Kitabı oxu: «Freeport»
DANKMAR H. ISLEIB
FREEPORT
THRILLER
münchenMAFIAmord
4

Inhalt
PROLOG
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Kapitel XL
Kapitel XLI
Kapitel XLII
Kapitel XLIII
Kapitel XLIV
Kapitel XLV
Kapitel XLVI
PROLOG
ZU München empfinde ich inzwischen eine Hassliebe. Mit jedem Jahr meines Lebens in der Stadt werde ich unsicherer, ob es noch der Ort ist, an dem ich weiter leben möchte. Nun neigen wir Deutschen zwar ohnehin dazu, alles zuerst von der negativen Seite zu betrachten … Aber wenn man ein paar Monate woanders ist, im Ausland, im Urlaub, im Nach-Hochzeits-Wahn-Fieber, kommt man schon ins Grübeln. ‚Man‘ heißt in diesem Falle ich. Der letzte Fall hatte mich echt an meine Grenzen gebracht. Von mir aus können die Menschen machen, was sie wollen. Sie klauen, betrügen, morden ohnehin. Okay. Das gehört zum Menschsein. Leider. Daran habe ich mich fast gewöhnt. Wie heißt es im Alten Testament, Joel 1.4 (nach der Übersetzung Luthers)? „Was die Raupen übrig lassen, das fressen die Heuschrecken, und was die Heuschrecken übrig lassen, das fressen die Käfer, und was die Käfer übrig lassen, das frisst das Geschmeiß.“ Alles schön und gut. Aber Kinder, wehrlose Kinder, fast Babys, Jungs wie Mädchen vergewaltigen, auf grausamste Art töten und dann verbrennen?! Die das machen, nur ‚Geschmeiß‘?
Nein, unsagbar schlimmer.
Das hat wahrlich nichts mehr mit natürlichem, menschlichen Leben zu tun – und schon gar nicht mit Gerechtigkeit. Es ist einfach nur unvorstellbar abscheulich! Mich hat das Geschmeiß Jahre meines Lebens gekostet. Ja, ich bin schneller gealtert als erhofft. Meine Seele ist zutiefst verletzt worden. Regelmäßig, bei jedem neuen Job. Hätte ich nicht meine zwei Lieben, Anna und Fanny, an meiner Seite gehabt, ich wäre zum totalen Misanthropen konvertiert! Ehrlich!
Diesmal fiel es mir besonders schwer, wieder in den Alltag zurückzufinden. Mein Fehler war es, im Netz die News aus München zu verfolgen. Fast nur negative Schlagzeilen. Beim Surfen an nur einem einzigen Tag …
„Münchens teuerste Schweinshaxe: geklaut!“,
„Touristen-Boom setzt sich fort. München frohlockt!“,
„Anklage gegen Steckdosen-Sadist fast fertig!“,
„Einbrecher immer dreister – neue Methode bereitet der Polizei Sorgen“,
„Wohnungsnot in München wächst – Preise auf neuem Rekordhoch“,
„Münchens Quadratmeter kostet mittlerweile im Schnitt 10.140 Euro“,
„420.000 Euro Miete für zehn Personen“,
„Maskierter Audi-Fahrer rast in Radarfalle“,
„Bayerns Polizisten bekommen neue Hilfsmittel“,
„Garage zugeparkt: Frau meldet Mord am Ehemann“,
„In München leben immer mehr Reichsbürger“,
„Bronzesau vor dem ›Paulaner‹ im Tal versucht zu klauen – Diebe brechen ‚Resis‘ Huf ab“ (das Frontschwein beim Paulaner im Tal),
„BMW kauft sich offenbar für 800 Millionen Euro beim FC Bayern ein“
Das ist alles der reinste Wahnsinn, oder?! Ist der Fußball nun wirklich das Nonplusultra? Muss Wohnraum jedes Jahr teurer werden? Warum zahlt München für zehn ‚Abschiebehäftlinge‘ für deren Unterkunft am Münchener Flughafen pro Monat 420.000 Euro? Eine Monatsmiete von 42.000 Euro pro Person für ein Zimmer – das kann ich mir nicht leisten, echt! Wäre das Geld nicht besser im sozialen Wohnungsbau ausgegeben? Wer stoppt den Irrsinn? Und: Brauchen wir in München immer mehr Touristen – bahnt sich ein zweites Venedig an?
Armageddon in Minga?
Warum heißt es nicht mal: „Maskierter Reichsbürger brach sich das Bein beim Verzehr einer bei BMW für 800 Millionen Euro geklauten Schweinshax‘n?! …!“
I
FUCK! Mein Privatleben ist mir heilig! Erst recht an den Wochenenden. Das sollte sich in München doch inzwischen rumgesprochen haben! Warum begreifen das meine Klienten nicht? Gerade war ich mit Anna, Frau Fischer-Richter, meiner fast einzigen Frau, von meiner längst überfälligen Hochzeitsreise nach München zurückgekehrt, als mein Handy auch schon klingelte.
Freitagnachmittag.
Zu der Stunde, wo die sich affengeil findenden Typen im Designer-Outfit schon die erste Line reingezogen haben, dann angefixt den Straßenverkehr zur Mördermeile machen und die Tussis sich aufbrezeln – als stehe schon wieder eine völlig uninteressante Hochzeit im britischen Königshaus an –, um sich von irgendeinem der Gegelten mit Kohle erst ins XY einladen zu lassen, um ihm dann später, ganz unverbindlich, als Dankeschön, einen zu blasen.
Es war kurz nach 16:00 Uhr. Den Anrufer kannte ich. Stimmen sind etwas Einmaliges. Und diese erst …
Ich wollte es mir nicht leisten, den Mittelfinger zu heben und dem einen Korb zu geben. Klar, wir hatten geerbt, besser gesagt meine Anna, aber ich wollte nicht abhängig sein. Außerdem liebe ich irgendwie auch meinen Beruf. Na ja, was heißt schon ‚Beruf‘ – eher meinen Job. ‚Beruf‘ klingt in meinem Fall so nach Ärmelschoner, sterilem Büro und langweiligen Kollegen, die nur …
»Doktor, kommen Sie sofort zu mir. Sie wissen doch, wo ich wohne?! Es ist nur um die Ecke, okay?!«
»Klar doch. Heute wird das aber nichts. Ich bin gerade erst angekommen. Hochzeitsreise, Sie verstehen …?«
»Das ist gut so. Dann brauchen Sie gar nicht erst auspacken. In zehn Minuten bei mir. Ich verlasse mich auf Sie!«
Zack, der Oberarsch hatte aufgelegt, bevor ich die sauerstoffreiche Grünwalder Luft erneut einatmen konnte. Ging gar nicht darauf ein, was ich ihm gesagt hatte.
Was nun?
Fünf Milliarden gegen meine Faulheit.
Ein Mann, der schwebt. Ein Mann, der nicht geht, nicht schreitet – einer der schwebt!
Jesus oder Papst?
Wer kann schon auf Wasser latschen?
Wie kann ich dem Paroli bieten?
Was will der von mir?
»Anna, du kennst das schon. Der Folgmann hat gerade angerufen. Da scheint es was für mich zu tun zu geben. Ich gehe mal kurz rüber. Machst du uns bitte inzwischen einen Tee? Das wäre ganz lieb von dir! Es dauert nicht lange. Bin gleich zurück.«
Anna zeigte mir ihre Enttäuschung nicht, aber ihre Augen sagten, dass nicht der, der mich zwang zu ihm zu kommen der Oberarsch sei, sondern ich.
»Fanny, lass uns gehen!«
Der Mistkerl drehte nicht mal seine Lauscher zu mir. Der war noch immer stinkig. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht wollte er wieder zu der deutschen Wachtelhündin, dieser Rothaarigen mit dem seidigen Fell, die ihm auf Capri total die Schnauze verdreht hatte. Wir waren für ein paar Tage im ›Tiberio Palace‹ abgestiegen und diese dämliche Wachtel hatte meinen Tosa Inu völlig Gaga gemacht. Sie war der Stolz des Hotelbesitzers und ausgesprochen gepflegt. Die weinrote Wachtelhündin mit weißer Blesse und weißer Wamme lag im Foyer des Hotels auf dem schwarzen Marmor, hörte auf den Namen Lola und glotzte meinen Fanny an, als sei er der erste richtige Köter, den sie sieht. Eine Schönheit. Sie. Aber was wollte mein Riesenklotz mit dem zarten Wesen? Einem Schnüffelhund! Schnüffler bin doch ich, wenn ich dafür gut bezahlt werde, oder?!
»Fanny!«
Na endlich.
Er bequemte sich, seinen inzwischen auf etwa 85 Kilo abgemagerten Body gemächlich in Bewegung zu setzen, warf Anna einen Blick zu, der eigentlich mir galt und soviel sagte, wie … der kann mich mal …! und trottete hinter mir her, als sei ich ein armseliger Pudel mit Bommel, kahl rasiertem Hintern und riesiger Krone – und nicht die italienisch-deutsche Schönheit.
Ich klingelte und eine Asiatin öffnete mir. Bildschön und in traditioneller Kleidung ihres Landes. Sie begrüßte mich mit dem für die Region üblichen Wai. Das ‚Wai‘ ist das Verbeugen mit zusammengeführten Händen gegenüber dem zu Begrüßenden. Sie tat das formvollendet. Das heißt, sie zeigte mit ihrer Art der Begrüßung, dass sie die sozial niedriger gestellte Person sei, jünger und von großem Respekt mir gegenüber. Die Arme dicht am Körper, die Handflächen eng beieinander; sie berührten ihren Körper im Bereich des oberen Brustkorbs und das Heben und Senken der Hände geschah in einer flüssigen und langsamen Bewegung. Ich war mir nicht sicher, ob die Ehrerbietung mir galt oder aus Angst vor dem Folgmann erfolgte …
»Folgen Sie mir bitte, Herr Doktor Richter.«
Was für eine bezaubernde Stimme. Aus dem Singsang hätte man glatt einen Hitsong basteln können. War die hier wirklich nur als Türöffnerin angestellt? Oder war sie die Neue des Neureichen? Man munkelte, dass seine beträchtlich Jüngere, ihm Angetraute, des Öfteren den Hubschrauber oder einen Jet seiner Firma nahm, um kurz mal mit einem zweibeinigen Hengst in das Chalet der Familie in Davos-(am schönsten ist) zu fliegen, sich dort – sie war eigentlich ein wenig plump, hatte aber über die Jahre durchaus etwas von einer gut eingerittenen Stute vom Lande, was man nicht nur an ihren O-Beinen sah – gut durchvögeln zu lassen, um dann den Eitlen besser ertragen zu können.
»Bitte folgen Sie mir, Herr Doktor.«
Kein Hohn in der Stimme, kein Zynismus. „Herr Doktor“. Aus ihrem Mund klang das bewundernd. Vielleicht glaubte sie, mein Spitzname in der Branche wäre ein durch Universitätsabschluss erarbeiteter Titel … In dem Moment ging mir durch den Kopf, wie viele Politiker in Deutschland ein ‚Dr. Peinlich-Plagiat‘ in ihrem Namen trugen, von einem Karl Theo von Guttenberg über Annette Schavan, Jorgo Chatzimarkakis bis hin zu Silvana Koch-Mehrin – alles Betrüger …
Sein „Doktor“ kam mit einer leicht überzogenen, um nicht zu sagen starken Arroganz rüber, als er mich anrief. Aber auch Ärger und Nervosität konnte ich in seiner Stimme erkennen, die gewohnt ist, dass man ihr folgt. Nein, nicht folgt: pariert! Er glaubte allen Ernstes, dass er der tollste Mann in Grünwald, München, Bayern, Deutschland und Umgebung sei. Der „Herr Professor“, wie er sich gerne anreden ließ, obwohl er nie an einer Universität gelehrt hatte, und im Gegensatz zu mir – der ich gar keine, nicht mal eine gefälschte mein Eigen nannte – eine echte Doktorarbeit über irgendetwas total Unwichtiges geschrieben hatte, saß auf einem unglaublich hohen Thron. Das verwunderte mich nicht, war er doch eher – optisch betrachtet (und auch sonst?) – ein kleines Kerlchen …
Die asiatische Schönheit hatte mich in einen Salon geführt, der eher wie ein gut proportionierter und mit Kunst gefüllter Ausstellungsraum eines feinen Münchener Museums auf mich wirkte. Unwohnlich, aber es stank hier nach verdammt viel Kohle …
Ich erkannte einen Jeff Koons, einen Chagall und einen Gerhard Richter.
II
FORT Knox war gestern, ging es mir durch den Kopf, als ich das futuristische Foyer des ›Le Freeport‹ in Singapur betrat. Die Lasernetze, die das Gebäude von innen nach innen, von innen nach außen und von außen nach innen, von oben nach unten, von unten nach oben bewachten, waren Sekunden vorher ausgeschaltet worden. Meine beiden Begleiter schienen Experten für den Freeport zu sein. Jedenfalls waren wir drin, schneller als man sich eine Zigarette anzündet.
Passcode und Fingerabdruck-Scan.
Wow!
Der Singapur Freeport ist eine riesige Schatzkammer mit dicken Stahlwänden und -türen. Vibrationsdetektoren machen das Ganze selbst für Meisterdiebe praktisch unknackbar. Gehörten meine Begleiter zum Team des Freeports? Wie kommt ein Mann wie der ‚Schwebende‘ an diese Typen? Eine sicher sauwertvolle auf Hochglanz polierte riesige Stahlskulptur dominiert die beeindruckende Lobby. „Käfig ohne Grenzen“ nennt der Künstler die etwa 40 Meter lange und 30 Tonnen schwere Wabenstruktur, eine spiegelnde Schleife, die sich durch den ganzen Raum zieht. Dahinter verbirgt sich der schönste Tresor der Welt …
Man hatte mich erst vor wenigen Stunden kontaktiert. Folgmann hatte mir sein Apartment in Taipeh zur Verfügung gestellt. Er wollte jedes Aufsehen vermeiden und lehnte ein Hotel für mich ab. Zwei Männer standen vor meiner Tür im 8. Stock eines eleganten Wohnpalastes in Wenshan, der bevorzugten Wohngegend der Wohlhabenden in der Hauptstadt Taiwans, sagten nichts und doch alles. Ich zog meinen Parka über, nahm meine – immer reisebereite – Segeltuchtasche im Vorübergehen im Flur des luxuriösen Apartments auf und ging mit ihnen.
Wortlos.
Die Motoren der Cessna Citation 750X liefen bereits, als wir – drei Männer in Schwarz – die Maschine, die auf dem internationalen Flughafen ›Taiwan Taoyuan‹ auf uns wartete, betraten. Fünf Stunden später – noch immer war zwischen den Männern und mir kein einziges Wort gefallen, nur Fotos gingen durch unsere Hände und die Asiaten warfen mir bedeutungsvolle Blicke zu – landeten wir auf dem ›Changi Airport‹ in Singapur. Eine ebenfalls schwarze Tesla-Limousine wartete an der Gangway. Man hatte es offensichtlich eilig. Ich warf mir meinen schmutzig-grünen Parka über die Schulter, die Reisetasche. Andere hätten bei 34° Lufttemperatur und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit geschwitzt, aber mir machte das nichts aus. Das letzte halbe Jahr hatten wir, Anna, Fanny und ich, fast nur in den Tropen verbracht und uns zum Abschluss, damit wir uns wieder akklimatisieren konnten, auf Capri noch ein paar Tage in einem Wellness-Paradies gegönnt. Mein Body war fitter als der von Jessica Biel und Lucy Liu – okay, das sind tolle Frauen, mein Versehen, sorry –, ich meine Jake Gyllenhaal und Matthew McConaughey zusammen!
Noch immer unbeeindruckt saß ich im Fonds des lautlos agierenden Tesla. Es waren nur knapp 1.800 Meter bis zur 32 Changi North Crescent, denn der ›Le Freeport‹ steht in der Freihandelszone des Flughafens. Ein Hochsicherheitslager der Superlative für Kunst und Wertgegenstände jeglicher Art. Nachdem ich mich noch während des Fluges – in einer von Folgmann für mich gecharterten Maschine; man gönnt sich ja sonst nichts – von München nach Taipeh so gut es ging über meinen Auftraggeber und seine Vorlieben schlaugemacht hatte, ahnte ich schon in etwa, worum es sich bei seinem ominösen Auftrag handeln könnte. Allerdings war ich irritiert, dass er mir als Ziel der Reise Taipeh angab. Gab es dort ein Museum, eine Galerie von Weltrang, die ich nicht auf dem Schirm hatte?
Es konnte sich eigentlich nur um Kunst handeln. Die sammelte Folgmann wie blöd. Das war unter den Sammlern, die nicht auf ein Milliönchen mehr oder weniger achten müssen, weltweit bekannt.
Und nun das!
Mir kam es wieder in den Sinn: Vor etwa zwei Jahren hatte ich zufällig im österreichischen Fernsehen einen interessanten Bericht über die wenigen Freeports mit der Spezialisierung auf Einlagerungen in Richtung teurer Kunstartikel gesehen. Es sind weltweit nur ein paar Logistikanlagen, die eine fachgerechte Lagerung und Verwahrung von Kunstwerken jeder Art und anderen extrem wertvollen Objekten in hochmodernen, biometrisch gesicherten Räumen und Stahlkammern bieten. Das, was dahinter steckt, hatten sich die Erfinder der Freeports sehr clever ausgedacht. Für die Dauer der Nutzung eines ‚Lagers‘ in den Freeports fallen keine Mehrwertsteuer, keine Zollgebühren an. Zudem sind alle darin erbrachten Dienstleistungen steuerfrei. Die Kunstgegenstände werden an einem quasi neutralen Ort eingesperrt, aber nicht weggesperrt. Sie verstehen? Ominöse Firmen, die meist in Steueroasen angesiedelt sind, mieten ‚Lagerraum‘ an, die diese ominösen Firmen – also Briefkastenfirmen – dann an die eigentlichen Mieter untervermieten. Verträge, die keiner einsehen kann. Freeports dieser Gattung sind letztlich Museen im Niemandsland. Die Museumsbesucher? Anwälte, Treuhänder, Superreiche. Die Kunstwerke können in den Freeports komplett zoll- und steuerfrei gehandelt werden, aber auch an private und staatliche Museen weltweit ausgeliehen und ausgestellt werden, ohne dass die Eigentümer die steuer- und zolltechnischen Vorteile einbüßen. Genf, Singapur, Peking, London und Luxemburg. Da stehen die Dinger und ich nun mitten in einem. Wow!
Die Freeports sind aufregender als Schatzinseln und die tollsten Frauen der Welt zusammen.
Wenn man denn auf Kunst und Kohle steht.
In der Dokumentation im TV sagte der Professor, der das alles bis ins letzte Detail recherchiert hatte, dass diese Freeports die cleverste Erfindung seit der des Wagenrads, der Glühlampe und der einarmigen Banditen wären: Cargo Crime und organisierte Kriminalität – das sei die eigentliche Bedeutung derartiger Logistikzentren. Eben steuerfreie Luxusoasen für die Kunstschätze von Superreichen. So sicher wie Fort Knox. Hier lagern on top Gold, Diamanten, edle Weine. Alles anonym, versteht sich. Es gibt für die Nutzung der Safes in den Freeports ein Werk von Codes und Regelwerken. Kryptographie und Datensicherheit – das gewährleisten die IT-Gurus der Bluechip-Sammler, die in grauer Vorzeit mal ihr Vermögen als Investment-Banker gemacht hatten und nun im Handel von Kunst ihre Ultima Ratio sehen. Für Außenstehende und eventuelle Kontrolleure von Finanzbehörden undurchschaubar.
Das heutige Wirtschaftsleben wird von globalen Lieferketten geprägt. Waren werden weltweit gehandelt, transportiert und gelagert, täglich und rund um die Uhr, ohne Pause: Kunstwerke für Museen, Galerien, Auktionshäuser oder Sammler, Edelmetalle, Uhren, Schmuck, Diamanten, Dokumente und andere Luxuswaren. Sammler, Kunsthändler, doch mehr noch Investoren, Museen, Banken, Vermögensverwalter und Investmentfonds, nutzen die Freeports für ihre undurchsichtigen, um nicht zu sagen blitzblanksauberschmutzigen Geschäfte …
Was ich jetzt zu sehen bekam, war selbst für mich ein heftiger Anblick, so dass mir der Atem stockte und ich sehr, sehr tief durchatmen musste, ohne dass meine stillen Begleiter das bemerkten: Auf dem stark glänzenden, anthrazitfarbenen Marmorboden lag der mir – durch die während des Fluges gezeigten Fotos und das kurze Dossier – nun auch namentlich bekannte Anwalt. Dunkelblauer Maßanzug, Savile Row, London, hoch geknöpfte Weste, ehemals blütenweißes Hemd, orangefarbene Hermes-Seidenkrawatte, leicht gelockert, die Anzughose bis zu den Knöcheln heruntergezogen. Man hatte ihm einen angespitzten, circa dreißig Zentimeter dicken und etwa einen halben Meter langen Holzpfahl in den Hintern geschoben. Nein, deutlicher: mit einem Vorschlaghammer in den Arsch getrieben. Bis sein Becken zerplatzt war.
Peng.
Unfein.
Scheiße. Pisse, Blut, Knochensplitter und die Reste einer vermutlich ehemals blütenweißen Unterhose.
Ebenfalls von der Savile Row.
Ein Ritualmord.
Das macht die Camorra mit ihren schwulen Freunden. Also mit denen, die sie verraten. Die nennt man auf Sizilien „schwul“. Aber auch in feineren Kreisen in der Schweiz war das Pfählen in diesem Bereich des menschlichen Körpers ein Zeichen besonderer Liebe, wie auch die Japaner der Sub-Organisationen der Yakuza nicht abgeneigt waren und sind, ihren allerliebsten Feinden den besonderen Beweis ihrer Zuneigung auf diese Weise zuteilwerden zu lassen. Ich war damit zum ersten und – bis heute – einzigen Mal konfrontiert worden, als ich noch für das Münchener LKA arbeitete und wir einen Fall internationaler Kriminalität – Geldwäsche, was sonst – zu bearbeiten hatten. Undercover beobachtete ich über Monate einen Münchener Anwalt, der auffällig viele Kontakte zu einem Kollegen Abogado in Spanien hatte. Der war ein ganz übler Typ. Völlig unauffällig, zart, sanft, leise in seinem Auftreten, schütteres Haar, korrekte Manieren, überaus höflich und zuvorkommend. Ein Mensch, von dem man glaubte, dass der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte. Für seinen Job angeblich angemessen, aber letztlich doch zu aufgedonnert gekleidet, um seriös zu sein. Manikürte Finger- und Fußnägel, schweres Parfüm und auf mich total durch den Wind und zerfahren, dauernervös und eigentlich unsicher wirkend. Dabei war er ein wahnsinnig raffinierter Geldverschieber. Kein Wunder: Gibraltar ist von Marbella, dem Hot-Spot der Schönen und manchmal auch wirklich Reichen, nicht weit entfernt. Briefkastenfirmen gibt es in Gibraltar mehr als Tauben, die ständig die Straßen vollkacken, und Berberaffen, die den Touristen die Handtaschen aus der Hand reißen, um Fressbares zu ergattern. Der spanische Jung-Abogado verstand sein Handwerk. Bis wir ihn eines Morgens in seinem Haus in Nueva Andalucia, einem eleganten Stadtteil von Marbella, fanden, meine spanischen Kollegen und ich. Herr Abogado hatte sich mit den Falschen angelegt. Albanische Mafia. Der Señor Abogado sah damals identisch aus wie der Herr im feinen Zwirn eines Londoner Maßschneiders …
Gefickt.
Eine Warnung. An wen? Für wen, gegen wen?
Mein Auftraggeber? War er …? Was lief da ab? Das Gespräch in München-Grünwald verlief schon recht merkwürdig.
Ja, er kam in den Salon geschwebt. Das Schweben war auch notwendig, denn rein körperlich betrachtet ist der Typ kaum etwas höher als mein guter Fanny. Ohne sein lächerliches, arrogantes Schweben wären Fanny und er sich glatt auf Augenhöhe begegnet.
Fast …
Fanny hatte ich bewusst mitgeschleppt, obwohl der gedanklich nicht ganz bei der Sache war … Lady Lola lockte laufend …
Seine Majestät, ‚Professor‘ Dr. Folgmann der Einzigartige, übersah den Kampfhund geflissentlich, obwohl …
»Fliegen Sie sofort, und ich meine sofort, nach Taipeh. Hier ist die Adresse, zu der Sie dort fahren. Warten Sie in der Wohnung. Sie werden abgeholt. Das organisiere ich alles. Ich muss wissen, und ich meine, ich muss wissen, was dort gelaufen ist! Man wird Ihnen die notwendigen Informationen zukommen lassen. Schätze, mit dem Vorschuss sind Sie zufrieden.«
Herablassend.
Selbst Fanny bemerkte das und ließ seinerseits seine Lefzen mindestens ebenso herablassend hängen und zudem einen feinen, nicht hörbaren Furz in dem Wohnmuseum stehen, als die nicht mal eine Minute dauernde Audienz durch das ängstliche Davonschweben des ‚Schwebenden‘ abrupt beendet wurde.
Angst vor Fanny oder vor der Sache, über die er mir nichts sagte?
Das war es dann mit meinem für mich unbefriedigenden Kurzbesuch beim König der deutschen Werbeagenturen.
Folgmann hatte den ersten Laden mit 22 Angestellten von seinem Vater übernommen und binnen weniger Jahre mit dem Geld seines Alten und viel Cleverness weitere 17 Agenturen dazugekauft. Seit einer Dekade war er der Größte der Werbeindustrie, zumindest weltweit in Deutschland. Und auch sonst kannte man ihn. Seine primitiven, aber durchaus die Massen ansprechenden Slogans waren Kult geworden und er zum Milliardär. Inzwischen arbeiteten über 7.000 Fuzzis der Sprüche und der optischen wie akustischen Verblendungen für ihn. Worldwide in Bavaria und angrenzenden Gemeinden auf verschiedenen Kontinenten.
Klar, nicht nur mit Werbung, auch mit dem Handel von Grundstücken und dem Ankauf und Verkauf von Kunst scheffelte Jacob Folgmann Geld. Mit einem prall gefüllten Portemonnaie lassen sich mittelmäßige Gemälde günstig erwerben und mit sensationellen Gewinnen an Neureiche in aller Welt verscherbeln. Man muss nur für einen wahnsinnigen Hype sorgen. Geht, wenn man, ja, wenn man ein paar clevere Werbestrategen hat, die den durchschnittlichen Künstler zur außergewöhnlichen und bahnbrechenden Kunstfigur seiner Epoche hochstilisieren. Dazu gekaufte Gutachter und Galerien, die einen Run auf das eigentlich mittelmäßige oder minderwertige Zeugs auslösen und die bemalten Leinwände in Holzrahmen zu wahren Ikonen der Kunst werden lassen. Kunst als reines Anlageobjekt. Dann kaufen neureiche Russen, noch neureichere Chinesen, Koreaner, Inder, immerreiche Drogenbarone und andere ahnungslose Parvenus ‚große Kunst‘. Mit zweifelhaft erworbenem Reichtum nun noch reicher werden … Kunst ist neben Drogen zu einem der lukrativsten Geschäfte geworden. Drei Professoren angesagter Kunstakademien, die etwas Geheimnisvolles in das Gemälde „Zum Hinteren Vorhang“ hineingeheimnissen, eine Expertise von den führenden Kunstexperten des alten Europas – gegen gute Kohle auf die Schnelle angefertigt, der arme Herr Professor Dr. Dr. Kunst möchte ja auch ein Stück vom großen Kuchen abhaben – und schon hat man ein paar Millionen verdient. Ein riesiger Markt, was man so hört und liest. Der Kunstmarkt. Und große Museen helfen dabei. Denn wenn sie den ‚Künstler‘ B.E. Schiss ausstellen, dann verdreifachen sich die aufgerufenen Preise unverzüglich. Offizieller Umsatz: um die 60 Milliarden Dollar pro Jahr. Nimmt man den Schwarzmarkt, oh, Pardon, den inoffiziellen dazu, kommen noch mal 140 Milliarden dazu. Der Kunstmarkt …
Also die Kunst, überwiegend aus Scheiße Gold zu machen.
Die neuen Alchemisten …
Das war mir bekannt … Und auch, dass Folgmann diesem Erfolgsprinzip mannhaft folgsam folgen sollte. Günstig kaufen, mit hohem Gewinn weiterverkaufen. Kapitalismus pur.
Ging es darum?
Gesagt hatte er mir nichts.
Armleuchter bleibt Armleuchter.
Während seine Empfangsschönheit meinen Kampfhund ganz lässig übersehen hatte, als ich des ‚Schwebenden‘ Villa betrat, verhielt er sich so wie die deutsche Mutti, als sie Putin im Kreml besuchte und der seinen zahmen Dackel ganz nonchalant neben ihr sitzen ließ: von Furcht und Ekel angewidert. Mutti. Und nun auch der ‚Schwebende‘? Vielleicht war deshalb sein Statement so kurz und für meine von mir geforderte Recherche unbefriedigend ausgefallen …
„Ich muss wissen, und ich meine, ich muss wissen!, was dort gelaufen ist!“
Dass ich scheinbar so gelassen vor der auf besondere Weise geschändeten Leiche stand, verdankte ich meinem unerbittlichen Trainingspensum während der letzten Monate. Härte war mein Programm. Meine über alles geliebte Anna hatte einen gestählten Körper verdient, kein lasches Ei, so wie mein Auftraggeber es definitiv war. Und da ›Le Freeport‹ über eine hervorragende Klimaanlage verfügte, bildete sich nicht einmal der Ansatz einer Schweißperle auf meiner Stirn. … Talkin’ ‘bout hard times / Lord those hard times / Who knows better than I? … (Sie sprechen über harte Zeiten / Gott, diese harten Zeiten / Wer weiß das besser als ich …?)
Ray Charles wollte sich mit „Hard Times“ in ein paar graue Zellen von mir eingraben.
Zu spät.
Sie waren längst da.
III
IN der Kanzlei von Duke Adam-Archie Ashtenholm III, Lowndes Place, im Herzen von London-Belgravia, war seit etwa einer Stunde kein Laut zu hören, obwohl die Teilhaber der gediegenen Anwaltsfirma alle in ihren Büros saßen. Nun ja, es waren nur drei – und die gehörten zur Familie des Duke:
Sein Bruder Earl Byron-Blake Ashtenholm,
Adam-Archies uneheliche Tochter Lady Abigail-Annabelle,
sein Neffe Baron Edward Landress, der eigentliche Fuchs in der Kanzlei.
Abgebrochenes Kunststudium, da er schon nach zwei Jahren studentischer Mühen bemerkte, dass er kein Talent zur Malerei hatte. Er wurde dank seines Titels Assistent in der Londoner Galerie Weiß&Weiß. Baron Landress, einer, der jeden Galeristen, jedes renommierte Auktionshaus, jedes Museum für die malerischen Künste im In- und Ausland in- und auswendig kannte.
Eine Anwaltsgehilfin oder Sekretärin konnte man in der verschwiegenen und letztlich in London kaum bekannten Kanzlei nicht finden. In speziellen Kreisen allerdings waren der Duke und sein kleines, familiäres Team sehr wohl bekannt. Wenn sie ein mit echtem Goldrand gefasstes Visitenkärtchen an Klienten gaben, dann stand da nichts weiter als der Name drauf. Der Rest waren Verschwiegenheit und Mundpropaganda. Es gab auch kein Schild an der Tür „Duke Ashtenholm Solicitors“ oder Ähnliches. Nur eine Klingel.
Und nun Stille in der Kanzlei, warum nur …
IV
EIN völlig anderes Bild bot sich in Sofia. Hier residierte Dragomir. Am Stadtrand der Hauptstadt, am Fuße des Witoscha-Gebirges, hatte er sich seinen Palast gebaut, nein, erbauen lassen. Neureich und genauso geschmacklos, wie sich die Reichen und ganz Reichen, die, die sich Adelige nannten und nennen und zumeist durch Mord und Totschlag, Betrug und Ausbeutung, klassisches oder modernes Sklaventum vor Jahrhunderten zu ihrem in der Regel unrechtmäßig erworbenen Reichtum gekommen waren und sich ihre protzigen Schlösser, besonders auffällig seit der Renaissance, hinsetzen ließen. Nein, der Palast von Dragomir war nicht ganz so groß wie Versailles mit seinen 1.800 Zimmern und Hunderten von Nebengemächern und auch nicht aus der Renaissance, aber mindestens ebenso geschmacklos wie Schloss Neuschwanstein.
Dragomir?? Ja, nichts als Dragomir. Der hatte es sogar durchgesetzt, dass in seinem Pass nur DRAGOMIR stand. In Großbuchstaben. Wie bitte? Das lag daran, behaupteten die, die ihn bewunderten, dass er mit dem derzeitigen Präsidenten des Landes zur Schule gegangen sei. Der hätte das einfach so bestimmt. Няма дискусия (keine Diskussion)! Sie gingen hinter vorgehaltener Hand sogar so weit, sagten das allerdings nur zu ihren allerbesten Freunden – also jedem, den sie kannten –, dass der der eigentliche Boss der zwielichtigen Geschäfte sei und Dragomir bei ihm abliefern müsse … Was halt so in den Kreisen der besseren schlechten Gesellschaft alles geredet wird, wenn der Tag lang ist und die Nächte noch länger …
Dragomir saß mit drei seiner Kumpels – es war inzwischen zwei Uhr nachts und es lagen sieben Flaschen Wodka, drei Literflaschen Cola und acht Flaschen Rakija, alle leer, auf dem fleckigen Boden – auf goldeingefassten Samtsesseln und sie spielten Black Jack. Der einst teure Teppich – ein Ghom mit geringer Florhöhe und besonders hoher Knotendichte von 600 mal 1760 Knoten pro Quadratzoll, für den Dragomir vor zwei Jahren mehr als eine halbe Million Dollar hingeblättert hatte – könnte Geschichten von Besäufnissen und Sexorgien erzählen, aber er hielt sich vornehm zurück, anders als die Typen, die auf ihm herumtrampelten.
Begonnen hatte der Abend, wie üblich, mit dem Antrinken mit bulgarischem Zwetschgen-Sliwowitz/Rakija aus der Gegend von Elena. Diesmal war der Anlass ein besonderer.
»Für die Seele des Verstorbenen«, eröffnete Dragomir mit seinen Kumpanen den Abend. Sie tranken einen kräftigen Schluck Rakija und tropften dann ein paar Tropfen des edlen Schnapses auf den Boden, den edlen Ghom.
Und ein anderer setzte fort: »Gott soll für ihn sorgen.«
Dann schütteten sie wieder ein paar Tropfen auf den Boden, also den feinen Perser-Teppich, so wie es bei Hochzeiten und Todesfällen in einigen slawischen Ländern üblich ist, und schütteten sich die nächsten 100 Gramm mit Hochprozentigem erst in die Gläser, dann auf Kommando in ihre Kehlen. Nach der ersten Stunde waren die vier eigentlich schon mehr als gut abgefüllt. Gesprochen wurde wenig, um nicht zu sagen gar nichts, außer »Für die Seele …«, dann: »für die See …«, dann: »… für…«, » … «.
Man war längst zu Wodka übergegangen und hatte nebenher auf vielfachen Wunsch eines einzelnen Herrn, Dragomir, mit dem Spielen begonnen. Der Jüngste fungierte als Croupier und gerade hatte Dragomir, wer sonst, einen Siebener-Drilling präsentiert. Anlass, eine neue Flasche zu öffnen und noch mal kräftig einen zu heben. Ansonsten wusste keiner der Spielfreunde Dragomirs, weshalb sie eigentlich Toasts ausgesprochen hatten, und schon gar nicht, wem sie galten. Das war auch unwichtig, solange genügend zu saufen im Haus war. Drago war der Boss. Punkt.
Um zwei Uhr zwei klingelte das Handy von Dragomir. Er registrierte es nicht mal mehr richtig, stierte vor sich hin und lallte etwas Unverständliches in sich hinein.
»Das ist dein Handy, Drago!«
»Scheiße, das ist deines, du Hurensohn!«
»Nein – deins!«
Er fischte es vom Tisch, aber es gelang ihm erst mit dem dritten Anlauf, es auch zu treffen, denn er sah mehr als drei iPhones zwischen den Karten liegen …
»Ja!?«, brüllte er in das goldene Smartphone.
»Er ist nun auch da, wo er hingehört. Genau so, wie es dein Auftrag war!«
»Fick dich!«
Wen er damit meinte, ließ er offen. Schmiss sein Handy zurück auf den Tisch, traf ihn nicht. Das smarte Handy landete im Kamin. Zwischen den noch glühenden Holzresten. Der Jüngste spielte Held. Versuchte es rauszufischen, vergebens. Seine Hand erfreute sich nur mäßig an den Brandblasen, das goldene Handy verglühte langsam aber sicher. Die idiotische Rettung, die nach hinten losging: Der Junge nahm eine Flasche Sliwowitz, wollte damit die Glut löschen. Die Glut missverstand das und schon kam wieder richtig Feuer auf!
Dragomir befahl:
»Mach die da auf!«
Seine linke Hand deutete auf eine silberne Vitrine, in der eine riesige Fünf-Liter-Flasche Ruinart Rosé Champagner stand. Seine glasigen Augen lagen angeblich auf denen des jungen Croupiers, aber das war ein Irrtum …
V
»KOMM, noch einmal solltest du mir jetzt den Hengst machen! Los, ich will mehr, dein Schweif weiß doch sonst immer, wie er mich beglücken kann!« Tanja wischte sich in dem überheizten Chalet – der Kamin glaubte wohl, es wären schon 15° Celsius, minus – die Schweißperlen mit dem neben ihr liegenden und ziemlich zerrissenen seidenen Nichts von der Stirn, bäumte sich noch einmal auf und forderte ihren Lover vielsagend auf, es ihr zu „besorgen“, wie sie sich – total langweilig und eher abturnend – bieder ausdrückte.
Fantasie war nicht ihre Stärke.
Wie auch.
Sonst hätte sie sich nicht auf den ‚Schwebenden‘ eingelassen. Denn der war Langeweile pur. Der kannte nur sich, blöde Werbesprüche, Bilder, Zahlen und Macht. Bewunderte sich ständig im Spiegel und ihm ging schon in Gedanken fast einer ab, wenn wieder etwas Tolles über ihn in irgendeiner Gazette zu lesen war. Minderwertigkeitskomplexe. Lag es an seiner Körpergröße oder an seiner fast nicht mehr vorhandenen Manneskraft? Ihr war das alles scheißegal. Sie verpulverte sein Pulver und ließ es sich mit regelmäßig neuen Hengsten gutgehen.
Der Aufgeforderte übersah ihre durchaus reizvolle Stellung. Er hatte nur Augen für die SMS, die er gerade erhalten hatte. Ein fieses Grinsen überflog sein Gesicht. Das konnte Tanja nicht sehen, weil er ihr seinen behaarten Rücken zugewandt hatte. Sie blickte voll Gier auf seinen muskulösen Oberkörper und das Tattoo. Eigentlich waren es fünf. Fünf Sterne, die sich vom linken Schulterblatt bis zum rechten zogen. Natürlich wusste die Stute nicht, was die fünf Sterne bei der italienischen, aber auch der russischen und anderen Zweigstellen der Mafia im ehemaligen Ostblock bedeuteten. Sie war aufgeregt, Five-Star-First-Fuck-Hotel, ging es ihr durch den Kopf. Kann man so sagen! Wenn er noch eine Nummer schafft, dann bekommt er von mir das Gütesiegel der Luxusklasse, los, mach schon, mein Hengst …
Der dachte nicht daran, wusste aber seit der SMS, dass sie ihrem Ziel wieder ein Stück näher gekommen waren. Das erfüllte den Hengst nun doch mit Wollust, die er an seiner Stute austobte. Wenn auch nur für Sekunden.
Abgang pur.
Denn er hatte noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen …
VI
DASS die beiden Bodyguards in Schwarz nichts sagten, ging mir allmählich auf den Keks. Alles, was ich hier sah, passte irgendwie nicht zusammen. Der ‚Schwebende‘ schickte mich „sofort“ nach Taipeh, von dort weiter nach Singapur. Das Dossier, das mir die beiden Stummen nach dem Besteigen der Maschine überreichten, bestätigte mich in meiner Annahme, dass mich der kleine Große mit irgendwelchen Kunsttransaktionen in Verbindung bringen wollte. Ominös, denn ich bin kein Experte dafür. Und jetzt, gerade im ›Le Freeport‹ angekommen, führte man mir die Leiche eines einst lebendigen Mannes vor, der nicht länger als ein, zwei Stunden tot sein konnte. Die Körperstarre hatte noch nicht eingesetzt. Fragen über Fragen:
– Wusste Folgmann, als er mich beauftragte, dass es hier eine Leiche geben wird? Seit unserem Zusammentreffen und meiner Ankunft im ›Le Freeport‹ waren rund vierzig Stunden vergangen!
– Wie kann ein Toter dort liegen, ohne dass man das im modernen Fort Knox, dem bestbewachten Tresor der Welt, nicht mitbekommt!? Millisekunden nach dem Ereignis hätten Hundertschaften von …
– Wo waren die Security-Leute des Freeports? Wer hat die Elektronik abgeschaltet. Es gab doch mindestens ein halbes Dutzend ausgeklügelter miteinander agierender Sicherheitssysteme?!
– Wie konnte der Mord also unbemerkt geblieben sein!?
– Die Tötung durch ‚Pfählen‘ war ein eindeutiger Ritualmord der Mafia! Welcher!? Es gibt unzählige mafiöse Gesellschaften auf der Erde! Mir war das Pfählen auf diese Art bisher nur von der albanischen Mafia bekannt!
– Wer wollte wem ein Zeichen geben?
– War das Zufall, dass wir hier den Toten fanden?
– Auch für die Schweigsamen neben mir!?
– Arbeiteten die nur für den ‚Schwebenden‘?
– Was wollte Folgmann wirklich von mir!?
Fragen über Fragen … Worauf hatte ich mich eingelassen? War meine Geldgier auch schon größer als mein Verstand? Doktor, du solltest höllisch aufpassen. Lass hier alles stehen und liegen, schnapp dir deine fünf Sachen und flieg wieder nach Hause. Gib dem Folgmann seine Kohle zurück und sag ihm ins Gesicht, dass er ein riesiges Arschloch ist! Anna und Fanny werden es dir danken.
…
»So, Freunde. Des Schweigens genug! Jetzt sollten wir mal eure Zungen lockern, was haltet ihr davon?«
Viel zu lange hatte ich mich auf das Spiel der beiden Asiaten eingelassen. Erstaunt blickten sie in zwei kleine, schwarze, übereinanderliegende Löcher meiner Derringer Double Tap. Das ist eine geniale flache, doppelschüssige Pistole im gewohnten Derringer-Style. Tatsächlich ist die Double Tap ein sehr leichtes Schießeisen. Sie besteht ganz aus Titanium, Kaliber 9 mm. Ich hatte die Waffe problemlos in meinem Gepäck mit nach Asien gebracht. Im Griffstück befinden sich zur Reserve zwei weitere Patronen, aber ich war mir sicher, dass ich die nicht brauchen würde. Reine Vorsichtsmaßnahme. Dachte ich noch bis vor wenigen Sekunden. Mit meiner Attacke hatte ich die beiden Profis – Angestellte des Freeports oder Folgmanns, der Mafia oder für wen auch immer sie arbeiten mochten – ins Schleudern gebracht. Sie starrten auf die kleine Derringer, als wäre sie ein schon schön funkelnder Rohdiamant, den sie gerne hätten. Klar, mit Teilen davon konnte ich dienen, auch wenn die Diamanten sich als Kugeln entpuppen würden – auf einen Toten mehr oder weniger kam es in dieser Situation auch nicht mehr an. Vermutlich würde in wenigen Minuten trotz des nicht automatisch ausgelösten Alarms die bestens ausgebildete und ihren Verstand benutzende Singapur-Police hier eintrudeln, mich festnehmen und dann hätte ich höchstens ein paar Wochen Zeit, mich auf die Vollstreckung des Todesurteils wegen Mordes an einem mir eigentlich unbekannten britischen Anwalt vorzubereiten.
Der eine Stumme, der Blonde mit dem kurzgeschorenen Irokesenschnitt, machte eine dumme Bewegung. Während ich meine Waffe auf seinen schwarzhaarigen Kollegen gerichtet hatte, ließ er sich blitzschnell auf die linke Seite fallen und rollte ab. Eine Bewegung, die jeder Profi sofort erkennt und richtig deutet. Während des Fallens zog er dabei eine SIG Sauer P320 X-FIVE und begann sofort auf mich zu schießen. Ich hatte mich mit einem Hechtsprung hinter einen Teil der übergroßen Metallskulptur gerettet. Bevor ich dort ankam, hatte sich rein versehentlich aus meiner Double Tap ein Schuss gelöst und dem Schwarzhaarigen ein unschönes Loch in seinen asiatischen Schädel gebohrt. Ich zählte. 18 oder 21 Schuss? Shit, die SIG hat zwei unterschiedliche Magazine! Ich hatte bei dem Blondschopf bessere Schießqualitäten erwartet. Als ich glaubte, sein Magazin wäre leer, kam ich leider zu früh aus meiner Deckung hervor. Verzählt. Die Skulptur bekam eine neue Gravur, ich einen Tinnitus – Metall auf Metall macht Lärm, wenn es nur Millimeter neben deinem Ohr mit hoher Geschwindigkeit einschlägt – und der Blonde mischte sein Blond mit Rot.
Mir war klar, dass ich nur sehr wenig Zeit haben würde, den Raum der Kunst zu verlassen. Wetten, dass mindestens einhundert Kameras die Szenerie, spätestens seit der erste Schuss fiel, eingefangen hatten? Automatismen, die einsetzen, selbst wenn die beiden Asiaten vor unserem Betreten des geheimnisvollen Raumes die Überwachung lahmgelegt haben sollten, was ohnehin für mich ein Mysterium war, das zu lösen ich nicht bereit war. Ich zerrte dem Blonden den Schlüssel des Tesla aus seiner Jacke und saß auch schon in dem E-Mobil. Die lautlose Power beförderte mich in wenigen Sekunden zu der Maschine. Den vor sich hindösenden Piloten überraschte ich mit den Worten:
»Los. Starten. Sofort. Holen Sie sich die Freigabe vom Tower!«
Er war folgsam und keine zwei Minuten später hatten wir die Starterlaubnis und rollten auf die Startbahn. Aus ungefähr 400 Meter Höhe konnte ich beim Überfliegen des Freeports viele blaue, sich in Kreisform bewegende Lichter erkennen. Es war höchste Zeit, Singapur den Rücken zu kehren …
VII
DER ‚Schwebende‘ stand unter der Dusche. Ungewöhnlich aber wahr: Die Dusche war ringsherum verspiegelt. Eigentlich hätte man Marmor erwarten dürfen, aber nein, Spiegel. Nanobeschichtet, so dass nicht mal ein einziger Wassertropfen die Chance hatte, für einige Augenblicke an den Spiegeln zu verweilen. Sie tropften einfach ab und der Duschende konnte sich während des Reinigungsvorgangs problemlos von Kopf bis Fuß bewundern. Das machte ihn glücklich. Sagen wir: fast. Denn eigentlich gab es da nicht viel zu bewundern. Nein, er war nicht fett und konnte sogar noch ohne Hilfsmittel auf seinen Schniedelwutz blicken. Aber was er dort sah, war nicht berauschend. Selbst Viagra hätte ihm nicht viel genützt, denn sein viel zu hoher Blutdruck ließ es nicht mal zu, dass er zu Hilfsmitteln dieser Art hätte greifen können. Klar, er war immer noch heiß auf frisches Blut, aber seine Gelüste in die Tat umsetzen – keine Chance. Er wusste das und es machte ihn wütend. Erst letztens, bei einer Feier in seiner edlen Stadtwohnung in Schwabing, zu der er jede Menge Models eingeladen hatte, fiel ihm eine Brünette auf. Höchstens zwanzig Jahre. Kleine, spitze, unter einem Hauch von Chiffon sich abzeichnende Brüste erregten seine Aufmerksamkeit. Er wäre sehr happy gewesen, wenn ER sich erregt hätte. Er machte sie an. Dumm wie seine Werbeslogans auch der Anmachspruch, der selbst die ziemlich dämlich blickende Kleiderständerin – gendermäßig korrekt? – nicht auf Hochtouren brachte. Nichts tat sich. Die Brünette drehte sich einfach weg. Sein Ego unterhalb des Bauchnabels konnte sich ebenfalls nur wegdrehen …
Verdrossen trocknete er sich ab, streifte den seidenen Bademantel über, als es klingelte.
Er griff sich das Handy, das auf dem Sideboard des Waschtisches lag.
Mein Job ist beendet! Keine Diskussion. Aus und vorbei. Sie sind ein riesiges Arschloch. Ich fliege sofort zurück, bringe Ihnen Ihr mir großzügig überreichtes Honorar – wofür eigentlich? – wieder vorbei und das war’s. Auftrag erledigt. Die beiden Typen, die Sie mir an die Seite gestellt hatten, können Sie ebenfalls auf Dauer vergessen! Und natürlich den, den ich beschatten sollte.«
Folgmann erkannte die Stimme des Doktors. Aber bevor er etwas erwidern konnte, hatte der schon aufgelegt. Der schwebende in Seide gehüllte Milliardär hyperventilierte. Es war kurz nach sieben Uhr morgens, er musste zu einem wichtigen Termin nach Frankfurt fliegen, seine Frau Tanja war mal wieder verschollen. Angeblich wollte sie gestern mit einer seiner Privatmaschinen zu einer Freundin nach Hamburg fliegen. Rolando Villazón sang dort an der Oper den „Alfredo“ in Verdis „La Traviata“. Ja, sie war geflogen, aber mit dem Heli und er ahnte, dass sie in ihrem Chalet in Davos auf Vögeltour war. Nichts mit Oper. Die und Oper! Dass ich nicht lache! Ich weiß doch, wo sie ist. Mein schönes Chalet! Davos! Wo ich regelmäßig einmal im Jahr die Größen dieser Welt treffe, weil ich selbst ein Großer bin. Respektiert unter meinesgleichen. Und nun immer wieder das! Einem meiner Piloten musste ich eine hohe Abfindung zahlen und ihn feuern! Ich glaube, der hat es ihr auch besorgt und als sie seiner überdrüssig war, hat er sie an mich verpetzt!
Eigentlich war das dem ‚Schwebenden‘ egal, denn er schaffte es ohnehin nicht mehr, ihr weitere Kinder zu machen. Das selten stattgefundene Ereignis der Befruchtung lag Jahre zurück und sie war damals noch jung und knackig und er im Vollbesitz seiner Manneskraft. Immerhin hatte er es geschafft, ihr zwei Kinder zu machen, die einst sein Erbe antreten würden. Dennoch erschütterten ihre ‚Opernbesuche‘ immer wieder sein unermesslich großes Ego.
Und jetzt das! Seit Minuten lief Folgmann durch sein privates Reich. Wohnzimmer, Salon, Esszimmer, Entrée, Bibliothek. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er die Fenster geöffnet, seinen seidenen Überwurf weggeworfen hatte, dass er schwitzte und gleichzeitig fror. Er schwebte, nackt wie ihn seine längst verstorbene Mutter-Patriarchin zur Welt gebracht hatte, an seinen Schreibtisch in der Bibliothek, griff zum Hörer des Festnetzanschlusses, der sehr gut gegen mögliches Abhören gesichert war, anders als Handys es sind, und wählte eine Nummer. Nichts. Keine Antwort. Er wählte eine weitere Nummer. Wieder nichts. Erneut überfiel ihn ein Schweißausbruch. Muskelzittern, Zähneklappern. Durch bakterielle Infektionen, Parasiten, Viren oder Pilze wird die körpereigene Abwehr aktiviert und es werden sogenannte Pyrogene freigesetzt. Diese fieberauslösenden Pyrogene geben im Wärmeregulationszentrum des Gehirns das Signal zur Erhöhung der Temperatur. In den Räumen waren höchstens noch 14 Grad, sein Körper verlangte 38 Grad. Folgmann war bereits unterkühlt. Lungenentzündung? Scharlach? Blutvergiftung, Typhus? Entzündung der Nebenhoden? Pilzvergiftung?
Der ‚Schwebende‘ setzte sich, so wie ihn Gott geschaffen hatte, in seinen orangefarbenen Ledersessel, griff nun doch zum Handy, wählte eine Nummer, die er nicht einprogrammiert hatte. Es klingelte ewig. Dann meldete sich eine Stimme, die er nicht kannte. Er glaubte, es sei Chinesisch: »
,
?« (Hallo, wer sind Sie?) Er blieb stumm. Dann wieder »
,
?«
…
Folgmann gelang es nur noch, den grünen Knopf an seiner Sprechanlage zu bedienen. Ihm ging es plötzlich sauschlecht.
Sauerstoff?
Mangelware.
Dann fiel er in Ohnmacht …
VIII
UNBESCHADET aber stinksauer, dass ich auf einen Typen wie Folgmann reingefallen war, kam ich nach sechs Stunden wieder in Taipeh an. Die Maschine musste mit Gegenwind und Turbulenzen kämpfen. Kaum war ich in Folgmanns Luxus-Apartment angekommen, schaltete ich Singapore-TV ein. Durchforstete alle Seiten, wartete auf News. Aha:
„Gestern Nacht gab es im Bereich des Airports in einem eigentlich genial gesicherten Gebäude der Freihandelszone eine mysteriöse Mordserie. Es wurden dabei drei männliche Personen, ein Europäer und zwei Asiaten, getötet. Wie die Einbrecher auf das Gelände kamen und wer die gewaltsam getöteten Personen sind, steht noch nicht fest. Die Sicherheitsbehörden des International Security Departments, ISD, nahmen sich gleich nach Bekanntwerden der Todesumstände des ungewöhnlichen Falles an. Der Manager des betroffenen Geländes befindet sich auf dem Rückflug von Europa nach Singapur und wird nach seiner Landung ein Statement zur Situation abgeben. Wir halten Sie auf dem Laufenden, sowie wir erfahren, wer die offensichtlich ermordeten Personen sind. Das Ereignis ist für Singapur sehr ungewöhnlich und wirft viele Fragen auf, denn der Bereich des Flughafens gilt als der sicherste Ort der Welt, noch vor dem Weißen Haus und Fort Knox. Tötungsdelikte sind in unserem Land äußerst selten. Gab es 2016 noch 18 Morde, sank die Zahl inzwischen auf zwölf. Dieses Jahr wird durch dieses schreckliche Ereignis den Trend umkehren, das kann man schon jetzt sagen …“
Einen der drei Getöteten kannte ich namentlich. Aber keiner würde in meiner Situation zum Hörer greifen und den Behörden in Singapur sagen „Hallihallo, ich weiß was! Der Gepfählte ist Duke Adam-Archie Ashtenholm III, ein britischer Anwalt aus London, 48 Jahre alt, verheiratet und vermutlich ein Gangster aus der Oberschicht, der exzellente Mafia-Connections hat und übrigens war ich es, der in Notwehr die anderen zwei Typen erschießen musste, deren Namen ich leider auch nicht kenne …“
Keine Sekunde zu spät hatte ich den Stadtstaat verlassen. In Taipeh angekommen, führte ich ein einseitiges, kurzes Telefonat, ging unter die Dusche, zog mir frische Klamotten an, rief mir ein Taxi und schon war ich auf dem Weg zum Flughafen. Nichts wie weg!
IX
DER clevere und ausgesprochen smarte Baron Edward Landress fasste sich als Erster. Er erhob sich aus seinem Chesterfield-Bürostuhl. Identisch mit dem, der seit 1909 im Oval Office des Weißen Hauses in Washington steht und speziell für Präsident Taft designt worden war. Landress Stuhl hingegen kam von der britischen Traditionsfirma von Wilmowsky. Baron Landress Entscheidung für einen Chesterfield-Bürostuhl fiel an dem Tag, als sein Onkel ihn in die Kanzlei holte. Dieser besondere Stuhl bietet einen tiefen, ergonomischen Sitz, strahlt Vertrauen und Macht aus, stärkt das Selbstvertrauen und schafft ein positives Arbeitsklima. Da ihre viktorianische Villa einen Anstrich wie das Weiße Haus hatte und er sich präsidial fühlte, musste es genau dieser Stuhl sein. Er zog das dunkelblaue Jackett wieder über, betrachtete sich im Spiegel, rückte das seidene Einstecktüchlein zurecht, die weiß gepunktete übergroße schwarze Seidenfliege – sein Markenzeichen, ohne die ging er vermutlich nicht mal ins Bett! –, fuhr sich noch einmal durch das gegelte Haar. Dann ging er schnellen Schrittes, was seine Wichtigkeit betonen sollte, zu seinem Onkel Earl Byron-Blake Ashtenholm ins Büro:
»Komm mit. Wir sollten reden. Es hilft nichts. Vielleicht fällt uns was ein.«
Gemeinsam gingen sie zu Lady Abigail-Annabelle, die inzwischen die auf einem Sideboard stehenden drei Fernseher eingeschaltet hatte. Klar, sie waren in der kleinen, aber bedeutenden Kanzlei weltweit TV-technisch erstklassig vernetzt. Wenn man Geschäfte betreibt wie die ihren, musste man das sein. Und Abigail-Annabelle war in ihrem Team für die Kommunikation mit den Klienten zuständig. Auf einem der drei riesigen Bildschirme lief BBC-News. Auf dem zweiten hatte sie das staatliche TV-Programm von Singapur eingeschaltet, auf dem dritten Gerät lief CNN-News. Lady Abigail-Annabelle sah total verheult aus. Rot geränderte Augen, das dunkle, etwas zu auffällige Make-up, das ihre schwarzen Augen noch mehr betonte, komplett verwischt. Ein bizarres Clownsgesicht. Total traurig. Die junge Frau, keine Schönheit im klassischen Sinne, aber aufregend, interessant und dank ihrer überdurchschnittlichen Größe von 1,85 Meter optisch etwas Besonderes, schaute auf die unterschiedlichen Bilder der Bildschirme, ohne eigentlich etwas zu sehen.
»Nein, lasst mich in Ruhe. Ich kann nicht!«, kreischte Abigail die beiden Männer harsch an, als sie wortlos ihr Büro betraten. »Ich will auch nicht! Es muss etwas Schreckliches geschehen sein! Sowas! Wer macht sowas?!«
Der nächste Heulkrampf schüttelte ihren schlanken, wohlgeformten Körper. Das lindgrüne Kostüm war völlig derangiert, der ohnehin etwas zu kurze Rock bis zur Hüfte hochgerutscht. Ihr Schreibtisch war überfüllt von zerknüllten Papiertaschentüchern. Wie das futuristische Muster eines jungen Wilden, der auf der Art Basel Aufmerksamkeit erregen wollte, zierten diese ihren ansonsten leeren, übergroßen hellblauen Schreibtisch. Wölkchen am Anwaltshimmel? Ein jämmerlicher Anblick. Abigail-Annabelle …
Der Geschniegelte zupfte nervös an seiner übergroßen Fliege. Er stand auf seine Cousine, war sich jedoch bewusst, dass die familiären Verhältnisse Distanz erforderten. Sie tat ihm leid. Mehr oder minder, denn echte Gefühle konnte Edward nicht entwickeln. Irgendwie verstand er Abigail schon. Wenn auch vermutlich aus anderen Gründen. Der Anblick ihres Vaters mit dem riesigen Holzpflock im Hintern des zerplatzten Beckens hatte alle zu sehr geschockt. Und ihm ging der ‚Arsch auf Grundeis‘, wie man selbst in feinen Londoner Kreisen zu sagen pflegte, wenn etwas nicht so läuft, wie erhofft …
»Ich mache uns einen Tee, Annabelle. Okay?«
Earl Byron-Blake Ashtenholm war der Einzige in der Familie, der Annabelle zu Abigail-Annabelle sagte. Er drehte sich um, verließ das in Lindgrün gehaltene Büro seiner Nichte. Er kämpfte selbst noch immer mit dem Gedanken, dass ihn ein ähnliches Schicksal ereilen könnte, sah den Forstarbeiter vor sich, der den Baum schlug, dann den Baumstamm absägte und zuspitzte, der für ihn bestimmt sein würde … und konnte seinerseits den Anblick von Abigail-Annabelle nicht ertragen.
Als sie am Morgen in die Kanzlei kamen – sie ließen sich gemeinsam vom letzten Chauffeur des Großvaters, der auch schon seit gefühlten Jahrzehnten auf die Siebzig zuging, in dem betagten Rolls Royce Phantom II von ihrem Landsitz in die Stadt chauffieren – und ihre Computer anschalteten, hatten sie alle nur ein und dasselbe über den gesamten Bildschirm sich ausbreitende Foto: Duke Adam-Archie Ashtenholm III. mit heruntergelassener Hose und jeder Menge Holz im adligen Allerwertesten … Ein zerplatztes Becken, Blut, Exkremente, Erbrochenes. Und ein bis zur Unkenntlichkeit schmerzverzerrtes Gesicht. Dennoch – unverkennbar Duke Ashtenholm III. Seinen Bruder so zu sehen, wie die ihnen anonym zugespielte Aufnahme ihn zeigte, war auch für den Earl unerträglich. Bilder, die die drei nicht mehr aus ihren geldgierigen, verdorbenen, überheblichen Aristokraten-Schädeln bekommen würden.
Byron-Blake verließ Annabelles Büro und ging in die Teeküche. Kaum dort, musste auch er sich übergeben. So heftig, dass die halbe Küche seinen grün-braunen Auswurf ertragen musste. Kotze stinkt erbärmlich. Die Teezeremonie hatte zu warten. Gift und Galle. Das schlechte Gewissen! Die übergroße Angst … Jetzt fehlte ihm der Butler, der die Küche von dem Gestank befreite …
Der Earl raffte sich schließlich auf. Öffnete das Fenster, überlegte, ob er gleich rausspringen solle. Verwarf den Gedanken, da die Küche im Hochparterre lag und rund vier Meter bis zum Londoner Pflaster nicht ausreichen würden, um seinem Leben ein ihm angemessenes Ende zu setzen. Er wischte das Erbrochene mit einem Leinentuch soweit zur Seite, dass er den versprochenen Tee zubereiten konnte. Die britische Upperclass und ihr Tee. Katharina von Braganza hatte den Tee nach England gebracht. Queen Anne war es, die die noch heute von den Briten geschätzte Art des Teetrinkens eingeführt haben soll, und schon 1700 gab es in England rund 500 Teehäuser.
Byron-Blake gab ein paar lose Teeblätter in die vorgewärmte Kanne und übergoss die Blätter mit siedendem Wasser. Der Adel – wie auch das gemeine Volk in England – trinkt seinen Tee mit Milch, denn dadurch wird er milder. Die Frage, ob zuerst der Tee eingegossen wird oder die Milch, ist im Königreich eine Streitfrage zwischen den jeweiligen Anhängern der Prinzipien Milk-in-first (Mif) und Tea-in-first (Tif). Die Ashtenholms bevorzugten Mif, wie auch Queen Elisabeth II. Er stellte drei Sets auf das silberne Tablett, die silberne Kanne, die vorgewärmte Milch im silbernen Kännchen, die silbernen Teelöffel mit dem Wappen der Ashtenholms und ging gemessenen Schrittes wieder zu Annabelle in ihr Büro. Es waren zwanzig Minuten vergangen.
Als er die Tür öffnete, hätte er fast das Tablett fallenlassen. Annabelle hing in den Armen von Edward, der die Gunst der Stunde, ihren Kummer über den für sie völlig unverständlichen Verlust des Vaters, für sich ausgenutzt hatte. Beide seiner Hände hatten sich in eindeutiger Haltung in ihrem wundervollen, aber völlig entblößten Hintern quasi eingegraben. Byron-Blake hielt das in Anbetracht der Situation für völlig unangemessen, konnte aber auch Verständnis dafür aufbringen, denn Annabelle war ein interessantes Objekt, wenn, ja wenn nicht die direkte Verwandtschaft zu ihr wäre.
»Wir müssen reden, Annabelle, Edward. Es war dein Vorschlag, Neffe!« Mit einem lauten Geklirre ließ er das Tablett eher fallen, als dass er es auf dem edlen Pedestal-Schreibtisch mit Mahagoni und Satinholz abstellte. Dann goss er den Tee ein, Mif, und Annabelle erweiterte ihr Kunstwerk um ein weiteres zusammengeknülltes Papiertaschentuch auf dem blauen Gemäldeuntergrund.
»Was gibt es da zu reden, Byron! Mein Vater ist tot! Tot! Und so widerwärtig hingerichtet, dass mich der Gedanke daran erschaudern lässt, was er für Qualen erlitten haben muss! Dieses Bild werde ich nie wieder aus meinem Kopf bekommen, niemals, versteht ihr mich überhaupt? Sagt ihr es mir: Was könnte der Grund dafür sein, dass ihn jemand dermaßen hasst, dass derjenige zu so einer Schandtat fähig ist?! Mein Vater war der tollste, der liebevollste und ehrlichste Mensch, den ich kenne … kannte! Und wie bringen wir es der Duchess bei … ?«
Byron-Blake und Edward sahen sich kurz in die Augen und dachten in dem Moment ziemlich das Gleiche:
Wenn die wüsste! Der Ausrutscher meines Bruders mit einer Bürgerlichen aus den Londoner Slums! Das hätte mir mit der Schlampe genauso passieren können. Ist es aber nicht. Nobel, dass er sie aufgenommen hat, ‚Lady Abigail‘ … Nur weil ihre Mutter auch Abigail heißt, muss man einen Bankert nicht gleich so nennen …
… Und dann noch die Duchess. Herrje, wie konnte das nur passieren, mein Bruder muss ein Vollidiot gewesen sein, obwohl, clever ist sie schon, die arrogante Ziege! Hat die auch das Foto, na ja, ich werde es ihr schicken…
… Ach herrje! Dass ich nicht lache. Aber gut so. Die geile Abigail ist unser Aushängeschild. Und ich werde sie doch noch beglücken, gerade jetzt, wo sie ziemlich durch den Wind ist, braucht sie meine schützenden Hände – und nicht nur die! Sie hat einfach einen wundervollen …
X
ANNA ahnte nicht, dass ich schon wieder in München war. Ich rief sie an, als die Maschine landete. Ihren Jubelschrei konnte man bis ins Erdinger Moos hören!
»Holst du mich bitte ab?«, säuselte ich verliebt in mein Smartphone und hörte im Hintergrund eine Mischung aus Winseln und Bellen. Galt das nun mir oder noch immer Lady Lola? Jedenfalls freute ich mich nach dem kurzen Horrortrip, die Stimmen, die mir vertraut sind und die ich liebe, zu hören. Ich ahnte, dass die Jungs in Flensburg sich wieder auf neue Punkte in ihrer Kartei freuen würden, die sie einem ehemaligen Kollegen, dem Ex-LKA-Typen Daniel Richter aus München, verpassen können. Niemand schützte mich mehr, und die Münchener Bullen hatten sowieso was gegen mich. Denen war ich zu abgehoben, nur weil ich einen Jaguar fahre, reich eingeheiratet hatte und gut aussehe, wie meine Anna meint!
Als ich nach gut 20 Minuten mit meiner Segeltuchtasche über der Schulter die Ausgangshalle erreichte, stürzte tatsächlich ein laut heulendes, furchtbares Riesenungeheuer auf mich zu: Fanny! Seine Pfoten lagen auf meiner Schulter, bevor ich die Tasche fallenlassen konnte und merkte, dass er in den knapp drei Tagen, die ich nur aus München weg war, schon wieder mindestens zwanzig Kilo zugelegt haben musste. Der Lola-Frust! Er schleckte mich ab, als sei ich die schöne Lola! Er drückte mich fast zu Boden, so dass ein Flughafenpolizeipärchen seine Waffen von den Schultern riss, um die riesige Töle sofort erledigen zu können, falls …
»Halt!«, rief ich und Anna blieb erschrocken stehen, weil sie glaubte, sie wäre gemeint. Mein Gott, sah sie wieder bezaubernd aus. Richter, du hast die richtige Frau geheiratet, gar keine Frage!
Nachdem Klärung zwischen den Waffenträgern und uns herbeigeführt worden war und mich ein Dutzend Asiaten auf ihren Smartphones verewigt, Fanny der Sieger des nicht stattgefundenen Duells war und sich die aufmerksamen Bullen verdrückt hatten, konnte ich endlich Anna intensiv küssen. Es ist schon ein angenehmes Gefühl nach Hause zu kommen und seine wundervolle Frau in den Arm nehmen zu können.
»Du musst gerast sein wie Prinz Poldi, das Oberhaupt der Adalbertinischen Linie des Hauses Wittelsbach, bei seinem letzten Rennen für BMW! Und genau in dem Tempo muss ich jetzt zu Folgmann. Hoffe, der ist noch zu Hause!«
»Was ist passiert, Daniel?«
»Ich weiß es noch nicht. Nur, dass ich dem Folgmann seine arrogante Schnauze polieren sollte.«
»Du bist aufgewühlt und wütend, Doktor, so kannst du nicht zu deinem Klienten gehen!«
»Hast recht, aber genau diese Wut brauche ich. Ich erzähle dir später, was da abgelaufen ist. Und jetzt muss ich sofort und unverzüglich zu Folgmann. Mit Fanny.«
Der saß, wie so oft, eingequetscht in der viel zu kleinen Karre, wenn man nicht gerade einen Minimops zum Haustier hat, der sich in jeder Ritze wohlfühlt. Aber er grinste, grinste über sein ganzes Riesenmaul und ich hatte die Befürchtung, dass er mich schon wieder liebestoll abschlecken wollte.
»Halt die Klappe! Bekommst gleich was zu tun. Du wirst den ‚Schwebenden‘ dazu bringen, mir die Wahrheit zu sagen, klar?«
Fanny strahlte mich an, so wie Anna konsterniert dreinblickte. Für sie sprach ich in Rätseln.
Ich wählte Folgmanns Nummer in seiner Villa und es dauerte eine Zeit, bis eine Frauenstimme ziemlich forsch und unfreundlich »Ja!?« ins Telefon bellte. Ich schreckte kurz zurück. Das war nicht die wohltuende, wohltönende, sanfte und erotische Stimme der Asiatin, das war ein metallen klingendes Geräusch. Wenn Sensen beim Mähen auf Steine treffen. Selbstherrlich, herb, arrogant, unnahbar.
Tanja Folgmann.
Für mich kein Grund, höflich zu sein:
»Ihren Mann, sofort!«
Wie man in den Wald …, Sie kennen das Sprichwort.
»Wer sind Sie?!« Noch immer dieser herrische Ton. Sie dachte wohl, sie hätte einen Dienstboten vor sich.
»Wo erreiche ich Ihren Mann, Frau Folgmann, die sind Sie doch? Nein, Sie kennen mich nicht und ich Sie auch nicht, aber Ihre Stimme ist mir geläufig. Ich war für Ihren Gatten geschäftlich in Asien, alles andere möchte ich jetzt mit ihm besprechen!«
»Ihr Name?«
»Daniel Richter. Wir sind quasi Nachbarn.«
»Ah, der Mann von der Fischer-Tochter?!«
»Jetzt haben Sie es!«
»Mein Mann liegt im Krankenhaus. Den können Sie jetzt nicht besuchen. Er wird vielleicht noch heute entlassen. Wenn es dringend ist, kommen Sie doch vorbei, sagen wir um zwölf Uhr?«
»Abgemacht.«
Ich legte auf. Ihre Stimme ging mir auf den Zeiger. Die Frau war definitiv nicht meine! Und zu Anna und Fanny gewandt:
»Ich kann mich heute nicht viel mit euch beschäftigen. Es ist vielleicht ganz gut so, dass der Folgmann nicht erreichbar ist. Erstens kann ich ihm nicht seine Eier abreißen, zweitens habe ich Zeit, zu recherchieren und drittens können wir heute Abend in die ›Eierwiese‹ gehen und – nee, daraus wird jetzt nichts …«
Ich sah Annas erschrockenen Blick und sie assoziierte vermutlich meinen Straßenjargon mit dem, was wir in Grünwalds Lokal ›Eierwiese‹ serviert bekommen würden …
Setz mich bitte in der Ettstraße ab. Ich melde mich, wenn ich dort fertig bin. Fanny nehme ich mit, dann kannst du in der Zeit ein bisschen shoppen gehen, okay?«
»Okay.«
Was sollte sie sonst anderes sagen. An ihrem Blick, so wie sie mich betrachtete, sah ich, dass sie sich Sorgen um mich machte. Aber musste ich ihr von dem schrecklichen Erlebnis in Singapur erzählen? Sicher nicht. Die Menschen, die man liebt, schützt man, oder?
XI
ICH vermisste meinen alten Kumpel Sepp Huberbauer, frühpensionierter Hauptkommissar mit der Pension eines Kriminalrates für seine besonderen Verdienste, schon ziemlich. Die Vertrautheit, seine Abgeklärtheit, sein Wissen fehlten mir. Aber nach dem letzten Fall, den wir gemeinsam bewältigten, hatte ich volles Verständnis dafür, dass er nicht mehr wollte. „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen mit Todesfolge“, wie es lapidar im Rechtsdeutsch heißt, ist das Widerwärtigste, was es gibt! Nun musste ich mich an seinen Nachfolger gewöhnen, der von einem ganz anderen Schlag war. Dynamischer Jungbulle. Beste Schule, ehrgeizig mit dem Ziel, bis spätestens 35 in der Polizeihierachie Münchens ganz oben angekommen zu sein. Aber genau so einen brauchte ich jetzt.
Auf ins Büro von Vadim Langholtz, dem Aufsteiger des Jahres in der Ettstraße. Der war Preuße, kam mit unheimlich vielen Vorschusslorbeeren von Berlin nach Bayern und man sagte, er sei der Beste, den München je hatte und haben würde und überhaupt. Überflieger. Seit ich mit dem mal eine lange Nacht lang durch die angesagten Münchener Clubs gezogen war, stand er auf München und mich. Oder umgekehrt. Auf mich und München. Nein, er war keiner vom anderen Ufer, aber irgendwie hatte ich es ihm angetan. Und er mochte Fanny. Nicht unwichtig.
»Vadim, du musst mir helfen. Bitte. Ich weiß, dass du einen besonderen Draht zu einer Dame im gehobenen Dienst in Wiesbaden hast. Den Draht müssen wir jetzt anzapfen. Nein, bevor du mich fragst, ich habe noch gar nichts in der Hand und auch sonst ist mein Ansinnen einigermaßen nebulös, aber ich glaube, daraus könnte sich was Großes entwickeln. Und wenn das so sein sollte, dann bist du der nächste Polizeipräsident Bayerns, mindestens. Das verspreche ich dir!«
Langholtz saß mit versteinerter Miene in einem Sessel, der definitiv nicht auf Münchener Polizeimist gewachsen war. Die Beine hatte er, leicht verschränkt, auf dem zum Sessel passenden Papierkorb platziert und jeder, der durch sein Revier lief, konnte sich an seinen goldgelben Boots entweder ergötzen oder aber den Kopf schütteln. Er schaute kurz zu mir hoch, um dann sofort wieder in seine Denkerstarre zu verfallen. Fanny hatte ihm ungefragt seinen massigen Schädel auf den Oberschenkel gelegt. Einfach so. Ein Blutstau würde in Kürze seine Beine einschlafen lassen … Der Tosa-Inu-Schlawiner hatte mitgedacht. Er wusste, dass Vadim ihn mochte. Und schon kraulte Herr Preußen-Hauptkommissar mein Riesenviech. Auf meine Bitte reagierte er bisher gar nicht. Der saß da, war handgreiflich vertieft in Fannys Locken und mir nicht bekannte Gedanken.
»Sorry, was willst du? Hallo Doktor!«
Jetzt schreckte er hoch, Fanny blickte ihn vorwurfsvoll an und sagte: »Nimm endlich Fanny weg. Sonst komme ich gar nicht mehr zum Nachdenken! Wie war der Urlaub, was willst du?« Er wiederholte sich. Abwesenheit.
Zwei Fragen auf einmal. Ich gab ihm Antwort auf eine:
»Jacob Folgmann. Ich will alles, alles was du mit deinen besonderen Connections zum BKA hast, über den Mann wissen. So schnell es geht, machst du das für mich? Du erzähltest mir von deinem Tête-à-Tête mit der rassigen Dame, die dich eines Nachts in Berlin überfiel … Die meinte ich eben, als ich dich mit meinem Ansinnen überfiel, mir zu helfen. Machst du das?«
»Bist schon ein komischer Typ, Doktor. Haust ab in die Welt, schickst mir nicht mal ‘ne SMS, tauchst nach Monaten wieder auf und baggerst mich ohne Vorrede um Hilfe an. Ich sitze gerade an einem total außergewöhnlichen Fall. Den zu lösen, das ist für mich wichtig. Was geht mich der Folgmann an? Hau ab, lass Fanny hier. Ich rufe dich an, wenn ich was habe, okay?!«
Fanny schaute ihn an, als sei er die tolle Lola aus dem ›Tiberio Palace‹ auf Capri. Das war Vadim Langholtz denn doch zu viel und er schob seinen Freund weg. »Dann geh halt mit deinem unverschämten Herrchen, so sehr bin ich nun doch nicht in dich verliebt!«
»Danke. Beeil dich bitte …«
Enttäuscht verließ Fanny die Ettstraße.
XII
DRAGOMIR war in Hochstimmung. Zwar hatte ihm die letzte Nacht ziemlich zugesetzt, dennoch war er gutgelaunt. Er hatte einen Kopf wie mindestens drei ausgewachsene Ochsen – dabei war er nur ein Ochse. Wieder einmal hatten sie sich die Kante gegeben, bis sie nicht mehr konnten. Gesoffen bis zur Bewusstlosigkeit. Er wusste, dass das unvernünftig war, doch die Mitteilung über den Tod desjenigen, den er vollends beerben wollte, war übergroß gewesen.
Mit noch immer schwerem Kopf griff er sich das Handy und rief eine Nummer in Großbritannien an.
»Was hältst du davon, wenn ich mich jetzt gleich in den Flieger setze und zu dir komme?«
»Du weißt noch nicht, was geschehen ist?«
»Nein, du wirst es mir sagen.«
»Mein Mann ist überfällig. Er hat sich seit seiner Abreise noch nicht gemeldet.« Besorgt klang anders. Duchess Heaven-Hailey Ashtenholm, gerade einmal 27 Jahre alt und seit zweiundsechzig Monaten die neue Ehefrau des Duke und nun Witw … ?
XIII
UM kurz vor zwölf lockte ich Fanny mit einem Blick, den der gut verstand, mich zu begleiten. Wir gingen die paar hundert Meter zum Anwesen von Folgmann am Hochufer der Isar. Fanny trabte betrübt hinter mir her. Lola lockte leider noch immer. Er war geknickt. Ich musste ihn aufmuntern. »Fanny, gleich wird es spannend und ich brauche deine Unterstützung. Wir treffen den ‚Schwebenden‘, nein, seine Frau, alles klar?!«, belog ich meinen Freund. Fanny grinste. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein. Ich hatte mich nicht extra aufgemotzt, nur eine Jeans an, T-Shirt und einen königsblauen Pulli über die Schulter geworfen, der mit den – ebenfalls königsblauen – Sneakers perfekt harmonierte, wie Anna, die mir beides geschenkt hatte, meinte, denn die Klamotten waren noch ziemlich neu. In der Linken hatte ich den Umschlag mit der Kohle, die mir der Werbekönig als Anzahlung für meinen Job gegeben und in den ich nicht mal reingeschaut hatte, die Rechte lag inzwischen auf Fannys Kopf. Er hatte sich mir unauffällig angenähert. Liebeskummer muss was Schreckliches sein …
Sekunden nachdem ich geläutet hatte, erschien das wunderschöne asiatische Wesen in der Tür. Ihr mir höflich und lächelnd entgegengebrachtes ‚Wai‘ erwiderte ich mit gleicher Geste. »Bringen Sie mich bitte zu Frau Folgmann«, flirtete ich sie mit dem charmantesten Blick an, den ich aufsetzen konnte. Sie schwieg, verbeugte sich erneut, lächelte noch mehr und bat mich ihr zu folgen. Wieder ging es vorbei an der Gemäldegalerie, diesmal nicht in den mir schon bekannten Salon, sondern in den der Dame des Hauses. Da saß die Königin und Gemahlin des Königs der Sprüche, ihre langen, leider nicht perfekten, da ein wenig krummen Beine elegant übereinander drapiert, auf einem weinroten Sessel in einem weinrot gehaltenen Salon, der eher an das Entrée eines Edelpuffs erinnerte, wenn da nicht die echten Gemälde an den Wänden gewesen wären. Picasso, Richter, Dali. Die Folgmann trug ein – ebenfalls königsblaues – Minikleid, das mit meinem Pulli korrespondierte, dass es mir fast peinlich gewesen wäre. „Geihnixsplau“, wie die Dresdner sagen würden. Das Modediktat des Jahres hatte auch die Dame des Hauses erreicht. Ich verfluchte für einen Moment Anna und ihre lieb gemeinten Geschenke.
Kühl begrüßte ich die Kühle:
»Ich war eigentlich mit Ihrem Mann verabredet, Frau Folgmann, falls Sie sich entsinnen können …?!«
Sie schlug erneut ihre Beine über. Nun das rechte über das linke. Die Geste kannte ich aus einem Film mit Sharon Stone … Die hier hatte definitiv nichts unter dem teuren Minifetzen an … Lassen wir das. Dabei lächelte sie mich mit ihren schmalen, aber unverkennbar gebotoxten Lippen an, und ihre Augen sagten definitiv: „Nimm mich, oder ich fang‘ dich“.
Ekelhaft.
Sie hielt sich für unwiderstehlich. Ich schien ihr Typ zu sein, wenn sie denn überhaupt Männer nach Typus unterschied und nicht nach …
»Mein Mann kommt leider erst später oder morgen aus der Klinik. Ich sagte es Ihnen. Es tut mir leid, Herr Richter, die Klinik …« Und schon wieder schlug sie ihre langen, leicht krummen Stelzen auffällig entgegengesetzt übereinander, links über rechts, nicht ohne mir einen noch auffälligeren Blick auf das den Beinen Folgende zu gewähren.
Ja, ja, die ‚Klinik‘! Luder!
»Macht nichts. Ich wohne nur ein paar Meter weiter. Fanny, komm, lass uns gehen. Ich versuche es dann um vierzehn Uhr noch mal, wenn Sie das bitte Ihrem Mann ausrichten würden.«
Nichts wie weg.
Aber ich hatte nicht mit der Hartnäckigkeit der Tanja Folgmann gerechnet.
»Ach, bleiben Sie doch auf einen Tee, Herr Richter. Was haben Sie denn mit meinem Mann zu besprechen, vielleicht kann ich Ihnen auch weiterhelfen?«
Fanny, der bis eben noch völlig teilnahmslos neben der Tür lag, seinen Blick unentwegt auf die Blonde in Blau gerichtet, schaute mich nun an, wie nur er das kann und sagte mir:
Dass ich nicht lache. Pass auf, Doktor, die will was von dir. Denk du an deine Anna und baue keinen Mist, wie damals bei der Witwe Wille im Fall Feingeist, deinem letzten Ausrutscher! Ich werde dich davon abhalten und außerdem – so schön ist die nun auch wieder nicht und dann noch die Stimme! Die geht mir ja richtig auf meine Ohren.
Dann drehte er sich demonstrativ wieder von mir weg und schaute Tanja Folgmann an, als ob er sie gleich …
Nur keine Hand abreißen, alter Freund! Das lass mal schön bleiben!
Aber ich glaube, er hatte es eher auf ihre provokante Geste und ihre nicht gerade als superschön zu bezeichnenden Beine abgesehen.
Der schafft es, und reißt ihr ein Bein aus!
»Nein, lassen Sie mal. Ich wollte ihm eigentlich nur sein Geld zurückgeben und sagen, dass ich an seinem Auftrag nicht interessiert bin.«
»Sie machen mich neugierig, Herr Richter?!« – und wieder wechselten die Beine ihre Stellung und gaben mir überdeutlich zu verstehen, was sie eigentlich von mir wollte – »ich weiß nicht, was mein Mann mit Ihnen besprochen hat, würden Sie mich aufklären? Was für Geld? Was für ein Auftrag?«
Ihr Ton war sehr hart geworden. Fanny deutete mir an, dass er schon ziemlich sauer sei und dass ihm ein AC/DC-Konzert mit 140 dB weitaus lieber sei, als der Smalltalk mit Frau Folgmann und ihrer rücksichtslosen, blasiert rüberkommenden, viel zu lauten Sprechstimme mit dem für Fanny und mich wirklich abtörnenden Sound.
»Wissen Sie, er lässt mich oft über seine Geschäfte im Unklaren.«
In diesem Moment kam die asiatische Schönheit und rollte einen Teewagen in den Salon.
Achtung, Doktor, da läuft was, ohne dass du es kontrollieren kannst.
Die Folgmann musste das alles geplant haben, denn seit ich ihr gegenübersaß, hatte sie nichts geordert, nur versucht mich auszufragen und flachzulegen. Wortlos ging die Schönheit, nachdem sie den Teewagen vor der Folgmann abgestellt hatte; Fanny und ich blickten ihr hinterher. Tanja Folgmann erhob sich lasziv aus dem roten Sessel, drehte mir demonstrativ ihren für meinen Geschmack zu flachen, zu breiten Hintern entgegen, der mich wohl anmachen sollte, und goss ziemlich ungeschickt Tee ein. Dann reichte sie mir die Tasse und streifte dabei wie unabsichtlich mit ihrem Handrücken meinen. Und ihr Blick sagte nun noch deutlicher, „nun nimm mich endlich …“
»Wenn ich nur wüsste, was er von Ihnen will, Doktor, oder darf ich Daniel zu Ihnen sagen?«
»Natürlich, Frau Folgmann. Wenn Sie es so wünschen …«
»Tanja.«
»Okay, Tanja …«
Was will die Frau von mir? Doktor, pass auf! Hier läuft definitiv was falsch. Erst der Anruf, der diffuse Auftrag, dann Singapur, nun ist er angeblich noch im Krankenhaus … Fanny, du bist cleverer als ich …
Wieder der Blick in ihr äußeres Inneres, als sie sich zurück in ihren Sessel setzte. Jetzt wurde es definitiv peinlich.
Dann setzte sie übergangslos an: »Es hat sich sicher schon bis zu euch rumgesprochen, dass wir, also mein Mann und ich, eine offene Beziehung führen. Nein, das liegt nicht an mir, dass es so ist, wie es ist, sondern an Jacob. Als ich ihn kennenlernte, war ich jung und naiv. Ich studierte noch Informatik. Er war schon damals ein großer Mann, von Sprüchen und Kunst besessen. Ich war für ihn nur eine Trophäe und schon bald abgelegt. Er ist zwar ständig scharf, aber nicht auf mich und wenn überhaupt, nur mit den Augen. Er interessiert sich bis heute nur für die Malerei und Geld. Seine Werbeunternehmen sind nur Mittel zum Zweck für sein Ego. Er scheffelt und hortet, hortet und scheffelt und besteht nur aus seinen blöden Werbesprüchen und Geheimnissen. Er sagt mir gar nichts. Nichts, verstehst du?! In meiner Naivität als junges unerfahrenes Mädchen dachte ich, dass es in einer Ehe normal wäre, wenn man sich alles sagt, wenn man offen zueinander ist und seine Gedanken teilt. Das machte er nie richtig und heute schon gar nicht mehr. Er gibt mir schon ewig nicht mehr das Gefühl, dass er mich liebt. Er ist laufend unterwegs, oft mit Typen, die mir nicht gefallen. Fliegt durch die Welt und sagt nichts. Nicht mal, wohin. Er hat mir auch noch nie etwas von seinen Geschäftsreisen mitgebracht. Du verstehst, Daniel, dass ich mir hin und wieder meine Gedanken mache. Erst vor einer Woche hat er hier – sie zeigte auf das Gemälde hinter mir – den Picasso hingehängt. Da hing vorher eines der mir nichts sagenden Strichmännchenbilder von Penck. Er wechselt die Bilder im Haus laufend. Die hängen meist nur ein paar Tage oder Wochen. Und meist dann, wenn er sie wechselt, fliegt er irgendwo hin, oder kommt gerade von weiß ich wo. Willst du nicht für mich arbeiten, du bist doch Detektiv, oder?«
Jetzt ging mir endlich ein Licht auf! Zumindest glaubte ich das. Und die Naive, die nur daran dachte, es der Sharon Stone gleichzutun, hatte mich darauf gebracht. Vielleicht wäre es einfacher, von Tanja, so durfte ich sie ja nun nennen, sehr großzügig, einen Job anzunehmen. Dann wäre ich von der Straße und könnte herausfinden, was in Singapur abgelaufen ist. Es wurmte mich schon ziemlich, dass der ‚Schwebende‘ mich für etwas benutzt hatte, was ich einfach nicht auf die Reihe bringen konnte.
XIV
ALS die Studenten am späteren Montagmorgen das Atelier für Malerei und Plastiken in der Zürcher Hochschule der Künste – ZHdK – in der Pfingstweidstraße, gleich hinter dem Bahnhof, mit Blick auf die Schienenstränge, Zürich, Schweiz, betreten hatten, glaubten sie für ein paar Sekunden, sie hätten die Idee für ein neues Kunstwerk vor sich. Von der hohen, lichtdurchfluteten Decke hing eine Figur, die ihrem Professor Haberschmus, genannt ‚Habi‘, verdammt ähnlich sah. Das wirre, lange Haar, die Schläfen angegraut, der einst weiße Kittel voll von Öl- und Gouache-Farben, seine dicken Filzschlappen. Alles sah echt aus!
»Wie Habi!«
»Das ist echt echt!«
»Flippä graduus, das isch es Ufo-Movement!«
»Der hat Ideen! Die schocken einen ja am frühen Montagmorgen!«
Es war bereits 12:27 Uhr.
Herdi stieß einen Schrei aus. Sie war zuerst zu der Figur gegangen, die sie anfangs als Attrappe wahrgenommen hatte.
»Mer chömed nöd drus (sinng. man möchte es nicht glauben). Das isch Habi!«
Dann brach sie zusammen. Der Professor war ihr Lieblingsdozent.
Gewesen …
XV
IN ihrer anbiedernden Art goss mir Tanja Folgmann eine Tasse Tee nach. Sie gab nicht auf, mich dazu zu bringen, sie zu verführen. Doch sie konnte nicht mit dem aufmerksamen Fanny rechnen. Kaum hatte sie meine Tasse gefüllt, versperrte ihr der Riesenköter den Weg, die Kanne fiel ihr unsanft aus der Hand und es war um ihr königsblaues Kleid geschehen. Dann heulte Fanny auf, als sei ein G7 Torpedo der Kaiserlichen Marine von 1917 im Anmarsch. Ihm reichte es definitiv. Sein Geheule brachte die asiatische Hausdame dazu, in den Salon zu stürzen. Sie hatte natürlich auch das Fallen der Kanne vernommen. Das war mein Glück, denn Tanja Folgmann war gerade dabei, sich des nassen Kleidungsstückes zu entledigen.
»Gehen Sie wieder. Holen Sie einen Besen. Den Rest mache ich!«, herrschte die Folgmann ihre Angestellte an.
Da war sie wieder. Die alles beherrschen wollende Milliardärsgattin. Mein Glück. Ihr war der erneute Angriff auf meine Männlichkeit für den Moment vergangen. Nachdem die Scherben von der Asiatin mit einem zauberhaften Lächeln weggeräumt worden waren, die Folgmann das aufregende Blaue gegen ein gelbes, züchtig geschnittenes Kostüm getauscht und Fanny sich wieder beruhigt hatte, plauderten wir den klassischen Münchener Smalltalk und tauschten Neuigkeiten über die Grünwalder Gesellschaft aus. Ein Profi des FC Bayern sei wieder weggezogen, rein in »the City«, ein wahrer Verlust sei das für die Gemeinde. Ein anderer aus dem Club würde sich jetzt doch die Villa am Hang bauen, weiter oben, und ob ich es denn schon wüsste, dass es dem Schauspieler W.W. gar nicht gut gehen würde, seine Arthrose sei so schlimm geworden, dass er nun doch mindestens ein neues Knie brauchen würde. Und dass ihr eine Freundin gesteckt hätte, dass der heimliche Freund von dem Aufsichtsratsvorsitzenden der GEO AG schon wieder beim Fremdgehen mit dem Schlagerfuzzi XY erwischt worden wäre und es einen handfesten Krach in der Gesellschaft gegeben hätte, da das ja nun wahrlich nicht standesgemäß wäre. Sie war definitiv auf Männer fixiert. Frauen kamen in ihrem belanglosen Geplauder nicht vor, aber Schwule. Merkwürdige Person, die arrogante Allesf … Sie erwähnte auch nicht weiter, was ich denn für sie recherchieren sollte. So verging die Zeit und dann hörte ich das Schlagen der Haustür. Der ‚Schwebende‘ machte sich lautstark bemerkbar. Wer sonst würde es wagen, dermaßen unsensibel die stahlverstärkte Tür zu malträtieren. Tanja flüsterte mir schnell noch zu: »Es bleibt dabei, du hilfst mir. Geld spielt keine Rolle. Unser Deal, ja?«
Ich nickte.
»Tanja?! Wo bist du?!«
Herrschsüchtig. Mit schleimiger Stimme. Kontrollfreak.
Dann stand der ‚Schwebende‘ schon im roten Puff-Salon mit den wertvollen Gemälden und starrte mich an, als sei ich der Eisheilige persönlich. Sein Gesicht mutierte in Bruchteilen von Sekunden zu einer Fratze.
»Raus. Was bilden Sie sich ein! Verlassen Sie auf der Stelle mein Haus.«
»Hier, Ihre Kohle. Bin schon weg.« Ich schmiss ihm den Umschlag vor die Füße. Meine Geduld war überstrapaziert.
»Nein. Sie warten, bis ich das Geld gezählt habe!«
Fanny platzte der Kragen. Er erhob sich majestätisch, ging langsam, aber bestimmt, sich immer mehr aufrichtend, auf den kleinen Großen zu und als der sich bückte, um das Geld aufzuheben, stand Fanny vor ihm, so dass Folgmann sich nicht traute, den Kopf auch nur einen Millimeter anzuheben. Ein köstliches Bild. Ich hätte mein Handy nehmen, filmen und die absurde Situation – „Münchener Milliardär spielt bei der Geldsuche mit asiatischem Kampfhund“ – ins Internet stellen sollen.
Definitiv ein Hit!
»Nehmen Sie Ihren riesigen Köter weg, sofort!«, schrie er mich an, was Fanny dazu veranlasste, ihm seine rechte Pfote freundschaftlich auf die Schulter zu legen.
»Was wollten Sie wirklich von mir? Warum schickten Sie mich über Taipeh nach Singapur, Folgmann? Um einen Toten zu besuchen? Sie ticken nicht richtig!«
Wie Fanny hatte auch ich die Schnauze gestrichen voll.
»Fanny, komm«, rief ich Fanny, warf noch einen kurzen Blick auf meine Neufreundin Tanja, die in einer Mischung aus schockiert und amüsiert die Szenerie beobachtet hatte, und war auch schon weg. Der Typ hätte eigentlich gleich eins auf die Fresse verdient. Aber den Gefallen wollte ich ihm nicht tun. Dazu waren mir meine Hände zu schade. Die schöne Asiatin stand bereits an der Haustür, öffnete sie mit ihrem bezaubernden Lächeln und blickte uns mit der gleichen Anmut hinterher. Dessen war ich mir sicher. Ich war noch immer angefressen, aber gleichzeitig stark motiviert, mich an die Folgmanns zu hängen.
Ja, an beide …
»Anna. Wer sind die Folgmanns? Du bist Grünwalderin, kennst die Leute hier.« Ich überfiel meine Süße, denn wenn ich äußerlich auch schon wieder gelassen wirkte, es brodelte in mir. Drei Tote in einer Nacht, zwei davon selbst in Notwehr erschossen – das steckt auch ein Daniel Richter nicht so einfach weg. Und ich spiele nicht gerne in einem Spiel mit, dessen Regeln ich nicht kenne.
»Komm runter, Doktor! Die Monate ohne dein ständiges Grübeln, wer wen betrogen, umgebracht oder vergewaltigt haben könnte, das hat mir schon sehr gut gefallen. Ja, ich weiß, du hängst an deiner Philosophie. Du willst an das Gute im Menschen glauben und gegen das Böse angehen. Gerechtigkeit. Das möchte ich auch. Dennoch: Geht es nicht, dass wir wieder in Bali am Strand liegen oder einfach nur am Starnberger See den Sonnenuntergang beobachten? Geld haben wir doch genug. Aber was rede ich. Du kannst nicht anders. Und auch dafür liebe ich dich, das weißt du!«
Fanny beobachtete uns genau. Er ging erst zu Anna, leckte ihr die Hand, dann kam er zu mir und stupste mich mit seinem Riesenschädel in die Seite, dass ich sicher einen blauen Fleck bekommen würde, von den gebrochenen Rippen und der zu amputierenden Niere ganz zu schweigen.
»Ich kann dir nichts über die beiden sagen. Er ist blasiert, hält sich für etwas ganz Besonderes – aber das weißt du ohnehin – und sie, so munkelt man, hat häufig irgendwelche Affären. Das ist alles.«
»Komm, du liest BUNTE und den ganzen Klatsch. Da wird es doch wohl einen Anhaltspunkt geben, der mir nützt, oder?«
»Richter: Was ist in Taipeh passiert? Du kamst mit der Maschine aus Taiwan. Was hast du da für den gemacht?«
»Das ist es ja. Gar nichts! Zwei Männer holten mich ab, wir flogen nach Singapur. Sie brachten mich zum ›Le Freeport‹, dem Luxustresor der Superreichen. Dort lag ein Toter – und das war’s! Ich bin sofort wieder abgehauen, um dem Knast mit möglicher Todesfolge in Singapur zu entgehen. Deshalb bin ich ja so sauer auf den Folgmann. Ich weiß bis jetzt nicht, was er von mir wollte. Warum er mich nach Asien schickte, ohne klar definierten Auftrag! Kann sein, dass er auch nicht gewusst hat, was da gespielt wird. Kann aber auch sein, dass er mich nur vorgeschickt hat, um selber sauber zu bleiben. Vielleicht galt ein weiterer Mord eigentlich ihm und nur weil er mich vorschickte, wussten die Typen nicht, was sie mit mir anfangen sollten, oder das Szenario stellte eine Warnung für Folgmann dar. Definitiv: Ich weiß nichts! Da läuft was ganz Fieses ab, glaub mir. Diese Unsicherheit treibt mich um! Ich kann es nicht leiden, wenn man mich verarscht. Und ich fühle mich verarscht.«
»Das wusste ich nicht, Richter. Einen Toten! Und du mittendrin?! Es ist immer dasselbe mit dir. Du ziehst das Verbrechen an. Aber der biedere Folgmann, nee, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der in ein Mordkomplott verwickelt sein soll. Der ist doch ängstlich bis zum Abwinken. Dagegen bin ich ja eine brutale Draufgängerin!«
Wenn Anna geahnt hätte, dass ich zwei Männer auf Dauer zum Schweigen bringen musste, um hier und jetzt lebend vor ihr sitzen zu können. Ich würde es ihr nie sagen. Das würde sie viel zu sehr belasten. Sie würde ständig Angst um mich haben, dass man mich über Interpol findet, dass man mich ihr wegnimmt und ich …
XVI
WAS für ein Irrsinn. 06:17 Uhr. Fanny weckte mich unsanft. Das heißt, er legte mir einfach seine nach Schweiß stinkende Riesenpfote mitten auf mein Gesicht. Wer da nicht blitzartig wach wird, erstickt! Der Typ hat keinen Anstand! Mitten in der Nacht holte er mich aus meinen Träumen. Dann stand er mit bettelnden Augen vor mir, die mir sagten: Ich, Fanny, habe doch keine Wahl … Da wir beide Anna nicht aufschrecken wollten, schlich ich hinter ihm her und blieb vor dem Briefkasten stehen, nachdem Fanny, clever wie er ist, die Haustür so sanft es ging bereits mit einer seiner süßen Monster-Pfoten geöffnet hatte. Im Briefkasten ein Briefumschlag ohne Anschrift. In ihm ein Scheck. Ein ordentlicher Betrag. Wenn ich ihn brauchen sollte, würde er mich ein paar richtig toll gelebte Monate sehr gut über Wasser halten können. Tanja F. Ihre Unterschrift und ein kleines Herzchen. Mein Banker wird hoffentlich nicht auf falsche Gedanken kommen …
Da ich für sie arbeiten sollte, ohne ihre Beweggründe dafür zu kennen, beschloss ich, sie unauffällig zu begleiten. Eigentlich wollte ich dem ‚Schwebenden‘ gestern noch ein paar Sender und Mikros unterjubeln, aber dazu bot sich bisher keine Gelegenheit. Seine Reaktion, als er mich in seiner Hütte sah, war eindeutig. Er mochte mich, so wie ich ihn. Außerdem bemerkte ich bei meinem Besuch, dass sein Anwesen recht ordentlich gesichert war. Ich werde eine Lösung für mein Problem finden müssen und mir kam auch schon ein erster Gedanke, wie …
Wieder musste Annas Mini herhalten. Mein Jaguar wäre zu auffällig gewesen. Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, schrieb ich Anna schnell noch ein Zettelchen: „Bin bald zurück, nimm den Jag, wenn du Brötchen holst. Bis gleich.“ Das Herz auf dem Scheck hatte mich animiert – Anna bekam ein großes. Gemalt mit schwarzer Tinte. Sehr romantisch … Fanny ahnte schon, dass er mitkommen sollte und stand in Warteposition. Wir hatten Glück. Schräg gegenüber der Einfahrt der Folgmanns parkte ein ziemlich großer Wohnwagen. Dahinter waren wir geschützt. Fünfzig Minuten vergingen. 07:44 Uhr. Das Tor öffnete sich. Der Maybach des ‚Schwebenden‘, am Steuer sein Fahrer. Hinten rechts er, bereits telefonierend. Fuck! Direkt dahinter ein blauer Range Rover. Die blonde Tanja! Wem sollte ich folgen? Ich blieb bei meiner ursprünglichen Entscheidung. Darauf hätte ich fast blind wetten können: Tanja Folgmanns Ziel, die Maximilianstraße. Zum Friseur. Sie war definitiv die Erste. Machen die so früh schon auf? Shit. Das hieß für Fanny und mich – warten! Es hatte aber sein Gutes. Während Fanny aufpasste, brachte ich an ihrem Range Rover einen Bewegungsmelder an. Jeden Zentimeter Positionsveränderung des V8 würde das Teil mir auf mein iPad senden. Inklusive Uhrzeit, Verweildauer etc.
Wie kann man nur drei Stunden bei einem Friseur hocken! Mir unverständlich. Egal. Tanja F. hatte in der Zwischenzeit einen saftigen Strafzettel bekommen. Sie stand mit zwei Reifen auf dem Gehweg im absoluten Halteverbot. Das Ticket ließ sie direkt an Ort und Stelle fallen und tat etwas zur Erhaltung der Umweltverschmutzung. Man glaubt es nicht: Sie fuhr lediglich fünfzig Meter zurück und um die Ecke. Direkt in die Tiefgarage des Hotels ›Vier Jahreszeiten‹. So blöd muss man sein! Zu faul, die paar Meter bis zu ihrem Friseur zu laufen. Milliardärstussi halt. Während ich noch schnell durch die heute sehr gerne getätigte Zahlung von zwei Euro den Parkscheinautomaten dazu brachte, mir ein neues Ticket für zwölf Minuten auszudrucken, war Fanny schon auf dem Weg zum Hotel auf der anderen Seite. »Fanny, lauf zur Tiefgarage. Pass gut auf und informiere mich sofort, wenn sie wieder rausfahren sollte, ja? Hier darfst du nicht rein«, sagte ich zu ihm, als ich auch den Eingang des Hotels erreicht hatte. Der schlaue Mastard wusste genau, was er machen musste und rannte um die Ecke. Zum Glück kannte ich den diensthabenden Hotelboy recht gut. Ich steckte ihm einen orangefarbenen Schein zu – ja, München ist teuer! – und bat ihn, mir doch zu sagen, in welchem Room die aufgetakelte Blondine gerade sein könnte, denn ich ahnte, dass sie nicht zum Kaffeetrinken gekommen war. »Suite 646, Doktor«, flüsterte er mir mit einem Blick zu, der mir sagte, was die gerade treiben und schaute mich dabei an, als ob er noch einen Orangenen erwarten würde, den ich ihm auch gab.
»Name?«
»Kukelow. Bulgare. Der steigt jeden Monat für zwei Tage hier ab. Wenig später trifft die Blonde ein … Er kommt immer mit einem BMW, Schweizer Kennzeichen. Ein Leihwagen. Das weiß ich, weil ich ihn in die Tiefgarage bringen muss. Der ist geizig, nicht so wie du, Doktor!«
»Vorname?«
»Muss ich checken. Ich schicke dir ‘ne SMS.«
»Danke.«
Damit wusste ich alles, was ich brauchte, um den BMW gleich mit zu verwanzen. Ich fuhr nun den Mini in die Garage des Hotels – Fanny schaute mich aus seinem Versteck verblüfft an –, hatte schnell den 7er BMW mit Schweizer Kennzeichen gefunden. Direkt gegenüber stand der Range Rover von der Folgmann. Der Rest war Routine. Mr. Kukelow würde mir nicht mehr verlorengehen. Ich ging durch die Lobby zum Aufzug und fuhr in die sechste Etage. Als ich an der Suite 646 vorbeiging, hörte ich verdächtige Geräusche, die dem gediegenen Hotel nicht angemessen schienen. Entweder, eine Frau wurde gerade umgebracht und ich sollte besser gleich Hauptkommissar Langholtz anrufen, oder sie war gerade im Himmel der Glückseligen angekommen und es war Zeit für die Heilsarmee, sie von ihrem ‚Fluch‘ zu erlösen. Ich tippte auf den Himmel, da ich zugleich das Grunzen eines kräftigen Ebers vernahm. Na das ging ja flott! Die brave Frau Folgmann war doch noch keine zehn Minuten in der 646 … Für mich war es nun höchste Zeit, draußen auf Warteposition zu gehen. Also fuhr ich den Mini wieder raus, lobte Fanny, der noch immer brav gegenüber dem Eingang zur Garage saß, und zwar so, dass man ihn nicht direkt sehen konnte, und fuhr zurück auf die Maximilianstraße. Mein vorheriger Parkplatz war bereits besetzt! Ich sah den Hotelboy, er winkte mir fröhlich zu. Klar, für ihn war es ein guter Tag. Leider musste ich mich auf einen Behindertenparkplatz stellen, es war kein anderer frei, und fühlte mich auch sofort stark behindert …
Kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, kam Fanny im gestreckten Galopp angerast. Ich öffnete die Tür. Das riesige Biest saß blitzartig neben mir auf dem für ihn viel zu kleinen Beifahrersitz und dann kam auch schon der dunkelblaue Range Rover mit einer ziemlich derangiert aussehenden Frau Folgmann am Steuer. Den Besuch beim Friseur hätte sie sich sparen können. Ich duckte mich zur Seite und Frau Luxusgattin bretterte über die Kreuzung, als ob der Teufel oder die Heilsarmee, vielleicht auch beide, hinter ihr her seien. Der Fahrer der Tram klingelte, so gut er es während des abrupten Bremsens konnte, aber der SUV schoss schon die Straße runter Richtung Parlament.
Fanny und ich saßen ruhig nebeneinander und warteten weiter. Was sollten wir auch groß reden! Fanny wusste, dass er alles richtig gemacht hatte. Keine fünfzehn Minuten später tauchte der Schweizer BMW auf. Am Steuer ein Mann, der zwar nicht wie ein Schwein aussah, dem aber seine Brutalität mit einer scharfen Rasierklinge ins Gesicht geschnitten worden war. Trotz des dunkelblauen Jacketts, dem weißen Hemd und einer unpassenden Krawatte. Stil sieht anders aus. Wir folgten dem BMW. Nach wenigen Minuten hatten wir das Ziel seiner Fahrt bereits erreicht und ich staunte nicht schlecht: Die Zentrale von Folgmanns Agenturen! Prannerstraße. Für den ‚Schwebenden‘ ein dezentes Schild in Gold … Jetzt vernetzten sich meine Synapsen. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber das ist ja das Spannende an meinem Job!
Tatsächlich. Der Geschnitzte fuhr direkt in die Tiefgarage der Agentur, hatte demzufolge eine Chipkarte. Synapsen, sage ich nur …!
Es verging keine halbe Stunde und Folgmanns Maybach samt livriertem Fahrer kam wieder aus der Garage. Nun saßen im Fonds zwei Männer. Jacob Folgmann und der Beglücker seiner Gattin, der grobschlächtige Bulgare Kukelow. Vorname Tervel. Das hatte mir gerade der Hotelboy gesimst. Ihr Ziel? Dallmayr. Fine Dining im ›Alois‹. Zu Fuß wären sie schneller gewesen. Der Maybach kurvte, völlig verkehrt fahrend, merkwürdig, durch die halbe Innenstadt, bis er das ungleiche Pärchen direkt vor der Tür absetzte und in zweiter Reihe den Verkehr der Sackgasse vollends zum Erliegen brachte. Ich stellte mich ins Halteverbot in die andere, die Schrammerstraße, hatte den unübersehbaren Maybach gut im Blick. Jetzt checkte ich kurz mal den Range von Tanja, der vor Kurzem noch frisch frisierten Vormittags-Kurzzeit-Bumserin. Die war tatsächlich gerade wieder in Grünwald angekommen. Unabhängig vom langweiligen Observieren eines Luxusautos der Firma Daimler AG, machte ich mir einen Plan, wie ich das Haus und vor allen Dingen die Smartphones der Folgmanns anzapfen könnte. Könnte es sein, dass ich unfreiwillig noch mal fremdgehen muss, mit einer wunderschönen Asiatin? Nein, das könnte ich meiner Anna nicht mehr antun.
Doktor, du warst auch schon mal besser! Die Auszeit hat dir geschadet. Reiß dich zusammen!
Noch immer stand ich auf dem Schlauch, wie die beiden einen Business-Lunch nehmenden Perlen der menschlichen Gesellschaft – es gab heute „Imperial Wachtel, Mandarine, Rosa Pfeffer + Jakobsmuscheln, Liebstöckl, Kaviar + Roastbeef, Spitzkraut, Barbecue + Rote Williams, Haselnuss, Dill“ für schlappe 79 Euro + „Weinbegleitung 4 Gläser“ zu 59 Euro, das hatte ich nur zum Spaß über die Website gecheckt und definitiv keinen Hunger bekommen – zusammenpassten.
Nach gut einer Stunde Wartezeit, dezenten Auseinandersetzungen mit zwei Politessen, weil ich im Halteverbot stand, was die uniformierten Damen nicht goutierten, um dann, auch dank Fannys guten Argumenten, doch kein Ticket zu bekommen, kamen die beiden ungleichen Männer endlich aus dem Dallmayr, an ihrer Seite ein Pärchen. Zu spät, um sie zu fotografieren, aber ich glaubte auch so, den Mann an der Seite der großen, für die Mittagszeit völlig overdressden Dame erkannt zu haben. Sie verabschiedeten sich und während der Chauffeur die Fondstür des Maybach aufhielt, stieg das andere Pärchen in ein Taxi. Hatten die sich rein zufällig getroffen oder gemeinsam den Lunch genommen? Am wenigsten passte Kukelow, höchstens Mitte dreißig, zu den zumindest distinguiert wirkenden anderen drei Personen.
Ich folgte dem Maybach. Sie fuhren zurück zur Agentur. Wieder hieß es warten. Allmählich hatten Fanny und ich wirklich Hunger! Doch ich war dermaßen neugierig, dass ich Fanny bat, sich noch ein wenig in Geduld zu üben. Er hatte Verständnis dafür und leckte sich einmal quer über sein riesiges Maul. Es war klar, er hoffte, dass wir heute noch zum Inder gingen.
Pulsuz fraqment bitdi.