Kitabı oxu: «Wie Schneeflocken im Wind»
DENISE HUNTER

Aus dem Amerikanischen von Antje Balters

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-916-0
© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
First published under the title „Falling like snowflakes“
© 2015 by Denise Hunter
Published by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins Christian
Publishing, Inc.
Titelfoto: fotolia yanlev
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
www.brendow-verlag.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreissig
Einunddreissig
Zweiunddreissig
Dreiunddreissig
Vierunddreissig
Fünfunddreissig
Sechsunddreissig
Siebenunddreissig
Achtunddreissig
Neununddreissig
Vierzig
Einundvierzig
Epilog

EINS
Schon erstaunlich, wie viel Mut man als Mutter aufbringen kann, wenn es um das Leben des eigenen Kindes geht. Mit gerunzelter Stirn schaute Eden auf die Landkarte, die vor ihr auf der Konsole lag. Sie befand sich nordöstlich von Bar Harbor auf der Route 1, die direkt an der Küste entlang verlief. Irgendwo musste sie falsch abgebogen sein – das wurde anscheinend zu einer Art Gewohnheit in ihrem Leben.
Sie musste sich jetzt ganz auf die Straße konzentrieren, denn die Müdigkeit lastete schwer wie Blei auf ihr, und sie konnte kaum noch die Augen offen halten. Wie lange es jetzt wohl schon her sein mochte, dass sie ein bisschen geschlafen hatte? Es wäre einfach himmlisch gewesen, sich ein paar Stunden auf einem Hotelbett ausstrecken zu können.
Micah schlief an die Beifahrertür gelehnt, seinen geliebten Teddy fest an sich gedrückt. Sein normaler Tages- und Nachtrhythmus war inzwischen völlig durcheinander.
Sie wünschte, er könnte jetzt die schönen kleinen Häfen sehen, an denen sie vorbeikamen, und die bunten Hummerbojen, die verstreut auf dem Wasser tanzten.
Sie schaute in den Rückspiegel und sah immer noch den grünen Kleinbus hinter sich. Am Steuer saß eine Frau, hinter ihr auf der Rückbank zwei kleine Kinder.
In dem Moment tat es einen dumpfen Schlag, der Edens Gefühl nach vom Motor kam. Sie schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn auf die Anzeigen am Armaturenbrett, aber der Tank war noch halb voll, und der Motor war auch nicht zu heiß. Der Buick, den sie fuhr, war alt – dreiundzwanzig Jahre – und damit nur zwei Jahre jünger als sie selbst. Sie hatte ihn für nur tausend Dollar in Jacksonville, Florida, gekauft, und entsprechend war auch sein Zustand, aber er brauchte ja auch nur noch bis nach Loon Lake in Maine durchzuhalten.
Sie hatte es riskiert, vor ihrer Abfahrt mit einem Wegwerf-Handy Karen anzurufen – das sie hinterher natürlich sofort entsorgt hatte. Karen war überrascht gewesen, denn sie hatten nichts mehr voneinander gehört, seit Karen und ihre Tochter während Edens letztem Jahr in der Highschool nach Sacramento gezogen waren. Karen war für Eden lange eine Art Ersatzmutter gewesen.
Ja, ihre Ferienhütte in Loon Lake stehe leer, hatte sie gesagt. Sie überlege gerade, sie zu verkaufen. Natürlich könne Eden dort eine Weile wohnen. Nein, sie würde mit niemandem darüber reden.
Damit hatten sie einen Ort gehabt, wo sie unterkriechen konnten, einen Ort, von dem niemand wusste, und jetzt waren sie nach langer Fahrt fast da. Nach ihrer Ankunft würde sie ihnen so bald wie möglich falsche Papiere besorgen, und dann würde für sie ein neues Leben beginnen.
Ihren Ehering hatte sie versetzt, als sie durch Atlanta gekommen waren. Sie hatte dafür bei Weitem nicht das bekommen, was er wert war, aber es reichte, um die Zeit zu überbrücken, die sie brauchen würde, um ihre Firma White Box Designs wieder in Gang zu bringen.
Sie hatte ihre Kunden schmählich im Stich lassen müssen, aber sie würde alles daransetzen, sie zurückzugewinnen.
Vom Motor kam jetzt wieder ein Geräusch, bei dem Eden angst und bange wurde, und dann quoll plötzlich bläulicher Qualm unter der Motorhaube hervor.
Nein. Nein, nein, nein! Das kann doch nicht wahr sein. Da hast du ja wieder absolut richtig entschieden, Eden. Du bist echt ein hoffnungsloser Fall.
Sie nahm den Fuß vom Gas, aber das furchtbare Geräusch ließ nicht nach, und außerdem roch es nach verbranntem Öl. Sie schaltete den Warnblinker ein, und im nächsten Moment überholte sie auch schon der grüne Kleinbus.
Um sie her waren nichts als Hügel und Bäume. Sie war zwar vor einer Weile durch eine Stadt gekommen, aber wenn es dort überhaupt eine Tankstelle oder eine Werkstatt gab, hatte sie die nicht bemerkt, denn über weite Strecken war sie mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen und hatte Pläne geschmiedet.
Das war es dann wohl, dachte sie und schaute zu, wie der bläuliche Qualm im Fahrtwind davonzog.
Da entdeckte sie ein Stück vor sich einen Wegweiser. Sie kniff die Augen etwas zusammen, um die Schrift darauf lesen zu können:
SUMMER HARBOR 8 KILOMETER,
stand da.
Der Wegweiser zeigte nach rechts, und da sie im Grunde keine Wahl hatte, folgte Eden ihm. Sie hoffte, dass der Ort wenigstens so groß war, dass es dort eine Werkstatt gab. Nach dem Kauf des Autos waren ihr nur noch fünfzehnhundert Dollar geblieben, die sie allerdings auch dringend für ihren Neuanfang brauchte.
Das kann doch nicht wahr sein, so kurz vorm Ziel, schrie es jetzt förmlich in ihr.
Das beängstigende Geräusch dauerte an, sodass sie ganz langsam fuhr und einfach hoffen musste, dass sie den Motor nicht völlig ruinierte, indem sie nicht anhielt. Zu allem Überfluss fing es jetzt auch noch an zu schneien. Dicke, nasse Flocken klatschten gegen die Windschutzscheibe und behinderten ihre Sicht.
Was sollte sie nur tun?
Das Wichtigste zuerst, Eden. Suche eine Werkstatt und lass dir einen Kostenvoranschlag für die Reparatur erstellen.
Vielleicht war es ja gar nichts Schlimmes, Teures, sondern nur ein gelockertes Kabel oder ein defekter Schlauch. Vielleicht würde ja ein freundlicher Automechaniker an ihren Augenringen sehen, wie erschöpft sie war, und Erbarmen mit ihr und dem Kleinen haben.
Die zweispurige Landstraße ging bergauf und bergab und war sehr kurvig. Eden hatte das Gefühl, für die acht Kilometer ewig zu brauchen. Doch irgendwann erreichte sie schließlich doch ein Ortsschild mit der Aufschrift
WILLKOMMEN IN SUMMER HARBOR, INC. 1895.
Rechts und links von der Straße, die sich direkt an der Küste entlangschlängelte, tauchten erste, vereinzelte Häuser auf, und als sie dann tatsächlich in die Stadt hineinkamen, wurde die Straße abschüssig und gerader. Mit seinen anheimelnden kleinen Läden und altmodischen Straßenlaternen, die unter einer dicken, glitzernden Schneedecke lagen, sah Summer Harbor aus wie ein Weihnachtskartenmotiv. Es lag direkt an der felsigen Küste, auf die sie auch während der Fahrt einen ganz kurzen Blick erhascht hatte, aber sie konzentrierte sich jetzt lieber darauf, nach einer Tankstelle oder einer Werkstatt Ausschau zu halten.
Unter anderen Bedingungen hätte sie den Ort gerne ein bisschen genauer erkundet – am liebsten im Sommer, wenn es hier von Hummerfischerbooten und Touristen wahrscheinlich nur so wimmelte. Doch auch jetzt, in festlichem Weihnachtsschmuck, hatte die Stadt ihren Charme.
Da! Etwas versteckt an einer Seitenstraße entdeckte sie eine Tankstelle. Sie fuhr auf den Parkplatz davor, schaltete den Motor aus und empfand sehr intensiv die plötzliche Stille.
Es tat ihr in der Seele weh, Micah wecken zu müssen, denn seit sie auf der Flucht waren, hatte er nicht mehr richtig tief und fest geschlafen. Als sie ihn jetzt an der Schulter berührte, zuckte er erschrocken zusammen und war mit einem Ruck wach. Er wurde ganz starr, als er sich erinnerte und merkte, wo er war, und riss die Augen wie in Panik weit auf. Sie fand diesen Ausdruck ganz furchtbar. Kein fünfjähriges Kind sollte durchmachen müssen, was er schon alles hinter sich hatte.
„Hey, mein Kleiner“, sagte sie leise. „Wir haben eine kleine Autopanne. Lass uns aussteigen und uns ein bisschen die Beine vertreten, ja?“ Sie holte ihre Jacken aus dem Rucksack, der auf dem Rücksitz stand, und half Micah beim Anziehen.
Auf dem Weg zum Kassenraum der Tankstelle zog sie sich ihre Baseballkappe noch tiefer ins Gesicht und schaute sich noch einmal um. Dann setzte sie Micah seine Kapuze auf und zog ihn ganz nah an sich heran.
In dem Kassenraum hielt sich nur ein Mann auf. Er saß hinter der Kasse, die Füße auf dem Tresen, und bearbeitete mit geübten Fingern sein iPhone. Er hatte ein so jungenhaftes Gesicht, dass sie ihn auf unter zwanzig schätzte, auch wenn er offenbar den verwegenen Versuch unternahm, sich einen Bart wachsen zu lassen.
Als er aufsah und sich ihre Blicke begegneten, wurde er rot, nahm die Füße vom Tresen und richtete sich auf dem Kassenstuhl auf.
„Hallo. Kann ich Ihnen helfen?“, begrüßte er sie.
Sie schenkte ihm ihr nettestes Lächeln und antwortete: „Ich habe Probleme mit meinem Wagen und bin ziemlich in Eile. Könnte vielleicht mal jemand einen Blick auf den Motor werfen?“
„Tut mir leid, unser Mechaniker hat heute frei, aber Montag ist er wieder da.“
Ihr sank der Mut. „Gibt es denn noch eine Werkstatt im Ort? Ich muss nämlich so schnell wie möglich weiter“, erklärte sie.
„Nein, wir sind die einzige“, antwortete er nur achselzuckend.
Nachdenklich nagte sie an ihrer Unterlippe. Sie hätte auf der Hauptstraße bleiben sollen. Das hast du ja mal wieder super hingekriegt, Eden. Wieder mal eine deiner wirklich dummen Entscheidungen.
„Also ich bin zwar kein Mechaniker, aber ich versteh ein bisschen was von Motoren. Ich könnte ja mal einen Blick drauf werfen.“
Dankbar sah sie ihn an und sagte: „Wirklich? Das würden Sie machen? Wie nett von Ihnen. Vielleicht ist es ja etwas ganz Harmloses, und ich kann gleich weiterfahren.“
Den Arm fest um Micahs Schultern gelegt, ging sie voraus zu ihrem Wagen, und der junge Mann folgte ihr. Dort angekommen, beschrieb sie ihm die Geräusche – erst den Schlag, dann das schabende Geräusch – und den Gestank. Der Geruch von verbranntem Öl hing immer noch in der Luft, und als der junge Mann die Motorhaube öffnete, stieg noch eine kleine Rauchschwade auf.
Eden schaute ihm nervös zu, wie er den Motor begutachtete. Er ließ den Wagen an, horchte auf das Geräusch des Motors und machte ihn wieder aus. „Ich glaube, es ist ein defekter Zylinder“, sagte er.
„Und was bedeutet das?“
Er sah sie mit Bedauern an und antwortete: „Das würde bedeuten, dass sie einen Austauschmotor brauchen.“
„Einen Austauschmotor! Wie viel würde denn das kosten?“
„Also eigentlich darf ich gar nicht …“
„Nur ungefähr. Bitte. Ich verrat’s auch niemandem“, bettelte sie.
Er seufzte, wurde wieder rot und antwortete dann: „Na ja, normalerweise zwischen tausend und fünfzehnhundert.“
Ihr blieb kurz die Luft weg.
„Aber das kommt ganz auf den Motor an, und ich habe eigentlich auch gar nicht genug Ahnung, um das einzuschätzen. Tut mir leid, dass ich Ihnen nichts Besseres sagen kann.“
„Kann ich denn noch damit fahren? Wenigstens ganz langsam?“, fragte sie.
„Wie weit haben Sie es denn noch?“, erkundigte er sich.
„So vier, fünf Stunden.“
Er schüttelte den Kopf. „Wenn Sie so lange weiterfahren, wird der Schaden noch schlimmer, und der Motor könnte sogar anfangen zu brennen.“
Eden seufzte. Das konnte sie natürlich auf keinen Fall riskieren. Sie würde also warten müssen, bis sich am Montag ein Fachmann den Schaden ansehen und die Kosten für eine Reparatur schätzen konnte, aber das bedeutete zwei Übernachtungen in Summer Harbor.
„Dann sieht es ja ganz so aus, als würden Sie während des Unwetters hier festsitzen“, sagte der junge Mann.
„Was für ein Unwetter denn?“, fragte sie.
„Es soll in den nächsten vierundzwanzig Stunden 15 bis 20 Zentimeter Neuschnee geben. Den ersten Schnee dieses Jahr“, sagte er und konnte dabei seinen Maine-Akzent nicht verbergen. „Dort die Straße hinunter – in der Main Street – gibt es auf der linken Seite ein Hotel. Wenn Sie Hunger haben, gibt es da auch ganz in der Nähe ein gutes Café, das Frumpy Joe’s, und ein Stück weiter noch das Roadhouse. Aber der Weg dorthin lohnt sich, denn es gibt da eine ganz tolle Muschelcremesuppe.“ Dann lächelte er Micah an und fragte: „Magst du Schnee? Es gibt hier in der Gegend ein paar richtig tolle Hügel zum Rodeln. Vielleicht kann man ja in dem Hotel einen Schlitten ausleihen.“
Micah sagte gar nichts, sondern vergrub sein Gesicht in Edens Mantel.
„Kann ich den Wagen hier stehen lassen, bis Sie am Montag die Kosten für die Reparatur schätzen?“, fragte sie.
„Ja sicher, kein Problem. Ich schreibe nur noch schnell Ihren Namen und Ihre Handynummer auf.“
„Äh … also ich komme lieber wieder vorbei. Und vielen Dank noch mal für Ihre Hilfe.“

ZWEI
Beau Callahan nahm den Stapel Post vom Sofa und legte ihn auf den Küchentisch, die Zeitungen packte er zum Altpapier, und dann nahm er Rileys Red-Sox-Sweatshirt und warf es über den Fernsehsessel. Fünf Minuten später war immer noch kaum zu sehen, dass er dabei war aufzuräumen. Wie hatte nur eine solche Unordnung entstehen können?
Die Tür ging auf, und Zac kam herein und mit ihm ein eiskalter Windstoß sowie der Geruch von Chicken Wings. Das dunkle lange Haar von Beaus Bruder war mit Schnee bestäubt. Zac war der mittlere der drei Callahan-Brüder und ein Jahr jünger als Beau, aber größer als der große Bruder, der mit seinen 1,85 Metern auch nicht gerade ein Zwerg war. Beau kannte keinen Mann mit einem so starken Bartwuchs wie Zacs. Offenbar ließ er sich gerade wieder einen Bart wachsen, stellte sein Bruder jetzt fest.
„Tut mir leid, dass ich so spät komme“, sagte Zac, stellte die Tasche ab und zog den Mantel aus.
„Danke, dass du Essen mitbringst“, entgegnete Beau.
„Wo ist denn Riley?“, erkundigte sich Zac.
„Bei Paige auf der Arbeit gab es irgendwelche Probleme, und weil ich noch so viel zu tun habe, fährt er sie wieder in die Stadt.“
Er hatte eigentlich gehofft, dass Paige bei ihrer Familienkonferenz dabei sein würde, denn sie gehörte zwar eigentlich nicht zur Familie, stand ihnen aber doch allen ziemlich nah. Sie war schon seit Jahren Rileys beste Freundin, und seit Kurzem waren Beau und sie ein Paar. Zuerst hatte es sich ein bisschen komisch angefühlt, mit der besten Freundin seines Bruders zusammen zu sein, doch inzwischen war es für Beau ganz normal geworden.
Er holte ein paar Büchsen Cola aus dem Kühlschrank und brachte sie ins Wohnzimmer, wo er sie auf den leeren Couchtisch stellte.
Zac ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und fragte: „Du liebe Güte, was ist denn hier passiert?“
„Du weißt schon, dass Tante Trudy im Krankenhaus ist, oder? Und dass Riley und ich alle Hände voll zu tun haben, um alles für den Weihnachtsbaumverkauf vorzubereiten?“
„Doch, ich weiß, ich weiß. Wir kriegen das schon hin. Deshalb habe ich doch das Treffen einberufen, oder? Weil ihr Hilfe braucht.“
„Wir kommen schon zurecht“, entgegnete Beau.
„Du kümmerst dich ständig um uns. Du bist wieder zurück auf die Farm gezogen, als Papa gestorben ist, und hast wegen der Farm deinen Job gekündigt, also lass uns doch jetzt zur Abwechslung auch mal dir helfen.“
Die Weihnachtsbaumplantage war seit vier Generationen im Familienbesitz.
„Ach, das war doch selbstverständlich“, wiegelte Beau ab und ging noch einmal zurück in die Küche, um einen Stapel Pappteller und eine Rolle Küchenpapier zu holen.
Tatsache war, dass er sich bei all den Alltagssorgen, die die Farm so mit sich brachte, manchmal schon nach seiner Zeit als Hilfssheriff zurücksehnte. Eine geregelte und interessante Arbeit hatte schon etwas für sich. Nicht dass es ihm keinen Spaß machen würde, die Farm zu leiten, aber es bedeutete auch jede Menge Stress und Druck.
Jetzt ließ er sich auf der Wohnzimmercouch nieder und schaltete im Fernsehen den Sportsender ESPN ein, auf dem eine Vorschau auf das morgige Footballspiel der Patriots lief, während Zac die Styroporbehälter mit Chicken Wings auspackte. Er ließ sich zwar nichts anmerken, aber Beau konnte er nichts vormachen. Vor einem Monat hatte Zacs Verlobte nur eine Woche vor der Hochzeit die Stadt mit unbekanntem Ziel verlassen. Zac hatte seitdem nichts mehr von ihr gehört und war völlig fertig deshalb. Tante Trudy sagte immer, die Callahan-Männer würden nur einmal wirklich lieben, aber dann richtig, und Beau hoffte um Zacs willen, dass sie damit unrecht hatte.
„Wie geht es dir eigentlich?“, fragte Beau. „Ich hab dich in letzter Zeit kaum gesehen.“
„Mir geht es eigentlich ganz gut“, antwortete Zac mit düsterer Miene. „Ich wünschte nur, die Leute würden aufhören, mir ständig Fragen zu stellen.“
Zac hatte sich ganz und gar in die Arbeit in seinem Restaurant gestürzt seit Lucy weg war, sodass Beau ihn manchmal tagelang nicht zu Gesicht bekam. Sie hatten alle viel zu tun, und eigentlich hatte keiner von ihnen Zeit für eine Krise, wie sie sich offenbar gerade anbahnte.
Die Haustür ging erneut auf, und Riley kam herein. Mit seinen nicht einmal 1,80 m Größe war er der kleinste der drei Brüder. Dafür hatte er die breiten Schultern und muskulösen Arme ihres Vaters geerbt. Er wohnte zusammen mit Beau und Tante Trudy im Farmhaus und half im Winter bei der Arbeit. In den warmen Monaten arbeitete er als Hummerfischer.
„Hallo, Leute“, begrüßte Riley seine Brüder, schnupperte dann kurz und sagte: „Hier riecht es ja köstlich.“ Dann legte er Zac eine Hand auf die Schulter und fragte mit bedauernder Miene: „Und, wie geht’s, Mann? Kommst du einigermaßen klar?“
Mit einem Blick, der besagte: Siehst du, genau das habe ich gemeint, schaute Zac Beau an.
Der warf Riley die Rolle mit Küchenpapier zu und sagte: „Er kann die Frage nicht mehr hören.“
„Na ja, es passiert ja auch schließlich nicht jeden Tag, dass einem die Verlobte …“
Als Zac ihn daraufhin nur wütend anstarrte, hielt er mitten im Satz inne und sagte stattdessen: „Ist ja schon gut … Wie sieht es denn bei den Patriots so aus?“
Und dann befassten sie sich ausgiebig mit den Chicken Wings und der Vorschau auf das Spitzenspiel des kommenden Sonntags. Vor dem großen Panoramafenster fiel der Schnee so dicht, dass man die Weihnachtsbaumplantage draußen nicht sehen konnte, und mittlerweile blieb der Neuschnee auch liegen.
„Ist es schon glatt auf den Straßen?“, fragte Beau.
Riley nickte kauend.
„Ich hoffe, dass Paige nicht zu lange auf der Arbeit zu tun hat“, sagte er dann. Paige leitete eine Tierrettungsstation im Ort. Wenn irgendwo ein Tier in Not war, ließ sie alles stehen und liegen und war zur Stelle.
„Wie ging es denn Tante Trudy heute?“, erkundigte sich Riley.
Beau rieb sich die Hände und drehte den Ton des Fernsehers aus, als ein Werbeblock begann. „Es sieht ganz so aus, als ob sie eine ganze Weile ausfallen wird“, antwortete er.
Tante Trudy war eine Art Ersatzmutter der Callahan-Brüder. Sie war am Vortag auf dem Parkplatz vor dem Wollgeschäft „Die Strickecke“ gestürzt und hatte sich ein Bein gebrochen. Jetzt hatte sie einen Gipsverband und verbreitete Trübsinn und schlechte Laune.
„Das ist der Grund, weshalb ich dieses Treffen anberaumt habe“, sagte Zac. „Ich weiß, dass ihr alle viel zu tun habt, aber wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie es in nächster Zeit hier auf der Farm laufen soll.“
„Ich habe schon ein paar Teenager zur Aushilfe angeheuert“, erklärte Beau.
„Aber ihr braucht jemanden, der hier den Laden schmeißt, solange Tante Trudy nicht da ist“, entgegnete Zac.
„Wann kommt sie denn wieder nach Hause?“, erkundigte sich Riley.
Ihre Tante arbeitete Teilzeit im Touristenbüro des Ortes, aber sie führte darüber hinaus auch den Haushalt auf der Farm, und durch ihre eigenwillige Art sorgte sie dafür, dass es nie langweilig wurde. Was das anging, hatte sie die drei Brüder noch nie im Stich gelassen.
Beau rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her und sagte: „Der Arzt möchte sie in eine Rehaklinik verlegen, und er ist sicher, dass sie wieder ganz fit wird.“
Riley lachte prustend los und bemerkte: „Ich wette, das findet sie ganz toll.“
„Ja, das Gespräch mit ihr ist wirklich nicht so gut gelaufen, aber sie braucht Rund-um-die-Uhr-Betreuung, und da für uns vor den Feiertagen jetzt die Hauptsaison beginnt, schaffen wir es auf keinen Fall allein.“
„Wie lange muss sie denn in der Rehaklinik bleiben?“, fragte Zac.
„Wenn die Krankenversicherung ihren Aufenthalt dort bezahlt, mehrere Wochen.“
„Was ist denn mit dem Touristenbüro?“, fragte Zac.
Beau zuckte nur mit den Achseln und antwortete: „Wahrscheinlich wird es einfach geschlossen, bis sie wieder auf den Beinen ist. Im Moment ist dort ja sowieso nichts los.“
„Also ich könnte noch etwas Zeit frühmorgens und montags abknapsen“, sagte Zac. „Mir ist schon klar, dass abends und an den Wochenenden immer am meisten los ist, aber das sind auch die Spitzenzeiten im Restaurant.“
Beau hatte das Gefühl, dass es für Zac zurzeit gut war, ständig beschäftigt zu sein, damit er nicht ins Grübeln kam.
„Das ist schon in Ordnung“, sagte Beau. „Dann habe ich Zeit, mich ums Geschäft zu kümmern und Tante Trudy zu besuchen.“
„Ich kann so oft und so viel aushelfen, wie du mich brauchst“, bot Riley an.
„Aber du wirst auf jeden Fall noch mehr Hilfe brauchen“, bemerkte Zac und hatte damit absolut recht.
Beau brauchte jemanden für den Geschenke-Shop und Leute zum Verpacken und Verladen der Weihnachtsbäume, und zwar so viele, dass sie in Schichten arbeiten konnten.
„Ich habe heute Nachmittag eine Reihe von Bewerbungsgesprächen und hoffe außerdem, dass Paige ein bisschen aushelfen kann“, sagte Beau. „Vielleicht ist es ja auch ganz gut für sie, auf der Farm auszuhelfen, damit sie eine Vorstellung bekommt, wie das Geschäft läuft.“
„Aber Paige hat eine eigene Arbeit, um die sie sich kümmern muss“, bemerkte Riley dazu ziemlich unwirsch, woraufhin Zac ihm nur einen fragenden Blick zuwarf, seine Coladose öffnete und dann Beau fragte: „Ist das denn was Ernstes mit euch beiden?“
„Ja, sieht ganz so aus, aber sie gehört doch sowieso praktisch schon zur Familie.“
Auf diese Frage seines Bruders hin horchte Beau allerdings noch einmal in sich hinein. Es hatte alles ziemlich gut angefangen mit ihnen, aber in letzter Zeit … lief es irgendwie nicht mehr so richtig rund.
Riley stand auf, rieb sich die Hände und sagte: „Ich muss jetzt los.“
„Was?“, fragte Beau. „Du bist doch gerade erst gekommen. Wir haben hier ein Krisentreffen.“
Doch Riley war schon dabei, sich wieder die Jacke anzuziehen, und erklärte: „Ich habe ganz vergessen, dass ich der alten Mrs. Grady versprochen habe, nach ihrem Boiler zu schauen. Es klingt doch ganz so, als ob ihr sowieso schon wisst, wie es laufen soll.“
Als Riley zur Haustür hinausging, kam wieder ein eisiger Windstoß herein. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und kurz darauf hörten sie, wie sein Truck angelassen wurde und er davonfuhr.
„Was ist denn mit dem los?“, fragte Beau mit gerunzelter Stirn, als sie den Wagen auf der Auffahrt wegfahren hörten.
„Er ist wahrscheinlich einfach nur müde“, sagte Zac und griff nach einem weiteren Chicken Wing. „Mach dir keine Gedanken. Der kommt schon klar.“

DREI
Eden hievte den Trageriemen des Rucksacks weiter hoch auf ihre Schulter. Der auffrischende Wind blies ihr eiskalt ins Gesicht, und die Kälte drang durch ihre dünne Jacke, sodass sie fror bis auf die Knochen. Ihr war klar, dass es Micah nicht besser erging. Sie waren nicht vorbereitet auf den kalten Winter in Maine – nein, sie waren auf nichts von alldem hier vorbereitet.
Ihr leerer Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Was ihr Auto anging, da konnte sie im Moment absolut nichts tun, aber gegen den Hunger schon. Als sie ein Stück die Straße hinauf ein kleines Esslokal erspähte und ihr der Geruch von gegrillten Burgern in die Nase stieg, atmete sie tief ein und fragte Micah: „Riecht das nicht gut?“
Das Lokal war gut besucht von Mittagsgästen, und Servicepersonal in grünen Schürzen lief herum, füllte Kaffee nach und balancierte Tabletts mit vollen Tellern oder benutztem Geschirr. Alle Nischen waren besetzt, aber am Tresen gab es noch ein paar freie Plätze.
Durch den Pass rief ein Mann Mitte fünfzig fertige Bestellungen aus, während er gleichzeitig Burger-Frikadellen wendete und Pommes in der Fritteuse versenkte. Ein grauer Pferdeschwanz hing ihm unter seiner weißen Papiermütze im Nacken heraus, und auf seiner Nase saß völlig schief eine Nickelbrille. Eden fragte sich, ob das wohl Frumpy Joe war.
Micahs Blick schoss wild in dem Gastraum umher, und er klammerte sich gleichermaßen fest an seinen Teddybären und an ihr Bein. Als eine der Kellnerinnen ihnen zunickte, zog Eden Micah zu einem der leeren Hocker ganz in der Nähe der Tür und schaute sich dann noch einmal gründlich in dem Lokal um. Da waren eine dreiköpfige junge Familie, ein grauhaariger Geschäftsmann, der in der Harbor Tides las, und zwei Frauen mittleren Alters, die laut miteinander lachten. Ein etwas abgerissen und ungepflegt wirkender Mann starrte sie von seinem Platz ein paar Hocker weiter aus neugierig an.
Ein Schauer durchfuhr sie, und sie schaute weg. Es ist niemand, Eden. Nur irgendein gruseliger Typ, aber sie packte die Speisekarte etwas fester.
Sie gab ihre Bestellung auf, und dann gingen sie noch einmal zur Toilette und wuschen sich die Hände, während sie auf ihr Essen warteten. Eden hatte sich genau überlegt, was sie machen würden. Sie würden sich im billigsten Hotel in Summer Harbor ein Zimmer mieten und dann in den nächsten beiden Tagen Schlaf nachholen, so gut es ging. Das war sicher anders geplant gewesen, aber sie war bis hierher wirklich vorsichtig gewesen, sodass es höchstwahrscheinlich sicher war, vorübergehend in dieser Stadt unterzutauchen, die weit ab vom Schuss und von den ausgetretenen Pfaden lag.
Ihr Blick und der des abgerissenen Mannes begegneten sich, und sie schaute rasch weg. Sie war froh, wenn sie hier fertig waren und wieder gehen konnten, denn ihr Bedarf an gruseligen Typen war für ihr Leben lang gedeckt.
Kurze Zeit später aß Eden den letzten Bissen ihres Burgers und schob ihren Teller von sich weg. Micahs dünne Beine baumelten von dem hohen Hocker, und seine Superman-Tennisschuhe reichten nicht einmal bis zu der Sprosse für die Füße. Er brauchte unbedingt ein Paar feste Stiefel – und sie auch.
„Kann ich noch was für Sie tun?“, fragte die Kellnerin und lächelte sie freundlich an. Dabei bildeten sich in ihren Augenwinkeln Unmengen kleiner Fältchen. Ihr rotes Haar war genauso künstlich wie Edens neue blonde Kurzhaarfrisur.
„Nein danke“, antwortete Eden, zog ihre Mütze noch etwas tiefer ins Gesicht und schaute nach unten.
Lass dich nicht auf ein Gespräch ein. Mach dich unsichtbar.
Die Kellnerin riss die Rechnung von ihrem Block ab und legte sie auf den Tresen. Als die Frau durch das Lokal wieder wegging, ließ Eden ihren Blick noch einmal durch den Raum schweifen. Sie hatte auch zuvor schon geglaubt, sie wären sicher, und war unvorsichtig geworden – und sie hatte ja erlebt, wozu das geführt hatte. Sie hatte immer mehr das Gefühl, dass Sicherheit – Freiheit – eine Illusion war.
Mach einfach weiter.
Sie hatten es doch beinah geschafft.
Micah zog eine lange Pommes durch den Ketchup und steckte sie in den Mund. Er hatte seinen Teller schon fast leer gegessen und dazu noch einen Becher Kakao getrunken. Sie fand es schön, ihn mit solchem Appetit essen zu sehen.
Plötzlich packte er sie am Pulli und krallte sich panisch daran fest. Er sah sie mit großen, schreckensweiten Augen an, und sein Atem ging schnell und stoßweise.
Sie legte ihre Hand auf seine und fragte: „Was ist denn? Was ist los, mein Schatz?“
Aber er wimmerte nur und versuchte, ihr mit Blicken etwas mitzuteilen.
Hatte er jemanden gesehen? Sie bekam Angst und ließ ihren Blick rasch noch einmal durch das ganze Lokal schweifen, aber niemand beachtete sie.
Micah griff sich mit den Händen an die Brust, als hielte er etwas, und seine braunen Augen füllten sich mit Tränen.
„Dein Teddy“, sagte Eden, als ihr langsam dämmerte, was los war, und Micah nickte.
„Er ist bestimmt irgendwo hier“, beruhigte sie ihn, hob den Rucksack vom Boden auf und durchwühlte ihn, aber dort war der Teddy nicht.
„Du hast ihn doch mit hier hereingebracht, erinnerst du dich? Du hattest ihn auf dem Arm. Wir finden ihn bestimmt wieder.“ Sie schaute unter ihren Hockern nach, und dann erinnerte sie sich. „Auf der Toilette. Du hast ihn bestimmt auf der Toilette liegengelassen.“
Sie stieg von ihrem Hocker, zog Micah mit sich und drückte sich um die Ecke zur Damentoilette, die nur ein paar Schritte entfernt war. Dort stieß sie die Schwingtür auf und öffnete die Kabine, in der Micah gewesen war. Und tatsächlich, da saß der blaue Bär mit dem kleinen Strohhut auf dem Toilettenpapierhalter. Mit einem erleichterten Seufzer drehte sie sich um und sagte: „Schau mal, wen ich gefunden habe.“
Micah nahm seinen Teddy, dessen blaues Fell schon ziemlich abgeliebt war, dessen gelber Strohhut am Rand ausfranste und an dessen Weste ein Knopf fehlte, und drückte ihn fest an sich. Dieser Teddy hatte schon so viel gemeinsam mit dem Jungen durchgestanden.
Eden beugte sich vor und wischte Micah die Tränen ab. Seine Wangen waren noch babyweich, und seine dunklen Wimpern waren nass von Tränen. Die hellbraunen Augen hatte er von ihr, aber den dichten schwarzen Haarschopf ganz klar von Antonio.
„Siehst du, er ist gesund und munter. Alles wird gut.“
Alles, Micah. Ich versprech’s dir. Sie drückte ihn fest an sich, stand auf und nahm ihn dann auf den Arm. Er wurde größer und auch schwerer.
Sie verlagerte sein Gewicht auf ihrem Arm, als sie die Toilette verließen und zu ihren Hockern zurückgingen, und freute sich schon auf einen schönen, langen Mittagsschlaf. Micah trank seinen Kakao aus, und sie griff nach dem Rucksack, um zu bezahlen, aber er war nicht mehr da.
Eden drehte sich um und schaute sich in der unmittelbaren Umgebung ihres Platzes um, aber ihre Tasche war nirgends zu sehen.
Mit Micah an der Hand hastete sie noch einmal zurück zur Toilette, obwohl sie eigentlich sicher war, dass sie den Rucksack nicht mit dort hingenommen hatte, aber wo sollte er sonst sein? Sie drückte die Tür zu der Kabine noch einmal auf und bekam langsam Panik. Vielleicht hatte die Kellnerin gedacht, sie wären schon gegangen, und hatte den Rucksack hinter den Tresen gestellt.
Ja, so musste es sein. Natürlich!
Mit weichen Knien hastete sie wieder zurück und glaubte eigentlich selbst nicht so recht an diese Möglichkeit.
„Entschuldigen Sie bitte“, rief sie, als die rothaarige Kellnerin hinter dem Tresen vorbeikam. „Haben Sie vielleicht meinen Rucksack gesehen? Ich hatte ihn hier auf dem Boden abgestellt.“
„Nein, tut mir leid. Sind Sie sicher, dass Sie ihn dabeihatten?“
„Ja, ganz sicher“, antwortete sie.
Das Geld! Edens Herz klopfte jetzt so heftig, dass sie glaubte, man könnte es von außen sehen. Ihr gesamtes Geld war in dem Rucksack. Sie holte einmal tief Luft und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
„Entschuldigen Sie“, hörte sie da eine Frau in einer Nische rufen. „Suchen Sie einen grauen Rucksack?“
Mit einem Ruck drehte sich Eden zu der Frau um. „Ja. Haben Sie ihn gesehen?“
„Ich habe gesehen, dass ein Mann ihn mitgenommen hat. Der Mann, der da drüben gesessen hat“, sagte sie und zeigte auf einen der Hocker. „Er hat den Rucksack genommen und ist gegangen. Es ist erst ein paar Minuten her. Ich dachte, Sie gehören zusammen.“
Eden rannte nach draußen, Micah dicht hinter ihr, schaute erst links und dann rechts die Straße hinunter, aber der Mann war nirgends mehr zu sehen. Eine junge Frau ging in ein Geschäft neben dem Lokal.
„Entschuldigen Sie bitte“, rief Eden ihr zu. „Haben Sie hier gerade einen Mann entlanggehen sehen? Dunkler Mantel, etwas längeres Haar, ungepflegt?“
„Nein, leider nicht. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
Eden holte einmal tief Luft und dann noch einmal, und beim Ausatmen bildeten sich in der Kälte kleine Wölkchen vor ihrem Mund. „Nein, vielen Dank“, antwortete sie mit heftig klopfendem Herzen.
Es war noch gar nicht lange her, da hätte sie dieses Problem ganz einfach mit einem Gang zum Geldautomaten gelöst. Sie hätte lächelnd ihre Karte gezückt und alles kaufen können, was sie wollte.
Aber inzwischen war alles anders. Sie hatte kein Geld und auch keine Karte mehr, sondern nur noch die Kleider, die sie am Leib trugen, und einen kaputten Buick, den sie nicht reparieren lassen konnte, weil sie kein Geld hatte. Panik stieg in ihr auf.
Wie konntest du nur so blöd sein, Eden?
Da bimmelten die Glöckchen über der Eingangstür des Lokals, und die Kellnerin kam heraus, verschränkte gegen die Kälte die Arme vor der Brust und fragte: „Und, irgendeine Spur von ihm?“
Eden schaute sich noch einmal um, ließ ihren Blick den Bürgersteig entlangschweifen und antwortete dann: „Nein, nichts.“
Die Frau legte ihren Arm um Edens Schultern und sagte: „Kommen Sie erst einmal aus der Kälte, und dann rufen wir die Polizei, und die …“
„Nein!“, sagte Eden und machte sich los. „Ich meine … es ist schon gut. Nicht so schlimm.“
„Aber Sie wollen doch den Rucksack wiederhaben, oder? Je eher wir die Polizei rufen, desto besser. Sonst ist der Kerl über alle Berge.“
Die Polizei würde nach ihrem Namen, ihrer Adresse und ihrer Telefonnummer fragen, alles Informationen, die sie nicht preisgeben konnte. Sie durfte niemandem trauen. Ganz besonders nicht der Polizei.
„Ist schon gut. Ich komme schon zurecht“, sagte Eden und zog mit steifen, zittrigen Fingern den Reißverschluss von Zacs Jacke hoch.
„Also gut. Wenn es Ihnen so lieber ist. Aber es macht mir wirklich nichts aus, anzurufen.“
„Vielen Dank, aber wir müssen uns jetzt wieder auf den Weg machen“, sagte Eden, aber plötzlich stockte sie, denn ihr fiel siedendheiß ein, dass sie ja jetzt ihr Essen gar nicht bezahlen konnte.
„Hören Sie … in dem Rucksack war mein gesamtes Bargeld … ich werde die Rechnung bezahlen, sobald ich kann, und ich …“
„Glauben Sie mir, meine Liebe, die paar Dollar machen mich nicht arm. Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken.“ Und mit diesen Worten öffnete sie die Tür, schaute kurz auf Micah hinunter und dann noch einmal Eden an und sagte: „Ich hoffe, Sie bekommen Ihren Rucksack wieder.“ Dann ging sie zurück ins Lokal.
Eden schaute die Straße hinunter, ohne etwas zu sehen. Sie besaß keinen einzigen Cent mehr und nicht einmal einen Platz, um sich aufzuwärmen. Ein Motel kam jetzt natürlich gar nicht mehr infrage. Vielleicht konnten sie ja wieder zu der Autowerkstatt zurücklaufen und dort im Wagen übernachten, auch wenn es schrecklich kalt werden würde. Sie zitterte innerlich, und das Essen lag ihr jetzt schwer im Magen. Sie musste nachdenken.
Sie fasste Micah bei der Hand und ging mit weichen Knien und zittrigen Beinen Richtung Bibliothek. Dort konnten sie sich ein bisschen aufwärmen, während sie sich überlegte, wie es jetzt weitergehen sollte.
Als sie dort ankamen, fand sie ein stilles Eckchen in der Kinderbuchabteilung. Sie suchte ein paar Bücher für Micah heraus, damit er beschäftigt war, und setzte sich auf den kleinen Kinderstuhl neben ihm.
„Du schaust dir die Bücher an, und Mama denkt ein bisschen nach, okay?“
Sie waren noch etwa fünf Autostunden von Loon Lake entfernt, aber in so entlegenen Gegenden von Maine verkehrten keine Busse, und Taxis gab es auch nicht. Doch das war auch eigentlich egal, denn sie hatte ja ohnehin kein Geld, um die Fahrt zu bezahlen. Blieb also nur per Anhalter, und das konnte sie mit Micah zusammen nicht riskieren, selbst wenn es Autos gab, die in die Richtung fuhren – was sie bezweifelte. Besonders, da auch noch ein Unwetter angesagt war.
Das einzig Wertvolle, was sie noch besessen hatte – der Ring –, war schon verkauft. Sie schaute an sich hinunter auf ihre Designerjeans und den Kaschmirpulli, aber dafür würde sie secondhand nicht viel bekommen, und auch das Auto war nicht viel wert, selbst wenn es repariert war.
Sie würden also eine Weile hierbleiben müssen, eine andere Möglichkeit sah sie nicht. Sie musste sich vorübergehend einen Job suchen, und zwar so schnell wie möglich. Die Weihnachtszeit stand ja vor der Tür, und da würden in den Geschäften sicher Aushilfen gesucht. Wenn sie erklärte, dass ihr Ausweis gestohlen worden sei, dann hatte ja vielleicht jemand Erbarmen mit ihr. Sie hatte allerdings keine Ahnung, wohin mit Micah, wenn sie arbeitete. Vielleicht gab es ja einen Kindergarten, für den eine Assistentin gesucht wurde.
Aber ob das so kurz vor den Weihnachtsferien realistisch war?
Sie hatten kein Geld für Essen und auch keinen Platz zum Schlafen für diese Nacht, und dann war da ja auch noch der Umstand, dass es jemanden gab, der sie umbringen wollte.
Micah hatte die Bücher inzwischen wieder beiseitegelegt und ließ jetzt den Teddy auf seinem Schoß hopsen. Sie fragte sich, was wohl gerade in seinem Köpfchen vorging, und als sie ihm tief in seine braunen Augen schaute, entdeckte sie darin Sorge.
„Also … eine Planänderung“, sagte sie und versuchte, ihrer Stimme einen munteren Ton zu geben. „Es sieht so aus, als müssten wir eine Weile hierbleiben. Ist doch vielleicht sogar ganz nett, ein bisschen am Meer zu bleiben, oder?“
Sie wartete auf eine Reaktion – hoffte darauf –, und er blinzelte auch, aber die Sorge in seinem Blick blieb.
„Ich suche mir einen Job, und dann bleiben wir ein bisschen in dieser netten kleinen Stadt. Was hältst du davon?“
Sie würde mit der Jobsuche in dem kleinen Esslokal beginnen, und wenn sie dort niemanden einstellten, würde sie es in den Geschäften an der Hauptstraße versuchen. Micah würde sie mitnehmen müssen auf Jobsuche, was zwar nicht so schön war für alle Beteiligten, sich aber nun mal nicht ändern ließ. Wenigstens sah sie in der schicken Jeans und dem edlen Pulli einigermaßen vorzeigbar aus.
Und dann gab es da noch ein weiteres entscheidendes Detail, das sie als Erstes angehen musste. Sie rutschte auf dem kleinen Stuhl hin und her und sagte schließlich: „Erinnerst du dich noch an das Spiel, das wir gespielt haben? Dieses Spiel, in dem du Adam heißt und ich Andrea?“
Micah nickte, und seine Augen leuchteten auf.
„Ja, ich weiß, dass du gewonnen hast. Aber nur mit einem Punkt und nur, weil ich einen Moment nicht aufgepasst habe.“
Ein Lächeln umspielte seine Lippen.
„Du warst richtig gut in dem Spiel, und ich möchte auch gerne weiterspielen, aber ich finde, wir fangen noch mal von vorne an, ja?“
Er runzelte so heftig die Stirn, dass sich seine Augenbrauen beinah in der Mitte trafen.
Sie wuschelte ihm durchs Haar und lachte leise. „Keine Sorge, du behältst deinen Punkt Vorsprung, aber wir machen es jetzt noch ein bisschen schwieriger, ja? Wir nehmen noch einmal neue Namen, und dieses Mal darfst du dir deinen sogar selbst aussuchen.“
Erwartungsvoll sah sie ihn an. Eines Tages würde sie ihm eine Frage stellen, und er würde antworten. Aber nicht heute, denn er starrte sie nur mit seinem unergründlichen Blick an.
„Wie wäre es denn mit SpongeBob?“, fragte sie mit ernster Miene.
Micah legte die Stirn in noch tiefere Falten und sah verwirrt aus. „Nein? Dann vielleicht Pinoccio?“
„Ach ja, richtig, der hatte ja dieses Problem mit dem Lügen. Und außerdem eine lange Nase, also ganz anders als du.“ Sie zwickte ihm ganz leicht in die Nase und fuhr fort: „Na ja, bleiben immer noch Banana, Ebenezer oder Pooter.“
Jetzt leuchteten seine Augen, und zum ersten Mal, seit sie auf der Flucht waren, sah sie ihn lächeln. Und dann schüttelte er heftig den Kopf.
„Ach, Mensch“, sagte sie und sah ihn jetzt streng an. „Ich hab ja gar nicht gewusst, dass du so wählerisch bist. Dann kann das mit einem neuen Namen ja dauern.“ Sie dachte an die Kinderserie, die er sich immer anschaute, die mit dem klugen, liebenswerten Helden, der immer irgendwie in der Patsche saß oder irgendwelchen Ärger hatte.
„Also all die guten Namen, die ich schon vorgeschlagen habe, willst du ja nicht, aber es gibt doch bestimmt einen. Zum Beispiel, ach, ich weiß auch nicht … Jack?“
Jetzt nickte er begeistert.
„Der gefällt dir also? Na gut, dann heißt du Jack. Jack Bennet“, sagte sie und borgte sich den Nachnamen von ihrer Lieblingsheldin aus einem Roman von Jane Austen aus. Dann wuschelte sie ihm noch einmal durchs Haar und erklärte: „Ich glaube, du gibst einen guten Jack ab. Und weißt du was? Ich wollte schon immer Kate heißen, also heiße ich in dem Spiel jetzt so.“
Dann legte sie ihm den Zeigefinger unters Kinn, hob seinen Kopf ein wenig und sagte: „Aber für dich bin ich immer noch Mama, Mister.“
Ihr Lächeln verflog, als ihr bewusst wurde, dass er sie schon seit Monaten gar nicht mehr angesprochen hatte.
Aber bald. Bald werde ich meinen Jungen wiederhaben.
„Okay, also gehen wir noch mal die drei Regeln durch, nur für den Fall, dass du sie vielleicht vergessen hast: Erstens: Du musst immer sofort reagieren, wenn jemand dich Jack nennt, sonst wird dir ein Punkt abgezogen. Zweitens: Du darfst niemandem deinen richtigen Namen sagen, sonst wird dir ein Punkt abgezogen. Und drittens: Dieses Spiel ist ein Geheimnis nur zwischen dir und Mama, und wenn du irgendjemandem etwas davon sagst, dann hast du das ganze Spiel verloren.“
Lächelnd nickte er.
„Du glaubst, dass du mich schlagen kannst, nicht wahr?“
Sein Lächeln wurde intensiver.
„Na, das werden wir ja sehen, Mr. Jack.“

VIER
Eden zog Micah etwas weiter vom Straßenrand weg, als ein Lastwagen vorbeidonnerte. Zwar boten die Bäume am Straßenrand etwas Schutz vor dem eisigen Wind, aber sie hatte noch nie eine so brutale Kälte erlebt. Sie vermisste zwar sonst absolut nichts von ihrem alten Zuhause, hätte aber alles gegeben für einen warmen, sonnigen Südstaatentag. Ihre Sportschuhe waren schon längst völlig durchweicht, sodass auch ihre Socken nass waren und ihre Füße sich anfühlten wie Eisklumpen.
Bei ihrer letzten Rast hatte sie Micahs Füße kontrolliert, die zum Glück noch trocken gewesen waren. Er war wirklich tapfer gewesen den ganzen Tag über, denn sie hatte so ziemlich in jedem Laden in der Stadt nach Arbeit gefragt – ohne Erfolg.
Wenigstens hatten sie kostenlos zu essen bekommen, denn die winzige Bibliothek feierte die Einweihung einer Erweiterung mit einem Tag der offenen Tür. Der Besuch war wegen des Wetters dürftig gewesen, aber Micah und sie hatten sich gütlich getan an den Snacks und für den Abend sogar noch ein paar Weihnachtsplätzchen eingesteckt. Darauf war sie bestimmt nicht stolz, aber es hatte sein müssen. Micah bekam bestimmt bald wieder Hunger, und sie hoffte, dass die Plätzchen eine Weile reichen würden.
Ein Auto fuhr vorbei und wich ihnen in einem großen Bogen aus. Die Sonne ging langsam unter, und es blieb ihnen jetzt nur noch eine Möglichkeit. In drei verschiedenen Geschäften hatte sie von den Besitzern erfahren, dass auf einer Weihnachtsbaumplantage eine Aushilfe gesucht wurde. Das wäre perfekt, aber die Farm mit der Plantage lag ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, sodass sie diese Möglichkeit bis zum Schluss aufgehoben hatte. Sie hatte schon versucht, dort anzurufen, aber es war sofort der Anrufbeantworter angesprungen.
Micah entzog ihr seine Hand, und sie blieb stehen, während er sich den einen Schuh auszog.
„Was ist denn los, Jack?“, fragte sie ihn. Sie musste sich daran gewöhnen, ihn so zu nennen, und er musste sich daran gewöhnen, so zu heißen, deshalb hatte sie ihn heute sehr oft so angesprochen. „Hast du nasse Füße?“
Er schüttelte den Kopf und hielt sich an ihr fest, während er ein Steinchen aus seinem Schuh schüttelte.
„Na, wie ist denn der da hineingekommen?“, fragte sie und befühlte sicherheitshalber noch einmal seine Socke. Besorgt schaute sie dabei in den Wald, in dem es langsam dunkel wurde, während er sich den Schuh wieder anzog.
Sie fragte sich, ob sie ihre Spuren sorgfältig genug verwischt hatte oder ob Langley ihnen schon wieder auf den Fersen war. Sie musste noch einmal an ihre letzten Momente in der Schutzwohnung denken, und schon allein bei dem Gedanken bekam sie Herzrasen. Ihr Körper wurde von innen nach außen ganz kalt, und sie unterdrückte ein Zittern.
Ach, Walter, es tut mir so leid.
Jetzt nahm Micah wieder ihre Hand.
Sie zuckte zusammen und schob die Erinnerung möglichst weit weg von ihrem verletzlichen Sohn.
„Fertig?“
Als sie zehn Minuten später einen Hügel hinaufgegangen waren und um eine Kurve bogen, tauchte ein Schild auf.
„Callahan Weihnachtsbaumplantage“, stand darauf. „So, wir sind da, Mr. Jack. Und jetzt schauen wir mal, ob es hier einen Job für uns gibt.“ Das Schild war alt und rustikal mit leuchtend roten Buchstaben, aber die Beleuchtung war noch nicht eingeschaltet. Sie fragte sich, ob so spät an einem Samstagabend wohl überhaupt noch jemand im Büro war.
Sie bogen in die Auffahrt, und der frische Schnee knirschte unter ihren Füßen. Fichten in den unterschiedlichsten Größen säumten den Weg, und dahinter lag hügeliges, schneebedecktes Land, so weit das Auge reichte.
Kurz darauf gelangten sie zu einem Parkplatz, der noch nicht von Schnee geräumt war. In der Nähe des Parkplatzes stand eine große rote Scheune. Über einem Platz, wo, wie sie annahm, demnächst die bereits geschlagenen Bäume präsentiert werden würden, waren Lichterketten gespannt, die aber ebenfalls noch nicht eingeschaltet waren.
„Sieht so aus, als ob geschlossen ist. Wir versuchen es einfach mal im Haus. Die Frau in dem Laden hat gesagt, es wäre am Ende der Auffahrt.“
Bitte, Gott. Ich weiß, ich habe dich in letzter Zeit um ziemlich viel gebeten, aber ich brauche diesen Job unbedingt.
Doch selbst wenn sie ihn bekäme, würde das noch nichts an ihrer momentanen Notlage ändern. Es würde mit Sicherheit eine Woche dauern, bis sie ihren ersten Lohn bekäme, und wovon sollten sie bis dahin leben? Und wo sollten sie unterkommen?
Hör nicht auf zu glauben, Eden.
Ab und zu hörte Eden in ihrem Kopf Karens Stimme, so als wäre sie noch bei ihr. Diese ganz normalen, unkomplizierten Tage schienen schon so weit weg, so lange her, fast wie aus einer völlig anderen Welt. Karen wäre bestimmt sehr traurig über all die schlechten Entscheidungen, die Eden getroffen hatte.
Und du siehst ja auch selbst, wie weit sie dich gebracht haben!
Micah blieb plötzlich stehen und zeigte nach links. Ein schmaler Weg führte zu einem Schuppen aus Holz, aus dessen Dach ein Rohr ragte. Der Weg dorthin war ebenfalls nicht geräumt, und es waren auch keine Spuren darauf zu sehen.
„Ich glaube nicht, dass es das ist, Jack“, sagte sie.
Sie gingen also weiter die kurvige Auffahrt hinauf, und nachdem sie noch einmal eine kleine Steigung hinaufgegangen waren, sahen sie in der Senke dahinter ein Haus. Es war ein zweigeschossiges Farmhaus mit einer breiten, einladenden Veranda davor. Eden stieß einen leisen Seufzer aus, als sie die Fenster sah, hinter denen behagliches Licht zu sehen war.
Sie warf noch einmal einen Blick auf ihre Uhr, die billige, die sie erworben hatte, nachdem sie ihre Cartier-Uhr verkauft hatte. Es war fast Abendessenszeit – aber wenigstens war jemand zu Hause.
Kurz darauf stapften sie die Verandatreppe hinauf. Sie zog Micah ganz nah an sich heran und rieb seine Arme schnell und fest, um ihn warm zu halten, während sie gleichzeitig versuchte, ihre steifgefrorenen Zehen zu bewegen. „Alles in Ordnung, Jack?“
Er nickte. Seine Wangen waren gerötet, und seine Nase lief.
Sie streckte die behandschuhte Hand zur Klingel aus, aber im selben Moment ging auch schon die Tür auf. Sie trat einen Schritt zurück und zog Micah noch näher an sich heran.
Ein Mann blieb abrupt in der Tür stehen und zog seine dunklen Augenbrauen hoch, als sich ihre Blicke trafen. Er war groß, hatte schwarzes, etwas längeres Haar, und weil er auf der Schwelle stand, wirkte er riesig.
Sein Blick ging nach unten zu Micah, und dann schaute er wieder sie an. „Hallo“, sagte er.
„Hallo“, erwiderte sie. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, als sie sagte: „Ich wollte gerade bei Ihnen klingeln.“
Die Verandabeleuchtung warf Schatten auf sein kantiges Kinn, und das warme Licht betonte sein gutaussehendes Gesicht. Seine Augen waren so dunkelbraun, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Das war vielleicht auch der Grund, weshalb sie gar nicht wieder wegschauen konnte. Das – und vielleicht auch seine Ähnlichkeit mit Keanu Reeves.
„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein? Ich wollte gerade nach draußen“, sagte er.
Er musterte ihr Gesicht, und zum ersten Mal seit Monaten fragte sie sich, wie sie wohl aussah. Sie widerstand dem Drang, sich eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, wieder unter die Baseballkappe zu stecken, und hoffte, dass ihr neuer Blondton nicht allzu künstlich wirkte.
„Ich habe von Charlotte aus dem Frumpy Joe’s erfahren, dass Sie Jobs für Aushilfen auf der Weihnachtsbaumplantage zu vergeben haben.“
Seine Mundwinkel gingen nach unten, und er schaute betrübt drein.
„Ach, das tut mir wirklich leid, aber …“
„Ich bin schwere Arbeit gewohnt“, sagte sie schnell. „Ich lerne rasch und könnte sofort anfangen.“ Wie schon am Vortag kamen ihre Worte überhastet heraus und klangen deshalb vermutlich ziemlich verzweifelt, aber sein Blick bewirkte, dass sich Furcht wie eine kalte Hand in ihr Fleisch grub. „Und ich brauche auch nur vorübergehend etwas, sodass es eigentlich perfekt passen würde. Ich bin ziemlich belastbar und stärker, als ich aussehe.“
Sie trat einen Schritt zurück, weil er aus dem Haus kam und die Tür hinter sich zuzog, und mit dem Luftstrom dabei kam aus dem Inneren des Hauses ein unglaublich köstlicher Duft nach draußen, sodass ihr Magen heftig zu knurren begann.
„Ich würde Ihnen wirklich gerne helfen, aber die Stellen, die wir zu vergeben hatten, sind schon alle besetzt“, erklärte er.
„Schade“, sagte sie, und dabei kondensierte ihr Atem, sodass sich vor ihrem Mund ein Wölkchen bildete. Als kein Job, kein Geld, kein Essen und keine Unterkunft.
„Aber lassen Sie mir doch einfach Ihre Kontaktdaten da. Wenn es mit jemandem von den Leuten, die ich eingestellt habe, nicht klappt, rufe ich Sie an. Ein paar von ihnen sind Jugendliche – und Sie wissen ja, wie das ist.“
Nein, das wusste sie eigentlich nicht.
„Außerdem sind es auch nur Teilzeitjobs, und ich bin sicher, dass Sie dafür überqualifiziert sind.“
„Sie würden sich wundern“, sagte sie und stieß ein ironisches Lachen aus in der Hoffnung, dass er nicht merkte, was für einen schweren Schlag er ihr gerade versetzt hatte.
Er schaute auf die Uhr und sagte: „Ich muss jetzt wirklich los. Ich bin schon spät dran.“ Dann schaute er hinüber auf die Seite des Hauses, wo ein alter roter Pickup und ein Ford Explorer nebeneinanderstanden. „Sind Sie zu Fuß den ganzen Weg aus der Stadt hier herausgekommen?“
„Ja“, antwortete sie und versuchte, begeistert zu klingen, so als wäre der flotte Marsch das Highlight ihres Tages gewesen. „Sehr malerisch … sehr waldig. Es ist wunderschön hier.“
Er zog eine Augenbraue hoch und sah noch einmal auf Micah hinunter.
Sie zog ihren Handschuh aus, um ihre Daten aufzuschreiben, und merkte erst da, dass sie ja gar nichts zum Schreiben dabeihatte. „Haben Sie vielleicht einen Stift?“
„Ich kann die Nummer auch gleich in mein Handy eingeben“, sagte er und zeigte ihr sein Handy. „Ich heiße übrigens Beau. Beau Callahan.“
„Kate“, stellte sie sich vor, und wenn sie die Hand, die er ihr gab, ein bisschen zu lange festhielt, dann nur, weil sie so schön warm war. „Und das hier ist Jack“, fügte sie noch hinzu.
„Hallo, Jack“, begrüßte er auch den Jungen.
Und dann nahm Beau sein Handy und sah sie erwartungsvoll an.
Ach du liebe Zeit. Was hatte sie sich denn nur gedacht? Sie hatte doch gar keine Handynummer. Ja, sie hatte nicht einmal eine Adresse. Sie merkte, wie sie rot wurde, und wand sich unter seinem direkten Blick. „Ach – wissen Sie was? Am besten rufen Sie in dem Café an, wenn wieder irgendetwas frei wird. Im Frumpy Joe’s.“ Sie würde dort einfach jeden Tag nachfragen. Vielleicht sogar stündlich. „Hinterlassen Sie die Nachricht dann doch bitte bei Charlotte, ja?“
„Klar, das kann ich machen. Sind Sie mit den Duprees verwandt?“
„Äh …. nein“, antwortete sie rasch.
Er steckte sein Handy wieder in die Tasche, holte seine Autoschlüssel heraus und fragte: „Soll ich Sie wieder mit zurück in die Stadt nehmen? Ich fahre jetzt nämlich dorthin.“
Er war ja anscheinend ganz nett, aber das war Antonio auch gewesen. Und Langley ebenfalls. Sie vertraute seitdem niemandem mehr, und schon gar nicht ihrem eigenen Urteil.
Sie griff nach Micahs Hand, ging zur Verandatreppe und antwortete: „Nein, vielen Dank. Wir kommen schon zurecht.“
Die Stelle zwischen seinen Augenbrauen kräuselte sich, und er sagte in besorgtem Ton: „Aber es wird bald dunkel, und es gefällt mir gar nicht, dass Sie ganz umsonst hergekommen sind.“
„Machen Sie sich darüber bloß keine Gedanken“, entgegnete sie, aber fünf Minuten später fragte sie sich, ob diese Entscheidung richtig gewesen war, denn sie zitterte so heftig, dass ihre Zähne klapperten. Micah hatte angefangen zu quengeln, und sie hatten noch nicht einmal die lange Auffahrt zurück zur Hauptstraße hinter sich. Wie sollten sie es da den ganzen Weg zurück in die Stadt zu ihrem Auto schaffen?
„Ach, mein Kleiner. Mir ist auch so kalt“, sagte sie.
Und hungrig war sie ebenfalls, aber das erwähnte sie lieber nicht, weil er seinen eigenen Hunger vielleicht noch gar nicht bemerkt hatte. Beau hatte recht. Die Sonne war hinter den Hügeln verschwunden, und es wurde dunkel. Der Weg zurück in die Stadt war weit, das Café schloss um sechs, und sie bezweifelte, dass es in der Kleinstadt etwas gab, das länger geöffnet hatte. Sie hatte eine kleine Kirche gesehen, aber die war sicher verschlossen, und eine Obdachlosenunterkunft gab es wahrscheinlich auch nicht. Dafür war die Stadt einfach zu klein.
Herr … Gott. Jetzt wünschte sich Eden Martelli schon eine Obdachlosenunterkunft. Wie hatte es nur so weit kommen können?
Wieder wimmerte Micah, und sie beugte sich nach unten, um ihn auf den Arm zu nehmen.
„Na, brauchst du eine Pause, Jack?“
Er legte sein Gesicht an ihren Hals, und sie spürte den Gegensatz zwischen seinen kalten Wangen und dem warmen Atem. Als sie endlich wieder die Hügelkuppe erreicht hatten, taten ihr die Arme und der Rücken weh, ihre Lunge brannte, sie spürte ihre Zehen nicht mehr und blieb keuchend und völlig außer Atem stehen. Sie beugte sich noch einmal nach vorn, um Micah wieder abzusetzen, aber er klammerte sich wimmernd an ihrem Hals fest. Der arme Kleine.
Du kannst dich nicht einmal richtig um deinen Sohn kümmern. Was bist du bloß für eine Mutter?
Doch sie verscheuchte diese Stimme in ihrem Inneren, ging neben Micah in die Hocke und schloss ihn in die Arme. Solange sie nachdachte, konnte sie ihn ebenso gut auch wärmen.
Sie schaute sich in der immer dunkler werdenden Gegend um, so als könnte wie durch Zauberhand plötzlich eine Blockhütte auftauchen. Es war unmöglich, es zu Fuß bis ganz zurück in die Stadt zu schaffen, und Micah musste unbedingt aus der Kälte raus. Auf dem Hinweg waren sie zwar an ein paar Häusern vorbeigekommen, aber sie würde sich hüten, irgendwelchen Fremden zu vertrauen.
Ein Stückchen weiter die Straße entlang fiel ihr dann plötzlich wieder der Schuppen ein, an dem sie vorbeigekommen waren. Er war sehr klein und wahrscheinlich auch verschlossen, aber wenn es sein musste, würde sie eben ein Fenster einschlagen. Sie würde es Beau Callahan irgendwann wieder ersetzen.

FÜNF
Beau beendete das Telefongespräch, während er rückwärts von der Auffahrt vor Paiges Haus auf die Straße fuhr. Ihr gemeinsamer Abend war durch den Anruf vorzeitig beendet worden, was allerdings nicht hieß, dass es zuvor besonders gut gelaufen wäre.
Paige war an diesem Abend nicht gut drauf gewesen wegen des Hundenotfalls, mit dem sie zu tun gehabt hatte, und dann hatte Beau auch noch den Fehler gemacht zu erwähnen, dass auf der Farm ihre Hilfe gebraucht würde. Sie hatte ihm daraufhin ganz klar gesagt, dass sie mit ihrer eigenen Arbeit genug zu tun habe und nicht einspringen könne. Noch schlimmer war es dann mit dem Anruf von Tante Trudy geworden, den er gerade bekommen hatte.
Er gab Gas, während er per Schnellwahl Zacs Nummer wählte.
Beim vierten Läuten ging sein Bruder an sein Handy.
„Ich habe schlechte Nachrichten“, sagte Beau. Im Hintergrund hörte er die Stimmen der Gäste des Roadhouse und einen laufenden Fernseher. „Hast du kurz Zeit?“
„Klar. Was ist denn los?“
„Tante Trudy hat gerade angerufen. Ihre Krankenversicherung zahlt den Aufenthalt in der Rehaklinik nicht.“
„Und was bedeutet das?“, erkundigte sich Zac.
„Das bedeutet, dass wir die Tausende von Dollars hinblättern müssten, die es kosten würde. Sie kommt morgen nach Hause.“
„Und was ist mit ihren Therapien?“
„Die finden jetzt zweimal wöchentlich ambulant statt. Die Kosten werden von der Versicherung übernommen, aber sie braucht jemanden, der sie versorgt und zu den Therapien begleitet.“
„Also da kann ich wirklich nicht helfen“, sagte Zac betrübt.
„Es müsste ja auch jemand sein, der die ganze Zeit bei ihr bleiben kann, Zac“, sagte Beau seufzend.
Das konnte doch alles nicht wahr sein. Ausgerechnet jetzt, wo jede Hand draußen für den Weihnachtsbaumverkauf gebraucht wurde. Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter sein können.
„Riley könnte doch …“, wollte Zac vorschlagen, aber Beau unterbrach ihn und sagte:
„Den brauche ich draußen für den Transport der Bäume und den Verkauf. Er ist die einzige erfahrene Hilfe, die ich habe.“
„Und ich nehme an, dass Paige auch keine Zeit hat, oder?“, erkundigte sich Zac jetzt.
Darauf gab es nur ein dickes, fettes Nein. „Wir müssen jemanden einstellen, und Tante Trudy muss nach unten ziehen. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass sie das Bein nicht belastet und dass sie sich aus der Küche fernhält“, berichtete Beau weiter.
„Oh Gott, sie wird uns in den Wahnsinn treiben“, bemerkte sein Bruder nur.
„Ja, das glaube ich auch“, pflichtete er ihm bei.
„Hast du gesagt morgen?“, fragte Zac noch einmal nach.
„Ja, genau. Kennst du jemanden, der auf der Suche nach einem Betreuerjob ist?“, fragte er, und in dem Moment fiel Beau die Frau wieder ein, die am Spätnachmittag auf seiner Veranda aufgetaucht war und nach einem Job gefragt hatte. Wenn sie gute Referenzen hatte, konnte sie ja vielleicht …
Sie hatte kurzes blondes Haar, hellbraune Augen und ein Engelsgesicht. Das Gesicht eines sehr schüchternen und verzweifelten Engels.
„Ich überlege mir was“, sagte Zac. „Ich rufe dich vor dem Gottesdienst an.“
„Das klingt gut“, saget Beau, beendete das Gespräch und bog schon ein paar Minuten später wieder in seine Einfahrt, in Gedanken immer noch bei der Logistik der nötigen Umzüge innerhalb des Hauses. Es gab auf der Rückseite des Hauses ein Esszimmer für offizielle Anlässe, das eigentlich nie benutzt wurde, mit einem Gästebad. Dorthin würde er Tante Trudy umquartieren. Aber wohin dann mit der Esszimmereinrichtung?
Natürlich – es gab ja noch den Schuppen, in dem der Generator stand, aber sonst nur jede Menge alter Krempel aufbewahrt wurde. Kisten voller alter Bücher und kaputte alte Geräte, die sein Vater nicht entsorgt hatte. Er musste dort einfach Platz schaffen, denn Tante Trudy würde einen Anfall bekommen, wenn er beim Umräumen Möbel verschrammte. Am besten erledigte er die Sache sofort, noch heute Abend.
Er bog also auf den schmalen Weg zu dem Schuppen ab, der noch nicht geräumt war, aber bis jetzt waren auch erst ein paar Zentimeter Schnee gefallen.
Als das Scheinwerferlicht auf die Schneefläche vor ihm fiel, runzelte er erstaunt die Stirn, denn da waren Fußspuren. Die mussten von der Frau mit dem Kind stammen, die vorhin da gewesen waren, aber eigentlich konnte das auch nicht sein, denn es waren nur zwei Füße, deren Größe schwierig zu schätzen war, weil schon wieder neuer Schnee darauf gefallen war.
Und dann sah er im Scheinwerferlicht den Schuppen und eine eingeschlagene Fensterscheibe neben der Tür.
„Was um Himmels willen …“
Er nahm den Gang raus, stieg aus und dachte an den teuren Generator, der dort stand. Wenn der weg war, hatte er ein Problem, denn er hatte kein Geld, einen neuen zu kaufen. Eigentlich war Summer Harbor ein ziemlich sicherer Ort, aber als ehemaliger Hilfssheriff wusste er von jedem einzelnen Zwischenfall. Ganz zu schweigen von dem Mord, den es vor kurzem in Folly Shoals gegeben hatte. Da wurde man schon vorsichtig.

Als Eden das Motorengeräusch hörte, sprang sie auf. Das war ein Auto, das da näher kam. Ihr Herz begann zu rasen, und ihr Atem wurde schnell und flach, als ein Lichtkegel über das zerbrochene Fenster glitt und dann wieder verschwand, sodass es wieder dunkel war um sie her.
Der Farmbesitzer konnte noch nicht wieder zurück sein, denn er war ja erst vor etwas über einer Stunde mit dem Truck weggefahren. Und dafür, dass noch jemand in dem dunklen Schuppen arbeiten wollte, war es eigentlich zu spät. Angst fuhr ihr in die Glieder, und sie begann am ganzen Körper zu zittern.
Das war bestimmt Langley, das schrie ihr Instinkt förmlich. Er hatte sie gefunden. Sie konnte ihn geradezu riechen, den beißenden Zigarettengeruch und den süßlichen Geruch der Gewürznelken, die er immer lutschte.
„Wach auf, Micah!“, sagte sie, tastete nach ihrem Sohn, hob ihn hoch und stellte ihn auf die Füße. Ihre Arme zitterten, und sie hörte das Pochen ihres Herzens laut wie eine Trommel in den Ohren.
Es gab eine Hintertür, durch die sie entwischen konnten, aber weit würden sie nicht kommen, denn mit Micah war sie nicht schnell genug. Sie musste deshalb bleiben und kämpfen, damit er Zeit hatte wegzulaufen. Das war seine einzige Chance.
Sie zog ihn zur Hintertür und stolperte dabei über irgendetwas, das auf dem Holzboden lag. Micah wimmerte wieder.
„Es ist jemand da. Du musst weglaufen, mein Schatz“, flüsterte sie und packte ihn so fest bei den Schultern, dass ihre Finger in seiner wattierten Jacke versanken, während sie ihn durchdringend ansah. „Hast du verstanden? Renn in den Wald, in diese Richtung. Immer weiter. Bleib nicht stehen, egal, was passiert. Halte dich von der Straße fern. Beim ersten Haus, das du siehst, klopf an und bitte um Hilfe, ja?“
Dann entriegelte sie die Hintertür, zog daran und geriet in Panik, als sie sich nicht öffnen ließ. Komm schon!, zischte sie ungeduldig, und schließlich ging sie quietschend auf. Draußen war immer noch das Brummen des Motors zu hören, und es fielen Schatten auf die Rückseite des Gebäudes.
Sie schob Micah vor sich her und flüsterte: „Lauf, Micah! Lauf schnell und bleib nicht stehen!“ Sie schaute der kleinen Gestalt nach, bis sie im Schatten des Waldes verschwunden war.
Bitte, Gott!
Hinter ihr rüttelte jemand am Türknauf der Vordertür. Sie wirbelte herum und starrte in die Dunkelheit. Sie hatte zwar abgeschlossen, aber das nützte jetzt gar nichts, weil ja das Fenster daneben eingeschlagen war. Sie tastete nach etwas, womit sie sich verteidigen konnte, und erinnerte sich an die rostige alte Schaufel, die sie in einer Ecke gesehen hatte.
In dem Moment, als sie nach der Schaufel griff, ging die Tür auf, und dann hörte sie hinter sich Schritte.
Bitte!, flehte sie, tastete im Dunkeln herum und stieß dabei Sachen um, die polternd zu ihren Füßen auf dem Boden landeten.
Sie packte den stabilen Holzgriff der Schaufel genau in dem Moment mit beiden Händen, als jemand sie von hinten umklammerte, sodass sie ihre Arme nicht mehr bewegen konnte. Doch sie trat mit aller Kraft nach hinten und traf ein Schienbein. Auch den Fußrücken des Eindringlings versuchte sie zu treffen, verfehlte ihn aber, und sein Griff wurde so fest, dass es wehtat.
„Schluss jetzt!“, sagte er. „Hör sofort auf damit!“
Sie schlug daraufhin mit der Schaufel nach hinten auf seine Beine, und es war ein dumpfer Aufprall zu hören, als sie traf.
Er stöhnte laut auf, ließ sie aber trotzdem nicht los. „Ich habe gesagt, dass du aufhören sollst.“
Doch sie musste weiterkämpfen, denn jede Sekunde, die sie hier durchhielt, bedeutete mehr Zeit zum Weglaufen für Micah. Sie erinnerte sich jetzt an ihr Training mit Walter, beugte sich einmal kurz vor und ließ dann ihren Kopf so schnell und heftig, wie sie konnte, nach hinten schnellen.
Wieder stöhnte der Mann hinter ihr laut auf, als sie ihn traf, aber auch an ihrem Hinterkopf explodierte jetzt förmlich ein Schmerz. Sie drehte und wand sich, und das Adrenalin in ihrem Blut verlieh ihr ungeheure Kräfte, doch es gelang ihr trotzdem nicht, sich aus seiner eisenharten Umklammerung zu befreien.
Er hob sie mit beiden Armen hoch, sodass sie keinen Bodenkontakt mehr hatte, und sie trat und wand sich, während er mit ihr vorwärtsging. Irgendwann stand sie dann mit dem Gesicht zur Wand, und das rohe Holz schnitt ihr in die Wangen.
„So, es reicht jetzt! Verhalte dich ruhig, oder ich rufe die Polizei!“, hörte sie ihn sagen.
Diese Worte sorgten dafür, dass sie sich auf der Stelle beruhigte. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Lunge brannte, und irgendetwas an der Wand bohrte sich zwischen ihre Rippen.
Ganz langsam ließ er sie mit einem Arm los, als traue er dem Frieden noch nicht so recht. Sie spürte seinen Atem an ihrem einen Ohr und seine stoppelige Haut wie Schmirgelpapier an ihrer. Sie hörte ein leises Klicken, und die trübe Glühbirne ging flackernd an. Eden schloss die Augen und betete.
Beau hatte sie an ihrer Jacke gepackt, damit sie ihm nicht entwischen konnte, während er das Licht einschaltete. Der Größe nach zu urteilen, hatte er da irgendeinen Jugendlichen auf Abwegen erwischt, der außerdem auch noch ziemlich rauflustig war, das musste Beau schon sagen.
Die Hände des Jungen hielten immer noch den Schaufelstiel fest, aber Beau sagte mit zusammengebissenen Zähnen: „Jetzt lass schon endlich los!“, und entriss dem Jungen die Schaufel, die daraufhin polternd zu Boden fiel.
„So, du kleine Ratte, was glaubst du eigentlich …“, dabei drehte er den Jugendlichen mit einem Ruck zu sich herum, und seine Worte erstarben ihm auf den Lippen. Unter dem verbogenen Schirm der Baseballkappe hervor schauten ihn weit aufgerissene hellbraune Augen an – braune Augen, die er kannte: die braunen Augen einer Frau.
Er trat einen Schritt zurück, ließ die Hände sinken und sagte völlig entgeistert: „Ach … Sie sind das. Ich … Mist … sind Sie verletzt?“
„Es tut mir leid!“, sagte sie mit panischem Blick. „Ich verschwinde auch sofort.“
Als sie jetzt an die Wand gekauert dasaß, schaute er ihr ins Gesicht, dachte daran, wie fest er sie angepackt hatte, und ihm wurde ganz anders.
„Moment mal!“, sagte Beau plötzlich und schaute sich in dem Raum um. „Wo ist denn Ihr Sohn?“
Als sie daraufhin zur Hintertür hinaus in den Fichtenwald rannte, hatte er das Gefühl, dass sie einfach weiterrennen würde, wenn sie ihr Kind gefunden hatte.
„Jack“, rief sie. „Es ist alles in Ordnung, Jack.“
Beau lief hinterher und schaltete die Taschenlampenfunktion seines Handys ein. Der eisige Wind blies durch seine Jacke hindurch und brannte auf seinen Wangen. Jedenfalls war es kein Abend, an dem man sich gern im Freien aufhielt.
Warum sie wohl in dem Schuppen gewesen war? Vielleicht hatte sie vorgehabt, ihn zu bestehlen. Oder sie hatte einfach nicht gewusst, wohin. Aber gab es so etwas überhaupt? Und dann noch bei jemandem wie ihr mit dem hellblonden Haar und dem Engelsgesicht?
Das Licht seiner Handylampe leuchtete jetzt vor ihm zwischen den Bäumen hindurch, und er sah die Mutter und ihr Kind. Sie kauerte neben ihrem Sohn, dessen Hose bis zu den Knien durchnässt war von Schnee, hielt ihn fest im Arm und murmelte ihm beruhigende Worte ins Ohr. Dabei streichelte sie ihm die ganze Zeit sein nasses Gesicht.
Mit Panik im Blick zeigte der Junge zurück in Richtung des Schuppens, und seine Mutter schien seine Gesten auf Anhieb zu verstehen.
„Keine Sorge, mein Schatz, wir gehen noch einmal zurück und holen deinen Teddy“, sagte sie. Dann stand sie auf und erklärte Beau mit zittriger Stimme: „Er hat seinen Teddy dagelassen, den braucht er unbedingt. Ich gehe ihn holen, ja?“
„Ja, natürlich“, sagte Beau, und als er ihnen dann folgte, gingen ihm tausend Fragen durch den Kopf. Wieder beim Schuppen angekommen, sprach er die wichtigste davon aus.
„Was machen Sie eigentlich hier?“, fragte er, und der pochende Schmerz in seiner Nase bewirkte, dass die Frage heftiger herauskam, als er beabsichtigt hatte.
Der Junge hob seinen Teddybären vom Boden auf und drückte sich dann wieder ganz fest an seine Mutter.
Sie legte ihm den Arm um die Schultern und sagte: „Es tut mir leid. Das mit dem Fenster tut mir wirklich leid. Ich bezahle es, sobald ich kann. Versprochen. Wir wussten nur nicht, wohin.“
Er fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, stieß einen tiefen Seufzer aus und sagte dann: „Aber hier können Sie nicht bleiben.“
„Vielleicht nur diese Nacht? Bitte … Wir machen auch wirklich keinen Ärger …“
„Das habe ich doch gar nicht gemeint. Wir haben minus fünf Grad, und die Temperatur sinkt weiter. Es gibt hier keine Heizung, kein fließendes Wasser … Gibt es jemanden, den ich für Sie anrufen könnte?“
„Nein, es gibt niemanden. Wir sind allein, und wir kommen auch zurecht. Ich … also wir brauchen nur einen Platz zum Schlafen. Nur für heute Nacht. Das hier genügt uns. Es ist sogar mehr, als wir brauchen.“
Er wusste natürlich nicht, wie sie sonst lebte, aber der Schuppen hier genügte jedenfalls nicht – nicht einmal in den milden Sommermonaten hier in der Gegend, und schon gar nicht mitten im Winter.
Er kratzte sich im Nacken und packte dann mit einer Hand eine dicke Haarsträhne am Hinterkopf. „Bei mir im Haus ist zurzeit gerade ein Zimmer frei. Meine Tante ist nicht zu Hause und …“
„Nein. Nein. Vielen Dank, das ist sehr großzügig von Ihnen, aber …“
Dass sie einen Rückzieher machte, sah er schon an ihrem Blick, bevor dann ihr Körper folgte.
„Wir machen uns lieber wieder auf den Weg. Wir …“
„Wohin wollen Sie denn? Es ist beinahe Mitternacht, und alles hat geschlossen. Kennen Sie denn jemanden in der Stadt?“
„Nein, aber …“
„Ich nehme mal an, dass ein Hotel keine Option ist, oder?“
Sie schüttelte den Kopf, und auf ihren Wangen bildeten sich zwei rote Flecken. „Wir hatten Geld, aber das ist uns heute Nachmittag gestohlen worden.“
Er runzelte die Stirn und fragte: „Haben Sie denn wenigstens Anzeige erstattet?“
„Nein“, antwortete sie und schaute zu Boden, sodass er sehen konnte, wie ihre langen Wimpern die hübschen Augen verdeckten. „So viel war es auch gar nicht.“
Er fragte sich, ob sie log oder ihr die ganze Sache einfach nur peinlich war. „Sie sollten den Diebstahl aber trotzdem anzeigen. Ich kann gern bei der Polizei …“
„Nein. Vielen Dank. Ich komme wirklich zurecht“, sagte sie und griff nach der Türklinke.
„Warten Sie. Sie können nicht wieder dort hinaus in die Kälte gehen“, sagte er. „Hören Sie, meine Freundin hat in ihrer Wohnung ein freies Zimmer, und ich bin sicher, sie wäre bereit, sie für eine Nacht unterzubringen.“ Das stimmte – vorausgesetzt, sie brachte ihn nicht um, weil er sie weckte.
Sie zögerte kurz, blieb in der Tür stehen und sagte: „Ich glaube, ich möchte das lieber nicht.“
Er spürte, dass sie sich jeden Moment einverstanden erklären würde, und sagte deshalb: „Ach, kommen Sie schon, wo wollen Sie denn sonst bleiben?“ Er schaute hinunter auf das Kind, das vor Kälte zitternd seinen abgeliebten blauen Teddy an sich drückte, und appellierte an ihr Mutterherz, als er sagte: „Der Kleine braucht einen Platz, wo er sich aufwärmen und schlafen kann und morgen ein gutes Frühstück bekommt. Wobei das bei Paige wahrscheinlich aus einem Schälchen Lucky Charms bestehen wird.“
Da leuchteten die Augen des Jungen auf, und er schaute zu seiner Mama hinauf, was sie auch registrierte. Beau fragte sich, ob sie wohl heute schon etwas gegessen hatte. Kein Wunder, dass sie so verzweifelt einen Job suchte.
„Sind Sie ganz sicher, dass es ihr nichts ausmacht?“, fragte sie immer noch ein bisschen zögerlich.
Er hielt sein Handy hoch und sagte: „Ich kann sie sofort anrufen.“ Und dann wartete er mit hochgezogenen Augenbrauen, bis sie mit einem Nicken zustimmte. Er drückte auf einen Knopf auf seinem Handy und ging dann von ihnen weg zur Eingangstür, um ungestört sprechen zu können, sagte aber vorher noch: „Nicht weggehen.“
Sie schaute ihn wachsam wie ein verwundetes Tier an.
„Versprochen?“, fragte er sicherheitshalber noch einmal nach.
Sie nickte. Mehr konnte er nicht erwarten.

SECHS
„Ich finde, wir sollten abwarten, ob Kate die Stelle überhaupt will“, sagte Paige am nächsten Morgen im Wicked Good Brew, wo sie noch vor dem Gottesdienst eine Krisensitzung anberaumt hatten. „Aber sie braucht einen Job und hat keine Unterkunft, also wäre es für sie im Grunde die perfekte Lösung.“
Beau drückte kurz bestätigend Paiges Schulter. In ein paar Stunden würde Tante Trudy aus der Klinik entlassen werden, und deswegen musste rasch etwas geschehen.
„Was wissen wir denn überhaupt über sie?“, fragte Riley jetzt. „Sie taucht hier plötzlich wie aus dem Nichts auf mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib trägt, und bricht in unseren Schuppen ein … Woher wissen wir denn, dass sie Tante Trudy nicht betäubt und sich dann mit unseren Wertsachen aus dem Staub macht?“
„Sie hat ein Kind, Riley“, sagte Paige dazu nur beschwichtigend. „Was willst du denn machen? Sie wieder auf die Straße setzen?“
„Vielleicht will sie die Stelle ja auch gar nicht“, schaltete sich jetzt Zac ein.
Beau trank seine Tasse leer und stellte fest: „Sie wird die Stelle auf jeden Fall annehmen.“
„Aber Riley hat auch recht“, wandte Zac ein. „Wir brauchen wenigstens einige Referenzen.“
„Ja, es kann sicher nicht schaden, etwas mehr über sie in Erfahrung zu bringen“, stimmte Riley zu, schaute dann zu Beau hinüber und fuhr fort: „Das ist ja wohl dein Ressort, oder?“
„Ja, aber vor vierzehn Uhr kann ich da nichts machen. Wir sind uns also alle einig?“
Paige und Zac nickten, aber Riley zuckte nur mit den Achseln, nickte dann ebenfalls etwas widerstrebend und wandte noch ein: „Aber ihre Unterbringung kostet uns ja dann noch zusätzlich etwas.“
„Du kannst ja die Unterkunft, die sie bei mir bekommt, noch von ihrem Lohn abziehen, wenn du unbedingt willst“, sagte Paige. „Aber das Zimmer bei mir steht ja sowieso leer, und ich kann weiß Gott ein bisschen mehr Östrogen in meiner Umgebung gebrauchen.“
Dankbar lächelte Beau Paige an und sagte: „Also gut, dann fahre ich jetzt bei dir zu Hause vorbei und rede mit ihr. Es kann sein, dass ich ein bisschen zu spät zum Gottesdienst komme.“

Eden wachte mit einem Ruck auf, blieb dann aber ganz ruhig liegen, bis sie wieder wusste, wo sie war. Ach ja, das Bett, in dem sie lag, stand im Haus von Beau Callahans Freundin. Die Morgensonne schien durch die einfarbig blauen Vorhänge auf Micahs Gesicht. Er lag neben ihr im Bett, ein Bein seitlich abgewinkelt, sein Teddy eingequetscht zwischen seinem Brustkorb und der Matratze.
Es war Sonntag, und sie wäre am liebsten in die kleine Kirche gegangen, die sie schon im Ort entdeckt hatte, und hätte sich einfach unter die Gemeindemitglieder gemischt.
Jetzt kam die Erinnerung an den vergangenen Abend zurück, und sie dachte an Beau … ein interessanter Mann. Als Webdesignerin war es ihre besondere Stärke, Websites zu gestalten, die den Charakter der jeweiligen Firma widerspiegelten. Deshalb beschrieb sie die Persönlichkeit von Menschen, die sie neu kennenlernte, gerne mit Hilfe der Farben, welche sie bei der Gestaltung von deren persönlicher Website verwendet hätte.
Eden kannte Beau zwar noch kaum, aber mit ihm brachte sie Blau in Verbindung. Blau stand bei ihr für Loyalität, Zuverlässigkeit und eine Beschützermentalität. Als Farbe für sein Selbstbewusstsein würde sie noch ein wenig Weiß mit ins Spiel bringen und eine weitere Akzentfarbe sowie vielleicht einen kleinen Schuss Gelb, um den starken Unabhängigkeitsdrang auszudrücken, den sie bei ihm vermutete.
Als es jetzt an der Tür läutete, erschrak Eden und presste sich die Bettdecke an die Brust.
Böse Menschen läuten doch nicht.
Außerdem hatte sie wirklich sehr sorgfältig ihre Spuren verwischt. Zwei Mal hatten sie das Taxi gewechselt, bevor sie den Wagen gekauft hatte, und jedes Mal hatte sie ihr Aussehen verändert, genau so, wie die Bundespolizisten Walter und Brown sie instruiert hatten. Langley würde sie hier bestimmt nicht finden.
Bitte nicht, Gott!
Wieder läutete es, und ihr wurde bewusst, dass Paige wahrscheinlich gar nicht mehr zu Hause, sondern schon auf dem Weg in die Kirche war. Sie stand also schnell, aber so leise sie konnte auf, weil sie auf keinen Fall Micah wecken wollte, tapste barfuß durch den Flur und war sich dabei bewusst, dass sie eine geliehene Yogahose und nur ein dünnes Hemd trug. Als sie durchs Wohnzimmer kam, sprang Paiges graue Katze vom Sofa und folgte ihr zur Tür.
Beim Blick durch den Spion sah sie ein bekanntes Gesicht, öffnete deshalb die Tür und verschränkte die Arme vor dem Körper, um sich vor der eisigen Luft draußen zu schützen.
„Guten Morgen“, sagte sie.
Bei Tageslicht sah Beau noch besser aus. Er war frisch rasiert, und sie bemerkte, dass er zwei kleine Kerben im Kinn hatte, so als hätte er sich geschnitten.
„Kann ich hereinkommen?“, fragte er.
Sie trat zur Seite, und ein würzig maskuliner Duft strich an ihr vorbei, als sie die Tür wieder schloss.
Er rieb sich die Hände, während die Katze um seine Beine strich, und sagte: „Heute morgen sehen Sie schon ausgeruhter aus.“
„Ich bin gerade erst vor ein paar Minuten aufgewacht“, erklärte sie, strich sich das kurze Haar hinter die Ohren und versuchte, es etwas zu ordnen, obwohl sie wusste, dass das ziemlich zwecklos war. Außerdem war es sowieso egal, wie sie aussah, denn er hatte ja eine Freundin. Wahrscheinlich tat sie ihm einfach leid, denn man brauchte keine übersinnlichen Fähigkeiten, um das Mitleid in seinem Blick zu erkennen.
Sie trat von der Tür weg und fragte sich, wieso er wohl gekommen war.
„Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte sie, zog dann aber eine Grimasse und fuhr fort: „Aber wahrscheinlich wäre es gut, auch zu wissen, wo der Kaffee ist, wenn ich Ihnen welchen anbiete, oder?“
Er hatte ein nettes Lächeln, und die kleine Furche neben seinem linken Mundwinkel war fast ein Grübchen – aber nur fast.
„Da machen Sie sich mal keine Gedanken“, beruhigte er sie. „Ich habe gerade schon einen Kaffee gehabt. Aber zu Ihrer Information: Der Kaffee steht links von der Spüle, nur für den Fall, dass Sie jetzt erst mal eine Dosis Koffein brauchen.“
„Ich glaube, was ich noch dringender brauche, ist eine heiße Dusche“, erklärte sie.
Beau nahm die Katze vom Boden auf, die daraufhin sofort zu schnurren begann, und sagte mit einem schiefen Grinsen: „Sie haben noch gar nicht gesagt, was Sie eigentlich in unsere Stadt führt. Dass zurzeit nicht gerade Hochsaison für Touristen ist, ist Ihnen ja wahrscheinlich auch klar, oder?“
Er bemühte sich dabei zwar um einen scherzhaften Ton, aber sie wusste aus Erfahrung, wie misstrauische Fragen klangen.
„Wir sind nur auf der Durchreise, aber mein Wagen ist liegengeblieben“, antwortete sie.
Er nahm eine Krippenszene aus Keramik in die Hand, die als Weihnachtsdekoration aufgestellt war, stellte sie dann wieder hin und fragte: „Woher kommen Sie denn?“
„Aus dem Süden. Aber ich habe schon überall gelebt. Ich bin gern unterwegs und immer offen für Neues.“
Vielleicht hatte Paige ihn geschickt, um nach dem Rechten zu sehen und sich zu vergewissern, dass sie sich nicht mit ihrem Laptop oder anderen Wertsachen aus dem Staub gemacht hatte. Paige war wirklich nett zu ihnen gewesen – und Beau war es auch.
„Ich lasse für Paige eine Nachricht da, um mich zu bedanken“, sagte sie deshalb zu Beau. „Ich bin wirklich sehr dankbar für Ihre Gastfreundschaft, und die zerbrochene Scheibe ersetze ich natürlich, sobald ich …“
Aber er winkte nur ab und entgegnete: „Ach, da machen Sie sich mal keine Gedanken. Eigentlich bin ich nämlich gekommen, um Ihnen zu sagen, dass …
Als er plötzlich mitten im Satz innehielt, schaute sie ihm ins Gesicht und sah, dass er die Lippen fest zusammengepresst hatte.
Sie folgte seinem Blick zu der Reihe von Blutergüssen auf ihrem Oberarm – Resultat ihrer kleinen nächtlichen Rangelei in dem Schuppen.
„Oh nein …“, sagte er, streckte seine Hand aus und berührte mit den Fingerspitzen ganz, ganz sachte ihre Haut.
„War ich das?“, fragte er.
Die Berührung und seine belegte Stimme sorgten für Gänsehaut bei ihr, und sie entzog ihm rasch den Arm, weil sein Blick und ihre Reaktion darauf sie verlegen machten.
„Ach was … das ist doch fast nichts“, erklärte sie. „Beim Raufen mit Mi … Jack habe ich mir schon schlimmere blaue Flecken geholt.“
Doch ihre Worte änderten nichts an seiner gequälten Miene – die sie noch schlimmer fand als sein Mitleid.
„Es tut mir wirklich leid“, sagte er, woraufhin sie die Arme vorm Körper verschränkte, sodass man die blauen Flecke nicht mehr sehen konnte, und antwortete: „Ich bin sehr dankbar, dass ich einen warmen Platz zum Schlafen hatte. Paige war so nett zu uns, und sie hat uns zum Aufwärmen sogar noch eine tolle Suppe gekocht.“
„Also, wenn sie Ihnen etwas von ihren Dosensuppen abgegeben hat, dann muss sie Sie wirklich ins Herz geschlossen haben“, bemerkte er in scherzhaftem Ton.
Das war schon möglich, aber Eden hatte nicht vor, diese Gastfreundschaft auszunutzen. „Also …“, sagte sie und machte einen Schritt Richtung Flur. „Dann werde ich jetzt mal Jack wecken, und in ein paar Minuten sind wir dann auch schon verschwunden. Sie können Paige ausrichten …“
„Also eigentlich …“, sagte er und machte wieder einen Schritt auf sie zu, „… bin ich gekommen, um Ihnen zu sagen, dass ich zusammen mit Paige und meinen Brüdern zu dem Schluss gekommen bin, dass wir doch einen Job für Sie haben.“
Wollte er ihr etwa weismachen, dass sich zwischen gestern Abend und heute Morgen ein neuer Job aufgetan hatte? Sie mochte zwar völlig mittellos und ohne Dach über dem Kopf sein, aber sie war nicht dumm. Sie merkte, wie ihr die Röte vom Hals aufwärtsstieg, und fand es ganz furchtbar, dass sie es sich nicht leisten konnte, ein Angebot, wie auch immer es aussehen mochte, auszuschlagen.
Deshalb hob sie fast ein wenig trotzig das Kinn, versuchte zu lächeln und sagte: „Ach ja?“
„Unsere Tante Trudy, die mit mir und meinem Bruder Riley auf der Farm lebt, hat sich das Bein gebrochen und liegt im Krankenhaus, wird aber demnächst entlassen. Sie wird allerdings noch eine ganze Weile Hilfe brauchen und muss außerdem ein paarmal in der Woche zur Physiotherapie in die Stadt begleitet werden. Ich habe im Moment sehr viel mit der Weihnachtsbaumplantage zu tun, denn wir öffnen am Tag nach Thanksgiving. Riley arbeitet mit mir zusammen auf der Farm, und Zac – das ist unser anderer Bruder – leitet das Roadhouse. Das ist ein Lokal etwas außerhalb der Stadt direkt am Meer“, erklärte Beau.
„Da habe ich gestern auch nach einem Job gefragt“, erinnerte sie sich. „Ich glaube, ich habe dort mit einem Kellner gesprochen.“
„Das kann sein“, sagte Beau daraufhin. „Zac stellt im Moment nicht ein.“
„Ja, das hat man mir auch gesagt“, bestätigte sie.
„Also, noch einmal zurück zu dem Job bei uns auf der Farm … unsere Tante muss also zu ihren Therapieterminen begleitet werden, aber noch wichtiger ist, dafür zu sorgen, dass sie sich möglichst ruhig verhält. Wir brauchen für fünf bis sechs Wochen – also etwa bis Weihnachten – jemanden, der den Haushalt führt. Sie müssten kochen, putzen und sich um die Wäsche kümmern – und Tante Trudy zur Therapie fahren.“
Das klang eigentlich nach einem ganz guten Angebot, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass er noch irgendetwas zurückhielt. Und außerdem war sie für diese Tätigkeit eigentlich überhaupt nicht qualifiziert. Doch im Moment hätte sie sogar eine Stelle als Buchhalterin angenommen und auch falsche Aussagen über ihre Qualifikation gemacht, um an einen Job zu kommen.
„Also wir bräuchten möglichst schnell jemanden – genau genommen in ein paar Stunden. Um die Referenzen können wir uns ja auch nachträglich noch kümmern. Könnten Sie sich vorstellen, diese Aufgabe zu übernehmen?“
In Gedanken ging sie noch einmal durch, was dagegensprach, und zwar erstens, dass sie keine Referenzen vorzuweisen hatte, und zweitens, dass sie keine Papiere hatte, weder Ausweis noch Führerschein, noch sonst etwas. Vielleicht würden sie sie ja auch schwarz arbeiten lassen, aber darüber würde sie sich später Gedanken machen.
„Ja, klar“, antwortete sie deshalb. „Vielen Dank.“
Er nannte ihr das Gehalt und fügte dann noch hinzu: „Paige hat gesagt, sie würde Ihnen gern als Teil der Vergütung das Zimmer vermieten – wenn es Ihnen recht ist. Sie müssten es allerdings mit Ihrem Sohn teilen.“
Eden atmete einmal ganz lange und langsam aus. Dass es ihr recht war, drückte nicht annähernd aus, wie erleichtert und dankbar sie über diese Regelung war. So dankbar, dass sie einen Kloß im Hals hatte und heftig schlucken musste.
„Das … also das ist wirklich großartig. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen allen bin.“
„Ach was …“, sagte er achselzuckend. „Wir brauchen eine Haushälterin, und Sie brauchen einen Job – das passt doch perfekt.“
Wo er recht hatte, hatte er recht.
Als ihr jetzt die Tränen kamen, blinzelte sie sie weg und saugte den warmen Blick seiner schokoladenbraunen Augen auf. Dabei merkte sie, dass dieser Blick nicht mehr mitleidig war, sondern einfach mitfühlend.

SIEBEN
Die Frau um die sechzig, die in dem provisorischen Schlafzimmer in einem Doppelbett lag, schaute Eden finster an. Sie hatte silbergraues Haar, ein schmales Gesicht und auffällig blaue Augen. Um die Augen herum hatte sie ein Gespinst aus feinen Fältchen, aber die beherrschenden Linien in ihrem Gesicht waren die beiden senkrechten Falten zwischen ihren spärlichen Augenbrauen. Ihr eines Bein war eingegipst und lag steif und klobig auf dem hellblauen Bettlaken.
„Wer ist denn das?“, fragte Miss Trudy missmutig.
Beau lächelte Eden entschuldigend an und sagte dann zu seiner Tante: „Also wirklich, Tante Trudy, so kannst du doch nicht mit einem Gast umgehen! Kate wird uns den Haushalt führen, und es wäre vielleicht klüger, ein bisschen netter zu ihr zu sein.“
Daraufhin wurde Miss Trudys Blick noch finsterer, und sie fragte: „Ihr habt einen Babysitter für mich engagiert?“
„Jetzt sei doch nicht albern“, sagte Beau. „Wieso sollten wir denn für dich einen Babysitter engagieren? Das ist Kate – und jetzt stelle ich gerade fest, dass ich Ihren Nachnamen noch gar nicht kenne.“
„Du hast also eine völlig unbekannte Person als Babysitter für mich eingestellt?“, fragte Miss Trudy empört.
Bei dem barschen Tonfall der Frau drückte sich Micah immer fester an Eden.
„Bennet“, sagte Eden auf Beaus Bemerkung und spürte, wie sie unter dem prüfenden Blick der älteren Dame rot wurde.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Trudy. Das hier ist mein Sohn Jack“, stellte sie sich und den Kleinen vor.
„Er bringt sicher ein bisschen Leben ins Haus, wenn ich bei der Arbeit bin“, sagte Beau.
„Ja, großartig! Bettruhe, Schmerzen und einen lärmenden Jungen im Haus. Genau, wie es der Doktor verordnet hat“, bemerkte die Frau mit Zynismus in der Stimme.
Beau warf Eden einen entschuldigenden Blick zu und sagte: „Tut mir leid. Normalerweise ist sie nicht so unleidlich. Na ja, eigentlich doch, aber sie hat einen weichen Kern. Man muss nur ein wenig graben, um ihn zu finden.“
Die Farbe, die ihr zu der direkten Art von Beaus Tante sofort in den Sinn kam, war Indigo. „Wir werden bestimmt gut miteinander auskommen“, sagte sie.
Beau überreichte ihr die Entlassungspapiere der Klinik mit den Anweisungen für zu Hause und sagte: „Miss Trudy soll nichts Schweres heben, aber daran wird sie sich nicht halten, und deshalb sollen Sie sie daran hindern, sich zu überanstrengen. Sie hat in der Klinik zwar Krücken bekommen, aber ich weiß nicht, wie sie damit zurechtkommt.“
„Ach, das bekommen wir schon hin. Mi … also mein Sohn hat sich auch einmal das Bein gebrochen, als er drei war. Wenn ich einen drei Jahre alten Jungen dazu bringen kann, sich ruhig zu verhalten, dann schaffe ich das bei Ihrer Tante bestimmt auch“, versicherte sie.
„Das habe ich gehört!“, war Tante Trudys empörte Stimme durch die Wand zu hören. „Ich bin kein Kind mehr, merkt euch das.“
Ups. Eden biss sich auf die Unterlippe.
Beau senkte die Stimme und sagte: „Ich hätte Sie warnen sollen. Sie hat ein geradezu bionisches Gehör.“
Eden musste über das Gesicht lachen, das er dabei machte, und ihr Lachen klang sogar für ihre eigenen Ohren ziemlich eingerostet.
„Wenn es Ihnen gelingt, sie aus der Küche fernzuhalten“, fuhr Beau leise fort, „dann grenzt das an ein Wunder. Sie ist nämlich eine Art Kontrollfreak, und die Küche ist auf jeden Fall ihr Hoheitsbereich.“
„Okay, ich soll sie aus der Küche fernhalten. Kapiert. Sonst noch etwas?“
„Es sieht im ganzen Haus total chaotisch aus, und die Lebensmittelvorräte sind aufgebraucht, weil es hier in der Zeit, seit sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, unglaublich hektisch zugegangen ist. Wir sind also mit allem zufrieden, was Sie uns zum Abendessen zaubern“, erklärte er.
„Verstanden“, sagte sie darauf nur.
Dann blätterte er einen Stapel Papiere durch, die in der Küche auf einer Ablage lagen, und gab ihr ein Blatt davon. Es war das W-4-Formular, die Vollmacht des Arbeitnehmers an den Arbeitgeber, die Steuer direkt vom Lohn abzuziehen und abzuführen. Als sie es sah, wurde ihr ziemlich mulmig zumute.
„Bitte füllen Sie das doch bei Gelegenheit aus, ja?“, bat Beau sie.
„Sonst noch etwas?“, fragte sie rasch, um die Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen.
„Wo ist mein Strickkorb?“, rief Miss Trudy in dem Moment. „Und was ist das für ein Geruch? Es stinkt nach Babykotze.“
Als Eden Beau daraufhin fragend ansah, zwinkerte er ihr erheitert zu, und sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich bin sofort bei Ihnen, Miss Trudy“, rief sie zurück.
„Ihre Stricksachen sind wahrscheinlich in der Tasche, die sie aus dem Krankenhaus mitgebracht hat“, sagte Beau. „Ich muss noch ein paar Stunden nach draußen und arbeiten, aber Sie können mich immer auf dem Handy erreichen.“ Er schrieb ihr die Nummer auf einen kleinen Zettel und sagte dann noch: „Ich lasse Ihnen auch Zacs und Rileys Nummer da, aber rufen Sie bitte immer zuerst mich an. In der Schreibtischschublade liegt Geld für Notfälle.“ Er zog die Schublade auf und zeigte ihr einen kleinen Packen Zwanzigdollarscheine, der zwischen Stiften und Rechnungen lag. „Wenn Sie einkaufen gehen wollen, sagen Sie mir bitte Bescheid, dann gebe ich Ihnen Geld. Sie können Tante Trudys Wagen benutzen – hier sind die Schlüssel. Riley und ich kommen gegen sechs nach Hause. Manchmal kommt auch Zac zum Essen vorbei, aber normalerweise nicht. Jack und Sie sind natürlich herzlich eingeladen, mit uns zu essen.“ Er legte einen Scheck auf den Tisch und fuhr fort: „In Anbetracht der besonderen Umstände habe ich gedacht, dass es vielleicht ganz gut ist, wenn ich Ihnen die erste Woche im Voraus bezahle.“
Eden wurde ganz warm ums Herz bei so viel Umsicht, und sie sagte: „Vielen Dank, das ist wirklich nett von Ihnen.“
„Anscheinend muss ich aufstehen und mir mein Strickzeug selbst holen!“, rief Miss Trudy in diesem Moment.
Beau grinste Eden an und sagte: „Das ist mein Stichwort.“
Als er weg war, flitzte Eden ins Wohnzimmer und fand dort den Strickkorb mit einem gerippten, blaugrauen Strickzeug. Sie brachte ihn Miss Trudy, die das Strickzeug nahm und wortlos zu stricken begann.
Micah hatte inzwischen aufgehört zu malen und schaute sich einen Zeichentrickfilm im Fernsehen an. Nachdem Eden Miss Trudy versorgt und im Haus für Ordnung gesorgt hatte, kümmerte sie sich um das Abendessen. Sie schaute ins Tiefkühlfach und fühlte sich völlig überfordert. Sie hatte gehofft, dort etwas Einfaches zu finden, etwas in einer Packung mit einer Gebrauchsanweisung auf der Rückseite, aber es gab nicht ein einziges Fertiggericht, sondern nur tiefgekühlte Hähnchenbrüste und Hackfleisch. Sie hatte keine Ahnung, was sie damit anstellen sollte.
Sie hatte sich eigentlich immer gewünscht, Kochen zu lernen, und nach ihrer Heirat mit Antonio hatte sie sich vorgestellt, ihm jeden Abend ein viergängiges Candlelight-Dinner zu servieren, aber davon hatte er nichts wissen wollen. In der Welt, in der er lebte, war das nicht die Aufgabe einer Ehefrau. Dafür hatte man Personal. Das Äußerste, was sie in dieser Beziehung hatte erreichen können, war, ihm nach Micahs Geburt auszureden, eine Nanny einzustellen.
Als sie Miss Trudy gefragt hatte, wo ihre Kochbücher wären, hatte die Frau nur laut und spöttisch gelacht und dann gesagt: „Richtige Köche brauchen kein Rezept.“
Eden wünschte, sie hätte daran gedacht, Beau zu fragen, ob sie den Computer benutzen dürfe. Sie brauchte jetzt dringend den Rat einer Expertin, aber als sie in Miss Trudys Zimmer schaute, lag sie mit geschlossenen Augen da, und ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Eden brachte es nicht übers Herz – und hatte auch nicht die Nerven –, sie zu wecken, und zog deshalb leise die Tür wieder zu.
Es sah also ganz so aus, als wäre sie in dieser Angelegenheit auf sich allein gestellt. Eden holte einmal tief Luft und atmete dann langsam wieder aus. Nun komm schon, Eden. Du hast wirklich schon Schlimmeres überstanden. So schwer kann es doch nicht sein, ein Abendessen zu kochen.

„Die Brötchen sind in einer Minute fertig“, sagte Kate, als sich die Familie um den Esstisch versammelte.
Beau sprach das Tischgebet und reichte die Schüssel Riley, der sie an Zac weitergab. Ihm hing der Magen schon in den Kniekehlen vor Hunger, aber als er den ersten Bissen von dem dampfenden Gulasch im Mund hatte, war er zunächst irritiert über die unterschiedlichen Temperaturen und Konsistenzen in seinem Mund. Die Sauce war heiß, aber irgendetwas – war es das Fleisch? – war noch hart und eiskalt. Die seltsame Konsistenz lenkte ihn vorübergehend von dem Geschmack ab, aber nicht lange.
Irgendein Gewürz, er wusste nicht so genau, was es war, schmeckte penetrant hervor, und er hoffte, so etwas nie wieder in den Mund zu bekommen.
Im selben Moment hustete Riley neben ihm, presste sich dann die Serviette vor den Mund, und Beau war sich ziemlich sicher, dass das Gulasch aus seinem Mund ein neues Zuhause gefunden hatte. Als er dann selbst den ersten Bissen hinunterwürgte, war er für einen Moment ein wenig neidisch auf seinen Bruder.
Sein Blick ging ganz kurz zu Kate, deren Blick fest auf ihren eigenen Teller gerichtet war, und auch ihr Sohn kaute mit gerunzelter Stirn.
„Herr im Himmel, was soll denn das sein?“
„Tante Trudy!“, ermahnte Beau sie.
„Da ist ja genug Salbei drin, um zehn Jahre Hitzewallungen zu verhindern.“
Salbei – ja, genau, das war der penetrante Geschmack.
Kate wurde rot und erklärte: „Es tut mir wirklich leid, aber ich hatte kein Rezept – und ich wollte nicht ohne Erlaubnis den Computer benutzen.“
„Sie können ihn gern benutzen“, sagte Riley und hustete noch einmal. „Ich bitte Sie sogar inständig darum.“
Ganz kurz blitzte Angst in Kates Blick auf, und sie sagte: „Nächstes Mal wird’s besser – versprochen!“
Beau warf Riley einen finsteren Blick zu und sagte dann zu Kate, die ganz krank aussah: „Ist schon okay. Sie können den Computer jederzeit benutzen. Dann essen wir heute Abend eben einfach nur die Brötchen.“
„Was riecht denn hier so?“, erkundigte sich jetzt Tante Trudy misstrauisch, genau in dem Moment, als auch er den Geruch von etwas Verbranntem bemerkte.
„Die Brötchen!“, rief Kate, sprang auf und sauste in die Küche.
Rileys und Beaus Blicke begegneten sich über den Tisch hinweg, und Riley fragte: „Möchte noch jemand außer mir Chicken Wings aus dem Roadhouse?“

Beau brachte seinen Teller zur Spüle und fragte: „Kann ich Ihnen noch bei irgendetwas helfen?“
Sie waren fertig mit dem Essen, das sie geholt hatten, und seine Brüder richteten Tante Trudy ein Lager auf dem Sofa im Wohnzimmer her.
„Bitte nicht. Das hier ist ja wohl das Mindeste, was ich tun kann“, antwortete Kate, stellte die Teller ins Spülbecken, drehte sich dann um und sah ihn zerknirscht an. „Das mit dem Abendessen tut mir wirklich leid. Es kommt nicht wieder vor, versprochen.“
Ihre blonden Ponyfransen fielen ihr in die sorgenvoll gekrauste Stirn, und es juckte ihn in den Fingern, sie zurückzustreichen, sodass er sicherheitshalber die Hände in die Hosentaschen steckte.
„Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken. Sie haben ja auch nicht von sich behauptet, eine Sterneköchin zu sein.“
„Ich habe nicht viel Erfahrung im Kochen, aber ich lerne schnell. Wenn ich ein paar Rezepte habe, komme ich schon zurecht.“
„Das glaube ich auch“, beruhigte er sie, fragte sich aber, wie sie wohl als Mutter bisher ohne auch nur die geringsten Grundkenntnisse im Kochen zurechtgekommen war. Sogar er war ja in der Lage, ein paar einfache Gerichte zuzubereiten.
„Beau“, rief jetzt Zac vom Wohnzimmer aus. „Kommst du bitte mal?“
Er überließ das Aufräumen in der Küche Kate und Jack und ging wieder ins Wohnzimmer.
Das Sportprogramm im Fernseher dort war auf stumm geschaltet, und alle schauten Riley an.
„Was ist denn los?“, fragte Beau.
„Riley muss mit uns reden, sagt er“, antwortete Zac.
„Du hast eine Frau kennengelernt, oder?“, fragte Tante Trudy.
Riley verdrehte die Augen und antwortete entnervt: „Nein, Tante Trudy, habe ich nicht!“
Sie versuchte ständig, die Brüder unter die Haube zu bringen, was seltsam war, denn sie selbst hatte nach dem Tod ihres Mannes vor vierzehn Jahren jeden Versuch anderer abgewehrt, sie zu verkuppeln.
Rileys Gesicht wirkte versteinert. Seine Augenbrauen stießen über der Nasenwurzel zusammen, und sein Kinn war entschlossen vorgeschoben.
Seine Miene machte Beau Angst, und er beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und fragte: „Was ist denn los, Bruderherz?“
„Es ist eine Frau. Ich sag’s euch. Es ist diese Millie Parker aus dem Frumpy Joe’s, oder? Als wir das letzte Mal dort waren, hat sie wild mit dir geflirtet“, spekulierte Miss Trudy jetzt.
Riley zog eine Grimasse in ihre Richtung und sagte: „Wenn es eine Frau gäbe, dann würde ich sie doch ab und zu mit herbringen, oder? Nein, ich muss mit euch über meine Zukunftspläne reden. Ich …“, Riley starrte auf den Couchtisch zwischen ihnen und fuhr dann fort: „Ich habe mich freiwillig zu den Marines gemeldet.“
„Du hast was?“, fragte Zac völlig entgeistert.
„Grundgütiger …“, murmelte Tante Trudy.
Beaus Herz rumpelte einmal heftig, was eine Serie innerer Beben auslöste, und dann fragte er völlig entgeistert: „Wieso denn das?“
„Ich rede doch schon lange davon“, antwortete Riley.
„Reden tun wir ja über vieles, aber wir hätten doch nie damit gerechnet, dass du es wirklich ernst meinst“, sagte Beau mit gerunzelter Stirn.
Riley funkelte ihn angriffslustig an und sagte: „Ich schon.“
„Ohne es auch nur kurz mit uns zu besprechen?“ Beau konnte nicht fassen, dass sein Bruder eine so wichtige Entscheidung getroffen hatte, ohne sie dazu um ihre Meinung zu fragen. Das sah ihm eigentlich gar nicht ähnlich.
„Ich bin vierundzwanzig und brauche eure Zustimmung nicht“, bemerkte Riley nur.
„Und wann geht’s los?“, erkundigte sich Zac.
„In vier Wochen.“
„Also noch vor Weihnachten?“, fragten Beau und Miss Trudy fassungslos wie aus einem Mund.
„Unserem ersten Weihnachten ohne Vater?“, fügte Beau hinzu.
„Wir hatten doch auch vorher schon kein richtiges Weihnachten mehr“, antwortete Riley darauf nur.
Sie hatten wirklich nicht mehr richtig Weihnachten gefeiert, seit ihre Mutter vor zwölf Jahren an Heiligabend gestorben war. „Aber trotzdem … ausgerechnet in der Zeit, in der auf der Farm mit den Weihnachtsbäumen am meisten zu tun ist, und bei all dem, was sonst noch nebenbei läuft … genau da beschließt du abzuhauen?“
„Ich hau nicht ab, sondern ich schließe mich der Army der Vereinigten Staaten von Amerika an“, erklärte er.
„Na, wenn du es sagst …“, sagte Beau ironisch.
„Jetzt hör auf, so zu reden, als wäre ich feige. In den meisten Familien ist man stolz, wenn jemand aus den eigenen Reihen zur Army geht.“
Das kurze Schweigen darauf verstärkte die Anspannung im Raum noch.
Beau sah Riley scharf an, aber Zac legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Lass mal gut sein, Beau. Es ist nun mal so.“
„Wir haben doch schon unsere Eltern verloren, und jetzt setzt du irgendwo am anderen Ende der Welt dein Leben aufs Spiel. Was, wenn du in einem Leichensack zurückkommst, was dann?“
Riley verdrehte die Augen und antwortete: „Ich werde nicht sterben, Beau.“
„Das kannst du doch gar nicht wissen“, entgegnete der.
„Jetzt kommt schon, Leute“, sagte Zac. „Beruhigt euch mal. Wir schlafen jetzt erst einmal eine Nacht darüber und reden dann morgen weiter, ja?“
Beau stand auf, ging im Zimmer auf und ab und sagte: „Ich fass es einfach nicht, dass du das gemacht hast.“
„Und ich fasse es einfach nicht, dass du darauf so reagierst“, entgegnete Riley.
„Weiß Paige es eigentlich schon?“, erkundigte sich Beau jetzt.
„Warum sollte ich es ihr denn sagen?“, fragte Riley daraufhin. „Na, weil sie dich lieb hat, du Blödmann. Schließlich bist du schon seit einer Ewigkeit ihr bester Freund.“
Darauf reagierte Riley nur mit einem frustrierten Schnauben.
„Aber offenbar bedeuten dir zehn Jahre Freundschaft ja nicht so besonders viel. Hast du eigentlich überhaupt an jemanden außer dich selbst gedacht, als du diese Entscheidung getroffen hast?“, fragte Beau. Da kam Riley auf ihn zu und sagte mit zynischem Unterton: „Ach, das musst du gerade sagen.“
„Was soll denn das nun wieder heißen?“, fragte der daraufhin.
Wütend starrte Riley ihn an und sagte dann: „Nichts! Gar nichts soll das heißen!“
„So, es reicht jetzt, ihr beiden!“, mischte sich Tante Trudy ein. „Im Wohnzimmer wird nicht gestritten.“
Zac trat zwischen die beiden und sagte: „Jetzt komm mal wieder runter, Riley. Beau kümmert sich schon sein ganzes Leben um uns, das weißt du ganz genau. Er fühlt sich eben für uns verantwortlich.“
„Und was ist mit der Farm?“, fragte Beau und schaute an Zac vorbei, damit er Riley sehen konnte. „Was ist mit deinem Leben hier? Willst du das wirklich alles einfach so hinter dir lassen?“
„Was denn für ein Leben?“, fragte Riley. „Ich habe hier doch nichts anderes als die Arbeit. Tante Trudy hat euch, Zac hat das Roadhouse, du hast Paige …“
„Du hast Paige doch auch“, sagte Beau und merkte, wie ganz kurz ganz viele Gefühle gleichzeitig in Rileys Miene aufflackerten, bevor er sich umdrehte und sich fast verzweifelt mit der Hand in den Nacken fuhr.
Tante Trudy erhob sich jetzt ganz langsam und griff nach ihren Krücken.
„So, ich glaube, für heute Abend habe ich genug Theater gehabt. Ich gehe ins Bett“, sagte sie, bedachte die beiden Streitenden mit einem durchdringenden Blick und fügte noch hinzu: „Ihr beiden benehmt euch wie Zwölfjährige, und ich bin zurzeit nicht in der Verfassung, eine Rauferei zu verhindern.“
„Warte, ich helfe dir“, sagte Beau und ging zu ihr hin. Er war immer noch völlig aufgewühlt wegen der Neuigkeiten, die er gerade von Riley erfahren hatte. Aber Tante Trudy scheuchte ihn mit einer Geste weg und schaute ihn finster an. „Ich kann ganz gut allein ins Bett gehen. Du bleibst gefälligst hier und glättest ein bisschen die Wogen.“
Nachdem sie weg war, herrschte erst einmal eine ganze Weile Schweigen.
Riley hatte die Arme vor der Brust verschränkt und saß mit verkniffenem Mund und angriffslustig vorgeschobenem Kinn da. Beau stellte sich vor, dass sein Bruder verwundet würde oder, noch schlimmer, gar nicht wieder zurückkäme. Er glaubte nicht, dass er nach dem Verlust der Eltern auch noch den des jüngeren Bruders verkraften würde. Er schluckte, weil er einen dicken Kloß im Hals hatte, nahm seinen Mantel von der Garderobe, zog ihn an und sagte: „Ich bin draußen in der Scheune und hänge die Kränze auf.“
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Zac.
„Nee“, antwortete er nur einsilbig.
Und dann trat er hinaus in die Dunkelheit, so aufgewühlt, dass er die beißende Kälte im Gesicht kaum spürte.

Micah flitzte zur Toilette, und Eden stellte den Besen zurück in den Schrank. Sie hatte den Streit zwischen den Brüdern und auch Beaus plötzlichen Abgang genau mitbekommen und zögerte jetzt, ins Wohnzimmer zu gehen. Am liebsten hätte sie sich klammheimlich fortgestohlen, aber das kam ihr dann doch irgendwie feige und unprofessionell vor. Es war ihr erster Abend in der Familie, und sie hatte mit dem Gulasch und den verbrannten Brötchen nicht gerade einen guten Eindruck hinterlassen. Als sie also jetzt wieder ins Wohnzimmer kam, saßen Zac und Riley mit dem Rücken zu ihr immer noch vor dem auf stumm geschalteten Fernseher.
„Es ist wegen Paige, oder?“, fragte Zac Riley in dem Moment, als sie in der Tür stand.
„Ich wollte schon immer zur Army, das weißt du doch“, antwortete Riley.
„Aber du bist nie gegangen“, sagte Zac und sah seinen Bruder an. „Ich habe neulich Abend genau deine Miene gesehen, als Beau gesagt hat, dass das zwischen Paige und ihm etwas für immer ist.“
„Was hast du denn erwartet?“, fragte Riley jetzt aufgebracht. „Dass ich einfach hierbleibe und zuschaue, wie mein Bruder die Frau heiratet, die ich liebe?“
Ach du liebe Güte, dachte Eden und trat wieder den Rückzug an.
„Es ist schon schwer genug, die beiden ständig zusammenzusehen …“, fügte Riley noch hinzu.
In dem Moment knarrte der Holzfußboden unter Edens Füßen, und Riley drehte sich mit einem Ruck um. Seine Augen wurden ganz groß, und er sah sie mit durchdringendem Blick an.
Mist. „Äh … tut mir leid. Ich wollte nur gute Nacht sagen. Ich wollte wirklich nicht …“
„Wie viel haben Sie gehört?“, fragte Zac.
Eden zuckte zusammen, während Riley sich abwandte und in zynischem Ton sagte: „Na großartig! Ganz großartig.“
„Ich sag nichts weiter. Das geht mich doch alles gar nichts an“, beteuerte sie und griff nach ihrer Jacke. „Wir tun einfach so, als wäre das hier nie passiert, ja?“
In dem Moment hörte sie, wie die Badezimmertür ging und Micah in die Küche kam. Sie half ihm in seine Jacke und verabschiedete sich mit einem Lächeln von den beiden Brüdern. Aber nur einer der beiden lächelte zurück.

ACHT
Es war ein furchtbarer Tag gewesen. Was war sie bloß für eine Mutter, die nicht einmal ein anständiges Essen kochen konnte!? Sie fand es immer noch unbegreiflich, dass Beau sie nicht sofort wieder entlassen hatte.
Eden brachte erst Micah ins Bett, nahm dann ein ausgedehntes Bad und versuchte, ihr schlechtes Gefühl abzuschütteln. Danach traf sie Paige im Esszimmer an. Als sie den Raum betrat, strich die Katze ihr um die Beine, und sie bückte sich, um dem Tier über den runden Buckel zu streichen.
„Hast du etwas dagegen, wenn ich reinkomme?“, fragte sie Paige.
„Natürlich nicht“, antwortete die und blickte von ihrem Laptop auf. Ihre hübschen blauen Augen waren gerötet, und neben dem Laptop lag ein zerknülltes Papiertaschentuch.
Eden hatte das Gefühl, dass Paige eben erst von Rileys Entschluss erfahren hatte. Irgendwie beneidete sie den Kerl auch ein wenig, weil er so viele Menschen hatte, denen er etwas bedeutete.
Paige schniefte einmal kurz und fragte dann: „Na, wie war dein erster Tag? Hast du Miss Trudy überlebt?“
Eden schnitt ein Gesicht und antwortete: „Sie war wirklich mein kleinstes Problem heute. Ich habe das Abendessen so gründlich vermasselt, dass wir am Ende Chicken Wings aus dem Roadhouse holen mussten.“
Paige lachte lautlos und tupfte sich mit einem Taschentuch die Augen ab.
„Da waren die Jungs doch sicher begeistert. Sie lieben nämlich Chicken Wings.“
Mit ihrem glatten Haar und den großen blauen Augen war Paige eine aparte Erscheinung. Sie war zierlich mit einer sportlichen Figur und Rundungen an den richtigen Stellen. Außerdem war sie auch noch unglaublich nett. Es war jedenfalls absolut nachzuvollziehen, was Beau – und auch Riley – an ihr fanden.
„Dann gehe ich also davon aus, dass du nicht so viel Erfahrung im Kochen hast, was?“
Eden zupfte an der Manschette ihres geliehenen Pyjamaoberteils und antwortete: „Ja, das könnte man wohl so sagen. Aber mit ein bisschen Übung bekomme ich das sicher bald hin.“
„Du hast noch gar nicht gesagt, wo du eigentlich herkommst, oder?“, fragte Paige jetzt.
Eden strich sich das Haar hinter die Ohren und antwortete: „Aus dem Süden.“
„Aber du hast gar keinen Akzent“, bemerkte Paige.
„Du schon, ein bisschen jedenfalls“, sagte Eden darauf. „Ich habe noch nie zuvor den Akzent von Maine gehört.“
„Beau hat gesagt, dass du eigentlich nur auf der Durchreise bist und dir dann deine Sachen gestohlen worden sind“, fuhr Paige unbeirrt fort.
Sie hätte sich auf keinen Fall zu Paige setzen sollen, dachte Eden jetzt und erklärte dann:
„Ja, im Grunde ist alles weg, was ich besessen habe. Und zu allem Überfluss ist auch noch mein Wagen liegengeblieben. Wir bleiben so lange, bis der Wagen repariert und Tante Trudy wieder auf den Beinen ist. Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich für den Job bin … und dafür, dass ich eine Bleibe habe. Beau und seine Familie sind wirklich großartig.“
Paiges Blick schweifte zu ihrem Handy, und ihre Miene wurde traurig.
„Alles in Ordnung?“, fragte Eden.
„Ach, ich habe gerade mit Beau telefoniert … Riley hat sich freiwillig zu den Marines gemeldet“, antwortete Paige und klappte ihren Laptop zu.
Froh über den Themenwechsel, sagte Eden: „Ich habe versehentlich mitgehört, wie sie darüber gesprochen haben. Kennst du die Callahan-Brüder schon lange?“
„Ja, seit Riley und ich vierzehn sind.“ Offenbar dachte sie jetzt an die Zeit damals zurück, denn sie lächelte wehmütig und erzählte: „Er hat mich eines Tages nach der Schule zu einem Basketballspiel herausgefordert, und ich habe ihn geschlagen.“
„Autsch“, bemerkte Eden lächelnd.
„Ja, das kann man wohl sagen. Das hat ihm damals echt zugesetzt, aber er hat es ganz gut weggesteckt. Hilfreich war aber wahrscheinlich auch, dass er mich seitdem Hunderte Male besiegt hat. Als er irgendwann einen gewaltigen Wachstumsschub hatte und richtig muskulös wurde, hatte ich keine Chance mehr gegen ihn. Inzwischen fordere ich ihn beim Poolbillard heraus, da kann ich es immer noch mit ihm aufnehmen.“
Doch dann erstarb ihr Lächeln, und ihre Lippen bebten, als sie bewegt sagte: „Er ist mein bester Kumpel, und ich kann einfach nicht glauben, dass er weggeht.“
Es musste schwer sein für Riley, eine Frau zu lieben, für die er ganz eindeutig nicht mehr als ein Freund war, und mit ansehen zu müssen, wie sie sich in seinen großen Bruder verliebte. Kein Wunder, dass er wegwollte.
„Und wie ist es dazu gekommen, dass du jetzt mit Beau zusammen bist?“, fragte Eden.
„Er ist vier Jahre älter als Riley, deshalb hatte ich ihn eigentlich gar nicht auf dem Schirm. Aber ich war viel mit der Familie zusammen, als der Vater gestorben ist, und eines Abends sind Beau und ich uns dann im Roadhouse über den Weg gelaufen und haben bis zur Sperrstunde miteinander geredet. Uns gehen nie die Gesprächsthemen aus. Er ist wirklich ein toller Kerl. Heute Abend ist er total aufgewühlt, weil Riley schon so bald nach dem Tod des Vaters weggeht … ich weiß auch nicht, was er sich dabei denkt.“
„Es hat vorhin so geklungen, als wären sie auch zuvor schon aneinandergeraten“, bemerkte Eden.
Daraufhin grinste Paige nur schief und sagte: „Folgendes musst du über die Callahan-Männer wissen: Sie haben alle einen starken Willen, sind überbehütend und glauben, dass sie alles wissen. Außerdem sind sie die begehrtesten Junggesellen der Stadt – obwohl Beau ja zurzeit vergeben ist. Es war ein Heulen und Zähneklappern, als wir zusammengekommen sind, aber mittlerweile ist ja auch Zac wieder zu haben. Er ist vor etwa einem Monat von seiner Verlobten sitzengelassen worden. Die drei sind vielleicht alle ein bisschen ungehobelt, aber das liegt daran, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Vater großgezogen worden sind, fast ohne weiblichen Einfluss in ihrer Teenagerzeit.“
„Und was ist mit der Tante?“, erkundigte sich Eden.
„Du hast doch Miss Trudy schon kennengelernt, oder?“, fragte Paige feixend.
„Also ich hoffe ja, dass sich die Gemüter bis morgen wieder ein bisschen beruhigt haben. Heute Abend war die Stimmung jedenfalls ziemlich aufgeheizt“, bemerkte Eden.
„Ach, das legt sich schon wieder, wirst sehen“, sagte Paige. „Die Callahan-Brüder sind aufbrausend, aber nicht nachtragend.“
Doch es legte sich nicht. Am nächsten Tag erschien Riley nicht zum Abendessen und ging der Familie offenbar bewusst aus dem Weg.
Eden musste immer wieder ihr Gähnen unterdrücken, denn Micah hatte in der Nacht zuvor wieder einen Albtraum gehabt. Sie war von seinem Schreien aufgewacht, hatte seinen kleinen verschwitzten Körper ganz fest in die Arme genommen und versucht, ihn mit Worten zu beruhigen, aber Paige war anscheinend von dem Lärm aufgewacht, denn sie hatte sich am Morgen nach dem Kleinen erkundigt.
Ein Anruf bei der Autowerkstatt ergab nichts Gutes. Es sei tatsächlich ein defekter Zylinderkopf, sagte der Mechaniker, und der Motor müsse ausgetauscht werden. Etwa tausend Dollar sollte die Reparatur kosten. Den ganzen Nachmittag überlegte Eden, was sie tun sollte, gab dann aber schließlich die Reparatur in Auftrag. Mit einem Austauschmotor würde der Wagen dann wahrscheinlich noch eine ganze Weile durchhalten. Sie teilte dem Mechaniker aber auch gleich mit, dass sie die Reparatur nicht auf einen Schlag würde bezahlen können.
Am Montagabend ging sie zu Fuß in die Stadt, um im Lebensmittelladen ihren Gehaltscheck einzulösen und dann in dem Lokal ihre offene Rechnung zu begleichen. Danach ging sie in den Secondhandladen, den sie entdeckt hatte und der sich als wahre Fundgrube erwies. Sie fand warme Wintersachen für Micah und eine Jeans sowie eine billige Handtasche für sich selbst.
Auf dem Rückweg zu Paiges Haus kamen sie an einem Laden für gebrauchte Bücher vorbei, wo ihr im Schaufenster ein Buchumschlag ins Auge fiel, der ihr bekannt vorkam. Sie blieb stehen und sah, dass es ein Buch von Debbie Macomber war.
„Was ist denn das für ein Schund?“ Er schnappte ihr das Bibliotheksbuch aus der Hand und warf es in den Mülleimer. „Nicht in meinem Haus. Nicht in den Händen meiner Frau.“
Sie schüttelte die Erinnerung ab, raffte ihre ganze Entschlossenheit zusammen, betrat den Buchladen, und als sie kurz darauf wieder herauskam, steckte in ihrer neuen Handtasche ein Exemplar von Twenty Wishes.
Die nächsten paar Tage war Eden vollkommen damit beschäftigt, Miss Trudy in der Gegend herumzufahren, zu putzen und das Thanksgiving-Festessen zu planen. Es war unglaublich wichtig, dass es gelang, denn sie hatte in ihrer ersten Arbeitswoche wirklich viel falschgemacht. Sie hatte in der Wäsche ein paar von Beaus weißen T-Shirts rosa verfärbt, ein falsches Reinigungsmittel für den Küchenfußboden verwendet, sodass er ganz klebrig geworden war, und es dann auch noch irgendwie geschafft, den Staubsauger zu ruinieren. Bei jedem neuen Malheur hatte sie mit ihrer Entlassung gerechnet, aber Beau hatte ihr all diese Fehler einfach so durchgehen lassen.
Er hatte noch einmal nach dem W-4-Formular gefragt, doch sie hatte sich irgendwie herausreden können. Viel länger würde er sich aber wahrscheinlich nicht mehr vertrösten lassen. Sie würde eine falsche Sozialversicherungsnummer angeben und hoffen müssen, dass sie längst wieder weg wäre, wenn das Finanzamt ihn darüber informierte, dass die Nummer falsch war.
Eden zündete das Feuer im Kamin an und schaute zu, wie ein dickes Holzscheit Feuer fing. Dann schaltete sie das Radio ein und suchte so lange, bis sie einen Sender mit Weihnachtsliedern gefunden hatte. Der Truthahn lag zum Auftauen im Kühlschrank, die Kartoffeln waren sauber gebürstet und standen auf der Arbeitsplatte, und Miss Trudy hielt ein Nickerchen. Es wurde langsam Zeit, das Haus ein wenig festlich zu schmücken.
Sie holte also den Weihnachtsschmuck vom Dachboden und machte sich an die Arbeit. Als die Sonne unterging, hatte sie das Haus in ein richtiges Weihnachtswunderland verwandelt. Eine blinkende Girlande schmückte jeweils den Kaminsims und das Treppengeländer, und hier und da brannten elektrische Kerzen. Miss Trudy war von ihrem Nickerchen aufgewacht, als sie halb fertig gewesen war, und hatte die restlichen Arbeiten überwacht. Riley hatte anerkennend genickt, als er durchs Wohnzimmer gekommen war, und jetzt konnte sie gar nicht erwarten, dass auch Beau ihr Werk zu sehen bekam.

Als Beau aus dem Wagen stieg, blies ihm ein eiskalter Wind entgegen. Die Scheune war fertig mit Kränzen und Girlanden geschmückt, und der Lastwagen von der Bethel-Farm war da gewesen und hatte noch einmal einhundert Bäume als Ergänzung zu ihrem eigenen Bestand gebracht. Er mochte diese letzten paar ruhigen Tage, in denen alles auf den Ansturm vorbereitet wurde, denn ab übermorgen würde der Wahnsinn losbrechen und Massen von Kunden herbeiströmen. In der Scheune würde es harzig nach frischer Tanne duften, es würden Weihnachtslieder erklingen, dick eingemummelte Kinder würden heißen Kakao trinken, und Marty Bennington würde die Pferde führen, die den Schlitten die schneebedeckten Pfade auf der Farm entlangzogen, sodass Beau das Gebimmel der Schlittenglöckchen noch Stunden nach Feierabend im Ohr hätte.
In der Zeit zwischen dem Verkünden von Rileys Neuigkeiten und dem Beginn der Feiertage war Beaus Stimmung eher mies gewesen. Riley war ihm aus dem Weg gegangen, und Paige war die ganze Woche noch nicht zum Abendessen da gewesen – was allerdings auch an Kates eher mäßigen Kochkünsten liegen konnte. Beau hatte darauf bestanden, dass sie an diesem Abend Pizza bestellten, denn Kate hatte noch alle Hände voll zu tun mit den Vorbereitungen für die Thanksgiving-Feier am nächsten Tag. Seine Erwartungen an das Festessen waren nicht besonders hoch.
An Weihnachten wollte er lieber gar nicht denken, aber das war gar nicht so einfach, wenn man den ganzen Tag beruflich damit zu tun hatte. Er musste einfach dafür sorgen, dass er immer genug zu tun hatte, und es würde ja auch bald wieder vorbei sein. Dann konnte er die Erinnerungen zurück in die Vergangenheit schieben, wo sie hingehörten, genau so, wie es auch sein Vater getan hatte.
Er kam die Stufen zur Veranda hinaufgestapft und stampfte sich dabei den Schnee von den Stiefeln.
Genau in dem Moment, als Beau auf der obersten Stufe angekommen war, kam Riley ihm aus dem Haus entgegen und blieb abrupt stehen, als er seinen Bruder kommen sah.
„Wenn du ein paar Minuten eher gegangen wärst, hättest du mich nicht sehen müssen“, sagte Beau.
„Ja, schade eigentlich“, entgegnete Riley und schob sich an ihm vorbei.
Da packte Beau ihn am Arm und sagte: „Kannst du vielleicht mal aufhören, dich wie der letzte Idiot aufzuführen?“
Riley befreite sich aus Beaus Griff, indem er einen großen Schritt zur Seite machte und unbeirrt weiterging. „Geh doch einfach zu Paige und lass mich in Ruhe!“
„Das mache ich vielleicht sogar. Sie ist sicher genauso aufgebracht darüber, dass du weggehst, wie ich, oder hast du dir noch gar nicht die Mühe gemacht, es ihr zu sagen?“, entgegnete Beau darauf.
„Ja, klar, sie heult sich bestimmt die Augen aus dem Kopf“, sagte Riley ironisch im Gehen noch über die Schulter.
„Was hast du eigentlich für ein Problem?“, rief Beau ihm nach.
Aber die einzige Antwort darauf war das Zuschlagen von Rileys Autotür. Der Motor heulte auf, und der Wagen fuhr davon.
Beau knurrte böse und stampfte zweimal heftig mit dem Fuß auf. Riley war so stur. Was war bloß mit ihm los? Seit dem Tod ihres Vaters war er mürrisch und verschlossen, und Beau hätte seinem Bruder am liebsten eine Tracht Prügel verpasst für all den Kummer, den er verursachte.
Beau betrat jetzt das Haus und blieb abrupt stehen bei dem Anblick, der sich ihm bot. Das Geländer der Treppe nach oben und der Kaminsims waren mit Girlanden geschmückt, und am Kaminsims hingen außerdem die großen Socken für die Geschenke, die seine Mutter für ihre Söhne genäht hatte. In einer Ecke stand ein geschmückter Weihnachtsbaum und in der Mitte des Tisches, umgeben von roten Kerzen, der Porzellanengel, den sein Vater der Mutter noch ganz kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte.
Im Hintergrund spielte Weihnachtsmusik, und im Kamin knisterte ein behagliches Feuer.
„Was zum Kuckuck soll denn das?“, fragte er mit einem wütenden Blick in Richtung Tante Trudy, die auf dem Sofa saß und strickte.
„Schauen Sie mal, was ich gefunden habe“, sagte Kate und kam lächelnd ins Zimmer. In den Armen hatte sie die drei ausgestopften Schneemänner, die seine Mutter gekauft hatte, als er und seine Brüder noch klein gewesen waren. „Ach, hallo“, sagte sie, aber ihr Lächeln erstarb, als sie seine Miene sah.
„Wer hat Ihnen das erlaubt?“, fragte er kalt.
Ihr Blick ging zu Tante Trudy, und sie fragte: „Was ist denn?“
„Das sind unsere Sachen“, sagte er eisig und nahm ihr die Schneemänner aus dem Arm. „Sehr persönliche Sachen.“
„Ich … es … es tut mir wirklich leid. Ich konnte ja nicht wissen …“
„Nein, konnten Sie nicht“, wiederholte er, nahm den Porzellanengel vom Tisch und legte ihn zurück in die Schachtel zu seinen Füßen, gefolgt von den Kerzen und dem Tannenzapfenwichtel, den er in der dritten Klasse gebastelt hatte.
„Aber das … das ist doch nur Weihnachtsschmuck …“, stammelte sie verwirrt.
Er richtete sich auf, straffte die Schultern, sah sie an und zischte wütend: „Ja, unser Weihnachtsschmuck. Warum versuchen Sie nicht erst mal, ein einigermaßen anständiges Essen hinzubekommen und sich um die Wäsche zu kümmern, bevor Sie in unseren Sachen herumwühlen?“
Sie wurde rot, und er wandte sich jetzt dem Kaminsims zu und hängte die Weihnachtssocken ab. Wegen der lauten Weihnachtsmusik bekam er nicht mit, dass Jack und sie gingen. Als Nächstes begab er sich zum Radio und schaltete es aus.
„Na, das war ja ein nettes Dankeschön“, sagte Tante Trudy trocken.
„Wofür denn ein Dankeschön?“, entgegnete er wütend. „Die Frage ist doch eher, wie du zulassen konntest, dass sie das macht?“
„Na ja, ich habe halt gedacht, dass du ein bisschen vernünftiger bist als dein Vater. Es ist jetzt zwölf Jahre her, Beau. Das Leben geht weiter.“
„Aber all das hier weckt schlimme Erinnerungen.“
„Ist es wirklich das – oder machst du einfach nur so weiter wie dein Vater?“, fragte sie.
„Es hat ihn fast umgebracht – hast du das schon vergessen?“
„Deine Mutter hat Weihnachten geliebt und sich jahrelang ganz viel Mühe gegeben, euch ein schönes Weihnachtsfest zu bereiten. Sie hätte bestimmt nicht gewollt, dass ihre Söhne sich nur an das eine allerschlimmste Weihnachten erinnern“, erklärte Tante Trudy.
„Wir sollen es also einfach vergessen?“, fragte er entsetzt.
„Natürlich könnte ich das nicht vergessen, aber euer Leben geht doch weiter. Wir betreiben eine Weihnachtsbaumplantage, können also den Feiertagen gar nicht aus dem Weg gehen oder sie einfach ignorieren. Aber grundgütiger Himmel, hat euer dickköpfiger Vater denn überhaupt jemals versucht, wieder Weihnachten zu feiern?“
Beau ließ die Girlande sinken, die er gerade in der Hand hielt, und blickte finster drein. „Ich fasse einfach nicht, dass du das zulassen konntest.“
„Sie war schon fast fertig, als ich von meinem Mittagschlaf aufgestanden bin, und sie hat gelächelt, so als hätte sie das Gefühl, endlich auch mal etwas richtig zu machen.“
Beau zog den Rest der Girlande herunter und stopfte sie zu den anderen Sachen in die Kiste. Er wollte nur weg hier, und jetzt konnte er nicht einmal mehr zu Paige, weil sich Kate auch dort breitgemacht hatte.
„Ich bestelle dann mal Pizza“, sagte er völlig entnervt.
Eine Stunde später telefonierte er von seinem Zimmer aus mit Paige. „Hast du was von Riley gehört?“, fragte er, nachdem sie sich das Neueste vom Tag berichtet hatten.
„Er hat heute Nachmittag angerufen“, antwortete sie. „Es geht ihm richtig schlecht, Beau. Ich glaube, dass er vor irgendetwas davonläuft, aber ich weiß nicht, vor was.“
„Wir hatten heute Nachmittag einen Streit. Die Thanksgiving-Feier morgen wird bestimmt eine einzige Katastrophe.“
„Durch den Tod eures Vaters hat er vielleicht das Gefühl, dass er überflüssig ist“, sagte sie.
„Schon möglich.“
Riley wurde ihm gegenüber immer verschlossener, und er kam nicht mehr an ihn heran, andererseits war sein Bruder noch nie ein besonders offener Typ gewesen. Nach dem Tod ihres Vaters hatte er gehofft, dass sie sich vielleicht näherkommen würden, aber Riley schien immer mehr auf Abstand zu gehen.
„Wieso kann er nicht einfach zur Küstenwache gehen wie alle anderen hier aus der Gegend auch? Wenigstens wäre er dann nicht so weit weg, und er würde nicht plötzlich mitten in einem Kriegsgebiet sitzen.“
„Für Riley sind immer nur die Marines infrage gekommen, das weißt du doch“, erklärte sie.
„Ja, ich weiß“, bestätigte Beau.
„Ist bei euch zu Hause irgendwas vorgefallen?“, fragte Paige als Nächstes. „Kate wirkte ziemlich durcheinander, als sie nach Hause kam.“
„Was hat sie denn gesagt?“, fragte Beau nach.
„Eigentlich gar nichts. Sie ist schon den ganzen Abend oben auf ihrem Zimmer.“
Jetzt fragte sich Beau, ob es wohl überhaupt ein Festessen zu Thanksgiving geben würde und ob Tante Trudy noch eine Betreuerin hatte.
„Sie hat sich über die Weihnachtssachen auf dem Dachboden hergemacht, und als ich nach Hause gekommen bin, war das ganze Haus geschmückt. Überall waren Girlanden und Weihnachtsschmuck – wirklich im ganzen Haus.“
„Oh nein“, sagte Paige mit gespieltem Entsetzen. „Wie konnte sie nur?“
Mit zusammengebissenen Zähnen sagte Beau darauf: „Ehrlich gesagt, könnte ich eher ein bisschen Unterstützung gebrauchen.“
„Jetzt komm schon, Beau. Im Grunde bist du doch gar nicht auf Kate sauer, sondern auf Riley. Und im Grunde auch nicht auf ihn, sondern du hast einfach Angst.“
Na toll – wie er es liebte, analysiert zu werden. „Und wovor genau soll ich deiner Meinung nach Angst haben, Paige?“
Das Schweigen zwischen ihnen zog sich scheinbar endlos in die Länge, bis sie antwortete:
„Du hast Angst, ihn zu verlieren. Und weißt du was? Davor habe ich auch Angst. Aber er hat ein eigenes Leben und muss seine eigenen Entscheidungen treffen. Wir können nichts tun, als ihn zu unterstützen und zu beten, dass Gott ihn beschützt.“
„So, wie Gott unseren Vater beschützt hat? Und so, wie er Mutter beschützt hat?“, fragte Beau und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Tut mir leid, das habe ich nicht so gemeint“, entschuldigte er sich aber dann sofort und strich sich mit einer verzweifelt wirkenden Geste mit der Hand übers Gesicht. Es fühlte sich an, als würde alles auseinanderbrechen, sosehr er sich auch anstrengte, alles zusammenzuhalten.
„Gott wird mit deinen Fragen schon fertig, Beau. Und auch mit Riley wird er fertig. Und mit Kate. Und sogar mit dem Thanksgiving-Fest.“
Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und gestand: „Da habe ich mich heute Abend wohl ziemlich idiotisch aufgeführt, was?“
„Na ja …“, sagte sie. „Es gibt ja immer ein Morgen.“
Pulsuz fraqment bitdi.