir müssen zurück nach München!«, raunzte ‚Volli‘ seine Frau an, mit der er ein merkwürdiges Verhältnis hatte.
Sie war die Mutter ihres gemeinsamen Sohnes, aber seit sie Rainer bekommen hatte, lief zwischen ihnen im Bett nichts mehr. Gar nichts mehr. Nach außen hin, für die Münchener Gesellschaft, waren sie das Traumpaar. Seit zweiundzwanzig Jahren verheiratet, ohne Skandale und Affären.
Alles Lug und Trug.
Er ging fremd, dass sich die Bohrer nur so bogen und sie hatte ihre Geliebte zur Putzfrau im Hause Bormann gemacht.
Rollenspiel in doppelter Hinsicht.
Erniedrigung und praktisch zugleich.
Unauffällig.
Also packte Katharina Bormann ihre Sachen und schon saß sie im 500er Mercedes und wartete darauf, dass ihr Mann sie nach Hause chauffierte. Was im Detail passiert war, hatte ihr ‚Volli‘ nicht gesagt. Sie hasste den Kosenamen.
„Volli wie Vollidiot“, sagte sie immer, wenn irgendeine dahergelaufene Patienten-Tussi ihn mit ‚Volli‘ vollsülzte, auf die sie auch scharf war.
»Ella, ich muss mit dir reden. Hast du Zeit für mich?«
Kaum saß ich in meinem Boliden, den ich mal wieder in einer Parkraumbewirtschaftungszone auf der Maximilianstraße geparkt hatte ohne Wegelagererzoll zu bezahlen, rief ich die einzige Verbindung an, die ich zu der toten Fee indirekt hatte.
Ella Wolkenheim.
Fanny hatte ich im Wagen gelassen. Verdeck runter, die Sonne schien ihm auf den Pelz. Er genoss es sichtlich. Der Grund, weshalb ich ihm ein Sonnenbad gönnte? Fanny kannte die grässlichen Uniformen der Politessen und Politeure – so heißen die männlichen Abzocker im Staatsauftrag wirklich – bestens. Näherten die sich meinem Jaguar, fletschte er einfach die Zähne und räusperte sich vernehmlich. Das reichte, um sie dauerhaft zu verscheuchen. Keiner wollte von dem riesigen Viech gebissen werden.
Gab es einen besseren Schutz als meinen geliebten Köter?
»Das ist aber schön, dass du mich anrufst. Papi hat mich sooo schön genäht. Das müsstest du sehen. Klar können wir uns treffen. Willst du mich abholen oder wollen wir uns gleich irgendwo treffen …«
Ein Redeschwall, den ich kaum unterbrechen konnte. Den Tod ihrer besten Freundin schien sie schon abgehakt zu haben. Oder sie war völlig verunsichert und plapperte deshalb drauflos. Oder aber … das wollte ich nicht zu Ende denken …
»Wenn es dir nichts ausmacht, komm bitte zum ›Brenner‹, okay?«
»Mache ich gerne, Daniel. Aber ich brauch‘ noch ein bisschen.«
Von Altbogenhausen bis zur Maximilianstraße sind es selbst zu Fuß nur fünfundzwanzig Minuten. Ella brauchte mit einem Taxi eineinhalb Stunden. Sie war aufgedonnert, als wollte sie gleich wieder in einem Club abhängen, in dem sich gerade Johnny der Depp die Birne zuknallt und sie die neue Vanessa Paradis werden wollte.
»Siehst chic aus, Ella!«
Was sollte ich sonst sagen. Schließlich brauchte ich Informationen von ihr.
Ella hatte den Angriff auf sie erstaunlich gefasst hingenommen. Auch sie fing mit dem Thema nicht an. Warum ein junges Mädchen wie sie sich in der Lage zurückhält, war mir noch nicht ganz klar. Vielleicht wusste sie mehr, als sie preisgeben wollte.
»Wie geht es dir nach der dubiosen Geschichte von gestern?«, erkundigte ich mich dennoch und meinte es ehrlich.
»Gut, Daniel, gut. Mein Vater ist halt ein Künstler. Nicht umsonst ist er der angesagteste Beauty-Doc in Deutschland. Man sieht schon jetzt so gut wie gar nichts mehr und er spritzt mir Morphium, glaube ich, damit ich keine Schmerzen habe.«
Erstaunlich. Sag‘ ich doch.
Im ›Brenner‹ war Zickenalarm angesagt. Tödliche Blicke erreichten unseren Tisch. Nur Fanny ließ das alles unberührt. Er beachtete die Frau Tochter Schnippeldischnapp-Wolkenheim nicht und kehrte ihr seinen schönen Rücken zu. Ich sülzte sie zu, machte ihr Komplimente. Dass Anna eine solche Freundin hatte, damit war nicht zu rechnen gewesen. Aber mit dem Auftrag des Immo-Moguls Herzog und dreißig Riesen Vorschuss in der Tasche musste ich für mein Geld was tun.
Ich erfuhr im Laufe des Nachmittags eine Menge über die Drogenszene in München. Über ihren Vater und seine Freundschaft zu ‚Adi‘ Herzog, über einen gewissen ‚Dackelblick‘, der ebenfalls aus bestem Hause stammen sollte – Ellas Ansicht – und dessen Eltern auch mit ihren Eltern befreundet seien und wie die Geschäfte in den Clubs ablaufen.
Ella war eine wahre Fundgrube.
München ist in der Society ein Dorf. Jeder kennt jeden, jeder tratscht über jeden, jeder ist neidisch auf jeden und dennoch lieben sie sich alle.
Sie schien auch wahnsinnig verliebt in mich zu sein, zumindest betätschelte sie mich laufend. Sie wollte einen Aperol Spritz trinken, entschied sich aber dann doch für einen Latte und dann noch einen und noch einen.
»Papi sagt, ich soll heute keinen Alkohol trinken.«
Wenigstens das.
Sie schaute mir dabei tief in die Augen, machte mich die ganze Zeit an, dass es wirklich auch dem letzten Gast auffallen musste. Vermutlich hätte sie mich am liebsten auf der Stelle flachgelegt. So, wie man es im Allgemeinen nur Männern zuschreibt, dass sie es mit den Frauen machen wollen.
Nicht mit mir.
Ich hatte in den letzten Monaten dazugelernt. Mir war klar geworden, dass ich einen Schatz wie meine Anna nicht noch einmal auf der Erde finden würde. Die ganze Fremdgehkacke machen wir doch nur deshalb, weil wir uns alle beweisen wollen, was wir für tolle Hechte oder Hechtinnen sind.
Ich nicht mehr.
Ich war geheilt.
So hoffte ich zumindest. Obwohl ich sagen muss, dass die Ella schon ein echter Schuss war. Aufgetakelt oder nicht – sie hatte einfach eine mördermäßige Figur.
Und sie hatte eine positive, herzliche Ausstrahlung.
Darunter hatte der Intellekt leicht gelitten, aber wer braucht den schon, wenn man einen guten Fick haben kann. Dazu muss man ja nicht unbedingt das große Latinum gemacht haben.
Nachdem wir uns gut zwei Stunden verbal ausgetauscht hatten, Fanny mich des Öfteren ziemlich angefressen angeschaut hatte – das dämliche Viech, das ich so liebe, bemerkte aber auch alles!! –, wenn ich versucht war, den Verführungskünsten von Ella nicht zu einhundertzehn Prozent zu widerstehen, hatte ich einen Überblick über das, was ich brauchen würde, um den Mörder von Fee Herzog zu finden.
Ich orderte die Rechnung.
Der Kellner brauchte ewig.
Wir waren so gut wie in Aufbruchsstimmung, als ich intuitiv spürte, dass mich jemand beobachtete. Oder Ella. Oder uns beide.
Ich warf Fanny einen Blick zu.
Der bestätigte es mir.
Nur nicht wieder eine Schießerei.
Ich griff unauffällig in meine Jackentasche. Meine Derringer Double Tap hatte ich seit der Sache von gestern dabei.
Der Kellner kam mit der Rechnung. Ich bezahlte und dann sah ich die Augen.
Nein, den hatte ich noch nie gesehen, aber ich würde mir sein Gesicht einprägen.
Den ganzen Typen.
Er glotzte Ella an, als sei sie eine Prinzessin auf Brautschau. Na ja – sie war ja auch durchaus ansehnlich, um es mal altmodisch auszudrücken. Da glotzt ein Typ wie der schon mal, oder?
Die Augen des kleinen Mannes sagten mir alles:
Ich suche jemand Bestimmtes. Ich bin schlau, verschlagen, gefährlich, vorsichtig, eitel und brutal. Versuch erst gar nicht, dich mit mir anzulegen!
Ein zu kurz geratener Kleiderschrank mit einer Wampe. Bei der Schulterverteilung hatte er zweimal ‚hier‘ geschrien. Der Gang verriet mir, dass der Typ standfest ist. Einer, der Kampfsport macht. Oder machte. Zumindest das.
Eine Kampfmaschine auf zwei Beinen.
Vorsicht war angesagt.
Aber auch mit mir sollte er sich besser nicht anlegen. Ich war heiß darauf, den Sumpf auszutrocknen. Das Gespräch mit Ella war zumindest in dieser Hinsicht spitzenmäßig gelaufen.
Bevor der mächtige Kleine noch handgreiflich werden konnte, nahm ich Ella beim Arm und zerrte sie weg. Was ich gesehen hatte, reichte, um Vorsicht walten zu lassen. Fanny würdigte den Kleiderschrank mit keinem Blick mehr. Auch er wusste, wen er vor sich hatte.
Galt es nur noch herauszufinden, ob sein Besuch im ›Brenner‹ Zufall war, oder ob er es auf Ella oder mich oder uns beide abgesehen hatte. Oder war der rein zufällig im ›Brenner‹ gewesen und ich sehe schon Elefanten im rosa Nachthemd an mir vorbeilaufen …?
Da ich mich in der Welt der Halbwelt auskenne, war mir klar, dass ich nicht weiter darüber nachzudenken brauchte.
Pulsuz fraqment bitdi.