Kitabı oxu: «Der letzte Sommer des Philip Slier: Briefe aus dem Lager Molengoot 1942»
Deborah Slier
Ian Shine
Der letzte Sommer des Philip Slier
Briefe aus dem Lager Molengoot April – September 1942
Aus dem Niederländischen von
Joanna Best
aus dem Englischen von
Jutta Bretthauer
Saga
Ebook-Kolophon
Deborah Slier, Ian Shine: Der letzte Sommer des Philip Slier. © 2008 Deborah Slier, Ian Shine. Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Osburg Verlag Hamburg [2015] www.osburg-verlag.de. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.
ISBN: 9788711449486
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.
Gewidmet allen Opfern von Völkermord
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
(3. Mose 19,18)
Du sollst nicht folgen der Menge zum Bösen.
(2. Mose 23,2)
Errette die, so man töten will,
und entziehe dich nicht von denen,
die man würgen will.
(Sprüche 24,11)
Karte der Niederlande mit Verteilung der Lager 1942

Zum Maßstab: Der Abschlussdeich ist 30 km lang.
Vorwort
Das vorliegende Buch über die zufällig wieder aufgefundenen Briefe von Philip Slier ist die zutiefst mitfühlende Schilderung der Tragödie, die über einen jungen Amsterdamer Juden und seine weit verzweigte Familie während des Holocaust hereinbrach. Es ist aber auch eine gründlich dokumentierte wissenschaftliche Analyse der Umstände, die dazu führten, dass der junge Philip Slier und so viele andere Unschuldige von den deutschen Nazis und ihren Helfershelfern vor Ort umgebracht wurden. Wir werden Zeugen des langsamen und methodischen Vernichtungsprozesses, der in den von den Deutschen besetzten Niederlanden damit begann, dass Juden nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen durften und vom Schulbesuch ausgeschlossen wurden. Dadurch gehörten sie zu dem Personenkreis, für den die Einweisung in ein Arbeitslager in Frage kam, was schließlich damit endete, dass sie in Westerbork, dem gefürchteten niederländischen Durchgangslager, zusammengefasst wurden. Von dort aus führte der Weg direkt nach Auschwitz oder in eines der anderen Vernichtungslager.
Philip Slier, ein gut aussehender und intelligenter junger Mann, versuchte seinem Schicksal zu entkommen, doch das Glück war ihm nicht hold. Mit den Briefen, die er fast täglich aus dem Arbeitslager an seine Eltern schrieb und die durch einen Zufall mehr als fünfzig Jahre später beim Abriss eines Amsterdamer Wohnhauses wieder aufgefunden wurden, hat er ein ungewöhnliches Vermächtnis hinterlassen. Deborah Slier, eine nahe Verwandte von Philip, und ihr Ehemann haben sich intensiv mit diesen Briefen auseinandergesetzt und gründliche Recherchen angestellt, so dass diese Sammlung eine der wertvollsten zeitgenössischen Quellen für das jüdische Leben und das Leben in den Niederlanden während des Krieges ganz allgemein darstellt.
Wie vergleichbare authentische Dokumente aus anderen Regionen zeigen auch sie, dass das Verhaltensspektrum der nichtjüdischen Bevölkerung in Europa gegenüber den Opfern des Holocaust von erschreckender Grausamkeit bis hin zu Selbstaufopferung und Heldenmut reichte. Tod und Überleben der meisten Juden hing jedoch nicht in erster Linie von den Denunzianten ab oder von jenen, die Juden versteckten, sondern von den deutschen Nazis und den lokalen Behörden. Ausschlaggebend waren auch die Wendungen im Kriegsgeschehen, und in dieser Hinsicht zählten die holländischen Juden nicht zu den vom Glück Begünstigten.
Die beiden Herausgeber haben eine umfassende Recherchearbeit über das Leben in den besetzten Niederlanden, über den Holocaust und den Aufstand von Sobibor sowie über die Geschichte der Familie Slier geleistet. Die zahlreichen Fotos sind für den Leser hilfreich. Kurz gesagt, so wie »Das Tagebuch der Anne Frank« ist auch dieses Buch ein Meisterwerk.
István Deák
Seth Low Professor Emeritus für Geschichte
Columbia University
New York
Einleitung
1997 stieß Manus de Groot, der Vorarbeiter der Abrissfirma Deegen & Sohn, bei den Abbrucharbeiten eines Hauses in der Vrolikstraat 128 in Amsterdam auf ein Bündel Briefe, das in der Zwischendecke des Badezimmers im zweiten Stock versteckt war. Er nahm an, sie seien wichtig, denn es waren so viele – 86 Briefe und Postkarten sowie ein Telegramm. Sie stammten von Flip (Philip) Slier, der sie 1942 aus einem Zwangsarbeitslager an seine Eltern geschrieben hatte. Er war damals achtzehneinhalb Jahre alt. Manus de Groot nahm die Briefe an sich. Bei der Lektüre konnte er die wachsende Angst des Jungen spüren. Er war zutiefst bewegt. Da er früher einmal für das NIOD (Nederlands Instituut voor Oorlogs Documentatie, das nationale Institut für Kriegsdokumentation in den Niederlanden) gearbeitet hatte, beschloss er, die Briefe diesem Institut zu übergeben, mit der Bitte, ihn über das weitere Schicksal des Jungen und seiner Familie zu informieren und ihm mitzuteilen, ob es Überlebende gebe. Dieses Buch ist die Antwort.
Die Bedeutung der Briefe lag für David Barnow, den Experten für Anne Frank am NIOD, sofort auf der Hand, und deshalb machte er Elma Verhey auf sie aufmerksam, eine Expertin auf diesem Gebiet, Journalistin und Autorin der Bücher Om het Joodse Kind und Kind van de Rekening. Diese stellte Recherchen über den Hintergrund der Briefe an, schrieb sie ab und veröffentlichte einen Artikel dazu in dem niederländischen Wochenblatt Vrij Nederland.
In meinen Besitz gelangten die Briefe dann im Jahr 1999. Damals sagten mir Flips Anspielungen und die Dinge, auf die er sich bezog, rein gar nichts, doch ich wollte ihn verstehen und mehr erfahren, und deshalb habe ich schließlich dieses Buch verfasst. Ich habe mich bemüht, die Menschen ausfindig zu machen und die Umstände neu erstehen zu lassen, unter denen der Junge während der Besatzung der Niederlande durch die Deutschen vor mehr als sechzig Jahren gelebt hat. Und je weiter und tiefer ich mit meinen Nachforschungen vorstieß, umso deutlicher trat mir allmählich Flips Welt vor Augen. Als ich erst einmal Fotografien und Dokumente in den Händen hielt und über Ortskenntnisse verfügte, wurde es für mich leichter, seine Angst zu begreifen und vor allem seine seelische Verfassung, seinen Mut und seinen Optimismus und seine Großherzigkeit wertzuschätzen. Der liebenswerte und bewundernswürdige Mensch, der sich mir erschloss, sollte mir für die kommenden sieben Jahre zu einem engen Gefährten werden.
Ich habe die Briefe nur gering editorisch überarbeitet. Flips Eigenarten in Orthografie und Grammatik, seine Fehler, durchgestrichene Passagen sind nicht beibehalten worden, Hervorhebungen indes werden wiedergegeben, um die Originalaussage der Briefe, ihren Charakter und ihre Form zu bewahren. Die ungewöhnlichsten oder charakteristischsten Teile seiner Briefe – all die »daaags!« [Tschüss], die uns wie ein Barometer seine jeweilige Stimmung verkünden – haben wir gescannt, kopiert und unter die Übersetzungen gesetzt, so wie sie auch unter jedem der originalen Briefe standen.
Wenn einmal eine Korrektur notwendig wurde, haben wir sie in eckigen Klammern hinzugefügt. Erklärungen finden sich in Fußnoten oder im Anhang.
Mein Vater und Flips Vater waren Brüder; beide wurden in Amsterdam geboren. Im Jahr 1922 verließ mein Vater die Niederlande und wanderte nach Südafrika aus, von wo aus er in einem regen Briefwechsel mit seiner Familie gestanden haben muss, denn mir waren die Namen und Gesichter vieler holländischer Verwandter vertraut, deren Fotos die Seiten seines grünen Albums füllten. Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag im Jahr 1940, an dem ich aus der Schule nach Hause kam und meine Mutter in Tränen aufgelöst fand, weil die Deutschen in die Niederlande einmarschiert waren. Und ich erinnere mich an eine Postkarte, die uns etwa zwei Jahre später erreichte. Ein Onkel schrieb, er befinde sich in einem Lager, es gehe ihm gut, aber wir möchten doch bitte etwas zu essen schicken. Nach dem Krieg erhielten wir ein Schreiben vom Roten Kreuz, in dem uns mitgeteilt wurde, dass alle Brüder und Schwestern meines Vaters in Konzentrationslagern umgekommen waren und dass meine Großmutter im Lager Westerbork gestorben war. Es war das einzige Mal, dass ich meinen Vater je weinen sah.
Im ersten Jahr nach dem Einmarsch der Deutschen vom 10. Mai 1940 ging das Leben in der Vrolikstraat zunächst seinen gewohnten Gang. Die Deutschen zogen die Schlinge so langsam und so geschickt zu, dass der Vorsitzende des Judenrates, Abraham Asscher, später sagte, bei der Einrichtung des Judenrates im Februar 1941 sei »die Haltung der Deutschen gegenüber den Juden keineswegs offen feindselig gewesen«. A. J. Herzberg zufolge behandelte der Lagerleiter von Westerbork, Oberstleutnant Gemmeker, die Juden im Allgemeinen höflich: »... gelegentlich vermittelte er den Eindruck, als hasse er die Juden nicht mehr als ein Schlachter die Kühe«.1
Ziel der deutschen Politik in den Niederlanden war es, die Küste gegen eine Invasion der Alliierten zu befestigen, das Land in das großdeutsche Reich einzubinden, Nahrungsmittel, Geld und Vermögen zu stehlen, die Niederländer zu Arbeitssklaven zu machen und das gesamte Land von Juden zu säubern. Bis 1942 durften die Juden so gut wie keinen Beruf mehr ausüben. Waren sie dann erst einmal arbeitslos, wurden sie in eines von circa fünfzig Arbeitslagern geschickt, die über die ganzen Niederlande verteilt lagen und die in Wirklichkeit nichts anderes waren als provisorische Gefängnisse. Im Frühjahr 1942 war der achtzehnjährige Flip einer von siebentausend Juden, die in ein niederländisches Arbeitslager eingewiesen wurden. Von dort aus schrieb er fast täglich an Freunde und an seine Familie, und seine Briefe stellen für uns heute einen einzigartigen Augenzeugenbericht über das Leben im Lager Molengoot dar.
Im Oktober 1942 wurden die Lager geräumt. Die Insassen wurden im Durchgangslager Westerbork zusammengefasst, von wo aus die Transporte nach Polen abgingen. Von 1941 bis 1944 wurden circa 104 000 Juden deportiert, 24 000 gelang es indes, sich zu verstecken; sie wurden, wie die Holländer sagen, zu onderduikers, d.h. tauchten unter. Ab 1943 zogen die Deutschen 800 000 nichtjüdische Niederländer zum Arbeitsdienst in Deutschland ein, viele meldeten sich auch freiwillig zur Wehrmacht, doch sehr viele weigerten sich, dem Befehl Folge zu leisten, und tauchten ebenfalls unter. Sie wurden daraufhin von der Polizei steckbrieflich gesucht. Die onderduikers erfuhren Unterstützung von Hunderten und Tausenden ihrer Landsleute, die diesen Fremden bereitwillig Tür, Geldbeutel und Speisekammer öffneten und so ihren eigenen Wohnraum, ihre Privatsphäre und das Essen mit ihnen teilten, und das, obwohl sie härteste Strafen vonseiten der Deutschen riskierten, wenn sie onderduikers bei sich versteckten, nämlich Konzentrationslager oder gar die Todesstrafe. Leider aber befolgten nicht alle das biblische Gebot, »jene zu erretten, so man töten will«, und viele onderduikers wurden verraten. Im Herbst 1944 verhängten die Deutschen als Vergeltungsmaßnahme für einen landesweiten Eisenbahnerstreik eine Lebensmittel- und Brennstoffsperre, durch die 22 000 Menschen hungers starben. Unter diesen Umständen bedeutete ein zusätzlicher Esser eine schwere Last.
Als ich 1953 das erste Mal in die Niederlande reiste, wohnte ich bei meinem Cousin Arthur Philips und seiner Frau Willy (Wilhelmina Magdalena). Wir verstanden uns gut und ich verbrachte die meiste Zeit mit Willy. Wir redeten und redeten, doch der Krieg, der ja erst wenige Jahre zuvor zu Ende gegangen war, bildete nie ein Gesprächsthema. Willy erzählte mir nicht, dass sie und Arthur während des Krieges im Versteck gelebt hatten oder dass ihre drei Schwestern und ihr Bruder umgebracht worden waren. Ja, eigentlich erwähnte sie nie, dass sie Geschwister gehabt hatte, allerdings berichtete sie mir, wie es war, als die Polizei kam, um ihre Mutter abzuholen, die deportiert werden sollte. Willy hatte die Beamten angefleht, auch sie mitzunehmen, doch die hatten sich geweigert, weil ihr Name nicht auf ihrer Liste stand. Erst als ich ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 2005, mit Jules Arthur sprach (Willys und Arthurs Sohn), erfuhr ich, dass Arthur 1940 beim Einmarsch der Deutschen in der niederländischen Armee gedient hatte, dass er von einer Kugel in die Schulter getroffen worden war und deshalb zur Genesung ein Jahr in einem Krankenhaus verbringen musste. Eine der Krankenschwestern dort, Johanna Vink, hatte den Vorschlag gemacht, Minke Honij solle ihn verstecken, was diese auch für die gesamte Zeit des Krieges tat. Willy selber wurde von Johannas Eltern versteckt, doch wie so viele untergetauchte Menschen wechselte Willy unzählige Male das Quartier. Zu den Personen, die ihr Unterschlupf gewährten, gehörte auch eine junge Frau namens Betje Bosboom. Betje wurde bei den Deutschen denunziert und sofort standrechtlich erschossen. Nach dem Krieg heiratete Johanna Willys Bruder, der, in einem Hühnerstall verborgen, überlebt hatte.
In seinen Briefen spielt Flip sein Leid herunter. Aus ihnen erfahren wir, wie seine guten Freunde Karel und Dick van der Schaaf dazu beitrugen, ihm das Leben leichter zu machen. Als Mittelsmänner überbrachten sie Flip und etlichen seiner Kameraden in den Arbeitslagern Nahrungsmittel, Kleidung, Geld, Botschaften und gute Wünsche. Schließlich sollten die beiden selber als Zwangsarbeiter nach Deutschland geschickt werden, tauchten jedoch als onderduikers in Friesland unter. Ich hätte nie geglaubt, dass es für mich eine so große Freude bedeuten würde, Karel und seine Frau Sippy kennenzulernen. Sie strahlten so viel Güte aus, dass ich sie, als ich ihnen 2004 begegnete, sofort ins Herz schloss. Nun konnte ich mir gut vorstellen, was die Van der Schaafs für Flip bedeutet hatten. Seitdem haben wir viele glückliche Tage, ja Wochen miteinander verlebt und über Flip und ihre gemeinsamen Freunde in Amsterdam gesprochen. Karel holte Dutzende von Fotos hervor, und zusammen verbrachten er, Sippy und ich Stunden damit, die darauf abgelichteten Personen zu identifizieren und seine Fotos mit denen aus dem Album meines Vaters zu vergleichen.
Flip schrieb häufig über seine beiden engsten Freunde im Lager, über Nico Groen, der wahrscheinlich nicht überlebt hat (Truus Sant hörte, er sei in Den Haag festgenommen worden), und über Simon Loonstijn, der am 30. Januar 1944 aus Monowitz (einem Nebenlager von Auschwitz) eine Postkarte an Freunde in Den Haag geschickt hatte. Mir war das große Glück vergönnt, die Freundschaft von Simons Schwester Tootje Loonstijn und die ihres Mannes Gerrit Renger zu genießen. Sie waren außerordentlich hilfsbereit, stellten mir all ihre Fotos und Simons Briefe zur Verfügung und berichteten mir viel über das Leben unter der deutschen Besatzung. Sie erzählten mir auch von Professor R.P. Cleveringa und von jenen beiden Lehrerinnen in Amsterdam, M.L. Hoefsmit und C.W. Ouweleen, die zwölf Kinder bei sich versteckt hatten und bei denen einmal ein Nachbar spät in der Nacht an die Tür geklopft und sich beschwert hatte: »Ihre onderduikers machen so viel Lärm, dass meine onderduikers keinen Schlaf finden können.«
Flip, Simon und andere erfuhren großzügige Hilfe von einigen Bauern aus der Gegend, besonders von den Familien Vrijlink und Veurink, deren Hof nur etwa zweihundert Meter vom Lager entfernt lag. 1942 schrieb Greet Vrijlink an die Loonstijns: »... wir können doch nicht danebenstehen und zusehen, wie jemand anders Hunger leidet.« Flip schrieb: »Mama und Papa, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie nett die Vrijlinks sind ... sie sind so lieb zu uns ... wie eine Mutter.« Am 27. Oktober 2005 traf ich die Familie Vrijlink und konnte ihnen für all das danken, was sie getan hatten. Es war mir auch eine große Freude, Hermina Vrijlink persönlich zu ihrem 77. Geburtstag zu gratulieren und die Gesellschaft ihres Bruders Seine zu genießen, der sich seit damals, als vor dreiundsechzig Jahren das Foto von ihm und Flip aufgenommen wurde, kaum verändert hat. Es fällt nicht schwer, zu verstehen, wie sehr Flip die Herzlichkeit schätzte, die er und alle anderen Vrijlinks ausstrahlten.
Flip kehrte 1942 nach Amsterdam zu seiner Familie und seinen Freunden zurück, obwohl er das Angebot der Vrijlinks hätte annehmen können, die ein Versteck für ihn gefunden hatten. Möglicherweise hätte er in Nieuwlande untertauchen können, einer kleinen, etwa fünfzehn Kilometer nördlich des Lagers gelegenen Gemeinde, wo ein Freund der Vrijlinks, Pastor Frits Slomp, zusammen mit dem Gemeinderat Johannes Post und dessen Bruder Marinus die Bewohner aufforderte, onderduikers bei sich aufzunehmen.2 Fast jeder Haushalt in Nieuwlande erklärte sich dazu bereit und versteckte einen oder mehrere Juden, insgesamt betrug deren Zahl dreihundert. Wir wissen nicht, wie viele andere Slomps, Posts, Van der Schaafs, Veurinks und Vrijlinks überall in den Niederlanden ebenso gehandelt haben, denn solche Menschen stellen ihr Licht gern unter den Scheffel. Viele Geschichten werden niemals erzählt werden, manch eine Heldentat wird unbesungen bleiben und manche Freundlichkeit keinen Dank erfahren. Ja, wären Flips Briefe nicht gefunden worden, hätten wir auch von dieser besonderen Geschichte niemals erfahren. Doch Manus de Groot haben wir es zu verdanken, dass neben den lauteren, an die Öffentlichkeit gedrungenen Protesten des Studenten Van Hasselt, von Professor Cleveringa, Richter Visser, Erzbischof de Jong und den Hafenarbeitern von Amsterdam auch der Mut einiger weniger Menschen nicht in Vergessenheit gerät (siehe Seite 32 ff.).
Ich habe mich entschlossen, dieses Buch herauszugeben, weil ich das Bedürfnis verspürte, Flips Welt aufzuzeigen und all seine Anspielungen und Hinweise zu verstehen. Was ich dabei nicht voraussehen konnte, war, wie befriedigend es sein sollte, all die Schichten freizulegen und die Einzelheiten, auch die schmerzlichen, aufzudecken. Wie beglückend war es, seinen Fingerabdruck zu entdecken und den Witz über die Barackenfenster zu verstehen oder zu begreifen, warum er wohl drei seiner Briefe nicht unterschrieben hat. Aus mir unerfindlichen Gründen vermittelte es auch eine gewisse Befriedigung, mit eigenen Augen den Heuhaufen zu sehen, in dem er sich versteckt hatte, oder aber das Schreiben, aus dem hervorgeht, dass er in Vught verhaftet wurde. Ich hatte erwartet, dass sein Schicksal und das seiner Freunde und seiner Familie entsetzlich und quälend sein würde, und ich hatte mich nicht geirrt. Immer wieder musste ich daran denken, dass neben Flip auch ich, mein Bruder, meine Mutter, mein Vater und meine Schwester auf den Fotos in diesem Buch zu sehen wären, hätte mein Vater 1922 nicht das große Glück gehabt, arbeitslos zu sein. Es war mir eine große Freude, zu entdecken, wie liebenswert Flip und wie liebenswert seine Freunde waren und noch heute sind. Ich habe ihn kennengelernt, und ich schätze seinen Optimismus, sein Mitgefühl und seinen Humor, und es beglückt mich, dass ihm jeglicher Hass abging und er seine Familie und seine Freunde liebte, ganz gleich, ob diese nun Juden oder Christen waren. Und es freut mich, zu sehen, wie vergnügt er neben der hübschen Tochter der Vrijlinks steht, der er, und damit auch ihrer ganzen Familie, seine aufrichtige Dankbarkeit ausspricht: »Gees können wir gar nicht genug danken!«
Deborah Slier
New York, 2007
Zeittafel
von Flips Geburt bis zu seiner Ankunft im Lager
1923
Flip (Philip) Slier wird in Amsterdam geboren.
Adolf Hitler beginnt 1923 mit der Niederschrift seiner Ideologie in Mein Kampf. Er verfasst das Werk im Gefängnis, wo er wegen eines gescheiterten Staatsstreichs eine Haftstrafe verbüßt. Von dem Buch werden in Deutschland acht Millionen Exemplare verkauft, es macht Hitler zum Millionär.
1932
Die Nationalsozialistische Partei erreicht in demokratischen Wahlen 37 % der Stimmen.
1933
Hitler wird von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Hindenburg räumt offen ein, Mein Kampf nie gelesen zu haben. Die Nazis stecken den Reichstag in Brand1, beschuldigen van der Lubbe, einen niederländischen Kommunisten, der Brandstiftung, rufen den Notstand aus und verhaften alle kommunistischen Reichstagsabgeordneten. In erneuten Wahlen erhält Hitler 44 % der Stimmen. Er verbietet alle politischen Parteien, Gewerkschaften, Richter und Zeitungen, die sich gegen ihn stellen, lässt jüdische Geschäfte boykottieren und beginnt damit, die Juden aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen. Studenten verbrennen die Bücher von Brecht, Einstein, Freud, London, Mann, Marx, Remarque und Wells.2
1934
Deutschland unterzeichnet einen Nichtangriffspakt mit Polen.
1935
Deutschland besetzt das Saarland und beruft fünfhunderttausend Mann zur Wehrmacht ein.
Aufgrund der Nürnberger Gesetze wird den Juden die Staatsbürgerschaft aberkannt.
Deutschland werde Österreich weder annektieren noch sich mit ihm vereinigen, und es werde die Entmilitarisierung des Rheinlandes achten, versichert Adolf Hitler.
1936
Deutschland besetzt das Rheinland.
Die Gestapo steht außerhalb des Gesetzes. Zeugen Jehovas werden verhaftet.
1937
Hitler lässt verlauten, die Regierung des Deutschen Reichs habe den Niederlanden versichert, dass sie bereit sei, die Unverletzlichkeit und Neutralität von deren Gebiet anzuerkennen und zu garantieren.
Die Gemeindeverwaltungen fertigen Listen mit den Namen von Kindern afrikanischer Abstammung an. 385 solcher Kinder werden ausfindig gemacht und sterilisiert.
Unter dem Schutz der Euthanasiegesetze von 1933 beginnen deutsche Ärzte mit der Tötung geistig und körperlich behinderter Menschen.
Es beginnt die systematische Enteignung jüdischen Eigentums.
1938
März: Nach dem erzwungenen Rücktritt des Bundeskanzlers Schuschnigg besetzt Deutschland Österreich. Übernahme der Regierung durch den Nationalsozialisten Seyß-Inquart.
April: Die deutsche Besatzungsregierung führt eine Volksbefragung durch, wodurch der Anschluss Österreichs nachträglich legitimiert wird.
30. September: Münchner Abkommen: Großbritannien, Frankreich und Italien stimmen der Annektierung des Sudetenlandes durch das Deutsche Reich zu. Im Gegenzug wird der Tschechoslowakei garantiert, dass sie ohne Provokation keine Aggression von Seiten Deutschlands zu befürchten hat.
Oktober: Jüdische Kinder werden von deutschen Schulen verwiesen. Alle Juden in Deutschland müssen ihren Führerschein abgeben.
9.–10. November: Reichskristallnacht. Überall in Deutschland greifen aufgeputschte Schlägertrupps Juden und ihre Geschäfte an. 7000 Läden werden zerstört, jüdische Bibliotheken in Brand gesetzt. 100 Synagogen brennen, 91 Juden werden umgebracht und 26 000 in Konzentrationslager verschleppt.
1939
30. Januar: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.« – Adolf Hitler.
März: Deutschland marschiert in die Tschechoslowakei ein und verletzt damit das Münchner Abkommen.
August: Hitler garantiert erneut die Neutralität der Niederlande.
20. August: Hitler und Stalin unterzeichnen einen gegenseitigen Nichtangriffspakt, in dem der UdSSR der Osten Polens, Finnland, die baltischen Staaten und Bessarabien zugesprochen werden.
1. September: Deutschland marschiert mit 1800 000 Mann in Polen ein, Hitler will alle Angehörigen der polnischen Intelligenzija vernichtet sehen.
3. September: Beginn des Zweiten Weltkriegs. Großbritannien, das Commonwealth und Frankreich erklären Deutschland den Krieg.
5. September: Die Vereinigten Staaten und die Niederlande erklären ihre Neutralität.
17. September: Die UdSSR fällt in Polen ein.
27. September: Polen kapituliert.
1940
Januar: Bis zum 1. Januar 1940 sind 61 000 bekannte Polen (Führungskräfte, Professoren, Lehrer, Bankiers usw.) von den Deutschen umgebracht worden.3
März: Die Sowjets ermorden siebzehntausend polnische Offiziere im Wald von Katyn. Unzählige Polen werden von den Sowjets und den Deutschen umgebracht.
April: Invasion der Deutschen in Dänemark und Norwegen.
10. Mai: Ohne Provokation oder Warnung marschiert Deutschland in die Niederlande, in Belgien und in Luxemburg ein, in Länder, die keinerlei politische, territoriale oder wirtschaftliche Bedrohung darstellten und deren Grenzen zu achten Deutschland zugesichert hatte.4
14. Mai: Während die Kapitulationsverhandlungen noch laufen, wird Rotterdam weiter bombardiert. 800 Zivilisten finden den Tod, 78 000 werden obdachlos.
15. Mai: Kapitulation der Niederlande.5
26. Mai: Deutsche Truppen überrennen Nordfrankreich. Viele britische, französische und polnische Truppen sitzen in der Falle. Bis zum 4. Juni konnten 338 226 der bei Dünkirchen, fünfundzwanzig Kilometer nördlich von Calais, eingeschlossenen Briten, Franzosen und Polen abtransportiert werden.
29. Mai: Hitler ernennt Seyß-Inquart zum Reichskommissar für die Niederlande.
22. Juni: Frankreich kapituliert.
Die meisten der folgenden Geschehnisse ereignen sich in den Niederlanden
1. Juli: Erstes Antijudengesetz: Juden wird der Zutritt zu den Luftschutzkellern verboten.
August: Es werden keine Juden mehr in den Staatsdienst übernommen oder befördert.
Seyß-Inquart
Im Februar 1938 hatte Hitler Artur Seyß-Inquart (oben links) zum Innenminister von Österreich gemacht einen österreichischen Anwalt der mit den Nazis sympathisierte, gläubiger Katholik und Veteran des Ersten Weltkrieges. Dass er sein Land Hitler auslieferte, war Hochverrat, wofür er von Hitler jedoch zum Bundeskanzler von Österreich ernannt wurde. 1939 setzte Hitler ihn als stellvertretenden Statthalter von Polen ein und hob ihn in das Amt eines Reichsministers ohne Geschäftsbereich in der deutschen Regierung. 1940 wurde er zum Reichskommissar für die besetzten Niederlande ernannt, und 1945 sah ihn Hitler in seinem Testament noch als Außenminister vor. Seyß-Inquart wurde vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zum Tode verurteilt und am 15. Oktober 1946 durch den Strang hingerichtet.
Hans Rauter (oben rechts) war ein österreichischer Nationalsozialist, SS-General und Leiter der SS und der Polizei in den Niederlanden. Seine Befehle erhielt er von seinem persönlichen Freund Heinrich Himmler, dem Oberbefehlshaber aller SS-Einheiten, der Gestapo und der Konzentrationslager. Offiziell war Rauter Seyß-Inquart unterstellt, doch beide wetteiferten darum, die Kontrolle über die Eliminierung der Juden in den Niederlanden zu haben. Nach Kriegsende wurde Rauter von einem holländischen Gericht in Den Haag zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 25. März 1949 vollstreckt.
Diese Briefmarke ist eine satirische Anspielung auf Seyß-Inquart. 6¼ heißt auf Niederländisch »zes en een kwart«, was fast so klingt wie der Name Seyß-Inquart. Der Bruchteil ¼ suggeriert ein gewisses Ungleichgewicht, womit man sich darüber lustig machte, dass der Reichskommissar hinkte. Perforierte Bögen dieser Marken wurden von der britischen Royal Air Force (RAF) in der Zeit vom 8. Februar bis zum 20. August 1941 über den Niederlanden abgeworfen.
September: Die Deutschen erklären einen Niederländer zum Juden, sobald ein Großelternteil jüdisch war. In Deutschland dagegen müssen es zwei Großelternteile sein.Die Straßenmärkte in Amsterdam sind für Juden verboten.
Oktober: Die Staatsbediensteten müssen angeben, welche ihrer Großeltern arisch sind.Sechs protestantische Kirchen protestieren gegen diesen Ariernachweis. Jeder Niederländer, der älter ist als fünfzehn Jahre, erhält einen Personalausweis.Jüdische Geschäfte müssen bei den deutschen Behörden gemeldet werden.
November: Juden werden aus dem öffentlichen Dienst entfernt, jüdische Professoren und Lehrer entlassen.Frans von Hasselt in Delft und R.P. Cleveringa in Leiden protestieren öffentlich gegen die von den Deutschen angeordneten Entlassungen an der Universität.In Delft und Leiden kommt es zu Studentenstreiks. Beide Universitäten werden von den Deutschen geschlossen, Frans von Hasselt und R.P. Cleveringa verhaftet.
1941
Januar: Der Besuch von Lichtspieltheatern ist für Juden verboten.Juden müssen sich bei den deutschen Behörden melden.Wer jüdische Eltern oder Großeltern hat, ist verpflichtet, sich zu melden.
Februar: Erzbischof de Jong fordert die Katholiken auf, sich nicht der niederländischen nationalsozialistischen Partei anzuschließen.Seyß-Inquart ordnet die Absperrung des Judenviertels von Amsterdam an.Die Deutschen fordern holländische Nazis auf, in Rotterdam, Den Haag und Amsterdam Schlägereien zu provozieren.Die Deutschen fordern die Bildung eines Judenrats.Erste Razzien gegen Juden; 425 Personen werden verhaftet, darunter auch Philips Cousin Philip Samas.Generalstreik in Amsterdam unter Führung der Hafenarbeitergewerkschaft, die gegen die Verhaftung der Juden protestiert.Ärzte müssen angeben, ob sie Juden sind.
März: Jüdische Geschäfte werden gezwungen, einen deutschen Geschäftsführer zu haben.Juden ist es verboten, Blut zu spenden.
Razzien
Zur ersten größeren Verhaftung von niederländischen Juden kam es als Vergeltung für den Tod eines niederländischen Nazis. Die Deutschen nahmen willkürlich 425 jüdische Männer im Alter von sechzehn bis vierzig Jahren fest. Die Männer wurden geschlagen und 390 von ihnen nach Buchenwald verschleppt, von wo aus 389 weiter nach Mauthausen abtransportiert und ermordet wurden. Ein einziger, May Nebig, überlebte in Buchenwald, weil er beschützt wurde. Ihn schickte man nicht mit den anderen, die bei der Razzia vom Februar festgenommen worden waren, ins Konzentrationslager von Mauthausen. Alfred Leikam, ein deutscher Häftling und Christ, der im Lagerkrankenhaus von Buchenwald arbeitete, hatte das Krankenhauspersonal davon überzeugt, Nebig wegen Tuberkulose zu isolieren. Dann »verlor« er Nebigs Häftlingsnummer, und so konnte der den Krieg verborgen im Lager überleben. Alfred Leikam wurde später mit der Yad-Vashem-Verdienstmedaille ausgezeichnet.1
»Mittwoch 25. Februar 1941. Die berüchtigte Grüne Polizei riegelte die Apollogasse in Amsterdam ab, trieb etliche der jüdischen Anwohner aus ihren Wohnungen und verschleppte sie mit unbekanntem Ziel. Ahnungslose Passanten, die in die Apollogasse einbiegen wollten, wurden angebrüllt: ›Bist du Jude?‹ Wer dies bejahte, wurde in den Polizeiwagen verfrachtet. Es war entsetzlich.«2
Das Büro für jüdische »Auswanderung« nimmt seine Arbeit auf. In Wirklichkeit dient es nur dazu, die Namen und Adressen von Juden zu sammeln.
April: Juden wird der Zutritt zu Hotels, Restaurants, Theatern, Parks und öffentlichen Versammlungsräumen verboten.Es tauchen die ersten Schilder mit der Aufschrift auf: »Für Juden verboten« oder »Juden unerwünscht«.Unter einem von den Deutschen eingesetzten Herausgeber erscheint eine neue jüdische Zeitung, das Jüdische Wochenblatt. Alle anderen jüdischen Zeitungen sind verboten.Juden müssen ihre Radiogeräte abliefern.
Mai: Juden wird der Zugang zur Börse verwehrt.Jüdische Ärzte und Zahnärzte dürfen Nichtjuden nicht mehr behandeln, Anwälte und Apotheker nicht mehr für nichtjüdische Klienten oder Kunden arbeiten.Einige Straßen in Amsterdam werden zu »Judengassen« erklärt.Bauernhöfe in jüdischem Besitz müssen amtlich registriert und verkauft werden.Juden wird der Zutritt zu Schwimmbädern, öffentlichen Parkanlagen und Rennbahnen untersagt.
Juni: Juden dürfen keine Tauben halten. Die Deutschen untersagen es generell, Tauben fliegen zu lassen.3Juden müssen ihre Bankkonten bei der Lippmann-Rosenthal-Bank einrichten. Diese Bank war in jüdischer Hand, bis sie von den Deutschen übernommen wurde. Den Namen hatte man nicht arisiert, in der Hoffnung, die Menschen zu täuschen.Juden dürfen die öffentlichen Transportmittel nicht mehr benutzen.
11. Juni: Zweite Großrazzia gegen die Juden: 277 junge Männer werden festgenommen und ins Konzentrationslager von Mauthausen deportiert. Unter ihnen sind auch junge Auszubildende vom jüdischen Lehrhof Werkdorp Wieringermeer. Klaus Barbie, der »Schlächter von Lyon«, 1941/42 Judenreferent des Reichssicherheitshauptamtes in Den Haag, hatte die Herausgabe ihrer Adressen vom Judenrat gefordert.
22. Juni: Deutsche Truppen marschieren in Russland ein.
Juli: Jegliche Emigration wird verboten.
August: Alle Vermögenswerte, Bankkonten, Versicherungspolicen, Schmuck und sonstige Wertsachen von Juden müssen registriert werden.
September: Jüdische Kinder dürfen nur noch separate Schulen für Juden besuchen.In Bibliotheken, Lesesälen, Konzertsälen, Zoos, Theatern, auf öffentlichen Märkten, in Parks, Cafés, Restaurants und Museen tauchen Schilder auf mit der Aufschrift: »Für Juden verboten«.
Oktober: Der Judenrat beginnt mit der Erstellung einer Judenkartei.Die Mitgliedschaft in Bridge-, Tanz- und Tennisklubs ist Juden untersagt.
November: Die Deutschen entziehen den meisten Juden die Arbeitserlaubnis und machen sie so zu Arbeitslosen.Im Jüdischen Wochenblatt steht, dass arbeitslose jüdische Männer in Arbeitslager geschickt werden sollen.Nichtholländische Juden müssen sich zur »freiwilligen« Auswanderung nach Polen melden.Juden dürfen weder ihre Adresse ändern noch ohne Genehmigung reisen.In Amsterdam werden Straßenmärkte für Juden eingerichtet.
7. Dezember: Angriff der Japaner auf Pearl Harbor.
11. Dezember: Deutschland und Italien erklären den Vereinigten Staaten den Krieg.
1942
Januar: Auf der Wannseekonferenz stellen Adolf Eichmann, Reinhard Heydrich und vierzehn weitere deutsche Politiker ihre Pläne zur Endlösung der Judenfrage vor, d.h. zur Vernichtung der elf Millionen Juden in Europa. Einer der Konferenzteilnehmer, Karl Eberhard Schöngarth, wurde später Chef der Sicherheitspolizei in den Niederlanden.4Juden ist das Führen von Kraftfahrzeugen untersagt.Die Ausweise von Juden erhalten den Stempel »J«.Die Einziehung arbeitsloser Juden beginnt; sie werden in Arbeitslager gebracht.Beginn der Umsiedlung von Juden vom Land nach Amsterdam.Nichtholländische Juden werden im Lager Westerbork inhaftiert.
März: Es ergeht der erste von vier Erlassen zur Beschlagnahmung jüdischen Eigentums.Den Juden ist es verboten, Gegenstände aus ihrem Haushalt zu entfernen oder fortzuwerfen.Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden werden verboten.
19. April: In katholischen und protestantischen Kirchen werden Protestbotschaften gegen die deutsche Antijudenpolitik verlesen.
25. April: Flip wird in das Arbeitslager Molengoot in der Nähe von Hardenberg im Nordosten der Niederlande eingewiesen.
1945
5. Mai: Deutschland kapituliert bedingungslos vor den Niederlanden.
8. Mai: Bedingungslose Kapitulation Deutschlands vor den Alliierten.
2. September: Japan erklärt gegenüber den Alliierten seine bedingungslose Kapitulation. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende.
Stimmen des Protestes
Der Streik der Amsterdamer Hafenarbeiter vom Februar 1941 und der Streik der Eisenbahner, der am 17. September 1944 begann, waren die einzigen gegen die Deutschen gerichteten Generalstreiks, die während des Zweiten Weltkrieges in einem besetzten Land ausgerufen wurden. Überall in den Niederlanden gab es jedoch zahlreiche Einzelproteste, so etwa von den Kirchen und Universitäten, der Regierung und Studentenführern.
Utrechts Erzbischof Monsignore Dr. Johannes de Jong (1885–1955) warnte gemeinsam mit vielen anderen Kirchenvertretern öffentlich vor den Gefahren der nationalsozialistischen Ideologie und kritisierte wiederholt von der Kanzel herab die Verordnungen der Nazis. Am 11. Juli 1942 sandten zehn christliche Kirchen ein Telegramm an die deutsche Besatzungsmacht, in dem sie »ihre Empörung über die Deportation von Juden« zum Ausdruck brachten, »die den tiefsten moralischen Empfindungen des nierderländischen Volkes widerspricht und im Gegensatz steht zu den göttlichen Geboten der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe«. In einem Zusatzschreiben setzten sie sich für die konvertierten Juden ein. De Jong regte an, einen Hirtenbrief von jeder katholischen Kanzel zu verlesen, der es den Katholiken untersagte, sich irgendeiner nationalsozialistischen Organisation anzuschließen. Sollten sie sich nicht ausdrücklich von der nationalsozialistischen Ideologie distanzieren, »würden ihnen die heiligen Sakramente verwehrt«. Die Drohung der Kirche, diesen Brief in jeder einzelnen Kirche zu verlesen, brachte die Deutschen besonders auf. Auch von Karmelitern geführte Schulen bewiesen Mut zum Widerstand und weigerten sich, jüdische Schüler vom Unterricht auszuschließen, wie es die Deutschen verlangten. Diese rächten sich dafür ganz besonders an den Katholiken, weil sie den Erzbischof de Jong als einen ihrer heftigsten Gegner einstuften. Sie verhafteten viele Juden, die zum Katholizismus konvertiert waren. Zweimal wandte sich Erzbischof de Jong an Seyß-Inquart mit der Bitte, diese Menschen zu verschonen, aber vergeblich, sie wurden nach Westerbork gebracht, darunter auch Edith Stein, die konvertierte Karmeliternonne aus Echt. Sie lehnte ein Angebot zu ihrer Rettung ab und bestand darauf, das Los ihrer Brüder und Schwestern zu teilen.
Am 26. November 1940 hielt der Dekan der juristischen Fakultät der Universität von Leiden, Professor Rudolph P. Cleveringa, im großen Hörsaal eine Rede, in der er gegen die von den Deutschen verlangte Entlassung eines jüdischen Kollegen, Professor Meijers, protestierte: »Dieser niederländische Bürger, dieser edle und aufrechte Sohn des Volkes, dieser Mann, der seinen Studenten stets ein Vater war, dieser Gelehrte, den die ausländischen Usurpatoren seines Amtes enthoben haben ... Ich habe gesagt, ich würde nicht über meine Gefühle reden, und ich werde mein Wort halten, auch wenn mir vor lauter Emotionen der Kopf jeden Augenblick zu bersten droht und die Empörung wie glühende Lava in meinem Herzen brennt. So wie es den Traditionen der Niederlande entspricht, erklärt unsere schriftlich niedergelegte Verfassung, dass jeder Niederländer jedes Amt bekleiden, jede Auszeichnung erhalten und jede Funktion ausüben darf, und dass er ungeachtet seiner Religion alle staatsbürgerlichen und zivilen Rechte genießt. Nach Artikel 43 des Kriegsrechts ist die Besatzungsmacht dazu verpflichtet, die Gesetze des Landes sauf empêchement (uneingeschränkt) zu achten. Wir kommen deshalb unweigerlich zu dem Schluss, dass es für die Besatzungsmacht keinerlei Veranlassung gibt, Meijers nicht im Amt zu belassen. Das bedeutet also, dass wir seine Entlassung, über deren Umstände ich Sie unterrichtet habe, sowie ähnliche Maßnahmen, von denen andere betroffen sind (dabei denke ich in erster Linie an unseren Freund und Kollegen David), nur als Ungerechtigkeit empfinden können.« Ein Student stimmte die Nationalhymne an, und die gesamte Hörerschaft fiel mit ein. Die Studenten riefen zum Streik auf. Daraufhin schlossen die Deutschen die Universität und verhafteten Cleveringa. Man brachte ihn ins Gefängnis von Scheveningen und später ins Konzentrationslager von Vught. Meijers wurde nach Theresienstadt deportiert. Als die Universität nach dem Krieg ihre Tore wieder öffnete, kehrten beide zurück. 1946 verlieh Rektor Cleveringa die Ehrendoktorwürde der Universität Leiden an Winston Churchill.
Lodevijk Ernst Visser (MA) wurde 1871 in Amersfoort geboren. Am 3. Januar 1939 wurde er zum Präsidenten des niederländischen Verfassungsgerichts ernannt. Am 10. Mai 1940 prangerte Visser von seinem Richterstuhl aus die Deutschen an und beschuldigte sie »verräterischer Angriffe« und des »Mordes«. Er blieb bei seinem Standpunkt, dass Juden sich nicht von Nichtjuden unterscheiden und rechtlich nicht anders behandelt werden dürfen als jeder andere niederländische Bürger auch. Im Gegenteil, eine Ungleichbehandlung widerspreche nicht nur der niederländischen Verfassung, sondern verstoße auch gegen das internationale Recht. Am 23. November 1940 wurde er seines Amtes enthoben. Im Dezember 1940 übernahm Visser den Vorsitz des Jüdischen Koordinierungsausschusses, der den holländischen Juden dazu riet, sich lieber an niederländische Behörden zu wenden als an die deutschen. Er weigerte sich, den Stempel »J« in seinem Ausweis zu akzeptieren, und sein Sohn Ernst Lodewijk tat es ihm gleich. Visser lehnte eine Zusammenarbeit mit den Deutschen ab und rief dazu auf, misstrauisch zu sein und auf keinen Fall kooperationsbereit. Die Haltung des Judenrates, der bemüht war, der Besatzungsmacht willfährig zu sein, und der ihren Anordnungen widerspruchslos Folge leistete, nannte er feige. Entschieden wandte er sich gegen die Einführung von besonderen Schulen für jüdische Kinder. Er versuchte, sich direkt bei General Rauter, dem Führer der SS, für die Geiseln einzusetzen, die man nach Mauthausen deportiert hatte, und er protestierte auf jede ihm nur mögliche Weise. Visser verfasste auch Artikel für die Widerstandszeitung Het Parool. Obwohl er selber kein gläubiger Jude war, zeigte er sich von nun an am Sabbat in Sabbatkleidung und mit Gebetbuch. Visser starb am 17. Februar 1942 an einem Herzinfarkt, drei Tage nachdem er ein Schreiben vom Judenrat erhalten hatte, in dem ihm die Deportation angedroht wurde, sollte er seine Proteste fortführen. Sein einundvierzigjähriger Sohn wurde am 2. September 1942 in Mauthausen umgebracht, weil er sich geweigert hatte, den gelben Stern zu tragen.
J.B.F. (Frans) van Hasselt wurde am 26. Februar 1913 geboren. Er war Vorsitzender des Studentenbundes an der Universität von Delft. Nach der von den Deutschen angeordneten Entlassung von Juden aus dem Universitätsdienst hielt er eine ergreifende, zornige Protestrede und schloss mit den Worten: »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihrer.« Daraufhin riefen die Studenten den Streik aus. Van Hasselt wurde verhaftet, nach Scheveningen gebracht und starb am 10. September 1941 in Buchenwald.
Der Judenrat
Im Februar 1941 stachelten die Deutschen die niederländischen Nazis in Rotterdam, Den Haag und Amsterdam zu Übergriffen auf Juden an. Die Juden setzten sich nach Kräften zur Wehr, und nach einem Vorfall in Amsterdam erlag ein SS-Mann seinen Verletzungen. Daraufhin verhafteten die Deutschen Ernst Cahn und Alfred Kohn, die beiden Besitzer der Eisdiele Koco, von der aus die jüdischen Kämpfer ihre Verteidigungsaktionen lancierten. Am 3. März 1941 wurde Cahn von einem Erschießungskommando unter der Leitung von Klaus Barbie exekutiert. Da die Deutschen nicht hinnehmen wollten, dass auch die andere Seite sich bewaffnete, forderten sie von den Juden die Bildung eines Judenrates, der seine Leute entwaffnen und kontrollieren sowie die Verordnungen der Besatzungsmacht ausführen sollte. Abraham Asscher, der Direktor einer großen Diamantengesellschaft, und David Cohen, Professor für alte Geschichte an der Universität von Amsterdam, führten gemeinsam den Vorsitz. Cohen war Präsident des Flüchtlingshilfsausschusses gewesen, der Juden zur Flucht vor den Nazis verhalf und nach der Reichskristallnacht den Transport von zehntausend Kindern aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach England mit Zwischenstation in den Niederlanden mitorganisierte (den sog. Kindertransport). Ins Leben gerufen hatte dieses Projekt Gertrude Wijsmuller, eine nichtjüdische Holländerin.
Asscher und Cohen forderten bekannte jüdische Persönlichkeiten aus verschiedenen Berufsverbänden und religiösen Organisationen auf, im Vorstand mitzuarbeiten, und die meisten waren dazu auch bereit. Der Rat sollte die jüdischen Interessen vertreten und eine Verbindungsinstanz zwischen Deutschen und Juden bilden, da es den Juden verboten war, sich direkt an die deutschen Behörden zu wenden.
Von Anfang an verlangten die deutschen Besatzer vom Rat, dass er für die Einhaltung und Umsetzung aller Bestimmungen sorgte, die in der wöchentlich erscheinenden Zeitung Het Joodsche Weekblad (Jüdisches Wochenblatt) bekanntgegeben wurden, deren Herausgeber, Jacques de Leon, von den Deutschen eingesetzt worden war. Es war dies die einzige zugelassene jüdische Zeitung. Das Blatt schrieb ausschließlich über jüdische Angelegenheiten und das in einer Weise, die der Obrigkeit genehm war. Alle Texte wurden verordnet und zensiert. Man verlangte vom Rat, eine Liste mit den Namen und Adressen aller Juden zusammenzustellen und dafür zu sorgen, dass sich die von den Deutschen angeforderte Anzahl Personen zur Arbeit oder zum »Abtransport nach Deutschland« meldete. Die Deutschen überließen es dem Rat, darüber zu entscheiden, wie er sicherstellen wollte, dass den Anforderungen Folge geleistet wurde. Wenn Asscher und Cohen sich einmal darüber beschwerten, dass die geforderte Anzahl zu hoch war und nicht bereitgestellt werden konnte, erinnerten die Deutschen sie nur an Mauthausen.1 Der Rat bemühte sich, die Auswirkungen der Verordnungen so weit wie möglich abzumildern. Er beschäftigte ca. achttausend Mitarbeiter, die bis auf weiteres von der Deportation freigestellt waren. Außerdem sorgte er dafür, dass für bestimmte Gruppen Ausnahmeregelungen galten, und schuf Hintertürchen. Zudem erleichterte er die Postzustellung und versorgte Bedürftige mit Nahrungsmitteln und Kleidung.
Der Rat verfügte über ein Zentralbüro in Amsterdam sowie über einige regionale Außenstellen, die 1942, als man alle Juden zwang, nach Amsterdam umzusiedeln, geschlossen wurden. Der Amsterdamer Zweig des Judenrates forderte die Menschen dringend auf, den Einberufungsbefehlen Folge zu leisten. Sollten sie sich nicht melden, hätten sie »mit den härtesten Strafen zu rechnen«, ließ er verlautbaren. Der lokale Zweig von Enschede dagegen riet den Juden, den Stellungsbefehlen nicht nachzukommen und in den Untergrund zu gehen. Mit Hilfe eines protestantischen Geistlichen, Pfarrer Leendert Overduin, überlebten 38 % der Juden von Enschede den Krieg, das waren ungefähr doppelt so viele wie der nationale Durchschnitt. Die Vorsitzenden des Judenrates von Enschede waren Sig Menco, Gerard Sanders und Isidoor van Dam. Als die Deutschen dem Warschauer Judenrat im Juli 1942 befahlen, sechstausend Juden täglich zur Deportation auszuliefern, beging der Vorsitzende des Rates, Adam Czerniaków, Selbstmord. Als die Deutschen indes vom Großrabbiner von Athen, Elios Barzilai, verlangten, ihnen eine Liste aller Juden auszuhändigen, vernichtete dieser die Liste und riet seiner Gemeinde zu fliehen oder unterzutauchen. Der Athener Erzbischof Damaskinos gab seinen Priestern die Anweisung, den Juden zu helfen.
Nach dem Krieg fragte Jacob Presser, der Autor von Ashes in the Wind – The Destruction of Dutch Jewry, den deutschen Polizeichef von Amsterdam, Willy Lages:
»Wie wurde der Judenrat benutzt?«
»In jeder nur denkbaren Weise.«
»Fanden Sie die Zusammenarbeit mit dem Rat einfach?«
»Ja, ausgesprochen einfach.«
1946 wurden Asscher und Cohen verhaftet und der Kollaboration mit dem Feind angeklagt. Das Verfahren wurde allerdings eingestellt und es kam nicht zur Gerichtsverhandlung. 1947 wurde ein jüdisches Ehrengericht (Ereraad) eingesetzt, das Asscher und Cohen wegen Kollaboration mit dem Feind und Beihilfe bei der Identifizierung, Verhaftung und Deportation der niederländischen Juden verurteilen sollte. Das Gericht befand sie für schuldig und gelangte zu der Entscheidung, dass ihr Verhalten in vier Anklagepunkten zu verurteilen und in einem Punkt schwer zu verurteilen war. Bis an ihr Lebensende war es ihnen untersagt, in irgendeiner jüdischen Organisation ein Amt zu bekleiden, ganz gleich ob ehrenamtlich oder bezahlt.
Nach dem Krieg kritisierten L. de Jong und Jacob Presser, beide Experten auf diesem Gebiet, den Judenrat, weil der sich nur um seine eigenen Interessen gekümmert und den Reichen auf Kosten der Armen geholfen habe. Jane Fresco, Bernard Cohens Schwester, sagt, die meisten Leute hätten den Judenrat (Joodse Raad) »Judenverrat« (Joods Veraad) genannt. Professor Houwink ten Cate hingegen, der niederländische Fachmann für den Judenrat, war der Meinung, der Rat habe alles getan, was ihm unter den schwierigen Bedingungen möglich gewesen sei.2
Flip (Philip) Slier
Flip (Philip) Slier kam am 4. Dezember 1923 im obersten Stock des Hauses in der Vrolik Straat 128 zur Welt. Beim Einmarsch der Deutschen war er siebzehn Jahre alt und Schriftsetzerlehrling beim Algemeen Handelsblad, einer Tageszeitung, bei der auch sein Vater arbeitete. Er war circa 1,72 Meter groß, wog etwa 72 Kilo, hatte schwarzes Haar und graue Augen. Er war ein freundlicher, geselliger junger Mann, den sein Freund Karel van der Schaaf als brutaal, d.h. verwegen beschrieb. Er spielte Flöte und Mandoline, sang gern und besaß viel Humor. Truus Sant, seine erste Freundin, sagte über ihn: »Flip war ganz verrückt nach mir, und Harry Elzas war eifersüchtig; seine Eltern haben uns eine Menge Schwierigkeiten bereitet, weil ich nicht jüdisch war. Ich habe getrommelt, und er hat in der Band des AJC (Arbeiders Jeugd Centrale – Arbeiterjugendzentrum) die Flöte gespielt.« Flip war ein begeisterter Fotograf. Viele der Aufnahmen von seiner Familie und seinen Freunden stammen von ihm. Das AJC war eine niederländische sozialistische Organisation, in der es für die Zwölf- bis Sechzehnjährigen eine Unterabteilung namens »Die roten Falken« gab. In den »Roten Garden« waren die älteren Jugendlichen zusammengeschlossen. Sie trafen sich wöchentlich, tranken nicht und rauchten auch nicht; sie interessierten sich für Kunst, Literatur und Musik und hatten Spaß an Aktivitäten im Freien. Am Wochenende wurde gewandert und gezeltet oder man erholte sich auf dem Land. Im Jahr 2007 erinnerte sich Truus bei einem gemeinsamen Mittagessen mit der Autorin: »Eines Tages ging ich allein im Park spazieren, da traf ich Chris Brand vom AJC. Er begleitete mich ein Stück. Da begegnete uns Flips Vater, und der erzählte Flip, ich ginge jetzt mit einem anderen Jungen. Das war das Ende von Flip und mir. Ich habe Flip auch hinterher noch getroffen, aber wir waren nicht mehr zusammen. Flip hat mir ein Gedicht geschrieben.« Und sie sagte es auf: »Zwischen Trommel und Flöte ist’s nun aus, /weg ist sie, meine süße Maus. / Den Abend über war sie so still, / ich bin nun wohl nicht mehr der, den sie will. / Jetzt hat sie ’nen andern, / der geht mit ihr aus.«
Am 23. April 1942, einem Donnerstag, erhielt Flip ein Schreiben wie das untenstehende vom Judenrat, in dem ihm befohlen wurde, am Samstag, den 25. April den Zug nach Hardenberg zu nehmen (150 km östlich von Amsterdam). Von dort aus lief er die drei restlichen Kilometer zum Lager Molengoot zu Fuß.
Letzte Warnung
Sie wurden vom städtischen Arbeitsamt für die Arbeit in einem der unter der Leitung der niederländischen Arbeitsbeschaffungsbehörde stehenden Lager in der Provinz Drente vorgesehen. Sie haben deshalb am Samstagmorgen mit dem Zug anzureisen.
Wir raten Ihnen ein letztes Mal dringend an, diesem unwiderruflichen Befehl Folge zu leisten. Sollten Sie dem Befehl nicht nachkommen, haben Sie mit den allerhärtesten Strafmaßnahmen zu rechnen. Noch einmal, sorgen Sie in Ihrem eigenen Interesse unbedingt dafür, zur angegebenen Zeit dort zu sein. Wir wiederholen nochmals, dass es sich um einen normalen Arbeitsdienst in einem normalen niederländischen Arbeitslager unter normaler niederländischer Aufsicht handelt.
Die Vorsitzenden des Judenrates
A. Asscher
Prof. Dr. C. [D.] Cohen
Arbeitslager in den Niederlanden
Während der Depression vor dem Zweiten Weltkrieg beauftragte die niederländische Regierung die Heidemaatschappij (Heide-Gesellschaft) damit, Arbeitslager für die Arbeitslosen einzurichten. Die Männer hoben Kanäle aus, bauten Straßen und halfen bei der Verbesserung des Bodens. Sie erhielten einen geringen Lohn, durften sich frei bewegen und bekamen jedes zweite Wochenende Heimaturlaub. Im Dezember 1941 wurden die Männer nach Hause geschickt und im Januar 1942 durch Juden ersetzt, die infolge der deutschen Gesetze ebenfalls arbeitslos geworden waren. Die Juden bekamen weniger Lohn, weniger zu essen, durften sich nur eingeschränkt frei bewegen, und jeglicher Heimaturlaub war ihnen verwehrt. Die Kosten für Verpflegung, Unterkunft und Krankenversicherung wurden ihnen vom Lohn abgezogen.
Flip durfte in Amsterdam weder die Schule besuchen noch berufstätig sein. Vielleicht leistete er der Anordnung des Judenrates ja Folge, weil er meinte, es handele sich um eine reguläre Arbeit, und weil man ihm versichert hatte, er komme in ein »normales niederländisches Lager unter normaler niederländischer Aufsicht«. Möglicherweise fürchtete er aber auch, dass die Nichtbefolgung die »härtesten Strafmaßnahmen« nach sich ziehen würde, was unter Umständen die Verhaftung seiner Eltern und deren Abtransport in ein Konzentrationslager bedeutet hätte. Bereits kurz nach seiner Ankunft im Lager Molengoot schrieb Flip einen Brief an seine Eltern. In der Folgezeit schrieb er ihnen und seinen Freunden fast täglich.
Flips engste Verwandte und Freunde

Die Namen werden in diesem Buch in folgender Reihenfolge genannt: Spitzname, Vorname (in Klammern), Mädchenname, Familienname. Tante Jo erscheint also als Jo (Johanna) Salomonson-Samas. In den Niederlanden hieße sie dagegen Johanna Samas-Salomonson. Die einzige Ausnahme bildet Alice van Keulen-Woudstra, da ihr Name nur ein einziges Mal auftaucht.
Die Briefe
[25. April 1942, Samstag]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Bin hier im Lager angekommen. Ziemlich komfortabel. Ordentliches Bett, 3 Decken. Sauber. Gute Stimmung, angenehme Leute. Wir haben sehr wenig Freiheit. In Overijsel [Provinz] dürfen wir noch ab und zu eine Stunde das Lager verlassen, in Drente [Provinz] ist das verboten. Schickt mir so schnell wie möglich Mantel, Windjacke, Holzschuhe, Klappmesser.
Dringend notwendig ↑
Wenig zu essen. Möglicherweise darf bald nichts mehr geschickt werden. Erzählt dies jedoch nicht weiter, denn diesbezüglich ist nichts sicher. Angenehme Reise gehabt. Grüßt alle von mir. Einen Kuss von Flip
Nur Mut.
Kann noch nichts weiteres sagen.
Herzliche Grüße und einen Kuss von
Flip
Wenn ihr noch ein wenig Essen übrig habt, schickt es mir nur. Wir sind zu acht im Zimmer.
Lagerleiter hat eine Rede gehalten, nicht ermutigend, aber er hofft, dass wir alle bald wieder in A. [Amsterdam] sein werden.
Hardenberg, 25. April 1942 [Samstag]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Nach einer wirklich angenehmen Reise zusammen mit einigen netten Leuten sind wir hier in Molengoot angekommen. Die Ausstattung ist viel besser als erwartet. Wir haben alle ein eigenes Bett mit drei Decken und einem sauberen Strohsack. Alles hier ist sehr ordentlich. Schöne Toiletten, Waschräume und gute Baracken. Ich liege neben Nico Groen.1 Das ist natürlich angenehm. Die Koffer durften wir in Hardenberg auf einen Wagen werfen. Das hat ein Dubbeltje [10 Cent] gekostet. Nach einer halben Stunde Laufen kamen wir im Lager an. Die Leute aus dem Zug und ich sind im selben Zimmer untergebracht. Jedes Zimmer ist mit acht Leuten belegt. Nachdem wir eine Stunde im Lager waren, sind wir allesamt in die Kantine gegangen. Das ist ein großer Saal mit Büchern, Dame- und Schachspielen und Billardtischen. Dort wurde eine Rede gehalten, in der man uns mitteilte, dass wir leider nicht genug zu essen bekommen würden. Auch wurden wir davor gewarnt, uns aufzulehnen oder Ähnliches, und vor den Strafen, die dies zur Folge hätte. Der Redner hoffte ebenfalls, dass wir bald alle wieder in Amsterdam sein würden. Das löste natürlich einen gewaltigen Applaus aus. Danach bekamen wir unsere erste Mahlzeit: Brot und Butter. Sechs Butterbrote pro Mahlzeit und 1 ¼ Unzen [125 g] Butter für die ganze Woche. Wir waren alle noch ziemlich gut ernährt, also reichte das. Zwei Stunden später bekamen wir alle einen leckeren Teller Rotkraut mit richtigem Fett und Fleisch. Bis heute Abend habe ich genug gegessen. Nur der Kaffee schmeckt wie Spülwasser. Wie es hier sonst aussieht, kann ich natürlich noch nicht sagen. Da müssen wir abwarten. Wir sind hier insgesamt hundertfünfzig Mann, überwiegend angenehme Leute, glaube ich.
Heute Abend waren wir alle sehr fröhlich und haben während der Mahlzeit richtig viel gelacht. Es wird in unserer Baracke sicherlich lustig werden, wenn nur das Essen gut ist. Papa, kannst du mir bitte so schnell wie möglich meine Holzschuhe schicken? Auch meinen Regenmantel, mein Klappmesser, Briefumschläge und meine Windjacke. Schick auch bitte den Gelbfilter meines Fotoapparates mit, Stopfwolle, Schuhe (braune) und auch die Dose mit Keksen. Es könnte sein, dass bald gar nichts mehr geschickt werden darf. Verglichen mit den Lagern in Drente haben wir noch eine gewisse Freiheit. Wir dürfen uns ab und zu frei bewegen, d.h. das Lager verlassen, ein- oder zweimal in vierzehn Tagen. Wir haben gerade Brot geholt. Das ist ganz wenig, etwas mehr als ein halbes Brot für zwei Tage. Das wird nie reichen. Nun ja, im Moment habe ich noch was. Vorläufig brauche ich nicht zu hungern.
Für heute Abend mache ich Schluss. Wenn ihr mir ab und zu etwas schickt, werde ich schon durchhalten. Auch an das Leben im Lager werde ich mich gewöhnen. Hauptsache, man lässt uns in Ruhe. Also, morgen mehr.
Es ist jetzt Sonntagmorgen [26. April]. Ich habe heute Nacht gut geschlafen. Gestern waren wir zusammen in der Kantine. Das ist ein großer Saal mit Damespielen, Billardtischen und Büchern. Dort kann man auch einiges kaufen wie Kaffee, Limonade, Toilettenpapier, Butterbrot- und Briefpapier und Briefmarken. Ich werde ein Foto von der Kantine machen. Morgen fangen wir mit der Arbeit an. Wir haben einen eigenen Trupp zusammengestellt aus Leuten, bei denen das Geld zu Hause nicht unbedingt benötigt wird. Also gehen wir es ruhig an. Nur schade, dass wir so wenig Bewegungsfreiheit haben. Ihr dürft uns auch nicht besuchen.
Sonntags könnt ihr uns jedoch wahrscheinlich sprechen. Wie, das werde ich euch noch mitteilen. Ich habe heute Morgen allein schon fast die Hälfte meiner Brotration für zwei Tage aufgegessen. Könnt ihr mir auch meine Hausschuhe schicken?
Ich mache jetzt Schluss. Grüßt und küsst alle von mir. Mutti, bleib stark, alles wird gut. Herzliche Grüße und einen Kuss von
Flip.
Hardenberg
Lager Molengoot
(Overijsel.) Zimmer 7
26. April 1942 [Sonntag]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Ich habe heute meinen ersten Arbeitstag hinter mir. Es war unheimlich schwer.
Es wurde uns gesagt, dass man keinen Unterschied zwischen leichter und schwerer Arbeit machen könne. Wir arbeiten mit Christen zusammen und kommen gut mit ihnen aus. Unser Trupp hat jedoch eine eigene Arbeit. Wir sind die Einzigen, die mit Christen zusammenarbeiten. Wir müssen Schubkarren mit Sand füllen und die selbst wegfahren. Nach jeder Fuhre machen wir zehn Minuten oder eine Viertelstunde [Pause?]. Zehn Fuhren haben wir geschafft. Das erscheint nicht viel, aber es ist wahnsinnig anstrengend. Ich hatte das Glück, ein paar schöne Holzschuhe auftreiben zu können. Meine Schuhe habe ich heute fast ruiniert. Könnt ihr mir auch noch eine Staubbrille schicken? Unsere Augen bekommen durch den Wind so entsetzlich viel Sand ab, dass sie völlig kaputtgehen, wenn es so weiterbläst. Noch einmal: Schickt mir bitte Stopfwolle, Regenmantel, Gelbfilter, Windjacke und, wenn möglich, einen ›Overall‹. Ich werde euch meine Bezugskarte schicken. Gelbfilter.
Heute Morgen gab es Brei. Es war einfach Magermilch mit kaum etwas drin. Die warme Mahlzeit schmeckt gut, ist aber so dürftig, dass man erst richtig Hunger bekommt, wenn man mit dem Essen fertig ist. Ich bin dann zum Koch gegangen, aber der sagte, er könne auch nichts machen. Unsere Gruppe ist sehr nett, die Jungens sind ehrlich und solidarisch. Wir versuchen hier und da [bei den Bauern] etwas aufzutreiben, aber darüber dürft ihr nicht sprechen. Wenn ich irgendwann mal daheim auf Urlaub bin, werde ich euch davon erzählen.
Falls ihr etwas übrig habt, könnt ihr das ruhig schicken. Ich bin sehr sparsam, aber die Rationen sind so klein bemessen, dass alles schnell weg ist. Meine Butter habe ich noch nicht angerührt, und ich habe auch noch mehr als anderthalb Laib Brot, bin also sehr sparsam. Wir müssen um 5.30 Uhr aufstehen und um 5.45 Uhr Essen holen. Um 7.00 Uhr ziehen wir los. Also, ich melde mich wieder.
Flip
Ich werde erst wieder in zwei Tagen schreiben.
Hardenberg, 28. April, 1942 [Dienstag]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Ich warte auf euren Brief, aber ich habe noch nichts empfangen. Habe jedoch Post von Bep,2 Tante Jo3 und Oma erhalten! Die ersten beiden Tage waren schlimmer, als ich dachte. Morgens um 5.30 Uhr aufstehen, 5.45 Uhr Essen holen und um 6.30 Uhr zur Arbeit. Anfang 7.00 Uhr. Morgens weht noch ein starker, frostiger Wind, der durch alles hindurchzieht, so dass mir eiskalt wird. Der Sand steckt überall, in den Kleidern, in Nase, Mund und Ohren. Dazu kommen dann noch die kalten Hände, so dass ich ehrlich sagen muss, dass die Morgenstunden eine Qual für mich sind. Wir müssen eine Straße bauen und dazu müssen wir Schubkarren füllen und diese hin- und herfahren. Das ist eine unheimlich schwere Arbeit. Obwohl wir nicht viel schaffen, sind wir wahnsinnig müde. Aber ich bin schließlich nicht aus Pappe und schlage mich schon durch. Kauft mir bitte ein paar Handschuhe und schickt sie mir per Eilboten. Ich brauche sie sehr dringend. Wenn ich diese Sachen und auch die anderen Dinge, um die ich euch bat, erst einmal habe, bin ich vorläufig zufrieden. Brotmarken kann ich [ebenfalls] gut brauchen.
Die warmen Mahlzeiten sind äußerst dürftig, aber wir besorgen uns schon was bei den Bauern. Das sind tolle Leute hier. Wenn ich nach Hause komme, erzähle ich euch davon. Sollte ich Hunger haben, gebe ich euch Bescheid, obwohl ein Paket natürlich immer willkommen ist, denn allzu viel zu essen bekommen wir nicht.
Jetzt etwas anderes. Ich höre, dass immer noch Leute einberufen werden. Wirklich entsetzlich. Hoffen wir, dass dir dieser verdammte Mist erspart bleibt, Papa. Es stimmt schon, man wird hier abgehärtet. Es ist jedoch ein Trost, dass wir in einem ordentlichen Lager sind und mit tollen Leuten zusammenarbeiten und untergebracht sind. Wir machen so viel wie möglich gemeinsam. Aber ich teile nicht alles mit ihnen. Ich habe noch drei Eier, für jeden Tag eins. Wir haben hier auch Eier gebraten, aber die Jungens wollen nicht, dass ich darüber schreibe. Lasst dies auch niemanden lesen, oder streicht die Zeilen zuerst durch. Ganz Amsterdam weiß sonst bald Bescheid, und das darf nicht sein. Die anderen sind auch ganz solidarisch und wir machen alles zusammen, obwohl ich nicht alles mit ihnen teile. Ich bin ja nicht blöd. Heute Abend machen wir Tee und morgen kochen wir Kartoffeln. Zeigt keinem diese Zeilen. Ich weiß nicht, ob das schlimme Folgen haben könnte. Schickt mir bitte bald mein Paket. Falls es schon weg ist, schickt meine Handschuhe per Eilboten hinterher. Ich denke jetzt unheimlich oft an zu Hause, vor allem auf der ›Arbeit‹.
Ich mache jetzt Schluss und werde bald mehr schreiben. Einen Kuss von
Flip
Grüßt alle herzlich von mir. Falls ihr mich noch besuchen wollt, so können wir etwas arrangieren, aber das muss alles heimlich geschehen. Es ist strengstens verboten, im Lager Besuch zu empfangen. Aber das machen wir dann dort, wo wir arbeiten.
Nun, seid herzlich gegrüßt und einen Kuss von

Bleibt bitte schön tapfer. Ich bin kräftig und gesund.
Zeigt auch Bep de Vries meinen Brief.
Wenn ich mich abends gewaschen habe,
sieht alles schon wieder ganz anders aus.
Hardenberg, 29. April, 1942 [Mittwoch]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Das Paket und euren Brief habe ich bei bester Gesundheit empfangen. Ich bin schon lange nicht mehr so müde wie am Anfang. Ich scheine mich an die Arbeit zu gewöhnen, obwohl sie nicht leicht ist. Mutti soll nicht weinen oder grübeln. Dass wir alles überstehen werden, davon bin ich überzeugt. Heute Morgen waren die Gräben zugefroren, so kalt war es, und es weht ein kräftiger Nordostwind. Aber das habe ich euch schon geschrieben. Wenn ich hier jetzt so sitze, fühle ich mich wieder pudelwohl. Ich habe mir Beine, Gesicht, Ohren und Augen gewaschen. Ich möchte auf keinen Fall verdrecken. Ihr habt geschrieben, dass ich zum Arzt gehen soll, aber den gibt es hier noch nicht mal.
Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie glücklich ich über mein Paket bin. Die Holzschuhe waren nicht mehr notwendig, die kann jetzt jemand anders gut gebrauchen. Wenn ich meine Schuhe noch einen Tag länger getragen hätte, hätte ich sie wegschmeißen können. Meine Windjacke habe ich jetzt an. Sie sitzt herrlich. Sagt Riek [Hendrika Schaap] herzlichen Dank. Sie ist wirklich toll. Ich freue mich auch über die Hausschuhe, die Flöte, das Apfelkraut und alles andere. Nur schade, dass ich noch keine Handschuhe habe. Durch die Kälte sind meine Hände ganz rau. Morgen werde ich jedoch ein paar Socken für meine Hände mitnehmen. Das Klappmesser brauche ich nicht gleich. Auch meinen Gelbfilter braucht ihr nicht zu schicken.
Wie gemein, dass man Harry4 keine Pakete mehr schicken darf. Hauptsache sie können die Juden piesacken. Wenn ich keine Pakete mehr empfangen darf, schickt sie einfach nach Vriezenveen.5 Vielleicht kann man sie mir dort geben ... Über die Fam. De Bruin6 schreibe ich euch in einem anderen Brief. Vielen Dank noch für die Briefmarken. Die Bezugskarte für Textilien lege ich bei. Wir dürfen nicht nach Hardenberg. Wir dürfen nicht einmal das Lager verlassen. Wir sind hier eingesperrt wie Sklaven. Mein Setzschiff liegt noch bei Verdoner in der Druckerei.
Wenn Liesjes Lou auch nur einen Tag lang unsere Arbeit machen würde, würde er zusammenbrechen. Er soll in A. bleiben. Hier ist es nicht spaßig.
Aber noch einmal: Ich werde mich schon durchschlagen. Sollte irgendetwas passieren, bin ich sofort weg. Das könnt ihr mir glauben. Also Papa und Mama, bleibt stark. Falls Papa einen Einberufungsbefehl bekommt, versucht alles Mögliche vorzutäuschen.
Einen dicken Kuss von

Ich kann auch noch ein Paar ganz alte, kaputte Socken für die Holzschuhe brauchen.
Schickt so schnell wie möglich ein paar dicke Handschuhe per Eilboten. Noch einmal herzlichen Dank für das Paket. Ich bin überglücklich.

[Tschüüüüs]7
Erinnerungen an das Lager Molengoot
Egbert de Lange aus Marienberg war zweiundzwanzig Jahre alt, als er im Lager Molengoot eintraf. Dieses Lager diente als Unterkunft für jene Arbeitslosen, die für die Heide-Gesellschaft Entwässerungskanäle ausheben sollten. Egbert de Lange war als Hilfskoch unter der Aufsicht des Kochs und Verwalters C. Abspoel eingesetzt.
Im März 1941, als de Lange erst seit einer Woche im Lager arbeitete, trafen die ersten Bewohner ein. Es handelte sich um Arbeitslose aus Den Haag und Scheveningen. Sie sollten drei Wochen lang Arbeit leisten, dann ein Wochenende frei bekommen und danach noch einmal für drei Wochen Kanäle ausheben. Im Dezember 1941 gab man ihnen für längere Zeit frei, weil eine Tätigkeit im Freien nicht mehr möglich war. Sie sollten Mitte Januar zurückkehren. Die Küchenmannschaft hatte einhundertachtzig Liter Erbsensuppe vorbereitet, doch niemand erschien. Erst eineinhalb Monate später kamen die Arbeiter wieder. Die Leute, die aus Scheveningen und Den Haag geschickt worden waren, arbeiteten etwa bis Ende März 1942, dann mussten sie ihren Platz für die Juden räumen.
»Diese Gruppe [von Juden] bestand zum größten Teil aus Geschäftsleuten, vor allem waren es die Inhaber von Bekleidungsgeschäften ... aber unter ihnen befanden sich auch etliche junge Leute. Sie hatten die gleiche Arbeit zu verrichten wie die Leute aus Scheveningen, bekamen aber für die gleiche schwere körperliche Arbeit weniger zu essen. Für sie lieferte man uns einfach weniger Vorräte«, erzählte Egbert de Lange. »Aber manchmal konnten wir die Lage ein wenig aufbessern. So kauften wir z.B. zusätzlich Kartoffeln, für die die Juden selber zahlten.« Doch mit der Zeit wurde es immer schwieriger, für die Arbeiter eine anständige Mahlzeit zuzubereiten, denn die Rationen wurden noch stärker gekürzt. Das Lager Molengoot war ein echtes Arbeitslager und unterschied sich sehr von einem Durchgangslager wie etwa Westerbork.
Die Juden durften sich einigermaßen frei bewegen; z.B. durften sie das Lager verlassen und mit dem Fahrrad nach Hardenberg fahren. »Dazu benutzten sie die Diensträder. Dieselben Räder dienten ihnen gelegentlich auch zur Flucht oder um unterzutauchen. Einmal erhielten wir einen Brief von einem Insassen, nachdem dieser sich aus dem Staub gemacht hatte. Er schrieb, er sei nach Almelo geradelt und das Rad sei dort auf dem Fahrradparkplatz abgestellt. Den Parkschein hatte er beigelegt. Es gab auch Juden, die um die Erlaubnis baten, das Lager zu verlassen, weil sie zu ihren Frauen in Westerbork wollten (die Erlaubnis wurde ihnen gewährt). Diese »Freiheit«, welche die Juden genossen, ließ sich aber auch anders auslegen, denn im Lager gab es eigentlich keine Wachen, und die Deutschen kamen selten oder nie vorbei. Einige der Männer erhielten auch Besuch von ihren Frauen. Die kamen dann morgens mit dem Zug in Hardenberg an, trafen sich außerhalb des Lagers mit ihren Ehemännern und fuhren abends mit dem Zug wieder zurück.
»Die Juden mussten auch nicht zum Appell antreten. Einmal fuhr Abspoel, der Verwalter und Koch, sogar für eine Woche ins Lager Erika in Ommen, nur um zu lernen, wie man die Juden zum Appell antreten lässt, aber es wurde nichts daraus.«
Offiziell arbeitete de Lange im Auftrag der Arbeitsbeschaffungsbehörde der Regierung im Lager, die Arbeitslosen jedoch und später dann die Juden waren für die Heidemaatschappij tätig. Die Gesellschaft hatte, wie de Lange sagte, keinerlei Einfluss auf das Leben im Lager. »Auch nicht auf die Verpflegung. Die [christlichen] Arbeiter aus Scheveningen und Den Haag bekamen gehaltvolle Mahlzeiten, ja sogar eine doppelte Ration, weil sie so schwere Arbeit verrichteten. Die Juden hingegen erhielten viel weniger. Morgens Suppe mit Brot, und später am Tag Brot, Milch und Kaffee. Abends gab es etwas Warmes, aber es war nie genug. Abgesehen vom Gemüse, davon gab es reichlich.« Die jüdischen Arbeiter blieben bis Oktober 1942 im Lager. Eines Abends kam eine Kompanie Deutscher ins Lager. Auf der Durchreise, wie wir annahmen, aber am nächsten Morgen nahmen sie alle Juden mit nach Westerbork. Nach dem Frühstück durften diese ihre Sachen packen und wurden dann unter Bewachung abgeführt. »Als man ihnen mitteilte, es gehe nach Westerbork, reagierten sie sehr resigniert«, erinnerte sich de Lange.
»Im Lager gab es 24 Räume, jeweils für acht Personen, aber sie waren nicht alle belegt. Die Gruppe von zwanzig deutschen Soldaten hatte etwa einhundertfünfzig Juden auf dem Weg zum Bahnhof von Hardenberg zu bewachen.«
Einen Monat nach dem Abtransport der Juden wurden evakuierte Niederländer in den Baracken untergebracht. De Lange war inzwischen ins Lager Balderhaar versetzt worden, dessen Leiter Mitglied der niederländischen nationalsozialistischen Bewegung war. »Ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse, und ich war froh, als ich nach einer Weile nach Molengoot zurückkehren konnte.« Zu der Zeit lebten einige Frauen und Kinder aus dem Westen der Niederlande im Lager Molengoot. Man hatte sie evakuieren müssen, weil die Deutschen dabei waren, die Atlantikdeiche zu bauen. »Diese Familien, die das gesamte Jahr 1943 in Molengoot verbrachten, waren nicht sehr sozial eingestellt. Sie haben eigentlich gar nichts getan. Ab und zu kam einmal ein Sozialarbeiter vorbei oder eine Kindergärtnerin, und gelegentlich eine Krankenschwester, Schwester Binnenmas aus Emmen. Sonst kam keiner, Das Lager stand unter der Aufsicht des Amtes für Evakuierungslager in Overijssel. Der Leiter war irgendjemand aus Ommen, aber er kümmerte sich nicht selbst um die Familien.«
Dass de Lange das Lager Molengoot verlassen musste, hatte er einem alliierten Bomber zu verdanken, der im Februar 1944 über Baalder abgestürzt war. Der Pilot hatte sich mit dem Fallschirm retten können und war ganz in der Nähe des Lagers gelandet. Der Leiter des Arbeitsamtes in Ommerweg, Kommandant von Papen, wollte den Piloten festnehmen, doch dem gelang die Flucht. Und nun leistete die Lagerleitung in gewisser Weise Widerstand: Es gelang von Papen jedenfalls nicht, vom Lager aus zu telefonieren und Hilfstruppen anzufordern. Schon am nächsten Tag erschien daraufhin der Sicherheitsdienst. Verwalter Sluijter sowie andere Beteiligte, wie Hendrik Jan Grootoonk und Jan Hendrik Pullen, wurden verhaftet. Am folgenden Tag brachte man de Lange nach Arnhem, zum Verhör, wie es hieß. Das »Verhör« dauerte ungefähr sechs Wochen, von Ende Februar bis Mitte April. Die Deutschen vermuteten, die Verhafteten hätten dem Piloten zur Flucht verholfen. »Wir hatten aber gar nichts getan, wie hatten lediglich dabeigestanden«, erzählte de Lange.
Nach Arnhem brachte man ihn ins Lager Amersfoort, wo er bis zum September blieb. Die nächste Station war Zwolle, wo Schützengräben gezogen werden mussten. »Untergebracht waren wir im Klubhaus. Alle Bänke hatte man herausgerissen und den Fußboden mit Stroh ausgestreut. Dort blieb ich bis Ende Dezember. Dann fuhr ich unter dem Vorwand, mir Winterkleidung besorgen zu wollen, fort, obwohl ich eine Erklärung unterschrieben hatte, dass ich zurückkommen würde (wenn nicht, würde meine Familie verhaftet). Aber die haben mich in Zwolle nie wiedergesehen. Im Februar 1945 kehrte ich nach Molengoot zurück, weil das ein sicherer Ort war für Leute, die untergetaucht waren.« Im Juli desselben Jahres verließ de Lange das Lager endgültig, um in Vledder in einem ehemaligen Arbeitslager zu arbeiten.
Interview von Roel Gritter mit Egbert de Lange
Hardenberg, 1. Mai 1942 [Freitag]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Ich habe euer Paket mit den Handschuhen, der Staubbrille, den Schuhen mit Holzsohlen usw. empfangen. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Dankt Tante Duif1 bitte herzlich von mir. Bei Bep werde ich mich selbst bedanken und ihr einen Kuss geben. Ich habe jetzt eine andere Arbeit, aber die ist auch schwer. Ihr dürft auf keinen Fall hierher kommen. Das könnte schlimme Folgen für uns haben. In einem Lager wurde schon mit Überführung nach Deutschland gedroht, da zwei Leute während der Arbeit kurz mal weg waren. Wir dürfen jetzt auch nichts mehr bei den Bauern kaufen, versuchen aber trotzdem etwas aufzutreiben. Harry hat geschrieben, dass ihr mir Lebensmittel schicken solltet.
Über Nachrichten von mir könnt ihr nicht klagen, oder?
Falls etwas passieren sollte, versuche ich mich aus dem Staub zu machen. Ich lasse mich nicht nach Deutschland verfrachten. Aber darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Heute haben wir schon mal einen Gulden Taschengeld bekommen sowie unsere Sterne. Sehen die toll aus. Ich habe noch nie so den 1. Mai gefeiert. Das Aufstehen ist mir heute Morgen ganz schön schwergefallen. Aber Kopf hoch.

Alles wird gut.
Der Judenstern
Die Niederlande sind das einzige Land in Europa, das Juden nie vertrieben, in Ghettos isoliert oder rechtlich diskriminiert hat, und deshalb fühlten sich die Juden dort genauso als niederländische Bürger wie die nichtjüdische Bevölkerung. Bei der Einführung ihrer Gesetze und Bestimmungen zur Abgrenzung, Demütigung, Enteignung und Vertreibung der Juden gingen die Deutschen so geschickt vor, dass die Juden bei jedem neuen Schritt wieder ungläubig und schockiert reagierten, so wie Asscher und Cohen (siehe das Schreiben S. 62), als sie von der Anordnung zum Tragen des Judensterns erfuhren, die in Deutschland bereits seit dem 1. September 1941 galt. Der gelbe Stern, das Verbot, Blut zu spenden, Fußball zu spielen, zu angeln oder öffentliche Bibliotheken aufzusuchen, sowie die Änderung der Schreibweise des Wortes »Jude« (mit großem Anfangsbuchstaben) in das kleingeschriebene »jude«, waren ausgeklügelte Maßnahmen, um die Juden zu demütigen und ganz allgemein zu verstehen zu geben, dass Juden anders waren – obwohl der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer geschrieben hatte: »Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen« (Röm. 10:12). Trotz der Anordnung der Deutschen wurde das Wort »Jude« in diesem Vers in fast allen niederländischen Bibelausgaben auch weiterhin mit einem großen »J« geschrieben.1
Ab dem 3. Mai 1941 mussten alle Juden, die älter waren als sechs Jahre, den Judenstern tragen, in dessen Mitte in einer das Hebräische karikierenden Weise das Wort »jood« geschrieben stand. Jeder Jude erhielt vier Sterne zum Preis von 16 Cent sowie eine Kleidermarke. Die Sterne waren aus gelbem Baumwollstoff und mussten auf alle Oberbekleidungsstücke links über der Brust aufgenäht werden. Auf das Nichttragen des Sterns standen zunächst eine Geldstrafe von 1000 Gulden (eine Summe, die nur wenige aufbringen konnten) und sechs Monate Gefängnis. Später wurden Zuwiderhandlungen mit Lager und Deportation geahndet.
Die Deutschen behaupteten, es sei leicht, einen Juden zu erkennen – noch leichter allerdings, wenn er einen gelben Stern von der Größe einer Untertasse trage, in dessen Mitte mit schwarzen Buchstaben das Wort »Jude« gedruckt war.
Als Hans Rauter, der Oberkommandierende der SS in den Niederlanden, einmal das Konzentrationslager von Vught besuchte, setzte er sich neben eine blonde Frau, deren Stern von ihrem langen Haar verdeckt wurde, weil sie, wie es die deutsche Ordnung verlangte, den Kopf gesenkt hielt.
»Wie lange arbeiten Sie schon hier«
»Sieben Monate.«
»Sie haben wohl Juden versteckt, oder?«
»Nein, ich bin selber Jüdin.«
Wie peinlich, Rauter sah zu, dass er schleunigst das Weite suchte.
Hardenberg, 3. Mai 1942 [Sonntag]
Lieber Papa, liebe Mutti!
Gleichzeitig mit eurem Brief erhielt ich ein Paket von Tante Juul, Onkel Karel und Barend und Frau.2 Haben die mich verwöhnt: ein halber Käse, vier Frikadellen, fast ein halbes Pfund Butter, zwei Pakete Pumpernickel und vier Eier. Das wird eine Festmahlzeit. Die vier Frikadellen teile ich mit den Jungens. Die teilen auch viel, das trägt zur guten Stimmung bei. Gestern Abend habe ich zum ersten Mal so viel gegessen, dass mir fast übel wurde. Es gab Sauerkraut mit Kartoffeln. Manche mochten das anscheinend nicht, und da in unserer Gruppe die meisten Jungens sind, hat man uns gerufen und uns den noch halbvollen Topf mit Sauerkraut gegeben. Nun, ich habe gegessen, bis ich satt war. Gestern Abend habe ich für die Jungens zweiunddreißig Eier aufgetrieben, für jeden vier à 20 Cent das Stück. War das ein Schlemmermahl. Auch habe ich in der Kantine Zigaretten kaufen können. Die hebe ich auf. Mit einer Zigarette kann man hier in Twente den Teufel tanzen lassen.
Wir haben auch wieder Roggenbrot bestellt, für jeden sieben Pfund à 40 Cent das Pfund. Vorläufig kann ich also nicht klagen. Andere dürfen dies nicht lesen. Es wäre unheimlich riskant für uns, wenn die falschen Leute davon wüssten. Hier in Twente hat man den Bauern schon mit Beschlagnahmung ihrer Höfe gedroht, wenn sie Lebensmittel an Juden verkaufen. Aber das können die [die Deutschen] sowieso nicht verhindern. Wir laufen hier auch mit dem gelben Stern rum, aber darüber werden wir schon hinwegkommen.
Ich habe alles bekommen, was ihr mir geschickt habt. Vielleicht habe ich vergessen, es euch zu schreiben. Ich verbringe fast meine ganze Freizeit mit Schreiben, aber das macht mir Spaß. Karel, Dick und Lilly3 haben mir zum 1. Mai eine selbstgemalte Grußkarte geschickt. Sehr schön. Ich war unheimlich gerührt, als ich sie erhielt. Ich habe gerade herrlich gegessen: Weißkohl und Kartoffeln, ein schönes Stück Fleisch und Soße. Sonntags bekommen wir immer eine Extraportion. Auch der Petroleumkocher ist eine Wucht. Wir braten immer Eier, heimlich natürlich.
Wir haben jetzt eine andere Arbeit, nämlich einen Kanal bauen in der Heide. Also ist Schippen und Schubkarreschieben angesagt. Kommenden Mittwoch bekommen wir unseren ersten Lohn. Das wird nicht viel sein. Wir erhalten 29 Cent für achtzehn Fuhren. Das ist vielleicht gerade mal ein Gulden pro Tag. Aber diese Woche bekommen wir einen Standardlohn, das wird also ein wenig mehr sein. Die Staubbrille habe ich nicht mehr gebraucht. Gott sei Dank bläst der Wind nicht mehr so stark. Die Handschuhe habe ich jedoch getragen, obwohl sie wahrscheinlich schnell kaputtgehen werden. Sie sind nicht geeignet für diese Arbeit, dazu braucht man Lederfäustlinge. Mama, schick mir doch bitte noch einige Paar ganz alte Socken, es macht nichts, wenn sie löchrig sind. Auch hätte ich gerne ein Paar Arbeitsschuhe, aber nicht die von Papa, denn die sind viel zu groß. Schau mal, ob du welche auftreiben kannst. Mit dem Attest brauche ich erst gar nicht zum Arzt zu gehen, das hat wirklich keinen Zweck. Übrigens gibt es hier im Lager noch nicht mal einen. Um einen Doktor zu erreichen, muss man zuerst eine Dreiviertelstunde laufen, und dann bringt das sowieso nichts.
Jetzt etwas zu eurem geplanten Besuch bei mir. Ich kann darüber noch nichts Genaues sagen. Es ist verboten. Aber heute waren doch irgendwelche Frauen da. Und niemand hat etwas gesagt. Warten wir vielleicht lieber noch etwas ab. Falls ihr zum Lager kommt (ihr dürft auf jeden Fall nicht rein), müssen wir uns am Tor sprechen. Aber wenn ihr unter der Woche kommt (bringt auf keinen Fall jemanden mit, also nur ihr zwei), dann könnt ihr mich bei der Arbeit sehen, wenn ihr vom Lager aus in östlicher Richtung lauft, rechts an dem Haus mit dem roten Dach vorbei, das sieht man sofort. Ich kann aber wahrscheinlich nur zu euch kommen, wenn wir Pause machen. Das ist morgens von 9.00 Uhr bis 9.15 Uhr, von 12.00 Uhr bis 12.30 Uhr und von 15.00 Uhr bis 15.15 Uhr. Schreibt mir vorher, wenn ihr kommen wollt und an welchem Tag, dann kann ich mich darauf einstellen. Sollte sich unverhofft etwas Gegenteiliges ergeben, so schreibe ich euch sofort. Vielleicht wird es verboten. Ich mache jetzt wieder Schluss. Grüßt alle von mir. Den Fam. Bleekveld und Pekel4 werde ich noch eine Postkarte schicken. Also, bleibt stark. Ich bleibe es auch. Einen dicken Kuss von Flip.
Auf Wiedersehen in Mokum [Amsterdam]
Dankt Tante Duif bitte herzlich von mir und grüße alle.
Tschüüüs!!!
[Postkarte]
Hardenberg, 4. Mai 1942 [Montag]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Wieder einige Zeilen, um euch zu beruhigen. Wir haben heute wieder hart gearbeitet, und ich bin todmüde heimgekommen. Ich habe mich aber sofort ganz gewaschen und fühle mich jetzt wieder frisch und munter. Ich habe auch zwei Paar Socken und ein Handtuch gewaschen, aber nächste Woche werde ich meine schmutzige Wäsche nach Hause schicken. Wir arbeiten so hart, weil es so kalt ist. Wenn wir nur fünf Minuten stehen bleiben, zittern wir schon. Und dann der schreckliche Hunger. Aber den kann ich wenigstens noch stillen mit einigen Süßigkeiten, ein paar Butterbroten und ein wenig Roggenbrot. Und dann gibt es ja noch die warme Mahlzeit.
Gestern gab es einen netten bunten Abend. Ich habe das Gedicht vom unbekannten Soldaten vorgetragen. Es hat allen gut gefallen. Ich habe mich gut amüsiert. Harry Poss ist auch im Lager, der war bei der VARA [Radiosender]. Er kann unheimlich schön singen. Er hat einige jüdische Lieder gesungen. Herzliche Grüße und einen Kuss von Flip.

Hardenberg, 5. Mai 1942 [Dienstag]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Euren Brief habe ich bei bester Gesundheit empfangen. Es geht mir jetzt gut. Heute Morgen haben wir hart gearbeitet, aber heute Mittag haben wir herrlich gefaulenzt. Das Paket habe ich bekommen. Ich fand es wirklich toll. Ihr könnt euch wohl vorstellen, dass ich oft einen Mordshunger habe. Heute habe ich ein Pfund Roggenbrot gekauft und es gleich in zweimal verputzt. Herrlich gegen den Hunger. Auch den Reichstaler [2,50 Gulden] habe ich im Brief gefunden. Prima, dafür kann ich mir schon wieder Eier und Roggenbrot kaufen, falls es nötig sein sollte.
Meinen letzten Brief habt ihr sicherlich noch nicht erhalten. Das geht aus euren Zeilen hervor. Die Post scheint manchmal mehrere Tage unterwegs zu sein. Ihr dürft euch keine Sorgen darüber machen, dass ich zuerst geschrieben habe, ihr solltet nicht kommen. Wir sind in der Tat keine Kriminellen, aber wir sind mehr oder weniger Gefangene, das dürft ihr nicht vergessen. Mittlerweile werdet ihr wohl dies und jenes aus meinem vorigen Brief erfahren haben, falls ihr ihn schon bekommen habt. Ich werde versuchen, am Sonntag einige Stunden frei zu bekommen, aber da gebe ich euch noch Bescheid. Eigentlich dürfen wir keinen Besuch bekommen. In Drente hat man schon damit gedroht, das Lager einzuzäunen, falls das nicht aufhört mit dem Besuch. Das darf bei uns nicht passieren. Das bisschen Freiheit, das wir jetzt noch haben, dürfen wir nicht verlieren. Ihr müsst verstehen, dass dies keine normalen Zeiten sind. Wir sind eben nur Juden. Wir haben einen tollen Koch, der uns in allem unterstützt. Aber auch er ist abhängig von den ›Behörden‹. Ihr dürft andere Leute meine Briefe nicht lesen lassen. Was ich hier manchmal schreibe, geht niemanden etwas an. Jeder erhält persönlich eine Nachricht von mir. Wir sollten uns vor Verrätern hüten, hat Soetendorp5 betont, und ich darf diesen Rat nicht in den Wind schlagen.
Jetzt etwas anderes. Sobald ich die Gelegenheit dazu bekomme, werde ich zum Arzt gehen, aber es ist wirklich vergebliche Mühe. Man hat Leuten, die viel schlimmer dran sind als ich, gedroht und sie wieder zur Arbeit geschickt. Hier werde ich bestimmt nicht für untauglich erklärt. Außerdem geht es jetzt einigermaßen. Ich härte allmählich ab, und morgens ist es Gott sei Dank nicht mehr so bitterkalt, obwohl es um 7.00 Uhr noch friert.
Ich habe gelesen, dass man einem Mann und seiner Tochter erlaubt hat, ins Dorf zu gehen und das Lager zu verlassen. Das kann nie im Leben stimmen. Wir bekommen eine Stunde frei, und dann ist es unmöglich, ins Dorf zu gehen. Falls er es doch getan hat, war es heimlich, aber damit gefährdet er das ganze Lager, und diese Verantwortung möchte ich nicht auf mich nehmen. Ich habe euch schon geschrieben, dass ihr mich vielleicht auch unauffällig während der Arbeit besuchen könnt. Ich schreibe euch sobald wie möglich per Eilboten, wenn ich etwas über unsere Freizeit erfahre und weiß, welche Stunden ich vielleicht frei bekomme.
Dankt Onkel Max und Onkel Eduard für das Geld, auch Onkel Bram.6 Ich werde allen persönlich schreiben. Noch einmal: Zeigt anderen meine Briefe nicht, denn ihr wisst, dass sofort darüber geredet wird, und das darf nicht sein.
Die Büchse mit Essen, die Tante Jo7 mir geschickt hat, werde ich aufheben, bis ich sie wirklich brauche, und dann alles genüsslich verputzen. Brotbelag habe ich vorläufig genug. Ich bin immer noch beim ersten Topf Apfelkraut. Nur Käse esse ich unheimlich viel und auch Eier. Ich soll doch nicht hungern, oder? Die Vitamintabletten werde ich hoffentlich nie brauchen, und ich brauche sie vorläufig auch nicht.
Also, Papa und Mutti, bis Sonntag oder an einem Wochentag, das schreibe ich euch noch.
Einen dicken Kuss und herzliche Grüße von Flip.
Tschüüüs!!!
Barend habe ich geschrieben, dass er nicht kommen soll.
Ich werde ihm auch eine Postkarte schicken.
[PS. vom Mittwoch, den 6. Mai]
Heute (Mittwoch) habe ich meinen Lohn bekommen,
7,62 Gulden plus 1,– Gulden für Freitag, macht 8,62 Gulden zusammen.
Nächste Woche wird es wohl nicht so viel sein.
Habe auch einen Brief von Henk erhalten.
Diesen Brief habe ich selbst wieder geöffnet.
Hardenberg, 7. Mai 1942 [Donnerstag]
Liebe Eltern!
Heute Mittag habe ich euren Brief erhalten und gelesen, dass Papa vorhat zu kommen. Das finde ich toll. Wahrscheinlich werde ich am Sonntag eine Stunde frei haben, dann können wir miteinander reden. Schön, dass ich Arbeitsschuhe bekomme, denn die brauche ich wirklich dringend. Heute Mittag war ich beim Arzt und habe über meine Füße geklagt und darüber, dass die Arbeit mich so müde macht, und dass ich mit den Holzschuhen nicht zurechtkomme. Er meinte, ich müsse mich einfach daran gewöhnen. Und dann habe ich ihn gefragt, ob er mir keine Arbeitsschuhe besorgen könne. Er würde es versuchen, sagte er, fügte jedoch hinzu, dass die Chance, welche zu bekommen, nicht sehr groß sei. Heute Mittag habe ich also wieder meine schwarzen Schuhe angezogen. Was für ein Unterschied! Ich war längst nicht so müde, und das Arbeiten war viel angenehmer. Es geht jetzt ziemlich gut. Wir arbeiten nicht allzu hart und machen öfter Pause. Ihr seht also, man gewöhnt sich an alles. Wir bekommen jetzt auch weniger Kartoffeln, auch da hat man also wieder reduziert. Aber wir kaufen selbst eine Menge dazu. Ich habe sechs Eier zusätzlich zum normalen Essen verspeist. Sie kosten gekocht 21 Cent das Stück. Das ist zwar teuer, aber immerhin besser als Hunger leiden, oder? Ich kaufe auch Käse für die andern, selbst brauche ich den nicht. Gott sei dank, denn das ginge zu sehr ins Geld.
Toll, dass Henk Schenk8 frei ist. Aber auch wir werden frei sein. Ich habe Bep de Vries eine Seifenmarke geschickt, da der Brief an euch schon weg war. Sie wird sie euch vorbeibringen.
Papa, du schreibst, dass ich mich vor Erkältungen schützen soll, aber das geht hier doch gar nicht. Wenn man auf dem Klo hockt und der Wind bläst ein wenig, dann zieht es wie Hechtsuppe. Aber jetzt ist das Wetter Gott sei Dank etwas angenehmer.
Du kommst also, aber komme so unauffällig wie möglich, denn das ist am besten. Der Koch9 wird wahrscheinlich ein Auge zudrücken. Also Papa und Mutti, ich mache jetzt Schluss und erwarte dich Sonntag. Wie das läuft, werde ich noch sehen. Also beende ich diesen Brief mit einem dicken Kuss von Flip.
Blits10 hat mir auch geschrieben. Er sagt, dass sie immer noch keine Pakete empfangen dürfen und dass ihr mir, solange es hier noch erlaubt ist, Sachen schicken sollt. Ich könnte dann einen kleinen Vorrat anlegen, meint er. Vielleicht hat er recht. Aber wir werden sehen. Noch einmal einen Kuss von Flip.
Von van der Brave11 habe ich einen Brief erhalten mit zehn Briefmarken à 7 ½ Cent.
Hardenberg, 10. Mai 1942 [Sonntag]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Gestern Abend habe ich euren Brief kurz vor dem bunten Abend empfangen und ihn vorher noch schnell durchgelesen. Es war wieder ein sehr lustiger Abend mit allen möglichen Darbietungen und so.
Ich habe gelesen, dass Papa Dienstag oder Mittwoch kommen möchte. Nun, das geht. Gestern und heute waren auch wieder einige Leute da. Du kommst am besten gegen 4.00 Uhr. Um Viertel vor 5 sind wir fertig. Wenn du dann dort bist, wo ich arbeite (vom Lager aus gesehen östlich, rechts von dem Haus mit dem roten Dach. Einfach dem Weg folgen und du erreichst uns von selbst), dann können wir gemütlich zusammen zum Lager zurücklaufen. Ich glaube, du kommst am besten ohne Reisegenehmigung. Das haben schon so viele Leute getan.
Das Päckchen habe ich noch nicht erhalten, aber das wird wohl morgen kommen. Merkwürdig, dass Lientje van Emden immer wieder kommt. Womit habe ich das nun wieder verdient? Nun ja, ich werde ihr auf jeden Fall eine Postkarte schreiben. Jetzt noch etwas über den Arzt. Bei uns im Zimmer war ein Mann, der Rheuma hatte. Er war ganz steif. Und da hat der Arzt zu ihm gesagt: »Du musst arbeiten, bis du umfällst. Befehl ist Befehl.« Aber ansonsten komme ich mit der Situation gut zurecht, obwohl ich ab und zu innerlich vor Wut koche, da wir hier wie Gefangene sind. Trotzdem ist unser Lager noch eines der besten, mit der größten Freiheit.
Glücklicherweise braucht ihr noch nicht zu darben. Ich Gott sei Dank auch noch nicht. Nur, mir ist ein ¾ Pfund Butter ranzig geworden, also esse ich sie so schnell wie möglich auf. Solche Sachen kann man halt nicht aufheben. Ich habe sie schon in Salzwasser getaucht, und jetzt geht es einigermaßen. Solange wir noch etwas kaufen können, herrscht noch keine Not. Es kostet nur viel Geld. Und ab und zu ein Päckchen ist auch eine große Hilfe (solange das noch erlaubt ist).
Nun, Papa und Mama, ich beende meinen Brief mit herzlichen Grüßen und einem dicken Kuss Flip.
Viele Grüße von allen
Jungens aus dem Zimmer!
Hardenberg, 13. Mai 1942 [Mittwoch]
Lieber Vater, liebe Mutter!
Heute haben wir frei, also habe ich Zeit, einige Briefe zu schreiben. Die Schuhe passen wunderbar. Sie sind nicht zu groß, aber trotzdem haben meine Füße jetzt herrlich viel Platz. Auch die Strümpfe kann ich gut brauchen. Mama, einen dicken Kuss für die Mühe, die du dir gemacht hast. Die braunen Bohnen esse ich heute Mittag, die werden schmecken! Mama wird jetzt wohl etwas fröhlicher sein, nachdem Papa mich besucht hat.
An den arbeitsfreien Tagen bekommen wir morgens nur Kaffee. Wenn wir kein Geld bekommen, kostet der Tag uns 2,60 Gulden. Gestern habe ich meinen ›Lohn‹ erhalten, nämlich 4,71 Gulden. Viel, nicht wahr? Wenigstens kann ich ein paar Eier und etwas Süßes dafür kaufen. Ihr seht also: Ein Tag kostet mehr, als ich in drei Tagen verdiene. Aber was juckt mich das.
Tante Jo und Onkel Bram und Onkel Alfred habe ich auch einen Brief geschrieben. Und bei Frau van Geldere habe ich mich ebenfalls bedankt. Aber wofür war das doch wieder? In meiner Freude habe ich das vergessen. Also, Papa und Mama, ich mache wieder Schluss und schicke euch einen dicken Kuss. Flip
Gestern haben wir schon um 15.00 Uhr mit der Arbeit aufgehört, da es regnete. Hoffentlich regnet es oft, dann verdienen wir mehr, als wir arbeiten.
Tschüüüs,
auf Wiedersehen in Mokum.
Hardenberg, 19. Mai 1942 [Dienstag]
Lieber Papa, liebe Mama!
Heute Nachmittag habe ich euren Brief erhalten. Mama, du hast gefragt, ob Karel, Dick und Lilly hier in der Gegend schlafen könnten. Nun, das ist sicherlich möglich, bei irgendeinem Bauer. Die Leute hier sind sehr gastfreundlich. Ich würde mich freuen, sie zu sehen. Wenn ich eine Schlafgelegenheit gefunden habe, werde ich ihnen schreiben. Und wenn Mama mich mal besuchen möchte, geht das auch. Du wirst bei Salomonson oder De Bruin schlafen können. Und wenn du sonntags nicht reisen darfst, gehst du [einfach] ohne Stern. Die Krankenmarken hast du inzwischen sicherlich gefunden.
Morgen werde ich den Bleekvelds schreiben. Falls meine Briefe nicht sofort ankommen, liegt das vielleicht daran, dass es manchmal zu einer kleinen Verzögerung kommt.
Was Süßigkeiten oder Zigaretten betrifft, so habe ich noch nichts gehört. Sobald ich etwas weiß, werde ich es euch schreiben. Kann Papa den Shagtabak noch kaufen? Wenn ja, soll er es machen. Das kann nie schaden. Und er wird immer teurer.
Daafs Adresse lautet:
Zimmer 10, De Vecht,
Dalfsen12
Ich war gerade eine Viertelstunde bei De Bruin. Dort habe ich ein Glas Milch getrunken und ein paar Butterbrote gegessen. Ich habe ein Roggenbrot bestellt, d.h. ich habe sie gebeten, mir eins zu besorgen. Das machen sie. Sie sagten aber, dass 4 oder 5 Pfund mindestens 2,– Gulden kosten. Ich fand das in Ordnung, obwohl ich hier schon ziemlich viel Geld ausgebe. Könntet ihr mir nicht jede Woche eine Kleinigkeit schikken? Ich esse jetzt viel Käse. Als Zusatzverpflegung ist das prima. Auch kaufe ich noch Eier. Morgen bekomme ich 5,22 Gulden, aber die habe ich jetzt schon wieder ausgegeben. Salomonson hat mich diese Woche auch besucht, aber zu ihm gehen kann ich nicht. Er wohnt zu weit weg. Er hat mir Mandolinensaiten und ein halbes Brot geschenkt. Nett, nicht wahr?
Wir haben heute wieder sehr hart gearbeitet, viel härter als neulich, als Papa hier war. Warum? Weil einige Leute spinnen. Ich möchte mich aber nicht zu Tode arbeiten. Und dann das schäbige bisschen Essen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich nichts kaufen könnte. Aber bis jetzt habe ich noch nicht hungern müssen. Falls ihr mir haltbare Sachen schicken könnt, bitte tut es. Von dem, was ihr mir geschickt habt, habe ich noch nichts gegessen. Ich habe alles noch: die Wurst, das Apfelkraut, den Honig usw. Ihr seht also, ich esse nicht alles auf einmal auf. Falls irgendwann mal der Zeitpunkt kommt, dass nichts mehr verschickt werden darf (und der kommt bestimmt), dann habe ich noch etwas. Heute Abend habe ich sechs Briefe erhalten. Einen von Lies van Emden, von Jo v. Wezel, von Henk, von Henny und einen von Harry. Post bekomme ich also genug.
Pulsuz fraqment bitdi.