Kitabı oxu: «Zügellos»

Şrift:

Dominique Manotti

ZÜGELLOS

Aus dem Französischen

von Andrea Stephani

Ariadne Krimi 1193

Argument Verlag


Commissaire Daquin, ein wahrhaft harter Kerl mit einer Vorliebe für starken Espresso, guten Jazz und schöne Männer, leitet ein verschworenes Inspektorenteam im Pariser Drogendezernat. Der aktuelle Fall führt die Jungs ins Reitsportmilieu: Terra incognita. Dass Jockeys sich gern mal die Nase pudern, ist ja bekannt, aber spätestens nach dem zweiten Mord wird klar, dass es hier um mehr geht als ein paar Lines für den Eigenbedarf. Allerdings scheinen einige der Beteiligten tabu zu sein. Nun ist Daquin selbst ein begabter Strippenzieher, der auch dann nicht einknickt, wenn seine Vorgesetzten längst die Notbremse ziehen. Und wird es mal ganz eng, so hat er bestimmt irgendwo noch einen Gefallen gut … Diesen kantigen Noir-Macho lässt Dominique Manotti gegen Frankreichs gewiefteste White-Collar-Schurken antreten – in atemlosem Tempo, wie immer umfassend informiert und so lakonisch wie stilsicher. Die Männer um Daquin – manche kennen einen Teil des Teams schon von seinem ersten Auftritt in Hartes Pflaster (2004) – spielen eine blutige Schachpartie gegen die Sorte Verbrecher, die sich allzu sicher ist, allen anderen immer einen Zug voraus zu sein. Wieder ein packendes Lehrstück von La Manotti, die uns niemals belehrt, sondern aufs Souveränste zeigt, wie die Dinge wirklich laufen.

Else Laudan

»Wenn das Genre des sozialkritischen Politkrimis wieder von Relevanz reden darf, hat es das auch Dominique Manotti zu verdanken.« Stern

»Spannend, realitätsnah, links: Manotti beleuchtet virtuos die Verbindungen zwischen Politik und Kriminalität. Vielleicht wissen wir nur deshalb so wenig über solche Verquickungen hierzulande, weil wir keine Dominique Manotti haben, die es fertigbringt, diese zu ebenso aufklärerischen wie spannenden Thrillern zu verarbeiten.« Freitag

»Was für ein Wurf! Seit Jane Austen hat keine Frau so spannend über Geld geschrieben.« Denis Scheck

»Dominique Manotti, die sich immer mehr als eine der führenden Krimiautoren der gegenwärtigen Welt herauskristallisiert: Ein literarisches Ereignis, intelligenter kann historische Literatur nicht sein und packender kein Krimi.« Deutschlandfunk Büchermarkt

»Manotti hat sich zu einer der wichtigsten Stimmen Europas entwickelt. So schillernd sind die Figuren, so erschütternd die Verwicklungen, so klug und stark der Manotti-Sound, der alles trägt.« Horst Eckert, FOCUS online

Ariadne Krimis

Herausgegeben von Else Laudan

www.ariadnekrimis.de

Titel der französischen Originalausgabe:

À nos chevaux!

© 1997, 1999, Éditions Payot & Rivages

Deutsche Erstausgabe

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2013

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/​4018000 – Fax 040/​40180020

www.argument.de

Umschlag: Martin Grundmann

Fotomotiv: © histogramm, Fotolia.com

Lektorat: Iris Konopik & Else Laudan

Satz: Iris Konopik

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-86754-976-9

Erste Auflage 2013

Inhalt

Cover

Titel

Vorwort

Impressum

Freitag, 9. Juni 1989

Montag, 26. Juni 1989

Sonntag, 9. Juli 1989

Freitag, 14. Juli 1989

Dienstag, 25. Juli 1989

Montag, 21. August 1989

Agenturmeldung von AFP

Samstag, 2. September 1989

Sonntag, 3. September 1989

Montag, 4. September 1989

Dienstag, 5. September 1989

Donnerstag, 7. September 1989

Montag, 11. September 1989

Freitag, 15. September 1989

Samstag, 16. September 1989

Sonntag, 17. September 1989

Montag, 18. September 1989

Dienstag, 19. September 1989

Mittwoch, 20. September 1989

Donnerstag, 21. September 1989

Freitag, 22. September 1989

Montag, 25. September 1989

Dienstag, 26. September 1989

Donnerstag, 28. September 1989

Freitag, 29. September 1989

Samstag, 30. September 1989

Sonntag, 1. Oktober 1989

Montag, Dienstag, Mittwoch, 2., 3., 4. Oktober 1989

Dienstag, 3. Oktober 1989

Mittwoch, 4. Oktober 1989

Donnerstag, 5. Oktober 1989

Montag, 9. Oktober 1989

Dienstag, 10. Oktober 1989

Mittwoch, 11. Oktober 1989

Donnerstag, 12. Oktober 1989

Donnerstag, 19. Oktober 1989

Nacht von Donnerstag, 19., auf Freitag, 20. Oktober 1989

Freitag, 20. Oktober 1989

Freitag, 20. Oktober 1989

Samstag, 21. Oktober 1989

Montag, 23. Oktober 1989

Dienstag, 24. Oktober 1989

Mittwoch, 25. Oktober 1989

Donnerstag, 26. Oktober 1989

Freitag, 27. Oktober 1989

Samstag, 28. Oktober 1989

Sonntag, 29. Oktober 1989

Montag, 30. Oktober 1989

Montag, 6. November 1989

Dienstag, 7. November 1989

Mittwoch, 8. November 1989

Donnerstag, 9. November 1989

Freitag, 10. November 1989

Weitere Bücher der Autorin

Freitag, 9. Juni 1989

Glatte See bei grauem Wetter. Agathe betrachtet das kleine Auditorium, hermetisch abgeschlossener Raum, graue Wände, graue Sitze, in dem die PAMA-Hauptversammlung tagt. Drei- bis vierhundert Aktionäre in dunklen Anzügen, dumpfes Stimmengewirr zahlreicher leise geführter Gespräche. Die PAMA verwaltet Milliarden, sie ist eins der größten französischen Unternehmen. Doch offenbar sehen die Teilnehmer der Hauptversammlung schon im kleinsten Farbfleck, im kleinsten Klangsplitter eine Gefahr für die bestehende Ordnung.

Seit zwei Jahren leitet Agathe die Konzernkommunikation der PAMA. Heute sitzt sie ganz oben im Halbrund, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Neben ihr langweilt sich Nicolas Berger, Freund aus Kindertagen und treuer Assistent, schon jetzt zu Tode.

Die Mitglieder des Aufsichtsrats kommen geschlossen herein. Der Saal verstummt.

»Ich bin immer wieder überrascht, dass sich die Aktionäre beim Eintreten des Kapitäns und seiner Besatzung nicht erheben, so wie wir früher am Gymnasium für unsere Lehrer«, bemerkt Nicolas.

Keine Antwort. Agathe greift in ihre Handtasche, holt eine Zigarette heraus, taucht hinter den Sitzen ab, nimmt drei schnelle Züge, tritt sie dann mit dem Absatz aus.

Die Aufsichtsratsmitglieder haben auf dem Podium Platz genommen. Der Präsident lässt den Blick durch den Saal schweifen. Ein alter Mann, unnachgiebig, kalt. Ein einsamer Wolf in der Steppe der Finanzwelt, sagen manche. Er zwingt sich zu lächeln, feine Risse überziehen das Gesicht, er klopft gegen sein Mikro, erklärt die Hauptversammlung in freundlichem Ton für eröffnet. Die hohe Kunst der Verstellung. Dann fasst er mit monotoner Stimme den Geschäftsbericht zusammen. Die PAMA ist ein Mischkonzern, der praktisch alle Wirtschaftszweige abdeckt, eine Diversifikation, die Risiken mindern und Stabilität gewährleisten hilft. Ein Unternehmen, das seit langem in der französischen Finanzlandschaft etabliert ist. Und so gibt sich der Präsident keine Mühe, zu begeistern oder zu überzeugen. Er ahnt nichts, denkt Agathe, schließt die Augen, faltet die Hände im Schoß und zwingt sich, ruhig zu atmen. Nicolas lässt seinen Gedanken freien Lauf und träumt vor sich hin.

Xavier Jubelin hat ganz außen am Podium Platz genommen. Er hört konzentriert zu, macht sich sogar hin und wieder Notizen. Vor zwei Jahren leitete er ein dynamisches mittelgroßes Versicherungsunternehmen, das von der PAMA geschluckt wurde. Heute sitzt er im Aufsichtsrat, und seine Meinung findet Gehör. Sportliche Erscheinung, kantiger Kiefer, auffallend lebendiger Blick und zwanzig Jahre jünger als der Präsident, dessen Nachfolger, so munkelt man, er wird. Jetzt ergreift er das Wort. Agathe ist speiübel, sie fühlt sich wie beim Sprung ins Nichts. Zunächst, in sehr gesetztem Ton, ein Befund. Die PAMA-Holding befinde sich aufgrund eines bunten Sammelsuriums von Kapitalbeteiligungen in einer Phase der Stagnation. Man müsse die industriellen Investitionen des Unternehmens schrittweise zurückfahren, es wieder auf seine homogensten Sparten ausrichten, nämlich das Versicherungs- sowie das Grundstücks- und Immobiliengeschäft, und ihm so seine lang verlorene Dynamik zurückgeben. Kurzum: Entgegen manchen Meinungen und Äußerungen sei ein grundlegender Kurswechsel geboten.

Nicolas schreckt hoch, setzt sich aufrecht hin. »Habe ich richtig gehört? Jubelin erklärt dem Präsidenten gerade den Krieg?«

Agathe reagiert nicht, lauscht mit immer noch geschlossenen Augen ihrem Herzklopfen.

Jubelin fährt fort, jetzt schroffer: »Wir haben dem Aufsichtsrat wiederholt entsprechende Anträge vorgelegt, die aber nie Berücksichtigung fanden, das ist nicht hinnehmbar. Deshalb wenden wir uns heute an die Hauptversammlung.«

Mit einem Mal herrscht spürbare Spannung im Saal, kein Laut mehr, alle Blicke sind auf Jubelin gerichtet.

Nicolas berührt Agathes Arm. »Schlaf nicht ein, hier tut sich Erstaunliches.«

Immer noch keine Reaktion.

Auf dem Podium stecken die Aufsichtsratsmitglieder, Hand überm Mikro, flüsternd die Köpfe zusammen. Einer von ihnen, Domenico Mori, ein Italiener, elegante Erscheinung und wallende weiße Haarpracht, ergreift das Wort. Er leitet in Italien ein Metallkonsortium, das er aus einem Familienbetrieb selbst aufgebaut hat. Sein Konzern ist der größte Anteilseigner der PAMA und der Grundstein, auf dem der Präsident seine Macht errichtet hat. Zudem ist Mori ein langjähriger persönlicher Freund des Präsidenten, sie gehen in der Tschechoslowakei gemeinsam auf Fasanenjagd. Eingedenk der Milliarden, die er im Rücken hat, hört man ihm respektvoll schweigend zu, auf dem Podium zudem mit einem Gefühl der Erleichterung: Jetzt kommt alles wieder ins Lot.

»Wir haben keine Veranlassung, uns den hier von Monsieur Jubelin vertretenen Vorschlägen zu widersetzen.« Leichter italienischer Akzent.

Große Erregung unter den Versammelten. Ohne daran zu denken, das Mikro zuzuhalten, flüstert der Präsident mit bleichem, verzerrtem Gesicht: »Verräter … unwürdiges Verhalten für einen alten Freund …«

Agathe öffnet die Augen, nagt an ihrem Daumen. Das Podium, jetzt von einer im Saal deutlich spürbaren Panik ergriffen, berät sich. Das kann man unmöglich zulassen. Den Angriff vereiteln, bevor der Aufstand sämtliche Truppen erfasst. Der Präsident schlägt eine sofortige Abstimmung per Handzeichen über die beiden zur Debatte stehenden Marschrichtungen vor. Seine und Jubelins. Danach soll die Hauptversammlung gemäß der mehrheitlich gewählten Marschrichtung ihren Fortgang nehmen.

Handzeichen, sorgfältige Auszählung, Jubelin hat die Mehrheit. Der Saal bricht in Pfiffe und Jubel aus, es geht zu wie im Fußballstadion. Die Aufsichtsratsmitglieder sind aufgestanden, diskutieren miteinander. Jemand vor einem Mikrofon sagt gut hörbar: »Das ist ein Staatsstreich.« Vom Tumult unbeeindruckt, bleiben nur Jubelin und Mori auf ihren voneinander entfernten Plätzen sitzen.

Nicolas wendet sich Agathe zu. »Du hast das gewusst und mir nichts gesagt?«

Agathe antwortet nicht, streicht ihm lächelnd mit den Fingerspitzen über die Wange.

Dann geht alles sehr schnell. Perrot, ein rasant expandierender Bauunternehmer, unterstützt Jubelin und fordert eine Abstimmung nach Anteilen. Fieberhaft rechnet jeder das auf einem Stück Papier für sich durch. Jubelin hält zehn Prozent der Anteile. Der Italiener fünfundzwanzig Prozent. Perrot fällt kaum ins Gewicht. Wer bringt die fehlenden Prozente? Der Vertreter der Banque Parillaud erklärt, dass er Perrots Vorschlag unterstützt.

Deluc, Berater im Élysée und PAMA-Kleinaktionär, zu Agathe, die neben ihm sitzt: »Die Messe ist gesungen, Schwester, gehet hin in Frieden.«

Agathe atmet tief durch und lässt den Druck von sich abfallen.

Die mit dem Präsidenten solidarischen Aufsichtsratsmitglieder räumen das Podium, durchqueren den Saal und verlassen ihn wortlos. Die Repräsentanten der ältesten Finanz- und Industriellendynastien Frankreichs treten ab, damit man sie nicht entlässt wie Lakaien.

»Sie machen sich auf die Suche nach dem Elefantenfriedhof«, kommentiert Nicolas halblaut.

Der Präsident, Jubelin und Mori bleiben allein auf dem Podium zurück. Die Abstimmung nach Anteilen ergibt siebzig Prozent der Stimmen für Jubelin. Die Dynamik des Sieges. Hektisch und mit undurchdringlicher Miene sammelt der Präsident die verstreut vor ihm liegenden Papiere ein. Der einsame Wolf ist in die Enge getrieben, todgeweiht.

Agathe steht auf. Ihr ist, als sähe sie zusammenwachsende Blutflecken auf den graubespannten Wänden. Seit zwei Jahren warte ich auf diesen Moment, nun ist er da und die Freude ist nicht so groß, wie ich dachte. Mir ist vor allem nach einem heißen Bad … Jetzt aber an die Arbeit.

Kurzer Abstecher zur Toilette. Eine kleine Line Koks. Make-up kontrollieren, leicht nachbessern. Dann nimmt Agathe den Fahrstuhl und fährt in den 20. Stock. Ihre Sekretärin begrüßt sie mit einem strahlenden Lächeln. Neuigkeiten sprechen sich schnell herum.

Sie öffnet die Tür zu ihrem Büro. Sehr groß, schwarzer Teppich, weiße Wände. Links ein Schreibtisch aus mattiertem Stahl und an der Wand ein Triptychon von Soulages. Rechts eine Sitzgruppe, zwei Couchtische, Sofa und Sessel aus schwarzem Leder. Und direkt gegenüber der Tür, atemberaubend, eine riesige Glasfront mit Blick auf die Esplanade und die Grande Arche de la Défense.

Ein knappes Dutzend Journalisten erwartet sie bei Fruchtsaft, Whisky oder Wein. Eine ganz zwanglose Zusammenkunft unter Freunden zwecks Vorbereitung der Pressekonferenz, auf der Jubelin morgen früh über die Ergebnisse der PAMA-Hauptversammlung berichten wird. Bei ihrem Eintreten heben alle ihr Glas, es regnet Glückwünsche.

Sie schenkt sich einen Whisky ein, setzt sich halb auf die Ecke ihres Schreibtischs, sieht sie an, selbstsicher, eine Erscheinung wie ein Star, streng geschnittenes Kleid in Kirschrot, das so gut zu ihrem hellen Teint passt, gepflegtes Make-up, goldblonder Haarknoten, Stirnlocken. Und im Lager der Sieger.

»Meine Herren, 1989 ist ein großes Jahr für die französischen Unternehmen. Die Börse boomt, der Immobilienmarkt expandiert, und der jungen Managergeneration gehört die Zukunft.«

Tiefe Stimme, ein wenig heiser, apart. Sehr verführerisch. Sie hat Thema wie Zuhörer spürbar im Griff. Sie hebt ihr Glas in ihre Richtung und leert es in einem Zug. Jetzt das Frage-Antwort-Spiel. Zur Person von Jubelin, den noch so gut wie keiner kennt.

»Ein Selfmademan, jung, sportlich. Ein ausgezeichneter Jäger, ein guter Reiter. Und ein wahrer Könner auf seinem Gebiet. Ein echter Versicherungsprofi.«

Danach zur Politik der PAMA. »Wird die PAMA wirklich ihre Industriebeteiligungen abstoßen, wie Jubelin es auf der Aktionärshauptversammlung angekündigt hat?«

»Industrielle Investitionen sind immer risikoreicher und weniger rentabel als Investitionen im Immobiliensektor. Wenn wir uns wieder verstärkt aufs Immobiliengeschäft konzentrieren, dann vor allem, um unseren Versicherten eine bessere Kosteneffizienz zu garantieren. Der Übergang wird aber reibungslos verlaufen.«

Kompetent. Entspannt. Ein Journalist spricht von »Putsch«. Sie reagiert gereizt.

»Wie kommen Sie dazu, dieses Wort zu benutzen? Das Ganze wurde auf der Aktionärshauptversammlung entschieden, vollkommen transparent. Unser Unternehmen funktioniert beispielhaft demokratisch.«

»Wie man sich erzählt, kennen Sie den neuen Geschäftsführer schon lange …«

Agathe neigt den Oberkörper vor, setzt ein strahlendes Lächeln auf und sagt betont ironisch: »Ich weiß sehr wohl, was man sich in einschlägigen Kreisen erzählt, werter Herr, und es ist mir schnuppe.«

»Brillant, die PR-Chefin«, raunt ein Journalist seinem Nachbarn zu.

Das sehr lockere Gespräch geht noch eine halbe Stunde weiter, das Publikum ist wie gebannt. Mit einem Mal ist es spät. Die Journalisten brechen auf. Lästige Fragen wird es auf der morgigen Pressekonferenz eher nicht geben. Und in den nächsten Tagen keinen einzigen gegen Jubelin gerichteten Artikel.

Agathe tritt an das große Fenster. Es ist vollbracht. Die Spannung löst sich. In ihrer Brust ein fast schmerzhaftes Gefühl von Leere. Die Sonne geht unter. Hier und da Lichtreflexe auf den Büroturmfassaden. Zur Linken Paris, fern, die ersten Lichter leuchten. Rechts die Grande Arche, Scheinwerfer, man arbeitet Tag und Nacht, um die Bauarbeiten bis zum 14. Juli abzuschließen. Dicke Scheiben, nicht ein Laut. Endlich eine gewisse innere Ruhe. In dieser Höhe kann mich nichts mehr treffen.

Montag, 26. Juni 1989

Vollmond über den Stallungen und dem angrenzenden Wald, Kühle entsteigt den Bäumen. Die Pferde schlafen bei offenen Klappen in ihren Boxen, manche liegend, manche im Stehen. Andere kauen ein paar Halme Stroh. Wenig Geräusche, hier und da ein Rascheln. Und Seufzer.

Ein Mann geht eine Boxenreihe entlang, weißer Kittel, grüne, um die Knöchel etwas zu weite Gummistiefel. Er trägt einen schweren Eisenklotz in der einen Hand, dazu zwei Kabelrollen. Vor einer Box bleibt er stehen, setzt seine Last ab, öffnet die Tür. Ein lebhaftes kleines schwarzes Pferd bläht die Nüstern, beschnuppert die Hand. Der Mann streicht ihm über den Nacken, krault den Ohransatz, betrachtet das Tier prüfend. Dann macht er die Tür wieder zu und hantiert an dem Metallklotz. Schließt ein Kabel an eine Steckdose an, zwei weitere Kabel, eins rot, eins blau, sind mit Klemmen verbunden. Mit den Klemmen in der Hand geht er zurück in die Box. Das Pferd hebt den Kopf. Er tätschelt seinen Hals, spricht ihm sanft zu. Vertrauensvoll taucht das Pferd die Nüstern wieder ins Stroh. Eine Klemme ins Innenohr. Das gekitzelte Pferd schüttelt den Kopf.

»Ruhig, mein Feiner, alles ist gut.«

Das Pferd beruhigt sich. Eine Klemme unter den Schwanz, das Pferd zuckt zusammen, dreht irritiert den Kopf zu dem Mann, der den Sitz der Klemme überprüft und hinausgeht. Er drückt einen Schalter am Transformator. Ein gewaltiger Ruck geht durch das Pferd, hebt es vom Boden, irrer Blick, der ganze heillos überstreckte Körper ist schlagartig schweißnass, sackt dann lautlos zusammen, die offenen Augen blicken leer. Der Mann tritt hinzu, überprüft, ob das Pferd tot ist, zieht die Klemmen heraus, wickelt die Kabel ordentlich auf und geht mit seiner Ausrüstung fort.

Sonntag, 9. Juli 1989

Es ist fast 14 Uhr an diesem Sonntag und Romero ist gerade aufgewacht. Mit nacktem Oberkörper und in hautenger schwarz-weißer Unterhose sitzt er auf dem Boden vor dem großen Fenster seiner Wohnung, zwei Zimmer im achten Stock hoch über dem Quai de la Loire, sehr luftig und sehr sonnig, freier Blick auf Montmartre und den nördlichen Pariser Stadtrand. Neben ihm eine junge Frau im Schlabbershirt, das Gesicht hinter buschigen braunen Locken verborgen. Aus großen Gläsern essen sie Mokkaeis in Café frappé und Butterkekse. Von Zeit zu Zeit taucht Romero einen Finger in sein Glas und malt der jungen Frau Mokkaeisstriche aufs Gesicht, die er dann sorgfältig ableckt, was sie zum Lachen bringt.

»Zieh dein T-Shirt aus.«

Das Mädchen kommt der Aufforderung nach. Romero malt mit Eis zwei Kreise um die Warzenhöfe, beugt sich über die kühlen, harten Brustwarzen. Das Telefon klingelt. Er steht murrend auf.

Eine Frauenstimme mit leichtem spanischem Akzent. »Inspecteur Romero?«

Romero verzieht das Gesicht und dreht dem Mädchen den Rücken zu, um sich auf seine Gesprächspartnerin zu konzentrieren. »Ja, Paola, ich bin’s. Was gibt’s?«

»Inspecteur, kommen Sie her, ich muss Ihnen jemanden zeigen, es ist wichtig.« Im Hintergrund hört Romero den Lärm einer Menschenmenge. »Ich bin auf der Rennbahn von Longchamp, in der Wetthalle, Schalter 10.«

»Ich bin in einer halben Stunde da.«

»Machen Sie schnell. Es eilt.«

Er legt auf, dreht sich um. Die junge Frau sitzt immer noch auf dem Boden, an die Wand gelehnt, und rollt ihre Brustwarzen spielerisch zwischen den Fingern. »So einfach kommst du mir nicht davon.«

Er geht auf alle viere und trinkt die salzigen und nach Lavendel duftenden Schweißtropfen, die zwischen ihren Brüsten hinabperlen. »Diese Brüste gehören mir.«

Er drückt die junge Frau auf den Teppich, keine Zeit für Raffinessen, und außerdem mag er’s so, erst packt einen die Leidenschaft, und danach dieses totale Wohlgefühl.

Schnell duschen, kämmen, er zögert, blickt zur Uhr, schon Viertel vor drei, dann eben unrasiert. T-Shirt, Jeans, Turnschuhe. Revolver und Papiere nicht vergessen. Dünne Jacke. Blick in den Spiegel: groß, schlank, dunkler Typ, gutaussehend, zufrieden mit sich, alles bestens.

Das Mädchen hat sich nicht gerührt. Sie liegt vor dem Fenster in einem Fleck Sonne auf dem Bauch und döst vor sich hin. Er streichelt ihre Lenden.

»Ich brauch nicht lang. Wartest du auf mich?«

Keine Antwort.

Romero betritt die große Wetthalle der Rennbahn von Longchamp. Halb vier. Beton, Tristesse, auf dem Boden Zettel. Im Moment ist wenig los, das Publikum lärmt auf den Tribünen. Ein paar einzelne Besucher drücken sich lieber vor den Fernsehschirmen herum, wechseln enttäuscht ein paar Worte. Bei Schalter 10 ist niemand.

Das Rennen ist vorbei, das Publikum flutet die Halle, eilt zu den Schaltern. Stimmengewirr, zerknitterte Zeitungen, Flaschen- und Gläserklirren an der Bar. Romero erkennt den Hintergrundlärm wieder, der sich vorhin bei Paolas Anruf in der Leitung breitmachte.

Aber immer noch keine Paola bei Schalter 10. Von einer unbestimmten Unruhe erfüllt, geht er in der Halle umher. Eine Falle? Unwahrscheinlich. Lehnt sich trotzdem an eine Wand zwecks Absicherung nach hinten, lässt die Jacke offen und den Blick kreisen. Klingeln, Ende der Wettannahme. Die Menge strömt zurück auf die Tribünen, immer noch niemand bei Schalter 10. Rückblende auf das Gesicht mit den Mokkaeisstrichen, die aufgerichteten, leuchtend rosa Brustwarzen. Und ein mulmiges Gefühl. Blick auf die Uhr, 15 Uhr 40. Genau in diesem Moment kommt am anderen Hallenende eine Frau schreiend aus der Toilette gerannt.

Commissaire Daquin betrachtet den Leichnam der jungen Frau, der auf dem Klo sitzt, leicht nach links geneigt am Wasserkasten lehnt. Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten. Halsschlagader durchtrennt, klaffende frischrote Wunde, Luftröhre gekappt, Knorpel zersplittert, weißlich auf Tiefrot, ein Goldkettchen mit Kreuz auf dem Wundrand. Das Blut ist in Fontänen herausgeschossen. Spritzer an den Wänden. Ihr Sommerkleid ist steif, verklebt, braunrot. Und über dem offen daliegenden Klump aus Fleisch und Blut, komplett nach hinten gekippt, ein ruhiges Gesicht, Augen geschlossen, Mund halb offen. Ein sehr schönes indianisches Gesicht, hohe Wangenknochen, sehr dunkle Haut, üppiges schwarzes Haar, das bis auf den Boden hängt. Die Blutlache auf den Fliesen hat sich unter der Tür hindurch ausgebreitet.

Die Mordkommission ist an der Arbeit. Gerichtsmediziner, Fotograf, Sachverständige. Eine einzige Zeugin, eine Frau hat beim Make-up-Auffrischen das Blut unter der Klotür hervorrinnen sehen und ist schreiend hinausgerannt. Da war es 15 Uhr 40.

Daquin ist groß, gut eins fünfundachtzig, breitschultrig, massig, wenn nicht gar etwas grobschlächtig, kantiges Gesicht, ebenmäßig, aber nicht ausnehmend schön, braune Augen, ungemein wacher Blick auf alles um ihn herum, starke körperliche Präsenz. Seit der Chef da ist, fühlt Romero, wie der Druck ein wenig nachlässt.

Daquin dreht sich zu ihm um. »Und?«

»Eine meiner Informantinnen. Sie rief mich zu Hause an«, zögert kurz, »gegen halb drei, und hat mich herbestellt, zu Schalter 10, um mir jemanden zu zeigen. Sie meinte, es sei wichtig und dringend. Sie wurde umgebracht, bevor ich hier war.«

»Wo haben Sie sie her?«

»Aus dem Knast in Fleury-Merogis. Als das ganze Theater um das kolumbianische Kokain losging, habe ich mich dort umgesehen, meine Netze ausgeworfen. Sie saß ein, und ihre Mutter auch, man hatte sie beim Mitführen von je hundert Gramm Kokain erwischt, Drogenkuriere, kleine Fische. Sie sprach Französisch, schien auf Zack zu sein …«

»Und außerdem sehr hübsch.«

»Ja, das auch.« Mürrisch. »Ich habe ihre Freilassung organisiert und ihr versprochen, dass sie ihre Mutter wiederkriegt, wenn sie mir Tipps über die Kolumbianer in Paris liefert.« Rückblende: der Körper des Mädchens in der Sonne oben am Quai de la Loire, während die Zeit verstreicht. »Ich bin nicht stolz auf mich.«

Daquin mustert ihn kurz. »Das sehe ich.«

Dann wendet er sich wieder der Leiche zu und untersucht sie eingehend. Der rechte Ärmel hat nichts abbekommen. Daquin beugt sich vor, reibt den Stoff zwischen zwei Fingern. Feinste Seide. Lupft vorsichtig den Kragen. Etikett: Sonia Rykiel. Dreht mit der Fußspitze eine Sandale um, die neben der Kloschüssel liegt: zwei Wildlederriemchen mit Charles Jourdan-Schriftzug. »Und sie sprach gut Französisch?«

»Ja, fließend, gerade mal ein leichter Akzent.«

»Ihr kleiner Fisch kommt mir sehr seltsam vor, zu gut gekleidet für eine arme Kolumbianerin. Romero, Sie lernen es nie. Beim Betrachten ihrer Kleidung erfährt ein Bulle mehr über eine Frau als beim Bewundern ihres Busens.«

»Niemand ist vollkommen, Chef.«

Schweigen.

»Meiner Meinung nach sollten wir dringend ihre Mutter aufsuchen, bevor andere es tun.«

Als sie zur Gefängnisverwaltung von Fleury-Mérogis kommen, erfahren Daquin und Romero, dass Madame Jimenez zwei Tage zuvor auf richterliche Anordnung entlassen wurde.

»Können wir die Akten von Paola Jimenez und ihrer Mutter einsehen?«

Paola Jimenez hat sofort nach ihrer Inhaftnahme verlangt, Anwalt Larivière zu verständigen.

»Larivière kenne ich seit zwanzig Jahren. Er hatte schon windige Kontakte zur CIA, als ich noch beim FBI gearbeitet habe. Eine kleine Drogenkurierin, die sich bei Sonia Rykiel einkleidet und die Adresse eines CIA-Verbindungsmanns hat … Aber Larivière hat es offenbar abgelehnt, sich mit dem Fall zu befassen. Das war noch, bevor Sie aufgetaucht sind, Romero. Sehen wir uns die Mutter an.« Daquin überfliegt zwei Blätter. »Auch nicht schlecht. Vor einer Woche hatte sie Besuch von Maître Astagno, der erklärte, er sei ihr Anwalt. Kennen Sie Astagno?«

»Natürlich.« Romero ist entschieden unwohl.

»Gerissener Anwalt, Haus- und Hofverteidiger der Dealer, die wir in Frankreich dann und wann zu fassen kriegen. Hat letztes Jahr die Freilassung eines Schatzmeisters des Medellín-Kartells erwirkt, der Riesensummen auf neun Luxemburger Nummernkonten verwaltete. Es ließ sich offenbar nicht beweisen, dass das Geld unmittelbar aus Drogengeschäften stammte. Finden Sie es normal, dass Astagno sich für eine kolumbianische Dealer-Oma interessiert? Und sie binnen drei Tagen freikriegt?«

»Nein, natürlich nicht. Chef, ich gestehe, was immer Sie wollen. Ich war unvorsichtig, ich habe einem hübschen Mädchen vertraut, schnell war ich auch nicht, und ich bin mit schuld an ihrem Tod. Was machen wir jetzt?«

»Wir lassen schleunigst die Finger davon. Das Ganze riecht oberfaul. Vermutlich ein fingierter Drogendeal seitens der Amerikaner, eine gute Werbung just vor dem Pariser Weltwirtschaftsgipfel, der für die internationale Drogenbekämpfung einen historischen Wendepunkt markieren soll. Paola befördert eine Kostprobe, um die Abnehmer zu ködern. Aus einem uns nicht bekannten Grund läuft die Operation schief. Paola wird festgenommen, vielleicht haben die Amerikaner sie selber hochgehen lassen, zumal Larivière es ablehnt, sich um den Fall zu kümmern. Als Sie sie zurück ins Spiel bringen, wittern die Abnehmer etwas, erkundigen sich bei der Mutter und exekutieren das Mädchen. Zudem müssen französische Polizisten in der Sache mit drinhängen. Also Vorsicht. Sie legen eine Akte an, Romero, und wir warten ab.«

Freitag, 14. Juli 1989

Agathe, Jubelin und Nicolas treffen gemeinsam am Eingang des kleinen Hôtel des Maréchaux an der Place de l’Étoile ein. Sie mussten zu Fuß kommen, denn das ganze Viertel befindet sich im Belagerungszustand. In nicht mal einer halben Stunde beginnt die Jubliäumsparade des 14. Juli anlässlich des 200. Jahrestags der Französischen Revolution. Auf der Freitreppe empfängt sie ein strahlender Perrot. In der Eingangshalle der unverändert elegante Domenico Mori in Begleitung von drei Italienern. Perrot macht miteinander bekannt: Enzo Ballestrino, Moris Finanzberater, Michele Galliano und Giuseppe Renta, die in München Tochtergesellschaften des Mori-Konsortiums leiten.

Dann nimmt er alle mit auf Besichtigungstour durchs Haus. Prachtvolle Räume im ersten Stock: hohe Decken, Versailles-Parkett aus blonder Eiche, große Rundbogenfenster zur Place de l’Étoile, Wände und Decken mit Täfelungen und Stuckverzierungen. Keinerlei Möblierung, nur mehrere mit vielerlei Getränken und Köstlichkeiten beladene blumengeschmückte Buffets gegenüber den großen Fenstern. Zwischen den Buffets Fernseher, die gleich die Parade übertragen werden. Eine Etage höher wiederum leere Räume, Fenster zur Place de l’Étoile, überladene Buffets und Fernseher.

Perrot wendet sich an die Italiener: »Dank meinem Freund Jubelin und der PAMA konnte ich dieses Haus vor einem Monat kaufen. Es ist bereits weiterverkauft an eine japanische Versicherungsgesellschaft, zum höchsten Quadratmeterpreis im gesamten Goldenen Dreieck. Nach Abzug der Kosten erziele ich damit binnen drei Monaten einen Gewinn von fünfzehn Prozent.«

»Und indem sie die Transaktion versichert«, übernimmt Jubelin, »bekommt die PAMA in Japan einen Fuß in die Tür, ohne einen Sou auszugeben. Verschaffen Sie mir viele solcher Geschäfte, und wir werden gute Freunde bleiben.« Gelächter.

Die geladenen Gäste treffen grüppchenweise ein. Als gegen 22 Uhr die Parade beginnt, drängen sich rund hundert Geschäftsleute und Mitglieder von Ministerialkabinetten »mit Gattin« an den Fenstern der beiden Stockwerke. Der Festzug hat sich in der Avenue Foch formiert und umrundet den Arc de Triomphe, wobei er genau unter den Fenstern des Hôtel des Maréchaux vorbeikommt, bevor er auf die Champs-Élysées einbiegt. Man hört das unablässige Dröhnen der Trommeln und ab und zu den grellen Klang der Dudelsäcke.

An der Spitze des Zugs, unter einem großen »Wir machen weiter«-Transparent, erinnern eine schweigende graue Kolonne und ein Paradewagen mit auf halbmast gesetzter Flagge an die begrabenen Hoffnungen vom Tian’anmen-Platz.

Deluc hakt Agathe und Nicolas unter. »Das Schaulaufen der Verlierer ist immer öde.«

»An deinen Zynismus kann ich mich nicht gewöhnen.«

»Lieber Freund, ich bin nicht zynisch. Nur realistisch. Und ich für meinen Teil verwechsle nicht Show mit Politik.« Er zieht sie zu einem Buffet. »Champagner für alle. Diese Parade der Superlative zur Feier unseres ganz persönlichen Jahrestags. Ihr wisst doch noch? Vor genau zwanzig Jahren haben wir Rennes verlassen und sind nach Paris gegangen. Das gehört gefeiert.«

Agathe blendet zurück zu jenem letzten Abend in Rennes. Deluc floh, sie stürzte, wurde von den Bullen geschnappt, aufs Kommissariat geschleppt, von einem Inspektor gevögelt … Muss man auf diese glorreiche Nacht Champagner trinken? Sie lässt den Blick über die Party schweifen. Was vergangen ist, ist vergangen, und zum Champagnertrinken ist jeder Anlass recht.

Die Gäste pendeln zwischen Buffets und Fenstern, zwischen erstem und zweitem Stock. In den schallisolierten Hinterzimmern Musik aus einer Hi-Fi-Anlage, einige Paare tanzen.

Auf der Place de l’Étoile ziehen nach den französischen Provinzen jetzt Amerikaner, Russen, Schotten zum Klang von Drehleiern, Querpfeifen, Dudelsäcken und unter unentwegtem Trommelgedröhn vorbei.

Agathe hat sich wieder zu Jubelin und seinen italienischen Freunden gesellt. Ballestrino berührt Rentas Arm und sieht ihn an. Stummes Zwiegespräch. Renta verneigt sich förmlich vor Agathe. »Darf ich Sie um einen Tanz bitten?«

Er ist etwa fünfunddreißig, mittelgroß, dunkles gegeltes Haar. Taillierter grauer Alpakaanzug, blassgraues Seidenhemd und eine sehr farbenfrohe breite Krawatte. Agathe findet ihn eine Spur ganovenhaft und nimmt amüsiert den ihr gebotenen Arm. Sie gehen zu den Hinterzimmern.

Als sie weg sind, begibt sich Mori mit Ballestrino, Galliano und Jubelin zu einem Buffet in einer wenig frequentierten Ecke. Sie machen sich über die kalten Platten her und reden übers Geschäft. Ein paar Bemerkungen über die zurückliegende Hauptversammlung. Und über die Entwicklungsaussichten der PAMA. Tour d’Horizon. Schnell ist man wieder bei Japan. Die Transaktion mit dem Hôtel des Maréchaux ist ein erster Kontakt mit dem Pazifikraum. Bevor man aber eine Strategie entwickelt, wie man im Fernen Osten mitmischen kann, gehört zunächst das Europa-Geschäft konsolidiert. Mori nickt zustimmend.

»Übrigens«, sagt Ballestrino, »mein Freund Galliano hat mir von einem hübschen Deal erzählt, der in München zu machen ist.«

Jubelin an Galliano gewandt: »Worum handelt es sich?«

»Um die A.A. Bavaria, eine mittelgroße Versicherung, ein gesundes, in der Region gut eingeführtes Familienunternehmen, das Geschäftsbeziehungen zu bestimmten ostdeutschen Kreisen unterhält, und das ist Gold wert jetzt, wo sich im Ostblock langsam etwas bewegt.«

»Sogar in der DDR?«

»Viel mehr, als man hierzulande meint. A.A.-Aktien notieren gegenwärtig ziemlich hoch, könnten aber, wenn wir das wollen, in den kommenden Monaten signifikant fallen. Und eine Übernahme leicht und zugleich rentabel machen.« Hintersinniges Lächeln. »Das ist kein Geschäftsangebot, sondern ein Gefallen.«

»Warum machen Sie es nicht selbst, Mori?«

»Mein Konzern ist industriell ausgerichtet. Auf dem Versicherungssektor genügt mir meine Beteiligung an der PAMA.«

Jubelin wendet sich Galliano zu und zückt seinen Terminplaner. »Vereinbaren wir noch ein Treffen vor Ihrer Abreise nach München?«

Sie kehren an die Fenster zurück. Jubelin grüßt einen engen Mitarbeiter des Finanzministers, der ihm überschwänglich die Hand drückt. Gratulation. Auf einem Wagen von imposanten Ausmaßen eine etwa dreißig Meter lange Dampflokomotive, ringsherum trommeln Les Tambours du Bronx, entfesselt, ohrenbetäubend, ohne dass jemand ihnen Beachtung schenkt.

Agathe tanzt mit Renta. Viel südamerikanische Rhythmen und West-Coast-Klänge. Er tanzt gut und macht ihr anstandshalber ein bisschen den Hof. Seine Krawatte trägt den Schriftzug Yves Saint-Laurent. Also doch mehr Langweiler als Ganove. Eine flinke Drehung, ein Lächeln und weg ist sie, Abstecher zu den Toiletten, eine kleine Line, dann zurück zu den Fenstern und dem Spektakel.

Sie trifft auf Deluc, der sich, Zigarette im Mundwinkel – eine dieser stinkenden kleinen indischen Zigaretten, die er seit seinem Beirut-Aufenthalt gewohnheitsmäßig raucht –, mit einem Abgeordneten der Opposition angeregt über den Höhenflug der Pariser Börse und der Immobilienpreise unterhält. Der Abgeordnete küsst feierlich Agathes Hand und beginnt ihr die jüngsten Ereignisse bei der PAMA zu erklären. Er hat ganz offenkundig einen in der Krone. Deluc nutzt die Gelegenheit und verdrückt sich, der Hund.

Vor einem der Fernseher sehen Jubelin, Nicolas und Ballestrino zu, wie Jessye Norman auf der Place de la Concorde die Marseillaise anstimmt. Nicolas wendet sich Ballestrino zu.

»Ich habe gehört, Sie besitzen in der Nähe von Mailand ein Gestüt.«

Hocherfreut: »Das stimmt. Einige Siegerpferde bei Flachrennen kommen aus meiner Zucht. Zwei meiner Fohlen sind letzten Sonntag in Longchamp gelaufen.«

Jubelin hakt ein: »Wie sich das trifft. Pferde sind meine Leidenschaft. Ich habe mehrere im Training.«

»Bei wem?«

»Meirens, in Chantilly.«

»Kenne ich. Wenn Sie gelegentlich in Mailand sind, wäre es mir eine Freude, Sie durch meinen Zuchtbetrieb zu führen.«

Nachdem Agathe sich nicht ohne Mühe des beschwipsten Abgeordneten entledigt hat, erspäht sie Nicolas und Jubelin, die etwas abseits vom Trubel in einer Ecke hitzig diskutieren. Als sie sich nähert, verstummt das Gespräch. Nervös sagt Jubelin zu Nicolas: »Wir reden in meinem Büro weiter.«

Nicolas nimmt Agathes Arm. »Gehen wir hoch in den zweiten und sehen uns das Ende der Parade an.«

Das ist jetzt der Clou des Spektakels. Frauen stehen auf hoch aufragenden Sockeln, die mechanisch vorrücken und sich im Walzertakt drehen. Sie thronen in sehr großer Höhe über dem Boden, tragen Hüte mit überdimensionierten Krempen, Krinolinen in Form meterbreiter, bis zur Erde reichender Blütenkelche und halten ein Kleinkind im Arm. Agathe betrachtet diese priesterlichen Riesinnen, die sie als bedrohlich empfindet. Unerklärliches Unbehagen.

Der Festzug nähert sich dem Ende. Perrot geht von Gruppe zu Gruppe. Für Männer ohne Begleitung ist in seinem Restaurant, gleich um die Ecke in der Rue Balzac, ein Abschluss des Abends in galanter Gesellschaft geplant. Nicolas sagt zu, Jubelin ist klug und lehnt die Einladung ab.

Dienstag, 25. Juli 1989

Kurz vor Mitternacht, schmale Mondsichel, Wolken, viel Wind, in den Ställen ist es dunkel, fast hundert Boxen im Karree um einen großen Hof zwischen Ebene und Wald. Die Bäume ächzen bei jeder Bö, die Gebäude knarren, die Pferde regen sich, hin und wieder ein Hufschlag. Auf einer der Karreeseiten haben die Stallburschen direkt über den Boxen ihre Zimmer. Zwei Fenster sind noch erleuchtet.

Den Zimmern gegenüber in einem dunklen Winkel eine leise Explosion, kaum mehr als ein Knallfrosch, ein Funkenregen, dann eine leuchtend gelbe Flamme, ein kleines Feuer züngelt am Eingang einer Box, breitet sich aus, klettert knisternd die Tür empor. Die Pferde werden unruhig. Bei den Stallburschen gehen ein paar Lichter an. Angstvolles Wiehern, Hufgetrampel, das Stroh in der Box steht in Flammen. Die Männer sind an den Fenstern, der Wind bläst in kurzen Böen.

Bis sie unten sind, hat das Feuer aufs Dach übergegriffen und frisst sich dröhnend von Box zu Box. Im Hof stürzen die halbnackten Männer zu den Boxentüren, um die Pferde zu befreien, die wahnsinnig vor Angst in den Wald galoppieren. Ein Stallbursche wird umgerissen und niedergetrampelt. Ein Pferd mit brennender Mähne rast panisch wiehernd gegen eine Wand und bricht mit zerschmettertem Schädel zusammen. In einem orangefarbenen Feuerwerk stürzt über dem Großteil des Stalls das Dach ein. Der Wind treibt mit dem Rauch auch den unerträglichen Gestank von verbranntem Fleisch und Fell vor sich her.

Durchnässt, verrußt, verzweifelt, halten die Männer jeden verfügbaren Wasserschlauch umklammert und besprengen das, was noch steht, damit das Feuer sich nicht weiter ausbreitet. Und die ganze Zeit der Wind.

Eine zweite Boxenreihe gerät gerade in Brand, als die Sirene der Feuerwehr ertönt. Deren Leute müssen zwei Pferdekadaver vom Zufahrtsweg räumen, bevor sie auf den Hof fahren und mit Löschschläuchen gegen das Feuer vorgehen können. Nach einstündigem Kampf sind die Flammen gelöscht, die Hälfte der Stallungen völlig zerstört, bloß noch ein Haufen verkohltes Holz und Asche, aus dem schwärzlicher Sud rinnt und vereinzelte Rauchfahnen aufsteigen. Ein Junge mit schwarz verschmiertem nacktem Oberkörper hockt niedergeschmettert neben einem verbrannten Pferdekadaver, dessen Kopf er schluchzend umschlungen hält.

Montag, 21. August 1989

Agenturmeldung von AFP

OCRTIS – Office central de répression du trafic illicite des stupéfiants, das im Rahmen der Drogenbekämpfung kürzlich von der Regierung geschaffene Amt für die Verfolgung von illegalem Betäubungsmittelhandel, gibt die Beschlagnahme von 53 Kilogramm Kokain bekannt. Das Rauschgift befand sich in einem Renault-Lieferwagen, der in einem Lagerhaus in Aubervilliers sichergestellt wurde. Verkäufer und Adressaten der Lieferung konnten laut OCRTIS noch nicht ausfindig gemacht werden.

Samstag, 2. September 1989

Der Vorhang fällt, Ende erster Akt von Bergs Wozzeck. Im Saal der Opéra-Garnier gehen die Lichter an. Mit dem starken Drang, zu gähnen und sich zu strecken, erhebt sich Daquin von seinem Platz. Blick zu seinem Liebhaber, der sich ein paar Meter vor ihm den Gang zwischen den Sitzreihen entlangschiebt. Klar wird es ihm nicht gefallen … Und einen guten Grund habe ich auch nicht … Rudi, immer so höflich und reserviert. Deutscher, sogar Preuße, groß, breite Schultern, schmale Hüften, blond, romantische Stirnlocke, kantiger Kiefer und blaue Augen. Aufsehenerregend. Fast immer drehen sich Frauen nach ihm um. Eine Verkennung, die von fern zu beobachten recht amüsant ist.

Im hell erleuchteten Foyer lärmendes Gedränge, es ist heiß. Daquin bleibt an einem Fenster stehen und sieht hinaus auf die Place de l’Opéra, Regenglanz, Lichtersprenkel, Fußgänger- und Fahrzeugströme, verlockend. Rudi kehrt mit zwei Gläsern Champagner von der Bar zurück. Und greift das Gespräch genau da auf, wo er es bei Vorstellungsbeginn hat ruhen lassen.

»Tausende Menschen verlassen derzeit über Polen und die Tschechoslowakei Ostdeutschland, und immer noch kein Wort darüber in euren Zeitungen. Unfassbar. Meine Eltern haben mir geschrieben, dass eine chirurgische Abteilung des größten Ostberliner Krankenhauses geschlossen wurde, weil sämtliche Krankenschwestern das Land verlassen haben. Hörst du mir zu, Théo?«

»Nicht wirklich.« Er lächelt. »Ich ziehe gerade eine Bilanz des Abends.« Leert sein Glas. »Krawattetragen ist mir zuwider, das Bühnenbild finde ich zum Heulen, die Inszenierung eitel, ich mag diese Musik nicht, der Champagner ist lauwarm. Ich rufe ein Taxi und nehm dich mit zu mir, ja?«

Das Telefon klingelt hartnäckig. Daquin braucht einen Moment, um wach zu werden. Ein Blick auf seine Armbanduhr, zwei Uhr nachts. Er schiebt die Zudecke weg. In dem riesigen Bett schläft Rudi auf dem Bauch, Gesicht zur Wand gedreht, die Arme über dem Kopf. Blond auf dem dunkelgrünen Laken. Wie eine Werbung für ein Männerparfüm. Das Telefon klingelt immer noch. Er nimmt ab.

»Commissaire Daquin?«

»Ja.«

»Commissaire Janneret, 16. Arrondissement. Ich habe eben mit dem Bereitschaftsdienst des Drogendezernats gesprochen …«

»Was wollen Sie?«

»Können Sie im Kommissariat vorbeikommen?«

»Jetzt?«

»So schnell wie möglich.«

»Schicken Sie mir einen Wagen, Avenue Jean-Moulin 36, 14. Arrondissement. In einer halben Stunde.«

»Geht klar. Und danke.«

Das Aufstehen gestaltet sich eher schwierig, er tastet sich durchs Dunkel, um Rudi nicht zu stören. Im Badezimmer, endlich wieder mit sich allein: zuerst lang duschen, heiß, dann kalt, Wasserstrahl auf volle Kraft, jeder Muskel wird ihm schmerzhaft bewusst. Dann, nackt vor dem Spiegel, gründliche Rasur, nass, wegen des Gefühls von Metall auf der Haut, wegen des Vergnügens, die vertrauten Gesichtszüge einen nach dem anderen unter dem Schaum hervorkommen zu sehen, wegen des brennenden Aftershaves. So ist es besser. Abstecher zum Kleiderschrank und eilig anziehen. Da ich nicht weiß, was mich erwartet, irgendwas Unverbindliches, Lederjacke, Canvashose, dann verlässt Daquin das Haus. Die mit Efeu überwucherten Häuser in der Passage ›Villa des Artistes‹ machen die Nacht noch schwärzer und stiller. Hinter dem Durchgang auf der Avenue Jean-Moulin erwartet ihn schon ein Wagen mit einem uniformierten Polizisten am Steuer.

Der Kommissar marschiert vor dem Kommissariat auf dem Gehweg auf und ab.

»Also, worum geht’s?«

»Wir haben im Bois de Boulogne eine Routinerazzia durchgeführt, meine Männer haben das übliche Kontingent an Transvestiten eingesammelt. Und außerdem in einem Gebüsch einen halbnackten jungen Mann. Ein Freier. Und in den Taschen seiner Jacke, die an einem Baum hing, sechs Briefchen Kokain. Wir nehmen ihn mit aufs Revier, wo er ein Mordsspektakel veranstaltet und verlangt, dass wir seinen Vater benachrichtigen, Christian Deluc, Berater im Élysée. Ich hätte ihn ja gleich wieder nach Hause geschickt, ich habe hier im Viertel auch ohne zusätzliche Schwierigkeiten genug zu tun. Er hat sich aber bei den Transen derart unbeliebt gemacht, dass sie jetzt einen Pik auf ihn haben und drohen, es der Presse zu stecken, wenn er einfach freigelassen wird. Können Sie sich den Skandal vorstellen? Aber schließlich ist für Kokain ja das Drogendezernat zuständig. Und die vom Bereitschaftsdienst schienen der Meinung zu sein, dass Sie die Sache am ehesten ohne Aufsehen regeln können.«

»Ist er minderjährig?«

»Nein. Gerade achtzehn geworden.«

»Haben Sie seinen Vater benachrichtigt?«

»Nein, wir haben auf Sie gewartet.«

»Dann tun Sie es nicht. Stellen Sie zwei Ihrer Männer ab, um mir bei einer Leibesvisitation zu helfen, und treiben Sie ein Paar Gummihandschuhe für uns auf.«

Daquin betritt das Kommissariat. Hinten im Bereitschaftsraum drei Zellen. In den beiden ersten ein Dutzend Transvestiten in Arbeitskleidung. Sie hämmern gegen die Gitter, beschimpfen die Polizisten, brüllen herum und singen. Mit gewollt schwerfälligem Gang und undurchdringlichem Blick tritt Daquin vor die Zellen. Schlägt mit der Hand an eins der Gitter.

»Ist jetzt mal Schluss mit dem Radau, Mädels? Lasst mich in Ruhe arbeiten.«

Es wird etwas stiller.

Daquin lässt sich die dritte Zelle aufsperren, holt einen mürrischen schmalen jungen Mann heraus, weist ihn zur Tür des Büros gleich gegenüber und folgt ihm mit den beiden Helfern, die ihm der Chef des Kommissariats zugeteilt hat.

»Lassen Sie die Tür offen, die jungen Damen möchten dem Schauspiel beiwohnen.«

Ein Polizist an der Schreibmaschine. Der andere sitzt auf der Schreibtischkante, Daquin steht.

»Dein Name?«

»Ich verbiete Ihnen, mich zu duzen.«

Daquin fegt ihm die Beine weg, drückt ihm eine Hand ins Genick. Der Junge landet auf den Knien, Daquin schlägt seine Stirn nicht allzu kräftig auf die Schreibtischkante. Die Haut reißt auf. Blutstropfen zerplatzen auf dem Fußboden.

»Hör zu, Idiot«, mit einer Hand hält er den Kopf zu Boden gedrückt, »du kapierst nicht, was Sache ist. Du hast nicht Catherine Deneuve gebumst. Du hast keine Milliarden geklaut. Du hast Transvestiten im Bois de Boulogne Briefchen mit gestrecktem Kokain verkauft, vermutlich gegen ein paar Gratisnummern. Papa kann nichts für dich tun, deine Geschichte ist zu schmuddelig, als dass er sie in den Salons des Élysée erzählen könnte. Klar?«

Daquin packt ihn am Kragen, stellt ihn wieder aufrecht hin und tritt ein Stück zurück. »Und jetzt dein Name.«

»Olivier Deluc.« Blut rinnt aus der Nase, berührt den Mundwinkel, er fährt mit der Zunge darüber, um es zu schmecken.

»Geburtsdatum und -ort, Adresse.«

Er gibt die gewünschten Auskünfte.

»Zieh dich aus.«

Der andere sieht ihn mit offenem Mund an.

Daquin geht auf ihn zu. »Bist du taub?«

Mit zögerlichen Bewegungen beginnt er sich auszuziehen. Den Geschmack von Blut im Mund.

»Schneller. Auch die Unterhose.«

Er ist jetzt nackt. Daquin zu dem Polizisten auf der Schreibtischkante: »Leibesvisitation, ziehen Sie die Handschuhe an.« Zu dem Jungen: »Mund auf.«

»Das können Sie nicht machen.«

»Nein?«

Daquin stellt sich hinter ihn, drückt ihm von beiden Seiten aufs Kiefergelenk und hält gleichzeitig seinen Kopf in Position. Durchdringender Schmerz in Ober- und Unterkiefer, der Mund geht auf. Der Polizist fährt mit einem Finger zwischen Zahnfleisch und Lippen und unter der Zunge entlang. Nichts.

Daquin löst den Griff und diktiert dem Polizisten hinter der Schreibmaschine: »Wir haben eine Leibesvisitation durchgeführt …« Zu dem Jungen: »Jetzt beug dich vor, Hände auf den Schreibtisch, Beine auseinander.« Derselbe Polizist, immer noch mit Handschuhen, untersucht den After. »Huste. Bestens.« Zum Polizisten an der Schreibmaschine: »… und nichts gefunden. Der Verdächtige war also bei seiner Festnahme im Besitz von sechs Briefchen Kokain.«

Das Blut läuft den Hals hinab, auf die Schulter. Mit tränennassen Augen streckt der Junge die Hand nach seiner Hose aus. Daquin fährt schroff dazwischen.

»Du ziehst dich an, wenn ich es dir sage. Vorher verrätst du mir den Namen deines Lieferanten. Sagst du ihn mir, betrachte ich dich als Konsumenten. Andernfalls als Dealer. Sechs Briefchen sind dafür mehr als genug. Soll ich dir den Unterschied erklären?« Der Junge schüttelt schniefend den Kopf. »Außerdem bereitet es eine gewisse Lust, jemanden bei den Bullen zu verpfeifen, es wird dir gefallen. Los jetzt, wir hören.«

Er murmelt etwas.

»Lauter, ich hab nichts verstanden, und die jungen Damen, die dir zusehen, auch nicht.«

»Senanche. Er ist Stallbursche bei Meirens, einem Rennstall in Chantilly.«

»Wie finde ich ihn?«

»Ein runzliger kleiner Alter, der sich jeden Morgen gegen sechs, wenn die Jockeys kommen, vor den Ställen rumtreibt.«

»Hat er viele Kunden?«

Blick nach links, Blick nach rechts, immer noch nackt, es hinter sich bringen. »Etwa ein Dutzend, denke ich.«

»Wie hast du ihn kennengelernt?«

»Manchmal reite ich morgens Pferde zum Training.«

»Du kannst dich wieder anziehen. Unterschreib deine Aussage, bevor du gehst. Und lass dich hier im Viertel nicht mehr blicken.«

Daquin zieht beim Hinausgehen die Bürotür hinter sich zu. Die Transvestiten applaudieren ihm stürmisch. Eine hinreißend schöne, muskulöse Schultern und schwindelerregendes Dekolleté, lange Beine auf hohen Absätzen: »Wenn Sie zu mir kommen, Commissaire, mach ich’s Ihnen gratis.«

Daquin streicht auf Höhe ihres Gesichts mit der Hand übers Gitter und lächelt sie an. »Bist ’ne viel zu schöne Frau für mich.«

In dem Wagen, der ihn nach Hause fährt, lässt er die Gedanken schweifen. Rennpferde, Kokain, auf einer Rennbahn wurde im Juli Paola Jimenez ermordet. Zufall? Vielleicht nicht. Eine Gelegenheit, den Faden wieder aufzunehmen … Wer weiß? Ich werde darauf zurückkommen. Dann plötzlich: »Fahren Sie über Montrouge, ich kenne da eine Bäckerei, die sonntags um diese Zeit geöffnet hat, ich will Croissants kaufen.«

Sonntag, 3. September 1989

Die automatischen Schiebetüren öffnen sich quietschend. Daquin betritt die vertraute Welt des Krankenhauses. Lenglet wurde wieder eingeliefert. Und diesmal, sagt er, zum letzten Mal. Lenglet, der unverbrüchliche Freund seit Jugendtagen. Die gleiche Auflehnung gegen die Familie, die gleichen sexuellen Erfahrungen, die gleichen intellektuellen Vorlieben, das gleiche Studium. Danach Diplomaten- und Geheimdienstlaufbahn, während Daquin sich für die Polizei entschied. Aus den gleichen Gründen. Bei ihren zufälligen Begegnungen stets Komplizenschaft und Kooperation, ein ständiger Drahtseilakt zwar, weil die Interessen eben nicht die gleichen waren, aber auch klug, anregend, unverzichtbar. Verurteilt zu einem Leben ohne dich, mein Doppelgänger, mein Zwilling.

Beim Gang durch den Flur kurzer Austausch mit der Krankenschwester: So schlimm diesmal? Sie nickt. Daquin erinnert sich an seinen Lachanfall, als er das erste Mal vom »Schwulenkrebs« hörte. Schnell gefolgt vom Wissenwollen und dem unverrückbaren Entschluss, sich in der Lust niemals vom Tod faszinieren zu lassen. Aus purer Provokation am Leben zu bleiben. Er betritt das Krankenzimmer. Lenglet liegt da, verloren im Weiß, Augen geschlossen, eingefallenes, entstelltes Gesicht. Daquin hat wieder seine Kindheit vor Augen, seine Mutter, langsamer systematischer Selbstmord durch Alkohol und Medikamente. Sein Vater sieht ihr dabei zu. Eiskalt. Erleichtert. Ein vorprogrammierter, in Kauf genommener Tod. Ich, niemals. Daquin beugt sich übers Bett. Ich verzeih dir nicht, dass du stirbst. Und dass du dir diesen Tod ausgesucht hast.

Lenglet öffnet die Augen, sieht ihn an. Er spricht mit atemloser Stimme, mit einem wackligen Lächeln, einer gewissen Selbstironie. »Angst, Théo?«

Daquin betrachtet die fast durchscheinenden eleganten Hände. Natürlich habe ich Angst. Du machst mir Angst. Thema wechseln.

»Ich bin müde. Der Druck auf das Drogendezernat ist groß. Amerikanische wie französische Politiker halten hysterische Reden, in denen sie die Drogenhändler als Staatsfeind Nr. 1 unserer Zivilisation ausmachen …«

»Es muss doch ein Ersatz für die kommunistische Bedrohung her, die sich gerade in Luft auflöst.«

»Unsere Chefs wurden gefeuert und durch sogenannte Vertrauensleute ersetzt. Da sie kaum Erfahrung haben, hat die DEA ein paar Agenten geschickt, die ihnen erklären sollen, wie sie’s anpacken müssen. Und ich habe mir die Nacht im Kommissariat des 16. um die Ohren geschlagen und Kindermädchen gespielt für einen Bengel, der kokst, um seinen Vater zu ärgern, der Sohn eines gewissen Deluc, Berater im Élysée …«

»Christian Deluc?«

Lenglet hat die Augen geschlossen, sagt lange nichts. Im Zimmer herrscht Stille. Daquin lauscht Lenglets Atemzügen.

Die Augen immer noch geschlossen, fährt er fort: »Den habe ich tatsächlich mal kennengelernt. ’72 oder ’73 in Beirut. Er war damals militanter Linksradikaler und kam die palästinensischen Ausbildungslager besichtigen.« Eine lange Pause. »Keiner von der ernsthaften deutschen Sorte. Mehr die Sorte französischer Polittourist. Wir behielten ihn trotzdem im Auge. Keine sehr sympathische Figur.« Er denkt einen Moment nach. »Verklemmt. Ein verklemmter Perverser Marke protestantisch-pädophiler Fundamentalist.« Lenglet verstummt, öffnet die Augen und lächelt Daquin an. »Du bist der einzige Mann, den ich kenne, der ruhig zuhören kann.«

»Das ist eine Bullentugend.«

»Kann sein, weiß ich nicht.« Lenglet schließt wieder die Augen. »Delucs Gruppe hat sich schließlich aufgelöst, während er in Beirut war. Er saß in der französischen Botschaft fest und freundete sich mit einem komischen Kerl an. Ein Fremdenlegionär, glaube ich, der zum Sicherheitsdienst der Botschaft gehörte und dessen eigentliche Aufgabe darin bestand, Frankreichs hohen Gästen Frauen, Männer oder Kinder fürs Bett zu besorgen.« Er ruht sich einen Moment aus. »Wir nannten ihn ›le Chambellan‹, den Kammerherrn. Dank der in Beirut geknüpften Kontakte soll er nach seiner Rückkehr nach Paris ein Vermögen gemacht haben.«

»Und Deluc hat Karriere bei den Sozialisten gemacht.«

»Der Name des Kammerherrn fällt mir partout nicht ein.« Erneut Stille. »Ich bin erschöpft, Théo. Meine Neugier ist erloschen. Nur die Erinnerung bereitet mir noch Freude.«

Als Lenglets Liebhaber in Begleitung zweier Verflossener hereinkommt, verlässt Daquin das Zimmer und die Klinik. Zusammenkünfte von Lovern, Exlovern und deren Exlovern kann er von jeher nicht leiden, schon gar nicht an einem Totenbett, an Lenglets Totenbett. Er geht langsam zu Fuß nach Hause. Ein drückend-schwüler Abend. Rudi kann er heute unmöglich treffen. Nicht mal Lust, was Richtiges zu essen. Ich improvisiere mit dem, was der Kühlschrank hergibt.

Rückkehr in die Villa des Artistes, ein kühles, ruhiges Refugium weitab vom Zentrum. Das Häuschen besteht aus einem großen Raum im Erdgeschoss, Glasfassade mit weißen Stoffrollos. Zwei dicke Sessel und eine Ledercouch, Wände und Möbel aus Holz, Stereoanlage, beeindruckende CD-Sammlung, und im rückwärtigen Teil hinter einem Tresen eine sehr gut ausgestattete, in Altgelbtönen geflieste Küche. Im Zwischengeschoss das Schlafzimmer, nichts als ein sehr großes Bett und wändefüllende Regale, überladen mit mehrreihig gestellten Büchern. Vom Schlafzimmer gehen die Garderobe, gut bestückte Mahagonischränke und -schubladen, und das Badezimmer ab, weiße Fliesen, große Wanne und Dusche mit Massagestrahl.

Niemand zu Hause. Daquin legt sich auf die Couch und lässt die Gedanken schweifen. Eine ganze Weile. Lenglets Todeskampf hält das Verlangen auf Abstand, verleiht ihm einen Anstrich von Wehmut.

Es war in Harry’s Bar in Venedig, Arrigo Cipriani stand wie aus dem Ei gepellt an ihrem Tisch und pries in gewähltem Italienisch die Butternudeln, während er Rudi ansah, der ihm mit zur Seite geneigtem Kopf und irgendwie besorgter Anspannung gebannt lauschte, ohne ihn zu verstehen. Es war Nacht über der Lagune. Plötzlich packte ihn ein wahnsinniges Verlangen, raubte ihm den Atem. Ihn hier nehmen, jetzt gleich … Sie tauschten Blicke. Sie aßen wortlos zu Ende und vögelten die ganze Nacht … Das war letztes Jahr.

Butternudeln. Daquin durchsucht die Küchenschränke. Wasser in einem großen Edelstahltopf zum Kochen bringen. Butter in einem Gefäß über dem Topf schmelzen lassen. Wenn die Butter geschmolzen ist, die Nudeln ins kochende Wasser geben. Sehr gute Nudeln. Die Nudeln von Cipriani. Weder standardgetrocknet noch frisch, einmalig. Kochzeit: zwei Minuten. Topfinhalt in ein Sieb abschütten, Nudeln gut abtropfen lassen. Einen Teil der geschmolzenen Butter in den Topf geben, dann die Hälfte der Nudeln, wieder geschmolzene Butter plus Parmesan, schließlich den Rest Nudeln, Butter und Käse. Alles kräftig mischen. Das Ganze auf einen Teller füllen. Sofort servieren. Zu den Butternudeln Quellwasser trinken. Ein kulinarisches Meisterwerk.

Wenn nichts Besseres da ist.

Montag, 4. September 1989

Treffen der Kommissare vom Drogendezernat im Büro des neuen Direktors. Daquin ist mit Dubanchet auf dem Weg dorthin, sie kennen sich seit ihrem Ausbildungsjahr in Saint-Cyr-au-Mont-d’Or, haben bereits etliche Male zusammengearbeitet und verstehen sich ohne viele Worte.

»Und der neue Chef? Hast du ihn schon kennengelernt?« Verzieht das Gesicht. »Vorsichtig sein … Kommen lassen.« Sie treten ein. Der Direktor geht auf sie zu, drückt ihnen lächelnd die Hand. Schlank, dunkler Anzug, glatt gekämmtes Haar, mit seinem kultivierten Auftreten wirkt er eher wie ein Präfekt als wie ein Polizist. Er hat zwar Stallgeruch, aber sein beruflicher Aufstieg vollzog sich im Wesentlichen in den Ministerialkabinetten.

Die fünf oder sechs Kommissare, die sich in dem Büro einfinden, nicken sich zur Begrüßung nur stumm zu. Der Direktor äußert in ein paar Sätzen seine Freude darüber, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Hinter seinem Lächeln spürt Daquin fast greifbar das, was er nicht sagt. Der Mann ist auf der Hut. Und die Sitzung beginnt.

Sofort steht das Kokain im Zentrum des Gesprächs. »Sprunghafter Anstieg des Konsums in Europa, Heroin-Kokain-Tauschhandel zwischen italienischer und kolumbianischer Mafia, wahre Fluten von schmutzigem Geld, bei diesen Agenten des Todes kann es keine Kompromisse geben, und nach dem Arche-Gipfel und der Gründung der FATF zur Bekämpfung der Geldwäsche brauchen wir Ergebnisse. An höherer Stelle zählt man auf uns. Unsere Kollegen vom OCRTIS haben im August einen großen Fang gemacht. 53 Kilo Kokain. Dahinter dürfen wir nicht zurückstehen.«

»53 Kilo Drogen, aber nicht einen Dealer«, sagt Daquin. »Ich bin nicht sicher, ob sich eine derartige Operation zur Wiederholung empfiehlt.«

Der Direktor muss das verdauen und macht weiter mit der Bilanz des Drogendezernats der letzten zwei Jahre. Dubanchet leise zu Daquin: »Glaubst du, die DEA hat ihnen den Stoff zur Verfügung gestellt?«

»Gut möglich, ihre Agenten sind derzeit bei uns unterwegs. Und dann ist was schiefgelaufen.«

Der Direktor ruft die beiden spektakulären Zugriffe des vergangenen Jahres in Erinnerung. Und die nach langen Ermittlungen in Zusammenarbeit mit anderen Polizeibehörden an der Côte d’Azur geglückte Festnahme von Mafiaboss Buffo …

»Eine übereilte Festnahme«, wirft Dubanchet ein. »Ich war dabei. Keine Chance, ihm Drogenhandel nachzuweisen, er sitzt wegen Zigarettenschmuggels. Faktisch ein Fiasko.«

»War ein Tipp der DEA«, setzt ein anderer Kommissar hinzu.

»Wir müssen methodisch und mit Bedacht vorgehen«, schließt Dubanchet das Thema ab.

Daquin beobachtet den Chef, der eine Zigarette nach der anderen raucht. Die Beziehungen werden sich schwierig gestalten.

Man wendet sich den laufenden Fällen zu. Am Ende der Sitzung schaltet Daquin sich ein.

»Zwei meiner Informanten sagen, im Rennbahnmilieu wird im großen Stil Kokain konsumiert. Ich hätte gern ein paar Tage, um diesen Tipps nachzugehen.«

»In Ordnung. Halten Sie mich auf dem Laufenden.«

Dienstag, 5. September 1989

Schon früh um sieben ist Daquin an seinem Arbeitsplatz im Drogendezernat am Quai des Orfèvres. Ein abgelegenes Büro am Ende eines Flurs im obersten Stock mit Fenster zum sehr ruhigen Innenhof. Hell, geräumig, mit zweckmäßigem Nullachtfünfzehnmobiliar, das seinem kompletten Team als Sitzungszimmer dient. Daquin holt Akten aus den Holzschränken, die zwei ganze Wände einnehmen, legt sie auf seinen Schreibtisch, blättert darin. Momente einsamer Arbeit, Gedächtnis auffrischen, Ideen entwickeln, Fährten skizzieren. Versuchen, gründlich und intelligent vorzugehen. Kokain und Pferde. Nicht viel zu finden. Hier und da ein bisschen. Der Patriarch der Ochoa-Familie in Medellín ist ein erfolgreicher Züchter kolumbianischer Pferde. Dünn … Die Rennbahnen als Geldwaschanlage. Bekannt … Doping von Rennpferden mit Kokain- und Amphetaminderivaten … Ein Jockey … Viele Gerüchte, aber nichts wird publik. Und dann natürlich Romeros Akte über die Ermordung von Paola Jimenez. Daquin legt die AFP-Meldung vom 21. August 1989 über die Beschlagnahme von 53 Kilogramm Kokain durch das OCRTIS dazu. Wahrscheinlich das Schlusswort in dieser Sache.

Er verwahrt die paar Unterlagen, die er für sich behalten will, in einer seiner Schubladen und stellt den Rest zurück an seinen Platz. Ordentlich. Akten sind die Grundlage der Macht. Er setzt sich mit dem Rücken zum Fenster, Füße auf die Schreibtischkante, und denkt einige Minuten nach.

An der gegenüberliegenden Wand, neben der Tür zum Flur, hängt eine riesige Pinnwand aus Kork. Im Laufe einer Ermittlung füllt sie sich mit Adressen, Telefonnummern, Nachrichten, Terminen, Karten, Plänen. Daquin steht auf, mistet aus, wirft oder sortiert Veraltetes weg, schafft Platz für die kommenden Tage. Unter der Pinnwand eine Anrichte, obenauf eine hochmoderne Espressomaschine, drinnen Vorräte an ungemahlenem Kaffee und Mineralwasser, Tassen, Gläser, diverse Spirituosen und ein Plastikkorb für das schmutzige Geschirr. Hier herrscht tadellose Ordnung. Daquin macht sich einen Espresso. Ein paar Minuten Ruhe. Lässt den Blick schweifen. Ein vertrauter Ort, er fühlt sich wohl.

Kurz vor elf rührt sich etwas im Inspektorenbüro nebenan. Schlag elf kommen sie lärmend durch die Zwischentür, legere Jacken, Jeans, Turnschuhe, außer Lavorel, der stets in Blazer und dunkler Hose oder im Anzug erscheint. Romero, gutaussehender Latino, attraktiver Frauenheld, arbeitet seit neun Jahren mit Daquin zusammen. Lavorel, früher bei der Abteilung für Wirtschaftsdelikte, gehört nach zunächst sporadischer Zusammenarbeit seit vier Jahren fest zum Team. Mit seiner Nickelbrille wirkt der rundliche und langsam kahl werdende Blondkopf wie ein Bürokrat. Aber Romero und er sind Brüder im Geiste. In Stadtrandsiedlungen geboren und aufgewachsen, der eine in Marseille, der andere in Paris, sind beide in ihrer Jugend knapp an der Kriminalität vorbeigeschrammt und stolz, das nicht vergessen zu haben. Romero findet in seiner Arbeit als Inspektor ein geradezu sinnliches Vergnügen. Und Lavorel, der sich aus seiner Tätigkeit in der Abteilung für Wirtschaftsdelikte eine Vorliebe fürs Aktenstudium bewahrt hat, betrachtet seinen Beruf als eine Form der Rache: Er will, soweit er es kann, die Ungerechtigkeit der Justiz wettmachen, die die Mächtigen verschont und die Schwachen zermalmt, und es den Reichen heimzahlen. Die beiden anderen Inspektoren, Amelot und Berry, sind zwei junge Burschen in ihrer ersten Anstellung. Nach Abschlüssen in Geschichte und Politik haben sie, als sie keine Arbeit fanden, diverse Auswahlverfahren für den öffentlichen Dienst durchlaufen und landeten irgendwann bei der Polizei, ohne bisher den Unterschied zwischen ihrem Beruf und dem des Postbeamten so recht verstanden zu haben. Daquin nennt sie die Chorknaben.

Daquin macht Espresso, alle setzen sich. Er berichtet kurz von seiner Nacht im Kommissariat des 16. und der Sitzung mit dem neuen Chef des Drogendezernats.

»Wir werden also etwas Zeit darauf verwenden, uns im Rennstall Meirens diesen Senanche anzusehen. Vielleicht ist er ein Gelegenheitsdealer, der sich seinen Stoff in Holland besorgt. Wenn dem so ist, kriegen wir das schnell raus. Teilt euch die Arbeit auf. Ich meinerseits werde mich bei verschiedenen Abteilungen umhören, ob es irgendwo laufende Ermittlungen gibt, die uns etwas angehen könnten. Erste Bilanz in einer Woche hier.«

Donnerstag, 7. September 1989

Daquin braucht eine Weile, bis er zwischen Banlieues und Autobahnzubringern die Einfahrt zum Reitzentrum von La Courneuve findet. Ein weitläufiges Gelände mit Ställen, Reithallen, Dressurplätzen und ein paar Bäumen, begrenzt durch eine Autobahn, Sozialwohnungsblöcke und einen Landschaftspark. Ein kurioses Gefühl, fern der Natur im Grünen zu sein. Daquin parkt den Dienstwagen vor einem flachen Holzbau mit sechs Boxen, vor denen ein Mann in blauem Arbeitsoverall mit einem Braunen beschäftigt ist. Daquin bleibt im Wagen, beobachtet ihn. Seine Handgriffe sind präzise, er hat sie vermutlich hunderte Male exakt so ausgeführt. Das Pferd macht mit, lebhaftes Ohrenspiel, es antizipiert jede Bewegung des Mannes und hat Spaß an der Sache. Die beiden haben sichtlich einen Draht zueinander, sie arbeiten ruhig und vertrauensvoll, wie ein Paar. Nicht ganz wie das Arbeitsklima im Drogendezernat. Diese Partie ist noch nicht gewonnen. Der Mann scheint zu wissen, dass er beobachtet wird, schert sich jedoch nicht darum. Ohne Eile beendet er die Pflege des Pferdes und führt es in seine Box. Daquin steigt aus dem Wagen.

»Le Dem? Ich bin Commissaire Daquin.«

Ein mittelgroßer junger Mann, kantiges Gesicht, brauner Bürstenschnitt, hellblaue Augen, träger Blick.

Sie setzen sich an die Bar des Reitzentrums, die um diese Zeit trostlos und leer ist, vor sich zwei Tassen lauwarmen löslichen Kaffee mit Milch.

Ihn aus der Deckung zwingen, damit ich nicht im Blindflug unterwegs bin. Ihm sagen, was er ohnehin weiß, und dann je nach Stand der Dinge weitersehen.

»Ich bin mit Einverständnis Ihrer Vorgesetzten hier, weil ich Ihnen vorschlagen möchte, einer Versetzung in mein Team beim Drogendezernat zuzustimmen, nur für die Dauer einer vermutlich kurzen Ermittlung im Pferdesportmilieu und mit Aussicht auf Beförderung.«

»Kann ich Nein sagen?«

Daquin entscheidet sich für ein Lächeln. »So pauschal? Kein bisschen neugierig?«

»Weil ich meine Arbeit hier liebe. Ich lebe mit meinem Pferd, ich patrouilliere mit ihm durch den Park. Ich gewährleiste die Sicherheit der Spaziergänger, ich komme ihnen wenn nötig zu Hilfe und betreibe mehr Prävention als Verbrechensbekämpfung. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu den Kindern in der Umgebung, ich vermittle ihnen ein besseres Bild von der Polizei, nämlich das einer staatlichen Institution, die ohne Gewalt auskommt, und das ist genau mein Ding. Drogenfahndung heißt Krieg. Und Krieg führen könnte ich nicht.«

Ein Marsmensch in einer Sozialbausiedlung. Und an den muss ich geraten.

»Würde diese Versetzung Ihnen Probleme machen, was beispielsweise die Organisation Ihres Familienlebens betrifft?«

»Nein, das ist es nicht, ich bin alleinstehend.« Ohne erkennbare Gefühlsregung.

Daquin betrachtet die Tasse, die er zwischen den Fingern dreht. »Ich werde Ihnen nicht erzählen, wir seien eine gewaltfreie Truppe. Und ich verstehe gut, dass Sie eine andere Auffassung von staatlichen Institutionen haben als wir. Doch wenn Sie Ja sagen, erwirke ich am Ende dieser Ermittlung Ihre Versetzung in die Bretagne, in die Gegend, wo Sie herstammen.« Blick aus dem Fenster. An der Boxentür horcht der Braune mit gehobenem Kopf und gespitzten Ohren auf das Brausen der Autobahn. »Und mache mich dafür stark, dass Sie das Pferd mitnehmen können, mit dem Sie derzeit arbeiten.«

Wimpernzucken. Treffer.

»Das könnten Sie?«

»Großes Kommissarsehrenwort.«

Lächeln. »Ich sag Ja.«

Montag, 11. September 1989

»Meine Herren, ich darf Ihnen unseren neuen Kollegen vorstellen. Er ist ein Berittener, wie man wohl sagt. Er wird unser Experte sein. Er kommt von einer Einsatzstaffel der Schutzpolizei in La Courneuve«, Blick zu Lavorel und Romero, wie erwartet ist er ihnen gleich sympathisch, »und wird in eurem Team mitarbeiten.« Dann wendet er sich an Le Dem. »Zwei Dinge: In meinem Büro wird nicht geraucht. Und niemand trägt seine Dienstwaffe. Sie können sie ins Büro nebenan oder in den Schrank legen und beim Gehen wieder an sich nehmen. Und jetzt Kaffee für alle und an die Arbeit.«

Romero geht zur Espressomaschine. »Wenn du dich beim Chef anbiedern willst, solltest du deinen Kaffee stark und schwarz und ohne Zucker mögen.«

Le Dem lächelt. »Ich mag ihn dünn und sehr süß. Sei’s drum.«

Alle setzen sich, und Romero erstattet Bericht darüber, was das Team bislang unternommen hat. Daquin macht sich an seinem Schreibtisch Notizen.

»Wir haben Meirens problemlos gefunden und Senanche identifiziert und auch einiges über den Verteilerring in Erfahrung gebracht. Morgens verkauft Senanche Drogen an Jugendliche, die die Pferde zum Training reiten, vermutlich Freunde von Olivier Deluc. Den haben wir dort nicht mehr gesehen. Vorgehensweise: Sie kommen mit dem Wagen, parken vor den Stallungen und geben Senanche den Schlüssel. Während sie mit den Pferden zu tun haben, legt Senanche das Kokain ins Handschuhfach und nimmt sich das Geld. Das Ganze ist gut eingespielt. Die Wagen sind auf die Eltern zugelassen. Als da wären Jambet und Wilson, beide hohe Führungskräfte, der eine bei Parillaud, der andere bei EDF, und Duran, venezolanischer Diplomat. Wir haben auch die Liste der Besitzer für Sie aufgetrieben, die ihre Pferde bei Meirens im Training haben, sie liegt in der Akte.

Zweiter Verteilerring: das Café in der Nähe, wo Senanche mehrmals täglich hingeht und von wo aus er sämtliche Telefonate erledigt. Wir lassen den Anschluss seit drei Tagen abhören. Ich habe Ihnen die interessantesten Gespräche auf Kassette überspielt, ist auch in der Akte. Sie werden sehen, dass Senanche viele Anrufe erhält und tätigt, bei denen es eindeutig um Verkäufe geht, die Kunden sind alles Männer, nur eine Frauenstimme. Die gehandelte Drogenmenge scheint größer zu sein als die am Morgen. Lieferorte sind offenbar die Rennbahnen. Senanche hat den Rennstall Meirens aber nie verlassen. Was den Lieferanten angeht …«

»Nicht so schnell. Bleiben wir noch kurz bei den Konsumenten. Die scheinen zunächst mal stark aufs Rennbahnmilieu konzentriert?«

»Ja.«

»Amelot und Berry, Sie graben da ein bisschen weiter. Leichter Job. Wenn Sie die Abhörbänder mit den Rennprogrammen abgleichen, sollte eine Liste der mutmaßlichen Konsumenten dabei herauskommen.«

Lavorel zieht ein Gesicht. »Warum beißen Sie sich an den Jockeys oder am Stallpersonal fest? Das ist nicht Ihr Stil.«

»Tun Sie nicht naiver, als Sie sind. Die reichen Sprösslinge behalten wir für uns, man weiß nie, wofür es gut ist. Sollten wir die Hilfe anderer Dienste benötigen, um tiefer in die Drogenringe vorzudringen, müssen wir den Kollegen im Gegenzug etwas anbieten, und dann liefern wir ihnen die Jockeys. Ich will außerdem nähere Informationen über Jambet, Wilson, Duran und wenn möglich über die Pferdebesitzer. Und Amelot und Berry prüfen für alle Fälle auch, ob es Berührungspunkte mit der Akte Paola Jimenez gibt. Können wir dann zum Lieferanten übergehen? … Schießen Sie los, Romero.«

»Viel haben wir nicht. Für einen Gelegenheitsdealer verkauft Senanche zu viel. Er wohnt auf dem Gelände und verlässt den Rennstall nur, um ins Café zu gehen. Im Café haben wir ihn aus nächster Nähe überwacht, es ist praktisch ausgeschlossen, dass er sich dort eindeckt. Was uns zurück zum Rennstall bringt. Die Drogen werden offenbar dorthin geliefert.«

Daquin wendet sich an Le Dem. »Wer kann regelmäßig einen Reitstall betreten, ohne Verdacht zu erregen?«

»Abgesehen von den Stallburschen, dem Stallmeister und dem Trainer morgens die Jockeys, ein paar Amateurreiter, die Besitzer, Fachjournalisten. Im Laufe des Tages die Leute, die Pferdefutter und Stroh liefern und den Stallmist abholen. Die Veterinäre, die Hufschmiede. Und die Fahrer der Transporter, die die Pferde zu den Rennplätzen bringen. Bestimmt habe ich welche vergessen.«

»Das sind eine Menge Leute.« Einen Moment nachdenken. Daquin geht zur Espressomaschine und schaltet sie ein. »Ich mache mich auf zum Chef und sage ihm, dass wir einen Ansatzpunkt haben und weitersuchen. Um gerichtliche Schritte einzuleiten, ist es noch viel zu früh. Für Sie, Romero, Lavorel und Le Dem, ändert das nichts, Sie machen mir den Lieferanten ausfindig. Wer will Kaffee?«

Freitag, 15. September 1989

Aus ihrem Versteck am Waldrand beobachten Le Dem und Romero den Hufschmied, der eben in seinem weißen Kastenwagen vorgefahren ist. Le Dem folgt ihm mit dem Fernglas, Romero macht sich auf einem kleinen Block Notizen.

14 Uhr. Der Kastenwagen hält neben der Schmiede in der rechten Ecke des Hofs. Der Hufschmied steigt aus, sein Gehilfe begleitet ihn. Etwa fünfunddreißig, Unterhemd und Arbeitshose, imposante Erscheinung, um die eins achtzig, sehr kräftige Schultern und Arme und ein kompakter Bauch. Braungebrannt. Schwarzes Haar. Schnauzer. Der Gehilfe ist vierzehn oder fünfzehn, ein junger Bursche. Der Stallmeister begrüßt den Hufschmied. Sie unterhalten sich, kein Körperkontakt, der Stallmeister geht wieder. Der Hufschmied öffnet die Hecktür des Kastenwagens, holt seine Ausrüstung heraus, Amboss, Schmiedeofen, Werkzeugtasche. Legt seine Lederschürze an. Die Hecktür bleibt offen, der Hufeisenvorrat ist sichtbar. Keine besonderen Vorkommnisse. Der Gehilfe verschwindet mit ein paar Halftern. Kehrt mit zwei Pferden zurück, bindet sie in der Schmiede an.

14 Uhr 15. Die beiden Männer sind bei der Arbeit. Le Dem schaut unverwandt durchs Fernglas und beschreibt jeden einzelnen Arbeitschritt, Romero hört mit halbem Ohr zu und macht sich Notizen. Die Arbeit geht noch zwei Stunden weiter, ohne dass sich jemand der Schmiede nähert.

Le Dem kommentiert: »Echte Profis, schnell, effizient, guter Draht zu den Pferden. Das können unmöglich die Lieferanten sein.«

Romero muss schmunzeln.

16 Uhr 15. Senanche auf dem Weg zur Schmiede.

»Sieh genau hin.«

»Er bringt ein paar Flaschen Bier. Stellt sie auf den Amboss. Und verschwindet wieder. Keinerlei Kontakt. Der Schmied und sein Gehilfe machen Pause, trinken das Bier. Ein Stallbursche kommt dazu. Spricht mit dem Schmied. Geht wieder. Kommt mit einem Pferd zurück. Der Schmied sieht sich das Pferd im Schritt an, dann im Trab, untersucht seine Füße. Schmied und Stallbursche reden miteinander. Der Stallbursche bringt das Pferd wieder weg.« Le Dem dreht sich zu Romero um. »Das ist normal, der Stallbursche fragt den Schmied um Rat, das beweist, dass man ihn schätzt.«

16 Uhr 30. Der Schmied sammelt die Bierflaschen ein, geht zum Kastenwagen, öffnet die rechte Vordertür. Legt die Flaschen hinein. Nimmt einen Lappen? Ein Handtuch? Wischt sich Stirn und Nacken ab, legt es zurück.

16 Uhr 35. Er macht sich wieder ans Beschlagen. Auch der Gehilfe setzt seine Arbeit fort.

»16 Uhr 45. Senanche kommt zurück. Er geht um den Kastenwagen herum. Die Vordertür steht noch offen. Er beugt sich hinein. Was er im Wagen macht, kann ich nicht sehen. Er richtet sich wieder auf und geht. In den Händen hat er die leeren Flaschen, sonst nichts. Der Schmied ist immer noch am Arbeiten.«

»Okay, die Lieferung ist erfolgt.« Le Dem ist skeptisch. »Wir machen weiter, deswegen sind wir hier. Aber ich sage dir, wir haben eben die Lieferung miterlebt. Und das war nicht die erste. Der Schmied ist auch auf dem Gebiet ein echter Profi.«

Le Dem beobachtet weiter, wie die Pferde kommen und gehen, und Romero schreibt ohne große Überzeugung von Zeit zu Zeit etwas auf.

17 Uhr 20. Ein unbekannter Jugendlicher um die zwanzig taucht bei der Schmiede auf.

Romero blickt von seinem Block auf. »Sieht seltsam aus, der Junge. Gib mir das Fernglas. Und schreib mit. Der Schmied bearbeitet ein Hufeisen. Sie reden. Achtung, der Schmied hat sich aufgerichtet. Er packt den Jungen am Hemd, hebt ihn mit einer Hand hoch. Das gibt’s doch nicht … Er hat seine Zange genommen … Scheiße!«

Vom Hof des Rennstalls erschallt ein Schrei.

»Der Schmied hat dem Jungen ein heißes Eisen in den Oberschenkel gebrannt! Der Junge liegt am Boden. Der Schmied tritt ihn, damit er aufsteht.«

»Hin, Romero!«

»Keine Panik. Der Junge kriecht auf allen vieren weg, er steht auf, er haut ab. Schreibst du noch mit?« Er blickt auf seine Uhr. »Es ist 17 Uhr 24.« Sieht wieder durchs Fernglas. »Nirgends rührt sich was. Grauenhafter Typ.«

»Hin jetzt!«

»Warte kurz. Der Junge flüchtet stark hinkend zur Straße, Richtung Chantilly. Jetzt können wir. Aber nicht zum Rennstall. Du holst unauffällig den Wagen und wir treffen uns auf der Straße.«

Dann rennt Romero los, zwischen den Bäumen durch, um den Jungen einzuholen. Er bleibt zunächst auf der anderen Straßenseite und wartet, dass Le Dem auftaucht. Als der Wagen in Sicht ist, überquert er die Straße, schließt zu dem schluchzend dahinhumpelnden Jungen auf, greift seinen Arm, öffnet die hintere Wagentür, schiebt ihn hinein und setzt sich neben ihn.

»Los, Le Dem, fahr, wohin du willst, aber fahr. Und kurbel deine Scheibe hoch.«

»Was wollen Sie von mir, lassen Sie mich, Sie haben kein Recht … Halten Sie an, ich will aussteigen.« Von Schluchzern unterbrochen.

Romero sieht ihn an und schnuppert an ihm. In seinem Schockzustand riecht er säuerlich nach Entzug. Der Moment ist günstig. »Polizei. Sag mir, worüber du mit dem Schmied geredet hast.«

»Das ist meine Sache. Lassen Sie mich raus.«

Romero legt ihm die Hand auf den Oberschenkel mit der gelb-braun geriffelten Wunde, die Blasen bildet und in deren Fleisch verkohlte Stofffetzen eingebrannt sind. Die aber offenbar nicht besonders tief ist. Der Schmied ist maßvoll brutal.

»Ich frage nochmals: Worüber hast du mit dem Schmied geredet?«

Er drückt den Schenkel. Der Junge heult auf. Le Dem gerät ins Schleudern. Romero funkelt ihn drohend im Rückspiegel an und wendet sich wieder dem Jungen zu.

»Ich weiß, dass du an der Nadel hängst, und das ist mir scheißegal. Ich will den Schmied.« Er legt ihm erneut die Hand auf den Oberschenkel. »Soll ich noch mal?«

»Nein!« Das schreit er.

»Na los«, Hand noch auf dem Schenkel, »raus damit.«

»Ich wollte, dass er mir Schnee zum Dealen gibt.«

»Und warum hat er abgelehnt?«

»Ich schulde ihm Geld.« Der Junge schluchzt laut. »Ich wollte finanziell wieder auf die Füße kommen …«

»Er hat dich verbrannt, als du ihm gestanden hast, dass du die Kohle nicht hast.«

Kaum hörbar: »Ja.«

»Du hast sie für Heroin ausgegeben. Und jetzt bist du voll auf Entzug. Du sagst mir, wem du das Koks weiterverkaufen wolltest, und ich geb dir deine Dosis, gleich hier im Auto.«

Leichter Druck auf den Schenkel. Stöhnen. Der Junge ist schweißgebadet.

»Morgen Abend findet hier in Chantilly eine Party statt, bei Massillon, dem Jockey, und auf diesen Partys wird man immer was los.«

Romero holt ein gefaltetes Papier aus der Innentasche seiner Jacke. »Fahr etwas langsamer«, sagt er zu Le Dem, der starr auf die Fahrbahn blickt.

Der Junge taucht hinter die Vordersitze ab, holt sein Besteck hervor. Er zittert am ganzen Leib. Romero faltet das Papier auseinander, hält den Löffel. Der Junge legt los, macht das Koks heiß, zieht es auf, sticht ein, pumpt, spritzt, atmet langsam und tief durch und lehnt sich mit geschlossenen Augen in die Polster der Rückbank.

Romero legt Le Dem die Hand auf die Schulter. »Jetzt zum Krankenhaus, aber nicht zu schnell, damit der Stoff erst mal wirkt. Die Brandwunde muss versorgt werden.«

»Ich will da nicht hin.«

»Wie heißt du?«

»Man nennt mich Blascos.«

»Du gehst dahin, Blascos, du musst verarztet werden, das kann sich infizieren. Du wirst keinen Ärger kriegen. Darum kümmere ich mich.«

Als sie bei der Notaufnahme ankommen, hilft Romero dem Jungen beim Aussteigen. Hält ihn einen Moment am Arm fest und sagt leise: »Ich werde morgen Abend um zehn auf der Party sein. Du wirst auch kommen und mich deinen Freunden vorstellen. Und ich sorge dafür, dass du was zum Verkaufen hast. Einverstanden?«

Er nickt.

»Ich will’s hören.«

»Ich bin einverstanden.«

»Du weißt, was du riskierst, wenn du mich hängenlässt?«

»Ja.«

»Jetzt geh.«

Samstag, 16. September 1989

Le Dem wollte nicht mit. Romero hat nicht insistiert. So steht er jetzt mit Lavorel vor Massillons Villa auf der Straße und wartet. Beide haben ein kleines Aufnahmegerät am Gürtel versteckt. Romero trägt ein geblümtes Sommerhemd, Lavorel ein weißes Hemd und einen leichten Blazer. Ein paar Autos fahren langsam durch das weit geöffnete Tor und parken im Garten. Zwei Porsche, ein gelber Ferrari. Und dann alle möglichen Durchschnittswagen. Lavorel schlendert unauffällig in den Garten und notiert die Kennzeichen.

Kurz vor zehn erscheint Blascos, zu Fuß, proper, schick in Schale. Er hinkt noch leicht, scheint aber in besserer Verfassung zu sein. Romero reicht ihm einen Umschlag, den er mit einem Papiertaschentuch umfasst hält. »Da drin ist ein bisschen Koks für dich. Gute Qualität. Du kannst es verkaufen oder etwas strecken. An die Arbeit.«

Romero pfeift, Lavorel kommt zu ihnen herüber. Zu dritt betreten sie die große Villa aus dem 19. Jahrhundert, an der Frontseite ein überdachter breiter Treppenaufgang, offenstehende Türen, Entree, links ein im Moment noch leerer Salon, rechts das Esszimmer, in dem sich etwa vierzig Personen, junge Frauen und Männer, mit Gläsern in der Hand bei ohrenbetäubendem House unterhalten. Hinten im Raum ein ausladendes Buffet. Blascos grüßt alle und jeden. Lavorel bemerkt sechs Männer, klein, drahtig, lebhaft, sehr gepflegt, Maßanzüge, Luxustreter, Armbänder mit Namensgravur und Halsketten aus Gold. Bestimmt die Jockeys. Ganz anders als die übrigen Gäste, reiche Sprösslinge wie Deluc und junge Leute mit deutlich bescheidenerem Einkommen, mehr oder weniger so wie Blascos. Ein Dutzend richtig schöne Mädchen. Romero spürt leise Erregung. Und noch ein paar andere, Mittelmaß.

Blascos nimmt Romero am Arm. Lavorel folgt ihnen.

»Massillon, ich habe dir zwei sehr gute Freunde mitgebracht …«

»Hocherfreut. Wir rücken ein Stück zusammen.«

Er drückt ihnen die Hand. Dann wenden sich alle der großen Bowleschale auf dem Buffet zu. Dafür, dass der Abend erst anfängt, reden alle schon sehr laut. Lavorel wandert zwischen den Gruppen umher und spitzt die Ohren. Es geht um Engagements, Trainer, Prämien, Wetten oder Bettgeschichten. Lavorel kapiert nicht alles und fürchtet, umsonst an einen Ort gekommen zu sein, an dem er sich langweilt. Von Zeit zu Zeit wirft er einen Blick zu Romero. Er sieht ihn ein Glas trinken, noch eins, und fängt an sich Sorgen zu machen. Das Buffet ist eröffnet. Auf einem Heizkörper vorm Fenster sitzt Romero mit dem Glas in der Hand neben einer Wasserstoffblonden mit sehr üppigen Brüsten und Lippen. Sie schlingt einen Arm um seinen Hals. Als die Blonde sich zum Buffet aufmacht, schiebt sich Lavorel an Romero heran und raunt ihm zu: »Sei bitte vorsichtig.«

»Einer Blondine kann ich einfach nicht widerstehen.«

»Deine erste Frau war rothaarig, die zweite dunkelbrünett, und die hier ist nicht mal naturblond.«

»Echte Blondinen gibt’s nicht mehr, Alter, hast du das noch nicht mitgekriegt? Luftverschmutzung, Atomkraft …«

Die Blonde ist mit zwei Tellern im Anmarsch. Einer Eingebung folgend beugt sich Lavorel über Romero, rupft ihm das Aufnahmegerät vom Gürtel und lässt es in seiner Tasche verschwinden. Schadensbegrenzung.

In dem Moment, es ist schon fast Mitternacht, hält ein neuer Gast lächelnd Einzug und ist sofort dicht umringt. Er küsst ein paar Mädchen und zieht ein hübsches Lackdöschen aus der Hosentasche. Lang anhaltender Applaus, dann macht das Döschen die Runde. Lavorel ist wachsam. Jeder nimmt eine Prise weißes Pulver und schnupft. Der Gesprächston wird noch eine Stufe lauter. Lavorel bedient sich und lässt das Pulver unauffällig auf den Boden rieseln. Romero dagegen sieht ihm mit breitem Lächeln fest in die Augen und zieht seine Prise durch die Nase. Jetzt ist das Desaster nicht mehr aufzuhalten.

Zwei Mädchen springen auf den Buffettisch und fangen an zu tanzen, verrenken sich, wie im Wahn … Sie tanzen gut. Alle applaudieren, das Döschen macht immer schneller die Runde. Die Blonde hat ihre Hand in Romeros Schritt gelegt, ihre Finger bewegen sich rhythmisch zum Tanz. Als sie die erwartete Reaktion eintreten fühlt, springt sie spontan ebenfalls aufs Buffet und beginnt zwischen den beiden Tänzerinnen zu strippen, die ihrerseits noch mal alles geben. Die Gäste kreischen vor Vergnügen. Jetzt ist sie beim BH … Romero reißt sich das Hemd vom Leib (Lavorel tastet nervös nach dem Abhörgerät in seiner Tasche), trommelt sich auf die Brust, stößt einen Tarzanschrei aus und steigt auf den Tisch.

Blascos steht mit großen Augen neben Lavorel und imitiert halblaut Zézette in Da graust sich ja der Weihnachtsmann: »Bravo la police, bravo la police.«

Tarzan-Romero greift sich die Blondine, die endlich auch ihren BH losgeworden ist, will sich zu Boden schwingen, verfehlt jedoch die Liane, fällt schwer auf die Tischplatte, zerbricht ein paar Teller und ein, zwei Flaschen und zieht sich einen tiefen Schnitt in der linken Pobacke zu. Blut quillt hervor.

Lavorel fasst Blascos an der Schulter. »Hilf mir.«

Sie haken Romero von beiden Seiten unter, schleppen ihn auf die Straße zum Wagen, legen ihn bäuchlings auf die Rückbank. Ab ins Krankenhaus. Blascos kriegt sich nicht wieder ein.

»So habe ich seit Jahren nicht mehr gelacht. Kommt wieder, Jungs. Jederzeit.«

Als Romero verarztet und ins Taxi nach Hause verfrachtet ist, kehren Blascos und Lavorel auf die Party zurück, wo die Stimmung unvermindert aufgeputscht ist.

»Sag mal, wer ist der Kerl, der so großzügig Koks verteilt?«

»Ein Freund von Massillon. Er heißt Nicolas Berger, mehr weiß ich nicht über ihn.«

Blascos wartet auf das Ende der Nacht, um den Partygästen, die vor dem Heimweg noch volltanken wollen, etwas zu verkaufen. Und Lavorel wartet auf Nicolas Berger, um mehr über ihn in Erfahrung zu bringen.

Sonntag, 17. September 1989

Gegen sieben Uhr früh kommt Nicolas Berger offenbar topfit aus Massillons Villa. Lavorel, nicht mehr ganz so frisch, hängt sich an ihn dran. Nach rund dreißig Kilometern nähern sie sich einem eindrucksvollen großen Gehöft in der Île-de-France, ein reiner Steinbau mit Resten einer alten Befestigungsmauer. Vor dem Gehöft auf einer Wiese LKWs mit heruntergeklappter Rampe, und wo man hinsieht Pferde: an die LKWs gebunden, am Halfter geführt oder geritten von jungen Leuten in Jeans oder von Reitern in weißen Hosen, schwarzen Stiefeln und schwarzen oder roten taillierten Jacken.

Berger fährt mitten durch das wirre Treiben langsam über die Wiese, Lavorel bemüht sich zu folgen, ohne dass ihm jemand unter die Räder kommt. Schließlich hält er neben einem großen grün-weißen LKW, Lavorel fährt ein Stück weiter und parkt nach zwanzig Metern unter einem Baum. Berger steigt zum Fahrer in die Kabine. Nachdem er sich umgezogen hat, führt er ein Pferd aus dem LKW, steigt auf, reitet um das Gehöft herum und ist nicht mehr zu sehen.

Lavorel geht vorsichtig zu Fuß über die Wiese. Überall geschäftige Leute, jeder kennt jeden, redet mit jedem. Fröhliche Wiedersehensstimmung in starkem Pferdegeruch. Lavorel in seinem nicht mehr ganz sauberen Blazer und den eleganten Schuhen fühlt sich grandios fehl am Platz.

Hinter dem Gehöft ein weitläufiges, weiß umzäuntes Wiesengelände, leuchtend bunte Hindernisse, überall Blumenbeete. An einer der Längsseiten ist auf einem Erdwall eine Publikumstribüne eingerichtet. Und an einer der Breitseiten beherbergt ein weißes Zelt einen Getränkeausschank. Wirkt erst mal einladend. Lavorel setzt sich an die Bar und trinkt drei Tassen lausigen Kaffee. Hinter ihm unterhält sich ein Trupp Reiter über Pferde und Geschäfte, man boxt sich in die Rippen und juxt herum, das Ganze bei einem Glas Rotwein. Lavorel sieht auf seine Uhr: Es ist neun. Das fängt ja gut an. Die ersten Turnierteilnehmer treffen auf dem Gelände ein. Lavorel wirft einen Blick nach draußen. Anfänglicher Eindruck: Alle Pferde und Reiter machen genau das Gleiche und die Stangen fallen nach dem Zufallsprinzip. Dann zweimal Pferd und Reiter in harmonischem Fluss, elegante Leichtigkeit, und die Stangen fallen nicht. Doch das Zusehen wird schnell langweilig.

Hinter Lavorel Gesprächsfetzen: Wer ist das entzückende Mädchen, mit dem du hier bist? Stellst du mich ihr vor? Jetzt red keinen Scheiß, du erkennst sie nicht? Du hast gestern Abend mit ihr geschlafen … Ich war besoffen … Und jetzt bist du’s nicht mehr? … Doch, natürlich! In fünf Minuten reite ich. Er hebt das Glas in Richtung seiner Freunde. Ihr kennt doch den Spruch: Guter Reiter, voller Reiter.

Was tue ich eigentlich hier mitten in der Pampa zwischen all diesen Bauerntölpeln? Lavorel steht auf, schlendert übers Gelände. Auf einem etwas abgelegenen Wiesenstück entdeckt er einen sehr konzentriert wirkenden Nicolas Berger in schnellem Galopp auf seinem Pferd. Und das nach einer ziemlich wilden durchgemachten Nacht – der Typ hat Reserven … Bulleninstinkt: Hier ist nichts zu holen. Es riecht nicht nach Koks. Nach Wein, das ja, aber nicht nach Koks. Lieber den LKW im Auge behalten. Lavorel geht zurück zum Parkplatz, setzt sich in den schattigen Wagen, es wird immer wärmer, und er schläft ein.

Gewaltige Explosion. Lavorel fährt aus dem Schlaf und blickt verdattert auf Bergers Wagen, der sich in eine Fackel verwandelt hat, in eine einzige meterhohe orange-gelbe Flamme. Über den Parkplatz rennen in Panik geratene Pferde, Menschen schreien. Direkt neben dem Inferno, in einer tragischen Kapsel aus Erstarrung und Stille, verblutet ein an den grünweißen LKW gebundenes Pferd, das Vorderbein abgerissen, der Kopf gesenkt, das Blut spritzt stoßweise aus ihm heraus, dann bricht es im Zeitlupentempo zusammen. Ein für die Veranstaltung bereitgestellter Rettungswagen nähert sich. Der geschockte Lavorel steigt mühsam aus, geht zu Bergers Auto, sieht hin, zwei brennende Gestalten.

Montag, 18. September 1989

Fast jeden Morgen geht Daquin zu Fuß von der Avenue Jean-Moulin zum Quai des Orfèvres, bei flottem Tempo ein knappes Stündchen Weg durch Montparnasse und über den Boulevard Saint-Michel. Aber heute ist es frisch und schön, und er verspürt keine Eile. Umweg über die Rue Mouffetard, um in einer Rösterei ein Kilo brasilianischen Kaffee zu kaufen, ein Experiment. Dann weiter über die Place Maubert und durch ein Labyrinth von schmalen Straßen bis zum Seineufer. Er bleibt stehen, lehnt sich auf die Brüstung. Er empfindet immer das gleiche Glück über den endlos weiten Himmel im Herzen der Stadt, heute blassblau, und um ihn herum alle Schattierungen von Grau. Grüngrau die Seine, gelbgrau die Ufersteine und Brückenbögen, weißgrau die von einer finsterkompakten Baumgruppe gestützte Kathedrale, unübersehbar, wuchtig. Daquin atmet zwei, drei Mal tief durch und steigt hoch in sein Büro, wo seine Inspektoren auf ihn warten.

Lavorel putzt mechanisch seine Brille und blinzelt. Romero hockt mit einer Pobacke steif auf der Stuhlkante. Die drei anderen stehen und versuchen mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Daquin mustert sie einen Moment, setzt sich auf seinen Schreibtischstuhl und macht sich aufs Schlimmste gefasst.

»Na los, ich höre.«

Romero beginnt. »Wir haben den Lieferanten identifiziert. Es handelt sich um einen gewissen Dimitri Rouma, Hufschmied, ein Zigeuner, wohnhaft in Vallangoujard im Département Val-d’Oise.«

Überrascht. »Glückwunsch.«

»Lavorel und ich waren Samstagabend auf einer äußerst schneereichen Party bei einem Jockey namens Massillon in Chantilly. Mehrere Kunden von Senanche, andere, die wir nicht kannten, deren Autokennzeichen wir notiert haben, und ein gewisser Nicolas Berger, der an alle Welt Koks verteilt hat.«

»Auch das hervorragend. Weiter?«

Lavorel übernimmt: »Nach der Party bin ich Berger bis zu einem Reitturnier gefolgt, an dem er teilnahm. Und dort wurde er ermordet. Sein Wagen wurde zwanzig Meter von mir entfernt mit einer Autobombe in die Luft gesprengt. Er war sofort tot, ebenso einer seiner Freunde, der neben ihm saß, ein gewisser Moulin. Und gesehen habe ich nichts, ich habe geschlafen.«

»Da haben wir’s.« Mit gespielter Naivität: »Waren Sie allein? Wo waren Sie, Romero?«

So würdevoll er kann: »Ich habe mich auf der Party verletzt, als ich mich auf einen Teller gesetzt habe, da bin ich nach Hause gefahren.«

»Machen Sie sich keinen Kopf, Romero. Jeder setzt sich mal auf einen Teller, das passiert viel häufiger, als man denkt. Berry, Sie sind dran mit Kaffeemachen, wir probieren den hier«, er reicht ihm das Päckchen, »geben Sie sich Mühe, das ist eine Ehre und ein Aufstieg. Und denken Sie dran, für Le Dem dünn. Und danach an die Arbeit.« Daquin lächelt. »Jetzt geht’s endlich zur Sache.«

Hörbares Aufatmen.

Als es weitergeht, alle sitzen, Notizbuch in der Hand, schildert Lavorel den Schauplatz der Explosion, zwei Tote im Auto, das Eintreffen der Gendarmerie, die die Ermittlungen aufgenommen hat, Identifizierung der Opfer, Indizien, Begutachtung durch Sachverständige, Zeugenaussagen.

»Ich habe mich dem Capitaine vorgestellt und ihm erklärt, warum ich dort war. Er erwartet, dass Sie sich mit ihm in Verbindung setzen.«

»Haben Sie ihm von der Party bei Massillon erzählt?«

»Nein, ich dachte, das behalten wir lieber für uns.«

»Das haben Sie gut gemacht.«

Daquin malt Kringel auf ein weißes Blatt, während er nachdenkt. »Sie haben zwei Stunden, um mir möglichst wahrheitsgetreue und detaillierte Berichte über das Ausfindigmachen von Rouma, Massillons Party und Senanches Kundenkreis zu schreiben. Sie, Le Dem, kommen solange mit mir, ich will Massillon einen Besuch abstatten, bevor die Gendarmen es tun. Wenn ich zurück bin, frisiere ich Ihre Berichte für den Direktor und leite sie weiter, dann nehme ich Kontakt zur Gendarmerie und zum Staatsanwalt auf. Ich bin auf die Möglichkeit aus, im Mordfall Berger mit der Gendarmerie zusammenzuarbeiten und ihnen als Gegenleistung Senanches Kundenkreis anzudrehen. Die werden dankbar sein, und wir wären frei für Wichtigeres. Natürlich nur, wenn wir diskret vorgehen, denn in diesem Haus verzeiht man vieles, nicht aber eine Zusammenarbeit mit den Gendarmen.

Danach werden Amelot und Berry ihre Arbeit fortsetzen und dadurch ergänzen, dass sie sämtliche Listen, die neuen Autokennzeichen und die abgehörten Telefonate miteinander abgleichen. Lavorel und Le Dem, Sie übernehmen Rouma. Statten Sie zuerst den Gendarmen von Vallangoujard einen Besuch ab. Ich werde sie inzwischen informieren. Ich bin sicher, es gibt bereits eine Akte über ihn. Ein Zigeuner-Hufschmied bleibt in einem verschlafenen Nest im Val-d’Oise nicht unbemerkt. Und Romero und ich übernehmen den Mord an Nicolas Berger.«

Massillons Villa wirkt verlassen, die Haustür ist geschlossen, die Fenster sind geöffnet, aber im Garten, dessen Tor noch offen steht, parkt ein Porsche. Daquin klettert anscheinend mühelos einen schmiedeeisernen Balkon hoch und steigt über die Brüstung. Le Dem zögert eine Sekunde, folgt ihm dann.

Das Hochparterre ist menschenleer, das Chaos unbeschreiblich. Daquin verharrt einen Moment, schaut, horcht. Offenbar wurde hier seit Partyende gestern Morgen nichts angerührt. Und das riecht nach Katastrophe. Daquin gibt Le Dem ein Zeichen und eilt zur Treppe in den ersten Stock. Dort stehen die Türen offen. Alle Zimmer leer bis auf eins. An den Wänden hellblaue Textiltapete, angrenzend ein rosaweißes Bad, praktisch keine Möbel, ein breites Bett, zerwühlte Laken aus marmorierter Seide, und quer darauf ein auf dem Bauch schlafender nackter junger Mann, der muskulöse Körper wie gemeißelt und von jugendlicher Zartheit. Daquin verharrt kurz, unbehaglich. Auf dem geknüpften Bettvorleger schläft ein sehr junges Mädchen, auch sie nackt. Die Hand des Jungen ruht auf ihrem Po, ihre Handgelenke sind mit einer goldenen Panzerkette an den Bettpfosten gebunden, wobei ein elegantes Vorhängeschloss mit verschlungenen Initialen als Schließe dient. Ein Schmuckstück, das sie bei anderer Gelegenheit um den Hals tragen dürfte. Ein paar mit dunklen Punkten durchsetzte rote Striemen auf unterem Rücken, Gesäß, Oberschenkeln. Und am Kopfende des Bettes, neben einer leeren Magnumflasche Champagner, eine Jockeygerte, das ist schon eine gefährliche Waffe. Dem Anblick der Wundmale zufolge hat Massillon sie weniger schwungvoll eingesetzt als beim Zieleinlauf des Prix de l’Arc de Triomphe und sich an die Grenzen des guten Geschmacks gehalten.

Daquin verkneift sich das Lachen, Neigungen muss man respektieren, packt den Jungen unter den Armen, hebt ihn hoch, trägt ihn ins Bad und steckt seinen Kopf unter die Dusche. Das Mädchen ist aufgewacht, sie kauert mit aufgerissenen Augen am Bettpfosten und versucht sich mit einem Laken zu bedecken, gar nicht so einfach ohne Hände. Daquin trägt den klatschnassen Jungen mit ausgestreckten Armen zurück ins Zimmer und setzt ihn aufs Bett.

»Polizei. Ich muss dir ein paar Fragen stellen. Bist du wach genug, dass du begreifst, was ich sage?«

Er nickt zähneklappernd. Der nasse Fleck auf der Seide um ihn herum wird langsam größer.

»Dein Freund Berger wurde ermordet, nachdem er gestern hier weggefahren ist. Durch eine Autobombe. Er war sofort tot.«

Massillon ist geschockt, starrt ihn mit offenem Mund an. Daquin wendet sich an das Mädchen.

»Ist Ihr Gebieter immer so putzmunter, Mademoiselle?« Sie gibt einen kläglichen Laut von sich. »Le Dem, gehen Sie runter, treiben Sie zwei Gläser und irgendwas Alkoholisches auf, möglichst hochprozentig, anders kriegen wir sie wohl nicht wach.«

Kurze Zeit später ist endlich ein Gespräch möglich. Während Daquin sich auf der Etage umsieht, erklärt Le Dem dem allmählich trocknenden Massillon ruhig die Lage.

»Wenn Sie wegen Kokainhandel festgenommen werden und man Ihnen, was wahrscheinlich ist, mehr als drei Monate Gefängnis aufbrummt, verlieren Sie Ihre Jockeylizenz, und dann ist es vorbei mit Partys, Mädchen, Porsche. Dann heißt es zurück in den Stall. Das wird nicht leicht.«

Keiner denkt mehr an das Mädchen, das immer noch an den Bettpfosten gekettet ist.

Daquin kehrt von seiner Erkundungstour zurück. Nichts Interessantes entdeckt.

»Was wollen Sie?«, fragt Massillon.

»Den Namen deines Lieferanten.«

»Senanche. Er arbeitet bei Meirens.«

Der Jockey ist gefügig. Le Dem hatte es ihm gesagt, sie sind es gewohnt zu gehorchen. Den Besitzern, den Trainern, warum nicht den Bullen?

»Und der von Berger?«

»Nicolas hat sich auch ziemlich oft an ihn gewandt.«

»Gestern kam Berger mit einer hübschen Menge Kokain zu dir.« In Massillons Augen blitzt Panik auf. Woher wissen die das? Versucht sich an den Abend zu erinnern, aber es ist nichts mehr da. »Hat Senanche es ihm verkauft?«

»Nein, das glaube ich nicht. Das gestern war im Grunde eine Extraportion. Nicolas hat eine etwas unerwartete Einnahme gefeiert. Eine Firma hat ihm eine fette Provision gezahlt, um einen Werbeauftrag zu bekommen. Er hat Koks mitgebracht wie andere eine Flasche Champagner, verstehen Sie?«

»Tat er das oft?«

»Nein, das war das zweite Mal.«

»Und wo hat er sich seine Extraportionen besorgt?«

»Ich würde sagen, am ehesten bei seiner Arbeit. Eine große Versicherung, die PAMA, wo er für die Werbung zuständig ist.« Massillon hebt den Blick zu Daquin. »Komme ich aus der Sache raus?«

»Das ist nicht mehr meine Angelegenheit, ich überlasse dich den Gendarmen, gebe dir aber vierundzwanzig Stunden Vorsprung. Du kannst in aller Ruhe deine Freundin ins Ziel reiten, wenn dir danach ist, und dann solltest ein wenig Deckung suchen, denn du wirst in verdammte Turbulenzen geraten.«

Pulsuz fraqment bitdi.

17,12 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
23 dekabr 2023
Həcm:
271 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783867549769
Müəllif hüququ sahibi:
Автор
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar