Kitabı oxu: «Liberté am Blomenhof»
Inahltsverzeichnis
Prolog
Heiraten oder a gschlamperts Verhältnis
Projekt Blomenhof
Die Recherche beginnt
Mit der Angel auf Schatzsuche
Aus dem Leben der Annamirl Gailer und ihres Gatten Johannes Gailer juniorSommer 1796
Einblicke in die Tiefen der Oberpfalz
Unaussprechliches
Durchhalten
Katzen, Mittagessen und der Bürgermeister
Entscheidungen
26. November 1796
Ein Feriengast
Das Herz verloren
Pflegenotstand ganz privat
Gesundheitsprogramm
Stallgeschichten
Starke Frauen in der Oberpfalz
Annamirl, Zuckerbirl, gäihst mit mir in d´Schläia
Fröhliches Schnapsbrauen
Eine Idee
Ein guter Tag mit unangenehmem Ende
Schlienfoan in Voggadoi und Hannes´ Vision
Suche nach Sinn und Problemlösungen
Versäumtes nachholen
Geschenke und Chaos in der Küche
Das Ende?
Die Schritte eines Siegers
Regensburgs Einnahme am 24. April 1809
Spezielle Gäste kommen
Kathis Reise in die Vergangenheit
Noch ein Besuch
Ausflüge zurück
Hoch hinaus und zurück zu den Wurzeln
Vernunft, Gefühle und Erklärungen
Die Wahrheit kommt ans Licht
Alte Knoten lösen sich
Spätherbst 1811
Glücksmomente
Annamirls Schwangerschaft
Der Beweis: Er war da!
30. April 1812
Der Weg beginnt mit dem ersten Schritt
Eine Mutter für ein totes Kind
Das neue Kind im Haus
Selbstliebe lernen
Napoleon II.
Wirkung mit Neubeginn
Wie das Manuskript entstand und in den Backofen kam
Klare Kommunikation
Die wilden Kerle von Litzldorf
Zurück auf Anfang
Epilog
Glossar
Vollständige e-Book Ausgabe 2021
»LIBERTÉ am BLOMENHOF«
Copyright © 2021 RICCARDI-Books
ein Imprint der Spielberg Verlagsgruppe, Neumarkt
Dialektische Überarbeitung: Prof. Ludwig Zehetner
Umschlaggestaltung: © Ria Raven, www.riaraven.de
Bild Blomenhof: © Stadtarchiv Neumarkt i. d. Opf.
Bildmaterial: © shutterstock.com
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung
können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
(e-Book) ISBN: 978-3-98677-422-6
www.spielberg-verlag.de
Vitas
Doris Distler wurde 1963 in Neumarkt in der Oberpfalz geboren. Um ihren Kindheitstraum – Geschichten schreiben – zu realisieren, wurde sie Redakteurin bei verschiedenen Medien. Sie machte sich als freie Journalistin selbständig und spezialisierte sich auf Möbel, Medizin und alternative Heilmethoden. Nach Stationen in Nürnberg, Bamberg und München kehrte sie zurück zu den Wurzeln und lebt heute mit ihrem Lebenspartner und zwei Katzen in Litzlohe bei Neumarkt.
Frank Präger wurde 1961 in Fürth/i.Bay. geboren, wohnhaft in Cadolzburg im Landkreis Fürth. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Erlangen folgte eine Promotion in Fränkischer Landeskunde und Bayerischer Geschichte. Einer mehrjährigen Tätigkeit als freiberuflicher Historiker und Genealoge folgte im Oktober 2000 die Anstellung als Leiter des Stadtarchivs Neumarkt mit einem Wechsel des Wohnortes und eine Ausbildung zum Diplomarchivar an der FH Potsdam. Als Autor und Herausgeber wissenschaftlicher Bücher und Aufsätze betritt er mit diesem fiktionalen Werk erstmals Neuland.
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,
wir freuen uns, dass Sie sich für dieses Buch entschieden haben und danken für Ihr Vertrauen!
Ein ausgeglichener Lesestatus ist von großer Bedeutung für die Gesundheit. Vitamin L/B (Lesen/Buch) ist nicht nur wichtig für das Training von Augen und Gehirn, sondern auch für ein Lachen hin und wieder, eine nachdenkliche Minute des Schweigens – einer Art Meditation für die Neuronen – und einer guten Möglichkeit des Rückzugs aus dem Alltag. Und genau dies soll das vorliegende Buch bewirken: Eintauchen in eine andere Welt, die ganz individuell vor Ihrem geistigen Auge entsteht, in der Sie ganz persönlich mitleben, mitleiden und mithoffen können.
Hinweis zur verständlichen Handhabung:
Dieses Buch ist teilweise in oberpfälzischem Dialekt verfasst, weil es die Handlung des Buches erfordert. Wir wissen, dass dieser bayerische Hochdialekt sehr anspruchsvoll zu lesen und zu verstehen sein kann. Für ein leichteres Verständnis empfehlen wir Ihnen, unverständliche Textpassagen laut zu lesen. Aus dem Klang können Sie oftmals hören, was damit ausgesagt wird. Außerdem haben wir an das Ende des Textteils ein Glossar angefügt, in dem Sie in alphabetischer Auflistung unverständliche Wörter finden können.
Für Dialekt-Liebhaber:
Um die oberpfälzische Aussprache richtig zu Papier (oder in das elektronische Lesegerät) zu bringen, bemühten wir Professor Zehetner aus Regensburg um seine Überarbeitung. Deshalb wurde aus dem (verbreiteten) Maßkrug auch ein Masskrug. Wir gestehen aber, dass wir manche Wörter aus Gründen der Verständlichkeit und besseren Lesbarkeit etwas abgeschwächt haben.
Quellennachweis:
›Napoleon starb in Neumarkts St. Helena‹,
01.04.2015, Neumarkter Nachrichten
Dosierungshinweise
Nehmen Sie immer so viel (Lese-)Stoff in sich auf, dass es sich gut für Sie anfühlt.
Nebenwirkungen
Dieses Buch kann Ihre Fantasie anregen und für bunte Träume sorgen; es kann bei sehr lebhaftem Vorstellungsvermögen eine große Sehnsucht nach einer Einkehr in die heutige Gaststätte Blomenhof oder in einen anderen Biergarten Ihrer Wahl auslösen; es kann Gelüste nach Bier oder einem hausgebackenen Brot mit kracherder Kruste hervorrufen, es kann den Traum vom Leben auf dem Land befeuern, es kann anregen zu eigenen geschichtlichen Forschungen und vielem mehr. Noch sind nicht alle Auswirkungen des Produkts erforscht.
Gegenanzeigen
Dieses Produkt sollten sie sich nicht zuführen, wenn Sie
– Wahrheitsfanatiker sind,
– akribisch genauer Geschichtsforscher sind,
– ein todernstes Naturell haben,
– die Oberpfalz nicht mögen,
– versäumte Geschichtsstunden wettmachen wollen,
denn das vorliegende Buch zeichnet sich durch bemerkenwert undifferenziertes, unvollständiges und fantasievolles Geschichtswissen aus. Es ist nicht geeignet, Coronabedingten Geschichtsstundenausfall zu kompensieren, aber es ist hervorragend geeignet, Coronabedingte Schwermut aufzulösen.
Wichtige Hinweise
Legen Sie keinen Wert auf die Richtigkeit der dargestellten historischen Abläufe! Legen Sie keinen Einspruch wegen geschichtlicher Fehler ein, sie sind nun nicht mehr zu ändern. Die Wahrheit fasst vielleicht ein anderer Hersteller exakter zusammen, das wird die Zukunft zeigen.
Die dargestellten Personen sind teilweise frei erfunden, teilweise unverschämt frech zitiert, aber verfälscht.
Wahr ist, dass der Kern jeder Geschichte immer die Liebe ist.
Danke
– an Frank für geniale Ideen und Wendungen in der Geschichte, für humorvollen, geistsprühenden und seelenverwandten Austausch (auch wenn er als Wissenschaftler so etwas nicht gerne hört), für gute Ideen, wenn sie mir ausgingen, für seine Geduld, wenn meine abhanden gekommen war, für inspirierende Besprechungen bei Blomenhof-Bier und für die Öffnung seiner geheimen Welt im Stadtarchiv,
– an Herrn Windmeißer vom Spielberg-Verlag, der das Potenzial der Geschichte auf Anhieb erkannte,
– an Reny als meine erste Testleserin und Oberpfälzisch-Beauftragte,
– an ›Dialektpapst‹ Professor Ludwig Zehetner für sein fachkundiges Mitwirken,
– an Barbara Röll für ihr Hebammenwissen,
– an Angelika, Gitti und Patrick für aufmunternde Worte und manchen hilfreichen Ouzo oder Schlehenschnaps,
– an die Litzldorfer ähm Litzloher für ihr geradliniges, klares, humorvolles, liebenswürdiges Wesen, das sehr inspirierend wirkt,
– an Landrat Willibald Gailler, der glücklicherweise viel Humor besitzt,
– an Erika, meine spirituelle Inspiration,
– an Gerlinde für das Testlesen, vor allem der Dialekt-Stellen, und für die vielen guten Plätzla als Nervennahrung zum Durchhalten
– und danke an Thomas, der die schweren Geburten im vorliegenden Werk, vor allem bei den Zwillingen, miterlebte, viele abwesende Blicke als Antworten erntete und dennoch die wichtige Lektoratsarbeit übernahm, bei der allerdings manches Mal die Diskrepanz zwischen den Bayern und den Preißn deutlich wurde.
Prolog
Was macht das Leben eines Menschen aus? Ist es sein Hab und Gut? Seine Wünsche und Träume? Seine Seele? Sein Herz? Oder sind es die großen Ziele, die er sich steckt und vielleicht erreicht?
Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat eine Bedürfnispyramide entwickelt. Ganz unten an der Basis stehen Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, also die Grund- oder Existenzbedürfnisse. Gleich danach folgt Sicherheit und schließlich Sozialbedürfnisse, also das Miteinander innerhalb einer Gruppe. Wenn nicht gerade eine alles umwerfende Pandemie wütet, können wir diese drei Bedürfnisbereiche meist ganz gut erfüllen.
Es folgen die Bereiche Anerkennung/Wertschätzung und schließlich Selbstverwirklichung. Dies ist die höchste Stufe menschlichen Seins. Wer dies für sich verwirklicht, kann sich glücklich schätzen.
Bei all dem sollten wir nicht vergessen, wie wir so weit kommen konnten oder können: Es ist die Leistung der Menschen, die vor uns lebten, der wir Neuerungen und Lebenserleichterungen, gemachte Erfahrungen und Weisheiten verdanken. Das Nachforschen in der Geschichte unserer Vorfahren kann also sehr erhellend für unser eigenes Tun und Leben sein. Und aus der Geschichte kann und sollte die Menschheit vieles lernen.
Üblicherweise ist die Geschichte unserer Ahnen aufgeschrieben. Oft liegt sie aber auch im Dunkel. Gerade die uns vorausgehende Kriegsgeneration beschloss, über die unsäglichen Erlebnisse in Deutschland zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs nicht zu sprechen, als würde damit das Geschehene ungeschehen gemacht. Nicht zufällig leiden so viele alte Menschen an Demenz. Sie wollen vergessen. Und sie haben oft allen Grund dazu.
Es gibt aber auch Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich (noch) nicht wissenschaftlich erklären lassen: Warum fällt jemandem eine Fremdsprache ganz besonders leicht? Weil er früher schon einmal im Land mit dieser Sprache gelebt hat? Warum fühlt sich jemand zu einem Ort ganz besonders hingezogen? Weil er dort schon einmal etwas Besonderes erlebt hat?
Dies zu klären ist mindestens ebenso spannend wie das Forschen in der aufgeschriebenen Geschichte.
An beidem arbeiten wir beide schon sehr lange. Dr. Frank Präger als promovierter Historiker findet seine Erfüllung im Aufspüren der Vergangenheit auf wissenschaftlicher Basis. Doris Distler befasst sich seit langem mit sogenannten esoterisch-spirituellen Themen, die das Leben an sich und im Einzelnen erklären.
Und immer steht am Ende eines: Die Suche nach der »Wahrheit« – sofern es nur eine einzige Wahrheit gibt.
Aber urteilen Sie selbst, für wie wahr Sie die nachfolgenden Ereignisse halten.
Heiraten oder a gschlamperts Verhältnis
Der schwarze Polo steuerte zielgerichtet zur Burg Morgenberg im fränkischen Land.
»Hoffentlich hom mia des bald überstanden,« stöhnte Kathi.
»Warum? Du hättest ja nicht mitgemusst,« erwiderte Friedrich trocken.
»Was?! Des sagst du etz???« Kathi riss ihre großen Augen noch ein Stück weiter auf und sah ihren Lebensgefährten irritiert an.
»Ich habe dir doch gesagt: Überlege dir, ob du Lust darauf hast.«
»Naa, des host du niat gsagt!« Kathi war erschüttert.
Konnten sie sich so missverstanden haben?
»Ja klar, hab ich dir das gesagt. Wenn du magst, bestellst du dir das Essen vor, habe ich gesagt.«
»Des hoaßt owa niat, dass i niat mitg´mäisst hätt! Und des Essen vorbestellen, woar ja klar, wenn i mitkumma sollt!«
»Aber ich habe damit gemeint, dass du nicht unbedingt mitkommen musst,« erwiderte Friedrich abschließend. »Du bist doch dein eigener Mensch und kannst tun und lassen, was dir gefällt.« Er nahm seine rechte Hand vom Lenkrad, griff nach der Hand von Kathi und drückte diese sanft. »Und ich weiß ja, dass du zu den beiden keinen Bezug hast.«
Da sie das marsianisch-venusische Kommunikationsproblem nicht mehr lösen würden und es jetzt, fünf Kilometer vor dem Ziel, eh keinen Sinn mehr hatte, darüber zu diskutieren, wechselte Kathi das Thema: »Wann willst´n du hoam? Um fünfe rum?«
Jetzt war es an Friedrich, ihr einen entsetzten Blick zuzuwerfen.
»Nein, erst nach dem Abendessen, so ab acht.«
Kathi seufzte hörbar, da bogen sie schon in die Ortschaft Morgenberg ein. Jetzt gab es wenigstens schönere Eindrücke als Autobahn-Baustellen und Sandwälle am Straßenrand. Die kleinen fränkischen Ortschaften sahen schon schnuckelig aus mit ihren Fachwerkhäusern. Das gab Kathi sogar innerlich zu, obwohl sie seit ihrer früheren Ehe mit einem Nürnberger einen heftigen Widerstand gegen Franken, vor allem aber gegen Eingeborene der mittelfränkischen Metropole entwickelt hatte. Wenn heute jemand sagte, dass er nach Nürnberg ziehen möchte, sah Kathi diesen Menschen immer skeptisch an und erklärte ihm dann, dass alle Vorurteile gegen Nürnberger, die man in der Oberpfalz hörte, meist berechtigte Aussagen seien.
Doch nun ließ sie sich von dem Örtchen verzaubern. Morgenberg war nicht Nürnberg und sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Franken aus anderen Gegenden durchaus umgängliche Menschen sein konnten.
Kathi war bewusst, dass sie sich ab jetzt in Gelassenheit üben musste, wenn sie die nächsten Stunden unbeschadet überstehen wollte. Immerhin würde sie gleich unter lauter Sachsen, Vogtländern und Thüringern sein. Mit letzteren hatte Kathi ja gute Erfahrungen, weil ihre Nachbarin Astrid, eine Thüringerin mit ihren zwei Siamkatzen, eine gute Freundin geworden war.
Sogar einen Parkplatz fand Friedrich knapp unterhalb der Burg. So ersparten sie sich einen mühsamen Aufstieg in der Gluthitze des 17. Juli 2017, an dem offensichtlich etliche Paare heirateten, weil die Schnapszahl so schön war. Auch am Burgberg entdeckte Kathi noch eine Braut – eine andere als »ihre«.
Dabei ließen sich 50 Prozent der Paare solcher Schnapszahl-Hochzeiten wieder scheiden, wie Kathi wusste. Sie hätte sich ja auch ganz gerne von ihrem Friedrich heiraten lassen, als Zeichen von ihm, dass er zu ihr stand und dass sie zusammengehörten. Aber er weigerte sich hartnäckig. Bereits zweimal hatte Friedrich die Erfahrung des Heiratens hinter sich, Kathi nur einmal. Friedrich war der Meinung, er führe lieber eine gute Beziehung, die hält, als zu heiraten. Da war etwas dran, wenn sie es recht überlegte.
Na dann auf zur Hochzeit des Jahres! motivierte Kathi sich innerlich selbst beim verbleibenden kurzen Anstieg zur Burg. Da kam ihnen auch schon »ihre« Braut entgegen: »Nu gucke do, wer do gommt! Nu da voorn glei links im Rosengaaden sin wia!« Und weg war sie wieder. Kurz zuvor hatte Mandy ihren Ronny auf der frängggischen Burg Dannberg geheiratet vor einem Standesbeamten, der jedes D und T als Doppel-T mit leicht spuckend-zischender Anmutung ausgesprochen hatte. Die Rede des frängggischen Standesbeamten war nullachtfünfzehn gewesen und Kathi hatte immer auf den Höhepunkt gewartet – der aber nicht kam. Dennoch war das Brautpaar immens ergriffen gewesen.
Wie verlogn des alles is! Und nur, um die Erwartungen von andern zu erfülln und des alte Bild von der Ehe aufrecht zu haltn, war Kathi während der Zeremonie durch den Kopf gegangen. Und vielleicht um drei Euro an Steuern zu sparn. Und des mit der Absicherung is ja inzwischen aa vom Staat verschlechtert wordn, also is Heiraten inzwischen a einzige Farce. Mit viel Selbstdarstellung vo Braut und Bräutigam, für die aber ihr »schönster Tag des Lebens« a Riesen-Anstrengung is und Unsummen an Geld verschlingt, hatte die Oberpfälzerin ihre Überlegungen abgeschlossen. Kathi hatte plötzlich das Gefühl, ganz klar zu sehen.
Dann war das Brautpaar beim Tauschen der Eheringe vor dem Standesbeamten gewesen. Die symbolträchtigen Schmuckstücke wollten in der Hitze nicht mehr passen. Beide hatten sich sehr abgemüht, bis sie endlich nach einem beringten Ehepaar ausgesehen hatten. Schließlich hatten der hypernervöse Bräutigam und die vor Tränen zerfließende Braut gegenseitige Liebeserklärungen vorgelesen, während der sich der Bräutigam in noch größere Nervosität hineinzitterte und die Braut in Tränen aufgeweicht mit zuckenden Schultern dastand. Auch die Mütter hatten sich solidarisch dem großen Weinen angeschlossen.
Danach hatte die polnische Fotografin die Hochzeitsgesellschaft herumgescheucht, damit »einmaligge Fottos« entstehen würden mit einmal links ums Brautpaar herum drapierten Menschen, einmal rechts herum, dann von einer Treppe herunterkommend und in kleinen Grüppchen.
Als die Gruppenbilder abgeschlossen waren, begann die Fotografin mit den Fotos des Brautpaares solo und alle mussten noch einmal warten. Die Lücke nützte Kathi, um aufs Klo im ehemaligen Verlies zu gehen. Es war einfach und alt, aber sauber dort. Sie sah zufrieden aus, als sie aus der Verlies-Tür zurücktrat in den Burghof. Beim Anblick der Hochzeitsgesellschaft wich die Zufriedenheit einer Beklemmung. Wie gerne wäre Kathi jetzt abgereist!
Friedrich hatte inzwischen eine frühere Arbeitskollegin getroffen, sie unterhielten sich gerade. Kathi steuerte beide an und hörte einen bösen Sprachfehler von der Kollegin, die sich als Jacqueline vorgestellt hatte. Das »S« klang in ihren Erzählungen wie ein »sch« und das »r« eher wie ein »w«. Kathi musste gerade an Pontius Pilatus und dessen berühmten Freund Schwanzus longus aus dem Film »Das Leben des Brian« denken: »Werpft den Purschen zu Poden!« war ihr eingefallen und sie hatte sich grinsend wegdrehen müssen, dann hörte sie die laute Anweisung: »Jetzt alle losfahren!«
Also hatte sich die Hochzeitsgesellschaft zu den Autos in Bewegung gesetzt. Friedrich war nach seinem ganz eigenen Plan im Kopf losgefahren und hatte irgendwann die Autos der Hochzeitsgesellschaft mit 120 Stundenkilometern auf der Autobahn überholt. Die Gäste hatten sich alle brav hinter dem Brautauto eingereiht und waren mit 80 über die Autobahnen gezuckelt. Später sollte der Bräutigam die Geschwindigkeit von Friedrich als »Rasen in einem Höllentempo« bezeichnen, aber da hatte Kathi schon abgeschaltet und sich nicht mehr weiter über Aussagen des Bräutigams gewundert, der sich auch zu später Stunde noch nicht beruhigen konnte.
Nun ging es also in den Rosengarten. Rosenblüten konnte Kathi nicht entdecken in dem kleinen grünen Areal, aber da standen Tische und Bänke, die eingedeckt waren, das musste es also sein.
Sie suchte sich einen Platz am Rand eines Pavillons, der zwar vor der brutalen Sonne abschirmte, unter dessen Dach sich aber die Hitze staute. Dennoch ließ sie sich stöhnend auf die Sitzbank fallen. Die Freundin eines – natürlich ebenfalls – früheren Arbeitskollegen von Friedrich setzte sich neben sie. Die junge Frau war Kathi sehr sympathisch. Sie wirkte für sie wie ein Lichtblick in der Gesellschaft, in der sie bis auf das Brautpaar niemanden kannte, und wo es noch dazu ringsum sächsisch, vogtländisch und thüringisch klang, dazwischen ein paar fränkische Brocken. Kathi schüttelte sich, als sie das Sprachengemisch hörte. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?
Die Hochzeitsgäste standen alle verteilt im Rosengarten und plauderten und dachten gar nicht daran, sich zu setzen. Dabei sollte es doch jetzt wohl etwas zu essen geben.
Kathis Bauch rumorte schon, sie hatte einen Bärenhunger. Inzwischen hatten sich vier Kaminkehrer, allesamt Kollegen und Mitarbeiter des Brautvaters, mit Bier eingedeckt und ein Gast trug fröhlich eine sächsische Rede auf das Brautpaar vor. Dann tauchte der Kellner samt seiner Kollegin auf und beide stellten Teller mit belegten Brötchenhälften auf einen Tisch.
»Greift zo!« rief die Braut und alle stürzten sich auf die Teller.
Kathi hatte gleich nach vorne schlüpfen können und kam nun stolz mit einer halben Lachssemmel zurück, die sie gierig verschlang.
»Nimm dir noch zu essen,« raunte Friedrich ihr zu, der kurz an ihr vorbei streifte.
»Ich denk, es gibt des bestellte Mittagessen?« fragte ihn Kathi leise zurück.
Friedrich wiegte den Kopf hin und her. »Ich glaube, das gibt es erst abends.«
Kathi verließ sich auf ihn und ging erneut zum Mini-Buffet, wo sie sich eine Brötchenhälfte mit Camembert schnappte. Das stillte zumindest den ersten Hunger.
Mittlerweile hatte Kathi entdeckt, dass in den Kühlbehältern auf den Tischen Wasserflaschen standen. Als sie das ersehnte Nass hinunterstürzte, hatte sie das Gefühl, das Wasser verdunste auf dem Weg nach unten. Tatsächlich musste sie in den folgenden Stunden nach drei Flaschen Wasser nur einmal zur Toilette. Bis dahin wies die Fotografin wieder alle an, wie sie in der Sonne stehen sollten, für das Gruppenbild. Die Kaminkehrer knieten in ihrer schwarzen dicken Kluft am Boden, der Schweiß lief ihnen über die Gesichter, aber sie hielten tapfer aus. Auch die Kinder fanden alles noch erstaunlich spannend.
Nach weiteren quälenden zwei Stunden, in denen sich Friedrich mit seinem früheren Arbeitskollegen blendend über Steuermodelle und Motorräder unterhielt und Kathi mit dessen sympathischer Freundin Ingrid ein paar Worte tauschte, war plötzlich wieder Rummel am Buffet-Tisch: Die Hochzeitstorte wurde gebracht. Braut und Bräutigam postierten sich fotofreundlich und schnitten je ein Stück von zwei verschiedenfarbigen flachen Torten ab. Die Aktion mit Fotografieren und jeweiligem Küssen nach jedem Handgriff dauerte fünfzehn Minuten.
Dann kam Bewegung in die Gesellschaft: Endlich setzten sich alle Gäste auf die mit weißen Tüchern eingespannten Volksfestbänke ohne Lehne, weil Kaffee aufgetragen wurde.
Kathi hatte inzwischen schon gelernt und stürmte gleich zum Kuchenbuffet. Sie ließ sich von jeder Farbe ein Stück abschneiden und genoss den hellen Quark-Mandarinen-Kuchen und die dunkelschokoladig verzierte Erdbeer-Sahne-Torte mit einer Tasse Kaffee. Ihr Hunger zwar gestillt, dafür war ihr jetzt von der dunklen Kuvertüre schlecht geworden. Inzwischen war es 16 Uhr.
Erneut hielt einer der Gäste eine Rede auf das Brautpaar, danach bekam Kathi mit, wie die achtjährige Tochter der Frischvermählten ihre heiratswütigen Eltern anquengelte, dass es ihr zu warm sei und sie jetzt heim wolle.
Sie spricht mir aus der Seele, dachte Kathi.
Da ertönte auch schon der Ruf von den frischvermählten Eltern: »Wir gähen jetzt, aber ab 16.30 Uhr gibt es hier eine Borgführung.« Während sich Braut, hektischer Bräutigam und jetzt eheliches Kind in kühlere Gefilde in der Burg zurückzogen, lösten sich die Sitzgrüppchen auf und Kathi schöpfte Hoffnung, dass sie nun auch gehen könne – wenn sogar die Hauptpersonen weg waren. Aber erneut belehrte Friedrich sie eines Besseren: »Jetzt kommt die Burgführung und dann gibt es Essen. Also warte.« Das tat Kathi mumpfelnd und grummelnd, während sie sich mit ihrem mitgebrachten Fächer Luft zuwedelte. Noch immer schien es nicht abkühlen zu wollen und mittlerweile schmerzte ihr Rücken von der lehnenlosen Bank, auf der sie saß.
Pünktlich um 16.30 Uhr stand eine kleine Fränkin aus Morgenberg von etwa 45 Jahren im Rosengarten und scharte alle Gäste um sich. Im Schatten eines Kornelkirschenbaumes hatten sich auch Kathi und Friedrich hingestellt, Friedrich hinter seiner Freundin. Alle lauschten den Ausführungen der Vergangenheits-Fachfrau – bis Friedrich in Kathis Ohr flüsterte: »Dein Rucksack sitzt so weit unten. Soll ich den höher stellen?« – »Nein,« flüsterte Kathi zurück, als sie beinahe gleichzeitig mit ihrer Antwort einen Schmerz am Oberarm spürte und laut aufschrie. Friedrich hatte den Träger verstellt und dabei ihre Haut in die Trägerverstellung gezwickt. Mit dem Schrei war die Führerin verstummt und alle Hochzeitsgäste blickten tadelnd auf Kathi. Diese wusste nicht, worüber sie sich zuerst ärgern sollte: über Friedrich, der ihr Nein nicht respektierte oder die doofen Gäste, die jetzt so tadelnd schauten, aber ihre eigenen Gören schreiend und tobend und quengelnd andere Gäste nerven ließen. Denn das taten sie inzwischen.
Kathi seufzte. Wann würde das Trauerspiel hier endlich vorbei sein? Am zweiten Baumschattenplatz, an dem die Burgführungsgruppe stehen blieb, fuhr ein alter Ford Mustang in giftgrün vorbei auf den daneben liegenden Parkplatz. Als die Gruppe weiter ging, lösten sich natürlich alle Männer aus der Gemeinschaft und gingen zum Auto, um es gebührend zu begutachten. Währenddessen erklärte die Führerin munter weiter: »Die Fensteröffnung da oben, was denken Sie, was das war?« Und schon hob sie eine ihrer Mappen aufgeschlagen hoch und hielt sie den Gästen vor die Augen. Kathi erkannte ein auf einer Toilette sitzendes Männchen.
»Aah, interessant!« rief Kathi. »A Plumpsklo! Bietet sich ja an bei der Höhe, da fallt alles richtig tief...«
Die Führerin rollte tadelnd mit den Augen und fuhr kommentarlos fort: »Das war kalt im Winter,« während sie zum Ritterturnier-Platz vorausging. Noch bis zur letzten Station, dem Innenhof folgte ihr die Gesellschaft, dann war die Führung beendet. Kathi atmete auf.
Gerne folgte sie dem noch immer hektischen Bräutigam, der schon auf die Gesellschaft wartete, in den Gewölbekeller, wo es nun Essen geben sollte. In U-Form waren Tische am Rand des Gewölbekellers entlang aufgestellt und Namensschilder deuteten auf eine durchdachte Sitzverteilung hin. Kathi fand ihren Platz am Ende des linken U-Tisches. »Das ist doch ganz nett hier,« flüsterte Friedrich ihr zu, der seinen Stuhl neben ihrem Platz entdeckt hatte. »Mal abwarten,« knurrte Kathi zurück. Zwei Plätze weiter stand die Brautmutter, die nun irritiert zu Kathi und Friedrich sah und sich schließlich setzte. Kathi war sich nicht sicher, ob sie ihren Kommentar gehört hatte.
Schnaufend ließ sich Kathi auf ihren Stuhlsitz fallen, als sie auch schon mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammenzuckte. Die Stühle waren extrem unbequem und hart, aus Holz, ohne Kissen oder Polsterung. Kissen gab es nur für die Braut und die Kinder, wie sie bemerkte. Die Lehne war kerzengerade aufrecht. Das zwang zu einer unnatürlichen Haltung – oder zur raschen Flucht. Sie konnte es nicht mehr erwarten, bis endlich aufgetragen wurde. Doch zuvor hielt noch einer der Gäste eine sächsische Rede und ein Paar spielte einen Sketch mit einer etwas mageren Pointe.
Der Gewölbekeller wirkte im ersten Moment kühl, so dass Kathi zumindest in der Hinsicht etwas aufatmete.
»Ich hole jetzt die Jacken, das wird kalt im Lauf der Zeit,« flüsterte Friedrich ihr zu. Doch als er draußen war, nahm Kathi wahr, wie viel Feuchtigkeit in diesem alten Gemäuer steckte – und wie schnell eine Menschengruppe so einen Raum aufheizen konnte.
Nach kurzer Zeit kehrte Friedrich zurück. Er war in der Hitze draußen vom Auto zum Burgberg hoch gejoggt, was ihm nun den Schweiß auf die Stirn trieb. Er setzte sich auf seinen Stuhl und in dem Moment verzog auch er schmerzlich sein Gesicht.
Kathi hatte ihren Stuhl ein wenig vom Tisch weggerückt, damit sie einigermaßen bequem sitzen oder eher lümmeln konnte. Bereits die lehnenlosen Volksfestbänke im Rosengarten hatten ihre Spuren hinterlassen und der Rücken schmerzte Kathi inzwischen heftig. Schon schoben sich Gäste und Bedienungspersonal, einer nach dem anderen, zwischen der Gewölbewand und ihrem Rücken vorbei, so dass sie schnaubend doch wieder ganz nach vorne an den Tisch rückte. »Bei uns war so was früher der Eselstisch,« flüsterte sie zu Friedrich, der ihre Verrück-Aktionen bemerkt hatte. Auf seinen fragenden Blick raunte sie: »Im Kindergarten.«
Und wieder kündigte sich ein Gäste-Event an, doch dieses Mal verschob die Braut den Termin.
Endlich konnte das Burgpersonal die Hochzeitssuppe auftragen mit einem mikroskopisch kleinen Leberknödel, drei Pfannkuchenstückchen und einem Mini-Grießnockerl. Das Ganze in einer Suppentasse, die nicht besonders tief war. In wenigen Minuten hatte Kathi die Suppe gegessen. Vorsichtshalber hatte sie sich noch eine Scheibe Baguette geschnappt. Man konnte ja nicht wissen, in welchen Größenverhältnissen die Hauptspeise aufgetragen werden würde. Friedrich entdeckte ein Tellerchen mit einem Klecks Butter und etwas Salz. Der Hunger hatte ihn inzwischen auch übermannt, weil er seine höfliche Zurückhaltung sausen ließ, sich den Teller schnappte und Baguettescheiben damit beschmierte. Er bot Kathi etwas an, die aber auf den nächsten Gang hoffte, immer im Hinblick auf eine baldige Flucht.
Doch auf einmal leerte sich der Saal und nur noch einzelne Personen saßen herum. Friedrich hatte wahrscheinlich, ebenso wie Kathi, eine Aufforderung nicht mitbekommen. Doch jetzt wollte Kathi ausharren. Nach einer halben Stunde sorgte die Kellnerin für Wein-Nachschub und weitere fünfzehn Minuten später kam der Hauptgang. Der bestellte Fisch stand gleich bei Kathi, dafür war ihr Esels-Ecktisch günstig gelegen. Nur Friedrich musste sich gedulden. Er hatte vergessen, ob er Fisch oder Fleisch bestellt hatte. »Das, was übrig ist, nehme ich,« sagte Friedrich zu seinem Kellner. Es war Fleisch, was er auch erhofft hatte. Der Fisch hatte ja gut ausgesehen und gerochen, aber die Gurkengemüse-Beilage mit diesen vier kleinen Zentimeter-Stücken war ebenso dürftig wie die Kartoffeln, und mit dem Fleisch hoffte er satt zu werden. Nach dem Hauptgang entwickelte sich eine ähnliche Leerungstendenz im Raum wie zuvor. Dieses Mal packten Kathi und Friedrich ihre Zigaretten und das Feuer, um eine kurze Rauchpause zu machen, ihre Gliedmaßen zu bewegen und wieder frische Luft abzubekommen. Die Gruft roch inzwischen auch wie eine Gruft.