Kitabı oxu: «Zwischen zwei Feuern»
Impressum
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ISBN 978-3-7065-6096-2
Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig
Umschlag: Studienverlag / Maria Strobl – www.gestro.at
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Titel
Danksagung
Einleitung
Wurzeln des russischen Antisemitismus: Ein kurzer Abriss vom Mittelalter bis zum Bürgerkrieg
Die Schwarzen Hundertschaften
Exkurs: Der Beilis-Fall
Der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen
Februarrevolution und Oktoberputsch
Der erste gesamtrussische Kongress der Jüdischen Gemeinden
Errichtung der Diktatur
Exkurs: Entwicklungen in der Ukraine 1917/1918
Enteignung, Unterjochung und Schließung jüdischer Organisationen
Die Lage in Kursk 1918
Zu wenig und zu spät: Maßnahmen der sowjetischen Behörden
Exkurs: Die Empfehlungen des Kommissars für Jüdische Angelegenheiten der Russischen Sowjetrepublik, S. M. Dimanschtein
„Leise Pogrome“
Die Lage in den westlichen Regionen, in der Ukraine und in Weißrussland 1919
Exkurs: Der Bericht von G. S. Moros
Reaktionen der Parteigrößen
Fluchtbewegungen als Folge des Terrors
Die Lage in Sibirien 1919
Der OSVAG: Propaganda für den Terror
Der Einfluss der Russisch-Orthodoxen Kirche
Diskriminierung innerhalb der Weißen Armee
Exkurs: Aufstand der Jüdischen Einheit in Transbaikal
Die Lage in Tambow und Noworossijsk 1919
Die Lage in der Ukraine 1919
Exkurs: Hilfsfonds, „Joint“ und Unterstützungskomitees
Die Lage in Südwestrussland, Sibirien und im Fernen Osten 1920
Die Lage in Weißrussland 1919–1921
Bilanz des Terrors
Glossar
Anmerkungen
Denis Prodanov
Zwischen zwei Feuern
Antisemitismus, Judenverfolgung und Pogrome während des Russischen Bürgerkriegs
Danksagung
Ich danke dem Studienverlag, insbesondere Herrn Franz Kurz, Frau Valerie Meller und Frau Ilona Mader, für das Interesse an meinem Manuskript und das Vertrauen in dieses Projekt.
Besonderer Dank gilt Frau Olivia Lasser für ihre Unterstützung, die Hilfe bei der Übersetzung und das geduldige Lektorat.
Einleitung
Dieses Buch befasst sich mit einem Thema, das in der sowjetischen und postsowjetischen Geschichtsschreibung bislang weitgehend ignoriert wurde: Antisemitismus, Judenverfolgung und Pogrome zu Zeiten des Russischen Bürgerkriegs. Antisemitismus stellt auch heute in vielen europäischen Staaten, doch insbesondere in Russland ein unbequemes Thema dar.
Antisemitismus ist seit Jahrhunderten in der russischen Mehrheitsgesellschaft verankert, unter anderem durch aktive Unterstützung durch die Russisch-Orthodoxe Kirche. Bereits im Mittelalter kam es zu Übergriffen. Die Jahrhunderte der Zarenherrschaft gingen einher mit grausamer Verfolgung von Jüdinnen und Juden. Im Gegensatz zur gängigen Geschichtsschreibung haben die Bolschewiken mit ihrer Machtergreifung 1917 nicht genug gegen den grassierenden Antisemitismus an allen Fronten des Kriegs und in allen Bevölkerungsschichten getan. Auch die Rote Armee und das Regime der Bolschewiken setzten dem Antisemitismus in der Gesellschaft kein Ende, wenn dieser auch im Vergleich zur aktiven Judenverfolgung durch das Weiße Lager das geringere Übel war. Jüdinnen und Juden sahen sich während des Bürgerkriegs, der zwischen 1917 und 1922 das Land verwüstete, also von beiden Seiten des politischen Spektrums Verfolgung ausgesetzt und beklagten fehlenden Schutz. Sie hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera, waren gefangen zwischen zwei Feuern.
Die Februarrevolution 1917 folgte auf 300 Jahre Herrschaft der Zarenfamilie Romanow. Die Revolution war die Konsequenz der volatilen Lage im Land, einer unzufriedenen Bevölkerung, die mit der Misere des Ersten Weltkriegs zu kämpfen hatte, mit einer Wirtschaftskrise, mit Nahrungsmittelunsicherheit und mit der durch den Krieg ausgelösten Flüchtlingskrise. Zehntausende Menschen flohen von den Frontgebieten im Westen in den Osten.
Im Februar 1917 wurde im damaligen Petrograd (danach Leningrad, heute Sankt Petersburg) Zar Nikolaus II. gestürzt und die gesamte Zarenfamilie festgenommen. Der Volksaufstand, der dazu führte, war ein Ergebnis von Armut, Unzufriedenheit und Hunger in der Bevölkerung. Seit 1906 waren bereits vier Dumas eingesetzt worden, die aus Volksabgeordneten bestanden, sich jedoch als handlungsunfähig erwiesen, weil die Zarenfamilie sie nicht agieren ließ. Die Enttäuschung darüber ließ die Menschen zu Zeiten der vierten Duma endlich auf die Straße gehen.
Nach der Revolution sollte bis zum Herbst 1917 eine Interimsregierung an der Macht bleiben, um das Land zu verwalten. Für den Herbst 1917 waren demokratische Wahlen geplant, woraufhin die russische konstituierende Versammlung (das Parlament) die Macht übernehmen sollte. Die Übergangsregierung bestand nach dem Umsturz hauptsächlich aus Abgeordneten demokratischer Parteien, die bereits der vierten Duma vor dem Umsturz angehört hatten. Jedoch konnte die Übergangsregierung, die anfänglich über massiven Rückhalt im Volk verfügte, die volatile Lage im Land nicht entschärfen und der sich verschlimmernden humanitären Katastrophe nicht entgegenwirken. Die Lage verschlimmerte sich. Bald folgte ein Finanzkollaps. Armut, Bauernaufstände und Hungersnöte setzten der Bevölkerung ebenso zu wie Chaos und Gewalt, die Deserteure von den Fronten des Ersten Weltkriegs in die Gesellschaft zurückbrachten.
So spekulierten ab Frühling 1917 die Bolschewiken mit der Schwäche der Interimsregierung. Der größte Fehler der Übergangsregierung war, sich nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückzuziehen. Alle aus der Kriegsbeteiligung entstehenden Probleme waren also relativ einfach der Übergangsregierung in die Schuhe zu schieben. Nachdem diese zuerst sehr beliebt gewesen war, verlor sie sukzessive an Rückhalt in der Bevölkerung, obwohl ihre Politik zunehmend linksgerichteter gestaltet war. Die Sympathien, die zuerst noch bei der Übergangsregierung gelegen hatten, flogen nun den Bolschewiken zu.
Während des Oktoberputsches 1917 stürzten diese die Regierung. Wochenlang war dieser Putsch vorbereitet worden. Allein in Petrograd unterstützten 20.000 Mitglieder der Roten Garde die Bolschewiken. Soldaten, Matrosen und Arbeiter/Arbeiterinnen hatten der Agitation der Bolschewiken Folge geleistet und befürworteten die Absetzung der Übergangsregierung. Sobald die Bolschewiken die Macht im Land gesichert hatten, begannen sie mit der Errichtung einer Diktatur, die bis 1991 andauern sollte. Sie verkündeten, bis zur Neueinsetzung des Parlaments an der Macht bleiben zu wollen. Nachdem sie im Jänner 1918 das Parlament einberufen hatten, wurde es schon nach einem Tag wieder aufgelöst. Hunderte friedliche Demonstranten und Demonstrantinnen, die in wichtigen Städten wie Kaluga, Kolomna, Saratow, Petrograd, Moskau und Koslow für die konstituierende Versammlung demonstrierten, wurden erschossen.
Der Russische Bürgerkrieg begann also im Oktober 1917 und dauerte offiziell bis 1922, inoffiziell bis 1923, als die Rote Armee endgültig die letzten lokalen Aufstände niederschlug. In den ersten Wochen des Kriegs starben in Moskau und in Irkutsk allein bereits um die 2.000 Menschen. Die Fronten des Bürgerkriegs teilten sich einerseits in die Bolschewiken und ihre Rote Armee, andererseits in alle Bewegungen und Armeen, die den Bolschewiken gegenüberstanden.
Dazu gehörte ein breites Spektrum von demokratischen Kräften bis hin zu den reaktionärsten rechtsgerichteten Bewegungen. Die wichtigsten Kräfte waren die Weiße Armee, die Grüne Armee und die Anarchisten. Die Weiße Armee war in sich ebenfalls nicht homogen, sondern bestand aus verschiedenen Einflüssen und Gruppierungen.
Wenn in diesem Buch von „Fronten“ die Rede ist, ist damit eine Mehrzahl gemeint: einerseits die Fronten des Ersten Weltkriegs, andererseits die Fronten des Bürgerkriegs. Auch kleinere Kriege und Auseinandersetzungen wie zum Beispiel der Sowjetisch-Polnische Krieg brachten Fronten mit sich, ebenso die Bürgerkriegsfronten in sowjetisch besetzten Ländern Zentralasiens. Die Fronten verschoben sich laufend. Zu unterschiedlichen Zeiten bestanden unterschiedliche Fronten. Die Bevölkerung des riesigen Gebiets lebte in einem ständigen Kriegszustand.
Der Bürgerkrieg tobte im Gebiet Russlands, aber auch in Weißrussland, in den Baltischen Staaten, im Kaukasus und in Zentralasien und vor allem in der Ukraine. Was letztlich ausschlaggebend für den Sieg der Roten Armee war, waren Uneinigkeit und innere Aufsplittung des Weißen Lagers. Die internen Streitigkeiten führten trotz Unterstützung der Weißen durch die Alliierten dazu, dass die Bolschewiken den mehr als fünf Jahre andauernden Krieg gewannen.
In diesen Jahren des Bürgerkriegs, der mit allen Mitteln klassischer und moderner Kriegstechnologie geführt wurde (von Bajonetten über Kavallerie bis hin zu Bombardierung und dem Einsatz von Maschinengewehren), wurden Millionen Menschen getötet, vergewaltigt und vertrieben, Dörfer niedergebrannt und ausgeraubt. Der Bürgerkrieg zerstörte das Land. Millionen wurden zu Opfern, vor allem angesichts des zeitgleich stattfindenden Ersten Weltkriegs und der Hungersnot von 1921 bis 1922 in den südwestlichen Regionen.
Eine Bevölkerungsgruppe litt während dieser Jahre noch mehr als alle anderen: die jüdische.
Wie erwähnt, ist Antisemitismus in der russischen Gesellschaft seit vielen Jahrhunderten tief verwurzelt. Die Jahre des Bürgerkriegs stellten hier keine Ausnahme dar, und, wie sich herausstellte, auch die Machtübernahme durch die Bolschewiken nicht. Wenn von Antisemitismus die Rede ist, sprechen wir von diesem in all seinen Ausformungen: Diskriminierung am Arbeitsmarkt, Diskriminierung am Wohnungsmarkt, Diskriminierung im Bildungsbereich, die Schaffung bestimmter Ansiedlungsgebiete, außerhalb derer Jüdinnen und Juden nicht leben durften, Diskriminierung innerhalb der Armeen, Diskriminierung im Geschäftsleben und im politischen Leben. Gewalt und Übergriffe gab es in der Form von Schikanen, Beschimpfungen, Beleidigungen, Vergewaltigungen, Raub, Mord, Folter, Misshandlungen, Brandanschlägen und vielem mehr. Pogrome, die dieses Buch beleuchtet, stellten organisierte Gewaltausschreitungen, legitimiert durch die Mehrheitsbevölkerung, an der jüdischen Minderheit dar. Zumindest geduldet, teilweise offen gutgeheißen wurden diese durch Politik und die Russisch-Orthodoxe Kirche.
Dieses Buch soll mit mehreren Mythen aufräumen. Es soll aufzeigen, dass Antisemitismus und Judenverfolgung auch zu Zeiten des Bürgerkriegs (d. h. auch nach Absetzung der Zarenfamilie) und während der Herrschaft der Kommunisten das Leben Zigtausender Jüdinnen und Juden zur Hölle machten. Es soll aufzeigen, dass Pogrome von allen Seiten und von allen Armeen verübt wurden, nicht nur vonseiten der Weißen. Antisemitismus und Judenhass bestanden auch in der Sowjetunion weiter, nur schwächer ausgeprägt als davor. Niemand war frei, keine ethnische Gruppe. Allerdings wurden den verschiedenen nicht russischsprachigen ethnischen Gruppen, seien es Jüdinnen und Juden oder andere, darüber hinaus ihre Sprache und ihre Religion verboten, wodurch ethnische und religiöse Minderheiten wiederum mehr zu leiden hatten als die russische Mehrheitsbevölkerung.
Dieses Buch handelt großteils von Russland, doch auch andere Gebiete, vor allem die Ukraine, werden immer wieder behandelt. In der Ukraine war nicht nur Antisemitismus in besonders erschreckenden Ausmaßen ausgeprägt. Vielmehr verbinden Russland und die Ukraine Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte und Tradition, da die Ukraine bis 1917 zum Russischen Reich gehörte und als unabhängiger Staat in der heutigen Form erst seit 1991 besteht. Dies macht eine Trennung in bestimmter Hinsicht schwierig. Vor allem aber wurde die Ukraine während des Bürgerkriegs zu einem Schauplatz für die russischen Weißen und Roten Truppen. Besonders viele Gräueltaten wurden dort von ukrainischen Nationalisten, Banden und eben auch russischen Armeen verübt, so auch Pogrome. Aus diesen Gründen behandeln etliche Seiten dieses Buches spezifisch die Lage in der Ukraine.
Hunderte Zeitzeugenberichte dienen für dieses Buch als Quelle. Briefe, Tagebücher, Notizen, Berichte und Memoiren wurden zur Beschreibung der Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung während des Bürgerkriegs herangezogen. Ebenso wurden Regierungsdokumente und Veröffentlichungen der Kommunistischen Partei zu Nationalitäten-, Bildungs- und sonstigen Fragen berücksichtigt, um ein möglichst umfassendes Bild der Lage von Jüdinnen und Juden während des Bürgerkriegs zu schaffen.
Was noch für die Leser und Leserinnen zu beachten ist, ist die extrem bürokratisierte Sprache der Originaltexte, die sich auch in der Übersetzung durchschlägt. So absurd strukturiert und bürokratisch das bolschewistische Regime stratifiziert war, so lesen sich auch dessen Erlässe, Dekrete und Gesetze. Begriffe wie Komitee, Kommissariat, Rat, Konzil usw. hageln auf die Leserinnen und Leser ein, was aber niemanden entmutigen soll. Sie dienen eher dem Verständnis, wie kompliziert und bürokratisch die Gesellschaft und das Regime aufgebaut und verwaltet wurden. Den hohen Stellenwert von Bürokratie zu veranschaulichen, ist besonders wichtig, da vielen Lösungsansätzen hinsichtlich des Problems der Judenverfolgung bürokratische Hürden im Weg standen und diese Ansätze dementsprechend zu Zeiten des Kriegs nicht zielführend waren.
Ortsbezeichnungen haben sich im Laufe der russischen Geschichte immer wieder geändert. Als Beispiel dient Sankt Petersburg. Da dieses zu Zeiten des Bürgerkriegs Petrograd hieß, ist Petrograd auch die Bezeichnung, die in diesem Buch zum Einsatz kommt.
Begriffe und Namen, die für ein besseres Verständnis des Buches wichtig sind, werden im Glossar, das sich am Ende des Buches befindet, erläutert.
Die folgenden Kapitel liefern Eindrücke diverser Vorfälle und Pogrome in unterschiedlichen Gebieten Russlands und anderer Gebiete wie der Ukraine oder Weißrussland. Historisch besonders wichtige Ereignisse wie der Beilis-Fall, besondere Berichte und Empfehlungen der Behörden oder ein militärischer Aufstand jüdischer Kämpfer werden in Exkursen beleuchtet. In eigenen Kapiteln wird die Rolle der faschistischen Organisation der Schwarzen Hundertschaften, des Propagandaorgans OSVAG oder der Russisch-Orthodoxen Kirche dargelegt. Verschiedene Geschehnisse an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten des Bürgerkriegs sollen ein umfassendes Bild liefern, welchem Leid und Schrecken die jüdische Bevölkerung ausgesetzt war.
Die Anzahl an jüdischen Opfern des Bürgerkriegs ist noch immer umstritten. Realistisch geschätzt, müssen wir von etwa einer Million Betroffener ausgehen. Dieses Buch trägt dazu bei, ihren Stimmen Gehör zu verschaffen. Einhundert Jahre später stellen die Pogrome während des Bürgerkriegs noch immer ein unbequemes Thema für die Geschichtsschreibung dar. Sie werden nicht genug erforscht, nicht genug gelehrt. Einhundert Jahre später ist Antisemitismus in Russland noch immer ein großes Problem. Er besteht fort, ebenso wie andere Formen des Rassismus. Jüdinnen und Juden haben Angst, als solche erkennbar auf die Straße zu gehen. Es kommt zu Anschlägen auf Synagogen. Rechtsextreme Horden ziehen ungestraft durch Russlands Städte.
Wieder kann der Einfluss der Russisch-Orthodoxen Kirche nicht genug betont werden. Wie schon in Zeiten der Zaren arbeitet der russische Staat eng mit der Kirche zusammen. Eine durch ein autoritäres Regime gespaltene Gesellschaft schürt ethnischen Hass, sei es im Russland der Bolschewiken 1920 oder im Russland Putins 2020.
Zur Veränderung all dieser soziopolitischen Missstände, die auf Mythen, Ignoranz und mangelnder Bildung beruhen, muss das Thema Antisemitismus offen diskutiert und erforscht werden. Geschichtliche Forschung kann sich hier einbringen, um die Wurzeln der heutigen Gesellschaft zu verstehen und Probleme, die seit mehreren Hundert Jahren gleichermaßen die Gesellschaft prägen, in Angriff zu nehmen. Dieses Buch soll ein Beitrag zur europäischen Antisemitismus-Forschung sein, die nicht nur in Russland relevanter denn je erscheint.
Wurzeln des russischen Antisemitismus: Ein kurzer Abriss vom Mittelalter bis zum Bürgerkrieg
Der Russische Bürgerkrieg war in den Regionen des ehemaligen Zarenreichs von extremen Ausformungen von Antisemitismus geprägt. Dazu gehörten Angriffe auf die jüdische Bevölkerung, Massenmorde, Folter, Vergewaltigungen, Pogrome und Brandanschläge auf Häuser und Synagogen. Die Behauptung, dass die jüdische Bevölkerung unter dem Bürgerkrieg litt, wäre eine Untertreibung. Litten Russen und Russinnen, Ukrainer und Ukrainerinnen, Weißrussen und Weißrussinnen und andere ethnische Gruppen oder Nationalitäten unter dem bewaffneten Konflikt, dann litten Jüdinnen und Juden doppelt oder sogar dreifach, da sie methodisch und vorsätzlich als religiöse und ethnische Minderheit verfolgt wurden.
Während im Bürgerkrieg ganze Landstriche in einen Abgrund aus Chaos und Blutvergießen stürzten, ging die Bevölkerung ganz wie in den alten Zeiten dazu über, Jüdinnen und Juden pauschal die Schuld zu geben und Angst, Frust und Aggressionen an ihnen auszulassen. Die Einwohner und Einwohnerinnen der Schtetl wurden zur Zielscheibe wahren Terrors – zuerst vonseiten Deklassierter, Hooligans, Straßenkrimineller und gehässiger Nachbarinnen und Nachbarn durch die Zivilbevölkerung, dann auch durch die verschiedenen Armeen, bewaffnete Streitkräfte, Meuten und Banden. Gegen solche Willkür existierten keine Schutzmechanismen. Bis zum Ende des Bürgerkriegs war die jüdische Gemeinde vollständig sich selbst überlassen.
Die Straflosigkeit, die auf das Töten der jüdischen Bevölkerung an der Kriegsfront folgte, war absolut. Darüber hinaus wurde das Töten wehrloser Menschen durch die Weiße Armee und auch durch andere Armeen perverserweise als „Tapferkeit“ oder sogar „Heldenmut“ angesehen. Dementsprechend schrieb der Militär A. A. Walentinow in seinem „Krimepos“ über einen der Adjutanten der Freiwilligenarmee, der berüchtigt dafür war, 1919 innerhalb von zwei Stunden 168 Juden erhängt zu haben. Laut Walentinows Aufzeichnungen „rächte [der Adjutant, Anm.] seine Verwandten, die auf Anweisung eines jüdischen Kommissars abgeschlachtet oder erschossen worden waren“1.
Beinahe schockierender als die Morde selbst ist die Tatsache, dass ein solcher Mörder im Hauptquartier der Weißen Armee toleriert und nicht exekutiert wurde. Weiters war das Motiv jener Zeit charakteristisch: die Rechtfertigung von Hinrichtungen „aus Rache“ für die Familie, was für sich ein hässliches antisemitisches Klischee darstellte. Zur Zeit des Bürgerkriegs beruhte dieses Klischee auf dem Mythos, dass die bolschewistische Macht in Händen jüdischer Kommissare lag. Da auch die Bolschewiken mordeten, hatten die Freiwilligen der Weißen Armee ihrer Wahrnehmung nach keine andere Wahl, als kommunistische Kommissare zu töten, die wiederum laut ihren Hirngespinsten großteils Juden waren.
All dies war antisemitischer Unsinn. Aber wo lagen dessen Wurzeln? Der offizielle Grund für den Mythos jüdischer Bolschewiken stand damit in Zusammenhang, dass viele der Bolschewiken in Führungspositionen jüdischen Familien entstammten und ein Pseudonym angenommen hatten. Leo Trotzki wurde zum Pseudonym für Leib Bronstein. Lew Kamenews wirklicher Name war Lew Rosenfeld. Karl Radeks Name war Karol Sobelsohn, und W. Wolodarsky hieß in Wirklichkeit Moisei Goldstein. Wie dem auch sei, im Gegensatz zu den simplen Theorien der Antisemiten hatten die Bolschewiken mit ihren Wurzeln gebrochen und waren zu eingeschworenen Marxisten, Atheisten und Internationalisten geworden.
Der Prozentsatz von Juden und Jüdinnen zuerst in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands und danach in der Kommunistischen Partei war tatsächlich sehr gering. Die Februarrevolution und der darauffolgende Oktoberputsch hatten politische, soziale, wirtschaftliche und historische Gründe, die mit Judentum, Ethnizität oder Religion nichts zu tun hatten.
Der antisemitische Mythos jüdischer Kommissare hielt sich dennoch hartnäckig. Grund dafür war, dass Antisemitismus in Russland tief verwurzelt war. Seine Anfänge sind bis in die jüdische Siedlung im Kiewer Rus zurückzuverfolgen, wo Ritualmordlegenden gang und gäbe waren, laut denen Juden Nicht-Juden ermordeten, um Blutopfer zu bringen. Bereits im Jahr 1113 kam es im Judenviertel Kiews zu Ausschreitungen und Pogromen sowie zu weiteren Exzessen. Die Problematik von Antisemitismus wurde damals in mehreren alten Quellen dokumentiert.2
Die feindselige Haltung der herrschenden Klasse, der Fürsten und der Orthodoxen Kirche führte zu Misstrauen, Schikanen und Hass Fremden gegenüber, und als fremd wurde auch die jüdische Bevölkerung wahrgenommen. Diese Indoktrinierung hatte die Verfolgung von Juden und Jüdinnen, den Kampf gegen die „Ketzerei der Judaisierer“, Diskriminierung und die skrupellosen Pogrome des Kosakenführers Bohdan Chmelnyzkyj im 17. Jahrhundert zur Folge.3
Über viele Jahrhunderte hinweg kann in der Politik der Großfürsten und in weiterer Folge der Zaren – von Iwan dem Schrecklichen bis zu Nikolaus II. – ein klares antisemitisches Motiv verfolgt werden. Die Folgen waren legalisierte Verfolgung durch die Verwaltung, erhöhte Steuern, Verbannungen, die Schaffung eines Ansiedlungsrayons und vielerlei juristische Verfolgung basierend auf falschen Anschuldigungen gegen Jüdinnen und Juden. Sie wurden immer wieder der Ritualmorde bezichtigt, wie zum Beispiel im Straffall des Ritualmords von Welisch (1823–1835), der sich elfeinhalb Jahre hinzog. 42 jüdische Angeklagte wurden bis zu neun Jahre in Haft gehalten, gefoltert, kamen teilweise zu Tode und wurden letztlich freigesprochen.4
1882 nahmen nach der Ermordung von Zar Alexander II. und dem Aufstieg des antisemitisch geneigten Alexander III. antijüdische Verfolgungen und Pogrome zu. Die „Maigesetze“ traten in Kraft.5 Diese restriktiven Gesetze verboten Juden und Jüdinnen, sich in ländlichen Gebieten niederzulassen, Land zu pachten, an christlichen Feiertagen Handel zu betreiben und außerhalb von Schtetln und Dörfern Grund und Boden zu erwerben. Gewalt und Unterdrückung auch durch die Verwaltung führten zur Abwanderung Tausender Jüdinnen und Juden aus den westlichen Grenzgebieten.
Abseits dieser Entwicklungen bemühten sich die Rechtsgerichteten im Russischen Reich, Revolution und Sozialismus mit angeblichem jüdischem Einfluss in Verbindung zu bringen. Einer der Ersten, der die Idee eines „fremden“ Charakters der revolutionären Bewegung in Russland formulierte, war der konservative Historiker D. I. Ilowajskij. Der Autor zahlreicher Geschichtsbücher argumentierte, dass russische Revolutionäre nichts weiter als ein blindes Werkzeug in der Hand der Polen und Juden seien.6 Andererseits, wie auch Sozialrevolutionär und Journalist Mark Wischnjak festhielt, war es wohl kaum nur die extreme Rechte, die behauptete, dass die Russische Revolution das Werk von Ausländern und Außenstehenden sei.7 Etliche politische Strömungen behaupteten dies. Wie dem auch sei, diese Vorstellung eines Imports der Revolution aus dem Westen etablierte sich in konservativen Kreisen, da sie der Elite und ihrem angeblichen Patriotismus schmeichelte.
Trotzdem ist der Hauptgrund für die erfolgreiche Etablierung von Antisemitismus in Russland anderswo zu verorten. Seine Wurzeln reichen weit zurück in die Monarchie und in den rechten Flügel der Russisch-Orthodoxen Kirche, die aktiv dem Judenhass und dessen aktiver Verbreitung verschrieben war. Insofern unterschied sich die Russisch-Orthodoxe Kirche kaum von der Katholischen Kirche und ihrer jahrhundertealten Dichotomisierung von Christen und Juden, der Aufhetzung von Christen/Christinnen gegen Juden/Jüdinnen und daraus resultierenden Kreuzzügen, mittelalterlichen Pogromen, Zwangskonvertierung zum Christentum und Verstoßung.8
Hier sei angemerkt, dass außer orthodoxem Christentum und Katholizismus auch der frühe Protestantismus von Antisemitismus durchsetzt war. Ein berühmtes Beispiel findet sich in Martin Luthers Traktat „Über die Juden und ihre Lügen“ aus dem Jahr 1543. Er hielt es für ebenso aussichtslos, Juden zu bekehren, wie zu versuchen, den Teufel zu bekehren. Dieses Traktat ist durchzogen von blutrünstigen Forderungen nach der Verfolgung von Juden und Jüdinnen sowie dem Niederbrennen von Synagogen und Schulen, dem Abriss von Häusern, der Konfiszierung heiliger Schriften wie der Tora und dem Verbot von Predigten durch Rabbis bei Todesstrafe sowie dem Verbot des Umherziehens von Juden und Jüdinnen auf Landstraßen.9
Der Autor Felix Rachlin schrieb hinsichtlich der den Juden auferlegten Rolle des Krämers und Wucherers über den Unmut und sogar Hass, den diese Rollen in der Bevölkerung hervorriefen. Laut seinen Ansichten stammte diese Zuschreibung, die den traditionellen religiösen Judenhass anheizte, vom evangelikalen Gleichnis der Kreuzigung Christi. Rachlin schrieb:
„Die Tatsache ignorierend, dass Christus selber Jude war und dass das Evangelium von Juden geschrieben worden war, haben Generationen von Christen jahrhundertelang Hass und Verachtung für ‚das Volk Judas‘, ‚Heuchler‘, ‚Selbstsüchtige‘, ‚Verräter Christi‘ genährt. Heutzutage hat sich zu all diesen Bezeichnungen der Gedanke an Juden als ‚feine Pinkel‘, ‚Intellektuelle‘, die nichts dagegen haben, ‚unseren russischen Iwan‘ an der Nase herumzuführen, hinzugesellt.“10
Tief verwurzelt und genährt durch Mythen und Legenden, Zuschreibungen an „das Fremde“, „das Andere“, waren Antisemitismus und Judenhass in Russland also seit dem Mittelalter sowie während der jahrhundertelangen Herrschaft der Zarenfamilien. Und auch das 20. Jahrhundert sollte keine Veränderung der Lage bringen.
Die Schwarzen Hundertschaften
Russische Antisemiten stellten Russen und Russinnen Jahr für Jahr als unschuldige Opfer dar, während Juden und Jüdinnen im Gegensatz dazu als angebliche „Ausbeuter“ diskreditiert wurden. Dies widersprach komplett der Wahrheit. Russen und Russinnen machten die absolute Mehrheit im Land aus, Juden und Jüdinnen aber hatten unter jahrhundertelangen Schikanen durch die zaristische Herrschaft zu leiden gehabt, sei es durch Raub, Gewalt oder dreifache Unterdrückung in Hinblick auf Klasse, politische und ethnische Identität.
Besonders zu leiden hatten sie unter der Entwicklung einer Bewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Kreuzung von reaktionärem Russisch-Orthodoxem Christentum und seinem extremen Antisemitismus, von ultrarechtem Nationalismus und von Monarchismus entstand: die Bewegung der Schwarzen Hundertschaften (tschernosotenzy).11 Die Schwarzen Hundertschaften stellten bereits vor der Entstehung des Faschismus eine russische Version von Protofaschismus dar. Es handelte sich um eine organisierte Plattform extremer rechtsgerichteter Parteien, die sich zu imperialistischem Chauvinismus, Slawophilie, blinder Unterstützung der Monarchie und militantem Antisemitismus bekannten. Besonders mächtig waren sie zwischen 1905 und 1917.
Zuerst nannten sich die Anhänger dieser extrem rechtsgerichteten Ideologie „Patrioten“, „wahre Russen“ und „Monarchisten“. Doch bald gab ihr Wladimir Gringmut, einer der wichtigsten Theoretiker der Bewegung und Gründer der ersten rechten Partei namens Russische Monarchistische Partei, einen neuen Namen. Er taufte die Bewegung Schwarze Hundertschaften, eine Analogie zu Kusma Minins „Schwarzen Hundert“ aus Nischni Nowgorod. Minin war einer der Organisatoren eines Milizheeres in den Jahren 1611–1612 gegen die polnische Invasion gewesen.12
Angesichts des wohlklingenden Namens und der attraktiven historischen Parallele zum Kampf um Freiheit hielt sich die Bezeichnung. Am 3. Juni 1906 publizierte Gringmut den Artikel „Das Handbuch des Monarchisten der Schwarzen Hundertschaften“, dem er eine Liste „innerer Feinde Russlands“ beilegte. Der Ideologe russischer Faschisten teilte diese Feinde in sechs Kategorien: 1) Anhänger der Verfassung; 2) Demokraten; 3) Sozialisten; 4) Revolutionäre; 5) Anarchisten; 6) Juden.13
Gringmut wurde wegen Verhetzung der Prozess gemacht. Dennoch gewann die Bewegung der Schwarzen Hundertschaften nach den revolutionären Unruhen 1905 und der darauffolgenden politischen Reaktion rasch an Schwung. Zu ihren Gunsten wirkte die Unterstützung durch den Zaren und durch die reaktionären Kreise der Orthodoxen Kirche.
Ein bedeutsamer Teil dieser reaktionären kirchlichen Kreise bestand nicht nur aus Mitgliedern, sondern auch aus Anführern der Schwarzen Hundertschaften und ihnen zugehöriger Organisationen wie dem Bund des Russischen Volkes, dem Bund des Erzengels Michael, der Gesellschaft des Aktiven Kampfes gegen die Revolution und dem Bund der Russen.14 Der zukünftige stalinistische Patriarch Alexius I. saß zum Beispiel dem Bund des Russischen Volkes in Tula vor. Der spätere Patriarch Sergius I. segnete die Banner des Bundes des Russischen Volkes.15
Die Propaganda der Schwarzen Hundertschaften wurde in den Zeitungen „Russkoje Snamja“, „Semschtschina“, „Potschaewskij Listok“, „Kolokol“, „Grosa“, „Wetsche“, „Moskowskie wedomosti“ und in vielen weiteren verbreitet. Sogar Massenblätter wie „Kiewljanin“, „Graschdanin“ und „Swet“ verboten den Druck der Propaganda der Schwarzen Hundertschaften nicht.
Die Schwarzen Hundertschaften stellten mit ihrem reaktionären Zarismus, ihren Ochranka-Agenten und Gefängnissen als wahrer Cerberus den Gegenpol zum progressiven und revolutionären politischen Spektrum dar. Sie hassten alles Demokratische wie die Pest und organisierten die Ermordungen etlicher liberaler politischer Schlüsselfiguren.
Die größten Kritiker der Schwarzen Hundertschaften waren ihre politischen Gegner: die Anarchisten und Sozialdemokraten. Zur Unterdrückung der Anhänger und Anhängerinnen der revolutionären Bewegung 1905–1907 schrieb der Anarchist P. A. Kropotkin in einem Brief an M. I. Goldsmith:
„Die Lage ist wirklich verzweifelt. Die Schwarzen Hundertschaften werden zweimal pro Woche im Peterhof-Palast empfangen, ihnen wird volle Freiheit zum Töten auf der Straße gegeben, die sie nutzen. Natürlich greifen die Leute in einer solchen Situation nach allem. – Und da sie kein Kapital haben, fassen sie das Kapital, wo auch immer sie können … Das ist eine Carte blanche für alle Gauner. Und sie nutzen sie! Im Taganskaja-Gefängnis hängen sie jeden Tag Menschen, vor den Insassen … Der Verfall ist absolut.“16
Auch der russische Philosoph N. A. Berdjanew schrieb 1909 in einem „Offenen Brief an Erzbischof Antonij“ über den Bund des Russischen Volkes, eine Massenorganisation monarchistischer Schwarzer Hundertschaften, die nicht nur gegen die Revolution, sondern gegen die grundlegende Idee demokratischen Parlamentarismus vorgehen wollte:
„Der ‚Bund des Russischen Volkes‘ ist ganz Boshaftigkeit, ganz Hass, seine Taten erschreckend und verführerisch, er schürt Bruderzwist in der russischen Bevölkerung und Gesellschaft, er erschwert umso mehr die religiöse Wiederauferstehung unseres Mutterlandes. Und ist es möglich, die verführerische Rechtfertigung der Hierarchen der Kirche dieser bösartigen, brudermörderischen, unchristlichen ‚Politik‘ zu ertragen?“17
Exkurs: Der Beilis-Fall
Politische Reaktion, Schikanen und Diskriminierung, Agitation der Schwarzen Hundertschaften, Verleumdung in der Presse und Pogrome stellten nur einen Teil der Irrungen und Wirrungen dar, denen die jüdische Bevölkerung des Russischen Reichs ausgesetzt war. Dazu gehörten zahllose Neuauflagen der gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ mit ihrer Theorie der „jüdisch-freimaurerischen Verschwörung“, auf deren Publikation bloß Straflosigkeit folgte. Ein weiterer Rückschlag für die jüdische Gemeinde war der berühmte Beilis-Prozess in Kiew 1913, im Zuge dessen Menachem Mendel Beilis des Ritualmords am zwölf- oder dreizehnjährigen Burschen Andrej Juschtschinksi angeklagt wurde.18
Der Prozess wurde von massiver antisemitischer Hysterie und verunglimpfender Verleumdung begleitet. Der Beilis-Prozess gestaltete sich von Anfang an widerrechtlich und widersprach komplett dem Erlass von Alexander I. vom 6. März 1817. Dieser hatte ein für alle Mal den Behörden verboten, Mordermittlungen mit religiöser Bedeutung aufzuladen. Trotzdem wurde der Beilis-Fall zum wichtigsten Prozess des Reichs. Er wurde zu einer klaren Demonstration dafür, wie tief Antisemitismus die Gesellschaft durchdrungen hatte, darunter auch das Innenministerium, das Justizministerium, das Gerichtswesen, die Staatsanwaltschaft, die Polizei, die Gerichtsmedizin. Antisemitismus korrumpierte diese Ebenen derartig, dass sie trotz offenkundiger Tatsachen und aufgrund des Meineids und Betrugs durch die Staatsanwaltschaft den Schwarzhundertschaften in ihrer Theorie des „Ritualmords“ durch die Zaddiken zustimmten.
Letztendlich fruchtete erst ein langer und hartnäckiger Kampf vor Gericht, um den Freispruch und die Freilassung von Beilis, einem unschuldigen Vater mehrerer Kinder, zu erwirken. Dieser Streit vor Gericht sowie öffentliche Proteste sowohl in Russland als auch auf internationaler Ebene verwandelten den Beilis-Fall von der Beschuldigung eines jüdischen Angestellten in einer Ziegelfabrik in einen globalen Kampf für Gerechtigkeit und gegen Antisemiten.19
Der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen
Die nächste Herausforderung war der Erste Weltkrieg, an dem Hunderttausende Juden teilnahmen, die aber dennoch unerwünschte Bürger zweiter Klasse für das Regime blieben. Hartnäckig wurden ihnen kontinuierlich Heimat und grundlegende Bürgerrechte verwehrt, egal, wie tapfer sie für Russland kämpften. Der Journalist und Historiker N. P. Poletika betonte zu Recht, dass die Lage jüdischer Gemeinden im Königreich Polen, Litauen und anderen Gebieten der baltischen Staaten sowie im Grenzgebiet der Ukraine noch schwieriger war als für die restliche Bevölkerung der westlichen Gebiete des Russischen Reichs.
Neben den Schrecken des Kriegs und den Gräueltaten, die von den deutschen Truppen verübt wurden, kamen hier das Leid, die Verfolgung und die Gräueltaten des Militärs und der Zivilbehörden der russischen Monarchie hinzu. Poletika schrieb in seinen Erinnerungen: „In den ersten zwei Jahren des Kriegs waren die Zustände für die Juden besonders schmerzhaft und quälend. Ich wusste von jüdischen Flüchtlingen aus den Frontgebieten und von den Juden, mit denen ich befreundet war, von der Lage der Juden und ihren Ansichten zum Krieg.“20
Der Maler Marc Chagall, der von Witebsk nach Petrograd gezogen war, erinnerte sich daran, wie sich zu Kriegsausbruch im Zentrum der Stadt eine Bande von Raufbolden an Schießereien und Pogromen auf offener Straße beteiligte. Menschen wurden von den Brücken in den Fluss gestoßen. Chagall bezahlte beinahe selbst mit dem Leben, als er nachts mehreren bis an die Zähne bewaffneten Schlägern über den Weg lief, die wissen wollten, ob er „ein Judenschwein“ war oder nicht. Da sie ihm nach dem Leben trachteten, war Chagall gezwungen, zu lügen.21 Er schrieb weiter:
„Jeder weitere Rückschlag gab den Kommandanten der Armee, dem Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch, einen Grund für weitere Angriffe auf Juden. ‚In 24 Stunden vertreiben! Oder sie erschießen! Oder besser beides!‘ Die Deutschen rückten näher, und die jüdische Bevölkerung verließ das Gebiet, gab Städte und Schtetl auf.“22
Das Spektrum oppressiver Maßnahmen gegen Juden und Jüdinnen durch russische Herrschaft beinhaltete Vertreibungen und Zwangsumsiedelungen mit nur kurzer Ankündigung, verleumderische Bezichtigungen der „Spionage“ von Juden und deutschen Siedlern und Siedlerinnen, ein Verbot für Juden und Jüdinnen, ranghohe Stellungen innezuhaben, und Geiselnahmen von Juden und Jüdinnen unter Androhung von Hinrichtung im Falle von „Verrat“. An der Tagesordnung standen auch erniedrigende Hausdurchsuchungen und Durchsuchungen von Taubenställen und Untergrund-Telegrafen zum angeblichen Informationsaustausch mit dem Feind bzw. Durchsuchungen nach Signalen an ihn. Jüdischen Bürgern und Bürgerinnen war es verboten, als Ärzte/Ärztinnen und Pfleger/Pflegerinnen in Krankenhäusern und in Sanitätszügen oder anderen Berufen zu arbeiten, um ihre angebliche „Propaganda“ zu bekämpfen. Ranghohes medizinisches Personal wurde dafür eingesetzt, die wenigen Juden und Jüdinnen, die noch in solchen Berufen arbeiteten, zu überwachen.
Darüber hinaus wurde die jüdische Bevölkerung – Männer, Frauen, Alte und Kinder – in die Richtung des Feindes vertrieben, in den Westen, trotz der militärischen Gefahr.23 Die Invasion der russischen Armee Galiziens und anderer Gebiete Osteuropas ging einher mit Pogromen und wiederholten Erschießungen von Juden und Jüdinnen.24
Jüdische Wohlhabende und Rabbis wurden häufig als Geiseln in Konvois an die russischen Grenzen geschickt. Die Bevölkerung wurde gewarnt, dass für jeden russischen Soldaten, der von den Deutschen oder Österreichern getötet wurde, zwei jüdische Geiseln hingerichtet würden. Juden und Jüdinnen wurden der „Untreue“ und „Verleumdung“ gegenüber der ortsansässigen Bevölkerung zugunsten des Feindes beschuldigt. Ihnen wurde der Aufenthalt überall südlich von Jaroslawl verboten. Mutmaßliche „Spione“ wurden gehängt.
Diese Maßnahmen gingen Hand in Hand mit Geldstrafen von bis zu 4.000 Rubel und Haftstrafen von bis zu drei Monaten für den Umzug von einem Landkreis in den anderen. Jüdische Flüchtlinge, die versuchten, aus den westlichen Gebieten weiter ins Landesinnere zu gelangen, wurden gefangen und zurückgedrängt. Die willkürlichen Anschuldigungen des „Verrats“, bösartiger Provokation, Denunziationen und des Meineids führten zu Hinrichtungen jüdischer Geiseln, obwohl gerichtliche Ermittlungen die absolute Haltlosigkeit der Anschuldigen erwiesen.25 Die Listen der jüdischen Einheiten des Russischen Ordens des heiligen Georg wurden aus den Annalen entfernt, vernichtet und nie wieder abgedruckt.26 Auf diese Weise erweckte das zaristische Regime in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass es keine Helden unter den Juden gäbe.
Februarrevolution und Oktoberputsch
Im Zuge der Februarrevolution 1917 änderte sich dank der Übergangsregierung die Lage für wenige Monate, bevor das Land im Zuge des Oktoberputsches im Chaos versank. Die jüdische Bevölkerung erhielt durch die demokratisch gesinnten Politiker und Politikerinnen, die nun regierten, politische Freiheiten. Der Ansiedlungsrayon, der 1915 nicht aufrechtzuerhalten war, da die Region zur Kriegsfront geworden war, wurde offiziell aufgelöst. Die Schwarzen Hundertschaften wurden verboten und ein Teil von ihnen gezwungen, in den Untergrund zu gehen.
Juden und Jüdinnen traten zum ersten Mal politisch auf und begannen, aktive Rollen sowohl im vormaligen Ansiedlungsrayon als auch außerhalb davon zu übernehmen. Im Frühling 1917 wurden in beiden Dumas der größten Städte Petrograd und Moskau Wahlen abgehalten. In Moskau wurde der Jude Osip Minor mit überwältigender Mehrheit zum Vorsitzenden der Duma gewählt. Der Politiker W. M. Tschernow schrieb in seinen Erinnerungen: „Die Antisemiten lehnten natürlich ab, dass die Duma, ‚das Herz Russlands‘, von einem – oh Horror! – Juden geführt wird … Aber wen interessierte der machtlose Zorn der Antisemiten?“27
Die Kommunalwahlen im Land ließen die Gesinnung der Antisemiten und Antisemitinnen ebenfalls außer Acht. G. I. Schreider, jüdischer sozialistischer Revolutionär und bekannter Experte in städtisch-ländlichen Angelegenheiten, wurde zum Vorsitzenden der Duma der Hauptstadt gewählt. S. D. Schupak, Jude und Mitglied des Sozialistischen Bundes, wurde Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Petrograd. In Minsk wurde ein Mitglied des Zentralkomitees des Bundes, A. I. Weinstein, zur Vorsitzenden der Duma gewählt. In Jekaterinoslawl wurde Ilja Polonski zum Stadtvorsteher, in Kiew A. M. Ginsburg-Naumov zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt. D. K. Tschertkow wurde zum Vorsitzenden der Stadtduma von Saratow, ganz zu schweigen von der Arbeit, die von Juden und Jüdinnen der Menschewiken und sozialistischen Revolutionäre der Räte der Arbeiter- und Soldatenkammern verrichtet wurde.28 Die Übergangsregierung ermöglichte Personen jüdischer Herkunft also aktive politische Teilhabe.
Anders verhielten sich die Dinge auf gesellschaftlicher Ebene. Trotz der Revolution und der erklärten Gleichheit hielt Judenfeindlichkeit an, als ob keine Veränderungen stattgefunden hätten. Olga Adamowa-Sliosberg war eine von vielen, die in jener Zeit häufig mit antisemitischen Bemerkungen konfrontiert wurden, und hielt dies in ihrer Autobiografie „Der Weg“ fest. 1917 war sie fünfzehn Jahre alt und lebte mit ihrer Mutter in Kislowodsk. Eines Tages wurde sie im Park von einer Frau angesprochen. Die Frau wollte ihr zwanzig Tickets für die öffentlichen Bäder verkaufen. Solche Tickets waren immer Mangelware, also kaufte sie Adamowa-Sliosberg freudig. Adamowa-Sliosberg beschrieb den Kauf:
„Heute reise ich ab, erzählte sie mir, schade, dass ich die Tickets nicht verwendet habe. Ich habe keine Zeit, ich laufe seit zwei Stunden durch den Park, auf der Suche nach einem russischen Gesicht – ich treffe nur auf Saujuden, ganz Kislowodsk ist voll mit ihnen! Ich gab ihr das Geld und verabschiedete mich dann mit den Worten: Ich muss Sie enttäuschen. Ich habe die Tickets, und ich bin Jüdin. Die Gesprächspartnerin schnaubte und lief weg.“29
Dieses Beispiel ist absolut typisch für jene Zeit und auch für die folgenden Jahre. Um solche Situationen zu vermeiden, versuchte Olga Adamowa-Sliosberg üblicherweise, auf welche Art auch immer ihre Identität von vornherein klarzustellen, was nur den Mut des fünfzehnjährigen Mädchens betonte.
Das änderte jedoch nicht das zugrunde liegende Problem. Im Juli 1917 schrieb Maxim Gorki: „Die Gleichheit von Juden ist eine der wundervollen Errungenschaften unserer Revolution. Durch die Anerkennung der Gleichheit von Juden zu Russen haben wir einen schamvollen, blutigen und schmutzigen Fleck von unserem Gewissen entfernt.“30 Formell war dem zwar so, aber Antisemiten/Antisemitinnen verhinderten weiterhin die Gleichstellung von Juden und Jüdinnen, die von der Übergangsregierung bestimmt worden war.
Abgesehen davon kehrten viele Deserteure von den Fronten des Ersten Weltkriegs zurück, die nun ohne die Disziplin an der Front und ohne Platz in der Gesellschaft weiterleben mussten. Sie brachten ein hohes Ausmaß an Chaos, Mangel an Disziplin und Gewaltbereitschaft mit. Antisemitismus und Pogrome nahmen wieder zu, und der „blutige und schmutzige Fleck“, von dem Gorki geschrieben hatte, war wieder da. Ende 1917 kam es immer wieder zu kleineren Pogromen, darunter vor allem in Bessarabien. In den folgenden Jahren sollten sie massiv zunehmen.31
Nach dem Oktoberputsch und dem Ausbruch des Bürgerkriegs schlossen sich viele prominente Anführer der Schwarzen Hundertschaften der Weißen Bewegung an, feuerten sie an, gaben ihr Macht. Manche HistorikerInnen behaupten, die Weiße Bewegung war innerlich ausgehöhlt und hatte keine ideologische Botschaft. Dem war nicht so. Sie hatte sehr wohl eine Botschaft, und zwar in vielerlei Hinsicht eine der Schwarzen Hundertschaften. Die Ideale der Schwarzen Hundertschaften in Kombination mit Monarchismus füllten das ideologische Vakuum, das bei den Weißen bestand, nährten den Hass auf die Bolschewiken, der ihnen innewohnte, und gaben ihm eine klare Richtung.
Natürlich waren nicht alle Angehörigen der Freiwilligenarmee Antisemiten, und nicht alle Antisemiten waren Freiwillige. Aber die antisemitischen Tendenzen und die Neigung zu den Schwarzen Hundertschaften innerhalb der Weißen Bewegung sowie allgemein in der russischen Gesellschaft waren sehr stark. Teilweise ist dies damit zu erklären, dass die Weiße Armee und Teile der russischen Öffentlichkeit die Ansichten der Monarchie und imperialistischen Chauvinismus teilten. Die russische Monarchie hatte die Unterdrückung von Juden und Jüdinnen Generationen hindurch unterstützt. All das wurde durch den Judenhass der Russisch-Orthodoxen Kirche verstärkt.
Der Religionsphilosoph Wassili Rosanow glaubte an „die Absorbierung von fast der gesamten Revolution durch Juden“, was seiner Meinung nach „in Pogromen enden“ würde.32 Er beschrieb weiters seine Abscheu vor der Verbindung zwischen Juden und der Revolution. Rosanow und ein weiterer bekannter Religionsphilosoph, Pawel Florenski, waren bei Weitem nicht die Einzigen, die antisemitische Ansichten dieser Art verbreiteten.
Gebildete Juden und Jüdinnen verstanden bald, welchem Pfad der Antisemitismus in der Ära von Terror und Bürgerkrieg folgen würde. Am 7. Jänner 1918 schrieb der Intellektuelle und Wissenschaftler S. M. Dubnow in seinem Tagebuch über die Behörden und ihr Hauptquartier, das Smolny-Institut (damals genutzt als Regierungsgebäude und Regierungssitz):
„Man wird die Beteiligung der jüdischen Revolutionäre am Terror der Bolschewiken gegen uns [Juden, Anm.] nicht vergessen. Die Gefährten Lenins – die Trotzkis, die Sinowjews, die Urizkis und die anderen – werden ihn vernebeln. Smolny wird insgeheim ‚Saujudenzentrum‘ genannt. Später werden sie das laut aussprechen, und Judenhass wird in allen Schichten der russischen Gesellschaft tief verwurzelt sein …“33
Dubnows Worte stellten sich als prophetisch heraus. Man begann, der jüdischen Bevölkerung für alle politischen Entwicklungen des Sowjetregimes die Schuld zu geben, machte sie zu Sündenböcken für Grausamkeiten, die vom bolschewistischen Regime verübt wurden. Niemand interessierte sich für die Tatsache, dass diese Anführer der Bolschewiken Atheisten und Diktatoren waren und keinerlei Verbindungen zur jüdischen Bevölkerung hatten.
Der antisemitische Mythos, dass die bolschewistische Macht angeblich der zionistischen Verschwörung entsprach, entwickelte sich nicht nur in der russischen Sowjetrepublik, in der Ukraine und in Weißrussland, sondern breitete sich in den Kaukasus, nach Zentralasien, bis nach Bessarabien, in die baltischen Staaten, nach Westeuropa und darüber hinaus aus. Während des Polnisch-Sowjetischen Kriegs kreierte das Büro innerstaatlicher Propaganda in Polen aufwiegelnde antibolschewistische Poster. Auf einem Poster aus dem Jahr 1920 ist ein Davidstern auf den Kappen der Soldaten der Roten Armee zu sehen.34 Dadurch gab das Büro innerstaatlicher Propaganda den Polen und Polinnen zu verstehen, dass die Macht der Kommunisten neu sein mochte, doch das Problem der „jüdischen Verschwörung“ alt und allen wohl bekannt.
Generell war Antisemitismus in der polnischen Propaganda weit verbreitet und konnte in seiner karikierenden Hässlichkeit nur mit Postern der Behörde für Propaganda der Weißen (OSVAG) verglichen werden. Vom OSVAG soll weiter unten noch ausführlich die Rede sein. Eines dieser Plakate stellte zum Beispiel ein Monster mit klischeehaften semitischen Zügen dar. Bedrohlich reißt es seine Arme hoch. Dieser regelrechte Beelzebub mit Buckelnase und Ziegenbärtchen droht, das unschuldige Polen zu verschlingen. Neben ihm brennt im Dunklen eine zerstörte orthodoxe Kirche, und hinter ihm steht die bedrohliche Gestalt eines Mannes der Roten Armee, der wie ein Golem aussieht und einen Davidstern auf dem Helm hat. Als wäre diese Szene teuflischen Schreckens nicht genug, steht unter dem Bild: „Nochmals jüdische Tatzen? Nein, nie wieder!“35
Kurz vor dem Oktoberputsch fand vor dem Hintergrund von Zerstörung und der Verbreitung von antijüdischer Stimmung im Land eine Konferenz jüdischer Soldatenvereinigungen in Kiew statt. Auf dieser Konferenz wurde der Beschluss gefasst, den Allgemeinen Bund Jüdischer Soldaten in Russland sowie den Allgemeinen Bund Jüdischer Selbstverteidigung zu gründen. Der Vorsitzende der Konferenz, Joseph Trumpeldor, war ein bekannter Aktivist der Zionistischen Bewegung. Angesichts der anhaltenden Pogrome ernannte ihn das Militärrevolutionäre Komitee zum Vorsitzenden der ersten jüdischen Organisation zur Selbstverteidigung in Petrograd. Im Dezember 1917 frohlockte Trumpeldor in einem Brief: „Ich habe Erlaubnis, die erste jüdische zusammengelegte Einheit zusammenzustellen. Sie hat die Größe eines Bataillons von etwa tausend Mann … Ihre wichtigste, aber nicht einzige Aufgabe ist, gegen die Massaker anzukämpfen, die gegen Juden verübt werden.“36 Nur ein paar Wochen später wurde die Jüdische Einheit im Jänner 1918 von den Bolschewiken aufgelöst.
Ab dem Oktober 1917 legten die Bolschewiken eine unverhohlen zweideutige Einstellung nicht nur gegenüber jüdischer Selbstverteidigung, sondern zum Judentum als Ganzes und zu jüdischem gesellschaftspolitischem Leben als solches an den Tag. Die Gründe dafür waren folgende: Erstens hieß die überwältigende Mehrheit jüdischer Organisationen und Parteien den Oktoberputsch nicht nur nicht willkommen, sondern war ihm gegenüber extrem kritisch eingestellt. Zweitens betrachteten die Bolschewiken die Welt vom Standpunkt einer Einparteiendiktatur und totaler ideologischer Kontrolle. Die populären Bündler und Zionisten stellten für das Regime innerhalb der jüdischen Gesellschaft dieselbe Konkurrenz dar wie Sozialistische Revolutionäre und Menschewiken innerhalb der russischen Mehrheitsgesellschaft. Die orthodoxen Juden verursachten dieselbe Abneigung vonseiten der atheistischen Kommunisten wie die Russisch-Orthodoxe Kirche.
Pulsuz fraqment bitdi.