Kitabı oxu: «Der König und sein Spiel»

Şrift:

Dietrich Schulze-Marmeling

Der König und sein Spiel

Johan Cruyff und der Weltfußball

verlag die werkstatt

Impressum

Copyright © 2012 Verlag Die Werkstatt GmbH

Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen

www.werkstatt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Gestaltung: Verlag Die Werkstatt

Fotos (Umschlag und Innenteil): Imago Sportfotodienst

ISBN 978-3-89533-846-5

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1: Reden über Cruyff, die Niederlande und Barcelona

Kapitel 2: Die Niederlande vor Johan

Kapitel 3: Ajax, Mokum, Israel

Kapitel 4: Die Entdeckung des „Fußball total“

Kapitel 5: Der König auf dem Platz

Kapitel 6: Das große Ajax

Kapitel 7: Kulturtransfer nach Barcelona

Kapitel 8: Der bürgerliche Rebell

Kapitel 9: Ein (fast) perfekter Sommer

Kapitel 10: Verpasste Chancen mit der Elftal

Kapitel 11: Rückkehr nach Amsterdam

Kapitel 12: Schöpfer des modernen Barça

Kapitel 13: „Estó es fútbol“

Kapitel 14: Die Drei muss stehen

Kapitel 15: Mein Ajax, sein Ajax

Literatur

Johan Cruyff: Karrieredaten

Danksagung

Der Autor

Bildteil

Vorwort

„‚Tempo-Fußball‘ war noch nicht erfunden, als Cruyff ihn schon längst spielte. Und die Eleganz seines Auftritts ver--mittelte eine erste Ahnung davon, wann und warum Arroganz in künstlerischen Berufen gerechtfertigt ist.“

Fritz Eckenga, Kabarettist und Fußballfan

„Cruyff hat mich sehr beeindruckt. Ich glaube, ich war auch nicht die Einzige in Europa.“

Angela Merkel

Als der FC Barcelona am 28. Mai 2011 durch einen 3:1-Sieg über Manchester United die Champions League gewann, schwärmte Peter Hess anschließend in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Barça steht nicht auf dem Gipfel, weil es neue Dimensionen in Athletik, Wucht, Schusskraft, Aggressivität oder Laufstärke erschlossen hätte. Diese Tugenden würden Emotionen wie Bewunderung, Respekt oder Ehrfurcht auslösen. Das Team sprengt alle bekannten Grenzen an Inspiration, Antizipation, Körperbeherrschung und Ballfertigkeit. Das miterleben zu dürfen, ist nichts anderes als Glück.“

Es gibt Fußballspiele, und das Champions-League-Finale 2011 steht an der Spitze dieser Begegnungen, die lösen auch beim neutralen Betrachter Glücksgefühle aus.

Aber auch Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber den „Erfindern“ dieses wunderbaren Spiels, das völlig zu Recht zum globalsten und erfolgreichsten aller Spiele avancierte. Dankbarkeit dafür, in einer Zeit zu leben, in der vielleicht der beste Fußball aller Zeiten gespielt wird. Und Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die dieses Spiel zu jenem fantastischen Vortrag geformt haben, wie ihn im Mai 2011 87.695 Menschen im Londoner Wembleystadion und Millionen vor den Fernsehschirmen erleben durften.

Hier kommt nun Johan Cruyff ins Spiel, dessen Werk dieses Buch gewidmet ist.

Im Vorfeld des Finales zwischen Barcelona und Manchester wurde das Wembleystadion als „Pilgerstätte des modernen ‚Barcelonismus’“ bezeichnet. Denn im Wembley hatte der FC Barcelona 1992 zum ersten Mal die prestigeträchtigste Trophäe des europäischen Klubfußballs gewonnen. Und dabei bewiesen, dass sich Schönheit und Erfolg im Fußball nicht widersprechen müssen. Der Trainer jener Mannschaft, die als „Dream-Team“ in die Fußballannalen einging, hieß Johan Cruyff, der von 1973 bis 1978 selber für Barça gespielt hatte.

Zu den wichtigsten Spielern in Johan Cruyffs „Dream-Team“ gehörte der „Sechser“ Josep „Pep“ Guardiola, den der Trainer aus Barças B-Team geholt hatte und der Cruyffs Ideen aufsog wie kein anderer. Im Sommer 2008 wurde Guardiola selbst Trainer des FC Barcelona – auf Empfehlung von Johan Cruyff. Das Barça, das 2011 im Wembley triumphierte, war noch besser als das von 1992. Aber ohne Cruyffs „Dream-Team 1.0“ hätte es Guardiolas „Dream-Team 2.0“ nie gegeben.

Als ich im Februar 2012 den Spanien- und Barcelona-Experten Ronald Reng eher beiläufig nach dem Einfluss von Johan Cruyff auf den Fußball des FC Barcelona fragte, fiel seine Antwort so kurz wie klar aus: „Eine Abhandlung über den Einfluss von Cruyff bei Barcelona bräuchte (…) mindestens ein Buch. Ohne Cruyff gäbe es dieses Barça nicht.“

*****

Hierzulande wird Johan Cruyff vor allem mit der WM 1974 assoziiert. Auch des Autors Interesse an Cruyff begann mit dem Turnier in Deutschland. Vor einigen Jahren feierte meine Schule, das Städtische Gymnasium Kamen, seinen 150. Geburtstag. Die Schule lud mich ein, einen Beitrag für die Festschrift zu schreiben. Als Titel meiner Erinnerungen wählte ich: „Herr S., Johan Cruyff und ich.“ „Herr S.“ war ein rechtsradikaler Lehrer, mit dem ich mich als Schülersprecher heftig rieb. Johan Cruyff war mein fußballerisches Idol – und noch mehr.

Wir waren eine „ent-nationalisierte“ Generation, und der Finalsieg von München löste bei uns nicht annähernd die Begeisterung aus wie bei der Generation unserer Eltern das „Wunder von Bern“. (Das bei meinen Eltern allerdings auch keine Begeisterung auslöste, weil sie sich nicht für Fußball interessierten. In den Betrachtungen von 1954 bleibt häufig unerwähnt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung das Turnier in der Schweiz überhaupt nicht wahrnahm.)

Johan Cruyff und Co. bestritten fünf ihrer sieben WM-Auftritte in meiner westfälischen Heimat – drei in Dortmund und zwei in Gelsenkirchen. Und ihr Hauptquartier war das Waldhotel Krautkrämer in Hiltrup vor den Toren Münsters. 34 Jahre später schrieb Klaus Brinkbäumer im „Spiegel“ über die damalige Stimmung im Münsterland: „Hiltrup ist nicht so bekannt. Es gibt eine Marktallee dort und das Eiscafé Martini. Hiltrup hat den Dortmund-Ems-Kanal, die Polizeiführungsakademie, das Waldhotel Krautkrämer und den Sportplatz Hiltrup-Ost, der heute erstaunlicherweise Glasurit-Arena heißt. Kein Mensch jenseits des Münsterlandes kennt Hiltrup. Aber Cruyff und die Holländer verbrachten die WM ’74 in Hiltrup. Im Waldhotel Krautkrämer. Cruyff hatte lange Haare und guckte stolz. Siebenjährige Hiltruper Jungs verbrachten jenen verregneten Sommer ’74 vor dem Waldhotel und auf dem Sportplatz Hiltrup-Ost, wo sie die Trainingsbälle aus dem Wäldchen fischten, und auf Wiesen, wo sie Hollands Siege nachspielten. Die Nummer 14 nannten sie ‚König Johan’, und der trug nur zwei Streifen auf dem Trikot und nicht drei, weil er auch ein Rebell war. Johan Cruyff sagte scharfe Sachen: ‚Wenn ich gewollt hätte, dass Sie’s verstehen, hätte ich es besser erklärt’, so redete Johan Cruyff. Er schrieb auf dem Parkplatz Autogramme: raumgreifend, schnell, er schrieb, wie er spielte. Für Hiltruper Jungs war es nicht einfach, im Sommer ’74 für Deutschland zu sein, denn Holland in Hiltrup, das war eine Verheißung. Cruyff, Neeskens, Rep, Rensenbrink waren die Besten der Welt, und leider wussten sie es.“

Im Finale drückte ich den Niederländern die Daumen – mein schlechtes Gewissen hielt sich dabei in Grenzen. Als ich vier Jahre später nach einigen Umwegen und Verlängerungen schließlich mein Abitur baute, stand erneut eine WM auf dem Programm.

Titelverteidiger Deutschland spielte nach einer peinlichen 2:3-Niederlage gegen Österreich nicht einmal im „kleinen Finale“. In der Festschrift meines Gymnasiums schrieb ich nun 30 Jahre später: „Mich berührte das nicht sonderlich, da ich mit ‚unserer’ Nationalmannschaft bereits während der WM 1974 abgeschlossen hatte. Seit der Begegnung Niederlande gegen Brasilien im Dortmunder Westfalenstadion galt meine Liebe der niederländischen Elftal, die mit ihrem totaal voetbal meine damalige Lebensphilosophie ausgiebig bediente. Totaal voetbal basierte auf einer Theorie vom ‚flexiblen Raum’ und hätte auch in unseren Physik- und Kunstunterricht eingehen müssen. Mein Idol war ‚König’ Johan Cruyff, der zum Ende des 20. Jahrhunderts zu Recht zum ‚europäischen Jahrhundertfußballer’ gekürt wurde (vor dem deutschen ‚Kaiser Franz’). Cruyff, den der ‚Times’-Journalist David Miller ‚Pythagoras in Fußballschuhen’ taufte, und seinen Mitspielern war es gelungen, eine Verbindung zwischen Kollektivismus und kreativem Individualismus zu realisieren, womit er unser Programm repräsentierte. Für viele Niederländer (aber auch einige Deutsche) war die schmächtige, kettenrauchende Gestalt aus einem Kleineleute-Viertel des Amsterdamer Ostens mehr als ‚nur’ ein Fußballer, nämlich Repräsentant einer kulturellen, politischen und sozialen Revolution, die unser Nachbarland in den 1960ern von einem eher rückständigen Gebilde zu einer der progressivsten Adressen in Europa transformierte.

Kein Wunder, dass wir als Schüler die Jugendmetropole Amsterdam gerne am Wochenende aufsuchten. Fußball à la Oranje bedeutete auch lange Haare und das Trikot über der Hose, und Johan Cruyff hätte unsere Lehranstalt sicherlich nicht nur fußballerisch bereichert.

Seinen politisch bedeutendsten Auftritt zelebrierte Cruyff am 17. Februar 1974 im Estadio Bernabéu zu Madrid, als er den FC Barcelona zu einem furiosen 5:0-Sieg über Real, das ‚Regime-Team’, führte. Für Millionen Spanier und Katalanen war dieser Tag der Anfang vom Ende der Franco-Diktatur. In Barcelona erlangte Cruyff durch dieses Spiel den Status eines Heiligen – bei mir ebenfalls. Cruyff schlug auch Marx, Lenin und Che Guevara um Längen. Libuda mag Gott umdribbelt haben (,Keiner kommt an Gott vorbei – außer Libuda‘), aber Cruyff ließ sogar Marx stehen.“

De facto war natürlich alles anders. Politisch war Cruyff eher konservativ. Ein Revolutionär war er nur auf dem Fußballfeld und wenn es um eine angemessene Bezahlung der zunächst von den Verbänden und Vereinen ausgenutzten Fußballprofis ging.

*****

Als ich Freunden und Kollegen über mein Vorhaben eines Buches über Johan Cruyff erzählte, waren die Reaktionen geteilt. Die einen waren begeistert, erinnerten sich an die WM 1974 und an das „Dream-Team“ des FC Barcelona von 1992. Die anderen, und das waren nicht wenige, sahen Cruyff vor allem als ein „arrogantes, selbstgerechtes und geldgieriges Arschloch“ und „permanenten Nörgler“. Mein wesentliches Motiv für dieses Buch war das Gefühl, dass Johan Cruyff anders ist als die anderen ehemaligen Weltklassefußballer, die mit ihm in einem Atemzug erwähnt werden. Anders als Alfredo Di Stéfano, Franz Beckenbauer, Pelé oder Diego Maradona.

Denn Johan Cruyff hat mehr als nur großartige und erinnerungswürdige Auftritte hinterlassen. Cruyff hat die Entwicklung des Weltfußballs beeinflusst wie kein anderer der ehemaligen Großen. Er steht für eine bestimmte Idee vom Fußballspiel, eine höchst attraktive noch dazu. Diese hat ihren Ursprung im „Fußball total“ des Trainers Rinus Michels, der vielleicht letzten großen taktischen Revolution im Weltfußball. Viele Dinge, die heute im Fußball selbstverständlich sind, wie angreifende Verteidiger, Positionsspiel, Pressing und ein mitspielender Torwart, wurden in den Jahren 1965 bis 1974 eingeführt.

Michels „Fußball total“ konnte aber nur funktionieren, faszinieren und zur Nachahmung animieren, weil ihm mit Johan Cruyff ein Spieler zur Verfügung stand, der ein „totaler Fußballer“ und spielender Trainer war.

Als Spieler, Trainer und Berater war Johan Cruyff an einigen der faszinierendsten Teams der Fußball-Weltgeschichte beteiligt. Cruyff war die zentrale Figur des großen Teams von Ajax Amsterdam, das 1971 bis 1973 dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann – im Übrigen das erste Mal im Wembley… Bei der WM 1974 in Deutschland war Cruyff Anführer der niederländischen Nationalmannschaft, die die Herzen der Fußballfans im wahrsten Sinne des Wortes im Sturm eroberte, auch wenn sie im Finale an Deutschland scheiterte. Als Trainer formte Johan Cruyff Barcelonas „Dream-Team“, als Berater war er nicht unbeteiligt an Barças Champions-League-Triumphen 2006, 2009 und 2011. Und dass Spanien nach über 40 titellosen Jahren 2008 Europameister und 2010 Weltmeister wurde, auch daran war Cruyff beteiligt. Denn Cruyff hatte über den FC Barcelona den spanischen Fußball verändert.

Wo immer sich die Gelegenheit bietet, fordert Johan Cruyff einen auf exzellenter Technik basierenden Offensivfußball, der sich nicht nach dem Gegner richtet. Und wo immer ein solcher gespielt wird, ist der Name Cruyff nicht weit. Kaum eine Diskussion über offensiven und attraktiven Fußball ohne die Erwähnung von Cruyff.

Cruyff ist der glaubwürdigste und entschiedenste Verfechter eines angriffslustigen und attraktiven Fußballs – und dies nun bereits seit über 40 Jahren.

Aber Johan Cruyff ist kein Gott und hat mitnichten immer Recht. Und schon gar nicht ist er in seinen Urteilen immer gerecht. Cruyff ist schroff und geht einem mit seinem Dogmatismus und seiner Nörgelei manchmal gehörig auf die Nerven.

Aber Cruyff ist wichtig für den Fußball: als Gralshüter und Prophet einer offensiven und unterhaltsamen Spielweise und als Kritiker jeder Form von Negativtaktik. Im Cruyff’schen Fußball will der Spieler immer den Ball haben und ist ein Fußballspieler. Für Cruyff ist guter Fußball ein Fußball, der den Spielern und den Zuschauern Spaß macht.

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Das vorliegende Buch erhebt nicht den Anspruch einer klassischen Biografie. Ein solches Vorhaben wäre anmaßend gewesen. Es ist ein Buch über einen Fußballfanatiker und eine Idee vom Fußball, in der sich der Autor wiederfindet. Weshalb mir der Leser verzeihen mag, wenn sich Cruyffs und meine Gedanken zuweilen etwas miteinander vermengen – bis hart an die Grenze des Erlaubten.

Dietrich Schulze-Marmeling, Mai 2012

Anmerkung zur Schreibweise:

Johan Cruyff wird eigentlich Johan Cruijff geschrieben. Unter diesem Namen wurde er nach seiner Geburt im Amsterdamer Personenstandsregister registriert. Zu „Cruyff“ wurde Cruijff erst im Zuge seiner internationalen Karriere. In den Niederlanden wird unverändert die ursprüngliche Schreibweise benutzt – also „Cruijff“. Im Ausland hingegen firmiert er, wie auch in diesem Buch, in der Regel als „Cruyff“.

Kapitel 1: Reden über Cruyff, die Niederlande und Barcelona

„Es war phantastisch! Cruyff war eine faszinierende Persönlichkeit.“

Lucien Favre

Das „Erweckungserlebnis“ des Lucien Favre

In der ersten Halbserie der Saison 2011/12 ist Borussia Mönchengladbachs Lucien Favre (Jahrgang 1957) der Trainer unter den Trainern der Bundesliga. Und dementsprechend als Interviewpartner begehrt. Zunächst hatte Favre den Gladbachern die Klasse erhalten – auf dem unkonventionellen Weg: Er verbesserte die Spielkultur des Teams. Anschließend absolvierte die Mannschaft ihre beste Hinrunde seit 15 Jahren. Nach einem souveränen 3:0-Sieg im rheinischen Derby beim 1. FC Köln taufte der englische „Guardian“ Favres Team „Borussia Barcelona“. Aber nicht der Blick auf die Bundesligatabelle, wo die Gladbacher nur drei Punkte hinter dem Spitzenreiter rangieren, führt mich zum Mönchengladbacher Borussia Park, sondern die Tatsache, dass Favre in seinen Interviews häufig auf Johan Cruyff zu sprechen kommt.

Die Schweizer Fußballannalen führen den 24-fachen Nationalspieler Lucien Favre als brillanten Techniker und intelligenten Spielmacher. Für die Medien war er der „Platini der Westschweiz“. Und wie Johan Cruyff hatte sich auch der schmalschultrige Favre mit überharten Gegenspielern zu plagen, die sein Spiel zerstören wollten. Seine Trainerkarriere begann er 1991 als Assistenztrainer bei den C-Junioren des FC Echellens. Der Ex-Profi wollte einen Fußballverein von der Basis aus kennenlernen.

Favre beschritt damit den „niederländischen Weg“. Anfang 2012 erklärt Jos Luhukay, der niederländische Trainer des Bundesligisten FC Augsburg, auf die Frage, warum niederländische Trainer so gefragt sind: „Ein Grund ist sicherlich, dass sich viele der sogenannten großen Trainer bereits sehr früh für ihren späteren Beruf interessiert haben. Sie fingen zunächst bei kleinen Vereinen an, waren im Jugendbereich tätig, lernten von der Pike auf. Sie haben dort die notwendigen Erfahrungen gesammelt. Und sich erst später für den nächsten Schritt entschlossen. Der führt dann in den Profifußball. Das ist, so glaube ich, sehr wichtig. Denn der Trainerberuf erfasst doch ein großes Spektrum.“

„Cruyff – das ist interessant, das macht Spaß“, eröffnet Lucien Favre das Gespräch. Spaß macht es aber vor allem, Favre zuzuhören. Der Mann lebt und denkt Fußball.

Ins Zentrum seiner Aussagen rutscht immer wieder der Begriff „Spielintelligenz“, wobei einem das berühmte Cruyff-Zitat „Fußball ist ein Spiel für den Kopf“ in den Sinn kommt. Spielintelligenz sei das erste Kriterium beim Cruyff-Kind FC Barcelona. „Ohne Spielintelligenz hast du keine Chance in Barcelona. Und natürlich Technik – aber Technik in und aus der Bewegung.“ „In und aus der Bewegung“, auch das kommt in Favres Ausführungen immer wieder vor und erinnert an Cruyff. Wer die Dinge „in und aus der Bewegung“ macht, der macht das Spiel mit dem Ball schneller, ohne deshalb mehr laufen zu müssen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber im Kindertraining häufig nicht beachtet wird. Da passt man sich den Ball gegenseitig zu, und der Beobachter hat den Eindruck, man habe die Beine der kleinen Kicker im Rasen eingepflockt.

Intelligenz und Bewegungsfähigkeit ermöglichen es, „den richtigen Moment zu finden, um zu beschleunigen. Du musst den Ball zirkulieren lassen und plötzlich nach vorne spielen, um deinen Gegner zu überraschen.“ Die Schnelligkeit sei „sehr, sehr wichtig. Aber Schnelligkeit meint für mich nicht nur laufen. Das ist auch eine Frage der Ballannahme, die mit der richtigen Bewegung erfolgen muss – die richtige Bewegung ist sehr wichtig.“

Barcelona, das ist Favres Idealbild vom Fußball. „Sie verkörpern eine Philosophie. Bei Barça hat sie Johan Cruyff installiert. Ballzirkulation, ein Wechselspiel von Tempo und Ruhe. Beschleunigen im richtigen Moment, um den Gegner aus seinen Positionen herauszuspielen. Spielintelligenz. Das ist auch meine Philosophie.“ Aber Barça zu kopieren, „das ist total unmöglich. Keine Mannschaft ist wie sie, sie sind einmalig.“ (Als Borussia Mönchengladbach am letzten Spieltag der Hinrunde 2011/12 beim FC Augsburg mit 0:1 unterliegt, ist es für Favre ein „kleiner Trost“, dass am Abend des selben Tages der FC Barcelona den Clásico gegen Real Madrid gewinnt.)

Seine erste „Begegnung“ mit Cruyff war das Ajax-Team der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. „Alle Spieler sehr schnell, lange Haare, etwas arrogant. Und mit total viel Selbstvertrauen.“ Im Herbst 1978 darf der 20-jährige Favre im Trikot von Lausanne Sports selber gegen Ajax spielen. Aus dem großen Team der Amsterdamer, das von 1970/71 bis 1972/73 den Europapokal der Landesmeister dominierte, war nur noch der 28-jährige Ruud Krol dabei. Aber mit Spielern wie den Dänen Sören Lerby, später für den FC Bayern am Ball, und Frank Arnesen, heute Sportdirektor des Hamburger SV, stellte Ajax noch immer ein beeindruckendes Ensemble. Und die Philosophie des „Fußball total“ war auch noch zu erkennen. In Amsterdam unterlagen die Schweizer nur mit 0:1 – dank einer überragenden Vorstellung ihres Keepers. Favre: „Das Spiel hätte auch mit einem 8:0-Sieg für Ajax enden können. Die haben unglaublich viele Torchancen kreiert. Unsere Verteidiger wurden bis zur Eckfahne gepresst, wo sie den Ball nur noch wegschlagen konnten. Ein Team mit ganz viel Selbstvertrauen.“ (Im Kontext seiner Ausführungen über „Mut“ und „Selbstvertrauen“ erwähnt Favre beiläufig, dass er gerade eine Churchill-Biografie lesen würde. „Darf man das in Deutschland sagen?“ Natürlich darf man das.)

Lucien Favre begegnete Ruud Krol noch ein weiteres Mal. 1981 wechselt er zu Servette Genf, das von dem Niederländer trainiert wird. Krol habe den Spielern einmal erzählt, wie sie früher den Gegner bereits im Tunnel zum Spielfeld eingeschüchtert hätten – durch eine an Arroganz grenzende offensive Körpersprache.

Den „König“ selbst traf Favre erst elf Jahre später. 1992 hatte der FC Barcelona mit Johan Cruyff als Trainer den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Die Medien sprachen von einem „Dream-Team“, Barça und Cruyff waren das Maß aller Dinge.

In der folgenden Saison durfte Lucien Favre bei Johan Cruyff in Barcelona 15 Tage hospitieren. 15 Tage, die den Trainer Favre prägten, der sich schon als Spieler in die Spielphilosophie von Cruyffs Barça verguckt hatte. „Es war phantastisch! Cruyff war eine faszinierende Persönlichkeit.“ Der „Spiegel“ schreibt später, die Tage bei Cruyff seien Favres „Erweckungserlebnis“ gewesen.

Und das Training? Cruyff habe nie Standards geübt und auch nicht das klassische Verteidigen. Stattdessen: „Viel Passspiel. Einfache Übungen, Vier-gegen-Vier plus zwei Neutrale auf der Hälfte des Strafraumes. Er hat intensiv an der Qualität der Pässe gearbeitet: flach, präzise in den Lauf. Für mich ist die Qualität der Pässe sehr wichtig. Wie soll ich schnell spielen, wenn der Ball unsauber gespielt wird? Ronald Koeman konnte kurz und lang spielen. Bei gegnerischem Pressing hat er sofort lange präzise Pässe in die Spitze gespielt.“

Außerdem habe Cruyff intensiv die Ballbehauptung geübt. De facto habe er ohne Innenverteidiger gespielt, denn die, die dort nominell postiert waren, agierten wie Mittelfeldspieler. „Es ging stets um Ballbesitz und um das Herstellen von Überzahl. Er hat nie ein Training vorbereitet, um das Verteidigen zu üben. Auch keine Standards. Daran hatte er kein Interesse.“

Auch die beidfüßige Ausbildung seiner Spieler sei für Cruyff sehr wichtig gewesen. Denn „Beidfüßigkeit“ beschleunige das Spiel. „Die Spieler konnten schnell spielen und gleichzeitig sehen, was auf dem Feld vorgeht. Es hat weniger interessiert, wo der Ball ist, sondern wo die anderen sich hinbewegen.“ Spielintelligenz eben.

Cruyff habe bei Barça das 3-4-3 erfunden. „Barça hat 3-4-3 gespielt, nicht 4-3-3 wie Ajax. Alle Jugendmannschaften spielten das System der Profis. Damals ein 3-4-3, nicht wie heute 4-3-3. Cruyff allein war es, der die Philosophie veränderte.“ (Cruyff hat häufiger sogar mit nur zwei Verteidigern gespielt, da sich Ronald Koeman im Mittelfeld herumtrieb.) Um so zu spielen, wie es Cruyffs Vorstellungen entsprach, müsse man über „eine unglaubliche Persönlichkeit“ verfügen: „Cruyff hat stur an seinem System festgehalten. Auch wenn der Gegner mit drei Stürmern antrat und somit außen einer fehlte.“

Pep Guardiola, der aktuelle Barça-Trainer, habe mit Cruyff viel gemeinsam. „Er war sein Spieler, die Nummer sechs vor der Abwehr. Aber er war vor allem ein fantastisch intelligenter Fußballer. Guardiola hat Cruyffs Philosophie perfekt verstanden.“ Auch Guardiola denke „keine Sekunde, wir müssen verteidigen.“

Ich frage Favre nach Cruyffs Definition eines „großen Klubs“. Für Cruyff muss ein „großer Klub“ über eine einheitliche Spielphilosophie verfügen und offensiv spielen. Der Kern des Teams muss aus im Klub ausgebildeten Spielern bestehen, deren Spielweise sich die „Zugekauften“ anzupassen haben. Favre: „Die Etablierung einer einheitlichen Spielphilosophie ist extrem schwierig. Dazu bedarf es einer jahrelangen Kontinuität in der Ausbildung. Wer spielt in Europa nach einer einheitlichen Spielphilosophie? Barça, Arsenal und Manchester United – Real Madrid nicht, Ajax nicht mehr.“

Und wo ordnet Lucien Favre Johan Cruyff in der Geschichte des Weltfußballs ein? „Als Spieler war Cruyff einer der Größten – mit Beckenbauer und Pelé. Aber als Trainer hat Cruyff noch mehr gemacht. Er hat eine Philosophie entwickelt, die nicht nur Barça, sondern den gesamten spanischen Fußball beeinflusst hat: flach spielen und zwischen den Linien. Kombinationen, Ballzirkulation – das brachte er aus der Ajax-Schule mit. Wir wissen doch, dass es damals in Spanien richtig rustikal zugehen konnte. Dass Spanien nun Weltmeister geworden ist mit diesem schnellen, technischen Fußball, daran hat auch Johan Cruyff seinen Anteil. Für mich ist Cruyff im Konzert des Fußballs ganz nah an der Nummer eins.“

Ganz nah dran. Favre sagt nicht, wem der Thron gebührt. Vermutlich bleibt er vakant, und dies ist wahrscheinlich eine kluge Entscheidung. An der Nummer eins sind einige „nah dran“, aber Cruyff, wenn man sein Gesamtwerk anschaut – sein Wirken als Spieler, sein Wirken als Trainer, vor allem aber seinen Beitrag zur Philosophie des Spiels –, vielleicht am allernächsten.

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Michel Jansen: Cruyff, van Gaal und das „typisch Niederländische“

Ein trüber Morgen im November. Ich parke vor dem FBK-Stadion im niederländischen Hengelo. Neben mir stehen einige Kleintransporter der Fußballakademie des FC Twente Enschede, auf denen geschrieben steht: „Voetbal, Ambiance, Solidariteit“. Unter der Regie seines visionären Präsidenten Joop Munstermann soll der FC Twente für die Region Twente werden, was der FC Barcelona für Katalonien ist – eben mehr als nur ein Klub. Der FC Twente soll Werte verkörpern.

Die vereinseigene voetbalacademie ist im FBK-Stadion untergebracht; auf einem Nebenplatz trainiert im Nebel seit acht Uhr morgens die U19 des FC Twente. Derweil lässt sich eine Delegation des AIK Stockholm die Anlage zeigen. Seit einiger Zeit geben sich ausländische Klubs hier die Klinke in die Hand. Sie alle wollen mehr über das erfolgreiche Ausbildungskonzept des FC Twente erfahren, das grenzübergreifend wirkt. 20 bis 25 Prozent der Juniorenspieler kommen aus den deutschen Grenzregionen. Die Fortbildungsveranstaltungen des FC Twente werden auch von vielen deutschen Juniorentrainern besucht.

Nach dem ersten Training der Jugendmannschaften herrscht in den engen Gängen, Kabinen und Büroräumen der Akademie großes Gedränge. Es riecht nach Arbeit und Kommunikation. Ich treffe mich mit Michel Jansen, dem Kopf der Nachwuchsausbildung des FC Twente. Den Capuccino gibt es im Pappbecher aus einem Automaten. Als Ort für unser Gespräch wählt Jansen einen benachbarten Pavillon.

In den Tagen vor unserem Treffen gab es in den Niederlanden nur ein Thema: den „kalten Krieg“ zwischen Johann Cruyff und seinen vier Aufsichtsratskollegen bei Ajax, die im Alleingang Cruyffs Erzkonkurrenten Louis van Gaal zum Generaldirektor gekürt hatten. Michel Jansen spricht aus, was nicht wenige denken: dass Cruyff und van Gaal eigentlich ein Traumduo darstellen könnten. Beide seien großartige Trainer. Natürlich gebe es auch Unterschiede. Cruyff würde stärker das Individuum sehen und die individuelle Ausbildung betonen. Van Gaal richte sein Augenmerk vorrangig auf die Mannschaft und deren Funktionstüchtigkeit. Und wo für van Gaal Organisation und Disziplin von großer Bedeutung seien, räume Cruyff vielleicht der Intuition und Kreativität mehr Raum ein. Nach dem Motto: „Lass es mal laufen. Wird schon.“

Eigentlich könnten sich Cruyff und van Gaal hervorragend ergänzen und eine ideale Mischung bilden. Wenn man sich gegenseitig respektieren würde. „Aber man muss gemeinsam durch eine Tür gehen. Das können sie nicht.“ Leider würden Cruyff und van Gaal stets lieber über ihre Differenzen als über ihre Gemeinsamkeiten reden.

Michel Jansen ist ohnehin der Überzeugung, dass die beste Trainerkonstellation folgendermaßen aussehe: Trainer Nr. 1: ein Ex-Profi, der auf höchstem Niveau gespielt hat. Der die Kabine kennt und weiß, wie Profis ticken. Und dessen Arbeit von Erfahrung und Intuition geleitet wird. Trainer Nr. 2: ein mehr wissenschaftlich orientierter und taktisch versierter Arbeiter. Ein solches Duo hätten beim FC Barcelona der ehemalige Weltklassespieler und Europameister Frank Rijkaard und der ehemalige niederländische Amateurnationalspieler Henk ten Cate gebildet. (Zuvor war ten Cate in Deutschland als Cheftrainer von Bayer Uerdingen gescheitert. Und Frank Rijkaard als Cheftrainer von Sparta Rotterdam.)

Die Auseinandersetzung Cruyff versus van Gaal sei typisch für die Niederlande. „Das war schon früher so, wo sich Wiel Coerver und seine Schule und der KNVB mit Rinus Michels gegenseitig bekämpften, anstatt ein gemeinsames Paket zu schnüren. Coerver betonte die individuelle technische Ausbildung, beim KNVB stand das Vier-gegen-Vier im Zentrum.“

In den Niederlanden wird unverändert konsequent nach dem 4-3-3 ausgebildet. Laut „Voetbal International“ spielten am Wochenende vor unserem Gespräch von den 18 Mannschaften der niederländischen Eredivisie 14 im 4-3-3. Wobei zu berücksichtigen ist, dass dieses System unterschiedlich interpretierbar und flexibel zu handhaben ist; beispielsweise könne man mit einer Sturmspitze starten, aus der dann ein Dreier-Angriff werde, indem Mittelfeldspieler als Flügelstürmer agieren. Für die Ausbildung in den Niederlanden bedeutet die 4-3-3-Tradition, dass das Land seit vielen Jahren erstklassige Offensivspieler, vor allem Flügelstürmer produziert.

Natürlich wird auch beim FC Twente nach dem 4-3-3 ausgebildet. Und wie Cruyff, so erläutert Michel Jansen, legt man zunächst die Betonung auf die individuelle Ausbildung. Bis zum 16. Lebensjahr sei das Ergebnis nebensächlich, erst ab der U17 gehe es auch darum, wie man als Mannschaft den Sieg organisiere.

Ich frage Michel Jansen, ob die Niederlande vielleicht – auch wegen der Cruyff’schen Philosophie – allzu lange zu wenig Wert auf das Erlernen des Verteidigens gelegt habe? Jansen verneint dies: „Unsere Philosophie hat uns dorthin gebracht, wo wir heute sind. Wir sind ein kleines Land, aber bei fast jeder WM und EM mit dabei.“ Ohnehin meine „Verteidigen“ in den Niederlanden etwas anderes als das, was wir damit in Deutschland traditionell verbinden. Denn eigentlich geht es nicht um Verteidigen, sondern um Balleroberung. Der niederländische Spieler, der den Ball verliert, will nicht in erster Linie ein Gegentor verhindern, sondern das Spielgerät zurückhaben. Verteidigen ist eine aktive, auf die Balleroberung gerichtete Aktion, kein einfaches Stellen des Gegners. Mit anderen Worten: Auch beim Verteidigen wird angegriffen.

Für Michel Jansen können die Niederlande noch besser werden. Aufgrund ihrer Ausbildung wollten sie immer den Ball haben, hörten aber nach Ballverlust häufig auf zu spielen. Wenn sie dieses Manko abstellen würden, dann könnten sie einen weiteren großen Schritt nach vorne machen. Eine Mannschaft, die dies bereits beherrsche, sei der FC Barcelona. Barças Spieler wollten den Ball stets wiederhaben. „Wo der Ball ist, sind sie mit einem Spieler in Überzahl. Das geht natürlich nur, wenn alle mitmachen und man sich gegenseitig hilft. Wenn die Rückeroberung nicht gelingt, haben sie natürlich ein Problem, weil sie an anderer Stelle ein Mann weniger sind. Aber was soll es! Mit diesem Risiko kann man leben.“

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Erik Meijer, Peter Hyballa, Eric van der Luer: Lernen von den Niederlanden?

Im August 2011 ist die Fußballsaison noch jung. Beim Zweitligisten Alemannia Aachen werden die sportlichen Geschicke von einem niederländisch-deutschen Trio geleitet: Erik Meijer (Manager), Peter Hyballa (Cheftrainer) und Eric van der Luer (Co-Trainer). Alle drei stammen aus dem Grenzgebiet – Hyballa aus dem westfälischen Bocholt, Meijer und van der Luer aus Meerssen bzw. Maastricht in der Provinz Limburg. Und alle drei haben ihre eigene Sicht auf Johan Cruyff.

Für Peter Hyballa (Jahrgang 1975) ist Alemannia Aachen die erste Station im Profigeschäft. Als Hyballa am Tivoli anheuert, ist er mit 34 Jahren der jüngste Trainer im deutschen Profifußball und verfügt über keine Erfahrungen im Seniorenbereich. Aber er hat sich bereits einen Namen gemacht, als Coach der U19-Teams des VfL Wolfsburg und von Borussia Dortmund. Und seine erste Saison bei Alemannia verlief recht vielversprechend; mit einer jungen Mannschaft erreichte man Platz zehn, und im DFB-Pokal unterlag man erst im Viertelfinale dem von Louis van Gaal trainierten Pokalverteidiger Bayern München.

Peter Hyballa ist zu jung, um den Spieler Johan Cruyff live erlebt zu haben. Aber einen intensiven Bezug zu Cruyff hat er trotzdem. Hyballas Vater war Seemanns-Pastor in Rotterdam, seine Mutter Deutsche. In Bocholt ist Hyballa zweisprachig aufgewachsen. Schon früh entwickelte er ein Interesse am niederländischen Fußball, reiste als Jugendlicher nach Arnheim und Rotterdam, um Vitesse und Feyenoord zu sehen.

Die Ajax-Schule war damals auch in Deutschland in aller Munde, aber niemand wusste so richtig, was das ist. Hyballa: „Also fuhr ich hin und schaute es mir an.“ Er schrieb seine Magisterarbeit über die niederländische Nachwuchsarbeit und veröffentlichte später – gemeinsam mit Hans-Dieter te Poel – ein viel beachtetes Buch zu diesem Thema: „Mythos niederländische Nachwuchsarbeit“. Der „Fußball total“ wurde zu einer „Inspirationsquelle“ für den jungen Fußballtrainer. Hyballa: „Die Diskussionen gehen immer um Visionen. Ich will Profifußball schmecken, ich will ’ne Show haben.“

Für Peter Hyballa ist Cruyff der „Vater des Offensiv- und Zirkulationsfußballs“: „Wovon schwärmt die Fußballwelt seit Jahrzehnten? Antwort: vom Ajax-Modell und nach der WM 2010 vom ‚Ableger’ La Masia in Barcelona. Zwei Fußballschulen, die auf Johan Cruyff zurückgehen.“ Und zu Cruyffs Persönlichkeit: „Große Trainer und große Schriftsteller sind etwas schwierig. Wenn du ästhetischen Fußball liebst und ein Programm hast, mobilisierst du immer Neider und Kritiker – und dann wehrst du dich.“

Hyballas Co-Trainer Eric van der Luer (Jahrgang 1965) begann seine Karriere als Profispieler 1982 bei MVV Maastricht und wechselte 1987 zu Roda JC Kerkrade, wo er unter anderem unter den Trainern Huub Stevens und Martin de Jol 418 Spiele in der Eredivisie bestritt. Seine Profikarriere ließ er bei Alemannia Aachen ausklingen. 2010 absolvierte van der Luer einen Lehrgang an der berühmten niederländischen Trainerschmiede in Zeist und hospitierte in München bei Landsmann Louis van Gaal.

Mit Eric van der Luer spreche ich zunächst über den sensationellen Einfluss, den die Niederlande seit den späten 1960ern auf den Weltfußball ausgeübt haben. Wie erklärt sich das? Es hat wohl auch mit einem ausgeprägten Pioniergeist, Abenteuerlust und einem gewissen Hang zum Missionieren zu tun. Van der Luer: „Die Niederlande sind ein kleines Land – und doch wieder nicht. Wir haben nur 200 Kilometer Küste und sind trotzdem ein Volk von Seefahrern. Überall, wo Wasser ist, sind die Niederländer gewesen. Unsere Vorfahren sind auf Holzbooten bis nach Indonesien gereist, Holländer haben New York gegründet, und in Südafrika spricht ein Teil der Bevölkerung noch immer Holländisch. Und überall auf der Welt lehren niederländische Trainer.“

Für Eric van der Luer steht Johan Cruyff für den starken Ausbildungsgedanken im niederländischen Fußball: „Die Jugend ist immer sein Thema gewesen. Auch jetzt wieder in Amsterdam.“ Van der Luer ist selber in ein Cruyff’sches Ausbildungsprojekt involviert: Die von der Johan Cruyff Foundation geförderten sogenannten Cruyff Courts, kleine Kunstrasenfelder mit kleinen Toren, die inmitten dicht besiedelter Gebiete gebaut werden und auf denen der gute alte, die Technik schulende Straßenfußball zelebriert werden soll. Van der Luer betreut einen solchen Cruyff Court in der Region Maastricht / Kerkrade.

Für ein kleines Land wie die Niederlande habe eine Figur wie Cruyff „eine riesige Bedeutung“. Dass er umstrittener sei als hierzulande der „Kaiser“ Franz Beckenbauer, führt van der Luer auf zwei Faktoren zurück: die deutsche Boulevardpresse, namentlich die „Bild“-Zeitung, und den Widerspruchsgeist der Niederländer, die stets alles und jeden hinterfragen würden.

Cruyff, Pelé und Beckenbauer werden häufig in einem Atemzug genannt. Ich frage van der Luer nach den Unterschieden: „Cruyff agiert, Beckenbauer und Pelé reagieren. Cruyff hat eine Idee, und diese setzt er durch.“ Beckenbauer und Pelé hätten keine eigene Philosophie vom Fußball. Für welchen Fußball der „Kaiser“ steht, bleibt in der Tat nebulös. Außerdem rede Cruyff „viel mehr über die Sache Fußball als Pelé und Beckenbauer. Cruyff hört man zu. Es ist nicht immer leicht, ihn zu verstehen. Aber dann merkt man doch: Was er sagt, hat Hand und Fuß. Alles, worüber er sich Gedanken gemacht hat und was dann in die Praxis gebracht wurde, verlief positiv.“

Was die Leute häufig vergessen würden: Cruyffs Spielphilosophie starte mit etwas Unattraktivem: dem Organisieren. Am Anfang des Vormarsches stehe „die Organisation des gegnerischen Ballverlustes“. De facto stünden in diesem Moment sechs defensive und vier offensive Spieler auf dem Feld. Im Übrigen habe die niederländische Nationalmannschaft von 1974 mit richtigen Verteidigern gespielt: „Hulshoff und Suurbier waren Leuten, denen du nicht mitten in der Nacht in einer dunklen Straße begegnen wolltest.“

Auch bei Barcelonas Coach Pep Guardiola würde oft der defensive Inhalt des Konzepts vergessen. Beim „Fußball total“ würde immer nur darüber geredet, dass die Verteidiger auch stürmen. Und nur wenig darüber, dass die Stürmer und Mittelfeldspieler auch verteidigen.

Cruyffs aktuelle Kritik an der Ausbildung bei Ajax Amsterdam sei völlig korrekt. Früher habe man z. B. gezielt „linke Verteidiger“ ausgebildet. „Alles war im hauseigenen Arsenal vorhanden. In den letzten Jahren musste man Positionen mit mittelmäßigen, aber teuren Einkäufen besetzen.“

Skeptischer beurteilt Erik Meijer, der Dritte meiner Aachener Gesprächspartner, die Person Cruyff. Meijer (Jahrgang 1969) ist als Spieler viel herumgekommen, spielte beim PSV Eindhoven, beim KFC Uerdingen, bei Bayer Leverkusen, dem FC Liverpool, dem Hamburger SV und zum Schluss bei Alemannia Aachen, wo man ihn dann für die Position des Geschäftsführers Sport verpflichtete.

Wenngleich er Johan Cruyff nicht den Respekt verweigert, macht Meijer keinen Hehl daraus, dass er kein großer Freund seiner Persönlichkeit ist. Cruyff kritisiere viel, wolle aber nie Verantwortung übernehmen. Er habe viele Jahre immer andere vorgeschickt, „seine Adjutanten: Ronald de Boer, Marco van Basten – Leute, die er groß gemacht hat“.

Für den Jugendlichen Erik Meijer allerdings war Cruyff „ein Trendsetter – einer, der gegen die Strömung schwamm; der nach links marschierte, als alle anderen nach rechts gingen. Auf dem Spielfeld wie in der Gruppe.“ Fußball sei „ein egoistischer Teamsport. Jeder kämpft um seinen Platz im Team, um seinen Vertrag. Und gleichzeitig muss man gemeinsam spielen und gewinnen.“ Cruyff habe die Idee vom „egoistischen Teamsport“ als Spieler perfekt verkörpert. Dass er 1983 von Ajax Amsterdam zum Erzfeind Feyenoord Rotterdam gewechselt sei, nachdem man ihn bei Ajax nicht mehr ausreichend gewürdigt habe, sei typisch für ihn gewesen.

Cruyff sei „sehr anwesend – auch wenn er nicht anwesend ist. In Amsterdam wie in Barcelona. Sein Geflüster bringt sehr viel Wind ins Dorf.“ Cruyff sei sehr konfrontativ, was Meijer nicht per se schlecht findet: „Konfrontation erzeugt Kreativität.“ Was wohl irgendwie niederländisch sei. Meijer: „Wir Niederländer sind immer die Ersten, die etwas probieren. Prostitution, ‚weiche Drogen’ und eben ‚totaal voetbal’. Auch im Fußball sind wir die Ersten. Überall, wo Wasser ist, sind auch wir Niederländer. Und überall, wo wir sind, müssen wir den Leuten erzählen, wie es besser geht.“

Sind Johan Cruyff und Louis van Gaal wirklich so unterschiedlich in ihren Philosophien? Meijer: „Das sind Magnete – und Plus und Plus stößt sich ab. Van Gaal ist eine große Persönlichkeit und rhetorisch sehr gut. Und genauso arrogant wie Cruyff. Das sind Spiegelbilder.“

Was macht man im niederländischen Fußball anders als in anderen Ländern? „Die Technik steht stark im Vordergrund, bei uns hat jeder Jugendspieler im Training einen Ball. Nicht elf Spieler einen Ball. Außerdem wird bei uns schon in der Jugend taktisch gut geschult. Technik- und Taktiktraining genießen absolute Priorität: Passformen mit zahlreichen Wiederholungen, Verschieben und Pressen, Trainingsformen mit Ball und in kleinen Gruppen zur Defensive und Offensive, Spielformen und das Vier-gegen-Vier als Basis für alle weiteren Spiel- und Trainingsformen.“ Auch seien niederländischer Spieler mündiger, lauter, mutiger und eher dazu in der Lage, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Bereits den Juniorenspielern würde beigebracht, sich im Spiel hörbar untereinander zu coachen. „Beim Spiel im Stadion ist es laut – da versteht man den Trainer nicht. Da muss es diese Spieler geben, die auf dem Platz coachen. In den Niederlanden musst du als Spieler mitdenken und Eigenverantwortung übernehmen.“

Der Spieler Johan Cruyff hatte es allen vorgemacht. Diese Gesten auf dem Spielfeld, dieses Wedeln mit den Armen, das Anzeigen von Laufwegen, diese permanente Kommunikation mit seinen Mitspielern – das hatte die Fußballwelt in dieser Form und diesem Ausmaß noch nicht gesehen.

Im September 2011 bricht das Aachener Dreigestirn auseinander. Nach sieben Spielen hat die Alemannia nur drei Punkte auf dem Konto. Nun greifen die „branchenüblichen Regeln“. Der Klub und seine Trainer Hyballa und van der Luer trennen sich im gegenseitigen Einvernehmen. Was folgt, ist weder mutig noch visionär, und auch nicht erfolgreich: Am Aachener Tivoli regiert nun Friedhelm Funkel.

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Hans Meyer, der deutsche Import

Hans Meyer (Jahrgang 1942) ist eine Kultfigur im deutschen Fußball. Nicht nur wegen seiner zuweilen sarkastischen und von Selbstironie geprägten Wortmeldungen. Hans Meyer war vor allem ein ziemlich erfolgreicher Trainer – im Osten wie im Westen Deutschlands und auch in den Niederlanden.

In der Saison 2000/01 führte Meyer Borussia Mönchengladbach zurück in die Bundesliga. In der Saison 2003/04 rettete er Hertha BSC Berlin die Erstklassigkeit. Beim 1. FC Nürnberg heuerte er an, als dieser im November 2005 das Ende der Bundesligatabelle zierte. Meyer führte die Franken zunächst zum Klassenerhalt und eine Saison später auf den sechsten Platz – die beste Platzierung für den ehemaligen Rekordmeister seit der Spielzeit 1987/88 – und zum DFB-Pokalsieg. In der Saison 2008/09 bewahrte Meyer ein weiteres Mal die Gladbacher vor dem Abstieg. Seit dem Sommer 2011 ist Hans Meyer viertes Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach. Ich treffe Hans Meyer in der Bar des Nürnberger Grand Hotels, wo einst der deutsche Fußballpionier und „Kicker“-Gründer Walther Bensemann residierte und Hof hielt.

Den Spieler Johan Cruyff durfte Hans Meyer nur von der Auswechselbank aus betrachten. In der Saison 1969/70 begegneten sich Carl Zeiss Jena und Ajax im Viertelfinale des Messepokals. Meyer drückte die Bank, die Saison 1969/70 war seine letzte als Oberligaspieler. Bereits im Alter von nur 27 Jahren beendete Meyer, der nebenbei noch ein Studium zum Sport- und Geschichtslehrer absolvierte, seine aktive Karriere.

Das Spiel gegen Ajax gewann seine Elf am 4. März 1970 vor 22.000 Zuschauern auf dem Jenaer Ernst-Abbe-Sportfeld sensationell mit 3:1. Nach nur einer guten halben Stunde führten die Gastgeber durch Tore von Roland und Peter Ducke sowie Helmut Stein mit 3:0. Dann flog auf, dass sich das Team von Trainer Georg Buschner auf dem glatten gefrorenen Boden einen kleinen Vorteil verschafft hatte. Während die Jenenser Standfestigkeit bewiesen, rutschten die Niederländer nur hilflos herum. Einige Spieler hatten ihre Stollen angespitzt. Als Johan Cruyff ein Stutzen aufgeschlitzt wurde, sah sich der Schiedsrichter zum Einschreiten genötigt, und einige Spieler mussten das Schuhwerk wechseln. Trotzdem kamen die prominenten Gäste erst in der 90. Minute durch Valibor Vasovic zum Anschlusstreffer. Rinus Michels war erleichtert: „Dieses Tor war äußerst wichtig. Es hält für das Rückspiel alles offen.“

Auf dem Ernst-Abbe-Sportfeld hatte Ajax mit neun Spielern begonnen, die knapp 15 Monate später auch im Londoner Wembleystadion auf dem Rasen standen, als das 16. Finale des Europapokals der Landesmeister abgepfiffen wurde: Valibor Vasovic, Barry Hulshoff, Nico Rijnders, Sjaak Swart, Dick van Dijk, Piet Keizer, Wim Suurbier, Gerrie Mühren und Johan Cruyff. Aus der Anfangsformation des späteren Europapokalsiegers (Ajax schlug Panathinaikos Athen mit 1:0) waren nur Keeper Heinz Stuy und Johan Neeskens in Jena nicht dabei, dafür aber Ruud Krol, der in London wegen einer Verletzung ausfiel.

Im Rückspiel erwarteten Carl Zeiss Jena im Amsterdamer Olympiastadion ein wütendes Ajax und 60.000 Zuschauer. Nichtsdestotrotz ging Jena zunächst in der 17. Minute durch Peter Ducke in Führung. Doch anschließend rollte nur noch der Ajax-Express. Der erneut nur auf der Bank hockende Hans Meyer hoffte innigst, „dass Buschner nicht auf die idiotische Idee kam, mich einzuwechseln“. Vasovic, Swart und Keizer schossen bis zur Pause eine 3:1-Führung heraus und damit den Gleichstand. Nach dem Wiederanpfiff trafen abermals Swart sowie Cruyff, und Ajax gewann mit 5:1. Meyer: „Ajax hat nicht einfach nur gewonnen, sondern Fußball zelebriert. Man dachte ständig, die haben zwei, drei Spieler mehr auf dem Feld – wegen ihres fantastischen Positionsspiels und ihrer fußballerischen Klasse.“

Intensivere Erfahrungen mit dem niederländischen Fußball machte Hans Meyer während seiner Trainerlaufbahn. Die begann er am 1. Juli 1971 zunächst als Trainer der 1. Mannschaft von Carl Zeiss Jena. Mit 28 Jahren ist er der jüngste Trainer in der DDR-Oberliga. 1972, 1974 und 1980 gewinnt er mit den Jenensern den DDR-Pokal (FDGB-Pokal), 1980/81 erreicht er mit seinem Team das Finale des Europapokals der Pokalsieger, wo Carl Zeiss vor nur 9.000 Zuschauern Dinamo Tiflis im Düsseldorfer Rheinstadion knapp mit 1:2 unterliegt. Der Siegtreffer fällt erst in der 87. Minute.

Der Trainer Meyer bildet sich auch in den Niederlanden fort. 1975 durfte Meyer acht Wochen in den Niederlanden hospitieren – drei Wochen in der KNVB-Trainer-Kaderschmiede Zeist bei Utrecht, vier Wochen bei Feyenoord Rotterdam, das damals von dem Polen Antoni Brzezanczyk trainiert wurde, und eine Woche in Amsterdam bei Rinus Michels, der im Sommer vom FC Barcelona zu Ajax zurückgekehrt war. Der DDR-Leistungsfußball konnte dank einer extremen Unterstützung durch die Sportwissenschaften auf fundierte Resultate zurückgreifen. Als man in der Bundesrepublik noch über Sportpsychologen bestenfalls Witze machte, stand ein solcher Meyer in Jena bereits zur Seite – Dirk Enke, der Vater des im November 2009 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Bundesliga- und Nationaltorhüters Robert Enke.

Als Hans Meyer im Januar 1996 in den Westen ging, übersprang er zunächst gewissermaßen die alte Bundesrepublik und wurde Trainer bei Twente Enschede. Meyer gelang der Aufbau eines schlagkräftigen Teams und bewirkte in der Grenzstadt einen Boom. Die Saison 1995/96 beendete Twente in der Eredivisie auf Platz zehn Eine Spielzeit später wurde der Klub sensationell Dritter – hinter Meister PSV Eindhoven und Feyenoord Rotterdam und vor Ajax Amsterdam. Aber Twente hatte nicht nur sportlich enorm zugelegt. Immer mehr Zuschauer kamen ins alte Diekman-Stadion. Im Mai 1998 konnte Twente eine neue Arena (Arke-Stadion) beziehen, die heute den Namen „De Grolsch Veste“ trägt.

Als Twente, „wie auch schon damals üblich für Subtop-Mannschaften“ (Meyer), in den folgenden Spielzeiten Spieler en masse verkaufte (Arnold Brügging, Niels Oude-Kamphuis, Nico Jan Hoogma, Bosveld, Jan Vennegoor of Hesselink, Jan van Halst), rutschten die „Tukkers“ zurück ins Mittelfeld, und es begann das landesübliche Nörgeln einiger Journalisten am „unattraktiven Spielstil“ des Teams. In vorderster Front der Nörgler: ein Intimus von Johan Cruyff – Johan Derksen von der Zeitschrift „Voetbal International“. Meyer: „Ein anerkannter Fußballfachmann mit einer legendären Kolumne, in der er ‚das Problem’: ‚Wir haben in den Niederlanden sehr gute Trainer, wieso müssen wir Deutsche importieren’, aufgriff – nicht immer fair, aber Herbert Neumann und ich waren ja nicht verwöhnt. (Der ehemalige Fußballprofi Herbert Neumann trainierte in den Niederlanden 1992-95 und 1998/99 Vitesse Arnheim, 1997/98 NAC Breda und 2005/06 VV Venlo, Anm. des Autors.) Mittlerweile hat sich die Einstellung zum deutschen Fußball genauso verändert, wie sich die Fußballrealisten unter den Trainern in unserem Nachbarland durchgesetzt haben. Bestes Beispiel für diese These ist eigentlich Bert van Marwijk.“

Aber in Meyers Twente-Jahren wurde bereits die geringste Abkehr von der Cruyff’sche Idee vom offensiven und attraktiven Spiel mit Argusaugen beobachtet und mitunter hart gegeißelt. Was Hans Meyer unverändert schätzt, ist die niederländische Ausbildung und deren konsequenter Charakter: „Die Niederländer haben eine klare Vorstellung davon, wie sie Fußball spielen wollen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Ausbildung, das gab es bis vor Kurzem so in keinem anderen Land.“

Dazu gehört vor allem das 4-3-3, für Johan Cruyff das A und O der niederländischen Taktikschulung. Auf einem Blatt, dass er anschließend genauso schnell verschwinden lässt wie Lucien Favre, zeichnet Meyer die Vorteile dieses Systems als Ausbildungsmodell auf. Dabei verweist er besonders auf den Aspekt, dass alle Nachwuchsmannschaften „in der wichtigsten Trainingseinheit der Woche, dem Wettkampf, mit mehr kreativen Positionsanforderungen konfrontiert werden als bei allen anderen Systemen“.

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Marcel Rözer, „zu Tränen gerührt“

Der niederländische Journalist Marcel Rözer (Jahrgang 1959) gehörte zu den Mitbegründern des heute nicht mehr existierenden „alternativen“ Fußballmagazins „JOHAN“. Zudem ist er Autor von Fußballbüchern, für die er bereits zwei Literaturpreise erhielt, darunter eine vergleichende Biografie über Franz Beckenbauer und Johan Cruyff sowie den Familien der berühmten Kicker: „Beckenbauer & Cruijff. De Keizer en de Verlosser“ (Beckenbauer und Cruyff: Der Kaiser und der Erlöser). Ein Buch, das sich wie ein Roman liest. Als Rözer es im Amsterdamer Olympiastadion vorstellte, kam auch Franz Beckenbauer mit seinem Bruder Walter angereist. Johan Cruyff war nicht zugegen.

Wir treffen uns im Bistro „Lux“ im Herzen Nijmwegens. Marcel Rözer zieht die Provinz Amsterdam vor. Die Metropole, einst Hort der Liberalität und Mekka der Jugendbewegung, sei eng und aggressiv geworden. Er schwärmt von Berlin und der dort herrschenden Aufbruchstimmung.

Für Rözer ist der niederländische Fußball ohne Cruyff undenkbar. „Ohne ihn wäre unser Fußball nie zu dem geworden, was er heute ist. Cruyffs Beitrag ist unglaublich. Manchmal gibt es Sportler, die über ihrem Sport stehen. Cruyff war so einer. Ihm ist es immer auch um die Schönheit gegangen, die Schönheit des Spiels. Schönheit war ihm immer wichtiger als das Resultat. Als Fußballspieler war er nie gemein und hart. Und eine völlig unabhängige Person. Cruyff war das, was ihr in Deutschland einen 68er nennt.“

Cruyff sei der einzige Spieler gewesen, der ihn einmal zu Tränen gerührt habe: „Das war bei seinem ersten Tor nach seiner Rückkehr zu Ajax. Am 6. Dezember 1981 spielte Ajax gegen Haarlem. Trotz des enormen Drucks erzielte Cruyff ein geniales Tor.“

Rözer teilt Cruyffs Unbehagen über das Auftreten der Elftal beim WM-Turnier 2010. Vor allem im Finale gegen Spanien beschlich ihn „ein komisches Gefühl. Ich habe mir gesagt: Wenn sie gewinnen, dann werde ich feiern. Ja. Einmal Weltmeister! Aber eine innere Stimme hat mir auch gesagt: Da ist etwas nicht in Ordnung.“ In der Vergangenheit sei das Motto der Niederländer gewesen: „Wir machen es nicht für den Sieg – wir machen die Welt etwas schöner. Aber dieses Denken war in Südafrika komplett weggeblasen.“ Die Abkehr vom „schönen Fußball“ habe 1988 begonnen: „1988 war unser Befreiungstag von euch Deutschen. Aber es ist auch etwas Komisches mit uns passiert. Nun ging es nicht mehr um Fußball, es ging um ein Erlebnis.“

Johan Cruyff sei ein „sehr sozialer Mann“. Aber er sei auch „zänkisch“, was auch für seine Herkunftsfamilie gelte. Zwischen den Brüdern Johan und Henny Cruyff ist zum Zeitpunkt unseres Gesprächs das Tischtuch komplett zerschnitten. Henny Cruyff hat Rözer bei seinem Buch über den „Kaiser“ und den „Erlöser“ geholfen – wie auch Walter Beckenbauer.

Cruyff habe nie die Furcht gehabt, dass seine Ideen nicht funktionieren. „Er hat immer ein großes Selbstvertrauen besessen. Und die Macht und den Willen, die Dinge in seinem Sinne zu gestalten.“ Aber Cruyff habe sich auch immer um die Übernahme von Verantwortung gedrückt. Vielleicht auch, weil er sich nicht sicher war, die Dinge ganz in seinem Sinne gestalten zu können?

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Ruud Koolen, der Cruyff-Fan

Ein erklärter Cruyff-Fan ist Ruud Koolen (Jahrgang 1957), Herausgeber der Crossmedia-Kommunikationsplattform Skipr. Zuvor hat er u. a. als Chefredakteur einer Zeitschrift für Behindertenpolitik gearbeitet, woraus sich Berührungspunkte mit der Johan Cruijff Foundation ergaben.

Wir kennen uns bereits seit vielen Jahren. Anfang der 1990er publizierte Koolen zum Thema Rassismus im Fußball. Damals blickten Liberale im Ausland mit einem gewissen Neid auf die niederländische Nationalelf und Ajax Amsterdam mit ihren Surinamern. Oranje und Ajax waren auch deshalb erfolgreich, weil sie ihre Migrantenkinder mitspielen ließen. In Deutschland setzte ein entsprechendes Umdenken erst nach der WM 1998 ein.

Der Journalist wohnt in Utrecht, in einer Siedlung, die gebaut wurde, als die Niederlande noch „das Land der Guten“ waren. Also bevor die Rechtspopulisten die politische Landschaft veränderten. In Ruud Koolens Siedlung heißen die Straßen Simon Bolivarstraat, Che Guevarastraat, Sandinostraat oder Steve Bikostraat. Koolen wohnt in der Tulastraat, benannt nach einem Sklaven, der 1795 in Curaçao einen Aufstand anführte.

Aus seiner Begeisterung für Cruyff und Ajax macht Ruud Koolen keinen Hehl. „Cruyff spielt immer sein Spiel. Anpassung lehnt er ab, er ist unglaublich konsequent. Cruyff hat seine eigene Logik, worüber manchmal auch Witze gemacht werden. Was er sagt, hört sich zuweilen paradox an, aber er hat immer schon Entwicklungen früher als andere gesehen, und am Ende hat er Recht behalten. Für ihn ist alles bereits logisch, was für andere Menschen noch nicht logisch ist. (,Das ist logisch‘ ist eines der geflügelten Worte von Johan Cruyff, Anm. d. Autors.) Später vielleicht, aber nicht in dem Moment, wo es passiert. Er ist ein Genie.“

Cruyff sei von Jugend an „unheimlich selbstbewusst“ gewesen. „Er ist stets entschlossen seinen Weg gegangen und hat sich auch nicht vom konservativen Provinzialismus und Amateurismus fesseln lassen. Er hat in dieser Frage nicht nur für seine eigenen Interessen gekämpft, sondern auch die seiner Kollegen bei Ajax und in der Nationalmannschaft.“

Auch für Ruud Koolen ist der niederländische Fußball ohne Cruyff nicht denkbar.

„Er war derjenige, der den niederländischen Fußball vom Boden aufgehoben hat. Er verkörperte den Unterschied zwischen gut und exzellent. Er war eine Klasse für sich, er war immer viel weiter als die anderen. Eigentlich war er ein Fußballprophet. Es gibt viele gute Spieler, aber nur einen Johan Cruyff. Cruyff betrachtet den Fußball so, als sei es sein Spiel.“

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Jochen Hieber und der „Rolling Stone des Fußballs“

Jochen Hiebers erste Begegnung mit Johan Cruyff war, wie er selbst sagt, „leidvoll“, aber das sollte sich bald ändern. Hieber (Jahrgang 1951) ist seit 1983 Redakteur im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Als Kulturbeauftragter für die WM in Deutschland ging er vor 2006 drei Jahre lang mit André Hellers Fußballglobus auf Tour. Die 15 Meter hohe, nachts blau leuchtende Weltkugel war das Herzstück des Kunst- und Kulturprogramms der Bundesregierung zur WM 2006. Der „Stern“ schrieb: „Das Duo Heller und Hieber verbindet Kreativität mit Nachdenklichkeit.“

„1968 bis 1974 sind die Jahre, in denen ich mich mit Cruyff besonders viel beschäftigt habe“, erzählt Hieber. Das hing damit zusammen, dass er in jungen Jahren mit dem 1. FC Nürnberg fieberte, der 1968 unter dem Trainer Max Merkel überraschend Deutscher Meister geworden war. In der Saison 1968/69 trafen der „Club“ und Cruyffs Ajax im Europapokal der Landesmeister aufeinander. In Nürnberg trennte man sich unentschieden, in Amsterdam behielt Ajax klar mit 4:0 die Oberhand. Hieber: „Da kam jemand von außen, da kam dieser schmächtige Mensch mit Namen Cruyff und zerlegte meine Mannschaft. Das war demütigend, nötigte mir aber auch Hochachtung ab.“

Das Ganze wiederholte sich einige Jahre später. „Im März 1973 wurde der FC Bayern im Europapokal von Ajax mit dem gleichen Ergebnis überfahren. Aber da war ich schon längst auf der Seite der Holländer. Es war ein Sieg, den ich als persönlichen Triumph erlebte.“ Diese Identifikation verband sich vor allem mit Cruyff, dessen Spielweise Hieber so beschreibt: „Wie Libuda spielte er die Gegner schwindlig, er konnte so unbeschreibliche und unmögliche Tore machen wie Gerd Müller – und wie Netzer gebot er über die Tiefe des Raums. Es war die Synthese aus Schönheit, Übersicht und Effizienz. Was mich ungemein faszinierte, war die Leichtigkeit, mit der er über das Spielfeld marschierte. Cruyff war überall und agierte nach dem Motto: ,Der Platz gehört mir.’“

Zwar wollte Hieber damals Cruyff ganz bewusst nicht idolisieren: „Diese Über-Identifizierung mit Stars machte man als Post-Achtundsechziger ja nicht mit.“ Aber seine Begeisterung galt auch keineswegs nur dem Fußballer: „In den Jahren 1968 bis 1974 sah ich mich mit Cruyff auf einer Wellenlänge. Cruyff war mit der Weltanschauung, die ich mir bildete, absolut kompatibel.“ Pelé sei dagegen eher „eine fiktive Figur aus exotischer Ferne, ein Märchenprinz aus dem Wunderland Brasilien“ gewesen. „Wir aber lebten rebellische und unpatriotische Jahre, in denen sich junge Leute zum Nachbarn Niederlande hingezogen fühlten, einem kleinen Land, das aus unserer Sicht besser war, freier, unspießiger. Cruyff und Co. waren der Inbegriff des Antiautoritären. Und Cruyff war der Oberindianer der Antiautoritären.“

Damit fungierte der Niederländer als Gegenfigur zu Franz Beckenbauer, den Hieber erst sehr viel später, im Vorfeld der WM 2006, wirklich kennen und schätzen lernte. In den 1970er Jahren aber galt: „Franz Beckenbauer stand für etwas, gegen das wir ganz entschieden waren: das Establishment. So fiel die Sympathie-Wahl logischerweise auf Netzer und Cruyff. Netzer repräsentierte eher die weiche Variante der Unangepasstheit, er war ein Pop-Phänomen, ein ,Easy Rider’ auf dem Highway des Zeitgeistes. Johan Cruyff hingegen: Das war Rock ’n’ Roll auf dem Rasen. Für mich war er der Rolling Stone des Fußballs. Er passte perfekt in mein damaliges Weltbild. Zwar hatte ich keinen direkten Bezug zu Amsterdam, aber die Stadt war die Metropole meiner Epoche, meiner Jugend. Man las und hörte viel über das freie Leben dort. Auf dem Fußballfeld wurde dieses Rebellische von Ajax repräsentiert. Die Galionsfigur dieser Stadt und dieser Mannschaft war Johan Cruyff. Er schien die Lebenswelt Amsterdams zu verkörpern. Cruyff stand für mich im Kontext mit Amsterdam an der Spitze des Fortschritts und damit auch der politischen Rebellion. Er war das Gegenstück zum angepassten Ambiente des FC Bayern, das sich auch noch mit Schickimicki paarte. Deshalb kam ich auch nie auf die Idee, für den FC Bayern zu sein. Es ging immer auch um den atmosphärischen Mehrwert, den ein Verein ausstrahlt. Und der FC Bayern strahlte CSU und Franz-Josef Strauß aus. Natürlich habe ich in Cruyff etwas hineinprojiziert, was er so wahrscheinlich gar nicht war. Aber Projektionen sind ja auch nicht dazu da, um etwas objektiv Wahres über eine Person oder einen Zustand auszudrücken. Sie dienen vielmehr dem Herausbilden und der Stärkung des eigenen Ichs. Und Cruyff gehörte ganz manifest zu jenen Figuren, an denen sich mein Ich stärkte.“

Als die deutsche Nationalelf 1972 in begeisternder Manier Europameister wurde, konnten sich auch „unpatriotische“ Liberale und Linke für das Team erwärmen. Hieber: „Aber dann ging Netzer zu Real Madrid und war fortan seiner zentralen Rolle in dieser genialen 72er-Mannschaft entledigt. Deshalb war meine Position vor der WM 1974: Wenn Bundestrainer Schön Netzer zugunsten eines Overath an den Rand drängt, optiere ich für Cruyff und die Holländer.“

Das Finale zwischen den Niederlanden und Deutschland wurde dann für Hieber auch zum Schlusspunkt seiner intensiven Beschäftigung mit Cruyff. Der zum besten Spieler des Turniers gekürte Cruyff war im Endspiel schwach, die Niederländer unterlagen mit 1:2. Hieber: „Da ist mit Cruyff etwas passiert, was ich nie mit ihm verbunden hatte: Er ist nach fulminantem Beginn regelrecht abgetaucht. Mein Cruyff-Enthusiasmus wich aufgrund des Finales einer gewissen Ernüchterung. Ich dachte: Gut, als Fußballer ist er ein Genie, aber eben ein romantisches, deshalb auch ein unvollendetes Genie. Zu wahrhaft klassischer Größe aufgestiegen wäre er nur, wenn er sein Werk auch mit dem Gewinn des Titels gekrönt hätte. So aber blieb eben der Eindruck des Unvollendeten. Mein Cruyff-Verhältnis wird nach dem Finale von 1974 ziemlich distanziert. Seit Herbst 1973 spielte er ja auch schon nicht mehr für Ajax, sondern beim FC Barcelona. Und die spanische Meisterschaft war damals noch etwas sehr Fernes, wir lebten im Vergleich zu heute eben noch in der medialen Steinzeit.“

Kapitel 2: Die Niederlande vor Johan

„In Holland gibt es vor Cruyff und nach Cruyff. Es ist wie das Vergehen eines Rembrandt’schen Zeitalters.“

Arthur van den Boogard, Autor und Journalist

Im Januar 2012 standen die Niederlande auf Platz zwei der Rangliste des Weltfußballverbands FIFA – hinter dem amtierenden Welt- und Europameister Spanien und vor Deutschland. Seit gut vier Jahrzehnten zählen die Niederlande damit zu den besten Fußballnationen der Welt. Aber eben erst seit 40 Jahren. Nicht nur in Deutschland werden die Niederlande als fußballspielende Nation eigentlich erst seit den späten 1960er Jahren wahrgenommen.

Viele Niederländer haben die Geschichte ihres Landes lange Zeit in die Kategorien „vor dem Krieg“ und „nach dem Krieg“ eingeteilt. Prof. Dr. Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: „Die Zeit vor 1940 stand für wirtschaftliche Misere, soziale Gegensätze, innenpolitischen Stillstand und ein Sich-abseits-Halten von den großen Fragen der Außenpolitik. (…) Im Gegensatz dazu seien die Jahre nach 1945 von beispiellosem Wohlstandswachstum, sozialer Harmonie sowie politischer und wirtschaftlicher Modernisierung geprägt gewesen.“ Allerdings hätten bedeutende niederländische Historiker darauf hingewiesen, „dass die Strukturen der Vorkriegszeit besonders festgefahren waren und dass in Wirklichkeit nach 1945 eher von einer Fortsetzung der 1930er die Rede sein muss“. Die tiefer gehenden Wandlungen der niederländischen Gesellschaft datierten aus den 1960ern, während der Wiederaufbau in der Nachkriegszeit vor allem im Stil der Vorkriegszeit erfolgt sei. Wielenga: „Im Unterschied zu der populären Einteilung in ‚vor dem Krieg‘ und ‚nach dem Krieg‘ betont man in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung häufig die Kontinuität und sieht den Bruch in den 1960er Jahren.“

Hier existiert eine frappierende zeitliche Übereinstimmung zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung in den Niederlanden und dem Aufstieg des niederländischen Fußballs. Weshalb eine Einteilung in eine Niederlande „vor Cruyff“ und „nach Cruyff“ durchaus Sinn macht. Die Bedeutung, die Johan Cruyff für den Fußball der Niederlande erlangt hat, wird erfassbar, wenn man die Fußballgeschichte des Landes vor der Ankunft des „Königs“ Revue passieren lässt.

Pioniere

Die Niederlande gehören zu den ersten Ländern auf dem Kontinent, in denen sich das englische association game etablieren konnte. Als Pionier gilt Pim Mullier, der seine Schulzeit in England verbrachte und 1879 mit dem Haarlemsche FC Haarlem den ersten Fußballklub seines Landes gründete. Viele der ersten niederländischen Fußballklubs gingen aus Cricketclubs hervor. Cricket war der erste englische Sport gewesen, der sich in dem flachen Land niederließ und die traditionellen niederländischen Spiele wie Kolven, Klootschieten und Raketten verdrängte.

Das erste Fußballspiel auf niederländischem Boden soll allerdings schon 1865 stattgefunden haben. Eine rein britische Angelegenheit, bei der sich englische Botschaftsangestellte aus Den Haag und in Enschede beschäftigte Textilarbeiter gegenüberstanden.

Das Spiel erfuhr einen kräftigen Schub, als in der Boomphase der niederländischen Textilindustrie Arbeitskräfte aus der englischen Grafschaft Lancashire, einer Hochburg des Fußballs und Wiege des professionellen Fußballs, im Raum Enschede angeworben wurden.

Im Dezember 1889 wurde im Café Central in Den Haag der Nederlandse Atletiek- en Voetbalbond (NAVB) aus der Taufe gehoben. Es ist erst der zweite nationale Fußballverband auf dem Kontinent. Einige Monate zuvor, im Mai 1889, war in Dänemark bereits die Dansk Boldspil Union (DBU) gegründet worden. 1895 trennten sich Fußballer und Athleten in Nederlandse Voetbalbond (NVB) und Nederlandse Atletiek Bond (NAB). 1929 wurde aus dem NVB der Koninklijke Nederlandse Voetbalbond (KNVB.)

1904 gehörte der NVB zu den sieben Gründungsmitgliedern des Weltfußballverbands Féderacion Internationale de Football Association (FIFA). Beim Gründungsakt in einem Hinterhaus der Pariser Rue de St. Honoré wurde der NVB durch den Bankier Carl Anton Willem Hirschmann vertreten, der der FIFA von 1906 bis 1931 als ehrenamtlicher Generalsekretär diente. Hirschmann war maßgeblich verantwortlich für die Revitalisierung des Weltverbands nach dem Ersten Weltkrieg und gehörte später auch zu den Pionieren des Projekts Fußball-Weltmeisterschaft.

Kleine Erfolge am Anfang

Die ersten olympischen Fußballturniere dokumentieren den Entwicklungsvorsprung von Dänen und Niederländern. Beim ersten offiziellen Turnier 1908 in London drang Dänemark bis ins Finale vor, wo man dem Fußball-Mutterland England mit 0:2 unterlag, während sich die Niederlande mit einem 2:0-Sieg über Schweden Bronze sicherten.

In Stockholm 1912 herrschte das gleiche Bild: Den Sieger spielten England und Dänemark aus, wobei die Engländer mit 4:2 die Oberhand behielten. Das „kleine Finale“ ging erneut an die Niederlande, die Finnland mit 9:0 rasierten. In Antwerpen 1920 wurden die Niederlande Vierter, ebenso in Paris 1924, wo die Schweiz olympisches Gold holte und sich anschließend als erster „Europameister“ feiern ließ.

Das 5. Olympische Fußballturnier 1928 wurde auf heimischem Boden in Amsterdam gespielt und endete für den Gastgeber mit einer großen Enttäuschung. Die Niederlande hatten das Pech, dass sie sich bereits in der ersten Runde dem späteren Turniersieger Uruguay mit dem Superstar José Leandro Andrade stellen mussten. Uruguays Celeste gewann mit 2:0. Zwei Jahre später wurden die Südamerikaner auch erster Fußball-Weltmeister.

Deutschland musste 14 Jahre auf seinen ersten Sieg über den kleinen Nachbarn warten. Erstmals maß man sich am 24. April 1910 in Arnheim, wo die Elftal, wie die niederländische Fußballnationalmannschaft genannt wird, die Auswahl des DFB mit 4:2 besiegte. Im Oktober 1910 sah man sich auf der anderen Seite der Grenze in Kleve wieder, wo die Niederlande mit 2:1 erneut die Oberhand behielten. Und auch die dritte Begegnung vor dem Ersten Weltkrieg endete mit einem Sieg der Elftal, die 1912 in Leipzig mit 3:2 gewann. Es folgten zwei torreiche Remis: 1912 in Zwolle (5:5) und 1914 in Amsterdam (4:4).

Die erste Nachkriegsbegegnung am 10. Mai 1923 in Hamburg endete torlos. Erst am 21. April 1924 bzw. beim siebten Aufeinandertreffen durften die Deutschen ihren ersten Sieg über den kleinen Nachbarn feiern. In Amsterdam gewann die DFB-Elf durch ein Tor des Fürthers Karl Auer mit 1:0.

Als sich auch auf dem Kontinent der Professionalismus durchsetzte, gerieten die Niederlande mehr und mehr ins Hintertreffen, bis sie auf den Status einer bestenfalls zweitklassigen Fußballnation gesunken waren. Allerdings schaffte diese Situation auch Freiräume für Experimente und Lernprozesse.

„Urväter“ des „holländischen Spiels“: Jimmy Hogan…

Dordrecht ist eine knapp 120.000 Einwohner zählende Stadt und Gemeinde in der niederländischen Provinz Südholland. Um die Stadt herum teilt sich der Rheinarm Beneden Merwede in den Kanal Noord, die Oude Maas und den Dordtse Kil. Schon 1220 erhielt Dordrecht seine Stadtrechte und ist damit die älteste Stadt im ehemaligen Holland. Am 15. Juli 1572 war Dordrecht Ausgangspunkt des niederländischen Unabhängigkeitskampfes, als im Gebäude „Het Hof“ Repräsentanten der meisten Stände der Niederlande zusammenkamen, Wilhelm von Oranien zu ihrem Führer kürten und ihre Unabhängigkeit von Spanien erklärten.

338 Jahre später ist Dordrecht Ausgangspunkt des niederländischen Passspiels.

1910 bemüht sich der 1883 gegründete FC Dordrecht um einen englischen Lehrmeister. Es bewirbt sich der 28-jährige Jimmy Hogan, Sohn eines irisch-katholischen Fabrikarbeiters aus Nelson in der bereits erwähnten Grafschaft Lancashire. Hogan kennt Dordrecht. Ein Jahr zuvor hat sein Klub, Swindon Town, eine Kontinentaltour unternommen und dabei auch in Dordrecht vorgespielt. Der Ex-Profi Hogan ist ein Novize im Trainergewerbe und verfügt über keinerlei Übungsleiter-Erfahrungen. Doch der FC Dordrecht ist nur Hogans erste Station auf dem Kontinent, dessen Fußball er nun wesentlich beeinflussen wird. (Hogan ist nicht die einzige Trainerlegende, die beim FC Dordrecht arbeitet. Der Klub ist 1939 bis 1942 die letzte Station des Ungarn Arpád Weisz, der 1930 34-jährig Inter Mailand zur Landesmeisterschaft geführt hat und bis heute der jüngste Meistertrainer in der Geschichte der Serie A ist. Im August 1942 wird der Jude Weisz von den deutschen Besatzern verhaftet und ins Durchgangslager Westerbork verschleppt. Wenige Wochen später wird Weisz nach Auschwitz deportiert und dort im Januar 1944 ermordet.)

Schon in Dordrecht zeigt sich, wofür Jimmy Hogan später Berühmtheit erlangen wird. Der Trainer legt allerhöchsten Wert auf Ballkontrolle und Passgenauigkeit. Er ist zwar Engländer, aber kein Vertreter der englischen Fußballphilosophie. Vielmehr neigt Hogan, wie viele andere englische Entwicklungshelfer auf dem Kontinent, eher zur schottischen Schule. Schottland ist das Geburtsland des Kurzpassspiels, was auch mit den dortigen Boden- und Wetterverhältnissen zu tun hat.

Bald wird der niederländische Verband auf Hogan aufmerksam und verpflichtet ihn für das bereits erwähnte Länderspiel gegen die Deutschen in Kleve. Fußballgeschichte schreibt Jimmy Hogan allerdings vor allem in Budapest und Wien. In Budapest betreut er MTK (1916-18, 1925-28), das zeitweise beste Team auf dem Kontinent. 1932/33 unterstützt er Hugo Meisl vor Spielen des österreichischen „Wunderteams“ gegen England und Schottland. In Deutschland, wo man ihn vor dem Ersten Weltkrieg als Verbandstrainer verpflichten wollte, trainiert er vier Jahre den Dresdner SC.

Hogan zählt heute zu den wichtigsten Pionieren des kontinental-europäischen Fußballstils. Gusztáv Sebes, der Trainer des ungarischen „Wunderteams“ der Jahre 1950 bis 1954, erzählt später: „Er brachte uns alles bei, was wir über Fußball wissen müssen.“

…und Jack Reynolds

1912 betritt Hogans Landsmann Jack Reynolds den Kontinent. Als Spieler trat der 1881 in Manchester geborene Reynolds vornehmlich für Vereine aus dem industriellen Norden Englands vor den Ball: Manchester City, Burton United, Grimsby Town, Sheffield Wednesday, AFC Rochdale. Reynolds war nur ein mittelmäßiger Kicker, seine beste Saison erlebte er 1904/05 beim Zweitdivisionär Grimsby.

1912 wird Reynolds Trainer des FC St. Gallen, der am 19. April 1879 gegründet wurde und möglicherweise der älteste Fußballklub auf dem Kontinent ist. 1914 verlässt der Engländer die Ostschweiz, um die deutsche Nationalelf zu trainieren, aber der Erste Weltkrieg macht diesem Ansinnen einen Strich durch die Rechnung. Reynolds flieht in die Niederlande, wo er 1915 Ajax Amsterdam übernimmt.

Ajax war gewissermaßen zweimal gegründet worden. Am 5. Oktober 1893 riefen Schüler der an der Weteringschans liegenden Hogere Burgerschool (Höhere Bürgerschule = Gymnasium) in einem Café am Amstelveenseweg einen Fußballverein ins Leben, den sie zunächst „Union“ tauften. 1894 wurde Union in Foot-Ball Club Ajax umbenannt, nach dem griechischen Heerführer der Troja-Sage.

Dem Klub, der auf einem kleinen Feld am Ende von Overtoom, außerhalb der Stadtgrenze, spielte, war jedoch nur eine kurze Existenz beschieden. 1896 führte ein interner Streit zum Austritt der meisten Mitglieder, und der Klub fiel auseinander.

Am 18. März 1900 wurde der Amsterdamsche Football Club Ajax im Kaffeehaus „Oost-Indie“ neu gegründet.

Bei Ajax beerbt Jack Reynolds nun den Iren John Kirwan, einen früheren Internationalen, der zunächst Gaelic Football gespielt und 1894 mit der Auswahl der Grafschaft Dublin die All-Ireland-Championship gewonnen hat. Anschließend wechselte Kirwan zum Fußball und holte mit den Tottenham Hotspurs 1901 den FA-Cup. 1910 zog der Ire in die Niederlande und wurde dort erster bezahlter Trainer von Ajax, das er bereits nach einer Saison in die 1. Liga führte. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte Kirwan zurück nach London, später trainierte er noch den A.S. Livorno in Italien.

Nachfolger Jack Reynolds bleibt von 1915 bis 1947 in Amsterdam, mit kurzen Unterbrechungen: 1919 trainiert er kurzzeitig die Elftal, 1925-28 Blauw-Wit Amsterdam, den „jüdischen“ Klub aus dem Süden der Hauptstadt. Unter Reynolds avanciert das zunächst unbedeutende Ajax zu einer der führenden Adressen des niederländischen Fußballs, gewinnt 1918 seinen ersten niederländischen Meistertitel und erlebt in den 1930ern seine erste goldene Ära. Das Team wird fünfmal Meister: 1931, 1932, 1934, 1937, 1939.

Den Zweiten Weltkrieg verbringt Reynolds u. a. in einem Gefangenenlager im oberschlesischen Örtchen Tost, danach kehrt er zurück zu Ajax, wo er mit seinen Ideen u. a. den Spieler Rinus Michels beeinflusst. 1947 führt Reynolds Ajax ein letztes Mal zur Meisterschaft, es ist seine achte mit dem Klub. Der Engländer dient Ajax insgesamt 27 Jahre und bleibt auch nach dem Ende seiner Trainerkarriere in Amsterdam, wo er 1962 im Alter von 81 Jahren stirbt.

Reynolds gilt als der eigentliche Erfinder des Ajax-Stils bzw. des „Fußball total“, den Rinus Michels dann ab Mitte der 1960er weiterentwickelt. Denn Reynolds ist der Erste, der Ajax eine auf guter Technik basierende offensive Spielphilosophie einimpft: „Für mich ist und bleibt der Angriff die beste Verteidigung.“

Die Übereinstimmungen zwischen Reynolds und Michels sind frappierend. Beide waren Disziplinfanatiker und legten allergrößten Wert auf das Trainieren der Technik. Bereits Reynolds lässt extrem viel mit dem Ball arbeiten. Außerdem erkennt er die Bedeutung einer systematischen Nachwuchsarbeit. Jugend und 1. Mannschaft werden in Hinblick auf Taktik und Technik miteinander verzahnt, sämtliche Ajax-Teams verfolgen dieselbe Philosophie und kicken im selben System. Damit dies garantiert ist, verbringt Reynolds gewöhnlich täglich 14 Stunden auf der Ajax-Anlage.

In seiner Heimat hätte Reynolds kaum reüssieren können. In England, wo bereits 1888 mit der Football League die erste nationale Fußballliga der Welt angepfiffen wurde, stand die Arbeit des Trainers schon viel zu stark unter kurzfristigem Erfolgsdruck. „Den Sieg organisieren“, hatte Herbert Chapman, der Erfinder des W-M-Systems, die Vorgabe formuliert.

Derartige Ligastrukturen existierten in den Niederlanden noch nicht. Jonathan Wilson, Taktik-Experte und „Guardian“-Kolumnist: „Insbesondere britische Trainer wagten hier Experimente, die man in ihrer Heimat als hoffnungslos idealistisch verworfen hätte.“

Vic Buckingham

Dies gilt auch für Reynolds Nachfolger bei Ajax, den 1959 verpflichteten Engländer Vic Buckingham. Das von Reynolds geprägte Ajax ist die richtige Adresse für den technikorientierten Buckingham, der nun die Vorstellungen seines Landsmannes um weitere Elemente in Richtung des „Fußball total“ weiterentwickelt: kollektiven Ballbesitz, Kurzpass, schnelle Weitergabe des Balles. Mit kurzen und nach der Ballannahme sofort gespielten Pässen soll das Mittelfeld schnell überbrückt und am Gegner vorbeigespielt werden. Nach der Ballabgabe hat der Spieler in einen neuen Raum hineinzulaufen, um erneut anspielbar zu sein.

Von den langen Bällen, die in seiner Heimat üblicherweise gespielt werden, hält Buckingham nichts. Denn lange Bälle landen häufig beim Gegner und kommen somit zurück. Buckingham 1993 in einem Interview mit David Winner: „Lange Bälle sind zu riskant. Meistens zahlt sich intelligente Technik aus. Wenn man den Ball hat, soll man ihn behalten. Dann kann der Gegner kein Tor erzielen…“ (Für Johan Cruyff wird das später – zumal als Trainer – zur Maxime. Und eines der bekanntesten Cruyff-Zitate lautet: „Wenn wir den Ball haben, können die anderen kein Tor schießen.“)

Auch Vic Buckingham profitiert davon, dass den Niederländern das „Gewinnen um jeden Preis“ eher fremd ist: „Der holländische Fußball war gut, nicht diese grobe Gewinnen-müssen-Mentalität. Sie hatten eine andere Technik, einen anderen Intellekt, sie spielten richtig Fußball. Das hatten sie nicht von mir, es war schon vorhanden und wartete nur darauf, geweckt zu werden. (…) Es ging lediglich darum, ihnen zu erklären, dass sie den Ball mehr in den eigenen Reihen halten sollten. Ich war schon immer der Ansicht, dass Ballbesitz neun Zehntel des Spiels ausmacht, und Ajax’ Spiel war auf Ballbesitz angelegt. (…) Ich habe sie beeinflusst, aber dann sind sie weitergegangen und haben von sich aus Sachen gemacht, die mich entzückt haben. So bewegten sie sich etwa als Pärchen auf der linken Außenbahn vorwärts, passten den Ball hin und her – einfach peng-peng (gemeint ist wohl, was man heute „one touch“-Fußball nennt, Anm. d. Autors) – über 30 Meter, spielten zu zweit drei Verteidiger aus und schufen einen riesigen freien Raum.“

Auf Buckingham folgt 1961 mit Keith Spurgeon ein weiterer Engländer. Bei Ajax wechseln nun die Trainer jährlich. Spurgeon wird vom Österreicher Joseph Gruber beerbt, der wiederum vom Engländer Jack Rowley abgelöst wird, bevor noch einmal Buckingham die Verantwortung übernimmt. Dieser hat nach seinem ersten Ajax-Engagement u. a. Sheffield Wednesday trainiert, kehrt aber der Heimat frustriert den Rücken, nachdem drei seiner Spieler der Spielmanipulation überführt wurden.

Buckinghams zweite Amtszeit bei Ajax endet im Januar 1965, dann wird er vom Niederländer Rinus Michels abgelöst. Buckingham findet sofort eine neue Beschäftigung beim FC Fulham.

Buckingham, der als eigentlicher Entdecker von Johan Cruyff gelten kann, ist heute in England weitgehend vergessen. Auf dem Kontinent coachte der Engländer nicht nur Ajax, sondern in der Saison 1970/71 auch den FC Barcelona, wo sein Nachfolger erneut Rinus Michels heißt.

Karel Lotsy und seine Amateure

Wer in den Niederlanden mit dem Fußball seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte, musste bis in die 1950er ins Ausland wechseln. Ähnlich wie das Nachbarland Deutschland frönten die Niederlande einem ideologisch hoffnungslos überladenen Amateurismus.

Was in Deutschland Felix Linnemann war, der dem DFB von 1925 bis 1945 vorstand und in diesen Jahren eine heftige Jagd auf tatsächliche und vermeintliche Profis betrieb, war in den Niederlanden Karel Lotsy. 1942, zwei Jahre nach dem deutschen Überfall auf das Nachbarland, wird Lotsy Vorsitzender des KNVB. Zuvor hat er dem Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete als Berater der Hauptabteilung Erziehung, Wissenschaft und Kulturpflege gedient. Lotsy steht der Nazi-Ideologie nahe und sorgt nun dafür, dass die Juden aus dem niederländischen Fußball entfernt werden. So ist von ihm der Satz überliefert: „Die Chance ist zum Greifen nahe, dass der neue Geist sich durchsetzen wird.“

Wie Felix Linnemann ist auch Lotsy ein glühender Verfechter des Amateurgedankens. 1941 beschreibt er sein Ideal vom Nationalspieler: „Der Spieler, der in die Nationalmannschaft berufen wird und der diesem Ruf folgt, übernimmt damit die Pflicht, sich mit Hilfe aller bekannten Mittel vollständig einzubringen. Sobald er auf seinem Gebiet Gesandter seines Landes geworden ist, hat sein Sport für ihn den Charakter des ‚Spieles‘ verloren; sein Sport ist dann für ihn eine Sache des heiligen Ernstes, eine Mission.“

Nach der Befreiung und dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird Lotsy sogar zunächst noch mächtiger, denn seine Rolle als Kollaborateur wird erst nach seinem Tod im Jahr 1959 thematisiert. Während sich in vielen Ländern Westeuropas der Profifußball weiter durchsetzt, hält Lotsy noch eiserner als seine Freunde in der DFB-Spitze am „edlen und wahren Geist“ des Amateurwesens fest. Die im Ausland kickenden niederländischen Profis müssen wüste Beschimpfungen ertragen. So ist von „dreckigen Profis“, „Geldwölfen“ und „Vaterlandsverrätern“ die Rede.

Erst als eine neue Generation von Spielern das Fußballfeld betritt, findet Lotsy zusehends weniger Gehör. Kees Rijvers, der von 1946 bis 1960 das Nationaltrikot trägt: „Lotsy hatte mit seinen Donnerreden über Volk, Flagge und Vaterland in den dreißiger Jahren viel Erfolg gehabt, aber in den Vierzigern hatte sich die Welt verändert. Sie bedeuteten uns nichts mehr. Die meisten Spieler schwätzten miteinander, wenn Lotsy das Wort ergriffen hatte.“

Seine letzte Missetat datiert aus dem Jahr 1956, als er einer hochkarätigen FIFA-Kommission vorsitzt, die sich mit der Südafrika-Problematik befasst. Im Abschlussbericht spricht sich Lotsy dafür aus, nicht die „multirassische“ South African Soccer Federation in die FIFA aufzunehmen, sondern die konkurrierende South African Football Association, die die Apartheidpolitik unterstützt.

Inzwischen ist Lotsys Ruf ein anderer. 1997 wird die Amsterdamer Karel Lotsylaan aufgrund seiner Rolle während der Besatzungszeit umbenannt. Seither heißt die Straße nach dem aus einer jüdischen Familie stammenden österreichischen Komponisten Gustav Mahlerlaan.

Der erste Legionär: „The Flying Dutchman“

Als erster hochklassiger Kicker war bereits 1930 Gerard Pieter (Gerrit) Keizer ins Ausland gegangen. Allerdings zog es den Ajax-Keeper nicht als Fußballer nach England, vielmehr wollte er seine englischen Sprachkenntnisse verbessern. Seinen Lebensunterhalt verdiente Keizer in einem Gemüse- und Obstladen am Covent Garden in London, doch Fußball spielte er auch: In Margate, Grafschaft Kent, hütete er den Kasten eines Amateurklubs, der Arsenal London zuarbeitete. Als Herbert Chapman, der legendäre Coach der Gunners, Keizer eines Tages zusah, war er so angetan, dass er ihn nach London holte und gleich in die 1. Mannschaft steckte.

Sein Debüt als Profi-Torwart feierte Keizer am 30. August 1930 gegen Blackpool. Auch in den folgenden elf Meisterschaftsspielen blieb er die Nr. 1 und war zudem dabei, als Arsenal 1930 gegen Sheffield Wednesday das Charity Shield gewann, das alljährliche Kräftemessen zwischen dem englischen Meister und dem FA-Cup-Sieger. Keizer pendelte nun zwischen London und Amsterdam. Samstags spielte er für Arsenal, sonntags lief er für das Ajax-Reserveteam auf, weshalb ihn in England Presse und Mitspieler „The Flying Dutchman“ tauften.

Aber Keizers Spielstil war für den eher defensiv orientierten Chapman zu flamboyant. Der Niederländer behielt nie eine „weiße Weste“ in der 1. Mannschat der Gunners, weshalb er gegenüber den anderen Arsenal-Keepern, Bill Harper und Charlie Preedy, bald den Kürzeren zog. Bereits im Oktober 1930 musste Keizer seinen Platz im Arsenal-Tor wieder räumen. Im Juli 1931 heuerte er bei Charlton Athletic an und spielte später noch für Queens Park Rangers. Er gilt als einer der ersten Nicht-Engländer im englischen Profifußball, der nicht aus Großbritannien oder Irland kam. Zur Saison 1933/34 kehrte Keizer nach Amsterdam zurück, wo er nun bis zum Ende der Saison 1947/48 die Nr. 1 bei Ajax war.

Als Ajax nach dem Krieg finanzielle Probleme plagten, flog Keizer nach London und bat Arsenal um Hilfe. Die Gunners spendeten einen Trikotsatz und einige Fußbälle. So bestritt Ajax seine ersten Nachkriegsspiele in Arsenal-Trikots, die aber mit den eigenen von der Farbe und dem Design her nahezu identisch sind. Nur das Wappen der Gunners hatte man entfernt.

Der zweite Auslandslegionär der Niederlande war Elisa Hendrik Bakhuijs, besser bekannt als Beb Bakhuys, der bis zur Ankunft von Johan Cruyff als bester Stürmer der niederländischen Fußballgeschichte galt. Die „Legende mit den großen Ohren“ stammte aus Pekalongan in Niederländisch-Ostindien. Bakhuys, der in den Niederlanden als Erfinder des Flugkopfballs gehandelt wird, spielte in der Heimat für ZAC Zwolle und VVV Venlo. Im Trikot der Elftal traf der Torjäger bei 23 Auftritten 28-mal und nahm auch an der WM 1934 teil.

In Venlo eröffnete er mit Hilfe seines Klubs einen Zigarrenladen, aber als er mit dem Verkauf einer Sonderedition versuchte, aus seiner fußballerischen Prominenz ein wenig Kapital zu schlagen, grätschten ihn die Funktionäre des Nationalteams ab. Bakhuys wurde sogar von der Polizei vernommen, und der Verband drohte mit dem Verlust des Amateurstatus. Der Torjäger packte daraufhin seine Sachen und ging nach Frankreich zum FC Metz, wo er nun der erste Niederländer war, der im Ausland einen richtigen Profivertrag unterschrieb.

Der prominenteste Auslandslegionär vor der Legalisierung des Professionalismus aber war der Stürmer Faas Wilkes, das Idol des jungen Johan Cruyff, der 1949 25-jährig von Feyenoord Rotterdam zu Inter Mailand wechselte, wo die „fliegende Tulpe“ an der Seite von Stefano Nyers, einem Franzosen ungarischer Herkunft, und dem Schweden Lennart „Nacka“ Skoglund stürmte. In der Saison 1950/51 schoss ein angriffsfreudiges Inter-Team in der Meisterschaft 107 Tore, stand aber am Ende Saison trotzdem mit leeren Händen da, was einen Taktikwechsel hin zum Catenaccio zur Folge hatte. Als Inter 1952/53 mit nur 46 Toren Meister wurde, spielte Wilkes bereits beim AC Turin. Für Inter hatte Wilkes in drei Jahren und 95 Spielen 47-mal getroffen. Nach einem Jahr bei Juve verbrachte er noch drei Jahre in Spanien beim FC Valencia. Erst 1965, der Professionalismus war mittlerweile auch in den Niederlanden legalisiert, kehrte er in die Heimat zur VVV Venlo zurück, für die er noch zwei Jahre spielte.

In der Elftal bildete Wilkes mit Abe Lenstra und Kees Rijvers den legendären „goldenen“ Innensturm, dem aber nur wenige Auftritte vergönnt waren. Schuld war der KNVB-Amateurismus, der die Auslandsprofis von der Nationalelf aussperrte.

Kees Rijvers war 1950 von NAC Breda zum AS Etienne gewechselt. Als Mitgift brachte der nur 1,65 Meter große Spielmacher eine Kiste mit 100 Kilo Schraubstollen mit, die man bis dahin in Frankreich nicht kannte. 1953 wechselte Rijvers in die Hauptstadt zu Stade Francais Paris. Nach dem Abstieg des Hauptstadtklubs 1955 ging es zurück zum AS Etienne, mit dem Rijvers in der Saison 1956/57 französischer Meister wurde. Anschließend wurde der Niederländer auch noch mit der Étoile D’Or geehrt, eine Auszeichnung der Zeitschrift „France Football“ für den beständigsten und besten Spieler der Liga.

Der berühmteste der drei Innenstürmer blieb im Lande: Abe Lenstra, den einige Niederländer für einen noch besseren Fußballer halten als Johan Cruyff. Lenstra war in einer sozialistisch geprägten Familie groß geworden, was auch der Grund war, warum er den zahlreichen Angeboten aus dem Ausland eine Absage erteilte. Lenstra, der in 47 Elftal-Einsätzen 33-mal traf, spielte von 1932 bis 1950 für den friesischen SC Heerenveen, dessen Stadion heute seinen Namen trägt. In der Saison 1932/33 hatte der Österreicher Otto Pinter das Training beim Friesen-Klub übernommen. Der ehemalige Rapidler wies seinen Kader in den „Donaufußball“ ein, dessen Basis das schottische Flachpass- und Kombinationsspiel war und der einen von Jimmy Hogan geprägte Gegenentwurf zum englischen „kick-and-rush“ bildete. Der junge Lenstra wurde zu einem Bewunderer dieser Spielweise: „Ich hatte das Talent, aber ich habe auch viel gelernt, vor allem von Otto Pinter.“ Der Lehrmeister selbst verglich Lenstras Spielintelligenz und Technik mit der von Matthias Sindelar, der zentralen Figur des österreichischen „Wunderteams“.

1937 buhlte Huddersfield Town um Lenstras Dienste. Der AC Mailand bot 60.000 Gulden für einen Dreijahresvertrag und 325 Gulden Gehalt ohne Prämien. Auch Lokalrivale Inter bemühte sich um den Niederländer. Der AC Florenz lockte sogar mit 125.000 Gulden und schickte einen Blankoscheck nach Heerenveen. Doch Lenstra war nicht interessiert. Er wolle sich nicht als „Sklave“ verkaufen: „Wenn man Profi wird, hat man nichts mehr mitzureden, und der Klub kann machen, was er will.“

Ein reiner Amateur war aber auch Lenstra nicht mehr. In Heerenveens Gemeindeverwaltung verdiente er knapp 500 Gulden im Monat, fast das doppelte Salär eines normalen Arbeitnehmers. Nach der Legalisierung des Professionalismus wechselte Lenstra zum SC Enschede, zunächst als Halbprofi. 1958 betrug sein Verdienst bereits ca. 3.600 Gulden jährlich, womit er an der Grenze dessen lag, was der KNVB für die Profis genehmigt hatte. Hinzu kamen Einnahmen aus Länder- und Gastspielen. Und wie sein Freund und Manager Willem ter Riet später berichtete, zahlte ihm der Klub noch einmal monatlich 500 bis 600 Gulden „unter der Hand“. Im Mai 1958 nahm Lenstra – als erster niederländischer Sportler überhaupt – eine Schallplatte auf, auf der der Fußballstar die Titel „Geen worden, maar daden“ („Keine Worte, sondern Taten“) und „Bij ons in Holland“ („Bei uns in Holland“) trällerte.

Den aus Rotterdam stammenden Bram Appel zog es wie Kees Rijvers nach Frankreich. Im Zweiten Weltkrieg war der Mittelstürmer von den deutschen Besatzern zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht worden, wo er ab 1942 für Hertha BSC Berlin auf Torejagd gegangen war. Nach Kriegsende kehrte Appel in die Heimat zurück, wo er für ADO Den Haag und Sittard kickte, bevor auch er dem Ruf des französischen Profifußballs folgte. Zur Saison 1949/50 nahm Stade Reims den Niederländer unter Vertrag. In den folgenden Jahren avancierte Stade zu einer nationalen und europäischen Topadresse. Bis 1954 spielte Appel u. a. an der Seite von Raymond Kopa, 1958 Europas Fußballer des Jahres, Albert Batteux, der bei der WM 1958 die Nationalmannschaft Frankreichs betreute, Robert Jonquet, Léon Glovacki, Armand Penverne und Roger Marche. Als Stade 1952/53 Meister wurde, schoss Appel in 32 Spielen 30 Tore. Im Jahr seiner Ankunft hatte er mit den Rémois bereits den Pokal geholt. 1954 wechselte der Torjäger in die Schweiz zu Lausanne Reims.

Für Wilkes, Rijvers und Appel bedeutete das Auslandsabenteuer eine Unterbrechung ihrer Nationalspielerkarriere. Wilkes und Rijvers gehörten zwar zur niederländischen Olympiamannschaft von 1948, aber anschließend wurde ihre Nationalspielerkarriere für mehrere Jahre beendet. Beide kehrten erst 1955 in die Nationalelf zurück. Ohne den Ausschluss der Auslandsprofis hätten die Niederlande wohl bereits in den frühen 1950ern über eine anständige und international konkurrenzfähige Nationalelf verfügt.

Deichbrüche

In jene Jahre, da die Elftal auf die Mitwirkung von Auslandsprofis verzichtete, fiel ein Benefizspiel, das historische Bedeutung erlangen sollte, da es als Katalysator für die weitere Entwicklung wirkte.

In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953 waren große Teile der niederländischen Küste von einer Sturmflut heimgesucht worden, die als größte Nordsee-Flut des 20. Jahrhunderts gilt. Auf einer Strecke von 187 Kilometern brachen 89 Deiche. 1.835 Niederländer bezahlten die Katastrophe mit ihrem Leben. Die Regierung rief den Notstand aus, und überall im Land wurden Spenden gesammelt.

Auch der Fußball wurde aktiv. Am 7. März 1953 veranstaltete der KNVB in Rotterdam ein offizielles Spiel zugunsten der Stichting Nationaal Rampenfonds (Stiftung Nationaler Katastrophenfonds), bei dem die niederländische Nationalelf Dänemark empfing. Im Feyenoord-Stadion De Kuip unterlag die Elftal vor 60.000 Zuschauern mit 1:2, den Anschlusstreffer erzielte Abe Lenstra. Wer auch sonst, die anderen niederländischen Stars spielten ja im Ausland.

Der letzte Sieg einer KNVB-Auswahl lag nun bereits zehn Spiele und fast zwei Jahre zurück. Am 15. April 1951 hatte man den Nachbarn Belgien mit 5:4 besiegt. Zweimal hatte Lenstra zugeschlagen. Von den folgenden neun Spielen wurden sieben verloren, zwei endeten mit einem Unentschieden. Die gesamte Nachkriegsbilanz der Elftal war niederschmetternd. Von den 36 Spielen, die sie im Zeitraum 10. März 1946 bis 7. März 1953 bestritt, gingen 18 verloren. Nur elf Begegnungen wurden gewonnen, sieben endeten mit einem Unentschieden. Und diese Negativserie sollte weiter anhalten. Von den neun Spielen, die die Elftal nach dem Benefizspiel und bis zum Ende des Jahres 1954 absolvierte, gingen acht verloren. Ein Erfolgserlebnis gab es erneut nur gegen die Belgier.

Nur fünf Tage nach dem Benefizspiel von Rotterdam sorgte eine andere Begegnung für Wirbel. Auch die niederländischen Auslandsprofis wollten Geld für die gebeutelte Heimat sammeln und vereinbarten ein Spiel gegen eine französische Auswahl, die vornehmlich aus Akteuren von Stade de Reims (u. a. Kopa) und dem Racing Club Paris bestand. Die Initiative zu diesem Spiel war von Theo Timmermans ausgegangen, der seit 1950 bei Olympique Nimes spielte. Als 1961 die Profispieler-„Gewerkschaft“ Vereiniging van Contractspelers gegründet wurde, wählte man Timmermans zum ersten Präsidenten. Sein engster Mitstreiter bei der Organisation des Benefizspieles war Bram Appel, der mit seinen Kontakten in Paris half. Am 12. März 1953 war es so weit. 40.000 Zuschauer kamen in den Pariser Prinzenpark, darunter einige tausend Niederländer.

Dem KNVB war das Spiel ein Dorn im Auge, und er drohte mit einem Verbot des Spiels. Im Vorstand wollte nur Schatzmeister Lo Brunt das Amateurstatut auf den Misthaufen der Geschichte werfen. Brunt hatte eine prächtige Idee: Timmermans und Appel sollten um die Unterstützung von Prinz Bernhard ersuchen, der im Katastrophenfonds den Vorsitz führte und folglich die Benefizaktion begrüßen musste. Nach einer Intervention des Prinzen gab der KNVB seine Verbotsbestrebungen tatsächlich auf. Stattdessen unternahm man nun alles, um den Eindruck eines offiziellen Länderspiels zu vermeiden. Das Abspielen der Nationalhymne wurde ebenso verhindert wie ein Auflaufen in Oranje-Hemden. Statt „Het Wilhelmus“ wurde vor dem Anpfiff die alte Nationalhymne „Wien Neerlands Bloed“ gespielt, statt Orange trug man die Farben der niederländischen Flagge – die Trikots rot, die Hosen weiß und die Stutzen blau.

Im Tor der Profis stand Frans de Munk vom 1. FC Köln. In Deutschland genoss der Spitzenspieler immerhin bereits den Status eines Vertragsspielers, der nicht mehr Amateur, aber auch noch kein richtiger Profi war. Leistungsträgern wurde allerdings häufig mehr gezahlt als offiziell gestattet. Der Rest der Akteure, die im Prinzenpark aufliefen, verdiente sein Geld in Frankreich: In Nantes (Vreeken, van Geen), Lille (van der Hart), Bordeaux (de Kubber, de Harder), Reims (Appel), Rouen (de Vroet), Paris (Schaap), St. Etienne (Rijvers) und Nimes (Timmermans). Es fehlte Faas Wilkes, dem sein Arbeitgeber AC Turin keine Freistellung erteilt hatte.

Die Auswahl niederländischer Profis schlug die Franzosen um Raymond Kopa und Roger Marche mit 2:1. In der 34. Minute hatte Saunier Les Bleus aus abseitsverdächtiger Position in Führung geschossen. Bertuus de Harder glich in der 58. Minute aus. In der 81. Minute gelang Bram Appel auch noch der Siegtreffer. Cor van der Hart nach dem Abpfiff: „Wir haben die französische Nationalmannschaft besiegt, das ist fantastisch. Aber wir haben auch bewiesen, wozu wir Berufsfußballer- in der Lage sind. Wird unser Amateurverband die Bedeutung dieses großartigen Erfolges begreifen?“

Obwohl das als „Hollandais Pros“ angekündigte Sammelsurium noch niemals zusammengespielt hatte, bewies es doch eindrucksvoll, was der offiziellen Nationalelf durch den Ausschluss der Profis entging. „L’Équipe“ machte dabei eine interessante Beobachtung, die bereits auf die weitere Entwicklung des niederländischen Fußballs verwies: „Die Franzosen streichelten den Ball. Die Holländer spielten ihn.“

Auch Abe Lenstra, der prognostiziert hatte, die Franzosen würden „ungefähr vier zu null“ gewinnen, war tief beeindruckt. Die niederländischen Profis hätten sich nach dem Verlassen der Heimat taktisch, technisch und konditionell enorm verbessert. Als man ihn fragte, ob er gerne mitgespielt hätte, antwortete das Idol der Amateurideologen: „Und ob ich gewollt hätte! Endlich Spieler, von denen man gute Zuspiele hätte kriegen können.“

Die niederländische Zeitschrift „Sportief“ hatte bereits zwei Monate vor dem Spiel die KNVB-Politik heftig kritisiert: „Wenn die Pariser Oper einem musikalisch begabten jungen Holländer einen Vertrag als Violinist anbietet, betrachten wir das als eine Ehre. Bei Fußballspielern sieht das ganz anders aus. (…) Die holländischen Profis in Frankreich werden als minderwertige Wesen angesehen, weil sie ihr Brot mit Fußball verdienen (…), obwohl sie doch durch ihre Fähigkeit wahrhaftig Talent nachweisen.“

Die Begegnung von Paris bescherte dem niederländischen Fußball seinen eigenen Dammbruch. Schon unmittelbar nach dem Spiel verkündete KNVB-Vorständler Lo Brunt, dass der Profifußball nun auch in den Niederlanden nicht mehr aufzuhalten sei. 1954 wurde der Nederlandse Beroepsvoetbal Bond (NBVB) gegründet, der eine eigene Profiliga aus der Taufe hob, in der sich zehn Profivereine organisierten. Viele der niederländischen Auslandsprofis kehrten nun in die Heimat zurück, um sich einem dieser Klubs anzuschließen. Am 14. August 1954 wurde in Alkmaar erstmals offiziell professionell gespielt, als sich vor 13.000 Zuschauern Alkmaar’ 54 und der Sportclub Venlo gegenüberstanden. Die Spiele der Profiliga mobilisierten deutlich mehr Zuschauer als die höchsten Amateurligen des KNVB. Nach nur elf Spieltagen vollzogen NBVB und KNVB eine Fusion. Die Spiele der beiden Ligen wurde abgebrochen und mit der Kampioenscompetie eine neue nationale Liga gegründet, aus der 1956 die Eredivisie und erste niederländische Profiliga unter Aufsicht des KNVB hervorging.

Ajax bestritt sein erstes Profispiel am 28. November 1954 und kassierte dabei im vereinseigenen Stadion De Meer gegen VVV Venlo eine 2:3-Niederlage. Die Ajax-Spieler erhielten nun für einen Sieg 30 Gulden, bei einem Remis waren es 20, bei einer Niederlage immerhin noch zehn. Allerdings gingen alle Ajax-Akteure unverändert neben dem Fußball einer Vollzeitbeschäftigung nach.

In die Nationalmannschaft waren die Profis bereits am 13. März 1956 zurückgekehrt, und am 14. März 1956 besiegte die Elftal Weltmeister Deutschland vor 65.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion mit 2:1. In der Nationalelf wurden die Profis allerdings weiterhin wie Amateure behandelt – bis Johan Cruyff die Bühne betrat und eine Revolution auslöste.

Kapitel 3: Ajax, Mokum, Israel

„Wäre Cruyff ein Jude, dann würde er die Liste der größten jüdischen Sportler anführen.“

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Johannes Hendrik Cruyff, genannt Johan, wächst in einer Umgebung auf, in der sich alles um Fußball dreht. Geboren wird er am 25. April 1947 als zweiter Sohn von Hermanus Cornelis „Manus“ Cruijff und Petronella Bernarda „Nel“ Draaijer. Sein Elternhaus in der Akkerstraat 32/Ecke Tuinbowstraat gehört zur Siedlung Betondorp und liegt unweit von De Meer, der damaligen Heimat von Ajax Amsterdam.

Das „Betondorf“ befindet sich im Osten Amsterdams, im Stadtteil Tuindorp Watergraafsmeer, einem im 17. Jahrhundert entstandenen Polder. Bis 1921 war Watergraafsmeer eine eigenständige Gemeinde mit etwa 10.000 Einwohnern. Gebaut wurde das „Dorp“ in den frühen 1920ern, als Reaktion auf die nach dem Ersten Weltkrieg herrschende Wohnungsnot in Amsterdam. Insbesondere das traditionsreiche Kleinhändler- und Handwerkerviertel Jordaan mit seinen engen Straßen, wo Johan Cruyffs Großvater lebte und Kartoffeln verkaufte („Cruijffs Aard-appelhandel“) und wo auch die Eltern aufwuchsen, litt unter Überfüllung.

Betondorp war ein architektonisches Experiment: Zehn Architekten entwarfen 900 Gemeindewohnungen. Ein Teil der Häuser wurde aus Backsteinen gebaut, beim anderen Teil wurden erstmals im großen Stil Fertigbauteile aus Beton verwendet. Viele Häuser erinnern deshalb optisch an Kartons. Die Wohnungen wurden zunächst vorrangig an Beamte und Facharbeiter vermietet. Kirchen und Kneipen gab es in der Siedlung nicht.

Betondorp wurde auch das „rode Dorp“ genannt, denn viele seiner Bewohner sympathisierten mit den Kommunisten und Sozialisten. Es ist ein einfaches und enges Wohngebiet, aber nicht arm. Ein Haus reiht sich an das andere, nur sehr selten wird diese Kette von unbebauten Lücken unterbrochen. In der Regel sind die Häuser zweistöckig, vereinzelt auch ein- oder dreistöckig. Die Straßennamen suggerieren einen ländlichen Charakter: So gibt es die Graanstraat (Getreidestraße), Oogst-straat (Erntestraße), die Veeteeltstraat (Viehzuchtstraße), die Landbouwstraat (Landbaustraße) und die Akkerstraat (Ackerstraße). Doch freie Flächen gibt es kaum, die Gärten messen, sofern sie überhaupt existieren, nur wenige Quadratmeter. Wer draußen spielt, muss auf die Gehwege und Straßen.

Noch heute wirkt Betondorp wie ein Dorf in der Stadt, eingekapselt vom Middenweg im Osten, der A10 und dem Gooiseweg mit ihren hohen Böschungen im Süden bzw. Westen und einem Kanal im Norden. Rund 3.000 Menschen leben heute in dem sternförmig angelegten Viertel mit dem Platz de Brink als Mittelpunkt. Am Brink 24 liegt die legendäre Slagerij Korrel, die 1946 eröffnete. Auch die Cruyffs kauften dort ein.

Der Fußballstar Johan Cruyff ist nicht der erste und einzige Betondorper, der es zu Prominenz bringt. Der Schriftsteller Gerard Kornelis van het Reve (1923-2006), der zu den Großen der modernen niederländischen Literatur gezählt wird, der Fotograf und Filmemacher Ed van Elsken (1925-1990), der u. a. in zahlreichen renommierten Museen wie der Museum of Modern Art in New York, dem Art Institute of Chicago und dem Amsterdamer Stedelijk Museum ausstellte und 1971 den Staatspreis der Niederlande für Film erhielt, der ehemalige KLM-Manager Leo van Wijk (Jg. 1946), der mit Cruyff in der Ajax-Jugend kickte, als Baseballspieler aber erfolgreicher war, der langjährige Ajax-Assistenz- und Jugendtrainer Bobby Haarms (1934-2009), die Klublegende schlechthin, und die Schauspielerin Willeke van Ammelrooy (Jg. 1944), u. a. in der Komödie „Antonias Welt“ (1995) und dem Filmdrama „Das Haus am See“ (2006) zu besichtigen, stammen ebenfalls aus Betondorp.

Nachbar Ajax

Vom Ajax-Stadion De Meer trennt Betondorp nur der Middenweg, der aus Richtung Diemen ins Herz der Stadt führt. Das Haus der Cruyffs in der Akkerstraat 32 befindet sich nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Anstoßpunkt im De Meer entfernt. Im Herbst 1959 zieht die Familie innerhalb Betondorps in die Weidestraat 37 um und rückt damit noch näher an die Ajax-Spielstätte.

Bereits 1907 war Ajax aus dem Norden der Stadt in den Osten nach Watergraafsmeer umgezogen. Für den neuen Standort sprach, dass er sich vom Stadtzentrum aus gut mit der Straßenbahn erreichen ließ. Am Middenweg entstand nun das „Holzstadion“, dass aber mit der Zeit zu klein wurde. Die Zuschauer standen häufig bis an die Außenlinien und beeinträchtigten den Spielbetrieb.

Am 9. Dezember 1934 nahm Ajax am Middenweg das vereinseigene Stadion De Meer in Betrieb. Architekt des Stadions ist der Ajaciede Dan Rodenburgh. Der Stadionbau kostet Ajax 100.000 Gulden. Für einen Amateurverein war das damals eine enorme Summe und eine mit erheblichen Risiken verbundene Investition. Zur Eröffnung der zunächst 22.000 Zuschauer fassenden Spielstätte kam Stade Francais Paris und wurde mit 5:1 abgefertigt.

Es gibt eine Karte, auf der die Stammvereine der Amsterdamer Fußballprofis verzeichnet sind. Diese Amateurklubs sind über die gesamte Stadt verteilt, aber um das mittlerweile abgerissene ehemalige Ajax-Stadion De Meer ballen sie sich. Die Ajax-Scouts konnten einen großen Teil ihrer Arbeit zu Fuß erledigen. Einschließlich Ajax sind 14 der 39 aufgeführten Klubs in Amsterdam Oost bzw. Watergraafsmeer beheimatet, wo die Sportparks Middenmeer, Voorland und Drieburg zahlreiche Fußballplätze beherbergen. In keiner anderen Gegend Amsterdams gibt es eine derartig große Ansammlung von Fußballplätzen.

Bei Ajax begann nur Cruyff mit dem Fußballspielen. Ruud Gullit, Europas Fußballer des Jahres 1987, startete bei den Meerboys, Wim Kieft bei Madjoe, Louis van Gaal bei De Meer, Sjaak Swart und Rob Rensenbrink beim 1994 aufgelösten OVVD, Bennie Muller bei TDW, der Keeper Stanley Menzo und neun andere bei Zeerburgia, Dennis Bergkamp bei Wilkskracht SNL, der heutige Hoffenheimer Ryan Babel bei Fortius, Piet Keizer bei Amstel, Mbark Boussoufa bei Middenmeer. Seit den 1950ern absolvierten fast 40 namhafte Profis ihre ersten fußballerischen Gehversuche in einem Radius von gut 500 Metern.

Bei Ajax

Johan Cruyffs Vater Manus betreibt einen kleinen Gemüsehandel und nennt sich „Hofleverancier van Ajax“ (Hoflieferant von Ajax). Er arbeitet hart und verdient wenig. In Betondorp gibt es zwei Schulen, eine öffentliche und eine protestantische. Johan Cruyff besucht bis zum zwölften Lebensjahr die Groen van Prinstererschool am Zaaiersweg. Die Schule ist ähnlich bibelfest wie ihr Namensgeber, und wenn es später um Cruyffs angeblichen „Geiz“ und „Geldgier“ geht, wird man diese häufig auf seine (angeblich) kalvinistische Erziehung zurückführen.

Guillaume Groen van Prinsterer (1801-1876), der Namensgeber von Johans Schule, war ein Staatsmann, Geschichtsschreiber und Publizist und erklärter Gegner des Liberalismus. Van Prinsterer beeinflusste stark den protestantischen Theologen und Politiker Abraham Kuyper, der 1879 die Anti-Revolutionaire Partij (ARP) gründete. Das „antirevolutionär“ bezog sich auf die Ablehnung der Ideen der Französischen Revolution. Van Prinsterer wie Kuyper wollten die niederländische Gesellschaft zu einer kalvinistischen, am Ideal des 17. Jahrhunderts orientierten Nation unter Führung des Hauses Oranien formen, die aber Fremde und Minderheiten respektierte.

In der Zeit der Besetzung durch Nazi-Deutschland spielte die orthodoxe Strömung der Niederländischen Reformierten Kirche eine eher positive Rolle. Viele „Antirevolutionäre“ beteiligten sich am Widerstand und versteckten jüdische Mitbürger. Für den britischen Holocaust-Forscher Bob Moore ragten „die Leistungen der Orthodoxen weit über die anderer Glaubensgemeinschaften hinaus“. Der niederländische Schriftsteller und Chronist seines Landes, Geert Mak, vermutet, dass die Orthodoxen zur Hilfe bereit waren, „weil sie im Schicksal der Juden ihr eigenes Selbstbild als verfolgtes Volk Gottes wiedererkannten. Trotz des Misstrauens gegenüber den jüdischen ‚Fremden‘ empfand man es fast als religiöse Pflicht, in diesen Zeiten höchster Not an der Seite des alten Volkes Abrahams, Isaaks und Jakobs zu stehen.“ Außerdem hätten die Orthodoxen „ganz und gar allergisch auf jede staatliche Einmischung und überhaupt auf Eingriffe von oben reagiert. Sie hatten ja nicht ohne Grund den sicheren Hafen der Staatskirche verlassen, um überall ihre eigenen Gemeinden zu gründen, und das Gleiche galt für die eigenen Schulen, die eigenen Zeitungen und all die anderen Einrichtungen, die sie unter großen Opfern ins Leben gerufen hatten. Das totalitäre Nazi-Regime verletzte diese Autonomie schon bald auf rücksichtslose Art, und auch hierauf reagierten sie ungewöhnlich heftig.“

Nach der Schule kickt Cruyff auf den Straßen Betondorps und den Bolzplätzen rund um das Ajax-Stadion. Oder er geht dem Ajax-Platzwart Henk Angel zur Hand. 1996 erzählt Cruyff den Journalisten Frits Barend und Henk van Dorp: „Als ich in der Ersten debütierte, hatte ich bereits ein ganzes Fußballleben in De Meer hinter mir. Ich habe nur gute Erinnerungen an De Meer. Ich kannte jeden Winkel. Ich war siebzehn, als ich debütierte, aber damals lief ich dort bereits seit zehn Jahren herum. Ich habe Eckfahnen gesetzt, Schuhe geputzt, Stollen eingeschraubt, Gänge gestrichen, Sand in die Tore gestreut; bei allem half ich Onkel Henk, soweit ich das als Kind konnte. Wir haben Schnee geräumt, Rasen gemäht, haben Netze aufgehängt, Linien gezogen, am Sonntag auf dem Tribünendach die Flaggen aufgehängt. Ich war Tag und Nacht da.“

Am 25. April 1957, seinem zehnten Geburtstag, wird Cruyff in die Jugendmannschaft von Ajax aufgenommen. Als Mitglied hat ihn sein Vater bereits 1952 einschreiben lassen. Cruyff muss kein Probetraining absolvieren. Der Jugendtrainer Jany van der Veen, der später u. a. auch Clerence Seedorf für Ajax entdeckt, hat das Talent häufig genug auf den Straßen Betondorps spielen sehen. Jany van der Veen widmet sich dem Nachwuchs mit einer Intensität, als trainiere er eine Profielf. Cruyff hat das große Glück, dass der Klub bereits zu dieser Zeit mit den Jugendlichen auch individuell trainiert.

Schulabbrecher, Autodidakt und erstes Gehalt

1959 ereilt den zwölfjährigen Johan Cruyff ein schwerer Schicksalsschlag. Manus Cruyff stirbt nur 45-jährig an einem Herzleiden. Der frühe Tod des Vaters, mit dem der Sohn viele intensive Gespräche geführt hat, ist von prägender Bedeutung für Johan und erklärt vielleicht auch die spätere starke Hinwendung zu seinem Schwiegervater Cor Coster und dessen Familie. Simon Kuper zitiert den ehemaligen Ajax-Psychologen Dolf Grunwald: „Cruyff lehnt jegliche Autorität ab, weil er – unbewusst – jeden mit seinem Vater vergleicht.“ Als Roelf Zeven die psychologische Betreuung des Ajax-Teams übernimmt, soll Cruyff mit ihm permanent über seinen Schwiegervater Cor Coster gesprochen haben.

Die Familie Coster ist wohl auch der wesentliche Grund für das extrem schlechte Verhältnis zwischen Johan Cruyff und seinem zweieinhalb Jahre älteren Bruder Henny. Auch Henny spielte in der Jugend für Ajax, verfügt aber bei Weitem nicht über das Talent seines Bruders. Für Henny Cruyff, der 1968 in der Elandsgracht im Jordaan ein Sportgeschäft eröffnete und sich heute in einer lokalen Bürgerinitiative für die Belange seines Viertels engagiert, hat der Bruder seine eigene Herkunft gewissermaßen verraten. Dafür macht er Johans Hinwendung zur Coster-Familie verantwortlich, wie ein naher Bekannter vermutet: „Henny Cruyff glaubt, dass Cor Coster und die Familie Coster ihm den Bruder geraubt haben.“

Vor einigen Jahren behauptete Henny Cruyff, Johans Schwiegervater Cor Coster sei im Zweiten Weltkrieg SS-Mann und stellvertretender Lagerführer in Lettland gewesen. Er kontrastierte dies mit der Geschichte seines Vaters Manus, der sich in der Zeit der deutschen Besatzung im Widerstand engagiert und dabei sein Leben riskiert habe – ein Vater also, auf den Johan, im Gegensatz zum Schwiegervater Cor Coster, stolz sein könnte. Seither kommunizieren die Brüder überhaupt nicht mehr miteinander. Stattdessen leiteten Johan und seine Frau Danny juristische Schritte ein, und Henny Cruyff musste die Behauptungen über Cor Costers Vergangenheit von seiner Homepage entfernen. Das Nederlandse Institut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD), das von Henny Cruyff zunächst als Zeuge aufgeführt wurde, widersprach später einer SS-Mitgliedschaft Cor Costers. Dieser sei vielmehr zu einem Arbeitseinsatz in Lettland gezwungen worden. (Das NIOD – zunächst: Rijksbureau voor Oorlogsdocumentatie / RIOD – war bereits am 8. Mai 1945 gegründet worden. Seine Aufgabe war das Sammeln und Zugänglichmachen von Quellen über die Kriegsjahre 1940-1945. Es avancierte zur umfangreichsten Literatur- und Quellensammlung über die Zeit der Besatzung.)

Nach dem frühen Tod ihres Mannes muss Nel Cruyff den Gemüseladen aufgeben. Zunächst arbeitet sie als Putzfrau und anschließend in der Kantine von Ajax, wodurch ihr Sohn Johan noch stärker in das Klubleben eintaucht. Im September 1959 wechselt der Zwölfjährige auf das Frankendaal-Ulo, einer höheren Schule in Watergraafsmeer. Aber der Unterricht interessiert ihn nicht, und nach zwei „Ehrenrunden“ beschließt Johan, die Schule ohne Abschluss zu verlassen, um sich ausschließlich dem Fußball zu widmen.

Dass er später trotzdem ein gutes Englisch spricht – manche behaupten sogar, sein Englisch und sein Spanisch seien besser als sein zuweilen grammatikalisch etwas eigenwilliges Niederländisch –, hat er den englischen Ajax-Übungsleitern Keith Spurgeon und Vic Buckingham zu verdanken, bei denen er in den 1950ern und frühen 1960ern häufiger zu Mittag isst. Außerdem treibt ihn der Wille, alles aufzusaugen, was irgendwie mit Profifußball zu tun hat, und dazu gehört auch die englische Sprache. Dem Autor Simon Kuper erzählt er später: „Meine Schulzeit war nicht sehr lang. Deshalb musste ich alles in der Praxis lernen. Auch Englisch.“

Später legt der Autodidakt und Schulabbrecher größten Wert auf Bildung und sorgt dafür, dass seine drei Kinder studieren. „Studium und Sport: diese beiden Dinge. Ich denke, dass Sport viel zu sehr unterbewertet, nicht wertgeschätzt wird. Ich denke, dass geistige Klarheit fast immer durch den Sport entsteht. Und Studieren, finde ich, sollte man auch.“

Nach dem Ende seiner Karriere als Spieler und Trainer wird Johan Cruyff mit den Cruyff Institutes (Amsterdam, Barcelona, Mexiko, Stockholm), Cruyff Universities (Amsterdam, Tilburg) und Cruyff Colleges (Amsterdam, Enschede, Nijmwegen, Groningen Roosendaal) eigene akademische Einrichtungen gründen, die Leistungssportlern die Parallelität von Training und Studium ermöglichen sollen und sie im Sportmarketing ausbilden. Cruyff: „Meiner Ansicht nach besitzen Sportler bemerkenswerte Fähigkeiten. Sie sind intelligent, engagiert, begierig darauf, sich zu verbessern, und zielorientiert. Mit diesen Charakterzügen und dem richtigen akademischen Training können Sportler erfolgreich Führungspositionen in der Welt des Sportmanagements übernehmen. Gibt es jemand Besseren, zum Wohle des Sports zu handeln, als jemand, der das Herz eines Sportlers hat?“ In diesem Sinn kritisiert Cruyff am heutigen FC Barcelona die mangelhafte Spracherziehung seines Stars Lionel Messi: „Der Klub hätte bei der Erziehung Wert darauf legen müssen, dass Messi Englisch lernt. Mit Englisch und Spanisch beherrschst du die Welt. So ist es sehr unglücklich, dass Messi mit der halben Welt nicht sprechen kann.“

Die Konzentration des jungen Johan auf den Fußball wird dadurch erleichtert, dass die Ajax-Nachwuchsspieler Anfang der 1960er Jahre schon etwas Geld verdienen. Trainer Vic Buckingham hat dafür gesorgt, dass die jungen Kicker pro Spiel zehn Gulden bekommen. Buckingham will so ermöglichen, dass die Jungs sich ganz dem Training widmen können und nicht durch andere Tätigkeiten ihr Taschengeld aufbessern müssen.

Zu einem Markstein in der Karriere des Johan Cruyff gerät das Jahr 1963, denn erstmals wird eine breitere Fußballöffentlichkeit auf das Talent aufmerksam. Ajax veranstaltet ein internationales Turnier mit Inter Mailand, Arsenal London und dem FC Barcelona. Zu den Beobachtern gehört auch der Journalist Maarten de Vos, der nun die erste große Story über den 16-jährigen Johan schreibt. Im gleichen Jahr wird Cruyff zum besten Jugendspieler der Niederlande gewählt, und die laufende Saison 1963/64 beendet er mit Ajax als niederländischer Juniorenmeister. Beachtliche 74 Tore hat Cruyff in dieser Spielzeit erzielt.

Als er 1965 Profi wird, beträgt sein monatliches Salär zunächst 120 Gulden. In der Vorstandsetage hält sich die Begeisterung für das Talent in Grenzen. Mit nur 60 Kilo gilt der 18-Jährige als zu schmächtig. Vor allem missfällt den Funktionären aber Cruyffs öffentlicher Zigarettenkonsum.

Mokum

Als am 15. Mai 1940 die Deutschen in die Niederlande einfielen, war der Osten Amsterdams noch stark jüdisch geprägt – wie Amsterdam überhaupt, das auch als „Jerusalem Westeuropas“ firmierte. Die Metropole galt als „judenfreundlichste“ Stadt und die Niederlande für Juden als der sicherste Staat im Westen Europas. Vor dem Holocaust lebten ca. 140.000 Juden in den Niederlanden, davon ca. 80.000 in Amsterdam, wo sie 13 Prozent der Bevölkerung stellten.

Die Seele des jüdischen Amsterdamer Lebens bildete das alte Judenviertel mit der Jodenbreestraat (im Haus Nr. 4 lebte Rembrandt) und ihrem berühmten Markt, dem Deventer Houtmarkt (heute Jonas Danel Meijerplein), und dem Waterlooplein. Hier lebte das vorwiegend in den Diamantschleifereien beschäftigte jüdische Proletariat, und hier standen die großen Synagogen wie die heute noch existierende portugiesische (sephardische) am Mr. Visserplein. Die wohlhabenderen Juden residierten im Plantage Viertel mit der Plantage Middenlaan als Hauptader. 1925 war jeder zweite Einwohner des gediegenen und ordentlichen Viertels Jude.

Auch im rund drei Kilometer entfernten Betondorp lebten viele Juden, um die 400 dürften es gewesen sein, von denen viele als Straßenhändler ihr Geld verdienten. In der Tuinbouwstraat 26b stand eine Synagoge, 1928 errichtet vom jüdischen Architekten Abraham Oznowicz, der selbst in der Ploegstraat lebte. Jede Straße des Viertels weist Häuser auf, in denen vor ihrer Deportation und Vernichtung Juden lebten. Von den 80.000 Amsterdamer Juden überlebten keine 15.000 den Holocaust. Aus Betondorp wurden 227 Juden in Auschwitz und Sobibor ermordet. 18 von ihnen kamen aus der Akkerstraat, wo Cruyffs Elternhaus stand. Die meisten Opfer zählten mit 39 bzw. 62 die benachbarten Ploegstraat und Veeteeltstraat. Bei John Cruyffs Geburt war es gerade einmal dreieinhalb Jahre her, dass die deutschen Besatzer ihre letzten großen Razzien in Amsterdam durchgeführt hatten, um die Juden zu inhaftieren und später in die Vernichtungslager zu deportieren.

Als ein Verein, der im Amsterdamer Osten beheimatet war, blieb Ajax von der jüdischen Community nicht unberührt. Seit dem Umzug nach Watergraafsmeer besaß Ajax immer auch eine jüdische Fanbasis. Primär war diese geografisch bedingt. Aus dem Middenweg, wo das Ajax-Stadion De Meer lag, wird stadteinwärts zunächst die Linnaeustraat, die in die Plantage Middenlaan übergeht, die Wohngegend der bürgerlichen Juden. An diese schließt sich das alte jüdische Viertel der Kleinhändler und Arbeiter an. Auf dem Weg vom Stadtzentrum zum De Meer passierte man also die hauptsächlichen Wohngegenden der Amsterdamer Juden. Für deren Bewohner war das Ajax-Stadion leicht erreichbar. Sofern sie sich für Fußball begeisterten, waren die im alten Judenviertel und im Plantage-Viertel lebenden Juden Anhänger von Ajax. Der Rabbiner Rebbe Meyer de Hond, eine schillernde Gestalt in der jüdischen Gemeinde und Propagandist einer traditionellen jüdischen Lebensart, beschwerte sich 1926 darüber, dass die Juden zu häufig Ajax und zu selten die Synagoge besuchen würden. (Rebbe Meyer de Hond wurde 1943 in Sobibor ermordet. An den charismatischen Rabbiner erinnert heute die Dr.-Meyer-de-Hond-Brücke über der Nieuwe Achtersgracht.)

Ajax war kein jüdischer Klub, aber es existierte eine Nähe zum jüdischen Amsterdam. So wurden Meisterschaften im 1921 errichteten Großkino Abraham Tuschinski in der Reguliersbreestraat gefeiert. (Abraham Icek Tuschinski, ein niederländischer Kinobetreiber jüdisch-polnischer Herkunft, wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Das Tuschinski, das 2001 sorgfältig renoviert wurde, ist noch heute das bedeutendste und bekannteste Kino der Niederlande.)

Unter den Mitgliedern des Klubs bildeten die Juden nur eine kleine Minderheit; die ärmeren Juden konnten sich eine Mitgliedschaft gar nicht leisten. Und jüdische Spieler gab es in der Geschichte von Ajax nur ganz wenige. Der bekannteste von ihnen war der Flügelstürmer Eddy Hamel, ein in New York geborener amerikanischer Staatsbürger, der von 1922 bis 1930 in 125 Ligaspielen für Ajax auflief. Hamel lebte nicht im Judenviertel, sondern an der Amstelkade im Süden Amsterdams. Am 30. April 1943 wurde er in Auschwitz ermordet.

Heute leben nur noch ca. 15.000 Juden in Amsterdam, aber die Bezeichnung der Stadt als „Mokum“ ist unverändert populär. „Mokum“ (hebräisch: makum) stammt aus dem Jiddischen und bedeutetet „Platz“ und „sicherer Hafen“. „Ik woon in Mokum“, bekennen auch nicht-jüdische Amsterdamer mit Stolz.

Die „Breslauers“

Das Image eines „Judenklubs“ entwickelt Ajax erst zwei Jahrzehnte nach dem Holocaust und dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Genauer: in den Jahren, als Ajax mit Johan Cruyff zu einem der besten und denkwürdigsten Teams der Weltfußballgeschichte avancierte.

Das Thema wird auch im Klubmuseum „Ajax Experience“ am Amsterdamer Rembrandtplein angesprochen. Unter der Überschrift „Wie Zijn We? Ajax, Jodenclub?“ heißt es, Ajax würde „fälschlich“ als solcher bezeichnet. Zu keinem Zeitpunkt habe Ajax mehr jüdische Spieler in seinen Reihen gehabt als andere Amsterdamer Klubs. Was niemand je behauptet hat und was deshalb das Thema ein wenig verfehlt.

1964 wurde der Amsterdamer Jude Jaap van Praag Präsident von Ajax. Auch sein Vater Mozes war ein Ajaciede gewesen. Mozes van Praag hatte zunächst in der Diamantenindustrie gearbeitet, einem traditionell von Juden dominierten Gewerbe. Später eröffnete er ein Klaviergeschäft. Die van Praags lebten im „jüdischen“ Osten Amsterdams, in der Pretoriusstraat. Seit 1912 war Mozes van Praag ein Gönner des Klubs. Und natürlich pilgerte er mit seinem Sohn Jaap zu jedem Spiel von Ajax im nur 1,5 Kilometer von seinem Wohnhaus entfernten De Meer.

Der spätere Ajax-Präsident begann seine berufliche Karriere im Musikgeschäft seines Vaters. Früh erkannte er die Zukunft von Vinylscheiben und eröffnete am Spui, einem heute von vielen Buchläden umgebenen Platz im Zentrum von Amsterdam, den ersten Schallplattenladen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Jaap van Praag Besitzer einer Reihe von Elektro- und Schallplattenläden und ein wohlhabender Mann. Krieg und Besatzung hatte er unter dem Decknamen Jaap van Rijn in einem Haus in Overtoom, das er kaum verlassen konnte, überlebt. Seine Eltern und seine kleinere Schwester wurden von den Nazis ermordet. Im November 1945 bedankte sich Jaap van Praag in einer Veröffentlichung des Ajax-Vorstands bei „allen Ajax-Freunden, die mir, nach meiner langen Zeit des Verstecktseins, mit so viel Freundlichkeit begegnet sind“.

Van Praag war der Kopf eines Netzwerks von Holocaust-Überlebenden, die am Aufstieg von Ajax zu einer europäischen Topadresse entscheidend mitwirkten. Simon Kuper: „Das große Ajax-Team der 1970er wurde in gewisser Weise in Teilen vom Holocaust geformt.“ Eine Reihe von Gönnern in den goldenen Jahren waren Juden, so der Immobilien-Tycoon Maup Caransa (zuweilen bezeichnete die Presse Ajax als „Caransajax“), dessen Hauptrivale auf dem Immobilienmarkt, Jaap Kronenberg, außerdem der Textilhändler Leo Horn, ein ehemaliger Weltklasseschiedsrichter, in dessen 31 Geschäften zeitweise auch die Ajax-Spieler Piet Keizer und Ruud Krol arbeiteten. Auch Rob Cohen zählte dazu, Besitzer einer Kette von Fleischerläden und des berühmten jüdischen (aber nicht koscheren) Sandwich-Shops „De Kuil“, in den er das Ajax-Team nach Titelgewinnen zum Dinner einlud. Rob Cohens gleichnamiger Sohn ist Schwiegervater und Manager des Nationalspielers und heutigen Ajax-Trainers Ronald de Boer.

Simon Kuper bemüht zur Charakterisierung der jüdischen Geschäftsleute, die zum Aufstieg von Ajax beitrugen, eine Figur aus Leon de Winters 1996 erschienenem Roman „SuperTex“. Der jüdische Textil-Tycoon Simon Breslauer ist der einzige Holocaust-Überlebende seiner Familie. Nach dem Krieg stürzt er sich in den Aufbau eines florierenden Textilunternehmens mit dem Namen SuperTex, das billige Massenware produziert. Leute wie Breslauer wollen nicht darüber nachdenken, geschweige denn darüber sprechen, was ihnen und ihrer Familie zugestoßen ist. Gleichzeitig ist es ihnen unmöglich, das Geschehene zu bewältigen. Sie gründen Unternehmen, um nie wieder in die Abhängigkeit eines Mitmenschen zu geraten und Demütigungen zu erfahren. Sie häufen ein Vermögen an, damit ihre Kinder für den „worst case“, die Rückkehr der Nazis, gewappnet sind. Am Ende landet die Romanfigur Simon Breslauer mit seinem Mercedes 560 SEL nahe der Stadt Loodsrecht in einem Graben und ertrinkt. Im richtigen Leben war es Jaap van Praag, der 1987 seinen Wagen in der Nähe von Badhoevedorp in einen Graben fuhr und an den Folgen des Unfalls starb.

Auf dem Feld wurde die jüdische Community in der bis 1974 währenden Ära van Praag nur durch zwei Spieler repräsentiert: Sjaak Swart, von dem später noch die Rede sein wird, und Bennie Muller. Für viele Ajax-Fans waren Swart und Muller aber vor allem typische „Amsterdamer Jungs“, mehr als alle anderen Spieler.

Der emsige Mittelfeldspieler Muller (Jg. 1938) bestritt von 1957 bis 1970 für Ajax 341 Erstligaspiele (30 Tore). Beim ersten Europapokalfinale der Amsterdamer 1969 war der 43-fache Nationalspieler noch dabei, nicht aber beim folgenden Triumphzug der Jahre 1971 bis 1973. Den Aufstieg der niederländischen Nationalelf verpasste Muller total. In seinen 43 Länderspielen verließ Muller nur zwölfmal als Sieger den Platz. Nach dem Ende seiner Karriere eröffnete er im Jordaan-Viertel einen Tabakladen.

Mullers Sohn Danny ging 1988 knapp 19-jährig mit dem Trainer Johan Cruyff zum FC Barcelona, wo er ein Jahr im B-Team verbrachte. Anschließend spielte er u. a. für die Eredivisie-Klubs AZ Alkmaar und RKC Waalwijk. Danny Muller galt als sehr großes Talent, wurde aber von chronischen Achillessehnenproblemen geplagt.

Prosemitismus kontra Antisemitismus

Laut „Ajax Experience“ hat die Stigmatisierung von Ajax als „jodenclub“ mit einem Zwischenfall begonnen, an dem Bennie Muller unfreiwillig beteiligt war. Am 17. Januar 1965, einem Sonntag, wurde im Amsterdamer Olympiastadion das Lokalderby zwischen Ajax und DWS angepfiffen. Dabei soll DWS-Keeper Jan Jongbloed, der 1974 mit den Niederlanden Vize-Weltmeister wurde, den jüdischen Ajacieden Bennie Muller als „vuile rot-jood“ („dreckiger verrotteter Jude“) beschimpft haben. Der Vorfall schlug hohe Wellen. Jongbloed wurde für einige Spiele gesperrt, wodurch DWS möglicherweise die Meisterschaft verpasste. Denn Jongbloed-Ersatz Leo Heeres griff einige Male daneben.

Ende der 1970er, so das Ajax-Museum, hätten die antisemitischen Schmähungen gegen Ajax zugenommen. Als Reaktion darauf hätte sich unter den Ajax-Fans ein Prosemitismus entwickelt, dessen Träger aber in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit Nicht-Juden waren und sind. Neben dem Text steht ein Foto, dass die berühmt-berüchtigte F-Side, eine militante Gruppe von Ajax-Fans, bei einem Derby gegen Feyenoord Rotterdam mit einer riesigen israelischen Fahne zeigt. (Als der Autor im Februar 2012 das Europa-League-Spiel zwischen Ajax und Manchester United besuchte, wehte an den zahlreichen Ständen mit Fanartikeln auch die Fahne Israels. Zudem gab es Ajax-Schals zu kaufen, die neben dem Klubsymbol auch ein Davidstern schmückte.)

Das jüdische Image des Vereins hat möglicherweise auch damit zu tun, dass Jaap van Praag nicht Ajax’ einziger Präsident jüdischer Herkunft blieb. Von 1989 bis 2003 saß dem Klub sein Sohn Michael van Praag vor. Somit wurde Ajax ca. 28 Jahre von van Praags geführt, und sämtliche bedeutenden internationalen Trophäen – viermal der Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions League, zweimal der Weltpokal – wurden in ihren Amtszeiten errungen.

Ein weiterer jüdischer Ajax-Präsident folgte 2008 mit Uri Coronel. Von 1989 bis 1998 war er beim Klub für wirtschaftliche Angelegenheiten zuständig gewesen. Auch Uri Coronel stammt aus einer typischen Ajax-Familie, bereits sein Vater war Mitglied des Klubs. Seit seinem fünften Lebensjahr wurde Uri Coronel mit seinem Bruder vom Vater zu den Spielen des Klubs mitgenommen: „Wir atmeten Ajax in unserer Familie. Heute umfasst unsere große Familie rund 60 Mitglieder, und wir alle, egal ob orthodox oder liberal, Männer, Frauen und Kinder, sehen uns sämtliche Spiele von Ajax an.“

Ein Jude an der Spitze von Ajax ist in Amsterdam so selbstverständlich und normal wie ein Jude als Bürgermeister. Von 1977 bis 2010 wurde Amsterdam die meiste Zeit von jüdischen Bürgermeistern regiert (Wim Polak: 1977-83, Ed van Thijn: 1983-94, Job Cohen: 2001-2010, Lodewijk Asscher). Der prominenteste von ihnen war der Sozialdemokrat Ed van Thijn, der die Verfolgung durch die Nazis in 18 verschiedenen Verstecken überlebte. Über Ajax blieb van Thijn mit seinem Vater in Verbindung. Van Thijn senior ging bei Ajax ein und aus und war mit vielen Spielern persönlich bekannt.

Ajax ist kein jüdischer Klub, aber Ajax ist unverändert das Thema, das Amsterdams Juden miteinander verbindet. Auch Uri Coronel will nicht bestreiten, dass Ajax „zweifellos eine große Rolle im Leben der Juden von Amsterdam spielt“. Der Businessclub von Ajax setze sich zu zehn Prozent aus Juden zusammen, „was überdurchschnittlich viel ist angesichts des Anteils von Juden in der holländischen Bevölkerung“. Von den 600 Ajax-Mitgliedern (Mitglied wird man nur auf Einladung) seien 30 Juden, also fünf Prozent. „An diesem Verein gibt es absolut nichts Jüdisches, abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass sich bei einem Match ein Häuflein von 750 Juden wacker in der Masse von 45.000 bis 50.000 Zuschauern behauptet. (…) Wenn wir allerdings in Israel spielen, finden es die Israelis toll, dass es in Holland einen ‚jüdischen Verein‘ gibt, und ich muss ihnen die Realität mühsam begreiflich machen.“ Als Ajax in der Saison 1999/2000 im UEFA-Pokal gegen Hapoel Haifa spielte, freute sich der Hapoel-Vorsitzende auf ein „jüdisches Derby“. Evi Shvidler, Journalist der israelischen Zeitung „Haaretz“, porträtierte Ajax als den „wahrscheinlich jüdischsten Klub der Welt und ohne Zweifel Israels Lieblingsklub“. (Seitdem in Israel bekannt ist, dass der FC Bayern seinen ersten deutschen Meistertitel 1932 unter einem jüdischen Präsidenten und mit einem jüdischen Trainer errang und der Klub sich in der Nazi-Zeit vergleichsweise anständig verhielt, läuft der deutsche Rekordmeister Ajax diesen Rang ab.)

Fußball im „jüdischen Milieu“

Für jüdische Kultur und Atmosphäre in der Ajax-Kabine stand in den goldenen Jahren vor allem der Physiotherapeut Salo Muller, heute eine Legende des Klubs. Muller war sechs Jahre alt, als er seine Eltern das letzte Mal sah – auf der Bühne des Hollandsche Schouwburg, einem Theater an der Plantage Middenlaan, wo einst viele Stücke des jüdischen Dramatikers Herman Heijermans Premiere gefeiert hatten und der berühmte Kabarettist Louis Davids oft aufgetreten war. Mullers Eltern waren mit Hunderten anderer Amsterdamer Juden zusammengetrieben worden. Am 14. Oktober 1942 hatten die deutschen Besatzer die Hollandsche Schouwburg zur Sammelstelle für Juden erklärt, die deportiert werden sollten.

Zweimal in der Woche wurden 300 bis 400 Juden in das Theater getrieben, schließlich auch die Eltern von Salo Muller. Von der Hollandsche Schouwburg aus wurden sie dann mit der Straßenbahn zum Bahnhof Muiderpoort gebracht und von dort in das Lager Westerbork transportiert. Westerbork war nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager im Osten.

Die jüngsten Kinder der verschleppten Juden wurden in einem von den deutschen Besatzern eingerichteten Kinderheim auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Plantage Middenlaan untergebracht, wo einst die Talmud-Tora-Vereinigung gesessen hatte. Saul Muller war eines von etwa 600 Kindern, die vom Heimpersonal gerettet wurden. Bis zum Ende der Besatzung fand Muller bei acht verschiedenen Adressen Unterschlupf. Mal wurde er als Protestant aufgezogen, mal als Katholik. Er kannte weder seinen wirklichen Namen, noch sein Geburtsdatum. Erst nach der Befreiung erfuhr er von der Ermordung seiner Eltern.

Bei Ajax zelebrierte Salo Muller – anders als viele andere Ajax-Juden – seine jüdische Identität. So bewegten sich auch Nicht-Juden wie Johan Cruyff während der golden Ajax-Jahre in einem von jüdischer Kultur beeinflussten Milieu, wie es in den Niederlanden nach dem Holocaust ansonsten kaum noch existierte. Barry Hulshoff, von 1966 bis 1977 in der 1. Ajax-Mannschaft und Nationalspieler, erinnert sich vor allem an den „jüdischen Humor“, der die Atmosphäre in den Jahren der Europapokaltriumphe prägte: „Wenn wir lachten, dann häufig über eine jüdische Art von Humor. Wo hört man in Belgien und in Holland die Witze zuerst? In Amsterdam und Antwerpen – ich fühle mich in Belgien am wohlsten, wenn ich in Antwerpen bin, das ein wenig von der gleichen jüdischen Atmosphäre hat. (…) Bei Ajax befanden wir uns im Zentrum der jüdischen Community, so brachten sie alles zu uns.“

Laut Salo Muller mochten es die Spieler, „Juden zu sein – obwohl sie keine waren. Wir hatten in Amsterdam einen jüdischen Metzger, Hergo in der Beethovenstraat. Vor jedem Europapokalspiel gab er mir eine Amsterdamer Salami, eine jüdische Salami. Und die Jungs sagten: ‚Oh, es ist eine jüdische – wir mögen sie!‘ Dick van Dijk machte immer Witze darüber. Wenn es eine andere Art Salami gab, sagte er: ‚Kommt, werft sie weg – es ist eine katholische Salami. Wir mögen nur die koschere.‘ Jaap van Praag erzählte uns vor jedem Spiel jüdische Witze. Co Prins war ein typischer Amsterdamer Spieler, ein richtiger Amsterdamer Junge. Seine Familie arbeitete auf dem Markt mit vielen jüdischen Männern, die jüdische Wörter benutzen. So benutzte auch Co immer jüdische Wörter. Das war normal. Er selbst war kein Jude. Aber er benutzte die Wörter, weil diese ein Teil von Amsterdam waren, ein Teil der hiesigen Kultur.“

„Sadly not a Jew“

Auch Cruyff wurde ab und an eine „jüdische Identität“ nachgesagt – bis hin zu einem kruden Verweis auf seine Physiognomie. Im Internet erörtert die Seite „Jew or not Jew“ die Möglichkeit seiner jüdischen Identität. Auf jewornotjew.com heißt es: „Wäre Cruyff ein Jude, dann würde er die Liste der größten jüdischen Sportler anführen.“ Aber entgegen allen Gerüchten sei seine Mutter keine „Halbjüdin“ gewesen und seine Frau auch keine Jüdin.

Die Vermutung, die Familie von Ehefrau Danny sei jüdisch, basiert vermutlich auf ihrem Geburtsnamen Coster. Coster Diamonds ist ein berühmtes Amsterdamer Diamantunternehmen, und die Diamantindustrie in Amsterdam und Antwerpen war ein von Juden dominiertes Gewerbe. Coster Diamonds wurde 1840 vom Diamantschneider Moses Elias Coster gegründet, im Zweiten Weltkrieg musste das Unternehmen vorübergehend schließen. Bis zum 1970 erfolgten Umzug in die Paulus Potterstraat hinter dem Rijksmuseum residierte Coster Diamonds im alten jüdischen Viertel. Die niederländische Ausgabe von Wikipedia behauptet, Cruyffs 2008 verstorbener Schwiegervater Cor Coster sei Eigentümer des „Familienunternehmens“ Coster Diamonds gewesen. Diese Behauptung ist allerdings falsch, wie das Unternehmen bestätigt, und sie kollidiert auch im selben Wikipedia-Text mit der richtigen Angabe, Coster habe bereits als Zwölfjähriger auf einer Werft gearbeitet und sein späteres Vermögen durch den Handel mit Silber, Uhren und Schmuck erworben.

Andere Mutmaßungen über Cruyffs jüdische Herkunft entstanden wohl schlicht aus der Tatsache, dass er Juden zu seinen engeren Bekannten und entfernteren (angeheirateten) Verwandten zählt. So sah sich im März 2007 der renommierte Sportjournalist Johan Derksen in der Zeitschrift „Voetbal International“ bemüßigt, unter der etwas fragwürdigen Überschrift „In Johans Adern fließt friesisches Blut“ einiges klarzustellen: „Viele Menschen glauben, dass Cruyff Jude ist, was Unsinn ist. Er hat wohl Juden in seiner Familie. Eine Schwester seiner Mutter, Riek Draaijer, war mit Barend Tak verheiratet, dem Jugendleiter von Ajax. Eine andere Schwester seiner Mutter, Leen Draaijer, war mit Jonas de Mez, einem Amsterdamer Diamanthändler, verheiratet. Und Annie, die Halbschwester von Danny Cruyff, ist mit dem Juden Johnny Pop verheiratet gewesen. Der gemeinsame Sohn, Pascal Pop, leitet mit Cruyffs Tochter Chantal das Cruyff-Management. Anfang der 1990er ging Pascal Pop nach Jerusalem, um das jüdische Alte Testament zu studieren. Er ist auch ein guter Karatekämpfer und Kick-boxer und hat bei der Maccabiade, der jüdischen Olympiade, schon mal eine Medaille gewonnen. Pop ist ein orthodoxer Jude und ausgebildeter Rabbiner.“ Tatsächlich gewann Pascal Pop bei der Maccabiade 1991 in Marseille sogar zwei Medaillen – jeweils Silber. Als Pascal Pop in Jerusalem heiratete, wurde Cruyff mit einer rot-weißen Kippa mit der Nr. 14 gesehen.

Bei der erwähnten Maccabiade in Marseille gewann übrigens das Fußballteam von Maccabi Niederlande Bronze. Coach war der aus einer jüdischen Familie Amsterdams stammende Frits Barend, renommierter Journalist und einer der engsten Vertrauten von Johan Cruyff. 1972 bis 1986 war der mit Cruyff gleichaltrige Barend Redakteur beim Wochenblatt „Vrij Nederland“, 1987 bis 1996 bei der Zeitschrift „Nieuwe Revu“. Gemeinsam mit Henk van Dorp hat Barend in diesen Jahren Cruyffs Karriere journalistisch begleitet und zahlreiche Interviews geführt, die 1998 auch in Buchform veröffentlicht wurden. Mit van Dorp ist er bis heute im niederländischen Fernsehen mit eigenen Sendungen präsent. Barend und seine Familie erschienen 2004 auf einer Todesliste radikaler Moslems.

„Sadly not a Jew“ – mit diesem Fazit schließt die Internetseite „Jew or not Jew“ ihre Betrachtungen über Cruyff. Wohl bei keinem anderen Sportler von Weltrang wird in jüdischen Kreisen so sehr bedauert, dass er kein Jude ist, wie bei Johan Cruyff. Und so häufig diskutiert, ob er nicht wenigstens ein bisschen Jude sei. Wäre er einer, so würde er in der Beliebtheitsskala für jüdische Sportler wohl tatsächlich noch vor dem Schwimmer Mark Spitz rangieren, der bei den Olympischen Spielen 1968 und 1972 addiert neun Goldmedaillen gewann. Und von Johan Cruyff wird diese Zuneigung durchaus erwidert.

Der Freund Israels

Im Oktober 2010 wird im israelischen Jaffa ein sogenannter Cruyff Court eingeweiht. Dabei handelt es sich um ein 42 x 28 Meter großes Kunstrasenspielfeld mit blauer Bande und integrierten Toren. Die Cruyff Courts, von denen mittlerweile weltweit über 130 existieren, sind ein Projekt der von Johan Cruyff gegründeten Johan Cruijff Foundation.

Für den Standort der Courts gibt es klare Kriterien. Es muss sich um einen leicht zugänglichen öffentlichen Raum handeln, im Herzen einer Community. Der Court muss für eine möglichst große Zahl von Kindern und Jugendlichen erreichbar sein und sich nach Möglichkeit in der Nähe einer Schule oder einer anderen Bildungseinrichtung befinden. Die Plätze sollen in dicht besiedelten Gebieten die Rückkehr zum Straßenfußball ermöglichen, aber auch für andere sportliche Aktivitäten benutzbar sein.

Der Cruyff Court in Jaffa entsteht in Kooperation mit der zionistischen niederländischen Organisation Collectieve Israel Actie. Die „Jerusalem Post“ berichtet: „Der Cruyff Court Yafo soll ein Beispiel für Koexistenz und ein Versprechen für Frieden in Israel und im Mittleren Osten sein. Er soll Kindern einen sicheren Platz für sportliche Aktivitäten bieten. Durch die Kooperation von Lokalparlament, Verbänden, Schulen, Sport- und Fußballklub und der lokalen Geschäftswelt kann der Cruyff Court – auf dem Juden und Araber gemeinsam spielen können – eine wichtige soziale Funktion in der Nachbarschaft ausüben.“ Die Einweihungszeremonie findet im Cherner Community Center in Jaffa statt, in Anwesenheit des Bürgermeisters von Tel Aviv-Jaffa, des Botschafters der Niederlande, Vertretern von Collectivie Israel Actie, der Cruyff Foundation und des Peres Center for Peace.

Israel ist für Cruyff aber bereits seit vielen Jahren ein Thema. Am 17. Juli 1973 berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, dass der 26-jährige niederländische Fußballstar eine der Galionsfiguren einer Spendenkampagne für den Bau eines Fechtzentrums für junge Fechter in der Nähe von Tel Aviv sei. Initiatorin der Kampagne ist Ankie Spitzer, Witwe des bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München von einem palästinensischen Terrorkommando ermordeten Fechttrainers Andre Spitzer.

Der 1945 in Rumänien geborene Spitzer war 1964 in die Niederlande emigriert, um dort als Fechttrainer zu arbeiten. In den Niederlanden verliebte er sich in seine Studentin Ankie. 1971 heiratete das Paar und ging nach Israel. Dort gründete Spitzer eine Fechtakademie und übernahm im Alter von nur 27 Jahren die Betreuung der israelischen Olympiamannschaft. Nach der Ermordung der elf israelischen Athleten und Trainer bezichtigte Ankie Spitzer die Regierung der Bundesrepublik der Mitverantwortung. Neun der Israelis waren bei einem äußerst dilettantischen Befreiungsversuch von Bayerischer Grenzpolizei und Münchener Polizei ums Leben gekommen.

Johan Cruyff nimmt auch Stellung, als Israel im sogenannten Zweiten Golfkrieg vom irakischen Diktator Saddam Hussein bedroht wird. Der hatte am 2. April 1990 rund 100.000 Soldaten in Kuwait einmarschieren lassen. Im November verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat die Resolution 678 und stellte darin dem Irak das Ultimatum, Kuwait bis zum 15. Januar 1991 zu verlassen. Am Heiligabend 1990 erklärte Iraks Diktator Hussein, dass Israel das erste Ziel eines Vergeltungsschlags wäre, wenn die USA und ihre Verbündeten in den Konflikt eingreifen sollten.

Johan Cruyff hat einen Tipp für Israels Politiker und Militärstrategen parat: „Wenn ich Israel wäre, würde ich die Uhr am 15. Januar fünf Minuten vorstellen. Hinterher sagst du dann zum Irak: Ach, war es bei euch noch keine zwölf Uhr?“

Der Irak lässt das Ultimatum verstreichen, und am 17. Januar beginnt die von den USA angeführte Streitkräftekoalition mit ihrer Operation Desert Storm. Nur einen Tag später macht Saddam Hussein seine Drohung wahr, und die ersten Scud-Raketen gehen auf Israel nieder. Kurz darauf, im Februar 1991, wird Johan Cruyff in Barcelona mit einem Herzanfall ins Krankenhaus eingeliefert. Zwar ist der Zweite Golfkrieg im vollen Gange, trotzdem werden in Israel die Nachrichten unterbrochen, um über Cruyffs bedrohlichen Gesundheitszustand zu berichten.

Der Häuptling und die Guten

Cruyffs Popularität in Israel wurde vor allem durch die WM 1974 befördert. Moshe Zimmermann, Direktor des Richard Koebner Center for German History an der Hebräischen Universität in Jerusalem, ein exzellenter Fußballkenner und Fan des Hamburger SV: „1974, als im Endspiel Deutschland gegen Holland antrat, manifestierte sich erstmals die für die israelische Erinnerungskultur symptomatische Haltung. In den Augen vieler Israelis war dieses Endspiel, wie das Endspiel 1966 für die Engländer, die Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs auf dem Fußballfeld. Holland, dem in Israel der Mythos einer Ikone des Widerstands gegen das Dritte Reich anhaftet, musste gewinnen, und dies nicht nur, weil Johan Cruyff und Co. fußballerisch besser waren. Vielmehr sollte auf diesem Weg die Geschichte ‚korrigiert‘ werden. Hingegen war die arabische Minderheit in Israel, soweit daran interessiert, eher für die deutsche Mannschaft – rührend aus einer historisch-politischen Mischung von Verehrung (für Deutschland, Anm. d. Autors) und Verachtung für die israelische Politik der Gegenwart.“

Dr. Eyal Gertman hat sich der Popularität der niederländischen Nationalmannschaft in Israel im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit gewidmet: „Die großen Sympathien, die die Nationalmannschaft Hollands, eines der zwei beliebtesten Länder in der israelischen Öffentlichkeit, genießt, rühren vor allem aus der Nachsicht der Israelis bezüglich des Verhaltens der Holländer während des Zweiten Weltkriegs. Im Laufe der Jahre wurden einige falsche Mythen kreiert. So wurde Holland die ganzen Jahre über als ein freundschaftlich gesonnenes und Israel uneingeschränkt unterstützendes Land betrachtet. Und als ein Land, das während des Krieges vielen Juden half.“

Die Wahrheit sei aber eine andere. Gertman: „Als Israel im Jom-Kippur-Krieg um europäische Hilfe bat und sich insbesondere an Holland wandte, um die Genehmigung zur Landung amerikanischer Flugzeuge mit Waffen und Hilfe für Israel auf holländischem Boden zu erhalten, weigerte sich die holländische Regierung strikt, diese zu gewähren. Die einzige europäische Regierung, die den amerikanischen Flugzeugen genehmigte, auf dem Weg nach Israel auf ihrem Boden zu landen, war ausgerechnet die von Deutschland. Trotz dieser Tastsachen änderte sich die Einstellung der israelischen Bevölkerung hinsichtlich ihrer feindlichen Haltung gegenüber Deutschland nicht, während Holland Sympathie und Wohlwollen erhalten blieb und als Israel unterstützendes und liebendes Land gesehen wird.

Der Mythos um Holland wurde im Laufe der Jahre geschaffen, und der Staat Israel wählte Holland für die Rolle des guten Helden aus. Der oft zitierte Satz, ‚die ganze Welt ist gegen uns’, der in den ersten Jahren der Staatsgründung aufkam und gepflegt wurde, teilte Deutschland die Rolle des bösen Helden zu, während Holland als ‚Retter‘ betrachtet wurde, der schon immer zionistische Aktionen unterstützt habe. Die Geschichte von Anne Frank, der europäische Liederwettbewerb, holländische Volontäre in den Kibbuzim und natürlich die attraktive holländische Nationalmannschaft verstärkten dieses Bild.“

Die Entscheidung der Israelis, bei der WM 1974 die Holländer zu unterstützen, sei nahezu selbstverständlich gewesen. „Die israelische Nationalmannschaft selbst scheiterte in der WM-Qualifikation, nachdem es ihr vier Jahre zuvor das erste Mal gelungen war, in der Endrunde dabei zu sein. Während der Spiele in Mexiko, die zum ersten Mal im öffentlichen Fernsehen live übertragen wurden, schied Israel bereits in der Gruppenphase aus. Die enttäuschen Fans suchten nun nach einer ausländischen Mannschaft, mit der sie sich identifizieren konnten. Diese Rolle übernahm die Nationalelf Brasiliens. 1970 war dies eine natürliche Entscheidung: Die brasilianische Mannschaft stach durch Pelé hervor und galt als die beste aller Zeiten. Vier Jahre später, bei der WM in Westdeutschland, gab es bereits viel mehr Israelis, die die Übertragungen im Fernsehen verfolgen konnten. Allerdings herrschte durch das Fehlen der israelischen Nationalelf ein Vakuum. Brasilien war diesmal keine Option. Die meisten großen Spieler wie Pelé hatten die Mannschaft verlassen. Das Vakuum wurde nun wie selbstverständlich von der Elf der Holländer gefüllt. Das Zusammenspiel des geschichtlichen Mythos, der die Holländer als die Juden liebend darstellt, sowie der perfekte und erfrischende Fußball der Holländer um Cruyff, das Fehlen Israels bei der WM und die traditionelle Feindseligkeit gegenüber der deutschen Nationalelf ergaben eine als selbstverständlich erscheinende Mischung. Die Israelis schlossen die holländische Elf in ihr Herz. Holland wurde zu einer der beliebtesten Mannschaften in Israel, wenn nicht sogar zur beliebtesten. Dass sie im Finale den Deutschen unterlag, verstärkte diese Haltung noch und meißelte die Spiele von 1974 in das kollektive Gedächtnis der Israelis und die Niederlage von München als ungerecht ein. Generationen von Kindern, die nach der WM 1974 in Israel aufwuchsen, verinnerlichten dies und betrachteten eine Unterstützung der Holländer als selbstverständlich.“

Der Champion Israels

Uzi Dann gehört zu den renommiertesten Fußballschreibern in Israel und gilt als wandelndes Lexikon in Sachen israelischer Fußballgeschichte. Der für die Tageszeitung „Haaretz“ arbeitende Journalist ist auch international viel unterwegs.

Im Januar 2012 treffe ich Uzi Dann am Rande einer vom Richard Koebner Center und dem Diaspora Museum organisierten Konferenz in Tel Aviv zum Thema „Jewish Sport in Germany – between Inclusion and Exclusion“. Gesprächspartner in Sachen Johan Cruyff zu finden, ist in Israel nicht schwierig – man rennt ständig offene Türen ein.

Als die WM 1974 angepfiffen wurde, war Uzi Dann zwölf Jahre alt. Aber eigentlich habe alles bereits vor 1974 angefangen, erzählt er. Die Niederländer galten in Israel als „die Guten“. Ein kleines Land, das den deutschen Besatzern tapfer Widerstand leistete und seine Juden vor deren Vernichtung versteckte. Das Land der Anne Frank. Heute weiß man, dass die Geschichte etwas komplizierter und nicht so schön war. In keinem anderen westeuropäischen Land war der Prozentsatz der ermordeten Juden so groß wie in den Niederlanden – auch dank der Hilfe der effektiv arbeitenden niederländischen Bürokratie. Erst 1999 wurden die Tabuthemen „Kollaboration“ und „Wegsehen“ erstmals ernsthaft erörtert. Die Historikerin Nanda van der Zee veröffentlichte ein Buch mit Titel „Um Schlimmeres zu verhindern… Die Ermordung der niederländischen Juden: Kollaboration und Widerstand“, das heftige Diskussionen auslöste.

Allerdings führte die Historikerin auch Entlastendes auf: „Wenn man sich vor Augen führt, welche schrecklichen Strafen bis hin zum Abtransport in ein KZ beispielsweise bei der Unterstützung der Juden drohte, so grenzt es im Grunde an ein Wunder, dass überhaupt Widerstand geleistet wurde und immerhin rund 25.000 Juden Unterschlupf gefunden haben. Ganze Schiffsladungen jüdischer Kinder sind nach Friesland gebracht worden, wo gläubige Bauernfamilien sie bei sich aufgenommen haben.“

Vertieft wurden die israelischen Sympathien für die Niederlande, als dem Jom-Kippur-Krieg 1973 die „Ölkrise“ folgte. Weltweit wurde von den OPEC-Staaten das Ölangebot um fünf Prozent reduziert. Gegen die als besonders israelfreundlich identifizierten USA und die Niederlande wurde auf Betreiben der im Jom-Kippur-Krieg unterlegenen arabischen Staaten sogar ein kompletter Lieferboykott verhängt. In den Niederlanden stieg der Ölpreis daraufhin um bis zu 300 Prozent, was die Regierung in Den Haag zu harten Sparmaßnahmen, aber nicht zum Einlenken veranlasste. Dass sich die Niederländer nicht einschüchtern ließen (jedenfalls war dies eine in Israel weit verbreitete Annahme), förderte die Sympathien für das Land in Israel weiter.

Die WM, die nur ein Jahr später in Deutschland stattfand, entfaltete vor diesem Hintergrund eine Wirkung weit über den Fußball hinaus. Uzi Dann berichtete mir: „Meine Mutter und mein Bruder waren an Fußball nicht interessiert, aber bei der WM in Deutschland war das anders. Nun fieberten sie mit den Niederlanden. Die waren die ‚Guten’. Einige Mitglieder der Familie meiner Mutter waren von den Nazis ermordet worden.“ Bis dahin hatten sich die Israelis vornehmlich für englischen und deutschen Fußball interessiert. In den 1960ern war das „Match of the Day“ der englischen First Division auch in Israel zu sehen – mit viertägiger Verzögerung. Israels „Match of the Day“-Tag war der Donnerstag.

Laut Uzi Dann hat niemals zuvor und nie wieder danach ein ausländisches Team eine derart massive Unterstützung seitens der israelischen Bevölkerung genossen wie die Elftal bei der WM 1974. Nicht nur aus historischen, politischen und moralischen Gründen – die „Guten“ waren auch auf dem Fußballfeld richtig „gut“. Und was gibt es Schöneres als ein brillantes Fußballteam, das auch noch auf der richtigen Seite der Geschichte steht? Uzi Dann: „1974 kam einfach alles zusammen. Cruyff war Niederländer und spielte für Ajax, das ein ‚jüdisches Image‘ besaß. Und man wusste, dass es in seiner Familie Juden gab. So durfte man glauben, dass Cruyff wenigsten ein bisschen einer von uns sei.“

Niederländer wie jüdische Israelis hatten noch eine offene Rechnung mit Deutschland. Cruyff verstand diese Interessensidentität. Im Vorfeld des Finales gab der Star der WM dem israelischen TV ein Interview, das die Sympathien mit der Elftal und den Niederlanden weiter anschnellen ließ. Cruyff erklärte, dass man sich der Unterstützung in Israel bewusst sei und man in München auch für die drei Millionen Fans in Israel spielen würde. Des Königs Versprechen erschien auch auf den Titelseiten der Zeitungen. Beim Finale, so Uzi Dann, hätten dann 99 Prozent der jüdischen Israelis hinter Cruyff und Co. gestanden. Und nach der Niederlage sei das Land in eine tiefe Depression gefallen. Uzi Dann: „Es war für uns fast wie ein Trauma.“

Im Frühjahr 1972, also zwei Jahre vor dem WM-Turnier, wurde vor 800 geladenen Gästen im Amsterdamer City-Kino der Film „Nr. 14 – Johan Cruyff“ uraufgeführt. Auftraggeber und Produzent war Cruyffs Schwiegervater Cor Coster, die Regie führte Maarten de Vos. Der Streifen zeigt Cruyffs Spiel in Nahaufnahme. Der Rezensent der „Süddeutschen Zeitung“ sieht den Fußballer mal als „Gazelle“, die ihre „Gegenspieler foppt“, dann als „Kranich, der die Außenlinie entlang fliegt“, und als „Synchronisation von Armen, Händen und Beinen“, die Cruyff zu einer „Wildkatze stilisiert“. Der Kollege vom „Spiegel“ widmet sich auch den mitunter in Brutalität ausartenden Versuchen, das Spiel des „Königs“ zu zerstören: „Die Gliedmaßen-Parade zeigte den Kampf bis auf die Knochen unverhüllt. In Cruyffs Rippen bohrte sich die Faust eines Italieners, mit dem Knie traf ihn der Grieche in der Magengrube, und ins Auge fuhr ihm der Finger eines Mannes aus Uruguay.“

Im Saal sitzt auch Borussia Mönchengladbachs Trainer Hennes Weisweiler, der mit Cruyff später eine Saison lang beim FC Barcelona zu tun haben wird, und ist beeindruckt: „Phantastisch, solche Bilder habe ich noch nie gesehen.“

Als nach der WM 1974 „Nr. 14 – Johan Cruyff“ auch in die israelischen Kinos kommt, geht Uzi Dann mit einem Freund gleich zweimal rein: „Es gab keine Sportfilme in hebräischer Sprache. Und dieser Film war einfach zauberhaft!““

„In Israel wird Johan Cruyff als der Mann betrachtet, der Anne Frank rettete“, zitiert Simon Kuper den israelischen Fußballanalytiker und Philosophen Saggie Cohen. Würde Cruyff in Israel eine politische Partei gründen, wären ihm in der Knesset zwei bis drei Sitze garantiert. Manche Israelis betrachten Johan Cruyff als „Ehrenjuden“ und „Ehrenbürger“ ihres Staates.

Zu den zahlreichen Cruyff-Fans in Israel zählt auch der Vater des israelischen Nationalspielers Gil Vermouth, der im Sommer 2011 von Hapoel Tel Aviv in die Bundesliga zum 1. FC Kaiserslautern wechselte. Bei den Lauterern trug der Mittelfeldspieler die Cruyff’sche Nr. 14, wie bereits bei Hapoel. Vermouth: „Mein Vater war früher ein riesiger Johan-Cruyff-Fan. Für ihn war er der beste Fußballer aller Zeiten. Deshalb habe ich, als ich zum Fußball kam, die Nr. 14 gewählt – und dabei ist es bis heute geblieben. Es ist also gleichzeitig ein Tribut an Johan Cruyff und an meinen Vater.“

Kapitel 4: Die Entdeckung des „Fußball total“

„Der Ball wird nicht müde.“

Johan Cruyff

Fußballer werden auch geprägt durch erzählte Fußballgeschichte und die Erwartungen, die daraus resultieren. Die erste Ballberührung ist überall auf der Welt die gleiche. Am Anfang sind alle Fußballer gleich. Doch schon bald trennen sich die Wege, sogar innerhalb Europas, weil den Kindern in den einzelnen Ländern und Regionen unterschiedliche Dinge über den Fußball erzählt und unterschiedliche Vorbilder angedient werden. Für den Engländer ist „richtiger Fußball“ etwas anderes als für den Niederländer, für den Deutschen etwas anderes als für den Italiener.

So war es zumindest zu der Zeit, als Johan Cruyff erstmals mit einem Ball die Straßen von Betondorp betrat. Dem deutschen Kind, das in der Abwehr spielte, wurde von außen zugerufen, möglichst konsequent zu spielen, hart am Mann, und den Ball bei Gefahr gefälligst kraftvoll und weit aus dem Strafraum zu schlagen. Das englische Kind bekam zu hören, dass Einsatz und Kampf über allem stünden und Fußball zuvörderst ein „physical game“ sei. Technische Fähigkeiten wurden nicht unbedingt goutiert. Wohl aber forsche Tacklings und lange Bälle, auch wenn diese keinen Adressaten fanden. Dem italienischen Kind wurde eingeschärft, dass das Ergebnis das wichtigste sei und deshalb das taktische Verhalten.

Und das niederländische Kind der Generation Cruyff heimste Lob für eine gute Technik und Angriffslust ein – jedenfalls wenn es im Einzugsbereich des Ajax-Stadions aufwuchs. Denn wie wir gesehen haben, war eine offensive Fußballphilosophie, die auf guter Technik basiert, bei Ajax fast schon Tradition, als dort Rinus Michels, der „General des schönen Fußballs“ („Die Zeit“), den Trainingsplatz betrat.

Die Erwartungen der Erwachsenenwelt prägen. Einem Abwehrspieler, den der Trainer, der eigene Vater (zunehmend auch die Mutter), die Eltern der anderen Kinder und sonstige Zuschauer Wochenende für Wochenende dazu auffordern, den Ball gefälligst aus der Gefahrenzone zu hauen und schön „hinten“ zu bleiben, wird irgendwann auch nichts anderes tun. Zumal wenn ihm dafür auch noch applaudiert wird, während bei jedem misslungenen Versuch, die Situation spielerisch zu lösen, und bei jedem gestoppten Ausflug in die gegnerische Hälfte das Geschrei groß ist.

Heute besitzen nationale Fußballkulturen nicht mehr den absoluten Charakter wie einst. Dank des grenzüberschreitenden Austausches von Ideen, dank Immigration und einer globalisierten Massenkultur. In einigen Ländern hat sich die nationale Fußballkultur neu sortiert. Die Deutschen sind „niederländischer“ geworden, die Niederländer „deutscher“ und die Brasilianer „europäischer“. Fernsehen und das Internet spielen hierbei eine große Rolle: Jeder Zehnjährige kann sich heute problemlos ein Bild davon machen, wie in den führenden Fußball-nationen Europas, Südamerikas oder Afrikas gespielt wird – und dies nicht nur anlässlich von Weltmeisterschaften.

Als der kleine Johan mit der Kickerei anfing, war dies also noch anders. Und der Gedanke drängt sich auf, dass das Talent des schmächtigen Jungen in einer anderen Fußballkultur als der holländischen womöglich gar nicht erkannt und gefördert worden wäre.

Start im Mittelmaß

Am 24. Oktober 1964 feiert Johan Cruyff in einem Freundschaftsspiel gegen Helmondia’55 sein Debüt in der 1. Mannschaft von Ajax. Wenige Wochen später, am 15. November, läuft Cruyff auch erstmals in einem Meisterschaftsspiel für die Rot-Weißen auf. Ajax unterliegt GVAV Groningen (seit 1971 FC Groningen) mit 1:3. Ajax’ einzigen Treffer erzielt der 17-jährige Cruyff.

Zwei Monate nach dem Cruyff-Debüt, am 22. Januar 1965, engagiert Ajax-Boss Michael van Praag den 36-jährigen Sportlehrer Marinus Jacobus Hendricus (kurz: Rinus) Michels als neuen Trainer. Mit einem monatlichen Salär von 2.000 Gulden ist Michels der erste Vollzeittrainer im niederländischen Fußball. Zum ersten Training kommt er in einem gebrauchten Skoda vorgefahren.

Seit Jimmy Hogans Amtsantritt 1910 ist Michels überhaupt erst der dritte Niederländer auf dem Trainerstuhl bei Ajax. Mit Ausnahme der Besatzungsjahre, als die langjährigen Ajax-Akteure und ehemaligen Nationalspieler Wim Frederik Volkes und Dolf van Kol das Training leiteten und in dieser Funktion den Ungarn Vilmos Halpern ablösten, wurde Ajax bis dahin nur von Ausländern trainiert, vornehmlich von Engländern. Nach dem Zweiten Weltkrieg und vor der Ernennung von Michels ist es allerdings ein Österreicher, der auf die längste Amtszeit am Middenweg verweisen kann: Karl Hummenberger, nach dem später in seiner Heimatstadt Wien eine Gasse benannt wird.

Michels ist ein Ajaciede. Als kopfballstarker Stürmer hat er für Ajax von 1946 bis 1958 in 269 Spielen 121 Tore geschossen. 1947 und 1957 ist er mit Ajax Meister geworden. 1947 hieß sein Trainer Jack Reynolds, der wie erwähnt Michels Denken über den Fußball stark beeinflusste.

Seine schwärzeste Stunde erlebte der Spieler Rinus Michels am 7. Mai 1950. Ajax spielte gegen Heerenveen, lag 25 Minuten vor dem Abpfiff mit 5:1 in Front – und verlor noch mit 5:6. Schmerzliche Niederlagen erlitt Michels auch mit der Nationalelf. Alle fünf Spiele, die er bestritt, gingen verloren: 1:6 und 1:4 gegen Schweden, 0:4 gegen Belgien, 1:4 gegen Finnland und 1:3 gegen die Schweiz.

Der Spieler Michels war ein Bücherwurm. „Rinus zit met een boekje in een hoekje“ (Rinus sitzt mit einem Buch in der Ecke) hieß es über ihn. 1958 musste der Literaturliebhaber seine Spielerkarriere 30-jährig nach einer Serie von Rückenverletzungen beenden.

Anschließend studierte Michels an der Amsterdamer Academie voor Lichamelijke Opvoeding Sportwissenschaft und absolvierte zusätzlich eine Ausbildung zum Masseur und Krankengymnasten. Zeitweise arbeitete er als Lehrer an einer Schule für taubstumme Kinder. Anfang der 1960er bot der KNVB erstmals eine Trainerausbildung an. Zu den ersten Absolventen gehörte Rinus Michels. Seine erste Trainerstation war der Amateurklub JOS Watergraafsmeer, ein kleiner Nachbar von Ajax.

Als Rinus Michels Anfang 1965 Ajax übernimmt, dümpelt die 1. Mannschaft im Mittelmaß. Von Europa kann Ajax nur träumen, denn nicht einmal in der eigenen Stadt ist der Klub die unumstrittene Nr.1. In der Saison 1963/64 hat der Lokalrivale DWS die Eredivisie gewonnen, Ajax endet als Fünfter. 1964/65 wird DWS Vizemeister. Ajax gewinnt zwar sein erstes Spiel unter dem neuen Coach Michels gegen Maastricht mit 9:3, kämpft aber lange Zeit gegen den Abstieg und muss sich am Ende mit Platz 13 begnügen. Der Abstand zum ersten Absteiger Fortuna Sittard beträgt nur drei Punkte.

Der General

Bei seinem Amtsantritt macht Rinus Michels eine ernüchternde Bestandaufnahme: „Die Situation ist so: Wir müssen bei Null anfangen. Gewiss ist ein gutes Spielerkontingent mit Swart, Cruyff und Keizer vorhanden, aber was Disziplin und taktisches Konzept angeht, liegt manches im Argen.“

Der niederländische Fußball der folgenden Jahre wird häufig im Kontext einer gesellschaftlichen Liberalisierung betrachtet – vor allem Ajax, denn Amsterdam ist seinerzeit eine Metropole der europäischen Jugendrevolte. Und doch ist der Mann, der an der Spitze einer Entwicklung steht, die als totaal voetbal („Fußball total“) in die Fußballannalen einzieht, zwar taktisch ein Revolutionär, zugleich aber auch – wie sein Mentor Jack Reynolds – ein Disziplin- und Konditionsfanatiker. Für Bob Haarms, der mit ihm gemeinsam bei Ajax gespielt hatte und ihm als Co-Trainer diente, war Michels ein Getriebener: „Er war immer anwesend, kommentierte ständig, gab ständig Ratschläge. Sein wichtigstes Anliegen war aber nun Disziplin.“ Und Ajax-Linksaußen Piet Keizer: „Als Michels übernahm, wurde der Kader erheblich umgebaut. Das Training veränderte sich sogar noch mehr. Ich habe niemals eine körperlich so harte Vorbereitung erlebt wie unter Michels. Manchmal hatten wir vier Trainingseinheiten an einem Tag. Er war keineswegs ein schlechter Mann, aber war sehr streng mit den Spielern, und es gab viel Streit über Disziplin. Seine Message war unverständlich: Wer seine Vorstellungen nicht befolgen mochte, hatte zu gehen.“ Nicht von ungefähr verfasst Rinus Michels später ein Buch mit dem Titel „Teamcoaching. Der Weg zum Erfolg durch Teambuilding“.

Auch Johan Cruyff muss sich dem Diktat des Trainers beugen. Der deutsche Journalist und Niederlande-Experte Egon Boesten: „Michels’ Botschaft lautete: Es lebe das Team, weg mit dem Egoisten, der nur für sich selbst 90 Minuten lang auf die eine grandiose Aktion wartet. Michels hat diese Philosophie am Beispiel seines Umgangs mit ‚König‘ Johan Cruyff verdeutlicht: ‚Cruyff kann alles; er war nicht jemand, der Lauftraining wirklich nötig hatte. Aber er war Teil der Mannschaft, er hatte also eine Vorbildfunktion. Einmal pro Woche trainierten wir im Wald von Amsterdam.‘ Cruyff habe immer versucht, sich den einen oder anderen Meter zu sparen: ‚Cruyff machte nicht das, was er sollte – also musste er am anderen Tag allein um acht Uhr zum Lauftraining im Wald. Da musste ich dann auch früh raus. Zehn vor acht, kein Cruyff da, fünf vor acht, kein Cruyff. Um acht Uhr trat er hinter einem Baum hervor, wo er auf mich gewartet hatte. Dann sind wir ein bisschen spazieren gegangen: Es ging nicht ums Laufen, es ging um die Vorbildfunktion.‘ Der Stylist Piet Keizer wurde zum Mitverteidigen gezwungen. Der viel umjubelte Dribbler Sjaak Swart half hinten aus, wenn es sein musste, und Johann Cruyff musste sich die Bälle von den hintersten Linien holen.“

Michels gab den Spielern Nummern. „Als Menschen bestanden wir nicht mehr“, kommentierte Cruyff später. Und trotzdem gehört Michels zu den wenigen Menschen in der Fußballszene, denen der „König“ echte Bewunderung zollt: „Sowohl als Spieler wie als Trainer lehrte mich niemand so viel wie er. Er sorgte dafür, dass die Niederlande ihren Platz auf der Weltkarte des Sports bekamen – und davon profitieren wir heute noch fast alle. Es gibt niemanden, der mir mehr beigebracht hat als Rinus Michels. Ich habe oft versucht, so zu sein wie er, und das ist wohl das größte Kompliment, das man jemandem machen kann.“

Vom Abstiegskandidaten zum Meister

Michels’ Trainingsmethoden lassen sich natürlich nicht auf Disziplin und Kondition reduzieren. Bereits bei Jack Reynolds hatte die Ballarbeit einen großen Raum eingenommen, bei Rinus Michels rückt sie noch stärker ins Zentrum der Übungseinheiten. „Jeder Spieler einen Ball“ ist noch heute das erste Gebot des niederländischen Nachwuchstrainings. Zugleich treibt Michels durch das Beispiel Ajax die Professionalisierung des niederländischen Fußballs voran. Auch nach der Legalisierung des Profifußballs 1954 war die Praxis lange Zeit eher amateurhaft geprägt. Michels führt nun Trainingslager ein, und die Spieler Cruyff und Keizer werden Ajax’ erste Vollprofis. Michels hat nie Probleme damit gehabt, dass Spieler für ihr Spiel entlohnt werden. Der Spieler Michels war der Erste seiner Zunft, der für Interviews Geld verlangte – so wie es auch Johan Cruyff machen wird.

Unter Rinus Michels avanciert Ajax nun in Windeseile von einem Abstiegskandidaten zu einem Champion. Im Sommer 1966, eineinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt, wird Ajax Meister. Der Coach hat seinem Team ein abenteuerliches 4-2-4 verordnet, wie es die Ungarn in den 1950ern praktiziert hatten, lässt seine Spieler aber viel mehr rochieren als der damalige ungarische Trainer Gusztáv Sebes. Dieses System entspricht der offensiven Ausrichtung und Schulung vieler Akteure und lässt die Angreifer Piet Keizer, Sjaak Swart und Johan Cruyff voll zur Entfaltung kommen. Mit 16 Treffern ist der 19-jährige Cruyff der erfolgreichste Torschütze seines Teams, gefolgt von Klaas Nuninga (15) und Piet Keizer (13).

Vizemeister wird der Vorjahressieger Feyenoord Rotterdam. Die Saison ist der Auftakt zu einem bis 1973 währenden intensiven Zweikampf zwischen Ajax und Feyenoord um die Fußballkrone der Niederlande, bei dem Ajax in fünf von sieben Spielzeiten die Oberhand behält.

In der Spielzeit 1966/67 schießt der Champion Ajax in 34 Meisterschaftsspielen 122 Tore, 41 mehr als „Vize“ Feyenoord und fast 3,6 pro Spiel. Mit 33 gehen mehr als ein Viertel der Tore auf Cruyffs Konto, der erstmals Torschützenkönig der Eredivisie wird. In Toren gemessen, ist es Cruyffs erfolgreichste Saison im niederländischen Profifußball. Rechtaußen Sjaak Swart trifft 25-mal, Klaas Nuninga 23-mal. Abgesehen von seiner letzten Ajax-Saison wird Cruyff nun stets mehr als 20 Tore erzielen und der erfolgreichste Schütze seines Teams sein. Nur 1972/73, als sich seine Zeit bei Ajax dem Ende zuneigt und das Starensemble eine gewisse Sattheit und Anzeichen einer Degeneration plagen, muss sich Cruyff mit 16 Toren und Platz zwei begnügen. Der junge Johnny Rep trifft einmal mehr.

Auch 1967/68 heißt der Meister Ajax. Eine Spielzeit später muss man dem Rivalen Feyenoord den Vortritt lassen, doch die Saison 1969/70 wird zu einem Markstein in der taktischen Entwicklung von Ajax. Im Messepokal, dem Vorläufer des UEFA-Pokals, unterliegt Ajax im High-bury Arsenal London mit 0:3. Nach dem Abpfiff bezeichnet Arsenals Coach Bertie Mee das taktische Verhalten der Gäste als „amateurhaft“. Im selben Monat trennt sich Ajax von Feyenoord mit einem 3:3-Remis. Rinus Michels wird klar, dass man mit vier Angreifern Bälle nur schwer zurückerobern kann und stellt auf ein 4-3-3 um, das sich bei Ballbesitz durch das Vorpreschen des Liberos in ein 3-4-3 verwandeln kann. Die Systemumstellung zeitigt die gewünschte Wirkung. Zwar muss sich Ajax in der Saison 1970/71 in der heimischen Liga hinter Feyenoord mit der Vizemeisterschaft begnügen, aber dafür triumphieren Team und Trainer erstmals im Europapokal der Landesmeister.

Soccer Revolution

1999 kürt die FIFA Rinus Michels zum „Trainer des Jahrhunderts“. Die Auszeichnung ist nicht in erster Linie seinen Triumphen geschuldet. Eine Weltmeisterschaft konnte Michels nicht gewinnen, und den Europapokal der Landesmeister, den Vorläufer der Champions League, gewann er nur einmal. Die Trophäenschränke einiger anderer großer Trainer des 20. Jahrhunderts waren besser gefüllt. Helmut Schön war als Bundestrainer Weltmeister, Vize-Weltmeister und WM-Dritter, Europameister und Vize-Europameister geworden. Italiens Vittorio Pozzo hatte den WM-Titel gleich zweimal gewonnen und dazu noch das olympische Fußballturnier. Aber Rinus Michels’ Beitrag zur Entwicklung des Weltfußballs lässt sich nicht in Titeln messen. Er wird als Erfinder des „Fußball total“ geehrt, der – wie der englische Taktikexperte Jonathan Wilson schreibt – vielleicht letzten wirklich großen Revolution im Fußball, die aber vielleicht mehr Spielphilosophie als Taktik war.

Michels „Fußball total“ ist eine Mischung aus südamerikanischer Technik mit englischem Tempo und mitteleuropäischer Taktik. Viele Elemente des „Fußball total“ existierten also schon. Michels führt sie nun zusammen, kombiniert sie miteinander und entwickelt daraus eine kohärente Philosophie und Taktik.

In den 1940er Jahren hatte das offensiv ausgerichtete Team von River Plate Buenos Aires international für Furore gesorgt. Der technisch starke Angriff aus Juan Carlos Muñoz, José Manuel Moreno, Adolfo Pedernera, Angel Labruna und Félix Loustau wurde „La Maquina“, „die Maschine“, getauft. (Mit dieser Sturmformation lief River Plate allerdings nur 18-mal auf.) Drei Dekaden später nennt man in der spanischsprechenden Welt die niederländische WM-Elf von 1974 „La Maquina Naranja“, „die orangene Maschine“.

Nach den Argentiniern hatten in den frühen 1950ern insbesondere die Ungarn beeindruckt. Am 25. November 1953 besiegten die Magyaren das Fußball-Mutterland England auf dem „heiligen Rasen“ von Wembley mit 6:3. Am 23. Mai 1954 traf man sich erneut, diesmal in Budapest, wo die Engländer noch heftiger vermöbelt wurden. Puskás, Hidegkúti und Co. gewannen mit 7:1.

Den legendären österreichischen Sportjournalisten Willy Meisl animierte das englische Desaster zu einem Buch mit dem Titel „Soccer Revolution“ (1955). Am Anfang von Meisls journalistischer Karriere hatten Beiträge für Wiener Zeitungen und Walther Bensemanns „Kicker“ gestanden. Später berief ihn der Ullstein Verlag zum Sportchef der renommierten „Vossischen Zeitung“. 1928 verfasste Meisl das Buch „Sport am Scheideweg“, in dem er seinen Lesern einen Einblick in die Entwicklung des modernen Sports gewährte. Der überragende Stilist Meisl wurde als „König der Sportjournalisten“ und „Vater des modernen Sportjournalismus“ gefeiert. Noch nach Hitlers Machtantritt, am Ostersonntag 1933, veröffentlichte er in der „Vossischen Zeitung“ einen Artikel mit dem Titel „Von Danny Mendoza bis Carr“, in dem er die bedeutenden Leistungen der Juden im Sport auflistete. Im Januar 1934 emigrierte der von den Nazis gehasste Jude Meisl nach England. Sein ebenfalls jüdischer Freund und Kollege Walther Bensemann hatte Deutschland bereits im Juni 1933 verlassen.

Der Sporthistoriker und Journalist Erik Eggers würdigt Willy Meisl als „Revolutionär und Propheten“. Dies trifft auch für sein Werk „Soccer Revolution“ zu, das ihm seitens der Fachzeitschrift „Worlds Sport“ den Titel „The World’s No.1 Soccer Critic“ einbrachte. In dem Buch konstatierte Meisl, in Wembley 1953 habe „Gehirn über Muskeln“ triumphiert. Das ungarische Erfolgsgeheimnis sei ihr variables und technisch perfektes Kurzpassspiel gewesen. Meisl ist nicht der Erste, der erkennt, dass das „Mutterland“ seine Führungsposition längst eingebüßt hat und den taktischen und technischen Entwicklungen auf dem Kontinent hinterherhinkt. Vor dem Wembley-Desaster hatte bereits Jimmy Hogan seine Landsleute darauf hingewiesen.

Bei der WM 1954 beobachtet Meisl, dass die erfolgreichen Teams zwar Mut zum Dribbling besäßen, aber im nächsten Moment auch den Ball in einer Weise, die man heute one-touch-Fußball nennt, von einem Spieler zum anderen fliegen lassen könnten. Drei, vier Spieler würden sich den Ball blitzschnell zupassen, was den Gegner zumindest vorübergehend und in einem begrenzten Raum in Konfusion stürze. Sobald ein Spieler einen Pass ausgeführt habe, sprinte er in eine neue Position, in Erwartung eines Zuspiels. Alle Spieler würden sich in fast jedem Moment des Spiels als potenzielle Empfänger eines Zuspiels verstehen und sich deshalb stets so bewegen, dass sie ungedeckt und damit anspielbar seien. Jede Bewegung eines Spielers werde durch die Bewegung seiner Kollegen unterstützt.

Meisl nennt in „Soccer Revolution“ auch die Eigenschaften herausragender Teams: „1. Exzellente individuelle Ballkontrolle. 2. Intelligentes Positionsspiel, wenn nicht im Besitz des Balles. 3. Präzises Passspiel (nur möglich, wenn die Ballbeherrschung nahezu perfekt ist). 4. Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis im Team. 5. Schusskraft. 6. Geschwindigkeit.“

De facto hatte Meisl damit bereits die wichtigsten Elemente des „Fußball total“ aufgelistet.

Spielen statt streicheln

Bei Ajax muss Rinus Michels keine Kulturrevolution einleiten. Ein auf guter Technik basierender Angriffsfußball hat hier dank der englischen Übungsleiter Jack Reynolds und Vic Buckingham eine gewisse Tradition. Michels entwickelt die existierende Philosophie zum „Fußball total“ weiter und schafft dafür die notwendigen professionellen Rahmenbedingungen. Dabei steht ihm ab 1967 Bob Haarms zur Seite, ein Ajaciede durch und durch und heute eine Klublegende. Haarms’ Wiege stand am Middenweg, direkt gegenüber dem Ajax-Stadion. 1947 trat er als 13-Jähriger Ajax bei, 1952 gab er sein Debüt in der 1. Mannschaft, für die er bis September 1960 72 Spiele bestritt.

1967 wird Bob Haarms Assistent von Michels. Später arbeitet er für Ajax auch als Scout, Jugend- und Reha-Trainer. 1982 verlässt Haarms Ajax, um bei der VV Aalsmeer und anschließend beim FC Volendam anzuheuern, kehrt aber 1986 zu Ajax zurück und dient nun auch Johan Cruyff als Assistent. Zweimal – 1974 und 1988/89 – ist Haarms interimsmäßig auch Cheftrainer der 1. Mannschaft. Als er 2009 stirbt, veranstaltet der Verein eine große Trauerfeier in der Ajax-Nachwuchsakademie De Toekomst („Die Zukunft“), die seither den Namen der Legende trägt. Seit dem Sommer 2011 werden die Besucher des Ajax-Stadions Amsterdam ArenA von einer lebensgroßen Bronzestatue begrüßt, die Bob Haarms darstellt. Vielleicht ist es bezeichnend für diesen Klub, dass vor dem Haupteingang seiner Spielstätte nicht die Statue eines legendären Präsidenten, Spielers oder Trainers steht, sondern eines Mannes, der fast 30 Jahre vor allem Basisarbeit geleistet hat.

Der „Fußball total“ ist attraktiver Angriffsfußball, aber nicht notwendigerweise schöner Fußball. Später wird man die Niederländer als „Brasilianer Europas“ bezeichnet. Aber mit dem brasilianischen joga bonito hat der totaal voetbal nur die Betonung technischer Fähigkeiten und der Offensive gemein. „Fußball total“ ist nicht verspielt, sondern schnörkellos und zielorientiert, es ist ein durch und durch kollektives Konzept, das nur unter der Voraussetzung funktioniert, dass die Spieler konditionsstark sind und permanent füreinander arbeiten. Nach der Niederlage im WM-Finale 1974 wird man folgerichtig auch nicht behaupten, den schöneren Fußball als die Deutschen gespielt zu haben, sondern den besseren.

Mit dem Spiel der Franzosen bei der Europameisterschaft 1984 oder der Weltmeisterschaft 1998 ist „Fußball total“ ebenfalls nicht vergleichbar. Das Spiel der Niederländer ist schneller und direkter. Der Ball wird mehr gespielt als gestreichelt. Es ist vor allem der Ball, der das Spiel schnell macht, weniger das Laufvermögen der Spieler. Verpönt ist dagegen das Schleppen des Balles. Die Annahme des Balles und seine weitere Verarbeitung haben nach Möglichkeit in einer Aktion zu erfolgen. Dribblings, zu denen ein exzellenter Techniker wie Cruyff manchmal ansetzt, erfolgen in der Regel mit dem Ziel, das Spiel auf diesem Wege zu beschleunigen.

Alle machen alles

Ausgangspunkt von Michels’ Überlegungen ist das taktische Verhalten der Ajax-Konkurrenz. Michels: „Der Totalfußball ging aus meiner Suche hervor, massierte Abwehrreihen zu durchbrechen. Das erfordert beim Aufbauen und Angreifen Aktionen, mit denen man den Gegner überraschen kann. Deshalb entschied ich mich für viele Positionswechsel in und zwischen den drei Linien. Jeder durfte aufbauen und angreifen, vorausgesetzt, dass alle Spieler sich auch für die defensive Aufgaben verantwortlich fühlten. Individuell und teamtaktisch stellt solch eine Wahl hohe Anforderungen an die Spieler.“

Die Kernaussage des „Fußball total“ ist ein gemeinsames Angreifen und Verteidigen der zehn Feldspieler, sind Positionswechsel, Beschleunigung und das, was man heute „Pressing“ nennt. Im Einzelnen heißt dies: Die Verteidiger – insbesondere die Außenverteidiger – haben sich am Angriffsspiel zu beteiligen und folglich weit aufzurücken. Sie können dabei auch einen vor ihnen positionierten Spieler überholen, der dann bei Ballverlust die vom Verteidiger verlassene Position übernehmen muss. Michels’ Verteidiger dürfen sich also nicht mit dem Ausschalten gegnerischer Angreifer und dem Verhindern von Gegentoren begnügen. So fordert Michels von seinen Außenverteidigern Krol und Suurbier jeweils sechs Tore pro Saison. Für den Gegner ist dies ziemlich nervenaufreibend, da sich der Abwehrspieler ständig mit einem neuen Angreifer konfrontiert sieht. Umgekehrt muss ein Offensivspieler auch verteidigen können, was umso mehr eine Rolle spielt, als die Grundidee durch ein offensives Pressing ergänzt wird. Kein Spieler soll stur an seiner Anfangsposition festhalten, sie ist nur der Ausgangspunkt, zu dem er immer wieder zurückkehrt.

Michels’ anspruchsvolles Spiel der kaleidoskopischen Positionswechsel funktioniert nur deshalb, weil ihm eine Ansammlung intelligenter Spieler zur Verfügung steht – mit Johan Cruyff im Zentrum. Cruyff verfügt über eine geradezu sensationelle Fähigkeit, das Spiel zu lesen, Situationen vorauszusehen und den Überblick zu behalten in einem schwer durchschaubaren Treiben, das zwischen kollektivem Angriff und kollektiver Verteidigung wogt.

Michels’ Taktik spielt mit dem Raum, der für den Trainer und seine Akteure keine starre Größe ist, sondern den man durch kollektive und untereinander abgestimmte Bewegung verändern kann. Besitzt der Gegner den Ball, machen Cruyff und Co das Spielfeld eng – durch Bewegung hin zu der Region, wo der Ball sich gerade befindet. Haben sie selbst den Ball, dann rücken sie weit auseinander, decken die volle Breite des Feldes ab, um dem eigenen Spiel Raum für Pässe und individuelle Dribblings zu verschaffen. Bei gegnerischem Ballverlust bzw. Balleroberung wird das Spiel beschleunigt, um dem Gegner ein geordnetes Umschalten zu erschweren. Barry Hulshoff: „Wir diskutierten nur über Geschwindigkeit, das Organisieren von Geschwindigkeit – wie Architektur auf dem Spielfeld.“

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