Kitabı oxu: «Kristallschädel»
DANKMAR H. ISLEIB
KRISTALLSCHÄDEL
THRILLER
münchenMAFIAmord
5

Inhalt
Prolog
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Prolog
WAS war das für ein Jahr! Ein echtes Scheißjahr, oder? Mir liegt die vulgäre Sprache nicht, aber für 2020 gab es doch keine andere treffende Bezeichnung!? Wer war denn nun schuld an dem Virus? Corona. Covid 19. Das Unwort des Jahrtausends. In den Geschichtsbüchern der Enkelkinder unserer Enkelkinder wird mal wieder ein Märchen stehen. So wie immer, wenn Geschichte gefälscht wird. Corona, Corona, Corona! Nix mehr mit mexikanischem Bier. Die Krise kam aus dem Nichts. Wurde aufgebauscht und verharmlost, machte normale, unter uns lebende Menschen zu Bettlern, andere zu Verbrechern, wieder andere zu Helden, die sie nicht waren und Reiche noch reicher. Wem sollte man glauben? Wissenschaftlern? Wissen schaffen? Wie? Gibt es überhaupt einen richtigen Weg? Krieg oder Versehen, Mutter Natur oder militärisches Geheimlabor? Der eine, Nobelpreisträger, Virologe – also vom Fach – Luc Montagnier, ist sich sicher, dass das Virus eine durch Menschen gemachte Monsterwaffe ist, „also ein im Labor künstlich erzeugtes Virus“, andere ‚Experten‘ widersprechen vehement; der Spitzenpathologe Dr. Roger Hodkinson, CEO der kanadischen Firma Western Medical Assessments, sagte auf einer Online-Konferenzschaltung mit Regierungsbeamten in Alberta/Kanada, dass „Covid-19 der größte Schwindel sei, der je an einer ahnungslosen Öffentlichkeit verübt worden sei“. Politiker vieler Länder wurden zu Witzfiguren, andere zu ‚Helden‘, die Völker litten und tausende überwiegend alter, sehr alter und älterer Menschen – ohnehin überflüssig und zu kaum noch etwas zu gebrauchen, außer Geld zu kosten, Pflege in Anspruch zu nehmen, Wohnungen zu besetzen, in die Junge einziehen könnten, oder im Altenheim nutzlos dahinzugammeln – raffte es dahin. Ein Professor Drosten aus Berlin wurde plötzlich zum Superstar, bekam das „Bundesverdienstkreuz I. Klasse“. Geschissen darauf, ich mag keine Orden!
Freund oder Feind der Freiheit zugleich. Welcher Weg aus der Pandemie war und ist der richtige? Noch sind wir ja nicht raus. Gab und gibt es überhaupt einen richtigen Weg? Krieg oder Versehen, Mutter Natur oder militärisches Geheimlabor? Ja, ich wiederhole das. Was ist nur dieses Corona-Virus? Immerhin habe ich im letzten Jahr einiges dazugelernt. Wusste ich trotz Abitur und Studium doch nicht, was eine Inzidenz ist. Das sollte ich mir nun behalten, wie auch den Zusammenhang der Inzidenz zu einer Mortalität, der Prävalenz und dass die Inzidenz ein Maß für die Morbidität in der Gesellschaft ist. Dabei stellte ich fest, dass nach wissenschaftlicher Erkenntnis meine Morbidität gering ist! Glück gehabt! Ab Anfang 2021 wurde dann begonnen, die Menschen zu verimpfen. Es wurde nur noch verstorben. Was für eine Welt: Verimpft, verstorben, vergammelt, verbannt, verbrannt, vergeben, verängstigt, verlassen, vergessen, verfälscht, verhasst, verlogen, verloren …
Wie es weitergeht mit Covid 19, dem Virus aus dem Militärlabor aus Wuhan in China? Die Zukunft, unsere Zukunft wird es zeigen. Einige – allerdings viel weniger als prognostiziert, Gott sei’s gedankt – starben zumeist eines grausamen Todes, den ich nicht mal meinen Freunden gewünscht hätte. Nur gut, dass ich außer Anna und Fanny keine echten Freunde habe. Das lässt mein Job nicht zu. Nur keine Nähe aufbauen. Immer schön zweifeln, an allem. So hatte ich es schon während meiner Ausbildung zum Spezialermittler beim LKA gelernt.
Fakt war: Auch mir waren die Hände gebunden. Ich hatte zwar schon vor der ‚Corona-Krise‘ einen fetten Auftrag erhalten, konnte ihn aber nicht aufgreifen, da auch ich während dieser Zeit zum Nichtstun verurteilt war. Theoretisch hätte ich mir sogar vom Amt ein wenig Kohle holen können. Aber in Deutschland läuft das ja anders ab als in Österreich. Da kann man die Staatsspende behalten. Bezahlt von Steuergeldern. Hier muss man sie zurückzahlen. Die Steuergelder. Also habe ich darauf verzichtet. Hätte eh nicht mal für zwei Tankfüllungen meines Jags gereicht …
Wie soll man einen Kristallschädel finden und die Begleitumstände von mysteriösen Morden im Zusammenhang mit noch mysteriöseren weiteren Kristallschädeln aufklären, wenn man nicht aus dem Haus darf? Mit ’ner überflüssigen Schmutzmaske durch den Garten rennen – das bringt wenig.
Bill Gates – für die einen ein Heilsbringer, für die anderen der Obergangster, der alle Menschen impfen will und ihnen einen Chip verpassen möchte. Was will der Mann wirklich, außer noch mehr Kohle raffen? Nanotechnologie, winzig klein, kaum nachzuweisen und vermutlich viel besser funktionierend als die Corona-App, die Millionen auf ihren Handys haben und sich dennoch infizieren? Infizieren! Das Wort der Stunde. Aber ist ‚infizieren‘ auch gleichzusetzen mit krank sein? Nein! Um Statistiken zu verfälschen, sagt man einfach, „der/die haben sich mit dem Covid-19-Virus oder einer seiner Mutationen – DB119, XL 2022a, oder so – ‚infiziert‘.“ Dabei spüren die meisten der ‚Infizierten‘ nichts und sind weiterhin kerngesund! Wer verbietet eigentlich mal die Statistiker? Verschwörungstheorie? Wieder so ein Modewort. Alle, die gegen irgendetwas was sagen, sind Verschwörer! Verschwörer wovon, gegen wen, wofür?!
Mal ehrlich, wir haben doch alle keine Ahnung, auch nicht die Virologen. Das Virus ist da. Basta. Es verschwindet auch nicht mehr von dieser Erde! Es mutiert und mutiert und lacht sich kaputt! Hase und Igel. Und dann gibt es noch andere Verrückte: Die Biohacker! Völlig krank, wollen sie Mutter Natur überlisten und Menschen nach ihrem Gutdünken herstellen. Ekelhaft! Und wer sind nun wir, die ‚normalen‘ Menschen?
Mir ging das alles ziemlich auf den Sack. ‚Social Distancing‘ war angesagt. Was für eine Scheiße! Ich wollte nichts weiter als ein normales Leben führen. Würde das in Zukunft noch einmal möglich sein?
Erste Welle, zweite Welle, dritte Welle, Monsterwelle.
Fönwelle.
Dauerwelle.
Dauerwelle?
Eine Welt im Umbruch und ich mittendrin. Ein winziges Licht, ein Miniatom im menschlichen Kosmos. Vom Weltall will ich gar nicht reden. Trotzdem: Wer hat uns denn nun die Corona-Kacke eingebrockt? Wir Menschen oder Teile von uns. Die Natur. Die wilden Tiere? Was ist die Natur? Unmenschen? Was hat das viel gepriesene G5-Netz mit dem Covid-19-Virus zu tun? G5: Millimeterwellen, die in die menschliche Zelle eindringen. Komisch, dass das Covid-19-Virus sich genau in den Gebieten der Welt am fürchterlichsten ausbreitete, die schon mit der G5-Technologie versaut wurden. Verschwörungstheorie?
Oder war es doch „Mutter Natur“, die sich zur Wehr setzte und es auch weiterhin tun wird, wenn wir Menschen uns nicht ändern. Obwohl, mir ist da was in die Finger gekommen, das mich nachdenklich sein lässt.
CORONA:
Nun gebt mal dem Alphabet Zahlen, liebe Leser: A = 1, B = 2 usw. Und dann verwendet sie auf das Wort Corona …
| C = | 3 |
| O = | 15 |
| R = | 18 |
| O = | 15 |
| N = | 14 |
| A = | 1 |
6 Buchstaben hat das Wort. 66 ist die Summe aus den Buchstaben. Zusammengenommen: 666. Die Zahl des Teufels, wenn man der Kabbala Glauben schenken mag. Und nun nehmt das US-Wahljahr 2020 und teilt dieses durch 666. Ergebnis? = 3,0330 und jetzt schaut mal, wozu Joe Biden & Kamala Harris bereits im Juni 2020 die Wähler über Twitter aufriefen: „Das Wort ist ‚VOTE‘ und Sie müssen dieses Wort an die 30330 senden“ … Und schon gewinnen die Demokraten … Noch Fragen? Alles Zufall? Wer’s glaubt, wird selig gesprochen! Mein Wort …
Unser Leben, unsere Ansprüche, unsere idiotischen, maßlosen Vorstellungen von materiellem Muss-Ich-Haben weiter strapazieren? Transhumanismus-System. Das wollen uns meine Freunde um ‚Mr. Global‘ aufzwingen.
Ich war froh, dass ich zwischen zwei Wellen endlich wieder in meinem Job arbeiten konnte. Spannender als das unfassbare Covid-19-Virus allemal …
I
DAS war schon eine schräge Vögelin, die Dame aus der Münchener Society, die mich bereits vor knapp einem Jahr beauftragt hatte, ihr bei der Suche von einem ihr gestohlenen ‚Kristallschädel‘ behilflich zu sein. Sie war geliftete-Ende-vierzig aussehend, aber ging locker auf die achtzig zu oder darüber. Ihr Schönheitschirurg aus der Münchener Lift-Society hatte aus Sicht seiner Klientin gute Arbeit geleistet, aber ihr wirkliches Alter war dennoch nicht zu übersehen. Falten kann man wegbügeln, aber das ist es ja nicht allein. Eine Erscheinung, die Dame, noch heute, und dabei sehr zurückhaltend-aufdringlich. Bei der passte nichts zusammen und das war das Faszinierende für mich. Auf beschämende Art alt-sexy, zugleich irgendwie introvertiert und schüchtern, eine Denkerstirn, die zu einer Krebsforscherin gepasst hätte und gleichzeitig vulgär in einer Art, dass man sich fremdschämen konnte. Man munkelte, sie hätte in den fünfziger/sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts international gemodelt, was ich mir nicht vorstellen konnte, denn Models sollen ja immer um die 1,80 Meter groß sein. Sie war um die 1,60 – höchstens. Mit Pumps. In ihrer körperlichen Statur eher an die Mutter des einstigen Prominenten-Hilf-Schneiders Rudolf Moshammer – der sich ‚Modedesigner‘ nannte, aber nie eine Schneiderlehre gemacht hatte, geschweige denn ein Designer war – erinnernd. Die brachte es immerhin auf geschätzte 1,40 Meter lichte Höhe.
Wie meine Klientin zu ihrem großen Vermögen gekommen war, entzog sich – noch – meiner Kenntnis. Auf jeden Fall hatte sie eines. Das war schon mal gut, so musste ich um mein Honorar nicht bangen.
Damals, also Monate vor Corona, rief mich ein Typ an. Ob ich denn für ihn arbeiten könne. Also indirekt, denn eigentlich für eine prominente Lady aus der Gesellschaft, die er vertrete, als Freund und Berater. Er erläuterte mir kurz, worum es gehen würde. Ich sagte ihm, dass ich gerade in einen anderen Auftrag involviert sei und den mir angebotenen Job erst danach übernehmen könne. Er war sauer, stimmte aber zu, da er meinte, mein Ruf wäre so gut, dass er nur mir vertrauen würde und ich solle mich doch melden, wenn ich wieder frei wäre, mich auf seinen Auftrag voll konzentrieren zu können. Dann kam Covid-19 dazwischen und meine lange, unfreiwillige Arbeitslosigkeit, die ich mit Lesen, ausgiebigen Spaziergängen mit meinen Liebsten, also Fanny und Anna, etlichen körperlich anstrengenden, aber jedem Paar zu empfehlenden Aktivitäten mit meiner wunderschönen jungen Frau und sonstigen als sportlich zu bezeichnenden Tätigkeiten sowie desaströs ausgehenden Kochversuchen verbrachte …
Und dann lernte ich Hermine Doberman kennen. Die junge-alte Dame, die in einem winzig kleinen Holzhaus in Solln lebte. Der Typ, der mich seinerzeit anrief und in ihrem Namen beauftragte, etwas ganz Wichtiges und Geheimnisvolles, einen ‚Kristallschädel‘, zu finden, war in der Zwischenzeit verstorben. Wie und in welchem Zusammenhang er sein Leben aufgab, auch darum sollte ich mich nun zuallererst noch kümmern. Der mich damals Anrufende hatte nicht einmal das 40. Lebensjahr vollendet, als Hermine ihn tot in seiner Mansarde, im Obergeschoss ihres eigentlich völlig unscheinbaren und gerade deshalb auffälligen Hexenhäuschens, fand. (Übrigens passte der Garten zu Haus und Frau perfekt. Düster, mehr als voll mit alten, knorrigen Bäumen, die wenig Licht zulassen, wildem Rasen, der Gott sei Dank noch nie manikürt wurde, Buschwerk aus aller Herren Länder, das sich auch in Deutschland wohlzufühlen schien, einem Trampelpfad als Gartenweg, eng, eingefasst von Wildrosen voller Dornen und unfassbarer Lärm, den tausende von Hundertschaften von Vögeln veranstalteten. Ein Dauerkonzert der besonderen Art.)
Das Telefonat zwischen Mr. Schon Tot und mir hatte am 23. März 2020 stattgefunden. Einen Tag später, am 24. März, hatte es den durch die Regierung verordneten ersten Lockdown gegeben, der, zusammen mit dem zweiten und dritten und vierten, wie man nun sehen konnte, das Land in eine große Krise, um nicht zu sagen, in ein schier unüberwindbares Chaos geführt hat. Ja, man fing mit dem Impfen an, damals, im Dezember 2020, aber das Impfen brachte auch nicht den ersehnten Durchbruch, denn die Impfstoffe waren nicht so stabil, wie man es sich erhofft hatte und das schlaue Corona-Virus veränderte laufend seine Taktik, uns Menschen zu ärgern. Keiner wusste in der Zeit der Lockdowns, wie er sich verhalten sollte, was er tun durfte, um den Regierenden zu gefallen und nicht von der Polizei eingesperrt oder gleich ganz in die Psychiatrie verbracht zu werden. Von der sich rapide ausbreitenden Armut, dem Verlust hunderttausender Arbeitsplätze ganz zu schweigen, den Kneipen, die auch mir fehlten, na, Sie wissen schon: der ganze Wahnsinn, der uns seit dem März 2020 alle begleitet. Dazu mindestens 1.750 Milliarden neue Schulden in Europa, die keiner zurückzahlen kann, weil kein reeller Gegenwert dafür erwirtschaftet werden wird, also letztlich eine Hyperinflation, die die Kinder der heutigen heranwachsenden Kinder bezahlen sollen. Eigentlich also alles wie immer und doch ganz anders.
War der Verstorbene ihr junger Lover oder ein Freund des Hauses, ihr Buchhalter oder Vermögensverwalter gewesen? Ich würde es herausfinden. Google gab nicht viel her. Weder für Baader, den Verstorbenen, noch für die Multimillionärin, die sie zu sein schien. Eigentlich lebte sie für eine reiche Frau viel zu zurückgezogen, obwohl sie bei etlichen Events der Münchener Society ein gern gesehener Gast war. Aber es gab – bis über die wenigen Zeilen in den überflüssigen Klatschteilen der Münchener Zeitungen – halt nicht viel über sie zu finden.
Die drei kleinen Zimmer im Erdgeschoss ihres Hauses, zusammen keine 50 qm, waren vollgestopft mit Kunstschätzen, echten Antiquitäten jeder Art. Da hingen Chagalls rum – nicht nur einer –!, Fabergé schien nur für Frau Doberman gearbeitet zu haben – auf der barocken Kommode stand ein gutes Dutzend der berühmten Fabergé-Eier im Wert von mindestens 50 Mio. Euro rum, als ob es nichts wäre – und auch sonst – ein Paradies für Experten und Diebe! Allein daran konnte man erkennen, dass die kleine Hermine eine mehr als wohlhabende Frau sein musste. Warum sie in dem eher winzigen Holzhaus und nicht in einer schicken Villa in Bogenhausen oder in Kitzbühel wohnte, keine Ahnung. Also noch nicht, als ich sie das erste Mal besuchte und einigermaßen verwirrt war, weil sie eben so war, wie sie war. Klug, streng, vulgär, kindlich, wissend und doch irgendwie dumm, hatte ich den Eindruck. Und eine Stimme! Lautstark mit knarrigem Sound einer ausgeleierten und abgesungenen Altistin und zart in einem. Eine Raucherstimme, wenn Sie verstehen, was ich sagen will. Obwohl ich keine Zigarette oder Zigarre in ihrem verwunschenen Häuschen sah. Nur Ginflaschen standen en masse rum. Darunter allein ein halbes Dutzend Bombay Sapphire Revelation. Da kostet die Flasche mal locker zwischen 180.000 und 200.000 Euro! Vor allem die Flasche selbst trägt zu diesem enorm hohen Preis bei, der Inhalt wohl weniger. Sie besteht aus französischem Kristall. Das in Frankreich hergestellte Kristall gilt als besonders wertvoll und nahezu perfekt verarbeitet. Unter anderem gehört auch noch Baccarat-Kristall zu den verwendeten Materialien für die Flasche. Hinzu kommen noch an der Flasche angebrachte Edelsteine. Diese verzieren den Verschluss und machen ebenfalls einen Großteil des hohen Preises aus. Der Gin ist nicht in einer gewöhnlichen Flaschenform abgefüllt worden, die Flasche ähnelt einem Diamanten. Allerdings ist sie um einiges größer und massiver. Die Form ist besonders und unverkennbar, daher ist auch die Herstellung deutlich teurer als bei anderen Flaschen. Dann gab es noch circa 30 Flaschen anderer Destillen wie der Nolet’s Dry Gin – The Reserve, halbleer oder ungeöffnet. Ein Vermögen! Die Gin-Vorräte waren quasi die Deko, unpassend/passend, zu den Kunstschätzen, aber immerhin. Wie ich es schon sagte, bei Hermine Doberman passte nichts zusammen … Aber mir wurde klar, dass der ‚Kristallschädel‘, den sie vermisste, etwas Besonderes sein muss und die Doberman auf Glas steht … wie bei den Flaschen. Denn auch Kristallschädel sind aus einem Mineral, Glas. Aus besonderem? Keine Ahnung. Auch das würde ich herausfinden müssen.
Ja, ich hatte Fanny mitgenommen, wie immer, wenn mich jemand beauftragt, für ihn zu arbeiten. Und was soll ich sagen: Ich habe Fanny in all den Jahren, in denen er mich helfend begleitet, noch nie so zurückhaltend, so liebevoll mit einem fremden Menschen umgehen sehen, wie er es mit der auffallend kleinen, auffallend alten-jungen Dame tat. Fast hätte ich neidisch werden können, so verliebt schien mein Tosa Inu, doppelt so groß und doppelt so schwer wie meine Auftraggeberin, zu sein. Er tänzelte um sie herum und lächelte sie an. Ehrlich! Verdammt, Doktor, du bist abgemeldet. Was hat sie nur an sich, dass mein Köter sich so verhält! Mir unverständlich, aber auch den Grund für sein für mich ungewöhnliches Verhalten würde ich herausfinden.
»So gutaussehend habe ich Sie mir gar nicht vorgestellt. Ernesto, mein schwuler Freund, um dessen Tod Sie sich auch gleich mal kümmern müssen, hatte Sie mir empfohlen. Wie er auf Sie gekommen ist, keine Ahnung! Von Ihnen weiß ich gar nichts. Also wenn Sie für mich arbeiten wollen, dann müssen Sie mir erst mal erzählen, wer Sie sind. Damit das klar ist!«
Die ersten Sätze aus ihrem lockeren Mundwerk, mit dem ich noch viel Freude und noch mehr Ärger haben würde. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dazu traf mich der Sound ihrer Stimme und stieß mit aller Wucht auf meinen musikalischen Nerv: grässlich, aufdringlich, versoffen, einschüchternd, zart. Alles in einem und mit einem Wort nicht zu beschreiben.
»Ich kann auch gleich wieder gehen, wenn Sie meinen, dass ich nicht der Richtige für Sie bin. Und ich will und muss auch nicht für Sie arbeiten, Ihr toter Freund rief mich an, nicht ich ihn. Damit das klar ist! Und wie ich aussehe, spielt für meinen Job wohl keine Rolle, denke ich, oder?!«
Die Fronten waren fürs Erste geklärt, das Terrain abgesteckt und die Madame Doberman schaute mich aus ihren wasserblauen Augen an, als sei ich Mister Adonis himself. Die Hexe, die perfekt in ihr Hexenhäuschen passte – wohl deshalb hatte sie sich keine mondäne Villa bauen lassen –, machte mich definitiv an! War Hermine Doberman einfach nur peinlich oder glaubte sie tatsächlich, mich beeindrucken zu können? Sie hätte meine Großmutter sein können. Mindestens! Und so sehr ich auf schöne und interessante Frauen – ich denke da nur an Frau Haberschmus aus Zürich oder Hannelore Wille, die Verführerin aus meinem ersten Fall „Feingeist“! – stehe und manchmal in der Vergangenheit auch nicht gerade der treueste Mann war, sie war nun wahrlich nicht mein Beuteschema.
Anna konnte ganz beruhigt sein.
Die Doberman saß mir gegenüber auf einem Schaukelstuhl, der schon bessere Zeiten gesehen hatte, wie auch Hermine Doberman. Knallgelber Minirock, der bis zu der Hüfte hochgerutscht war, eine königsblaue Seidenbluse, ebenso königsblaue Stöckelschuhe und ein goldener Armreifen, der so schwer sein musste, dass ich mich fragte, wie sie ihren ausgemergelten, schmalen Arm damit heben konnte. Ihre wasserblauen Augen waren eingerahmt von knallkönigsblauen Lidstrichen, die die Ausmaße von Autoreifen hatten. Was Hermine mir nach ihrer missglückten Anmache auftischte, nachdem ich ihr kurz und knapp meine Vita geschildert hatte, das ließ mich dann doch sehr aufmerksam werden. Sollte ich das alles glauben oder doch lieber Fanny der Hermine entreißen und mit meiner Eifersucht auf meinen geliebten Riesenköter das Hexenhäuschen verlassen und ein Märchenbuch schreiben …?
Vieles von dem, was sie mir in gut einer Stunde erzählte, erinnerte mich an den Film „Indiana Jones“ mit Harrison Ford und war doch gänzlich anders.
Hermine Dobermans Story fing im Dritten Reich an. Mit Göring und Himmler … Und mit ihrer Mutter, der Sängerin Martha Frühling, einer Geliebten von Göring.
Hermine war demzufolge das Ergebnis einer exzessiven Nacht mit Hermann, dem Göring, gewesen. So erzählte es mir Hermine in ihrer schnodderigen Art frank und frei: »Sie müssen wissen, meine Mutter und der Göring haben sich über Monate fast zu Tode gevögelt. Meine Mutter war gerade mal auf den Tag genau 17, als Göring sie in einem kleinen Münchener Cabaret singen und tanzen sah. Da hat er sie sich gleich in der Nacht geschnappt, ist mit ihr in sein Büro im Führerbau gefahren, Sie werden es vielleicht nicht wissen, das ist die heutige Hochschule für Musik in der Arcisstraße – und der perverse Arsch hat sie auf seine perverse, von ihm bevorzugte Stellung auf seinem riesigen Schreibtisch entjungfert und gnadenlos durchgeritten. Das war zwischen den beiden von der ersten Sekunde an eine Hassliebe. Meine blutjunge Mutter war vernarrt in den Kokainprotz und fand es spannend, durch einen so berühmten Mann ihre Jungfernschaft verloren zu haben. Gleichzeitig, so erzählte sie mir später, ging ihr seine fiese Art, wie er sie brutal und ohne jegliche Rücksicht auf ihren jungen und schönen Körper von allen möglichen Seiten nahm, ziemlich auf die Nerven. Sie war hin- und hergerissen. Spannend, ja, aber auch erniedrigend, brutal. So war er halt, der Göring. Ständig kam er zu ihr nach München, manchmal flog sie auch zu ihm nach Berlin und dann wieder trafen sie sich in Hitlers Wochenendanwesen Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Meine Mutter war so geil, wie ich es heute noch bin – das liegt wohl in der Familie –, und der fette Göring, der zum Zeitpunkt meines Entstehens noch schlanker gewesen sein soll und überaus attraktiv, wenn ich meiner Mutter, der alles vögelnden Schlampe, zu der sie sich binnen Wochen nach dem Kennenlernen Görings entwickelte, Glauben schenken durfte. Also für sie. Aber da sie auch was mit dem Himmler hatte, der ebenfalls auf Nachtklubsängerinnen stand, könnte es auch sein, dass ich zwei Väter habe oder der Himmler mein Erzeuger war. Attraktiv soll der auch gewesen sein. Sagte meine Mutter. Das sehe ich anders. Auf den Fotos, die mir meine gar nicht so schlecht singende Mutter zeigte, sah der jedenfalls grässlich aus. Ein verkniffener, spröder, spießiger Typ. Tja, die Geschmäcker sind verschieden. Schauen Sie selbst, Herr Richter.« Und schon kramte sie aus dem überladenen Sekretär ein Bild von Himmler hervor, schob es mir unter die Nase und fragte: »Finden Sie den etwa gutaussehend? Soll ich dessen Kind sein? Doch eher wohl nicht! Ich war doch mal bildhübsch, nicht wahr? Nun ja, das bin ich ja eigentlich auch bis heute geblieben«, überschätzte sie sich im Brustton vollster Überzeugung, fuhr sich – wie sie glaubte – verführerisch mit ihren alten, faltigen, kleinen Händchen mit den pinkfarbenen, überlangen und sorgfältig manikürten Fingernägeln über ihre ebenso kleinen, vermutlich total schrumpeligen Brüste und glaubte, mich damit anmachen zu können. Na bravo, das war der Gipfel meiner Karriere als Privatermittler! Doktor, nimm dich in Acht, die will dich tatsächlich umreißen! Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, so grotesk war die Situation in ihrem Hexenhäuschen.
»Na ja, Herr Richter, nun wissen Sie, dass ich nicht mehr 35 bin und auch, was ich von meiner Mutter gehalten habe. Sie war wirklich, Sie können es mir glauben, eine ausgemachte Schlampe und hat sich im Laufe der Jahre alles ins Bett geholt, was irgendwie Rang und Namen im Dritten Reich hatte. Also gehen Sie mal davon aus, dass ich weiß, dass meine Mutter meine Mutter war, aber wer mein Erzeuger …? Eigentlich auch egal. Auf jeden Fall hat mir meine Mutter eine beachtliche, von ihr zusammengevögelte Kunstsammlung hinterlassen. Ich glaube, dass von den rund 1.000 geklauten und irgendwie zusammengerafften Gemälden, sogenannter Raubkunst, die eigentlich für Hitlers Führermuseum in Linz bestimmt waren, mindestens 50 bis 100 davon bei meiner Mutter gelandet sind. Einmal ein guter Fick – und schon gab es wieder ein Gemälde. So sind wir zu Geld gekommen. Na ja, Raubkunst war nicht dabei. Meine Mutter mochte auch Juden. Das hätte sie nicht zugelassen und hat wohl jedes Bild checken lassen, damit sie später, also nach dem kurzen 1000-jährigen Reich, keine Probleme bekommen würde. Aber die eigentliche Geschichte ging erst vor zwanzig Jahren los. Doch die erzähle ich Ihnen erst, wenn wir uns nähergekommen sind und ich Ihnen voll vertrauen kann.«
Fanny hatte während der ganzen Zeit ihrer Erzählung seine Riesenschnauze auf ihre Oberschenkel gelegt und sie mit schmachtenden Augen angeschaut. Echt, so kannte ich meinen Mastiff nicht! Ich war geschockt, fasziniert und verwundert in einem. Ich hätte wetten mögen, dass Hermine für die nächsten vier Wochen riesige Hämatome auf ihren dürren, alten Stelzen mit sich schleppen müsste.
II
»SIE müssen sofort kommen. Sofort, verstehen Sie!«
Mit diesem Anruf weckte mich Hermine Doberman um sage und schreibe 04:43 Uhr des nächsten Morgens. Ich hatte vergessen, mein Handy auszuschalten und das dämliche Ding schnarrte mich fast so ekelhaft an, wie mich die Stimme von der Doberman anblaffte. Rau, ängstlich, schrill und hypernervös. Fanny, auf den ich noch immer ein wenig sauer war und ihn das auch mit meiner Zurückhaltung spüren ließ, da er sich gestern von Hermine verabschiedet hatte, wie es nur Verliebte tun, schmiss mich quasi aus dem Bett! Mein Köter und Hermine – na das war ein Pärchen! Wie der massige Kerl das Unheil ahnte und mich traktierte, weil ich nicht sofort meinen Hintern aus dem Lotterbett bekam. Wir, Anna und ich, hatten uns noch nach meiner Rückkehr aus Solln etwas um das gekümmert, was die Alte mir unverschämter Weise angeboten hatte, und eine Superrunde ‚geschnakselt‘, wie die Münchener sagen, wenn sie meinen, dass eine gute Nummer den Abend verschönern kann. Der Mistkerl stieg mir mit seinen Schweißpfoten einfach mitten ins Gesicht. Als ob er einem Mafiatypen Angst machen wollte! Soweit waren wir schon gekommen. Ich war mir sicher, dass das seine Retourkutsche auf meine Missachtung ihm gegenüber war. Ist ja auch blöd von mir, auf Hermine und Fanny eifersüchtig zu sein.
Liebe kann schon merkwürdige Formen annehmen.
Also raffte ich mich auf, schlug Fanny weniger zärtlich als gewollt seine Pfoten aus meinem Gesicht und Minuten später fuhren wir wieder als Freunde von Grünwald nach Solln.
So kann Liebe auch gehen.
Was hört man für zehn Minuten morgens um fünf Uhr für Musik? Ich entschied mich für ›Dirty Honey‹ und ihren Song „Rolling 7s“. Eine harte Newcomerband aus L.A., die richtig gut abgeht und mir den letzten Schlaf aus den Knochen räumte: „No need to socialize / No need for fantasy / I’ll shine on, like a star at first night / And show you all you need / ’Cause I know all your vices / Yeah, I know where you’ve been / So baby, take another toss of the dice / I’m rolling sevens again now / When you need a little lovin’ / Baby, all night long / When you need a little lovin’ / Come and turn me on / When you need a little lovin’ / All night long / When you need a little lovin’ / Oh yeah“ – Keine Notwendigkeit, Kontakte zu knüpfen / Keine Notwendigkeit für Fantasie / Ich werde weiter leuchten, wie ein Stern am ersten Abend / Und zeige ihnen alles, was sie brauchen / Denn ich kenne all ihre Laster / Ja, ich weiß, wo du warst. / Also Baby, nimm einen weiteren Würfelwurf / Ich würfle jetzt wieder die Sieben / Wenn du ein wenig Liebe brauchst / Baby, die ganze Nacht lang / Wenn du ein wenig Liebe brauchst / Komm und mach mich an / Wenn du ein wenig Liebe brauchst / Die ganze Nacht lang / Wenn du ein wenig Liebe brauchst / Oh ja.
Das hatte ich hinter mir, war gar nicht lange her, Anna …
Fanny war als Erster an der Tür des Hexenhäuschens und es dauerte auch nur Sekunden und die alte-junge Frau Doberman stand in der Tür in einem rosafarbenen Negligé, das jedem Supermodel zur Ehre gereicht hätte, bei Hermine aber einfach nur peinlich aussah.
Stimmte etwas nicht mit ihr oder mit mir?
»Bei mir wurde eingebrochen. Kaum war ich ins Bett gegangen – ich nehme immer einen kleinen Gin, manchmal auch einen größeren, mit gutem Tonic Wasser, 1724 oder Haindl’s sind die besten, dazu einen Spritzer Zitrone und eine Prise Pfeffer, bevor ich in die Nacht eintauche –, da hörte ich ungewöhnliche Geräusche. Direkt aus meinem Wohnzimmer. Im ersten Moment dachte ich, Sie und Ihr Hund seien zurückgekommen. Ich riss dennoch die Nachttischschublade auf, griff mir mein Pfefferspray und schlich die Stiege runter. Scheiße, der Wichser –, es war definitiv ein Mann, so Ende dreißig vielleicht, wie ein Rocker aussehend, breite Schultern, Muckis ohne Ende, lange dunkle Haare zu einem Zopf gebunden, Tätowierung am rechten Unterarm –, sprang gerade aus dem Fenster und verschwand in der Dunkelheit. Ich konnte mir das Pfefferspray sparen und auch ihm hinterherzurennen, in meinem Alter, wissen Sie, das hätte auch nichts gebracht! Also habe ich Sie angerufen. Die Anrichte war aufgebrochen, aber es fehlt nichts. Na ja, der scheint etwas Bestimmtes gesucht zu haben. Was, kann ich Ihnen nicht sagen. Denn das Einzige, was mir wichtig ist, ich wollte es Ihnen eigentlich erst bei Ihrem nächsten Besuch sagen, ist der fehlende Kristallschädel. Na ja, das wissen Sie doch schon durch Ernesto. Scheißegal. Sie haben doch Zeit, oder? Na ja, die Nacht ist ohnehin versaut. Also lassen Sie uns einen Drink nehmen, Sie trinken doch einen mit mir? Mögen Sie Gin auch so wie ich? Manchmal nehme ich sogar ein Gin-Bad. Da sind gute Kräuter drin im Gin, Rosmarin, Thymian, Bärwurz, aber auch Safran, Fenchel oder Sellerie, wussten Sie das? Sicher nicht. Na ja, man kann nicht alles wissen. Sie haben sicher auch Ihre Qualitäten, Daniel!« Hermine ließ es schon wieder darauf ankommen. Der Körper unter dem durchsichtigen Negligé begann auf eigenartige Weise zu vibrieren. Hatte sie den Einbruch nur vorgetäuscht, um mich zu sich zu locken? Wollte sie ernsthaft mit mir ins Bett? Fanny, pass auf. Lass nicht zu, dass die exzentrische alte, geile Schachtel mich verführt! Das habe ich wirklich nicht verdient!
»Jetzt lassen Sie uns mal sachlich an die Dinge herangehen, Frau Doberman. Zuerst erzählen Sie mir, was es mit dem Kristallschädel auf sich hat. Dann versuchen wir es mal mit einer Skizze von dem Typen, der in Ihr Haus eingebrochen ist und dann werde ich den suchen, falls das Sinn macht.« Mit ihrem ständigen „na ja“ ging sie mir am mehr als frühen Morgen ziemlich auf den Senkel!
»Ich heiße Hermine, bitte sagen Sie Hermine zu mir, ja!«
Ein Befehl war das, keine Aufforderung.
»Okay, Hermine!«
»Na ja, vor gut zwanzig Jahren bekam ich ganz plötzlich und unerwartet Besuch von sechs Bikern. Sie kamen auf ihren fetten Harleys einfach so auf mein Grundstück geprescht, machten Lärm für eine ganze Kompanie und ich dachte, sie wollen mich vergewaltigen. Nicht, dass ich da keinen Spaß dran gehabt hätte, aber nur ein halbes Dutzend auf einmal?«
Hermine krächzte wie eine Nebelkrähe, der der Nebel ausgegangen war. Fanny wurde schon ganz unruhig. Er lag, von der Sekunde des Eintreffens im Hexenhäuschen an mit seinem Riesenschädel wieder auf ihren zarten Oberschenkeln und himmelte sie an, als sei sie die Göttin der nördlichen und südlichen Hemisphäre zusammen! Ihre Stimme hatte einen Sound angenommen, der mich stutzig machte.
»Weiter!«
»Die Jungs drängten mich ins Haus – Sie können sich vorstellen, dass mir plötzlich gar nicht mehr nach einem guten Fick zumute war – und füllten den Raum. Besser gesagt, sie hatten kaum Platz, denn die Männer waren alle so um die zwei Meter und keiner wog weniger als 100 Kilo. Der Anführer sagte, dass er für mich etwas ganz Besonderes habe und sie wüssten, dass ich Devotionalien aus dem Dritten Reich sammeln würde. Wer ihnen den Blödsinn erzählt hat, fragen Sie mich nicht, Daniel Richter! Dann ging er noch mal raus zu seiner Maschine und kam wenig später mit einer hölzernen Kiste wieder, die ich sofort erkannte. Also nicht den Inhalt, aber die Art der Kiste. Die war definitiv aus dem Dritten Reich. Die sahen damals alle gleich aus. Also die, in denen Hitlers Vertraute, also SS-Leute einer Sondereinheit, Beutekunst jeglicher Art transportierten. Sie waren in düsterem Militärgrün, hatten Stahlarmierungen ringsherum, trugen alle mehrere eingebrannte Stempel, so wie Rinder, die man quält, bevor sie verkauft und dann letztlich doch geschlachtet werden. Registriernummern, Siegel, braune Lederriemen zum besseren Tragen usw., alles genauso, wie es die SS benutzte, um meist geklaute Kunst zu tarnen und gut geschützt zu transportieren. Während der ganzen Zeit hingen die anderen fünf nur rum, beobachteten mich und sagten kein Wort. Es sprach immer nur der große Blonde. Wäre er hundert Jahre früher geboren, hätte meine Mutter gesagt, ein „reinrassiger Arier“. Wobei die ja eigentlich Indogermanisch sprechen müssten und ihre Wurzeln im persisch-indischen Raum hatten und mit uns Deutschen wenig gemein haben. Aber im 20. Jahrhundert beanspruchten halt die Deutschen den Begriff Arier für sich. Jedenfalls sprach der Blonde definitiv Deutsch, wenn er auch aus dem Raum Ingolstadt/Nürnberg zu kommen schien, also eine Mischung aus Nordbairisch und Ostfränkisch. Für mich ein grauenvoller Slang. Das ist doch kein Deutsch! Mein Puls ging hoch, auch ohne sexuelle Handlungen an mir, und ich wurde richtig scharf darauf, zu sehen, was sich in der Kiste befand. Sie war quadratisch, wie ein Würfel, und so circa 40 mal 40 cm groß. Anhand der Art der hölzernen Kiste wusste ich, dass der Inhalt echt sein musste, wie die Kiste echt war. Niemand außerhalb eines inneren Zirkels der SS um Göring, Himmler und Hitler sonst wusste, was in den Kisten transportiert wurde. Ich kannte sie von meiner Mutter, da ich von ihr all die Gemälde, die Sie hier hängen sehen, geerbt hatte. Die Transportkisten habe ich noch immer im Keller – und sie sehen aus wie die Kiste, mit der die groben Gestalten mich heimsuchten!«
»Also auch die Ihnen gelieferte Kiste?«
»Was denken Sie! Bin ich verblödet?! Sagte ich doch bereits!«
Der Sound in ihrer Stimme klang nach einer Säge, wie sie der Folgmann in ›Freeport‹ benutzt haben musste, als er seiner Frau den Kopf abtrennte; nach Wald, trockenem Geäst und zickig wie ein aufheulender Motor eines getunten Mofas. Fanny erhob sich blitzartig, war so verschreckt, ja verstört, wie ich ihn gar nicht kannte. Seine ‚Geliebte‘, der er noch gerade den linken Fuß abgeleckt hatte, voller Inbrunst und Liebe, hatte ihn geschockt. Sollte das schon das Liebesaus zwischen den beiden gewesen sein, die doch gerade erst am Anfang einer innigen Beziehung standen?
»Die Kiste kann ich Ihnen zeigen, den Inhalt von damals, den Kristallschädel, müssen Sie finden!«
Hermine schüttete sich gerade wieder einen Gin ein, sie schien ziemlich aus ihrer Mitte geraten zu sein und der Kristallschädel von großer Bedeutung für sie.
Sie setzte gerade an, mich über Kristallschädel zu informieren, als wir alle drei ein Geräusch vernahmen, dass mich zu meiner nicht mitgenommenen Derringer Double-Tap greifen ließ. Shit, es war zu früh am Morgen und mein Besuch bei einer alten Dame hatte mich nachlässig werden lassen und meine schlanke, unauffällige, aber große Durchschlagskraft habende Derringer lag auf meinem Nachttisch, wo sie mir in dieser Situation wenig nützte. Gott sei Dank hatte ich meinen Verteidiger mit: Fanny. Der war längst in Angriffsstellung übergegangen. Irgendjemand wurstelte ziemlich auffällig an der alten, aber stabilen Haustür. Um diese Zeit war das weder der Briefträger noch der Hermes-Paketbote. Hermine hielt inne, das Glas, gefüllt mit Gin, verschüttete sie vor Nervosität auf den Perserteppich. Fanny schlich nun zur Haustür und ich versuchte, mich ungeschützt irgendwie in Deckung zu bringen. Ein armseliges Bild für einen Ex-LKA-Star und Verteidiger der Gerechten! Aber wollte ich mich um diese Uhrzeit schon erschießen lassen? Hermine sah uns, Fanny und mich, mit ängstlich/fragenden Augen an. Ich bedeutete ihr, sich sofort hinter der Couch zu verstecken und Ruhe zu bewahren und überlegte selbst, wie ich Herr der Situation werden könne. Meine einzige Waffe war Fanny. Der schlaue Kerl hatte sich schon so neben der Tür positioniert, dass er einen zu erwartenden Eindringling direkt anspringen könnte, wenn der denn vorhaben sollte, sich ungefragt Eintritt in das Hexenhäuschen verschaffen zu wollen.
Und er wollte. Kaum war Fanny in Position gegangen, ich hatte mich auf die andere Seite der Tür gestellt, um dem, der da kommen wollte, wenigstens meine Fäuste entgegensetzen zu können, da krachte auch schon die Tür, die der Eindringling in Höhe des Schlosses aufgehebelt zu haben schien, und Fanny umarmte ihn liebevoll. Damit konnte der große Blonde mit einer Eisenstange in der Rechten nicht rechnen. Im ersten Moment dachte ich, Fanny würde den Mann küssen wollen – mir war sofort klar, wer der Typ war, Hermine hatte ihn deutlich beschrieben, auch wenn er jetzt um Jahrzehnte gealtert war –, aber er biss ihm kurz und knackig das Genick durch. Eine herzliche Begrüßung, dabei wollte mein kleiner Schoßhund doch sicher nur spielen … Noch mal Shit! Eine Leiche am frühen Morgen! Wie sollte ich das Vadim Langholtz, dem für solche Delikte verantwortlichen Kommissar der Münchener Mordkommission, erklären? Schließlich wollte ich Fanny noch behalten, denn er war neben Anna mein Ein und Alles. Es ging alles so schnell und ich hatte keine Chance einzugreifen, Fanny von seinem Liebesbeweis mir gegenüber abzuhalten.
Hermine Doberman machte uns nichts als Ärger.
Ich hatte keine Wahl und wählte die Handynummer von Vadim. Er würde eine Lösung für uns haben. Nachdem ich ihn lange vor dem Aufstehen erreicht hatte, kümmerte ich mich um Hermine, die besinnungslos hinter ihrer weinroten Samtcouch lag und Fannys Rettungsaktion mit starrem Blick verfolgt hatte …
III
»DAS kann doch nicht sein! Immer diese Alleingänge von Achim und nun das! Was wollte der in München? Was wollte er mit dem Schädel?! Sein eigenes Süppchen kochen? Die hat den doch nicht mehr. Da möchte ich jede Wette eingehen. Wer konnte damals schon ahnen, dass die Dinger plötzlich so wertvoll werden würden! Nach zwanzig Jahren? Damals dachten wir, dass es nur wenige Verrückte gibt, die so einen Nazischeiß sammeln und waren froh, die Alte gefunden zu haben. Eine halbe Million hat sie uns bezahlt. Cash auf die Kralle! Nur weil der Schädel tatsächlich von den Nazis kam! Wisst ihr noch, was wir damals für ein Zeugs zusammengesammelt hatten? Alles aus der Nazizeit. Eine Dechiffrieranlage, Unterlagen für den Bau von Superraketen, wie sie Wernher von Braun später für die USA gebaut hat, ein paar dieser komischen Schädel, das Bernsteinzimmer usw. Das alles hatten wir und haben es an Russen, Deutsche und Amerikaner verscherbelt. Aus heutiger Sicht viel zu billig. Eben verscherbelt! Wir waren eine Rockercrew, die viel Spaß hatte und wir wurden erst mit den Jahren zu einer der schlagkräftigsten Mafiabanden im deutschsprachigen Raum! Wir waren stolz drauf, nie mit Drogen und so einem Scheiß gehandelt zu haben. Wir waren immer sauber. Aber wer konnte das damals ahnen, dass die Preise für die Schädel plötzlich so durch die Decke gehen würden! Dass ihr beide jetzt fast gleichzeitig ins Haus der Doberman eindringen wolltet! Das war so nicht vorgesehen. Dich hatte ich hingeschickt. Und das auch nur, weil ich mir sicher war, dass die alte Hexe die letzten drei der unserem Käufer noch fehlenden Schädel irgendwo gebunkert hat. Wo sonst sollen die sein? Wir haben in Bolivien, Paraguay und Marokko gesucht. In Mexiko und Panama! Die Schlange war so raffiniert. Das hätte ich ihr nie zugetraut. Ich muss übermorgen nach Houston fliegen und den aus unserer Sammlung, den wir nicht mehr haben, an Fitzgerald verkaufen. Eine Milliarde will der dafür zahlen. Für jeden einzelnen. Versteht ihr, eine Milliarde Dollar. Bis er alle 13 in seinen Besitz genommen hat. Dann gehört ihm die Welt, sagt er. Besser noch: Der Kosmos, daran glaubt er. Also zumindest unsere Galaxie! Wenn … ja wenn … Aber wir haben sie nicht. Das wäre für uns der Schlussstrich in dieser Sache gewesen. Zwanzig Jahre harte Arbeit und wir hätten unseren Laden wegen Reichtum schließen können.«
Arnim von Radebusch saß mit seinen Kumpels im Garten seiner Villa in Münchsmünster an der Donau im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, etwa 15 km donauabwärts von Ingolstadt. Er war der Geschäftsführer der dortigen Bank. Er und seine Kumpels, sie waren inzwischen fast alle so Mitte fünfzig, gut situierte Geschäftsleute, zum Teil verheiratet und nach außen hin ehrbar, bieder und angesehen, Harley-Fans und seit ihrer Jugend befreundet. Dass sie neben ihrem biederen Leben in der kleinen Kleinstadt, eher dem großen Dorf, große Fans der Nazizeit waren und letztlich Sammler von Devotionalien aus allen Zeiten des Katholizismus und speziell eben des Tausendjährigen Reiches, ahnte in dem Nest niemand. Dass sie bei ihrer Suche nach wertvollen Stücken über Leichen gingen und mindestens so skrupellos waren wie ihre sizilianischen Kollegen Mafiosi, das ahnten nicht mal ihre Frauen und Kinder. Bis zum gestrigen Tage gingen Arnim von Radebusch, Gernfried Klabau, Harry Röckeschmid, Wilhelm Wanderbausch und Norbert Köterich davon aus, dass sie sich auch auf Achim Mäzler verlassen konnten. Sie waren immer nur zu sechst gewesen in all den Jahren. Eine verschworene, aufeinander eingespielte Bande, die über die Grenzen Bayerns, Deutschlands und Europas hinaus gute, sehr gute und weniger gute Geschäfte gemacht hatte und auf deren Konto bis jetzt ebenso viele Morde gingen, wie sie an Mitgliedern zählten. Sechs! Und nun war Achim, der Verräter, ihr blonder Halbgott, tot, und Wilhelm Wanderbausch schon wieder in München, um herauszubekommen, was da im Haus der Doberman gelaufen war …
IV
INES Doberman. Sie hatte die Schönheit ihrer Mutter und die Geilheit und Raffinesse ihrer einst noch schöneren Großmutter Hermine Doberman vom lieben Gott oder ihren Herstellern mitbekommen. Gerade vor wenigen Tagen war sie 22 Jahre jung geworden. Eine Figur wie aus dem Playboy oder dem Pirelli-Kalender. Braunes, halblanges Haar, einen perfekten Busen, einen schönen, runden Hintern, der sich auf zwei fantastischen, geraden, als ausgesprochen ebenmäßigen, wohlgeformt zu bezeichnenden Beinen bewegte. Anders als ihre Großmutter, war sie 1,78 Meter groß. Die idealen Maße, um eine Weltkarriere als Model zu machen. Angebote bekam sie viele, indes – Ines lehnte alle ab. Das war nicht ihr Ding. Ines genoss ihr Leben. Sie war grundlegend faul, um nicht zu sagen stinkfaul. Nichtstun war ihr Lebenselixier. Die Schule hatte sie kurz vor dem Abitur geschmissen. Ihr gingen die Themen, die sie in den verschiedenen Fächern auf dem Gymnasium behandelten, alle gehörig auf den Keks. Denn Ines hatte nur drei Sachen im Kopf: Sex, Sex und Sex. Stimmt eigentlich nicht ganz, denn sie war auch auf Reichtum, Nichtstun und krumme Geschäfte aus. Heißt, sie beklaute alles um sich herum, fast sich selbst. Mit anderen Worten: Ines Doberman war ein echtes Unikat, liebenswert-versaut, genial-verkommen. Ein Miststück vor dem Herrn. Ideal für die heutige Gesellschaft, die von Anstand, Zurückhaltung, Verständnis für Mitmenschen wenig hält. Egoismus war angesagt und eine gnadenlose Jetzt-komme-ich-Mentalität. Rücksichtslosigkeit auf allen Gebieten. Darin war Ines großartig. Klar, dass sie auch clever genug war, um das Treiben ihrer mehrfach gelifteten Großmutter zu durchschauen. Bei der Alten war was zu holen. Mehr, als sie sich je erträumen konnte. Ines wusste, dass ihre Großmutter reich war, aber wie reich? Was ist Reichtum, wie viel Geld muss man haben, um als wirklich reich zu gelten. Eine Million, zehn, hundert? Die Alte sprach nicht darüber und sie war nicht eng genug mit ihrer Großmutter, um das richtig einschätzen zu können. Aber sie ging davon aus – großkotzig wie sie zu sich selbst war –, dass es mindestens ein paar hundert Millionen Euro sein müssten. Unfassbar für sie, unvorstellbar diese Summe, aber Motivation genug, einen Weg zu suchen, wie sie an das Vermögen der Alten kommen könnte.
Ines war gerade auf dem Weg zu ihrer Großmutter. Für sie war es ungewöhnlich früh am Morgen, nicht mal zwölf Uhr, aber sie brauchte die Alte, sofort, wollte ihr ein Bild klauen, für das sie einen Käufer hatte. Der wollte ihr 80.000 Euro cash auf die Kralle zahlen. Es war eine farbige Skizze von Paul Klee. Die Skizze hatte sie bei ihrem letzten Besuch bei Hermine Doberman mehr zufällig als gewollt fotografiert und wie dieser Zufall es wollte, vorgestern beim Dinner mit einem Kunden im ›Esszimmer‹, dem Sternerestaurant in der BMW-Welt, mehr aus Versehen als absichtlich gezeigt. Eigentlich wollte sie den neuen Kunden auf sich selbst scharf machen und ihm von sich ein ziemlich erotisches Nacktfoto in einer speziellen Pose ihrer Nacktheit, von einem Freund perfekt fotografiert, präsentieren und stieß dabei versehentlich auf das Foto des Bildes von dem Klee. Sie hatte keine Ahnung von Malerei, interessierte sich auch nicht die Bohne dafür, aber sie hatte herausgefunden, dass dieser Klee noch immer ein angesagter Maler war, auch wenn er schon Jahrzehnte tot war. Der Top-Manager aus Wolfsburg hatte sofort angebissen, als er das Foto sah und war scharf darauf, es in seinen Händen zu halten. Ja, auf Ines auch, aber noch mehr auf die farbige Skizze.
»Wo hast du das Bild her? Willst du es mir verkaufen, dir gehört doch der Klee, oder?«, fragte er sie fast atemlos mit flirrig-nervöser Stimme und Ines war sauer, weil sie gehofft hatte, dass er mehr auf sie abfahren würde als auf das kleine Bild.
Aber sie schaltete schnell und sagte: »Ja, kannste haben. Das hängt bei mir im Wohnzimmer. Wie viel ist es dir denn wert?« »Wie ich es schon sagte, wenn es echt ist, 80 Mille! Aber ich brauche es sofort, da ich übermorgen wieder nach Wolfsburg muss.«
»Abgemacht. Dann treffen wir uns übermorgen zum Lunch wieder hier oder bei dir im Hotel. Wie du willst. Bring die Kohle cash mit.«
Mit dem Geld wollte sie für ein paar Wochen nach Ibiza fliegen. Sie hatte die Schnauze von München für den Moment voll und auch dort würde es Männer geben, die sich an ihrem Körper erfreuen würden. Dessen war sie sich sicher.
»Ich fliege schon gegen Mittag zurück. Du musst mir das Bild morgen bringen, okay?«
Ines war unsicher. Wie sollte sie den Klee der ‚geliebten‘ Großmutter so schnell entreißen? Sie musste sich etwas einfallen lassen. Sie wusste, dass die Alte mit Argusaugen ihre Schätze bewachte. Denn mit den 80 Mille konnte sie sich auch endlich den neuen Porsche 911 kaufen. Auf den hatte sie schon gespart, aber es fehlten noch rund fünfzig Mille, obwohl sie mit dem Verkäufer im Autohaus schon geschlafen hatte, um einen besseren Preis rauszuschinden.
»Wird zeitlich knapp, denn morgen bin ich schon den ganzen Tag ausgebucht!«, belog sie den Manager, der jetzt, endlich, auch nach ihrem Knie griff und sich, die Leinenserviette als Tarnschild benutzend, mit seiner Hand blitzschnell weiter nach oben bewegte und nicht lange brauchte, um sie ganz heiß zu machen. Es geht doch nichts über einen guten Fick zum Mittag! – stöhnte Ines in sich hinein, gab sich seiner Hand hin und hoffte auf mehr. Dabei überlegte sie, wie sie Hermine den Klee entreißen könnte.
V
UM die Kristallschädel ranken sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts wahre Legenden. Der erste wurde in Mexiko entdeckt und war bis vor wenigen Jahren im Britischen Museum in London ausgestellt. Dann verschwand er auf mysteriöse Weise. Der nächste Kristallschädel, mit einem Gewicht von 5,3 kg, wurde in Lubaantum im damaligen British-Honduras von der 17-jährigen Anna Mitchell-Hedges entdeckt, als sie ihren Adoptivvater Frederick Albert Mitchell-Hedges bei einer Ausgrabung begleitete. Der glaubte, den sagenhaften Inselstaat Atlantis entdeckt zu haben. Das ist rund 120 Jahre her. Und Hedges war mehr als selig, einen weiteren Kristallschädel entdeckt zu haben, die alle ihre Entstehung zur Blütezeit der Maya und später der Azteken gehabt haben sollen. Was wenig Sinn machte, wenn sie das können, was sie können sollen. Verschiedene Fundgebiete, verschiedene Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten angefertigt und gefunden? Die Mythen besagen, dass es 13 Stück davon geben soll und der, der alle 13 besitzt, der wahre Herrscher des Universums sein würde. Kaum waren die ersten Kristallschädel durch die Archäologen bekannt geworden, begann weltweit die Jagd nach ihnen. Auch der einst im Pariser Museum ›Musée du quai Branly‹ ausgestellte, der kleinste der 13, verschwand auf mysteriöse Weise und wurde wenig später für die Besucher durch eine mittelmäßige Kopie ersetzt. Klar, es gibt genügend Perverse, Reiche, die die Welt für sich allein haben wollen, die Menschen beherrschen möchten. Handelte es sich wirklich um altertümliche Artefakte, vielleicht sogar von anderen Planeten einst auf die Erde gebracht oder moderne Fälschungen? Bis heute ist das nicht endgültig geklärt. Der Hauptgrund: Die Kristallbearbeitungen kann man nicht exakt datieren. Selbst mit modernsten Elektronenmikroskopen lässt sich nicht sagen, ob echt oder Fälschung. Mit modernen Maschinen im 20. Jahrhundert gefertigt oder eben doch Artefakte aus der Blütezeit der Maya oder Azteken, wenn nicht gar außerirdisch? Einig sind sich die Wissenschaftler, dass sie aus Mittel/Südamerika stammen, denn dort waren die Fundstätten. Wie simpel gedacht! Und auch darüber, dass die 13 Kristallschädel Phänomene sind, denen schon einzeln unwahrscheinliche Kräfte nachgesagt werden. Geschweige denn, wenn es gelänge, alle 13 in eine Hand zu bringen. Erforscht hatte sie offiziell noch keine Universität von Rang. Einfach wohl aus dem Grund, weil es bislang keinem gelungen war, die 13 Kristallschädel zu vereinen. Versucht hatten es einige Leute im Laufe der letzten hundert Jahre. Kein Wunder, dass sich Nazigrößen um diese Funde besonders bemühten, wollten sie doch die Weltherrschaft übernehmen und waren vom Okkultismus geradezu besessen. Keiner der weltweit agierenden Händler von außergewöhnlichen Funden ahnte, dass es in München eine kleine, nicht mehr junge Frau gab, die sich intensiv mit der Geschichte der Kristallschädel beschäftigt hatte und mehr von den 13 Schädeln angesammelt hatte, als jeder andere Sammler. Nun war ihr einer auf mysteriöse Weise – wenn man den Diebstahl des einen als ‚mysteriös‘ bezeichnen kann – abhandengekommen. Aber was wollte Hermine Doberman eigentlich wirklich mit den Schädeln anfangen …?
VI
VANDIM Langholtz kam, wie fast immer, wenn ich ihn rief, allein. Gerade war es mir, gemeinsam mit Fanny, gelungen, Hermine aus ihrer Ohnmacht zurückzuholen. Fanny schien wirklich besorgt zu sein, denn er leckte den kleinen, runzligen, spillerigen Körper der einstigen Schönheit von Kopf bis Fuß ab. Herzzerreißend anzusehen. So hatte ich Fanny wirklich noch nie erlebt. Liebe geht eigenartige Wege. Mein riesiger Kampfhund schien echt besorgt zu sein. Lebte er nun das Märchen „Rotkäppchen und der böse Wolf“ aus oder dachte er an „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ der Gebrüder Grimm oder glaubte er gar, Schneewittchen vor sich zu haben? Während ich noch versuchte, mir eine glaubhafte Story auszudenken, die ich Kommissar Langholtz auftischen konnte, schien Fanny seinen einseitigen Kampf mit dem blonden Hünen bereits abgehakt zu haben. Er konzentrierte sich mit geradezu zärtlicher Innigkeit auf die Wiederbelebung seiner Liebsten. Und als sie die Augen aufschlug, sah ich echte Tränen in den Augen meiner auch von mir geliebten Töle …
Was für ein Bild!
Und Hermine erst mal!
Nichts von Angst mehr zu spüren. Sie ratterte los wie eine Maxim Gun, das erste Maschinengewehr, das der amerikanische Engländer Hiram Maxim 1885 erfunden hatte und das heute 600 Schuss in der Minute abfeuern kann. Sie bellte mich an, als hätte ich ihr den Kristallschädel geklaut!
Unfassbar.
»Haben Sie die Einbrecher gekriegt? Warum sitzen Sie hier rum es geht um mein Geld meine Gesundheit ich habe Sie eingestellt« – sie sagte tatsächlich „eingestellt“ – »um mich zu beschützen verdammter Idiot und ich muss mich von Ihrem dämlichen Köter ablecken lassen Sie sind ein Arschloch Richter!«
Fanny war entsetzt. Er wandte sich augenblicklich von Hermine ab und stand jetzt aufgeplustert wie ein echter Tosa Inu neben ihr, so, dass ich befürchten musste, er könnte auch ihr den Hals umdrehen. Zweifelte er etwa an seiner Liebe zu Hermine? In dem Moment klingelte es auch schon. Langholtz. Super! Er kam zur richtigen Zeit. Ich hätte Hermine am liebsten gerade eine gescheuert! Und die Leiche lag noch immer im Eingang des Hexenhäuschens …
»Immer, wenn du mich anrufst, gibt es mindestens einen Toten! Wer ist denn das hier?«, fiel Vadim gleich mit der Tür ins Haus und das im wahrsten Sinne des Wortes über die Leiche, von der wir noch nicht wussten, wer sie war und weshalb der Fremde in das Haus der Hexe eindringen wollte.
»Guten Morgen, Vadim! „Schön dich zu sehen“, wäre heute leicht geprahlt. Siehst ja mein Dilemma! Der Typ ist hier eingebrochen. Fanny wollte mit ihm spielen und hat aus Versehen ein wenig heftig zugebissen. Klar, er fühlte sich durch den großen Mann mit der Eisenstange in der rechten Hand bedroht. Der hatte Sekunden vorher die Haustür ausgehebelt. Lass mich erst mal erklären, wo wir hier gerade sind und was die Sache interessant macht …«
Und ich klärte Langholtz über Hermine Doberman und meinen Job auf. Kluger Mann. Er begriff sehr schnell und hatte Verständnis für uns drei. Fanny hatte sich längst wieder neben die kleine Hermine gelegt, diesmal seinen Kopf noch mit leichter Verachtung von ihr abgewendet. Es bestand keine Gefahr, dass Hermine weitere Hämatome auf ihren muskellosen Oberschenkeln bekommen würde. Seine Liebe schien für den Moment etwas erkaltet zu sein.
»Dann sollte ich wohl erst mal herausfinden, wer der Mann ist, der hier so unschön sein Leben beenden musste!« Dabei blickte Langholtz Fanny ziemlich vorwurfsvoll an und stellte sich endlich der Hausherrin vor.
Hermine war begeistert! Ein echter Kriminalkommissar! In ihrem Haus! Sie fing schon wieder zu flirten an, rollte mit den Augen wie Mata Hari, die exotische Nackttänzerin, die als Doppelspionin während des Ersten Weltkrieges von den Franzosen hingerichtet wurde. Hatte sie vor, ebenfalls aus dem Leben zu scheiden oder glaubte sie, dass sich auch Vadim Langholtz in sie verlieben oder sie als Spionin des LKA München einstellen könnte? Und schon griff sie sich wieder die Maxim Gun – die perfekt in die Zeit der Mata Hari passte – und begann mit ihrem Verbalfeuer Langholtz zu erschießen.
»Sie wissen nicht wer ich bin ich wills Ihnen sagen ich bin reich schön begehrt und dieser Arsch wollte mich bestehlen mindestens wenn er mich nicht auch vergewaltigen wollte bei blonden Hünen echten Ariern weiß man ja nie was die im Schilde führen das sind noch echte Kerle aber der hier na ich weiß nicht kennen Sie sich aus mit Kristallschädeln nein dachte ich mir den wollte der mir klauen dabei ist er schon gestohlen von wem das sollten Sie herausfinden und zwar sofort nehmen Sie die Leiche mit die passt nicht in mein Haus und jetzt machen Sie sich gefälligst an die Arbeit.«
600 Schuss in der Minute …
Langholtz war perplex, fühlte sich erschossen und stand noch immer im Eingang der ‚Villa‘ Doberman.
»Ich werde mein Team kommen lassen. Die nehmen die Leiche mit und können die Todesursache ermitteln. Mit ihrem Kristallschädel, Frau Doberman, habe ich nichts zu tun. Für Diebstahl ist bei uns eine andere Abteilung zuständig. Aber wenn Sie wollen, kann ich das für Sie einleiten.«
»Nein wo denken Sie hin Sie machen mich ganz konfus mit ihrem Geglotze wollen Sie mich flachlegen na ja Sie sehen ja gar nicht so übel aus vergessen Sie’s Sie können doch sowieso nichts bewegen möchte ich wetten und von den Schädeln verstehen sie ohnehin nichts na ja darum kümmert sich Herr Richter nicht wahr!?«
Wieder 200 Schuss abgefeuert.
Die Situation mit dem versuchten Einbruch schien sie doch mehr mitgenommen zu haben, als sie zugeben wollte.
Fanny schaute mit schrägen Blicken zwischen dem Maschinengewehr und Langholtz hin und her. Er war verunsichert. Wem sollte er glauben, was lief da ab, wollte Langholtz ihn etwa verhaften? Verteidigte seine Liebste ihn? So gut war sein Deutsch doch nicht, dass er genau verstand, was um ihn herum geschah.
Langholtz telefonierte, Fanny beruhigte sich wieder, Hermine Doberman – welch Wunder – streichelte den Riesenschädel meines im Moment leicht deppert wirkenden Schoßhundes und ich versuchte, Hermine aufzumuntern. Was für ein Morgen!
Kaum war das Team aus der Ettstraße mit der Leiche abgefahren – ich hatte in der Zwischenzeit einen Schreiner bestellt, der, oh Wunder!, sofort gekommen war und die Tür wieder notdürftig gerichtet hatte, damit Hermine wieder in Ruhe würde schlafen können –, da klingelte es erneut. Ich öffnete die noch etwas schwer gehende Tür und mich traf fast der Schlag. Vor mir stand eine echte Granate! Was für ein Anblick!
»Was machen Sie hier? Scheiße sollte ich Sie kennen? Ach nein ich bin Ines wo ist meine Großmutter lassen Sie mich rein verdammt noch mal Sie haben hier nichts zu suchen!«
Ein weiteres Maschinengewehr, eine Mini-Maxim-Gun aus dem 21. Jahrhundert, fegte über mich hinweg. Diese Frau war definitiv ein Produkt aus der Doberman-Familie!
»Halt mal, junge Frau! So geht es nicht«, versuchte ich die Granate aufzuhalten, aber sie schob mich einfach zur Seite und wurde erst durch Fanny gestoppt, der sich blitzartig vor ihr aufgebaut hatte und sie aus seinen großen, braunen Augen anschaute, als wolle er sich gleich wieder verlieben. Mit einer weiteren Maxim Gun hatte er nicht gerechnet und schien leicht verwirrt zu sein. Und dann hörte ich auch schon die krächzende Krähenstimme der Alten, die aus dem riesigen Wohnzimmer krähte: »Was willst du denn hier verdammt noch mal blöde Gesellschaft haut einfach alle ab und lasst mich in Ruhe!«
Freundliche Begrüßung. Lunchtime der besonderen Art.
»Ach, Omili, ich wollte nur mal wieder bei dir nach dem Rechten sehen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du Besuch hast«, flötete nun diese Ines mit sammetweicher Stimme Hermine an, ging zu ihr, beugte sich über sie und küsste die Krähe auf die geliftete Stirn, mir ihren verführerischen Hintern provozierend entgegenstreckend, sodass selbst Fanny der Speichel von seinen Lefzen triefte und er den Perserteppich leicht verunreinigte.
Richtig getippt, ein Enkelkind der Doberman. Deshalb die verblüffende Ähnlichkeit. Zufall oder Berechnung? Was sollte ich denken? An einem Tag, an dem nichts normal verlief, es schon eine Leiche gab, tauchte plötzlich die bildhübsche Enkelin der Doberman auf? Ihre Stimme verriet sie. Sie wissen ja, ich habe sensible Antennen für Stimmen und ihren unverwechselbaren Sound.
Ines war definitiv nicht gekommen, um zu fragen, wie es ihrer Großmutter geht! Da war ein ganz hinterhältiger Sound zu erkennen … Zumindest für mich. Achtung, Doktor, hier läuft was ab, was du noch nicht einordnen kannst. Pass nur gut auf. Und in der Tat …
Lunchtime. Ich hatte Hunger und sollte den unfreundlichen Ort schnellstens verlassen. Wenn da nicht der besondere Sound in der Stimme der jungen Schönheit gewesen wäre. Freundlich, einschmeichelnd, aber total unecht. Was wollte die Enkelin wirklich? Die war definitiv nicht gekommen, um ihrer Großmutter nur „Hallo“ zu sagen. Der Sound und die Art, wie sie die Alte ansprach, ließ es nicht zu, dass ich mich einfach so vom Acker machte. Fanny war eh abgeschrieben. Der hing bei den beiden Frauen rum, schaute von einer zu anderen und war merkwürdig still. Eigentlich wie immer, Hunde reden ja relativ wenig. Was fiel ihm auf? Hatte er das gleiche Gefühl, das ich nicht loswurde? Ines beschäftigte mich, obwohl es dafür keinen Grund zu geben schien. Ja, sie war eine echte Granate, eine, die jeden Moment explodieren konnte. Gefährlich. Auf jeden Fall machte sie mich an, dagegen waren die Versuche der Alten echter Muckefuck, wenn Sie wissen, was ich meine. Also den Kaffeeersatz der Nachkriegszeit aus Gerste oder Zichorie, den es überall gab, nachdem sich Hitler und Co. vom Acker gemacht und Deutschland als Trümmerfeld zurückgelassen hatten. Ines schlich die drei Schritte vor und zurück durch die riesige Villa und ich bemerkte, dass sie etwas suchte, was an der Wand zu hängen schien. Also eines der vielen Gemälde, die im Übermaß und unterschiedlicher Größe wie wild zusammengewürfelt die teuerste Tapete der Welt bildeten. Lückenlos. Hatte die Enkelin es darauf abgesehen oder war das alles nur Zufall, um ihre Nervosität zu verbergen und ich bildete mir das nur ein? Jetzt huschte ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht, das dadurch noch reizvoller auf mich wirkte, weil es für einen Moment ehrlich zu sein schien. Ein Novum an der Person. Also noch mehr Vorsicht, Doktor!
Sie schien etwas entdeckt zu haben. Was? Warum? Wofür? Ich versuchte sie abzulenken. Wollte selbst sehen, worauf sie noch scharf war – also außer auf meine blauen Augen, meinen unwiderstehlichen Body und meine zuweilen unterschätzte Intelligenz …
»Machen Sie doch Ihrer Großmutter mal einen Kaffee. Sie kann was gebrauchen nach den Aufregungen am frühen Morgen!«, herrschte ich sie ziemlich unfreundlich an.
«Was für eine Aufregung?« Die Unschuld vom Lande.
»Scheiß Kaffee. Damit kriegen Sie mich nicht, Daniel! Ich brauche was Besseres!« Und schon ging Hermine – Fanny wich keinen Millimeter von ihrer Seite – zu der Vitrine, auf der etliche Schnapsflaschen, alles Gin, standen, um sich schon wieder einen ordentlichen Schluck zu genehmigen. Diesmal pur. Hurra, Sto Gramm war gestern, die Russen kommen …
»Kindchen ich wurde überfallen heute Nacht und vorhin gleich noch mal und wenn mein Beschützer der Herr Richter ein sehr sympathischer Privatdetektiv nicht sofort gekommen wäre dann würde ich definitiv jetzt nicht mehr leben denn die Drecksäcke wollten mich definitiv killen Kindchen so sieht es aus und du fragst nach „Aufregung“ ich bin doch keine zwanzig mehr so wie du siehst toll aus Kindchen aber du bist wie immer viel zu sexy angezogen da brauchst du dich doch nicht wundern wenn die Kerle bei deinem Anblick nur ans Ficken denken!«
Schon wieder wurde Hermine so vulgär, dass sich Fanny beschämt von ihr abwandte. Das war des Guten zu viel für meine sensible Hundeseele.
»Jetzt machen Sie ihr schon einen Kaffee, bitte!«
»Wenn Sie denn meinen …?« Tänzelnd wie ein Go-Go-Girl bei der Arbeit an der Stange, im Mini-Look, wie er heute in den Clubs angesagt ist, also schmaler Gürtel als Rock und hautenges Oberteil, dazu weiße Turnschuhe und jede Menge Ketten an den Armen und Fußfesseln, schob sie ihren aufreizenden Körper in Richtung Miniküche. Für mich Zeit, nach dem Bild zu suchen, dass sie fixiert hatte. Klein, unscheinbar. Mehr eine Skizze als ein Gemälde. Paul Klee. Die Signatur war deutlich zu erkennen. Klatschmohn, bunt, ein Aquarell. Schönheit zu erkennen, liegt im Auge des Betrachters. Aha. Das Bild schien Ines im Blick zu haben. Was wollte sie damit? Mein geschultes Auge, gepaart mit meinem Verstand, sagte mir nichts Gutes. Dazu die Stimme! Als sie mit einer Tasse Kaffee zurückkam – mich hatte sie geflissentlich übergangen –, ratterte schon wieder die Maxim Gun. Hermine war nicht zu stoppen. Jetzt wollte sie wissen, warum ihre Enkelin wirklich gekommen sei.
»Verarsch mich nicht Kindchen ich kenne dich zu gut was willst du von mir du warst ein halbes Jahr nicht hier und ausgerechnet heute wo ich gleich mehrfach angegriffen wurde kommst du zufällig reingeschneit einfach so das nehme ich dir nicht ab Kindchen wenn du denkst du kannst hier was klauen vergiss es einfach wie du siehst habe ich jetzt einen Beschützer dem entgeht nichts.«
Und ich merkte, dass Ines wieder mehrmals den Klee anschaute. Heimlich, aber für mich auffällig. Ich hatte mich nicht getäuscht. Der war der Grund, ihre Großmutter zu besuchen. Schlechtes Timing.
VII
»DER Tote heißt Achim Mäzler. Junggeselle. Stammt aus einem Nest bei Ingolstadt und betreibt dort eine Muckibude. Besser: betrieb. Bis gestern. Er hatte eine zerfledderte Visitenkarte bei sich, die du übersehen haben musst – oder hattest du keine Zeit, ihn zu filzen –?, und die uns zu ihm führte. Die wiederum war von einem Banker aus dem gleichen Ort. Arnim von Radebusch. Er leitet dort die einzig ansässige Bank. Also habe ich gleich mal ein wenig recherchiert und über den Banker den Namen des Toten gefunden. Die scheinen sich besser zu kennen und vielleicht sogar Freunde gewesen zu sein. Der von Radebusch hielt sich zurück, wie es sich für einen ordentlichen Banker gehört. Dieser Mäzler war vorbestraft. Allerdings liegt das schon über zwanzig Jahre zurück. Da hat er mal mit Kumpels, die er nicht verraten hat und die die Dorfpolizei damals nicht identifizieren konnte, einen Schuster beklaut, der alte Pokale sammelte. Danach war Ruhe im Karton. Den wertlosen Pokal hatte er zurückgegeben, bekam sechs Monate auf Bewährung und seitdem wurde er nicht wieder auffällig. Auffällig ist allerdings, dass der mit seiner Muckibude extrem gut verdient zu haben scheint. Ihm gehören im Ort und in den umliegenden Nestern etliche Immobilien. Elf, die ich auf die Schnelle recherchieren konnte. Wie man doch mit Muskeln reich werden kann! Na, der Schwarzenegger hat es ja auch geschafft …«
Mit diesem Redeschwall begrüßte mich Vadim Langholtz am späten Vormittag des nächsten Tages. Gerade war ich mit meiner Anna und dem noch immer ziemlich dämlich aus der Wäsche schauenden Fanny beim noch späteren Frühstück in der ›Eierwiese‹. Das Wetter war okay und wir eigentlich gut drauf, wenn da nicht Fanny gewesen wäre. Ob der nun ein schlechtes Gewissen hatte, weil er den Blonden, von dem ich nun wusste, wie er heißt, Achim Mäzler, 50, ins Jenseits befördert hatte oder ob es an seinem Liebeskummer lag, konnte ich nicht sagen. Lola lockte anscheinend nicht mehr so sehr …
»Danke. Wie geht’s nun weiter? Führt ihr eine Mordermittlung durch? Hat der Typ Angehörige? Was machen wir mit Fanny?«
»Vier Fragen auf einmal. Komm mal runter, Richter! Der Mäzler wird eh nicht wieder lebendig, Fanny kann ich schlecht verhaften und eine Familie hat der Tote nicht. Der Fall ist so gut wie abgeschlossen. Allerdings werde ich heute noch mal selbst in das Nest fahren, könnte ja sein, dass etwas übersehen wurde, denn auch du willst ja wissen, warum der Mann bei deiner Klientin einbrechen wollte. Willst du mitkommen?«
»Könnte nicht schaden. Schon für die Doberman sollte ich der Sache nachgehen. Der Tote war definitiv nicht der Einbrecher der Nacht. Der hatte lange Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden, und eine Tätowierung am rechten Unterarm, wenn Frau Doberman sich nicht geirrt hat.«
»Beides fanden wir bei Mäzler nicht. Der ist kurzhaarig, blond und ohne Tattoo auf dem Unterarm, dafür an Stellen, die du nicht wissen willst, Doktor! Allerdings war auch er reinstes Anabolikum. Mit Sicherheit verfütterte er in seinem Gym kein Hundefutter an die Muskelprotze der Gemeinde. Und dann war da noch das Ereignis von vor zwanzig Jahren, das du vorhin erwähntest. Vielleicht gibt es die Rockertruppe noch immer?«
»Das würde mich zum Beispiel interessieren. Aus Sicht von Hermine alle um die zwei Meter, jung und sportlich, tätowiert und wild, eben die typischen Harleyfahrer. Dazu könnte auch der Mäzler gehört haben, vorausgesetzt, wir reden von der gleichen Gruppe. Und was war mit dem Langhaarigen, nur wenige Stunden vorher? Den muss ich auf jeden Fall finden. Sag mal, habt ihr bei dem Toten eine Harley Davidson entdecken können?«
«Nee, keine Ahnung. Dazu habe ich meine Leute noch nicht befragt. Wir wollten zuerst nur mal die Identität des Mannes klären.«
»Ich habe da so eine Idee. Hermine Doberman erzählte mir gestern, dass sie vor rund zwanzig Jahren recht freundlichen Besuch von einer Rockerclique gehabt hätte. Ist sie identisch mit der, von der du erzähltest? Sechs Typen, die bei ihr aufkreuzten und Devotionalien aus dem Dritten Reich anboten, kamen mit einer angeblich fast leeren Kiste, deren Inhalt die Doberman dennoch kennt, komisch, und den ich für sie suchen soll. Einen ‚Kristallschädel‘. Ihr geklaut. Wenn du weißt, was das ist. Sicher hast du noch nichts davon gehört. Menschliche Totenköpfe aus Glas, Kunstwerke vergangener Epochen, die sehr alt und sehr wertvoll sein sollen. Den ihr gehörenden zu finden, soll mein Job sein. Mysteriös und ziemlich schräg, so wie die Alte auch, aber da scheint was dran zu sein, denn Frau Doberman sollte man nicht unterschätzen. Ihr Vermögen dürfte sich mindestens auf einem dreistelligen Millionenbetrag bewegen. Blöd ist die definitiv nicht! Alle Bilder, die du in ihrer Rumpelkammer von Haus gesehen hast, sind echte Gemälde großer Meister der Malerei. Was spricht dagegen, dass Mäzler einer derer war, die schon vor zwanzig Jahren mit dabei waren und dass der andere, der letzte Nacht ebenfalls versuchte, bei der Frau einzubrechen, auch zu der Meute gehört? Dilettantisch, aber immerhin. Wenn es so ist, dann würde doch einiges dafür sprechen, dass es die Clique von damals noch gibt und dass die Mitglieder vielleicht alle aus dem gleichen Nest kommen? Und dass sie vermutlich noch immer etwas suchen, was der Millionärin gehört und verschollen zu sein scheint? Es würde dann auch ein Ereignis geben, von dem wir nichts wissen, was aber dazu geführt hat, dass nun nach rund zwanzig Jahren plötzlich mehrere Leute versuchen, auf ihre Weise wieder Kontakt mit der Alten zu suchen, um sie um etwas zu erleichtern, das sie nicht mehr zu haben scheint. Der Kristallschädel soll immens wertvoll sein. Im Zusammenhang mit weiteren zwölf. Du weißt, Mystik, das Dritte Reich und spinnerte Milliardäre.«
»Hast recht, Doktor! Das geht mich nichts an, interessiert mich auch nicht wirklich. Ich bin für Morde in München zuständig und den aktuellen habe ich aufgeklärt. Fanny war der Täter. Du hast alle relevanten Informationen und kannst deinem Hobby nachgehen, Fälle zu bearbeiten, die meist katastrophal enden, wenn ich meinem Vorgänger im Amt Glauben schenken darf …«
»Okay, okay! Wann willst du losfahren?«
»Wenn du dein ‚Frühstück‘ beendet hast. Komm zu mir in die Ettstraße, wir fahren mit meiner Dienstkarre.«
»Nein, ich möchte unabhängig sein. Gib mir die Adresse. Wir treffen uns vor Ort … wo, bitte?«
»15 Uhr vor der Bank in Münchsmünster an der Donau, kurz vor Ingolstadt. Die Bank kannst du in dem Nest nicht verfehlen.«
Und schon ging der Ärger los! Anna hatte natürlich mitbekommen, dass ich wieder meiner Lieblingsbeschäftigung frönen wollte. Sie hatte sich auf einen schönen Tag mit mir gefreut. Nun war ihr das labbrige Müsli quasi im Halse steckengeblieben. Und Fanny, die beleidigte Kampfleberwurst, schaute mich zweifelnd an. Ganz anders als sonst, wo er es kaum erwarten konnte, an meiner Seite Verbrecher zu jagen. Schon beim letzten Job mit dem Jacob Folgmann war er in weiten Teilen abgemeldet gewesen. Er war in den Fall Folgmann nicht richtig eingebunden gewesen und langweilte sich überwiegend. Das alles schien ihm nicht zu passen. Er fühlte sich schon wieder halbwegs übergangen oder täuschte ich mich und er wollte wirklich nur schnellstmöglich wieder zu Hermine? Ich hatte sie noch gar nicht angerufen und wollte das nachholen, bevor ich richtig Ärger mit meiner geliebten Frau bekam. Aber auch das bekam Anna in den falschen Hals.
»Gib doch zu, du hoffst, dass die Junge wieder da ist. Die Alte ist dir doch ganz egal. So, wie du die Junge beschrieben hast, passt sie doch genau in dein Beuteschema!«
Eifersucht. Meine Anna! Was war ich auch so blöd, ihr zu erzählen, was ich gestern in Solln erlebt hatte und dass es mir vorkam, als ob Ines die Alte um einen Kunstschatz erleichtern wollte. Sollte ich meiner eigenen, geliebten Frau gegenüber – die nun selber wirklich in jeder Hinsicht, nicht nur optisch, eine ausgemachte Granate ist und auf die ich mehr als stolz bin – Geheimnisse haben und mich nicht mehr mit ihr besprechen sollen, wenn eine andere, noch dazu – da hatte meine Anna ja nicht unrecht – attraktive junge Frau im Spiel ist? Ich hatte Ehe als was anderes verstanden. Offenheit, Vertrauen. Zu zweit eins sein. Miteinander verschmelzen.
Bevor ich mich weiter aufregen konnte, klingelte mein Handy: »Kommen Sie sofort zu mir Daniel sofort!« Das Maschinengewehr auf Dauerfeuer!
»Der Klee ist weg einfach weg geklaut wenn Sie’s nicht waren kann das nur die Schlampe gewesen sein sie wissen schon wen ich meine wie sie das nur gemacht hat ich habe gar nichts bemerkt sie sind schuld weil sie einfach abgehauen sind sie Vollpfosten ich sollte sie gleich feuern bevor sie richtig angefangen haben und vielleicht noch mehr Unheil anrichten als es eh dieses verdammte Miststück so jung und schon so versaut macht beklaut ihre eigene Großmutter wer soll es denn sonst gewesen sein es kam gestern wenigstens das na Gott sei Dank kein Einbrecher mehr und niemand war in meinem Haus denn ich habe keine Putze also fahren sie erst zu ihr und dann kommen sie mit dem Bild zu mir verstanden die wohnt in der Pfälzergasse neun machen sie schon sie lahmarschiger Trottel ich will mein Bild zurückhaben …«
Liebenswerte Person!
Ich hatte es geahnt. Ines. Ihre Stimme, ihre unsichere Art im Haus ihrer Großmutter. So hatte ich gleich noch einen zweiten Auftrag. Und wieder waren Bilder mit im Spiel, wie bei meinem letzten Auftrag.
Vermutlich war der Klee diesmal allerdings echt.
Es lohnt sich nicht, reich zu sein. Oder hatte ich in meinem Leben irgendetwas verpasst? Gibt es doch einen Sarg mit Anhänger?
»Anna, wir können später streiten. Fanny, raff dich auf, wir müssen los!«
Damit ließ ich auch meine Süße stehen, Fanny war endlich wieder ganz der Alte, raste zum Jaguar, er schien es eilig zu haben …
VIII
PFÄLZERGASSE neun. Irgendwie sagte mir die Adresse was. Aber nicht in München. Also das Navi angeschmissen – Fanny saß schon voller Erwartung, was auf ihn zukommen möge, auf dem Beifahrersitz, Blick stur geradeaus gerichtet, während ich die Adresse einprogrammierte und los ging die Fahrt. Aha. Hasenbergl. Und das bei der Großmutter und deren Kohle? Die Adresse passte nicht zu einer so ausgesprochen schönen jungen Frau. Noch dazu, wo sie sich so extravagant bis todschick kleidete. Das in der verschnarchten Ex-Arbeitersiedlung Münchens …
So kann man sich täuschen! Ihre Wohnung lag direkt hinter dem Kulturzentrum ›2411‹. In einem für die Gegend ebenfalls viel zu modernen, eleganten Haus. Fanny wollte schon aus dem Jag springen, bevor ich eingeparkt hatte. Die Folge: Er stieß mit seiner massigen Riesenschnauze an das Fenster der Tür und verbeulte sich fast seine reinrassige Visage. »Übereifer bringt nichts, Dussel«, herrschte ich ihn an und er sah mich an, als sei ich der Depp.
Mit uns hatte die Schönheit nicht gerechnet. Nach dem vierten Klingeln bellte sie ein „Wer is’n da?“ in die Gegensprechanlage.
»Richter. Machen Sie schon auf!«
Und dann kippte ich doch fast aus den Latschen! Mein Gott, war die sexy und schön zugleich. Alle Männer des Hasenbergls müssten doch hinter ihr her sein wie der Teufel hinter der Seele! Sie stand in der Tür zum Paradies, verwehrte mir dieses aber. Gott sei Dank!
»Sie haben gestern sicher aus Versehen bei Ihrer Großmutter ein kleines Bild mitgehen lassen. Vielleicht wollten Sie es nur abstauben und haben vergessen, es wieder an seinen Platz zu hängen. Also noch kann ich Ihre Situation retten, wenn Sie kooperativ sind, Ines!«
»Was für ein Bild?«, antwortete mir die Scheinheiligkeit in Person.
Sie ließ uns tatsächlich nicht in ihre Wohnung, hatte aber mit Fanny nicht gerechnet. Der war drin, schneller, als sie lügen konnte.
»Fanny wird Ihnen gleich sagen, welches Gemälde Sie geklaut haben. Sicher haben Sie den Namen Paul Klee noch nie gehört?«
Kaum hatte ich das gesagt, stand Fanny wieder in der Tür und schüttelte sein kleines Köpfchen. Er machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Demnach kein Klee in der Wohnung, nur Gras oder Hanf? Hatte sie das Bild im Auto gelassen? Eigentlich alles Nebenkriegsschauplätze. Ich sollte doch einen Kristallschädel finden und außerdem längst auf dem Weg zu einem Nest bei Ingolstadt sein. Aber was macht man nicht alles für reiche, alte Damen …
Jetzt kam die Schleimer-Tour. Und, verdammt, sie hätte fast Erfolg damit gehabt. Zu verführerisch, das Biest! Aber ich riss mich zusammen. Ines buhlte um mich, als sei sie Cleopatra und ich Gaius Julius Caesar. Sollte es nicht eigentlich umgekehrt sein? Ich weiß nicht, wer damals wen verführt hatte – verführerisch war Ines auf jeden Fall und sie kämpfte mit den Waffen einer interessanten Frau. Welcher Caesar hätte da widerstehen können. Ich tat es widerwillig, meiner Anna zuliebe.
»Okay, Ines, dann auf die Harte: Wir fahren jetzt in die Ettstraße, wenn du weißt, wovon ich rede. Diebstahl von Kunstgegenständen kann für dich teuer werden. Erbschaft ade, sag’ ich da nur! Vom Knast mal abgesehen, der Mädchen wie dich besonders liebt. Ich kenne die JVA im langweiligen bayerischen Aichach, Deutschlands größtes Frauengefängnis, da warten sie auf Puppen wie dich! Du wirst jeden Tag Spaß haben, verlass dich drauf!«
Das zog. Ihr schönes Gesicht fror ein, als ob wir gerade bei 48 Grad minus ganz gemütlich in Hot Pants eine Pilgertour zum Nordpol machen wollten. Und schon hing sie mir am Hals, als ob ich sie vor der Kälte würde schützen können. Jetzt kam die nächste Anmach-Tour. Diesmal mit der halben Wahrheit.
»Ich bin so aufgedonnert, weil ich das Bild heute früh schon einem Kunden verkauft habe. Eigentlich wollte ich das gar nicht. Ehrlich! Ein Versehen, da ich zufällig ein Foto auf meinem Handy hatte, auf dem das Bild zu sehen war. Gezeigt hatte ich meinem Kunden eigentlich andere. Von mir. Ziemlich freizügig, wenn Sie verstehen, Herr Richter! Aber der Typ war so scharf auf das kleine Stückchen bemaltes Papier, dass ich nicht widerstehen konnte. Und so bin ich gestern zu meiner lieben Omili gefahren und habe es halt mitgehen lassen. Sie hat doch so viele Gemälde und braucht die Kohle nicht. Ich will mir einen Porsche kaufen und es fehlte noch die Summe, die mir mein Kunde dafür gegeben hat.«
Sammetweich wie eine Perserkatze, verschmust wie eine Siamkatze und zärtlich wie ein Britisch Langhaar, kurz, friedliebend wie ein Engel, eine mysteriöse Neva Masquarade. Ich musste mich erneut zusammenreißen, um ihr nicht in die Arme zu sinken. Nichts mehr mit Schüttelfrost am Nordpol. Richter, pass auf, dass du nicht in dein altes Beuteschema fällst, denk an deine Anna! Fanny schaute mich schon ganz vorwurfsvoll an. Eifersucht pur! Am liebsten hätte er der Ines auch noch gleich den Hals umgedreht. So wie dem Blonden, dessen Einbruchsmotiv ich noch nicht herausgefunden hatte.
Ihre Erklärung klang plausibel. Welchem Job ging sie nach, dass sie von einem „Kunden“ sprach?
»Jetzt lass gut sein, Mädel. Du fährst jetzt sofort zu deiner Großmutter, bringst ihr die Kohle, die du für das Bild bekommen hast, auf Heller und Pfennig, entschuldigst dich und sie wird von einer Anzeige gegen dich absehen. Ich habe noch einen Termin. Danach komme ich zu dir, denn da gibt es noch einiges zu klären. Versuche nicht abzuhauen oder deine Großmutter zu bescheißen!«
Damit ließ ich sie stehen. Sollte man nicht immer an das Gute im Menschen glauben? Ich wollte es bei Ines und hoffte, mein Sinn für Gerechtigkeit würde nicht enttäuscht werden …
IX
SOLLTE es in dem Nest wirklich einige Kriminelle geben? Idyllisch lag der kleine Ort da. Immerhin hatte Münchsmünster eine Kirche und gegenüberliegend die einzige Bank in der Gemeinde. Als ich eintraf, stand der Audi vom Langholtz schon vor der Tür der Bank. Also gingen wir, Fanny und ich, direkt rein. Da saßen sie, der Bankboss, der gleichzeitig sein einziger Angestellter zu sein schien, und Vadim. Man muss schon eine ausgesprochene Koryphäe sein, um als Studierter und Adliger hier zu versauern oder aber etwas ganz anderes vorhaben. Als ich auf ihn zuging und diesem Arnim von Radebusch in die Augen sah, wusste ich, dass sein Job bei der Bank nur eine Nebentätigkeit war und ich ahnte zugleich, dass er der Boss der Gang sein dürfte, die mit fetten Harleys durch die bayerischen Lande tuckert! Verschlagener Blick, der mich mit seinen strahlend blauen Augen ganz kurz abschätzte, während Langholtz ihm sagte, dass ich ein Mann des LKA sei. Was definitiv nicht mehr stimmte. Also hatte auch er den Banker durchschaut? Von Radebusch, Anfang/Mitte fünfzig, von robuster Statur, durchtrainiert, viel zu elegant für das Nest gekleidet und auffallend nervös. Was hatte der Typ zu verbergen? Und wie er auf Fanny blickte, da war mir auch klar, dass die keine Freunde werden würden. Der hasste Hunde, definitiv. Und was wunderte es mich: Die große Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit … Fanny übersah den Dorfsnob ganz einfach, ging zu seinem Freund Vadim und ließ sich von dem hinter den Ohren kraulen.
Mit genialem Spürsinn abgecheckt. Die Lage war klar. Ob mir mein Gefühl recht geben würde, müsste Vadim mit einer Halteranfrage abklären. Ich wollte in dem Moment nur eines wissen: Wer in dem Nest fährt alles eine Harley Davidson? Dann hätte ich schon einen Teil meiner mir von Hermine gestellten Aufgaben gelöst und der Zufall, besser, der Tod des Einbrechers, hätte mich gleich auf die richtige Fährte geführt und ich hätte die Meute von vor zwanzig Jahren identifiziert, die der kleinen Hermine ihre Schätze abjagen wollte. Und es noch immer versucht. Schon jetzt war ich mir ziemlich sicher, dass sich der Trip in die Provinz gelohnt hatte. Das Gespräch zwischen Kommissar Langholtz und dem von Radebusch plätscherte dahin. Taktik? Ich konnte Vadims Vorgehen noch nicht einschätzen. Natürlich kannte von Radebusch den Toten nur flüchtig – „wie man sich halt kennt, wenn man im gleichen Ort wohnt“. Ansonsten hätten sie keine Gemeinsamkeiten und auch sonst … München, aha, nein, zu der Stadt hätte er keinen besonderen Bezug. Eher zu Ingolstadt und Nürnberg. Die Fragen von Langholtz waren auch so allgemein gestellt, dass er gleich in den Dorfkrug hätte gehen können, um dort ein Schnitzel mit Pommes zu verdrücken. Die Pommes hätten ihm mehr erzählt.
Und ja, nachdem wir Radebusch und die Bank verlassen hatten, gingen wir tatsächlich in den Dorfkrug. Von unserem Tisch hatten wir den Eingang der Bank bestens im Blick. Kaum saßen wir und ich wollte für Fanny ein paar Fleischpflanzerl ordern, da kam schon von Radebusch, verschloss seine Bank – und das um 14:52 Uhr –, schwang sich, wie es mir schien, äußerst nervös und gehetzt, in seinen BMW und fuhr ein wenig zu zügig die einzige Straße in den Ort hinein. Wohin wollte er?
»Vadim, deine Fragestunde war entweder sehr clever oder für Anfänger. Entscheide dich?«
»Der kennt den Toten, Achim Mäzler, sehr viel besser, als er es uns weismachen wollte. Sein Gesicht wurde mehr als blass, als ich ihm sagte, dass Mäzler tot ist. Das war der Grund, mein Gespräch belanglos dahinplätschern zu lassen.«
»Und ich muss dich bitten, gleich mal eine Abfrage zu starten, wie viele Harley Davidson in Münchsmünster zugelassen sind und auf welche Personen. Ich habe da einen Verdacht. Wenn der sich bestätigt, dann haben wir die ganze Gang, die schon vor zwanzig Jahren Hermine Doberman Nazibeute verkaufen wollte, und dann wären wir auf einer heißen Spur, die weit über den „Unfall mit Todesfolge“, durch Fanny verursacht, hinausgehen dürfte!«
»Das ist ein Anruf. Lass ihn mich tätigen. Vielleicht wissen wir dann auch, wohin der Banker so eilig wollte …«
Auch Vadim hatte also dessen Bankflucht mitbekommen.
Guter Bulle.
»Aha, so so. Und das sind alle? Keinen vergessen? Nein? Danke. Bis morgen!«
Langholtz legte, anscheinend zufrieden, sein Handy zur Seite. Für ihn kamen ein Schnitzel mit Pommes, für mich eine Bratwurst mit Kartoffelsalat und für Fanny ein Dutzend Fleischpflanzerl. Der fraß in einer Geschwindigkeit, unglaublich! Ich hatte nicht mal die Gabel in der Hand, da waren die Pflanzerl schon vertilgt! Vadim schnitt sich sein Schnitzel zurecht und sagte dann zwischen zwei Bissen: »Arnim von Radebusch, Achim Mäzler, Norbert Köterich, Harry Röckeschmid, Gernfried Klabau und Wilhelm Wanderbausch – das sind die einzigen, die in dem Nest Harleys angemeldet haben. Sechs! Bingo! Du scheinst hellseherische Kräfte zu haben, Doktor. Achim Mäzler. Der Tote. Das kann kein Zufall sein und der Bankboss ist definitiv gerade unterwegs, um seine Harley-Gang zu warnen. Schätze, die Harley-Typen gehören alle zusammen. Deshalb der hektische Aufbruch. Wir sind in ein Wespennest getreten. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, womit sich die Herren beschäftigen … Ich besorge uns nur noch schnell die Adressen der Typen. «
Und schon hing er wieder am Handy, das Schnitzel wurde kalt, Fanny war selig, Nachschlag!
»Fahren wir zu Harry Röckeschmid. Ich glaube, der von Radebusch ist zu dem gefahren. Röckeschmid wohnt keine zwei Kilometer von der Bank entfernt und die Richtung stimmt. Das sagte mir gerade unser Technikfreak in der Ettstraße und auch, dass dieser Röckeschmid eine Immobilienagentur betreibt. Ich habe da so eine Ahnung …«
Fanny war ganz aufgeregt. Er hoffte wohl wieder darauf, einem der Kerle den Hals durchbeißen zu können. Kampfhunde haben auch eine eigenartige Moral, ehrlich!
Vadim Langholtz hatte längst angebissen. Ihn interessierten zwar keine Kristallschädel, aber die Harley-Gang, die hatte es ihm angetan. Und der Mann war gut, hatte einen Instinkt, wie ihn nur die besten Bullen des Landes haben. Bevor er nach München kam, hatte er in Berlin mal eine Harley-Gang ausgehoben. Eine syrische Großfamilie, die mit allem gehandelt hatte, was Frischgeld einbrachte. Mädchen, Gold, Zigaretten, Schutzgelderpressung, Drogen. Elf männliche Mitglieder des Clans, alle zu langen Haftstrafen mit anschließender Ausweisung aus Deutschland, hatte er hinter Gitter gebracht und auch wenn er nicht darüber sprach, ging ich davon aus, dass er sich deshalb hatte nach München versetzen lassen, um den Typen aus dem Weg zu gehen. Langholtz wusste, wie gefährlich die aus dem Knast heraus agieren konnten. Auch dafür war die Justizanstalt Tegel leider bekannt und Vadim wollte noch ein paar Jährchen leben …
Langholtz hielt vor einem recht neu aussehenden Haus, besser gesagt, einer ziemlich überdimensionierten Villa, die in dem kleinen Ort wirklich auffallen musste. Und was soll ich sagen? Vor dem Garagentor stand der BMW des Bankdirektors und im Eingang eine nigelnagelneue Fat Boy, Harley Davidsons meistverkaufte Maschine aus der Softail-Reihe, mit dem Milwaukee-Eight-Motor 114 ci. Ein Hammerteil!
»Komm, lass uns die frontal angreifen. Wir wissen zwar nicht, was die spielen, aber wir wollen zumindest mitspielen dürfen.« Vadim war gierig, die Crew auszuhebeln, das merkte ich. »Wir spielen das langweilige Spiel guter Bulle, böser Bulle. Du gibst den Bösen, Doktor, ich den Guten und Fanny, dein Schoßhündchen, wird uns dabei helfen!«
Klar, wir hatten nichts Konkretes in der Hand, aber das nervöse Aufbrechen des Bankers sagte uns beiden, dass die Dreck am Stecken hatten.
Ein völlig unauffälliges, riesiges, goldenes Türschild: „Harry & Elfriede Röckeschmid“. Bingo! Der Immobilientycoon des Nestes! Das hatte die Ettstraße Vadim gesagt. Mister Protz und seine Hausputzbesamerin. Falls noch was zwischen den beiden lief. Jetzt brauchten wir nur noch auf den Busch zu klopfen, um die Wespen aus ihrem Nest zu scheuchen, denn einen echten Anhaltspunkt hatten wir ja nicht, um einzugreifen. Also mussten wir auf gut Glück operieren.
»Richter, Kommissar Langholtz, mein Partner. Wir müssen kurz mit Ihrem Mann sprechen!«, überfiel ich die Frau, die uns die Tür öffnete; Anfang Mitte vierzig, langweilig aussehend und nicht gerade so, als ob ihr Göttergatte sie noch jeden zweiten Abend freiwillig beglücken wollte. Ich ging davon aus, dass sie Elfriede Röckeschmid sei.
»Harry, kommst du mal!«, brüllte sie mit kreischender Stimme ins Haus – das hätte man auch bequem auf dem Münchener Hauptbahnhof gehört! Und schon stand ein Typ in der Tür, der genau meinen Vorstellungen von der Gang entsprach. Cowboystiefel, schwarz, Lederhose, schwarz, T-Shirt, schwarz. Muskelberge und eine Tätowierung auf der Außenfläche der rechten Hand. Klein, aber auffällig. Eight Ball. Die schwarze Acht weist ihren Träger in erster Linie nicht als großen Billard-Spieler aus, sondern steht symbolisch für Risikobereitschaft und Schicksal. Wer Billard spielt, ist sich des Risikos bewusst, jederzeit zu verlieren, wenn er vorzeitig die Schwarze versenkt … Ein Rock’n‘Roll-Tattoo, das in Rockerkreisen seit mehr als 40 Jahren angesagt war. Das Zeichen bestimmter Gangs, die eben nicht nur spielen wollen, sondern Risiken eingehen. Röckeschmid gehörte definitiv zu den Harley-Freaks.
»Was wollen Sie?«, blaffte der mich mit kerniger Stimme an. Extra laut, wie seine Frau, vermutlich, um den Banker zu warnen? Fragt sich, wovor hatten die Angst?
»Ich bin Polizist und habe vergessen, Herrn von Radebusch was zu fragen« – und schon stand auch der Banker in der Eingangstür der Villa, wirkte erschrocken auf mich, um nicht zu sagen, verängstigt –, so Vadim ganz ruhig und freundlich. »Ach, was ich Sie noch fragen wollte, wo waren Sie eigentlich letzte Nacht, so morgens um halb vier, Herr von Radebusch?«
»Was geht Sie das an, wo ich meine Nächte verbringe?!« Nicht mehr so freundlich, wie noch vor wenigen Minuten in der Bank. Wespennest.
»Es gab letzte Nacht in München einen Einbruch und ich denke, dass Sie involviert waren, Herr von Radebusch!«, schaltete ich mich nun wieder ein. »Und da wir gerade dabei sind, Sie sind Harry Röckeschmid, ein Freund des Herrn von Radebusch, nehme ich an?«
Der bullige Typ wirkte verängstigt. Muskelberg mit Muffensausen. Darauf stehe ich. Fanny hatte sich vor ihm aufgebaut und war mindestens so groß wie der Röckeschmid ohne Rock. Röckeschmids Augen flirrten umher. Mal auf von Radebusch gerichtet, fragend, dann zu mir, dann zu Fanny und dann zu Vadim. Sum, sum. Hin und her. Wespennest. Die Frage war nur, was die beiden Herren vor der Münchsmünsteraner Gesellschaft zu verbergen hatten. Wir tappten ja noch im Dunkeln. Also einfach mal was abfeuern:
»Es gab da vor zwanzig Jahren ein Ereignis, das bis heute nicht endgültig aufgeklärt ist. Zufällig am gleichen Ort in München, an dem auch vorletzte Nacht wieder eingebrochen wurde. Von Achim Mäzler, Ihrem Freund, ich nehme an, dass er auch Ihrer beider Freund ist!? Das Ereignis hatte mit einer Harley-Gang zu tun und wie ich sehe, fahren Sie auch eine, Herr Röckeschmid. Ich gehe mal davon aus, dass die Karre auf Ihrem Grundstück Ihnen gehört!«
Bei dem Wort „Karre“ sah ich ihn förmlich kotzen. Die herrliche Fat Boy als „Karre“ zu bezeichnen, ging ihm voll auf die Nüsse! Fanny, der schlaue Kerl, ließ von dem Muskelberg ab und trottete ziemlich lässig zu der Fat Boy, so, als ob er dort etwas erschnüffeln könnte. Cleverer Bursche.
»Fahren Sie vielleicht rein zufällig auch eine Harley Davidson, Herr von Radebusch? Haben Sie vielleicht auch noch weitere Freunde im Ort, die Harleys fahren, so wie den Mäzler, der auch Harley-Fan war?«, fragte ich scheinheilig den Banker, »und das vielleicht auch schon ein paar Jahre, so wie Herr Röckeschmid? Sie wissen doch, leugnen lohnt sich nicht, wir können jederzeit eine Halterabfrage machen und dann wissen wir, was Sie vor zwanzig Jahren an Maschinen gefahren haben.« Ein spontaner Einfall. Ich ärgerte mich ein wenig, dass ich nicht gleich darauf gekommen war. Sein „Ja“ verschluckte von Radebusch fast und sah mich völlig verängstigt an, obwohl ich ja nur eine harmlose Frage gestellt hatte. Wespennest, sum, sum. Nun hatte ich zwei großartige Stützen der Münchsmünsteraner Gesellschaft bei den Eiern. Fehlten nur noch die restlichen drei! Aber auch die würden aus ihren Nestern kommen. Der vierte der Sechser-Gruppe würde nicht mehr plaudern können. »Vadim, komm, das bringt nichts mehr. Die Herren sind sauber. Ich glaube, wir sind auf einem Irrweg. Es gibt auch Zufälle und die sollten wir als ordentliche Beamte respektieren. Sorry, meine Herren, mein Kollege war etwas voreilig«, wandte ich mich nun zum echten Kommissar. »Fanny, komm, mein Guter, wir fahren wieder!«
Aber Fanny weigerte sich. Er saß vor der Harley von Röckeschmid, als ob in den Seitentaschen mindestens Haschisch, wenn nicht Kokain kiloweise zu finden seien. Ich sah in die unruhigen Augen der beiden Herren und wusste, dass sie etwas zu verbergen hatten. Nur was?
»Schöne Taschen, aus witterungs- und UV-beständigem 600D Polyester und genarbtem Kunstleder gefertigt, aber die gibt es auch aus echtem Leder! Sollten Sie sich gönnen, meine Herren!« Warf ich den Männern zu und wir machten uns vom Acker. Selbst Fanny schloss sich uns widerwillig an, nicht ohne den Röckeschmid mit fletschenden Zähnen zu verabschieden. Für heute gab es hier nichts mehr zu holen … Was für ein langweiliger Nachmittag!
X
ICH lenkte den Jaguar direkt nach Solln, zu meiner Klientin. Interessierte mich nun mehr für die Rockercrew von damals und hoffte, noch Wissenswertes von Hermine Doberman zu erfahren. Außerdem wollte ich wissen, ob sich ihre Nichte Ines an meine Anweisungen gehalten hatte …
»Hermine, war Ines hier und hat das Geld, das sie für das Diebesgut kassiert hat, abgeliefert?«
»Was für Geld was hat die Schlampe tatsächlich den Klee geklaut das darf doch nicht wahr sein das Miststück natürlich war sie nicht hier und wie viel hat sie denn für das Bild kassiert ich kann mir gar nicht denken dass die so viel Köpfchen hat dass sie weiß wie viel der Wert ist also wenn sie weniger als eine halbe Million dafür genommen hat dann ist sie nicht nur blöd sondern saublöd die widerliche Hure ich werde sie enterben so ein wunderhübsches Stück beklaut mich einfach und lässt sich dann auch noch bescheißen wozu habe ich Sie eigentlich eingestellt wenn Sie mir nicht mal den Klee zurückbringen können und sich von dem Flittchen übers Ohr hauen lassen vermutlich haben Sie die heute früh gleich noch durchgevögelt Sie sind doch genauso scharf auf sie wie alle Männer kann ich mir denken so wie die aussieht und das ist nun meine Nichte!«
Das Maschinengewehr hatte eine Ladehemnung und ich konnte endlich eingreifen:
»Hermine! Bitte, bleiben Sie auf dem Teppich! Ich arbeite für Sie, ja, aber wenn Sie mir indirekt unterstellen wollen, dass ich gemeinsame Sache mit ihrer Nichte mache, dann trennen sich unsere Wege in diesem Moment!«
Die Doberman merkte, dass sie wohl zu weit gegangen war und versuchte einzulenken:
»Na ja,« – mit den Worten begann sie so gut wie jedes Gespräch – »so war es ja nicht gemeint. Also nichts gegen Sie, Daniel, na ja, Sie wissen schon, aber diese dämliche Schlampe, wie kann sie mich bestehlen? Holen Sie mir einfach das Bild zurück. Na ja, Geld interessiert mich nicht! Ich hänge an dem Klee.«
»Okay. Ich werde es versuchen. Wir sollten noch einmal über das Ereignis von vor zwanzig Jahren sprechen, als Sie den Besuch von der Rockercrew bekamen. Versuchen Sie bitte, sich an alle Details zu erinnern und seien sie für Sie noch so unwichtig gewesen. Ich weiß, es ist eine Ewigkeit her, aber Sie sind doch fit im Kopf!«
Fanny hatte schon wieder seinen Dickschädel auf ihren Oberschenkel gelegt. Neue blaue Flecke waren vorprogrammiert, aber Hermine schien das nicht zu stören, sie hatte sich vermutlich auch in Fanny verliebt. Sie kraulte meinen Liebling hinter den Ohren, streichelte ihm dauernd seinen Rücken, dass sich vor Wollust seine Haare aufstellten, sie machte sich jetzt auch an seinem Bauch zu schaffen, sodass ich befürchtete, sie wolle sich seinem Geschlechtsorgan nähern. Kurz – Fanny war unruhig, schielte förmlich vor Begeisterung, sabberte vor sich hin und schaute hin und wieder verstohlen zu mir. Irgendwie schien er sich zu schämen, aber er genoss die Liebkosungen. Soll einer einen japanischen Kampfhund der Sonderklasse verstehen!
Wir gingen noch einmal das Ereignis von vor zwanzig Jahren durch und ich war erstaunt, an welche Details sich Hermine Doberman noch erinnerte. Nur – mit der Art von Details konnte ich nicht viel anfangen. Was nützte es mir, dass sie sich erinnerte, was für Schuhe der oder der damals angehabt hatte! Welche Hemdfarbe. An solche Einzelheiten konnte sie sich erinnern. Äußerlichkeiten. Die brachten mich nicht weiter. Sie war halt eine visuelle Person. Und es passten einige Dinge nicht zusammen. Verwechselte sie etwas, waren die Erinnerungen über die Jahrzehnte verwischt, lag es an ihrem fortgeschrittenen Alter? Egal: Ich erinnere mich auch nicht an jedes Detail eines Ereignisses, das Jahre zurückliegt. Aber Hermine erzählte mir dennoch – wohl eher unfreiwillig –, wie sie sich in die Materie der Kristallschädel eingelesen hatte, was dahinter steckt und was die Kristallschädel können sollen und bewirken.
Nun bin ich kein Mensch, der an den ganzen Schmäh von ‚Außerirdischen‘ und angeblich bislang durch die Geheimdienste der USA und Russlands gefundenen 58 Rassen von Aliens glaubt – an die Sirianer, die vom Sirius A kommen und die Lyraner, die Veganer, die Plejader, die nordischen Rigelianer, die Procyoner, die Tau Cetianer und die Andromedaner –, denn keiner von denen hat sich bei mir oder dem bayerischen LKA je vorgestellt, dennoch gibt es Dinge, die schwer erklärbar sind und die Vermutung zulassen, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir es als normale Menschen begreifen können. Und die bisher gefundenen Kristallschädel gehören definitiv dazu. Hinzu kommt, dass Zahlen unser Leben bestimmen, uns leiten und großen Einfluss auf das haben, was wir eben als Leben bezeichnen. Und die 13 ist in der Tat eine okkulte, eine besondere Zahl – selbst mir als einfachem Ermittler war aufgefallen, dass die US-amerikanische Ein-Dollar-Note von Symbolen der 13 beherrscht wird: Auf der linken Seite der Banknote sieht man eine unvollendete Pyramide, die 13 Stufen besitzt. Über dieser Pyramide steht der Name ANNUIT COEPTIS, der aus 13 Buchstaben besteht. Rechts sieht man einen Adler, über dem ein Kreis zu sehen ist, den 13 Lichter umkrönen. Darin wiederum befinden sich 13 Sterne. In seinem Schnabel hält der Adler ein Banner, auf dem zu lesen ist: E PLURIBUS UNUM, ein Satz aus 13 Buchstaben. In seiner rechten Kralle hält der Adler einen Olivenzeig mit 13 Blättern und 13 Oliven und in der linken Kralle hält er 13 Pfeile! Nun könnte man sagen, da hat der Künstler sich was einfallen lassen.
Ja. Aber bei der wichtigsten Banknote der Leitwährung unserer Erde alles Zufall …?
Ich verließ Hermine Doberman mit gemischten Gefühlen. Vieles ging mir durch den Kopf. Die Suche nach den Kristallschädeln beschäftigte mich mehr, als ich es mir eingestehen wollte. Das war der bisher eigenartigste Fall meiner Karriere und ich war gespannt, wie sich die Dinge entwickeln würden. Aber nun war ich erst mal sauer auf Ines, das Luder! Super, Doktor!, die hat sich genau an deine Weisungen gehalten …
Fast hätte ich Fanny vergessen, der noch immer Hermine umgarnte, als sei sie die Prinzessin ‚Wunderschön‘, auf die er sein Leben lang gewartet hatte. Ich dachte, ihn zu kennen, doch nun wurde auch er zum Rätsel für mich …
»Fanny, Abmarsch!«
Er rührte sich nicht, zuckte nur verächtlich mit seiner sabbrigen Schnauze und schmiss mir einen noch verächtlicheren Blick zu.
»Fanny, los geht’s, komm!«
Wieder nichts. Außer, dass er sich mit seiner rechten Vorderpfote an seinen dicken Schädel tippte, als ob er mir einen Vogel zeigen wolle …
Okay, dachte ich mir. Dann muss das merkwürdige Liebespaar eben alleine klarkommen.
Ich schmiss mich ziemlich verwirrt in meinen Jaguar und fuhr in Richtung Innenstadt. Ines ging nicht an ihr Handy. Sie hatte sicher meine Nummer gesehen und ein schlechtes Gewissen bekommen. Daniel Richter, du bist noch immer ein gutgläubiger Fantast. Ihre Großmutter hat schon recht, wenn sie in ihrer vulgär-schnodderigen Art ihre Nichte beschimpfte.
Pulsuz fraqment bitdi.