Kitabı oxu: «Bella mia»
Donatella Di Pietrantonio
Bella mia
Roman
Aus dem Italienischen
von Maja Pflug
Verlag Antje Kunstmann
Für Piera und Anna Rita, für ihre Kinder
Einst war ich sehr leicht, ich wog wenige Kilo. Einst gab es nur drei oder vier Kilo von mir, nur wenige Kilo von mir, nur wenige Kilo trugen meinen Namen.
MARIANGELA GUALTIERI, Fuoco centrale
1
Den Wuschelkopf über den Teller gebeugt, sitzt er an seinem Platz, und der Dampf der Brühe weitet die Poren seiner Pickel, ringelt die langen, feinen Härchen, die in der Erwartung, ein Bart zu werden, noch planlos sprießen. Nach dem Geräusch des Bestecks zu urteilen, strengt er sich an, aber er isst zu wenig. Lange rührt er mit dem Löffel um und führt ihn dann halb leer zum Mund. Er weicht unseren Blicken aus, er weiß, dass wir ihm zuschauen und die Proteine zählen, die er zu sich nimmt, ebenso wie die, die er im Teller lässt.
Er kaut Schweigen.
Es gelingt mir nicht, ihn ganz zu lieben, diesen Jungen. Groß, mager, ein Körper mit abgebrochenen, nirgends runden Linien, und unter dem Knie wird die Zeichnung der Beine plötzlich unscharf. Die Großmutter behandelt ihn immer noch wie ein Kind, doch ich weiß nicht recht, wie ich mich verhalten soll. Er ist schon fast ein junger Mann, manchmal wirkt er noch jünger, als er ist.
Als er ein Baby mit dunklen Locken und Herzmund war, hatte ich keine Mühe, Zärtlichkeit für ihn zu empfinden, damals besaß er die Anmut, die den Kleinen für die Erhaltung der Art mitgegeben ist, im Übermaß. An den endlosen Nachmittagen, an denen ich auf ihn aufpassen sollte, überschüttete ich ihn mit Küssen. Er roch nach Welpe, jetzt hängt ihm manchmal ein strenger Geruch nach ungewaschenen Achselhöhlen an, und seine Haare wirken fettig, während er stumm herumgeht. Wenn er sein T-Shirt auszieht, sieht man vorn eine Landschaft hervorstehender Rippen und Wirbel im Rücken. Er krümmt sich wie einer, den gerade ein Ball in die Magengrube getroffen hat. Nicht immer erkenne ich ihn von hinten, wenn ich ihn von weitem sehe, er ist so schnell gewachsen.
Wir sitzen um diesem neuen Tisch, der keinem von uns gehört. Vorher hatte jeder seinen eigenen, die verwitwete Großmutter in ihrem Haus im Dorf, ich in meiner Wohnung im Stadtzentrum und er mit seiner Mutter ganz in der Nähe; als es passierte, wohnten die beiden seit eineinhalb Jahren wieder hier. Jetzt leben wir drei allein zusammen, in dieser uns zugewiesenen Wohnung. Er ist mein Neffe, für meine Mutter der Enkel.
Das Erdbeben hätte es nicht gebraucht; schon vorher hatte jeder seinen eigenen Schmerz. Doch meine Schwester war froh, dass sie mit ihrem Sohn wieder nach Hause gezogen war, als Notlösung war das akzeptabel, sagte sie. Sie eignete sich die Orte wieder an, frischte unterbrochene Beziehungen auf, gewöhnte sich wieder an die verlangsamte Zeit. Das milderte den Schmerz der Trennung.
Im Winter tranken wir an den Sonntagnachmittagen bei unserer Mutter Kaffee unter der niedrigen Hängelampe im Esszimmer. Sie verwöhnte uns mit einer Praline, die wie zufällig neben dem dampfenden Tässchen lag; später stellte eine unsichtbare Hand uns dann eine Schale mit geschältem Obst hin, während sie uns unter dem Vorwand, sie müsse im Hof die Wäsche abnehmen, allein ließ, damit wir zwei uns freier austauschen konnten.
Wenn er nicht mit seinen Freunden wegging, begleitete er uns im Schutz seiner Kopfhörer. Er schloss uns aus. So macht er es auch jetzt manchmal, wenn er morgens den Bus verpasst hat und ich ihn im Auto zur Schule fahre. Er nutzt die Musik, mit der er sich die Ohren volldröhnt, als Stacheldraht zwischen uns. Um diese Zeit ist er wahrscheinlich noch verletzlicher, noch stärker darauf bedacht, Abstand zu wahren. Er verkriecht sich völlig in seiner Winterjacke, stellt den Kragen hoch, verschanzt sich und macht sich unerreichbar. Hartnäckig starrt er aus dem Fenster oder auf seinen Hosensaum, seine Schuhe. In den Rechtskurven klammert er sich fest, bis die Fingerknöchel weiß hervortreten, um nicht zu mir zu rutschen. In den Linkskurven klebt er mit Gesicht und Schultern am Fenster, wendet mir für den Fall, dass ich mich in seine Richtung lehne, nur seine spitzen Knochen zu, die Hüfte, den Ellbogen. Seinen Gruß beim Aussteigen höre ich kaum, aber die Tür schließt er überraschend sanft.
Vor einigen Tagen trafen wir uns vor der Haustür, er mit seinem Rucksack und ich mit schweren Einkaufstaschen. Er ging einige Schritte vor mir, brummte halblaut Ciao über die Schulter und ließ die Tür offen, als er hinaufging. Doch dann lud er seinen Ballast vor der Wohnung ab und kam die Treppe wieder herunter, um mir zu helfen, nahm mir die Tüte mit Kartoffeln und die Packung Mineralwasser ab, die ich am inzwischen blau angelaufenen Zeigefinger hielt. Ich habe mich bedankt, keine Antwort.
2
Gott hat meiner Mutter vom ersten Augenblick an geholfen, mit der Macht seiner Stimme hat er sie durchdrungen, um ihrer Qual einen Sinn zu geben. Er flößte ihr auch den Mut ein, jemanden zu suchen, der die Todesanzeigen druckte, und den Wahnsinn, die Plakate an zwei oder drei Stellen des begehbaren Rings rund um die Altstadt anbringen zu lassen. Nichts sollte ihrer Tochter fehlen, auch nicht im Tod.
An manchen Tagen fuhr ich im Auto daran vorbei und schämte mich, auf dem grauen Zement ihren Namen zu sehen. Eines Abends hielt ich an, kratzte mit dem Fingernagel an einer Ecke des Plakats, aber es war fest angeklebt und wollte nicht abgehen. Sofort hielt ich inne. Mit der flachen Hand streichelte ich den Namen, Vokale und Konsonanten, sie war meine Schwester.
Sie zersetzen sich nur sehr langsam, diese angeklebten Plakate. Zuerst schwindet der Glanz des Klebstoffs, dann beginnt die Druckerschwärze zu verblassen, und oben löst sich eine Ecke. Wind und Regen dringen zwischen Gemäuer und Papier, klappen die weiße Rückseite über den Text, verdecken ihn. Eines Morgens war nichts mehr da.
Meine Mutter fleht zu ihrem Gott und tröstet sich damit. In meinem schnöden Unglauben stelle ich mir vor, ich würde ihn auf der Erde wiedererkennen und an seinem himmelblauen Mantel, mit dem die Kinder ihn in ihre Katechismushefte malen, zu einer Führung durch die Stationen der Katastrophe schleifen. Sie betet mit dezenter Inbrunst für die Tote wie für die Lebenden. Zur Großmutter ist unser Junge recht freundlich, er sieht sie sogar an und hebt leicht die Mundwinkel, versucht zu lächeln, wenn sie mit ihm spricht.
Alle drei verlassen wir morgens das Haus; er geht zur Schule, ich zur Arbeit, und sie räumt auf und nimmt dann den Bus zum Friedhof. In einer großen Tasche hat sie die Utensilien dabei, die sie für die Grabpflege braucht, ein Putzmittel und ein Tuch aus Mikrofaser. Die Blumen kauft sie am Stand vor dem Eingang, die halbe Rente lässt sie dort. Für sie ist jeder Tag Allerseelen. Sie verrichtet immer die gleichen, minuziösen Handgriffe, wirft die alten Gerbera fort, die in Wirklichkeit noch frisch sind, und vertauscht sie gegen neue in einer anderen Farbe, die sie behutsam in der Vase arrangiert, damit der Strauß gut aussieht. Sie poliert den weißen Grabstein, das Lächeln auf dem Foto, das sie unbedingt anbringen wollte. In regelmäßigen Abständen dreht sie sich hilflos zu unserer Nachbarin um, die auf dem Grabstein kauert, unter dem ihr Kind liegt.
Sechs Jahre alt war es in der Nacht des Erdbebens.
Mein Vater liegt in einem anderen Teil des Friedhofs, neben ihm war kein Platz mehr. Meine Mutter vernachlässigt ihn ein wenig, die jüngste Trauer hat ihn in ihrem Herzen überschattet. Sie lässt ihm einige Tage Staub auf seinem Porträt; die Blumenkronen beugen sich der Schwerkraft, bevor sie ausgetauscht werden.
Sonntags begleite ich sie manchmal. Ich halte mich abseits, während sie arbeitet. Ab und zu muss ich ein Stück weggehen, weil mir irgendwie übel wird. Wenn der Schwung oder die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen eine gewisse Grenze überschreiten, werde ich seekrank. Ich sage nichts, wenige Schritte nach rückwärts genügen. Ich überlasse sie ihrer gewohnten Beschäftigung, sie braucht sie. Nur am Anfang habe ich schwach protestiert, wegen der Plakate, dem Foto auf dem Grabstein. Wie befriedigt tritt sie durch das Tor und plaudert ein wenig mit der Blumenfrau, sie duzen sich seit geraumer Zeit.
»Morgen früh müsste ich rosa Gerbera geliefert bekommen, soll ich dir einen Strauß aufheben?«
»Ja, die hattest du schon lange nicht mehr, wieso eigentlich?«
»Keine Ahnung, bei diesen Lieferanten weiß man nie. Aber morgen ist es fast sicher. Ich lege dir welche beiseite.«
»Dann nehme ich gleich ein paar mehr und wechsle auch bei meinem Mann die Blumen aus, seine vertrocknen allmählich.«
»Wenn du zwei Sträuße nimmst, kriegst du Rabatt. Gehst du bei dieser Kälte zum Einkaufen?«
Ja, an Werktagen geht sie gewöhnlich einkaufen. Gemüse und frisches Obst für uns, vom Bauernstand, und dann rasch nach Hause zum Kochen, mit dem Bus um halb zwölf, denn danach fährt keiner mehr.
Sie hat sich an die Wohnung gewöhnt, benutzt sie, soweit es nötig ist. Am Anfang konnte auch sie den Gestank nach Neuem kaum ertragen. Im Lauf eines Monats hat sie die Räume dann mit den zarten Gerüchen ihrer gesunden Küche erfüllt. Beim Einzug vor mehr als zwei Jahren wussten wir schon, dass wir im Kühlschrank den Spumante der Regierung vorfinden würden. Meine erste Tat war, die Flasche ohne Schütteln zu öffnen, indem ich den Korken mit Daumen und Zeigefinger herausdrehte, damit er ja nicht knallte. Dann kippte ich den Inhalt ins Spülbecken und hielt dabei den Flaschenhals direkt über den Abfluss. Während das Rohr noch gluckerte, warf ich die Flasche in den Abfalleimer. Meine Mutter sah mir respektvoll zu und verfolgte alle meine Bewegungen.
Einige alte Männer aus den Wohnblöcken vier und fünf versuchen inzwischen, das Brachland rund um die C.A.S.E.* zu bebauen, sie säen zur richtigen Zeit, legen einen Gemüsegarten an; zur Straße hin gibt es mehrere davon, eine Reihe akkurater Rechtecke. Zur Erntezeit gehen die Alten mehr oder weniger alle auf einmal hinunter, unterhalten sich von Tomatenstrauch zu Tomatenstrauch, kommentieren das Wetter und zeigen dem Nachbarn den Parasitenbefall auf den Schalen. Am Sonntagmorgen, dem grausamsten der Woche, beobachte ich sie, während ich am Fenster eine Zigarette rauche. Sie bewegen sich langsam zwischen ihren Pflanzen und dem leichten Dunst, der von der erschütterten Erde aufsteigt. Wenn sie wieder heraufkommen, mustere ich auf der Treppe verstohlen die Farben des Gemüses in den Körben, die sie ihren Frauen bringen. Mich erstaunt diese Treue zu dem verräterischen Boden.
Im Herbst kehren sie sorgfältig das Laub zusammen, obwohl der boshafte Wind die Blätter mit ihren kratzigen eingerollten Rändern sofort wieder auf den betonierten Platz zurückweht. Sie können nützliche von unnützen Beschäftigungen unterscheiden und wechseln in beiden ab in dem unaufhörlichen Bemühen, die Zeit auszufüllen. Zum Schneeschippen benutzen sie die modernen leichten Schaufeln aus Plastik mit breitem Blatt. Sie stoßen bei der Arbeit Dampfwolken aus, die Kälte lässt die tiefen Falten auf ihren von Herzbeschwerden geröteten Gesichtern erstarren.
Meine Mutter macht sich ihren grünen Daumen hier nicht zunutze, wir gehen sowieso bald wieder, sagt sie, und es würde ihr leidtun, die gewachsenen Gottesgaben zurückzulassen, wie sie es nennt. Auf unserem Balkon gibt es im Sommer bloß blühende Geranien, denn die können wir mitnehmen. Sie gießt sie täglich, lockert die Erde oder schneidet verdorrte Triebe ab. Geranien duften nur, wenn man sie berührt.
Sie will sich nicht an das provisorische Quartier gewöhnen; ich merke, wie vorsichtig sie die Beziehungen zu den Nachbarn dosiert, damit sie ja nicht zu eng werden. Nur an die Mutter, die ihr Kind überlebt hat, wendet sie sich mit zurückhaltender, mitfühlender Zuneigung, wenn die Frau manchmal den Kopf aus dem Abgrund hebt.
Die Wohnung hat drei Räume; ein Schlafzimmer habe ich Marco abgetreten, als er vor zwei Jahren zu uns gezogen ist, das andere ist für mich und meine Mutter. Sie hält alles sauber und in Ordnung, zeigt aber die Distanziertheit dessen, der mit überirdischer Geduld darauf wartet, das Haus im Dorf herzurichten. Ein seltsamer Traum für einen Menschen, der nicht mehr jung ist; sie sagt, das sei sie Papa schuldig, seine Familie wohnte seit Generationen dort, und er hatte das Haus vor ihrer Hochzeit allein restauriert. Vorsichtig erinnere ich sie daran, dass Papa schon lange tot ist, dass er nichts von dem Erdbeben weiß und auch nie etwas von dem eventuellen Wiederaufbau erfahren wird. Ach was, von da oben sieht er alles, antwortet sie streng, mit dem gleichen Blick wie damals, als ich zu ihr sagte, dass ich nicht zur Firmung gehen würde. Nach einer Weile setzt sie sich, schließt beinahe die Augen und öffnet im Geist die alte, mit dem Lappen geölte Haustür, tritt in den engen, leicht nach Moder riechenden Flur und setzt den Fuß auf die erste Stufe der steilen Treppe, die nach oben führt, wo unsere Zwillingsstimmen kreischen, die von Olivia höher und fröhlicher. Damals, als wir alle lebendig waren.
* Complessi Antisismici Sostenibili ed Ecocompatibili – Erdbebensichere, nachhaltige und umweltverträgliche Wohnblöcke
3
Ich begegne einer der Patrouillen, die die gesperrte Rote Zone bewachen, und gehe zwischen den vereinzelten morgendlichen Passanten ein paar Häuserblöcke weiter. Dann muss ich nicht einmal das Absperrgitter beiseiteschieben, sondern drücke mich nur flach an die Wand und tauche in den Schatten der verbotenen Gasse ein. Ich gehe bergauf, schon schwer atmend. Ab und zu weht von den vom nächtlichen Regen noch durchnässten Stützbalken ein übler Geruch nach faulendem Holz herüber. Als ich in die Via Mezzaluna einbiege, nehme ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr, etwas Dunkles, Haariges, vielleicht ein kleines Tier, das plötzlich davonhuscht. Um zu meiner alten Werkstatt zu gelangen, muss ich an dem Haus entlanggehen, das seine Fassade verloren hat und das übrig gebliebene Innere zeigt, Konserven und Nudelpackungen in der Küche, im Bad den zerbrochenen Spiegel, der kubistische Variationen des Himmels einfängt, im weit offen stehenden Schrank die Kleider, die noch auf den Bügeln hängen und ihre Ärmel von der beharrlichen Sonne bleichen lassen. Ein Lichtschalter ohne Wand baumelt an einer Leitung. Übelkeit steigt auf, ich schlucke sie runter. Es ist dieses leichte Schwanken, ich muss nur den Blick abwenden und weitergehen.
Ich arbeitete im Erdgeschoss eines nun unzugänglichen Palazzos, Kategorie E. Ich schließe das eiskalte Schloss auf, das die beiden Hälften des Tors zusammenhält, doch dann muss ich den scheinbar nachgiebigeren Flügel mit beiden Händen aufstoßen, auch das genügt nicht, ich muss mit der Schulter, mit dem Knie nachhelfen, um die Reibung des Nussholzes am Boden zu überwinden. Überlaut hallt das Quietschen in der unfassbaren Stille. Instinktiv strecke ich die Hand aus, um rechts das Licht anzuknipsen, das nicht aufleuchten kann. Vorsichtig gehe ich ein paar Schritte weiter hinein, warte, bis ich mich an das Halbdunkel gewöhne. Die Schuhe stoßen klirrend gegen Tongefäße und wirbeln Staub auf, ich kann es riechen. Auswendig finde ich das einzige Fenster, und diesmal gehen die Läden willig auf.
Nach dem Erdbeben war ich nie wieder hier. Als ich mich entschlossen hatte, meine Tätigkeit anderswo wieder aufzunehmen, habe ich jemanden beauftragt, den Brennofen und einige andere Sachen abzuholen, das Allernötigste. Bei einer Manufaktur in Castelli habe ich neue Halbfabrikate zum Bemalen gekauft und auch neue Pinsel, Glasur und Farben, auch ein paar Schmuckelemente. Auf dem Markt der Piazza d’Armi habe ich eine große Plastikwanne zum Mischen der Glasur und einen langen Holzlöffel zum Umrühren erstanden.
Nur die fertigen, in Kartons verpackten Stücke sind heil geblieben, dort hinten stehen sie, ich könnte sie mitnehmen und den Inhalt verkaufen. Aus den großen Regalen an den Wänden dagegen sind fast alle Gegenstände herausgefallen, von den durch das Erbeben schrägen Brettern heruntergerutscht. Am Boden haben die Scherben gestrichelte Linien gezogen, die genau die Umrisse des großen Raums nachzeichnen, nur etwas enger. Auf der einen Seite liegen die Bruchstücke der Schrühware, weiter vorn die glasierten Flaschen, die noch trocknen mussten, und auf der anderen Seite, schon fertig zum Brennen, die Teller mit den Hähnen und die Apothekengefäße mit Motiven aus dem 16. Jahrhundert. Diese Arbeiten sind verloren.
Ich hebe eine Scherbe auf und lese unter einer Beere meine nach dem E abgebrochene Signatur. Wie durch ein kleines Wunder finde ich dann ein unbeschädigtes Glöckchen, das in einer meiner Gummilatschen gelandet ist. Ich puste es ab, während ich es langsam drehe und aus nächster Nähe die Einzelheiten des Blumenfrieses verfolge. Es war für Ostern 2009 bestimmt. Ich prüfe, ob der winzige Klöppel noch funktioniert. Das leise Geklingel wirkt wie ein Wecker, ich verliere Zeit, dazu bin ich nicht hergekommen. Ich stecke das Glöckchen ein und suche nach den Zeichnungen.
Die Ordner liegen in der Mitte des Tisches neben den Dosen und Farbproben auf den Ausschussziegeln. Einer davon ist bis ans Ende der Platte gerutscht und schwebt auf der Kante, halb in der Luft. Ich bringe ihn neben den anderen wieder in Sicherheit, im Staub bleibt seine saubere Spur zurück. Die Zeichnungen auf den von der Feuchtigkeit gewellten Blättern sind in gutem Zustand, ich werde sie noch verwenden können. Nur die Tinte ist an manchen Stellen leicht verwischt. Ich will schon hinausgehen, die Ordner unter dem Arm, doch dann gebe ich der Versuchung nach, auch den alten Kittel voller Kleckse mitzunehmen, den ich hier benutzte. Ich nehme ihn von seinem Haken, beschwert vom abgebröckelten Putz.
Der Tag draußen ist so klar, dass es schmerzt. Vom Hang des Monte Sirente fegt der Wind herunter und schlüpft in die vor ihm liegenden Gassen wie Finger in einen Handschuh. Er riecht nach Schnee und nach Harz, das an den Stämmen getrocknet ist. Ich muss meine Augen abschirmen, um das von blauen Stützbandagen zusammengehaltene Haus gegenüber zu betrachten. Aus der offen stehenden Balkontür im ersten Stock flattert träge der schmutzig-weiße Vorhang heraus, tanzt eine Runde und verschwindet, dann erscheint er wieder, je nach Laune der Luft, die ihn bewegt. Von dort duftete es nachmittags nach den Kräutertees von Signora Leda. Sie war sympathisch und litt an Arthrose, allerdings ein wenig geschwätzig. Wenn ihre Beine es erlaubten, kam sie herunter und überquerte mit einer vollen, auf dem Tellerchen zitternden Tasse die Straße, andernfalls rief sie durchs Fenster, um mich nach oben einzuladen. Ich stieg in die warme, dampfige Küche hinauf, und sie zählte mir gern die stets verschiedenen Namen der Mischungen auf, aus denen sie ihre Tees braute: Kaminfeuer, Wintergarten, Zauberwald. Wenn ich keine Lust hatte, ihr zuzuhören, schützte ich eine heikle Arbeitsphase vor und blieb unten. Für sie habe ich eine Teekanne bemalt mit den Früchten und Blüten der Zutaten und ihren Initialen L B über den Heidelbeeren. Auch die wird zerbrochen sein.
Ich denke fast nie an Leda. Doch jetzt reiße ich das Unkraut aus, das ungestört vor ihrer Tür in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen wuchert. Es hat schon seine Samen ausgestreut, der Winter hat es verdorren lassen, aber es leistet zähen Widerstand und schneidet mir in die Handflächen. Zu spät bemerke ich dabei das Motorengeräusch, das unten auf der Via Cascina näher kommt. Ich habe keine Zeit, mich zu verstecken, halte mir die Ohren zu und warte. Es dauert nur einen Augenblick, der Panzerwagen der Armee fährt schnell vorbei; flüchtig sehe ich die zwei Soldaten im Tarnanzug, sie reden und lachen, schauen nicht in meine Querstraße hinein.
Zurück bleibt ein Zittern und Schaudern, dann verhallt der Lärm in der Ferne, und über das Viertel legt sich wieder eine tödliche Stille. Auf dem Rückweg zum Parkplatz mache ich einen weiten Bogen um die Via del Drago, erfinde ich einen langen, gewundenen Umweg. Zum Verlassen der Roten Zone wähle ich einen Durchgang, der als sicher gilt, wo die Patrouillen nie vorbeikommen. In der Scheibe meines wartenden Autos spiegeln sich die schmutzigen Rückseiten aller Mauern, an denen ich entlanggeschlichen bin.
4
Am Anfang waren wir zwei dunkle Zellklümpchen, die unsere Eltern noch für eines hielten. Wir wuchsen heran im sanften mütterlichen Ozean, der rund um uns ganz langsam weniger wurde. Im neunten Monat schob sich der Fötus Olivia eines Tages mit der raumgreifenden, ruhigen Bewegung eines kleinen Körpers, der sich im Schlaf herumdreht, nach vorne, direkt unter die elastische Bauchdecke. Dort drang eine Ahnung von Sonnenlicht herein und undeutlich, gedämpft, der Klang der Welt. In jenem Bereich konnte man sich noch ausdehnen, den Umfang der unvollkommenen Kugel und die Spannung der mütterlichen Haut erhöhen. Das hat Olivia getan. Ich war dahinter in meiner Hülle zwischen ihr und den harten Knochenringen der Wirbelsäule eingezwängt. Ich habe die verbleibende Zeit in der Enge, im Dunkeln, in der Stille verbracht. Meine Schwester fing äußere Schwingungen und Einflüsse auf und behielt sie für sich. Sie genoss die kreisenden Liebkosungen der gewölbten Hände, die Rundung, hinter der sie lag, war den Blicken ausgesetzt. Ich konnte mich nur über die Nabelschnur und das Blut versorgen.
So malte ich mir, als ich ungefähr acht Jahre alt war, unser Leben in der Gebärmutter aus. Ich war überzeugt, einen Urnachteil erlitten zu haben, der alle meine Schwächen rechtfertigte. Daheim wollte ich immer wieder die Geschichte unserer Geburt hören, wie viel Gramm und wie viele Zentimeter mehr ihr zugefallen waren, von ihrem helmförmigen dichten Haarschopf und den Extra-Mahlzeiten, die sie unserer Mutter durch ihr unerträgliches Wimmern abtrotzte. War mein geringer Hunger gestillt, kam ich wieder in die Wiege, und sie wurde erneut am Busen angelegt für diese zusätzliche Ration Milch, die ich mir dicker, gehaltvoller, auch gelber vorstellte. Als Kinder trugen wir die gleichen Kleider in verschiedenen Größen, meine immer eine Nummer kleiner. Oft nannten sie uns Olivia und ihre Zwillingsschwester oder, noch schlimmer, Olivia und die andere.
»Du heißt nach einer Königin, das schüchtert die Leute ein bisschen ein, deswegen sagen sie nie deinen Namen«, tröstete mich unsere Mutter, wenn ich sie nach dem Grund fragte.
In der fünften Klasse Grundschule sah ich, wie ein Gassenjunge aus dem Dorf mich, als ich vorbeiging, seiner Bande zeigte, etwas sagte und alle losprusteten. Sie gingen schon auf die Mittelschule. Meine Schwester beobachtete sie finster und stumm. Als wir eines Nachmittags lässig aus dem Kommunionsunterricht kamen, saß er auf einer Gartenmauer an unserer Straße. Er musterte uns schon von weitem, Olivia ging in der ungewöhnlichen Junischwüle einige Schritte vor mir. Zu ihr hat er nichts gesagt, doch als ich auf der Höhe seiner baumelnden Beine ankam, trällerte er dreimal: Da ist ja die miese Kopie, und streckte den Fuß aus, bis er mich anstieß. Olivia drehte sich um, musterte ihn von unten, bevor sie ihn am Hosensaum herunterzerrte und auf den Boden warf. Wie versteinert, den Kopf zwischen den Händen, sah ich bewundernd zu, während sie ihn verprügelte wie ein Junge, ohne ihn zu kratzen oder an den Haaren zu ziehen. Mit Fäusten schlug sie zu und bekam durch den Überraschungseffekt selbst wenig ab. Schließlich richtete sie sich auf, ließ ihn geifernd im Staub liegen und versetzte ihm einen letzten Tritt in den Hintern. Sie sammelte auch unsere auf den Steinen verstreuten Katechismusbüchlein ein, ich weiß nicht, wie sie mir heruntergefallen waren. Dann, auf dem Heimweg, strich sie mir mit ihrer vom Raufen schmutzigen Hand sanft über die Wange. Als Entschuldigung für die zu meiner Verteidigung eingesetzte Gewalt und als Versprechen, mich lebenslang zu beschützen, auch vor ihrer eigenen Überlegenheit.
Später tat unsere Mutter so, als machte sie ihr Vorwürfe; gewisse Dinge, mahnte sie, müssten ihr oder Papa mitgeteilt und nicht mit Fäusten geregelt werden.
»Schließlich seid ihr nicht allein auf der Welt«, setzte sie noch hinzu. Schonend betupfte sie Olivias Wunden mit einem Desinfektionsmittel und versicherte sich ab und zu, dass ich noch hinter ihr stand, um ihr sauberen Verbandsmull zu reichen. Wie immer sorgte sie sich mehr um mich als um Olivia und die Schwellungen in deren Gesicht.
Am nächsten Tag sollten in der Schule die Klassenfotos gemacht werden, aber man konnte sich auch einzeln ablichten lassen. Der Fotograf zögerte kurz, als Olivia sich selbstbewusst in die Bank vor der Tafel setzte, auf der »Es lebe die 5b« stand.
»Du willst auch ein Einzelbild?«, fragte er mit einem Blick auf ihre blauen Flecken.
»Eins allein und eins mit meiner Schwester«, erwiderte sie und fuhr sich durch die Haare. Bevor sie zum Stift griff, um sich in Schreibhaltung in Positur zu setzen, zog sie aus der Schützentasche eine wer weiß wo ergatterte Sonnenbrille, mit der sie ihr blaues Auge und das angeschlagene Lächeln kaschierte. Im Objektiv eine zehnjährige Diva, heldenhaft und draufgängerisch.
Die Episode mit der Schlägerei erwies sich bei späterer Betrachtung als treuer Spiegel der ungleichen Beziehung zwischen uns Zwillingsschwestern. Aus Angst, uns zu verlieren, sind wir nie aus diesem Rahmen herausgetreten. Und in meinem inneren Album ist das Foto ihres kämpferischen Gesichts aus der fünften Grundschulklasse im Lauf der Jahre auf den ersten Platz vorgerückt und hat andere Momentaufnahmen unseres gemeinsamen Lebens in den Schatten gestellt.
Später, als die Gesichter ausgeprägter wurden, ließen winzige Details eine von uns heiter und gewinnend erscheinen, und mich gewöhnlicher. Einige Millimeter Unterschied im Augenabstand genügten, ein etwas wärmerer Hautton, am Mund eine leichte Betonung des Amorbogens. Beim Malen erfahre ich jeden Tag, wie wenig es braucht.
Auf dem Gymnasium gingen wir in verschiedene, aber nebeneinandergelegene Klassen, doch ab der Hälfte des Vormittags durchdrang ihre Gegenwart die Wand, und ich spürte, wie sie sich, für die anderen unsichtbar, in meinem Klassenzimmer ausbreitete. So breitet sich jetzt, während ich arbeite, ab der Hälfte des Vormittags ihre Abwesenheit aus. Ich beschließe, eine Pause einzulegen, so sehr zieht sich die Kraft aus den Händen zurück in die Handgelenke, die Arme, zum Herzen. Ich trete an das große Fenster, das auf die Felder hinausgeht. Im Vorübergehen streichle ich den runden Mahagonitisch, der in meinem Wohnzimmer stand. Olivia und ich hatten ihn vor Jahren auf einer Antiquitätenmesse erworben, es sei ein englisches Stück aus dem 19. Jahrhundert, ein echtes Schnäppchen, hatte uns der Verkäufer versichert. Nach dem Erdbeben habe ich ihn gesäubert und vorerst auf seinen Messingrollen hier abgestellt. Ich weiß nicht, ob ich mir früher oder später wieder eine Wohnung um diesen Holztisch schaffen werde, der sich so angenehm anfühlt durch die ausgelöschten Spuren der anderen, die ihn vorher besessen haben.
Von draußen kommt auch an diesen kurzen Wintertagen immer viel Licht herein. Häufig genügt mir zum Malen der Sonnenschein, der durch die Fenster fällt. Und ich friere nie, der alte gusseiserne Ofen heizt den ganzen Raum, der Besitzer hatte recht. Gegen eine geringe Miete hat er mir das Erdgeschoss seiner Villa überlassen, dazu Berge von Brennholz und einen verrotteten Tisch an der Außenmauer, damit ich in der warmen Jahreszeit im Freien arbeiten kann. Es muss sich um eine Erbschaft handeln, aber ich weiß nichts darüber, ich werde mal die Briefträgerin fragen. Er lebt in Bologna und kommt einmal im Monat übers Wochenende, außerdem vierzehn Tage zu Weihnachten und den ganzen August. Innerlich nenne ich ihn den Professor; ich weiß, dass er an der Universität lehrt. Beim letzten Besuch vor den Feiertagen kauft er einen großen Karton voller Sachen von mir zum Verschenken, er wirkte ehrlich oder will mir einfach helfen.
Olivia würde dieser Ort hier gefallen, seltsam, dass er uns auf unseren endlosen Autofahrten entgangen ist. Jetzt würde sie mit dem Rücken zum Fenster sitzen und mir beim Malen zusehen. Wenn ich daran denke, fängt die Farbe an zu spinnen. Sie wird zäh und weigert sich eigensinnig zu fließen, oder aber sie wird zu flüssig und tropft auf die getrocknete Glasur. Der Pinsel stolpert über die mikroskopischen Unebenheiten der geschrühten Keramik.
Ich bin auf einer Insel gestrandet, die unversehrt geblieben ist, keine Bruchlinie führt hier vorbei, und außerdem war die Villa schon länger restauriert. Doch am Hang gegenüber kann man ein Dörfchen sehen, das durch eine Laune des Erdbebens zerstört wurde, und in der anderen Richtung, ganz unten dieser undeutliche Fleck, das ist L’Aquila. Von hier aus gesehen, könnte sie noch immer die sagenhafte Stadt der neunundneunzig Kirchen und neunundneunzig Brunnen sein. Ich könnte mich für heute Abend mit jemandem an der Fontana Luminosa verabreden und nach einem Film im Rex noch bis spät in die Nacht in einem Bierkeller in der Altstadt sitzen. Am nächsten Morgen würden mich um sieben die Glocken von San Pietro wecken, und ich könnte zu Fuß zur Arbeit gehen, quer durch die gewohnten Gassen.
5
Marco kam eines Nachmittags, als es in Strömen regnete.
Wir holten ihn am Parkplatz unter unserem Block zwischen den Erdbebenisolatoren ab. Er ließ die vier Wangenküsschen über sich ergehen, lud die Reisetaschen aus, stellte sie auf die Betonfläche und entfernte sich dann ein paar Meter. Roberto, der Exmann meiner Schwester, stieg mit der Langsamkeit eines alten Mannes aus dem Auto und wollte nach einem Gruß mit niedergeschlagenen Augen sofort wieder die Frage der Unterhaltszahlung anschneiden, als wäre die von seiner verstorbenen Frau auf uns übertragbar. Ich bekräftigte noch einmal unsere schon mehrfach am Telefon geäußerte Ablehnung. Wenn du meinst, tu das Geld auf die Bank für deinen Sohn, sagte meine Mutter herablassend, so kalt wie noch nie. Ich unterhielt mich kurz mit ihm über Marcos neue Schule, über die problemlos gefundenen Bücher, zum Glück war erst Oktober, der nach dem Erdbeben.
Der Junge achtete nicht auf unser schleppendes Gespräch, er hatte sich sofort die an irgendein Gerät angeschlossenen Ohrstöpsel reingeschoben. Ein bisschen krächzende Musik drang bis zu uns, als unter uns Erwachsenen Stille eingetreten war. Nach einem imaginären Fußball tretend ging er hin und her, ab und zu quietschten seine nicht zugebundenen Schuhe auf dem Zement.
In Rom bei seinem Vater hatte er es kaum sechs Monate ausgehalten, das restliche Frühjahr nach dem Erdbeben und den stumpfen Sommer über, und sich hinter einer undurchdringlichen Stummheit verschanzt. Seine Großmutter und ich hatten ihn in jener ersten Trauerzeit häufig gesehen und angerufen, doch er war auch mit uns nicht sehr gesprächig. Mein Schwager dagegen rief oft an, um sich über Marcos Untaten zu beklagen. Wenn es ihm nicht gelang, bemitleidet zu werden, nannte er ihn in pathetischem Ton dein Neffe. Mein Neffe hatte seiner jungen Geigerin, derentwegen er sich von Olivia getrennt hatte, die Autoreifen zerstochen.
»Dabei war sie so rücksichtsvoll«, tönte Roberto schamlos, »sie ist noch vor Marcos Ankunft in ein anderes Stadtviertel gezogen, damit wir unter uns sein können.« Durch sein nutzloses Warten auf meine Antworten entstanden im Gespräch immer wieder peinliche Pausen.
»Ab und zu kommt sie und kocht uns etwas Leckeres, aber Marco setzt sich nicht mal mit an den Tisch …«, ging das elende Gejammer weiter. Marco ernährte sich lieber von Crackern oder von Luft. Bei einem dieser Besuche war er hinuntergegangen und hatte die Operation Aufgeschlitzte Reifen durchgeführt.
»Mit einem Küchenmesser, stell dir mal vor«, wunderte sich Roberto noch immer.
Bei der Gelegenheit hatte ich meine ganze Sympathie für den jungen Saboteur verraten: »Wieso, was hätte er denn sonst nehmen sollen? Ein Skalpell?«
Enttäuscht von meinen kargen sporadischen Kommentaren, erzählte er dann ein paar dramatischere Episoden, um wenigstens ein bisschen Empörung auszulösen.
»Er muss unsere SMS gelesen haben … Er hat ihr von meinem Handy aus unanständiges Zeug geantwortet, so weit ist es schon gekommen. Und er traut sich sogar, es zu leugnen, sagt, dass er es nicht war. Oder vielmehr, er sagt gar nichts, schüttelt nur den Kopf.«
Marco weigerte sich stur, mit seinem Vater zu sprechen. Mittlerweile war er in Anbetracht des erlittenen Traumas von der zweiten in die dritte Klasse Mittelschule versetzt worden.
Als seine Großmutter und ich zum letzten Mal mit ihm telefoniert hatten, schien er aufzuhorchen bei der Nachricht unseres Umzugs in eine der Wohnungen des Projekts C.A.S.E. im Ortsteil Coppito 3. Am selben Abend wandte er sich unvermittelt an seinen Vater, aber nur, um ihm mitzuteilen, dass er zu uns ziehen würde, wenn wir ein Zimmer für ihn hätten. Roberto brauchte nur wenige Tage Bedenkzeit, um sich zu überzeugen, dass das die beste Lösung war. Zwanghaft wiederholte er es jedes Mal bei den häufigen Telefongesprächen jener Woche. Für ihn und für alle, für ihn und für alle, murmelte er hektisch, statt zu sagen, für mich, was die unangenehme Wahrheit gewesen wäre.
Während wir immer noch auf dem Parkplatz standen, kam ein Wind auf und wehte den Regen schräg bis auf die Motorhauben der Autos, die in der vordersten Reihe parkten. Ein Typ aus dem ersten Stock fuhr mit seinem Lieferwagen herein, der meterlange nasse Spuren hinterließ. Es wurde allmählich kalt da unter dem Block, und wir schwiegen seit ungefähr zwei Minuten, die uns in unserer quälenden Befangenheit ewig vorkamen. Alle drei blickten wir auf Marco, in ständiger Bewegung und zu dünn angezogen für ein so rauhes Klima. In einem letzten Versuch, seinen Sohn vor der Trennung noch einmal zu erreichen, ergriff Roberto diesen Vorwand.
»Kannst du nicht ein Sweatshirt überziehen?«, fragte er ihn laut, aber schon resigniert, und Marco hielt kurz inne, fixierte ihn und verzog leicht angeekelt den Mund. Dann trug er sein Gepäck noch ein paar Meter weiter von dem Auto weg, das ihn hergebracht hatte, als wollte er die überfällige Abfahrt beschleunigen, und schlenderte weiter in seinem Nirvana-Hemd in der feuchten Kälte herum.
Ich verschränkte fröstelnd die Arme, da begriff Roberto.
»Es wird spät, ich habe heute Abend ein Konzert in Rom«, flüsterte er. Er wirkte sehr schwach. Es gab keinen Grund, ihn hinaufzubitten.
Um sich nicht von seinem Vater verabschieden zu müssen, tat Marco so, als gelte seine ganze Aufmerksamkeit plötzlich einem Hund, der auf der Suche nach der richtigen Karosserie zum Pinkeln herumschwänzelte. Meine Mutter und ich sahen zu, wie er davonfuhr, der gebeugt in seinem leeren Auto sitzende Musiker. Der Junge kam erst näher, als das Motorengeräusch Richtung Staatsstraße verklungen war. Dann stiegen wir im Gänsemarsch mit den Taschen die Treppe hinauf, er stampfte auf jeder Stufe. Ich schloss ihm die Tür auf, und er betrat die Wohnung mit angehaltenem Atem, nach einigen Sekunden lief er sogar rot an. Instinktiv ging ich zum Balkon, und er schlug spontan den Fluchtweg ein.
Doch draußen tropfte unerbittlich das Wasser vom oberen Balkon, dessen Boden wie überall in dieser Siedlung aus Latten mit Ritzen dazwischen besteht. Er stand da und atmete die Nässe ein, die Tropfen rannen ihm über die Nasenspitze und aus den Locken, die vom Gewicht des Regens glatt herunterhingen. Seine Großmutter konnte es nicht mit ansehen und brachte ihm ein Handtuch.
»Komm rein und zieh dich um«, bat sie ihn, »sonst wirst du noch krank.«
Während ich am Herd heiße Schokolade kochte, servierte meine Mutter einen noch lauwarmen Apfelkuchen. Beim Anschneiden duftete er noch nach geschmolzener Butter, Zimt, Zitrone und Zuckerstreuseln. Mit Mühe aß Marco ein halbes Stück Kuchen und trank schlürfend ein paar heiße Schlucke. Anschließend hatte er den gleichen Dalí-Schnurrbart wie nach den Tausenden Tassen Kakao, die er als Kind getrunken hatte. Untröstlich saß er da, unserer hilflosen Fürsorge ausgeliefert.
Später zeigte ich ihm das blank geputzte Zimmer mit den orange-gelben Vorhängen und der dazu passenden Tagesdecke auf dem Bett. Er warf sich darauf und schlief sofort ein, wie ohnmächtig. Zur Abendessenszeit fragte sich die Großmutter besorgt, ob sie ihn wecken sollte. Ich konnte sie überzeugen, dass ihm eine Mahlzeit weniger nichts ausmachen würde, zog ihm die stinkenden Schuhe aus und deckte ihn für die Nacht zu.
Am nächsten Morgen überzogen lauter neu erblühte Pickel das apathische Gesicht.
6
Im Winter kommt die Müllabfuhr noch vor Tagesanbruch zu den C.A.S.E., wenn es am dunkelsten und eisigsten ist. Ich bin schon lange wach, den Atem meiner Mutter im anderen Bett nehme ich inzwischen kaum noch wahr. In einer Nachbarwohnung oder vielleicht im Stockwerk über uns wird jemand von einem anhaltenden, nervenaufreibenden Husten gequält, hält für eine kurze Atempause inne, dann geht es wieder los. In unbestimmter Ferne bellt immer derselbe Hund, drei kehlige, tiefe Laute, die er alle paar Sekunden wiederholt, sie wecken ein Angstgefühl in meinem Bauch, das meinen Darm in Bewegung bringt. Gleiches bewirkt der Wind, wenn er so gewaltsam gegen die Scheiben drückt, dass man meinen könnte, sie wölbten sich in die noch dunklen Zimmer hinein.
Am Ende der Nacht warte ich auf die Müllmänner. Ich erkenne das Geräusch beim Herunterschalten unten an der Abzweigung der Staatsstraße. Ich stelle mir die zwei Männer hinter den von ihrem Atem beschlagenen Autofenstern vor, folge ihnen, wenn sie an die Container heranfahren und aussteigen, um den Müll abzutransportieren; nach einigen Schritten auf dem Asphalt steigen sie wieder ein, die Türen werden nacheinander geschlossen. Der Fahrer greift mit Unfallschutzhandschuhen nach dem Lenkrad und legt knirschend den Rückwärtsgang ein, dann den ersten, den zweiten und los, der Motor verklingt in der noch vollkommenen Dunkelheit. Und weg sind sie, ohne etwas von der kurzen Intimität zwischen ihnen und mir zu ahnen. Bei jedem Halt erinnert sie die beißende Kälte daran, dass sie noch leben.
Manchmal höre ich, wie Marco, der im Nebenzimmer schläft, mit tieferer Stimme als tagsüber unbekannte Sprachen spricht. Wenn ich die Kraft aufbringe, gehe ich hinüber und lege die beim Träumen verrutschte Decke wieder über ihn, streiche ihm ohne sein Wissen über die Haare und die von geheimnisvollen Abenteuern zerfurchte Stirn. Heute früh wimmerte er gegen fünf Uhr, auch seine Großmutter hat es bemerkt.
Bleib im Bett, habe ich geflüstert und bin aufgestanden, ohne Licht zu machen. Im Durchgang zwischen den beiden Zimmern bin ich über etwas Weiches gestolpert, der Länge nach hingefallen und mit dem Kopf gegen den Türrahmen geknallt. Noch bevor ich mich wieder aufgerappelt habe, ist mir am Mief von Marcos Schuhen klar geworden, was passiert war: Jeden Tag sage ich ihm, dass er sie nicht herumliegen lassen soll. Wütend habe ich sie mit meinen Pantoffeln zur Seite gekickt, meine Mutter beobachtete mich bestürzt. Er schlief selig weiter und stöhnte nicht einmal mehr.
Im ersten Augenblick schmerzte der im Fall verstauchte Finger nur leicht, und ich schlüpfte wieder unter meine Steppdecke, schon um mich aufzuwärmen. Um sieben Uhr beschloss ich, mit dem inzwischen pulsierenden, wurstähnlichen Finger in die Notaufnahme zu fahren, wo sie mir die niedrigste Dringlichkeitsstufe zuwiesen. Die Krankenschwester lächelte über die unübersehbare Beule auf meiner Stirn, die ich ganz vergessen hatte.
Nach stundenlangem Warten stellen sie endlich fest, dass nichts gebrochen ist, und beginnen, mit Verbandsmull und Schienen zu hantieren. Ich bitte den Pfleger, Daumen und Zeigefinger möglichst frei zu lassen.
»Wozu brauchen Sie die?«, will er wissen, während er anfängt, sie einzubinden. Ausweichend erzähle ich ihm etwas von dringenden Lieferterminen und Keramiken, die ich bemalen muss.
»Ah, meine Mutter liebt Keramik, aber der Finger hier, wie ist das eigentlich passiert?«, fragt er neugieriger.
»Ich bin im Dunkeln über die Schuhe meines Neffen gestolpert«, antworte ich ganz ruhig, und er schüttelt lachend den Kopf. »Aber malen können Sie damit ohnehin nicht«, fügt er ungerührt hinzu.
Ich gehe durch die Glastür und denke, ich sehe nicht recht: Da sitzt er in seiner ganzen Haarpracht hinten im Wartezimmer, die zu langen Gliedmaßen angewinkelt, denn er weiß nicht, wohin damit, den Rucksack nachlässig unter den blauen Plastiksitz geknallt. Der elektrisch aufgeladene Pony fällt ihm über die Augen, entweder hat er mich wirklich nicht gesehen, oder er tut nur so. Ich eile schnurstracks an ihm vorbei, noch dazu trägt er genau die Schuhe. Ich gehe den Flur entlang und wende mich zum Ausgang. Plötzlich kommt mir der Zweifel, dass er nicht meinetwegen hier ist, sondern weil es ihm schlecht geht; eigentlich müsste er um diese Zeit in der Schule sein. Hastig mache ich kehrt, und als ich um die Ecke biege, stoßen wir beinahe zusammen, fast hätte ich ihm meinen geschienten Mittelfinger ins Auge gerammt. Er stößt einen unterdrückten Schrei aus.
Sofort falle ich ungehalten über ihn her.
»Wieso bist du hier statt in der Schule, wer hat dich überhaupt hergebracht? Darf man erfahren, wann du endlich etwas besser auf deine Sachen aufpasst? Hast du gesehen, was du angerichtet hast?«
Die Vorübergehenden schauen uns an, bestimmt halten sie uns für Mutter und Sohn. Ich warte auf den Gegenangriff, doch er dreht sich weg und schweigt; wenn er das macht, verbirgt er die Tränen, ich weiß es. Ich betrachte meinen geschienten Finger und würde ihn mir vor Scham am liebsten abschneiden lassen, zusammen mit der Zunge, und beides wie Schnittblumen auf dem Grab meiner Schwester verdorren lassen. Als ich leise Marco rufen will, versagt mir die Stimme. Ich berühre seinen Arm, und er zieht ihn nicht weg, er stößt ihn mir nicht in den Bauch, wie ich es verdient hätte. Ich entschuldige mich, sage, dass ich mit meiner verdammten Angewohnheit, im Dunkeln durch die Wohnung zu tappen, ja selbst schuld bin, jedenfalls ist nichts gebrochen, bloß eine leichte Verstauchung, er soll sich keine Sorgen machen. Ich drücke seinen Arm etwas fester und spüre, wie schmächtig und hart er unter der Daunenfüllung ist.
Einige Minuten bleiben wir noch so stehen, dann gehen wir in stillschweigendem Einverständnis los.
»Wie machst du es jetzt mit dem Fahren?«, fragt er, daran hatte ich noch gar nicht gedacht. »Ich helfe dir, das Steuer zu halten«, bietet er an, »dann kannst du mit der linken Hand schalten.«
Er ist geschickt, wahrscheinlich durch all diese Computerspiele; wir wählen einen längeren Weg, und im Lauf der Kilometer werde ich lockerer, überlasse ihm fast ganz die Kontrolle über das Lenkrad. Auf einmal lacht er, schlägt sich aufs Knie.
»Jetzt wirst du die ganze Zeit mit Stinkefinger rumlaufen«, bemerkt er, »und durch die Schiene fällt es noch mehr auf.« Nacheinander beantwortet er alle meine Fragen von vorher.
»In der Schule hatten wir heute in den letzten Stunden eine Versammlung, die Großmutter hat mir eine Erlaubnis unterschrieben, dass ich früher gehen darf, also bin ich hergekommen, um nachzusehen, wie es dir geht. Die Krankenschwester mit dem Schnurrbart in der Notaufnahme sagte mir, sie müssten dich noch verarzten. Daraufhin habe ich die Großmutter angerufen, heute früh war sie ein bisschen in Sorge um dich.«
Auf der Fahrt überkommt uns eine ungewöhnliche Fröhlichkeit, mir ist sogar, als hätte ich ein bisschen Hunger. Mit einer abrupten Drehung weicht Marco einem Auto aus, das rechts blinkt, aber links abbiegt. Er stößt unwiederholbare Beschimpfungen aus, ganz wie ein alter Hase. Dann, als wir uns Coppito 3 nähern, wird unser Lachen beinahe schrill, gezwungen, unsere Stimmen klingen verzerrt und falsch, während wir versuchen, eine Stimmung aufrechtzuerhalten, die wir nicht mehr fühlen. Wir möchten diesen Augenblick der Unbeschwertheit so gern verlängern, vielleicht, um etwas davon mit nach Hause zu nehmen und mit der Großmutter zu teilen. Doch als Marco die Handbremse anzieht, ist alles zu Ende, wir sind wieder wir selbst.
Oben erzähle ich meiner Mutter, was passiert ist, das Essen steht schon auf dem Tisch. Über unsere zart dampfenden Teller hinweg lese ich in Marcos Augen meine eigene Besorgnis über den Berg offenbar hausgemachter Tagliatelle vor uns. Sie sehen etwas dunkler und dicker aus als sonst, auch rauer.
»Ist das Dinkel?«, rate ich. Ja, Dinkel, seltsam, wir benutzen sonst nie Dinkelmehl. Die Gabel quietscht auf dem Porzellan, als ich versuche, mit der Linken etwas von der Pasta, die einmal zu meinen Lieblingsgerichten gehörte, um die Zinken zu wickeln. Keiner von uns hat je wirklich Lust auf Essen, meine Mutter am allerwenigsten. Sie isst, um mit gutem Beispiel voranzugehen.
7
Im Bus nach Rom höre ich zerstreut meiner Sitznachbarin zu, die am Handy mit ihrem Freund redet. Mit weiblichem Geschick manipuliert sie das Gespräch, legt im entscheidenden Moment auf, dann ruft er wieder an, und sie erhöht den Einsatz. Ich lehne die Stirn an die kalte Scheibe, auf die Regentropfen in der Dunkelheit feine schräge Linien zeichnen. Schnell überqueren wir die Viadukte, in weniger als einer Stunde werden wir da sein. Ich habe nur eine große Umhängetasche dabei, schiebe die linke Hand hinein, um mich zu vergewissern, dass ich die Schachtel mit den Tabletten und die volle Flasche in der Plastiktüte dabeihabe. Diesmal habe ich ein anderes Hotel gebucht als in den vergangenen Jahren, laut Webseite hat es mehrere Ebenen und Hunderte von Zimmern, ich werde das Schild »Bitte nicht stören« an die Tür hängen, und niemand wird bemerken, dass ich das Zimmer nicht verlasse. In unserer Gegend wäre das unmöglich, eine Frau mittleren Alters käme und würde freundlich anklopfen, um zu fragen, geht es Ihnen gut, soll ich Ihnen etwas bringen.
Meiner Mutter habe ich gesagt, dass ich in Rom eine Freundin besuche und übermorgen zum Mittagessen zurückkomme. Bestimmt ist ihr nicht entgangen, dass ich die letzten beiden Male zum selben Datum die gleiche Flucht angetreten habe; fahr nur, hat sie geantwortet, mich aber hinausbegleitet und mir nachgesehen, während ich die Treppe hinabging, wie man jemandem nachsieht, der zu einer langen Reise mit unsicherer Rückkehr aufbricht. Ich habe sie gebeten, Marco von mir zu grüßen, und mir ein Lächeln abgerungen, bevor ich aus ihrem Blickfeld entschwunden bin.
Das Mädchen neben mir teilt demselben Gesprächspartner mit, dass wir um 19.15 ankommen, nicht etwa Viertel nach sieben. Er solle pünktlich da sein, ermahnt sie ihn, um ihr zu helfen, der Koffer sei zu schwer für sie, es seien nur noch zwanzig Minuten. Stimmt, die Leuchtanzeige im Bus bestätigt es.
Morgen ist unser Geburtstag. Der dritte, seither. Ich konnte nicht zu Hause bleiben, das hätte niemandem geholfen. Ihm, der die Mutter verloren, und ihr, die die Tochter verloren hat, habe ich nichts zu geben, ich bringe keinen Trost, meine Anwesenheit würde nur ausdrücken, dass die richtige Person fehlt.
Heute um diese Zeit hatten wir die Fächer im Kühlschrank schon auf zwei reduziert, um für die beiden gleich aussehenden Torten Platz zu schaffen, die ihn ganz ausfüllten, eine oben und eine unten. Für die Creme hatte sich unsere Mutter bei den Bäuerinnen, die ihre Erzeugnisse auf dem Marktplatz verkaufen, frische Kuhmilch und Eier von freilaufenden Hühnern besorgt. Eine alte verwitwete Tante verwahrte einstweilen unsere Alltagslebensmittel, für die kein Platz mehr war; zum Dank würden wir ihr dann eine großzügige Portion Torte vorbeibringen. Ich weiß nicht, ob sie wirklich mit uns verwandt war oder ob wir sie bloß Tante nannten, weil es so Brauch war. Olivia wartete ab, bis sie mit mir und dem Kühlschrank allein war, um sich mit dem Finger etwas von der Mokkacreme zu holen, die sie vom Seitenrand des Bisquits nahm, wo es am wenigsten auffiel. Mit einer Kopfbewegung lud sie mich ein, es ihr nachzutun, und wenn ich Angst hatte, erwischt zu werden, schob sie mir kurz entschlossen ihren verschmierten Finger in den Mund. Dann glättete sie, ebenfalls mit der Hand, die helle Oberfläche, wie ein Maurer eine Unebenheit im Putz behebt. Zur Sicherheit drehte sie die Torte vorsichtig so, dass die ausgebesserte Stelle auf den ersten Blick nicht zu sehen war.
Noch lange blieben wir dabei; auch als wir beide schon jede für sich in L’Aquila wohnten, versuchten wir, mindestens einen Tag vorher ins Dorf zurückzukehren, um gemeinsam in unserem alten Kinderzimmer zu schlafen. Mit der Flasche Moscato, die Papa schon gekühlt für uns bereithielt, zogen wir uns zurück und ließen pünktlich um Mitternacht zum Auftakt des Festes den Korken knallen. Nachdem wir uns einmal im Stehen zugeprostet hatten, wanderte die Flasche, auf den Nachttisch tropfend, von einem Bett zum anderen. Zwischen Gelächter und Bläschen drohten wir schier zu ersticken, wir tranken sonst nie so.
Marcos Geburt bereitete dieser Gewohnheit ein Ende, Olivia kam nicht mehr. Wenn möglich, besuchte ich sie zu Hause, um zu gratulieren, doch unser beider Aufmerksamkeit war ganz auf das Baby mit dem Lockenschopf gerichtet. Als sie dann mit Roberto, der in einem neuen Quintett spielte, nach Rom umzog, blieb von unserem Fest nur noch ein Telefonat. Wir mussten warten, bis sie für ein Wochenende ins Dorf zurückkehrten, dann trafen wir uns alle zu einem Familienessen, das viel üppiger war als gewöhnlich, als müsse es das unterschwellige Gefühl verpasster Gelegenheiten ausgleichen. Dass es nur noch eine Torte gab, wies taktvoll darauf hin, dass unsere Eltern jetzt, da sie Großeltern waren, endlich den Übergang ihrer Töchter ins Erwachsenenalter akzeptiert hatten.
Der Mann am Empfang registriert mich ohne einen einzigen Blick, und ich bin froh darüber. Ich gehe ins Zimmer hinauf.
Die Nacht vergeht irgendwie. Die schweren Vorhänge riechen nach Staub und abgestandenem Rauch, als ich sie so fest wie möglich zuziehe, um bei Sonnenaufgang das Licht auszuschließen, das in den noch geweiteten Pupillen schmerzt wie ein Messerstich. Ich setze mich, zum Nachttisch gewandt, auf das zerwühlte Bett. Beim schwachen Schein der Lampe gieße ich mir aus der Flasche, die ich für mich allein mitgebracht habe, ein Glas Cognac ein und lege daneben in einer Reihe die zehn Tavor-Tabletten auf der Platte aus Kunstholz bereit. Ich spüre den bitteren Geschmack der ersten auf der Zunge, der Schluck Cognac brennt auf der schon so lange abstinenten Schleimhaut, dann spüle ich die nächste runter, wieder mit Cognac, dann noch eine und noch eine, immer gefolgt von dem Schluck, der nie das unendlich große Glas leert. Oder vielleicht habe ich es ein oder zwei Mal nachgefüllt. Meine Speiseröhre steht von oben bis unten in Flammen, mein Magen revoltiert. Ich halte durch. Unterdrücke den Brechreiz durch mehrmaliges trockenes Schlucken. Ich drücke auf den Schalter und wickle mich in die Decken, wieder zum Zwilling geworden, schlafe ich in dieser großen dunklen Gebärmutter meinen vorübergehenden Todesschlaf.
Irgendwann am Abend wache ich auf. Ich weiß nicht, wohin ich kotze. Danach falle ich in einen zweiten stundenlangen Schlaf, aber kürzer. Am Ende knipse ich die Nachttischlampe an und spucke noch etwas Salzsäure auf den Boden zwischen Bett und Teppich. Mein Kopf brummt wie ein wild gewordener Bienenschwarm, allmählich nimmt er den Körper wieder wahr, die Schwäche. Im Bad trinke ich Wasser aus dem Hahn am Waschbecken. Sorgsam meide ich den Spiegel und bleibe lange unter der Dusche, achte aber auf den Verband an meiner verletzten Hand. Dann trockne ich meine fremde, stumpfe Haut ab, eine Zellwüste, wo das Blut noch stockt, die Nerven nur langsam reagieren. In dem einen Tag Schlaf ist der Organismus auf ein zentrales pulsierendes Klümpchen geschrumpft, ein kleiner Kern verdichteten Lebens, von dem aus sich nun eine Welle noch vorhandener Wärme wieder bis an die blasse, erloschene Oberfläche fortpflanzt. Das Gewebe macht sich bereit, Nahrung zu empfangen, der Kreislauf kommt wieder in Gang. Ich wehre mich nicht.
Ich ziehe die Vorhänge auf. Die Zeit, die ich verlieren wollte, ist schon Gestern. In einem länger zurückliegenden Gestern habe ich meiner Mutter geholfen, Olivia zu waschen und anzukleiden. Zuerst war noch jemand bei uns in dem eisigen Raum, eine verschwommene Gestalt im Hintergrund vor der weißen Wand, bestimmt eine Frau, ich weiß nicht, wer. Dann muss sie hinausgegangen sein; als sie begriff, dass wir im Augenblick die Kraft gefunden hatten für das, was getan werden musste, hat sie uns allein gelassen. Niemandem hätten wir erlaubt, sich um Olivias nackten Körper zu kümmern, um ihre ungeschützten Öffnungen, den zerquetschten Brustkorb. Sie leistete uns passiv Widerstand, mit mineralischer Starre. Grobkörniger Staub bedeckte vor allem ihre Hände und ihr unversehrtes Gesicht, wie ein schwerer Puder für einen grausamen Karneval. Ihre Haare konnten wir nicht waschen, wir haben nur den trockenen, bröselnden Schmutz vorsichtig herausgeschüttelt. Zuletzt war sie schön, wir haben sie angeschaut und geküsst, ich einmal, auf die Stirn, und ihre Mutter wieder und wieder, auf die Füße, die Hände, die Wangen und den Kopf, während sie sie streichelte. Erst da hat sie geweint, nicht vorher, während sie sie zurechtmachte. Sie hat lange zu ihr gesprochen, an die Worte erinnere ich mich nicht.
Olivia war bereit für die Begegnung mit Marco. Auch daran erinnere ich mich nicht, oder vielleicht bin ich hinausgegangen.
In letzter Minute habe ich ihr eine Strähne abgeschnitten, hinten im Nacken, sonst hätte sie mir nie verziehen. Ich habe sie eingesteckt und bewahre sie in einem Schächtelchen aus geblümtem Papier auf, das ich ab und zu öffne, um nachzusehen, ob wenigstens diese Locke die Zeit, die sie von ihr trennt, unverändert überdauern kann. Die einzige erkennbare Veränderung ist bisher, dass die Haare ein wenig spröder und stumpfer wirken; wenn man sie mit Daumen und Zeigefinger befühlt, merkt man den Unterschied sofort. Sie sind nicht ans Leben angeschlossen.
Ich trete hinaus in dieses eherne Licht des frühen Morgens. Den restlichen Cognac werfe ich in die Mülltonne, nicke dem Mann in der Bar zu, der mir nach einem prüfenden Blick einen starken Espresso vorschlägt. Er serviert ihn in einem dieser dickwandigen Tässchen, die ich mir auch für zu Hause gekauft hatte, das Erdbeben hat sie fast alle zertrümmert. Daneben legt er drei kleine Hefeteilchen, die ich brav aufesse. Ich zahle und verabschiede mich mit einer Handbewegung; an der Tür wird mir klar, dass ich kein einziges Wort gesprochen habe. Ich gehe Richtung Stazione Tiburtina.
An einem Stand, der gerade am Bürgersteig aufgebaut wird, halte ich inne, in den Kartons liegen alte Comics. Der Mann hat einen Packen mit Dylan-Dog-Bänden geöffnet und legt sie in die erste Reihe. Spontan rufe ich Marco an, der um diese Zeit wahrscheinlich seine Milch trinkt. Auf meine Frage zählt er mir verblüfft die Nummern auf, die ihm fehlen, und ja, der Großmutter geht es gut, wir beenden das Gespräch rasch, er ist schon etwas spät dran. Drei davon finde ich, so ein Glück, und in der Tasche wiegen sie weniger als der Cognac. Jetzt muss ich mich beeilen, die Beine bestehen die Prüfung.
Auf dem Rückweg ist der Bus halb leer, ich sitze sehr weit hinten am Fenster, doch das schützt mich nicht vor der Bekannten, die einsteigt und beschließt, sich neben mich zu setzen. Sie fängt an zu reden, fragt nach meinem bandagierten Finger und erzählt, wann sie in die Hauptstadt gekommen ist und wozu und wie. Nach einer kurzen Pause will sie das Gleiche von mir wissen. Ich antworte nicht sofort, blicke hinaus auf die vorbeiziehende römische Campagna, dann bitte ich um Verzeihung, ich muss mich weiter nach vorn setzen, die übliche Autoübelkeit. Selbstverständlich, selbstverständlich, und sie hat nicht den Mut, mir zu folgen.
Der Fahrer verlangsamt, um in L’Aquila West abzufahren, an der Mautstelle wabert der leichte Nebel einer unfruchtbaren Jahreszeit. Die Stadt bietet den Heimkehrenden keine Sehenswürdigkeiten, sie nimmt uns wieder auf und fertig; es schnürt mir die Kehle zu, dass sie mich mit kreuz und quer verlaufenden Rissen an den Häuserfassaden, fehlenden Stockwerken, um ihre eigene Achse gedrehten Pfeilern empfängt. Freiwillig kehre ich an den Ort zurück, der meine Schwester ermordet hat.
8
Marco kommt mürrisch nach Hause, wirft seinen Rucksack hinter die Tür und geht ins Bad, wobei die Hosenbeine seiner Jeans aneinanderreiben. Er war zum Mittagessen und Lernen bei einem Freund, der Großmutter hatte er Bescheid gesagt. Als er dann ins Wohnzimmer tritt, wirft er aus Versehen mit dem Ellbogen meine Handtasche herunter, die auf einem Schränkchen steht. Mit spitzen Fingern, wie einen Wurm, hebt er sie auf und stellt sie wieder hin. Jedes Mal, wenn er mit den Armen, den Beinen oder einer Kante seines Körpers die imaginäre Blase durchstößt, die ich um ihn gezogen habe, passiert ihm ein Missgeschick. Er ist so schnell gewachsen, ist noch nicht an seine Länge gewöhnt, muss noch die Maße verinnerlichen, um nicht in der Welt anzuecken. Ich gebe ihm die in Rom gekauften Comics; nervös nimmt er sie an sich und legt sie irgendwohin, ohne sie überhaupt anzuschauen. Merkwürdig, als ich ihn heute Morgen am Telefon nach den fehlenden Nummern gefragt habe, schien er sich zu freuen. Doch was konnte ich anderes erwarten, nach gestern? Auch an diesem Geburtstag habe ich ihn wieder allein gelassen.
Nun sitzt er mir bei Tisch wie gewohnt gegenüber. Meine Mutter hat schon vorher gegessen und ist zu einer Messe für das Seelenheil der Erdbebenopfer gegangen. Sie versucht gar nicht erst, uns zu fragen, ob wir mitgehen. Also habe ich ihn direkt vor mir, mit abgewandtem Blick, den Kopf über den bunten Teller gesenkt. Aus seiner Ferne wirft er mir eine Frage zu.
»Warum hat das Erdbeben manche Stadtteile zerstört und andere fast unversehrt gelassen?«
»Wie meinst du das?«, erwidere ich ausweichend, erschreckt über seine Direktheit. Dieses Thema hatte er noch nie angeschnitten.
»Ich meine, dass in der Via xx Settembre die Häuser eingestürzt sind und dabei alle diese Studenten umgekommen sind. Auch noch andere, wie Mamas Zahnarzt. In der Via Strinella, die die Fortsetzung ist, hat es nur ganz wenige Schäden gegeben. Dort wohnt Rash, mein Klassenkamerad.«
»Es hängt davon ab, wie gebaut wurde, von den verwendeten Materialien. Sie haben minderwertigen Stahlbeton genommen, mit wenigen, glatten, zu dünnen Eisenstreben. Und man kann die Verantwortlichen nicht einmal mehr verklagen, denn die sind inzwischen an Altersschwäche gestorben. Außerdem hat eine geologische Untersuchung ergeben, dass sich in der Via XX Settembre Abraum unter den Gebäuden befindet, ein besonders ungeeigneter Untergrund«, erkläre ich und trockne mir mit der Serviette die Hände ab, die sofort schweißnass geworden sind.
»Was bedeutet das?«
»Dass Erde aus der Umgebung hier abgeladen worden war, als man dort Gruben für die Fundamente von Neubauten ausgehoben hat. Logisch, dass so ein Boden bei einem Erdbeben keinen fünf- bist sechsstöckigen Wohnblock aushält.«
»Und in der Altstadt?«, bohrt er nach.
»Viele Häuser haben nicht standgehalten. Früher waren die Renovierungen nicht erdbebensicher«, erkläre ich weiter, während ich das liegen gebliebene Fleisch betrachte, das auf meinem Teller kalt und hart wird.
»Warum ist unser Haus eingestürzt?« Der Ton wird schärfer, und ein paar Speichelspritzer treffen mein Gesicht.
»Ich weiß es nicht. Deine Mutter und ich haben einem erfahrenen Ingenieur vertraut, der nach den ersten Stößen zur Inspektion vorbeikam, sowohl bei euch wie bei mir. Auch im Dorf bei der Großmutter. Er hat uns garantiert, dass wir in Sicherheit seien.« Unbehaglich rutsche ich auf dem Stuhl hin und her.
»Wer ist dieser Arsch?«, schreit er, und seine seit kurzem erwachsene Stimme kippt in ein lächerliches Falsett.
»Beruhige dich. Das ist doch jetzt egal, ich wüsste überhaupt nicht, wo ich ihn suchen sollte …«, antworte ich, ohne auf seine spuckende Wut einzugehen.
»Ach ja, egal?! Auch bei Rash hatten sie kontrolliert und gesagt, es bestünde keine Gefahr, aber dort ist das Haus nicht eingestürzt! Vielleicht haben sich seine Eltern nicht an dasselbe Genie gewandt wie ihr!«, keucht er anklagend.
»Warum legst du dich mit uns an? Es gab keinen Einzigen, der dieses Erdbeben vorhersehen konnte! Marco, die Experten der Risiko-Kommission hatten die gesamte Bevölkerung beruhigt, und dafür sind sie jetzt verurteilt worden. Niemand von uns konnte sich vorstellen …« Und ich breite hilflos die Arme aus.
»Na klar, natürlich nicht! Und jetzt weiß auch niemand was. Von allen diesen Scheißkerlen, die was von Abraum faseln, weiß keiner, warum ein Haus eingestürzt ist und das andere nicht!« Er zappelt unter dem Tisch, und wir stoßen mit den Füßen zusammen, ein leichtes Zittern überläuft seine trockene, blutleere Unterlippe. Ich brauche nicht viel Einfühlungsvermögen, um zu begreifen, dass er seinen Freund Fabio, genannt Rash, nicht um die heile Wohnung beneidet, sondern um seine Mutter, die noch am Leben ist.
Er hat den Haarvorhang wieder fallen lassen, doch bald hebt er den Blick vom Salat, den er seit zehn Minuten auf dem Teller hin und her schiebt, und sagt brüsk: »Du sollst morgen in die Schule kommen.«
Die Klassenlehrerin fordert mich auf, ihr ins multimediale Klassenzimmer zu folgen. Ich gehe im Rhythmus ihrer klappernden Absätze, gehüllt in ihr zu starkes Parfüm. Sie zeigt mir die zwei von Marco geknackten Computer, sie sehen aus wie ganz, lassen sich aber nicht mehr anschalten, er hatte an ihnen gearbeitet. Ein Techniker hat sie schon überprüft, der Schaden lässt sich nicht mehr beheben. Sie waren fast neu, gespendet von ich verstehe nicht genau wem nach dem 6. April von vor drei Jahren. Sie erläutert mir ausführlich, wie schlimm das für die Schule ist, angesichts des chronischen Mangels an Mitteln.
»Sind Sie wirklich sicher, dass es mein Neffe war?«, frage ich, und prompt zieht sie ein Handy aus der Handtasche und hält mir ein Video des Sabotageakts unter die Nase. Gedreht von einem Klassenkameraden, der dann, wie alle anderen vom Direktor unter Druck gesetzt, den Beweis geliefert hat. Feigling, denke ich zu laut, die Lehrerin hört es und sieht mich streng an.
Wir haben uns einander gegenüber an einen Schreibtisch gesetzt, sie umfasst nun den Rand wie mit einer Schraubzwinge, die Daumen auf der Unterseite der Platte. Ich konzentriere mich auf die vom morgendlichen Eincremen weichen Finger, auf die verschiedenen Ringe, die hell, beinahe fleischfarben lackierten Fingernägel ohne das kleinste Nagelhäutchen. Sie hat nie in Trümmern gegraben, vermute ich. Sie spricht über den Jungen, immer mit dem Kopf in den Wolken, schade, er ist so intelligent, aber das hätten sie ihm nie zugetraut. Dann wechselt sie den Tonfall, beugt sich mit ihrer untadeligen Frisur zu mir herüber, wird mütterlich, mitfühlend, und sagt: »Ich verstehe Ihre Situation.«
»Welche Situation verstehen Sie?«, frage ich, und sie verhaspelt sich, einen Augenblick aus dem Konzept gebracht, bevor sie wieder in ihre Rolle schlüpft.
»Die familiäre Situation, Signora«, verrät sie mit leiserer Stimme, als säßen im Schränkchen mit dem Feuerlöscher Spione, die uns belauschen. »Nur deshalb haben wir beschlossen, Marco mit Anwesenheitspflicht zu suspendieren.«
In ihrem beinahe selbstgefälligen Blick lese ich ihre Sicht auf einen fremden und fernen Schmerz.
»Bemühen Sie sich nicht um Verständnis«, erwidere ich, schon im Stehen. »Schicken Sie mir einfach die Rechnung über den Schaden.«
»Wie Sie meinen. Sie hätten sowieso nicht zu erscheinen brauchen.« Es ist ihr abschließender Dolchstoß. »Wir haben den Vater einbestellt.«
»Ich bin gekommen, weil Marco mich darum gebeten hat«, stelle ich klar.
Eine letzte Frage, ich will genau wissen, wann es passiert ist. Vorgestern, wie ich erwartet habe, an dem Tag, dem ich mich seit drei Jahren verweigere. Während ich anderswo meinen künstlichen Schlaf schlief, hat Marco sich hier arrangiert, so gut er konnte.
Lasch drücke ich mit der Linken die Rechte, die die Lehrerin mir hinhält; diesmal gehe ich voraus, höre hinter mir ihre Absätze klappern und erspare mir das Parfüm. Draußen vor dem Behelfsbau warte ich in der kränkelnden Sonne auf Marco, es ist kurz vor Schulschluss. Als er herauskommt, sieht er mich sofort, nähert sich, sucht meinen Blick, der streng ist, ich hatte seine Augenfarbe schon fast vergessen. Beinahe zitternd murmelt er ein kaum hörbares Ciao, die Klassenkameraden wenige Schritte hinter ihm schauen uns besorgt an.
»Gehen wir, der Wagen steht da hinten«, informiere ich ihn knapp.
Im Auto dreht er sich halb zu mir, fahren tue ich allein. Ich erkenne an seinem angestrengten Atem, dass er sich aufs Sprechen vorbereitet, es aber nicht schafft. Ihn so leiden zu sehen ist unerträglich, ich fahre langsamer und frage: »Marco, was ist los?«
»Wirst du es meinem Vater sagen?«, flüstert er. »Wirst du es der Großmutter sagen?«
»Der Großmutter sage ich nichts, und deinem Vater auch nicht, ich telefoniere selten mit ihm. Allerdings weiß ich, dass die Schule ihn angerufen hat.«
Er seufzt, setzt sich wieder gerade hin, und wir sind zu Haus. Ich stelle den Motor ab, er berührt mich am Arm und haucht: »Es wird nicht mehr vorkommen.« Dann plötzlich: »Aber lass ihn den Schaden bezahlen«, damit steigt er aus und knallt die Tür zu.
Noch vor mir sieht er die Nachbarin, die bei dem Erdbeben ihr Kind verloren hat. So dünn und kraftlos, wie sie ist, schafft sie es nicht, mit dem Fuß den Hebel herunterzutreten, um den Müllcontainer zu öffnen. Marco hilft ihr, nimmt ihr den Abfall ab und wirft ihn hinein.
Pulsuz fraqment bitdi.