Kitabı oxu: «Omega erforderlich»

Şrift:

Omega erforderlich
Welt der Wölfe Band 1

von Dessa Lux

Aus dem Englischen von Lena Seidel

Impressum

© dead soft verlag Mettingen 2021

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Omega Required

Übersetzung: Lena Seidel

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Tony Marturano – shutterstock.com

© Derek R. Audette – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-433-9

ISBN 978-3-96089-434-6 (epub)

Inhalt:

Der Alpha Werwolf Beau Jeffries geht seine eigenen Wege, nachdem er als Teenager aus seinem Rudel verwiesen wurde, weil er einem Menschen geholfen und damit die Geheimnisse des Rudels gefährdet hatte – in einer Zeit, in der die Menschheit die Wahrheit über die Existenz der Werwölfe erst lernen musste.

Jetzt soll er der erste Werwolf sein, der in einem speziellen Programm seine Zeit als Assistenzarzt absolvieren darf. Doch für ihn gelten Regeln – denn ohne Rudelzugehörigkeit muss er verheiratet sein.

Der Omega-Werwolf Roland Lea versucht nur zu überleben. Nach der letzten und schlimmsten Beziehung in seinem Leben hat er einen Unterschlupf in einem Haus für heimatlose Omegas gefunden. Doch es geht ihm von Tag zu Tag schlechter. Als ihm das Angebot gemacht wird, sich bei einer Dating-Agentur anzumelden, ist er der Meinung, dass er nichts zu verlieren hat.

Als Beau Rolands Profil sieht, weiß er auf Anhieb, warum es dem Omega so schlecht geht und er sieht sich verpflichtet, ihm zu helfen. Wenn er Roland überreden kann, ihn zu heiraten, kann er Rolands Leben retten – und Roland kann ihm helfen, den Platz an der Klinik zu bekommen.

Aber kann eine Beziehung, die aus Vernunftgründen entsteht, auch zu echter Liebe führen?

Kapitel 1

Der kurz vor seiner Promovierung stehende Arzt Beau Jeffries tat sein Bestes, es nicht zu zeigen, aber er konnte kaum glauben, dass er auf dem Campus der Rochester-Klinik herumwanderte, die vielleicht sein zukünftiges Zuhause war. Das Bewerbungsgespräch für das Assistenzprogramm war eigentlich ein kompletter Tag voller Gespräche, unterbrochen von Mahlzeiten und anderen ‚nebensächlichen‘ Ereignissen, von denen Beau wusste, dass sie für den Eindruck, den er machte, nicht weniger entscheidend waren.

Er musste einen makellosen Eindruck hinterlassen. Beau war der einzige Werwolf, der für einen Aufenthalt in Rochester ausgewählt worden war.

Selbst mit exzellenten Noten und brillanten Empfehlungen würde es ein harter Kampf werden, sich einen Platz in dem Programm, das den Schwerpunkt Humanmedizin hatte, zu sichern.

Als er zum Wartebereich vor dem Büro des Direktors dieses Programms geführt wurde, lächelte ihn die Verwaltungsassistentin leicht an, und er versuchte, das mit der gleichen Intensität zu erwidern. „Dr. Aster wird gleich bei Ihnen sein.“

„Kein Problem“, sagte Beau und ging zu den Stühlen, auf die sie gedeutet hatte, um sich zu setzen. Sie nickte und kehrte an ihren Schreibtisch zurück.

Wie praktisch jeder Mensch, also jede Person, die er in Rochester getroffen hatte, wirkte sie überhaupt nicht verängstigt oder übermäßig neugierig. Er hatte hier sogar Werwölfe bemerkt, die als Sicherheitskräfte oder Ordner arbeiteten. Er war keinem von ihnen vorgestellt worden und hatte sie nicht verraten, indem er sich anmerken ließ, dass sie ihm aufgefallen waren, aber sie waren da, arbeiteten mit diesen Menschen und wurden von ihnen akzeptiert. Abgesehen von der Rochester-Klinik war das nur ein weiterer Punkt, der ihn veranlasste, dieses Programm gedanklich als seine erste Wahl einzustufen, noch bevor er sein Gespräch beendet hatte.

Bei sämtlichen Bewerbungsgesprächen, die er allesamt hervorragend gemeistert hatte, war Beau der einzige Werwolf-Medizinstudent gewesen. In seiner Abschlussklasse hatte sich eine Handvoll anderer befunden, aber er hatte sich für die Northwestern entschieden, weil es eine der wenigen Medizinfakultäten im Land war, die bekennende Werwolf-Studenten hatte. Es gab nicht viele Werwölfe in der Medizin, und außer Beau gab es keinen, den er kannte, der Menschen behandeln wollte, statt in den brandneuen Bereich der Werwolfforschung zu gehen.

Natürlich konnte man dort viel Gutes tun. Beau war genauso neugierig wie jeder zu erfahren, wie seine eigene Art wirklich tickte. Aber Werwölfe waren Jahrhunderte lang vor der Offenbarung ohne moderne Medizin ausgekommen, vor allem weil Werwölfe verdammt schwer zu töten waren. Die Entscheidung, dass Werwölfe Menschen waren und sie zu töten Mord bedeutete, war im gleichen Jahr in Kraft getreten, in dem Beau die Highschool abgeschlossen hatte, und diese Entscheidung hatte die Lebenserwartung der Werwölfe mehr verbessert, als es die gesamte Ärzteschaft jemals konnte.

Menschen dagegen konnten von allen möglichen Dingen umgebracht werden. Beau wollte Arzt werden, weil er Menschen retten wollte – und das bedeutete, dass er ein Arzt für die Menschen sein wollte, die Rettung brauchten.

Er hatte davon geträumt, am Rochester zu arbeiten, lange bevor er die medizinische Ausbildung anfing. Rochester war die letzte Zuflucht für viele kranke Menschen, die weltbekannte Klinik für schwierige Fälle. Wenn Beau beweisen wollte, dass die Sinne eines Werwolfs, in Verbindung mit einer fundierten medizinischen Ausbildung, durch eine verbesserte Diagnose Leben retten konnten, war dies der richtige Ort, um es zu tun.

Also musste er wirklich aufhören, jedes Mal zu grinsen wie ein Idiot, wenn er ein neues Schild, einen Briefkopf oder ein Mitarbeiterschildchen mit dem Rochester-Klinik-Emblem sah. Er war hier, um für eine Assistenzarztgenehmigung in Betracht gezogen zu werden, und nicht um ein Autogramm einer medizinischen Einrichtung zu bitten.

Während er wartete, hielt er den Blick gesenkt, und konnte nicht anders, als auf sein eigenes Besucherschild zu starren. Sein Bild prangte darauf, kopiert von einem Foto, das er mit seiner Bewerbung mitgeschickt hatte. Er hatte sich große Mühe gegeben, sein Lächeln richtig in Szene zu setzen, ein warmer Ausdruck, der dem Klischee eines dunkelhaarigen, dunkeläugigen Alpha-Werwolfs entgegenwirkte. Er war gut zwei Meter groß, mit der breiten, muskulösen Alpha-Figur, die die Menschen vor ihm zurückschrecken ließ, noch bevor sie wussten, was er war, wenn er nicht darauf achtete, freundlich und ungefährlich auszusehen. Es erinnerte ihn daran, wie er auszusehen versuchte, liebenswürdig und zugänglich, und nicht vor idiotischer Freude zu strahlen.

„Mr Jeffries?“ Die Direktorin selbst stand in der Tür zu ihrem Büro, und Beau sprang vielleicht ein wenig zu schnell auf seine Füße. Sie und ihre Assistentin zeigten kurze Anzeichen von Schreck, aber nicht mehr.

Beau lächelte und strich sein Hemd glatt. Er schritt langsam vor, während Dr. Asters Gesichtsausdruck zu einem professionellen Lächeln wurde.

Dieses Gespräch war sein letztes des Tages und es war nur für ungefähr fünfzehn Minuten angesetzt, keine Zeit für eine ausführliche Unterhaltung. Beau nahm an, dass es nur ein Händedruck und ein kleines Schwätzchen wurden – eine Formalität.

Diese Vorstellung hielt ungefähr zwei Minuten, während er mit Dr. Aster Höflichkeiten austauschte. Dann sagte sie: „Ich möchte den Elefanten im Raum nicht länger ignorieren. Sie sind anders als jeder andere Medizinstudent, den wir interviewen.“

Beau nickte, behielt jedoch seinen Gesichtsausdruck bei. In seinen anderen Bewerbungsgesprächen waren ihm mehrmals verschiedene offene Fragen zur Lykanthropie gestellt worden. Auf alle hatte er sehr gute Antworten gefunden.

„Wenn Sie angenommen werden“, fuhr die Direktorin fort, „hätten Sie andere Bedürfnisse als alle anderen Kollegen, und wir versuchen, einen Überblick darüber zu bekommen, was das bedeuten würde. Das ist Teil unserer Aufnahmepolitik für Werwölfe im Eingliederungsprogramm hier in Rochester. Ich hätte gern, dass Sie es sich ansehen und mir sagen, was Sie davon halten, oder mir alle Fragen stellen, die Ihnen dabei einfallen.“

Beau starrte sie einige Sekunden an, bevor er sich zwang, ihr die Papiere aus der Hand zu nehmen. Wie er es gelernt hatte, hielt er seine Miene neutral und seine Hände ruhig, aber er konnte die Worte vor sich kaum lesen, all die zusätzlichen Regeln, denen er folgen sollte, damit er sein konnte, was er war.

Eine Vorschrift ziemlich weit oben sprang ihn an:

Von Werwolfauszubildenden wird erwartet, dass sie starke und anhaltende Unterstützung durch andere Werwölfe vorweisen (durch das Herkunftsrudel/ örtliche Rudelaufnahme und/oder einen Partner/Ehepartner).

Beau konnte nicht einmal so tun, als würde er weiterlesen, seine Kehle wurde eng und sein Herz raste, während er auf das Papier starrte, das plötzlich wie eine Mauer zwischen ihm und allem stand, für das er die ganze letzte Dekade gearbeitet hatte.

„Ich …“ Beau zwang sich, aufzusehen und dem höflich wirkenden Blick des Menschen zu begegnen. „Ich bin kein Mitglied eines Rudels.“

Technisch gesehen konnten sie ihn nicht zwingen, etwas über seine Mitgliedschaft in einem Rudel offenzulegen, wenn er keine hatte, aber wenn sie ihn fragten, was mit dem Rudel geschehen war, in das er geboren wurde, warum er es verlassen hatte, musste er antworten. Lügen war keine Option, aber die Wahrheit war etwas, vor dem er eine lange Zeit weggelaufen war. Er wollte nichts davon hier erzählen, aber wenn er musste, wenn das der Preis war …

Dr. Aster bestand nicht auf das Thema. „Ich nehme an, dass Sie gestern zum Dinner keinen Partner mitgebracht haben, ist dann nicht nur das Zweikörperproblem in der Zeitplanung?“

Beau schüttelte leicht den Kopf. Er hatte seit seinem sechzehnten Lebensjahr keine Zeit für Dates gehabt und war davor noch nie in jemanden verknallt gewesen.

Seit er von zu Hause weg war, hatte er alle Zeit und Anstrengung darauf verwandt, ohne Rudel zu überleben, das College abzuschließen und dann Medizin zu studieren.

Die Werwölfe unter den Medizinstudenten nannten sich manchmal Rudel, aber das kam nicht annähernd an die gesetzliche Definition heran. Angesichts der Tatsache, dass jeder in diesem ‚Rudel‘ entweder noch zur Schule ging oder in einem Wohnheim wohnte, wären sie selbst als legitime Gruppe nicht als Unterstützungsnetzwerk geeignet gewesen. Niemand würde ihm glauben, wenn er behauptete, dass sie sein Support seien.

„Es gibt einige lokale Rudel in der Gegend, mit denen wir in Verbindung stehen“, sagte Dr. Aster vorsichtig. „Es gibt mindestens zwei, die dafür offen zu sein scheinen, ein vorübergehendes oder dauerhaftes neues Mitglied aufzunehmen. Ausgehend von dem, was diese Rudel sagten, als wir darüber diskutierten, denke ich, dass diese Art der Unterstützung wirklich von entscheidender Bedeutung wäre. Es wäre weder für Sie noch für andere sicher, wenn Sie versuchen, ein so anspruchsvolles Programm wie unsere Ausbildung ohne Unterstützung abzuschließen.“

Da war es – unverblümter ausgedrückt als irgendwo sonst, wo er sich vorgestellt hatte. Wir können nicht verantworten, dass Sie durchdrehen und Patienten beißen. Er fragte sich, ob die Richtlinie eine zusätzliche Sicherheitsvorkehrung für seine Schichten vorsah, Leute, die bereit waren, ihn auszuschalten, wenn er wild wurde, oder ob sie das als seine alleinige Angelegenheit betrachteten.

Er dachte an die anderen Werwölfe, die ihm aufgefallen waren, und erkannte, dass sie alle das Geheimnis unbedingt für sich behalten mussten. Sicher würde Rochester den Werwolf-Sicherheitsleuten nicht mehr vertrauen als einem Werwolf-Mediziner. Er konnte es nicht riskieren, andere zu gefährden, indem er zeigte, dass er ihr Geheimnis kannte. Wenn er hierher käme, könnte er keinen von ihnen anerkennen, selbst wenn sie die ironische Aufgabe hätten, ihn unter Kontrolle zu halten.

Beau setzte ein bescheidenes Lächeln auf und brachte sich dazu, aufzusehen und das erstickende Gefühl der Klaustrophobie zu ignorieren, das ihn bei der Vorstellung, unter dem Deckmantel der Offenheit zu solch schrecklicher Geheimhaltung zurückzukehren, überfiel. „Ich verstehe. Es würde einige zusätzliche Anpassungen bedeuten, aber natürlich würde ich alles tun, um mich an die Programmrichtlinien zu halten, wenn ich angenommen werde.“

Dr. Aster lächelte.

Beau kannte sie nicht im Entferntesten gut genug, um einen besonderen Einblick in die Bedeutung ihres Geruchs oder Herzschlags zu bekommen, aber sie schien ruhig und gelassen zu sein. Nicht wütend oder ängstlich, nicht grausam, aber entschlossen, die richtige Richtung einzuschlagen.

Beau schaffte es, den Rest des Gesprächs mit dem Autopiloten zu absolvieren, aber er wollte bereits wieder in Chicago sein, weg vom falschen Versprechen dieses Ortes. Auf keinen Fall würde er die Rochester-Klinik auf seine Liste möglicher Wirkungskreise setzen. Egal wie sauber und ordentlich sie es klingen ließen, er würde sich nicht anmelden, um sich sein Privatleben von Menschen diktieren zu lassen.

***

Sechs Wochen später hatte Beau seine Liste der Eingliederungsprogramme etwa tausend Mal auf- und umgestellt. Die Frist für die Abgabe seiner bevorzugten Wahl war nur wenige Stunden entfernt und er wusste, dass das Auswechseln seiner siebten und achten Platzwahl nicht wirklich das war, worüber er sich Sorgen machen musste.

Er hatte nur neun Programme auf seiner Liste.

Bei zwölf hatte er vorgesprochen und die beiden, die er nach der Rochester-Klinik besucht hatte, waren jeweils ein absolut klares Nein gewesen. Alle waren höflich gewesen, aber er hatte in Bezug auf beide Orte ein unglaublich schlechtes Gefühl gehabt und war nicht in der Lage gewesen, auch nur versuchsweise mit den Ärzten oder Auszubildenden zu sprechen, die er getroffen hatte. Es hatte keine Werwolfwachleute gegeben, nur Menschen.

War das wichtig? War er nach Rochester einfach nur hyperempfindlich? Er wusste es nicht, aber ihm stellten sich die Haare im Nacken auf und er spürte ein Knurren in seiner Kehle vibrieren, wenn er nur daran dachte, auch nur ein Wohnheim von diesen beiden auf seine Liste zu setzen.

Die Ironie war, dass er sich immer noch daran erinnerte, wie glücklich er sich in Rochester gefühlt hatte, bis zu dem Ende mit Dr. Aster. Jedes Mal, wenn er daran dachte, hatte er nur diesen sonnigen, fröhlichen Vorortscampus vor sich. Er hatte beinahe elf Jahre in Chicago verbracht und war bereit, irgendwo anders hinzugehen, wo seine Wolfssinne nicht ganz so strapaziert wurden. Kein Aufenthaltsprogramm würde so sein wie das, in dem er aufgewachsen war, aber Rochester war eine der kleineren Städte, die er besucht hatte, und es war von einer Vielzahl von Wäldern und Nationalparks umgeben. Es war Minnesota.

Dort könnte er glücklich sein, wenn nicht diese …

Er schüttelte den Kopf. Nein. Er würde sich nicht von seinem Ausbildungsprogramm in ein Rudel zwingen lassen und sich selbst zum Spielball für die Entscheidungen eines fremden Alphas machen. Das konnte unmöglich besser laufen als beim ersten Mal. Und natürlich würde er sich nicht zu einer Paarung drängen lassen. Er konnte das nicht, nicht so. Nicht, um Menschen zufriedenzustellen, die vielleicht niemals damit zufrieden waren, dass er keine Zeitbombe mit lykanthropischen Aggressionen war, geradewegs einer verdrehten Sensationsgeschichte über einen weiteren Werwolf entsprungen, der von einem Menschen in sogenannter Selbstverteidigung getötet worden war.

Das bedeutete allerdings auch, dass nur noch neun Wahlmöglichkeiten auf seiner Liste standen. Ihnen war immer und immer wieder vor den Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen eingebläut worden, dass die Chance, genommen zu werden, bei neunzig Prozent und höher lag, wenn zehn oder mehr Auswahlmöglichkeiten auf ihrer Liste standen.

Aber das waren natürlich Statistiken für menschliche Medizinstudenten. Dr. Pavlyuchenko, der als halboffizieller Berater für sämtliche Werwolfstudenten am Northwestern fungierte, hatte ihm im Vertrauen gesagt, dass zehn das absolute Minimum war, wenn er hoffte, genommen zu werden.

Die Aufnahme zwischen Bewerbern und Aufenthaltsprogrammen wurde national geregelt, jeder Medizinstudent im achten Semester fand am selben Tag heraus, ob man aufgenommen wurde, und dann, ein paar Tage später, wohin man gehen durfte. Wenn er nicht aufgenommen wurde, musste er kämpfen, um ein Programm zu finden, das ihn annahm.

Und wenn er einen Platz fand, würde es in Werwolfmedizin sein und nicht in Humanmedizin. Wenn er zwei oder drei Jahre in einem Programm verbrachte, das auf Lykanthropie spezialisiert war, konnte er seine Chancen, von der Ärztekammer für Humanmedizin angenommen zu werden, in die Tonne treten.

Also musste er einen Platz finden. Er musste einen Platz in einem der zwölf Programme finden, bei denen er sich beworben hatte, oder es war alles umsonst gewesen.

Es war nicht so, dass Rochester ihn auf jeden Fall annahm, wenn man bedachte, wie sie über Werwölfe dachten. Und wenn es auf seine zehnte Wahl ankam …

Beau biss die Zähne zusammen und tippte die Rochester Klinik ans Ende seiner Liste. Er klickte auf Senden, bevor er es sich ein zweites Mal überlegen konnte. Damit hatte er zehn Programme auf seiner Liste. An neun davon würde er glücklich sein. Er hatte noch das letzte Semester vor sich und konnte keine Zeit mehr damit verschwenden, darüber nachzudenken, wohin er passen könnte. Jetzt lag es nicht mehr in seinen Händen.

Kapitel 2

„Mr. Lea? Sie können weitermachen, wenn Sie wollen, aber ich muss den Timer ausschalten.“

Roland kniff die Augen zusammen und presste sich die Fingerknöchel gegen die Stirn, als könnte er damit das Hämmern seiner Kopfschmerzen zurückdrängen. Außerdem versteckte er sich damit ein wenig vor dem sanften, geduldigen Blick von Susan, seiner Fallbearbeiterin im North Chicago Omega Schutzgebiet.

Susan war ebenfalls ein Omega, und sie konnte natürlich damit umgehen, wenn ihm wirklich die Tränen kamen, aber wenn er sein Gesicht vor ihr verbarg, würde sie es nicht genau wissen. Vermutlich.

Er hörte sie ein paar behutsame Schritte näher zu seinem Ende des Tisches kommen, und benutzte seinen anderen Arm, um den Fragebogen abzudecken, auf den er – ohne eine einzige Antwort aufzuschreiben – gestarrt hatte, seit … er wusste nicht, wie lange. Lange genug, damit Susan es aufgegeben hatte, darauf zu warten, dass er irgendeinen Fortschritt in diesem Test im Zeitlimit machte.

„Nicht“, brachte Roland fertig zu sagen, seine Kehle fühlte sich selbst für das viel zu eng an. „Nicht hinsehen. Bitte.“

Susan blieb stehen, dann hörte er sie zurückgehen. „Ich wollte nicht auf Ihren Test sehen. Aber vielleicht wollen Sie sich Ihr Gesicht waschen, danach können wir über das hier reden. Darüber, wie es weitergehen soll.“

Roland nickte gegen seine Faust und klammerte sich sofort an die in ihrem Vorschlag angebotene Flucht. Er griff nach seinem Testheft, als er aufstand, seine Schultern hoben sich, während er sich abwandte, ohne in Susans Richtung zu sehen. Er hastete aus dem kleinen Besprechungsraum zum nächstgelegenen Waschraum, schloss sich ein und presste sein brennendes Gesicht gegen die Metalltür.

Er wusste nicht, was seinen Körper zum Zittern brachte und ihn sich überall heiß und schwach fühlen ließ, sogar jenseits der Scham und Wut über sein neuestes, offensichtlichstes Versagen. Schon seit Wochen hatte er sich so gefühlt, noch ehe er in das Schutzgebiet gekommen war. Es fühlte sich ein wenig wie Hitze an – dieses unangenehme, quälende Fieber, aber schlimmer, hässlich und schmerzhaft.

Und er kam mit Sicherheit nicht in die Hitze. Die Beruhigungsmittel, die er in seinem Schließfach versteckt hielt, schützten ihn davor. Er nahm sie zuverlässig jeden Tag und hütete die Flasche heftiger als alle anderen seiner wenigen Besitztümer.

Er würde nicht mehr so hilflos sein, so ohne eigenen Sinn. Niemals. Niemand würde ihn jemals wieder so benutzen.

Das war die Entscheidung, die er getroffen hatte, als er endlich genug Verstand aufgebracht hatte, um zu erkennen, dass er sich von Martin trennen musste, egal ob er auf Besseres hoffen konnte oder nicht. Dies war das Einzige, dessen er sich während seines Kampfes ums Überleben sicher war, bevor er in das Schutzgebiet gekommen war. Er würde nichts davon noch einmal machen. Aber er musste etwas tun.

Ohne einen beschissenen Alpha-Freund, geschweige denn einen richtigen Kumpel oder ein Rudel, musste Roland einen Weg finden, sich selbst zu helfen. Wenn er bei den Beruhigungsmitteln blieb, würde ihm die Hitze bei der Arbeitssuche nicht in die Quere kommen. Er könnte sogar wieder unter Menschen gehen. Er könnte ein Leben haben, oder etwas, das dem nahekam. Vielleicht würde er kalt und einsam sein, aber er könnte auf eigenen Beinen stehen.

Alles, was er tun musste, war einen Job zu finden, obwohl er die Highschool nie beendet hatte, nie einen richtigen Job hatte und …

Roland öffnete die Augen und stieß sich mit beiden Händen von der Tür ab, um den Fragebogen auf der Metalloberfläche auszubreiten. Er starrte grimmig auf die Seite, auf der er sich befunden hatte, als Susan die Stille im Arbeitszimmer gestört hatte, aber hier war es nicht anders, obwohl er allein war. Die Wörter verwischten zu unleserlichen Flecken, als er sie ansah, und wenn er eines entschlüsselte, konnte er es nicht in einen Satz einordnen. Bis er das nächste Wort durchgearbeitet hatte, hatte er das erste vergessen.

Er war gebrochen.

Irgendwann in den vergangenen acht Jahren, als er nicht aufgepasst hatte – und der Mund wusste, dass er hart daran gearbeitet hatte, nicht aufzupassen – hatte er sogar die Fähigkeit zu lesen verloren. Die Fähigkeit, richtig zu denken. Er hatte kein bisschen Wolfsbann zu sich genommen, seit er in das Schutzgebiet gekommen war, wo er einen sicheren Platz zum Schlafen und genug Essen hatte, aber die zitternde Schwäche hatte nicht nachgelassen.

Roland wandte sich von der Tür ab und stolperte zum Waschbecken, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen. Er betrachtete sich im Spiegel und versuchte, nicht vor dem Anblick zurückzuschrecken. Seine blassgrünen Augen starrten ihn an, die Farbe sah neben dem blutunterlaufenen Weiß seiner Augen grell aus. Er war hager und blass. In einem der Asyle, in denen er übernachtet hatte, hatte er sich die Haare rasiert, ehe er das Schutzgebiet fand, weil sie in Büscheln ausgefallen waren. Sein Kopf zeigte ein paar blasser Stoppeln auf der nackten Haut, sogar noch bleicher als sein Gesicht. Die klaren, nicht verheilten silbernen Verbrennungen ragten aus dem Kragen seines Hemdes. Roland richtete den Schal, den er trotz der falschen Jahreszeit trug, um sie zu verstecken, und wischte sich mit einem Ende das feuchte Gesicht ab.

So stellte ihn niemand ein und er war sowieso für nichts gut. Er konnte nicht zur Schule zurück und war nicht in der Lage, die schwere Arbeit zu verrichten, die viele Alphas und Betas mit Werwolfstärke und Heilung verrichteten. Das Schutzgebiet war berühmt dafür, dass alle Omegas, die hier lebten, einen Plan, ein Ziel hatten. Roland hatte Susan gesagt, dass seines sei, die Ausbildung zu machen, die er verpasst hatte, als er mit sechzehn Jahren mit einem älteren Alpha davongelaufen war, der versprach, sich gut um ihn zu kümmern.

Wenn er keinen Plan hatte, würden sie ihn rauswerfen?

Würde er zu den menschlichen Obdachlosenunterkünften zurückkehren müssen? Zurück zum Betteln an Straßenecken, frierend und hungrig in Hauseingängen schlafen, wenn ihn das Mitleid menschlicher Fremder nicht ernährt hatte?

Roland kniff die Augen zusammen. „Fuck. Fuck.“

Es klopfte leise an der Tür. „Mr Lea?“

Susan. Natürlich. Susan war nett und geduldig und unerbittlich. Sie würde nicht zulassen, dass er sich für immer in diesem Waschraum versteckte.

Roland schob den Fragebogen in den Mülleimer, vergrub ihn tief unter feuchten Papiertüchern und benutzten Taschentüchern. Er wusch sich die Hände, trocknete sie ab und öffnete die Tür.

„Werden Sie mich rauswerfen?“

Susan blinzelte ihn an. Sie war mindestens sechzig, obwohl es durch eine vernünftige Lebensweise und Werwolfgene schwer zu sagen war; sie redete nie über sich selbst, über ihr eigenes Leben, aber Rolands Vorstellung ließ sie als Großmutter aus einem schönen Vorort arbeiten und unter den gefallenen Omegas des Schutzgebiets Gutes tun.

Sie war jedoch immer noch eine Wölfin. Sie hatte immer noch Zähne. Sie zuckte nicht vor ihm zurück, und wenn es an der Zeit für ihn war zu gehen, hatte er keinen Zweifel, dass sie ihn zum Tor begleiten und ihn persönlich rauswerfen würde.

„Nein“, sagte sie nach einem Moment. „Das machen wir hier nicht. Aber ich glaube, wir müssen Ihre Optionen überdenken.“

Als ob er noch Optionen gehabt hätte. Aber wenn sie ihn nicht rauswerfen wollten, war das ein Anfang, und er schuldete es diesem Ort, alles zu tun, was nötig war.

„Okay“, sagte Roland und ließ den Türrahmen los. „Klar, überlegen wir noch einmal.“

Susan führte ihn vom Waschraum weg, nicht zurück in das Arbeitszimmer, das nach seiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit stinken musste, sondern in ein ruhiges, kleines Wohnzimmer. Sie schloss die Tür fest, aber die Fenster standen offen, man blickte auf den Innenhof der Schutzhütte. Ein paar kleine grüne Triebe ragten aus dem Boden, die ersten tapferen Blüten des Frühlings.

„Also“, sagte Susan. „Ich werde dir auf keinen Fall sagen, dass du die Highschool nicht beenden sollst, aber es scheint, als wäre das ein längerfristiges Projekt.“

Roland starrte auf seine Hände hinunter, klammerte sie umeinander, bis seine Knöchel weiß hervortraten. So war Susan immer, sie tat so, als hätte er eine Zukunft, als könnte er alles machen, was normale Leute taten, als wäre seine Vergangenheit tatsächlich vergangen.

„Ich denke, du brauchst mehr individuelle Unterstützung, als dir das Schutzgebiet geben kann“, fuhr sie fort. „Ich weiß, du sagtest, dass es kein Rudel und keine Familie gibt, mit der du Kontakt haben möchtest, und ich werde dich sicher nicht drängen, an dieser Stelle einem eigenen Rudel beizutreten.“

Dann schwieg sie. Roland dachte, dass das klang, als wollten sie ihn doch rauswerfen oder ihn in eine noch institutionellere Institution schicken, denn was zum Teufel sollte das sonst bedeuten?

Er hob den Kopf, um sie anzusehen. Susan hielt eine Broschüre in der Hand. Sogar er konnte die beiden verschlungenen Symbole auf dem Cover erkennen: Alpha und Omega.

Einen Moment lang starrte Roland den Umschlag an, dann sah er zu Susan auf, die einen sanften Ausdruck im Gesicht hatte. Er vergrub sein Gesicht in den Händen und begann wild und ein wenig schmerzerfüllt zu lachen. „Sie … was …“

Susan war so gelassen wie immer. „Das ist eine Agentur, die hilft, einzelne Alphas und Omegas in Kontakt zu bringen. Sie arbeiten manchmal mit uns zusammen, um geeignete Partner für Omegas zu finden. Du hast Eric bisher noch nicht getroffen, glaube ich, aber er ist einer unserer Freiwilligen und ein ehemaliger Assistenzarzt – er hat seinen Partner durch die Agentur gefunden. Sie würden nichts erzwingen, aber sie können dir helfen, einen Partner zu finden, der dich in jeder Hinsicht unterstützt.“

Roland zwang sich, aufzuhören zu lachen, bevor etwas anderes daraus wurde. Eine kurze Weile atmete er nur, hielt dabei sein Gesicht verborgen. Dann lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und wischte sich mit dem Ende seines Schals über das Gesicht. Anschließend riss er sich den Schal vom Hals und zog den Kragen seines Hemdes herunter, damit Susan die silbernen Verbrennungen wirklich sehen konnte, die immer noch seinen Hals mit hässlichen, geschwollenen Flecken überzogen, die an den Rändern Blasen warfen.

Ihre Augen weiteten sich leicht. „Roland! Das ist …“

„Sie heilen nicht“, sagte Roland, stopfte den Schal wieder an seinen Platz und wandte den Blick ab. „Ich war in der Klinik. Ich verwende die Salbe zwei Mal täglich, aber … sie heilen nicht ab. Und das … das ist noch nicht annähernd alles.“

Er knirschte mit den Zähnen, verjagte die Erinnerung an den Schmerz in seinem Bauch und zwischen seinen Beinen, an die starken Hände der Hebamme, an die spöttischen Bemerkungen seines Alphas. Wer will dich jetzt noch? Du bist nur für eine Sache gut.

„Vertrauen Sie mir, ich bin kein Material zum Verkuppeln. Kein Alpha wird mich wollen. Oder wenn doch, wollen sie mich nur für …“ Roland schüttelte den Kopf und starrte erneut aus dem Fenster.

„Ich stimme dir zu, es muss jemand ganz Spezielles sein“, sagte Susan. „Aber die Chancen stehen gut, dass der Alpha für Sie irgendwo da draußen sein kann, Mr Lea. Sich bei der Agentur zu registrieren, verpflichtet Sie zu gar nichts, abgesehen von Treffen mit angehenden Alphas. Wenn Sie sich bei keinem, der Ihnen vorgestellt wird, wohlfühlen, sagen Sie Nein und damit hat sich die Sache. Aber wenn Sie glauben, es wäre möglich, dass es jemand gäbe, bei dem Sie Ja sagen könnten, möchte ich wirklich, dass Sie es versuchen.“

Dann hätte er einen Plan, nicht wahr? Dann könnte er sagen, er hätte es versucht. Sie würden ihn hierbleiben lassen und er könnte weiter versuchen, gesund zu werden. Vielleicht konnte er sogar wieder lesen, wenn er mehr Zeit zur Genesung hatte, und dann könnte er seine Pläne überdenken.

Niemand würde ihn auswählen, und er war sich seiner Fähigkeit, Drecksäcke wie Martin, die ihn nur benutzen wollten, zu erkennen, ziemlich sicher, und dann konnte er immer noch Nein sagen. Vielleicht ließen sie ihn ein paarmal jemanden ablehnen, bevor sie entschieden, dass er es gar nicht versuchen wollte, und wie viele Alphas suchten tatsächlich nach jemandem wie ihm?

Roland seufzte und machte für Susan deutlich, dass er aufgab. „Okay, ja. Was muss ich machen, um mich zu registrieren?“

Kapitel 3

Der Tag der Bekanntgabe war, wie viele Gelegenheiten, die eigentlich freudig und aufregend sein sollten, hauptsächlich stressig. Beau hatte die E-Mail, dass er wahrhaftig einen Treffer hatte, bereits vor einigen Tagen erhalten, und damit war der Teil der Spannung vorbei, aber die restlichen zweiundsiebzig Stunden waren mit der Sorge, in welchem Programm er landen würde, angefüllt gewesen.

„Gratulation“, sagte der Dekan und grinste sein breites, sorgloses Menschenlächeln, als Beau den Umschlag auf der Bühne vor seinen Klassenkameraden entgegennahm. „Bei deinem Fachgebiet befürchtete ich bereits, dass du unseren perfekten Rekord bei der Vermittlung unserer Werwolfstudenten ruinierst, aber du hast es geschafft!“

Beau lächelte zurück, fühlte sich jedoch krank. Er schaffte es, sein Lächeln aufzubehalten und – den Umschlag in einer Hand – mit der freien Hand ein halbes Dutzend Hände zu schütteln. Er hätte zum Mikrofon zurückgehen können und wenn er eine vollkommen andere Person gewesen wäre, hätte er das Kuvert geöffnet und den Inhalt denjenigen seiner Klassenkameraden vorgelesen, die noch immer auf den Stühlen saßen und auf ihr eigenes Ergebnis warteten. Stattdessen verließ er die Bühne so schnell wie möglich und lief direkt aus dem Auditorium auf den Treffpunkt zu, den er und die anderen Werwolfschüler mit Dr. Pavlyuchenko vorbereitet hatten.

Lauren wartete an der Tür zum Treppenhaus, ein wenig rotäugig, aber lächelnd. Er hob eine Augenbraue, doch sie winkte ihn nur herein, wo er ein bisschen Privatsphäre hatte und Lauren für ihn Wache stand. Beau berührte mit dem Umschlag in schweigendem Dank sein Herz, duckte sich durch die Tür und setzte sich sofort auf die erste Stufe.

Seine Beine hätten ihn keinen Schritt weiter getragen.

Er riss den Umschlag auf, überflog rasch seinen Namen und den Namen seiner Medizinschule bei …

Rochester Klinik, Ausbildungsprogramm für Innere Medizin.

Einen Moment lang konnte er weder atmen noch sich bewegen. Genau diesen Albtraum hatte er bereits ein dutzendmal gehabt.

Aber es blieb real, egal wie oft er seine Augen schloss und öffnete und sich umsah, um sicherzugehen, dass die Mauern um ihn herum massiv waren. Er schnüffelte sogar am Papier, erdete sich selbst durch den bitteren, penetranten Geruch der Tinte. Es war nicht zu leugnen.

Rochester und dessen Vorurteile und Anforderungen, und all diese scheinbar freundlichen Leute, die er zu mögen geglaubt hatte, bevor sie ihre Karten auf den Tisch gelegt hatten. Rochester.

Beau ließ das Blatt fallen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Auch als er bekannte Schritte von unten hörte, von einem Werwolf, den er seit vier Jahren kannte, hob er den Kopf nicht.

Dr. Pavlyuchenko legte eine Hand auf Beaus Knie, während er sich neben ihn hockte, nah genug, um zu lesen, was auf dem Papier stand.

„Ah“, sagte er. „Nun, das ist nicht überraschend, oder? Wenn man bedenkt, wie weit sie dir entgegengekommen sind?“

Bei diesen Worten zuckte Beau zusammen. „Mir entgegenge…“

Es verschlug ihm die Sprache; er starrte Dr. Pavlyuchenko nur an, während der unbeirrt auf ihn herabblickte. Er hatte Dr. Pavlyuchenko von der Werwolfbestimmung erzählt, die sie ihm gezeigt hatten, und er hatte die Augenbrauen nach oben gezogen und genickt, aber nichts gesagt. Beau war sich absolut klar darüber gewesen, sie nicht auf seine Liste zu schreiben, aber …

Aber Dr. Pavlyuchenko hatte ihn erinnert, dass er tatsächlich zehn Möglichkeiten auf seiner Liste brauchte.

„Was …“ Diesmal war Beaus Stimme ein dünnes Krächzen.

„Beau“, sagte Dr. Pavlyuchenko sanft. „Sie haben eine Bestimmung geschrieben. Sie haben die Hand nach ihren lokalen Werwolfrudeln ausgestreckt, und das bedeutet, die haben irgendwie eines oder mehrere heimische Rudel dazu gebracht, mit den Leuten einer humanmedizinischen Einrichtung zu sprechen. Sie meinen es sehr, sehr ernst damit, dich bei ihnen haben zu wollen, und sie werden es sehr, sehr ernst nehmen, dass du Erfolg hast.“

Beau öffnete und schloss den Mund ein paarmal, aber er hatte gelernt, bei solchen Sachen auf Dr. Pavlyuchenko zu hören, bei all den sozial-politischen Manövern, die er noch nie beherrscht hatte. Er schaffte noch nicht einmal den Werwolfweg, solche Angelegenheiten zu regeln – das bewies sein Rauswurf aus seinem ersten Rudel zweifelsfrei – geschweige denn die menschliche Weise.

Für eine Sekunde spielte er mit dem Gedanken, das Angebot abzulehnen, aber er konnte sich vorstellen, wie schlimm sich das für ihn und wahrscheinlich für viele andere Werwölfe nach ihm auswirken mochte. Vor allem, wenn die Politik von Rochester wirklich ein Zeichen dafür war, dass sie Werwölfe ausbilden wollten.

„Also, ich, was?“, fragte Beau hilflos. „Ich nehme mir eine Auszeit von meinem letzten Semester an der Medizinschule, um einen Partner zu finden?“

Dr. Pavlyuchenko drückte sein Knie und warf ihm einen prüfenden Blick zu, bevor er sich neben Beau auf die Stufe setzte. „Nun, ich bin sicher, du weißt, dass diese Dinge wesentlich schneller gehen können, wenn du die richtige Person gefunden hast. Wenn du einen Tipp brauchst, wo man jemanden treffen kann …“

Bei diesem Gedanken verzog Beau das Gesicht. Er wusste, dass es Werwolfklubs gab, Orte, an denen Werwölfe jeden Geschlechts und jeder Vorliebe nach Kameraden suchten, jeder von ihnen stand in Konkurrenz zum anderen. Beau war sich sicher, dass er in einer Ecke landen und versuchen würde, sich aus allem herauszuhalten, was ihn nirgendwohin brachte. Wie auch immer, wenn er so dringend einen Gefährten brauchte, konnte er genauso gut …

„Eigentlich“, sagte Beau und erinnerte sich an ein paar halb verzweifelte nächtliche Suchen, die bereits einige Jahre zurück lagen, als die Einsamkeit akut war und er noch nicht gelernt hatte, sie wie jedes andere Verlangen zu kontrollieren. „Ich glaube, ich weiß, wohin ich mich wende.“

„Ist das so?“ Dr. Pavlyuchenko wirkte ein wenig amüsiert und gleichzeitig leicht skeptisch.

„Es gibt eine Agentur“, erwiderte Beau. „Wahrscheinlich gibt es mehr als eine, aber … da ist von vornherein alles organisiert, um Alphas und Omegas zusammenzubringen. Wenn ich einen Partner brauche, ist das vermutlich der schnellste Weg. Meinen Sie nicht?“

„Mm“, brummte Dr. Pavlyuchenko nicht weniger skeptisch als zuvor, sagte ihm aber nicht, dass es nicht funktionieren könnte. „Das ist sicher ein direkter Ansatz. Trotzdem solltest du dich bald mit ihnen in Verbindung setzen, nur für den Fall, dass die Formalitäten eine Zeit brauchen.“

Beau nickte und beugte sich vor, um den Zettel aufzuheben. Er dachte noch einmal darüber nach, was Dr. Pavlyuchenko gesagt hatte und dass er selbst Rochester als Zehntes von Zehn in seine Liste geschrieben hatte.

„Die anderen Programme, bei denen ich mich vorgestellt habe … Keines davon hatte Bestimmungen. Bedeutet das …“

„Denk jetzt nicht darüber nach“, erwiderte Dr. Pavlyuchenko sanft, was eindeutig hieß: Ja, sie hatten nie vor, dich aufzunehmen. „Du gehst nach Rochester! Das ist das beste Programm für das, was du machen willst. Jetzt geh und übernimm die Türwache für Lauren. Adam wird bald hier sein.“

Beau nickte und hievte sich von der Stufe in die Höhe. Er hatte eine Menge Praxis darin, sich dem zu stellen, was getan werden musste. Das hatte er sowohl im Medizinstudium gelernt als auch lange davor. Müdigkeit war egal, Einsamkeit war egal, Angst oder Ärger oder Unsicherheit waren egal. Mach deine Arbeit.

Also stopfte er den Zettel in seine Tasche und ging zurück auf den Flur, wo Lauren wartete.

Sie umarmte ihn wortlos, er umarmte sie ebenfalls, presste seine Wange gegen ihr lockiges rotes Haar und atmete ihren bekannten Beinahe-Rudel-Duft tief ein.

Sie fragte nicht, wohin er gehen würde – sie musste jedes Wort gehört haben, das er und Dr. Pavlyuchenko gewechselt hatten, aber wie jeder gut erzogene Werwolf würde sie das nicht zugeben, bis er etwas sagte. Sie wollte auch nicht, dass er fragte, wohin sie ging, sie drehte sich nur um und ging mit den Händen in den Taschen den Flur entlang.

Bald darauf kam Adam mit grimmiger Entschlossenheit auf ihn zu, was wahrscheinlich gar nicht nötig war. Adam wollte Werwolfforschung betreiben und hatte sich nur für Programme beworben, die bereits einen signifikanten Prozentsatz an Werwolfauszubildenden hatten. Das bedeutete jedoch nicht, dass Beau gleich wusste, was Adam Sorgen machte – sie waren vielleicht die einzigen zwei Alphas unter den Werwölfen in ihrem Jahrgang, doch das hatte sie keineswegs zu engen Freunden gemacht. Beau machte einen Schritt von der Tür weg und ließ Adam durch.

***

„Ich will nicht wirklich einen Partner.“

Beau hätte etwas Diplomatischeres sagen sollen, als er die Vertreterin der Alpha-Omega-Partnervermittlung zum ersten Mal traf. Er hatte die Gebühr für ihren Service bereits vor Wochen bezahlt und ihnen dabei auch alle möglichen Informationen gegeben und wartete und wartete seitdem auf ein Treffen. Jetzt konnte er nicht mehr zurück, nachdem nur noch so wenig Zeit übrig blieb.

Aber sie hatte sich selbst vorgestellt – Ellen Dawson, verpartnerter Omega, trug den Kragen ihres Shirts hoch genug, um die Narbe eines Bissbundes oder das Fehlen einer solchen zu verstecken, sehr modern und gleichberechtigt – und gesagt: „Sag mir ehrlich, was suchst du? Was erwartest du von deinem Partner?“

Ja. Okay. Er war ehrlich gewesen …

„Ah“, erwiderte Ms Dawson und hob ihre Augenbrauen leicht. „Was willst du dann?“

Beau seufzte und fuhr sich mit einer Hand durch das Haar. „Ich will Arzt werden. Für Menschen. Ich habe gerade das Medizinstudium abgeschlossen – ich bin sicher, das wissen Sie – und mein Ausbildungsprogramm fordert von mir, eine stabile Bindung zu anderen Werwölfen vorzuweisen, also …“

„Also bist du zu uns gekommen.“ Ms Dawson lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und betrachtete ihn gedankenvoll. „Glaubst du, diese Menschen haben unrecht, das von dir zu fordern? Bist du deswegen verärgert?“

Beau seufzte wieder, wollte aber sichergehen, dass er diese Frage ehrlich beantwortete; ob sie es nun laut zugab oder nicht, er wusste, Ms Dawson würde jede noch so kleine Reaktion beobachten, um ihn zu beurteilen. Es gab keinen Grund, jetzt weniger ehrlich zu sein als zu Anfang.

„Nein, ich bin nicht verärgert. Es ist frustrierend, aber ich weiß, dass sie es nur gut meinen. Und es wäre – wird – einfacher, jemanden bei mir zu haben, der mir hilft; einen anderen Werwolf, mit dem ich reden kann, wenn ich meine gesamte Arbeitszeit mit Menschen verbringe. Außerhalb der Arbeit werden viele Kontakte geknüpft; darin bin ich nicht gut. Ich …“

Beau zuckte angespannt die Achseln und blickte nach unten. „Ich schätze, ich wollte es einfach anders machen. Nicht so, wissen Sie, dass mein Rudelführer jemanden auswählt und sagt, hier ist dein Partner, und alles für mich entschieden wird, oder dass ich in einen Klub gehe und mich an die erstbeste Person hänge, die richtig riecht, und dann in irgendein Rudel gehe, dem er angehört und das ich nicht kenne. Ich möchte jemanden treffen, ihn kennenlernen, sein Leben und seine Familie kennenlernen. Mich verlieben. So was eben.“

Ms Dawson nickte, ihre Miene war unlesbar. Nun, sie wäre wohl nicht in dem Geschäft, in dem sie tätig war, wenn sie nicht an die Idee glaubte, dass sich Leute verlieben konnten, ohne dazu gezwungen zu werden.

„Ich habe keine Zeit für so was“, fuhr Beau fort. „Hatte ich noch nie. Die Medizinschule ist irre. Das Ausbildungsprogramm wird noch schlimmer sein. Ich werde in den nächsten drei Jahren kaum Zeit haben. Wie kann ich einen vollkommen Fremden bitten, sich das anzutun?“

Einen Augenblick lang antwortete Ms Dawson nicht; er hörte das leise Tippen ihrer Finger auf Glas und hob den Kopf, um sie stirnrunzelnd auf ein Tablet blicken zu sehen, das sie auf ihrem Knie balancierte.

„Denkst du an etwas Vorübergehendes?“

Beau öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Darüber hatte er noch nicht nachgedacht – drei Jahre waren eine schrecklich lange Zeit, um danach einfach zu gehen – aber jemanden zu finden, der sich auf drei Jahre festlegte, war aussichtsreicher als sich für immer festzulegen, nicht wahr? Vielleicht reichte auch schon ein Jahr. Wenn er das erste Jahr schaffte, sich bewies, zeigte, dass er es versuchte … Falls es danach nicht klappte, konnte Rochester ihm nicht die Schuld daran geben, oder?

„Könnte ich mir vorstellen“, sagte Beau langsam. „Das könnte funktionieren. Aber wie, äh …“

Werwölfe nahmen sich nicht so leicht und unwiderruflich lebenslange Partner, wie die Menschen glaubten und Filme das zeigten, aber es war schwierig, ein echtes Partnerschaftsband zu durchtrennen. Er war sich nicht sicher, warum ein Omega dem zustimmen sollte.

„Ehevertrag, legale Ehe“, sagte Ms Dawson lebhaft. „Du verpflichtest dich zu einer bestimmten Abfindung und versprichst, die Scheidung unter gewissen Bedingungen nicht anzufechten – innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens und solange es keine Kinder gibt, keine mit Bissen besiegelte Bindung, so etwas.“

Kinder. Beaus Gehirn verschloss sich einen Moment lang vor diesem Gedanken, dann schüttelte er ihn ab. „Auf keinen Fall … auf keinen Fall Kinder. Ich würde nie … wenn es nur vorübergehend ist, würde ich nie … und natürlich würde ich keine Ansprüche stellen …“

„Sex ist optional“, fasste Ms Dawson für ihn zusammen, tippte dabei weiter auf ihrem Tablet. „Hitzen sind natürlich ein Problem. Wärst du bereit, einen sicheren, privaten Bereich mit geeigneten Annehmlichkeiten bereitzustellen?“

Beau nickte benommen, sogar noch, als er an die Grundrisse der Häuser dachte, die er sich angesehen hatte, um zu entscheiden, welches das Passendste wäre.

Das alles klang viel realer, als er geglaubt hatte, als er durch diese Tür gekommen war. Erst jetzt erkannte er, dass er eine sofortige Zurückweisung von Ms Dawson erwartet hatte, weil er mit falschen Absichten hergekommen war. Aber sie schien ihn ernst zu nehmen und zu glauben, dass sie einen Omega finden könnte, der ihn unter diesen Bedingungen haben wollen würde.

„Das Beste für dich – das, was ich für dein persönliches Wohlergehen und deinen Erfolg raten würde – wäre einen Omega zu wählen, der zufällig keine starke Rudelbindung hat, die ihn hier hält, und der ein guter, unterstützender Partner sein könnte.“

Ms Dawson sah ihm wieder in die Augen und das Gewicht ihrer Aufmerksamkeit ließ ihn sich vorbeugen, als wolle er sich instinktiv gegen eine Herausforderung auflehnen. „Du brauchst mindestens jemanden, der sich um den Haushalt kümmert und der dir auf sozialer Ebene den Weg bereitet, indem er Kontakt mit den Ehepartnern der anderen Ärzte pflegt. Es ist nicht unmöglich, jemanden zu finden, der dafür qualifiziert ist, der bereit ist, ein platonischer Gefährte zu sein, und der bereit ist, sich mit dir in – wie sieht der Zeitrahmen aus? – umzuziehen.“

Beau errötete. „Das Residenzprogramm startet nächsten Monat.“

Ms Dawson kniff ihre Lippen leicht zusammen, nickte jedoch. „Nun, vielleicht müssen wir ein wenig suchen, aber wahrscheinlich finden wir jemanden, der geeignet ist, dich zu unterstützen.“

Beaus Augen verengten sich. „Oder?“

Ms Dawson neigte schweigend den Kopf zur Seite, und Beau glaubte eine schwache Veränderung in ihrem Geruch und dem Herzschlag zu entdecken, ein Zucken um ihre Augen herum, das ihm sagte, dass er gerade genau die richtige Frage gestellt hatte. Oder zumindest eine sehr Interessante, was sie allerdings nicht zugab.

„Das wäre das Beste für mich“, stichelte Beau. „Für meinen Erfolg. Aber gibt es noch etwas zu berücksichtigen?“

„Es gefällt dir nicht“, sagte Ms Dawson achselzuckend, ihr Ausdruck entspannte sich, sie zeigte die Haltung sorgloser Offenheit. „Dein Hintergrund wurde überprüft, auf dem Papier erfüllst du all unsere Standards, aber die ganze Idee dieser Art von Partnersuche gefällt dir nicht. Und ich bin der Meinung, dass es für Omegas selten gut ausgeht, wenn man ihre Alphas zu etwas zwingt, was sie nicht mögen.“

Beau zuckte bei der Andeutung zusammen, doch er wusste genug von dem, auf was sie anspielte, um den Mund zu halten.

Ihr Gesichtsausdruck wurde trotzdem ernst. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Alphas bequem warme Körper zur Verfügung zu stellen, Mr. Jeffries. Unser Ziel ist es, erfolgreich einvernehmlich Partner zusammenzubringen. Und ich denke, die besten Erfolgsaussichten bestehen darin, diese Situation in etwas zu verwandeln, das Sie wollen. Nicht den am wenigsten unerwünschten Omega, sondern einen, den Sie wirklich mit sich nehmen möchten.“

Beau wandte den Blick ab, sein Kiefer spannte sich an. Er hatte eine Menge Übung darin, seine Reaktion auf das Sträuben seiner Nackenhaare zu unterdrücken, aber es war sehr lange her, seit er einen Omega getroffen hatte, der das mit solcher chirurgischen Präzision auslöste.

Er zwang sich, Ms Dawson wieder anzusehen. Er fühlte sich ein wenig schuldig, weil er wütend auf sie war, nachdem sie ihm genau das gesagt hatte, was er von ihr erwartet hatte. Dass er es falsch anging und sie ihm keinen Omega vermitteln konnte, wenn er gar keinen Partner wollte. Andererseits hatte es den Moment gegeben, an dem es lösbar schien, möglich …

„Haben Sie eine Idee, wie das funktionieren könnte?“ In seiner Stimme schwang nur ein ganz leises Knurren mit.

Ms Dawson lächelte nur. „Tatsächlich habe ich die. Es ist mehr Intuition, also vielleicht irre ich mich auch. Aber … anstatt uns darauf zu konzentrieren, welcher Omega am besten für Sie geeignet ist, könnten wir uns überlegen, für welchen Omega Sie am besten geeignet sind.“

„Ich bin nicht …“

„Zum Beispiel“, fuhr Ms Dawson fort, als hätte er nichts gesagt. „Einige unserer Omegas leben in sehr, sehr schwierigen persönlichen Verhältnissen. Wir arbeiten mit dem North Chicago Omega Schutzgebiet zusammen, einem Obdachlosenheim. Per Definition sind sämtliche Omegas dort ohne den Schutz eines Rudels. Die meisten fliehen vor missbräuchlichen oder ausbeuterischen Beziehungen und würden einen Umzug nicht als Nachteil ansehen.

Beaus Miene verfinsterte sich allein bei dem Gedanken, dass eine solche Einrichtung gebraucht wurde. „Und Sie wollen sie aus einem sicheren Ort wie diesem holen und wieder zu einer Partnerschaft zwingen? Nach allem, was sie durchgemacht haben?“

„Die Omegas registrieren sich freiwillig bei uns, Mr. Jeffries, und wir vermitteln sie mit Sicherheit nicht an den nächstbesten Alpha. Diese Omegas brauchen einen Alpha, der freundlich und geduldig ist und dem sie vertrauen können, dass er keine Anforderungen stellt, mit denen sie sich nicht wohlfühlen. Einen Alpha, der bereit wäre, sie gehen zu lassen, wenn sie merken, dass sie etwas anderes als einen Gefährten wollen. Sodass alles, was sie durchgemacht haben, nicht das Ende sein muss, sondern der Beginn eines neuen Lebensabschnittes sein kann.“

Beaus Lippen öffneten sich, er lehnte sich zurück und dachte darüber nach. Ein Omega, der einen sicheren Ort brauchte, der ihn für den Abstand brauchte. Der froh wäre, einen Alpha zu haben, der nicht diese Intimitäten mit einem Fremden wollte, der keine Kinder wollte. Der einverstanden war, ihn nach einem oder drei Jahren wieder gehen zu lassen.

„Die befristete Vereinbarung könnte einem Omega, der ein ernstes Trauma durchlebt hat, Zeit geben, gesund zu werden und über seine Möglichkeiten nachzudenken. Vielleicht zurück auf die Schule zu gehen oder eine Ausbildung anzufangen und sich so darauf vorzubereiten, ein wirklich unabhängiges Leben zu beginnen.“

Beau lächelte leicht. „Sie wollen, dass ich ein Übergangswohnheim für einen Omega leite?“

Ms Dawson sah ihn wissend an. „Würden Sie lieber drei Jahre mit einem absolut netten Omega verbringen, der nichts von Ihnen braucht?“

Der Gedanke an jemanden, dem er helfen konnte – an jemanden, der das vorübergehende Zuhause brauchte, das er bieten konnte – stellte das ganze Problem auf den Kopf. Es war keine Verpflichtung, kein Schlupfloch. Es war eine Gelegenheit, seiner eigenen Art etwas zurückzugeben, obwohl er seine Karriere damit verbringen wollte, Menschen zu helfen.

„Ja“, sagte er. „Ja, Sie haben recht, das würde ich gerne tun.“

„Ausgezeichnet“, erwiderte Ms Dawson. „Ich habe da jemanden im Sinn – haben Sie eine Geschlechtspräferenz?“

Beau zuckte die Schultern, schüttelte den Kopf und ballte die Fäuste, um nicht nach dem Tablet zu greifen. „Ich stehe auf männliche Omegas, aber nicht unbedingt. Jeder Omega ist in Ordnung, wenn … wenn er Schlimmes erlebt hat, wie Sie sagten. Wenn ich helfen kann.“

Ms Dawson nickte und drehte das Tablet um. „Das ist Roland Lea. Er ist bereits seit ein paar Monaten in dem Schutzgebiet.“

Beau runzelte die Stirn. „Haben die dieses Foto gemacht, als er dort ankam?“

„Ich habe es selbst aufgenommen, gerade diese Woche. Wir möchten sichergehen, dass Sie genau das bekommen, was Sie sehen.“

Beau lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich sehe einen akut Wolfsbannsüchtigen, der bald eine tödliche Überdosis nehmen wird. Das wird in dem Schutzgebiet erlaubt?“

Ms Dawson runzelte die Stirn und wirkte zum ersten Mal, als hätte er sie auf dem falschen Fuß erwischt, sagte aber: „Nein. Rauschmittel sind nicht erlaubt. Und ich habe mich mit Mr. Lea getroffen. Er hatte ein Problem, bevor er in das Schutzgebiet kam, aber ich versichere Ihnen, dass er jetzt clean ist.“

„Er kann nicht …“ Beau beugte sich vor, spähte auf das Tablet und griff danach, ohne nachzudenken. Ms Dawson gab es ihm und Beau berührte den Screen, um das hochauflösende Bild zu vergrößern, damit er jedes Detail von Roland Leas Erscheinung genau betrachten konnte.

Er war eindeutig unterernährt, obwohl er sich seit Wochen, bevor dieses Bild aufgenommen worden war, im Schutzgebiet befand, was darauf hindeutete, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Es gab nicht viele Krankheiten, die einen solchen Effekt auf einen Werwolf hatten, und wenn er eine davon hätte, wäre er inzwischen gestorben oder hätte jemanden angesteckt, was sicherlich aufgefallen wäre.

Beau warf erneut einen Blick zu Ms Dawson, aber sie schien das Abbild von Gesundheit zu sein. „Sehen andere Omegas in dem Schutzgebiet auch so aus?“

Sie schüttelte langsam den Kopf. „Seine Sachbearbeiterin ist sich sicher, dass da irgendetwas verkehrt läuft, aber … er hat eine Menge durchgemacht und seine Gemütsverfassung ist nicht die beste. Sie dachte an … Vereinsamung oder eine zerrissene Partnerbindung.“

Beau schnaubte und senkte den Kopf. Vereinsamung. Genauso gut konnte man sagen, er starb an einem Übermaß an schwarzem Humor, wie es im frühen Mittelalter hieß. Nicht dass sie irgendwie nicht mehr im frühen Mittelalter lebten, wenn es um Werwolfmedizin ging, aber hier musste etwas Biologisches vorliegen.

Beau vergrößerte das Bild bei Roland Leas blutunterlaufenen Augen, die eher elfenbeinfarben als sauber weiß waren, dann bei seinem Haaransatz, halb rasiert, halb haarlos. Er scrollte zu der untersten Ecke des Fotos, das kaum mehr als sein scharfes Kinn zeigte. Als er weiter scrollte, brachte ihn das zu Leas Profil und er erhaschte einen Blick auf Unbekannte Anzahl ehemaliger Sexualpartner, ehe er rasch von der Information aufsah, die er nicht haben sollte.

„Gibt es eine Hebamme in dem Schutzgebiet?“

„Ja, aber Mr. Lea ist natürlich nicht schwanger und steht auch nicht kurz vor der Hitze, er hat …“

Beau massierte sich die Nasenwurzel, während sich in seinem Kopf die Gewissheit bildete, was mit Roland Lea los war. Es war offensichtlich, dass Ms Dawson nichts davon wusste. Wahrscheinlich wusste es niemand, was hieß, dass Beau die Geheimnisse dieses Omegas nicht einfach verraten konnte, vor allem nicht an die Leute, die kontrollierten, ob er einen sicheren Platz zum Leben hatte.

„Ich muss mit ihm reden. Heute. Ich nehme ihn mit, ich bin mit allem einverstanden – ich muss nur jetzt mit ihm reden, weil er in schrecklicher Gefahr ist.“

Kapitel 4

Roland saß draußen auf einer Bank, atmete den grünen Duft von Gras und wachsenden Blumen ein. Es war fast Sommer, und Sommer hatte nie so gerochen, bis er in die Stadt kam.

Er konnte etwas Bitteres in seinem Mund schmecken und Fieber in seine Knochen kriechen spüren, ein schlimmer werdender Schmerz in seinem Bauch. Er wusste nicht, was mit ihm geschah, aber er glaubte nicht, dass er lange genug leben würde, um viele Bewerber abzuweisen.

„Mr. Lea?“

Roland öffnete die Augen und sah Susan auf ihn zukommen. Er konnte sie riechen, was gut war, weil seine Sicht immer schlechter wurde, nicht mehr nur wenn er versuchte zu lesen. Das hatte er bisher niemandem erzählt. Er wollte nicht, dass die Hebammen nachstocherten und Fragen stellten oder dass irgendjemand wusste, was mit ihm passierte, solange er es noch verheimlichen konnte.

Susan lächelte, stellte er fest, als sie sich auf das Ende der Bank setzte. Aus einem Reflex heraus lächelte er zurück, hielt dabei jedoch den Mund geschlossen, um die Chancen zu reduzieren, dass sie an seinem Atem roch, wie krank er war.

„Ich habe wunderbare Neuigkeiten, Roland“, sagte Susan.

Roland konnte spüren, wie gern sie ihn bei diesen Worten berührt hätte, um die Freude zu teilen. Roland verbarg die Hände – die immer kalt waren, sogar in der Frühsommersonne – noch entschlossener unter seinen Armen.

Susans Lächeln verblasste langsam, aber sie fuhr fort. „Ms Dawson von der Agentur ist wegen Ihnen hier. Mit einem Alpha! Er freut sich schon sehr, Sie kennenzulernen; sie sagte, er kann es kaum erwarten. Ich weiß, das ist ziemlich ungewöhnlich, aber wenn Sie ihn treffen wollen, könnte das etwas wirklich Wundervolles für Sie werden.“

Roland wandte den Kopf ab und atmete ein paarmal schnell und scharf ein, ohne dass sie sein Gesicht sehen konnte.

Nun, er hatte gewusst, dass er einige Mal Nein sagen musste, und ein Alpha, der sich so freute, ihn kennenzulernen, war vermutlich jemand, zu dem er definitiv Nein sagen wollte.

Obwohl es wahrscheinlich niemand war, zu dem er leicht Nein sagen konnte.

„Werden Sie mich begleiten?“ Vorsichtig sah Roland zu Susan hinüber.

Susans Ausdruck schmolz dahin, nur für einen Moment, und sie streckte die Hand nach ihm aus, zog sie aber zurück, ohne ihn zu berühren. „Natürlich, Roland. Wir werden Sie nicht mit ihm verbinden, ohne ihn zuvor gesehen zu haben. Möchten Sie, dass Ms Dawson mit ihm hier herauskommt oder in eines der Wohnzimmer geht?“

„Hier“, sagte Roland sofort. Es musste nicht sein, dass Susan mitbekam, wie lange er brauchte, um hineinzukommen, und er musste sich nicht in einem engen Raum aufhalten, in dem der Geruch nicht verfliegen konnte. Mit einem Alpha, der ihn wollte.

„Dann warte kurz.“ Susan tippte auf etwas auf ihrem Telefon.

Roland atmete ein und aus und konzentrierte sich darauf, seinen Kopf genau gerade zu halten – weder seine Kehle noch seinen Nacken zu entblößen – während er den Weg beobachtete, auf dem Susan gekommen war. Es dauerte weniger als eine Minute, bis er zwei verschwommene Gestalten wahrnahm. Eine war schlank und mittelgroß, was mit seiner Erinnerung an Ms Dawson von der Agentur übereinstimmte; die andere, groß und breit, mit dunklem Haar, musste der Alpha sein. Es brauchte ein paar Sekunden mehr, bis er erkannte, dass der Alpha einen Anzug trug, was einige seiner halb ausgegorenen Erwartungen erschütterte. Er wusste nicht, ob er in den letzten acht Jahren von einem Alpha gefickt worden war, der sogar einen Anzug besaß.

Natürlich hatte er nicht sonderlich viel über die Alphas gewusst, die ihn in den vergangenen acht Jahren gefickt hatten. Eine schreckliche Sekunde lang fragte er sich, ob das einer von ihnen war, aber dann fing Roland seinen Geruch ein. Er war ihm völlig unbekannt, abgesehen von den Basisnoten aus Werwolf und männlich und Alpha. Er konnte nicht sagen, ob er diesen Geruch mochte oder hasste, aber er kannte ihn nicht.

Der Ausdruck des Alphas war, als er näherkam, ebenso unbekannt: Er wirkte entschlossen, beinahe beunruhigt, und sein Blick wich nicht von Rolands Gesicht.

Er blieb auf dem Weg stehen, weit genug entfernt, dass er nicht über Roland aufragte. Roland kam der Gedanke, dass er vielleicht aufstehen sollte oder so.

Er blieb sitzen.

„Roland, Sie erinnern sich an Ms Dawson“, sagte Susan, „und das ist Beau Jeffries, der Alpha, der sich unbedingt treffen wollte. Mr. Jeffries, Mr. Lea.“

Beau Jeffries verneigte sich tatsächlich leicht, wobei er die Hände an den Seiten behielt. Sein Blick war nach wie vor auf Roland gerichtet.

„Hallo, Mr. Lea. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Wie geht es Ihnen heute?“

Mr. Jeffries Stimme war tief und warm, angenehm zu hören, allerdings war die Frage nicht ganz so angenehm. Rolands Herz begann schneller zu schlagen.

Er weiß es.

Roland hatte der Agentur meistens die Wahrheit gesagt, und es war auch nicht so, als fühlte er sich nicht offensichtlich unwohl, von seinem rasierten Kopf bis hin zu der Tatsache, dass er sich in einem Omega-Refugium befand. Er konnte nicht anders, als nach oben zu fassen und seinen Schal fester um den Hals zu wickeln, während er Mr. Jeffries zunickte.

„Gut, danke. Ähm. Ihnen?“

Mr. Jeffries lächelte leicht, sein Blick wandte sich noch immer nicht von Roland ab, und etwas Warmes blühte in seiner Magengrube auf. Oh nein. Er sollte diesen Alpha nicht mögen. Er sollte es endlich besser wissen, als sich wieder in einen zu verlieben.

„Mir geht es gut“, sagte Mr. Jeffries. „Allerdings bin ich nervös, weil ich dabei bin, einem Fremden einen Heiratsantrag zu machen, und ich mir nicht sicher bin, ob er an dem, was ich bieten kann, interessiert sein wird. Und ich möchte wirklich sehr, dass er Ja sagt.“

Roland blinzelte und musterte Mr. Jeffries von oben bis unten. Er schien perfekt zu passen und ziemlich wohlhabend zu sein. Seine Hände sahen weich und sauber aus, passend zu dem schönen Anzug, und er hatte nicht die Härte, die Roland seit Langem bei Werwölfen kannte, die auf der Straße lebten oder arbeiteten. Wie konnte er daran zweifeln, dass irgendein Omega ihn haben wollte?

„Wissen Sie“, Mr. Jeffries kam einen Schritt näher und ging in die Hocke, sodass er zu Roland aufsah, der noch immer auf der Bank saß. „Ich habe gerade die Medizinschule abgeschlossen.“

Dann besaß er wohl mehr als einen Anzug und hatte absolut keinen Grund, sich mit einem gebrochenen Wesen wie Roland abzugeben.

Aber er hatte von Heirat gesprochen, und das vor Zeugen.

Heirat war menschlich, legal. Man bekam dabei ordentliche Papiere und alles. Roland wartete immer noch darauf, ob die Briefe, die die Unterkunft in seinem Namen abgeschickt hatte, seine Identität genügend bestätigten, um ihm eine Kopie seiner Geburtsurkunde zu verschaffen. In den letzten Jahren hatte niemand auch nur angeboten, ihn mit in den Mietvertrag aufzunehmen, wenn er an einem Ort lebte, der schön genug war, um Papierkram zu erfordern.

„Was, äh?“ Roland schluckte hart und versuchte zu überlegen, wie man mit jemandem wie Mr. Jeffries redete. Ein Arzt. „Welches … Spezialgebiet?“

Dr. Jeffries Lächeln wurde breiter. „Eigentlich ist das der schwierigste Teil. Ich möchte Menschen behandeln, keine Werwölfe. Ich denke, dass ich – natürlich mit der Erlaubnis der Patienten – als Diagnostiker viel Gutes tun kann.“

Er fragte Roland nicht, ob er verstand, was das Wort bedeutete. Er wartete auf Rolands Reaktion und Roland wusste, dass er sie nicht verstecken konnte.

Er weiß es, er weiß es, er weiß es.

Roland kämpfte darum, seine Sprache wiederzufinden. Er konnte den Blick nicht von Dr. Jeffries Augen nehmen. Sie waren fast schwarz, aber nicht vollkommen. Gerade noch war die kaffeebraune Iris um das dunkle Zentrum herum zu erkennen. „Und Sie glauben, sie erlauben das, wenn Sie verheiratet sind?“

Dr. Jeffries schüttelte den Kopf, bedacht und ernst. „Nun, nein, ich glaube nicht, dass mir das bei den Patienten helfen wird. Aber ich brauche noch drei Jahre Praxiserfahrung – mein Praktikum – und dieses Programm verlangt, dass ich verheiratet bin. Ich will mich nicht dazu zwingen lassen, aber Ms Dawson schlug vor, dass ich mir jemanden suche, dem ich helfen kann, während er mir ebenfalls hilft, jemand, der einen sicheren Platz zum Leben braucht und der bereit ist, von Chicago wegzuziehen. Es wäre nicht für immer. Ich würde einer Scheidung zustimmen, damit derjenige nach einer gewissen Zeit wieder gehen kann. Wir hätten einen Ehevertrag. Und als mir Ms Dawson Ihr Profil gezeigt hat, wusste ich, dass ich Sie kennenlernen muss.“

Rolands Herz schlug so schnell, dass es wehtat, und er konnte kaum sämtliche Konsequenzen von Dr. Jeffries Worten erfassen, da nur eine einzige durch seinen Kopf donnerte.

Er weiß es, er weiß es, er weiß es.

Roland stemmte sich auf die Füße, ohne darüber nachzudenken, was er tat. Dr. Jeffries stand ebenfalls auf und machte einen Schritt zurück, damit Roland ihm nicht zu nahe kommen musste, wenn er um die Bank herum und über den Rasen davongehen wollte. Er hielt seine Arme um seine Mitte herum geschlungen und den Blick zu Boden gerichtet und ging, so schnell er konnte. Für einen Moment konnte er nichts anderes, als die Leichtigkeit in seinem Kopf zu fühlen, konnte nichts anderes als den Donner seines Herzens hören.

Auf der anderen Seite des großen, schattigen Baumes, der in der Mitte des Hofes wuchs, blieb er stehen, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Baum und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Er rang nach Luft, versuchte nachzudenken, sich vorzustellen, was das bedeutete, warum Dr. Jeffries wirklich hier war, was er tat, wenn er es tatsächlich wusste.

„Mr. Lea?“

Dr. Jeffries Stimme ertönte von der anderen Seite des Baumes. Roland drückte seine Hände auf jeder Seite flach gegen die Rinde und beugte sich vorsichtig vor, um über seine Schulter zu spähen.

Dr. Jeffries stand ihm gegenüber, zum Großteil verdeckt vom Baum.

Susan und Ms Dawson waren lediglich verschwommene Schatten bei der Bank.

Gut, er brauchte in dieser Situation wirklich keinen Aufpasser.

„Es tut mir leid“, sagte Dr. Jeffries leise. „Ich wollte Sie nicht erschrecken oder in Verlegenheit bringen, ich meinte jedes Wort so, wie ich es sagte. Mein Angebot ist absolut aufrichtig. Aber ich mache mir auch große Sorgen um Sie. Nehmen Sie Suppressiva?“

Rolands Kiefer klappte nach unten, er lehnte sich gegen den Baum und kniff die Augen zusammen.

Was hatten die Beruhigungsmittel damit zu tun? Er sollte jetzt sowieso nicht läufig sein.

„Hat sich Ihr Gesundheitszustand verbessert, seit Sie ins Schutzgebiet gekommen sind?“, fragte Dr. Jeffries leise und in einem auffordernden Tonfall. „Oder hat er sich weiter verschlechtert, obwohl Sie keinen Wolfsbann mehr nehmen und einen sicheren Platz zum Schlafen und genug zu essen haben?“

Rolands Finger gruben sich in die Rinde, aber er antwortete nicht. Vielleicht musste er auch gar nicht.

„Ich glaube nicht, dass die Hebamme Ihnen etwas verschrieben hat“, fuhr Dr. Jeffries leise fort. „Und das kann sehr gefährlich sein, Mr. Lea. Es ist nicht mein Spezialgebiet, aber nach dem, an was ich mich erinnere, was in meinem Rudel passiert ist, als ich jung war und was ich bei Ihnen sehe und rieche … Es gibt einen Grund, warum Hebammen vorsichtig damit sind, sie zu verschreiben. Grundsätzlich ist es Gift. Eine der Hebammen, die ich kannte, hatte die Theorie aufgestellt, dass sie die Hitze stoppen, indem sie dafür sorgen, dass man krank genug ist, um sich nicht fortpflanzen zu können. Sie sind Gift, sorgfältig auf einen bestimmten Patienten abgestimmt. Aber wenn man es von sich aus nimmt, und wenn man es über eine lange Zeit nimmt …“

„Ich brauche es“, flüsterte Roland. „Ich kann nicht … Ich will nicht. Ich will nicht.“

Er konnte sich nicht einmal vorstellen, noch mehr zu diesem netten, Anzug tragenden Alpha mit seinen weichen Händen zu sagen und seine Schande zuzugeben. Er konnte nur wiederholen: „Ich brauche sie. Ich will nicht.“

„Wenn Sie jetzt damit aufhören würden, wären Sie immer noch weit davon entfernt, in Hitze zu geraten“, sagte Dr. Jeffries, immer noch leise, immer noch dort stehend, wo Roland ihn nicht sehen oder riechen musste, wo nicht die Gefahr einer Berührung bestand. „Und sommerliche Läufigkeit ist selten, obwohl Ihr Zyklus wahrscheinlich für eine Weile unregelmäßig sein wird, wenn Sie lange Zeit Suppressiva eingenommen haben. Aber die Alternative ist, dass Sie immer kränker und kränker werden, Mr. Lea. Bitte, auch wenn Sie mir in keiner anderen Hinsicht vertrauen möchten, nehmen Sie sie bitte nicht mehr, nur für ein paar Tage, eine Woche, so lange Sie es aushalten. Sie sind hier in Sicherheit, auch wenn Sie …“

Rolands Knie gaben bei dem bloßen Gedanken daran nach, dass dieses Fieber seinen Körper überschwemmte, ihm den Verstand raubte, ihm die Kontrolle stahl und ihn ohne zusammenhängende Erinnerungen an das zurückließ, was ihm angetan worden war, während die Hitze in ihm wütete.

„Ich kann nicht.“ Es war nur ein Flüstern, das größtenteils in dem Geräusch unterging, mit dem er an dem Baum herunterrutschte und sich an der Wurzel zusammenkauerte, die Knie bis zur Brust hochgezogen.

„Bitte.“ Dem Klang seiner Stimme nach kniete auch Dr. Jeffries und bekam wahrscheinlich Grasflecken auf seinem hübschen Anzug. „Mr. Lea – Roland – ich möchte niemandem davon erzählen müssen, aber ich bin Arzt. Ich kann dich nicht einfach sterben lassen, ohne dir zu helfen. Wenn du mit mir kommst, werde ich sicherstellen, dass du während der Hitze einen sicheren Platz hast, mit Türen, die du vor mir versperren kannst, alles, was du brauchst. Ich würde dich niemals zwingen, niemals …“

Sogar durch sein eigenes Grauen konnte Roland in Dr. Jeffries’ Stimme die raue Kante der Verzweiflung hören. Er meinte es wirklich so. Er hatte all das getan, seinen Anzug angezogen und war zum Schutzgebiet gekommen, weil er zu wissen glaubte, warum Roland krank war und dass er damit aufhören musste.

Eine plötzliche Erinnerung an seine Mutter blitzte in Rolands Gedanken auf, die verzweifelte Aufrichtigkeit in ihrer Stimme. Ich habe es versucht, Baby, ich schwöre, ich habe sie gefragt, ich habe sie angebettelt, aber sie haben ‚Auf keinen Fall‘ gesagt.

„Ist das …“ Seine Stimme war beinahe lautlos und Roland schluckte und begann noch einmal. „Ist das der Grund, warum – wenn sie Gift sind, werden sie nicht – wollten nicht – die Hebamme sagte, ich sei zu jung, als meine Mutter fragte.“

„Ja“, sagte Dr. Jeffries leise. „Ja, in meinem Rudel bekommt es niemand bis nach der Highschool oder bis man eine bestimmte Größe und ein gewisses Gewicht erreicht hat, denke ich. Es ist eine Belastung für den Körper, hemmt das Wachstum, all das.“

Roland atmete zitternd aus. Niemand hatte ihm jemals gesagt, warum. Nicht, dass es geholfen hätte, Bescheid zu wissen, aber bisher hatte ihm noch niemand erklärt, warum. Bis auf diesen Alpha.

Er drückte die Handballen gegen seine Augen und sagte: „Ich kann nicht … Ich kann jetzt im Moment gar nichts entscheiden. Können Sie …“

„Ich komme morgen wieder“, antwortete Dr. Jeffries. „In Ordnung? Ich habe ein paar Wochen Spielraum, ich kann Ihnen etwas Zeit geben. Aber bitte, Mr Lea, denken Sie darüber nach, was ich Ihnen gesagt habe.“

Er würde an nichts anderes denken können, dessen war sich Roland sicher. Und er würde nicht aufhören können darüber nachzudenken, wie sehr er von Dr. Jeffries lieber wieder Roland genannt werden wollte als Mr Lea.

Kapitel 5

Als Beau in sein Apartment zurückkehrte, kam es ihm wie fremdes Gebiet vor. Er hatte bereits für den Umzug gepackt, und jetzt hing alles auf eine völlig neue Art in der Luft.

Roland – Mr Lea, er war immer noch alles außer einem Fremden – hatte nicht Nein gesagt, nur Ich kann gerade nichts entscheiden. War das die Doppeldeutigkeit eines Omegas gewesen, der einen drängenden Alpha beschwichtigen wollte? Würde Beau morgen an der Tür abgewiesen werden?

Oder würde er von etwas Schlimmerem begrüßt werden? Mr Lea war wirklich verzweifelt gewesen, wirklich verängstigt, und er war bereits so schwach.

Beau konnte nichts dagegen tun. Mr Leas Sachbearbeiterin schien aufmerksam und freundlich zu sein, und das Schutzgebiet schien allgemein ein guter Ort zu sein. Sicher bemerkten sie Mr Leas Verzweiflung und sahen in gewissen Abständen nach ihm.

Beau musste nur bereit sein, morgen wiederzukommen, Mr Lea zu zeigen, dass er alles erfüllen wollte, was er versprochen hatte. Er packte seinen Computer und einen Notizblock und setzte sich zwischen die Stapel von Lehrbüchern, um eine Liste mit allem zu erstellen, was er für die Recherche benötigte: verfügbare Häuser in Rochester, Eheverträge, was genau er in Bezug auf Geld und Papierkram brauchte, um so schnell wie möglich zu heiraten, alles, was man über Beruhigungsmittel wissen musste …

Er dachte einen Moment an Adam, seinen ehemaligen Klassenkameraden und Alpha-Kollegen. Adam hatte vorgehabt, sofort nach seinem Abschluss abzureisen, um mit seinem Forschungsprogramm zu beginnen, doch er hatte niemandem gesagt, was oder wo das war. Beau wusste, dass sich Adam für Omega-Gesundheit interessierte – sie hatten sogar einmal über Beruhigungsmittel gesprochen. Adam stimmte der Toxizitätshypothese zu, wurde darüber jedoch auf eine Weise wütend, die Beau davon abhielt, das Thema jemals wieder anzusprechen.

Adam wurde über die meisten Sachen, die Omegas betrafen, wütend. Beau fragte sich schon seit einer Weile, ob er einen Omega-Bruder hatte, den er beschützen wollte, aber er hatte keinen Weg gefunden, danach zu fragen, ohne zu klingen, als wollte er Adams hypothetischen Bruder daten. Das war nicht die Art von Frage, die ein Alpha stellen konnte, ohne einen Kampf auszulösen, und Adam schien sowieso ständig auf einen aus zu sein.

Auf den zweiten Blick war Adam vielleicht genau die falsche Person, die man um Rat wegen dem kranken, verängstigen Omega, den Beau Hals über Kopf heiraten wollte, fragen sollte. Es war sowieso egal. Beau wusste, was mit Roland los war, und Roland war alles, worüber er sich gerade Sorgen machte.

***

Er hatte nicht geschlafen, aber wenigstens geduscht, gegessen und frische Kleider angezogen. Er steckte seinen Laptop in seine Tasche, zusammen mit dem Ordner mit Papieren, die er ausgedruckt hatte, und an dessen Rand er seinen Prüfungs-Glücks-Stift gesteckt hatte.

Auf seinem Weg in das Schutzgebiet sah er ein halbes Dutzend Mal auf seine Uhr, um sich daran zu erinnern, dass der Mond immer noch abnahm, dass der Einfluss des Vollmonds vorbei war. Das juckende, unruhige Gefühl, das er hatte, kam nicht vom Mond, es war Mr Lea und dass er wissen wollte, ob er in Sicherheit war, egal ob er Beau nun heiraten wollte oder nicht.

Vorübergehend. Zu ihrem gegenseitigen, legal erklärten Nutzen.

Als er sein Ziel erreicht hatte, war der Drang zur Verwandlung so stark, wie er es nicht mehr gespürt hatte, seit er sein Rudel verlassen musste. Auf der Straße vor dem Schutzgebiet musste er stehen bleiben und einige tiefe Atemzüge machen, um sich unter Kontrolle zu bringen.

Das dauerte allerdings nur so lange, bis er einen Hauch von Mr Leas Geruch in der Luft bemerkte, der kränklich-süß und blutunterlaufen war. Beau rannte die Stufen hinauf, um zu klingeln.

„Ah ja“, sagte der Omega, der die Tür öffnete. Er war fast so groß wie Beau und ausgesprochen männlich. „Mr Leas Besucher? Er wartet im Innenhof auf Sie. Folgen Sie mir.“

Beau zwang sich, einen halben Schritt hinter dem unbekannten Omega zu bleiben, während sie durch die öffentlichen Bereiche des Schutzgebiets zur Tür zum Innenhof gingen.

Als die Tür offen war, interessierte ihn nichts anderes mehr als Roland, der an der Bank auf und ab ging, auf der er am Tag zuvor gesessen hatte. Seine Schritte waren qualvoll langsam und zittrig. Er hielt an, als Beau in den Innenhof kam, sah nervös und mit einem Ausdruck von nicht völligem Erkennen auf seinem Gesicht in Beaus Richtung, als ob die paar Meter zwischen ihnen für ihn zu viel wären, um klar zu sehen.

Als Beau auf ihn zueilte, sah er den Moment, in dem Roland ihn mit Sicherheit erkannte, unmittelbar gefolgt von Roland, der sich umdrehte und entschlossen zu dem Baum ging, bei dem er sich am Tag zuvor versteckt hatte.

Beau passte seine Schrittgeschwindigkeit Rolands an, um den Eindruck zu vermeiden, er wolle ihn jagen. Er folgte ihm lediglich, wohin Roland ihn führte.

Roland saß bereits gegen den Baum gelehnt, als Beau ihn erreichte, und Beau ergriff die Chance und ging um den Baum herum, ehe er sich neben ihn ins Gras setzte und ihn ansah.

Roland hatte die Arme um sich geschlungen, sein Kopf war so weit gesenkt, dass sein Gesicht halb durch den weichen Strickschal, den er trug und der absolut nicht zur Jahreszeit passte, verdeckt wurde.

„Hi“, sagte Beau leise, weil er nicht wusste, wie er anfangen sollte.

Roland umklammerte sich noch fester und murmelte in seinen Schal: „Ich konnte nicht. Ich habe es versucht, aber ich … ich konnte nicht. Es tut mir leid, ich konnte nur nicht … ich konnte sie nicht weglassen. Ich konnte es nicht.“

Beau hielt seine Atmung und seinen Herzschlag gleichmäßig. Er durfte Roland nicht erschrecken. „Du meinst, du hast deine Beruhigungsmittel heute wieder genommen?“

Roland nickte steif. „Ich … ich konnte nicht …“

„Es ist in Ordnung.“ Es war nicht in Ordnung, aber das zu sagen half nicht, wenn Roland ohnehin so verletzt war, und Beau wollte ihm tatsächlich helfen und nicht nur mit seiner Diagnose recht haben. „Daran zu denken ist schon ein guter Anfang. Es heißt, dass Sie mir glauben, was ich Ihnen gestern gesagt habe.“

Roland zuckte die Schultern, dann nickte er ruckartig. „Es ergibt Sinn. Ich habe eine der Tabletten zerbrochen und wusste dann, dass eine Art Eisenhut enthalten ist. Selbst die Spaßmischungen von Eisenhut sind … Ich meine, es steckt giftig in vergiftet.“

Beau versuchte, nicht zu beeindruckt auszusehen, obwohl er nicht erwartet hatte, dass Roland diese Verbindung herstellte. Die meisten Menschen verstanden nicht, dass high zu werden bedeutete, sich selbst auf eine gewisse Weise zu vergiften.

„Sie haben recht“, sagte Beau leise. „Eisenhut tut niemandem einen Gefallen. Sie sehen …“

Er sah schlimmer aus, mehr als Beau von einem Tag auf den anderen befürchtet hatte. Vermutlich war es die Angst, aber auch seine Haut hatte einen stärkeren Gelbstich als am Tag zuvor. Beaus Alpha-Instinkte, die auf dem Weg hierher ziellos geflattert hatten, konzentrierten sich jetzt perfekt: Alles, was er im Leben wollte, war, Roland in seine Arme zu nehmen, ihn zu halten und das hier irgendwie besser werden zu lassen.

„Würden Sie …“ Roland sah ihn zum ersten Mal an, er hob sein Gesicht zwar nicht aus dem Schal, sondern sah durch seine Wimpern zu Beau auf. „Wenn ich mit Ihnen käme, würden Sie sie mich weiter nehmen lassen?“

Es war verlockend, einfach weich zu werden, doch Beau erwiderte ein hartes: „Nein.“

Roland sah aus, als wäre das die Antwort, die er erwartet hatte. Er nickte leicht, sah aber immer noch nicht auf.

„Ich würde Sie aber auch niemals zwingen, eine Hitze mit mir zu verbringen“, sagte Beau und lehnte sich dabei ein wenig nach vorn. „Und sobald Sie sich erholt haben, würde ich eine Hebamme suchen, die Ihnen hilft, eine sichere Dosis oder ein besseres Medikament zu finden, damit Sie keine Hitzen mehr bekommen, wenn Sie das nicht wollen. Ich schwöre dir, Roland, ich werde niemals etwas davon erzwingen. Niemals.“

„Ich kann nicht.“ Roland senkte den Blick wieder und lockerte einen Arm aus der Umklammerung, in der er sich selbst hielt, um seinen Unterbauch zu berühren, eine Geste, die von Schmerz erzählte. „Ich bin innerlich kaputt. Deshalb kann ich nie … egal, wie viele Hitzen, egal was, ich werde nie Kinder haben können. Aber wenn Sie mich nur für eine gewisse Zeit wollen, ist das vielleicht sogar besser?“

Einen Augenblick lang konnte Beau nicht antworten und erstickte beinahe an der Trauer um den Verlust, von dem Rolands verkrampfte Finger sprachen, und an der Wut über jeden, der ihn so verletzt hatte. Kaputt, sagte er, und Beau konnte das Echo seiner schmerzhaften Erinnerungen in seiner Stimme hören. Das war keine bloße theoretische Diagnose.

„Das ändert nichts an meiner Meinung“, brachte Beau schließlich ruhig heraus. „Ich würde dir gerne helfen. Ich möchte, dass du mich heiratest.“

„Du willst mich wirklich heiraten?“ Rolands Blick wanderte wieder nach oben. „Mit Papieren und so, und Trauzeugen? Und dem – Ehevertrag, sagtest du? Richtig?“

„Ja“, antwortete Beau, warf seine Tasche auf den Boden und öffnete sie. „Ja, ich habe einen ausgedruckt, du kannst ihn dir ansehen.“

Er zog die Unterlagen aus der Tasche und hielt sie Roland hin, aber Roland behielt seine Hände, wo sie waren, und vergrub sein Gesicht tiefer im Schal. „Ich kann nicht, äh …“

Beau begann jedes Mal, wenn Roland ‚Ich kann nicht‘ sagte, Schmerzen zu empfinden. Seine Hand stockte, dann legte er die Papiere zwischen sie. Rolands Augen folgten ihnen, ehe er sie wieder hob, um Beau anzusehen.

„Es ist wie – Gift, kann das die Sicht beeinträchtigen? Denn mit Eisenhut verschwamm sie manchmal oder alles hatte Lichtschleier, oder …“

Er hatte Beau aus einer Entfernung von fünf Metern nicht wirklich erkennen können. Er konnte die Worte des Vertrags nicht lesen.

„Ja“, sagte Beau und schluckte, um den Hauch von Härte aus seiner Stimme zu wischen. „Ja. Verschwommene Sicht ist ein Symptom von … verschiedenen Arten der Vergiftung.“

Aber auch von verschiedenen Arten von Organversagen, von dem er sich ziemlich sicher war, dass Roland kurz davor stand. Es konnte blitzschnell passieren, und Beau hatte kein Recht, irgendetwas zu tun, um zu helfen, wenn er Roland nicht überreden konnte, ihm dieses Recht zu geben.

Roland bewegte sich und zog etwas unter seinem Hemd hervor – einen versiegelten Umschlag. Er legte ihn auf die Papiere und sagte: „Kannst du …? Ich glaube, das ist etwas, auf das ich gewartet habe.“

Beau hob den Umschlag auf und bemerkte, dass er vom Staat Wisconsin, dem Gesundheitsministerium war. Er riss den Umschlag vorsichtig auf und zog eine Geburtsurkunde heraus.

Roland Michael Lea. Großer Mond am Himmel, er war erst vierundzwanzig Jahre alt. Beau hätte geschätzt, dass er zehn Jahre älter sei. Er war in einem Krankenhaus in einer Stadt in Wisconsin geboren worden, deren Name Beau nichts sagte, was nur bedeutete, dass es nicht Milwaukee oder Madison war.

„Deine Geburtsurkunde“, sagte Beau und legte sie vorsichtig auf den Entwurf des Ehevertrags. „Es hat ein Siegel in der Ecke und alles, du kannst es fühlen. Jetzt ist alles in Ordnung und legal.“

„Also kann ich heiraten, oder?“, fragte Roland leise und streckte die Hand aus, um mit seinen Fingern über das Dokument zu streichen, bis er das erhabene Siegel fand. „Scheint fast wie ein Zeichen. Wenn du es wirklich ernst gemeint hast, es so zu machen. Richtig und legal.“

„Ich schwöre es“, erwiderte Beau. „Ich schwöre es dir, Roland.“

„Und es gibt nur dich und mich, richtig? Du wirst mich nicht teilen, weil ich dir gehöre. Das ist die legale Weise.“

„Ja“, stieß Beau erstickt aus, während er die Wut einmal mehr unterdrückte. „Ja, ich würde dich nie …“

„Okay“, unterbrach ihn Roland. Vielleicht war es nicht mehr, als dass Roland Beaus Proteste nicht mehr hören wollte, aber er zog seinen Schal herunter und neigte den Kopf zur Seite, entblößte seine Kehle.

Sie war bedeckt mit hässlichen, rotglänzenden Verbrennungen, die wahrscheinlich auf Silber zurückzuführen waren. Jemand hatte ihm für eine verdammt lange Zeit ein Halsband angelegt, um ihn daran zu hindern, sich zu verwandeln oder sich zu wehren, aber es gab kein Anzeichen für einen Paarungsbiss. Und jetzt bot er sich Beau an. Er vertraute ihm oder war einfach zu schwach, um sich zu widersetzen.

„Roland“, sagte Beau hilflos und streckte die Hand aus. Er berührte die gesamte Haut unter Rolands Kiefer mit den Fingern, dann glitten sie nach hinten in Rolands Nacken, wo er seine Hand flach auf Rolands Haut legen konnte. „Ich – ich werde dich nicht beißen, nicht … Noch nicht. Das ist Teil des Vertrags, eigentlich werden wir keine derartige Bindung eingehen. Auf diese Weise …“

Rolands Augen waren geschlossen, seine Stimme ruhig, fast verträumt, als er sagte: „Meine Familie nannte mich Rory, als ich …“ Er schluckte und fuhr fort: „Könntest du auch. Wenn du willst. Wenn ich für eine Weile dir gehöre.“

Als ich eine Familie hatte, hatte er das nicht gesagt? Aber er musste jeden verloren haben, der sich wirklich um ihn gekümmert hatte, um so hier zu landen.

„Du gehörst mir“, erwiderte Beau und rutschte auf dem Gras näher, bis er Roland, Rory, in seine Arme ziehen konnte. Der Omega fühlte sich so zerbrechlich, so schrecklich anschmiegsam an. Beau legte den Schal um seinen Hals und rieb mit der Nase über die nackte Kopfhaut, wobei er sich auf die schnellen, zittrigen Bewegungen von Rorys Atmung konzentrierte. „So lange du mir gehören willst, Rory, wirst du es auch. Und du solltest mich Beau nennen.“

Rory nickte gegen seine Schulter und murmelte gehorsam: „Okay. Beau.“

Kapitel 6

Roland wusste, dass er sich vermutlich fürchten sollte oder wenigstens ernsthaft beunruhigt sein, aber er war zu müde, um sich darum zu kümmern.

Es war nicht so, als würde es einen Unterschied machen, wenn er sich fürchtete. Er hatte den Entschluss gefasst, sich in die Hände dieses Alphas zu begeben, und er war nicht in der Lage, sich mehr vor Beau zu schützen als vor jedem anderen Alpha, mit dem er Fehler begangen hatte. Sich zu fürchten hatte nie geholfen.

Diesmal hatte er richtig gewählt, oder zumindest weniger falsch.

Aber Beau hatte ihn nicht gebissen, aber er versprach nach wie vor, ihn zu heiraten. Als er letzte Nacht mit Susan darüber geredet hatte, hatte sie versprochen, dass sie mit Rory in Verbindung bleiben und nach ihm sehen würde. Wenn etwas falsch lief, würde sie ihm helfen, Beau zu verlassen und zurück in die Unterkunft zu kommen.

Damit gab es keinen Grund zur Vorsicht mehr. Selbst wenn er vorsichtig sein wollte, war er zu müde, um das hinzubekommen. Nicht nach einer schlaflosen Nacht, in der er sich stundenlang im Griff der Panik befunden hatte, wobei er auf die Flasche mit den Tabletten – mit dem Gift – gestarrt hatte und doch nicht widerstehen konnte, eine weitere zu nehmen. Sein Bauch fühlte sich schlimmer an als sonst, ihm tat alles weh und der schlechte Geschmack in seinem Mund wurde stärker.

Aber Beaus Arm um ihn herum hatte sich gut angefühlt. Wie viel es ihn später auch kosten mochte, es tat so gut, einen Alpha zu haben, der ihn festhielt und ihm sagte, dass er sich um alles kümmern wollte.

Es gab einen Grund, warum er so oft den Fehler gemacht hatte, Alphas zu vertrauen. Es gab manchmal gute Sachen, wie das. Das war gut.

Nach einer Weile murmelte Beau: „Hast du heute schon etwas gegessen? Rory?“

Rolands Mund zuckte ein wenig bei der absichtlichen, unbeholfenen Art, wie Beau seinen Spitznamen benutzte, als sei er fragwürdig. Aber er mochte den Klang aus Beaus Mund. Bisher hatte er keinem anderen Alpha angeboten, ihn so zu nennen; niemand hatte ihn so genannt, nicht seit dem letzten Mal, als er seine Mutter gesehen hatte, und selbst sie hatte ihn bis dahin meistens Roland gerufen.

„Auch etwas zu trinken?“, wollte Beau wissen.

Roland zuckte die Schultern. „Etwas Wasser? Mein Magen … fühlt sich nicht gut an.“

„Nimmst du deine Suppressiva mit Wasser?“

Roland zuckte zusammen. „Sollte ich eigentlich. Aber in letzter Zeit …“

„Dein Magen ist leer, du fühlst sich bereits krank und zu viel Wasser macht dich noch kränker“, sagte Beau, als wäre alles vor ihm ausgebreitet. „Also hast du nicht viel Wasser zu deinen Tabletten getrunken. Oder hast du überhaupt wenig getrunken?“

Roland nickte gegen seine Schulter.

„Okay“, seufzte Beau. „Also dehydriert und niedriger Blutzucker, dein Magen ist verstimmt und wahrscheinlich gereizt von den Tabletten ohne genug Flüssigkeit, um sie zu puffern. Wie wäre es mit …“

Er schlang einen Arm fester um Roland, zog dafür den anderen weg und kramte in dem Rucksack, den er mitgebracht hatte. Wie ein Kind mit einer Schultasche, dachte Roland zärtlich, aber dann hätte Beau ja gerade erst die Schule beendet, oder?

Das Medizinstudium, aber wahrscheinlich schleppten sie ihre Bücher und Sachen nicht in schwarzen Arzttaschen herum, nur weil es diese Art von Schule war.

Etwas knisterte in Beaus Hand, er führte es zu seinem eigenen Mund und zerrte mit den Zähnen an einer Plastikhülle. Ein würziger Geruch stieg auf, nur leicht süß, der das Wasser in Rolands Mund zusammenlaufen ließ.

„Das ist eine Ingwersüßigkeit, echter Ingwer“, erklärte Beau und hielt es an Rolands Lippen. „Wenn man es nicht gewöhnt ist, kann es ein wenig intensiv sein. Leck einfach daran und schau, ob du es magst.“

Roland leckte gehorsam daran und der scharf-süße Geschmack hielt ihn fast davon ab zu bemerken, dass er dabei auch Beaus Fingerspitzen ableckte. Der Geschmack schien die kranke und schale Panik aus seinem Mund zu spülen, er nickte und öffnete den Mund, damit Beau das Bonbon hineinwerfen konnte.

„Es wird auch deinen Geruch verändern, wenn ein Wolf in deiner Nähe unhöflich ist und an dir schnuppert, um festzustellen, was mit dir los ist.“

Roland bog den Kopf leicht zurück, um Beau in die Augen sehen zu können, und Beau zwinkerte.

Rolands Mund bog sich nach oben zu einem Lächeln, sein Inneres fühlte sich auf eine völlig neue Art lustig an. Es war eine gute Sache, dass er diesen Fehler bereits gemacht hatte, denn es wäre umso peinlicher, wenn man sich lediglich durch ein Bonbon und eine kleine zärtliche Berührung in die Falle locken ließ.

Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Bonbon in seinem Mund, ließ alle Sinne von dem leicht scharfen Brennen, dem Hauch von Süße vereinnahmen. Er konnte nichts anderes mehr hören, konnte kaum etwas anderes riechen. Er fragte sich, ob Beau diese Bonbons mochte, weil sie seinen Geruch verschleierten, oder weil sie ihm halfen, jeden anderen Geruch zu ignorieren. Oder hatte er einfach vergessen zu essen und nun Magenschmerzen? Das Medizinstudium war hart und anspruchsvoll, so viel wusste Roland.

„Da kommen die Anstandswauwaus“, murmelte Beau, und Roland öffnete die Augen, damit er Umrisse, die schätzungsweise Susan und Ms Dawson waren, über den Rasen kommen sehen konnte. „Ich wette, sie wollen mit dir allein reden, also werde ich dir etwas Warmes zu trinken suchen und danach können wir ins Büro gehen.“

Beaus Griff festigte sich noch einmal für einige Sekunden, dann stand Beau auf und ließ Roland sich anlehnen, bis er sicher auf den eigenen Füßen stand. Umsichtig behielt Beau eine Hand an Rolands Ellbogen, während er sich bückte und mit der anderen die Papiere aufhob, die er Roland übergab, als die anderen Omegas zu ihnen stießen. „Roland hat eingewilligt, mich zu heiraten, aber ich bin sicher, Sie wollen den vorläufigen Ehevertrag mit ihm durchgehen? Bitte reden Sie mit ihm über jeden Punkt, ob es etwas gibt, was er geändert haben möchte. Ich glaube, er ist dabei, mir zu sehr zu vertrauen. Ich bin mit jeder Änderung einverstanden.“

Susan nahm die Dokumente an sich, doch Beau zog das oberste Blatt zurück und steckte die Geburtsurkunde vorsichtig in den Umschlag zurück, ehe er ihn Roland in die Hand drückte. „Das kannst du halten, das ist kein Teil der Verhandlungen.“

Roland nickte, drückte Beaus Arm an der Stelle, an der er ihn immer noch hielt, und ließ ihn dann los.

***

Als sie damit fertig waren, die Dokumente durchzugehen, war sich Roland ziemlich sicher, dass sie trotz Beaus Bemühungen realisiert hatten, dass er nicht lesen konnte. Aber sie sagten nichts deswegen, sondern redeten über den Wortlaut jeder einzelnen Zeile mit ihm, damit er alles einwandfrei verstand.

Tatsächlich war es gar nicht kompliziert. Roland wurde gestattet, zu jeder Zeit die Scheidung einzureichen, und würde automatisch Geld von Beau bekommen, wenn sie geschieden waren. Geschah das nach mehr als einem Jahr Ehe, bekäme er mehr Geld, und doppelt so viel, wenn sie drei Jahre verheiratet blieben. Beau erklärte sich schriftlich damit einverstanden, vielleicht nie Sex zu haben, und dass das kein Grund für Beau war, die Scheidung einzureichen oder einen Teil ihrer Vereinbarung zu ändern.

Beau sagte zu, ihn zu nichts zu zwingen, und versprach, dass Roland, wenn er Hitzen hatte, sie weder mit Beau noch sonst wem verbringen musste. Beau wusste, dass er gebrochen war, wenn er auch keine Ahnung hatte, wie es dazu gekommen war; Beau hatte die Narben seines Halsbandes gesehen. Und Beau gab ihm trotzdem das alles, und Ingwerbonbons, und eine Tasse mit süßem heißem Pfefferminztee, die er neben Rolands Ellbogen abstellte, ehe er leise wieder davonging.

Als Susan Roland noch einmal fragte, ob er sich absolut sicher sei, dass er das alles wollte, lachte er, nickte und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Er würde kein besseres Angebot als das bekommen, und egal, wie es zwischen ihnen wurde, es war auf jeden Fall besser, als hier allein kränker und kränker zu werden.

„Nun denn“, sagte Susan. „Wir sollten zusehen, dass wir dich für den Standesbeamten schick machen, nicht wahr?“

Roland stimmte vorsichtig zu und fand sich bald darauf unter der Dusche wieder, danach wurde er mehr gestylt, als er jemals in seinem Leben erlebt hatte. An seinem Haar gab es nichts zu tun, aber er war damit einverstanden, drei verschiedene Augentropfen, Make-up und mehr Aufmerksamkeit auf seine Fingernägel zu bekommen, als er ihnen je zuvor geschenkt hatte. Susan und Ms Dawson brachten ihm saubere, neue Kleider, die er anziehen konnte.

„Wage es nicht zu weinen“, sagte Susan und tupfte dabei ihre eigenen Augen mit ihren Fingerknöcheln ab, als sich Roland im Spiegel anstarrte. „Wenn du das Make-up verschmierst, brauchen wir zwanzig Minuten, um das wieder zu richten.“

Er sah … lebendig aus. Gesund, verglichen mit dem, was er in den letzten Monaten oder Jahren im Spiegel gesehen hatte. Es fühlte sich wie eine Maske an, oder wie ein flüchtiger Blick auf eine alternative Version seiner selbst, und völlig fremd, da er sicher war, dass sein Geruch ihn nach wie vor verriet und sein Körper in den feinen neuen Kleidern genauso schmerzte und unsicher wie immer war. Er wusste, dass selbst das Make-up für einen gesunden Werwolf nicht so überzeugend aussah wie für ihn – aber für einen Menschen reichte es, vermutete er. Der Beamte war wahrscheinlich ein Mensch.

Er zog nervös am Kragen des weißen Hemdes mit den schmalen Streifen in rosa und lila. Es verdeckte die meisten Verbrennungen um seinen Halsansatz, aber wenn es aufklaffte oder wenn einer der Striemen durch den steifen Stoff gereizt wurde und zu nässen begann …

„Kann ich nicht meinen Schal tragen?“ Sehnsüchtig warf er einen Blick darauf, obwohl selbst er sehen konnte, dass die dunklen Cranberry- und Navystreifen in der dicken Wolle nicht zu seinem schicken neuen Outfit passten. Der Schal sah eintönig und leicht schmutzig aus, trotz der satten Farbe, die ihn dazu getrieben hatte, ihn aus dem Gebrauchtkleidercontainer einer menschlichen Unterkunft zu fischen, in der er vor dem Asyl geblieben war. Er hatte ihn monatelang ohne Unterbrechung getragen, daher war das keine Überraschung.

„Es ist Juni, Schatz“, sagte Susan und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. „Sie können im Juni keinen Schal tragen. Halten Sie einfach Ihren Kragen gerade – Sie werden sowieso nicht lange vor dem Standesbeamten stehen.“

Roland ballte die Hände zu Fäusten, er wollte den Schal einfach nur aufheben und mitnehmen. „Er ist … er gehört immer noch mir, oder? Sie werden ihn niemandem anderen geben?“

Susan schüttelte den Kopf, faltete den Schal zusammen und legte ihn energisch auf seinen Spind. „Er gehört Ihnen, Mr Lea. Er wird hier auf Sie warten, wenn wir vom Standesamt zurückkommen. Jetzt lassen Sie uns Ihren Alpha finden.“

Roland nickte und ließ sich von ihnen aus seinem kleinen Einzelzimmer zurück in die öffentlichen Bereiche des Asyls führen. Er wusste nicht, was Beau von ihm halten würde. Vielleicht gefiel es ihm nicht. Vielleicht gefiel es ihm zu gut und wollte, dass Roland diese Maske die ganze Zeit trug, die Narben und den kahlen Kopf bedeckte und hübsch für ihn war, obwohl sie beide wussten, dass es eine Lüge war.

Dann trat Roland durch eine Tür und Beau stand da, ein Stück dunkelblau-weiß gestreiftes Tuch in der einen Hand, sein Telefon in der anderen. Er musterte Roland von oben bis unten, nickte und lächelte ihn schief an.

„Vielleicht brauchst du das dann überhaupt nicht. Ich dachte, du hättest gern ein Halstuch zu deinem Hemd? Es befindet sich in deinem Kragen, nicht wie eine Krawatte, also läge es weich auf deiner Haut …“

Rolands Kehle war zu eng, um zu sprechen, er konnte kaum atmen und brachte nur ein festes, ruckartiges Nicken zustande.

„Ich habe gerade nachgeschaut, wie man es bindet“, erklärte Beau und kam näher. „Es war mir zu peinlich, im Geschäft zu sagen, dass ich keine Ahnung habe. Darf ich …?“

Roland nickte, hob die zitternden Hände, um die obersten Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, und gab Beau so den Platz, den Kragen zu lösen und das weiche Tuch um seinen Hals zu legen.

„Da ist ein kleiner Fleck Rot wie bei deinem Schal darin“, murmelte Beau, seine Hände bewegten sich geschickt und zogen das Tuch an seinem Hals fest, streng, aber nicht abschnürend. „Aber hauptsächlich marine und weiß, das fand ich gut für den Sommer. Du kannst es bei lässigen Sachen wie einen Schal tragen – ich könnte noch weitere in anderen Farben besorgen, wenn es dir gefällt. Du kannst es zu deiner ganz persönlichen Stilsache machen.“

Beau fummelte an Rolands Kragen herum und ging dann einen halben Schritt zurück, damit Roland seine eigenen Hände heben und den einfachen Stoff um seinen Hals herum berühren konnte. Es verbarg definitiv die Verbrennungen und polsterte sie gegen sein Hemd ab, fühlte sich aber eher wie eine Krawatte als ein Schal an.

„Danke“, schaffte er zu flüstern.

Beau nickte nur und drückte Rolands Schulter mit seiner großen Hand. „Ich danke dir. Für alles. Weil du mir vertraut hast.“

Roland wandte den Blick ab, als ihm all die schrecklichen Dinge, die er über Beau gedacht hatte, durch den Kopf rauschten. Er hatte diesen Alpha nicht verdient und früher oder später würde Beau das realisieren. Ein guter Mann wie er wollte keinen Omega um sich haben, der ständig darauf wartete, dass er sich wie alle anderen benahm.

Aber noch wusste Beau das nicht.

Roland hatte es noch nicht versaut. Er zwang sich, Beau wieder in die Augen zu sehen, und lächelte leicht.

Beau lächelte zurück und zog ihn näher an sich, legte einen Arm um ihn, damit sich Roland an ihn lehnen konnte, eingehüllt in seinen starken Duft. Während Roland beschäftigt gewesen war, hatte er sich ein wenig ins Schwitzen gebracht – er war zu dem versnobten Laden gelaufen, wo man ihn in Verlegenheit gebracht hatte, nur um Roland etwas Seidenweiches zum Anziehen zu besorgen.

„Bereit?“, fragte Beau weich.

Roland nickte, und Beau begleitete ihn aus der Eingangstür zu Ms Dawsons wartendem Wagen.

***

Der Standesbeamte war menschlich und schien von der ganzen Sache fürchterlich gelangweilt zu sein, der schwierigste Teil war, als Roland ihm seine brandneue Geburtsurkunde präsentierte, zusammen mit einem Brief, den der Direktor des Asyls als Identifikationsmittel geschrieben hatte. Der Brief begann damit, dass das Asyl in loco gentits (anstelle der Familie; Anm. des Übers.) handelte und das Schreiben deshalb vergleichbar mit einem Dokument der Rudelzugehörigkeit war, was zur Identifikation genügte. Das erntete eine Menge Geblinzel und gebrummte Hmmms, danach verschwand der Standesbeamte für einige Minuten mit Rolands gesamten Papieren, ehe sie urplötzlich anerkannt wurden.

Erst ganz zum Schluss, nachdem er ein offiziell aussehendes Dokument über die Theke geschoben hatte, lächelte der Standesbeamte. „Gratulation, Gentlemen. Viel Glück bei der Hochzeit.“

Das war der Moment, als Roland dachte: Warte, was? Ich dachte, das war die Hochzeit.

Er konnte Beau an seiner Seite spüren, ebenso erstarrt, und dann lächelte der Alpha breit, legte einen Arm um Roland und schnappte sich mit der anderen Hand das Dokument. „Danke.“

Roland ließ sich zur Seite drehen und nach hinten schieben, wo Susan und Ms Dawson auf sie warteten. Erst als er hörte, wie der Beamte die nächste Person aus dem Wartebereich aufrief, wagte er zu Beau zu flüstern: „Aber wann sind wir verheiratet?“

„Bald“, erwiderte Beau eifrig und drückte Roland noch ein bisschen enger gegen sich. Roland berührte behutsam mit den Fingern sein Halstuch, dann gratulierten Susan und Ms Dawson ihnen dazu, ihre Heiratsgenehmigung erhalten zu haben – wie sich herausstellte –, aber tatsächlich noch … nicht verheiratet zu sein.

Erst als sie im Wagen saßen, sah er Beau auf sein Telefon tippen, und er fühlte ihn seufzen.

„Ich habe nicht daran gedacht, vorher darauf zu sehen“, murmelte Beau. „Ich habe es nicht kapiert. Die Genehmigung kann nicht vor morgen verwendet werden.“

Roland ballte die Hände zu Fäusten und drückte sie gegen seinen Magen. Noch ein Tag. Nur ein Tag mehr.

Ein Tag mehr, an dem er sich entscheiden musste, ob er Gift nehmen wollte oder sich nicht traute. Ein weiterer Tag ohne einen Alpha, der auf ihn aufpasste und beschützte. Ohne Beau.

„Ihr werdet feststellen“, sagte Susan vom Vordersitz aus, „dass wir eine sehr, sehr lange Strecke zurück zum Asyl nehmen. Das dauert vielleicht Stunden. Ich wäre nicht überrascht, wenn es bereits nach Mitternacht wäre, wenn wir dort eintreffen.“

Susan drehte sich um, um zu zwinkern, während Roland ein paar Sekunden gegen seine Schockstarre kämpfte und dann begriff. Er senkte den Kopf, um sein Grinsen zu verstecken. Natürlich hatten sie all das geplant. Sie wussten, dass ein Alpha nicht wie ein Mensch warten wollte, um seinen Anspruch auf den Omega, den er auserwählt hatte, geltend zu machen.

Sie wussten nicht, dass Roland derjenige war, der es nicht erwarten konnte, oder warum.

Beau drückte ihn an sich und murmelte: „Warum schließt du nicht einfach deine Augen? Du kannst dich genauso gut ausruhen, wenn es ohnehin eine derart lange Fahrt wird.“

Roland legte den Kopf nach hinten gegen Beaus Arm und kuschelte sich so eng an, wie er es wagte, ohne dabei Make-up auf Beaus Anzug zu verschmieren. Er schloss die Augen und atmete Beaus Duft ein, der schwer im geschlossenen Inneren des Wagens hing. Mein Alpha. Er wird mich nach Hause bringen, er wird mir helfen, gesund zu werden. Er hat es versprochen. Wirklich versprochen, auf Papier und alles.

Er schlief ein wenig, oder zumindest drifteten seine Gedanken für eine Weile durch eine stille Leere. Als die Vordertür des Wagens geschlossen wurde, kam er wieder zu sich. Nur er und Beau saßen noch im Auto. Roland öffnete die Augen und sah Beaus Gesicht näher bei sich, als er erwartet hatte.

Nahe genug für einen Kuss.

Sein Atem stockte, er spürte die gefährliche Spannung der Erwartung, obwohl er es besser wissen sollte, obwohl er sich alles andere als das lieber wünschen sollte.

Beau lächelte nur. „Bereit für deinen Hochzeitstag?“

Roland schaute aus dem Fenster zu der wenig mitteilsamen Front des Asyls. „Sie haben doch nicht … etwas geplant, oder? Es wird nicht so sein wie …“ Ein Durcheinander von Bildern ging ihm durch den Kopf, hauptsächlich menschliche Hochzeiten, die er im Fernsehen und in Filmen gesehen hatte, aufwendige, langwierige Ereignisse, bei denen immer jemand schrecklich gedemütigt oder enttäuscht oder auf andere Weise zum Weinen gebracht wurde.

„Ich denke, sie kennen dich gut genug, um zu wissen, dass du nichts Großes und Anstrengendes willst“, sagte Beau leise. „Ich vermute allerdings, dass es Kuchen geben wird. Glaubst du, du könntest vielleicht ein kleines Stück Kuchen essen?“

Roland biss sich auf die Lippe, sein Magen wand sich unruhig. „Hast du noch mehr von diesen Ingwerbonbons?“

Beau lächelte und holte eines aus seiner Tasche, wickelte es aus, bevor er es an Rolands Lippen hielt. Er schloss die Augen und öffnete den Mund, das erste scharfe Brennen des Ingwers ließ ihn schlucken und stach in seinen Augen. Beau blieb ruhig an seiner Seite und hielt ihn die ganze Zeit im Arm. Nach einem weiteren Augenblick sagte Roland: „Ich schätze, wir müssen irgendwann aus dem Auto steigen.“

„Nicht wirklich so, wie ich mir unser Zusammenleben die nächsten Jahre vorgestellt habe“, stimmte Beau zu, machte jedoch keine Anstalten, Roland aus dem Auto zu lassen, bis Roland den Kopf hob und sich zur Tür drehte.

Als sie das Asyl betraten, gab es Kuchen, und Susan und Ms Dawson und Dr. Hanek, der das Asyl leitete und, wie sich herausstellte, eingetragener Standesbeamte als auch Notar war. Er ließ Roland und Beau erst den Ehevertrag unterschreiben, beglaubigte ihn notariell und bezeugte ihn auf mehreren Kopien.

Was bedeutete, dass Roland seinen Namen schreiben musste, ohne ihn lesen zu können.

„Es ist okay, lass dir Zeit“, murmelte Beau und legte seinen Finger auf die Seite. „Genau dort. Direkt über meinem Finger. Wenn du so weit bist.“

Roland atmete ein paarmal ein und versuchte, seine Finger locker um den Stift zu legen, sich an die Bewegungen zu erinnern, mit denen er seinen Namen schrieb. Ihm fiel nicht mehr ein, wann er das jemals gemacht hatte, aber das bedeutete nichts, es konnte nicht so schwer sein. In der Schule hatte er Schreibschrift gelernt. Er wusste, wie man seinen eigenen Namen schrieb, mehr brauchte es wirklich nicht. Sein eigener Name, in Schreibschrift, besagte, dass er sich bereit erklärte, unter all diesen Bedingungen mit Beau verheiratet zu sein.

Als er fertig war, blinzelte er den Schriftzug an; es sah ein wenig schief und wackelig aus, aber es schien sein Name zu sein. Roland Lea. Er hatte es geschafft.

Und dann musste er noch dreimal unterschreiben.

„Eine Kopie gebe ich hier zu den Akten“, erklärte Dr. Hanek, „und schicke das andere an die staatliche Initiative für Omegarechte. Sie haben viele solcher Dokumente, nur um auf der sicheren Seite zu sein.“

„Natürlich“, sagte Beau leichthin. „Und Roland bekommt ebenfalls ein Exemplar für seine Unterlagen.“

Die Kopie wurde ordnungsgemäß in einen Umschlag gesteckt und Roland hielt sie zusammen mit seiner Geburtsurkunde, während sie den Rest der Hochzeitsformalitäten erledigten. Alles lief so ruhig und sachlich ab, er brauchte nur auf der kleinen Couch neben Beau in einem der Wohnzimmer des Asyls zu sitzen, während Susan und Ms Dawson und Dr. Hanek sich auf den anderen Stühlen um sie herum versammelten. Roland merkte kaum, dass die Fragen, die er beantwortete, sein Eheversprechen waren, selbst als er automatisch antwortete: „Werde ich.“

Aber dann gab es leisen Applaus, und Roland drehte sich um, um Beaus Blick zu begegnen.

Beau hob die Augenbrauen, stellte still eine Frage. Roland nickte leicht und dann – oh, oh – senkte Beau seinen Kopf und berührte Rolands Lippen, weich und keusch. Ein Kuss. Ihr erster Kuss.

Sie waren verheiratet.

Es gab noch ein Dokument zu unterzeichnen, aber Beau ließ Roland erneut an seinem Finger unterschreiben, wobei seine Hand nicht schlimmer zitterte als die ersten vier Male.

„Ausgezeichnet. Wir werden das entsprechende Datum eintragen und es morgen zur Archivierung einreichen, aber Sie sind jetzt offiziell verheiratet. Herzlichen Glückwunsch an Sie beide.“

„Danke“, murmelte Roland und sah dann zu Beau auf, der ihn ein wenig enger an sich drückte.

„Wir werden zuerst etwas Kuchen essen“, sagte Beau. „Und dann sehen wir weiter.“

Kapitel 7

Rorys sämtliche Besitztümer passten in eine einzige Papiereinkaufstüte, was schrecklich war, aber den Umzug aus dem Asyl in Beaus kleines Apartment vereinfachte. Rorys Hände zitterten, als er einen bestimmten, in einer Plastiktasche verpackten Gegenstand mit einem dumpfen, rasselnden Geräusch in die Tüte schob, und Beau brauchte nicht zu fragen, was sich darin befand. Er bat Rory nicht, es ihm zu geben – nicht jetzt, nicht hier.

Beau schulterte seinen eigenen Rucksack, in dem er seine Kopien ihrer brandneuen Dokumente sicher verwahrt hatte, legte seinen Arm um Rory, verließ mit ihm das Asyl und ging auf das Taxi zu, das am Straßenrand wartete. Die Sonne schien immer noch, es war später Nachmittag. Kaum achtundvierzig Stunden zuvor hatte er Rorys Bild zum ersten Mal gesehen, jetzt waren sie verheiratet und er nahm ihn mit sich nach Hause. In sein halb ausgeräumtes Studioapartment.

Na, dachte Beau, während er gegen seine eigene Hysterie ankämpfte, wenigstens wird es ihm nichts ausmachen, dass ich kein Essen im Kühlschrank habe.

Tatsächlich schien Rory eingedöst zu sein, als sie bei Beaus Apartment ankamen. Beau bezahlte die Fahrt und weckte ihn dabei genug auf, um den Kopf zu heben und sich umzusehen. Er schien in sich zusammenzusinken, und Beau legte wieder den Arm um Rory, so schnell er konnte, dirigierte ihn aus dem Taxi und über den Gehweg.

Während er die Haustür aufschloss, war Rory an seiner Seite ganz still, aber er wimmerte, als Beau ihn in Richtung der Treppe brachte. „In welchem Stock wohnst du?“

Beaus Herz krampfte sich bei der dünnen Stimme, der entschlossenen Ruhe der Frage schmerzhaft zusammen. Er hatte gesehen, wie langsam Rory selbst über ebenen Untergrund gegangen war, es war klar, wie viel Anstrengung ihn das kostete.

„Im vierten“, gab Beau zu. „Tut mir leid, ich habe nicht nachgedacht …“

„Ist schon gut“, sagte Rory fest. „Ich kann es, ich bin nur langsam.“

Beau wollte etwas erwidern, aber Rory hatte schon den Handlauf ergriffen und sich die ersten Stufen auf den Weg nach oben gemacht. Beau folgte ihm ein paar Schritte dahinter und ließ eine Seite der schmalen Treppe für jeden frei, der ihnen entgegenkam. Es war schmerzhaft zu sehen, wie sich Rory die erste Treppe hinaufkämpfte, die zweite war noch schlimmer. Auf halber Höhe der Dritten stolperte er, und Beau schaffte es kaum, ihn von hinten aufzufangen, bevor er den ganzen Weg wieder hinunterpurzelte.

Rory schnappte nach Luft, baumelte beinahe völlig schlaff in Beaus Griff und ließ den Kopf hängen. „Tut mir leid, ich …“

„Nein, es tut mir leid“, sagte Beau. „Baby, bitte, lass mich dich den Rest des Weges tragen. Bitte.“

Rorys rauer Atem stockte, und Beau sah die Röte in sein Gesicht steigen, bemerkte eine Träne fallen – aus genauso viel Verlegenheit und Frustration wie aus allem anderen, dachte Beau.

„Bitte. Es ist doch ein Hochzeitsbrauch, oder? Dich beim ersten Mal über die Schwelle tragen? Bitte, Rory, ich weiß, dass du es kannst, wenn du unbedingt musst, und ich lasse dir alle Zeit, die du brauchst, wenn du das willst, aber bitte lass mich helfen.“

Rory schniefte und nickte dann, ohne den Kopf zu heben und Beau anzusehen, und Beau kam auf ihn zu, um ihn sich auf die Arme zu heben.

Er war erschreckend leicht. Es war, als würde man einen Erste-Hilfe-Dummy oder eine der Übungspuppen aus dem Medizinstudium hochheben. Rory fühlte sich auch so zerbrechlich wie ein Skelettmodell in Beaus Armen an, und er machte sich steif und drehte sein Gesicht weg von Beaus Schulter.

„Entspann dich. Ich habe dich“, sagte Beau und versuchte, Rory näher an seine Brust zu drücken.

Rory schüttelte den Kopf. „Ich habe so Zeug im Gesicht, das würde an deinen Anzug kommen.“

„Das kann man auswaschen“, erwiderte Beau entschieden. „Bitte, du bist schwerer zu tragen, je weiter du von meinem Körperschwerpunkt entfernt bist.“

Dieses Argument sorgte dafür, dass Rory einknickte, und Beau hasste es zwar, bereute es jedoch nicht, da Rory endlich entspannt gegen ihn sank, seine Wange ruhte auf Beaus Schulter. Er hatte seine Einkaufstüte nicht losgelassen, sie lag jetzt in seinem Schoß und raschelte an Beaus Brust.

„Okay“, sagte Beau, dann lief er die Stufen nach oben und versuchte dabei, seine Bewegungen sanft zu halten, ohne Zeit zu verschwenden. Beau musste Rory auf die eigenen Füße stellen, um die Schlüssel hervorzuholen und die Tür aufzuschließen. Dabei lehnte Rory wie ein nasser Sack an ihm und nahm kaum die Veränderung in seiner Position wahr. Trotzdem hielt er die Einkaufstasche fest in der Hand.

Er regte sich genug, um ein leises, protestierendes Geräusch von sich zu geben, als Beau ihn wieder auf die Arme hob, um ihn in die Wohnung zu tragen, doch Beau sagte: „Nein, hey, das hier ist der Teil mit der Schwelle, das ist Tradition.“

Rory hob den Kopf, als Beau die Tür hinter ihnen zu trat, und nachdem Beau ihn diesmal auf die Füße stellte, blieb er stehen und sah sich um.

Beau fuhr sich mit der Hand durch die Haare und fragte sich, wie die kleine Wohnung und die Stapel von Kartons auf einen Fremden wirken mochten.

Für Beau sah es gemütlich aus. Er war in diese Schuhschachtel von Wohnung gezogen, kaum dass er sich eine eigene Bleibe mehr oder weniger leisten konnte, etwa sechs Monate, nachdem er nach Chicago gekommen war. Es war nicht besonders komfortabel gewesen, als er vom City College nach Loyola wechselte, um die Schule zu beenden, oder während des Medizinstudiums, aber es war vertraut: seine eigene kleine Höhle in dieser überfüllten, lauten, menschlichen Stadt. Er hatte sie nicht verlassen wollen, bevor es unbedingt sein musste.

Der eine Raum war lediglich eine rechteckige Schachtel mit einer Küchenzeile an der linken Wand und einem Badezimmer rechts, aber er hatte die letzten neun Jahre in diesem Bett geschlafen, die Bücherregale waren so angebracht, dass sie es halb umschlossen. An den kleinen Tisch, den er selbst zusammengebaut hatte, hatte er studiert und zahllose Mahlzeiten gegessen.

Das war Zuhause.

Er wusste, dass es, objektiv gesehen, beschissen war, und es war nicht einmal wichtig, wenn Rory es nicht mochte, weil sie innerhalb weniger Tage in ein Haus zogen, das sich Beau zum Teil deshalb leisten konnte, weil er geknausert hatte und auch deshalb sparen konnte, eben weil er neun Jahre lang in dieser winzigen Schuhschachtel gelebt hatte, aber er wollte nicht, dass Rory schlecht darüber dachte. Von ihm, weil er ihn in dieses Zuhause gebracht hatte.

„Es riecht nach dir“, sagte Rory schließlich, wobei er Beau noch immer nicht ansah. „Es fühlt sich … sicher an.“

„Es ist sicher“, erwiderte Beau, jede andere Reaktion hinunterschluckend. „Du bist hier sicher, Rory.“

Rory nickte und sah sich um. „Ich werde mir mein Gesicht waschen gehen.“ Die Papiertüte hielt er nach wie vor in der Hand, als er sich zum Badezimmer umdrehte, Beau streckte die Hand aus und berührte sie.

„Du musst mir die Beruhigungsmittel geben“, sagte Beau leise. „Das war die Abmachung. Ich bin jetzt dein Alpha, wir sind verheiratet, und du gibst sie mir. Wenn du gesund bist, werde ich Ersatz für dich finden.“

Rory spannte sich an und biss die Zähne zusammen.

Beau war froh, diesen kleinen Anflug von Widerstand zu sehen, denn es bedeutete, dass Rory tief im Inneren noch ein wenig Selbsterhaltungstrieb hatte. Aber er konnte Rory die Beruhigungsmittel nicht weiter nehmen lassen; er würde die Herausgabe erzwingen, wenn es sein musste, um Rory eine Chance zu geben, gesund zu werden, wenn er sich Mühe gab. Allerdings war es nicht genau das, wie er ihre Hochzeitsnacht beginnen wollte.

„Sobald es sicher ist“, redete Beau leise beruhigend weiter. „Sobald du stark genug bist, werde ich sie dir mit einer sicheren Dosis wieder geben, das schwöre ich dir. Ich weiß, dass du keine Hitzen haben möchtest, und ich weiß, dass du sie nicht mit mir verbringen wirst, wenn du doch welche bekommst. Aber im Moment brauche ich diese Flasche.“

Rory nickte steif. Es dauerte einen weiteren Augenblick, bis er die Hand in die Tüte schob, zwischen den plastikverpackten Bündeln herumkramte und das eine herauszog, das Beau kannte.

Beau nahm es ihm aus der Hand, anstatt Rory zu zwingen, den Arm auszustrecken und es ihm zu geben, und sagte, ohne den Tonfall zu ändern, um eine große Sache daraus zu machen: „Danke. Ich werde uns Essen zum Mitnehmen bestellen. Gibt es etwas, das für dich gerade richtig gut klingt?“

Rory zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Dabei stockte er in seinem Schritt, was mehr war als nur seine Langsamkeit. Er wartete darauf, was Beau ihm antun würde, wenn er wegging, ohne eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Ohne entlassen zu werden.

Beau stopfte die Plastiktasche und die Flasche in seine Tasche. Dann stellte er sich vor die Fenster, drehte Rory den Rücken zu und legte seine Stirn gegen das Glas, während er die Liefer-App öffnete und ein paar Schüsseln Hühnersuppe und einige Brotlaibe von dem koscheren Feinkostladen, den er am liebsten mochte, bestellte. Er hatte das eigentliche Geschäft nie betreten, aber er hatte jahrelang ihre Suppen geordert. Alles, was sie machten, schmeckte nach richtigem Essen, nicht nach Chemikalien und Konservierungsstoffen.

Er hörte, wie hinter ihm der Wasserhahn am Waschbecken des Badezimmers aufgedreht wurde. Aus diesem Winkel hatte er die Geräusche, die die Rohre machten, wenn das Wasser lief, noch nicht gehört; es verwirrte ihn für einen Moment, als hätte sich die Wohnung um neunzig Grad gedreht. Aber es war nicht die Wohnung, die sich seitlich verschoben hatte. Es war Beaus gesamtes Leben.

Er sah sich in dem kleinen Apartment um, um ein Versteck für die Beruhigungstabletten zu finden – er wollte, dass sie weg waren, wenn Rory aus dem Bad kam, aber er wollte die Wohnung nicht verlassen, nicht einmal für den kurzen Weg zum Müllschlucker. Er holte die eingewickelte Flasche aus der Tasche, wickelte die Plastiktüte ab und legte eine Glasflasche mit Plastikverschluss frei. Im Inneren konnte er die Umrisse der Tabletten sehen, kleine Kugeln mit leicht unterschiedlichen Größen und Formen. Eindeutig von einer Hebamme handgemacht. Die Flasche war nur zu einem Viertel voll, aber der Größe der Pillen nach, hätten sie ursprünglich für ein Jahr oder länger gereicht.

Nach den Auswirkungen auf Rory zu urteilen, genügten sie vermutlich, um einen Werwolf – oder einen Menschen – umzubringen, wenn man alle auf einmal nahm. Er konnte nicht zulassen, dass irgendjemand diese Flasche samt Inhalt fand.

Er ging zur Spüle und drehte das kalte Wasser voll auf, ehe er eine Flasche Essig aus dem Schränkchen unter dem Spülbecken holte. Dann öffnete er den Verschluss der Pillenflasche und kippte den gesamten Inhalt in den Abfallzerkleinerer und schaltete ihn ein, sobald alle Tabletten darin verschwunden waren, und jagte sie mit einer halben Flasche Essig den Abfluss hinunter, um sicherzugehen, dass kein Geruch in der Spüle zurückblieb. Anschließend schloss er das leere Glas, wickelte es wieder in die Plastiktüte und stopfte es in den Müll, wo Rory es sehen und riechen konnte, wenn er nachschaute.

Wenn Rory das Geräusch der Müllentsorgung erkannt hatte, verriet er mit keinem Zeichen, dass er wusste, was es bedeutete. Beau hörte die Toilettenspülung, als er die Essensbestellung abschloss, und wechselte in eine andere App, um zu erfahren, wie er am schnellsten ein paar Pfund dieser Ingwerbonbons und guten Pfefferminztee bekommen konnte.

Er hatte vor, ruhig und ungezwungen zu sein, wenn Rory aus dem Bad kam, aber sobald er aufblickte, ließ er sein Handy auf die Küchentheke fallen und rannte auf den Omega zu.

Er hatte gewusst, dass die neuen Kleider und das Make-up Rorys Zustand nur maskierten. Er hatte es gewusst.

Er hatte Rory in natura gesehen, bevor er zum Schminken entführt worden war.

Der Kontrast bei Rorys Aussehen nach ein paar weiteren Stunden Stress und Erschöpfung war einfach nur schockierend. Er sah verhungert aus, seine Haut war so blass, dass sie fast grau war, von dem kränklichen Gelbstich einmal abgesehen. Er hatte sowohl das Halstuch als auch das neue Hemd ausgezogen, sodass seine unverheilten Verbrennungen zu sehen waren. Seine linke Hand drückte er gegen seinen Bauch, der unter dem dünnen T-Shirt, das er trug, konkav war. Beau konnte fast seine Rippen zählen und unterdrückte das Verlangen, seine Leber abzutasten.

„Komm, leg dich hin“, sagte Beau und legte einen Arm um Rory. „Ich habe Essen bestellt, du kannst dich ausruhen, bis es hier ist. Okay?“

Rory nickte müde und murmelte: „Wasser?“

„Ja, natürlich.“ Beau manövrierte ihn zum Bett und legte ihn hin. Er konnte beinahe das erfreute, besitzergreifende Knurren seines Wolfes spüren, als Rory sich mitten in das Gewirr aus Kissen und Decken schmiegte, die alle Beaus Geruch trugen. Er zog eine Decke hoch und ging, um eine Wasserflasche zu füllen, damit sich Rory zum Trinken nicht aufsetzen musste, und brachte den weichen Winterschal mit, den Rory normalerweise um den Hals trug.

Rory schien bereits zu schlafen, als Beau zu ihm zurückkam, wachte aber so weit auf, dass er ein paar Schlucke trank, nachdem Beau ihm das Mundstück an die Lippen setzte. Als Beau ihm den Schal um den Hals legte, lächelte er schwach, doch seine Augen öffneten sich nicht.

Beau setzte sich an das Fußende des Bettes und beobachtete ihn, bis das Essen kam, lauschte dem leicht unregelmäßigen Herzschlag und überlegte, was zum Teufel er tun sollte, wenn er sich weiter verlangsamte.

Aber das würde er nicht. Bestimmt würde er nicht noch langsamer werden.

Sobald Rory die Beruhigungsmittel nicht mehr brauchte, würde er wieder auf die Beine kommen. Er musste einfach. Er war hier, lebendig, und schlief in Beaus Bett. Beau konnte nicht zu spät gekommen sein.

Kapitel 8

Rorys Welt verwandelte sich in eine Reihe vager, verwirrter Wachphasen, die nur teilweise durch die leere Schwere des Schlafes drangen.

Der Geruch seines Alphas war allgegenwärtig, selbst wenn er von etwas Schärferem durchbrochen wurde. Hühnchen und Zwiebeln und Karotten; Ingwer; Pfefferminze. Sein Alpha summte und murmelte, hielt ihm einen Löffel oder eine Tasse an die Lippen, einen Arm dabei um Rorys Schultern geschlungen, und er tat sein Bestes, um zu befolgen, um was sein Alpha ihn bat, nur damit er bleiben konnte.

Er wollte einfach nur hierbleiben.

Einmal träumte er, dass er aufwachte, ins Bad taumelte, das nicht dort war, wo es sein sollte, um eine gefühlte Ewigkeit zu pinkeln. Nachdem er herausgetorkelt war, trank er etwas Wasser und sah sich nach seinen Sachen um, schnüffelte nach dem herben Medizingeruch seiner Beruhigungsmittel. Er fand seine Tasche, der ein Hauch von Geruch entströmte, aber die Flasche war nicht da. Er musste sie finden, er musste.

Sein Alpha war da, hielt ihn, brachte ihn zurück zum Bett und beruhigte ihn, als er versuchte, ihm zu entwischen. Rory wollte ihn nicht verärgern, aber er musste dafür sorgen, dass er verstand.

„Ich brauche es, ich brauche meine … meine Medizin“, beharrte Roland und kämpfte gegen den Griff seines Alphas an. „Ich brauche sie, ich muss, damit ich nach Hause gehen kann, ich will nur nach Hause. Bitte, ich kann normal sein, wenn ich sie habe, ich will nur nach Hause.“

Er weinte, und der Traum war eine gedämpfte Mischung aus Furcht und Ärger. Er wusste bereits, dass es zu spät war, und dennoch spürte er das rasende Bedürfnis, es in Ordnung zu bringen. Sich in Ordnung zu bringen.

„Du bist zu Hause, Rory“, sagte sein Alpha, hielt ihn fester. „Du bist normal, Baby, du fühlst dich gerade nur nicht gut. Du brauchst einfach noch mehr Ruhe. Aber du bist wirklich zu Hause. Du bist hier sicher, ich verspreche es.“

„Ich will meine … meine …“ Medizin, das war das Wort, aber es wollte ihm nicht über die Lippen kommen, und er konnte sich nicht bewegen, und er konnte nicht denken. Der Traum versank bereits im Nebel und wurde vage.

„Ich will meinen Dad“, flüsterte er, oder vielleicht auch Mom, oder vielleicht sagte er auch einfach Ich will nach Hause.

„Ich hab dich“, murmelte sein Alpha, schaukelte ihn wie ein Kind. „Ich habe dich, Rory, du bist schon zu Hause. Schließ einfach deine Augen. Mach die Augen zu, Baby, du musst dich ausruhen.“

Rory krallte seine Finger in das Hemd seines Alphas, damit er Rory nicht wegschicken konnte. Der Traum verschwand in einem weiteren dunklen, ereignislosen Abschnitt von Schlaf.

***

Er erwachte in der Dunkelheit und wusste, dass er wach war. Er konnte seinen eigenen sauren Schweiß riechen und dachte daran, ihn abzuduschen, aber sobald er sich bewegte, atmete er den Geruch seines Alphas ein – Beau, sein Ehemann, wenn das alles nicht nur ein teilweise sehr lebhafter Traum gewesen war.

Beau roch ungewaschen und erschöpft, und Rory tastete sich in Richtung des leisen Geräusches seines Atems und fand ihn. Beau lehnte gegen die Seite des Bettes und döste, seinen Kopf dabei gegen die Matratze gelehnt.

Sein Alpha saß mitten in der Nacht auf dem Boden und überließ Rory das Bett.

Sobald Rorys forschende Finger durch sein dunkles Haar strichen, hob Beau den Kopf. Seine Stimme war klar und bestimmt, seine Augen vollständig geöffnet. „Was brauchst du? Hast du Hunger?“

Tatsächlich hatte Rory ein klein wenig Hunger, was ein seltsames Gefühl war, aber noch lieber als etwas zu essen würde er gern etwas anderes als sich selbst in diesem großen, sauberen Bett riechen.

Er versuchte zu sprechen und hustete, und auf der Stelle kniete Beau sich hin und bot ihm eine Flasche Wasser an. Rory trank genug, um seine Kehle zu befeuchten, dann gab er sie an Beau zurück. „Komm einfach ins Bett, das ist alles.“

„Nein, hey, du musst nicht …“

„Nicht zum Ficken“, schnitt Rory ihm das Wort ab. „Lege dich nur zum Schlafen hin. Du hast vorhin nicht geschlafen.“ Er zuckte zusammen, als die Worte aus seinem Mund purzelten. Es war unhöflich, einem Fremden zu sagen, was er an seinem Geruch erkennen konnte. Jeder andere Alpha, mit dem er zusammen gewesen war, hätte ihn wahrscheinlich dafür geschlagen, weil er es gewagt hatte, ihnen zu sagen, was sie brauchten. Oder dass sie nicht ficken würden.

Aber Beau hatte neben dem Bett gesessen und darauf gewartet, ob er etwas brauchte. Rory wagte es, nach ihm zu greifen und leicht am Saum seines Hemdes zu ziehen. „Bitte?“

„Du brauchst nicht bitte sagen“, murmelte Beau, was definitiv nicht die Art war, wie er diesen Satz zuvor beenden wollte.

„Okay, ich werde … wenn das so ist …“ Rory zog wieder an dem Hemd, da Beau nicht wollte, dass er bitte sagte.

Beau sagte: „Ich werde fester schlafen, wenn ich mich hinlege, aber weck mich auf, wenn du etwas brauchst, okay? Irgendetwas.“

Rory nickte und zog erneut an dem Hemd. Beau seufzte, kletterte auf das Bett und krabbelte über Rory, um sich auf den Platz an der Wand zu legen. Er zog keine Show ab, dass er ihn vor dem Platz an der Tür beschützen wollte. Er engte ihn nicht ein. Beau berührte ihn nicht, sah ihn nicht einmal an, sondern rollte sich mit dem Gesicht zur Wand und schnappte sich eine Ecke des Kissens und eine halbe verhedderte Decke.

„Okay?“, murmelte Beau. Sein Herzschlag verlangsamte sich, sein Geruch wurde durch den nahen Schlaf wärmer und seine Worte undeutlicher.

„Okay“, flüsterte Rory und drehte sich zu dem breiten Rücken seines Alphas um.

Als er sicher war, dass Beau schlief, rutschte Rory näher und noch ein bisschen näher, bis er seine Stirn an Beaus Wirbelsäule legen konnte. Er atmete den Geruch seines Alphas ein, aalte sich in seiner Wärme und schlief innerhalb einer Minute ein.

***

Rory erwachte bei dem Geruch von Haferflocken und fragte sich ein paar Minuten verschlafen, ob er heute zur Schule gehen musste oder ob er vielleicht krank zu Hause bleiben könnte oder ob es überhaupt ein Schultag war. Juni, war es nicht Juni? Der Winkel des Morgenlichts gegen seine Lider, die künstliche Kühle des Zimmers …

Rory drehte sein Gesicht zum Kissen und der Geruch weckte seine Erinnerung. Für einen Moment blieb er vollkommen still, dann zeigte er seine beste Imitation einer Drehung im Halbschlaf im Bett, wobei er sich so umdrehte, dass sich sein Gesicht dem Geruch von Haferflocken und dem Geräusch des Herzschlags eines anderen Werwolfs zuwandte.

Beau, sein Alpha, sein Ehemann. Beau, bald Arzt für Menschen, der ihm gesagt hatte, dass seine Beruhigungsmittel Gift seien und ihn davon überzeugt hatte, sie aufzugeben. Er erinnerte sich verschwommen an einen wirren Traum, in dem er Beau oder seine Mutter oder … jemand anderen … um die Beruhigungsmittel bat, damit er nach Hause gehen konnte. Damit er wieder zur Schule gehen konnte, ins Haus seiner Eltern und an einem kühlen Morgen Haferflocken essen.

Rory öffnete ein Auge und musterte Beau, der eine Pyjamahose und ein weiches, verblasstes marineblaues T-Shirt mit einer Art Logo, vielleicht in Kreuzform, auf der Brust trug. Feuerwehr?

Rorys Magen knurrte hörbar. Beau sah zu ihm herüber und begegnete seinem halb versteckten Blick.

Beau lächelte nur. „Hungrig?“

Rory nickte gegen das Kissen und drückte sich in die Höhe, umklammerte die Laken, als ihm schwindelig wurde. „Wie lange habe ich …“

„Drei Tage“, antwortete Beau lässig. „Wenn du dich erst waschen möchtest, mach das ruhig, das hier braucht noch ein paar Minuten.“

Rory nickte vorsichtig, als der Schwindel verblasste. Er stemmte sich behutsam auf die Füße und überprüfte sich dabei auf irgendeinen neuen oder unterschiedlichen oder schlimmeren Schmerz.

Er fühlte sich von Kopf bis Fuß wund und krank, aber das war bei ihm jetzt schon eine lange Zeit so. Sein Magen schmerzte leicht, aber er dachte, das sei Hunger und nichts weiter. Sein Mund schmeckte, als hätte er sich die Zähne nicht geputzt oder eine Weile nichts getrunken, aber er schmeckte nicht nach Krankheit oder etwas Schlimmerem.

Sein Arsch tat nicht weh, und tiefer in seinem Bauch auch nichts. Er trug seinen eigenen Pyjama aus dem Asyl, Flanellhosen und ein langärmeliges Shirt. Beides fühlte sich an und roch, als hätte er es bereits mindestens drei Tage an, aber es war kein Geruch nach Sex daran, nur Schweiß und Krankheit. Er hatte nicht das kriechende, dunkle Gefühl, das ihn in den letzten Jahren so oft in den Wachzustand zurückgebracht hatte – die Erkenntnis, dass irgendetwas Schlimmes passiert war, an das er sich nicht mehr erinnern konnte.

Er streckte sich vorsichtig, dann ausgiebig. Seine Wirbelsäule knackte und er stöhnte über die seltsame Erleichterung bei dieser Empfindung. Sofort darauf spürte er eine Bewegung und erstarrte, seine Augen blitzten auf, als Beau mitten im Schritt erstarrte, eine Hand ausgestreckt, die Augen weit aufgerissen.

Er musste denken, das sei ein Schmerzenslaut gewesen, erkannte Rory. Und jetzt wusste er, dass es eindeutig nicht so war.

Rory stand einen Moment einfach nur da, die Arme immer noch ausgestreckt, und dann lächelte Beau ihn ein wenig verlegen an und sagte: „Entschuldigung, alles okay. Sagst du Bescheid, wenn du etwas brauchst?“

Rory nickte, Beaus Stimme hallte in seinen Ohren wider. Weck mich auf, wenn du etwas brauchst. Beau hatte neben ihm geschlafen … letzte Nacht? Irgendwann.

Verspätet ließ er die Hände an seine Seiten sinken und ging Richtung Bad, wobei er unterwegs seine Tasche aufhob. Sobald er mit seinem eigenen Geruch alleine war, brauchte er nicht lange, um zu beschließen, dass er unbedingt eine richtige Dusche brauchte. Er beeilte sich, so gut er konnte, nicht nur, weil Beau auf ihn wartete, sondern weil ihm in der dampfenden Hitze einer Dusche schwindelig werden würde, wenn er zu lange brauchte. Die meiste Zeit über musste er eine Hand gegen die Duschwand halten, aber er wusch sich, sein eigener, kranker Gestank wurde durch den sauberen Duft von Beaus Seife ersetzt. Halb war er versucht, sich Beaus Shampoo über die Kopfhaut zu reiben, nur um das Duftprofil zu vervollständigen, aber dann würde Beau wissen, dass er sein nicht vorhandenes Haar schamponiert hatte. Stattdessen schnupperte er nur an der Flasche, ehe er das Wasser abstellte.

Er trocknete sich ab und erst da realisierte er, dass das heiße Wasser an seinem Nacken nicht annähernd so gebrannt hatte, wie er es gewohnt war. Er tastete mit den Fingern nach den Verbrennungen und zuckte zusammen, als er feststellte, dass sie nach wie vor mächtig schmerzten, wenn er sie anfasste. Dann trocknete er sich weiter ab und mied wie üblich seinen eigenen Anblick im Spiegel. Eigentlich war er durchaus neugierig zu sehen, ob sich die Verbrennungen besserten, aber er wollte sich dem Rest nicht stellen. Nicht jetzt, da Beau draußen auf ihn wartete.

Er holte saubere Boxershorts und ein langärmeliges T-Shirt aus seiner Tasche mit seinen Besitztümern, die die Hälfte der winzigen Badezimmerablage einnahm. Er nahm sie wieder mit nach draußen, als er das kleine Bad verließ, unsicher, was er sonst noch anziehen sollte. Die schöne Hose von seinem Hochzeitstag, die er nirgendwo im Badezimmer gesehen hatte? Die durchgeschwitzte Schlafhose, die er gerade ausgezogen hatte?

Als er aus dem Bad kam, wanderten seine Augen zuerst zum Herd; der Topf mit Haferflocken stand da und dampfte noch, obwohl er sich jetzt auf einer kalten Herdplatte befand. Als Nächstes suchte Rory nach Beau: Er war halb versteckt hinter Pappkartons und kramte in einem Müllsack, der nicht nach Müll roch. Mit einem Lächeln sah er auf, als Rory einen zögerlichen Schritt auf ihn zu machte. „Hey, ich habe nur geschaut … ich dachte, das könnte dir passen. Ich hatte diesen irren Wachstumsschub, gleich nachdem ich hier eingezogen war, also hatte ich nie die Chance, sie aufzutragen, aber sie rochen immer noch so vertraut und Chicago nicht, also habe ich sie behalten.“ Beau stand auf und hatte zwei zusammengefaltete Jeans in dunkler Waschung in der Hand. Er legte sie auf einen Karton, schüttelte ein Paar aus und hielt sie in Rorys Richtung. „Vielleicht ein bisschen lang, aber ich war verdammt dünn, also werden sie wohl nicht rutschen? Obwohl, ich meine, wir können dir auch neue Sachen kaufen“, korrigierte Beau, senkte die Jeans und wirkte unsicher, als Rory schwieg und verblüfft erstarrte. „Ich hasse es einfach, neue Sachen zu kaufen, vor allem ist es zu anstrengend, sie nach Zuhause riechen zu lassen. Und hoffentlich wirst du genug an Gewicht zunehmen, wenn es dir besser geht, dass du dir einfach alles neu kaufen musst, also dachte ich, es wäre einfacher …“

Rory gelang es schließlich, ruckartig zu nicken. „Ja, das, ich werde …“

Er stellte die Tasche mit seinen Sachen in der Mitte des Raumes ab und streckte die Hand aus, und Beau kam die zwei Schritte auf ihn zu, um ihm die Hose zu geben.

Sie fühlte sich weich in seiner Hand an – reine Baumwolle, das wusste er bei der ersten Berührung, festes, gut gefärbtes Denimgewebe. Keine Marke, kein Label, nur ein kleines Zeichen in Rot und Gelb war in der hinteren Mitte des Bundes eingestickt, und ein weißes an der rechten Hüfte. Gute Wünsche, traditionelle Talismane.

Die Hose war für Beau handgemacht worden. Von seinem Rudel gemacht. Natürlich hatte er sie behalten, als er an den fremden Ort kam – aber jetzt bot er sie Rory an.

Er schluckte hart, erinnerte sich an den letzten vorhandenen Sweater, den ihm seine Mutter gegeben hatte. Zuletzt war er zu klein gewesen und so aufgetragen, dass er beinahe durchsichtig war, und zum Schluss hatte er ein Loch gehabt, das sich nicht mehr flicken ließ. Doch auch wenn er ihn nicht mehr tragen konnte, hatte er ihn aufgehoben, so lange er konnte, gut verstaut in einem Schubfach. Eines Tages war er einfach weg gewesen, und Martin hatte gesagt, er hätte nach Abfall ausgesehen, also hatte er ihn weggeworfen. Er konnte seinen Omega schließlich nicht in Lumpen herumlaufen lassen, oder? Und dann hatte Roland dankbar zu sein gehabt, obwohl er viel lieber über den Verlust geweint hätte, und dankbar zu sein bedeutete nur eines.

Bei dieser Erinnerung fühlte sich Rory leicht krank, seine Haut kribbelte; er zuckte zurück, als sich Beaus Hand zu seinem Ellbogen hin bewegte, um sich darauf zu legen, und Beau zog die Hand weg.

„Ich werde nur …“ Rory packte seine Einkaufstasche, hastete ins Bad und schloss die Tür entschlossen hinter sich.

Er setzte sich auf den Toilettendeckel und knickte in der Mitte ein, als er versuchte, sein Gleichgewicht zu finden. Als er wieder bei Atem war, konnte er nicht aufhören zu denken: Blöd, saublöd, was machst du denn?

Warum hatte er seine Sachen wieder hier hereingebracht? Warum versteckte er sich hier drinnen? Er hätte sich auch auf das Bett setzen können oder auf einen Stuhl am Tisch, falls er schon nicht aushielt, dass Beau ihn stützte, wenn er sich eine Hose anzog.

Er setzte sich so gerade hin, um die Jeans auszuschütteln, die sauber und wie Beaus Apartment roch. Es gab ein paar dünnere Stellen an den Säumen und den Knien, ansonsten war sie jedoch in hervorragendem Zustand, viel hübscher als alles in den Spendenboxen, in denen Rory auf der Suche nach Kleidung gegraben hatte. Und sie roch nicht nach einem Fremden oder aggressivem Waschmittel oder dem seltsamen Nichtgeruch starker Geruchsneutralisierer. Sie duftete, als gehörte sie Beau – genau wie Rory.

Er stand auf und zog sie an. Sie schlackerte über seine Füße, aber sie hing ihm nur leicht lose an der Hüfte und fühlte sich so weich und bequem an wie alles, was er angehabt hatte und an das er sich erinnern konnte. Er zog sein T-Shirt nach unten, um zu verstecken, dass sie doch zu weit war, griff nach seiner Tasche und kam wieder aus dem Bad. Vorsichtig lächelte er in Beaus Richtung.

Beau grinste sofort. Inzwischen saß er am Tisch und füllte zwei Schalen mit Haferflocken. Auf dem Tisch standen brauner Zucker und ein Honigtopf in Bärenform sowie Ahornsirup, eine Plastiktüte mit Walnüssen, ein Glasstreuer mit Zimt und eine Packung Sojamilch.

„Sieht gut aus“, sagte Beau. „Wir können sie kürzen, es gibt eine Näherei ein paar Blocks weiter unten, die schnell arbeiten.“

„Oh nein, ich kann doch einfach …“ Rory stellte seine Einkaufstasche wieder ab und schlurfte zum Tisch. Er wollte seine Füße nicht richtig heben, um nicht zu stolpern.

„Na, dann lass sie mich für dich umschlagen“, meinte Beau und winkte Rory auf einen der beiden Stühle. Er setzte sich, beäugte die Schale Haferflocken, die für ihn hingestellt worden war, und dann kniete sich Beau neben seine Füße und schlug rasch die Säume der Jeans um.

„Wir könnten dir vielleicht Hosenträger besorgen“, schlug Beau vor und lächelte zu ihm auf. „Das würde das Ganze ziemlich hip machen, hm? Und vielleicht Flanellhemden?“

Rory wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er konnte sich nicht genau als Person vorstellen, von der plausibel behauptet werden konnte, ein Hipster zu sein, sondern viel eher schlecht sitzende Kleidung zu tragen, weil er obdachlos war, aber er wollte Beau nicht widersprechen oder riskieren, diese fröhliche, freundliche Stimmung zu vermiesen.

Beau schien sowieso keine Antwort zu erwarten. Er kehrte zu seinem Platz zurück und sagte: „Ich hoffe, dir machen die Haferflocken nichts aus? Ich dachte, die wären für deinen Magen nicht zu schwer. Das ist Sojamilch, weil ich nicht – hast du irgendwelche Allergien? Ich hätte das früher fragen sollen.“

Rory öffnete und schloss den Mund ein paar Mal und sagte dann: „Mein Mund und meine Ohren fühlen sich komisch an, wenn ich Bananen esse.“

„Oh, das“, Beau wedelte mit dem Finger vage zu Rory, aber er schien mit der Geste nicht schimpfen zu wollen. Seine Augen waren auf die Haferflocken gerichtet, während er einen Löffel braunen Zucker und Walnüsse darüber streute. „Ich habe von solchen Allergien gehört. Das kommt von einem Protein, auf das dein Körper reagiert, keine echte Lebensmittelempfindlichkeit.“

Rory biss sich auf die Lippe und verteilte über seinen Haferflocken ebenfalls einen Löffel braunen Zucker, dann ein paar Walnüsse, die er nacheinander hineinlegte. „Das mit deinen Ohren kommt von den Eustachischen Drüsen“, fügte Beau an. „Sie verlaufen bis in den Hals, wo sie gereizt werden können. Fühlt sich das vielleicht irgendwie kratzig an? Wie auch immer – keine Bananen, ich habe verstanden.“

Rory blickte auf, während er den Zucker in die Haferflocken rührte und versuchte, die Walnüsse gleichmäßig zu verteilen. Beau schob sich gerade einen großen Löffel voll Haferflocken in den Mund. „Aber … du sagtest, es ist keine echte Allergie.“

Beau zuckte kauend die Schultern. Er nickte zu Rorys Schale und schob ihm die Tüte mit den Walnüssen zu. Rory streute noch ein paar über sein Essen, rührte um und probierte vorsichtig.

„Ich meine, wenn du sie so sehr magst, verspreche ich dir, dich aus sicherer Entfernung mit einem EpiPen zu überwachen“, sagte Beau. „Aber irgendwie hat es sich angehört, als wäre es nicht unbedingt lustig, sie zu essen, wenn sie deinen Mund zum Jucken bringen.“

„Sie, ähm“, Rory starrte in seine Haferflocken und zuckte steif mit den Schultern. „Sie … manchmal will ich einfach Obst, verstehst du?“

„Ja, das ist ein Vitamindefizit – oh, hey, ich habe Vitamine.“ Beau ging und holte eine strahlend bunte Flasche vom Schrank und zeigte sie Rory, während er sich wieder setzte. Rory konnte Fred Feuerstein auf dem Etikett erkennen, wenn auch nicht die Worte, die drum herum standen, aber es war klar, dass das für Kinder gedacht war.

Beau öffnete die Flasche, schüttelte zwei Tabletten heraus und warf sie sich in den Mund. „Willst du? Zwei für Erwachsene, und sie haben eine ‚Lycane Formel‘, deshalb schmecken sie nicht allzu scheußlich und behaupten, wenigstens eine recht gute Nahrungsergänzung für uns zu sein.“

„Sie behaupten es?“ Rory streckte die Hand aus. Beau hatte sie genommen, und es waren Feuerstein-Vitamine. Was konnte es also schaden? Beau schüttelte zwei Vitaminpillen in Rorys Hand – nicht die kleinen, harten Tabletten, die er erwartet hatte, sondern weiche Gummidinger.

Er kaute darauf herum, und Beau hatte recht, sie schmeckten nicht allzu übel, nicht wie … er verjagte diesen Gedanken. Gerade jetzt musste er sich nicht an diese Dinge erinnern. Er musste auf seinen Alpha hören.

„Mm, also, Vitamine“, sagte Beau und machte mit einer Hand eine wippende Geste. „Bei ihnen ist das anders geregelt als bei richtigen Medikamenten, deshalb lässt sich schwer sagen, was tatsächlich drin ist, sie werden nicht mal auf besondere Wirksamkeit geprüft. Aber ein Präparat wie das hier richtet wohl kaum Schaden an und hilft vielleicht sogar, wenn du in letzter Zeit wenig Obst und Gemüse gegessen hast. Magst du Orangen? Beeren?“

Rory war ein wenig schwindelig über den unerwarteten Verlauf, den diese Unterhaltung genommen hatte. Schließlich sagte er: „Orangen, ja. Beeren … sind so teuer.“

Bananen waren billig, weswegen er sie aß, obwohl er sich ab und zu schon gefragt hatte, ob seine Kehle danach eines Tages nicht einfach zuschwellen würde. Und Bananen schmeckten immer ziemlich genau nach Banane.

„Yeah, und die Beeren, die man in den normalen Lebensmittelläden bekommt, sind Müll, zumindest elf Monate im Jahr“, stimmte Beau abwesend zu, auch wenn Rory das nie zu sagen gewagt hätte. „Wir können schauen, ob wir Bessere bekommen – dieses Wochenende ist Bauernmarkt oder so was. Wenn wir nach Rochester kommen, gibt es vielleicht ein ‚Pflück es dir selbst‘-Gebiet. Ich muss nachsehen, ob es in der Nähe eventuell einen Gemeinschaftsgarten gibt, aber ich weiß nicht, ob man mitten in der Saison beitreten kann.“

„Oh“, machte Rory schwach. Das alles klang nach mehr Mühe, als er von irgendwem erwarten würde, nur um ein paar Himbeeren zu bekommen, die es wert waren, gegessen zu werden, aber … Beau würde Arzt werden. Ärzte hatten üblicherweise gute Sachen. Erwartete Beau, dass Rory lokale Produkte einkaufte? Für ihn kochte? Sich um ein schickes Haus wie aus einem Magazin kümmerte?

Beau hatte für ihn gekocht. Rory hatte drei Tage geschlafen und Beau hatte sich um ihn gekümmert, als er nutzlos, hilflos war.

Rory schob sich hastig einen weiteren Löffel voll Haferflocken in den Mund, und nachdem er geschluckt hatte, sagte er: „Danke für das Frühstück. Es ist sehr gut.“

Beau lächelte. „Es ist schwer, Haferflocken zu vermasseln. Ich meine, ich schätze, ich hätte sie leichter anbrennen lassen können als Suppe vom Lieferservice, aber ich dachte, ich sollte eine Grenze ziehen und dich nicht neun Mal hintereinander mit Suppe füttern.“

Rory leckte sich über die Lippen, die Erinnerung des Geschmacks kam in ihm auf – salzige, fettige Brühe und leckere Karotten. „Hühnersuppe mit Nudeln?“

Beau grinste. „Ich hatte das Gefühl, du wärst manchmal wach gewesen. Ja, ziemlich gutes Zeug.“

Rory sah auf seine Haferflocken hinab und nahm noch einen kleinen Bissen. Er war immer noch hungrig, aber auch … alles andere.

„Danke“, sagte er wieder leise. „Ich kümmere mich um den Abwasch.“

„Okay“, erwiderte Beau, ohne den kleinsten Hinweis darauf, ob das die richtige Antwort war oder ob es überhaupt eine richtige Antwort gab. „Wenn du dich dafür fit genug fühlst. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Ich bin es gewöhnt, mich um mich selbst zu kümmern, und zwei brauchen nicht viel mehr Geschirr als einer.“

„Ich würde aber gern“, sagte Rory mit dünner Stimme. Am anderen Ende des Tisches nickte Beau nur, als wäre das alles, was man dazu machen konnte. Beau nahm sich noch mehr Haferflocken, diesmal mit einem Schuss Sojamilch, Honig und Zimt. Rory dagegen schob sich immer kleinere Bissen in den Mund.

Er war hungrig, oder war es gewesen, und Beau hatte das hier für ihn gemacht, es ihm serviert, ihm die guten Dinge hingestellt, die er hinzufügen konnte, doch sein Magen schmerzte und er begann die ganze Wirbelsäule hinab zu schwitzen, während er mit jedem Bissen kämpfte. Seine Schale war nicht mal annähernd leer.

„Rory?“

Rory sah scharf auf und war sich sicher, dass die Dinge nun doch so laufen würden, wie er befürchtete.

„Vielleicht habe ich dir mehr gegeben, als du derzeit bereit bist anzunehmen“, sagte Beau sanft. „Du hast während der letzten drei Tage kaum feste Nahrung zu dir genommen, dein Magen kommt wahrscheinlich mit einer großen Schüssel Haferflocken noch nicht klar. Es ist in Ordnung, wenn du nicht aufessen kannst oder willst.“

Rory zog den Kopf ein, seine Augen prickelten vor Dankbarkeit und Verwirrung, die tiefer ging als das Schwindelgefühl. Beau blieb weiterhin nett und Rory war zwischen Ärger auf sich selbst, weil er vergessen hatte, dass Beau ein guter Kerl war, und der Unfähigkeit zu glauben, dass irgendein Alpha wirklich nett sein konnte, hin und her gerissen.

„Wirf es ruhig weg, wenn du willst“, sagte Beau, und Rory hielt den Atem am, um über den freundlichen Ton nicht anzufangen zu weinen. „Haferflocken sind billig, es ist eine Menge da. Wir können noch welche machen. Du kannst es mit ihnen – oder etwas anderem – später noch einmal probieren.“

Rory nickte und nutzte die Gelegenheit, um sich abzuwenden. Er stand vorsichtig vom Tisch auf, um nicht wieder dieses Schwindelgefühl zu bekommen, aber sein Kopf blieb klar. Es waren nur ein paar Schritte bis zur Spüle und ein kurzer forschender Blick ergab, dass es einen Müllzerkleinerer gab, sodass er die Haferflocken in den Abfluss spülen konnte, anstatt sie in den Mülleimer zu werfen, wo der Geruch bleiben und ihn an seinen Misserfolg mit dem Essen erinnern würde.

Anstatt sie in den Kühlschrank zu stellen und sich immer wieder zum Essen zu zwingen, während sie mit jedem Mal weniger appetitlich, aber nicht verschwendet wurden.

Er kratzte die Schüssel sauber, ließ den Zerkleinerer laufen, dann schrubbte er seine Schale und den Löffel sauber.

Während er das tat, kam Beau zurück und löffelte die letzten Haferflocken aus dem Topf in seine eigene Schüssel, anschließend stellte er den Topf und den Holzlöffel in die Spüle. Rory bedankte sich murmelnd und wusch auch dieses Geschirr ab.

Er versuchte, den Schmerz in seinen Händen und Armen während der Arbeit zu ignorieren, und stützte dazu die Ellbogen gegen den Rand des Waschbeckens. Er beugte sich tiefer und tiefer und versank in den Versuch, jeden noch so kleinen Haferflockenrest aus dem Topf zu waschen, dann spülte er jede Spur von Seife ab, und dann …

Dann lag Beaus Arm um ihn herum, der tropfende Topf wurde ihm aus der Hand genommen und auf die Theke gestellt. Beau sagte: „Lass mir auch noch etwas zu tun übrig, Baby. Ich werde es abtrocknen, und du setzt dich eine Minute hin.“

Rory nickte – er würde den Teufel tun und ‚Nein‘ zu seinem Alpha sagen. Er drehte sich um, um sich auf einen Stuhl am Tisch zu setzen, doch Beau dirigierte ihn entschlossen zurück ins Bett. Er wimmerte leise in Beaus Griff, zwar wehrte er sich nicht, doch ihm gefiel die Idee trotzdem nicht. Aus den Laken konnte er seinen eigenen kranken Geruch aufsteigen riechen.

„Okay“, sagte Beau. „Hier, setz dich einfach eine Minute hin.“

Rorys Beine streckten sich unter ihm aus, er saß am Fußende des Bettes, die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht in den Händen verborgen.

Er spürte und hörte Beau sich um ihn herumbewegen, doch er konnte nichts anderes riechen als die Schärfe des Spülmittels an seinen Händen. Dann berührte Beau seine Schulter, drückte ihn nach hinten, bis er auf dem Bett lag. Rory war zu müde, um dagegen anzukämpfen.

Seine Augen gingen auf, als seine Wange das Kissen mit einem frischen, kühlen Bezug berührte, der nach Beau und Waschmittel roch und nur einen Hauch von seinem Geruch trug. Er sah zu, wie Beau seine Beine auf einem frischen Laken richtete, das alte wegzog und aus dem Weg warf, und das neue unter der Matratze feststeckte.

„Hat man dir das im Medizinstudium beigebracht?“

Beau sah zu ihm auf und lächelte leicht. „Nah, aber ich habe ein paar Monate als Pflegehelfer gearbeitet, nachdem ich eine Pause von den Fahrten mit der Ambulanz brauchte.“

Rory runzelte die Stirn und blinzelte zu Beaus Shirt, dem Logo, das er nicht ganz zuordnen konnte. „Ist das …“

Beau kam zu ihm, setzte sich neben ihm auf das Bett und zeichnete mit einem von Rorys Fingern das Zeichen auf seiner Brust nach. „Chicago Fire Department. Während dem College habe ich als Sanitäter gearbeitet, und als ich dann die Prüfungen hatte, als Rettungsassistent.“

Rory ließ seine Augen zufallen und drückte seine Hand gegen Beaus Brust und das weiche, warme T-Shirt. „Ich dachte, das wäre dasselbe.“

„Nein“, entgegnete Beau. Er strich mit der Hand über Rorys kahlen Kopf, und obwohl es sich warm anfühlte, zitterte er. Beau ließ seine Hand in Rorys Nacken liegen. „Ein Rettungsassistent braucht drei Semester mehr und einige Prüfungen. Und dann ein Vorstellungsgespräch, obwohl ich über ein Jahr als Sanitäter bei ihnen gearbeitet hatte.“

Sanitäter, Rettungsassistent, Medizinstudium, Doktor für Menschen. „Du rettest immer Leute, hm?“, murmelte Rory.

„Na, ich versuche es“, erwiderte Beau leise, dann drückte er Rorys Nacken sanft. „Schlaf ein wenig, Baby. Ich wecke dich, wenn es Zeit fürs Mittagessen ist.“

Kapitel 9

Den Rest des Morgens saß Beau nicht neben Rory und starrte ihn an. Er holte ihre Wäsche aus der Reinigung und hängte Rorys Cargohose und sein Button-Down-Hemd neben seinen eigenen Anzügen in den Schrank. Anschließend führte ein sehr höfliches Telefonat mit seinem Makler in Minnesota und füllte dann einige Formulare aus, um sie zu scannen und zurückzusenden. Er erledigte Onlineeinkäufe und markierte viele Dinge, kaufte sie jedoch nicht. Er hatte schon das Haus aussuchen müssen, ohne nach Rorys Meinung zu fragen, da wollte er keine weiteren Entscheidungen für ihn treffen, wenn es auch anders ging. So konnte er nur jeweils vielleicht zehn Minuten von jeder halben Stunde neben ihm sitzen und sein schlafendes Gesicht beobachten.

Er sah schon besser aus: Die richtige Flüssigkeitszufuhr und das Essen, das Beau bisher in ihn hineinbekommen hatte, zeigten Wirkung. Sein Gesicht sah viel weniger hager aus und der gefährliche Anfall von Gelbsucht war kaum noch zu erkennen. Die heftigen Verbrennungen an seinem Hals begannen sich zu verändern, die Blasen verschwanden und das Rot verblasste zu Rosa. Seine Augen waren ebenfalls nicht mehr so farblos, und wann immer er Beau während der Stunde, die er wach gewesen war, angesehen hatte, schien er sich ohne Anstrengung konzentrieren und ihn wirklich sehen zu können.

Beau wusste, dass das – objektiv gesehen – nicht viel war, verglichen mit der Weise, wie Werwölfe normalerweise heilten. Trotzdem war es genug, um ihn sicher sein zu lassen, dass Rory lediglich genug Zeit brauchte, Zeit, Sicherheit und den Verzicht auf die Beruhigungsmittel, um gesund zu werden.

Ihm fiel Rorys herzzerreißendes Flehen, als er das letzte Mal aufgewacht zu sein schien, wieder ein. Ich brauche meine Medizin. Ich kann normal sein. Als Beau ihm das erste Mal erzählt hatte, wie gefährlich die Beruhigungsmittel waren, an dem Tag, als sie sich kennenlernten, hatte er gesagt: Die Hebamme sagte, ich sei zu jung, als meine Mutter danach gefragt hat.

Er war in einem Krankenhaus geboren worden, in einer mittelgroßen Stadt in der Nähe von Milwaukee. Nicht gerade Rudelgebiet – und Beau hatte nie von einem Omega gehört, der in einem Krankenhaus entbunden hatte. Ihre Anatomie war den menschlichen Ärzten zu fremd.

Rorys Mutter war also kein Omega. Aber Rory war einer. Das Einzige, was für Beau in dieser Hinsicht Sinn ergab, war, dass Rory gebissen worden war und sich bei seiner Verwandlung als Omega manifestiert hatte. Das war selten, aber Beau war sich ziemlich sicher, dass er davon schon gehört hatte.

Kein Wunder, dass Rory Beruhigungsmittel wollte; kein Wunder, dass er normal sein wollte. Nach Hause gehen zu einem Leben, zu dem er niemals zurückkehren konnte. Er wollte menschlich sein, ein menschliches Leben leben.

Beau wollte ihm helfen, wenigstens so nahe an die Erfüllung dieses Wunsches heranzukommen, wie er konnte, in welcher Zeit auch immer, bevor Rory beschloss, ihn zu verlassen. Denn wenn Rory kein Omega sein wollte, würde er definitiv nicht mit einem Alpha verheiratet bleiben. Beaus Gegenwart tröstete ihn vielleicht auf einigen widerwilligen, instinktiven Ebenen, aber das konnte nicht sein, was Rory wirklich wollte.

Es war gut, das jetzt schon zu wissen, sagte Beau sich. Er durfte es nur nicht vergessen. Er musste nur dem Drang widerstehen, sich neben ihn zu setzen und zu beobachten, wie das Sonnenlicht über die scharfen Züge von Rorys Gesicht wanderte, sich zu erinnern, dass er heute Morgen mit seinem Omega in den Armen aufgewacht war, der noch süß und friedlich schlief. Für diesen einen Moment hatte er sich Zuhause gefühlt, dass er alles hatte, was er je brauchte. Für diesen einen Moment war er nicht allein.

Das war reiner Instinkt, wiederholte er für sich selbst, und sah sich um, was es noch zu tun gab, während Rory schlief. Für Werwölfe bedeutete Instinkt eine Menge – was aber nicht hieß, dass es jemals genug für jemanden war, der kein Omega sein wollte. Beau musste nur seine eigenen Instinkte unter Kontrolle halten, für Rorys Sicherheit sorgen und ihn gehen lassen, wenn es so weit war.

***

Schlagartig wachte Rory auf, als Beau seinen Namen sagte, stemmte sich auf einen Ellbogen und sah sich um.

Beau versuchte, sein Lächeln nur freundlich zu halten und nicht die Hand nach ihm auszustrecken. „Mittagessen, wie ich sagte. Möchtest du Hühnersuppe? Oder ein Sandwich?“

Rory blinzelte einige Male und fuhr sich schließlich mit der Hand über die Augen. „Ich, äh, Suppe, bitte? Ich kann …“

„Lass dir Zeit“, sagte Beau und ging zum Kühlschrank, um die gekühlte Suppe in einen Kochtopf zu schütten.

Rory stattete dem Bad einen Besuch ab, anschließend setzte er sich auf die Kante eines Stuhls am Küchentisch. Die Suppe musste eigentlich nicht überwacht werden, doch Beau stand am Herd und beobachtete, wie Klumpen erstarrten Fetts in der Brühe schmolzen.

„Als ich ein kleines Kind war“, sagte Rory, dann brach er ab.

Beau starrte weiter in die Suppe, erinnerte sich an die Abstriche, die er früher machen musste, und wie verschieden Rorys Kindheit von seiner eigenen gewesen sein musste. Er gab ein kleines, ermutigendes Geräusch von sich, sah ihn dabei jedoch nicht direkt an, sondern gab ihm den Raum zu entscheiden, ob er reden wollte oder nicht.

Rory zappelte für ein paar Sekunden am Rand von Beaus Sichtfeld herum, dann fuhr er fort. „Als ich sechs oder sieben war, kam ich eines Tages von der Schule heim und fragte meine Mutter, warum wir keine Mikrowelle haben. Jeder hatte eine Mikrowelle, sie waren so schnell. Warum musste sie das Essen auf dem Herd warm machen?“

Beau starrte in die Suppe und bemühte sich, sich seine Verwirrung nicht anmerken zu lassen. Das klang wie …

„Sie versuchte es mir zu erklären, aber ich war stur und schrie, wie unfair das sei, und ich brachte damit auch meine Schwester zum Schreien. Nach einer Weile setzte sie uns beide ins Auto und fuhr mit uns zur Tankstelle. Die hatte eine dieser Mikrowellen für Lebensmittelläden, weißt du?“

Beau zog eine Grimasse und nickte. Er wusste, wie diese Geschichte enden musste, und fragte sich, wie er alles so falsch hatte verstehen können.

„Meine Mutter schaltete sie auf eine Minute und sagte uns, wenn wir beide bei der Mikrowelle stehen bleiben können, ohne die Hände von den Seiten zu nehmen, bis sie fertig ist, können wir direkt zum nächsten Geschäft fahren und eine kaufen.“ Am Rand von Beaus Sichtfeld schüttelte Rory seinen glänzenden Kopf und verzog die Lippen zu einem winzigen Lächeln. „Ich hielt acht Sekunden aus, dann hielt ich mir die Ohren zu. Georgie – sie ist ein Jahr älter als ich und hat immer auf mich aufgepasst – packte meinen Arm und zerrte mich mit ihr nach draußen, meine Mutter war eine halbe Sekunde hinter uns.“

Das spezielle Fingernägel-auf-Schultafel-Kreischen einer Mikrowelle war ebenso ein Gefühl wie ein Geräusch, unhörbar für Menschen, soweit Beau das beurteilen konnte, selbst Hunde schienen sich daran nicht zu stören. Beau hatte mehr als nur einmal bis spät in die Nacht mit Lauren und Adam und den anderen darüber diskutiert, was zur Hölle es tatsächlich war. Das war eine weitere Frage, die irgendwer eines Tages erforschen musste. Können Werwölfe Mikrowellenstrahlung selbst hören oder fühlen, und wenn ja, wie? Um das zu erforschen, müsste man natürlich Werwölfe dazu bringen, sich dem quälenden Geräusch/Gefühl einer Mikrowelle auszusetzen. Aber wahrscheinlich würde es Probleme mit der Ethikkommission geben, noch bevor jemand versuchte, Probanden zu rekrutieren.

„Also du, äh …“ Es war offensichtlich, dass er nicht gebissen worden war, dass seine Mutter und seine Schwester ebenfalls Werwölfe waren. Beau wagte es nicht, in dem Ersten, was Rory freiwillig über seine Vergangenheit erzählt hatte, herumzustochern. „Du bist also nicht in einem Rudel aufgewachsen?“

Rory schüttelte den Kopf. „Ich bin in einem Vorort aufgewachsen. Oder, na ja, Waukesha, das ist eine Art eigene Stadt. Aber ja, mein …“

Beau erinnerte sich an das leise, verlorene Flüstern. Ich will meinen Vater.

„Meine Mutter verließ ihr Rudel, als sie heiratete, und so bekam sie uns alle in einem Krankenhaus“, sagte Rory. „Mein V… ihr Ehemann war menschlich. Meine Schwester und ich sind beide geborene Wölfe, aber unser kleiner Bruder wurde als Mensch geboren.“

Beau konnte nicht anders, als nun doch zu Rory zu sehen. Wenn sein Vater ein Mensch war und seine Mutter kein Omega …

Aber das hatte er nicht gesagt. Er hatte sich korrigiert, als er es beinahe gesagt hätte. Weil der Mann, mit dem er aufgewachsen war, nicht sein Vater sein konnte, biologisch gesehen. Nicht wenn er menschlich und Rory doch ein Omega war.

Rory warf ihm einen Blick zu, nickte langsam, dann senkte er die Augen wieder. „Ich hatte keine Ahnung, bis ich mich mit dreizehn während Vollmondnächten seltsam gefühlt habe. Da waren wir gerade in der Offenbarung. Die Leute fingen an, wirklich zu wissen, dass wir existierten. Ein Kind, das die ersten Hitzen hatte …“

Er hatte seine Familie außer Gefahr bringen müssen, seine Mutter und Schwester, seinen offensichtlichen Nicht-Vater, seinen kleinen Bruder. Alleine unter Menschen leben, die jetzt wussten, dass es Werwölfe gab, in diesen frühen Tagen, als die Vorstellung regierte, dass Werwölfe eine Bedrohung darstellten, die darauf wartete, wie Schläferzellen in Aktion zu treten. Es war nicht einmal definitiv illegal, sie wie Monster zu töten … Sie waren weitaus gefährdeter als ein ganzes Rudel, das zusammenlebte, und Beau wusste ganz genau, wie sehr die Gefahr der Entlarvung die traditionellen Rudel belastet hatte. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Rory der lebende Beweis dafür war, dass seine Mutter ihren Ehemann betrogen haben musste – aufgedeckt mehr als dreizehn Jahre nach dem Vorfall.

„Meine Mutter hat mich fortgeschickt, um mit ihrem Rudel zu leben, in dem sie aufgewachsen war, weit im Norden“, sagte Rory. „Ich, äh … ich war mit der Highschool noch nicht fertig, als ich einen zehn Jahre älteren Alpha kennenlernte, der mir sagte, dass wir wie Menschen in der Stadt leben können, und ich war so ein idiotisches Kind, also …“

Beau sah in den Topf. Die Suppe sprudelte mittlerweile. Er rührte sie um.

„Ich bin in einem großen Rudel aufgewachsen“, erzählte Beau. „Aber … seltsamerweise hat dort niemand meine Ambitionen unterstützt, also bin ich gegangen, sobald ich achtzehn war, bevor man mich verjagte. Ich verließ den Staat, änderte meinen Namen. Seitdem habe ich kein Wort mehr von ihnen gehört.“

Rory starrte ihn an und sah merkwürdig fassungslos aus. „Also bist du … ich meine, offensichtlich willst du jetzt Beau genannt werden, aber ist das …“

Rorys Spitzname aus Kindertagen war wertvoll für ihn, er mochte den Gedanken eindeutig nicht, dass Beau seiner vorenthalten wurde.

Beau schüttelte den Kopf. „Ich wurde immer Beau gerufen, also ist es in Ordnung. Es war ein Spitzname, als ich ein Kind war, abgeleitet vom Mittelteil meines Namens. John Beaumont. Mein Dad war schon Johnny und sein Vater war Jack. Die Alphas des Rudels, solange ich mich erinnern kann. Niemand konnte sich je erinnern, seinen Vater etwas anderes als Alpha zu genannt zu haben, oder Sir. Und so haben sie mich immer Beau genannt. Es machte keinen Unterschied, es zu ändern, außer dass ich ihren Namen losgeworden bin.“

Er hörte, wie Rory seine Hände über die Schenkel der Jeans rieb, die er trug. Beaus Großtante hatte sie für ihn während seines letzten Jahres auf der Highschool gemacht, als er bereits die Entscheidung, das Rudel zu verlassen, gefällt hatte, und im Rudel gerade noch geduldet wurde, weil er sich auf keine Kämpfe einließ und sich bestrafen ließ.

Er hatte diese Jeans behalten, selbst als er noch fünfzehn Zentimeter größer geworden war und sechzig Pfund zugenommen hatte, weil sie nach Zuhause roch, nach Rudel, und die bekannten Schutzzauber eingestickt waren.

Wenn jemand seine Darstellung von Gleichgültigkeit Bullshit nennen konnte, war es Rory, doch Rory schwieg. Er strich nur mit den Händen gegen Beaus, als Beau die Schüssel mit der erhitzten Suppe abstellte.

Als Beau in die Grundschule ging, war er einmal nach Hause gekommen und hatte seine Mutter gefragt, warum es nirgendwo im Rudelgebiet Mikrowellen gab. Er hatte von einem Klassenkameraden davon gehört, und erfahren, dass sie so viel schneller waren. Sie hatte ihm den Grund nicht gezeigt, sie hatte ihm nur gesagt: Manchmal ist es besser, Dinge langsam zu machen.

Jahre später, als er sechzehn war und sie ihm sagten, er solle geduldig sein, um die Dinge sich entfalten zu lassen, hasste er diesen Rat mehr als alles andere, was ihm jemand aus dem Rudel sagte. Aber jetzt, als er am Tisch saß und zusah, wie Rory mit kleinen, vorsichtigen Bissen aß, dachte er, dass seine Mutter vielleicht doch recht gehabt hatte.

***

Nach dem Mittagessen erledigte Rory erneut den Abwasch und schaffte ihn diesmal komplett. Als er fertig war, sah er müde aus, aber triumphierte, und hatte immer noch ein wenig Farbe im Gesicht.

Beau grinste und winkte ihn zurück auf den Stuhl am Tisch. „Hier, ich habe etwas für dich. Ich wollte dir das schon früher geben, aber du bist ziemlich heftig zusammengebrochen.“

Rorys Herz legte einen Spurt ein, seine Haltung richtete sich auf, und ein eifriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, trotzdem gab es noch etwas in ihm, das auf Ärger gefasst war.

Beau machte sich ein geistiges Bild von dem, was Rory nicht über die fehlenden Jahre zwischen Highschool und jetzt erzählt hatte, diesen älteren Alpha, der ihn von den Füßen und direkt in eine Abwärtsspirale gerissen hatte.

Geschenke konnten gefährlich sein. Beau war sehr froh, dass er es nicht eingewickelt oder sogar zurück in die Schachtel gelegt hatte.

Er zog den Stecker aus dem neuen Telefon, das größte, das noch ein Telefon und kein Tablet war, der Bildschirmzoom war bereits voll hochgedreht und alle Eingabehilfen aktiviert, und brachte es ihm, ohne darum einen Wirbel zu machen. „Ich wusste nicht, welche Art Hülle dir gefällt – meine sind immer ziemlich langweilig – aber wir können jederzeit eine besorgen.“

Er legte das bereits geladene Telefon in Rorys Hände.

Rory blinzelte es einen Moment an und sagte dann: „Das ist. Danke, ich … ich werde …“

„Hey, kein Grund, mir zu danken.“ Beau ging in die Hocke, um in Rorys Gesicht aufsehen zu können und ihn nicht zu überragen. „Und wenn du den Bildschirm immer noch nicht gut lesen kannst, kannst du die Sprachbefehle verwenden oder ich kann …“

Rory wischte bereits vorsichtig über den Screen und Beau hielt den Mund und ließ ihn einfach machen. Er hielt bei einem Bildschirm mit nur zwei Icons darauf an, die jeweils fast ein Sechstel des Screens einnahmen.

„Das ist Susan“, sagte Rory, nachdem er eine Sekunde lang auf den Bildschirm gestarrt hatte. „Und das bist du.“

„Ja.“ Beau holte sein eigenes Handy heraus und wedelte damit herum. „Ich habe jedes Mal ein Beweisfoto geschickt, dass du noch lebst, wenn Susan eines wollte. Aber jetzt kannst du das übernehmen, wenn du dazu bereit bist. Sie möchte wirklich mit dir reden und sicherstellen, dass alles in Ordnung ist. Ich kann spazieren gehen, wenn du etwas Privatsphäre brauchst.“

Rory schüttelte den Kopf, ohne von dem Handy aufzusehen. Er blinzelte schnell, aber Beau sah, wie sich Tränen in seinen Augen sammelten. „Könntest du … ich glaube nicht, dass ich … nicht gerade jetzt?“

„Okay“, erwiderte Beau leise und legte eine Hand auf Rorys Knie. „Ist schon gut. Wenn du bereit bist, möchte sie wirklich gern deine Stimme hören. Aber du kannst dein Telefon verwenden, wie immer du möchtest. Du kannst dein eigenes Passwort eingeben, jemanden anrufen, irgendwas runterladen. Es gehört dir. Nur dir.“

Rorys Kiefer spannte sich an – hatte er das zuvor schon gehört oder wollte er Beaus Beschwichtigungen nicht hören, nicht wissen, was er dachte? – aber nach einem Augenblick schluckte er und sagte: „Danke, Beau.“

„Kein Problem.“ Beau drückte sein Knie. „Nun, das kommt jetzt wahrscheinlich ziemlich plötzlich, wir haben vorher nicht so viel darüber gesprochen, aber … erinnerst du dich, dass ich bald ein Aufenthaltsprogramm anfange? In Minnesota?“

Rory blinzelte auf das Handy hinunter, sein Griff darum wurde fester, dann holte er tief Luft, hob den Kopf und sah Beau an, während er nickte. „Dann ziehen wir um?“ Er schaute sich um, sein Blick wanderte über die Kartons, ehe er wieder zu Beau sah. „Heute?“

Beau stieß den Atem aus und verbot sich daran zu denken, wie viele plötzliche und chaotische Adressenwechsel Rory in den Jahren hinter sich hatte, in denen Beau sich in seinem kleinen Apartment verkrochen hatte.

„Nein, nicht so plötzlich. Wir haben noch ein paar Tage. Mein Mietvertrag läuft bis Ende des Monats, aber ich wäre gerne früher umgezogen, damit wir noch Zeit haben, uns einzugewöhnen, bevor das Programm beginnt. Auf diese Weise wären wir vor dem leeren Mond dort. Aber die neue Wohnung ist viel größer und wir werden mehr Möbel brauchen. Ich möchte jetzt schon anfangen, die Sachen zu bestellen, damit sie geliefert werden, sobald wir dort sind. Würdest du mir helfen, die Sachen auszusuchen?“

Rory runzelte die Stirn. „Ich bin nicht … Ich kann nicht …“

„Es geht hauptsächlich um die Farben und so Zeug“, meinte Beau und drückte Rorys Knie erneut. „Ich hole meinen Laptop, wir können uns auf das Bett setzen und uns alles ansehen, okay?“

Rory nickte, er wusste offensichtlich nicht, was er sagen sollte, und Beau fragte sich, ob er das alles nicht doch hätte erledigen sollen, während Rory geschlafen hatte, und ihn vor vollendete Tatsachen stellen. Aber Rory stand auf, nachdem Beau aufgestanden war, und folgte ihm zum Bett hinüber.

Nach ein wenig Überredung verriet er eine Vorliebe für satte Juwelenfarben und tiefe, weiche Polster; sobald sie einen gemeinsamen Nenner gefunden hatten, ließ Beau ihn sogar noch ein paar Klamotten und eine Telefonhülle aussuchen. Seine Herzfrequenz verlangsamte sich schließlich zu etwas wie Ruhe, als er sich an Beaus Seite kuschelte und Beau leicht einen Arm um ihn legte, und dachte, dass er letzten Endes vielleicht doch die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Kapitel 10

Rory schlief festgeklemmt unter Beaus Arm ein und erwachte ausgestreckt und allein im Bett, allein im Raum. Er setzte sich auf und sah sich um, streckte seine Sinne aus und fand dennoch den vertrauten Herzschlag seines Alphas nicht.

Dafür fand er irgendwie einen zusammengelegten Karton, der zwischen dem Fußende des Bettes und der Rückseite des Bücherregals abgestützt war. In dicken roten Buchstaben, fast dreißig Zentimeter hoch, stand dort:

BIN BALD ZURÜCK

BEAU

Als wenn irgendwer sonst diese Nachricht für ihn hinterlassen hätte oder wollte. Trotzdem rutschte Rory zum Ende des Bettes, fuhr mit den Fingern über die Buchstaben, die er beinahe ohne Problem lesen konnte. Der Versuch seines Alphas, ihn zu beruhigen.

Die Bewegung machte ihn auf den scharfen Umriss in der Tasche seiner neuen Jeans aufmerksam – sein Telefon, größer als eine seiner Hände. Seines, darauf hatte Beau bestanden. Seins zum Benutzen, seins zum Sperren. Seins, um jeden anzurufen, den er wollte. Er zog es heraus und berührte den Screen, der sich ohne Passwortabfrage für ihn öffnete.

Vielleicht sollte er Beau fragen, wie er eines einrichtete, oder … vielleicht auch nicht.

Jetzt allerdings öffnete sich der Bildschirm mit den beiden Fotos: Beau und Susan.

Rory leckte sich die Lippen und dachte darüber nach, Beau anzurufen, nur um nachzufragen, wo er war und wie lange es dauerte, bis er zurückkam.

Die vertraute elende Rechnung ging sofort los. Durfte er anrufen? Oder durfte er nicht anrufen, weil Beau ihm ja eine Nachricht hinterlassen hatte? Wenn er anrief, würde Beau ihm die Wahrheit sagen, wie lange er fort sein würde, oder eher zurückkommen, um ihn zu überraschen? Oder später heimkommen, damit Rory auf ihn wartete?

Er konnte die Angst davor bereits in sich aufsteigen spüren – die Erwartung, bei etwas erwischt zu werden, was er nicht tun durfte, obwohl er keine Ahnung hatte, was er tun oder nicht tun durfte. Die Angst, dass Beau nicht zurückkam oder Freunde mitbrachte oder vor ihm mit einem hübscheren Omega flirtete oder …

Rory schüttelte den Kopf, schob die ganzen Gedanken beiseite und schaute wieder auf den Bildschirm. Mit zitternden Fingern tippte er auf Susans Bild.

Das Telefon klingelte zweimal, dann hörte er Susans Stimme in seinem Ohr, beinahe so klar, als wäre sie mit ihm hier im Zimmer. „Hallo? Sind Sie das, Mr. Lea?“

Rorys Kehle war fast zu eng zum Sprechen, und dann brachte er heraus: „Ja. Ich glaube, ich habe meinen Namen nicht geändert.“

Susan gab ein sanftes kleines Geräusch von sich, und Rory rollte sich auf dem Laken am Fußende des Bettes zusammen, versteckt in der Ecke zwischen Wand und Bücherregal und Beaus riesiger Kartonnachricht. Er hielt das Handy fest an sein Ohr gepresst und zog die Decke über seinen Kopf und die Schultern, versteckte sich mit dem Klang einer vertrauten freundlichen Stimme.

„Beau sagte, Sie … Sie wollten, dass ich Sie anrufe“, fügte Rory zögerlich an.

„Nun, ich hatte gesagt, wir werden in Kontakt bleiben“, sagte Susan lebhaft. „Ich kann nicht sicher sein, dass Ihr Alpha Sie ordentlich behandelt, wenn ich nicht mit Ihnen spreche, nicht wahr? Ist er da?“

Die letzte Frage stellte sie in dem gleichen leichtfertigen Tonfall, in dem sie den Rest gesagt hatte, aber Rory wusste, was sie damit meinte. Hört er zu? Können Sie frei reden?

„Er ist ausgegangen“, sagte Rory. „Ich habe geschlafen, aber er hat mir eine Nachricht hinterlassen. Er hat sie wirklich groß geschrieben, damit ich sie lesen konnte. Es stand nur Bin bald zurück drauf, aber er … er hat sie für mich geschrieben. Damit ich Bescheid weiß.“

Rory biss sich auf die Lippe, nachdem er fertig war. Es war wirklich keine große Sache, vielleicht verstand Susan nicht, was sie bedeutete, oder wie es sich anfühlte, oder warum es wichtig war.

„Klingt, als wollte er nicht, dass Sie sich Sorgen machen“, erwiderte Susan sanft. „Das wirkt sehr freundlich.“

Rory nickte gegen die Matratze. „Ich weiß, es sind erst ein paar Tage und davon habe ich die meiste Zeit verschlafen, aber er ist … er ist immer … freundlich.“

Nicht nur nett – nicht höflich und kurzfristig gute Manieren zeigend, so kurzfristig wie eine blinkende Neonleuchtreklame, um erkennen zu lassen, was er aus Rory herauszuholen versuchte. Nettigkeit brachte immer die Gefahr mit sich, dass die Nettigkeit endete und die scharfen Zähne enthüllt wurden, die sie nur halb verborgen hatte.

Beau war freundlich, gab ihm genau die Dinge, die er brauchte, sowohl materielle Dinge als auch …

„Er hat auf dem Boden geschlafen“, platzte es aus ihm heraus, als Susan still blieb. „Er saß schlafend neben dem Bett, damit ich alleine schlafen konnte. Und selbst als ich ihn ins Bett holte, hat er nicht – aber ich warte nur darauf, dass er so ist …“

Rory unterbrach sich erneut, presste diesmal die Fingerknöchel gegen seinen Mund. Das hatte er nicht sagen wollen. Er wusste, dass Beau nicht so war. Deshalb hatte er mit Beau das Asyl verlassen, hatte ihn geheiratet.

„Na, dann sind Sie ja vorbereitet, wenn er schlimme Anzeichen zeigt“, sagte Susan einfach. „Aber ich glaube, es besteht die Möglichkeit, dass Sie mit ihm einen guten Fang gemacht haben. Das passiert manchmal, obwohl nur der Mond weiß, wie lange es dauert, bis wir wieder vertrauen können. Ich glaube, ich habe drei Kinder geboren, bevor ich aufhörte, meinem Alpha zuzutrauen, seine Klauen an mir zu wetzen, wenn eines schrie oder Unordnung machte.“

Rory presste einen kleinen, engen Laut aus seiner Kehle, nicht völlig atemlos. Sie sagte das so sachlich, so leichthin.

„Oh ja“, schnaubte Susan leise. „Ich weiß, ich sehe nicht mehr so aus, als könnte ich mich an etwas anderes als ein angenehmes Leben erinnern, aber glauben Sie mir, wenn es so etwas wie das Asyl gegeben hätte, als ich in Ihrem Alter war, hätte ich mich darin verbarrikadiert und wäre nie wieder herausgekommen. Ich konnte es in Ihren Augen sehen, als Sie zu uns kamen, Mr. Lea. Sie suchten nach einem ruhigen Ort zum Sterben. Ich bin froh, dass wir Ihnen helfen konnten, etwas Besseres zu finden.“

„Ich …“ Für einen Moment verbarg Rory sein Gesicht und bemühte sich, seine Atmung ruhig zu bekommen. Er hatte geglaubt, es wüsste niemand. „Glauben Sie, er … glauben Sie, das ist wirklich besser? Er hat nicht … er hat mich nicht so berührt. Er will mich nicht behalten.“

Und ich kann keine Kinder bekommen, aber das sagte er nicht. Er konnte das nicht wieder eingestehen, noch nicht.

„Trotzdem“, sagte Susan. „Besser als das, woran Sie vorher gedacht hatten. Und wenn er nicht das ist, was er zu sein scheint, auch gut. Seit mich das letzte Mal ein Alpha herumgeschubst hat, habe ich ein oder zwei Dinge gelernt. Ich habe noch immer viele eigene Krallen, Mr. Lea. Sie müssen nur was sagen.“

Rory schluckte und erinnerte sich an das Echo der Stimme seiner Mutter, schließlich flüsterte er: „Glauben Sie, Sie … würden Sie mich bitte Rory nennen? Bitte?“

„Oh“, erwiderte Susan, und er glaubte, dass sie dem Klang der einen Silbe nach vielleicht Liebling oder Schatz sagen wollte, und es klang beinahe genauso, als sie sagte: „Rory, natürlich.“

***

Er setzte sich an den Küchentisch und untersuchte sein Telefon akribisch, als Beau nach Hause kam. Er konnte die warme Süße von frischen Beeren riechen, sobald Beau durch die Tür kam, und dann, darunter, den reichen, roten Duft von frischgeschlachtetem Fleisch.

Beau grinste, als er ihn dort sitzen sah, und Rory schluckte hektisch, um seinen wässrigen Mund unter Kontrolle zu bekommen, ehe er zurückgrinsen konnte.

„Ich dachte, du möchtest zum Abendessen vielleicht etwas, das nicht aus Hühnersuppe oder Haferflocken besteht“, sagte Beau. „Du kannst ohnehin mehr Protein brauchen, huh?“

Rory nickte und fügte „Danke!“ an, sobald er sprechen konnte. „Auch für die Nachricht. Und“, Rory wedelte mit dem Telefon, als Beau die Taschen auf dem Tisch abgestellt hatte und anfing, sie auszupacken. „Ich habe mit Susan gesprochen, sie sagte, sie wird dich für eine Weile nicht mehr stören.“

„Hey, ich wusste, für was ich unterschreibe“, sagte Beau. „Ich bin froh, dass du die Chance hast, mit ihr zu reden. Was willst du auf dein Steak?“

Rory biss sich auf die Lippe, verschluckte die reflexartige Antwort – was immer du magst, ist mir recht – und erinnerte sich an das, was Susan ihm gesagt hatte. Versuchen. Kleinigkeiten. Einfach versuchen. „Ich hätte gern … Salz und Pfeffer? Vielleicht Butter?“

„Lässt sich machen“, entgegnete Beau einverstanden und stellte Salz und Pfeffer neben ein unbeschriftetes Gewürzglas.

Rory atmete ein paar Minuten durch und sagte dann: „Kann ich dir helfen?“

Er schrubbte die Kartoffeln, während Beau den Ofen anschaltete und eine Pfanne dafür fand, und saß die ganze Zeit, die es brauchte, um die Kartoffeln zu braten, aufrecht am Tisch und ließ sich von Beau die Funktionen auf seinem Telefon zeigen, bis es Zeit wurde, die Steaks fertigzumachen.

Rory futterte so viel von den Kartoffeln und dem Steak, dass er nur noch ein paar Handvoll Himbeeren hinunterbrachte, aber Beau versicherte ihm, dass sie ein oder zwei Tage halten würden.

Rory streckte sich auf dem Bett aus, sein voller Bauch machte ihn wieder schläfrig.

Als er von dem Geräusch des laufenden Wasserhahns aufwachte, war es dunkel. Mit halbgeschlossenen Augen sah Rory zu, wie Beau auf ihn zukam, offensichtlich bettfertig und von einem Hauch scharfen Zahnpastageruchs begleitet.

Rory griff neben sich und klopfte auf das Bett an der Seite zur Wand. Beau blieb stehen und sagte: „Ja?“ Rory nickte und wiederholte die Bewegung. Beau kam, stieg hinein und drehte sein Gesicht wie davor an die Wand. Rory drehte sich zu ihm um und rollte sich neben seinem Rücken zusammen, sein Kopf berührte kaum Beaus Schulter, da schlief er wieder ein.

***

Die nächsten paar Tage vergingen ebenso, Mahlzeiten und Schläfchen und gelegentliches Erwachen während der Sonnenstunden. Rory vermied immer noch, sich selbst im Spiegel zu betrachten, aber sein Hals brannte nach jeder Dusche weniger und weniger, und während der restlichen Zeit konnte er das Brennen beinahe vergessen.

Und dann war der Morgen vor dem Umzugstag angebrochen. Er aß seine Vitamine und ein Frühstück aus Eiern, Toast und Früchten, anschließend spülte er das Geschirr und überlegte währenddessen, ob er Beau dabei helfen konnte, die letzten Kleinigkeiten einzupacken, damit sie für den morgigen Tag fertig waren. Als er die Bratpfanne abtrocknete, drehte er sich zu Beau um, um ihn zu fragen, in welchen Karton sie sollte.

Er sah Beau absolut ruhig am Küchentisch sitzen und ihn beobachten. Etwas in diesem Blick ließ Rory erstarren. Es war nicht raubtierhaft, es war nicht beängstigend, aber es war etwas, das früher nicht da gewesen war. Etwas, das ihm das Gefühl gab, an Ort und Stelle festgepinnt zu sein.

In der nächsten Sekunde entspannte sich Beaus Miene, er hob beschwichtigend die Hände, wie er es ein halbes Dutzend Mal pro Tag machte. „Nein, nein, es ist nicht – setzt du dich zu mir?“

Rory nickte und setzte sich auf seinen üblichen Platz am Tisch, das Geschirrtuch und die Bratpfanne immer noch in Händen haltend. Seine Hand krampfte sich um den Griff, ohne dass er darüber nachdachte, und ihm fiel auf, dass er überlegte, wie hart er Beau damit wohl schlagen konnte – fest genug, um aus der Wohnung zu kommen?

Nein. Stop. Das war nicht diese Art von Blick. Das hier war Beau, er würde nicht …

Beaus Hand erschien in seinem Sichtfeld, schlüpfte unter das Handtuch und berührte Rorys Hand. „Hey, das ist … das ist keine schlechte Sache. Du kannst Nein sagen, wenn du nicht bereit bist. Es macht mir nichts aus, okay?“

Rory versuchte sich zu erinnern, wie man atmete, aber er zuckte vor der Berührung zurück und erstarrte, als Beau flüsternd fluchte.

„Nein, nein, das lag an mir, weil ich eine große Sache daraus gemacht habe.“

Beau rutschte von seinem Stuhl und ging neben dem Tisch auf die Knie, damit er Rory ins Gesicht sehen konnte. Rory hätte ihn nicht dazu bringen sollen, hätte … sollte … seine Knöchel schmerzten von dem Griff um den Pfannenstiel und sie zitterte leicht in seinem Schoß.

„Es ist nur ein Picknick“, sagte Beau und sah ihm mit ernsthaftem Ausdruck in die Augen. „Baby, es ist nur ein Mittagessen draußen am See, das ist alles. Wir nehmen uns etwas zu essen mit und sitzen am Wasser, bevor wir von hier wegziehen.“

Rory starrte Beau an, in seinen Ohren hallte sein rasender Herzschlag. Die Worte hatte er verstanden, aber … das konnte nicht alles sein, das konnte nicht …

„Nur draußen essen“, wiederholte Beau und legte eine Hand sanft auf Rorys Wange. „Es ist okay, du musst nicht. Ich kann allein gehen oder bleibe daheim. Ich bin nicht verärgert. Es war nur eine Idee. Ich war mir nicht einmal sicher, ob du bereit bist, ich dachte, vielleicht sollte ich dich gar nicht fragen, aber vielleicht würde es dir auch gefallen. Ich werde den See vermissen, das ist alles. Aber es ist keine große Sache. Du musst nicht mitkommen.“

Rorys ganzes Gesicht fühlte sich taub an, aber endlich begriff er. Beau wollte lediglich wissen, ob Rory mit ihm zum See kommen wollte, ein Picknick machen. Das war alles, und Rory hatte … hatte …

Abrupt öffnete er seine Hand, die Bratpfanne fiel in seinen Schoß und rutschte über seine Knie. Beaus Hand löste sich von seiner Wange, um sie aufzufangen, und Rory kniff die Augen zusammen – dumm, dumm, überreagiert, warum war er wegen so etwas ausgeflippt, es war gar nichts. Es war nichts, und er hatte … und wie konnte Beau ihn jemals irgendwo mit hinnehmen, wenn er sich so anstellte? Seine ganze Aufgabe bestand darin zu zeigen, dass Beau einen Gefährten hatte, der sich um ihn kümmerte und ihm durch sein Praktikum half. Rory konnte nicht einmal zu einem Picknick eingeladen werden, ohne Panik zu bekommen.

Beaus Hand kam zurück, glitt in seinen Nacken, Zeigefinger und Daumen massierten seinen Schädelansatz.

Bei dem süßen, harten Druck sog Rory scharf die Luft ein, dann rutschte er vom Stuhl, genau wie die Bratpfanne. Beau fing ihn ebenfalls auf und zog Rory auf seinen Schoß, ehe er sich auf den Boden setzte.

„Es ist in Ordnung“, wiederholte Beau, wobei er ein wenig heiser klang. „Baby, es ist in Ordnung. Ich hätte nicht so eine große Sache daraus machen sollen. Es ist nur ein See, es ist egal. Es ist in Ordnung.“

Für eine kurze Weile atmete Rory lediglich Beaus Geruch ein, bis Beau schwieg und ihn nur festhielt. Rory zitterte und bebte, das Adrenalin eines Kampfes, der nicht stattgefunden hatte, flutete seinen Körper.

„Es tut mir leid“, wisperte Rory. Er wagte nicht, lauter zu sprechen. „Es tut mir leid, ich weiß, du … ich weiß.“

Er klammerte sich an Beau, unfähig, ihn loszulassen, obwohl es Beau gewesen war, vor dem er sich gefürchtet hatte – auch wenn er es nicht gewesen war, nicht wirklich. Er hatte vor Martin Angst gehabt, vor den anderen vor ihm – Sean, Greg, alle von ihnen, wenn die Waage kippte und er erkannte, dass sie alle gleich waren.

Nicht Beau. Vor Beau hatte er keine Angst. Solange er bei Beau war, war er in Sicherheit. Beau war nicht wie jeder andere Alpha, mit dem er je zusammen gewesen war.

„Wenn du willst“, schaffte Rory zu sagen. „Ich kann, ich werde …“

„Shhh“, machte Beau. „Shhh, mach dir keine Sorgen, lass uns einfach hinlegen, hm? Lass mich dich einfach eine Weile festhalten.“

Beaus Griff wurde stärker und Rory entspannte sich dabei instinktiv. Beau hatte ihn noch nie darum gebeten – ihn festzuhalten. Abgesehen davon, dass Beau ihm gelegentlich ins Bett half, hatte er ihn seit ihrer Heirat kaum berührt. Selbst nachts, wenn Beau das Bett mit ihm teilte, behielt er seine Hände und alles andere vorsichtig bei sich, immer zur Wand gedreht.

Aber jetzt hob er Rory hoch, die Arme fest und stark um ihn gelegt, und als er Rory ablegte, ließ er ihn nicht los und streckte sich mit ihm aus. Rory rutschte näher, verbarg sein Gesicht gegen Beaus Brust, klammerte sich an sein Shirt. Er wagte es sogar, einen Knöchel über Beaus Bein zu legen.

„Shhh, ich habe dich, ich habe dich“, murmelte Beau. „Ich bin hier, Baby, ich gehe nirgendwohin. Nicht ohne dich.“

„Kannst du aber“, versuchte Rory zu sagen, aber er konnte seinen Griff nicht lösen.

Beau beruhigte ihn weiter und hielt ihn fest, und schließlich fiel Rory in einen schweren, traumfreien Schlaf, jedes Glied war schwer vor Erschöpfung.

Als er aufwachte, hatte er Hunger, und das einfallende Sonnenlicht fiel auf eine Weise kühl und indirekt in das Zimmer, was bedeutete, dass sie bereits hinter dem Gebäude auf der anderen Seite der Gasse versunken war. Also war es schon nach sechs.

Und Beau lag halb auf ihm und drückte ihn in das Bett.

Rory konnte sein Gesicht nicht vollständig sehen, aber er konnte echten Schlaf im Gewicht von Beaus Körper spüren, der besondere warme Geruch stieg von seiner Haut auf. Beau hatte gesagt, er schliefe im Liegen fester als im Sitzen, aber anscheinend war selbst das nichts verglichen mit dem Schlaf in den Armen seines Omegas. Es war, als sei er ohnmächtig.

Rory sah zur Decke auf, zu dem „Bin bald zurück“-Schild, das sich nach wie vor am Fußende des Bettes befand, und bewegte sich nicht. Sie hatten beide eindeutig das Abendessen verpasst, ob nun im Freien oder nicht; Rory war sich sicher, dass er sofort aufgewacht wäre, wenn Beau das Bett verlassen hätte. Und Beau brauchte die Ruhe offensichtlich noch, sonst würde er selbst mit Rorys Einfluss nicht dermaßen tief schlafen.

Das ist gut, dachte Rory. Er schloss die Augen und versuchte, diesen Moment in seinem Gedächtnis zu verankern: Das leise Geräusch von Beaus Atem, das Gewicht von Beaus Körper auf seinem, ihre Gerüche, die auf bereits vertraute Art vermischt aus den Laken und ihren Kleidern entströmte, das noch vorhandene Licht eines Sommerabends.

Als ihm der Gedanke schließlich durch den Kopf schoss – ich könnte aufstehen und er würde es nicht einmal wissen – hing das nur mit dem Bedürfnis zusammen, dass er pinkeln musste. Selbst als er realisierte, was er gedacht hatte, und sich an all die Male erinnerte, als er in dem einen oder anderen Bett gelegen hatte und zu entscheiden versuchte, ob er es wagen konnte, sich aus dem Griff eines Alphas herauszuwinden, verfiel er nicht in Panik. Vielleicht hatte er sich an diesem Morgen daran gewöhnt, oder es waren die weiteren acht Stunden, die er in Beaus Armen verbracht hatte, jedenfalls war sein Hirn endlich von etwas überzeugt.

Es fühlte sich einfach immer gut an, Beaus Gewicht auf sich zu haben, die Nase voll von Beaus Duft. Es reichte, um etwas in seinem Gehirn, seinem Körper zu verankern.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal Sex wollte, außer um das gedankenlose Bedürfnis der Hitze zu befriedigen oder um den nächstbesten Alpha zu beschwichtigen, aber er glaubte, dieses Gefühl sei dem zumindest ähnlich. Er hätte gern mehr von Beaus Gewicht auf sich, mehr von Beaus Berührung und … vielleicht noch einen Kuss wie ihren ersten. Vielleicht mehrere solcher Küsse und Beaus Berührung in seinem Nacken, und Beau, der ihn ansah und Baby nannte, wenn er nicht zu ängstlich oder krank war, um es zu genießen.

Er wurde nicht hart oder nass, das waren nicht ganz diese Art Gedanken, und sein Körper schien das ohnehin nicht mehr außerhalb der Hitze zu liefern. Dieses neue Verlangen wurzelte nicht so tief in seinem Inneren. Aber er dachte, er würde Beaus Berührungen mögen, Beaus Aufmerksamkeit, und wenn es zu mehr führte, wenn Beau mehr wollte …

Beau würde es nicht verlangen, das hatte er schriftlich versprochen, alles offiziell und rechtsverbindlich. Vielmehr würde er wahrscheinlich lieb, vorsichtig und freundlich sein und wollen, dass es Rory gefiel. Das war okay, Rory hatte ein ganzes Repertoire an Möglichkeiten, um einem Alpha zu versichern, dass er alles mochte, was mit ihm gemacht wurde. Er wäre in der Lage, Beau etwas für das zurückzugeben, was Beau ihm gegeben hatte, und mehr von diesem Teil, mehr von den Berührungen und Küssen.

Natürlich hing das davon ab, ob er Beau überzeugen konnte, ihn zu wollen. Rory hatte bisher keine Anzeichen dafür bemerkt, aber sie hatten bis jetzt kaum Zeit miteinander verbracht, wenn keiner von ihnen schlief, und Rory hatte einen starken ersten Eindruck als jemand, der bald sterben würde, hinterlassen. Danach würde sich kein Alpha umdrehen.

Aber Beau war dennoch nicht angewidert von ihm, und er war ein junger, starker Alpha. Falls Rory sich ihm anbot, wenn er gesund war, würde er wahrscheinlich nicht Nein sagen.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wie es sich anfühlte, eingeladen zu werden, bevor er genommen wurde, oder sich anzubieten, wenn es nicht schon eine abgemachte Sache war. Beau war nett und ordentlich, er würde es hübsch und normal wollen. Vielleicht romantisch.

Rory schloss die Augen und kuschelte sich in Beaus Wärme, um sich daran zu erinnern, wie wenig er jemals darüber gewusst hatte, wie normale Leute flirteten.

Pulsuz fraqment bitdi.

15,22 ₼

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