Kitabı oxu: «Einheit und Transformation»

Geteilte Geschichte
Deutschland 1945–2000
Herausgegeben von Hermann Wentker und Michael Schwartz
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Der Autor

Prof. Dr. Detlev Brunner, lehrt und forscht am Historischen Seminar der Universität Leipzig; seine Forschungsschwerpunkte sind Transformationsgeschichte, Geschichte sozialer Bewegungen und deutsch-deutsche Zeitgeschichte.
Detlev Brunner
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Umschlagabbildung: »Trabicedes« © Alexander Thies
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-033244-7
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-033245-4
epub: ISBN 978-3-17-033246-1
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Inhaltsverzeichnis
1 Vorbemerkung
2 Abkürzungsverzeichnis
3 1 1989
4 1.1 »… eine gewisse Stabilität«
5 1.2 Die chinesische Lösung
6 1.3 Kommunalwahlen
7 1.4 Ausreisebewegung
8 1.5 Revolution
9 1.6 Mauerfall
10 2 1990
11 2.1 Dialog
12 2.2 Der 18. März
13 2.3 Verträge für die Einheit
14 3 Nation und »innere Einheit«
15 3.1 Einheitswunsch
16 3.2 Innere Einheit
17 3.3 Nationalgefühl oder regionale Identität?
18 3.4 Leitkultur
19 3.5 Eine »normale« Nation?
20 4 Die wirtschaftliche Transformation und ihre Folgen
21 4.1 Der Beginn der Transformation: Die Währungsunion
22 4.2 Die ostdeutsche Wirtschaft im Jahre eins der Einheit
23 4.3 Die Transformationsagentur: Treuhandanstalt
24 4.4 Die Finanzierung der Einheit
25 4.5 Arbeitslosigkeit
26 4.6 Vom »Sparpaket« zur »Neuen Mitte«
27 4.7 Lohn- und Tarifpolitik
28 5 Demografie und Migration
29 5.1 Der »demografische Schock«
30 5.2 Die alternde Gesellschaft
31 5.3 Die demografischen Folgen für »den Osten«
32 5.4 Migration
33 5.5 Die »Asyldebatte«
34 6 Staat und politische Kultur
35 6.1 Der Beschluss
36 6.2 Verfassung
37 6.3 Neue Länder – neue Verwaltung
38 6.4 Von der Bonner zur Berliner Republik
39 6.5 Demokratie und Zivilgesellschaft
40 6.6 Rechtsextremismus
41 6.7 Terror
42 6.8 »Erbe DDR«
43 6.9 Wissenschaft und Bildung
44 7 Europäische Integration und außenpolitische Verantwortung
45 7.1 Maastricht
46 7.2 Osterweiterung
47 7.3 Deutschland in der Welt
48 7.4 Der zweite Golfkrieg 1991
49 7.5 Jugoslawien
50 7.6 Der »Kosovo-Krieg«
51 7.7 Die deutsche Haltung
52 7.8 »Heute sind wir alle Amerikaner«
53 8 Mentalitäten und kulturelle Trends
54 8.1 Werte und Einstellungen
55 8.2 Ostalgie
56 8.3 Geschlechterverhältnisse
57 8.4 Kulturelle Vielfalt
58 8.5 Musik der Einheit
59 8.6 »Digitale Revolution« und Kommunikation
60 2000 – Fazit und Ausblick
61 Anmerkungen
62 Literatur- und Quellenverzeichnis
63 Literatur
64 Quellen
65 Abbildungsnachweis
66 Personenregister
Vorbemerkung
Dieses Buch handelt von Deutschland im ersten Jahrzehnt nach der deutschen Wiedervereinigung. Diese Phase der jüngsten deutschen Geschichte ist von umfassenden und tiefgreifenden Brüchen und Umbrüchen geprägt, die die deutsche Gesellschaft in Ost und West sehr unterschiedlich betrafen.
Geschichte und insbesondere Zeitgeschichte ist kein abgeschlossener, sondern ein stets fortschreitender Prozess. Geschichte ist bei allen Zäsuren immer auch von Kontinuitäten bestimmt, die selbst über Epochen hinweg wirken. Für die Geschichte Deutschlands in den 1990er Jahren gilt all dies in besonderem Maße. Den Jahren 1989–1991 wird angesichts der demokratischen Öffnung in den »Ostblock«-Staaten und vor allem in der Sowjetunion bis zu deren Zerfall zu Recht ein Zäsurcharakter zugesprochen. Diese Zäsur markiert das Ende des »Kalten Krieges«, das Ende des »Zeitalters der Extreme« (Eric Hobsbawm). Für Deutschland, das zu Zeiten der Teilung an der Nahtstelle der Blockkonfrontation stand, hat diese Zäsur eine besondere Tragweite. Sie bedeutet die Überwindung der Teilung und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten auf demokratischer Grundlage. In diesem Jahrzehnt der 1990er Jahre lassen sich zum einen weiter wirkende Prägungen aus den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Systemen der vorhergehenden Jahrzehnte erkennen, zugleich setzten Entwicklungen ein, deren Wirkungen erst in den folgenden Jahren, ja zum Teil erst in jüngster Zeit in aller Deutlichkeit hervortreten. Die 1990er Jahre lassen sich mithin für Deutschland, wie auch generell, nicht als geschlossene Geschichte erzählen. Eine These könnte lauten, dass dieses Jahrzehnt eine Scharnierfunktion einnimmt, zwischen jenen Phasen, die von den seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausgehenden Konfliktlinien gezeichnet waren, und dem Beginn einer durch globalisierten Kapitalismus, durch aufstrebende neue Weltmächte und neuartige Gewaltphänomene modellierten neuen »Unordnung« markiert sind – die 1990er Jahre als eine Art »Inkubationszeit« zwischen der »alten« Welt des 20. Jahrhunderts und einem neuen digitalen Zeitalter?
Der vorliegende Band unternimmt den Versuch, ein möglichst umfassendes Bild des vereinten Deutschlands in den 1990er Jahren zu zeichnen. Nach zwei einführenden Skizzen zur Vorgeschichte der staatlichen Einheit am 3. Oktober 1990 wird zunächst die Frage nach der »inneren Einheit« gestellt; welche Bedeutung hatte für die Deutschen in Ost und West das Bekenntnis zur »Nation«, wie wirkte sich die Vereinigung auf Identitäten in Ost und West aus? Ein Schwerpunkt der Darstellung liegt in der Beschreibung der wirtschaftlichen Transformation und ihrer sozialen Folgen – gerade in diesem Bereich ergaben sich tiefgreifende Umbrüche und für die Ostdeutschen neuartige Erfahrungen wie jene der Massenarbeitslosigkeit. Welche Wirkungen zeigte die Vereinigung zudem bei demografischen Prozessen? Eine besonders konfliktreiche Rolle spielte in diesem Zusammenhang das Thema Migration. »Staat und politische Kultur« ist ein weiterer Themenkomplex: Wie entwickelte sich die politische Kultur im vereinten Deutschland? Wie stand es um die Ausformung von Zivilgesellschaft, wie beurteilten die Deutschen in Ost und West Demokratie? Welchen Bedrohungen war das demokratische System in Deutschland ausgesetzt, insbesondere durch Rechtsextremismus und durch Terror unterschiedlicher Art? Die deutsche Vereinigung wäre ohne die europäische Integration nicht denkbar gewesen, beide Prozesse waren miteinander verflochten. Deutschland entwickelte sich zu einer europäischen Führungsmacht, an die die Verbündeten außenpolitisch gewachsene Anforderungen herantrugen; dies zeigte sich besonders in den kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit, die auch im Hinblick auf die Akzeptanz in der deutschen Gesellschaft skizziert werden. In den 1990er Jahren trafen unterschiedliche Mentalitäten und Wertevorstellungen aufeinander. Welche kulturellen Trends den Einheitsprozess begleiteten und welche Grundlagen für die kommenden revolutionären Prozesse in einem neuen Kommunikations- und Medienzeitalter in dieser Zeit gelegt wurden, wird in einem abschließenden Kapitel behandelt.
Dieses Buch wäre nicht entstanden ohne die Hilfe und Unterstützung zahlreicher Personen und Institutionen. Den beiden Herausgebern Hermann Wentker und Michael Schwartz sei für die detaillierte Lektüre des Manuskripts und ihre kollegiale und konstruktive Kritik gedankt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bibliotheken und Forschungseinrichtungen ermöglichten den zuletzt unter Pandemie-Bedingungen erschwerten Zugang zu Quellen und Literatur. Schließlich haben im gesamten Entstehungszeitraum studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte mit Recherchen und Materialbeschaffung zum Gelingen der Publikation beigetragen. Genannt seien Rico Keller, Martin Baumert, Caroline Bernet, Sophia Tölle und Eric Weiß. Lilith Günther hat das Literatur- und Quellenverzeichnis erstellt. Nicht zuletzt möchte ich mich bei Frau Ronja Schrand und Herrn Dr. Peter Kritzinger für die angenehme Zusammenarbeit und die kompetente Betreuung des Bandes bedanken.
Abkürzungsverzeichnis
| ABM | Arbeitsbeschaffungsmaßnahme |
| AdW | Akademie der Wissenschaften |
| Allbus | Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften |
| ANSA | Agenzia Nazionale Stampa Associata |
| BAMF | Bundesamt für Migration und Flüchtlinge |
| BArch | Bundesarchiv |
| BiB | Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung |
| BpB | Bundeszentrale für politische Bildung |
| BdV | Bund der Vertriebenen |
| BGB | Bürgerliches Gesetzbuch |
| BIP | Bruttoinlandsproduktion |
| BMU | Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit |
| BMWi | Bundesministerium für Wirtschaft und Energie |
| BVerfG | Bundesverfassungsgericht |
| BvS | Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben |
| CDUD | Christlich-Demokratische Union Deutschlands/ Ost-CDU |
| DA | Demokratischer Aufbruch |
| DAG | Deutsche Angestelltengewerkschaft |
| Destatis | Statistisches Bundesamt |
| DGB | Deutscher Gewerkschaftsbund |
| DIW | Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung |
| DM | Deutsche Mark |
| DSU | Deutsche Soziale Union |
| EEG | Erneuerbare-Energien-Gesetz |
| EG | Europäische Gemeinschaft |
| EOS | Erweiterte Oberschule |
| ESZB | Europäisches System der Zentralbanken |
| EWG | Europäische Wirtschaftsgemeinschaft |
| EWWU | Europäische Wirtschafts- und Währungsunion |
| FDGB | Freier Deutscher Gewerkschaftsbund |
| FDJ | Freie Deutsche Jugend |
| FuE | Forschung und Entwicklung |
| GASP | Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik |
| GESIS | Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen e. V./Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften |
| GG | Grundgesetz |
| IAQ | Institut Arbeit und Qualifikation |
| IG | Industriegewerkschaft |
| Isaf | International Security Assistance Force |
| KPdSU | Kommunistische Partei der Sowjetunion |
| KSK | Kommando Spezialkräfte |
| KSZE | Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa |
| LDPD | Liberal-Demokratische Partei Deutschlands |
| LegP | Legislaturperiode |
| LER | Unterrichtsfach Lebensgestaltung, Ethik, Religion |
| ND | Neues Deutschland |
| NSU | Nationalsozialistischer Untergrund |
| NSW | nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet |
| OBS | Otto Brenner Stiftung |
| OECD | Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung |
| PDS | Partei des demokratischen Sozialismus |
| PISA | Programme for International Student Assessment |
| POS | Polytechnische Oberschule |
| RAF | Rote-Armee-Fraktion |
| RGW | Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe |
| SDP | Sozialdemokratische Partei in der DDR |
| SED | Sozialistische Einheitspartei Deutschlands |
| SOEP | Sozioökonomisches Panel |
| StGB | Strafgesetzbuch |
| TFR | Total Fertility Rate |
| THA | Treuhandanstalt |
| UÇK | Ushtria Çlirimtare e Kosovës/Befreiungsarmee des Kosovo |
| VEB | Volkseigener Betrieb |
| WWU | Wirtschafts- und Währungsunion |
| y2k | year-2-kilo |
| ZK | Zentralkomitee |
1 1989
Am 14. Juli 1989 besuchten Mitglieder der Partei- und Staatsführung der DDR das Museum für Deutsche Geschichte in Ost-Berlin. Es war der 200. Jahrestag des Sturms auf die Pariser Bastille am 14. Juli 1789, das Symbolereignis der Französischen Revolution. Das Museum zeigte seit Mai 1989 die Ausstellung »Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit. 200 Jahre Französische Revolution«; die DDR-Post hatte eine Briefmarkenserie zu Ehren der Revolution aufgelegt und der Generalsekretär der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, telegrafierte zum Jubiläumstag an den französischen Staatspräsidenten François Mitterrand: »Vor zwei Jahrhunderten wurde in Paris das Tor in eine neue Zeit aufgestoßen.« Die humanistischen Ideen von »Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit« hätten die Völker seither in ihrem Streben nach »Menschenwürde, sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Fortschritt beflügelt«. Das Jubiläum werde deshalb auch in der DDR »gebührend gewürdigt«.1
1.1 »… eine gewisse Stabilität«
Die Erwartung, dass auch in der DDR das Tor in eine »neue Zeit« aufgestoßen werden könnte, spielte in diesen Bekundungen selbstredend keine Rolle. Aber auch gut informierte Beobachter aus dem Westen sahen keine revolutionären Entwicklungen in der DDR heraufziehen. Der Anfang Januar 1989 aus dem Amt scheidende Ständige Vertreter der Bundesrepublik bei der DDR, Hans Otto Bräutigam, schätzte in einem Interview am 2. Januar 1989, die DDR habe »eine gewisse Stabilität« erreicht, ein Zustand, den sie werde halten können. Auch nach einem Führungs- und Generationswechsel werde sich in der DDR keine ganz neue Politik einstellen, die DDR sei kein Land für »dramatische Änderungen und Wechsel«.2
Aus der Rückschau betrachtet war das eine Fehleinschätzung, aber zeitgenössisch vertrat Bräutigam keine Einzelmeinung. Die Stabilität der DDR war angesichts der unkalkulierbaren Umbruchphase im Ostblock ein wichtiger Faktor – noch waren die späteren umwälzenden Ereignisse des Jahres 1989 nicht in Sichtweite.
Am 19. Januar 1989 hielt Erich Honecker eine Rede, in der er auf aktuelle Fragen einging. Eine Rolle spielte die Frage der Menschenrechte in der DDR. Honecker verwies auf die eben zu Ende gehende KSZE-Nachfolgekonferenz in Wien. Das dort auch von der DDR unterzeichnete Abschlussdokument beinhaltete unter anderem, »dass es jedermann freisteht, jedes Land einschließlich seines eigenen zu verlassen und in sein Land zurückzukehren«3. Honecker verknüpfte seine Behauptung, in der DDR würden alle Menschenrechte gewährleistet, mit dem Vorwurf an die Adresse der Bundesrepublik und die USA, sie trügen letztlich die Verantwortung für die fehlende Reisefreiheit für DDR-Bürgerinnen und -Bürger. Denn sie seien für die Gründe verantwortlich, die zum Bau der Mauer geführt hätten, und, so Honecker weiter: Die Mauer werde so lange bleiben, »wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird in 50, auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind.«4
Kaum eineinhalb Jahre zuvor hatte Honecker im September 1987 bei seinem Besuch in seiner saarländischen Heimatstadt Neunkirchen noch ganz andere Töne angeschlagen. Er sprach davon, dass die Grenzen nicht so seien, wie sie sein sollten, und dass der Tag komme, an dem uns Grenzen »vereinen« – im Vergleich dazu waren die Äußerungen im Januar 1989 ein Rückfall.5 Sie standen auch im Kontrast zu Honeckers Bemerkungen beim Abschiedsbesuch Hans Otto Bräutigams am 19. Dezember 1988. In der Bundesrepublik, so Honecker, sei noch nicht genügend gewürdigt worden, »dass es einen Schießbefehl nicht mehr gibt«.6 Honecker hatte, so Bräutigams Erinnerung, großen Wert auf das Ziel einer anerkannten, friedlichen Grenze gelegt. Doch Bräutigam hegte Zweifel – zu Recht, wie sich kurze Zeit später herausstellte.
Das letzte erschossene Opfer an der Berliner Mauer war am 6. Februar 1989 zu beklagen. Es war der 20-jährige Chris Gueffroy, der beim Fluchtversuch im Kugelhagel der DDR-Grenzsoldaten starb. Sein Freund Christian Gaudian überlebte schwer verletzt. Dieser Fall sorgte für heftige Verstimmungen. Nicht nur die drei westalliierten Kommandanten Berlins protestierten empört und forderten ein Ende dieser »Verbrechen«. Besuche von Bundesministern in der DDR wurden abgesagt. Der Sprecher der Bundesregierung Friedhelm Ost sprach von »schweren Belastungen« der innerdeutschen Beziehungen. »Wer auf Menschen schießen lässt, beeinträchtigt in erheblichem Maße die Atmosphäre für eine friedliche Nachbarschaft und für die Entwicklung guter innerdeutscher Beziehungen auf allen Feldern.«7
Fast schienen die deutsch-deutschen Beziehungen in vergangene Zeiten der Konfrontation zurückversetzt. Intern gab Honecker Egon Krenz, als Politbüromitglied und ZK-Sekretär zuständig für Sicherheitsfragen, die Anweisung, den Schießbefehl aufzuheben – einen Befehl, den es offiziell gar nicht gab, denn, so die immer wieder bemühte Version, die Grenztruppen der DDR befolgten Anweisungen, wie sie im Grenzverkehr international üblich seien. Honecker begründete seine Anweisungen an Krenz mit dem Argument, die internationalen Proteste müssten aufhören. Krenz rief daraufhin am 2. April 1989 den stellvertretenden Verteidigungsminister Generaloberst Horst Streletz an und gab Honeckers Anweisung weiter. In einer Gesprächsnotiz darüber heißt es: »Lieber einen Menschen abhauen lassen, als in der jetzigen politischen Situation die Schusswaffe anzuwenden.«8
Angesichts der erneuten Mauerschüsse waren zwar Besuche von Bundesministern abgesagt worden, aber die deutsch-deutsche Gesprächsdiplomatie wurde deshalb nicht abgebrochen. Johannes Rau (SPD), Ministerpräsident des größten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, war nicht der einzige wichtige Landespolitiker, der – am 12. März 1989 – in die DDR reiste. Vor ihm hatten bereits Lothar Späth (CDU), Ministerpräsident von Baden-Württemberg sowie der Erste Bürgermeister aus Hamburg, Henning Voscherau (SPD), Honecker aufgesucht. Nach Rau folgten Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) aus Niedersachen und als letzter der Länderchefs der Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper (SPD), am 19. Juni 1989.9
Alle westlichen Landespolitiker verwiesen auf die Vorfälle an der Mauer, waren allerdings daran interessiert, dass sich das Verhältnis zur DDR dadurch nicht verschlechtere. Stabilität war das Ziel dieser führenden westdeutschen Politiker unterschiedlicher Couleur. Und Honecker ging es selbstverständlich um gute Beziehungen zum deutschen Nachbarn; angesichts der schwierigen Lage der DDR waren gerade wirtschaftliche und finanzielle Beziehungen von elementarer Bedeutung.
1.2 Die chinesische Lösung
Als der Regierende Bürgermeister von Berlin Walter Momper am 19. Juni 1989 mit Erich Honecker im Schloss Niederschönhausen in Ost-Berlin zusammentraf, war es innerhalb und außerhalb der DDR zu Ereignissen gekommen, die der Partei- und Staatsführung erneut einiges an Erklärungen abverlangten. Dies betraf zum einen die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 und zum anderen das Verhalten der SED-Führung angesichts der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in China, die im Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989 gipfelte.
Im April 1989 hatte sich in China eine Studentenbewegung formiert, die sich zu einer breiten Oppositionsbewegung ausweitete und etwa 1 Million Menschen am 17. Mai 1989 in Peking auf die Straße brachte. In diesem Zeitraum fand auch das erste sowjetisch-chinesische Gipfeltreffen seit 1959 statt. Die zahlreichen Pressevertreter aus aller Welt konnten zugleich vom Auftreten der chinesischen Demokratiebewegung berichten. Nach der Abreise des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow am 18. Mai 1989 verhängte die chinesische Regierung den Ausnahmezustand, Hunderttausende ignorierten das jedoch und hinderten Armeeeinheiten am Vordringen ins Pekinger Zentrum. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 ging die chinesische »Volksbefreiungsarmee« gegen die Demonstrierenden vor. Auf dem »Platz des Himmlischen Friedens« walzten Panzer dort in Zelten kampierende Studierende nieder – 100 Menschen kamen ums Leben, auch an anderen Orten waren Tote zu beklagen, auf etwa 3.000 wird ihre Zahl geschätzt.
Die chinesischen Ereignisse wurden international mit Bestürzung aufgenommen. Mit Verstörung wurde in der Bundesrepublik registriert, dass die SED-Führung das Vorgehen der chinesischen Führung unterstützte. Am 5. Juni 1989 feierte das »Neue Deutschland« die Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung mit der Schlagzeile: »Volksbefreiungsarmee Chinas schlug konterrevolutionären Aufruhr nieder.«10 Egon Krenz, Mitglied des Politbüros, wies bei einem Besuch einer DDR-Delegation in Saarbrücken am 7. und 8. Juni 1989 kritische Äußerungen des saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine (SPD) über die Pekinger Vorgänge als Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Volksrepublik zurück. Krenz äußerte Verständnis für das chinesische Vorgehen und kommentierte die Niederschlagung mit den Worten, es sei »etwas getan worden, um die Ordnung wiederherzustellen«.11 Von Walter Momper am 19. Juni 1989 auf die Pekinger Ereignisse angesprochen, reagierte Honecker mit der Bemerkung, er halte sich nicht an die westlichen Horrormeldungen, sondern an die offiziellen Mitteilungen der chinesischen Bruderpartei – damit war der Fall für ihn erledigt12.