Kitabı oxu: «Marseille.73»

Şrift:

Dominique Manotti

MARSEILLE.73

Aus dem Französischen von Iris Konopik

Ariadne 1247

Argument Verlag

www.argument.de

Impressum

Titel der französischen Originalausgabe: Marseille 73

© Éditions Les Arènes, Paris, 2020

Deutsche Erstausgabe

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2020

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020

www.argument.de

Umschlag: Martin Grundmann, unter Verwendung einer alten Postkarte

Lektorat: Else Laudan

ISBN (Buch) 978-3-86754-247-0

ISBN (Epub) 978-3-86754-836-6

ISBN (Mobi) 978-3-86754-837-3

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Prolog

Mittwoch, 15. August

Montag, 20. August

Dienstag, 21. August

Mittwoch, 22. August

Donnerstag, 23. August

Freitag, 24. August

Sonntag, 26. August

Montag, 27. August

Dienstag, 28. August

Mittwoch, 29. August

Donnerstag, 30. August

Freitag, 31. August

Samstag, 1. September

Sonntag, 2. September

Montag, 3. September

Dienstag, 4. September

Mittwoch, 5. September

Donnerstag, 6. September

Freitag, 7. September

Samstag, 8. September

Sonntag, 9. September

Montag, 10. September

Dienstag, 11. September

Mittwoch, 12. September

Donnerstag, 13. September

Freitag, 14. September

Samstag, 15. September

Sonntag, 16. September

Montag, 17. September

Dienstag, 18. September

Mittwoch, 19. September

Donnerstag, 20. September

Freitag, 21. September

Samstag, 22. September

Montag, 24. September

Dienstag, 25. September

Mittwoch, 26. September

Donnerstag, 27. September

Freitag, 28. September

Samstag, 29. September

Sonntag, 30. September

Montag, 1. Oktober

Dienstag, 2. Oktober

Mittwoch, 3. Oktober

Donnerstag, 4. Oktober

Freitag, 5. Oktober

Samstag, 6. Oktober

Sonntag, 7. Oktober

Montag, 8. Oktober

Liste der Protagonisten

Die Polizei in Marseille.73

Nachbemerkung

Dank

Glossar

Vorbemerkung

Willkommen zu einem Abstecher in die Geschichte des Rassismus. Während die Côte d’Azur in der Sommersonne glitzert, das Werftgelände in La Ciotat vom Arbeitslärm widerhallt, der Duft von Couscous durch die Gassen von Marseille zieht und im alten Hafen versenkte Leichen auftauchen, liegt die militante Kolonialpolitik Frankreichs kaum mehr als ein Jahrzehnt zurück. Pieds-Noirs, Algerienheimkehrer, finden sich in allen Strukturen der Stadt und reiben sich an der Anwesenheit maghrebinischer Arbeitskräfte. In der Polizeizentrale Évêché tobt ein Kleinkrieg zwischen den Etagen, chauvinistische Seilschaften mauscheln und verwalten ihre Pfründe. Doch auch die Gegenseite schläft nicht …

Commissaire Théo Daquin ist der lange Arm Dominique Manottis, mit ihm greift sie in die Vergangenheit und knöpft sich die Gemengelage vor, die in Frankreich den radikalen Nationalismus zur Blüte trieb. Im Spannungsfeld schwelender sozialer Konflikte, selbsternannter Scharfrichter und mehr oder weniger subtil hetzender Medien muss Daquin mit seinen Inspecteurs alle Register ziehen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Der politisierten Leserin drängen sich bei der Lektüre Parallelen zu Ermittlungspannen um die NSU-Morde auf, und das ist nicht die einzige schmerzhafte Aktualität in diesem historischen Roman policier. Manotti erweckt die sich bekriegenden Interessen zum Leben, gießt sie in Figuren, deren Treiben und Streben sich zu einem fesselnden Ermittlungsthriller fügt, zutiefst noir, hochpolitisch und so rasant wie sinnlich. Großes Kino. Else Laudan

Ein Personenverzeichnis sowie eine Erläuterung zur Organisation der Marseiller Polizei 1973 hat Dominique Manotti diesem Roman nachgestellt. Wir haben für deutsche Leser*innen ein Glossar mit Begriffen, Organisationen und Abkürzungen ergänzt (im Text fett markiert).

Prolog

1973. Grasse, reizendes provenzalisches Städtchen mit seinen Blumen, seinen Düften, seinen dreißigtausend Einwohnern und knapp tausend zugewanderten Arbeitskräften, häufig aus Tunesien, Landarbeiter, Bauarbeiter, allesamt Schwarzarbeiter.

Im Herbst 1972 beschließt die französische Regierung, die migrantische Bevölkerung strenger zu kontrollieren als bisher. Der Runderlass Marcellin-Fontanet verlangt, dass Einwanderer, die sich in Frankreich niederlassen wollen oder dort bereits ansässig sind, einen Arbeitsvertrag und eine »anständige« Wohnung vorweisen müssen, ehe sie eine Aufenthalts­erlaubnis erhalten und so »legalisiert« werden. Damit wechseln 86 Prozent der Immigranten in Frankreich von der Rubrik »Schwarzarbeiter« in die Rubrik »illegale Arbeitskräfte« und bilden von einem Tag auf den anderen eine neue Kategorie, die der »Sans-Papiers«, der »Illegalen«: ab Sommer ’73 Abschiebekandidaten.

Als der Termin näherrückt, an dem das Gesetz in Kraft treten soll, wirft sich die nationalistische rechtsextreme Bewegung Ordre nouveau in die Bresche, die die Regierung geschlagen hat, und lanciert am 9. Juni 1973 die landesweite Kampagne »Stoppt die wilde Einwanderung«.

In Grasse wie andernorts fühlen sich die eingewanderten Arbeiter bedroht. Sie haben weder Arbeitsvertrag noch anständige Unterkunft. Am 11. Juni 1973 halten sie in der Altstadt, wo viele von ihnen in Bruchbuden leben, eine Versammlung unter freiem Himmel ab und beschließen, am nächsten Tag für Arbeitsverträge und anständige Unterkünfte zu streiken. Über Nacht bedecken sich die Mauern der Stadt mit Schwarzweißplakaten, der Slogan »Stoppt die wilde Einwanderung« trägt den Stempel des Ordre nouveau.

Viele folgen dem Streikaufruf für den 12. Juni, zwei- bis dreihundert Streikende versammeln sich am Morgen vor dem Rathaus von Grasse. Sie verlangen, dass der Bürgermeister eine Delegation empfängt, die ihm ihre Forderungen vortragen soll.

Statt die Delegation zu empfangen, ruft der Bürgermeister die Feuerwehr, lässt die Arbeiter mit Wasserwerfern auseinandertreiben und fordert zur Verstärkung die Bereitschaftspolizei CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité) an.

Am Nachmittag schlendern Gruppen von Streikenden durch die Altstadt, wo viele von ihnen wohnen, und diskutieren. Gegen 16 Uhr gehen die CRS-Truppen mit Schlag­stöcken heftig gegen sie vor, die Handwerker und Händler von Grasse bewaffnen sich mit Knüppeln und schließen sich den CRS an. Die Jagd auf Immigranten bis in die Häuser hinein dauert den ganzen Abend und einen Teil der Nacht. Bilanz: fünf Schwerverletzte, zweihundert Verhaftungen.

Am nächsten Tag gründen die Einwohner von Grasse ein »Wachsamkeitskomitee der Händler und Handwerker«, dessen erklärtes Ziel lautet: »die tausende Müßiggänger loswerden, die dem guten Ruf der Stadt schaden«.

Der Bürgermeister (ein Politiker der Mitte) verkündet der einberufenen Presse: »Diese Demonstrationen von Immigranten sind absolut skandalös und stören die öffentliche Ordnung. Es ist nicht minder skandalös, dass sie nicht mit größerer Härte niedergeschlagen werden.« Er fügt hinzu: »Es ist wirklich unerträglich, wissen Sie, so von ihnen überschwemmt zu sein.«

L’Express, seinerzeit das wichtigste überregionale Nachrichtenmagazin, berichtet über die Ereignisse unter dem Titel: »Die Hexen von Grasse. Etwas Folgenschweres ist im Entstehen begriffen, und es trägt einen Namen: Rassismus.«

Mittwoch, 15. August

Freier Tag für Commissaire Théodore Daquin. Sein erster seit Anfang August. Als jüngstem Commissaire und letztem Neuzugang in der Brigade Criminelle, der Einheit für Schwerverbrechen, hat man ihm während der Urlaubszeit, zwischen dem Weggang des alten Chefs, der Ende Juli wegen Inkompetenz gefeuert wurde, und der für den 20. August geplanten Ankunft des neuen Chefs, die Leitung des Bereitschaftsdiensts aufgebrummt. Er arbeitet im Tandem mit Inspecteur Principal Michel, einem alten Hasen, der schon mit einem Bein im Ruhestand ist. Eintönige Arbeit zwischen einer halb­komatösen Behörde und einer Stadt unter Spannung.

Er hat es sich in einem Liegestuhl auf seinem Balkon bequem gemacht, mit einer Tasse Espresso und einem guten Buch, Der Tag der Eule von Sciascia. Palermo-Marseille, Parallelen, Unterschiede. Noch nicht die große Hitze, der Vieux-Port zu seinen Füßen, Notre-Dame-de-la-Garde gegenüber, weiß vor einem riesigen blauen Himmel. Lass los, vergiss die Stadt am Rande des Nervenzusammenbruchs, genieß den Augenblick.

Telefonklingeln. Er steht knurrend auf, hebt ab.

»Théo?« Die Stimme von Vincent.

»Bist du schon aus dem Urlaub zurück?«

»Ja. Meine Kanzlei hat mich gestern Abend angerufen, Schlägerei mit Schusswechsel zwischen Kleinganoven, ein Toter, eine schöne Gelegenheit, mich zu bewähren, meine Karriere wird durchstarten, wenn ich erfolgreich bin. Ich habe mich verführen lassen und bin gestern Nacht zurückgekommen. Lädst du mich für heute Abend zu dir zum Essen ein?«

»Einverstanden, aber es gibt Vorratskost, ich improvisiere mit dem, was ich dahabe, ich habe absolut keine Lust, einkaufen zu gehen.«

»Das wird perfekt, wie immer. Ich muss Schluss machen, ich hab zu tun, bis heute Abend.«

Daquin legt auf. Vincent, ehemaliger Kommilitone von der Pariser Jurafakultät, in den Jahren, als ihre Generation den Sittenaufstand probte und einige, darunter Daquin, Vincent, viele ihrer Freunde, das Glück entdeckten, zu ihrer Homo­sexualität zu stehen. Nicht an der Jurafakultät, zu traditionalistisch als Milieu, aber Paris bot so viele andere Gelegen­heiten …

In Marseille sieht das anders aus. Vincent, der im Begriff ist, sich als Anwalt in einer auf die Verteidigung von Gangstern spezialisierten großen Kanzlei der Stadt zu etablieren, ein sicheres und angesehenes Berufsfeld, legt Wert darauf, sich nicht zu kompromittieren, und behandelt ihre Liebesaffäre mit höchster Diskretion. Er hat Daquin lang und breit erklärt, dass ein junger Commissaire von siebenundzwanzig, obendrein Pariser, in Marseille seine Homosexualität nicht öffentlich zeigen, nicht einmal erahnen lassen darf, andernfalls wird er aus der Polizei und der Stadt verstoßen. Deshalb unterhalten die beiden Männer eine heimliche, episodische, lauwarme und bequeme Affäre, während sie auf bessere Zeiten warten. Heute Abend wird er Vincent wiedersehen, er fühlt sich mit einem Mal wie unter Hausarrest. Frustrierend.

Er geht zurück zum Balkon, um wieder in sein Buch abzutauchen. Stopp, Warnlicht. Vincent, auf die Verteidigung von Großgangstern spezialisierte Kanzlei, »gestern Abend Schlägerei, Kleinganoven, ein Toter, schöne Gelegenheit, meine Karriere wird durchstarten«, er selbst hat nichts davon gehört, da ist etwas faul … Neugier. Das ist immerhin mein Job, selbst im August … Er greift nach dem Quotidien de Marseille, der auf dem Couchtisch liegt und den er fest vorhatte nicht zu lesen, blättert darin. Wie es sich für das Wochenende vom 15. August gehört, war gestern nichts los. Oder fast nichts. Auf Seite 2 (bedeutsamer als die Lokalnachrichten auf Seite 5) unter der Überschrift »Zoff in Vallon des Tuves«:

»Auslöser für die Prügelei war eine junge Frau … Es fielen Schüsse … Ein Toter, ein Verletzter … beide gebürtig aus Algerien …«

Vincent und seine Kanzlei sollen sich für diese Geschichte interessieren? Unendlich unwahrscheinlich. Aber dann, in der letzten Zeile des Artikels: »… der Chef der Sûreté ist am Tatort.« Man fährt so schweres Geschütz auf wegen einer Prügelei unter Nordafrikanern um ein Mädchen? Ganz sicher nicht. Steckt also etwas anderes dahinter? Vincents Einsatz bei diesem Fall rückt wieder in den Bereich des Möglichen.

Er ruft Inspecteur Michel an, der die Tagesbereitschaft allein sicherstellt. Ja, er ist über Vallon des Tuves auf dem Laufenden, ja, er hat den Staatsanwalt erreicht, nein, nichts für uns, eine Schlägerei zwischen rivalisierenden Banden mit bösem Ende, der Staatsanwalt und der Chef der Sûreté haben sich darauf geeinigt, die Sûreté mit der Ermittlung zu beauftragen. »Du kannst weiterfaulenzen.«

Unnötig, heute ins Zentralkommissariat im Évêché zu gehen, ich werde nicht mehr in Erfahrung bringen. Vincent wird später nicht widerstehen können zu plaudern, sich wichtig zu machen … Er versenkt sich wieder in die Lektüre vom Tag der Eule.

Vincent kommt gegen Abend, eine Flasche Champagner in der Hand. Die Männer setzen sich auf den Balkon und köpfen die Flasche. Vincent erzählt von seinem Urlaub auf den Balearen, Daquin hört nicht zu, betrachtet ihn. Ein schöner Mann. Er erinnert sich an ihren ersten Sex. Nicht in Paris, sondern in Marseille, das Treffen begann auch da auf dem Balkon bei einer Flasche Champagner. Er spürt wieder die Wonne der ersten Berührung des mageren, starkknochigen Gesichts, des muskulösen Körpers ohne einen Hauch Fett, des hübschen Hinterns. Er weiß, dass diese tief unter den vorstehenden Brauenbögen liegenden blauen Augen grau werden, wenn die Begierde wächst. Daquin liebt das Vergnügen, den Körper wiederzuentdecken, den seine Hand schon gestreichelt hat, die Empfindungen, die ihn zum Beben gebracht haben. Schätze dies Vergnügen nicht gering, Théo. Vergiss nicht, du bist für die Einsamkeit nicht gemacht. Er trinkt den Champagner aus, steht auf.

»Ich koche uns ein Spaghettigericht. Ich brauche eine Viertelstunde.«

»Vor oder nach der Liebe?«

»Dieselbe Frage hast du mir bei unserer ersten Verabredung vor sechs Monaten gestellt …«

»Und du hast geantwortet …«

»Erst die Liebe, dann das Kochen.«

Zwei Stunden später sitzen sie zusammen vor einer Schüssel Spaghetti mit Knoblauch, Piment und Olivenöl. Vincent ist euphorisch.

»Diese Spaghetti, die Krönung eines goldenen Tages.«

»Vallon des Tuves lässt sich gut an?«

Vincent schreckt auf. »Der Staatsanwalt sagte, er würde nichts verlautbaren …«

»Gerüchte verbreiten sich schnell im Haus. Aber ich dachte, du interessierst dich nur für die Verbrecherelite.«

»Die Verbrecherelite hat auch Handlanger, die sich in ihrer Freizeit zu Dummheiten hinreißen lassen, und ich wiederum muss mich bewähren.«

Noch ein Glas Côtes-du-Rhône, und Vincent geht etwas mehr aus sich heraus: »Das Schwierigste für mich ist, meinen Klienten zu einem Schuldbekenntnis zu überreden. Die Leute in der Gegend kennen ihn, haben ihn wiedererkannt, ihn schießen sehen, und er besteht darauf, irgendwelchen Unsinn zu erzählen. Wenn er sich vor dem Schwurgericht in Aix schuldig bekennt, erwirke ich mildernde Umstände für ihn. Mein Klient stand drei Arabern gegenüber, als er geschossen hat. Drei Araber auf einem Haufen, das macht Angst, alle Geschworenen werden dem zustimmen. Also Notwehr und Bewährung. Und das wäre eine hervorragende Visitenkarte für meine künftige Karriere.«

Eine Verteidigung, die stinkt und wahrscheinlich funktioniert. »Deine Karriere … Weißt du noch, dass wir dich an der Uni den idealen Schwiegersohn nannten?«

Vincent verzieht das Gesicht, böse Erinnerung an erlittene Schikanen.

»Wir hatten recht. Karrieretechnisch gebe ich dir einen Rat: Verheirate dich. Schleunigst.«

Montag, 20. August

Daquin durchquert das Panier-Viertel und steigt in der herrschenden Hitze hinauf zum Évêché. Seine Inspecteurs kommen heute aus dem Urlaub zurück, und der neue Chef der Brigade Criminelle rückt an. Der Betrieb nimmt wieder Fahrt auf. Er läuft schnell und erreicht den Vorplatz der Kathedrale. Das Meer ist da, sich immer gleich, glitzernd in der Sonne, zudringlich. Es hinterlässt einen scharfen Geschmack auf seinen Lippen. Er wendet sich um. Vor ihm die kantige, massige Silhouette des ehemaligen Bischofspalasts, klassische Architektur, die den Neubau verdeckt, einen Kubus aus Beton und Glas, der zur Vergrößerung des Zentralkommissariats errichtet wurde. Die geordnete, klassische Fassade bildet einen auffallenden Kontrast zur Struktur des Innenraums, einem Labyrinth aus endlosen Fluren, Sackgassen, Treppen, die von einem Gebäude ins andere führen, überall fahles Licht, der Geruch nach schmutzigem Staub. Da ist ein untergründiger Gleichklang zwischen der Anlage der Gebäude und der Architektur der Machtnetzwerke, die darin ansässig sind, haufenweise offizielle, halboffizielle, geheime, mafiöse Gestalten, Garanten einer allgegenwärtigen Macht und Überwachung hinter der Fassade von Polizeiapparaten, die beinahe beruhigend, weil althergebracht sind. Zum ersten Mal sieht Daquin den Évêché als kohärentes Universum.

Genug getrödelt, er nimmt einen tiefen Atemzug und betritt das Gebäude.

Die Teamchefs der Brigade Criminelle sitzen um den Besprechungstisch. Commissaire Principal Percheron betritt den Raum. Mitte vierzig, breite Statur, wenn nicht leicht klobig, fleischiges Gesicht, schwarze Augen, schwarzer Bürstenschnitt. Er setzt sich, stellt sich in aller Kürze vor: »Vor meiner Berufung an die Spitze der Marseiller Brigade Criminelle war ich bei der in Montpellier. Wir hatten ein paar gemeinsame Dossiers, bestimmten Fällen werde ich hier wiederbegegnen.«

Dann kommt er zur Sache. »Ich habe eine großartige Woche mit der Führung der Marseiller Kriminalpolizei verbracht, um mich mit den aktuellen Fallakten vertraut zu machen. Seien wir ehrlich miteinander. Ehrlichkeit innerhalb der Abteilung, untereinander, ist ein wesentlicher Grundsatz, und ich werde ehrlich mit Ihnen sein. Ich bin hier, weil die Brigade Criminelle in der Krise ist. Man muss gar nicht bis zum Frühjahr ’72 zurückgehen mit der Ermordung eines unserer besten Ermittler durch einen immer noch flüchtigen Gangster – die Brigade Criminelle hat gerade das Fiasko im Mordfall Jeremy Cartland in Pélissanne erlebt. Ich will jetzt nicht die ganze Affäre nochmals ausbreiten. Aber ich rufe Ihnen in Erinnerung, wie sie endet: Scotland Yard kreuzt bei uns auf, um die Ermittlung von vorn aufzurollen, unsere Regierung duldet diese Einmischung, und zu guter Letzt spricht die englische Justiz den Cartland-Sohn, unseren mutmaßlichen Täter, frei. Unsere Abteilung wurde in ihren Grundfesten erschüttert. Wir werden unsere Glaubwürdigkeit wiederherstellen, ich vertraue Ihnen, vertrauen Sie mir.«

Daquin, der Percheron gegenübersitzt, stellt fest, dass der Funke nicht überspringt. Er empfindet keine Wesensverwandtschaft, mehr noch, er verspürt spontan tiefes Misstrauen. Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn ein Chef mit seiner Ehrlichkeit als Kardinaltugend hausieren geht und von seinen Untergebenen Vertrauen einfordert.

Jeder berichtet über den Stand seiner aktuellen Fälle. Dann ergreift Percheron wieder das Wort.

»Vergangene Woche bei unserem Gedankenaustausch hat der Direktor betont, wie wichtig der Susini-Prozess ist, der Anfang 1974 vor dem Schwurgericht von Aix-en-Provence stattfinden soll. Und er hat mich überzeugt. Susini und acht Komplizen sind angeklagt, die Stadt Marseille zwischen 1969 und ’70 mit einer wahren Schwemme schwer bewaffneter Raubüberfälle überflutet zu haben, jedes Mal mit erheblicher Beute. Wir haben in Marseille eine sehr starke Gemeinde von rund einhunderttausend Pieds-Noirs, die Algerien bei Kriegsende, also bereits vor über zehn Jahren, Hals über Kopf verlassen haben und immer noch voll Nostalgie in der Erinnerung leben. Und in dieser Erinnerung spielt Susini eine zentrale Rolle. 1961, gegen Ende des Algerienkrieges, da ist er noch sehr jung, lehnt er es ab, dass Frankreich die algerische Unabhängigkeit anerkennt und damit sein Algerien, Französisch-Algerien, verrät. Er greift zu den Waffen, um es zu verteidigen, gründet mit einigen Gleichgesinnten eine geheime Untergrundorganisation, die OAS, die mit Bombe und Gewehr die Verräter in der französischen Armee und die algerischen Feinde gleichermaßen attackiert. Für die Pieds-Noirs sind sie romantische Helden. Der Algerienkrieg und der Krieg der OAS enden mit einem Blutbad und dem überstürzten Exodus von neun­hunderttausend Europäern, aber die Pieds-Noirs, jedenfalls viele von ihnen, nehmen Susini das nicht übel, sie vergessen das Blut und bewahren die Erinnerung an einen gemeinsamen Traum, eine Art herzliche Verbundenheit, Brüderlichkeit, selbst dann noch, als die OAS in Algerien jede Hoffnung aufgeben muss und ihre Attentate und Morde noch jahrelang auf französischem Boden fortsetzt, diesmal gegen die Regierung, die sie verraten hat. Und der Prozess gegen Susini und seine Bande wird vor den Augen der gesamten Pied-Noir-Gemeinde von Marseille stattfinden. Der Direktor hat recht, wir müssen für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Inspecteur Benoit und Inspecteur Varin waren an der Verfolgung und Verhaftung der Bande beteiligt, sie kennen das Dossier gut, aus erster Hand. Ich schlage vor, dass wir ihnen die Prozessvorbereitung übertragen …«

Einhellige Zustimmung.

»Wir brauchen einen sehr ruhigen Prozess. Keine Ausschreitungen in der Bevölkerung, Zeugen, die ihre Aussagen gut vorbereitet haben, keine Patzer, und deren persönliche Sicherheit gewährleistet ist. Bei Soldaten auf verlorenem Posten weiß man nie … Hier kann man gern noch eine Schippe drauflegen. Und bei alledem die Presse gut pflegen. Ziel ist, dass jeder versteht: Die Helden sind wir, die wir die Gangster verfolgt, allesamt verhaftet und in der Stadt wieder für Ruhe und Ordnung gesorgt haben, und nicht die Susini-Bande, die ihren Krieg mit einer Serie von bewaffneten Überfällen besiegelt und in Geldgier versinkt. Wir werden Benoit und Varin jede erdenkliche Hilfe angedeihen lassen.«

Meinungsbild, einstimmig angenommen. Percheron macht weiter.

»Noch etwas anderes. Unsere Kollegen von der Regionaldienststelle in Toulon haben uns kontaktiert. Sie überwachen seit einiger Zeit die UFRA … Sind alle im Bilde? Nein? Die ›Vereinigung der französischen Algerienheimkehrer‹, eine Interessenvertretung der Pieds-Noirs, nicht die größte, aber die umtriebigste, mit Sitz im Departement Var und einer ausgeprägten Neigung zur Illegalität. Unseren Kollegen zufolge ist eine bewaffnete Gruppe aus dem UFRA-Umfeld bei einem Notar aufgetaucht und hat mit Waffengewalt die Versteigerung der schuldenhalber beschlagnahmten Habe eines ihrer Mitglieder verhindert. Einen Monat später traten sie erneut in Aktion, um die Zwangsräumung bei einem Pied-Noir-Landwirt zu verhindern, der seine Pacht nicht bezahlt hatte. Unsere Kollegen haben die Gelegenheit genutzt, um ein paar UFRA-Mitglieder wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu verhaften, und während der Hausdurchsuchung bei einem von ihnen haben sie einen kompletten kleinen Chemiebaukasten gefunden, mit dem sich eine recht hübsche Bombe basteln lässt. Im aktuellen Kontext, nach den Ereignissen in Grasse und bei dem angespannten Klima in der Region, fürchten unsere Kollegen, dass es auf die eine oder andere Weise knallt. Der Staatsanwalt von Toulon hat entschieden, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Und die Kollegen haben in den Adressbüchern der verhafteten Personen ein paar Marseiller Adressen gefunden, deshalb bitten sie uns, Verbindung aufzunehmen und Informationen auszutauschen. Ich weiß, dass mein Vorgänger sehr zurückhaltend war, was die Beziehungen zur Dienststelle in Toulon betrifft. Aber mir scheint, dass wir in der aktuellen Situation diese Anfrage nicht über­gehen können. Daquin, ich dachte, Sie und Ihr Team könnten sich um dieses Dossier kümmern. Sie nehmen Kontakt auf und wir schauen zusammen, was sich möglicherweise daraus ergibt.«

Vorschlag akzeptiert.

Als die Sitzung beendet ist, nimmt der Chef Daquin mit in sein Büro und übergibt ihm die Kontaktdaten der Touloner Kollegen, bei denen er sich melden soll. In vertraulichem Ton fügt er hinzu: »Um deutlich zu sein. Wir unterstützen unsere Kollegen in Toulon im Rahmen des Ermittlungsverfahrens, das der dortige Staatsanwalt eröffnet hat, aber bis dato gibt es in Marseille keine Ermittlung. Wir müssen umso vorsichtiger sein, als ich mir habe sagen lassen, dass sich im Dunstkreis der UFRA Kollegen aus unseren Reihen befinden. Ich will keine Konflikte hier im Haus. Außerdem darf man diese UFRA-Leute nicht alle in einen Topf werfen. Gewisse Aktivisten drohen die Spannungen im Zusammenhang mit der Einwanderung aus Nordafrika zu verschärfen, indem sie auf Provokation und Gewalt setzen. Die muss man mäßigen. Andere können uns zukünftig helfen, diese spezielle Bevölkerungsgruppe, die uns bereits eine Menge Probleme bereitet, im Zaum zu halten. Diese Kollegen kennen die Immigranten gut. Ich möchte, dass Sie die Anfrage aus Toulon nutzen, um mir ein genaues Bild der UFRA hier in Marseille zu zeichnen. Wen müssen wir fürchten, auf wen können wir uns möglicherweise stützen. Sie sehen, es ist ganz einfach.«

»Ich sehe es und finde es nicht ganz so einfach, aber wir nehmen das umgehend in Angriff.«

Daquin trifft sich mit seinem Team, den Inspecteurs Grimbert und Delmas, in dem kleinen Büro auf der Etage der Kriminalpolizei, das sie sich zu dritt teilen. Zwei Männer, mit denen er seit seiner Ankunft in Marseille zusammenarbeitet, die er schätzt, denen er vertraut. Zwei sehr unterschiedliche Männer. Grimbert ist fünfunddreißig und hat bereits fünfzehn Jahre Berufserfahrung bei der Marseiller Polizei. Er ist in Malta geboren, das Produkt des unwahrscheinlichen Aufeinandertreffens eines Deutschen auf der Flucht vor dem Nazi-Regime und einer Malteserin. Die Familie kam unmittelbar nach Kriegsende nach Marseille, dann zog der Vater weiter. Grimbert ist also waschechter Marseiller, und seine Kenntnis des Terrains ist für das Überleben des Parisers Daquin unverzichtbar. Delmas, knapp fünfundzwanzig, ist vor sechs Monaten aus dem Südosten gekommen, zeitgleich mit Daquin, und versucht sich ins Metier einzuarbeiten, in die Stadt, das Leben. Das Wieder­sehen nach dem zweiwöchigen Urlaub der Inspecteurs findet bei einem Espresso statt – Daquin hat gleich bei Dienstantritt die Anschaffung eines Espressokochers durchgesetzt – und ist herzlich.

Dann liefert er eine knappe Zusammenfassung der Besprechung. Die UFRA, die laufende Ermittlung in Toulon, die von der Touloner Kriminalpolizei durchgeführten Verhaftungen, mögliche, wahrscheinliche Komplizenschaften hier in Marseille, und nicht zu vergessen die Warnung von Percheron, im Dunstkreis der UFRA gebe es Polizisten aus unseren Reihen, deshalb Vorsicht, bloß keine Wellen.

»Grimbert, Sie müssen mir zwei Dinge erklären. Erstens, warum finde ich unseren neuen Chef nicht sympathisch?«

»Weil Sie einen guten Riecher haben, Commissaire. Percheron, dem bin ich auf seinem vorigen Posten in Montpellier begegnet, das ist eine effiziente und aalglatte Bestie, zu jeder Gewalt und jedem Manöver fähig, um in der Hierarchie aufzusteigen.«

»Also Obacht. Daraus ergibt sich meine zweite Frage. Warum schickt er uns auf diese wacklige Mission zwischen Toulon und Marseille, Beitrag zu einem Ermittlungsverfahren, aber nicht wirklich, folglich ziemlich halsbrecherisch?«

»Weil Sie Pariser sind und weil ich als Schutzpolizist angefangen habe, als Uniformierter bei der Police Urbaine, wo ich immer noch gute Kontakte habe, das weiß er, also misstraut er uns beiden, und wenn wir baden gehen, wäre er darüber nicht weiter traurig. Man muss auch die polizeiinternen Machtkämpfe zwischen Korsen und Pieds-Noirs bedenken, die sind verheerend. Wussten Sie, dass Percheron ein Pied-Noir ist?«

»Nein, woher sollte ich das wissen?«

»Ich schließe die Hypothese nicht aus, dass er uns Informationen über die UFRA sammeln schickt mit dem einzigen Zweck, innerhalb der Vereinigung gezielt Alliierte auszuwählen, um seinen Einfluss im Évêché zu festigen.«

»Verstanden. Machen wir trotzdem unseren Job?«

»Ja, Commissaire. Unsere Kollegen in Toulon haben nicht unrecht, der Algerienkrieg ist hier in der Region nicht zu Ende, das Feuer kann jederzeit wieder ausbrechen, und in Marseille steht es nicht gut. Wir werden unseren Job also so gut wie möglich machen.«

»Delmas?«

»Ich ziehe mit.«

»Sehr gut. Aber wir wollen nichts überstürzen, wir machen die Dinge der Reihe nach und so, dass wir die Kontrolle behalten. Um Fallen zu umgehen. Womit fangen wir an?«

»Wir haben nichts über die Marseiller Zweigstelle der UFRA. Wir müssen uns ein paar Informationen beschaffen, ehe wir die Touloner besuchen, sonst laufen wir Gefahr, dass man uns überfährt oder wir uns lächerlich machen.«

Daquin beauftragt Delmas, alle Informationen über die UFRA-Zweigstelle in Marseille zusammenzutragen, die in diversen Behördenakten, Pressespiegeln und anderweitig verfügbar sind, und dabei auch einen Blick in die Verbrecher­kartei zu werfen. Und Grimbert wird versuchen, die »Polizisten aus unseren Reihen im Dunstkreis der UFRA« zu identifizieren, falls es sie gibt. Da er die Marseiller Polizei gut kennt, ruft er, bevor er in Aktion tritt, den Dicken Marcel an, um eine Verabredung zu treffen. Der Dicke Marcel ist eine Figur, deren Erlaubnis unabdingbar ist, will man sich in den Abteilungen der Police Urbaine bewegen. Er bestellt Grimbert für den nächsten Tag zum Mittagessen bei Étienne, ihrer gemeinsamen Kantine.

Dienstag, 21. August

Daquin durchstreift die Gegend um das Vereinslokal der UFRA Marseille, ohne dabei viel zu gewinnen. Das Lokal mit Fensterfront zur Straße besteht aus einem Warteraum und einem Büro. Eine sehr hübsche junge Frau empfängt und berät die wenigen Personen, die kommen, es ist nicht viel los, offenbar macht sie den Bürodienst allein. Um interessante Informationen zu finden, müsste ich wissen, wonach ich suche. Ich komme wieder, wenn es so weit ist.

Grimbert hat sein Gespräch mit dem Dicken Marcel akribisch vorbereitet. Improvisation kommt nicht infrage. Um die Nachforschungen anzustellen, die ihm vorschweben, braucht er des Dicken stillschweigende Zustimmung, und das ist nicht einfach. Der Dicke Marcel hat keine klar definierte Führungsverantwortung, er begnügt sich mit dem Dienstgrad eines Brigadier-Chef mit unbestimmten Funktionen. Er taucht in keinem Organigramm auf, aber im Alltag der Police Urbaine geht nichts an ihm vorbei. Denn der Dicke Marcel kennt ihn weit besser als die amtierende Chefetage. Jeder redet mit ihm über seine Abteilung, seine Arbeit, seine Probleme, sein Leben. Quasioffiziell ruft er seine »Räte« zusammen, bedächtige Leute, womöglich etwas ausgelaugt, also ohne persönliche Ambition, die aus unterschiedlichen Abteilungen kommen und vor allem einer der mächtigen Einflussgruppen angehören, die sich in der Polizei organisiert haben – die Gewerkschaft Force Ouvrière, die Freimaurer, der SAC, die Vereine der Pieds-Noirs … –, und das Vertrauen ihrer Berufskollegen genießen. Er gibt ihnen an Informationen weiter, was zu diskutieren er für zweckdienlich hält, und gemeinsam versuchen sie polizeiinterne Konflikte zu entschärfen, für einen friedlichen Ablauf des Alltags zu sorgen. Ihre Analysen und Vorschläge werden von Marcel an die offiziellen Führungskräfte weitergeleitet, die sie meist aufgreifen und finden, dass sie gut damit fahren. Der Dicke Marcel arbeitet seit fünfzehn Jahren so, und im Großen und Ganzen hat die Marseiller Polizei auf diese Weise einiges überlebt: die Machtergreifung de Gaulles, die viel von einem Staatsstreich hatte; die Schaffung des schlagkräftigen Ordnungsdiensts SAC durch die gaullistische Staatsmacht, der wenig pingelig in seinen Methoden war und die offizielle Polizei unterwanderte; die Aufgabe Algeriens 1962, gefolgt von Attentaten und dem von der OAS geführten Minibürgerkrieg; der Massenzuzug von hunderttausend Repatriierten in der Stadt, darunter viele Polizisten aus der ehemaligen Kolonie, die auf direktem Weg in die Polizei des Mutterlands integriert wurden. Die jüngsten Erschütterungen: Im Mai 1968 beantwortet die gaullistische Staatsmacht die Proteste der Studenten und Arbeiter mit der Amnestierung aller Strafgefangenen der OAS, wahrscheinlich um Verbündete gegen »die linken Chaoten« zu gewinnen, die Gefängnisse leeren sich, viele der Begnadigten, und nicht die geringsten, lassen sich in der Region Marseille nieder. Epidemie von Überfällen, Tiefschläge und Einflusskämpfe innerhalb der Polizei, neue Probleme … Dann, 1969, ist de Gaulle weg, und jetzt wissen alle, dass an der Regierung in Paris Politiker beteiligt sind, die mit Französisch-Algerien und der OAS sympathisieren. Daraufhin leben in Marseille die Spannungen zwischen den korsischen Altmeistern und den Pied-Noir-­Herausforderern, die ihre Stunde für gekommen halten, auf allen Ebenen des Polizeiapparats wieder auf. Und der Dicke Marcel ist sich der Gefahren, die ihn umgeben, sehr wohl bewusst. Deshalb nicht unfroh, über »all das« mit Grimbert zu reden, einem Burschen, den er ganz jung als Schutzpolizist in die Polizei hat eintreten und dann recht schnell aufsteigen sehen. Er hatte ihn schon früh bemerkt und erwogen, ihn zu einem seiner »Räte« zu machen, vielleicht sogar einem Vertrauten. Aber Grimbert hat ihn enttäuscht, als er das interne Auswahlverfahren zum Inspecteur durchlief und zur Kriminalpolizei wechselte. Die Kriminalpolizei, das sind Intelligenzler, keine Bullen. Trotzdem hat Marcel sich eine gewisse Zuneigung für ihn bewahrt, wie für einen brillanten Sohn, der immer nur macht, was er will.

Bei Étienne zwängen sich Grimbert und der Dicke Marcel an einen kleinen Tisch. Marcel wendet dem Raum den Rücken zu, was bedeutet: Nicht stören. Supion für den einen, Fleischbällchen für den anderen, zwei Bier. Kein Vorgeplänkel, die Zeit läuft, Grimbert kommt sofort zum Kern der Sache.

»Mein Team hat von der Kriminalpolizei Toulon einen Wink bekommen, die Kollegen stellen im Umfeld der UFRA die Zunahme von Gewalttaten fest, immer häufiger bewaffnet. Sie fürchten, es könnte sich um eine Art Testlauf für den Aufbau einer gut strukturierten Untergrundorganisation mit terroristischen Aktivitäten handeln. Sie fragen, wie es bei uns aussieht, hier in Marseille und insbesondere bei der Marseiller Polizei.«

»Warum sprichst du mich darauf an? Bildest du dir ein, ich weiß es und verrate es dir?«

»Nein. Aber ich glaube, dass auch du dir Sorgen machst, Marcel. Hinter dieser Art Organisation steckt ein Machtkampf, es geht um die Macht innerhalb der Polizei, deine Macht. Wenn Polizisten sich systematisch an einem mehr oder weniger geheimen Netzwerk außerhalb deiner Kontrolle beteiligen, wirst du irgendwann abserviert, und das weißt du.«

Marcel schweigt, Grimbert sieht ihm beim Denken zu. Dann entschließt er sich zum Reden.

»Was hast du bei der Kriminalpolizei verloren? Du fehlst mir, Grimbert. Was willst du?«

»Ich informiere dich, dass ich herumzuschnüffeln gedenke. Du weißt es und behinderst mich nicht.«

»Und du hältst mich auf dem Laufenden, Schritt für Schritt.«

Grimbert nickt und lächelt.

»Étienne, zwei Espresso.«

Sobald er Marcel verlassen hat, ruft Grimbert seine Frau an.

»Es wäre eine gute Idee, deine Freundin Françoise heute oder morgen zum Abendessen einzuladen, sie hat Ferien, es sollte klappen.«

Mélanie Grimbert ist eine blühende Frau. Sie ist Lehrerin, sie liebt ihren Beruf, sie liebt die zwei hübschen Bengel, die sie mit Grimbert fabriziert hat, sie liebt Grimbert selbst, ein zuverlässiger Mann und mit seiner Arbeit hinreichend ausgelastet, um ihr in der Familie die Schlüsselhoheit zu überlassen. Das ist es durchaus wert, ihm hin und wieder unter die Arme zu greifen, so wie heute Abend. Sie hat die Jungs zum Abendessen und Übernachten zu Freunden geschickt und Françoise eingeladen, ihre Freundin aus Kindertagen, die in der Verwaltung der Marseiller Polizeipräfektur arbeitet und in den Sechzigerjahren damit beauftragt war, die Eingliederung der aus Algerien heimgekehrten Pied-Noir-Polizisten in den Polizeiapparat des Mutterlands zu beaufsichtigen.

Die zwei Frauen schwätzen bei einem Weißwein-Apéritif, Françoise, eine hübsche kraushaarige Brünette im Blümchenkleid, lässt sich mit einem Lächeln auf den Lippen ungeniert die Knabbereien schmecken, Grimbert, im Sofa versunken, Aufmerksamkeit in der Schwebe, gönnt sich einen Whisky.

Man setzt sich zu Tisch. Mélanie bringt eine Daube à la niçoise, der Rinderschmortopf ist ihre Spezialität, und füllt die Teller. Erste Bissen in anerkennendem Schweigen. Dann beginnt Mélanie, die die Szene am Nachmittag mit Grimbert geprobt hat, über ihre Schüler zu sprechen, es läuft recht gut dieses Jahr, aber mit gewissen Eltern haben die Lehrkräfte ihre Schwierigkeiten.

»Funktionäre von Repatriiertenvereinen haben in der Elternvertretung das Ruder übernommen und machen uns mit allem möglichen Blödsinn das Leben schwer, ohne dass wir dahinterkommen, was sie wirklich wollen.« Grimbert hat sich in den aktiven Ruhemodus versetzt. Nicht nötig, Druck zu machen. Françoise wird anbeißen, das weiß er, sie liebt die Erinnerung an jene Jahre. »Sie lassen all ihren echten oder eingebildeten Frust an uns aus, das ist anstrengend.«

»Wir hatten damals auch einige Probleme, weißt du. Wir sind zunächst dem Grundsatz gefolgt, die eingegliederten Polizisten auf alle Abteilungen zu verteilen, um zu verhindern, dass sich homogene Zellen bilden. Aber viele von ihnen haben versucht, über die Schiene Versetzung-Beförderung zueinanderzukommen, zusammen fühlten sie sich wohler, und da gab es manchmal Ärger.«

Grimbert ist jetzt hellwach, Françoise lächelt ihm zu.

»Hast du die Geschichte neulich mitbekommen von diesen zwanzig Pied-Noir-Bullen in Nizza, die die Kontrolle über ein Funkstreifenteam übernommen hatten? Sie verständigten sich auf Arabisch oder Spanisch und klauten aus den Haushalten, zu denen sie gerufen wurden, alles, was nicht niet- und nagelfest war.«

»Ja, gerüchtehalber. In Marseille hat es so was noch nie gegeben.«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Ich habe von einer Untersuchung gehört, die im Dezernat Interne Ermittlungen heißläuft …«

Grimbert merkt sich das. Tauschobjekt im Handel mit Marcel?

»Wir hatten in meiner Abteilung mehrere Hinweise bekommen, es gab viel Ärger mit einer Gruppe von Pieds-Noirs im Kommissariat des 15. Arrondissements, das war nach meinem Ausscheiden, ich habe nie erfahren, worum es genau ging.«

Grimbert zuckt nicht mit der Wimper, maximale Alarm­bereitschaft. »Da muss ich schon bei der Kriminalpolizei gewesen sein, ich habe auch nie was darüber gehört.«

Dann wendet sich das Gespräch Françoise’ Tochter zu, die so alt ist wie Mélanies Söhne, unerschöpfliches Thema. Grimbert wartet geduldig, dass Françoise auf den Punkt zurückkommt, der ihn interessiert, was sie auch tut, als die Pflaumentarte auf den Tisch kommt.

»Weißt du, Mélanie, man darf nicht alles so schwarzsehen. Eure Scherereien werden sich langfristig erledigen. Ich hatte in meiner Abteilung ein paar echte Erfolge. Man muss den richtigen Hebel finden. Ich hatte einen Schutzpolizisten, der aus Algier kam. Dort hat er ehrenamtlich einen Sportverein für Kollegen geleitet. Nach dem, was er erzählte, hat er sich voll eingebracht, er kannte viele Leute, hatte viele Freunde. Hier war er plötzlich allein, verunsichert, mit Alkohol- und Gewaltproblemen, er hat sogar angefangen, seine Frau zu verprügeln, und um ein Haar wäre er aus dem Dienst entlassen worden. Ich habe mich um ihn gekümmert. Ich fand einen Schießclub, der der Stadt gehörte und aufgegeben worden war. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass er ehrenamtlich die Leitung übernimmt. Er war einverstanden, hat den Club neu aufgebaut, ein spektakulärer Erfolg. Jeden Sonntag hat er für seine Freunde ein Abendessen ausgerichtet. Vor meinem Ausscheiden hat er mich zweimal dazu eingeladen. Es war sehr nett. Um die zwanzig Kumpel, Musik, seine Frau und seine Tochter kochten für die ganze Mannschaft Riesengerichte vom Typ Couscous. Genau wie drüben, sagten sie. Es wurde reichlich geredet und getrunken, alles nostalgische Anhänger von Französisch-Algerien, klar, aber diese Momente der Geselligkeit und des Unter-sich-Seins machten sie glücklich. Für meinen Kandidaten war das der Hebel. Er hat sich in sein berufliches Umfeld gut integriert. Man muss dazusagen, dass seine Frau ihm sehr geholfen hat. Sie ist Katholikin und eine fleißige Kirchgängerin, mit der dazugehörigen Opferbereitschaft. Inzwischen ist er Brigadier.«

Pied-Noir, Brigadier … Picon, der Mann, dem er ein-, zweimal begegnet ist, als er noch bei den Uniformierten war, und von dem er später im Zusammenhang mit Marcels Entourage gehört hat?

»Sprichst du von Brigadier Picon?«

»Ja. Kennst du ihn?«

»Nein, bin ihm im Évêché über den Weg gelaufen, mehr nicht.«

Eine Problemgruppe von Pieds-Noirs im 15. Arrondissement, Picon und sein Schießsportverein als möglicher Sammelpunkt, ich habe meinen Abend nicht vergeudet. Danke, Mélanie.

Mittwoch, 22. August

Ausgestattet mit der Erlaubnis vom Dicken Marcel, unverzichtbar beim Navigieren im Polizeiapparat, geht Grimbert zur Personalabteilung. Die Freundin seiner Frau hat ihn einer Kollegin empfohlen, er wird freundlich empfangen und so diskret wie möglich in einer Regalecke untergebracht. Er vertieft sich ins Personalregister vom Kommissariat des 15. Arrondissements seit 1961, erstellt eine Liste der Neuzugänge durch Versetzung ab 1962, findet die Namen von vier Polizisten, die 1964 etwa zur gleichen Zeit eintreffen. Fabiani, Solal, Girard, Picon. Er holt sich von jedem Einzelnen die Personalakte. Alle vier sind 1962 repatriierte Schutzpolizisten, drei unterschiedlichen Kommissariaten zugewiesen, gleich 1963 beantragen sie ihre Versetzung ins 15. Arrondissement. Warum gerade das 15.? Freie Stellen? Vielleicht. Er macht weiter. Fabiani kommt 1965 zur Sûreté, durchläuft 1969 das interne Auswahlverfahren zum Inspecteur und wird zur Kriminalabteilung der Sûreté versetzt, wo er immer noch arbeitet. Picon wird 1966 zum Sous-Brigadier befördert, Girard und Solal 1969. Zu diesem Zeitpunkt wird Picon zum Brigadier befördert und dem Zentralkommissariat im Évêché zugewiesen. Grimbert sieht darin die Handschrift des Dicken Marcel. Dann, 1970, wird Girard vom Polizeidienst ausgeschlossen. Keinerlei Information zu den Gründen für diese Sanktion. Der Ärger, den Françoise erwähnt hat? 1970, das ist nicht so lange her, Grimbert durchforstet sein Gedächtnis. 1969–70, die Riesenaffäre um die Raubüberfälle der Susini-Bande. Susini, Nummer zwei der OAS, im Exil, 1968 begnadigt, Aufenthalte in Marseille, Pied-Noir, die Überfälle. Könnte der Ausschluss von Girard mit einer Komplizenschaft mit der Susini-Bande zusammenhängen? Die Geschichte ist noch virulent, da der Prozess nächsten Januar stattfindet. Ich wage einen Versuch, habe nichts zu verlieren.

Zurück zur Kriminalpolizei, um Benoit und Varin zu befragen, die mit der Vorbereitung des Prozesses betraut sind. Gleich nach seinen ersten Sätzen unterbrechen die beiden Männer Grimbert.

»Ultraheikle Geschichte. Die Susini-Bande besteht aus acht Leuten, alles harte Hunde, darunter ein paar Mörder der OAS, keine Spaßvögel, und auf ihr Konto gehen neun fette Überfälle. Die Commissaires, die die Ermittlung geleitet und unter deren Befehl wir gearbeitet haben, bekamen Todesdrohungen und wurden auf eigenen Wunsch versetzt. Das ist der Grund, warum der Prozess so schwer zu organisieren ist. Es gibt echte Sicherheitsprobleme. Diese Geschichte ist eine Bombe. Darum haben wir keine Lust, darüber zu reden.«

»Ich interessiere mich für Girard, nicht für Susini, und ihr kennt mich, ich habe mich noch nie unfreiwillig verquatscht.«

Benoit entschließt sich. »Bei ihrem größten Überfall, dem auf die Banque nationale de Paris im Belle-de-Mai-Viertel, war die ganze Bande als Polizisten verkleidet, was ihr die Arbeit erheblich erleichtert hat. Uniformen, die ein bisschen zu neu waren, picobello. Wer hat sie ihnen geliefert? Ein Kleinganove hat spontan Girard bezichtigt, wir haben seine Spur mehrere Monate lang verfolgt, und wir haben es geschafft, die ganze Bande zu schnappen. Girard ist im Knast, in Sicherheit, und sein Prozess wurde von dem gegen die Bankräuber abgekoppelt, damit er diskret ablaufen kann. Bis zu seinem Prozess hältst du die Klappe, Grimbert, hermetisch.«

»Ich halt die Klappe.«

Girard also, vom Kommissariat des 15. Arrondissements, aufs Engste verstrickt mit den echten Schwergewichten der OAS. Keine Ahnung, ob Marcel davon weiß. Ich werde ihn nicht darauf ansprechen. Nicht jetzt, meine gute Beziehung zu Benoit und Varin erhalten. Stellt Girard im 15. einen Einzelfall dar oder ist die ganze Mannschaft auf der gleichen Wellenlänge? Die Sache wird tatsächlich interessant.

Donnerstag, 23. August

Das Team Daquin zieht Bilanz in Sachen UFRA-Ermittlung. Grimbert hat zwei ernst zu nehmende Fährten, die man verfolgen kann.

»Das Kommissariat des 15. Arrondissements ist möglicherweise mit der Susini-Bande verquickt …«

Das macht Eindruck auf Daquin und Delmas. Man hat es mit der Spitzenklasse zu tun.

»Eine andere Fährte: Brigadier Picon, dem ich mal begegnet bin. Ich war noch bei den Uniformierten, als er 1962 kam. Er ist kein guter Bulle, nicht zuverlässig, nicht sorgfältig, nicht geduldig. Aber er verfügt über eine Form von Schläue und ein Gespür für Kontakte, was ihm erlaubt hat, Karriere zu machen. Er gehört zum engen Kreis vom Dicken Marcel, der ihn als Brücke zu den Pieds-Noirs braucht.«

»Und wie wird der Dicke Marcel reagieren?«

»Keine Sorge. Ich war bei ihm. Ich habe meinen Passierschein.«

»Jetzt Sie, Delmas.«

»Ich habe mich für Asensio interessiert, den UFRA-Verantwortlichen für das Departement Bouches-du-Rhône. Sagen wir, ein Werdegang wie aus dem Bilderbuch. Er hatte eine schöne Weinhandelsfirma in Oran, verheiratet, kinderlos. Seine Frau stirbt 1960. 1961 kommt er mit der ersten Heimkehrerwelle nach Marseille. Da ist er fünfundvierzig und hat alles verloren, als er Algerien verließ, aber er geht vor der großen Welle und lässt sich in Marseille nieder. Weniger als ein Jahr später: Geniestreich, er tut sich mit einem Korsen zusammen – ungewöhnlich für einen Pied-Noir –, um eine Peugeot-Konzession zu erwerben. Umso ungewöhnlicher, als sein Partner, Battiste Paolini, ein Vertrauter von Charles Pasqua ist, diesem Gaullisten der ersten Stunde und Mitgründer des SAC, des gaullistischen Ordnungsdiensts. Der führte damals einen geheimen und brutalen Krieg gegen de Gaulles Gegner, zu deren erbittertsten die Männer der OAS gehören, die wiederum eng mit dem Pied-Noir-Milieu verflochten sind. Paolini wird sehr schnell eine wichtige Figur im SAC. Ich habe in der Presse Artikel und Fotos gefunden. Als guter Korse erweist er den Guérini-Brüdern einige Dienste, den Bossen der Marseiller Unterwelt, was leichte Spuren in seinem Strafregister hinterlässt. Unterdessen baut Asensio seine Beziehungen zu den Pied-Noir-Verbänden aus und freundet sich mit Alvarez an, dem Gründer der UFRA. Ich war in der Handelskammer, wo ich ein Dokument gefunden habe, das ein Loblied auf die Peugeot-Konzession singt und uns außerdem ein paar Orientierungspunkte gibt. Die Firma wächst, diversifiziert sich. 1965, als Pasqua Marseille verlässt, um nach Paris ›aufzusteigen‹, reist Paolini nach Abidjan, um dort eine Verkaufsniederlassung für Peugeot-Neu- und Gebrauchtwagen aufzumachen. Zwei Jahre später gründet er eine Tochterfirma in Marseille, die Luxus­autos mit Chauffeur-Leibwächter vermietet und sechs oder sieben Wagen besitzt. Die Kundschaft besteht aus durchreisenden Milliardären, die in der Region und bis in die Umgebung von Nizza unterwegs sind. Das Geschäft scheint zu brummen.

Um auf Asensio selbst zurückzukommen, so hat er keine Geldsorgen. Er bewohnt ein Appartement in einem Gebäude der UFRA, das hat er gekauft, als der Verein sich im selben Haus eingerichtet hat. Die Sekretärin, Nadia Mokhrani, wohnt ebenfalls dort. Ich frage mich, ob nicht ein Finanzschwindel dahintersteckt …«

Daquin unterbricht ihn. »Oder etwas anderes. Nadia Mokhrani ist eine sehr schöne Frau.«

»Richtig. Ich habe ein bisschen gegraben, um herauszufinden, in welcher Beziehung sie zu Asensio steht. Ich war überrascht. Vor 1967 habe ich nichts über sie gefunden. Zu diesem Zeitpunkt ist sie fünfzehn und Asensio wird ihr gesetzlicher Vormund, und zwar dank einem surrealistischen Procedere: Über das Mädchen existieren keinerlei Daten zur Person, sie kommt aus dem Nichts, kein gesetzlicher Elternteil am Horizont, aber dank zahlreicher Fürsprecher, darunter Alvarez, der UFRA-Geschäftsführer, geht der Vorgang glatt durch. Asensio übernimmt im gleichen Jahr die Leitung der Vereinsniederlassung im Departement Bouches-du-Rhône, Alvarez und er werden unzertrennlich. Jetzt ist Nadia einundzwanzig, sie ist volljährig, und sie hat gerade einen französischen Ausweis bekommen.«

»Asensio und Alvarez, eine politische oder eine geschäftliche Verbindung?«

»Beides ist möglich und dürfte sich kombinieren lassen.«

»Sehr guter Start, vielversprechend. Sie haben beide genug für ein Treffen mit den Toulonern. Wie wir weitermachen, schauen wir nach Ihrer Rückkehr. Ich übernehme es, Percheron zu informieren und ihn um technische Ausrüstung zu bitten.«

Daquin sucht Percheron in seinem Büro auf. Die beiden Männer sitzen einander gegenüber, Percheron mit steifem Oberkörper, nach hinten gelehnt, in der Defensive. Die Antipathie ist eindeutig gegenseitig. Daquin umreißt in aller Kürze die zwei Ermittlungsrichtungen seines Teams.

»Fährten, noch keine Ergebnisse. Meine beiden Inspecteurs sind heute in Toulon, um unsere Kollegen zu treffen.«

»Gut. Ich erneuere meinen Rat: Vorsicht, was die Marseiller Polizisten betrifft.«

»Ist notiert. Weiß der Staatsanwalt von Marseille von der Mission, mit der Sie uns betraut haben?«

»Ich habe ihn informiert. Er wird den Staatsanwalt von Toulon kontaktieren. Er hält es für verfrüht, in Marseille ein Ermittlungsverfahren zu eröffnen …«

»Da hat er recht.«

»… und sollte es Ärger geben, haben wir seine Rücken­deckung.«

Daquin lächelt skeptisch. »Ich habe verstanden. Außerdem brauche ich technische Unterstützung. Für den Anfang die Telefon­überwachung der Marseiller Vereinsniederlassung und der Privatleitung ihres Geschäftsführers.«

»Die beschaffe ich Ihnen. Ergibt sich logisch aus dem Kontext des Auftrags, den ich Ihnen erteilt habe. Sie haben sie bis morgen. Aber mehr ist bis auf Weiteres nicht drin.«

»Ich bräuchte auch einen guten Fotoapparat, um die Leute zu identifizieren, die das Vereinslokal aufsuchen. Und vielleicht Abhörwanzen.«

»Fotoapparat ja. Abhörwanzen nein. Das gehört nicht zu den Gepflogenheiten der Brigade Criminelle.«

»Genauso wenig wie die Sorte Auftrag, die Sie uns erteilt haben. Wir agieren an der Grenze zur Geheimdienstarbeit.«

Die beiden Männer Auge in Auge, angespannt. Daquin denkt: ›Spuck’s aus, sag mir, warum du uns in diese Scheiße schickst. Willst du die Kontrolle behalten und misstraust dem Geheimdienst, der sich deinem Einfluss entzieht? Willst du uns reinreiten?‹, und das sieht man ihm an.

»Gut, belassen wir es dabei, Daquin. Und halten Sie mich auf dem Laufenden.«

Freitag, 24. August

Daquin geht in die Abteilung Abhörtechnik, um zu prüfen, ob die von Percheron versprochene Telefonüberwachung bereits steht. Das ist noch nicht der Fall. Dann wartet er auf seine Inspecteurs, die aus Toulon zurück sind. Die beiden treffen zusammen ein, Daquin betrachtet sie, lächelt ihnen zu.

»Legen Sie los, ich sehe, dass Sie mir etwas zu erzählen haben.«

Delmas macht den Anfang. »Unsere Kollegen fühlten sich vor unserem Kommen ziemlich alleingelassen. Sie haben Alvarez mehrfach festgenommen wegen verbotenen Waffenbesitzes, tätlicher Angriffe und diverser Umtriebe, sie haben ihn fünfmal in Polizeigewahrsam gehabt, jedes Mal lässt man ihn auf Befehl aus Paris binnen vierundzwanzig Stunden wieder frei. Er wird geschützt, und von den Bonzen der Regionaldienststelle Marseille kam nie Unterstützung. Jetzt haben sie beobachtet, dass Joseph Ortiz, eine historische Figur der OAS, in Toulon aufgekreuzt ist. Alvarez und er sind ständig zusammen. Unsere Kollegen haben den Verdacht, dass es um Waffenkäufe für mehr oder weniger informelle Gruppen der UFRA-Bewegung geht. Und zu guter Letzt hat einer ihrer Vertrauensinformanten ihnen von einem Projekt erzählt, nämlich dass Alvarez in der Nähe von Brignoles ein militärisches Trainingscamp errichten will. Sie finden, zusammen mit dem Arsenal zum Bombenbau, das sie bei einem Alvarez-Vertrauten gefunden haben, ist das im aktuellen Klima der Gewalt ziemlich viel.«

Grimbert knüpft an: »Unsere Fährten interessieren sie. Sie haben uns bestätigt, dass die zwei Namen, die sich in Adressbüchern von mehreren Touloner Eiferern wiederfinden, Picon und Asensio sind. Wir sind auf einer Wellenlänge. Wenn wir den Auftrag bekommen, diese Arbeit weiterzuführen, dürften wir vertrauensvolle Beziehungen haben.«

»Perfekt. Da können wir ansetzen. Weiter geht’s. Ich war bei Percheron. Wir bekommen zwei Telefon­überwachungen, bei der UFRA und bei Asensio, einen Fotoapparat und das war’s. Abhörwanzen kommen nicht infrage. Das ist sehr wenig.«

»Von Percheron darf man keine Wunder erwarten. Ihm liegt mehr an der Unterstützung der Pied-Noir-Vereine als an der Verfolgung ihrer gesetzeswidrigen Aktivitäten.«

»Wir werden sehen. Erst mal rücken wir weiter vor. Grimbert, Sie gehen Ihren Spuren nach. Delmas, Sie haben mit Asensio angefangen. Bleiben Sie dran. Kümmern Sie sich nicht um Finanzmauscheleien, das ist zu kompliziert für uns. Ich werde Inspecteur Costa von den Finanzdelikten aufsuchen, wir haben im März beim Erdöl-Fall gut zusammengearbeitet. Sie versuchen mehr über Asensios Leben in Erfahrung zu bringen, über seine Beziehung zu Nadia Mokhrani, die nach allem, was Sie uns bereits erzählt haben, ziemlich undurchsichtig zu sein scheint, sowie über den Vereinsbetrieb der UFRA Marseille. Wir müssten uns Einsicht in ihre Mitgliederkartei verschaffen, dann wäre Percheron zufrieden.«

Daquin hat sich für fünfzehn Uhr mit Inspecteur Costa im Dezernat für Finanzdelikte verabredet. Der Mann geht gemächlich auf die fünfzig zu, kleines Bäuchlein und beginnende Glatze. Er empfängt Daquin mit einem Lächeln. Ihre Zusammenarbeit hat er in guter Erinnerung.

»Immer noch so kämpferisch, Commissaire Daquin?«

»Um ehrlich zu sein, ist das gesamte Team in letzter Zeit etwas erschlafft.«

»Das Marseiller Klima vielleicht?«

»Kann gut sein. Aber derzeit starten wir eine etwas interessantere Ermittlung. Deshalb bin ich gekommen.«

»Legen Sie los.«

»In dieser Ermittlung taucht die Peugeot-Konzession von Asensio und Paolini auf, ob am Rande oder nicht, das hängt davon ab, was wir finden werden. Wir haben weder die Mittel noch die Kompetenz, um den finanziellen Aspekten nachzugehen, aber wir fragen uns, ob diese Firma vollkommen vorschriftsmäßig arbeitet.«

Costa lächelt nicht mehr, er überlegt. »Wir haben da ebenfalls unsere Zweifel und beobachten sie. Im Moment haben wir nichts, die Firma wird sehr gewissenhaft geführt. Wir haben unsere Ermittlung gerade auf die Elfenbeinküste ausgeweitet.«

Costa unterbricht sich. Er betrachtet Daquin, um zu sehen, ob er über die afrikanischen Ableger der Peugeot-Konzession im Bilde ist.

Daquins Hirn rotiert, dann erinnert er sich. »Ja, Paolini und die Niederlassung für Neu- und Gebrauchtwagen …«

Also, sagt sich Costa, wissen sie mehr, als er mir erzählt, ich kann den Handel fortsetzen. »Das wird unsere Ermittlung vielleicht in die Gänge bringen. Aber im Moment kann ich Ihnen nichts sagen.«

»Wenn Sie etwas finden, könnten Sie uns dann ein Zeichen geben?«

»Das mache ich, aus Freundschaft zu Ihnen, Commissaire, und zu Grimbert. Grüßen Sie ihn von mir.«

Delmas hat seinen Nachmittag damit verbracht, einen Observierungstag rund um die UFRA vorzubereiten, indem er akribisch die Zugänge, die Öffnungszeiten, das Besucheraufkommen in den Vereinsräumen und in den umliegenden Cafés erkundet hat. Er geht zurück zum Évêché, bespricht sich mit Daquin: Die Observierung wird für Montag angesetzt. Danach wartet er am Ausgang ihres Büros im Speicherhafen auf seine Lebensgefährtin. Im Anschluss Kino mit Freunden. Seit er mit einer Marseillerin zusammenlebt, beginnt er die Stadt zu lieben.

Sonntag, 26. August
Le Quotidien de Marseille

Über die gesamte Titelseite:

Blutbad im Bus

14:30 Uhr, Rocade du Jarret: In einem Anfall von Wahnsinn schneidet ein Mann dem Busfahrer am Steuer die Kehle durch und verletzt vier Fahrgäste mit Messerstichen. Nach kurzem Handgemenge wird er von mehreren Zeugen überwältigt, darunter der ehemalige französische Boxmeister Gratien Lamperti. Wie es heißt, hat der Busfahrer seinen Angreifer lediglich aufgefordert, seine Fahrkarte zu entwerten.

Foto des Unglücksbusses.

Sehr heftige Reaktionen von den Beschäftigten der Marseiller Verkehrsbetriebe. Arbeitsniederlegungen seit gestern. Heute Generalstreik.

Fotos von Opfer und Mörder.

Über die gesamte letzte Seite:

Tragödie im 72er

Es ist 14:30 Uhr, Émile Guerlache, 49, vier Kinder, lenkt seinen Bus 439EV13 der Linie 72 von der Place Bougainville zur Strandpromenade. An der Haltestelle Jarret-Mayer steigt Salah Bougrine zu, stempelt seinen Fahrschein ab, setzt sich. Der Bus fährt an. Bougrine zieht ein großes Messer aus der Tasche, nähert sich dem Fahrer von hinten und schneidet ihm mit einem einzigen Schnitt die Kehle durch. Das Blut spritzt auf die Windschutzscheibe, der Fahrer bricht zusammen, Bougrine stürzt sich auf den Körper. Im Bus bricht Panik aus. Die Fahrgäste springen auf, drängeln durcheinander, der Bus fährt führerlos weiter, der Algerier sticht wahllos auf die Mitfahrenden ein, der Boden ist glitschig vor Blut, der Bus prallt gegen den Mittelstreifen und kippt halb auf die Seite, die Türen verklemmen sich, die Fahrgäste fallen übereinander. Ein vorbeikommender Autofahrer, Ex-Boxmeister Gratien Lamperti, hält an, bewaffnet sich mit einer Handkurbel, schafft es in den Bus und schlägt Bougrine nieder. Das Bezirkskommissariat und die Sûreté-Einheit zur Bekämpfung der Bandenkriminalität treffen am Tatort ein und übernehmen den bewusstlosen Täter. Er wird ins Krankenhaus Hôtel-Dieu gebracht. Bougrine hatte 2500 Francs bei sich. Was er in Marseille zu tun hatte, ist nicht bekannt.

Das Opéra-Viertel im Zentrum von Marseille, Heimat der Bars, Nachtclubs und Prostituierten, ist ausgestorben, alles geschlossen. Es ist noch zu früh. Nur Le Foudre hat geöffnet, die Bar der Familie Pereira, eine Flucht von engen, dunklen Räumen, die Ausstattung ganz in Holz, pseudorustikal, und allenthalben Porträts des portugiesischen Diktators Salazar. Die Familie Pereira hat aus ihren Anschauungen nie einen Hehl gemacht. Diskrete Kollaborateure während der deutschen Besatzung, dann in den Sechzigern entschieden pro Französisch-Algerien und antigaullistisch.

Der Sohn, Dario Pereira, hat bei einem Mord und Attentaten der OAS in der Region wiederum diskrete, aber hochgeschätzte Hilfe geleistet. Man hat nie etwas beweisen können, pflegt er zu sagen, trotzdem zog er es vor, vier Jahre nach Portugal ins Exil zu gehen, und kehrte nach der Amnestie von 1968 zurück. Heute dient sein Café-Bar-Restaurant als Treffpunkt der Pied-Noir-Bewegung, die hier bis zum Rausch Nostalgie und Anisette Cristal tankt. Die Mutter kocht – sehr gut – für den engsten Kreis, und der Sohn stockt seine Einkünfte mit einer kleinen Sicherheitsfirma auf, deren Dienste Bürgermeister Gaston Defferre systematisch nutzt.

Heute Morgen sind Pereiras Vertraute spontan schon zu frühester Stunde gekommen, um Neuigkeiten zu erfahren. Ein Dutzend Männer drängen sich um drei Tische, und Mutter Pereira serviert ihnen ein reichliches Frühstück. Es wird heftig diskutiert.

»Die Situation ist ideal … Wir müssen die Gelegenheit mit beiden Händen beim Schopf packen … Vor uns eröffnet sich ein Boulevard, da müssen wir reindrängen …«

»Und konkret, was machen wir?«

Pereira schlägt vor, dem Beispiel von Grasse zu folgen und ein Verteidigungskomitee zu gründen.

»Mit dem Slogan ›Die Sicherheit der Marseiller verteidigen, eine öffentliche Aufgabe, die der Staat nicht mehr zu bewältigen vermag‹, das klingt stark, oder?«

»Ja, klingt gut, aber nicht zu vergessen: ›Stoppt die wilde Einwanderung‹, das hatten sie in Grasse auch, der Bougrine passt gut zum Bild eines illegalen Einwanderers.«

»Im Büro vom Front National gibt es einen Vorrat an Ordre-Nouveau-Plakaten mit diesem Slogan, die können wir abholen. Und wo der Ordre Nouveau nach seiner Schlacht gegen die linken Zecken in Paris gerade verboten wurde, müssen wir nur die Signatur unten am Plakat abschneiden, das geht mit einer Papierschneidemaschine.«

Der Vorschlag stößt auf allgemeine Zustimmung. Einer der Männer erklärt sich bereit, die Plakate zu organisieren, Pereira wird wegen der Schneidemaschine eine Druckerei auftreiben. Und mobilisiert fürs Plakatekleben seine Sicherheitsfirma.

»Das sind Spezialisten. Morgen ist die ganze Stadt tapeziert.«

»Und wir rufen zu einer Demo auf. Wir kontaktieren alle befreundeten Organisationen und die Presse. Das wird unser Komitee zum Leben erwecken. Ich kümmere mich um das Kommuniqué und die Kontakte.«

»Wann soll die Demo stattfinden? Die Beerdigung von Guerlache ist am Dienstag, es darf nicht auf ihre Kosten gehen.«

»Am Tag drauf? Mittwoch, der 29.? Bis wir uns organisiert haben …« Angenommen.

An diesem Punkt der Diskussion kommt Madame Pereira, die auf dem Markt ihren Tageseinkauf erledigt hat, mit den Zeitungen zurück. Le Quotidien de Marseille und Le Méridio­nal. Die Männer stürzen sich auf den Méridional, ihre persönliche Tageszeitung. Pereira liest ein paar Passagen aus dem Leitartikel von Chefredakteur Gabriel Domenech vor.

»Genug! Genug! Genug!« »Natürlich wird man uns sagen, der Mörder sei geistesgestört, schließlich braucht es eine Erklärung, nicht wahr … Wahnsinn ist keine Entschuldigung … Wir haben genug von den algerischen Dieben, den algerischen Einbrechern, den algerischen Maulhelden, den algerischen Störenfrieden, den algerischen Syphiliskranken, den algerischen Vergewaltigern, den algerischen Irren, den algerischen Mördern. Wir haben genug von dieser wilden Einwanderung, die von der anderen Seite des Mittelmeers den gesamten Abschaum in unser Land bringt … Man muss ein Mittel finden, um sie zu brandmarken und ihnen den Zutritt zu französischem Boden zu verwehren.«

Applaus. Der schreibt verdammt gut, dieser Domenech.

Während der Nacht bedecken sich die Mauern von Marseille mit Schwarzweißplakaten »Stoppt die wilde Einwanderung« und schnell hingesprühten Graffiti in leicht verlaufener schwarzer Farbe: »Marseille hat Angst«. Ohne die Signatur einer Organisation entwickeln diese Slogans eine gefährliche Kraft, der Schrei eines Volkes.

Montag, 27. August
Le Quotidien de Marseille

Unter der Schlagzeile:

Der Mörder, immer noch im Koma, konnte nicht befragt werden.

Presseerklärung der Verkehrsgewerkschaften: »Die Bestattung von Guerlache findet am Dienstag, den 28. August in der Kirche Sainte-Émilie-de-Vialar statt, im Viertel La Pauline, wo er wohnte. Die Gewerkschaften rufen die Bevölkerung dazu auf, sich durch Arbeitsniederlegung an dieser Beerdigung zu beteiligen, aus Freundschaft zu Guerlache und um gegen die unsicheren Arbeitsbedingungen der Verkehrsbeschäftigten zu protestieren. Die Tatsache, dass der Mörder ein Gastarbeiter ist, darf nicht zur Zunahme des Rassismus führen. Viele Aggressoren sind keine Nordafrikaner.«

Auf Seite 2 Abdruck einiger Unterstützungserklärungen:

»Die Belegschaft der Wartungsbetriebe der Stadt Marseille drückt ihre Bestürzung und Solidarität aus. Sie fordert eine strengere Einwandungskontrolle in unserem Land.«

»Front National, GUD, ULN, UGT und das Verteidigungskomitee der Bürger von Marseille (CDM) rufen für Mittwoch, den 29. August zu einer Protestdemonstration gegen die illegale Einwanderung auf.«

Daquin begibt sich sehr früh zum Évêché. An den Mauern des Panier-Viertels Schwarzweißplakate »Stoppt die wilde Einwanderung«, handgemalte Slogans, und ein Wort, das sich von Wand zu Wand in großen schwarzen Lettern herauskristallisiert: Angst. Eine Gewissheit: Über der Stadt hat sich ein Sturm erhoben und wird sie durchschütteln. Was sollen wir tun, mein Team und ich?

Er geht als Erstes bei der Abhörtechnik vorbei, um zu sehen, wie weit die von Percheron zugesagten Telefonüberwachungen sind. Sie laufen seit Freitagnachmittag. Nicht schlecht. Auf dem Vereinsanschluss ein Dutzend Anrufe, im Wesentlichen Bitten um Auskunft, uninteressant. Ein Gespräch auf Asensios Privatleitung. Datum: Freitag, 24. August, 19:50 Uhr. Ein externer Anruf, er notiert die Nummer und schreibt den Dialog sorgfältig mit.

Unbekannt: Gute Rede neulich Abend im Club. Im Évêché wird viel darüber gesprochen.

Asensio: Ich hoffe, nicht zu viel. Wir bereiten Initiativen von großer Tragweite vor, weißt du?

Unbekannt: Keine Sorge … Also, ich wollte dich um einen Gefallen bitten.

Asensio: Das trifft sich gut, ich dich auch. Wir sollten uns sehen. Ich bin gerade fertig mit Abendessen, komm auf einen Verdauungsschnaps in die Bar unten in meiner Straße …

Unbekannt: Bin gleich da.

Daquin geht eilig zum Büro seines Teams. Die Atmosphäre ist angespannt.

»Die Touloner haben mit einer Explosion gerechnet. Ist es so weit?«

»Es ist nur der erste Akt …«

Daquin hat sein Kriegszeitengesicht, weniger kantig, mehr zerklüftet, Nase und Lippen schmaler, vorstehende Brauenbögen und Wangenknochen, die Augen tief in den Höhlen.

»Ja, es wird kabbelig. In der Stadt kann ich körperlich spüren, wie sich die Lage verschlechtert, aber verschwenden wir keine Zeit mit Spekulationen über die Zukunft, dafür sind wir nicht qualifiziert. Und wir müssen sofort eine Entscheidung treffen. Unsere Ermittlung ist unwichtig verglichen mit dem, was gerade passiert. Wir können sie einfrieren und uns möglichst ans aktuelle Geschehen halten. Oder aber sie weiter vorantreiben, das Tempo erhöhen. Was mich betrifft, wäre das meine Wahl, ich bin überzeugt, dass wir in der kommenden Krise die Männer, die wir bereits ausgemacht haben, an vorderster Front wiederfinden werden, Asensio, Picon, die anderen. Bevor Sie mir antworten, möchte ich Ihnen das hier zeigen.«

Er reicht ihnen das Abhörprotokoll. Delmas tritt näher, um über Grimberts Schulter mitzulesen. Daquin fährt fort:

»Anruf am Freitagabend, also vor der Ermordung des Busfahrers. Aber ›gute Rede‹ und ›Initiativen von großer Tragweite‹ passt in den Gesamtzusammenhang. Wir müssen die eingehende Rufnummer und den Gesprächspartner identifizieren. Grimbert, können Sie das machen?«

»Kann ich. Ich werde mir die Stimmen anhören. In so einem Moment tut es gut, sich nicht vollkommen nutzlos zu fühlen.«

Grimbert begibt sich zur Abteilung für Abhörtechnik. Die Techniker erklären ihm, dass es sich um eine Nummer im Évêché handelt, ein frei zugänglicher Anschluss auf einer der Etagen der Police Urbaine. Er hat nicht übel Lust zu fragen, warum sie Daquin nicht darauf hingewiesen haben, aber er hält sich zurück, die Antwort liegt auf der Hand: Man erzählt den Parisern so wenig wie möglich, vor allem wenn es um Évêché-interne Angelegenheiten geht. Dann hört er sich die Aufnahme an, zunächst ganz unbefangen, nur ein erster Eindruck. Asensios Gesprächspartner hat einen winzigen Pied-Noir-Akzent, die Stimme hat er schon mal gehört, aber sie ist ihm nicht vertraut. Er hört die Aufzeichnung noch zweimal mit maximaler Konzentration, bedankt sich bei den Technikern und stürmt zu seinem Büro. Ohne ein Wort zu Delmas und Daquin sucht er aus dem internen Telefonverzeichnis eine Nummer heraus, wählt.

»Hallo, Marcel?«

»Nein, hier ist nicht Marcel, Sie haben sich verwählt, alter Knabe, überprüfen Sie die Durchwahl.«

»Können Sie sie mir nicht geben?«

»Ich bin doch keine Telefonistin, ich hab anderes zu tun.« Damit legt er auf.

Grimbert wendet sich Daquin und Delmas zu. »Asensios Gesprächspartner, das ist Picon. Irrtum ausgeschlossen.«

Delmas folgert: »Das beantwortet Ihre Frage, Commissaire. Wir beschleunigen die Ermittlung.«

Daquin lächelt. »An die Arbeit. Wir haben drei mögliche Baustellen. Die erste: Asensio, seine ›guten Reden‹, seine ›Initiativen von großer Tragweite‹ und seine Beziehung zu Nadia Mokhrani. Die Telefonüberwachung steht. Zweite Baustelle: Brigadier Picon, eng verbunden mit Asensio und folglich mit der UFRA. Die beiden Männer tauschen Gefallen aus, außerdem sind es die zwei Namen, auf die die Regionaldienststelle Toulon gestoßen ist. Der Schießsportclub kann eine Schlüsselrolle in der extremistischen Pied-Noir-Bewegung spielen. Und schließlich das Kommissariat vom 15. Arrondissement, das wahrscheinlich einen weiteren Ankerpunkt dieser Bewegung darstellt. Wir sind zu dritt, wir haben einen Fotoapparat und zwei Telefonüberwachungen, mehr bekommen wir vermutlich nicht. Und wir steuern auf eine Periode mit heftigen Turbulenzen zu, die uns ebenfalls fordern und unsere Zeitpläne strapazieren werden. Wir können also nicht alles abdecken, welche Baustelle wählen wir?«

»Das 15. in den Mittelpunkt zu rücken ist ausgeschlossen, wir haben nicht genug in der Hand. Und es ist bestimmt das Halsbrecherischste.«

»Die Antwort, die sich aus der Anfrage der Regionaldienststelle Toulon ergeben würde, wäre vielleicht Asensio, aber ich tendiere zu Picon und seinem Schießclub, ein Ort, wo Begegnungen stattfinden und Wege sich kreuzen können. Ich habe da so ein Gefühl.«

»Was Asensio angeht, haben wir die Telefonüberwachung, das reicht nicht, aber es ist ein Türchen. Für den Club sind keine Vorkehrungen getroffen, wir müssen uns also vorrangig damit befassen.«

»Beschluss einstimmig gefasst. Und das hindert Sie nicht, Delmas, in Ihrem Rhythmus mit dem weiterzumachen, was Sie zu Asensio und zur UFRA begonnen haben. Kleines Problem: Percheron hat uns vorgewarnt, wir bekommen keine weitere Telefonüberwachung und keine Abhörwanzen. Wenn wir am Club weiterarbeiten, brauchen wir Wanzen, das ist ein Sammelpunkt, wir müssen wissen, was dort gesprochen wird. Wir werden die Arbeit aufteilen. Sie, Grimbert, fahren heute Nachmittag nach Toulon, Sie erklären unseren Kollegen, wie es bei uns steht, und bitten sie um Abhörwanzen. Machbar?«

»Ich glaube schon.«

»Wir geben sie ihnen zurück. Aber Sie unterschreiben nichts, insgesamt nichts Schriftliches. Sollten wir später Ärger mit Percheron bekommen, nehme ich das persönlich auf mich. Sobald wir sie haben, falls wir sie bekommen, befassen wir uns damit, wie wir sie installieren können. Wir treffen uns morgen früh hier, vor Ihrem Aufbruch zur Beerdigung von Guerlache.«

Am späten Nachmittag ist die Bar Le Foudre im Opéra-Viertel rappelvoll. Viel Kommen und Gehen, rastlose Betriebsamkeit. Pereira weiß, man muss die Gelegenheit von Guerlaches Beerdigung für einen ersten lautstarken Auftritt des Verteidigungskomitees nutzen. Im Laufe des Tages hat er ein Banner mit der Aufschrift »CDM – Verteidigungskomitee der Bürger von Marseille« malen lassen. Heute Abend stellt er die Führungsriege des Komitees zusammen, die es während des Trauerzugs tragen soll. Man muss auch auf der gesamten Strecke Plakate kleben, der Vorrat von »Stoppt die wilde Einwanderung« wird aufgebraucht werden. Um das Kürzel CDM einzuführen, hat Pereira es geschafft, im Namen des Komitees zwei Plakat­serien drucken zu lassen. Jetzt organisiert er die Gruppen, die heute Nacht an der Strecke der Prozession plakatieren sollen. Zu guter Letzt wurde ein Flugblatt des Komitees in mehreren tausend Exemplaren gedruckt. Pereira verteilt sie in kleinen Bündeln, damit sie in allen Teilen des Trauerzugs präsent sind.

Pause fürs Abendessen, man kann etwas verschnaufen, Madame Pereira hat eine Feijoada gekocht, die Gäste übernehmen das Servieren selbst. Telefonklingeln. Madame Pereira nimmt ab, wie sie es immer tut. Sie und sie allein. Eine Männerstimme, Französisch ohne Marseiller Akzent:

»Könnte ich Monsieur Pereira sprechen, bitte?«

»Bleiben Sie dran.«

Sie legt den Telefonhörer ab, geht zu ihrem Sohn, der mit Freunden trinkt und diskutiert, flüstert ihm ins Ohr: »Die Präfektur«, Pereira nimmt das Gespräch an, Rücken zum Saal.

»Pereira am Apparat.«

»Wir haben aus der Presse entnommen, dass Sie für Mittwoch zu einer Demonstration aufrufen …«

»Richtig, und wir sind nicht die Einzigen.«

»Aber auf Sie kommt es an. Wir befürchten hochgradig gewalttätige Zusammenstöße mit den Linksextremen, so wie sie sich in Paris ereignet haben, was uns nötigen würde, hart durchzugreifen, und das möchten wir nicht. Ich habe mich heute Nachmittag mit den Gewerkschaften getroffen. Sie werden gegen Sie Stellung beziehen, in deren Augen instrumentalisieren Sie ihre Mobilisierung. Überlegen Sie sich das gut.«

»Ich überlege immer, was ich tue.«

»Ich weiß, und das ist umso besser. Guten Abend.«

Dienstag, 28. August
Le Quotidien de Marseille

Auf der Titelseite:

Die Bustragödie:
Mörder 1969 am Kopf operiert

Offenbar wurde Bougrine 1969 mit einer Axt angegriffen, was eine Schädelöffnung, mehrere Operationen und einen langen Krankenhausaufenthalt notwendig machte. Diese körperliche Beeinträchtigung könnte bis zu einem gewissen Grad sein geisteskrankes Verhalten im Bus erklären.

Beerdigung um 12 Uhr. Die Verkehrsbeschäftigten: »Wir werden nicht zulassen, dass die Beisetzung unseres Kameraden als Vorwand für politische Demonstrationen dient.«

Auf der letzten Seite:

Presseerklärung des Polizeipräsidenten: »Es wäre bedauerlich, wenn dieser so schlimme Vorfall zur Folge hätte, dass die Öffentlichkeit sich aus berechtigtem Zorn zu Handlungen hinreißen lässt, die ihrer Geschichte nicht würdig sind.«

Bevor er zum Évêché aufbricht, wirft Daquin einen letzten Blick auf den Vieux-Port zu seinen Füßen, das graugrüne, reglose Wasser, die verwaisten Kaianlagen, kein Geräusch, keine Bewegung, das Leben steht still. Die Stadt atmet nicht mehr. In einer Handvoll Stunden wird sie Émile Guerlache zu Grabe tragen, sie wartet, sie stinkt nach Blut.

Als Daquin ins Büro kommt, sind Grimbert und Delmas schon im Aufbruch zur Beerdigung, Beobachtungsmission. Daquin selbst hat bis zum frühen Morgen Bereitschaft im Zentralkommissariat. In Wartestellung …

»Sie verpassen ein grandioses Schauspiel, Chef. Die Marseiller sind Meister in Beerdigungszeremonien.«

»Ehrlich gesagt bin ich nicht böse, dem großen Fest des Todes in seiner Sonnenschein-Aioli-Variante zu entgehen. Ich verlasse mich darauf, dass Sie mir alles erzählen.«

»Was ich noch sagen wollte: Wenn Sie gleich allein sind, vergessen Sie nicht, einen Blick in Ihre Schreibtischschublade zu werfen. Sie finden dort vier bildhübsche Wanzen, aus dem Nichts aufgetaucht, und das zugehörige Aufzeichnungsgerät.«

»Das lasse ich mir nicht entgehen.«

Während die beiden Inspecteurs schweigend ihre Sachen zusammenpacken und aufräumen, fragt Daquin: »Sagen Sie, Grimbert, ich habe den Leitartikel im Méridional gelesen. Wissen Sie, ob die Zeitung die Waffen gleich mitliefert?«

»Wer weiß. Den Abonnenten vielleicht. Und mit dem Segen des Polizeipräsidenten, dessen Presseerklärung Sie ebenfalls gelesen haben werden. Hübsch, das mit dem ›berechtigten Zorn‹.«

»Gehen Sie los, Sie verpassen noch den Auftakt der Feierlichkeiten, das wäre schade. Aber, Grimbert, sobald es vorbei ist, kommen Sie mir berichten. Ohne Vertun.«

Grimbert zögert eine Sekunde. »Hier oder am Tatort?«

Delmas kreuzt die Finger, um das Unheil abzuwenden.

Guerlache wohnte in La Pauline, einem weitgehend renovierten volkstümlichen Viertel im Marseiller Osten, das sich um seine kleine Kirche drängt, Sainte-Émilie-de-Vialar, ganz neu, unverputzter Beton, hübscher schlanker Kirchturm. Hier findet die religiöse Zeremonie statt, an der die Familie, enge Freunde und ein paar Arbeitskollegen teilnehmen. Der Beginn des Trauerzugs zum Friedhof ist für 14 Uhr angesetzt. Grimbert und Delmas sind früher gekommen, um sich einen Beobachtungsposten zu wählen. Sie stellen sich in den Schatten der großen Platane vor dem Portal und taxieren den Strom der Marseiller, die nach und nach eintreffen, erst den Kirchenvorplatz, dann den daran anschließenden Platz füllen und bald den Boulevard Romain-Rolland überschwemmen. Die Männer – es sind praktisch ausschließlich Männer – sind viel in Bewegung, treffen sich mit Nachbarn, Freunden, Bekannten, es bilden sich Grüppchen, Flugblätter und Zeitungen werden ausgetauscht, man diskutiert, leise aus Respekt für den Toten, aber mit einer unterdrückten Wut, die an den Gesten und Mienen abzulesen ist. Sind sie gekommen, um Guerlache das Geleit zu geben und die letzte Ehre zu erweisen, oder aber wegen des »berechtigten Zorns«, von dem der Polizeipräsident erst heute Morgen gesprochen hat? Niemand weiß es. In der schwülen, stehenden Luft wartet die Menge und schwitzt. Ein stattlicher Ordnungsdienst aus Verkehrsbeschäftigten ganz in Grau, ihrer Arbeitskleidung, geht von Gruppe zu Gruppe und wiederholt unermüdlich: »Wir wollen im Trauerzug keine rassistischen Bekundungen. Die Ermordung unseres Kameraden ist die Tat eines halb irren Einzelnen. Kein Slogan, kein Schild, Stille, Andacht. Ehren Sie den Toten und seine Familie …« Das sind die Kommandos der drei Gewerkschaften, aufmerksam und diszipliniert. Aber die Flugblätter gehen weiter von Hand zu Hand, versteckt vor den Blicken der Männer in Grau. Grimbert ortet einen kompakten Block, der sich abseits hält und einen Mann umringt, den er gut kennt, Pereira. Er rückt näher an Delmas heran.

»Siehst du die Gruppe da? Um den beleibten Mann mit dem sympathischen Gesicht?«

»Ja, sehe ich.«

»Er heißt Pereira. Er war angeklagt, im Auftrag der OAS einen Mord begangen zu haben, 1964 hier in Marseille. Dank einiger Gefälligkeiten seitens der Polizei hat er sich vor seiner Verhaftung nach Portugal verdrückt und wurde in Abwesenheit verurteilt, vier Jahre Exil, nach der Amnestie von ’68 ist er zurückgekommen und hat in aller Ruhe sein Leben wieder aufgenommen, er führt mit seiner Mutter ein Bar-Café … Ich bin fast allen Typen, die da um ihn herumschwirren, schon begegnet, Muskelprotze und Großmäuler.«

In diesem Moment entrollen zwei Männer der Gruppe ein Banner: »CDM – Verteidigungskomitee der Bürger von Marseille«. Zwei Verkehrsbeschäftigte stürmen hin, leicht hitziger Wortwechsel, das Banner wird wieder zusammengefaltet und weggepackt. Die Gewerkschafter wiederholen in aggressivem Ton: »Kein Slogan, kein Spruchband, Schweigemarsch.«

Grimbert kommentiert: »Heute das Verteidigungskomitee der Bürger von Marseille, morgen etwas anderes. Ich habe stark den Eindruck, dass Pereira der Anführer ist … Ich kann nicht näher ran, die kennen mich zu gut nach all der Zeit, in der ich ihnen schon hier und da begegnet bin. Sobald sie mich sehen, machen sie dicht. Du dagegen bist noch nicht lange hier, du hast vielleicht eine Chance. Du richtest es so ein, dass du im Trauerzug direkt vor ihnen gehst, du drehst dich nicht um, aber du lauschst, und wenn möglich, lässt du dich irgendwann unauffällig in die Gruppe zurückfallen. Ich will wissen, worüber sie reden. Und versuch dir auch eins dieser Flugblätter zu beschaffen, die mehr oder weniger diskret im Umlauf sind.«

»Verstanden.«

Delmas gelingt es schnell, sich seinem Ziel zu nähern, aber die Gruppe scheint auf der Hut vor den Unbekannten, die sie unablässig umkreisen, sie streifen und dann verschwinden. Auch sind die Aktivisten, aus denen sie sich zusammensetzt, vorsichtig, sie reden sehr leise miteinander, Delmas versteht kein Wort von dem, was sie besprechen.

Grimbert, immer noch auf der Lauer unter der Platane vor dem Kirchenportal, wird die Zeit lang. Plötzlich läutet im Kirchturm die Totenglocke, der tiefe, zitternde, wiederholte, eindringliche Ton senkt sich auf die schlagartig erstarrte Menge herab. Beginn des Spektakels. Der Leichenwagen nähert sich der Kirche, das Portal öffnet sich, der Sarg kommt aus dem Halbdunkel ins Licht, getragen von sechs Busfahrern, obenauf eine schlichte Uniformmütze. Der Sarg wird in den Leichenwagen geschoben, zwei Busfahrer bedecken ihn im Namen der gesamten Profession mit einem Kranz roter Rosen. Und immer noch das Geläut der Totenglocke. Schöne Inszenierung, ergreifender Moment, Hommage an die Männer des Metiers und ihre Kultur. Nun tritt die Familie näher. Einer der Sargträger übergibt der Witwe die Mütze ihres Mannes, sie presst sie an ihre Brust, fängt an zu weinen. Sie besteigt mit ihren vier Kindern eine schwarze Limousine, die Eltern des Toten eine andere, sie werden auf den vier Kilometern bis zum Friedhof Saint-Pierre dem Leichenwagen folgen. Zwei lange Ketten aus Verkehrsbeschäftigten formieren sich zu beiden Seiten des Trauerzugs, um die Wagen zu flankieren und abzuschirmen, während andere die ersten Reihen des Zuges organisieren: an der Spitze die Bonzen der Marseiller Verkehrsbetriebe, die Gewerkschaftsvertreter, vereinzelt bunte Flecken von Schärpen in den Farben der Trikolore, Behördenvertreter, Fußvolk, der Bürgermeister ist nicht gekommen, klug von ihm, niemand weiß, wie das hier enden wird. Dann ein paar Kollegen von Guerlache, seine Arbeitskameraden vom 72er, die Freunde und Nachbarn. Delmas hat sich in diese Gruppe eingeschleust, perfekt. Direkt hinter ihnen setzt sich das Gros des Trauerzugs in Gang, angeführt vom Verteidigungskomitee der Bürger von Marseille. Es hat kein Spruchband mehr, aber die Männer gehen in zwei dichten Reihen, Hand in Hand oder untergehakt, sie verlangsamen das Marschtempo, um zwischen der Spitze des Zugs und ihren eigenen Reihen Abstand zu schaffen, und das genügt, um sich abzuheben. Delmas wird etwas Mühe haben, ihre Gespräche zu belauschen. Dicht hinter dem CDM eine große Traube von etwa dreißig Beamten der Police Urbaine. In ihrer Mitte erkennt Grimbert den Dicken Marcel, unvermeidlich, zu seiner Rechten und Linken wie zwei Schutzengel Richard Platel, sein Mann für alles, normal, und Brigadier Picon, auf diese Weise öffentlich ausgestellt als Bindeglied zwischen dem Dicken Marcel und den Interessenvertretungen der Pieds-Noirs. Riskant, Marcel, und sogar gefährlich … Um sie herum die gesamte Riege der einflussreichen Männer der Police Urbaine: Polizisten, die Mitglieder im SAC sind, dem früheren gaullistischen Ordnungsdienst, seit dem Abgang des Generals in heftiger Umstrukturierung begriffen, die Funktio­näre der Gewerkschaft Force Ouvrière Police … Sie waren alle so klug, nicht in Uniform zu kommen.

Der Trauerzug biegt hinter dem Leichenwagen auf den Boulevard Romain-Rolland ein, etwas luftiger, sonnendurchflutet. Die Menge breitet sich aus, füllt den gesamten Boulevard, so weit das Auge reicht, dicht, kompakt, homogen, ganz in Schwarz, Grau und Weiß und ohne Kopfbedeckung. Sie schreitet langsam voran, schweigend, aber an allen Mauern entlang des Boulevards brüllt es von Schwarzweißplakaten: »Stoppt die wilde Einwanderung«. Grimbert erkennt sie wieder, solche Plakate hat er schon im Stadtzentrum gesehen. Hier wird der anonyme Slogan zum Schrei dieser marschierenden schweigenden Menge. Doppelte Schlagkraft. Und dann tauchen hier und da neue Plakate auf, uneinheitlicher, hastiger zusammengebastelt: »Es reicht«, »Marseille hat Angst«, »Unsere Mütter, unsere Frauen, unsere Kinder haben Angst«. Signiert mit CDM, drei Buchstaben, die sich außerdem in endloser Wiederholung mit schwarzer Farbe aufgesprüht finden. Als der Leichenwagen vorüberzieht, bleibt das Volk auf den Gehwegen stehen, ballt sich zusammen, beteiligt sich an der Ehrerweisung, die Männer ziehen den Hut, die Frauen bekreuzigen sich, die starke Betroffenheit ist mit Händen zu greifen.

Der kompakte Block der CDM-Mitglieder fühlt sich in dieser Menge jetzt zu Hause, die Gespräche werden ungezwungener, hörbarer für Delmas. Mehrere aus ihren Reihen fragen den kleinen Dicken mit dem sympathischen Gesicht, wie er es geschafft hat, die Plakate des Komitees so schnell zu produzieren, kaum vierundzwanzig Stunden nach ihrem Beschluss, und von welchem Geld. Er antwortet: »Ich habe mich für das Nächstliegende entschieden. Le Méridional. Eine betriebsbereite Druckerei, ein Chefredakteur mit der richtigen Denke, der uns auch braucht, um seine Pied-Noir-Leserschaft zu behalten, ein nicht so kleinlicher Eigentümer. Ergebnis: Die Druckerei hat die Arbeit gemacht, und die Zeitung hat uns das gesamte Material geschenkt. Das ist wertvoll in diesen Zeiten, in denen das Geld knapp ist.« Ein anderer teilt Pereira seine Unzufriedenheit mit: »Der CDM hatte für morgen zu einer Demo aufgerufen. Kein Flugblatt. Warum? Hast du sie abgesagt? Ziehst du schon den Schwanz ein?« Kaltes Lächeln von Pereira. Schwanz einziehen, das wird er nicht vergessen. »Wir haben erfahren, dass es heftigen Zoff mit der Polizei gibt, wenn wir im Stadtzentrum demonstrieren. Sieh dir die Mauern an, die Menschenmenge, wir sind am Gewinnen, jetzt keinen Zoff.«

Grimbert marschiert mit dem Strom des Trauerzugs an einem Bretterzaun vorüber, hinter dem ein Neubau noch kaum aus dem Boden ragt. Die Baustelle steht still. Die Arbeiter, allesamt maghrebinisch, wurden vom Bauleiter im Keller in Sicherheit gebracht, möglichst weit weg vom Boulevard Romain-Rolland, um »Zwischenfälle« zu vermeiden. Sie warten mit der Wiederaufnahme der Arbeit, bis die letzten Reihen der Menge in der Ferne verschwunden sind. Grimbert findet das Bild erschütternd. Und beschließt, dass er genug hat von den Trauerfeierlichkeiten für Guerlache und dieser ganzen unerträglichen Spannung. Er wird sich direkt zum Friedhof begeben, um dabei zu sein, wenn der Leichenzug sich auflöst. Es sind oft diese Momente, in denen eine Demonstration ihre wahren Ziele preisgibt.

Delmas hingegen läuft weiter in der Sonne, in den letzten Reihen der Führungsgruppe mit Guerlaches Verwandten, Kollegen, Freunden, Nachbarn. Abseits des Totengeläuts und unter dem Einfluss der Hitze kommt die Unterhaltung in Gang. Ein gutaussehender Dreißiger erwähnt, dass er sich am Samstag im Moment des Mordes im 72er befand. Erfolg garantiert. Er lässt sich ein wenig bitten, dann erzählt er.

»Ein Algerier stieg ein, er wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer, ich saß nicht weit weg, ich konnte es gut hören, nichts Ernstes, irgendwas wegen eines nicht entwerteten Fahrscheins. Und dann ist er hinter ihn getreten und hat ihm mit einer einzigen Bewegung die Kehle durchgeschnitten. Einfach so. Das Blut spritzt, Guerlache bricht zusammen, alle sind fassungslos, der Bus fährt von allein weiter, können Sie sich das vorstellen?« Die Zuhörer erschauern. »Der Algerier stürzt zu den Fahrgästen, er rempelt mich um, als würde er mich gar nicht sehen, er fuchtelt mit dem bluttriefenden Messer herum, und ich stoße gegen die Leiche von Guerlache, rutsche in der Blutlache aus und falle hin, ich glaube, der Algerier hat Fahrgäste verletzt, ich schaffe es nicht, wieder aufzustehen, der Bus prallt gegen den Mittelstreifen, ein ordentlicher Schlag, die Türen gehen einen Spalt auf, der Bus bekommt Schlagseite, die Leute fallen übereinander. Alle schreien und drängeln, um als Erste nach draußen zu kommen, aber die Türen klemmen, überall ist Blut, die Leute waten darin. Ein ehemaliger Boxer, der an der Unfallstelle vorbeikam …« Er unterbricht sich, betrachtet sein Publikum, selbstzufrieden. »Gratien Lamperti, vielleicht kennen Sie ihn?«

Keine Antwort. Delmas denkt: Er betet auswendig die Zeitungsartikel nach, und es funktioniert.

Der Redner fährt fort. »Er brüllte: ›Lassen Sie mich durch!‹ Er kam irgendwie in den Bus rein, er hatte eine Handkurbel dabei, damit hat er den Algerier bewusstlos geschlagen. Danach, muss ich zugeben, haben wir uns ein bisschen an ihm abreagiert. Und ich war nicht der Letzte, der ihm ein paar Fußtritte verpasst hat. Dann kam die Polizei und hat ihm das Leben gerettet.«

»Schade!«, schreit eine Frau, die sich unter die Männer verirrt hat.

»Es wäre einfacher gewesen, ihn an Ort und Stelle zu erledigen«, ergänzt ein Mann.

»Er hat aber doch einiges abgekriegt. Er liegt immer noch im Koma im Krankenhaus.«

Ende des Berichts. Nach fünf bis zehn Minuten schweigenden Marschierens erklärt jemand im ruhigen Ton einer Tatsachenfeststellung: »Heutzutage gibt es in Frankreich mehr Algerier, als es in Algerien jemals Franzosen gegeben hat. Ich finde, es sind zu viele, die Toleranzgrenze ist überschritten.«

Nachdem das Offensichtliche ausgesprochen ist, fühlt sich jeder berufen, seine Meinung zu äußern. »Die haben uns aus Algerien rausgeschmissen, also müssen jetzt wir sie rausschmeißen. Ist doch normal.« – »Ja, aber man wird ein bisschen nachhelfen müssen, von selber gehen die nicht.« Manche meinen, eine Lösung zu haben: »Wenn man ein paar von ihnen umbringt, kriegen die anderen Angst und hauen ab.« – »Die haben nicht gezögert, es drüben so zu machen. Und es hat geklappt, wir sind gegangen. Warum sollen wir es hier nicht genauso machen.« – »Das ist unsere Art, unser Land gegen die Invasion zu verteidigen, wenn ihr mich fragt, ist das ganz einfach Patriotismus.« Ein Mann in den Fünfzigern knüpft an: »Patriotismus … Erinnert ihr euch an diesen einen Morgen, dieses Plakat überall in den Straßen von Algier? An allen Mauern. Eine riesige blau-weiß-rote Flagge, zwei bewaffnete Pieds-Noirs, mit Gewehren, wenn ich mich recht erinnere, schön wie junge Götter, und ein Slogan: ›Zu den Waffen, Bürger!‹« Unter den Zuhörern haben einige Tränen in den Augen. Der Nachbar des Fünfzigers hält dies für einen günstigen Moment, er holt einen Stapel Flugblätter aus seiner Tasche: »Lest das.« Die Flugblätter machen die Runde. Delmas, der sein Möglichstes tut, um mit der Landschaft zu verschmelzen, nimmt sich eins. In der Überschrift: »Genug!« Darunter ein einziger Satz in Großbuchstaben: »Marseille hat Angst, Marseille nimmt den von der nordafrikanischen Unterwelt aufgezwungenen Terror nicht länger hin.« Gezeichnet: »Verteidigungskomitee der Bürger von Marseille«. Kurz, schlicht, im aktuellen Kontext ganz schön wirkmächtig – und beunruhigend. Daraufhin ergreift wieder der gutaussehende Dreißiger das Wort und sagt lachend: »Also, wer ist mit von der Partie, wenn wir sie ins Meer werfen?« Stille, dann wenden sich die Gespräche belanglosen Dingen zu. Delmas spürt Angst und Erschöpfung in sich aufsteigen.

Grimbert hat etwas abseits eine kleine Anhöhe gefunden, die ihm einen guten Blick auf den Friedhofseingang gewährt. Er muss nicht lange warten. Ein paar Verkehrsbeschäftigte sind schon da, sie lassen das Tor öffnen und stellen sich auf, um den Zugang zu kontrollieren. Der Trauerzug trifft wohlgeordnet ein. Der Leichenwagen und die Limousinen passieren das Tor, zu Fuß gefolgt von den Kollegen, den Nachbarn, den Freunden. Diskret zieht sich Delmas aus der Spitzengruppe zurück, ebenso wie die Mehrheit der Funktionäre und Behördenvertreter, deren Wagen mit Fahrer ein paar Dutzend Meter entfernt auf sie warten. Das Tor schließt sich, und die eintreffende Menge zerstreut sich langsam, wie widerstrebend.

Grimbert sieht Delmas, der sich da und dort herumtreibt. Gewissenhaft, dieser Bursche, oder vielleicht auch ein wenig verloren … Er hält Ausschau nach der Gruppe mit Beamten der Police Urbaine. Was ist am Ende der Wegstrecke aus ihnen geworden? Der Dicke Marcel, etwas abseits, ernste Miene, spricht in trauter Zweisamkeit mit Pereira. Sieh an … Der Rest ist mit den Reihen des Verteidigungskomitees verschmolzen, dieser kleinen Auffanggesellschaft für mittlere Führungskräfte und Sympathisanten der OAS, nicht sehr klug, werte Kollegen … Alle unterhalten sich angeregt. Grimbert hört sogar Gelächter, schnell unterdrückt. Haben sie unterwegs einen gehoben? Dann lösen sich etwa zwanzig besonders gesprächige Männer aus der Gruppe. In ihrer Mitte Brigadier Picon und mehrere Polizisten vom Kommissariat des 15. Arrondissements, deren Personalbögen und Fotos er im Laufe seiner Recherchen hat vorüberziehen sehen. Sie streben zu einem abseits gelegenen Parkplatz. Grimbert folgt ihnen vorsichtig, beobachtet, wie sie sich abstimmen, Rippenpüffe und Rückenklopfer, dann zwängen sie sich in mehrere Wagen, die durchstarten, dass der Kies spritzt. Zu weit weg, um die Kennzeichen zu notieren. Fahren sie sich besaufen? Vielleicht. Der Klassiker nach einer Beerdigung. Grund zur Besorgnis?

Vor dem Friedhof hat sich der Trauerzug inzwischen ohne weitere Vorkommnisse vollständig aufgelöst.

Delmas und Grimbert treffen am Friedhofseingang wieder zusammen.

»Na, war dein Spaziergang erfolgreich?«

»Schwer verdaulich. Keine Lust, hier und jetzt darüber zu reden. Gib mir etwas Zeit.«

»Keine öffentlichen Verkehrsmittel, Vierundzwanzig-Stunden-Streik zu Ehren von Guerlache. Komm mit.«

Die beiden Bullen kapern Plätze in einem der Busse, die die Marseiller Verkehrsbetriebe bereitgestellt haben, um ihre Angestellten ins Zentrum zurückzubringen, und sitzen eine Stunde später an einem Tisch auf der Terrasse der Bar-Tabac gleich beim Évêché, seinem inoffiziellen Anbau. Delmas erholt sich bei einem kühlen Bier, Grimbert hält die Apéro-Stunde für gekommen, gesteht sich das Recht auf einen Gelben zu und wartet geduldig, dass Delmas sich zu reden entschließt, was er tut, als er sein Bier ausgetrunken hat.

»Gut, mein Auftrag bestand darin, die Gruppe um den kleinen Dicken zu belauschen.«

»Pereira, ja.«

Delmas gibt kurz die Gesprächsfetzen wieder, die er aufschnappen konnte, nachdem der Trauerzug sich in Bewegung gesetzt hat. Und bittet um die eine oder andere Aufklärung.

»Der Chefredakteur vom Méridional, Domenech, wo muss ich den in etwa einordnen?«

»In unmittelbarer Nähe der Veteranen der OAS, also direkt bei Pereira.«

»Und der nicht so kleinliche Eigentümer, wer ist das?«

»Schon komplizierter. Das ist Defferre, bereits seit zwei oder drei Jahren.«

»Defferre? Der sozialistische Bürgermeister von Marseille? Willst du mich verarschen?«

»Keineswegs. Hunderttausend Pieds-Noirs in Marseille, das bedeutet viele Wähler. Bei ihrer Ankunft wollte er nichts von ihnen wissen, er hat versucht, sie daran zu hindern, sich hier niederzulassen. Aber jetzt, wo sie da sind, ist es ausgeschlossen, sie zu übergehen. Man muss Mittelsmänner finden, um in Verbindung zu bleiben. Pereira ist der ideale Mann, er findet Defferre nicht kleinlich, und er selbst ist es auch nicht. Sie sind wie füreinander geschaffen … Fortsetzung folgt. Das hier ist Marseille.«

»Na, dann erzähle ich dir mal was über deine Marseiller, nicht über die Typen von der OAS oder vom Verteidigungskomitee, nein, über all die anständigen Bürger, ganz gewöhnlich, sehr sympathisch, Boulespieler, Pastistrinker, Aioli-Esser, Freunde und Nachbarn von Guerlache, von denen ich im Trauerzug umgeben war.«

Dann berichtet er ausführlich von den Äußerungen, die er ringsum gehört hat, und das erleichtert ihn. Bis zum krönenden Abschluss: »Also, wer ist mit von der Partie, wenn wir sie ins Meer werfen?«, und er gibt Grimbert sein Exemplar des Flugblatts vom CDM.

Grimbert liest es aufmerksam. »Du musst in eine Gruppe beschwipster Pieds-Noirs geraten sein.«

»Kneif nicht. Dem Akzent nach waren wohl Pieds-Noirs dabei, aber genauso viele waschechte Marseiller. Ganz normale Bürger, geschniegelt und gebügelt, die so ruhig, in vollem Ernst und in aller Öffentlichkeit vom Töten reden, ohne die geringste Missbilligung zu erregen, das habe ich noch nicht erlebt. Und nicht unbedingt leeres Gerede, Tote hat es schon gegeben, wahrscheinlich mehr, als man denkt, und die Stimmung ist explosiv, vergiss das nicht. Da läuft es mir kalt den Rücken runter. Was wird passieren? Machen sie es wahr?«

»Keine Ahnung. Der Commissaire erwartet uns. Gehen wir ihm berichten.«

Im Zentrum von Marseille ehrt das Opéra-Viertel den ermordeten Busfahrer auf seine eigene Weise. Die amerikanischen Bars, wo sonst leicht bekleidete Frauen eine wimmelnde Kundschaft aus einzelnen Männern bedienen, sind alle geschlossen, die Straßen menschenleer und still. Nur zwei Hochburgen der Marseiller Geselligkeit sind überfüllt, die Stammkunden sind gekommen, um in ihrem Lieblingslokal auf den Verstorbenen anzustoßen.

Im Foudre, der Café-Bar der Pereiras, sitzt die OAS- und Pied-Noir-Familie um die Holztische, trinkt Anisette Cristal, knabbert Oliven, Würstchen, Muscheln, redet über Waffen, Schüsse, Explosionen, Exekutionen und Nostalgie. »Es wird knallen«, ständig wiederholt wie ein Refrain. Man spricht auch viel über »berechtigten Zorn«, wie es der Polizeipräsident in seiner morgendlichen Presseerklärung genannt hat. In allen Unterhaltungen taucht das Verteidigungskomitee der Bürger von Marseille, die hauseigene Schöpfung, als der große Sieger des Tages auf.

Ein paar Dutzend Meter weiter, in der Grand Bar Henri, vollkommen anderes Ambiente, große Fenster zur Straße, moderne Einrichtung, sind die Korsen zur Totenwache gekommen. Bruderküsse, Lieder, ein bisschen korsische Mundart, Pastis Casanis fließt in Strömen, man ist bunt gemischt unter sich. Das gemeine korsische Volk ist da, auch die Bullen, sie unterhalten sich mit den Gaunern, den Journalisten, mit allen, wahre und falsche Informationen werden ausgetauscht, Gefallen versprochen und erwiesen, Probleme gelöst unter Korsen. Etwas abseits die korsischen Honoratioren von der Medizinfakultät und den Marseiller Krankenhäusern, eine in der ganzen Gemeinschaft hoch angesehene Aristokratie, sie trinken Whisky, gesellschaftlicher Status verpflichtet, und plaudern mit ihren Studenten, die im akademischen Milieu der Stadt die Atomstreitmacht der extremen Rechten bilden. Die Formen der Geselligkeit mögen in der Grand Bar Henri und im Foudre unterschiedlich sein, die dominierende politische Richtung ist die gleiche.

An diesem Abend hat Nicolas Cipriani lange geschwankt zwischen Le Foudre und Grand Bar Henri. Der freie Journalist für AFP und mitunter für die kommunistische Zeitung La Marseillaise ist in der Grand Bar Henri zugelassen, weil er einer korsischen Familie, der korsischen Kultur entstammt, einige Worte Korsisch spricht und Casanis trinkt, aber er wird auch im Foudre mit offenen Armen empfangen, denn er ist Sohn eines Fallschirmjägeroffiziers, Kämpfer im Indochina- und im Algerienkrieg, aufs Abstellgleis geschoben wegen Französisch-Algerien-freundlicher Gefühle, und der Apfel fällt schließlich nicht weit vom Stamm. Die Familie, das ist das einzig Wahre. Im Übrigen trinkt der Sohn Anisette Cristal, hat seine vor­militärische Ausbildung bei den Fallschirmjägern gemacht, ehe er anfing, sich als Journalist zu verdingen, was ihm niemand übelnimmt.

Am Ende entscheidet sich Cipriani, seine Nacht bei den Korsen zu vertrinken.

Im Foudre brechen vier Männer, aufgeputscht vom Anisette Cristal und dem stetigen Strom kriegerischer Reden, gegen zehn Uhr abends Arm in Arm auf – »zu einem Rodeo bei den Indianern auf der anderen Seite der Grenze«, sagen sie zum Abschied.

Auf der anderen Seite der Grenze, in Marseille-Nord, ist es elf Uhr abends und die Bar-Tabac Le Terminus macht gerade zu. Malek sitzt mit Blick auf den menschenleeren Boulevard auf dem Mäuerchen der Caféterrasse und wartet. Der junge Bursche von sechzehn Jahren, Lehre im Klempnerbetrieb von einem Freund seines Vaters in Aussicht, wartet auf Anita, achtzehn Jahre und schön wie eine Spanierin, Abiturientin, das heißt eine Intellektuelle. Sie sind sich heute Morgen in Campagne-Lévêque begegnet, wo sie beide wohnen. Malek wollte zu seinem Kumpel Manuel, mit dem er zu einer Spritztour durch die Stadt verabredet war. Dessen Schwester Anita öffnete ihm die Tür. Manuel war nicht da, er sei aber gleich zurück. Wenn er warten wolle … Malek hatte Anita nicht wiedererkannt. Es war fast vier Jahre her, dass sie einander zuletzt begegnet waren.

»Kein Wunder, ich bin die ganze Zeit in der Stadt aufs Gymnasium gegangen. Das ist weit weg von hier.«

Sie sprachen über dies und das, Tratsch aus der Siedlung, dieses erstickende Gefühl am Ende des Sommers. Manuel war immer noch nicht zurück, Anita meinte, sie werde erwartet, sie müsse los, und begann ihn sanft zum Ausgang zu schieben … Malek schlug vor, in der Bar Le Terminus gegen acht, in der Abendkühle, zusammen eine Cola zu trinken. »Warum nicht«, sagte Anita. Als er im Treppenhaus stand, versprach sie zu kommen, dann schloss sie die Tür. Und jetzt wartet er auf sie.

Er musste heftig darum kämpfen, nach dem Abendessen noch ausgehen zu dürfen. Sein ältester Bruder war dagegen. Nicht heute Abend, sagte er, die Angst geht um in den Straßen, bei Anbruch der Dunkelheit werden Araber getötet. Malek hat keine Angst, wovor, warum? Die Bar-Tabac Le Terminus ist nicht weit von zu Hause, wir sind dort unter uns, was kann schon passieren? Er musste versprechen, zeitig heimzukommen, und jetzt ist er immer noch hier, sie ist nicht gekommen, noch nicht. Elf Uhr, die Bar wird gleich schließen.

Der Wirt und zwei Jugendliche, die ihm für kleines Geld zur Hand gehen, sind dabei, zu spülen und aufzuräumen. Malek wirft noch einen Blick nach rechts über den Boulevard, er stellt sich vor, Anitas Silhouette zu sehen, die mit wiegenden Schritten auf ihn zukommt, ein Traum. Ein roter Wagen, gefolgt von einem dicken cremefarbenen Mercedes, fährt im Zeitlupentempo am Café vorüber und den Boulevard Paumont entlang. Zum zweiten Mal. Vielleicht Leute, die sich im Viertel verfranst haben. Keine zwei Minuten später kommen dieselben Wagen aus der Gegenrichtung über den Chemin du Moulinet zurück. Ganz schön verfranst, die Typen. Während der Mercedes ein Stück entfernt parkt, hält der rote Wagen am Gehwegrand, direkt vor Malek. Der Beifahrer öffnet das Schiebefenster und spricht ihn auf Arabisch an.

»Wir haben uns verfahren, wir kennen uns im Viertel nicht aus, kannst du uns helfen?«

Malek lässt sich zu Boden gleiten, geht näher, beugt sich vor, der Beifahrer hebt den Arm, schießt ihm aus nächster Nähe eine Kugel mitten in die Brust, Maleks Körper wird nach hinten geschleudert, der Wirt in der Bar schreckt hoch, lauscht, eine zweite Kugel trifft den Bauch, zerfetzt das Brustbein, der Körper kippt um, der Wirt und die zwei Jungen lassen Besen und Putzlappen fallen, der rote Wagen prescht los, eine dritte Kugel streift eine Schulter, die drei Männer erreichen die Caféterrasse, erblicken den blutüberströmten Körper. Schon zwanzig Meter weiter ein beigefarbener Mercedes und ein anderer Wagen, sie biegen beide an der nächsten Kreuzung ab und verschwinden. Das Ganze hat, vom ersten Schuss gerechnet, zwölf Sekunden gedauert.

Während die beiden Jungen zu dem Körper stürzen, läuft der Wirt nach drinnen, um die Rettung und das Bezirkskommissariat anzurufen. Dann kommt er zurück, nähert sich dem reglosen Körper, starrt auf das Blut, das aus den Wunden fließt, die Kleider durchtränkt, das Gesicht befleckt, sich auf dem Gehweg ausbreitet. Er legt Slimane eine Hand auf die Schulter, der zuckt zusammen.

»Geh, mein Junge, und benachrichtige seine Familie, du weißt, wo sie wohnen.«

Kurz darauf stürmen Maleks zwei Brüder mit langen Schritten von der nahen Siedlung Campagne-Lévêque herbei, verzerrte Gesichter, aufs Schlimmste gefasst. Die Rettungsleute umstehen schon den Körper, führen Erste-Hilfe-Maßnahmen durch und bereiten eine Trage und Transfusionsmaterial vor. Die beiden Brüder beugen sich über das Gesicht, fahl, mit blutigen Rinnsalen überzogen, geschlossene Augen, offener Mund, ein stummer Schrei. Malek, ohne jeden Zweifel. Einer der Rettungsleute: »Er lebt.« Sie hören ihn nicht mal.

Polizisten in der Bar und in der Umgebung. Einer von ihnen gibt den Rettungsleuten ein Zeichen: »Sie können ihn mitnehmen. Wir sind fertig mit ihm, Fotos und der ganze Zirkus. Wo fahren Sie hin?«

»Uniklinik La Timone.«

»Alles klar.«

Mohamed, der Älteste, nimmt seinen jüngeren Bruder Adel am Arm, schiebt ihn zum Krankenwagen. »Du bleibst bei ihm, du lässt ihn keine Minute allein.«

Adel stellt die Befehle des Ältesten nicht infrage, niemals. Er wendet sich um, macht drei unsichere Schritte, kotzt sich mitten auf der Straße die Seele aus dem Leib, geht dann auf die Rettungsleute zu, die ihm entgegensehen. Kein lustiger Geselle, Komplikationen in Sicht. »Setzen Sie sich zum Fahrer nach vorn, niemand neben der Trage, die Arbeit der Sanitäter darf nicht gestört werden.« Er tut wie geheißen, erleichtert und zugleich beschämt darüber.

Mohamed steht immer noch benommen neben den Blutlachen auf dem Gehweg, er fühlt, wie in seinem Körper die Ablösung beginnt, die Abwesenheit wächst, die unwiderrufliche Leere. Ein Polizist tritt auf ihn zu.

»Und Sie, wer sind Sie?« Mohamed schreckt zusammen. »Was tun Sie hier?«

»Ich bin der Bruder des Opfers.«

»Stehen Sie nicht da rum, Sie verunreinigen den Tatort, wir sind mit unserer Arbeit noch nicht fertig. Gehen Sie in das Café, meine Kollegen nehmen Ihre Aussage auf. Und dann gehen Sie nach Hause, Sie haben hier nichts verloren.«

Mohamed betritt das Café, in dem er noch nie war. Der Saal ist quasi leer. Die Tische und Stühle, billige Möbel, sind hinten im Raum aufeinandergestapelt, der Boden wurde tropfnass gewischt und riecht noch nach Chlor, die Lichter über der Bar auf der linken Raumseite sind alle ausgeschaltet und der Tresen ist mit einem großen weißen Tuch abgedeckt. Nur eine Hängelampe in der Mitte der Decke ist noch an und erhellt zwei Polizisten, die auf einen Bistrotisch gestützt die Aussagen des Wirts und der zwei jungen Männer aufnehmen, die vor ihnen stehen. Auf einer Seite im Dunkel die Tür zu den Toiletten und eine Telefonkabine. Im selben Moment, als Mohamed eintritt, schließen die Polizisten ihre Blöcke, der eine sagt zum anderen: »Kurz und gut, dies sind die einzigen Zeugen, sie waren alle drei hier drin, die Schießerei fand draußen auf dem Boulevard statt, sie haben nichts gesehen, der Fall landet schnell bei den Akten.« Die drei Zeugen hören sich das an, dann ziehen sie sich in die Dunkelheit und zu der Telefonkabine zurück.

Mohamed geht auf die Polizisten zu. »Wer sind Sie?«, fragen sie ihn.

»Der Bruder des Opfers.«

Sie schlagen ihre Notizblöcke wieder auf. Seine Identität und seine Adresse, die von Malek, die Umstände, wie er von dem Ereignis erfahren hat, alles deckt sich mit der Aussage von Slimane und scheint klar. Nach ein paar Minuten ist Mohamed entlassen. »Sie können nach Hause gehen. Wir melden uns bei Ihnen.«

Er verlässt die Bar, macht ein paar Schritte über die Terrasse, wie ein Schlafwandler, bleibt stehen. Er ist direkt oberhalb der Stelle, an der sein Bruder niedergeschossen wurde. Zwei Polizisten arbeiten daran, mit einem gelben Plastikband mit der Aufschrift »Polizei«, wie er es schon in Fernsehkrimis gesehen hat, einen winzig kleinen Teil des Gehwegs abzustecken, ein »Tatort« im Taschenformat. Zwei andere laufen innerhalb dieses »Tatorts« herum, wahllos, wie es scheint, Blick am Boden. Einer von ihnen verkündet: »Da. Ich hab eine.«

Er bückt sich, hebt mit bloßer Hand einen Gegenstand auf, zeigt ihn den anderen Polizisten. Eine Patronenhülse. Der Gegenstand geht von Hand zu Hand, bevor er in einem Plastiktütchen verstaut wird. Kurz darauf verkündet der andere Polizist: »Ich hab die zweite.« Und zeigt seine Trophäe vor.

»Die Zeugen haben gesagt, zwei Schüsse, wir haben zwei Hülsen, die Rechnung geht auf. Sind sie fertig, die Schreiberlinge im Café? Es ist spät, wir ziehen ab.«

Ein paar Minuten darauf sind die Polizisten weg.

Mohamed setzt sich auf das Mäuerchen der Terrasse, ganz genau da, wo sein Bruder zwei Stunden zuvor gesessen hat. Allein. Der Körper gibt nach. Es überwältigt ihn, er legt die Hände vors Gesicht und weint stumm.

Ein wenig später bringt der Wirt ihm einen Pfefferminztee, sehr heiß, sehr stark, sehr süß, und setzt sich schweigend neben ihn. Langsam richtet Mohamed sich auf, nimmt die Hände vom Gesicht, wischt mit dem Handrücken darüber, nimmt das Glas und trinkt. Die beiden Jugendlichen hocken sich zu ihnen auf die Mauer, halten sich an den Händen. Die Nacht ist schon weit fortgeschritten, aber niemand kommt auf die Idee, das Café zu verlassen, die Terrasse, den blutigen Gehweg. Da sein, um bei Malek zu wachen, immer weiter da sein, bis zum Ende, an seiner Seite, um ihm beizustehen, ihm zu helfen, den Faden festzuhalten, den Lebenshauch.

Mohamed spricht. »Meine Familie ist aus Oran, wir kennen die Pieds-Noirs, wir wissen, wozu sie fähig sind … Die Schwester meiner Mutter wurde erschossen, weil sie in einem europäischen Viertel durch die Straße lief … Hier und jetzt geht es wieder los, überall sind die Algerier in Gefahr. Bei der Arbeit wird viel darüber geredet. Wie wir alle habe ich nachts Angst, und ich wusste, dass es heute Nacht noch gefährlicher ist. Ich wollte Malek daran hindern, auszugehen, ich habe es nicht geschafft.« Ein Zögern. »Er war mit einem Mädchen verabredet?«

»Ja. Er hat gewartet, sie ist nicht gekommen …«

Ultimativer Schlag des Schicksals. Mohamed fühlt Tränen aufsteigen, atmet tief durch, fährt fort. »Unser Vater liegt im Moment im Krankenhaus. Arbeitsunfall. Ich habe die Verantwortung für Malek. Ich bin jeden Abend von La Ciotat, wo ich arbeite, hergekommen, um auf ihn aufzupassen. Ich bin für seinen Tod verantwortlich.«

Der Alte beugt sich vor, sucht seinen Blick. »Du hast nicht das Recht, das zu sagen. Wenn du verantwortlich bist, sind die Mörder dann unschuldig? Verantwortlich ist der Mann, der geschossen hat, und auch die, die ihn begleitet haben. Sie waren mit Sicherheit zu mehreren, mindestens zu zweit, der Schütze und der Fahrer. Wir müssen sie finden, für Malek. Sie müssen erfahren, dass Malek kein Hund ist, den man auf der Straße erschießt. Keiner von uns ist ein Hund, den man auf der Straße erschießt.«

Der alte Mann hat den richtigen Punkt getroffen, Mohamed grübelt: den Verantwortlichen finden, den oder die Mörder finden … Machbar? Gefühl von Ohnmacht, Einsamkeit, völlig verloren.

Auf dem menschenleeren Boulevard kommt mit aufgeblendeten Scheinwerfern ein Wagen auf sie zu. Er hält ein paar Dutzend Meter vom »Tatort« entfernt. Daquin steigt aus, gefolgt von Delmas. Beim Bereitschaftsdienst im Évêché hat er einen Anruf erhalten, ein Alter, flüsternde Stimme, unbeholfen. Er sprach von einem jungen Algerier, erschossen auf der Straße, vor einem Café, die Schützen geflüchtet, von Angst und Dringlichkeit. »Wir kommen«, hat Daquin geantwortet und Delmas aus dem Schlaf geklingelt.

»Nach den theoretischen Reden, die Sie heute Nachmittag gehört haben, interessieren Sie sich für die praktische Umsetzung? Ich hole Sie ab.«

Jetzt stehen sie beide hier und betrachten das, was sich als schlampig abgesteckter, aber sehr blutiger Tatort darbietet. Dann nähert sich Daquin dem Mäuerchen.

»Commissaire Daquin, Inspecteur Delmas, wir sind von der Kriminalpolizei. Wer von Ihnen hat die Bereitschaft angerufen, um ein Gewaltverbrechen zu melden?«

Der Wirt steht auf. »Das war ich, ich habe angerufen.«

»Warum? Unsere Kollegen waren offensichtlich schon hier.«

»Sofort nach den Schüssen habe ich die Rettung und das Kommissariat angerufen.« Er unterbricht sich, wendet sich an die Jugendlichen. »Macht uns einen Tee, für alle, wir kommen dann zu euch.« Als sie weg sind, fährt er fort: »Wenn es bisher nachts Probleme wegen Schlägereien gab, war unser Kommissariat geschlossen, und wir haben den Évêché angerufen. Seit vierzehn Tagen ist das Kommissariat nachts geöffnet, und die Polizisten, die oft in die Bar kommen, um sich ein Gläschen ausgeben zu lassen, wiederholen jedes Mal: ›Wenn es jetzt nachts Probleme gibt, rufst du uns an.‹ Ich habe also dort angerufen. Aber als ich sie sagen hörte: ›Niemand hat etwas gesehen, noch ein Fall, der schnell bei den Akten landet‹, da habe ich beschlossen, die Bereitschaft im Évêché anzurufen.«

Mohamed ergänzt: »Sie liefen auf dem Gehweg herum, da, wo mein Bruder hingestürzt ist. Sie haben zwei Kugeln gefunden, die haben sie mit bloßer Hand aufgehoben, sie haben sie den anderen Polizisten gezeigt, die sie ebenfalls angefasst haben. Sie hatten keine Handschuhe. Im Film machen Polizisten so was nicht.«

Daquin lächelt ihm zu. »Im echten Leben eigentlich auch nicht.«

Der Wirt nimmt den Faden wieder auf. »In der Bar wird derzeit viel diskutiert. Fast jeden Tag sterben Algerier, die Polizisten suchen nicht groß. Meine Gäste sagen: ›Die Nummer der Bereitschaft hat besser funktioniert als das Kommissariat.‹ Deshalb habe ich, als ich sah, wie sie vorgingen, die Bereitschaft angerufen.«

Daquin und Delmas sprechen sich kurz ab, dann Daquin: »Gehen wir nach drinnen und trinken den Tee. Sie erzählen uns alles, was passiert ist, von Anfang an. Wir schreiben einen Bericht, so vollständig wie möglich. Im Anschluss ist es ein Richter oder Staatsanwalt, der entscheidet, welches Polizeiteam mit dem Fall betraut wird. Ohne Garantie also. Einverstanden?«

Sie setzen sich alle um zwei Tische, jeder schlürft sein Glas Tee, der Wirt schildert den Ablauf des Abends, von Anfang an. Dann bittet Daquin, die Tische und Stühle wieder wegzuräumen, um den Gastraum in den Zustand zum Tatzeitpunkt zurückzuversetzen. In der Mitte des großen leeren Saals ein Lichtfleck, umschlossen von Schatten.

»Jeder geht an den Platz, wo er sich beim ersten Schuss aufhielt, und Sie werden die Szenen haargenau nachspielen, Episode für Episode, wie im Theater. Die Bewegungen sind sehr wichtig, führen Sie wieder die gleichen Bewegungen aus. Sobald Ihnen eine Erinnerung kommt, sagen Sie es, wir notieren, was immer es ist, zögern Sie nicht. Wenn wir eine Szene wiederholen müssen, tun wir es, das ist kein Problem, wir haben Zeit, hetzen Sie sich nicht. Sie, Mohamed, waren nicht dabei, setzen Sie sich an die Seite, rühren Sie sich nicht, sagen Sie nichts. Kann es losgehen?«

Der Wirt, gebückt hinter der Bar, räumt Flaschen und Geschirr weg. Er erklärt: Wenn er sich aufrichtet, kann er Maleks Rücken erkennen, aber nicht den tiefer liegenden Boulevard. Slimane wischt den Boden in der Nähe der Straßenfront, eine Mauerecke verdeckt für ihn Malek und den Boulevard. Der zweite Jugendliche, Chafik, ganz hinten im sehr dunklen Teil des Saals, stapelt die Tische und Stühle aufeinander, um Platz zu schaffen und in diesem Teil des Raums den Boden zu wischen. Erster Schuss, »nicht sehr laut«, sagt der Alte, »wie in der Ferne« (Delmas notiert: mit aufgesetztem Lauf? Medizinischen Befund prüfen), Slimane und er schrecken hoch, rühren sich aber nicht vom Fleck. Chafik zögert, sagt dann: »Den habe ich nicht gehört.« Daquin gibt ein Zeichen: Wir machen weiter. Zweiter Schuss kurz nach dem ersten, »die Detonation ist lauter«, sagt der Wirt, Slimane und er lassen alles stehen und liegen und stürzen zur Terrasse.

Chafik sagt: »In diesem Moment höre ich einen Schuss. Für mich ist es der erste, den davor, von dem die beiden sprechen, habe ich nicht gehört, vielleicht der Krach vom Tische­stapeln … Ich stand mit dem Rücken zur Straße, vielleicht habe ich ein Geräusch gehört und dachte nicht, dass es ein Schuss war …«

»Wir haben verstanden. Machen Sie weiter.«

Der Wirt und Slimane erreichen gleichzeitig die Tür, drängeln sich hindurch, und als sie auf der Terrasse sind, sehen sie als Erstes Maleks Körper, der unterhalb auf dem Gehweg liegt, blutüberströmt. Panik. Der Wirt hebt den Kopf und nimmt durch eine Art Nebel zwei Wagen wahr, die hintereinander den Boulevard entlangfahren und sich in Richtung Chemin de la Madrague-Ville entfernen.

»Um die Wagen kümmern wir uns später. Bleiben wir noch bei den Schüssen. Was machst du unterdessen, Chafik?«

»Als ich sehe, dass sie ihre Arbeit hinwerfen und nach draußen rennen, lasse ich auch alles fallen und folge ihnen mit etwas Verzögerung in Richtung Terrasse, und als sie an der Tür sind, in dem Moment, als sie sich drängeln, um schneller rauszukommen, da bin ich selbst noch im Saal, ich höre einen Schuss. Für mich ist es der zweite, weil ich den ersten nicht gehört habe.«

»Diesen Schuss haben wir beide nicht gehört«, bemerken der Wirt und Slimane.

»Sie erinnern sich nicht daran, dass Sie ihn gehört haben, zu sehr in Eile, dann der Riesenschock, als Sie Maleks Körper entdecken.«

Daquin und Delmas diskutieren kurz miteinander. Ihre Schlussfolgerung: Aller Wahrscheinlichkeit nach gab es drei Schüsse, das Vorgängerteam hat Mohameds Bericht zufolge zwei Patronenhülsen aufgelesen, es existiert also vielleicht noch eine dritte. Delmas übernimmt es, sie zu suchen, holt eine Stablampe aus ihrem Polizeiwagen und macht sich an die Arbeit.

Daquin schlägt den drei Zeugen vor, sich jetzt mit den Autos zu befassen.

Slimane ergreift das Wort, sein Ton ist bestimmt. »Es waren zwei Autos, sie sind in den Minuten vor den Schüssen mehrere Male vor dem Café vorbeigefahren, ich habe sie nicht gesehen, aber gehört. Eins davon war ein großer deutscher Wagen, ich habe das Motorengeräusch erkannt. Ich denke, ein Mercedes.«

»Bist du dir da ganz sicher?«

»Ja. Ich arbeite, wann immer es geht, in einer Werkstatt in der Nähe von Marseille. Ich liebe Kfz-Technik, ich will das mal beruflich machen. Wir alle in der Werkstatt kennen das Motorengeräusch von einem schönen Mercedes. Sie sind vor den Schüssen zwei- oder dreimal vorbeigefahren, das fiel mir auf, zu dieser Nachtzeit war das seltsam.«

Chafik fügt hinzu: »Als ich rauskam, hatte ich den Boulevard in gerader Linie vor mir. Da war ein großer beigefarbener Wagen, der einzige, den ich gut sehen konnte, er stand halb auf dem Gehweg und fuhr los, er folgte einem anderen Auto. An der Kreuzung Chemin de la Madrague sind sie gemeinsam nach links abgebogen. Das Auto, das vorne fuhr, habe ich in dem Moment gesehen, es war rot, nicht neu und nicht schön, der Wagen dahinter war beige, es kann ein Mercedes gewesen sein. Vielleicht …«

»Als du sie hast abbiegen sehen, konntest du erkennen, wie viele Leute drinsaßen?«

Chafik überlegt mit gerunzelter Stirn. »Nicht so richtig. In dem großen Wagen habe ich hinten niemanden gesehen. Vielleicht waren Leute versteckt? Zwei Personen vorne? Ich bin nicht sicher.«

Delmas kommt mit einer Patronenhülse in einem Plastiktütchen zurück. Er hat seine Gummihandschuhe anbehalten, wahrscheinlich um in Mohameds Augen so seriös zu wirken wie ein Spielfilmbulle. In sein Heft hat er einen genauen Plan des Tatorts gezeichnet und von der Stelle, wo er die Hülse gefunden hat. Er stellt einen Tisch in die Raummitte, unter die helle Deckenlampe, und legt den Plan darauf, damit alle ihn sehen können. Mohamed tritt aus dem Dunkel und stellt sich dazu. Er wirkt um zehn Jahre gealtert, am Boden zerstört vom vor seinen Augen inszenierten Nachstellen des Anschlags auf seinen jüngsten Bruder und von dem Gefühl, in seiner Rolle als beschützender Ältester versagt zu haben. Daquin und Delmas beraten sich kurz, dann erklärt Delmas:

»Ich habe die Patronenhülse hier gefunden.« Ein Finger zeigt auf ein mit Bleistift eingetragenes Kreuz. »Sechs Meter von der Stelle, wo Malek hingestürzt ist, ungefähr drei Meter außerhalb des von unseren Kollegen als ›Tatort‹ abgesteckten Bereichs.« Er zeigt mit dem Finger auf jeden dieser Punkte auf seiner Karte. »Wir übergeben die Hülse den Kriminaltechnikern, sie ist für den Fortgang der Ermittlung von großer Bedeutung, und gefunden haben wir sie dank Chafiks Zeugenaussage.«

»Kann man mit der Hülse den Mörder finden?«

»Wenn der Schütze sie mit bloßer Hand berührt hat, ja, das ist möglich, aber wenn er ein kluger Mann ist, wird es keine Fingerabdrücke geben … Hingegen kann man anhand einer intakten Hülse nahezu mit Sicherheit feststellen, aus welcher Waffe die Patrone abgefeuert wurde, falls man die Waffe findet.«

Delmas fährt fort: »Ausgehend von den drei Hülsen und Ihren gesammelten Zeugenaussagen wäre dies ein mögliches und wahrscheinliches Szenario: Die zwei Autos kreiseln durchs Viertel, werden auf Malek aufmerksam, allein, ohne Zeugen ringsum, aber in Fahrtrichtung liegen die kleinen Sträßchen und Sackgassen, was für einen schnellen Abgang ungünstig ist. Deshalb kommen sie in Gegenrichtung zurück, mit der Möglichkeit, über den Chemin de la Madrague schnell wegzukommen. Der erste Schuss wird mit aufgesetztem Lauf oder aus nächster Nähe abgegeben, die Detonation ist daher wie gedämpft, was erklärt, dass Chafik sie nicht hört, der weit weg ist von der Tür. Der zweite Schuss wird abgegeben, während Malek fällt. Dann startet der Wagen des Täters, der dritte Schuss wird im Wegfahren abgegeben, der Motor überdeckt möglicherweise einen Teil des Geräuschs. Es sind folglich mindestens zwei Männer im Wagen, der Fahrer und der Schütze. Der Mercedes ist wahrscheinlich zur Unterstützung dabei und fährt hinterher, um dem Täterfahrzeug auf der Flucht Deckung zu geben. Das sind alles Hypothesen, wir klären das noch mit den Ärzten ab, die Malek behandeln.«

Daquin schließt: »Es ist fast drei, wir müssen noch unseren Bericht schreiben. Ihre Zeugenaussagen waren entscheidend. Wir hoffen wie Sie, dass Malek gerettet wird, und tun unser Möglichstes, damit die Ermittlung schnell zur Verhaftung der Mörder führt.«

Man trinkt ein letztes Glas Tee, verabschiedet sich mit Handschlag. Im Wagen knurrt Delmas: »Diese Irren waren mit Sicherheit heute Nachmittag bei der Beerdigung. Ich bin ihnen vielleicht über den Weg gelaufen.« Ein Moment Schweigen. »Glauben Sie, der Junge kann gerettet werden?«

»Nein. Haben Sie die Menge an Blut auf dem Gehweg gesehen? Und die Größe der Patronenhülse? Ich bin bei weitem kein Spezialist, aber das ist ein Kaliber, das tötet. Mit aufgesetztem Lauf, mitten in die Brust … Es war gewiss nicht an uns, ihnen das zu sagen.«

Um vier Uhr früh kommt Adel, der jüngere der Brüder, bleich, in Tränen aufgelöst, zum Café zurück und verkündet Maleks Tod.

Mittwoch, 29. August
Le Quotidien de Marseille

Auf der Titelseite:

Marseiller erweisen letzte Ehre

Die gesamte Zeremonie ging in Ruhe und Würde vonstatten.

In einem Extrakasten:

Für den ganzen Tag herrscht Demonstrationsverbot.

Seite 3:

La Calade: 16-jähriger Algerier mit zwei Schüssen niedergestreckt. Die Angreifer konnten unbehelligt flüchten.

In der Nacht hat man die Leiche eines Nordafrikaners in einer Blutlache entdeckt. Nichts deutet darauf hin, dass es sich um eine rassistische Tat handelt.

Ein Algerier, S. G., wurde mit einer Axt am Kopf verletzt, als er an den Bahngleisen entlanglief. Es soll sich um einen Racheakt handeln.

In einem Extrakasten:

Bougrine wurde keiner operativen Schädelöffnung unterzogen, sein Gesundheitszustand ist stabil.

Presseerklärungen

Témoignage chrétien: »Der Rassismus überrollt Marseille … Wir haben genug davon.«

Die beiden Gewerkschaften CGT und CFDT prangern »Hasspropaganda« an: »Die Staatsmacht überlässt das Feld rassistischen und faschistischen Gruppen, die den Kolonialkriegen nachtrauern.« Mitunterzeichner: Association France-Algérie, PSU, Jeunes socialistes, Licra, Amicale des Algériens en Europe.

Die Familie Khider bewohnt seit 1957 eine Vierzimmerwohnung in der zehnten Etage des Hochhausriegels in Campagne-Lévêque, nicht weit vom Durchgangslager in La Calade und von der Bar-Tabac Le Terminus. Als die zwei Brüder im Morgengrauen dorthin zurückkehren, wissen sie schon vor dem Eintreten, dass die Wohnung leer ist. Der Vater ist im Krankenhaus, Arbeitsunfall, die Mutter seit fast zehn Jahren tot. Und Malek … Die Wohnungstür zu öffnen ist eine Prüfung. Stille, Dunkelheit. Die Wohnung noch warm von der am Vortag gestauten Hitze.

Nach zwei Stunden von Hochschrecken unterbrochenem Dämmerschlaf steht Mohamed auf, duscht, vergewissert sich, dass Adel zu schlafen scheint, und verzieht sich zur Café-Bar La Calade gleich am Fuß der Siedlung, wo er Stammgast ist. Er will in seiner Firma in La Ciotat anrufen. Er ist in einem guten Team, er liebt seine Arbeit und seine Kameraden, aber heute, nein, heute geht er nicht arbeiten. Er kann nicht. Unmöglich. Nur kurz Bescheid sagen. In der Bar kennen alle die Neuigkeit von Maleks Tod. Der Wirt, die Stammgäste umarmen ihn wortlos, mit tränenglänzenden Augen. Das Telefon steht auf dem Tresen. Mohamed geht hin, der Wirt und die Gäste ziehen sich in den angrenzenden Raum zurück, Mohamed dankt ihnen mit einer Kopfbewegung. Er ruft im Sekretariat seiner Firma an, langes Klingeln, keine Reaktion. Er wählt noch einmal, eine Männerstimme, die er nicht kennt, meldet sich, und kaum hat er seinen Namen gesagt, wird er, ohne zu Wort zu kommen, informiert, dass es in der Nacht einen Anschlag auf die Firma gegeben hat, mehrere Molotow­cocktails, es hat gebrannt, die Schäden sind erheblich.

»Eine auf die Reinigung von Werften und Hafenanlagen spezialisierte Firma, eine qualifiziertere und besser bezahlte Arbeit als das Fegen von Rinnsteinen, ein algerischstämmiger französischer Boss, die Mehrheit der Arbeiter Nordafrikaner, nein, niemand glaubt, dass die Molotowcocktails absichtslos geworfen wurden … Ach, ein Typ aus deinem Team, Béchir, steht neben mir, willst du ihn sprechen?«

Béchir, ein Tunesier, herzlich … besonders. Im vergangenen Frühling ist er in den Hungerstreik getreten, hier in Marseille, als er infolge des Runderlasses Marcellin-Fontanet plötzlich als »illegaler Einwanderer« dastand, so wie die tunesischen Arbeiter in Grasse, wie die Mehrheit der Gastarbeiter in Frankreich. Siegreicher Hungerstreik trotz der gewalttätigen Angriffe von Leuten, die Immigranten nicht mögen, und er hat seine Papiere, seine Arbeitserlaubnis, seine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Das ist auf den Werften bekannt. Respekt.

»Ja, gib mir Béchir.«

Für Mohamed fühlt sich Béchir fast wie Familie an, er erzählt ihm sachlich von Maleks Exekution, seiner Verzweiflung, seiner Unfähigkeit, zur Arbeit zu kommen.

»Das ist nicht das Problem, der Laden ist eh verwüstet, Material, Produkte, Verträge, Archiv, alles hat gebrannt. Kurzarbeit. Kümmere dich um dich und deine Familie. Wir sind alle bei dir, ganz nah, ganz warm. Kann ich dich morgen treffen?«

»Morgen Vormittag, bei mir zu Hause. Weißt du die Adresse? Der Hochhausriegel in Campagne-Lévêque, Trakt A …«

»Dann bis morgen.«

Mohamed geht zurück zur Wohnung und holt Adel ab, um den Vater im Krankenhaus zu besuchen, ihm die Ermordung von Malek zu melden, des letztgeborenen, am meisten geliebten Sohnes. Malek kam in Frankreich zur Welt, er gehört folglich nicht zum Oran-Kapitel der Familiengeschichte, dem schwärzesten, blutigsten. Der Vater und die Mutter stammten beide aus jenen armen Bauernfamilien im Osten der Provinz Oran, die 1942 durch die Gefechte des Zweiten Weltkriegs aus ihren Dörfern vertrieben wurden und nach Oran flohen, wo sie von allen Einwohnern der Stadt sehr schlecht aufgenommen wurden und in extremem Elend lebten. Sie heirateten 1949 und bekamen schnell zwei hübsche Jungen, und da der Vater es nicht schaffte, sie zu ernähren, ging er zum Arbeiten nach Frankreich, nach Marseille. 1957 ergatterte er diese Sozialwohnung in Campagne-Lévêque, und sehr bald darauf verabschiedete sich die Mutter von Oran und ihrer Familie und zog mit ihren zwei Ältesten zu ihrem Mann. Sie war schwanger, wenig später wurde Malek geboren, wie ein glückliches Omen, ein Zukunftsversprechen für die ganze Familie. Ein Versprechen, das sich nicht wirklich erfüllte: Die Mutter starb 1963, aufgezehrt vom Exil und dem Gram über die Abschlachtung fast ihrer gesamten Oraneser Familie durch die OAS. Der Vater und seine zwei Großen zogen den Jüngsten mit vereinten Kräften auf, die lebendigste Hinterlassenschaft der Mutter. Malek war der Zement, der diese Männerfamilie zusammenhielt.

Wie dem Blick des Vaters begegnen, wenn er sagt: »Du warst nicht da, um deinen Bruder zu beschützen«? Woher den Mut nehmen, wie die Worte finden? Mohamed braucht Adel an seiner Seite.

Der Vater liegt in seinem Krankenhausbett, gegen seine Kissen gelehnt, das Gesicht eingefallen, zornig. Er hat ein zerschmettertes Bein, böse Brüche, er wurde operiert, die Chirurgen haben ihm Drähte eingesetzt, die die Haut durchbohren, eindrucksvoll. Das Krankenhauspersonal hat ihm die Neuigkeit schon überbracht: Malek ist um drei Uhr früh ein paar Etagen entfernt auf dem Operationstisch gestorben. Seither schweigt er. Zu Mohamed und Adel sagt er nur vier Worte: »Der Mörder muss bezahlen.«

Commissaire Percheron bestellt Daquin und Delmas am späten Nachmittag in sein Büro.

»Ich habe Ihren Bereitschaftsdienstbericht zum Mord an Malek Khider an den Staatsanwalt weitergeleitet. Und ich war bei der Pressekonferenz, die er heute Nachmittag um 15 Uhr abgehalten hat. Er hat die Journalisten und ein paar anwesende Kollegen informiert, dass er ein beschleunigtes Verfahren zur Ermittlung der Todesursache eröffnet … Überhaupt, wissen Sie schon, dass der junge Khider noch in der Nacht gestorben ist?«

»Wir haben es geahnt. Und wir haben eine ziemlich genaue Vorstellung von der Todesursache. Zwei großkalibrige Kugeln mitten in die Brust, mit aufgesetztem Lauf. Er ist nicht aus Kummer gestorben.«

»Ein paar Journalisten haben Fragen zur aktuellen Welle von Gewalttaten in Marseille gestellt, die sie als rassistisch bezeichnen. Einige erwähnten auch einen Mord in Vallon des Tuves, von dem ich noch nichts gehört hatte …«

»Das war vor Ihrer Ankunft, ich hatte Bereitschaftsdienst, wir haben den Staatsanwalt kontaktiert, der uns geantwortet hat, dass er die Sûreté mit der Ermittlung betraut.«

»Heute hat der Staatsanwalt geantwortet, dass die Ermittlungen laufen und dass der rassistische Charakter dieser Angriffe nicht erwiesen sei, im Fall Khider so wenig wie bei den anderen Toten der jüngsten Vergangenheit.« Blick zu Daquin und Delmas, die das nicht kommentieren. »Im Anschluss hat der Polizeipräsident die offizielle Position der Regierung mitgeteilt: Es gibt keine Welle des Rassismus in Frankreich, deshalb darf man nicht von einem rassistischen Verbrechen sprechen, solange die Ermittlung das nicht eindeutig bewiesen hat. In so gut wie allen Fällen, die derzeit für Gesprächsstoff sorgen, handelt es sich um Konflikte unter Glaubensbrüdern, Schlägereien, Unfälle, manchmal vielleicht sogar Selbstmorde. Mit der höchst logischen Folge, dass der Staatsanwalt bei diesen Vorfällen im sozialen Nahbereich nicht die Kriminalpolizei einsetzt. Die Sûreté mit ihrer auf die Überwachung der Nordafrikaner spezialisierten Übersee-Einheit scheint ihm besser dafür gerüstet, diese spezielle Bevölkerungsgruppe einzuschätzen, als wir von der Kriminalpolizei.«

Ende der Unterredung.

Die beiden Männer gehen wortlos zurück zu ihrem Büro. Als sie eintreten, steht Grimbert auf.

»Sagen Sie nichts. Der Dicke Marcel hat mich verständigt. Die Sûreté macht das Rennen.«

»Ja. Offiziell. Die Kriminalpolizei ist aus dem Spiel.«

»Damit musste man rechnen. Wie bei allen anderen Morden an Algeriern.«

»Hast du ihre Anzahl in Erfahrung gebracht?«

»Ich habe es versucht. Schwierig, es genau zu beziffern.«

»Auf wie viele kommst du?«

»Die Zahlen schwanken. Für die Stadt Marseille im engeren Sinne ergeben die offiziellen Zahlen drei Tote zwischen dem 14. August, dem Tag des Mordes in Vallon des Tuves, und der Ermordung von Guerlache am 24. August: zwei durch Schüsse, ein dritter mit eingeschlagenem Schädel. Vom 24. bis zum 28. August, zwischen Guerlaches Tod und seiner Beerdigung, haben wir zwei weitere Morde an Nordafrikanern: eine Leiche, die am Vieux-Port gefunden wurde, ohne genauere Angaben, und ein durch Schläge mit einem Stein zerschmetterter Schädel. Und nochmals drei Tote letzte Nacht und heute Morgen: ein Algerier mit einer Axt erschlagen, ein im Vieux-Port Ertrunkener mit Steinen an den Füßen und unser Malek Khider, erschossen. Macht acht Tote in zwei Wochen. Im Durchschnitt etwas mehr als ein Toter alle zwei Tage. Aber das sind die offiziellen Zahlen, die Realität sieht höchstwahrscheinlich anders aus. Hin und wieder findet man die Leiche eines Algeriers, die seit längerer Zeit an einem einsamen Ort oder im Wasser lag, ohne dass man genau weiß, wann oder wie er umgekommen ist, Unfall, Selbstmord vielleicht, folglich wird er in den offi­ziellen Zahlen der aktuellen Mordwelle nicht berücksichtigt. Außerdem geht ein Verletzter, der noch mehr als vierundzwanzig Stunden lebt, ehe er stirbt, nicht in die Todesstatistik ein. Und niemand führt Buch über die Verletzten. Wenn auf eine Gruppe Nordafrikaner geschossen wird, oder auf eine Einzelperson, und man protokolliert keinen Toten oder Sterbenden, vermerken die offiziellen Statistiken bloß: kein Opfer. Und wir hatten in den zwei Sommermonaten über zwanzig Schüsse auf algerische Cafés und Unterkünfte oder auf Gruppen oder einzelne Einwanderer. Noch nicht mitgerechnet die Brandanschläge auf Wohnhäuser oder Firmen. Zu diesen Anschlägen ist keine einzige Zahl veröffentlicht. Tatsächlich gab es seit der Sache in Grasse am 12. Juni hier in Marseille und Umgebung praktisch täglich gewalttätige Zwischenfälle, deren Opfer gemäß offiziellen Statistiken allesamt Nordafrikaner sind. Um genau zu sein: Bis hierher ist die überwiegende Mehrheit der Opfer algerisch. Dieser Beschuss kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr. Der Algerienkrieg ist nicht vorbei.«

Delmas fragt: »Wie kommt es, dass die Presse bis vor wenigen Tagen nichts darüber gebracht hat? Und dass wir nicht alle mobilisiert werden, um das Gemetzel zu beenden? Schlimmer noch, wir bei der Brigade Criminelle sind nicht mal auf dem Laufenden.«

»Weil die Regierung, der Staatsanwalt, die Sûreté die Informationen unter Verschluss halten, und weil die Zeitungen sich überwiegend auf ihre Quellen bei der Sûreté verlassen.«

»Grimbert, nennen wir das Kind doch beim Namen. Wir sind hier in Marseille mit einer Terrorwelle konfrontiert, die sich gegen nordafrikanische Einwanderer richtet, die an den Algerienkrieg anknüpft und wahrscheinlich an den Terrorismus der OAS. Und offensichtlich lautet die Anweisung an Polizei und Justiz, wegzuschauen. Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Es wird schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesellschaft nach sich ziehen, aber auch auf die Funktionsweise unserer Dienste. Das wissen Sie so gut wie ich.«

Schlagartige Kälte im Büro. Delmas schlägt vor, im Anbau ein Glas zu trinken. Er hält das in Anbetracht der Umstände für das einzig Richtige.

»Gehen Sie schon mal vor«, sagt Daquin, »ich mache noch einen Anruf, dann komme ich nach.«

Bedürfnis nach einer Pause, einem Atemholen, nach Wärme, nach Haut. Einzige Möglichkeit: Vincent. Daquin greift zum Telefon.

»Vincent? Ich kriege keine Luft, ich ersticke. Finde einen Weg, wie ich deine Stadt heute Abend lieben kann.«

»Nichts leichter als das. Ich hole dich in einer Stunde vorm Rathaus mit dem Wagen ab.«

Diskretes Treffen des Polizeipräsidenten mit seinen engsten Mitarbeitern in seinem Büro. Es geht darum, zwei Hoch­risiko-Tage einer schnellen Bilanz zu unterziehen: Das Verteidigungskomitee der Bürger von Marseille hatte seit dem 27. August mit viel Lärm für den 29. zu einer Großdemonstration gegen illegale Einwanderung aufgerufen. Die Präfektur fürchtete die Kontrolle über die Situation zu verlieren und eine Straßenschlacht zwischen extremer Rechter und extremer Linker mitten in der Innenstadt nicht verhindern zu können.

Der engste Berater des Polizeipräsidenten stellt fest: »Pereira war für unsere Argumente zugänglich. Er hat den Demon­strationsaufruf zurückgezogen, und es hat keine Demonstration gegeben. Er ist ein zuverlässiger Mann, der seine Leute im Griff hat. Ein vertrauenswürdiger Gesprächspartner.«

Der Polizeipräsident schließt: »Gestern bei der Beerdigung von Guerlache und heute den ganzen Tag keine besonderen Vorkommnisse. Die gefährlichste Zeit ist vorüber. Gutes Krisenmanagement. Wir können mit uns zufrieden sein. Danke, meine Herren.«

Daquin steigt in Vincents Wagen, kippt die Lehne des Beifahrersitzes nach hinten, streckt sich aus, entspannt sich, schließt halb die Augen.

»Eine Nacht fast ohne Schlaf und nicht aus reiner Glück­seligkeit, ich bin müde. Sag mir nicht, wohin du mich bringst. Überrasch mich.«

Vincent lächelt, bemüht sich um eine sanfte Fahrweise. An einem Wochentag abends aus dem Zentrum von Marseille herauszukommen, ist kein leichtes Unterfangen. Als er den Motor abstellt, öffnet Daquin die Augen. Sie stehen vor einer sehr schönen Villa aus dem 19. Jahrhundert, die auf einer Felsspitze liegt und in ein Hotel-Restaurant umgewandelt wurde, Le Petit Nice. Dahinter erahnt man das Meer, man ist hier an der Corniche, also nicht wirklich eine Überraschung, sagt sich Daquin. Sie treten ein, durchqueren die riesigen Empfangsräume und gelangen in den terrassenförmig angelegten Garten. Schock. Ich bin darauf gefasst, ich wappne mich, und doch haut es mir die Augen raus. Ein unermesslicher Horizont, das Meer überall, glitzernd, zudringlich, der Geschmack von Salz auf seinen Lippen, Ewigkeit im Herzen. Im Vordergrund das üppige Grün der Restaurantterrassen, im Hintergrund, dezent, ein Saum karger Granitfelsen, und davor, zum Greifen nah, eine winzige Insel wie ein brauner Tupfer, um das Blau noch blauer zu machen. Etwas weiter in der Ferne, zum Träumen, eine andere Insel, die Festung Château d’If. Ein kostbarer Moment voller Sinneseindrücke und Gefühle, den er in einem Winkel seiner Erinnerung bewahren muss.

»Danke, Vincent.«

»Meine Kanzlei hält hier offenen Tisch, und sie ist es auch, die heute Abend zahlt. Das Petit Nice ist eine Institution des Marseiller Establishments, der ideale Ort für diskrete, in­offizielle Arbeitstreffen rund um eine gute Tafel, so wie unser heutiges Abendessen zwischen einem Anwalt des Marseiller Gangstertums und einem Commissaire der Kriminalpolizei.«

Lächeln. »Hübsche Tarnung. In deiner Stadt ist Vorteils­annahme eine ehrenwerte Handlung, die Liebe unter Männern hingegen nicht.«

Ihr Tisch ist am äußersten Ende der Terrasse gedeckt, direkt über der steilen Felswand, etwas abseits vom Gros der Gäste. Daquin sucht den Wein aus, einen Blanc de Cassis, und der Ober bringt eine gemischte Vorspeisenplatte, Tintenfisch, Supion, Muscheln, Meeräschen­rogen und verschiedenste Nüsse und Kerne. Daquin kostet den Wein, kalt, kein edler Tropfen, aber so gefällig, die Erinnerung an ein anderes Abendessen an der Corniche steigt in ihm hoch, der erste Fall in seiner jungen Karriere, erst ein paar Monate her, mit dem gleichen Blanc de Cassis, diese Reminiszenz verleiht ihm zusätzlichen Charakter. Perfekt. Während sie die Vorspeisen knabbern und die Flasche leeren, bringt Vincent das Gespräch in Gang.

»Ich war heute Nachmittag bei der Pressekonferenz des Staatsanwalts. Ich hatte gehofft, dir dort zu begegnen …«

»Und ich war nicht da.«

»Und das war ein Fehler. Du musst mit Journalisten verkehren, das ist ein beruflicher Imperativ. Die nämlich gewährleisten in dieser Stadt den Informationsfluss zwischen den verschiedenen Polizeiapparaten, die einander hassen und nicht miteinander reden, und ebenso zwischen den Anwälten und den Polizisten, in beiden Richtungen. Um an diesem Kreislauf teilzunehmen, muss man sich blicken lassen und trinkfest sein, da bist du gut gerüstet, soweit ich mich erinnere. Aber du bist nicht zur Pressekonferenz gekommen. Warum?«

»Was denkst du?«

»Weil die Algeriermorde das Jagdrevier der Sûreté sind und du deshalb schmollst?«

»Ja, so in etwa.«

»Du machst da einen Fehler.«

»In jeder anderen französischen Stadt fallen solche komplexen Mordfälle in die Zuständigkeit der Kriminalpolizei. Diese Typen von der Sûreté machen uns das Revier streitig und schnüren mir die Luft ab.«

»Man überträgt diese Fälle der Sûreté nicht, damit sie erfolgreich abgeschlossen werden, man überträgt sie ihr, damit sie niemals aufgeklärt werden. Es gibt hier eine Art, die Dinge zu sehen, eine Geisteshaltung, eine Kultur, nenne es, wie du willst, die von allen geteilt wird: Worüber man nicht spricht, das existiert nicht. Also spricht man nicht über rassistische Verbrechen. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Keine Ermittlungen, eingestellte Verfahren und vor allem kein Prozess – schon wegen diesen ganzen Schmierfinkjournalisten. Vergebene Liebesmüh, du würdest nur deine Zeit verschwenden.«

»Das weiß ich alles, aber es lächelnd hinzunehmen …«

Der Ober kommt, räumt den Tisch ab, entkorkt eine zweite Flasche Blanc de Cassis und serviert ihnen zwei gedünstete Wolfsbarschfilets, offenbar das Rezept der Mutter vom Küchenchef. Exzellent. Daquin, zurückgelehnt, Glas in der Hand, Geist im freien Flug, Blick aufs Meer, atmet den Geruch der offenen See, herangetragen von dem Lüftchen, das den Sonnenuntergang ankündigt. Filz aus stillschweigender Duldung und Kompromissen. Wahrscheinlich überall gleich. Der typische Marseiller Stil liegt in der Komplexität der Interaktionen und dem Zynismus, mit dem jeder damit hausieren geht und darin schwelgt. Stolz darauf, Marseiller zu sein. Bilder der vergangenen Nacht, die Blutlachen, der Alte und der Bruder tief getroffen, die beiden Jungen, die sich so eifrig ihrer Erinnerungsarbeit widmen, wie werden sie alle reagieren? Die Abrechnung-im-Milieu-Version schlucken? Sich wehren? Und du, Commissaire, bist du bereits tot? Beweg dich, lebe, mach deine Arbeit. Wie deine Krallen in diese Ermittlung schlagen?

Als der Ober geht, nimmt Daquin den Faden wieder auf. »Sag mal, bei der Pressekonferenz heute Nachmittag hat der Staatsanwalt auch angekündigt, dass er ein beschleunigtes Verfahren eröffnet, um die Todesursache zu ermitteln bei einem Jungen, dem man mit aufgesetztem Lauf zwei großkalibrige Kugeln mitten in die Brust geschossen hat. Ich kann mir vorstellen, dass er Zeit gewinnen will, aber wofür?«

»Richter Bonnefoy, Cheftotengräber der mit dem Etikett ›eingestellt‹ versehenen Ermittlungen, ist im Urlaub. Der Staatsanwalt hat ihn gebeten, zurückzukommen, damit er die Untersuchung als Morduntersuchung neu einstufen und ihm im Anschluss gleich die Aufsicht übertragen kann, deshalb wartet er. Man kann nie vorsichtig genug sein.«

»Verstanden. Noch etwas anderes. Dein Vallon des Tuves-Fall wurde, wenn ich nicht irre, von einigen Journalisten auf der Pressekonferenz angesprochen.«

»Ja, stimmt.«

»Ein rassistischer Mord?«

»Sagen wir, der Schütze ist ein Franzose, der Nordafrikaner nicht leiden kann und als Einziger bewaffnet war. Was du daraus machst, ist deine Sache …«

»Das ist nicht der erste Vorfall dieser Art, ich verstehe nicht, warum das den Chef der Sûreté auf den Plan ruft und warum du bereit bist, deinen Urlaub abzubrechen, um den Fall zu übernehmen.«

»Weil der Schütze ein kleiner Chef in einer ›delikaten‹ Sicherheitsfirma ist. Weil der Lage mit simplen Ausweichmanövern und Hinhaltetaktik nicht beizukommen war. Und man bestellt mich, weil ich gut bin.«

Die Nacht ist hereingebrochen, grau und bläulich, durchscheinend und dunkel. Die Farbe von Vincents Augen vor der Liebe, wenn die Begierde brennt, meine, seine, denkt Daquin, der beim abschließenden Cognac angekommen ist. Mein Gelegenheitsliebhaber, nicht genial, aber gefügig und genießerisch. Honoriger Anwalt, zynisch, geschmeidig und findig, diese ganze Feigheit, die sich ihres guten Rechts so sicher ist. Lust, dich gleich hier zu nehmen, auf diesem Tisch, mit Gewalt, um dich zu zeichnen. Unmöglich. Frustrierend. Wenn ich es eines nahen Tages schaffe, die Sûreté und ihre Tricks zu ficken, das Vergnügen am Bullenmetier wiederzufinden, an der Jagd, dem Blutgeruch, dem Adrenalin, der Beute, dem harten Zuschlagen – dann tue ich es. Ich tu es, bevor ich hier abhaue.

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Janr və etiketlər

Yaş həddi:
18+
Litresdə buraxılış tarixi:
25 may 2021
Həcm:
380 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783867548366
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