Kitabı oxu: «Abpfiff»
Dominique Manotti
ABPFIFF
Aus dem Französischen
von Andrea Stephani
Ariadne Kriminalroman 1197
Argument Verlag

Mit Abpfiff liegt endlich der dritte Daquin-Fall auf Deutsch vor.
Commissaire Théo Daquin vom Pariser Drogendezernat ist alles andere als ein kuscheliger Serienkommissar. Das Aufgehobensein in Gesellschaft stellt für den selbstsicheren, autarken Randständigen keine Verlockung dar. Er ist aber auch kein leidendes, von der grausamen Realität gequältes Ermittlerwrack.
Daquin ist überhaupt kein Empathiker, er ist – so zumindest lese ich ihn – eine fiktive Waffe. Er ist die skalpellscharfe Klinge, mit der Dominique Manotti die metastasierenden Manöver derer seziert, die über dem Gesetz zu stehen glauben. Er ist die robuste Machete, mit der allein sich Breschen ins Dickicht des organisierten und im Kapitalismus des späten 20. Jahrhunderts so behaglich etablierten Verbrechens schlagen lassen. Für den Kampf gegen solche Gegner ist er gerüstet mit Scharfsinn, Eleganz, Brutalität, Leidenschaft und Hybris. Damit er dort ermitteln kann, wo die großen Verbrecher sich am sichersten fühlen; damit er wie sie Schwächen ausbeuten und einschüchtern und Strippen ziehen kann. Nur ein Berserker wird in dieser Arena mehr als eine Runde durchstehen. Also ist Daquin ein Berserker, eine hochgradig männliche Waffe mit Sinn für Schönheit und gutes Essen, und mit Wut und Espresso als Treibstoff.
Das tut gut in Manottis Noir-Universum, das mir so klug und kühl eine zutiefst korrupte Wirklichkeit enthüllt, wo es faktisch keine Unschuld gibt, keinen Edelmut und keine regelnden Guten. Sondern Täter und Opfer und Mittäter aller Couleur, vielleicht hier und da ein paar strampelnde, verbeulte Idealisten. Hatten die je eine Chance?
Aber hier, in diesem atemlosen, radikal unverlogenen Krimikosmos, gibt es Daquin. Zu dem sein auf Wirtschaftsdelikte spezialisierter Untergebener Lavorel sagt:
»Chef, ich möchte, dass Sie meine Versetzung erwirken, bevor Sie gehen.«
»Wer sagt, dass ich gehe?«
»Zwei Fälle mit einem solchen politischen Nachhall in nicht mal einem Jahr, man wird Ihnen eine spektakuläre Beförderung auf einen ehrenvollen Posten anbieten, wo Sie endlich keine Gefahr mehr darstellen.«
Die Realität ist noir. Else Laudan
Ariadne Kriminalromane
Herausgegeben von Else Laudan
www.ariadnekrimis.de
Titel der französischen Originalausgabe: Kop
© 1998, 2001, Éditions Payot & Rivages
Deutsche Erstausgabe
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 2015
Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg
Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020
www.argument.de
Umschlag: Martin Grundmann
Fotomotiv: © burak çakmak, Fotolia.com
Lektorat: Iris Konopik & Else Laudan
Satz: Iris Konopik
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-86754-978-3
Erste Auflage 2015
Inhalt
Cover
Titel
Vorwort
Impressum
Erster Tag - Donnerstag, 3. Mai 1990
Zweiter Tag - Freitag, 4. Mai 1990
Dritter Tag - Samstag, 5. Mai 1990
Vierter Tag - Sonntag, 6. Mai 1990
Fünfter Tag - Montag, 7. Mai 1990
Sechster Tag - Dienstag, 8. Mai 1990
Siebter Tag - Mittwoch, 9. Mai 1990
Erster Tag
Donnerstag, 3. Mai 1990
Die erste Salve erwischt den Mann und die Frau von hinten, die Körper stürzen auf den menschenleeren Platz vor dem Einkaufszentrum. Das Motorrad beschleunigt, zweite Salve im Vorbeifahren, die Leichen zucken unter den Einschlägen. Eine der Glastüren der Brasserie am Passageneingang zerbirst. Die Kellner werfen sich zu Boden. Der Schütze schwenkt unter Freudengeheul seine Maschinenpistole, und der Fahrer gibt mit halsbrecherisch hochgezogenem Vorderrad Vollgas. Der Geschäftsführer hastet zum Telefon. Das Motorrad wendet, quert den Mittelstreifen, biegt auf die fast leere vierspurige Straße ein, fährt über Rot und verschwindet.
Der Anruf geht um 10 : 03 Uhr beim Kommissariat von Levallois ein. Schießerei vor dem Einkaufszentrum. Tote oder Schwerverletzte, die Motorradtäter sind offenbar flüchtig. Um 10 : 45 Uhr betritt Lavorel ohne Anklopfen das Büro. Daquin sitzt vor einem Stapel Notizen am Computer und schreibt einen Bericht über die Ecstasy-Vertriebskanäle in Paris. Kann gerade mal aufblicken.
»Romero ist erschossen worden«, sagt Lavorel. Daquin steht auf, bleich, Kiefer zusammengepresst. »In Levallois, von zwei Kerlen auf einem Motorrad.«
Kurz nach den Morden von Levallois, gegen 10 : 30 Uhr in Argenteuil. Die beiden Kontaktbeamten der Cité Gagarine, eine Reihe vierstöckiger Betonklötze in Pastellfarben, Blau, Rosa, Orange, trinken im gegenüberliegenden Café-Tabac auf der Grenze zur Einfamilienhaussiedlung gerade ein Gläschen Roten, um die guten Beziehungen zur lokalen Bevölkerung zu pflegen, als ein schwarzes Motorrad angerast kommt und mit quietschenden Reifen vor Block C, Aufgang A hält. Zwei Männer, schwarze Montur, schwarzer Helm, steigen ab. Einer von ihnen nimmt eine Maschinenpistole aus der Satteltasche und streckt sie zum Zeichen des Triumphs zweimal zu den Fenstern des Gebäudes hoch, dann stürmen die beiden ins Treppenhaus.
Die Kontaktbeamten blicken sich an, ein Wink zum Wirt: keine Sorge, sind gleich zurück, sie überqueren die Straße, betreten vorsichtig das Gebäude und folgen den Unbekannten in respektvollem Abstand. Nicht schwer, die lachen und rangeln auf der Treppe, grölen unzusammenhängende Satzfetzen. Ein Stockwerk, zwei, drei, dann ihre Schritte im vierten und eine zuschlagende Tür. Die Kontaktbeamten warten einen Moment, steigen hoch in den Vierten, Hand an der Waffe, gehen mit gespitzten Ohren an den Türen entlang. Wohnung 406, kein Zweifel, die beiden Männer sind dort, man hört sie reden, zwei weitere Stimmen, sehr viel gedämpfter, vermutlich weiblich, dann schlagartig ohrenbetäubende Musik. Heavy Metal, flüstert der jüngere Polizist seinem Kollegen zu, der aufs Geratewohl nickt. Sie machen kehrt, schneller Rückzug ins Café-Tabac, Anruf beim Kommissariat von Argenteuil. Es ist genau 11 : 05 Uhr.
Der wachhabende Brigadier leitet die Meldung an verschiedene Polizeistellen weiter und landet schließlich bei dem Doppelmord im wenige Kilometer entfernten Levallois.
Daquin und Lavorel treffen am Tatort ein. Ein breiter Gehweg vor dem Eingang einer Ladenpassage, eigentlich ein ganzes Passagennetz mit Dachgarten, hinter dem drei eher luxuriöse Wohntürme aufragen.
Der Verkehr wird über eine Fahrbahnhälfte umgeleitet, der Tatort ist abgesperrt. Die Leichen wurden bereits weggebracht, nur zwei plumpe Kreideumrisse sind noch da, passend zu zwei dunklen Flecken, der eine groß, der andere kleiner, wie Spuren der Abwesenheit. Und ein paar versprengte Gegenstände, die ein Mann sorgfältig fotografiert. Ein Schlüsselbund. Vermutlich Romeros. Er muss ihn in der Hand gehabt haben. Sein Wagen parkt noch gut fünfzig Meter weiter auf der anderen Straßenseite. Einige Schritte von den Umrissen entfernt ein Damenarmband, aus Gold, wie es scheint, eine Haarspange aus Horn, eine blutverschmierte Plastiktüte, Kratzer und Löcher im Asphalt sowie großflächig verstreute dicke Scherben. In der Brasserie suchen Experten nach Einschusslöchern.
Daquin blickt auf, fast erleichtert, Romeros Leiche nicht sehen zu müssen. Mit dem Tod der Meinen bin ich noch nie klargekommen. Rund um den abgesperrten Bereich drängt sich eine kleine Menschenmenge, viele Frauen, vermutlich Angestellte der Ladengalerie, neugierig, fasziniert, entzückt. Es hat sich schon herumgesprochen, dass ein Polizist erschossen wurde. Von irgendwoher aufgetauchte kleine Jungs machen sich einen Spaß daraus, die Absperrgrenze zu übertreten, ein, zwei, drei Schritte, Sprung zurück, dann verschwinden sie lachend. Bloß nicht denken, dieser Abwesenheit keinen Namen geben. Keine Phrasen. Er dreht sich zu Lavorel um, der aufrecht und mit leerem Blick dasteht.
»Haben Sie eine Ahnung, was Romero hier wollte?«
Lavorel zuckt zusammen. »Nicht die leiseste, Chef. Er war heute früh nicht im Büro. Er hat uns nichts gesagt.«
Auf dem Vorplatz sind die Inspektoren und Techniker der Mordkommission mit Bedacht und präzisen Handgriffen am Werk. Daquin und Lavorel gehen zu ihnen.
»Commissaire Daquin. Ich bin Romeros Chef beim Drogendezernat. Und das ist Inspecteur Lavorel, sein Partner.«
Händeschütteln, gemurmelte Begrüßung, Beklommenheit. Der Staatsanwalt war da, ist schon wieder weg, er bestellt heute Nachmittag einen Ermittlungsrichter. Den Papieren zufolge, die man bei ihr gefunden hat, heißt das zweite Opfer Nadine Speck, sie ist neunzehn Jahre alt und wohnt in Lisle-sur-Seine, nicht weit von hier. Wie es aussieht, kennt man sie in dieser Ecke von Levallois, laut ersten Zeugenaussagen war sie in der Ladengalerie Stammkundin.
»Sie trug ihre Papiere in der Jacke bei sich. Und in ihrer Jackentasche waren außerdem zwei Tütchen, laut Aufschrift Aspégic. Das müssen wir natürlich vom Labor bestätigen lassen. Etwa zwei Mal zehn Gramm.«
Romero trifft sich mit einer Dealerin, die etwas bei sich trägt, das sehr nach Drogenproben aussieht, ohne dass irgendwer im Team davon weiß. Und er wird von Profis erschossen.
Ein Streifenwagen nähert sich, heulende Sirenen, Vollbremsung. Die Mörder wurden geortet, in einer Wohnblocksiedlung in Argenteuil.
Es ist 11 : 43 Uhr. Romero ist seit einer Stunde und vierzig Minuten tot.
Eine Stunde später ist Aufgang A von Block C der Cité Gagarine von Polizeikräften umstellt.
Die Polizisten riegeln sämtliche Gebäudezugänge ab, die Telefonleitungen werden gekappt, das gesamte Treppenhaus A und der Aufstieg zum Dach besetzt, die angrenzenden Wohnungen geräumt. Und man wartet. Die ganze Siedlung wartet. Kein Mensch, keine Regung auf den Freiflächen rings um die Wohnblocks. Niemand an den Fenstern, die die Polizisten von unten überwachen, um jeden Kommunikationsversuch mit den Belagerten zu unterbinden. Und die voll aufgedrehte Musik aus A 406 schallt weiter durch die Siedlung, ein dünner Lärmfilm über einer Stille zum Schneiden.
Daquin und Lavorel, die an der Operation nicht beteiligt sind, setzen sich im menschenleeren Café-Tabac ganz hinten auf eine gepolsterte Eckbank mit rissigem rotem Plastikbezug. Daquin ist eine imposante Erscheinung. Über eins fünfundachtzig kompakte Muskeln, massige Statur, Rugbynacken (er trug lange die Nummer 8), kantiges, glattes, undurchdringliches Gesicht. Mehr als zehn Jahre arbeitet Romero schon unter ihm. Und jetzt dieser brutale und bedrohliche Tod. Gleich wird man etwas mehr wissen. Er überbrückt das Warten mit Cognactrinken. Lavorel, blonder Brillenträger im blauen Blazer, seit fast sechs Jahren Romeros Teampartner, hält sich an Mineralwasser. Mit Romero verbindet ihn eine Kultur, die der Banlieues der Siebziger, immerwährende Verschworenheit, liebevolle Bewunderung für den brillanten Verführer, der er selbst nie war. In Schweigen versunken, hat Lavorel auf Autopilot geschaltet. Obwohl er nicht übel Lust dazu hätte, wagt der Wirt kein Gespräch anzufangen, sondern macht sich hinter seinem Tresen zu schaffen.
Um 14 : 15 Uhr rückt die Elite-Eingreiftruppe RAID an. Jetzt geht alles sehr schnell. Informationsabgleich mit den Verantwortlichen für die Treppenhausabriegelung. Männer aufs Dach, Männer in den Flur im vierten Stock. Akrobatisches Anbringen von zwei kleinen Wanzen an den Fensterscheiben zwecks exakter Lokalisierung der in der Wohnung befindlichen Personen. Alle im hinteren Zimmer. Von der dröhnenden Musik überlagerte diffuse Laute, sie vögeln, sagt jemand. Letzte Feinabstimmung. Eine kurze Explosion, die die Musik kaum übertönt, die Tür von A 406 liegt in Trümmern. In den folgenden zwei Sekunden springen drei Männer durch die Fenster in die Wohnung, fünf weitere drängen durch die klaffende Türöffnung, stürmen allesamt das hintere Zimmer, die Pistolen auf zwei Jungen und zwei Mädchen gerichtet, sehr jung, nackt auf einer Matratze ohne Laken. Sie werden brutal zu Boden gedrückt. Diverse Waffen, darunter die Maschinenpistole, liegen im Nebenzimmer auf dem Tisch. Ein Polizist reagiert sich ab, indem er die Hi-Fi-Anlage umtritt.
Es ist 14 : 30 Uhr. Romero ist seit etwas mehr als vier Stunden tot.
In einem winzigen düsteren Büro im Kommissariat von Levallois auf einer Tischseite Lavorel, auf der anderen einer der jungen Mörder, mit Handschellen an den Stuhl gefesselt. Daquin hat sich rittlings in den Hintergrund gesetzt. Für den Jungen war der Druckabbau brutal: die Explosion, die Bullen mit vorgehaltenen Waffen, der Hagel von Schlägen und Tritten, der ultraschnelle Abgang durchs Treppenhaus, splitternackt, eine Idee der RAID-Männer, die Anziehszene im Mannschaftswagen, umringt von einem Dutzend Bullen, die ihre Angst vergessen wollen. Er zittert vor Kälte und klappert unkontrolliert mit den Zähnen, ohne dass es ihm gelingt, auf Lavorel zu fokussieren, der seinerseits langsam einem fast fünfstündigen Blackout entsteigt und sehr beamtenmäßig beginnt.
»Name, Geburtsdatum?«
Angestrengtes Nachdenken. »Jean Larribi, 25. April 1972.«
Jean Larribi erscheint auf dem Computermonitor. Zwei Festnahmen, im September ’89 und im April ’90, wegen Hehlerei mit gestohlenen Motorradteilen, als Komplize eines mehrfach vorbestraften Automechanikers, einem gewissen Descloux. 1990 saß er sechs Monate im Knast. Der zweite Mann, Blondeau, ist polizeilich nicht bekannt.
Durch die Wand hört man Stimmen und undefinierbaren Lärm.
»Dein Freund«, sagt Lavorel mit einem mehrdeutigen Lächeln. »Wohnhaft?«
»Ich wohne in der Cité Gagarine in Argenteuil, Block C, Aufgang A, Wohnung A 406.«
»Das ist nicht deine Wohnung.«
Larribi fühlt die Blicke wie Nagelbohrer in sein Hirn dringen. Lavorel hockt winzig klein am Ende einer schwarzen Röhre. Immer noch eisige Kälte, unkontrollierbares Zittern.
»Die der Mädchen. Vanessa und Karine.«
»Ihre Nachnamen?«
»Weiß ich nicht. Vorher haben Blondeau und ich in den Kellern der Cité Gagarine gelebt.«
Daquin steht auf, geht ein paar Schritte. »Kürzen Sie ab, Lavorel, wir steuern auf eine zeitgenössische Version von Zwei Waisen im Sturm zu, und daran bin ich nicht interessiert.«
Lavorel fährt fort: »Womit verdienst du deinen Lebensunterhalt?«
Auf der anderen Seite erschüttern zwei dumpfe Schläge die Wand. Larribi fühlt sie in seiner Brust nachhallen.
»Ich arbeite mit einem Automechaniker zusammen.«
»Descloux, ich weiß. Aber worin genau besteht diese Arbeit?«
Larribi befindet sich schlagartig auf vertrautem Terrain, er hört den Lärm der Motoren, atmet den Geruch des verbrannten Öls. »Descloux frisiert Motorräder, und nachts machen wir Rennen im Industriepark Garonor. Da kommt viel Volk, die Leute schließen Wetten ab, und der Sieger kriegt ’nen Anteil. Ich fahr ganz gut damit.«
Lavorel ist riesengroß geworden und schwebt um ihn herum. Nicht wirklich bedrohlich. Wird schon werden.
»Und welche Rolle spielt Blondeau dabei?«
»Er ist mein Leibwächter.«
»Sieh mal an … der pure Luxus.«
»Da sind ’ne Menge Scheine im Umlauf.«
»Und vor dem Rennen Amphetamine?«
»Die helfen …«
»Das Crack, das wir in A 406 in dem Schuhkarton gefunden haben, ist aber nicht für die Rennen. Ist es für den Verkauf?«
Larribi meint, das Knacken des schmelzenden Crackklümpchens zu hören, erschauert unter der sich im ganzen Körper entladenden Lust, lächelt ins Leere. Von wegen Verkauf …
Daquin rückt seinen Stuhl an den Tisch und setzt sich neben Larribi. Eine kleine Ohrfeige, damit er seine fünf Sinne zusammennimmt. »Jetzt reicht’s. Ich erkläre dir die Spielregeln. Das Crack und das übrige Zeug sind uns egal. Du hast zwei Menschen ermordet, einer davon war Polizist.«
»Nicht ich, ich hab nicht geschossen.«
»Das entscheiden wir, später. Und im Gegensatz zu dir ist dein Kumpel nicht vorbestraft. Vorerst kein Anwalt, kein Richter, für die nächsten Stunden keine Drogen. Polizistenmörder, die Wohnung voller Waffen, eine spektakuläre Festnahme, niemand wird sich wundern, dich in Einzelteile zerlegt vorzufinden.« Im Nebenraum eine schnelle Folge dumpfer Schläge, mehrfaches Stöhnen. Daquin lächelt. »So wie deinen Kumpel. Also, du erzählst uns jetzt, wie und warum ihr die beiden getötet habt.«
Larribi ist immer noch benebelt. Doch jetzt spürt er die Gefahr. Er muss hier weg. Er versucht aufzustehen, plumpst auf seinen Stuhl zurück, schüttelt den Kopf. »Ich hab nicht geschossen. Ich weiß nichts. Blondeau hat mich als Fahrer bei einem Coup angeheuert, ohne mir irgendwas zu sagen.«
Der Computerdrucker spuckt ein paar Wörter auf ein Blatt, das Daquin überfliegt. »Blondeau behauptet etwas anderes.« Wedelt mit dem Blatt. »Er behauptet sogar das Gegenteil.« Von der anderen Seite der Wand hört man das Geräusch von splitterndem Holz, vielleicht ein Stuhl, gefolgt von einem kurzen Schrei, dann Stille. »Und das könnte seine endgültige Version sein.«
Daquin steht auf, umschließt mit einer Hand Larribis Hals, Finger auf der Schlagader, und hebt ihn samt Stuhl ein paar Zentimeter hoch. Gefesselt, bewegungsunfähig, schreckensstarr, die Augen aufgerissen, spürt Larribi, wie er das Bewusstsein verliert. Daquin lässt ihn los, er sackt in sich zusammen, schnappt mehrmals nach Luft, beginnt wieder mit Zähneklappern. Mit der Kälte ein hohles Gefühl in der Lunge und endlich die glasklare Erkenntnis, dass er in der Falle sitzt. Aus dem Nebenzimmer hört man Füßescharren und vor dem Kommissariat die Sirene eines Polizeifahrzeugs.
»Los jetzt, erzähl.«
»Blondeau wurde bezahlt, damit er das Mädchen umlegt …«, er stockt, scheint abzudriften. Neuerliche Ohrfeige, nicht sehr fest, nur zur Erinnerung an den Ernst des Lebens, »… ein Unbekannter, achtzigtausend Franc in zwei Raten, eine vorher, eine nachher.«
»Das Geld, das in der Wohnung gefunden wurde?«
Larribi nickt.
»Wie hat er euch kontaktiert?«
»Er hat bei den Mädels angerufen, gestern früh … na ja, früh weiß ich nicht, wir haben geschlafen …«
»Wer wusste, dass ihr dort wohnt?«
Verblüffung auf Larribis Gesicht. Stimmt, wer eigentlich?
»Die Mädels.«
»Dummkopf.« Eine Ohrfeige. »Wer noch? Descloux?«
»Ja, der sicher.« Er zuckt verdrossen die Achseln. »Ich weiß nicht mehr.«
»Weiter. Was hat der Kerl am Telefon gesagt?«
»Er wollte uns beide treffen, mit dem Motorrad und den Waffen. Gestern waren wir verabredet, Punkt siebzehn Uhr an der BP-T ankstelle Porte de Paris in Saint-Denis.«
»Na also. Jetzt wird’s interessant, nutz deine Chance und streng dich an.«
»Er kam gleich nach uns. Wir haben das Motorrad vollgetankt, das war so abgemacht. Er hielt an der Zapfsäule daneben, fing an zu tanken. Dann kam er zu uns rüber, er redete mit meinem Kumpel, schaute in die Satteltasche. Ich hab nicht mit ihm geredet. Blondeau hat geredet.«
»Es ist uns egal, wer mit ihm geredet hat. Was er gesagt hat, wollen wir wissen.«
»Er sagte zu Blondeau, ihr müsst ab neun Uhr dreißig in Levallois auf der Avenue du Général-de-Gaulle sein, eine Frau wird mit dem Bus dort ankommen und zu der Brasserie im Einkaufszentrum gehen, jung, um die zwanzig, eins fünfundsechzig, sehr schlank, rückenlanges blondes Haar. Sie ist um zehn dort verabredet, sie darf diese Brasserie nicht betreten. Wir hielten uns mit dem Motorrad auf dem Parkplatz versteckt, wir haben sie ankommen sehen. Bis wir die Maschine in Gang hatten, war ein Mann bei ihr. Blondeau hat geschossen.«
»Ihr solltet lediglich die Frau töten?«
»Ja.«
»Der Mann wurde zufällig getötet?«
»Ja.«
»Kommen wir auf den Unbekannten an der Tankstelle zurück. Was für ein Wagen?«
»Ein weißer Clio. Das Kennzeichen hab ich mir nicht gemerkt.«
»Du tätest gut daran, sachdienlichere Angaben über den Kerl zu machen.«
Larribi konzentriert sich angestrengt. Lavorel befreit ihn von den Handschellen, er reibt sich energisch das Gesicht. »Um die fünfzig. Ziemlich groß, etwas größer als ich, schlank. Kantiges Gesicht«, er malt es mit beiden Händen in die Luft, »sehr kurzes schwarzes Haar, an der Stirn spitz zulaufend … Gerade …«, er malt erneut, »… schwarze Brauen.«
Daquin wendet sich Lavorel zu: »Bestellen Sie Dumont her, er ist der beste Phantombildzeichner, er soll mit ihm arbeiten. Geben sie ihm inzwischen ein paar kleine Glückspillen, die ihm helfen, seine intellektuellen Fähigkeiten zu reaktivieren.« Zu Larribi: »Wenn das Phantombild, das du von deinem Auftraggeber machst, uns hilft, ihn aufzuspüren, ziehen wir die Möglichkeit in Betracht, dass nicht du geschossen hast. Wenn nicht, belasten wir den einzigen Mann, der uns bleibt.«
Das Büro von Commissaire Gonzalès, Leiter des Kommissariats von Levallois, ist überfüllt und verqualmt, die Atmosphäre angespannt. Zwei Brigadiers stehen etwas verlegen am Fenster. Die beiden mit dem Doppelmord vom Morgen betrauten Inspektoren der Mordkommission, Auberger und Denoël, haben sich an einen Tisch gesetzt, vor sich eine Akte, in der sie tuschelnd blättern, während Gonzalès hinter seinem Schreibtisch lauert und auf einen Block kritzelt. Sie alle sind mit der bisherigen Ermittlungsführung recht zufrieden, aber das vor den Kollegen vom Pariser Drogendezernat zu bekunden – ausgeschlossen. Die stehen gesammelt in einer Ecke des Raums, Daquin und Lavorel nebeneinander, ein Stück dahinter Le Dem, der soeben von der Präfektur am Quai des Orfèvres 36 eingetroffene Dritte im Team.
Gonzalès räuspert sich. »Lagebericht, meine Herren.«
Inspecteur Auberger wendet sich Daquin zu und beginnt: »Die beiden Festgenommenen sind die Mörder, daran besteht kein Zweifel. Die in der Wohnung gefundene Maschinenpistole ist die Tatwaffe. In der Wohnung wurde zudem ein brauner Umschlag gefunden, vierzigtausend Franc in gebrauchten Scheinen, die von dem Auftrag stammen könnten. Außerdem sind beide geständig. Sie schieben sich gegenseitig die Hauptverantwortung zu, erzählen aber im Kern annähernd dieselbe Geschichte. Und wollen kooperieren. Die Beschreibungen des mutmaßlichen Auftraggebers hingegen stimmen nicht überein. Sie variieren zwischen dreißig bis fünfunddreißig und fünfzig Jahre, groß und schlank beziehungsweise mittelgroß ohne weitere Details, kantiges beziehungsweise eher fülliges Gesicht. Die einzigen halbwegs verlässlichen Angaben: pechschwarze Haare und Augenbrauen. Und selbst hier: Der Haaransatz ist nicht derselbe. Für Blondeau hatte der Typ einen ausländischen Akzent, aber Genaueres über die Herkunft war ihm nicht zu entlocken. Der andere weiß nicht. Ein sehr vages Phantombild also, und wenn man ihnen zum jetzigen Zeitpunkt einen Verdächtigen vorführt, droht die Identifizierung ein reines Glücksspiel zu werden. Bei zwei Junkies kaum verwunderlich. Die ersten Überprüfungen an der Tankstelle Porte de Paris haben noch nichts erbracht, weil der Angestellte, der gestern um siebzehn Uhr dort war, inzwischen gegangen ist und erst morgen um vierzehn Uhr wiederkommt. Bis dahin ist er nicht erreichbar.«
»Es stellt sich allerdings eine ernste Frage«, fährt Denoël, der zweite Inspektor, fort. »Das war keine Profiarbeit. Die Ausführenden haben für gewöhnlich nie direkten Kontakt mit dem Auftraggeber. Ist es wirklich denkbar, dass jemand solchen Armleuchtern einen Mordauftrag erteilt?«
»Stimmt schon, das Ganze wirkt etwas stümperhaft«, sagt Daquin. »Das müssen wir im Hinterkopf behalten. Folgt man aber ihrer Version, war kein Polizistenmord geplant. Und der Auftraggeber musste rasch handeln. Nadine Speck hat Romero vor zwei Tagen in der Präfektur angerufen. Wir haben in Romeros Unterlagen den Hinweis auf ein Telefonat mit ihr gefunden, unter den Initialen N.S., vergangenen Dienstag um neun Uhr dreißig. Und auf die Verabredung heute Morgen um zehn in Levallois. Kaum zwei Tage, um den Mord zu organisieren.«
Lavorel und Le Dem betrachten angelegentlich die vor ihnen liegenden Akten. Gewiss, man hat den Hinweis auf Nadine Specks Anruf und die Verabredung gefunden, allerdings in Romeros privatem Terminkalender bei ihm zu Hause, nicht im Dezernat. Und beim Datum vom letzten Dienstag hat er notiert: 9 : 30 N. S. tel. (Martinon). Und der Name Martinon ist sämtlichen Teammitgliedern gänzlich unbekannt. Aber man gibt sich keine Blöße.
Daquin fährt fort: »Achtundvierzig Stunden, um einen Mord zu planen, das ist kurz, wenn man keine Erfahrung hat und auf keine Organisationsstruktur zurückgreifen kann. Und eins müssen wir wohl zugeben: Wir wären den beiden Armleuchtern nie auf die Spur gekommen, wenn sie nicht dummerweise zwei fabelhaften Kontaktbeamten über den Weg gelaufen wären, die während der Dienstzeit einen gehoben haben. Eine recht außergewöhnliche Sachlage, nicht wahr, Commissaire?«
»Waschlappen wie die brüsten sich am Ende immer mit ihren Heldentaten, und über die Junkieszene kommt uns das irgendwann zu Ohren.«
»Sicher, aber zu spät. Außerdem sind Vorstadtpflanzen zarte Gewächse, ein Motorradunfall, eine Abrechnung, eine Überdosis … Nein, ich finde die Durchführung nicht schlecht. Wir werden nämlich noch viel Glück brauchen, um die Spur bis zum Auftraggeber zurückzuverfolgen.« Glück. Wie oft hat er zu Romero gesagt, er sei ein guter, weil vom Glück verwöhnter Polizist?
»Lassen Sie uns jetzt über das Mädchen sprechen«, sagt Gonzalès, den Blick auf eine aufgeschlagene Akte gerichtet. »Nadine Speck war neunzehn Jahre alt, sie wohnte in Lisle-sur-Seine, zusammen mit ihrem Bruder, der dort Stadionwart ist. Ein hochanständiger Typ, dem Commissaire von Lisle-sur-Seine zufolge, der ihn gut kennt, sie treffen sich regelmäßig, um Sicherheitsfragen rund um die Spiele zu besprechen. Ein Arbeitstier, nie auffällig geworden. Das Mädchen scheint keiner nennenswerten Tätigkeit nachgegangen zu sein, strafrechtlich liegt aber nichts gegen sie vor. Der Commissaire von Lislesur-Seine hat Speck persönlich vom Tod seiner Schwester unterrichtet, die er zuvor in der Leichenhalle identifiziert hatte, ohne jedoch zu sehr ins Detail zu gehen. Tatsächlich hat er ihm erzählt, dass sie wahrscheinlich zufällig getötet wurde, bei einer Abrechnung zwischen rivalisierenden Banden …«
Daquin verzieht das Gesicht. Das gefällt mir nicht. Ein Moment Schweigen. Dann sagt er mit undurchdringlicher Miene: »Wir greifen das alles morgen noch einmal auf.« An die beiden Inspektoren der Mordkommission gewandt: »Wir haben um fünfzehn Uhr einen Termin im Büro von Richter Bertrand in Nanterre. Wir werden ihn bitten, uns mit diesem Fall zu betrauen, in Zusammenarbeit mit Ihnen.«
Es ist 19 : 40 Uhr. Romero ist seit fast zehn Stunden tot.
Lavorel fährt auf direktem Weg heim nach Saint-Denis, nicht weit von Levallois. Eine Vierzimmerwohnung in einem Sozialwohnungsbau im Stadtzentrum, neben der Basilika. Seine Frau Francine ist Grundschullehrerin und Stadträtin. Als er zur Tür hereinkommt, sind sie und seine beiden vier- und sechsjährigen Töchter gerade in der Küche und essen unter fröhlichem Gelächter Crêpes, die die Ältere nach Bedarf frisch bäckt. Die Jüngere hat eine Zuckerschnute. Der Clan der Frauen.
»Wir haben nicht so früh mit dir gerechnet, du hast nicht angerufen, dass du zum Essen zu Hause bist …«, sagt Francine und stockt. »Geht’s dir nicht gut?«
Sie lässt die Mädchen in der Küche allein, schließt die Tür, zieht ihn ins Schlafzimmer. Sie ist ein solcher Halt. Es ist nicht sicher, dass er nicht geweint hat. Eine Stunde später schläft er traumlos, vollgestopft mit Schlafmitteln.
Daquin ist ins Drogendezernat am Quai des Orfèvres 36 zurückgefahren. Er lehnt in seinem Sessel, die Füße auf dem Schreibtisch, der Geist träge. Wie viele Cognacs seit heute früh? Mindestens ein Dutzend … Romero auf offener Straße erschossen, dazu eine Unbekannte und Kokain. Hört sich zu Gonzalès sagen: Ein Polizistenmord war nicht geplant. Was weiß ich denn schon? Soll ich mich allein auf die Aussagen dieser zwei Junkies verlassen? Romero, zehn Jahre meines Lebens, kann ich mich so getäuscht haben?
Er sieht sich um. Die Holzschränke voller Akten, die Anrichte mit der Espressomaschine, die große Korkpinnwand, an der sich Nachrichten, Pläne, Adressen, Notizzettel, Termine drängen. Neben dem Schreibtisch der Tisch, die vier Stühle, zweckmäßig und nullachtfünfzehn, Hunderte von Besprechungen mit seinen Inspektoren. Verstörter Blick auf diese vertraute Umgebung.
Daquin steht schwerfällig auf, macht sich einen pechschwarzen Espresso. Stille. Das Büro liegt einsam am Ende eines Flurs im obersten Stock des großen Gebäudes, und sein Fenster geht zum Hof. Allein. Keine Lust, heute Abend allein in das efeuüberwucherte stille Häuschen in der Villa des Artistes zurückzukehren. Blick auf die Armbanduhr. 20 : 30 Uhr. Sam muss noch in der Redaktion sein, er hat Bereitschaft. Anruf.
»Sam, ich brauch dich heute Nacht. Sehen wir uns nachher bei mir?«
Noch ein Espresso. Daquin schaltet den Computer ein, er muss für das Treffen mit dem Richter morgen Nachmittag einen Bericht anfertigen. Mit zu viel Promille und dem Kopf voller Bilder von Sams dargebotenem nacktem Körper. Erstes Ziel, die Ermittlung unbedingt im Drogendezernat behalten. Romero wurde bei einem Treffen mit einem Spitzel erschossen, im Rahmen einer Ermittlung, mit der ich ihn betraut hatte … Welche Ermittlung? Kokain, Levallois … ich brauche einen Anknüpfungspunkt. Eine Folgerecherche im PAMA-Fall vom letzten November, ein Kokainring im Umfeld der Bürotürme von La Défense. Der Doppelmord beweist die Existenz dieses Rings und seine Macht. In Zusammenarbeit mit dem kriminaltechnischen Labor konzentriert sich unsere Ermittlung auf die Waffen und das Geld aus dem Auftrag. Und auf die Identifizierung des Auftraggebers, indem wir uns Romeros Akten noch einmal vornehmen. Was nur wir tun können.
Aufblitzen der kräftigen Schenkel, der Blässe des Hinterns, rund, muskulös.
Auch wenn nichts richtig ins Bild passt, weder die beiden Armleuchter von Mördern noch Romeros fehlende Vorsichtsmaßnahmen noch letztlich das Vorhandensein von zwanzig bis dreißig Gramm Kokain am Tatort. Aber mit solchen Details wird sich der Richter nicht aufhalten. Ich werde ihm sagen, dass in dieser Sache Eile geboten ist. Spuren lassen sich leicht beseitigen, und die Verbindung zwischen den beiden Fällen ist schon jetzt so dürftig … Und natürlich kein Wort über besagten Martinon, solange wir nichts über ihn wissen.
Schluss für heute Abend. Es ist fast elf. Nur noch ein obsessiver Gedanke: Sam nehmen, jetzt. Pralles Geschlecht und surrender Kopf.
Als Daquin heimkommt, liegt der große Raum im Parterre im Dunkeln, doch im Zwischengeschoss brennt Licht. Er steigt die Treppe hoch, Stufe für Stufe, als sei dies die letzte Überlebenschance, als ginge direkt hinter ihm die Welt unter, mit jedem Schritt ein Stück mehr. Sam schläft, liegt nackt auf dem Bauch, die Arme gekreuzt, schwach beleuchtet von einer Lampe auf dem Boden. Seine Silhouette ist irreal, leblos, tot … Leben! Rausch – Begehren, Wut, Alkohol. Tief sitzende Aggression. Daquin dringt gewaltsam in den Körper ein, der sich widersetzt, ersticktes Wimmern ins Kopfkissen, der Leib windet sich, um zu entkommen. Daquin, so viel schwerer, so viel breiter, stemmt sich mit seinem vollen Gewicht gegen ihn. Und der andere gibt plötzlich nach. Da, endlich, der Orgasmus, strahlend hell, gewaltig.
Schlaf nicht ein. Dieser reglose Körper, die Arme um den Kopf gewinkelt, ohne Gesicht und ohne Stimme unter deinem Gewicht. Schlaf nicht ein. Diesen Mann voller Wärme, deinen Geliebten, verlierst du, wenn du einschläfst. Leise flüsternd: Sam, hilf mir da raus.
Eiskalte Dusche, Bademantel. Daquin geht hinunter in die Küche, Espresso machen. Steigt mit einer vollen Kanne und zwei Tassen wieder nach oben, kniet sich neben das Bett, füllt beide Tassen. Sam sitzt an die Wand gelehnt im Schneidersitz auf dem Bett, schmales Gesicht, das feuchte schwarze Haar klebt an der Stirn, wachsamer blauer Blick, Kraft und ein Schuss Angst. Eine unendlich verführerische Mischung. Er nimmt seine Tasse, trinkt kleine Schlucke.
Langes, träges, intimes Gespräch über die Dinge des Lebens, dann: »Wenn ich mich recht erinnere, hast du vor deinem Aufenthalt in den Staaten beim FC Lisle-sur-Seine gespielt, oder?«
»Ja. So vor sechs, sieben Jahren. Da war das längst nicht der Verein, der es heute ist. Damals war es ein Amateurclub. Ich erhielt hier und da Spielerprämien, war aber kein richtiger Profi. Als er in die zweite Liga aufstieg, bin ich nicht geblieben, ich war nicht gut genug.«
»Ich fahre morgen dorthin.«
»Aha, wieso?«
In dem blauen Blick überwiegt schlagartig die Angst. Merkwürdig. »Hat sich so ergeben. Heute wurde bei einer Abrechnung unter Dealern eine junge Frau erschossen, und sie ist die Schwester des Stadionwarts. Ich will mit ihm reden.«
»Ich fahre morgen Abend für die Zeitung hin. Ein wichtiges, womöglich entscheidendes Spiel um die Meisterschaft.«
Sam stellt seine Tasse auf den Boden, zwei Falten auf dem flachen Bauch. Daquin streicht leicht über den Nacken, den das etwas zu lange schwarze Haar verdeckt, fährt die Schulterlinie entlang, berührt die pochende Vene am Halsansatz, streift die Brustwarze, stützt sich auf die flache Hüfte, gleitet zum Rücken, über die weiche, warme Haut im Kreuz, Aufwallung von Zärtlichkeit.
»Lass mich dich lieben, Sam, ganz respektvoll, ganz langsam, und dich befriedigen. Und dann lass mich neben dir einschlafen.«
Zweiter Tag
Freitag, 4. Mai 1990
Beim Betreten der Leichenhalle meint Daquin die kleinen toskanischen Zigarren zu riechen, die Romero sich hier immer ansteckte, um gegen den Geruch von Formalin und Tod anzustinken, der ihm den Magen umdrehte. Da ist Nadines Leiche, das Gesicht aufgedeckt. Ein längliches, bleiches und farbloses Gesicht, geschlossene Augen, blasse Brauen und Wimpern, markante Nase, gerader Mund, praktisch ohne Lippen, feines, langes, glattes blondes Haar. Keine Spur von Make-up. Eher mager als schlank. Seit vierundzwanzig Stunden tot und schon alterslos.
Kurzer Blick auf die Liste der Kleidungsstücke, die sie zum Zeitpunkt ihres Todes trug: Bluejeans, grünes T-Shirt, Jeansjacke und Turnschuhe, Baumwollslip und kein BH.
Fürs Erste ganz gewöhnlich und ungreifbar.
Der rechtsmedizinische Befund vermerkt neben einer gründlichen Analyse der Verletzungen, die Daquin überspringt: In jüngster Zeit regelmäßiger Konsum von Methamphetaminen und Amphetaminen (es folgt eine Liste von Produkten mit ihren wissenschaftlichen Bezeichnungen), Spuren von Ephedrin und Heroin, vermutlich als Cocktail konsumiert, Kokain sowie Alkohol. Ein wahres Chemielabor. Gut. Das hilft mir, die These vom Drogenhändlerring zu stützen. HIV-positiv. In den Stunden vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr ohne Präservativ und ohne Gewalt. Sie trug eine Spirale. Eine voll ausgetragene Schwangerschaft mit anschließender natürlicher Geburt, vor drei oder vier Jahren … schnell nachgerechnet, also etwa mit fünfzehn.
In einer Plastiktüte die Gegenstände, die bei der Toten gefunden wurden. Ein Schlüsselbund, eine lederne Faltbörse, darin um die hundert Franc, Busfahrkarten und eine Geldkarte auf den Namen ihres Bruders, Ausweispapiere in einer Plastikhülle. Eine zerbrochene Sonnenbrille. Eine Armbanduhr. Daquin beugt sich vor. Die immer noch geht. Eine Omega. Sieh an. Und das war’s.
Letzter Blick auf das bleiche Gesicht. Kaum fertiger als der Durchschnitt. Ein kleiner Spitzel für ein banales Geschäft mit Ice, Amphetaminen, Koks oder Heroin? Jäher Hass, vollkommen irrational.
Lisle-sur-Seine, ein Pariser Vorort im Grenzbereich zwischen dem Dienstleistungs-Schick der Bürostadt La Défense und den Arbeitervierteln von Seine-Saint-Denis. Daquin umfährt ihn auf der Umgehungsstraße und landet direkt beim Fußballstadion, errichtet am äußersten Ende der Gemeinde am Seineufer, auf riesigen, sorgsam mit Bäumen und Rasen gestalteten Flächen inmitten eines dahinsiechenden Industriehafengebiets.
Rechts, durch Gitter abgetrennt, die wuchtige Tribünenanlage, etwas erschlagend, sehr nah, für geschätzte 15 000 bis 20 000 Personen, mehrfach erweitert, die Kurven noch im Bau. Hinter dem Stadion riesige asphaltierte Parkplätze, ein Stück weiter Sozialwohnungsblocks. Vor ihm ein würfelförmiges kleines Betongebäude, vermutlich Büros, dahinter das Trainingsgelände, auf dem einige Fertigbauhallen stehen. Und zur Linken, etwas höher gelegen, ein gepflegtes modernes Haus mitten im Grünen.
Offenbar keine Menschenseele da. Seltsam zu dieser vormittäglichen Stunde. Außer in den Büros. Daquin tritt ein. Zwischen Computern und Aktenstapeln bilden fünf Frauen einen Schreibpool. Daquin geht zu der, die der Tür am nächsten sitzt, und stellt sich vor.
»Nicht viel los in diesem Stadion …«
Wissendes Lächeln. »Heute Abend ist ein Spiel, alle Spieler und das Betreuerteam sind abgetaucht. Und die Bauarbeiten sind unterbrochen.«
»Ich suche Éric Speck.«
Mitleidig: »Er ist auf den Tribünen und macht letzte Sicherheitskontrollen.«
Speck ist nicht schwer zu finden. Dort steht er, ganz allein auf der Ehrentribüne, in einem Trainingsanzug in den Vereinsfarben Grün und Orange, über einen vor ihm ausgebreiteten Plan gebeugt. In den Kurven sind die nackten Betonflächen übersät mit mehr oder weniger kunstvollen Tags und Graffiti. Auf die Stufen der Treppen zwischen den Sitzreihen sind langgezogene weiße Riesenfiguren gesprayt, die rennen oder klettern. Viel Bewegung. An der Mauer hinter der linken Kurve ein Schriftzug in reich verzierten, über zwei Meter hohen Lettern: Fanblock Nord.
»Éric Speck? Ich bin Commissaire Daquin.«
Er dreht sich um. Nicht sehr groß, stämmig, kurz geschnittenes kastanienbraunes Haar, dickliches Gesicht. Älter als seine Schwester, vermutlich um die fünfunddreißig. Sichtlich keinerlei Ähnlichkeit mit der Beschreibung der beiden Armleuchter, sofern die nicht ohnehin frei erfunden ist.
»Was wollen Sie von mir?«
»Mit Ihnen über Ihre Schwester reden.«
»Das passt gerade nicht. An einem Spieltag habe ich keine Zeit zu vergeuden.«
Er dreht Daquin den Rücken zu und fährt wieder mit dem Finger über seinen Plan. Hochanständiger Typ, meinte der Commissaire von Lisle-sur-Seine. Wie sehen in dieser Stadt dann die nicht Hochanständigen aus? Daquin packt ihn am Arm und zwingt ihn, ihm ins Gesicht zu sehen.
Eisig: »Ich habe ein paar Fragen an Sie. Beantworten Sie sie gleich, oder soll ich Sie für heute Nachmittag aufs Kommissariat bestellen und zwei Polizisten in Uniform schicken, um Sie hinzubringen?«
Speck tritt von einem Fuß auf den anderen. Nach ein paar Sekunden: »Fragen Sie schon.«
Daquin drückt ihn auf einen Sitz und setzt sich schräg neben ihn, damit er ihn ansehen kann. Der andere blickt starr auf den Rasen unterhalb der Tribünen.
»Was haben Sie vorgestern zwischen sechzehn und achtzehn Uhr gemacht?«
Speck wirkt überrascht. Kurzer Blick zu Daquin. »Kann ich Ihnen nicht genau sagen. Dasselbe wie sonst auch. Zwischen siebzehn und achtzehn Uhr überprüfe ich, ob die für die Kabinen und für die Büros zuständigen Putzkolonnen da sind, und bespreche letzte Einzelheiten mit deren Chefs. Warum fragen Sie mich das? Was hat das mit meiner Schwester zu tun?«
»Was wissen Sie über den Tod Ihrer Schwester?«
»Dass sie gestern Morgen gegen zehn in Levallois erschossen wurde, bei einer Abrechnung zwischen rivalisierenden Banden von Kleinkriminellen aus Argenteuil.«
Es hat ihm noch niemand etwas gesagt. Ich verstehe nicht, warum. Immerhin gibt mir das mehr Handlungsspielraum.
»Ganz so war es nicht. Ihre Schwester wurde durch eine Maschinenpistolensalve in den Rücken getötet, abgefeuert von einem fahrenden Motorrad. Sieben Einschüsse, drei davon tödlich. Sie war sofort tot. Den Leichnam traf eine zweite Salve in die linke Seite, hier wurden vier Einschüsse festgestellt. Was auf einen geübten Schützen hindeutet. Und die beiden Kleinkriminellen, die auf sie geschossen haben, haben achtzigtausend Franc dafür kassiert.«
Jetzt ist Speck ernstlich erschüttert. »Meine Schwester … Das kann nicht sein …«
»Das kann nicht nur sein, das ist so. Wir haben die Mörder festgenommen, die inzwischen lückenlose Geständnisse abgelegt haben, wir haben die Mordwaffe und die Hälfte der vereinbarten Summe. Und die Mörder haben sich vorgestern um siebzehn Uhr mit dem Auftraggeber getroffen.«
Speck fährt auf. »Also verdächtigen Sie mich, dass ich sie habe ermorden lassen?«
»Nicht unbedingt. Ich will nur sichergehen, das ist alles. Mein Problem ist folgendes: Ich muss herausfinden, wer den Mord an Ihrer Schwester in Auftrag gegeben hat. Da ich keine konkrete Spur habe, suche ich nach dem Motiv. Ihre Schwester hat zusammen mit Ihnen hier gelebt? In dem Haus am Stadioneingang?«
Erneuter Seitenblick zu Daquin. »Ja. Ich habe meine Schwester großgezogen.«
»Wussten Sie, dass Ihre Schwester zum Funktionieren Amphetamine, Kokain und noch andere Drogen brauchte?«
Speck wendet das Gesicht ab, lässt einen Moment verstreichen. Sieht Daquin wieder an. »Ja. Was hätte ich denn tun sollen? Denken Sie, das ist leicht?«
»Das habe ich nicht gesagt. Kennen Sie ihre Lieferanten?«
»Ganz bestimmt nicht.«
»Woher hatte sie das Geld?«
Schweigen. »Ich habe es ihr gegeben. Meine Schwester hat nicht gearbeitet.« Er dreht sich zu Daquin hin. »Ich dachte, dass ich so das Schlimmste verhindere.«
»Fuhr sie oft nach Levallois?«
»Ziemlich regelmäßig. Sie zog dort gern durch die Läden, die sind um einiges schicker als die in Lisle-sur-Seine.«
»Hätte sie sich dort Drogen beschaffen können?«
»Vielleicht.«
»Erzählen Sie mir bitte, wie Ihr jeweiliger Tagesablauf aussah.«
»Ganz geregelt. Ich stehe jeden Morgen um sieben auf und bin um acht bei der Arbeit, im Büro oder im Stadion. Nadine stand normalerweise ziemlich spät auf und ging selten vor dem Mittagessen aus dem Haus. Wir aßen praktisch jeden Tag zusammen zu Mittag, sie übernahm das Kochen. Nachmittags arbeite ich, oft bis spät. Sie ging einkaufen, traf Freunde, kam heim, um mit mir zu essen, oder ging abends aus. Ich bin nie mitgegangen. Abends bin ich müde und setze mich vor den Fernseher.«
»Können Sie mir eine Liste ihrer Freunde geben?«
Er macht wieder dicht. »Die kenne ich nicht. Ich habe nicht kontrolliert, wohin sie ging. Nadine war sehr reif, schon lange. Außerdem bin ich ihr Bruder, nicht ihr Vater.«
»Hat sie den vergangenen Dienstagvormittag hier verbracht?«
Stirnrunzeln. »Vermutlich.« Er zögert. »Ja, sie war hier, wäre sie weg gewesen, würde ich mich daran erinnern.«
»Weil sie nämlich an diesem Morgen einen meiner Inspektoren anrief und sich für Donnerstag um zehn in Levallois mit ihm verabredet hat, wo er dann zusammen mit ihr niedergeschossen wurde …«
Bestürzung, dann Nervosität. Speck faltet die Hände, löst sie wieder, steht auf, läuft den Mittelgang entlang, kommt zurück und setzt sich hin, ohne Daquin anzusehen.
»Was hat sie diesem Inspektor Ihrer Ansicht nach gesagt?«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Meine Schwester hatte der Polizei nichts zu sagen.«
»Meinen Sie?« Schweigen. »Dann hätte sie also an diesem Morgen von zu Hause aus angerufen?«
»Sieht so aus.«
»Sie hätten diesen Anruf also sehr wohl mitbekommen können?«
»Ich bin morgens nie zu Hause. Ich arbeite im Büro oder auf dem Stadiongelände, das sagte ich Ihnen bereits. Und ich habe meine Schwester nicht umgebracht.«
»Schön. Wir werden Ihren Tagesablauf überprüfen. Und der Tag vor ihrem Tod, wie sah der aus?«
»Am Mittwoch hat sie das Haus nicht verlassen. Sie hat Abendessen gemacht, Kalbsbraten mit Erbsen. Wir haben zusammen ferngesehen. Dann sind wir schlafen gegangen.«
»Sie hatte am Abend oder in der Nacht mit niemandem außer Ihnen Kontakt?«
Kategorisch: »Nein.« Ein Zögern, eine dämmernde Erinnerung. Dann, argwöhnisch: »Worauf wollen Sie hinaus?«
Daquin antwortet nicht und fragt weiter: »Wussten Sie, dass Ihre Schwester HIV-positiv war?«
Speck sackt buchstäblich auf dem Sitz zusammen. Nach kurzem Schweigen: »Nein, das wusste ich nicht.«
»Und was ist aus dem Kind geworden, das sie geboren hat?«
Speck sieht Daquin endlich an, lange, triefend vor Hass. »Sie hat es weggegeben. Das Recht dazu hatte sie. Lassen Sie meine Schwester in Ruhe. Und mich auch.«
»Waren Sie der Vater?«
Speck springt auf, kreideweiß, zusammengepresste Kiefer, Fäuste geballt. Daquin macht sich bereit, einen Hieb abzublocken. Dann schnappt sich Speck wortlos seinen Plan, dreht Daquin den Rücken zu und macht sich wieder an die Arbeit.
Daquin steht ebenfalls auf. Rückblende auf Nadines Leichnam. Vermutlich doch nicht so gewöhnlich, nie dem ersten Eindruck trauen.
»Ich würde gern einen Blick in das Zimmer Ihrer Schwester werfen.«
»Nein. Das Haus ist abgeschlossen, ich habe zu arbeiten und keine Zeit, Sie zu begleiten. Es sei denn, Sie haben eine richterliche Anordnung.«
»Habe ich nicht. Ich komme also wieder, Monsieur Speck. Bis dahin werden Sie Lisle-sur-Seine selbstverständlich nicht verlassen.«
Daquin steigt von den Tribünen und geht zu seinem Wagen, den er neben den Büros geparkt hat. Zwei Männer kommen ihm entgegen. Einer davon, nicht größer als eins siebzig, schlank, mit sehr lebhafter Mimik und großen braunen Augen, die im Schatten der Wimpern wach blicken, ist Reynaud. Daquin erkennt ihn, weil er sein Foto oft in der Zeitung gesehen hat. Bürgermeister von Lisle-sur-Seine, Präsident des Fußballvereins, Chef eines dynamischen Bauunternehmens, ein Gipfelstürmer der Achtziger. Braunes Jackett und beige Hose, lässig elegant. Lächelnd, etwas fahrig und herzlich. Er drückt Daquin die Hand.
»Ich darf mich vorstellen. Jean-Pierre Reynaud. Ich bin der Vereinspräsident. Die Sekretärinnen haben mir gesagt, dass Sie hier sind …«
Ein zwanghafter Verführer an allen Fronten. Spontanes Misstrauen.
Mit Blick auf seinen Begleiter: »Monsieur Danjou, mein Sekretär.«
Groß, massig, breitschultrig, dunkelgrauer Anzug über weißem Hemd und Krawatte in Grautönen, eine Art Uniform für jede Gelegenheit. Ein Fels, mit genau dem nötigen Maß an Distanz, um seinem Chef nicht auf den Leim zu gehen. An dem führt sicher kein Weg vorbei. Aber beileibe kein freundlicher Scherzbold.
Kurzes Schweigen, dann fährt Reynaud fort: »Ich hörte von dem Mord an Nicole …«
»Wann und von wem, Monsieur Reynaud?«
Erstaunt: »Na, gestern Nachmittag, von ihrem Bruder.«
»Kennen Sie die beiden Specks gut?«
»Natürlich. Éric Speck überwacht die Instandhaltung sämtlicher Vereinsanlagen, wir sehen uns praktisch täglich.«
»Und seine Schwester?«
»Ich bin ihr oft begegnet. Mehr nicht.« Dann kommt er auf sein ursprüngliches Anliegen zurück: »Ich wollte wissen, wie weit Sie mit Ihrer Ermittlung sind. Verstehen Sie mich recht. Wenn ein Mitglied meines Vereins auf irgendeine Weise in ein Verbrechen verwickelt ist, möchte ich Ihnen die Arbeit so weit wie möglich erleichtern. Andererseits sind dies die letzten Spieltage der Meisterschaft, wir haben gute Chancen, sie zu gewinnen, ich muss meine Spieler schützen … Das ist ein empfindliches Räderwerk, das schon bei der kleinsten Erschütterung nicht mehr ineinandergreift …«
Daquin grinst unverhohlen. Das Bild ist ein wenig abgedroschen. »Sie haben vorerst nichts zu befürchten. Ich bin nur gekommen, um Speck über die Umstände zu informieren, unter denen seine Schwester ermordet wurde. Was ihn übrigens erschüttert zu haben scheint. Aber für mich ist er außer Verdacht.«
»Ich bin sehr erleichtert, das zu hören. Wollen Sie mit uns zu Mittag essen, Commissaire?«
»Geht nicht. Ich habe einen Gerichtstermin in Nanterre.«
»Das bedaure ich …«
Daquin registriert belustigt, dass das vermutlich stimmt.
»… Dann erlauben Sie mir, Sie zum Spiel einzuladen. Ein großes Spiel, hoffe ich. Wir können jedenfalls schon heute Abend die Meisterschaft gewinnen.«
Ein Hauch von Verärgerung auf dem Gesicht des Sekretärs. Er ist nicht der Verführertyp.
»Ich bin eigentlich kein Fußballfan, nehme die Einladung aber gern an.«
»Na, dann also bis heute Abend, Commissaire, in meiner Loge.«
Daquin entfernt sich. Reynaud und Danjou haben ihm den Rücken zugedreht, stecken die Köpfe zusammen und wechseln ein paar Worte. Reynaud zieht eine Zigarette aus seiner Tasche, Danjou gibt ihm Feuer. Vertrautheit und Vertrauen. Aber der starke Mann ist Danjou, täusch dich nicht. Dann steigen sie hoch zu den Tribünen, vermutlich auf der Suche nach Speck.
BP-T ankstelle an der Porte de Paris, relativ geschützt zwischen Bäumen und Grün inmitten von Autobahnzubringern und Fahrzeuglawinen. Ein einzelner junger Mann an der Kasse. Le Dem zeigt seinen Polizeiausweis.
»Waren Sie vorgestern um siebzehn Uhr hier?«
»Ja. Der Geschäftsführer hat mir gesagt, dass Sie vorbeikommen. War es ein Kumpel von Ihnen, der getötet wurde?«
Blick zu Lavorel, der gedankenverloren durch den Verkaufsraum schlendert, unfähig, sich zu konzentrieren. Romero, ein Kumpel von mir? Guter Witz. Erinnerung an seine erste Observierung fürs Drogendezernat, mit ebenjenem Romero. Seine Gewalttätigkeit gegenüber einem verletzten jungen Dealer. Eine körperliche Gewalt, zu der er stand. Und die ihre Wirkung nicht verfehlte. Nein, Romero war Lavorels Kumpel, nicht meiner.
»Genau. Ein Kumpel von uns. Zwei Männer mit einem schwarzen Motorrad vorgestern gegen siebzehn Uhr dreißig, sagt Ihnen das was?«
Der Kassierer fertigt einen Kunden ab, wendet sich dann wieder Le Dem zu. »Zwei Kerle auf einem Motorrad, ganz in Schwarz, und ziemlich aufgeputscht. Die haben sich um die Zeit bei den Zapfsäulen herumgedrückt. Ich hab sie nebenher im Auge behalten, man weiß ja nie. Ein Typ, der an einer anderen Säule tankte, ging zu ihnen rüber, die haben sicher über Motorräder gequatscht. Ich hatte Sorge, dass sie sich prügeln, die Gefahr besteht ja immer. Danach kamen sie zahlen. Und letztlich gab’s keine Scherereien.«
»Wie hat der Mann bezahlt, der die beiden angesprochen hat?«
»In bar. Zwei nagelneue schöne Scheine. Die beiden anderen übrigens auch.«
»Wie sah er aus?«
»Kann ich Ihnen nicht sagen. Hier kommen ’ne Menge Leute durch, wissen Sie, und für ihn habe ich mich nicht interessiert. Er war ein ganz normaler Typ. Ich hatte die Motorradfahrer im Auge, die machten mir Sorgen.«
»Versuchen Sie sich an ein kleines Detail zu erinnern, irgendwas. Trug er Schmuck … rauchte er Zigarre … hatte er einen Tick … einen Akzent?«
Ihm fällt nichts ein. Lavorel und Le Dem treten hinaus zur Zapfanlage.
»Kann gut sein, dass die aberwitzige Story unserer beiden Armleuchter stimmt.«
Lavorel verzieht das Gesicht. »Aber wir sind keinen Schritt weiter.« Ein Moment vergeht. »Leisten wir dem Chef jetzt Schützenhilfe beim Richter?«
»Fahr du hin. Ich bleibe hier und schnüffle noch ein bisschen rum.«
Le Dem schlendert zwischen den Zapfsäulen umher, dann bis hinunter zu den Bushaltestellen, kehrt zurück in den Shop, geht aufs Klo, kauft eine Flasche Wasser, gönnt sich einen Kaffee am Automaten. Dünn und süß, wie immer. Bretonischer Kaffee, sagt Daquin. Romero, der hatte sämtliche Gepflogenheiten des Chefs übernommen, auch den sehr starken Espresso ohne Zucker.
Der Nachmittag schreitet voran. Die Kunden werden zahlreicher, und sosehr sich der Kassierer auch beeilt, es bildet sich eine kleine Schlange. Le Dem hat einen Geistesblitz. Um siebzehn Uhr war der Mann, den ich suche, hier nicht allein. Er war mehrere Minuten mit anderen Kunden zusammen, denen vielleicht etwas aufgefallen ist. Keine sehr vielversprechende Hypothese, aber einen Versuch ist es wert.
Die Kasse registriert Tag und Uhrzeit des getätigten Geschäfts sowie Zahlungsbetrag und Zahlungsart. Vorgestern gegen siebzehn Uhr, oder vielmehr kurz danach, entsprechen zwei Barbeträge einer Motorrad- und einer Kleinwagentankfüllung. Und fünf Personen haben in den darauffolgenden Minuten mit Geldkarte gezahlt. Jetzt schnell, um sie aufzuspüren, bevor die Banken schließen.
Auberger und Denoël von der Mordkommission sowie Daquin und Lavorel vom Drogendezernat drängen sich in dem kleinen Büro von Richter Bertrand, der sie stehend empfängt. Bisschen klein, bisschen stämmig, um die vierzig, schwarzes Strubbelhaar, Tweedjackett mit ausgebeulten Ellenbogen, eine hoffnungslos bäuerliche Erscheinung, äußert befangen ein paar Worte des Beileids, dann setzen sich alle. Er schlägt die vor ihm auf dem Schreibtisch liegende Akte auf, räuspert sich.
»Ich bin kein Strafrechtsexperte. Mein Gebiet ist normalerweise eher die Wirtschaftskriminalität.«
Verstimmung. Der stellvertretende Staatsanwalt, der sich nur kurz am Tatort blicken lässt, der Richter, der erklärt, dass er sich nicht auskennt … Der Tod von Inspecteur Romero ist für sie nicht wirklich relevant. Oder sie wollen sich schleunigst eine faule Geschichte vom Hals schaffen …
Der Richter blättert in der Akte und fährt an Daquin gewandt fort: »Ich habe Ihren Bericht über den Doppelmord gelesen. Die beiden Mörder sind festgenommen, es liegen Geständnisse und konkrete Beweise vor. Ich habe die Anklagen und die Verbringung in Untersuchungshaft vorbereitet. Ihrer Meinung nach, Commissaire, handelt es sich also um einen Fall von Drogenhandel, und die Auftraggeber der Morde sind weiter oben in den Dealerringen zu suchen?«
»Zweifellos.«
»Welche Ansätze verfolgen Sie?«
»Ich habe sie in meinem Bericht aufgeführt. Das kriminaltechnische Labor befasst sich bereits mit den aus dem Auftrag stammenden Geldscheinen und der Tatwaffe. Die Ergebnisse müssen wir abwarten. Der Bericht unserer beiden Armleuchter wurde heute von dem Tankstellenangestellten bestätigt, aber eine wirklich verlässliche Personenbeschreibung haben wir im Augenblick nicht. Unser Hauptziel ist, den Auftraggeber zu finden. Zunächst anhand einer gründlichen Durchsicht von Romeros Arbeitsunterlagen. Des Weiteren hat der Auftraggeber die Mörder telefonisch kontaktiert. Woher hatte er ihre Nummer? Als Erstes versuchen wir es bei den Drogendealern in Argenteuil, weil wir in A 406 jede Menge Drogen aller Art gefunden haben. Dann bei ihren gelegentlichen Arbeitgebern, alle mehr oder weniger sauber. Sollte das nichts bringen, klappern wir als Letztes die Schützenvereine der Gegend ab: Der Schütze war sehr geübt, irgendwo muss er zwangsläufig trainieren.« Der Richter macht sich Notizen, Daquin wartet kurz, fährt dann fort. »Heute Morgen habe ich Nadine Specks Bruder einen Besuch abgestattet. Momentan denke ich, er ist nicht direkt in das Verbrechen verwickelt, aber er weiß weit mehr, als er sagt, und verhält sich der Polizei gegenüber höchst unkooperativ, das scheint mir offensichtlich. Deshalb ersuche ich Sie um die richterliche Abhörgenehmigung für seinen Telefonanschluss.«
Stattgegeben. Als alle aufstehen, um zu gehen, hält der Richter Daquin zurück.
»Sagen Sie, Commissaire, am Tatort wurde Kokain gefunden. Besteht auch nur die geringste Möglichkeit, dass Ihr Inspektor sich mit Dealern eingelassen hatte, die ihn dann haben umbringen lassen?«
Eisig: »Nein. Keinesfalls. Die Mörder hatten es im Übrigen auf das Mädchen abgesehen, nicht auf meinen Inspektor. Ich lasse Ihnen eine dienstliche Beurteilung von Inspecteur Romero zukommen.«
Beim Hinausgehen suchender Blick. Lavorel ist verschwunden.
Daquin kehrt allein ins Dezernat zurück. In seinem Büro erwartet ihn Le Dem, dessen gewohnte Gegenwart etwas Tröstliches hat.
»Unser Unbekannter besitzt eine Dauerkarte für die Ehrentribüne des FC Lisle-sur-Seine.«
Daquin sieht ihn an und macht aus seiner Verblüffung keinen Hehl. »Na, Le Dem, Sie haben ja keine Zeit verschwendet. Klären Sie mich auf.«
»Ich habe einen Tankstellenkunden ausfindig gemacht, der hinter ihm stand, als er an der Kasse bezahlt hat. Er hat seine Brieftasche geöffnet, um ein paar Scheine herauszunehmen, und mein Zeuge hat ganz deutlich die Dauerkarte gesehen. Er ist sicher, dass er sich nicht täuscht, weder was die Karte noch was den Mann angeht – groß, eher eins achtzig, schlank und pechschwarzes Haar –, denn er ist selbst FC-Fan und fand, dass der Typ ein verdammter Glückspilz ist.«
»Das ähnelt mehr Larribis Beschreibung … Ein Akzent?«
»Ist ihm nicht aufgefallen, er ist aber nicht sicher, ob er ihn überhaupt hat sprechen hören. Und er hat ihn kein einziges Mal von vorn gesehen.«
»Das verleiht dem Spiel heute Abend doch einen gewissen Reiz.«
Romero ist seit einunddreißig Stunden tot.
Kurzer Abstecher zum Häuschen in der Villa des Artistes. Daquin durchquert zügig den großen Raum im Parterre, holzvertäfelte Wände, Möbel aus Holz und Leder, hinten die opulent ausgestattete amerikanische Küche, Holztresen und altgelbe Fliesen. Er steigt hoch ins Zwischengeschoss. In der Mitte des Schlafzimmers das Bett mit der herbstlaubfarbenen Decke. Lustvoller Schauer. Heute Abend bringe ich Sam mit her, und das ist gut. Entlang der Wände Regale, überladen mit mehrreihig gestellten Büchern. Er betritt das komplett weiß geflieste Bad, heiße Wanne, kalte Massagedusche. Nackt vor dem großen Spiegel, gründliche Nassrasur. Der Blick folgt der Hand, erforscht das Gesicht bis in die kleinsten Falten. Kaum wahrnehmbar der nicht mehr ganz so markante Kiefer, die schwerer gewordenen Lider, die Spuren des Todes. Nicht daran denken. Weitermachen.
Daquin wechselt ins Ankleidezimmer, Schränke und Schubfächer aus Mahagoni. Kleiderwahl mit Sinn für Abweichung und Distanz. Leinenanzug mit Maokragen in Beige. Kragenloses nachtblaues Hemd. Wildlederschuhe. Und vorm Gehen einen Espresso.
Daquin ist schon um 19 : 30 Uhr in Stadionnähe. Wie erwartet ist das Hineinkommen schwierig, das Stadion wurde erweitert, und die Zufahrtswege sind für die aktuellen Besucherzahlen nicht ausgelegt. Nachdem er zunächst im Gedränge der Fahrzeuge und Fußgänger festgesteckt hat, findet Daquin schließlich den Parkplatz für geladene Gäste und Besitzer von Dauerkarten für die Ehrentribüne, nennt dem Wachmann seinen Namen und geht hinein. Unter der Tribüne wurde ein Empfangsraum eingerichtet, etwas spartanisch, stoffbespannte Betonwände, ein paar Spots, auf Böcken ein großes Brett mit einem weißen Tuch, darauf jede Menge Gläser und Teller mit kleinen Sandwichs. Ein Kellner serviert Whisky, Pastis, Champagner und Saft. Über hundert Männer, nicht eine Frau, zusammengeschart zu ganz unterschiedlichen, sich immer wieder neu formierenden Gruppen, Glas in der Hand, gedämpfte, fast vertrauliche Gespräche vor einer lauten Geräuschkulisse – Musik, Trommelwirbel, Zuschauertrubel von den Tribünen hinter den geschlossenen Türen. Leitende Angestellte von Firmen aus La Défense, ganz in der Nähe. Ein paar Chefs hiesiger Betriebe mit noch entfernt proletarischem Aussehen und Auftreten sowie weitere, auf den ersten Blick schwerer einzuordnende Gäste. Polizisten, Ganoven? Lokalpolitiker? Daquin arbeitet sich vor zum Buffet.
»Die Stadtverwaltung von Colombes erneuert demnächst ihren Fuhrpark … Leasing-Finanzierung … Gesprächstermin … der Vertrag mit Andersen läuft im Juni aus … Unsere Buchhaltung ist abgestürzt, wieder mal eine Glanzleistung unserer IT …«
Zwei umlagerte Filmschauspieler. Ein amtierender Minister spricht lächelnd und mit lauter Stimme. »Die Politik für diese Stadt wird hier gemacht, nicht in den Pariser Büros …« Reynaud ist nicht da, der schwarzhaarige Unbekannte augenscheinlich auch nicht.
Ein Mann steuert auf Daquin zu. Nicht sehr groß, über sechzig, Bauchansatz, eine sympathische Erscheinung, liebenswürdig und leutselig. Er drückt ihm die Hand. »Léonard, Polizeikommissar im Ruhestand und Vizepräsident des Vereins. Reynaud hat mich damit betraut, Sie in Empfang zu nehmen. Er selbst erscheint nie vor Spielbeginn. Kommen Sie, trinken wir ein Glas. Was nehmen Sie?«
Pulsuz fraqment bitdi.