Kitabı oxu: «Schwarzes Gold»

Şrift:


Dominique Manotti

SCHWARZES GOLD

Aus dem Französischen

von Iris Konopik

Ariadne Kriminalroman 1213

Argument Verlag

Schlaglicht: eine Hochzeit in New York. Späte Sechziger, doch statt der damit gern assoziierten Flowerpower fällt der Blick auf höfische und intime Rituale in einer Schaltzentrale der Macht, wo man Weichen stellt, von deren Existenz die gemeine Verbraucherschar nichts zu ahnen hat.

Schlaglicht: ein noch junger Commissaire Daquin betritt den Bahnhofsvorplatz von Marseille, Stadt der Schurken und Banditen, Tor zur Welt, brodelnder Moloch zwischen Klassenkampf und Krise, für manche ein Sprungbrett, für andere Endstation.

Kugeln treffen ihr Ziel, Deals gehen über die Bühne, und hinter den Kulissen des sonnenbeschienenen Mittelmeerhafens spinnen die kleinen und großen Geschäftemacher an ihren Netzen. Manottis Marseille fängt in Makro-Aufnahmen von extremer Schärfe und kühler Sinnlichkeit die intrigenstrotzende Wirtschaftspolitik der Siebziger ein. Präzise Action in einem harsch skizzierten Fresko der leidenschaftslosen Gewalt: Die Akteure sind Spieler, der Einsatz ist heute noch derselbe. Es ist unsere Welt.

Falls wir eine Chance haben, durch Literatur die Geschichte zu begreifen, dann ist Manotti eine unserer kostbarsten Dozentinnen. Vive la révélation. Else Laudan

Weiterführende Links finden sich am Ende des Buches.

Inhalt

Cover

Titel

Schlaglicht

Prolog

Mai 1966, New York

1 - Sonntag, 11. und Montag, 12. März 1973

Sonntag, Marseille

Montag, Marseille

2 - Dienstag, 13. März 1973

Dienstag im Morgengrauen, Nizza

Dienstagmorgen, Marseille

Dienstagnachmittag, Nizza

3 - Mittwoch, 14. März 1973

Mittwoch, Marseille

4 - Mittwoch, 14. und Donnerstag, 15. März 1973

Mittwochabend, Nizza

Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, Hafen von Istanbul

Donnerstagmorgen, Cap Ferrat

5 - Donnerstag, 15. März 1973

Donnerstagmorgen, Marseille

Donnerstag, Nizza

Donnerstagnachmittag, Marseille

Donnerstagabend, Nizza

6 - Donnerstag, 15. März 1973

Donnerstag, Genf

7 - Freitag, 16. März 1973

Freitagmorgen, Marseille

Freitagnachmittag, Marseille

Freitag, Istanbul

8 - Samstag, 17. März 1973

Samstagmorgen, Marseille

Samstagvormittag, Malta

Samstagnachmittag, Marseille

Samstag, Istanbul

9 - Freitag, 16. und Samstag, 17. März 1973

Freitagnachmittag, St. Moritz

Samstagmorgen, Cap Ferrat

Samstagnachmittag, St. Moritz

10 - Sonntag, 18. und Montag, 19. März 1973

Sonntag, Marseille

Sonntagnachmittag, Nizza

Montagmorgen, Cap Ferrat

11 - Montag, 19. und Dienstag, 20. März 1973

Montagnachmittag, Marseille

Dienstag, Marseille

12 - Mittwoch, 21. März 1973

Mittwoch, Nizza, Saint-Tropez

Mittwoch, Marseille

13 - Mittwoch, 21. und Donnerstag, 22. März 1973

Mittwochvormittag, Cap Ferrat

Mittwochnachmittag, Genf

Donnerstagmorgen, Cap Ferrat

14 - Donnerstag, 22. März 1973

Donnerstag, Malta

15 - Donnerstag, 22. März 1973

Donnerstag, Saint-Tropez

Donnerstag, Marseille

16 - Freitag, 23. März 1973

Freitagvormittag, Marseille

Freitagnachmittag, Marseille

Freitagabend, Marseille

17 - Samstag, 24. und Sonntag, 25. März 1973

Samstagmorgen, Cap Ferrat

Sonntagabend, Johannesburg

18 - Samstag, 24. März 1973

Samstag, Marseille

Samstagabend, Nizza

19 - Sonntag, 25. März 1973

Sonntag, Marseille

Sonntagabend, Saint-Tropez

20 - Montag, 26. und Dienstag, 27. März 1973

Montag, Marseille

Dienstag, Marseille

21 - Mittwoch, 28. bis Freitag, 30. März 1973

Mittwoch, Marseille, Nizza

Freitag, Marseille

22 - Samstag, 31. März und Sonntag, 1. April 1973

Samstag, Marseille

Sonntag, Nizza, San Remo

Nachwort in Form einiger Zahlen

Weiterführende Lektüre, Links etc.

Impressum

Prolog

Mai 1966, New York

Im Monat Mai ist das Wetter schön in New York, die Luft seidig, noch fern von der drückenden Hitze des Sommers, eine gute Zeit für gesellschaftliche Ereignisse. Am heutigen Tag feiert man in der Großen Synagoge auf der Fifth Avenue die Hochzeit von Michael Frickx, dem Star-Trader von Co Trade, einem im Erzhandel tätigen Unternehmen mit Sitz in New York, und Emily Weinstein, Enkelin von Nat Weinstein, dem Besitzer der Südafrikanischen Minengesellschaft.

Nach der religiösen Zeremonie und vor dem großen Dinner mit mehreren hundert Gedecken in einem der großen Hotels der Stadt empfängt Joshua Appelbaum, Boss von Co Trade, bei sich zu Hause fünfzig Vertraute, um ihnen die junge Ehefrau persönlich vorzustellen und das Ereignis unter Freunden zu begießen.

Er bewohnt ein zweistöckiges Penthouse auf einem Wolkenkratzer an der Fifth Avenue. In einem an die Vorhalle angrenzenden kleinen Salon empfängt er seine Gäste in Gesellschaft der zwanzigjährigen Braut. Die Gäste mustern sie neugierig und mit einer Spur Argwohn. Niemand kennt sie, sie kommt direkt aus Südafrika, ein englischsprachiges Land, das schon, aber furchtbar … exotisch und unheimlich. Groß, schlank, kurzgeschnittenes braunes Haar, dunkle Augen und strahlendes Lächeln, hübsch verpackt in ihrem braven langen, kaum dekolletierten weißen Kleid, einladend und linkisch zugleich, ähnelt sie einer beliebigen Tochter aus gutem amerikanischem Hause. Günstiges Urteil, eine salonfähige junge Frau. An ihrer Seite ihr Ehemann Michael – dreiunddreißig Jahre alt, sehr groß, elegant in einem gut geschnittenen dunklen Anzug, das kastanienbraune kurze Haar ordentlich frisiert, längliches Gesicht, bewegliche Mimik, immer strahlend –, der die Gäste mit offenen Armen begrüßt. Für jeden hat er ein Wort, ein Lächeln, eine Anekdote, sein Gedächtnis funktioniert wie eine Kriegsmaschine. Glückwünsche, Umarmungen, er ist das Hätschelkind der Freunde von Jos.

Dann steuern die Gäste den großen Salon an, dessen Glasfront auf eine Terrasse hoch über dem Central Park führt. In der Türöffnung kommen sie an der Ketubba vorüber, der Heiratsurkunde von Emily und Michael, die auf einer Staffelei ausgestellt ist. Ein in Kalligraphie geschriebenes Dokument auf Aramäisch, verziert mit einem Muster stilisierter Blumen und Früchte, die sich in das Geschriebene ranken. Jeder Gast beugt sich über die Urkunde, bemüht, die Unterschriften der Zeugen zu entziffern. Joshua Appelbaum, ihr Gastgeber, hat für den Bräutigam gezeichnet. Nat Weinstein konnte als Blutsverwandter der Braut nicht selbst für seine Enkelin unterschreiben, darum hat das sein Stellvertreter bei der Südafrikanischen Minengesellschaft übernommen, Generaldirektor Leo Blumenfeld, der eigens für die Zeremonie aus Johannesburg angereist ist. Nachdem sie die nebeneinander stehenden Unterschriften mit eigenen Augen gesehen haben, gehen die Gäste weiter in den großen Salon, wo drei Buffets mit Getränken und allerlei Amuse-Gueules angerichtet sind, fügen sich zu Gruppen zusammen, die Frauen auf der einen Seite, die Männer auf der anderen, und unterhalten sich angeregt.

Ein paar Frauen wundern sich: Die Eltern des Brautpaars sind nicht anwesend? Leider nicht, die jungen Leute sind beide Waisen, die Ärmsten. Pflichtschuldige Seufzer. Michael wurde, viele wissen es bereits, in Anvers geboren, hat Vater und Mutter 1943 in den Konzentrationslagern verloren und ist dann als Zehnjähriger mit seiner Tante in den Staaten gelandet. Sie, die arme Kleine, hat Vater und Mutter bei einem Flugzeugunglück verloren, als sie zwei Jahre alt war. Sie wurde von ihrem Großvater Nat Weinstein großgezogen.

Die Männer reden über die beiden Unterschriften, Appelbaum und der Vertreter Weinsteins auf ein und demselben Dokument. Ein Erdbeben in der Geschäftswelt, versteigen sich einige zu sagen. Die Allianz von Co Trade, dem Weltmarktführer im Erzhandel, und der Südafrikanischen Minengesellschaft, die Roherze fördert und überreiche Vorkommen besitzt, ohne derzeit über die Absatzmöglichkeiten zu verfügen, die eine wirtschaftliche Ausbeutung ermöglichen: eine ungewöhnliche Heirat zwischen Rohstoffförderer und -händler, die die traditionelle Ökonomie beider Sektoren ordentlich erschüttern wird. Die Börse hat das übrigens gleich erkannt. Als sich die Nachricht von der Hochzeit vor zwei Wochen herumzusprechen begann, hat Co Trade an einem Tag um zwanzig Prozent zugelegt. Und der Börsenrausch ist seitdem nicht abgeflaut. Wirklich eine vorteilhafte Partie.

Als alle Gäste willkommen geheißen und der Braut vorgestellt sind, umarmt Jos Emily. »Madam, Sie sind perfekt. Ich hoffe, Ihnen in diesem fremden Land ein treuer Freund zu sein, auf den Sie immer werden zählen können. Jetzt entspannen Sie sich, amüsieren Sie sich ein wenig mit Ihren Gästen, ich entführe Ihnen für ein paar Minuten Ihren Mann, Ihr Großvater erwartet uns in meinem Arbeitszimmer.«

Emily betritt den großen Salon, drei Geiger stimmen ihre Instrumente. Sie werden ein paar traditionelle Festweisen spielen, die Gäste bilden kleine Gruppen, die Gespräche sind lebhaft. Sie durchquert den Raum, alle Blicke wenden sich ihr zu, sie nimmt davon keine Notiz, nähert sich einem jungen Mann in Militäruniform, der mit verschlossener Miene allein in einer Ecke sitzt. Sie umarmt ihn, zieht ihn hinaus auf die Terrasse.

»David, mach nicht so ein finsteres Gesicht. Sieh dir diesen Ausblick an, diese Stadt.«

»Du hast es geschafft, du bist in New York, genau das, was du wolltest, bist du glücklich?«

»Glücklich, ich weiß nicht. Mein Ehemann wirkt ein bisschen wie ein Handelvertreter.«

»Er ist Handelsvertreter.«

»Aber ich bin in dieser Stadt, da, wo ich hinwollte. Hier pulsiert das Leben. Spürst du es nicht?«

Schweigen.

»Ich bin Joburg entronnen, dem Stillstand. Ich bin am Mittelpunkt der Welt. Mein Leben beginnt hier, jetzt.«

»Hart für mich, das zu hören. Ich dachte, wir hätten in der Welt da drüben einige schöne Jahre miteinander verbracht.«

»Wir waren Kinder, lieber Cousin. Sprechen wir über dich, erzähl. Warum hast du dich entschlossen, Soldat zu werden? Nichts hat dich dazu verpflichtet.«

»Um mein Leben zu beginnen. Für dich ist es New York, für mich die Armee.«

Das Arbeitszimmer ist nüchtern, dunkles Holz und dunkles Leder, ohne jedes Dekor. Nat Weinstein hat es sich in einem großen Sessel bequem gemacht und trinkt Whisky. Er ist so alt wie das Jahrhundert, hat die Statur eines kleinen Stiers, untersetzt und draufgängerisch, und einen kaum gezähmten weißen Haarkranz. Als Jos und Michael den Raum betreten, hebt er sein Glas.

»Ich trinke auf das Gelingen dieser Ehe und auf das Glück der Eheleute.«

Jos und Michael schenken sich ein und stoßen an.

»Michael, unterhalten wir uns ein bisschen, ehe wir zum Geschäftlichen kommen. Ich kenne Sie kaum. Emily und Sie kennen sich überhaupt nicht. Ich habe Ihnen die Hand meiner Enkeltochter gegeben, weil mein Freund Jos sich für Sie verbürgt hat«, Michael verbeugt sich leicht in Jos’ Richtung, »und weil Jos und ich gemeinsam in einen langfristigen Geschäftskreislauf einsteigen. Ich liebe Emily von Herzen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn Sie sie unglücklich machen.«

»Seien Sie versichert, dass das nicht meine Absicht ist.«

»Ich habe einige Erfahrung auf dem Gebiet. Glauben Sie mir, gute Absichten reichen nicht aus.«

»Ich verpflichte mich, alles mir Mögliche zu tun, um Emily glücklich zu machen.«

Weinstein zögert kurz, fährt dann fort: »Gut, sprechen wir übers Geschäft. Wir, Jos und ich, haben die finanziellen Modalitäten des Zusammenschlusses von Co Trade und Südafrikanischer Minengesellschaft abschließend geklärt. Die Sache ist geritzt. Reden wir jetzt darüber, was bei mir zu Hause, in Südafrika, und auf meinem gesamten Kontinent passiert. Afrika verändert sich grundlegend, davon bin ich überzeugt. Viele meiner Mitbürger sehen es nicht, aber ich, ich spüre es bis in die Knochen. Der Wandel wird sich mit Gewalt vollziehen, viel Gewalt, und unter chaotischen Umständen. Ich benötige die Unterstützung eines sehr guten Logistikers, der mir hilft, meine Kommunikationsnetze in Afrika so gut wie möglich zu festigen, und einen exzellenten Trader, der mir Handelswege eröffnet, über die mein Unternehmen im Ausland Fuß fassen und vielleicht eines Tages Afrika den Rücken kehren kann, was nicht mein Wunsch ist. Aber sollte mein Land unglücklicherweise in einem Blutbad untergehen, will ich, dass meine Firma überlebt. Jos hat mir versichert, dass Sie der geeignete Mann sind. Stimmt das?«

Michael nimmt sich Zeit zum Nachdenken, lächelt dann. »Ich bin ein Abenteurer, und Jos weiß das. Ja, ich denke, ich bin der Mann, den Sie brauchen.«

»Nat, Michael ist mein geistiger Erbe bei Co Trade. Damit ist alles gesagt.«

Die drei Männer trinken.

»Auf die Zukunft!«

1

Sonntag, Marseille

An einem Sonntagmorgen im März 1973 steigt Commissaire Théodore Daquin am Bahnhof Saint-Charles mit zwei großen Koffern und sehr wenig Erfahrung aus dem Zug. Siebenundzwanzig Jahre alt, glänzendes Studium, Politologie, Jura-Examen, Polizeihochschule, die er als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen hat, dann ein Jahr im Sicherheitsdienst der französischen Botschaft in Beirut, sehr weit weg von den Straßen Marseilles. Er durchquert die Bahnhofshalle, tritt hinaus auf den Vorplatz und bleibt geblendet stehen. Vor ihm führt eine monumentale Treppe hinab in die sonnendurchflutete Stadt, mündet in eine schnurgerade, von Bäumen gesäumte breite Straße, ein spektakulärer Blick. Auf dem ersten Absatz der Treppe eine Café-Bar, Tische, Stühle. Daquin nimmt Platz, bestellt einen Espresso. Er hat die kräftige Statur eines Rugby-Spielers, spielt übrigens auch sporadisch auf der Position des Dritte-Reihe-Stürmers, ein breites, kantiges Gesicht ohne Unebenheiten, braune Augen und braune Haare, insgesamt eher ein Allerweltsgesicht, aber eine starke Präsenz, sobald Leben in ihn kommt. Er streckt die Beine aus, schließt die Augen, nimmt die frische Sonnenwärme eines Märzmorgens in sich auf. Schöner Empfang, gute Gefühle. Der Espresso kommt, lauwarm und mittelmäßig, daran muss man sich wohl gewöhnen. Marseille, Kopfsprung in eine unbekannte Stadt, seine erste Anstellung, seine ersten Verantwortlichkeiten, Lust, die Partie mit vollem Einsatz zu spielen, zu begeistern, zu überzeugen, zu gewinnen.

Taxi. Daquin nennt eine Adresse: 80 Quai du Port, die Wohnung gehört einem Studienfreund namens Porticcio, ein Marseiller, in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um seinen Beruf als Anwalt auszuüben, er überlässt sie ihm für die Dauer seines Praktikums in New York.

»Du hältst sie während meiner Abwesenheit in Ordnung, damit hast du ein Jahr, um zu sehen, ob du dich in Marseille akklimatisierst. Ich will nicht pessimistisch sein, aber das ist keine ausgemachte Sache. Wart’s ab.«

Das Taxi hält am Vieux-Port, ein großes, sehr belebtes Hafenbecken, überall Boote, Fischerboote, Segeljollen, kleine Frachtkähne in lärmendem Durcheinander, mitten in der Stadt. Nach außen begrenzen das Becken zwei mittelalterlich anmutende Wehrtürme, aufgefrischt durch Vauban. Daquin sucht das Meer und kann es nirgends sehen. Er dreht sich um. Seine Wohnung befindet sich in diesem langgezogenen Gebäude aus schönem Sandstein, strikt moderne Architektur, gepflegte Fassade, er ist begeistert.

Er steigt hoch in die dritte Etage. Er stellt seinen Koffer im Dunkeln ab, öffnet die Stores, vor ihm eine nach Süden gelegene Loggia, sonnenüberflutet, zu seinen Füßen der Vieux-Port mit seiner Geräuschkulisse, die Quais wie Perlenschnüre aus Terrassen, Bars, Restaurants, Nachtclubs, dahinter die Hügel von Marseille, die Wallfahrtskirche Notre-Dame de la Garde und ein riesiger Himmel. Ein Anblick, an dem man sich bestimmt nicht sattsieht, eine Szenerie, die tatsächlich das Aroma von Glück haben könnte. Er wendet sich um: Das Wohnzimmer, in gebrochenem Weiß gestrichen, helles Parkett, ist sehr schlicht eingerichtet mit einem großen Bauerntisch aus dunklem Holz, flankiert von zwei Bänken. In der Salonecke Sessel und Sofa aus weichem Leder, ein Couchtisch aus gebürstetem Stahl. In einem Bücherschrank ein paar Bücher, ein Hifi-Turm, stapelweise Schallplatten und Kassetten. In der kleinen, übertrieben ausgestatteten Küche registriert Daquin das Vorhandensein zweier Kochbücher. Das Bad gefliest mit Émaux de Briare-Mosaiken in Grau- und Blautönen. Im Schlafzimmer eine Schrankwand mit Schiebetüren und ein riesiges, einladendes Bett. Daquin lächelt, Erinnerung an gewisse Kneipentouren mit Porticcio, mehr oder weniger kontrollierte Entgleisungen während ihrer Studienzeit, unmittelbar nach ’68. Eine Sexszene, für die komplette Dauer einer besonders langweiligen Vorlesung zu zweit in die Projektionskabine eines Unihörsaals gepfercht, und der Filmvorführer sah ihnen zu und setzte mit einer Hand seine Arbeit fort, während er sich mit der anderen einen runterholte. Er meint bis heute zu spüren, wie sich die Eisenteile des Projektors in seinen Rücken bohren. Der Aufenthalt in Marseille lässt sich gut an.

Daquin hält sich nicht lange auf. Sobald er seinen Koffer ausgepackt hat, geht er in das erste Bistro, über das er in dem alten Viertel gleich hinter seinem Haus stolpert, schlingt ein Sandwich hinunter und eilt zum Évêché, dem ehemaligen Bischofspalast, heute Sitz des Zentralkommissariats von Marseille. Der Bau beherbergt auch den SRPJ, die Regionaldienststelle der Kriminalpolizei, der er zugeteilt ist, er hat es eilig, Kontakt aufzunehmen, die Luft dort zu schnuppern. Zehn Minuten Fußweg durch ein Labyrinth aus steil ansteigenden, ärmlichen Gassen, dann kommt er bei einem Ensemble imposanter Gebäude heraus, in dem sich das eher Moderne mit dem sehr Alten mischt. Nach einigem Umherirren in einem Netz wenig frequentierter Flure und Treppen findet er schließlich die Büros der Kriminalpolizei, im dritten Stock des einstigen Palasts, wo eine Handvoll Inspektoren in nahezu menschenleeren Räumen zugange sind. Daquin wendet sich an einen, der ihm ein wenig Autorität zu haben scheint, stellt sich vor. »Commissaire Daquin, ich bin frisch hierher versetzt, ich trete meine Stelle morgen an und wollte mich schon mal umhören …«

»Sie kommen gerade recht. Ich bin Inspecteur Principal Courbet von der Kriminalabteilung. Wir hatten gerade einen Anruf von der Quartierspolizei, Schießerei im Viertel Belle de Mai, zwei Tote, wir müssen hin. An einem Sonntag zur Mittagsessenszeit, bei sonnigem Wetter und gutem Schnee in den nahen Bergen sind wir nicht viele, wie Sie sehen. Ich lasse zwei Inspektoren hier, um die Erreichbarkeit zu gewährleisten, und nehme Sie im Patrouillenwagen mit zum Tatort. Passt Ihnen das?«

»Das passt mir sehr gut.«

Im Wagen, der mit angemessener Geschwindigkeit fährt, heulende Sirenen fürs Standing, ist die Stimmung entspannt und der Pariser wird freundlich aufgenommen. Schüsse, zwei Tote, das scheint niemanden groß zu beunruhigen. Daquin sieht das Belle de Mai-Viertel vorüberziehen. Breite Durchgangsstraßen, quasi ausgestorben, Zeilen mit ärmlichen Einfamilienhäusern, hier und da durchbrochen von schnell hochgezogenen Sozialwohnungsblocks, Brachflächen, ein paar wenige Billigläden, er hat das Gefühl, ein Katastrophengebiet zu durchqueren. Ein ganz anderes Gesicht von Marseille.

Die Kreuzung der Boulevards Guigou und Burel ist blockiert durch einen Auflauf von Polizisten und Schaulustigen. Auf der Fahrbahn ein roter Simca mit zersplitterten Scheiben und verschrammter Karosserie.

Courbet parkt den Wagen und geht zu den Polizisten, die den Évêché alarmiert haben. Der stellvertretende Staatsanwalt und der Gerichtsmediziner sind noch nicht eingetroffen, die Kriminalpolizei ist als Erste vor Ort, sie hat Reaktionsschnelligkeit bewiesen, darum geht’s. Daquin nähert sich dem Kantstein, beugt sich hinunter. Im Innenraum zwei von Kugeln durchsiebte Körper, alles zerfetzt, blutgetränkt, übersät mit Glasscherben und Blechstücken. Der Fahrer, oder was von ihm übrig ist, wirkt wie ein eher reifer Mann, seinem Beifahrer wurde das halbe Gesicht weggeschossen, sein lebloser Körper hat die Anmut der Jugend. Die Quartierspolizisten erstatten Bericht. Ihren Verletzungen nach zu urteilen, wurden die beiden Opfer mit einem abgesägten Gewehr, wahrscheinlich einer Schrotflinte, unter Beschuss genommen und dann aus nächster Nähe mit einer großkalibrigen Kugel in den Kopf getötet. Die Zeugen, nicht viele, haben wenig gesehen: Der Simca sei gemächlich den Boulevard Guigou entlanggerollt, vom Boulevard Burel kam ein anderer Wagen, schnitt ihm den Weg ab, der Simca hielt an, dann näherten sich zwei Fußgänger, die wohl auf dem Gehweg gewartet hatten, schossen und fuhren mit dem Wagen weg, der die Kreuzung blockierte.

Marke? Farbe? Niemand weiß es. Wie die beiden Fußgänger ausgesehen haben? Durchschnittliche Größe, Regenmäntel, Hosen, ansonsten … Der Gerichtsmediziner trifft ein. Er hilft zwei Inspektoren bei der Durchsuchung der Leichen, wobei er es möglichst vermeidet, sich mit Blut zu besudeln. In der Gesäßtasche des Fahrers sein Führerschein.

Ein Inspektor verkündet mit lauter Stimme: »Marcel Ceccaldi.«

»Ceccaldi!« Courbet stößt einen langen Seufzer der Erleichterung aus. »Den sind wir also los …« An Daquin gewandt: »Ein Mann von Francis le Belge, wir hatten ihn ein Dutzend Mal bei uns. Es handelt sich demnach um eine Abrechnung innerhalb des Milieus. Ich warte auf den stellvertretenden Staatsanwalt, aber damit ist die Sache erledigt. Der Fall wird Richter Bonnefoy übertragen, der uns mit der Ermittlung betraut. Die Täter werden wir nicht finden, es dürften italienische Auftragsmörder sein, die längst wieder zu Hause sind. Und niemand wird sich darum scheren.«

»Und der Junge?«

»Unbekannt, fürs Erste. Wahrscheinlich ein Kollateralopfer. Soll ich Sie zurückbringen lassen?«

»Nicht sofort. Ich würde mich gern in der Gegend umsehen. Ich fahre dann mit Ihnen zurück zum Évêché.«

»Wie Sie wollen.«

Daquin geht einmal um die Kreuzung herum. Die Ecke ist verwaist, keine Läden, keine Bars. Erst hundert Meter weiter oben auf dem Boulevard Burel sichtet er den Parkplatz eines Gebäudes, ein paar Wagen, die vor einem Sozialwohnungsblock parken, und auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig eine Telefonzelle. Auf der Fährte des roten Simcas läuft er den Boulevard Burel etwas mehr als einen Kilometer hoch. Er kommt an einer einzigen Bar vorbei, etwa achthundert Meter von der Kreuzung entfernt. Als er eine weitere Telefonzelle erreicht, dreht er um und kehrt zurück zu seinen Kollegen am Ort des Massakers.

Montag, Marseille

Als Daquin am Montagmorgen im Évêché eintrifft, erwartet ihn Contrôleur Général Payet, der Direktor der Kriminalpolizei. Er empfängt ihn stehend hinter seinem Schreibtisch, weist ihm mit einer Handbewegung einen Stuhl zu und nimmt Platz. »Commissaire Daquin, erfreut, Sie bei uns zu haben, Sie sind uns herzlich willkommen.«

Die beiden Männer sitzen sich gegenüber. Payet ist schlank, geradezu mager, grauer Anzug, knochiges Gesicht, sehr kurzer Bürstenschnitt, erstarrt in der ständigen Furcht, die Kontrolle zu verlieren. Daquin, groß, athletisch, ein Tier, das auf Gefühlsregungen und Überraschungen lauert. Es funkt nicht zwischen ihnen.

»Regeln wir zunächst das Administrative. Ihr Posten: die Ermittlungsabteilung, Gruppe zur Bekämpfung der Bandenkriminalität, Sie sind zweiter Stellvertreter des Gruppenchefs. Ihnen untersteht ein kleines Team: Inspecteur Grimbert, ein hervorragender Kenner der Marseiller Situation, er ist seit über zehn Jahren hier im Évêché, und Inspecteur Delmas, ein Jungspund, frisch aus dem Südwesten. Büro 301 ist Ihrem Team zugeteilt. Alles klar?«

»Vollkommen klar, Herr Direktor.«

»Kommen Sie heute Mittag her, dann stelle ich Sie dem Leiter der Kriminalabteilung und dem Chef der Gruppe zur Bekämpfung der Bandenkriminalität vor. Und ich betraue Sie mit dem ersten Fall, um Sie einzuarbeiten. Courbet erzählte mir, dass er Sie gestern mit zum Tatort im Belle de Mai-Viertel genommen hat.«

»Das ist richtig.«

»Ein guter Einstieg in die Materie. Leider sind solche Vorkommnisse in unserer Gegend nicht selten. In letzter Zeit wurden sämtliche Fälle von Abrechnungen im Milieu gebündelt und die Ermittlungsverfahren Richter Bonnefoy übertragen. Sie werden das Team der Kriminalpolizei verstärken, das mit Bonnefoy zusammenarbeitet, und sich speziell um den Fall Belle de Mai kümmern. Ist Ihnen das recht?«

»Sehr recht, Herr Direktor.«

»Dann bleibt mir nur noch, Ihnen gute Arbeit und viel Glück zu wünschen.«

»Danke, Herr Direktor.«

Daquin sucht das ihm zugewiesene Büro, findet es bald am Ende eines Flurs, abseits der großen Verkehrsströme innerhalb des SRPJ. Der Raum ist zu klein, aber hell und ruhig, hastig eingerichtet, drei Stühle und drei Schreibtische, bunt zusammengewürfelt, zwei Schreibmaschinen, zwei Telefonapparate und zwei Metallschränke. Er wählt seinen Schreibtisch, gegenüber der Tür, Fenster im Rücken, und liest die regionale Berichterstattung über die Morde im Belle de Mai-Viertel, während er auf seine Teamkollegen wartet.

Die beiden Inspektoren treffen eine halbe Stunde später zusammen ein. Daquin steht auf und begrüßt zuerst den Älteren, Grimbert, den guten Kenner des Marseiller Lebens, den Mann, den der Chef, wie er annimmt, ebenso zu seiner Unterstützung wie zu seiner Überwachung abgestellt hat, den Mann, dessen Vertrauen er gewinnen muss. Seine Physis überrascht Daquin. Um die dreißig, ein großer Blonder mit halblangen Haaren und blauen Augen in einem länglichen, kantigen Gesicht, romantische Ausstrahlung, leicht britisch. Er stellt einen großen Karton mit Akten auf einem der leeren Schreibtische ab und drückt Daquin die Hand, während er ihn mustert. Gegenseitiges Beschnuppern.

Hinter ihm folgt Delmas, ein kleiner Dunkler von sechsundzwanzig, ein Muskelpaket mit dem Gesicht eines Lebemanns. Er kommt mit leeren Händen, begrüßt Daquin gut gelaunt und nimmt den letzten verfügbaren Schreibtisch.

Ein paar Willkommensworte, dann sagt Daquin: »Richten Sie sich in Ruhe ein, ich hole solange Espresso, dann machen wir uns an die Arbeit.«

»Espresso? Woher?«

»Auf der Etage. Keine Espressomaschine?«

»Nein, nicht dass ich wüsste.«

»Dann in der Bar des Hauses. Es gibt doch wohl eine?«

Grimbert setzt sich mit einer Pobacke auf eine Schreibtischecke, schiefes Lächeln auf den Lippen. »Ja, natürlich gibt es eine, im Keller, die Garage, eine Bar, die die Kfz-Mechaniker der Truppe betreiben. Aber ich muss Ihnen das erklären. Sie sind dort nicht willkommen. Aus einer Reihe von Gründen. Der erste: Es ist das Terrain der Sécurité publique, Beamte in Uniform, die auf der Straße arbeiten, sich aufführen wie die Prolls der Profession. Uns, die Bullen in Zivil, die Ermittler der Kriminalpolizei, betrachten sie als Faulpelze und Intelligenzler, und sie wollen uns in ihrer Garage nicht haben. Zweiter Grund: Sie sind Commissaire, also einer von den Bossen, und kein Commissaire, nicht mal einer der Sécurité publique, ist in der Garage willkommen. Zu guter Letzt sind Sie Pariser. Wenn ein Pariser den Évêché betritt, schrillt im ganzen Haus die Alarmglocke. Das wird sich legen, aber es wird etwas Zeit brauchen.«

Grimbert spricht mit einem ausgeprägten Marseiller Dialekt. Überspielt, denkt Daquin, oder antrainiert.

»Ich danke Ihnen, dass Sie mir eine peinliche Situation ersparen. Ich verzichte heute auf Kaffee, das wird schwer, aber ich werd’s schaffen. Und ich werde Mittel und Wege finden, in diesem Kabuff einen elektrischen Espressokocher zu installieren.«

Ein paar Minuten später machen sich die drei Männer an die Arbeit.

»Sie wissen, dass wir den Mordfall Belle de Mai geerbt haben?«

»Ja, der Chef hat uns informiert.«

»Er hat Ihnen gesagt, dass ich mit Inspecteur Courbet eine Fahrt zum Tatort gemacht habe?«

»Ja, das hat mich überrascht.«

»Reiner Zufall, ich kam gerade hier vorbei.«

»An einem Sonntag?«

Die Akte mit den Erhebungen am Tatort, ersten Ergebnissen und den Fotos liegt aufgeschlagen vor Daquin auf dem Schreibtisch, der sie Grimbert zuschiebt und fortfährt: »Bei diesem Fall sprechen der Chef und Courbet beide spontan von einer Abrechnung im Milieu. Woran erkennen Sie Abrechnungen im Milieu, Grimbert?«

»Zunächst die Vorgehensweise der Mörder: Sie halten sich nicht mit Feinheiten auf, veranstalten ein Gemetzel, schießen aus nächster Nähe oder mit einer Automatikwaffe. Auf offener Straße oder an öffentlichen Orten. Am helllichten Tag und mit unverhülltem Gesicht. Keine Spuren, wir sammeln zwar ein paar Patronenhülsen auf, aber die Waffen werden exportiert oder zerstört, im Allgemeinen werden sie nicht zweimal benutzt. Und auch keine Zeugen. Dann die Persönlichkeit der Opfer: Sie töten sich untereinander, im Rahmen von Machtkämpfen. Es gibt zwar manchmal Kollateralopfer, aber das ist schlichtes Pech und wir kümmern uns nicht groß darum … Schließlich und endlich wird keiner der Fälle mit der Identifizierung der Mörder abgeschlossen, schon gar nicht mit ihrer Festabnahme.«

»Das ist eine detailgetreue Wiedergabe dessen, was ich gestern gesehen habe. Der Chef sagte mir, dass solche Abrechnungen öfter vorkommen. In welchem Rhythmus, seit wann?«

»Seit letztem September hatten wir fünf, etwa einen pro Monat, mit insgesamt acht Toten. Ich schreibe Ihnen eine detaillierte Notiz, wenn Sie wollen.«

»Warum diese plötzliche Häufung?«

»Es ist die Rede von einem Erbfolgekrieg zwischen Zampa und Francis le Belge um die Kontrolle des Marseiller Milieus nach dem Fall des Hauses Guérini.«

»Wo kommen diese beiden her?«

»Beide sind Zöglinge von Guérini. Zampa wurde etwas länger bebrütet als Le Belge, er ist erfahrener. Im Moment trägt er allem Anschein nach den Sieg davon, es steht sechs Tote gegen zwei.«

»Ein Spielstand wie im Tennis«, bemerkt Delmas. »Zampa gewinnt das Set, aber noch nicht die Partie.«

Daquin beachtet ihn nicht weiter. »Etwas bequem als Erklärung. Ich bin neu hier, ich kenne mich mit der Marseiller Situation nicht gut aus, aber ich weiß, dass die Guérinis, die für Ordnung sorgten, seit mindestens vier Jahren von der Bildfläche verschwunden sind, Antoine wurde 1967 erschossen und Mémé 1969 eingebuchtet. Also warum nach so langer Zeit dieses Wiederaufflackern der Rivalitäten?«

»Wollen Sie meine Meinung hören?«

»Selbstverständlich.«

»Es hat mit der Zerschlagung des Heroinrings in Marseille zu tun, die in Wirklichkeit erst letztes Jahr im Februar begonnen hat, 1972, mit einem sehr großen Fang auf einem kleinen Frachtschiff, der Caprice des Temps, über vierhundert Kilo reines Heroin. Seitdem haben sich die Festnahmen vervielfacht, es ist einiges in Bewegung, und zwar in alle Richtungen, und jeder versucht sich die Situation zu nutze zu machen. Die Banditen verpfeifen ihre Konkurrenten oder Rivalen, damit die Bullen für sie aufräumen und ihnen alles hübsch sauber hinterlassen. Die verschiedenen Polizeidienste verbünden sich mit einem Clan gegen einen anderen, jeder Dienst verfolgt seine eigene Bündnispolitik …«

»Was erklärt, dass die Ermittlungen nie zu etwas führen?«

»Die Verantwortung für Ihre Schlussfolgerung müssen Sie selbst übernehmen, Commissaire. Aber Sie sollten wissen, dass Sie in einem Klima gelandet sind, das, sagen wir … Marseille-typisch ist.«

»Gut. Kommen wir zurück zu unserer Akte Belle de Mai. Keine Spuren, keine Zeugen, einverstanden. Aber ich habe mich in der Gegend umgesehen. Es handelte sich um einen sehr sorgfältig vorbereiteten Hinterhalt. Route und Zeitplan der Opfer waren bekannt. Woher? Es ist unmöglich, die Kreuzung längere Zeit zu blockieren. Jemand hat also ein Startsignal gegeben, und es war mindestens ein Späher in der Nähe der Kreuzung, um das zweite Signal zu geben. Folglich viele Komplizen, deren Spur man möglicherweise verfolgen kann. Welche Mittel zur Informationsweitergabe haben sie benutzt? Ich habe auf dem Boulevard Burel in der Nähe der Kreuzung eine Telefonzelle entdeckt, direkt gegenüber einem Parkplatz vor einem Gebäude. Die Mörder können dort gewartet und das letzte Zeichen über das Telefon in dieser Zelle bekommen haben. Auf dem Boulevard Guigou, weniger als einen Kilometer entfernt, gibt es eine Bar, die sonntags geöffnet hat, und eine Telefonzelle. Das erste Signal kann von einem dieser beiden Punkte aus erfolgt sein. Man kann die von diesen Anschlüssen getätigten Anrufe zurückverfolgen und im Umfeld nach Zeugen forschen. Jetzt zu den Opfern: Mit wem waren sie zu diesem Zeitpunkt verabredet? Mit wem hatten sie Streit? Wer kann sie verraten haben? Was sagen die Angehörigen? Welche Verbindung besteht zwischen den beiden Opfern, Marcel Ceccaldi und dem Jungen? Alle diese Punkte können wir verfolgen. Und dahinter werden sich die Auftraggeber abzeichnen.«

Grimbert setzt wieder sein schiefes Lächeln auf. »Zweifellos, Commissaire. Aber bevor wir uns in dieses Abenteuer stürzen, gehen Sie zu Richter Bonnefoy. Vergessen Sie nicht, es ist seine Ermittlung, nicht Ihre.«

Im Gericht empfängt Richter Bonnefoy, ein freundlicher Mann von geruhsamen fünfzig, Daquin umgehend in seinem sonnigen Büro mit Blick auf den Vieux-Port. Er hört sich seinen Bericht des Belle-de-Mai-Massakers und seine Vorschläge zu möglichen Ermittlungsansätzen an. Er macht sich keine Notizen, trommelt mit den Fingern auf seinem Schreibtisch.

»Commissaire, Sie sind neu hier, wenn ich Contrôleur Général Payet richtig verstanden habe. Wie in jeder anderen Stadt fehlt es Polizei und Justiz hier in Marseille bitter an Mitteln. Und die Kriminalität, unter denen die ehrlichen Bürger leiden, nimmt sprunghaft zu, die Überfälle auf alte Leutchen beim Verlassen von Postämtern oder Banken, die Überfälle auf kleine Händler und, die neuste Masche, Überfälle auf Taxifahrer. Diese Kriminalität ist es, die unbedingt eingedämmt werden muss. Wenn die Banditen sich gegenseitig umbringen wie in dem Fall, über den wir sprechen, schert die anständigen Leute das wenig. Sie fühlen sich nicht bedroht. Was ich von Ihnen verlange, ist, dass Sie die Identität der Opfer feststellen, damit wir die Bandenkriege und die Entwicklung der Clans nachvollziehen können und nicht überrumpelt werden. Ich erwarte von Ihnen und Ihrem Team, dass Sie in diesem Sinne vorgehen und berichten.«

Als Daquin das Gericht verlässt, hört er Grimbert, »seine Ermittlung, nicht Ihre«, und sieht sein schiefes Lächeln, dessen Grundstimmung er endlich begreift: desillusioniert.

2

Dienstag im Morgengrauen, Nizza

Fast drei Uhr morgens. Die Nacht ist kalt, duftend und still auf der Promenade des Anglais, für manche eine der schönsten Straßen der Welt. Durch das große Portal des Palais de la Méditerranée verlässt ein Paar die Spielsalons des Casinos. In der Ferne das Geräusch eines anfahrenden Motorrads. Das Paar bleibt im Schutz der hohen Arkaden stehen, die die monumentale Fassade tragen, bombastisches Pappmaché-Dekor, geprägt vom Geist der Dreißigerjahre. Ein Page in Uniform eilt auf den Mann zu. Der stattliche Fünfziger, breite Schultern, massige Gestalt in dezentem dunklem Anzug, gibt ihm seine Wagenschlüssel. Der Page entfernt sich in Richtung Parkplatz. Die junge Frau im hellen, tief ausgeschnittenen Kleid schaudert, als die Kälte sie packt, in den Hügeln des Hinterlands hat es geschneit. Das Brummen eines näherkommenden Motorrads, verborgen hinter den Blumenkübeln, die die Arkaden und den Eingang des Palais vom Bürgersteig der Promenade trennen. Der Mann wendet sich seiner Begleiterin zu, die lächelt, hilft ihr eine bunte Kaschmirstola auf ihren Schultern zurechtzuziehen. Der Page verschwindet um die Hausecke. Das Motorrad hält vor dem roten Teppich, der bis zu den Eingangstüren reicht, der Mitfahrer steigt vom Sozius, bringt sich, ohne den Helm abzunehmen, dem Paar gegenüber in Stellung, nimmt eine stabile Position ein, breitbeinig, hebt eine Pistole mit beiden Händen auf Augenhöhe und schießt. Eine Kugel, der Körper des Mannes zuckt, seine Hand krallt sich in das Schultertuch seiner Begleiterin, zwei, drei, vier Kugeln hintereinander, der Körper des Mannes, die Hand an die Stola geklammert, fällt in Zeitlupe, das Blut spritzt stoßweise, das Gesicht der Frau, ihre nackten Schultern, ihr helles Kleid sind blutüberströmt, ein, zwei, drei, vier weitere Schüsse in Folge, die Frau steht starr, offener Mund, ohne einen Schrei. Der Mann liegt am Boden. Der Mörder jagt noch zwei Kugeln auf den leblosen Körper. Ende der Operation. Er schiebt seine Waffe unter dem Blouson ins Achselholster, berührt dabei mit dem Lauf der Waffe seine linke Brust, brennender Schmerz, er liebt diesen Schmerz, Kontraktion der Bauchmuskeln, Erregung, heftige Lust, er fühlt sich lebendig, sehr lebendig. Er steigt auf das Motorrad, das mit Vollgas davonrast. Die Frau fällt in Ohnmacht, in die Blutlachen, die den roten Teppich tränken, den weißen Marmorboden besudeln.

Die Szene hat keine zwanzig Sekunden gedauert.

Der Page kommt vom Parkplatz zurückgerannt, die Angestellten stürmen aus dem Palais, schreien, laufen unter den Arkaden auseinander, die letzten Kunden flüchten zum nahe gelegenen Strand. Dann nähern sich Blaulichter und heulende Sirenen, Polizeiautos, gefolgt von Krankenwagen. Polizisten und Sanitäter machen sich an die Arbeit inmitten einer Szene hysterischer Panik vor diesem Operettenbühnenbild.

Während die Polizisten versuchen, alle potenziellen Zeugen des Attentats zu beruhigen und in einem der Spielsalons zu versammeln, stellt ein Arzt den Tod des Mannes fest, der von Kugeln durchsiebt am Boden liegt, die Leiche wird mit einer Plane zugedeckt, die Polizei sperrt den Tatort ab, der Notarzt kümmert sich um die junge Frau, die immer noch bewusstlos ist. Niemand weiß, ob sie verletzt ist, ob das Blut, mit dem sie bedeckt ist, ihr eigenes ist oder das des Toten, man transportiert sie ins Krankenhaus. Ein Polizist mit dem Auftrag, so bald wie möglich ihre Zeugenaussage aufzunehmen, fährt im Krankenwagen mit.

Nach gründlicher Untersuchung, bei der nicht eine einzige Verletzung festzustellen ist, einer Beruhigungsspritze und einer heißen Dusche wird die junge Frau in einem Zimmer untergebracht, wo sie die Fragen des Polizisten notdürftig beantwortet. Sie heißt Emily Frickx, amerikanische Staatsbürgerin. Sie verbringt ihren Urlaub in der Region, ihr Ehemann Michael Frickx hat in Saint-Jean-Cap-Ferrat ganzjährig eine kleine Villa gemietet. Ihr Hauptwohnsitz ist Mailand, wo ihr Mann sein Büro hat. Er leitet die europäische Niederlassung von Co Trade, einem Handelsunternehmen für Rohstoffe mit Firmensitz in New York. Nein, zurzeit ist er weder in Cap noch in Mailand, sondern auf Geschäftsreise durch südafrikanische Minen. Ja, man kann ihn bestimmt erreichen, aber das ist nicht einfach, sie weiß nicht, wo er sich gerade aufhält, und nicht überall gibt es Telefon. Man muss es über das Büro der Südafrikanischen Minengesellschaft in Johannesburg versuchen, dort weiß man immer, wo man ihn über Funk kontaktieren kann. Ja, sie kennt den Mann, der an ihrer Seite erschossen wurde, er heißt Maxime Pieri. Er hat mit ihrem Ehemann regelmäßig geschäftlich zu tun. Sie hat ihn übrigens in dessen Büro in Mailand kennengelernt. Sie glaubt, er arbeitet und wohnt in Marseille, aber sicher ist sie sich nicht. Er ist eher ein Bekannter als ein Freund. Gestern hat sie ihn zufällig in einer Kunstgalerie in Villefranche getroffen, die sie regelmäßig besucht. Und er hat sie zum Abendessen in den Palais de la Méditerranée eingeladen. Ja, es war das erste Mal, dass er sie zum Essen eingeladen hat. Es war ein sehr netter Abend. Sie haben sich lange unterhalten, hauptsächlich über zeitgenössische Kunst. Pieri wirkte interessiert, er hat viele Fragen gestellt. Nein, er war weder angespannt noch besorgt. Sie haben getanzt, ein paar ruhige Tänze, und im Casino ein bisschen gespielt. Er war im Begriff, sie nach Hause zu fahren, zu ihrer Villa, bevor er nach Marseille zurückfuhr oder in Nizza übernachtete, sie weiß es nicht, sie haben darüber nicht gesprochen. Als sie die Erschießung schildert, überkommt sie ein nervöses Zittern.

»Ich habe den Mann gesehen. Groß, mit einem Helm auf dem Kopf. Er stand neben einem Motorrad. Das Visier war hochgeschoben. Aber er war weit weg, weit entfernt von den Lichtern, kein Gesicht unter dem Helm, nur ein schwarzes Loch. Das Antlitz des Todes. Er hat geschossen. Ich konnte nicht weglaufen, ich konnte nicht schreien, ich war gelähmt. Ich begriff gar nicht, was passierte. Ich spürte das heiße Blut auf meinen Augen, in meinem Mund, den Geschmack des Blutes. Entsetzlich. Als er aufgehörte zu schießen, bin ich, glaube ich, ohnmächtig geworden. In mich zusammengesackt wie ein alter Lumpenhaufen.«

Sie weint. Die Ärzte raten, sie jetzt schlafen zu lassen.

Am Tatort nehmen Polizisten Zeugenaussagen auf. Zuerst der Page. Er wiederholt vor den mit Stoppuhren ausgerüsteten Polizisten all seine Aktionen vor und während des Attentats. Pieri gab ihm seine Wagenschlüssel. Nein, dabei wirkte er weder beunruhigt noch sonderlich in Eile, und er selbst hat kein Motorrad in der Nähe bemerkt. Mit den Schlüsseln in der Hand ist er Richtung Parkplatz gegangen. Erste Zeitnahme. Der Page wiederholt den Weg, biegt um die Hausecke, bleibt genau an der Stelle stehen, wo er sich befand, als er die ersten Schüsse hörte. Zweite Zeitnahme. Von dort, wo er war, in der Seitenstraße, hatte er den Casinoeingang nicht im Blick. Er blieb überrascht stehen, konnte die Geräusche, die er vernahm, nicht gleich einordnen, horchte. Dann hörte er die zweite Salve. Er rannte los, zurück zum Casinoeingang. Er erinnert sich nicht, weitere Schüsse gehört zu haben. Er erreichte die Avenue genau in dem Moment, als das Motorrad losfuhr. Zeitnahme. Eine schwere Maschine, dunkle Farbe, Fahrer und Sozius, beide in Schwarz, hat er nur von hinten gesehen, mehr kann er nicht sagen, er war in Panik. Er rannte weiter und entdeckte die zwei niedergestreckten Körper am Boden, er erinnert sich an die Blutlachen auf dem weißen Stein. Knapp fünfzehn Sekunden für die eigentliche Aktionsphase. Die Anfahrtsphase hinzugerechnet, folgern die Polizisten, hat die Operation insgesamt nicht länger als dreißig Sekunden gedauert. Sie sehen einander an. Profis, echte Profis. Das wird kein leichter Fall.

Die Angestellten des Casinos sowie die wenigen verbliebenen Gäste oder Spieler werden einzeln befragt. Sie erzählen von zwei großen Männern, schwarz gekleidet, mit Helmen, einem schweren Motorrad. Der Portier, der sich zum Zeitpunkt des Mordes in der Halle aufhielt, meint das Motorengeräusch einer Ducati erkannt zu haben. Mehr ist nicht zu holen. Im Grunde genommen hat niemand etwas gesehen, und alle haben das Ende der Schüsse abgewartet, ehe sie sich nach draußen wagten. Was verständlich ist. Eine regelrechte Exekution, ausgeführt von waschechten Profis. Italiener vielleicht. Ich wette auf einen ungelösten Fall, sagt einer der Polizisten. Einer mehr, seufzt der Brigadier. Das hat uns gerade noch gefehlt.

Coulon, der Staatsanwalt von Nizza, der vom Bereitschaftsstaatsanwalt im Bewusstsein der komplexen Situation sehr früh an diesem Morgen geweckt wurde, läuft auf der Promenade des Anglais vor dem Palais de la Méditerranée auf und ab. Inspecteur Principal Leccia geht neben und leicht hinter ihm. Die Leiche hat man abtransportiert, die Kriminaltechniker haben ihre Arbeit abgeschlossen. Sie haben zehn Patronenhülsen aufgelesen, sorgfältig nummeriert, fotografiert und in Beweismitteltütchen gesteckt, großes Kaliber, 11.43, keine weiteren Spuren. Sie sind nicht optimistisch. Nach ihrem Aufbruch ist wieder Ruhe eingekehrt.

Coulon für seinen Teil ist äußerst angespannt, seit er die Identität des Opfers erfahren hat.

»Musste der Kerl sich unbedingt bei uns in Nizza abknallen lassen? Als hätten wir im Moment nicht schon genug Sorgen. Können Sie mir das sagen, Leccia?«

Keine Antwort.

»Dieser Pieri ist nicht irgendwer, das ist eine wichtige Persönlichkeit.«

»Zweifellos, Herr Staatsanwalt.«

»Ein in Marseille prominenter Geschäftsmann. Er hat ein bedeutendes Seefrachtunternehmen, die Somar. In diesen Zeiten rückläufiger Hafengeschäfte und der schwierigen wirtschaftlichen Umstrukturierung der Stadt ist das keine Kleinigkeit. Madame Frickx zufolge hat er sogar mit ihrem Ehemann zu tun, der das europäische Büro einer großen amerikanischen Handelsfirma für Erze leitet. Es liegt in unserer Verantwortung, die schwächelnde Marseiller Ökonomie vor weiterem Schaden zu bewahren.«

»Ich glaube nicht, dass wir unter den Geschäftsleuten suchen müssen, Herr Staatsanwalt. Es ist vielleicht déformation professionnelle, aber ich denke eher an seine Vergangenheit als Kapitän der Guérinis, zu Zeiten, als der Clan die Stadt Marseille und den Heroinhandel beherrschte.«

»Ja, das weiß ich wohl, und ich fürchte nichts mehr als diese Verquickungen. Alle Welt wird sich einmischen wollen. Die Honoratioren, die Abgeordneten, das Ministerium. Ich hasse diese Fälle. Dabei muss man nichts als Prügel einstecken.«

»Nicht zu vergessen, dass es die Polizei von Nizza, die derzeit ohnehin überlastet ist, noch mehr strapazieren könnte. Ohne darauf herumreiten zu wollen, Herr Staatsanwalt, darf ich Sie erinnern: zwölf Brandstiftungen und Schießereien in Bars und Nachtclubs in einem Jahr, dreizehn bewaffnete Raubüberfälle in einem Monat vergangenen Sommer, der Chef unserer Sécurité publique, der, bevor man ihn feuert, zugibt, dass es in all diesen Fällen nicht auch nur den Ansatz einer Fährte gibt, der fortgesetzte Krieg zwischen dem Clan der Korsen und dem der Pieds-Noirs, ein Commissaire der Sitte, der sich gemeinsam mit seinem Marseiller Kollegen in einer Nutten-Affäre die Finger schmutzig macht, und ein neuer Boss aus dem Norden, den uns das Ministerium vor die Nase setzt. Ich tue, was ich kann, um die Wogen zu glätten, aber es hagelt von überall Kritik, unsere Männer stehen kurz vor dem Aufstand, das muss man berücksichtigen und nicht das Unmögliche von ihnen verlangen.«

»Mir ist das genauso bewusst wie Ihnen, Leccia. Was schlagen Sie vor?«

»Wir müssen bedachtsam vorgehen, uns die Zeit nehmen, den Fall aus allen Blickwinkeln zu betrachten.«

»Reden Sie nicht um den heißen Brei herum, Leccia, nicht bei mir.«

»Mir sind zwei höchst eigentümliche Aspekte dieser Exekution aufgefallen. Erstens, der Schütze ist ausgezeichnet. Alle seine Kugeln landen im Ziel. Die junge Frau bleibt unverletzt, und es gibt nicht mal eine kaputte Scheibe. Warum verspürt er den Drang, zehnmal zu schießen?«

»Keine Ahnung. Was meinen Sie?«

»Ich denke, es handelt sich um eine ausgeklügelte Inszenierung. Die Wahl des Opfers, das Motorrad, die Anzahl der Schüsse aus einer Handfeuerwaffe, das große Kaliber, man spielt hier die Szene des Mordes an Antoine Guérini nach, der in Marseille vor fünf oder sechs Jahren von einem Killer auf einem Motorrad mit zehn Kugeln Kaliber 11.43 auf offener Straße erschossen wurde. Da Pieri einer von Antoines besten Kapitänen war, haben wir es mit einer ziemlich deutlichen Botschaft zu tun: Einer der Aspiranten auf die Nachfolge der Guérinis vollendet die Säuberungen und liquidiert die alte Garde.«

»Zampa oder Le Belge?«

»Nicht unmöglich. Zwischen diesen beiden ist seit September die Schlacht eröffnet. Bereits acht Tote auf der Liste. Mit dem hier sind es neun.«

»Dieser Krieg betrifft Nizza nicht.«

»Das ist nicht ganz richtig, Herr Staatsanwalt. Es hat letzten Sommer bereits einen Warnschuss gegeben, Giaume, dem mit den Guérinis verbündeten hiesigen Paten hat man seinen Nachtclub angesteckt, hier in Nizza. Jetzt schalten sie in einen höheren Gang, sie machen es spektakulärer, um auch ja verstanden zu werden.«

»Gut, nehmen wir einmal an, es ist eine Botschaft an die Überlebenden des Guérini-Clans. Sie sagten, zwei eigentümliche Aspekte. Was ist der zweite?«

»Der gewählte Schauplatz, Herr Staatsanwalt, alles andere als unbedeutend. Und damit berühren wir eine Frage, die für uns hier in Nizza sehr viel heikler ist. Das Casino des Palais de la Méditerranée ist im Visier.«

»Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, Leccia, Sie machen mir Angst.«

»Schon der Mord an Antoine Guérini war höchstwahrscheinlich eine Episode im Glücksspielkrieg um die Kontrolle über die Casinos von Paris.«

»Immer noch weit weg von Nizza.«

»Nicht mehr lange. Ausgehend von seiner Hochburg, seinem Casino hier im Zentrum, will Fratoni Nizza zum französischen Las Vegas machen, das ist für niemanden ein Geheimnis, er hat seine Absichten deutlich verkündet. Dafür braucht er die Kontrolle über die Casinos an der Côte. Sein erstes Ziel: das Ruhl. Unsere sämtlichen Quellen sagen, dass es ihm mit Unterstützung eines italienischen Konsortiums gelungen ist, viel Kapital aufzubringen, und dass die Übernahme in den nächsten Wochen stattfinden soll. Gleich nach dem Ruhl steht die Übernahme des Palais de la Méditerranée auf dem Plan. Im Rathaus ist man der Ansicht, dass die Stadt Nizza bei der Erneuerung ihrer Casinos viel zu gewinnen hat.«

»Ich weiß«, murmelt der Staatsanwalt, »ich bin auf dem Laufenden.«

»Stellen wir uns jetzt vor, irgendwelche Banditen wollen Fratoni schaden. Ein Mord auf den Stufen des Casinos könnte eine gute Warnung sein, die Gewalt, das Blut, der Tod …«

»Sie gehen zu weit.«

»Ich sage nicht, dass Pieri aus diesem Grund ermordet wurde, aber man hat entschieden, ihm auf den Stufen des Casinos aufzulauern …«

»Ich bleibe skeptisch. In jedem Fall aber tun wir gut daran, den Wirbel weitestgehend zu begrenzen und uns daran zu halten, dass ein nicht näher bestimmbarer potenzieller Erbe die Reste des Guérini-Clans liquidiert. Die Sorte Fall, für die sich die Öffentlichkeit nicht interessiert. Solange die Gangster sich untereinander abschlachten, ist nach zwei Tagen alles vergessen, wenn niemand es auf Komplikationen anlegt. Und wir richten unsere Ermittlungen auf Marseille, fern von Nizza und seinen Casinos.«

Der Staatsanwalt geht noch ein paar Schritte, bleibt dann stehen.

»Gut. Machen wir es simpel. Wir halten uns an die Hypothese einer Abrechnung im Milieu, wahrscheinlich auf Betreiben eines dieser beiden Spinner, Zampa oder Le Belge, ohne weitere Einzelheiten. Es besteht kaum Aussicht, dass wir hier vor Ort auf irgendetwas stoßen. Die zwei sind deutlich aktiver in Marseille und Paris als bei uns, Gott sei’s gedankt. In Marseille leitet Richter Bonnefoy ein Ermittlungsverfahren, das alle diese Abrechnungen bündelt. Ich könnte ihn einsetzen und mit dem Dossier betrauen.«

Der Staatsanwalt nimmt seinen Gang wieder auf, überlegt noch einmal, trifft dann eine Entscheidung. »Ich kenne ihn kaum, diesen Bonnefoy. Ich warte noch ab, ehe ich einen Richter in diesen Schlamassel einbeziehe. Ich eröffne ein beschleunigtes Verfahren, das unmittelbar unter meiner Aufsicht bleibt, und betraue den SRPJ von Marseille mit der Ermittlung, was sich angesichts der Person des Opfers rechtfertigt. Auf die Weise schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir verhindern, dass Ihr frisch ernannter Chef in unseren Angelegenheiten herumtrampelt. Und wir halten das Operationszentrum von Nizza und seinen Casinos fern. Es ist doch das, was Sie wollten?«

»Genau das, Herr Staatsanwalt.«

»Aber, Leccia, ich bitte Sie, bei dieser Ermittlung jeden Schritt zu überwachen. Man kann nicht vorsichtig genug sein, sie darf nicht außer Kontrolle geraten, lassen wir uns nicht überrumpeln. Ich zähle auf Sie, wie immer.«

Dienstagmorgen, Marseille

Daquin wird am frühen Vormittag zum Direktor des SRPJ Marseille bestellt, der ihn sehr freundlich empfängt. Nicht unbedingt ein gutes Zeichen.

»Ein Mord letzte Nacht in Nizza, das Opfer, Maxime Pieri, ist eine vielschichtige Persönlichkeit, ein bedeutender Marseiller Unternehmer mit einer bewegten Vergangenheit, was seine frühen Jahre betrifft. Grimbert wird Ihnen mehr dazu sagen. Der Staatsanwalt von Nizza hat uns im Rahmen eines beschleunigten Verfahrens mit dem Fall betraut. Ich habe mich mit Richter Bonnefoy beraten, er denkt, die Sache in Belle de Mai ist eine klassische Abrechnung unter Gangstern, und hat nicht vor, eine ausufernde Ermittlung einzuleiten. Sie werden bei diesem Dossier nicht mit Arbeit überlastet sein. Ich habe daher entschieden, Ihnen auch den Fall Pieri zu übertragen, Ihnen und Ihrem Team. Für Sie ist das eine Gelegenheit, sich warmzulaufen. Hier ist das, was uns Nizza per Telex übermittelt hat.« Der Chef reicht Daquin eine dünne Mappe, nur wenige Zettel. »Sie finden darin die Polizeiberichte vom Tatort, die Zeugenaussagen, die an Ort und Stelle aufgenommen wurden, und die Kontaktdaten des Büros vom Staatsanwalt von Nizza. Inspecteur Bonino ist Ihr Ansprechpartner in der dortigen Dienststelle des SRPJ. Sie haben seine Kontaktdaten in der Akte, er ist informiert und erwartet Ihren Anruf. Viel Glück, Daquin.«

Daquin nimmt die Akte, das Gesicht ausdruckslos, ohne Reaktion. »Danke, Herr Direktor.«

Er steht auf und geht hinaus. Jagd auf Niçoiser Territorium, das Opfer eine vielschichtige Persönlichkeit. Ein Auftrag, der stinkt? Vielleicht, aber beschleunigtes Verfahren, eine Chance. Er muss versuchen, sie voll und ganz zu nutzen. Daquin kehrt zurück zu Grimbert und Delmas, die in ihrem Büro auf ihn warten.

»Was wollte der Direktor?«

»Er überträgt uns das Dossier zum Mord an Maxime Pieri vergangene Nacht.«

Grimbert stößt einen überraschten Pfiff aus. »Ich habe die Nachricht von seiner Ermordung heute Morgen im Radio gehört, ich hätte nie gedacht, dass wir eine Chance haben, diesen Fall zu erben.« Daquin hört die Aufregung in seiner Stimme. »Klären Sie uns auf, Commissaire.«

»Der Staatsanwalt von Nizza hat sich für ein beschleunigtes Verfahren entschieden, das unter seiner Aufsicht bleibt, und er hat den SRPJ von Marseille eingesetzt. Der Chef hat uns mit der Ermittlung betraut, mehr weiß ich nicht. Hier ist die Akte, dünn, klar, der Mann wurde vor sieben Stunden getötet. Wir lesen sie und sprechen dann darüber.«

Ein paar Minuten später: »Was denken Sie, Grimbert? Motorrad, großes Kaliber, zehn Schüsse, ist es die x-te Abrechnung im Milieu?«

Grimbert zögert. Brauen zusammengezogen, keine Spur mehr von seinem schiefen Lächeln. Dann legt er los. »Ich stelle gewaltige Ungereimtheiten fest. Erstens mal ist die Exekution zu sauber. Der Mörder schießt nicht aus nächster Nähe, trotzdem trifft er die Frau an Pieris Arm nicht, keine Sachschäden ringsum, die Killer aus dem Milieu arbeiten selten so präzise. Dann die Persönlichkeit von Pieri. Er war zwar einer der Kapitäne von Antoine Guérini, aber vor etwa zehn Jahren hat er auf Geschäftsmann umgesattelt. Heutzutage ist er im Wirtschaftsleben von Marseille ein bekannter Mann, er besitzt eine Firma, die Somar, die ein Dutzend Frachter im Einsatz hat. Ich sehe nicht, dass er sich an den aktuellen Machtkämpfen der Clans beteiligt.«

»Dem Chef zufolge wissen Sie etwas mehr darüber, als Sie uns sagen.«

Grimbert zögert, entschließt sich dann. »Pieri gehört zu der Generation Korsen, die bei Kriegsende und in der Nachkriegszeit enge Beziehungen zur Politik geknüpft haben. Er stand in dem Ruf, Geschäfte an der Grenze der Legalität zu machen …«

»Auf welcher Seite der Grenze? Diesseits oder jenseits?«

»Jenseits natürlich, das ist doch der Sinn der Redewendung, und zwar mit etlichen Mitgliedern der feinen Marseiller Gesellschaft. Aber das sind bloß Gerüchte, ich habe keinerlei konkreten Beweis.«

»Das könnte ein guter Grund dafür sein, erschossen zu werden.«

»Ja, sicher.«

»Ist es denkbar, dass eine Abrechnung im Milieu inszeniert wurde, um eine gründliche Ermittlung zu verhindern?«

»Das wäre amüsant. Und schlau, mitten im Krieg von Zampa gegen Le Belge. Man könnte glatt auf die Idee kommen, die zehn Kugeln, die man auf Pieri abgegeben hat, wären eine Art Anspielung auf die zehn Kugeln, mit denen Antoine Guérini erschossen wurde. Einfach um sicherzugehen, dass wir die Parallele ziehen.«

»Wie sind unsere Beziehungen zu den Kollegen in Nizza?«

»Kompliziert. Nizza und Marseille sind zwei unterschiedliche Städte. Nicht die gleiche Bevölkerung, nicht die gleichen Politiker. Nicht die gleichen Banditen und nicht die gleichen Bullen. Da wir nicht sehr regelmäßig zusammenarbeiten, sind die Beziehungen ansonsten nicht katastrophal. Ich würde sagen, auf der Mitte zwischen nicht berühmt und passabel. Eher besser als zwischen den verschiedenen Diensten hier im Évêché.«

»Ich rekapituliere. Ein Mord, vielleicht eine Abrechnung im Milieu, vielleicht nicht. Wir werden im Rahmen eines beschleunigten Verfahrens eingesetzt. Ein beschleunigtes Verfahren dauert fünfzehn Tage. Während dieser Zeit haben wir echte Ermittlungsbefugnisse, wir entziehen uns dem Einfluss von Richter Bonnefoy, der aus dem Spiel ist, und unterstehen allein der Aufsicht des fernen Staatsanwalts Coulon, der in Nizza sitzt. Wir können den Fall auf Sparflamme kochen, niemand wird uns das verübeln, oder die Gelegenheit beim Schopf packen und fünfzehn Tage wie die Verrückten arbeiten. Spielen wir das Spiel oder spielen wir es nicht? Grimbert?«

»Wir spielen es.«

»Delmas?«

»Ebenso.«

Adrenalinstoß, Hitzewallung. Gefühl, die Geburt eines Teams zu erleben, wie manchmal beim Rugby inmitten von Gefahr und Zusammenstößen.

»An die Arbeit, keine Zeit zu verlieren. Ich fahre rüber nach Nizza und besuche Bonino in der Dienststelle des SRPJ und Staatsanwalt Coulon. Soll ich einen Durchsuchungsbeschluss für Pieris Firma beantragen?«

»Versuchen können Sie es, aber es würde mich wundern …«

»Wir werden sehen. Sie hier besorgen uns die Polizeiakten über Pieri, Sie treiben Bullen auf, die ihn gekannt haben und uns etwas über ihn erzählen können, Sie machen seine Familie ausfindig und Sie sammeln das Maximum an Informationen über seine Firma. Sie dürfen Ihrer Phantasie freien Lauf lassen, aber achten Sie darauf, dass Sie im abgesteckten Rahmen bleiben, solange die Maschinerie nicht angelaufen ist. Wir werden denen, die uns den Fall gern entziehen wollen, wer immer das sein mag, keinen Vorwand liefern. Morgen früh sehen wir uns hier wieder.«

Delmas und Grimbert treffen sich im Bar-Tabac auf dem großen Platz vor dem Eingang des Évêché. Für die Beamten der Kriminalpolizei ist es wie eine Nebenstelle. Ein gewöhnliches Bistro, aber mit einer großen Terrasse, die freien Blick auf das Zentralkommissariat bietet. So fühlt man sich nicht fremd. Bullen an allen Tischen.

Grimbert zieht Delmas zu einem sonnigen Tisch auf der Terrasse. »Hier muss man sich vorsehen, überall lungern Journalisten rum in der Hoffnung auf irgendwelche Tipps. Einen habe ich an der Bar gesehen, bestimmt ist er hier, um nach Informationen über Pieri zu fischen, ich bin nicht scharf darauf, mit ihm zu reden.«

Grimbert schlägt Delmas vor, die Arbeit aufzuteilen.

»Du übernimmst das Archiv im Évêché, du suchst alle Akten raus, die Pieri betreffen, wenn möglich, machst du seine Familie ausfindig und erstellst zu morgen eine Zusammenfassung. Ich für meinen Teil gehe zur Handelskammer und zum Finanzamt, mal sehen, was ich zusammenklauben kann. Morgen früh ziehen wir mit dem Commissaire Bilanz.«

Die Handelskammer hat ihren Sitz in einem Gebäude mit monumentaler Fassade, kitschig und überladen, eine Glanzleistung der Kommunikationspolitik des Marseiller Unternehmertums Ende des 19. Jahrhunderts: Es war geboten, auf reich zu machen, das ist gelungen. Die Verantwortlichen der Kammer weigern sich einhellig, Inspecteur Grimbert zu empfangen. Zu viel zu tun, keine Zeit zu vergeuden, nichts zu sagen. Und sie schicken ihn zu ihren Sekretärinnen, die seit den frühen Morgenstunden ihren Text auswendig gelernt zu haben scheinen: Pieri, ein dynamischer Unternehmer, sehr präsent bei allen Sitzungen. Sicher, er gehört nicht zur selben Welt wie die großen Familien der Ölmühlen und Seifenfabriken, die sich nicht dazu herablassen würden, ihn bei sich zu empfangen, ihn aus der Ferne aber schätzen. Ihnen ist nie auch nur das Geringste von einem ernsthaften Konflikt zu Ohren gekommen. Dieser Mord hat mit dem Marseiller Wirtschaftsleben nichts zu tun.

»Ein von zehn Kugeln durchlöcherter Körper, ein Großkaliber Sorte Bazooka, die Präzision eines Eliteschützen – Ihnen zufolge war das sicher eine eifersüchtige Ehefrau, die im Affekt getötet hat, ein Verbrechen aus Leidenschaft«, sagt Grimbert mit ernster Miene.

»Und warum nicht?«, antworten die Frauen lachend.

Verärgert über diese lässige Art, mit ihm umzuspringen, hat Grimbert einen Geistesblitz. »Wo ist das Dokumentationsarchiv der Kammer, ich will die Akte über die Somar einsehen.«

Unerwartetes Ansinnen, die Sekretärinnen beraten sich.

»Das Archiv ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, es ist Mitgliedern vorbehalten.«

»Ich bin nicht ›die Öffentlichkeit‹, ich bin Inspecteur der Marseiller Kriminalpolizei, und ich ermittle im Mord an einem Ihrer Mitglieder. Sagen Sie mir unverzüglich, wo sich das Archiv befindet.«

Das Archiv liegt unter dem Dach. Während er durch die engen, fensterlosen Gänge läuft, zweifelt Grimbert ernstlich am Nutzen seiner Unternehmung. Aber jetzt, wo er danach gefragt hat …

Die Dokumentarin steuert ihn schnell an die richtige Stelle. »Maxime Pieri, natürlich weiß ich von seiner Ermordung, ich habe Radio gehört. Ich bin ihm mehrmals begegnet, ein sehr höflicher Mann. Ich kann Ihnen seinen Nachruf geben.«

»Jetzt schon ein Nachruf? Er ist erst heute Morgen gestorben …«

»Wir haben zu allen wichtigen Marseiller Unternehmern Nachrufunterlagen, die wir ständig aktualisieren. Presseausschnitte und ein paar getippte Notizen. Um bei Bedarf Stoff für die Presseerklärungen und die Grabreden zu haben.«

»Reizend. Und die von Pieri hat noch niemand angefordert?«

»Nein.« Sie lacht. »Man wird sich um die Predigt nicht reißen. Auf der Straße erschossen wie ein Gangster, das macht sich schlecht. Und die Journalisten sind noch nicht auf die Idee gekommen, uns aufzusuchen. Hier ist die Akte, gehen Sie sorgsam damit um, bringen Sie die Ordnung nicht durcheinander.«

Grimbert setzt sich an einen kleinen Tisch in dem ausgestorbenen Archiv, die Dokumentarin wendet sich wieder ihrer Beschäftigung zu.

Als Erstes eine knappe biografische Notiz: Maxime Pieri wird 1926 in Calenzana auf Korsika geboren. Er kommt als Kind nach Marseille. Im Sommer 1944 beteiligt er sich mit der Waffe in der Hand an der Befreiung von Marseille. Im September 1944 tritt er als Freiwilliger in die legendäre 2e DB ein. Im Juni 1945 wird er mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet.

Kurzer Überschlag, damals war er neunzehn. Respekt.

Der nächste Abschnitt beginnt 1962 mit der Gründung der Somar. Die siebzehn Jahre seiner kriminellen Karriere mit Schweigen zugedeckt. Geschichte schreiben heißt, das Vergessen zu managen.

Grimbert notiert: Pieri gründet seine Firma 1962 mit einem einzigen Frachter. Er ist also sechsunddreißig Jahre alt. Beinahe stetiges Wachstum. Die Somar besitzt heute eine Flotte von zehn Schiffen und interessiert sich für das Chartergeschäft mit Öltankern.

Ein Artikel aus einer Wirtschaftswochenzeitung, Info Éco Avenir, wurde ausgeschnitten und abgeheftet. Er datiert von November 1964, unterzeichnet von einem gewissen Pascal Thiébaut, dessen Foto in Briefmarkengröße oben auf der Seite abgedruckt ist, neben dem Titel »Das Ende des Marseiller Modells?«.

Grimbert überfliegt die Beschreibung des »Marseiller Modells«: Die Geschäftstätigkeiten von Hafen und Industrie sind stark verflochten, da der Hafen die verarbeitende Industrie mit landwirtschaftlichen Rohstoffen aus den Tropen versorgt. Als das Hafengeschäft nachlässt, geht die davon abhängige Industrietätigkeit zurück, die Krise setzt ein. Der Artikel ist von 1964, und da ist die Krise schon da? Wir befinden uns seit zehn Jahren in der Krise und es geht einfach so weiter? Was treiben die eigentlich da oben? Ein traumverlorener Moment, dann nimmt Grimbert seine Lektüre wieder auf. Der Journalist fragt nach den Gründen: Zusammenbruch des Kolonialreichs und Industrialisierung der Dritten Welt, die die Versorgung mit Rohstoffen versiegen lassen? Nein. Die Hauptursache des Niedergangs von Marseille ist das Scheitern seiner wirtschaftlichen Eliten, schreibt er: »Ein Familienkapitalismus, der sich durch die Nachfolge von drei oder vier Generationen an der Firmenspitze überlebt hat, jeglichem Wandel misstrauisch gegenübersteht und lieber in Immobilien als in Industrie investiert, und Erben, die sich in die freien Berufe flüchten.«

Grimbert staunt über die Heftigkeit der Anklage in einer Publikation, die im Ganzen betrachtet sehr wenig revolutionär ist. Das für ihn Interessanteste kommt noch:

»Ist dieser Niedergang unabänderlich? Vielleicht nicht, wenn es den wirtschaftlichen Eliten gelingt, sich zu erneuern. Ich bin einem neuen Typus Unternehmer begegnet, die von Projekten nur so übersprudeln. Maxime Pieri hat sein Seefrachtunternehmen vor zwei Jahren gegründet, mit begrenztem Kapital und einem spektakulären Umsatzwachstum von nahezu 25 % pro Jahr. Ich frage ihn, woher diese Dynamik kommt. Zwei wesentliche Faktoren, sagt er. Die Welt ist im Wandel, man muss sich anpassen und neue Kunden finden. Er akquiriert in den Ländern östlich des Mittelmeers, Türkei, Syrien, Libanon, Handelsstrecken, die nicht mehr notwendigerweise über Marseille verlaufen. Und um das für sein Wachstum nötige Kapital aufzutun, umwirbt er eine Klientel, die Ersparnisse hat, aber nicht daran gewöhnt ist, in Geschäfte zu investieren. Er entwickelt neue Formen der Beteiligung-Investition mit begrenzter Laufzeit, um diese Leute anzuziehen, den Banken vertraut er nicht, zu teuer und zu ängstlich. Zudem liebäugelt er mit dem Erdöl, dem zweifellos die Zukunft gehört, sagt er, aber das ist eine andere Geschichte.«

Dann skizziert der Journalist das Porträt von zwei weiteren »Marseillern der Zukunft«. Grimbert hört auf zu lesen, die Dokumentarin ist anderswo beschäftigt, er steckt den Artikel ein, schließt die Akte, bringt sie ihr zurück, verabschiedet sich und geht.

Draußen auf der Straße läuft er mit schnellen Schritten, um seinen Kopf abzukühlen. Es fällt ihm schwer, den Artikel aus dieser Intelligenzlerzeitschrift zu schlucken, der Pieri als Helden der Marseiller Wirtschaft hinstellt.

Als Nächstes auf dem Programm: das Finanzamt des Bezirks La Joliette. Er steigt direkt hoch ins Büro von Inspektor Micchelozzi, ein Nachbar, mit dem er sonntags zur Zeit der Messe manchmal Boule spielt und dazu einen Pastis trinkt. Herzliche Begrüßung. Schon weniger herzlich, als Grimbert auf sein Anliegen zu sprechen kommt.

»Hast du von Pieris Ermordung gehört?«

»Natürlich.«

»Ich arbeite an dem Fall. Du kennst dich mit der Somar ein bisschen aus. Wie denkst du über die Sache?«

»Ich bin nicht persönlich mit der Somar befasst, aber ich bin wie alle anderen, ich weiß von Pieris früheren Beziehungen zu den Guérinis. Wenn du mich fragst, war seine Verbindung zu den Guérinis längst Geschichte. Die Firma ist sauber. Die Geschäftstätigkeit ist real, die Schiffe existieren, die Verträge und die Waren ebenso. Und soweit ich weiß, zahlt das Unternehmen seine Steuern. Die zwei Steuerprüfungen in fünf Jahren, die dort stattgefunden haben, hatten keine spektakulären Steuernachzahlungen zur Folge. Nur Lappalien, wie überall.«

Grimbert redet noch über dies und jenes, das Wetter, das Wochenendhaus, das Angeln, um Micchelozzi Zeit zu geben, das Für und Wider abzuwägen. Dann: »Gut, ich geh dann mal. Sonst gibt es nichts, was du mir sagen kannst?«

»Ich habe hier und da was läuten hören, im Flurfunk … du weißt ja, die Leute reden, ohne immer Bescheid zu wissen … Es gab wohl ein paar etwas undurchsichtige Geschichten rund um den Bau des Ölhafens von Fos. Die Grundstückspreise dort sind explodiert, es gab auch eine verworrene Begebenheit mit einer von den großen Ölgesellschaften unabhängigen Raffinerie, es war von versuchter Erpressung die Rede, Pieri soll darin verwickelt gewesen sein, alles ziemlich vage.«

Sobald Grimbert sein Büro verlassen hat, greift Micchelozzi zum Telefon. Die Bullen interessieren sich für die Somar. Diese Information muss man in Umlauf bringen und die entsprechenden Vorkehrungen treffen.

Grimbert hat schnell Bilanz gezogen. Fos, wahrscheinlich eine falsche Fährte, um mich abzuwimmeln. Aber Pieri sagte am Ende des Artikels: »Erdöl, die Zukunft, eine andere Geschichte«. Das verdient jedenfalls eine kurze Untersuchung. Micchelozzi gibt vor, sich für die Somar nicht zu interessieren, aber er ist bestens informiert über die Steuerprüfungen bei der Firma. Das ist eine glaubwürdige Information, denn auf seinem Posten beim Finanzamt ist er ein Knotenpunkt für sämtliche Finanzmauscheleien von Marseille. Vielversprechend.

Dienstagnachmittag, Nizza

Inspecteur Bonino wurde Daquins Kommen angekündigt. Er erwartet ihn im SRPJ im Zentralkommissariat von Nizza. Er empfindet seine Situation als ausgesprochen misslich. Der Direktor der Kriminalpolizei hat ihn beauftragt, an dem beschleunigten Verfahren im Mordfall Pieri mitzuwirken, jedoch unter Leitung und Verantwortung von Daquin und seinem Marseiller Team. Was nicht gerade stimulierend ist. Und unter dem wachsamen Blick von Staatsanwalt Coulon, dem er keineswegs blind vertrauen kann. Kurz, er befindet sich in einer heiklen Lage in einem zum Himmel stinkenden Fall. Er wird seinen Job machen, ohne übertriebenen Eifer. Mit der Priorität, den Schlägen auszuweichen, die es von allen Seiten zu hageln droht.

Die Niçoiser Polizei hat die Somar von Pieris Tod in Kenntnis gesetzt. Offensichtlich gibt es keine Familie zu benachrichtigen. Auf der Suche nach einer großzylindrigen Ducati klappern zwei Polizisten die Kfz-Werkstätten der Region ab, ohne viel Hoffnung. Alle gehen von einer Bande italienischer Killer aus, die längst wieder über die Grenze sind. Bonino hat Erkundigungen über das Ehepaar Frickx eingeholt. Die Frau ist die Enkelin eines südafrikanischen Bergbaumagnaten. Der Mann ist ein wichtiger Trader, Europa-Repräsentant der Firma Co Trade, Weltmarktführerin im Erzhandel. Er weiß nicht genau, was das bedeutet, aber Grund zum Argwohn. Der Ehemann ist derzeit auf Geschäftsreise in Südafrika, wo es Bonino gelungen ist, ihn zu erreichen, um ihn über die Missgeschicke seiner Gattin zu informieren, die immer noch mit schwerem Schock im Krankenhaus liegt. Der Ehemann hat versprochen, morgen Abend vor Ort zu sein. Gute Nachricht, da man ihm durchaus ein paar Fragen stellen muss, denn seine Frau behauptet, dass er mit Pieri geschäftlich zu tun hatte.

Unterdessen haben zwei Inspektoren Emilys Zeugenaussage überprüft. Der Besitzer der Kunstgalerie in Villefranche, der Emily sehr gut kennt – sie besucht regelmäßig seine Galerie –, hat bestätigt, dass sie Pieri am Vorabend in seinem Beisein getroffen hat, und offenkundig rein zufällig. Die Casinomitarbeiter kannten Pieri gut, er war Stammgast. Er hatte in den vergangenen drei Monaten mehrfach dort zu Abend gegessen, er spielte ein bisschen, ohne Leidenschaft, immer allein, außer am Abend seiner Ermordung. Emily Frickx dagegen war vorher noch nie dort gewesen. Bonino schließt daraus, dass Pieris Ermordung im Voraus geplant gewesen sein kann, da er im Casino Stammgast war, und Emilys Zeugenaussage somit bestätigt ist. Eigentlich eine gute Nachricht.

Daquin ist immer noch nicht da. Mehr aus Langeweile denn in der Hoffnung, Informationen zu finden, schaut Bonino in die Polizeiakten. Emily Frickx. Überraschung, im Zentralkommissariat von Nizza existiert tatsächlich eine Akte über sie.

28. Mai 1971. Der Bereitschaftspolizist im Zentralkommissariat von Nizza erhält einen anonymen Anruf, in dem eine Prügelei auf der Promenade des Anglais gemeldet wird, auf Höhe des Palais de la Méditerranée, an der mindestens ein Dutzend Personen beteiligt sind. Das Team von Brigadier Kosciusco fährt zum Ort des Geschehens und stellt die folgende Sachlage fest: »Eine Gruppe von etwa zehn Personen, die Männer in Anzug und Melone, die Frauen in langen Kleidern und mit Blumen im Haar, hat auf der Promenade des Anglais ein Klavier aufgestellt. Wir identifizieren sofort die üblichen jungen ›Künstler‹-Störenfriede, die zum Umfeld des Ladens von Ben Vautier gehören. Unter dem Beifall ihrer Begleiterinnen schlagen die Männer mit Hämmern auf das Klavier ein. Das Klavier gongt, knirscht und geht unter Geschrei und Gesängen zu Bruch. Durch den Lärm aufmerksam gewordene Passanten protestieren empört, wollen das Abschlachten des Klaviers verhindern und geraten mit der Gruppe hysterischer Frauen aneinander, die die Zerstörer mit Fausthieben verteidigen. Hier und da kommt es zu Handgreiflichkeiten. Wir beschließen daher, die Unruhestifter festzunehmen, um die Ruhe wiederherzustellen. Die Trümmer des Klaviers werden an Ort und Stelle zurückgelassen und die Stadtreinigung wird informiert.«

Es folgt die Liste der zur Feststellung der Personalien vorübergehend festgenommenen Personen, auf der tatsächlich der Name Emily Frickx aufgeführt ist.

Bonino blättert sofort weiter zur Aussage der jungen Frau.

Emily Frickx gibt zu Protokoll:

»Wir schlugen auf ein Klavier, wir machten Musik. Das war ein Konzert. Die Frau, mit der ich mich geprügelt habe und die ich ansonsten nicht kenne, wollte von meinem Standpunkt, den ich ihr darzulegen versuchte, nichts hören und ging brutal auf einen meiner Freunde los, sie versuchte ihn zu beißen. Ich wollte sie daran hindern und wir sind in eine Schlägerei geraten.«

Nach stundenlanger Kakophonie im Kommissariat hatten die entnervten Polizisten schließlich alle auf freien Fuß gesetzt.

Bonino ist überrascht, er hätte nicht gedacht, dass Emily, die ohnmächtige junge Frau von vergangener Nacht, Ehefrau eines bedeutenden Geschäftsmanns, mit diesen übergeschnappten Niçoiser Künstlern verkehrt. Aber deshalb ist sie noch lange nicht die Komplizin eines Mörders. Man muss Vernunft walten lassen. Diese Akte belegt ihre schon länger gehegte und erwiesene Vorliebe für das, was man gemeinhin zeitgenössische Kunst nennt, und kann insofern die Glaubwürdigkeit ihrer Zeugenaussage untermauern.

Daquin trifft just in diesem Moment ein. Eher kühle Kontaktaufnahme. Bonino ist älter als Daquin und hat kaum Hoffnung, eines Tages Commissaire zu sein. Er ist klein, rundlich, beginnende Glatze, einfallslos in Anzug und Krawatte, und er mag keine großen robusten, eher gutaussehenden Kerle, die ihm seine Ermittlungen wegschnappen, aber Daquin gibt sich geradezu ehrerbietig, er kommt ihm Bericht erstatten. Die Marseiller wollen ihre Nachforschungen auf Pieris Firma lenken. Was hält er davon?

»Was sagt Staatsanwalt Coulon?«

»Keine Ahnung. Ich wollte erst mit Ihnen sprechen. Ich werde ihn aufsuchen, wenn ich hier raus bin.«

»Halten Sie mich auf dem Laufenden.«

»Selbstverständlich.«

Bonino übergibt Daquin Notizen, die alle ihm verfügbaren Informationen enthalten. Frickx wird morgen Abend da sein, perfekt, es wird vereinbart, dass Daquin übermorgen erneut nach Nizza kommt und sie Frickx gemeinsam treffen. Dann schiebt Bonino Daquin die Polizeiakte über Emily zu. Der liest sie sehr aufmerksam, erbittet eine Kopie, die er in seine Mappe legt. Er schätzt die Arbeit von Boninos Team und sagt es ihm.

Die beiden Männer verabschieden sich ohne Feindseligkeit. Daquin begibt sich zu Staatsanwalt Coulon im Gericht von Nizza. Die erste Begegnung ist wesentlich, er muss konzentriert bleiben. Diese Ermittlung ist eine Aufwärmrunde, hat der Direktor vom SRPJ Marseille gesagt. Eine Aufwärmrunde, die eine Möglichkeit bedeuten kann, die Verantwortung auf den jüngsten Neuzugang abzuwälzen, den Pariser. Oder schlimmer, einen Fallstrick. Ich kann mich leicht darin verfangen.

Der Staatsanwalt hat ihn erwartet. Er empfängt ihn unverzüglich und wirkt überrascht: ein so junger Commissaire!

Nach ein paar einleitenden Sätzen erwähnt Daquin die Möglichkeit einer Hausdurchsuchung in Pieris Firma. Der Staatsanwalt hebt die Brauen, Daquin argumentiert. »Klassisches Vorgehen. Mit Nachforschungen über das Opfer beginnen, um das Tatmotiv zu erhellen.«

»So jung und schon klassisch? Gehen wir es sachte an, Commissaire. Monsieur Pieri ist das Opfer, nicht der Täter, und wir müssen jeden Schritt unterlassen, der das Bild seiner Firma befleckt. Die Somar ist allseits geachtet und dynamisch, was im Kontext der Krise der Marseiller Wirtschaft außergewöhnlich ist. Haben Sie Ihre hiesigen Kollegen schon kennengelernt?«

»Da komme ich gerade her, Herr Staatsanwalt.«

»Man hat dort eine Hypothese, glaube ich.«

»Welche, Herr Staatsanwalt? Es wurde nichts dergleichen erwähnt.«

»Für sie ist Pieris Ermordung im Zusammenhang mit all den Abrechnungen zu betrachten, die die Côte seit Monaten mit Blut tränken, eine Episode im Machtkampf zwischen Zampa und Francis Le Belge um das Erbe der Guérini-Brüder. Es ist möglich, dass Pieri mit Verspätung für seine anrüchige Vergangenheit an der Seite von Antoine Guérini bezahlt hat. Wenn das zutrifft, liegt der Schlüssel für diese Abrechnung nicht bei der Somar, die, wie Ihnen jeder sagen wird, ein respektables Unternehmen ist, und das soll sie auch bleiben. Wir wollen nicht alles durcheinanderwerfen. Trotz seiner Vergangenheit war aus Pieri seit etwa zehn Jahren eine angesehene Persönlichkeit der Marseiller Wirtschaft geworden.«

»Wann werden wir eine Rekonstruktion des Verbrechenshergangs durchführen können?«

»Das wäre möglicherweise eine schlechte Reklame für unsere Casinos zu Beginn der Tourismussaison. Und teuer ist es auch. Wir wollen keine unvernünftigen Ausgaben verursachen. Wie Pieri erschossen wurde, scheint sehr klar. Ihre Niçoiser Kollegen haben mir einen Bericht dazu übergeben.« Der Staatsanwalt steht auf, drückt Daquin herzlich die Hand. »Halten Sie mich in kurzen Abständen auf dem Laufenden. Wir zählen darauf, dass Sie umsichtig vorgehen. Angesichts der Person des Opfers ist dies ein extrem heikler Fall.«

Rückfahrt nach Marseille, über zwei Stunden Fahrt, sehr lästig, Daquin hat weder eine Vorliebe für Autos noch fürs Fahren, auch nicht als Sport. Als er Nizza über die Promenade des Anglais verlässt, fährt er im Schritttempo am Palais de la Méditerranée vorüber. Eine hohe Fassade in aggressivem Weiß vom Typ mehrstöckige Sahnetorte. Ein Durcheinander von Stilen, pseudo-römische Arkaden, gerahmt von pseudogriechischen Pilastern, gekrönt von Basreliefs und Statuen, die sehr nach 19. Jahrhundert aussehen. Ein Tempel des schlechten Niçoiser Geschmacks der Dreißigerjahre. Dieser Tatort ist eine Theaterkulisse, perfekt für ein inszeniertes Verbrechen. Solange man mir keine Rekonstruktion genehmigt, bleibt das Ganze für mich ein Schattenspiel. Ich muss mit eigenen Augen sehen, was passiert ist. Wir werden unsere eigene Rekonstruktion durchführen.

Während der Fahrt schweifen seine Gedanken umher. Gemischte Tagesbilanz. Positiv die Reaktionen von Grimbert und Delmas. Das Team ist im Begriff, sich zu bilden, ich kann es regelrecht spüren. Passabel das Treffen mit Bonino. Verheerend die Unterredung mit Staatsanwalt Coulon. Er liefert die »offizielle« Version, will sagen, seine eigene, nicht die von Bonino: Exekution durch das Milieu. Wie sagte Grimbert? »Ich stelle gewaltige Ungereimtheiten fest.« Und schloss die Möglichkeit einer Inszenierung nicht aus. Der ist der geborene Bulle. Und aus mir unbekannten Gründen zählt Staatsanwalt Coulon auf mich, den Jungspund, um die These einer Abrechnung im Milieu zügig zu bestätigen und den Fall zu begraben. Deutlicher konnte er es nicht sagen. Und wenn ich nicht die offizielle Linie verfolge, werde ich aufs Abstellgleis geschoben und habe nichts zu erwarten, weder vom Direktor noch vom Staatsanwalt, niemand wird mich unterstützen. Gut. Ich werde mich nicht abschieben lassen. Einzige Möglichkeit, dem zu entgehen: die Mörder finden, oder zumindest Fährten auftun, Fakten, Beweise. Coulons Blockadehaltung ist zu verbohrt, um haltbar zu sein, wenn ich vorankomme, und sei es nur wenige Schritte. Ohne ein bisschen Glück, viel Glück, werde ich es nicht schaffen. Nach draußen gehen, Witterung aufnehmen, herumlaufen, viele Gelegenheiten schaffen, um meinem Glück zu begegnen, und wenn ich ihm begegne, werde ich es zu ergreifen wissen. Bis dahin lege ich mich auf die Lauer, Geduld ist eine Tugend. Schon möglich, aber wir haben nur fünfzehn Tage. Keine ausgemachte Sache. Aufregend.

Marseille, Vorfreude auf die Wohnung hoch über dem Getriebe, dem Lärm und den Gerüchen des Vieux-Port. Der Plan für heute Abend: Cognac auf der Loggia. Allein. Das Vergnügen, allein zu sein. Das ganze Jahr in Beirut ist er das nie gewesen, allein. Und das hat ihm am Ende zu schaffen gemacht. Beirut, eine Idee von Lenglet. Als Daquin Lenglet begegnet ist, war er sechzehn Jahre alt. Seine selbstmordgefährdete Mutter hatte sich schließlich mit Alkohol und Medikamenten umgebracht und war seit drei Jahren tot. Er hegte eine Vorliebe für Jungs, von der er nicht recht wusste, wie er sie leben sollte, und befand sich im offenen Krieg gegen seinen Vater. Lenglet brachte ihm bei, ohne Komplexe zu vögeln. Eine weder zur Schau gestellte noch versteckte Sexualität, ganz normal. Dabei haben sie nie eine sexuelle Beziehung gehabt oder in Liebesdingen konkurriert, was ihnen eine stabile und dauerhafte Freundschaft ermöglicht. Sie haben zusammen Politologie studiert, beide mit glänzendem Abschluss, und derselben Neigung zu geistigen und körperlichen Abenteuern folgend hat Lenglet sich dem diplomatischen Dienst in seiner geheimdienstnahen Variante zugewandt und Daquin der Polizei, eine Revolte gegen seinen Vater, für den der diplomatische Dienst denkbar war, die Polizei – ein Bettlerberuf – dagegen nicht, er hat einen Juraabschluss gemacht und ist dann in die Kommissarsschule eingetreten. Danach Beirut, Sicherheitsdienst der französischen Botschaft, wo Lenglet seit zwei Jahren arbeitete, die Begegnung mit Paul Sawiri, einem fünfundvierzigjährigen Libanesen, Mitarbeiter von Lenglet, intelligent, kultiviert. Seine erste dauerhafte Beziehung, ein Jahr, eine Ewigkeit. Erdrückend mit der Zeit, wie übrigens auch die ständige Gegenwart Lenglets. Eine noch nicht abgeschlossene Trennung. Und jetzt Marseille, Cognac, Vieux-Port und Alleinsein.

Als er ankommt, stellt er den Wagen im Évêché ab und geht zu Fuß. Abstecher zur Kaffeerösterei auf der Canebière, wo er einen elektrischen Espressokocher und ein Kilo gemahlenen Kaffee aus Italien kauft. Zu Hause hat er kaum geduscht, als das Telefon klingelt. Vincent Royer, ein Kommilitone von der Jurafakultät.

»Porticcio rief an, um mir zu sagen, dass du eine Weile in Marseille bist und er dir seine Wohnung geliehen hat. Du hättest es schlechter treffen können!«

»Sagen wir, ich beschwere mich nicht.«

»Weißt du, dass ich nach Marseille zurück bin, um mich als Anwalt niederzulassen?«

»Porticcio erzählte davon. Gefällt es dir hier?«

»Ja, ich liebe meine Heimatstadt. Und ich habe großes Glück. Ich bin Partner von Maître Lombardino, wir haben beim bevorstehenden Riesenprozess um die Zerschlagung der berüchtigten French Connection die Verteidigung einiger Angeklagter übernommen, insgesamt über dreißig Beschuldigte. Ich vermute, du hast im Évêché davon reden hören?« Daquin brummt etwas. »Ich bin zuständig für das Dossier der Ehefrau des Hauptangeklagten. Das ist faszinierend, in beruflicher Hinsicht.«

»Kann ich mir vorstellen.«

»Wir könnten uns vielleicht treffen …«

»Morgen, komm zum Abendessen zu mir, besser gesagt zu Porticcio, am Quai du Port. Du kennst die Adresse, wenn ich recht verstanden habe. Etwas später, gegen neun, ich weiß nicht, um wie viel Uhr ich im Évêché fertig bin …«

»Abgemacht. Sehr gern.«

Vincent, Mitglied der kleinen Clique an der Jurafakultät. Vage Erinnerung … Ich denke morgen darüber nach.

Heute Abend macht sich Daquin daran, die Plattensammlung seines Freundes, überwiegend Klassik, nach Jazz zu durchstöbern, und setzt sich mit seinem Cognac in einen Liegestuhl auf der Loggia. Die Lichter des Vieux-Port blinken in der Nacht. Es ist kühl. Morgen ist ein anderer Tag.

3

Mittwoch, Marseille

Die großen nationalen Tageszeitungen melden Pieris Ermordung auf einer Spalte im Innenteil, Rubrik Vermischtes:

MARSEILLER REEDER AUF DER PROMENADE DES ANGLAIS IN NIZZA ERSCHOSSEN

Maxime Pieri, ein Akteur bei der wirtschaftlichen Umstrukturierung des Hafens von Marseille, scheint mit einigen Jahren Verspätung für seine anrüchigen Verbindungen zum Guérini-Clan in der unmittelbaren Nachkriegszeit gebüßt zu haben.

Gleich am Morgen versammeln sich Daquin und seine beiden Inspektoren in ihrem Büro. Grimbert kommt allen anderen zuvor.

»Wie von Ihnen beauftragt, habe ich einen Bullen gesucht, der Pieri gut kannte. Ich war gestern bei einem meiner alten Freunde, der beim Marseiller Drogendezernat arbeitet. Sie müssen wissen, Commissaire, dass die Beziehungen zwischen dem Drogendezernat und dem Rest der Kriminalpolizei miserabel sind. Vor weniger als zwei Jahren hat der Minister persönlich den Marseiller Drogenfahndern vorgeworfen, sie seien faul und unfähig und alle mehr oder weniger korrupt. Letztes Jahr sind sie deshalb allesamt entlassen worden und als Ersatz ist ein fertig zusammengestelltes Team aus Paris gekommen, mit einem Chef, der aus den Großen Brigaden im Quai des Orfèvres stammt. Die Regionalpresse schrieb, sie seien hier, um die ›Korsen-Polizei zu bekämpfen‹. Die Atmosphäre können Sie sich vorstellen … Um die Sache zu verschärfen, verlangten die Pariser, von der Marseiller Kriminalpolizei unabhängig zu sein, verließen den Évêché und quartierten sich in irgendwelchen Wohnungen in der Stadt ein. Eine echte Ohrfeige. Die gesamte Marseiller Kriminalpolizei fühlte sich angegriffen und stellte die Kommunikation mit dem Drogendezernat ein. Tja, auf der Suche nach Unterstützung setzten die Pariser ganz auf die Zusammenarbeit mit den Amerikanern, die, um die French zu zerschlagen, angebliche Spitzenkräfte der CIA ins amerikanische Konsulat von Marseille versetzt haben und den Drogenfahndern Kohle, Autos und Funkgeräte zuschanzten. Und dann merkten die Pariser irgendwann, dass Karteien ohne Ortskenntnisse tot sind und dass die Amis sie in Sackgassen führen. Ich erzähle Ihnen nicht, was für Böcke sie geschossen haben. Ein Ding: Die Amis haben Millionen in den Bau eines Schnüffel-LKWs gesteckt, gespickt mit Antennen und Sensoren, ein Labor auf Rädern, mit dem sie durch die Straßen der Stadt und der Vororte rollten und das die bei der Herstellung von Heroin entstehenden Dämpfe erschnüffeln und die Raffinationsfabriken orten sollte. Wenn er vorbeifuhr, kamen alle Marseiller aus den Bistros, hoben ihre Gläser und tranken einen Schluck Pastis auf das Wohl des Schnüfflers. Natürlich haben sie keine einzige Fabrik gefunden, es gibt nämlich keine, nur Chemiehandwerker, die in Landhausküchen arbeiten. Nach einiger Zeit hatten die Pariser die Nase voll davon, sich lächerlich zu machen, und holten meinen Kumpel Casanova zurück, das lebende Gedächtnis der Abteilung und der einzige Marseiller, der die Säuberung überlebt hat. Er hat zugesagt, uns heute Vormittag zu helfen, weil er mein Kumpel ist. Unter der Bedingung, dass wir das für uns behalten, mit niemandem im Évêché darüber sprechen und ihm keine peinlichen Fragen über die Arbeitsweise des Drogendezernats stellen. Sind Sie damit einverstanden?«

»Delmas?«

»Kein Problem.«

»Sehr gut, rufen Sie ihn an, ich schließe solange den Espressokocher an, den ich gestern besorgt habe.«

Erster Espresso aus dem neuen Kocher. Das ist nie der beste. Noch ehe er ausgetrunken hat, nimmt Daquin den Faden auf:

»Bevor Ihr Freund eintrifft, liefere ich Ihnen eine erste kurze Auswertung von meinem Tag in Nizza. Gemischte Bilanz. Bonino beim SRPJ in Nizza scheint mir zuverlässig zu arbeiten. Nach dem, was er mir erzählt hat, ist Frickx der europäische Repräsentant einer großen Tradingfirma, der Co Trade, und laut Zeugenaussage von Madame Frickx sollen der Trader Frickx und der Reeder Pieri regelmäßige Geschäftsbeziehungen unterhalten haben. Frickx war gestern in Südafrika, er wird heute Abend an der Seite seiner Frau in Nizza sein, für morgen haben wir ein Gespräch mit ihm in Nizza geplant. Madame Frickx selbst scheint außer Verdacht zu sein. Weniger positiv lief es beim Staatsanwalt. Coulon verweigert Rekonstruktion des Tathergangs und Hausdurchsuchung. Man fragt sich, warum er ein beschleunigtes Verfahren eröffnet.«

Grimbert mit schiefem Lächeln: »Um fünfzehn Tage verstreichen zu lassen, damit die Aufregung sich legt, bevor er einen Richter einsetzt.«

»Sie dürften recht haben.«

Casanova kommt im richtigen Moment, nämlich zum zweiten Espresso. Die vier Männer richten sich angesichts des begrenzten Platzes notdürftig ein, und man wendet sich dem Studium von Pieris Vergangenheit zu. Delmas beginnt.

»Die Polizeiakten geben Auskunft über Pieris Personenstand. Er ist 1926 auf Korsika geboren, in Calenzana. Im Alter von zehn Jahren verliert er Vater und Mutter, die vor seinen Augen erschossen werden, wahrscheinlich bei einer Vendetta, der Fall wurde nie aufgeklärt. Die Großmutter klemmt ihn sich unter den Arm und setzt auf den Kontinent über, um den Mördern zu entgehen. Richtung Marseille, Le Panier, Rue des Pistoles, eine von Korsen bevölkerte Straße, die mehrheitlich aus Calenzana stammen. Sie verkauft Obst und Gemüse auf Märkten, um zu überleben. Dann kommen Krieg und deutsche Besetzung.«

Grimbert löst ihn ab. »Seiner Akte bei der Handelskammer zufolge beteiligt sich Pieri 1944 an der Befreiung von Marseille, geht zur Armee, Kriegsverdienstkreuz im Juni 1945. Da ist er neunzehn. Danach Funkstille bis 1962.«

Casanova wendet sich an Daquin. »Sie als Pariser müssen verstehen, was zu der Zeit in Marseille in Gang kommt. Schon vor dem Krieg begann sich um die Brüder Guérini ein eingeschworener Clan zu bilden. Alles Korsen, alle in Marseille, viele aus demselben Dorf, Calenzana. Für einen Korsen ist das Dorf von großer Bedeutung. Bei der Befreiung von Marseille kämpften die Guérinis Seite an Seite mit Defferre und den Sozialisten. Oma Guérini soll Defferre sogar mehrfach das Leben gerettet haben. Das ist der Wendepunkt ihrer Geschichte. In der sehr unruhigen Zeit nach der Befreiung macht der Guérini-Clan ein Vermögen mit dem Schwarzhandel von Zigaretten, ein Riesenunternehmen, das sich über das ganze westliche Mittelmeer erstreckt, von Tanger aus geleitet. Und nach und nach setzt sich der Clan als Herrscher über Marseille durch, dank seiner Verbindungen ins Rathaus, unabhängig davon, ob ein Rechter das Bürgermeisteramt bekleidet oder Defferre. Als der Bürgermeister vertrauenswürdige Männer braucht, sei es, um 1947 eine kommunistische Demonstration zu zerschlagen oder 1950 den Streik der Hafenarbeiter zu brechen, wendet er sich an die Guérinis und die Sache läuft. In beiden Fällen wird die Ordnung wieder hergestellt. Das verbindet zwangsläufig.«

Delmas berichtet weiter: »In den Polizeiakten steht, dass Pieri nicht verheiratet ist, weder eine offizielle Geliebte hat noch Kinder.«

»Das kann ich bestätigen«, sagt Casanova.

»Bis in die Sechzigerjahre lebt er mit seiner Großmutter zusammen. Zu dieser Zeit kauft er ihr ein Häuschen in Calenzana, in das sie umzieht. Sie stirbt 1968. Ansonsten sind die Akten ausgesprochen diskret. Ein paar wenige Meldungen vom Zoll wegen Verdachts auf Zigarettenschmuggel, keine Festnahme, keine Verurteilung. 1959 notiert ein Polizist ein Gerücht, dem zufolge Pieri bei einer Abrechnung ums Leben gekommen sei, aber 1960 taucht er wieder auf der Bildfläche auf. Nichts über eine mögliche Beteiligung am Heroinhandel.«

Daquin unterbricht. »Dabei ist das doch die Zeit, als die Guérinis neben ihren vielen anderen Aktivitäten die French Connection organisieren. Hält sich Pieri aus den Drogen heraus?«

»Sicher nicht. Wir wussten, dass Pieri einer der treuesten Soldaten der Guérini-Brüder war, ehe er Antoine Guérinis Erster Kapitän wurde. Als solcher watete er in Heroin. Aber es war eine Zeit relativer Straflosigkeit. Und wenn ich relativ sage … Die Guérini-Brüder wurden ebenfalls nicht behelligt.«

Grimbert übernimmt wieder. »1962 gründet Pieri die Somar, die also sieben Jahre lang parallel zum voll funktionstüchtigen Guérini-Clan existiert. Gibt es Verbindungen zwischen der Somar und dem Clan?«

Casanova lächelt. »Spiel nicht den Unschuldigen, Englishman. Es ist ausgeschlossen, dass es keine Verbindung zwischen der Somar und den Guérinis gab, und das weißt du so gut wie ich. Als die Familie Guérini zu Fall kam, zwischen 1967 und 1969, hat man hier in Marseille und in Frankreich nicht viel Geld gefunden. Meine persönliche Meinung ist, dass ihnen die Somar von ihrer Gründung an dazu diente, es in Sicherheit zu bringen.«

Jetzt ist Daquin an der Reihe, den Naiven zu spielen. »Es gab damals keine Ermittlung in Bezug auf diesen Aspekt der Geschichte?«

Casanova ist sichtlich verlegen. »Erst mal waren Finanzermittlungen damals noch nicht in Mode. Und dann wäre es ein Wunder, wenn die Somar nur mit dem Geld der Guérinis gearbeitet hätte, wenn Sie verstehen, was ich sagen will.«

Ein Moment Schweigen, dann spricht Delmas. »Von seinem Wiederauftauchen 1960 an finden sich in den Polizeiakten Notizen, dass Pieri regelmäßige Geschäftsreisen in die USA unternimmt, mindestens vier im Jahr. Mehr steht da nicht.«

Casanova erläutert: »Täuschen Sie sich nicht, er war bestimmt kein Drogenschmuggler. Er war zuständig für die Gesamtverhandlungen mit den New Yorker Familien. Die French war ein gut geführtes Unternehmen, die Aufgaben waren streng aufgeteilt. Keine Genremischung, so lautete die Regel. Damit Sie das richtig verstehen: Die Guérinis, die die Heroinbranche kontrollierten, besaßen auch das komplette Opernviertel hier in Marseille, Bars, Bordelle, Nachtclubs, alles. Drogenverkäufer wurden nicht geduldet, nicht ein einziges Gramm Pulver war dort im Umlauf. Keine Genremischung. Wir dachten damals, Pieri wäre der Mittelsmann zwischen den Guérinis und den amerikanischen Familien, die das Heroin in New York vertrieben. Sie waren eng verbunden, seit die Guérinis 1947 die Kommunisten und 1950 die Hafenarbeiter aufgemischt hatten, und auch die CIA fanden sie nach ihrem Geschmack. Die Guérinis und ihre Soldaten waren Meister im Kampf gegen den Kommunismus. Wir würden diese Harmonie doch nicht stören. Niemand hatte damals etwas daran auszusetzen. Auch nicht in den höheren Sphären, den französischen oder den amerikanischen.«

Noch ein kurzer Austausch, dann zieht Casanova sich zurück. »Ich lasse euch in Ruhe arbeiten.«

Grimbert legt den Artikel aus Info Éco Avenir, den er aus dem Archiv der Handelskammer »ausgeliehen« hat, auf Daquins Schreibtisch.

»Ein interessanter Beitrag über die Wirtschaftskrise in Marseille 1964, der mich zum Nachdenken gebracht hat, allerdings enthält er ein verblüffendes Porträt von Pieri, das ihn als Pionier der Wiederbelebung des Marseiller Unternehmertums darstellt.«

Daquin überfliegt den Artikel. Eine Ode auf Pieri. Seltsam in einer Wirtschaftszeitung, die normalerweise sehr zurückhaltend sind. Er legt ihn beiseite. Den muss er aufmerksam lesen, in Ruhe.

Grimbert fährt fort: »Ich war auch beim Finanzamt. Die Akte Somar wird von den Spezialisten für die Finanzmauscheleien der Stadt und deren Gravitationsfelder sehr aufmerksam bewacht. Das ist ein Alarmsignal.«

Daquin fasst zusammen: »Aus allem, was heute Vormittag hier gesagt wurde, scheint mir hervorzugehen, dass sich unser Ausgangsansatz bestätigt: die zentrale Rolle der Somar. Solange sich nichts Besseres findet, erstes Ziel: Informationen über Co Trade finden, das ist wichtig, damit ich morgen nicht mit leeren Händen zum Gespräch mit Frickx gehe. Die Abteilung für Finanzdelikte des SRPJ kann uns vielleicht helfen?«

»Die besteht nur aus zwei Personen, aber eine davon kenne ich gut, ich werd’s versuchen.«

»Ich kann auch unsere Kollegen beim französischen Konsulat in New York bitten, uns zu schicken, was sie über Co Trade und Frickx finden können. Was halten Sie davon?«

»Warum nicht? Schließlich ist das amerikanische Konsulat in Marseille hyperaktiv, wir können versuchen, es ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen …«

»Anschließend treiben Sie sich ein bisschen in der Nähe von Pieris Wohnung herum, klassische Nachbarschaftserkundung. Vielleicht könnten Sie bei unseren Freunden vom Zoll vorbeigehen, ihnen ein paar Fragen über die Somar stellen. Und gleich morgen müssen wir zur Somar und den Angestellten unter dem Vorwand, sie über die Umstände von Pieris Tod zu informieren, möglichst viele Auskünfte zu seiner Person und zur Funktionsweise des Ladens entlocken. Ich würde auch gern eine halbamtliche Rekonstruktion des Mordes durchführen, da der Staatsanwalt nichts Offizielles will. Haben Sie hier im Évêché einen guten Spezialisten für Anschläge mit Schusswaffen, einen diskreten Mann?«

»Einen Spezialisten sicher, einen diskreten Mann – man darf nicht zu viel verlangen. Wenden Sie sich an den Direktor, er ist sehr stolz auf die mobilen Einsatzkommandos der Polizei, die er gerade neu eingeführt hat, es wird ihm ein Vergnügen sein, einen Kontakt herzustellen, und es ist gut für die Beziehung zu unseren Vorgesetzten.«

»Und sagen Sie, Grimbert, woher haben Sie diesen Spitznamen, Englishman?«

»Ihnen entgeht aber auch nichts … Als ich in Marseille ankam, war ich fünf Jahre alt, und ich war Engländer. Ich bin auf Malta geboren. Die Insel war damals britisch. Aber ich spreche schlecht Englisch, meine Muttersprache ist Maltesisch. Ich spreche auch Deutsch, gar nicht mal schlecht, mein Vater war Deutscher. Deutscher Jude. Er ist 1938 geflohen und erst auf Malta zum Stillstand gekommen, wo er meine Mutter geheiratet hat, aber er konnte sich nie an die maltesische Mundart gewöhnen. Zu Hause haben wir Maltesisch und Deutsch gesprochen.«

Einen Teil des Nachmittags verbringt Daquin damit, das Dossier noch einmal zu lesen. Sich die Personen einprägen, die kleinsten Details, sich nichts entgehen lassen. Ebenso die Polizeiakte von Emily Frickx mit dieser Spur abgedrehten Leichtsinns und den Artikel aus Info Éco Avenir mit seinem Porträt eines Marseiller Banditen als Held des modernistischen Unternehmertums. Er weiß nicht, was wichtig ist und was nicht, man muss also alles in Betracht ziehen.

Er verlässt das Büro relativ früh, um Einkäufe zu machen und zu kochen, wobei er noch nicht über das Menü entschieden hat. Normal. Er erinnert sich kaum an Vincent, er weiß nicht, ob es ihm Freude macht, ihn wiederzusehen, oder eher nicht, er weiß nicht, warum er ihn zum Abendessen eingeladen hat. Wie soll man unter diesen Umständen ein Menü zusammenstellen? Er durchquert das Panier-Viertel, läuft am Vieux-Port vorbei, geht dann hoch zum Markt von Noailles, angezogen von den Farben, dem Lärm, den Menschen, die durch die Sonne bummeln, sich begegnen, einander zurufen, sich anblaffen, eine Stadt, die zu ihrem eigenen Vergnügen eine Show abzieht. Vor dem Obst- und Gemüsestand einer faltigen alten Marktfrau bleibt er stehen, sieht ihr zu, wie sie von einem Kunden zum anderen flattert, einen Wortstrom ausgießt, während sie aufmerksam jede Frucht, jedes Gemüse wählt, mit wachem Blick und präzisen Bewegungen. Sie muss Pieris Großmutter ähneln … Warum empfinde ich eine Art Zärtlichkeit für sie?

Hat die Alte es gespürt? Sie ruft ihm zu: »Und Sie, junger Mann, was darf es für Sie sein?«

Daquin zögert: Tomaten … und warum eigentlich nicht die Alte machen lassen?

»Geben Sie mir, was ich für ein Ratatouille für zwei Personen brauche.«

»Ah! Ein Abend unter Verliebten?«

Lächeln. »Wenn Sie es sagen …«

»Ich richte das für Sie.«

Sie packt Tomaten, Paprikaschoten, Zucchini, Zwiebeln und Auberginen zusammen, verstaut sie sorgsam in einer Tüte und wirft ihm dann einen argwöhnischen Blick zu. »Sind Sie der Koch? Wissen Sie wenigstens, wie man Ratatouille macht?«

»Keine Sorge, ich habe mein Rezept …«

»Vor allem keine Originalität, das beste Rezept ist das Ihrer Mutter.«

Daquin hat in diesem Punkt seine Zweifel, beschließt aber, sich nicht dazu zu äußern.

Danach macht er einen Abstecher zur Kaffeerösterei auf der Canebière, um seinen persönlichen Vorrat an Arabica zu besorgen, italienische Röstung und frisch gemahlen. Es ist nicht viel los, guter Kaffee ist kein obligatorischer Bestandteil der Marseiller Kultur. Dann geht er zurück zu seiner Wohnung am Quai du Port.

Kaum angekommen, begibt er sich in die Küche, das erste Mal seit seiner Ankunft in Marseille. Freude, in seinen Händen wieder frisches Gemüse zu spüren. Die Erinnerung an Beirut steigt in ihm hoch, und Beirut hat einen Namen: Paul Sawiri, sein Liebhaber, älter als er und sehr viel weiser, der ihn die Liebe zum Kochen gelehrt hat. Kochen, sagte er, tut man nicht für sich selbst, sondern für einen anderen oder mehrere andere, Freunde, Liebhaber. Jedes Gericht ist ein Liebesakt, die Art und Weise der Zubereitung, die Würzung, hängt von der Person ab, mit der man es essen wird. Genau da liegt das Problem: Wer ist Vincent? Mit wem wird er heute Abend essen? Er macht sich an die Arbeit. Erst die Tomaten schälen, ein paar Sekunden in heißes Wasser tauchen, dann die Schale abziehen. Das Gemüse fein würfeln. Messer frisch geschliffen, sorgfältige, präzise Handgriffe, bei denen die Spannung des Tages allmählich von ihm abfällt. Dann das Gemüse einzeln in Öl anbraten, angefangen mit den Auberginen, die man im Anschluss auf Küchenpapier beiseite legt, um das überschüssige Öl aufzusaugen. Nach den Auberginen die Zwiebeln, Zucchini und Paprikaschoten anbraten, diese Arbeit nimmt einen weniger in Anspruch, die Gedanken schweifen ab. Vincent, der Musterschüler in ihrer Clique an der Jurafakultät. Zurückhaltend, fleißig, pummelig. Manche sagten: heimlich in dich verliebt, Théo. Er hat das nie ernst genommen und sich nie für ihn interessiert. Vincent spielte Tennis und Golf. Die ganze Clique nannte ihn »den idealen Schwiegersohn«.

Jetzt, wo Zucchini, Zwiebeln und Paprika angebraten sind, ist das Wesentliche erledigt. Man muss nur noch das gesamte Gemüse in einen Topf tun, die gewürfelten Tomaten und ein Kräuterbouquet zugeben, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Und die nötige Zeit kochen lassen. Er legt eine Platte von Count Basie auf und streckt sich auf dem Sofa aus. Er atmet den Duft des köchelnden Gemüses, und zum ersten Mal fühlt er sich in dieser Wohnung zu Hause.

Porticcio hat mich vorgewarnt, dass sich Vincent aller Wahrscheinlichkeit nach bei mir melden wird. Er hat hinzugefügt: »Wart’s ab, du wirst überrascht sein. Der ›ideale Schwiegersohn‹ ist auf dem besten Weg, ein Star der Marseiller Anwaltschaft zu werden, die schon eine hübsche Kollektion davon hat.« Habe ich ihn aus Neugier eingeladen? Um zu erfahren, wie ein zukünftiger Marseiller Staranwalt aussieht und was er mir zu erzählen hat? Andere Hypothese: Ich habe bereits genug vom Alleinsein. Ein ehemaliger schmachtender Verehrer? Ich werde mit ihm schlafen.

Vincent kommt um Punkt einundzwanzig Uhr, eine Flasche Champagner in der Hand. »Trinkst du immer noch so gern Champagner?«

»Immer noch. Die Flasche ist kalt … Setz dich auf die Terrasse, ich bringe etwas, was ihm Ehre macht.«

Als Daquin mit einem Tablett zurückkommt, betrachtet Vincent die Segeljacht des Bürgermeisters, die zehn Meter entfernt im Vieux-Port vertäut liegt, er dreht sich um, schaut ihm ins Gesicht, schweigend, bereit. Daquin setzt das Tablett ab und stellt sich neben ihn.

»Wie sehr du dich verändert hast.« Er streift mit der Hand sein Gesicht. Du hast abgenommen, die Bäckchen sind verschwunden, die Knochen sind endlich sichtbar, befreit. Er streichelt mit den Fingerspitzen den vorstehenden Wangenknochen. Ich liebe es, die Kraft deines Gesichts zu spüren. Er zeichnet den Augenbrauenbogen nach, den Nasenrücken, die Augen haben sich vertieft, ich liebe diesen dunkelgrauen Blick. Die Hand streift den Mund, die Lippen öffnen sich, Daquin beugt sich hinunter, haucht einen Kuss darauf.

Vincent fragt: »Vor oder nach dem Apéritif?«

»Nach dem Champagner und vor der Foie gras.«

Zwei Stunden später fläzen sich die beiden Männer in den Liegestühlen auf dem Balkon, Daquin im Bademantel, Vincent in einem zu großen T-Shirt, das er im Bad gefunden hat. Seit einer guten halben Stunde erzählt Vincent Geschichten aus dem Marseiller Anwaltsmilieu, Daquin hört zu und lacht. Eine zweite Champagnerflasche ist angebrochen, die Scheibe Foie gras und die Toasts sind verschlungen.

»Von Ratatouille will ich nichts hören«, sagt Vincent.

Daquin seufzt. »Kann ich verstehen. Das war ein Castingfehler. Zur Strafe werde ich drei Tage davon essen, zum Glück ist das ein Gericht, das in Schönheit altert.«

Daquin leert die zweite Flasche Champagner, dann entschließt er sich zu sprechen.

»Ich bin jetzt drei Tage hier, und ich habe das Gefühl, mitten im Treibsand zu leben. Ein Ermittler meines Teams hält mich an der Hand und erklärt mir, wo ich meine Füße hinsetzen darf und wo nicht, mit wem ich reden darf und mit wem nicht, und ich weiß noch nicht, ob ich ihm vertrauen kann oder nicht. Ihm zufolge ist das Drogendezernat von Marseille in der Hand der Amerikaner. Was sagst du?«

»Ja, der Druck der Amerikaner auf die französische Regierung ist sehr stark, und beim Drogendezernat von Marseille sind sie allgegenwärtig.«

»Warum?«

»Aus mehreren Gründen. Zwanzig Jahre lang war das französische Heroin in den USA eine ›success story‹. Die Amerikaner hielten es für ein hervorragendes Beruhigungsmittel und brachten es in den Gefängnissen in Umlauf. Als die Jugend der feinen Gesellschaft anfing, es in rauen Mengen zu konsumieren, fanden sie das weniger komisch. Außerdem sind die Amerikaner durch und durch protektionistisch. Nixon hat einige Freunde in der Mafia von Florida, die in Kokain machen, eine Droge, die vor der Haustür der USA hergestellt wird. Er hat sich darangemacht, ihnen das Terrain freizuräumen, indem er das französische Heroin ausschaltet.«

»Warum lässt man sie auf unserem Hoheitsgebiet einfach machen?«

»Weil sie 1945 gewonnen haben und weil de Gaulle tot ist.«

»Welche Verbindung besteht zwischen dem Krieg Zampa-Le Belge und dem Krieg der Amerikaner gegen das Heroin?«

»Die Frage wirkt einfach, ich fürchte, die Antwort ist sehr kompliziert. Zunächst hat keiner von beiden das Format eines Guérini. Le Belge versucht Geschäfte zu machen, indem er alle Überreste der French aufsammelt, die er findet. Keinerlei Zukunftsvision. Zampa ist viel vernünftiger. Er fährt mehrgleisig. Ein bisschen Drogen, viel Schutzgelderpressung und Prostitution, ganz klassisch. Und Glücksspiel. In diesem Sektor ist Nizza groß im Kommen, Zampa kontrolliert die Casinos über einen seiner Männer, Fratoni, und das Rathaus ist ihm gewogen. In Nizza hat er es zweifellos geschafft, sein Unternehmen zukunftsfähig zu machen.«

Daquin streckt die Beine aus, schließt die Augen. Zampa, das Erbe der Guérinis, Pieris Ermordung, Nizza, Casino im Palais de la Méditerranée. Kein Zufall. Aber welcher Zusammenhang? Er seufzt.

»Marseille ist eine furchterregende Stadt. Alle kennen sich, alle überwachen einander, nichts bleibt verborgen und nichts kommt ans Licht.«

»Ich sag’s mal anders: Es ist eine bemerkenswerte Stadt, was die Dichte des Geflechts ihrer sozialen Beziehungen angeht.«

4

Mittwochabend, Nizza

Frickx landet in Nizza aus London kommend etwa zur vorgesehenen Zeit, gegen einundzwanzig Uhr. Er hat kein Gepäck, nur einen schwarzen Lederaktenkoffer, nützlich, um seinen Auftritt als eiliger Geschäftsmann zu unterstreichen. Rasch durchquert er die Ankunftshalle des Flughafens, wendet sich mit großen Schritten Richtung Parkhaus, geht hinein, diskrete Blicke nach rechts und links, nichts Auffälliges. Vertrauen haben. Er erreicht den hintersten Gang in der Nähe der Einfahrt, sucht den großen Peugeot von Simon, der Nummer zwei bei der Somar, mit dem er verabredet ist. Er kann ihn nirgends sehen. Ein weißer Lieferwagen macht ihm Zeichen mit den Scheinwerfern. Frickx tritt näher, erkennt Simons Silhouette hinter dem Steuer. Er hat nicht seinen eigenen Wagen genommen. Warum? Misstrauisch? Er öffnet die Tür, setzt sich auf den Beifahrersitz, schließt die Tür wieder. Lebhafte Unterhaltung. Die Minuten verstreichen. Dann öffnet Frickx die Tür, stellt sich neben den Lieferwagen, beginnt sein Jackett auszuziehen. Das ist das Signal. Frickx hört den Motor eines sich nähernden Motorrads. Er redet durch die offene Tür weiter mit Simon, er muss seine Aufmerksamkeit fesseln, während er sorgsam sein Jackett über den linken Arm faltet, Geist und Körper in Alarmbereitschaft. Das Motorrad fährt dicht an der Motorhaube des Lieferwagens vorbei, ohne zu verlangsamen, der Sozius stellt sich auf die Fußrasten, feuert dreimal in Simons Richtung, die Schüsse sind stark gedämpft. Die Windschutzscheibe zerbirst, Simons Körper sinkt in Zeitlupe auf den Beifahrersitz, das Motorrad verschwindet geschmeidig.

Frickx, reglos, das Jackett überm Arm, atmet tief durch. Um ihn herum kein Geräusch mehr. Er inspiziert den Lieferwagen. Simon scheint so tot wie nur möglich, aufgerissener Mund, starre Augen, drei blutende Wunden im Brustkorb. Er holt seine Ledertasche aus dem Fußraum, schlägt die Tür zu und läuft im Slalom zwischen den Wagen hindurch bis zur Flughafenhalle. Er begibt sich zum Schalter einer Autovermietung. Eine Mercedes-Limousine wartet auf ihn. Kurs auf die Villa in Cap Ferrat. Als er den Flughafen verlässt, ist alles ruhig, der Tote im Lieferwagen wurde offenbar noch nicht entdeckt.

In der Villa ist es still, alle Lichter gelöscht. Frickx geht auf direktem Weg hoch zum Schlafzimmer im ersten Stock. Emily schläft, gestützt von einem Stapel Kopfkissen, ausgestreckt auf dem Rücken im Ehebett, ihr Gesicht ist ausdruckslos, sie sieht mitgenommen aus. Auf dem Nachttisch ein eingeschaltetes Nachtlicht neben einer Wasserkaraffe und einer Sammlung Medikamentenpackungen. Eine Frau in weißem Kittel schläft auf einem Liegestuhl am Fußende des Bettes. Das Eintreten von Frickx hat sie aus dem Schlaf hochfahren lassen.

Er stellt sich vor: »Michael Frickx, der Ehemann Ihrer Patientin. Sie wurden über mein Kommen unterrichtet, glaube ich?« Mit einer Bewegung in Richtung Bett: »Wie geht es ihr?«

Er nimmt Emilys Hand, spricht laut, als legte er es darauf an, sie zu wecken, die Krankenpflegerin antwortet ihm flüsternd, dass alles gut ist, er soll sich keine Sorgen machen, aber seine Frau braucht viel Ruhe.

Emily hat schon die Augen geöffnet. Frickx beugt sich hinab, küsst sie auf die Stirn, streichelt ihre Hände. Lächeln aufrichtiger Zuneigung. »Emily, mein Schatz, ruh dich aus. Alles ist gut. Morgen kommt dein Cousin David.« Schmeichelnde, beruhigende Stimme. Er wendet sich an die Pflegerin: »Ich habe ihren Cousin angerufen, er ist im Ausland, er kommt morgen. Er wird ihr Gesellschaft leisten.«

Emily kann kaum ihren Blick fixieren, seufzt, murmelt. Er setzt sich neben sie aufs Bett, streicht ihr übers Gesicht, übers Haar, bis sie wieder einschläft.

Dann legt er sich im Gästezimmer zu Bett und schläft sofort ein.

Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, Hafen von Istanbul

Der aus dem rumänischen Constanţa kommende Frachter der Somar erreicht Istanbul am späten Nachmittag und legt wie üblich im Hafen von Salipazari auf dem Bosporus an. Er befährt die Küste zwischen dem Libanon, Zypern, der Türkei und Rumänien. Der Kapitän, ein junger Mann unter vierzig, dessen Gesicht aber bereits von tiefen Furchen durchzogen ist, sinnt über den Tod von Pieri nach, von dem Simon ihn am Tag über Funk unterrichtet hat. Er hat seiner fünfköpfigen Mannschaft gerade die Erlaubnis erteilt, den Abend in der Stadt zu verbringen. Er will allein an Bord bleiben, um Pieri so würdig wie möglich zu verabschieden. Er setzt sich in seine Kajüte, Bullaugen geöffnet, um die Kühle des türkischen Frühlings zu spüren, auf dem Tisch eine Flasche Whisky, ein Glas und ein großes Schulheft, Spiralbindung und Karopapier, in das er seit langem Gedichte überträgt, die ihn berühren, um sie in trübsinnigen Momenten nachlesen zu können. Dies ist ein trübsinniger Moment. Er schlägt eine weiße Seite auf und beginnt langsam zu schreiben.

Gebet für Maxime Pieri

Ermordet. Ein Dreckskerl hat auf dich geschossen. Ich wette, du warst unbewaffnet. Du bist schon seit langem nicht mehr bewaffnet ausgegangen. Ich kann es immer noch nicht glauben. Und doch habe ich immer gedacht, dass es so kommen muss. Du liebtest das schnelle Leben, du liebtest das Spiel mit der Gefahr. Ich weiß nicht, wie man betet. Heute bete ich. Ich wusste nie, wie ich mit dir reden soll, unter Männern nimmt man sich nie Zeit zu reden. Heute nehme ich mir die Zeit. Im Panier, in meiner Kindheit, warst du mein Nachbar, du warst mein Held, mein Vorbild. Befreier von Marseille, Kriegsverdienstkreuz, von allen geachtet. Vertrauensmann der Guérinis, die Stadt in deiner Hand. Ich bin mit achtzehn in die Armee eingetreten, um es dir gleich zu tun. Ich habe den ganzen Indochinakrieg mitgemacht und bin nach Marseille zurückgekehrt, ich war dreiundzwanzig Jahre alt, haufenweise Erinnerungen an Blut und Tod, opiumsüchtig bis in die Knochen. Während drei Jahren voller Drogen und Plackerei habe ich nach dir gesucht. Ich war sicher, du wärst meine Rettung. Als ich dich endlich fand, war ich am Boden. Du hast mich aufgesammelt, beherbergt, gepflegt. Du hast mir eine Arbeit in der Handelsmarine gegeben. Du hast mir eins deiner Schiffe anvertraut, das geheimste, das gefährlichste. Ich habe es zu schützen gewusst. Ich bin stolz auf dein Vertrauen. Ich bin stolz darauf, dich nie enttäuscht zu haben. Ruhe in Frieden. Ich bewahre dein Andenken.

14. März 1973, Istanbul

Kapitän Nicolas Serreri

Er schließt das Heft, bekreuzigt sich, die einzige Gebetsgeste, das er kennt, steht auf, tritt an das Bullauge, betrachtet den dunklen Schemen von Istanbul bei Nacht. Eine Stadt, die er wahnsinnig liebt. Er muss eines Tages Catherine mit hernehmen. Auf dem Quai sieht er zwei seiner Matrosen, die auf die Santa Lucia zusteuern. Kommen sie schon zurück? Gute Matrosen. Genau hier hat er sie aufgelesen, in Istanbul, etwas mehr als einen Monat ist das her. Zwei Kerle hatten ihn ohne Vorwarnung verlassen. Das kommt oft vor auf Frachtern wie der Santa Lucia, die schlecht zahlen für viel Arbeit und keinen Komfort, aber bei einer fünfköpfigen Mannschaft reißt das ein Loch. Das Büro des Hafenkapitäns hatte ihm diese beiden geschickt, die eine Heuer suchten. Sie waren intelligent, fleißig, unbestimmter Herkunft und machten sich schnell unentbehrlich. Nicolas liebt es, mit ihnen zu singen und Karten zu spielen, wenn sich bei den Zwischenstopps die Zeit in die Länge zieht. Die zwei Männer erreichen die Gangway, kommen sie herauf. Warum eigentlich nicht ein Glas mit ihnen trinken? Nicolas öffnet seine Kajütentür, macht ihnen ein Zeichen, sich zu ihm zu gesellen. Sie treten ein. Nicolas wendet sich ab, um zwei Gläser vom Regal zu nehmen. Im nächsten Moment packt einer der beiden Nicolas’ Arme, fixiert sie mit einem brutalen Griff, der seine Schultergelenke knirschen lässt, in seinem Rücken. Der andere lässt den Stein des dicken Siegelrings an seiner rechten Hand aufspringen und entblößt ein Dutzend feine Nadeln, die er mit derselben Bewegung in Nicolas’ Hals rammt. Der wehrt sich, um den Angriff abzublocken, dann wehrt er sich plötzlich nicht mehr. Die Männer legen den Körper auf den Boden, gießen etwas Whisky in das Glas auf dem Tisch, leeren die Flasche in das winzige Waschbecken und lassen sie dann auf dem Boden der Kajüte liegen. Einer von ihnen öffnet das Heft auf den ersten Seiten, liest eine beliebige Stelle:

Ein wenig von diesem endlosen absoluten Blau

Wäre genug

Um die Last dieser Tage zu erleichtern

Und den Morast dieses Ortes zu reinigen.

»Diese Schwuchtel hat Gedichte geschrieben.«

Er lacht, lässt das Heft aufgeschlagen auf dem Tisch. Sie laden sich den Toten auf, tragen ihn nach draußen, geben Acht, dass man sie vom Quai aus nicht sieht, schwingen ihn über die Reling und lassen ihn nicht aus den Augen, während er langsam davontreibt. Dann verlassen sie ohne Eile das Schiff und steigen durch die menschenleeren Straßen des Hafens zur kaum erleuchteten Stadt hinauf.

Donnerstagmorgen, Cap Ferrat

Vom Fenster des Gästezimmers überwacht Frickx – geduscht, frisch rasiert, tadelloser grauer Anzug, weißes Hemd, bordeauxrote Krawatte – das Gittertor und den Hof des Hauses. Ein Wagen fährt vor, parkt. Pünktlich, wie erwartet. Er läuft schnell nach unten, um David zu begrüßen.

»Geht’s, hältst du durch?«

»Natürlich. Was für eine Frage! Saint-Tropez ist ein zauberhaftes Dorf.«

Die Pflegerin, geweckt von den Geräuschen, steht auf dem Treppenabsatz und beobachtet das Kommen und Gehen. Frickx nutzt die Gelegenheit, um David vorzustellen.

»David, Emilys Cousin. Ich habe ihn gebeten, mich für ein paar Tage an ihrem Krankenbett zu vertreten. Ich muss dringend geschäftlich ins Ausland.« Er nimmt David am Arm, zieht ihn mit sich auf den Hof, außer Reichweite der neugierigen Ohren der Krankenpflegerin. »Ich breche sofort nach Genf auf. Ich habe einen Wagen gemietet, ausgeschlossen, dass ich noch mal über den Flughafen Nizza reise. Emily schläft, sie ist mit Medikamenten vollgepumpt, du hast Zeit. Lass uns ein Stück die Straße entlanglaufen, ich habe dir ein paar Dinge zu sagen.«

Sobald sie das Tor passiert haben, kommt Frickx zur Sache. »Was die Somar betrifft, ist alles in Ordnung, Simon hat mir versichert, dass es in den Firmenunterlagen nichts Schriftliches gibt, das sich bis zu mir zurückverfolgen ließe. Und außer ihm ist niemand über unsere Geschäfte auf dem Laufenden, auch nicht über die der Santa Lucia. Den Rest kennst du. Was mich beunruhigt, ist Emily an Pieris Seite, das war nicht geplant.«

»Niemand weiß das besser als ich.«

»Durch ihre Anwesenheit taucht mein Name in einer Affäre auf, in der er niemals hätte erwähnt werden dürfen. Das ist übel. Ich war gezwungen, zur Villa zu fahren, was nicht in meinem Plan stand, und du bist immer noch hier, dabei solltest du seit ein paar Stunden im Ausland sein. Das ist gefährlich. Ich hasse Überraschungen.«

»Schön und gut, aber Emily war nun mal an dem Abend an Pieris Seite. Daran kannst du nichts mehr ändern. Uns bleibt nur, die Lage so weit wie möglich in den Griff zu bekommen.«

»Ich wusste nicht mal, dass Pieri und sie sich kennen. Ich will wissen, was sie mit ihm zu schaffen hatte. Das ist lebenswichtig für mich, für uns, deshalb musst du bei ihr bleiben.«

»Ein Liebesabenteuer?«

»Das glaube ich nicht. Nicht Emily, an so etwas ist sie nicht interessiert. Und es ist auch nicht dieser Aspekt, der mir Sorgen bereitet.« Er überlegt einen Moment. »Hör zu, David, ich glaube nicht an Zufall. Pieri hat mit meiner Frau zu Abend gegessen. Warum? Misstraute er mir? Was hat er ihr gesagt? Fischte er nach Informationen? Welchen? Hat er ihr von unseren Geschäften erzählt? Stell dir die möglichen Konsequenzen vor! Du musst der Sache auf den Grund gehen.«

»Ich kann’s versuchen, aber es wird nicht einfach. Ich habe Emily seit sieben Jahren nicht gesehen, ich weiß nicht, wie sie mich aufnehmen wird. Und Pieri kannte ich gar nicht. Wie soll ich das deiner Meinung nach bewerkstelligen?«

»Gib dein Bestes, ich vertraue dir. Bleib so lange bei Emily wie nötig. Im Zweifel muss man von ihrer Seite dichtmachen. Ich selbst werde sehr beschäftigt sein, ich muss hinter Pieri aufwischen, es gibt Arbeit für mich in Genf. Und ich muss mit den neuen Verträgen vorankommen. Aber ich rufe dich regelmäßig an. Alles klar?«

»Ja, du kannst los.«

Rückkehr zum Haus. Frickx nimmt den Mercedes, sieben Stunden Fahrt bis Genf. Wenn er das Mittagessen auslässt, hat er nach seiner Ankunft noch den ganzen Nachmittag zum Arbeiten.

Emily schläft immer noch. Die Pflegerin ist in der Küche zugange, wo sie gerade das Frühstückstablett fertig vorbereitet hat. David geht hin, nimmt ihr das Tablett aus der Hand.

»Ich werde mich selbst um meine Cousine kümmern. Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie. Selbstverständlich werden Sie für die ganze Zeit bezahlt, die für Ihren Einsatz geplant war.«

Als sie weg ist, trägt er das Tablett mit Milchkaffee, Croissants, Marmelade nach oben in Emilys Zimmer.

Emily erwacht wie im Nebel, richtet sich tastend auf ihren Kissen auf, dann schafft sie es, auf David zu fokussieren. Sie erstarrt, macht große Augen. Eine heftige Brise aus Kindheitserinnerungen fegt durch ihren Kopf. Die Gerüche, die Geräusche, die Wärme des Glücks.

»Bist du das, David? Träume ich?«

»Nein, du träumst nicht.«

»Mein Cousin. Sieben Jahre Abwesenheit, keinerlei Nachrichten, und dann wache ich eines Tages auf und du bist da, mitten in einer Tragödie. Was machst du hier? Wo ist Michael?«

David stellt das Tablett auf dem Bett ab. »Er ist heute Morgen in aller Frühe nach Mailand abgereist.«

Ein schriller Aufschrei. »Abgereist?«

»Ja, ein Geschäftstermin, er hat mich gebeten, dir Gesellschaft zu leisten.«

Sie sitzt jetzt aufrecht, steif, die Augen weit aufgerissen. »Abgereist, dieser Mistkerl … Ohne mir Bescheid zu sagen. Gestern ein kurzes Guten Abend, mit seinem Lächeln und diesem Ton eines Handelsvertreters, der seine Kundschaft umschmeichelt.« Ihre Stimme überschlägt sich. »Und heute Morgen haut er ab und ich kann verrecken.«

Mit einer heftigen Geste wirft sie die Decke von sich, springt auf, stößt das Frühstückstablett um, Kaffee, Marmelade spritzen, das Porzellan zerbricht. Eine Miniaturkatastrophe. Sie bricht in krampfartiges Schluchzen aus, das ihren ganzen Körper schüttelt. David tritt zu ihr, schließt sie in die Arme, zieht sie vom Bett weg, sie lässt sich in seinen Armen wiegen, ohne mit Schluchzen aufzuhören, er führt sie ins Bad und hält ohne ein Wort ihren Kopf unter die kalte Dusche. Die Schreie und Schluchzer verebben. Er lässt sie los, dreht den Wasserhahn zu, nimmt ein Handtuch, wischt ihr das Gesicht ab, trocknet ihre Haare, zärtliche Gesten. Zurück ins Zimmer, er hilft ihr in einen Sessel. Sie holt tief Luft, atmet mehrere Male langsam durch. David betrachtet sie. Die Ruhe kehrt zurück in das klare, zarte Gesicht, das aus der braunen Masse ihrer nassen Haare auftaucht, kehrt zurück in alle Muskeln dieses schlanken, sportlichen Körpers, den er jahrelang begehrt hat, den er vielleicht immer noch begehrt. Er lächelt.

»So mag ich dich lieber.«

»Weißt du, was ich durchgemacht habe?«

»Ja.«

»Ein Mann an meiner Seite, der gerade mit mir spricht, seine Hand lag auf meiner Schulter, als er erschossen wurde, ich spürte, wie die Hand abglitt, sich in meine Stola krallte, sie im Fallen mitriss, ich stand entblößt da, sein Blut spritzte mir ins Gesicht, auf die Schultern, in die Augen, in meinen Mund.«

»Du wurdest nicht verletzt? Der Schütze muss in Höchstform gewesen sein, um so genau zu zielen. Du bist eine Frau, die sehr viel Glück gehabt hat.«

Emily denkt einen Moment über diese Sicht der Dinge nach. »Ich war noch nie mit einem gewaltsamen Tod konfrontiert, so direkt, meine ich.«

»Weil du jahrelang nicht aus dem Garten deines Großvaters herausgekommen bist. In dem Land, aus dem wir stammen, du und ich, gibt es gewaltsame Tode an jeder Straßenecke. Hast du dich nie gefragt, auf wie viele Tausend tote Minenarbeiter, zerschmettert oder vergiftet, sich das Vermögen unserer Familie gründet? Hör auf, die verwöhnte Göre zu spielen, und reiß dich zusammen.«

Neuerliche Stille, dann fragt Emily in normalem Gesprächston: »Wo ist die Krankenpflegerin?«

»Ich habe sie nach Hause geschickt. Du bist nicht krank, und jetzt bin ja ich da.« David geht zum Nachtschränkchen, angelt sich die Medikamente. »Ich werde dieses Scheißzeug ins Klo spülen.« Er tut es, ohne dass sie aufmuckt. »Hör mir zu, Emily. Ich wiederhole, du bist nicht krank. Du bist jung, reich, gesund und ein Glückspilz. Jetzt zieh dir was über, es ist noch frisch und wir frühstücken auf der Terrasse.«

Die Terrasse thront auf einem felsigen Steilhang, der bis zum Meer hinabfällt. Hinter den Pinien, die an dem Abhang wachsen, die Bucht von Villefranche, das Meer, die offene See. Während David sich in der Küche zu schaffen macht, betrachtet Emily die Brandung ein paar Dutzend Meter tiefer. Er hat recht. Wie konnte ich mich so gehen lassen? Pieri wurde ermordet … Ich dagegen bin am Leben, ich werde mich nicht kleinkriegen lassen. Atme, finde deinen Rhythmus.

Als er Rührei, Toast, Fromage blanc und heißen Tee bringt, macht sie sich mit gesundem Appetit darüber her. Er schaut ihr lächelnd zu. »Ich wusste es.«

Sie hebt den Blick von ihrem Teller. »Hast du schon mal erlebt, wie jemand zu deinen Füßen eines gewaltsamen Todes stirbt?«

»Das fragst du mich, Emily? Hast du vergessen, dass ich 1966 als Freiwilliger zur Armee gegangen bin? Seitdem habe ich in einem Krieg gekämpft und bei Operationen zur Aufrechterhaltung der Ordnung mitgewirkt …«

»Nein, das habe ich nicht vergessen, aber ich habe nie verstanden, warum du dich verpflichtet hast. Und ich habe es dir übelgenommen.«

»Ich habe mich verpflichtet, einen Tag nachdem der Alte mir eröffnet hat, dass er dich mit Frickx verheiratet. Falls du das nicht kapiert hast, er hat es sehr wohl kapiert, ohne dass ich es ihm hätte erklären müssen.«

Emily beugt sich vor, mustert ihn, zögert. Das Gespräch gerät auf schlüpfriges Gelände, das weiß sie. In der morgendlichen Stille zwischen Felsen, Pinien und Meer steigen Erinnerungsfetzen an die Oberfläche. Cousin und Cousine, unzertrennlich. Frühmorgens Reittraining auf dem Gestüt ihres Großvaters in Durban. Der Rausch eines schnellen Galopps, unsere Pferde Flanke an Flanke, ein wortloses Glück, dann in den Pool, wir ließen uns in der Sonne treiben, die Körper erschöpft vom wilden Ritt. Sie entdeckt sein Gesicht neu. Kantig, glatt, unergründlich. Weniger Wangenpolster, oder irre ich mich? Die gleiche blonde Haarsträhne auf der Stirn, die goldbraunen Augen. Die festen, vollen Lippen. Sie erinnert sich, wie sie ihre Handrücken streiften, David hatte die Angewohnheit, in einer Art Parodie französischer Höflichkeit ihre Hände zu küssen, wenn sie sich in der ersten Dämmerung im warmen Dunkel der Ställe trafen, erfüllt mit dem Geruch der Pferde, ihrem vertrauten Atem, und sie erschauerte, lachte verwirrt. Unzertrennlich … Sie hat das seltsame Gefühl, dass dieses Kapitel noch nicht zu Ende geschrieben ist.

Sie schenkt ihm eine Tasse Tee ein. Die Kanne zittert in ihrer Hand, als sie sagt: »Du warst in mich verliebt?«

»Ich war irrsinnig verliebt, und du wusstest das genau.«

»Ja und nein.«

»Wie, ja und nein?«

»Ich wusste, dass du verliebt warst, aber ich wusste nicht, was dieses Wort bedeuten sollte, und ich weiß es bis heute nicht.« Sie lässt sich in ihren Sessel sinken. »Verstehst du, heute, in dieser Stunde, im Angesicht dieses Meeres, dieses Himmels, dieser Felsen, nach dem Tod von Maxime Pieri und in Anwesenheit meines Cousins, spreche ich zum ersten Mal mit Nachdruck aus, dass ich das Leben mit Michael nicht länger ertrage. Ich habe meine Pflicht ihm gegenüber erfüllt, ich bürge für seine Präsenz in der Familie Weinstein und ihrer Minengesellschaft. Er dagegen hat seine nicht erfüllt. Ich habe ihn geheiratet, um in New York zu leben, er sperrt mich in Mailand ein, das ich nicht ausstehen kann. Es ist aus, ich verlasse ihn.«

»Michael ist ein Genie auf seinem Gebiet. Super erfinderisch, keinerlei Skrupel, Chuzpe ohne Ende, waghalsig, wenn nötig, aber nie so weit, dass er seinen klaren Kopf verliert, ich wette, er wird in den nächsten Jahren ein überragender Trader werden. Er ist ein potenzieller Multimilliardär.«

»Das ist mir vollkommen egal.« Sie grübelt einen Moment vor sich hin. »Hat er dich gebeten, herzukommen?«

»Ja.«

»Er kennt dich praktisch nicht, er hat dich gerade ein- oder zweimal getroffen, aber er weiß, dass wir früher sehr eng miteinander waren und dass ich in geschwächter Verfassung bin. Er pfercht uns zusammen hier ein. Ich frage mich, was er sich dabei denkt.«

David sagt nichts dazu.

5

Donnerstagmorgen, Marseille

Daquin wird vom Klingeln des Telefons geweckt. Er knurrt, braucht ein, zwei Sekunden, um sich zu erinnern, wo er ist, hat Mühe, den schlafenden Mann an seiner Seite zu erkennen. Die Flanke in einer schönen Kurve von der Schulter bis zur Hüfte, der Rücken von Vincent. Widersteht der Versuchung einer langen Liebkosung. Sechs Uhr am Morgen, gar nicht mal so früh, aber was für ein Abend …

Er nimmt ab. Bonino am anderen Ende der Leitung, genervt: »Wir haben einen weiteren Toten.«

»Und?«

»Es scheint sich um Jacques Simon zu handeln, leitender Angestellter der Somar. Bei der Leiche fanden sich Papiere mit Name und Position, und er wurde in einem Lieferwagen erschossen, der auf die Somar zugelassen ist.«

»Wo?«

»Im Parkhaus am Flughafen Nizza.«

»Ich komme.«

»Kein Grund, sich zu überschlagen. Die Leiche wurde gestern Abend gegen dreiundzwanzig Uhr entdeckt.«

Daquin rechnet kurz nach. Du hast sieben Stunden gebraucht, um mich zu benachrichtigen. Bei dem Tempo hättest du mich auch noch eine Stunde schlafen lassen können.

»Es wurden die üblichen Routinen durchgeführt, die Leiche ins Leichenschauhaus gebracht. Ich habe ein Team vor Ort gelassen, um zu ermitteln, wer den Flughafen gestern Abend betreten und verlassen hat.«

»Ich komme vorbei. Ich mache noch einen Abstecher zum Leichenschauhaus, ich will den Gerichtsmediziner aufsuchen, um ihm ein paar Fragen zu Pieri zu stellen, danach komme ich zu Ihnen ins Büro. Ich bin in zweieinhalb Stunden in Nizza und in drei Stunden bei Ihnen. Ich werde nicht lange bleiben, ich halte Sie also nicht von der Arbeit ab.«

Bonino stimmt murrend zu.

Ultrakurze Dusche, aber sorgfältige Rasur, was auch immer Dringliches anstehen mag. Den Rasierpinsel in der Hand, steht er vor dem Spiegel, zuerst die Rasierseife gründlich in der Holzschale aufschäumen, die Wangen, das Kinn mit dem weißen, sahnigen Schaum bedecken, der nach Sandelholz duftet, die Qualität der Einseifphase ist das Geheimnis einer harmonischen Rasur. Dann mit einem Rasiermesser aus schwedischem Stahl, der beste, über die Haut unter dem Schaum fahren, unendlich präzise, unendlich sanft, nur einen Hauch entfernt vom blutigen Schnitt. Ein allmorgendlich wiederholtes Ritual, ohne Ausnahme, um des Vergnügens willen, den Stahl und die Seife auf der Haut zu spüren. Auch um die Erinnerung an die Vergewaltigung tief im Wald auf Distanz zu halten, er war dreizehn Jahre alt, beschmutzter, besudelter Junge, das mit Erde und Laub verdreckte Gesicht in den Boden gedrückt, der Geschmack der Erde in seinem Mund. Feuchtes Handtuch auf die brennende Haut. Daquin inspiziert sein Gesicht, sauber, glatt, kantig. Die Zeremonie ist beendet, die Schutzmaske an ihrem Platz, der Tag kann beginnen. T-Shirt, Bluejeans, Mokassins, Lederblouson. Er hinterlässt Vincent eine Nachricht: »Ein Notfall. Zieh einfach die Tür hinter dir zu«, und eilt im Laufschritt hoch zum Évêché. Er nimmt einen Block, der auf Grimberts Schreibtisch herumliegt, schreibt: »Anruf aus Nizza heute Morgen 6 Uhr bei mir zu Hause, allem Anschein nach wurde Jacques Simon, Pieris Stellvertreter, gestern Nacht am Flughafen Nizza erschossen. Identifizierung steht noch aus. Gehen Sie wie geplant zur Somar, aber nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, live zu beobachten, wie die Angestellten den Schock verdauen. Nach diesem zweiten Mord wird unser Antrag auf einen Durchsuchungsbeschluss sicher bewilligt werden, bis dahin seien Sie vorsichtig, schütteln Sie sie ein bisschen, aber gehen Sie nicht zu weit. Ich fahre nach Nizza. Wir sehen uns heute Abend wie vorgesehen.«

Er nimmt einen Dienstwagen und macht sich auf den Weg.

Beim Lesen von Daquins Nachricht ein Schauder der Erregung, Grimbert und Delmas eilen zur Somar. Auf der Place de la Joliette sieht man als Erstes den monumentalen Eingang zu den Docks, die steinerne Umsetzung des Traums von Größe und Wohlstand durch Handel, den die saint-simonistischen Ingenieure des 19. Jahrhunderts träumten, aber das 19. Jahrhundert ist tot, und die Docks laufen auf Sparflamme. Direkt gegenüber, an einem prächtigen Bürgerhaus, eine dezente Kupferplatte mit der Aufschrift »Somar, 3. Etage«. Die beiden Männer betreten das Gebäude.

»Wir ziehen in den Krieg ohne viel Munition«, bemerkt Delmas im Aufzug.

»Keine Aufregung. Vergiss nicht: Viele im Évêché wünschen, dass wir in dieser Sache so wenig wie möglich unternehmen. Von der Seite besteht also kein Druck. Daquin ist Feuer und Flamme, aber er ist ein Jungspund und ein Pariser, er braucht uns, um zu leben, auch von seiner Seite kein Druck. Mach in Ruhe deine Arbeit. Und du hältst dich an die Anweisung: du gehst nicht zu weit. Alles klar?«

»Ich habe verstanden.«

In der dritten Etage klingeln sie an der Tür. Ein Mann öffnet ihnen. Grimbert stellt sich vor. SRPJ Marseille, wir ermitteln im Mordfall Pieri. Der Mann macht wortlos Platz, um sie einzulassen. Kurzer Blick, eine große bürgerliche Wohnung, die in ein Büro verwandelt wurde. Den familiären Anstrich hat man offenbar absichtlich erhalten. Man erkennt einen langen dunklen Flur, von dem eine Reihe Zimmer abgehen, eine Tür führt in die Küche. Der Mann sagt: »Folgen Sie mir, wir sind alle im großen Salon.«

Großes, sehr helles Zimmer, drei Fenster zur Vorderfront mit Blick auf die Docks auf der anderen Seite des Platzes. Die Wände sind vollflächig mit Korkplatten bedeckt. Karten vom Mittelmeer, übersät mit verschiedenfarbigen Punkten, sind mit Reißzwecken neben großen Schaubildern angebracht, die Routen und Anlaufhäfen zeigen, mitsamt Uhrzeit und Datum. Sieben Büromöbel nehmen die Mitte des Zimmers ein, überladen mit Akten, Telefonen und diversen Geräten. Archivkartons stapeln sich an den Wänden entlang auf dem Boden. Die komplette Belegschaft der Somar, etwa zwanzig Personen, hat sich versammelt, sie sitzen auf den Stühlen, den Schreibtischen, den Kartons. Hier und da stehen Tassen und Gläser. Schon vom Eingang aus war das Stimmengewirr lebhafter Gespräche zu hören. Beim Eintreten der Polizisten erstirbt es abrupt. Bleierne Stille. Die Verwirrung ist spürbar, und auch die Feindseligkeit. Grimbert denkt: Eine im Unglück zusammengeschweißte korsische Familie. Ihm bricht der Schweiß aus.

»Hat man Sie unterrichtet, dass Simon letzte Nacht ermordet worden ist?«

Die Versammlung nickt, eine nicht zuzuordnende Stimme sagt: »Die Polizei von Nizza hat uns angerufen.«

In dieser Atmosphäre, die zum Schneiden ist, sucht Grimbert nach einer Eröffnung, die Bewegung in die Sache bringt, findet keine und hält sich daher an die einfachste Frage: »Beide Chefs binnen weniger als vierundzwanzig Stunden erschossen, wir ermitteln zu diesen Verbrechen … Hat jemand von Ihnen etwas zu sagen, das uns aufklären könnte?«

Die Gruppe bleibt in ihrem Schweigen vereint. Aus einem anderen Büro hört man das Signal eines Funkrufs, der Verantwortliche für die Funkkommunikation verlässt das Zimmer.

Grimbert fährt fort. »Ist jemandem von Ihnen etwas aufgefallen? Eine Geste, ein Wort …«

Immer noch nichts. Es auf einem Umweg versuchen.

»Wissen Sie, was aus Ihrer Firma werden wird?«

Neuerliches Schweigen. Man hört ein paar Schniefer vonseiten der Frauen. Bevor irgendjemand den Mund aufmacht, kommt der Verantwortliche für die Funkkommunikation zurück, fahl.

»Die türkische Polizei hat die Leiche von Kapitän Nicolas Serreri gefunden, der gestern Nacht im Hafen von Istanbul ertrunken ist.« Eine junge Frau schreckt hoch, aufgerissener Mund, und bricht in Tränen aus. »Die Polizisten sagen, es handelt sich um einen Unfall. Der Kapitän hatte zu viel getrunken und ist, als er sich allein an Bord befand, von der Santa Lucia gestürzt. Sie bitten uns, die Leiche abzuholen. Das Schiff nimmt danach Kurs auf Marseille.«

Die korsische Familie krümmt sich unter dem Schock, bekommt Risse. Die Angestellten sehen einander an, suchen einen Halt, jemanden, an dem sie sich festklammern können. Einige Frauen haben tränenglänzende Augen, zwei von ihnen treten zu der weinenden jungen Frau und nehmen sie in den Arm. Sie lässt sich gegen sie sinken, verbirgt ihr Gesicht an ihren Schultern und schluchzt. Die Männer kratzen sich am Hals.

Grimbert murmelt Delmas zu: »Nimm das Frauentrio mit nach nebenan. Die Junge ist bestimmt seine Witwe oder etwas in der Art. Notier dir ihre Adresse, dann sollen ihre Freundinnen sie nach Hause bringen. Hätschle sie. Es ist selbstverständlich ein Mord, aber Klappe halten.«

Delmas nickt, geht zu den drei Frauen und dirigiert sie in ein anderes Büro.

Der Familie keine Zeit lassen, sich wieder zu fangen. Grimbert geht zum Angriff über. »Unfall oder nicht, der Zähler zeigt jetzt drei Tote. Versuchen wir vorwärtszukommen. Ich wiederhole meine Frage: Was wird aus der Somar werden?«

Der älteste Mann unter den Anwesenden antwortet: »Wir haben keine Ahnung. Pieri war alleiniger Eigentümer der Firma. Und Simon hat uns für heute Morgen einberufen, um uns zu sagen, wie er mit der Situation umgehen will.«

»Warum nicht gestern darüber sprechen, warum bis heute warten?«

»Simon hat uns nichts gesagt. Er hat uns nur gebeten, heute Morgen hier zu sein. Gestern nach dem Mittagessen hat er ohne jede Erklärung den Lieferwagen genommen und ist weggefahren. Er wirkte sehr besorgt, das war alles.«

Grimbert lässt den Blick über sein Publikum schweifen. »Er ist sicher zu einer Verabredung gefahren. Weiß niemand etwas über Simon und eine mögliche Verabredung?«

»Doch, ich.«

Alle Augen richten sich auf eine pummelige junge Frau mit dunklem Haar, kaum achtzehn, die die Hand hebt wie in der Schule, ihre Stimme zittert leicht.

»Sprechen Sie.«

»Vorgestern, am Tag von Monsieur Pieris Ermordung, hat niemand wirklich gearbeitet, wir waren sehr erschüttert, alle. Gegen vierzehn, fünfzehn Uhr klingelte das Telefon in Monsieur Simons Büro. Er war nicht im Zimmer. Ich bin rangegangen. Ein Ferngespräch aus Johannesburg für Monsieur Simon. Ich habe ihn aus der Küche geholt, er hat den Hörer genommen und die Tür zugemacht. Vom Flur aus hörte ich ihn sagen: ›Pieri, mehrere Schüsse, auf offener Straße‹. Danach hörte ich ihn sagen: ›die Uhrzeit passt mir‹ und ›einen ruhigen Ort‹, etwas in der Art.«

Die Stimme ist nicht sehr fest, das Mädchen errötet. Die Familie missbilligt schweigend. Grimbert lächelt ihr zu. Erster erkennbarer Fortschritt. Dieses Mädel da, man weiß noch nicht, warum sie bereit ist zu reden, treibt sich in den Büros herum, nimmt Anrufe an, lauscht an Türen. Vielleicht eine Goldmine, die es auszubeuten gilt.

Grimbert bringt noch einiges in Erfahrung. Über Simon: eng mit Pieri verbunden, eine Vertrauensbeziehung zwischen den beiden Männern, beinahe schon Freundschaft, aber er war nicht jeden Tag in der Firma, sagen wir, etwa jeden zweiten Tag, nicht ganz regelmäßig. Über Kapitän Serreri: ein junger Mann, keine vierzig, schon sehr lange sehr eng mit Pieri, der ihn sehr mochte. Ein bisschen wie sein Sohn.

Grimbert bittet um eine kurze Führung durch die Büros. Ein zweiter großer Raum, ehemals Wohn- oder Esszimmer, fünf hineingepferchte Schreibtische, die Buchhaltung. Bunte Kurvendiagramme an die Korkwände geheftet, und Grafiken mit Schiffsnamen darüber. Und noch drei Zimmer. Im ersten, schallisoliert, drängen sich ein Funkgerät, Empfangs- und Sendestation, und drei Fernschreiber, die sich in unregelmäßigen Abständen einschalten und zu rattern anfangen. Heute ist die Frequenz nicht sehr hoch. Die bedruckten Papierstreifen türmen sich in Schlangen zu Füßen der Maschinen, ohne dass sich jemand darum kümmert. Das nächste Zimmer ist klein und es herrscht peinliche Ordnung, ganz im Gegensatz zu den großen Gemeinschaftsbüros. Schubladen, Schränke geschlossen, nicht ein einziges herumliegendes Papier.

»Das ist das Büro von Maïté Antoniotti, Pieris Sekretärin.«

»Ist sie heute nicht hier?«

»Nein, sie kümmert sich um die Beerdigung.«

»Ist sie eine Angehörige?«

»Nein, aber es läuft auf dasselbe hinaus. Sie war wie eine Mutter für Pieri.«

»Immer wieder die korsische Familie«, flucht Grimbert.

Im nächsten Raum die beiden Schreibtische von Pieri und Simon nebeneinander. Ordentlich, wie das Büro der Sekretärin.

Auf dem Rückweg geht Grimbert noch einmal beim Fernmeldezimmer vorbei, wo der Verantwortliche aufräumt, um sich zu beschäftigen.

»Simon war gestern Vormittag hier. War er über den Mord an Pieri informiert?«

»Natürlich, wie wir alle.«

»Hat er mit der Santa Lucia kommuniziert?«

»Ja, sofort. Er wollte den Kapitän persönlich und vor allen anderen benachrichtigen. Nicolas gehörte ein bisschen zur Familie.«

»Hat Simon ihm Anweisungen bezüglich des Schiffes gegeben?«

»Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Simon hat mich aus dem Raum geschickt, sobald er mit Nicolas verbunden war. Ich dachte, es wäre wegen der Emotionen, ein sehr persönliches Gespräch.«

»Sonst nichts, was Sie mir sagen könnten?«

»Danach wurden alle anderen Kapitäne informiert, und Simon hat sie gebeten, die Anweisungen abzuwarten, die er ihnen heute Morgen geben wollte. Es wurde noch nichts unternommen, aber ich denke, dass die Somar die ganze Flotte jetzt nach Marseille zurückbeordern wird.«

Delmas steht jetzt mit der Gruppe Klageweiber im Büro von Pieri und Simon. Er macht Grimbert ein Zeichen: Kontaktaufnahme mit der Witwe, Mission erfüllt. Die beiden verabschieden sich und gehen. Haben es eilig, an die frische Luft zu kommen und tief durchzuatmen.

Donnerstag, Nizza

Es kostet Daquin etwas Zeit, das Hôpital Pasteur und dann den Eingang zum Leichenschauhaus zu finden: ein moderner Bau namens Le Reposoir, eine langgezogene einstöckige Betonkonstruktion, an einen Hang gebaut, abgelegen am Ende eines steilen Wegs. Ein Dutzend Meter weiter eine kleine steinerne Kirche, die um einiges älter wirkt, eine zwischen Sträuchern versteckte Zuflucht. Polizei der Körper, Polizei der Seelen. Die Körper quälen und die Seelen trösten. Hör auf zu grübeln, du bist am Ziel angekommen. Daquin erhält die Erlaubnis, einen kurzen Blick auf die Leiche von Jacques Simon zu werfen. Drei Kugeln mitten in den Brustkorb. Dicht beisammen, alles Treffer, wie bei Pieri. Mit der Autopsie wurde noch nicht begonnen, man wartet auf die Anwesenheit eines Vertreters der Niçoiser Kriminalpolizei, der angekündigt ist, sich aber offenbar verspätet. Daquin fragt den Gerichtsmediziner, ob er vor zwei Tagen auch die Autopsie von Pieri durchgeführt hat. Ja, das war tatsächlich er.

»Der Marseiller SRPJ hat mich mit der Ermittlung betraut, aber der Autopsiebericht wurde mir noch nicht zur Kenntnis gebracht.«

»Normal, ich habe ihn noch nicht rausgeschickt.«

»Können Sie mir den Inhalt in groben Zügen skizzieren?«

»Ich habe Eintrittswunden von zehn Kugeln festgestellt, von denen ich sagen würde, dass sie wahrscheinlich allesamt tödlich waren. Das ist ziemlich bemerkenswert. Und Spuren einer mindestens zehn Jahre alten, wenn nicht noch älteren schweren Verletzung. Sehr wahrscheinlich eine Schussverletzung. Perforation des rechten Lungenflügels, Risse im Brustbein, Beschädigung des Zwerchfells, Rippenbrüche, er muss den Brustkorb voller Knochensplitter gehabt haben. Der Mann scheint mindestens zweimal operiert worden zu sein.«

»Danke, Doktor.«

Daquin verlässt das Reposoir und begegnet vor dem Gebäude einer großen, kräftigen Frau um die fünfzig, in einen beigefarbenen Allerweltsregenmantel gehüllt, das Gesicht verquollen, die sich, von einem Polizisten in Uniform begleitet, blindlings vorwärtsbewegt.

Der erwartete glückliche Zufall?

»Verzeihen Sie, sind Sie Madame Simon?«

»Ja.«

»Darf ich mich vorstellen? Ich bin Commissaire Daquin vom SRPJ Marseille, möchten Sie, dass ich Sie begleite, oder wollen Sie lieber allein sein?«

»Allein, danke.«

Sie geht hinein. Daquin beschließt, auf sie zu warten, teilt dem Polizisten in ihrer Begleitung mit, dass er ihn ablöst und sich um Madame Simon kümmert. Kann er bitte Bonino Bescheid geben, dass Commissaire Daquin etwas später kommt?

Als sie das Leichenschauhaus verlässt, ist die Frau in Tränen aufgelöst. Daquin schlägt ihr vor, in der Krankenhauscafeteria ein Getränk zu nehmen. Sie lehnt mit einer Kopfbewegung ab.

»Ich möchte lieber so schnell wie möglich nach Hause, nach Paris, zurück zu meinen Kindern.«

Daquin erbietet sich, sie zum Flughafen zu fahren, und sie nimmt an.

Im Wagen versiegen die Tränen allmählich. »Ermitteln Sie zum Mord an meinem Mann?«

»Ja, Madame.«

Schweigen.

»Ich habe immer gewusst, dass ich eines Tages seine Leiche im Leichenschauhaus identifiziere. Ich habe immer gewusst, dass das eines Tages passiert.« Sie holt tief Luft. »Als wir geheiratet haben, war er Capitaine. Er hat im Indochinakrieg gekämpft, dann im Algerienkrieg.« Sie schweigt einen Moment. »Schon Algerien war schwer zu ertragen, wissen Sie. In der Armee haben plötzlich uralte Freunde, Waffenbrüder, aufeinander geschossen. Ein Albtraum. Nach 1962 hat er zwei Jahre in irgendwelchen Büros in Paris gearbeitet, er sprach mit mir nicht mehr darüber, was er tat, er entfernte sich von mir, das war hart … Eines Tages teilte er mir mit, dass er in Zukunft regelmäßig außerhalb von Paris zu tun hätte.«

»Leben Sie noch in Paris?«

»Ja.«

»Mit Ihrem Mann?«

»Natürlich.« Sie fährt fort: »Er erzählte mir, er hätte eine halbe Stelle als kaufmännischer Angestellter angenommen, in einer Transportfirma, und er sei die rechte Hand eines ehemaligen Gangsters.«

»Erinnern Sie sich an den Zeitpunkt?«

»Sehr präzise. 1964.«

»Mehr Einzelheiten hat er Ihnen nicht genannt?«

»Nicht sofort. Er versuchte Witze darüber zu machen, aber ich, ich war wütend. Ich habe einen Soldaten geheiratet, keinen halben Banditen. Am Ende sagte er zu mir: ›Ich bin immer noch Soldat, aber Frankreich befindet sich nicht mehr im Krieg. Man hat mich auf einen anderen Posten abkommandiert, und meine Pflicht als Soldat ist es, dir nicht mehr darüber zu sagen, deine Pflicht als Soldatenfrau ist es, das unhinterfragt zu akzeptieren.‹«

»Und Sie haben keine Fragen mehr gestellt?«

»Ich habe es geschafft, seine Einkünfte zu überprüfen, und heute bin ich nicht stolz darauf. Weder die Quelle noch der Betrag haben sich je verändert. Also habe ich akzeptiert, dass mein Mann in geheimer Mission unterwegs war. Er ist für Frankreich gestorben, das steht fest. Und es ist das, was ich meinen Kindern sagen werde.«

Daquin trifft gegen Mittag beim SRPJ Nizza ein. Allgemeiner Aufruhr. Das Team vom Flughafen ist gerade zurück. Sie haben die Passagierlisten der Flüge überprüft, die um den für Simons Ermordung angenommenen Zeitpunkt herum gestartet oder gelandet sind. Sie sind auf den Namen Michael Frickx gestoßen. Daraufhin haben sie alle Taxiunternehmen befragt, ohne Ergebnis, dann die Autovermietungen. Treffer. Frickx hatte einen Wagen reserviert, einen Mercedes, und er hat ihn etwa zum geschätzten Zeitpunkt des Mordes abgeholt. Ein Polizist öffnet sein Notizbuch, um die Aussage der Angestellten vorzulesen: »›Er wirkte ruhig. Nein, nicht angespannt, nicht nervös. Normal. Er hat die Übernahmeerklärung für seinen Wagen gegen zweiundzwanzig Uhr unterschrieben, eine Stunde, nachdem er gelandet war. Wir haben nur noch auf ihn gewartet, bevor wir schließen.‹« Der Polizist fügt hinzu: »Er hatte kein Gepäck, das haben wir überprüft. Eine Stunde, der Flughafen ist klein, das gibt ausreichend Zeit.«

Bonino sieht Daquin an und zieht eine Grimasse. Nicht nur, dass Madame Frickx an Pieris Seite ist, als er erschossen wird, nicht nur, dass sie erklärt, ihr Mann habe regelmäßig geschäftlich mit ihm zu tun, jetzt stellt sich auch noch heraus, dass Frickx selbst sich etwa zu der Zeit am Flughafen aufhält, als Simon dort ermordet wird. Es ist fortan unmöglich, die Präsenz der Familie Frickx in dem Fall zu ignorieren. Was zwangsläufig bedeutet, dass Komplikationen bevorstehen. Das hat der Niçoiser Polizei gerade noch gefehlt. Zwei Bullen werden zur Villa in Cap Ferrat geschickt, um Monsieur Frickx zu bitten, sich um vierzehn Uhr bei der Kriminalpolizei Nizza zu einem Gespräch mit Inspecteur Bonino und Commissaire Daquin einzufinden, der mit den Mordfällen betraut ist.

Dann führt Bonino Daquin in sein Büro, um ihn über die bisherigen Aktivitäten seines Teams zu unterrichten. Kein übertriebener Eifer, aber anständige Arbeit. In sämtlichen Kfz-Werkstätten der Region wird weiter nach dem Motorrad der Mörder gesucht, vielleicht eine Ducati. Wenig Hoffnung in dieser Hinsicht. Pieris Aufenthalte in Nizza: Seit etwa einem Jahr kam er regelmäßig in die Stadt. Er drehte eine Runde durch die Kunstgalerien, informierte sich über neue Trends auf dem Kunstmarkt, machte sich Notizen. Und besuchte regelmäßig das Casino im Palais de la Méditerranée, das Restaurant und die kleine Galerie im selben Gebäude. Wo er übernachtete, konnte hingegen noch nicht ermittelt werden.

Die Familie Frickx, Emily und ihr Mann: Er ist Leiter des Mailänder Büros von Co Trade, Europaverantwortlicher eines der weltgrößten Unternehmen im Erzhandel. Sie: ein Kind aus reicher Familie, schwerreicher Familie. Enkelin eines südafrikanischen Bergbaumagnaten mit Diamant- und anderen Edelsteinminen.

»Die sich damit vergnügt, auf der Promenade des Anglais Klaviere zu Kleinholz zu machen.«

»Mhm …«

»Ein Pärchen, das mit Staatsanwalt Coulons Hypothese einer Abrechnung im Milieu nicht recht zusammenpasst.«

»Ihre Präsenz in diesem Fall ist vielleicht reiner Zufall.«

»Ein hartnäckiger Zufall. Und der Mord an Simon?«

»Die Erfahrung zeigt, dass Abrechnungen oft geballt auftreten.«

»Aber Simon ist polizeilich nicht aktenkundig, oder irre ich mich?«

Bonino hebt in einer Ohnmachtsgeste beide Hände.

»Ich bin heute Morgen beim Leichenschauhaus Madame Simon begegnet.«

Bonino zuckt zusammen und sagt sich, dass er besser daran getan hätte, selbst hinzufahren.

»Wussten Sie, dass ihr Mann eine Militärkarriere hinter sich hatte?«

»Das wusste ich noch nicht.«

»Sie ist überzeugt, dass er immer noch zum Führungsstab der Armee gehörte und die Somar nur ein Deckmantel war.«

»Und Sie glauben ihr aufs Wort?«

»Ich neige dazu, ihr zu glauben, ja.«

»Sie stimmen doch mit mir überein, dass das nachgeprüft gehört, es kann vielerlei Gründe geben, warum ein Ehemann …«

In diesem Moment klopft ein Polizist an die Tür, tritt ein. Er kommt gerade von der Villa in Cap Ferrat, ratlos.

»Michael Frickx ist gestern Abend spät eingetroffen und heute Morgen sehr früh nach Mailand abgereist.«

Am Ende seiner Nerven schreit Bonino beinahe: »Er hat seine Frau allein gelassen?«

»Nein, er hat einen Cousin seiner Gattin angerufen, damit er kommt und ihr Gesellschaft leistet. Ein junger Mann, fünfundzwanzig, dreißig Jahre alt. David Hammersfeld. Südafrikaner. Ich habe seinen Namen notiert, seine Adresse. Als ich ihn nach seinem Beruf fragte, hat er geantwortet, dass er das Geld seiner Familie verballert.« Er schweigt einen Moment, immer noch schockiert.

Daquin fragt: »War das ein Scherz?«

Der Polizist fährt fort: »Nein, ich glaube nicht. Ich wollte die Krankenpflegerin sprechen, um ihre Einschätzung zu Madame Frickx’ Gesundheitszustand zu hören, aber der Cousin hat sie weggeschickt …«

Daquin fällt ihm ins Wort: »Es gab eine Krankenpflegerin? Ich habe davon keine Spur in der Akte gesehen.«

Niemand geht darauf ein. Und der Polizist spricht weiter: »Dann habe ich im Mailänder Büro von Frickx angerufen, die europäische Niederlassung von Co Trade, seine Frau hatte mir die Nummer gegeben …«

»Und?«

»Er sei auf Geschäftsreise. Seine Mitarbeiter behaupten, nicht zu wissen, wo er ist. Er hätte keine Telefonnummer hinterlassen und sei bis zu seiner Rückkehr nach Mailand, Zeitpunkt unbestimmt, nicht erreichbar.«

Nach einem Moment des Schwankens hält es Bonino nicht mehr, er steht auf. »Es ist Essenszeit. Bitte entschuldigen Sie mich, Commissaire, ich bin verabredet …«

Sobald er den SRPJ verlassen hat, sucht Daquin Staatsanwalt Coulon auf, der ihn unverzüglich empfängt.

»Ein zweiter Mord … und ein dritter …«, sagt der Staatsanwalt mit einem süffisanten Lächeln. Und er informiert ihn über den »bedauerlichen Unfall«, der dem Kapitän der Santa Lucia zugestoßen ist.

Es wird schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, weiter abzuwarten, Daquin erhält den Durchsuchungsbeschluss für die Somar und die Wohnungen der Opfer, Pieri und Simon.

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22 dekabr 2023
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9783867549820
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