Kitabı oxu: «Familienglück im zweiten Anlauf»

Şrift:

Das Buch

„Patchwork-Familien“ haben mit der Romantik von TV-Familienserien nichts gemein, sondern spezielle Tücken, vor allem, wegen der Kinder aus früheren Beziehungen, mit denen eine solche Familie beginnt. Bei aller Verliebtheit und beflügelnder Zukunftspläne ist deshalb besonders am Beginn der neuen Beziehung Achtsamkeit angesagt, damit die Schatten der alten Beziehung das neue Glück nicht beschädigen.

Die Autorin zeigt, wie es gelingt, häufige Konfliktquellen zu umgehen, mit „Altlasten“ zu leben, Fehler der Vergangenheit möglichst nicht in der neuen Beziehung zu wiederholen und mit Liebe, aber auch Pragmatismus und Klarheit die Chancen für das neue Familienglück zu nutzen. Hilfreich und unterhaltsam sind besonders die Fallbeispiele.

Die Autorin

Dorothee Döring, Pädagogin, Seminarleiterin, Lebens- und Konfliktberaterin, kennt die Besonderheiten von Patchwork-Familien aus eigener Erfahrung sowie aus ihrer Beratungspraxis. Sie ist in der Erwachsenenbildung tätig und hat sich mit zahlreichen Publikationen einen Namen gemacht. Dorothee Döring ist in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und zwei Enkel; sie lebt und arbeitet in Kempen am Niederrhein.

Dorothee Döring

Familienglück im zweiten Anlauf

Chancen und Risiken einer Patchwork-Familie


Inhaltsverzeichnis

Umschlag

Das Buch / Die Autorin

Titel

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Einführung

I Eine Familie zerbricht

1. Scheiden tut weh

2. Die Phasen des Trauerprozesses

3. Wie erleben Kinder die Scheidung ihrer Eltern?

4. Wie erleben Kinder die Abwesenheit eines Elternteils?

II Kehrtwende – Dem Leben eine neue Richtung geben

1. Die Verarbeitung des Verlustes als Voraussetzung zur Neuorientierung

2. Die Phasen der Neuorientierung

3. Aus Erfahrungen lernen – Eigene Fehler erkennen

III Eine neue Liebe – verliebt in einen Partner mit Vergangenheit

1. Die Bindungsfähigkeit

2. Die „Altlasten“

3. Der Widerstand der Kinder gegen eine neue Liebe ihrer Eltern

IV Störfaktoren in einer Patchwork-Familie

1. Die unverarbeiteten Probleme aus der vorausgegangenen Beziehung

2. Stets präsent – Die Ex-Frau

3. Der Einfluss des Ex-Mannes über das gemeinsame Sorgerecht

4. Die Ablehnung des neuen Partners vom sozialen Umfeld

V Die Beziehungsdynamik in einer Patchwork-Familie

1. Stiefeltern und Stiefkinder

2. Stiefgeschwister und leibliche Geschwister

3. Der abwesende leibliche Elternteil und die Patchwork-Familie

4. Großeltern und Enkel

VI 10 Tipps für Patchwork-Familien

Anhang

Neuregelung des Ehegattenunterhaltes

Juristische Empfehlungen für eine Zweitehe

Neufassung des Kindschaftsrechtes

Das „kleine Sorgerecht“

Quellenverzeichnis

Weiterführende Literatur

Adressen

Impressum



„Menschen heiraten

immer wieder.

Das ist der Sieg

der Hoffnung

über die Erfahrung.“


Helen Fisher, amerikanische Anthropologin

Einführung

Heutzutage wird fast jede dritte Ehe geschieden. Aber der Wunsch, es mit einem neuen Partner noch einmal zu versuchen, ist oft groß. Sind dann Kinder aus der Vorbeziehung da, führt das zu völlig neuen Familienstrukturen, den Patchwork-Familien, früher „Stief-Familien“ genannt.

Obwohl sich alle Beteiligten zunächst mit gutem Willen und besten Vorsätzen auf die neue Familienkonstellation einlassen, wird ihnen sehr schnell klar, dass der Alltag nichts mit der Scheinwelt von Fernsehserien zu tun hat. Unterhaltszahlungen, Besuchsregelungen, Erziehungsprobleme oder problematische Beziehungen der Ex-Partner können die neue Familie entscheidend belasten.

Meine Intention ist es nicht, Sie davor zu warnen, eine Zweitbeziehung einzugehen. Vielmehr möchte ich Ihnen die Augen dafür öffnen, dass eine Entscheidung von solch großer Tragweite zwar auf einem positiven Gefühl beruhen muss, aber auch Ergebnis einer rationalen Abschätzung möglicher Risiken sein sollte.

Ich zeige Ihnen, welche Auswirkungen die „Schatten der Vergangenheit“ auf die neue Liebe haben, aber auch, wie man mit ihnen konstruktiv umgehen kann, so dass das „Projekt Patchwork-Familie“ gelingt.

I
Eine Familie zerbricht

Wenn eine Partnerschaft oder Ehe auseinanderbricht, gibt es denjenigen, der den anderen verlässt, und denjenigen, der verlassen wird. Die Auswirkungen emotionaler, finanzieller und organisatorischer Art treffen beide Parteien in unterschiedlicher Weise. In meiner Betrachtung wende ich mich deshalb dem verlassenen Partner zu, weil der von der Entscheidung des anderen überrollt wird und sich der neuen Realität fügen muss.

1. Scheiden tut weh

„Dann können wir uns ja scheiden lassen …!“ Wer hat nicht schon eine solche Drohung im Streit hören müssen?

Egoismus, mangelnde Achtung und Wertschätzung, Lieblosigkeit und schließlich immer wieder geäußerte Drohungen, sich scheiden lassen zu wollen, sind Symptome, die zu einer ernsthaften Krise führen können.

Meint es der Partner ernst, bricht für uns eine Welt zusammen. Wir fühlen uns wie im Schock und kämpfen darum, noch eine Chance zu bekommen. Wir versprechen ihm alles, geloben Besserung, nur damit er seine Entscheidung zurücknimmt.

Realisieren wir, dass uns der Partner keine Chance mehr gibt, fallen wir in ein tiefes Loch. Wie sollen wir jemals wieder glücklich werden ohne ihn? Wir vergessen all die schlechten Zeiten, die Kränkungen und Konflikte, die wir mit ihm erlebt haben. Vor unserem inneren Auge sehen wir die Partnerschaft nur in leuchtenden Farben. Immer wieder fragen wir uns, warum wir verlassen werden, was wir falsch gemacht haben oder was an uns nicht in Ordnung ist. Wir können nachts nicht schlafen und laufen tagsüber ruhelos umher. Besonders die Wochenenden und Feiertage sind grausam.

Wer sich aktuell in einer Krise befindet, der fragt sich oft: „Wie konnte das passieren?“ Er ist verunsichert und verzweifelt. Das, was ihm bisher so sicher erschien, ist ins Wanken geraten. Viele Menschen empfinden Verlassenwerden als eine der größten seelischen Niederlagen. Nichts ist demütigender und abwertender, als nicht mehr wertvoll genug zu sein, geliebt zu werden, einfach „abgelegt“ zu werden. Diese Verletzung ist äußerst schmerzhaft, und die Narben der Seele verheilen oft ein ganzes Leben lang nicht.

Vielleicht wird uns aber jetzt auch bewusst, dass es vielleicht schon lange keine Gespräche mehr gegeben hat, in denen man sich als Paar seine Sorgen, Ängste, Bedürfnisse und Wünsche offenbarte. Vielleicht müssen wir uns an den Anfang der Beziehung oder Ehe erinnern, um zu erkennen, was falsch gelaufen ist.

Jahrelang war man sich so vertraut, erzählte sich alles, konnte sich bedingungslos aufeinander verlassen. Doch plötzlich ist alles anders, die enge Verbundenheit hat sich verändert: Pläne und Ziele weichen voneinander ab, die Interessen gehen auseinander, und auf einmal hat man sich nichts mehr zu sagen. Erich Kästner hat das Phänomen der Entfremdung in der Partnerschaft in einem sehr bekannten Gedicht beschrieben:


Sachliche Romanze1

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: sie kannten sich gut),

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,

versuchten Küsse, als ob nichts sei,

und sahen sich an und wussten nicht weiter.

Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.


Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.

Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier

und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Nebenan übte ein Mensch Klavier.


Sie gingen ins kleinste Café am Ort

und rührten in ihren Tassen.

Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort

und konnten es einfach nicht fassen.


Frauen haben ein sensibler ausgeprägtes Frühwarnsystem als Männer und merken frühzeitig, wenn etwas aus dem Lot geraten oder nicht mehr zu retten ist. Wenn man es dann nicht mehr schafft, wieder zueinanderzufinden, ist eine Trennung unausweichlich.

Es ist für uns Menschen sehr wichtig, dass wir uns in einer Familie aufeinander verlassen können. Dazu gehört auch eine Strukturierung unseres Tagesablaufs, dass wir wissen, morgens werden die Kinder in die Schule gehen, wir unserer gewohnten Arbeit nachgehen, das Abendessen wird wie immer gemeinsam eingenommen usw.

Sich auf Gewohntes verlassen zu können, erhält uns die Kraft, mit den Unwägbarkeiten, den Widrigkeiten, den ungeplanten Ereignissen unseres Lebens fertig zu werden. Wir handeln in und aus einem Zustand des Gleichgewichts von Anforderungen und Kräften. Im Falle einer Trennung existiert dieses Gleichgewicht nicht mehr. Das bisherige Leben wird völlig auf den Kopf gestellt und plötzlich sind ganz neue Dinge wichtig: Es sind allein Entscheidungen zu treffen, die zuvor gemeinsam getroffen wurden. Es machen sich Gefühle von Unsicherheit und Ausweglosigkeit und vor allem die Angst vor dem Alleinsein breit. Der Betroffene stellt sich die Frage: „Wie soll es weitergehen? Werde ich es allein schaffen?“

Sicher ist, dass mit dem Alleinleben ein neuer Lebensabschnitt mit neuem Rhythmus und neuen Inhalten beginnt. Wer sich vorher eingeengt fühlte, spürt Nachholbedarf und genießt die positiven Seiten des Alleinlebens: Keine falsche Rücksichtnahme mehr! Niemand nörgelt über Unordnung, niemand kritisiert unnötige Einkäufe, keine Auseinandersetzung mehr z. B. über Freunde. Viele Betroffene erleben einerseits große Erleichterung, andererseits eine Reduzierung, quasi eine Halbierung ihres Lebens, denn es fehlen die Lebensanteile des Partners. Diese enorme Lebensumstellung bewirkt bei den Betroffenen starke Stimmungsschwankungen.

Seien Sie sich bewusst, dass Sie sich noch in einem schmerzhaften Trauerprozess befinden, in dem Trauerarbeit zu leisten ist, denn es ist unmöglich, einfach nicht an den Partner zu denken. Es wird Sie vielleicht überraschen, aber auch bei einer selbst gewählten Trennung ist Trauerarbeit zu leisten, der Kopf hat zwar die Entscheidung getroffen, aber das Gefühl hinkt hinterher! Und deshalb ist es wichtig und richtig, Trauer zuzulassen.

Zu den Stimmungsschwankungen tragen auch die immer wiederkehrenden schmerzhaften Erinnerungen an Verletzungen und Enttäuschungen bei.


Sabine, 38:

„Ich habe lange Zeit alles Negative negiert und war auf dem Trip des „positiven Denkens“. Natürlich hilft es, sich durch positives Denken in eine bessere Stimmungslage zu bringen, aber verarbeitet wird die Ursache für meine negativen Gefühle nicht. Ich trete auf der Stelle.

Als mein Mann mich nach acht Jahren verlassen hat, hat mich das sehr verletzt. Trotzdem spielte ich meiner Umwelt immer die souveräne, starke Frau vor, die durch nichts zu erschüttern ist. Ich wollte meine Trauer, Enttäuschung und Wut nicht zulassen, weil ich dachte, wenn ich durchhänge und schlecht drauf bin, verliere ich womöglich auch noch meine Freunde. Meine verdrängten negativen Gefühle suchten sich auf körperlicher Ebene ein Ventil: Nervosität, Schwindelgefühl, Schlaf- und Essstörungen zeigten mir, dass ich aus dem Lot geraten war. Ich habe irgendwann versucht, die Wut zuzulassen, auszuleben, wie z. B. beim Joggen, dann ging es mir anschließend wesentlich besser.“


Nach Jahren gemeinsamen Lebens nehmen wir den anderen oft nicht mehr richtig wahr, weil wir glauben, ihn mit seinen Einstellungen und Reaktionen zu kennen. So kommt es, dass wir uns im Laufe der Jahre von unserem Partner ein besonderes Bild machen: Gleichsam haben sich zwischen ihm und uns mehrere „Filter“ geschoben und wir sehen größtenteils nur noch das, was wir sehen möchten. Nach Jahren der Gemeinsamkeit sind wir nicht mehr – wie in der Anfangszeit der Beziehung – neugierig aufeinander oder fasziniert voneinander. Vieles ist zur Selbstverständlichkeit geworden und hat dadurch seinen Reiz verloren. Und plötzlich zeigt sich uns ein ganz anderer Mensch!

Oft will oder kann aber der Verlassene nicht einsehen, dass ein Festhalten an der Beziehung längst sinnlos geworden ist. Bei einer so unterschiedlichen Wahrnehmung kommt es zwangsläufig zu Konflikten.

Trennung und Scheidung sind sehr belastende Lebenskrisen, denn es zerbricht die Hoffnung auf einen gemeinsamen Weg bis zum Lebensende. Die Folge ist ein Gefühlschaos mit entsprechender Verunsicherung. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, um das eigene Leben neu zu gestalten. Häufig wird aber gerade während dieser anstrengenden Zeit, die besondere Aufmerksamkeit verlangt, am Alten festgehalten. Man klammert sich an etwas, das es nur noch in der Illusion gibt.

Jede Trennung ist von Trauer, Enttäuschung und Schmerz begleitet. Wer verlassen worden ist, fühlt sich in seinem Selbstwertgefühl gekränkt. Unverarbeitete Trauer und Wut suchen sich ein Ventil und richten sich entweder gegen uns selbst – die Folgen sind oft psychosomatische Beschwerden bis hin zu Depressionen – oder gegen denjenigen, der uns verlassen hat, in Form von vielfältigen Aggressionen wie Stalking, Verleumdung, Sachbeschädigungen usw.

In Aggression umgesetzte, unverarbeitete Trauer ist leider der Grund für viele gerichtliche Auseinandersetzungen. Das Bedürfnis, den anderen, der uns verlassen hat, zu bestrafen, kann so ausgeprägt sein, dass selbst ökonomische Interessen in den Hintergrund treten und man wirtschaftliches Harakiri betreibt. Der verschmähte Partner erinnert sich seines Einsatzes und verlangt Ersatz. Leider kann man aber veränderte oder „gekündigte“ Gefühle nicht mit Geld ausgleichen.

Liebeskummer und Trennungsschmerz werden in unserer Gesellschaft fast nur mit jungen Menschen in Verbindung gebracht. Doch auch reifere Menschen wirft eine Trennung vom langjährigen Partner oft aus der Bahn. Die eigene Identität und das Selbstwertgefühl werden zutiefst erschüttert.


Frauke, 52:

„Mein Mann hat mich vor zwei Jahren aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen verlassen. Er wollte noch einmal ein anderes Leben ausprobieren. Für mich brach von einer Sekunde auf die andere finanziell und seelisch alles zusammen. Ich litt unter Panikattacken und unter Depressionen, Appetitlosigkeit oder Essattacken, konnte nicht schlafen und war von wilden Rachephantasien geplagt. Weil ich allein meine Desorientierung nicht in den Griff bekam, machte ich eine Gesprächstherapie, um unter professioneller Anleitung meine Gedanken zu ordnen, Kraft und Motivation aufzubauen und mein desolates Selbstwertgefühl wieder zu stärken.“


Die Reaktionen von Menschen, die die Liebe eines anderen verlieren oder enttäuscht über die Unerfüllbarkeit ihrer Sehnsucht sind, schwanken von leichten, kurzen Formen des Liebeskummers bis hin zu lang anhaltender tiefer Verzweiflung. Wird der Leidensdruck so groß, dass jede Lebensfreude erlischt, man seinen Alltagspflichten nicht mehr nachkommen kann, sich abschottet und zu Alkohol oder Medikamenten greift, ist professionelle Hilfe angesagt (s. Adressen im Anhang).

2. Die Phasen des Trauerprozesses

Die geschilderten Folgen unverarbeiteter Trauer zeigen, wie wichtig es ist, sich dem seelischen Schmerz zu stellen und ihn zu verarbeiten. Auch Liebeskummer ist Trauer und kann nur durch Trauerarbeit bewältigt werden. Mit ihr wird ein schmerzhafter Lernprozess vollzogen, bei dem es darauf ankommt, loszulassen und sich selbst aufzufangen. Er verläuft in ähnlichen Phasen wie der Trauerprozess nach dem Verlust eines Menschen durch Tod:2

1. Phase: Nicht-wahrhaben-Wollen und Verleugnen

Ich glaube an einen bösen Traum, hoffe darauf, dass alles wieder gut werden wird. Ich bemühe mich, meinen Partner umzustimmen.

2. Phase: Gefühlschaos und psychosomatische Symptome

Ich werde überrollt von meinen Gefühlen, bin verzweifelt, voller Angst, plage mich mit Selbstzweifeln, Eifersucht, Wut und Hass. Ich kann nicht gut schlafen, esse nicht oder zu viel, bin voller Unruhe, habe Verstopfung, Kopf- oder Magenschmerzen, Herzrasen. Ich grübele „warum nur?“ und denke ununterbrochen an meinen Partner. Ich ziehe mich von Freunden zurück oder flüchte mich in Aktivitäten.

3. Phase: Akzeptanz des Verlustes

Es ist mir unmöglich, einfach nicht an meinen Partner zu denken, denn mit dem Ende einer langjährigen Beziehung oder Ehe ist nicht einfach schlagartig jedes Gefühl vorbei, so sehr man sich das auch wünschte.

Ich lasse die Trauer über die gescheiterte Beziehung zu. Ich spüre, dass mich Weinen erleichtert. Ich gestatte mir, traurig und verzweifelt zu sein.

Ich mache mir klar, dass wir alle über ein „emotionales Konto“ verfügen, das negative und positive Empfindungen sammelt und sich im Minus- oder Plusbereich bewegt. Für die Seelenhygiene ist es besser, sich gelegentlich negative Gefühle zu leisten, sie zu analysieren, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie als Signale eines Frühwarnsystems zu verstehen, bevor sie uns gefährlich werden und schaden können. Gefühle – positive und negative – sind für uns eine Art innerer Kompass. Positive Gefühle zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind, negative Gefühle zeigen uns, dass wir etwas verändern müssen.

Ich versuche zu verhindern, dass die destruktiven Gefühle meinen gesamten Tagesablauf überschatten und meine berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

4. Phase: Rückblick ohne Idealisierung

Auch ohne rosaroten Erinnerungsfilter sind mir die Vorzüge, aber auch die Nachteile der vergangenen Partnerschaft, die ja schließlich zur Trennung führten, bewusst. Ich trauere um die schönen, gemeinsamen Stunden, die es nicht mehr geben wird, vergesse aber auch nicht die Belastungen, die die Beziehung scheitern ließen. Ich mache mir neben den Erinnerungen an alles Schöne auch immer wieder bewusst, wie sehr mein Partner mich verletzt hat, wie unverstanden und ungeliebt ich mich gefühlt habe, wie belastend seine Nähe für mich war, wie ausgenutzt ich mir vorgekommen bin. Diese Sicht verhilft mir zu einem ganzheitlichen Bild von der Qualität der zerbrochenen Partnerschaft.

5. Phase: Analyse der gescheiterten Beziehung

Immer wieder ertappe ich mich dabei, einseitig nach Schuld und Versagen zu suchen. Gelegentlich mache ich wechselweise mich selbst und meinen Ex-Partner für die Misere verantwortlich. Beschuldigungen aber führen nicht weiter, eher die Frage danach, was in der Beziehung schiefgelaufen ist! Dabei sollte die Betonung immer auf den Wörtern „wir” und „uns” liegen, weil für das Gelingen oder Versagen einer Partnerschaft immer zwei Menschen verantwortlich sind. Zur Verarbeitung und Neuorientierung gehört es, Zusammenhänge zu erkennen, die nicht bewusst waren oder vom Gefühl der Verliebtheit überlagert wurden.

Diese fünf Phasen laufen nicht lehrbuchmäßig ab, sie können sich überlappen und dauern bei jedem Menschen unterschiedlich lange. Je länger eine Beziehung bestand, umso länger kann der Trauerprozess dauern. Was in erster Linie hilft, ist Zeit – und irgendwann vielleicht eine neue Liebe. Bis dahin sind Gespräche mit guten Freunden wichtig, Sport oder zumindest körperliche Bewegung, um Stresshormone abzubauen, Ablenkung durch Unternehmungen und der Mut, eigene Wege zu gehen.

Interessant ist, dass Männer und Frauen sehr unterschiedlich mit Liebeskummer umgehen. Während Frauen fast immer glauben, am Bruch einer Beziehung schuld zu sein, häufiger unter Depressionen, Wut, Selbstzweifeln und somatischen Beschwerden leiden, empfinden Männer das Scheitern einer Liebe oft als persönliches Versagen und als Gesichtsverlust. Während Frauen durch ihre Trauer den erlittenen Verlust verarbeiten, sind Männer eher Verdrängungskünstler und suchen meist sofort eine neue Partnerin.

Die meisten Menschen brauchen Zeit, um sich ein Leben ohne den ehemaligen Partner vorstellen zu können. Manche bleiben aber in der Opferrolle stecken und damit in der Vergangenheit. Sie verharren fortan in Gedanken: „Wie konnte er mir das antun. Nie mehr werde ich einen Menschen finden und mit ihm glücklich sein.“ Das ist schade, denn jeder Mensch kann lernen, eine Trennung zu akzeptieren, seinen Trennungsschmerz zu überwinden und seinen Blick wieder auf die Zukunft zu richten.

Der Vollständigkeit wegen sei noch darauf hingewiesen, dass Paare sich auch einvernehmlich trennen können. Beide Partner kommen zu der Beurteilung, dass sich ihre Lebensvorstellungen zu weit voneinander entfernt haben, dass man sich entfremdet hat und dass es deshalb besser sei, sich zu trennen. Aber, selbst wenn sich die Partner einig sind, dass die Fortsetzung der Lebensgemeinschaft wenig Sinn ergibt, ist für sie die Trennungszeit bis zum Vollzug der Scheidung sehr schmerzhaft.

Eine Scheidung tut auch in wirtschaftlicher Hinsicht weh. Beide ehemaligen Partner spüren den Mangel: Das Familieneinkommen wird geteilt und muss nun für zwei Haushalte reichen. Ein Scheidungsanwalt gebrauchte dafür ein treffendes Bild: Die Decke, die zuvor zwei Menschen wärmte, wird in der Mitte zerschnitten, mit der Folge, dass jeder ein bisschen friert (siehe hierzu im Anhang: „Neuregelung des Ehegattenunterhaltes“).

Scheiden tut nicht nur den Erwachsenen weh, sondern vor allem den betroffenen Kindern.

3. Wie erleben Kinder die Scheidung ihrer Eltern?

Durch die Scheidung der Eltern verändert sich die gesamte Lebenssituation der Kinder dramatisch. Sie müssen nicht nur die Trennung der Eltern hinnehmen, sondern in der Folgezeit oft auch mit neuen Partnern ihrer Eltern zurechtkommen. Wohnungs- und Schulwechsel, materielle Einschränkungen, Besuchsregelungen und vieles mehr müssen sie verkraften. Dabei sind sie einem Wechselbad von Gefühlen wie Wut, Trauer, Scham, Angst und Schuld ausgesetzt.

Eine Trennung der Eltern bedeutet für das Kind den Verlust der bisherigen Lebensgrundlage, die sich im Zusammenleben mit Mama und Papa manifestierte. Eine Akzeptanz der neuen Situation durch das Kind ist sicher von seinem Alter und seiner Reife abhängig. Für Kinder im Kindergartenalter und darunter ist das Verhalten der Eltern unverständlich und Angst auslösend. Ältere Kinder können die Trennung der Eltern als notwendige Entscheidung erkennen, da sie selbst unter der spannungs- und aggressionsgeladenen Atmosphäre zu Hause leiden. Trotzdem hat jede Veränderung für Kinder jeder Altersstufe etwas Bedrohliches, Unbekanntes und sie sehnen sich nach einer heilen Familie, in der sich Mama und Papa gut verstehen.

Der Prozess der Trennung (bzw. Scheidung) verläuft in drei Phasen:

1 Die Vortrennungsphase: Der Prozess zunehmender Unzufriedenheit mit dem Partner, der schließlich zu der Erkenntnis führt, dass eine Trennung unumgänglich ist.

2 Die Trennungsphase: in der die notwendigen Schritte einer Trennung vollzogen werden wie Hausrats- und Vermögensaufteilung, Sorgerechtsregelung, Wohnungsauflösung usw.

3 Die Nachtrennungsphase: d. h. die Zeit nach vollzogener Trennung.

Die Vortrennungsphase ist für Kinder verunsichernd. Sie haben Angst und glauben sogar, schuld daran zu sein, dass die Eltern sich ständig streiten. Aber auch, wenn sich die Eltern nicht offen streiten, bekommen Kinder schwelende Konflikte und latente Aggressionen der Eltern mit. Dann kommen in ihnen quälende Fragen und beunruhigende Gedanken hoch: Was ist mit meinen Eltern los? Was haben sie vor? Und was habe ich falsch gemacht, dass sie sich so verhalten?

Das Wechselbad der Gefühle der Eltern verunsichert die Kinder. Sie fühlen sich ohnmächtig und spüren, dass sie kaum Einfluss auf das haben, was geschieht. Da die Eltern im kindlichen Denken einfach zusammengehören, wirkt eine mögliche Trennung wie eine unfassbare Bedrohung ihrer eigenen Existenz.

Während der Trennungsphase gehen die dunklen Vorahnungen der Kinder in Gewissheit über, dass sich die Eltern trennen werden. Manche empfinden es fast als eine Erleichterung, dass die Zeit des Zweifelns und der Ungewissheit vorüber ist, andere klammern sich an die Hoffnung, dass die Eltern noch einmal zueinander finden könnten und reagieren mit Ungläubigkeit und Nichtakzeptanz der Situation.

In der Nachtrennungsphase werden Kinder ebenfalls verunsichert, nämlich durch das veränderte Erziehungsverhalten der Eltern: Eltern haben wegen der Scheidung gegenüber ihren Kindern Schuldgefühle, aus denen heraus sie Grenzen nicht konsequent setzen und Dinge durchgehen lassen, die eigentlich einer Korrektur bedürften. Besonders der Elternteil, der seine Kinder nur am Wochenende oder in den Ferien sieht, hat Angst davor, die Liebe seines Kindes zu verlieren, und neigt dazu, sein Kind zu verwöhnen.

Da Kinder ohnehin wie Seismographen auf die Gefühls- und Stimmungslage sowie auf Unsicherheiten der Eltern reagieren, sollten diese in aller Offenheit mit ihren Kindern reden und ihnen klarmachen, dass sie selbst auch die Trennung verarbeiten müssen. Gleichzeitig sollten sie ihnen aber auch die Zuversicht vermitteln, dass man die neue Situation gemeinsam, trotz aller Unsicherheit bewältigen wird.

Verlassene Mütter oder Väter sind oft so schwer verletzt oder wütend über den Ex-Partner, dass sie vergessen, dass Kinder beide Elternteile lieben. Wenn Eltern ihren eigenen Frust bei ihrem Kind ablassen, den Partner schlechtmachen, fühlen sich die Kinder noch verzweifelter. Sie verstehen gar nicht, warum Papa oder Mama plötzlich böse sein soll. Einige Eltern erwarten sogar, dass ihr Kind Partei ergreift, setzen es unter enormen psychischen Druck und bringen es in einen Loyalitätskonflikt.

In dieser Phase kann es zu weiteren Abschieden und Verlusten kommen: Meist ist eine Trennung auch mit einem Wohnsitzwechsel verbunden. Dann verliert das Kind wieder ein Stück Vertrautheit: seine Wohnumgebung, die Schule, den Kindergarten und vor allem seine Freunde. Manchmal hat das Kind nun auch mehr Verantwortung z. B. im Haushalt zu übernehmen und ist in manchen Situationen viel mehr auf sich gestellt, weil die Mutter gezwungen ist, für den Familienunterhalt zu sorgen.

In der Nachtrennungsphase erleben Trennungskinder ihre Eltern als Einzelwesen. Das Ende der Elterlichkeit bemerken sie darin, dass Vater und Mutter sie nicht mehr gemeinsam erziehen. Die Übergabe der Kinder an den besuchsberechtigten Elternteil verdeutlicht die unabänderliche Trennung besonders schmerzhaft. Nicht selten haben Kinder dabei das Gefühl, dass sie sich zwischen Fronten bewegen – einschließlich der Risiken, die damit verbunden sind.

Sabrina, 18:

„Nur zu gut kann ich mich erinnern, als mich meine Mama mit Tränen in den Augen ansah und zu mir sagte: „Sabrina, Papa und ich werden uns trennen!“ Ich hatte es irgendwie schon geahnt, dass sich meine Mutter und mein Vater nicht mehr verstehen. Das konnte man auch nur zu gut hören. Immer diese ständigen Streitereien und diese Tränen. Kein Kind will so etwas wahrhaben. Doch irgendwann kommt die Zeit, wo nichts mehr so sein kann wie früher und sich das ganze Leben verändert. Ich war erst 10. Doch schon mit diesem Alter kann sich das ganze Leben verändern, als würde man schon erwachsen sein und ein neues Leben beginnen.

Nichts ist so, wie es früher einmal war. Alles ist anders. Ich bin in ein tiefes, dunkles Loch gefallen, wie viele andere Scheidungskinder auch. Für mich war immer klar, dass ich bei meiner Mama bleiben würde. Ich hatte immer schon den besseren Bezug zu ihr. Diese Zeit war aber trotz allem sehr schlimm für mich, weil ich mit meiner Mutter in einen anderen Ort umzog, meine Freundinnen verlor, mich von meinen zwei Brüdern trennen musste und meinen Vater nur noch selten sah. Zu dieser Zeit war ich froh, dass ich meine Mutter hatte. Wir haben sehr viel zusammen unternommen und wir waren uns sehr nahe.

Meine Eltern wollten mit Geschenken etwas gutmachen. Es ging mir wirklich gut, und bei meiner Mutter fehlte es mir auch an nichts. Alle hatten das Gefühl, dass es mir wieder besser gehen würde und ich alles gut überwunden hätte.

Als ich dann 13 Jahre alt war, kam der nächste tiefe Fall. Meine Eltern fanden beide neue Partner. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie jemand nach einer gescheiterten Ehe schon wieder den Versuch wagt, mit einem anderen eine Beziehung einzugehen. Ich habe meinen Vater und meine Mutter dafür gehasst, wurde hart und schwierig und habe mich isoliert. Ich hatte niemanden mehr, der zu mir stand. Mein Verhältnis zu meinem Papa wurde wirklich schlimm. Wir hatten nur noch Streit. Er war so anders, hatte keine Zeit mehr für mich. Ich war einfach vergessen. Und so vergaß ich auch ihn. Ich hatte keinen Vater mehr. Das Einzige, was mir half, war ein kleines Tagebuch, in dem ich alle meine Gedanken, meine Wut und meine Trauer aufschrieb.“

Gregor, 16:

„Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, egal wie es Eltern machen, in den Augen der Kinder ist es irgendwie immer falsch!“

Das Kinderbuch von Nina Schindler „Wenn meine Eltern sich trennen“3 ist gut geeignet, um sich in die Seele von Kindern (im Grundschulalter) vor, während und nach der Scheidung einzufühlen. Sie reagieren mit Wut, Angst, Depressionen und Schuldgefühlen. Dieses Bilderbuch ist comicartig aufgemacht und beinhaltet Fragebögen für Eltern und Kinder zur Analyse. Rechte und Wünsche der Kinder werden besprochen und es werden „Verträge“, die sie mit ihren Eltern aushandeln können, als Muster vorgegeben. Keinesfalls sollten Kinder dieses Buch alleine lesen. Nur ein gemeinsames Lesen mit einem Elternteil oder mit vertrauten Personen kann den gewünschten Erfolg bringen, dass Scheidungskinder begreifen, was bei der Scheidung ihrer Eltern passiert.

Wegen der vielen nicht abweisbaren Schäden für Trennungs- und Scheidungskinder fragen sich verantwortungsvolle Eltern, ob sie sich wirklich trennen dürfen. Es ist aber erwiesen, dass es keinen Sinn ergibt, an einer einmal zerrütteten Ehe festzuhalten. Die Atmosphäre eines solchen Zuhauses ist für Kinder Gift.

Wenn sich die Eltern aber zu einer Scheidung durchgerungen haben, dann ist es wichtig, den Kindern in allen Trennungsphasen eine Stütze zu sein. Voraussetzung dafür sind ein faires, verlässliches und ehrliches Umfeld und Verständnis für die Gefühle und Reaktionen der Kinder.

Zur Fairness gehört es, den Kindern ein zumindest neutrales Bild von dem abwesenden Elternteil zu vermitteln. Ein verlässliches und ehrliches Beziehungsnetz kann geschaffen werden, indem Großeltern, Freunde und Verwandte – auch die des Ex-Partners – mit einbezogen werden. Zur Ehrlichkeit gehört, dass die Kinder altersentsprechend über die Trennung der Eltern informiert werden. Man kann Kindern erklären, warum Mama und Papa nicht mehr zusammen leben können und dabei betonen, dass daran auf keinen Fall die Kinder schuld sind.

Harald, 54:

„Nach dem Tod meiner Frau versuchte ich, mich wieder neu zu orientieren und lernte eine geschiedene Frau mit einem 9-jährigen Sohn kennen. Für mich war der Sohn willkommen, ich konnte aber nicht ahnen, dass der noch sehr an seinem geschiedenen Papa hing und sich keinen anderen Mann an der Seite seiner Mutter vorstellen konnte. Ich hatte keine Ahnung, warum der Sohn sich renitent und abwehrend verhielt. Am deutlichsten ist mir seine Ablehnung in der Wohnung seiner Mutter aufgefallen, wo er offenbar das Revier gegen mich, den fremden Eindringling, verteidigte.

Heute weiß ich, dass ein neuer Mann in einer Mutter-Sohn-Beziehung keine Chance hat und auch, dass seine Mutter und ich dieses Kind mit unseren Zukunftsplänen überfordert haben. Wir haben nur an uns gedacht und nicht an die Gefühle dieses Kindes.“

Noch vor kurzem vermutete man zwangsläufig Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Scheidungskindern. Inzwischen gilt es als gesicherte Erkenntnis, dass weniger die Familienstruktur als vielmehr die Qualität der Beziehungen der Kinder zu ihren nun getrennt lebenden Eltern und deren jeweiligen Herkunftsfamilien ausschlaggebend dafür ist, ob die Kinder die Chance haben, zu stabilen Persönlichkeiten heranzuwachsen.4

Die Qualität der Beziehungen kann eher positiv oder eher negativ sein. Im positiven Fall bleiben nach der Scheidung der Eltern die Beziehungen zwischen den Elternteilen und den Kindern unbelastet und den Kindern bleibt darüber hinaus das Beziehungsnetz aus väterlicher und mütterlicher Familie erhalten. Im negativen Fall führt die Scheidung der Eltern zu einem jahrelangen Krieg nicht nur zwischen den Eltern, sondern auch zwischen den Familien, wodurch die Kinder zwischen die Fronten geraten und auch ihre erweiterte Familie (Opa, Oma, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins) verlieren. Derart belastete Scheidungskinder können unter vielfältigen Symptomen leiden, wie etwa unter psychosomatischen Beschwerden, emotionaler Labilität, Schlafstörungen, Leistungsabfall und Kontaktängsten.

Die Folgen von Scheidung sind für betroffene Kinder verheerend und mindestens so schmerzhaft wie für die Eltern. Ein Großteil der Scheidungskinder ist sogar emotional dermaßen beeinträchtigt, dass sie unter Lern- und Konzentrationsstörungen leiden und oft eine Klasse wiederholen müssen. Insbesondere leiden sie daran, dass ein Elternteil „abwesend“ ist.

4. Wie erleben Kinder
die Abwesenheit eines Elternteils?

Als „abwesender Elternteil“ ist der Elternteil zu verstehen, in dessen Haushalt sich die Kinder zu einem Zeitpunkt nicht befinden. Beim alleinigen Sorgerecht leben die Kinder meistens bei der Mutter und leiden darunter, dass sie ihre Väter im Rahmen des Besuchsrechtes nur alle zwei Wochen am Wochenende oder in den Ferien sehen. Auch im Fall des gemeinsamen Sorgerechtes und dem ständigen Wechsel zwischen den Elternhaushalten sehnen sie sich nach dem Elternteil, der gerade nicht anwesend ist.

Sehr treffend zeigte das der Film „Woche für Woche“ (ARD, 10. Februar 2010, 20.15-21.45 Uhr), der mit dem Deutschen Fernsehpreis 2009 ausgezeichnet wurde. Es ist ein Film über ein Scheidungskind und sein chaotisches Leben zwischen Mama und Papa:

Felix Weingarten ist sieben Jahre alt und Einzelkind. Seine besorgte Mutter tut alles, um ihren Sohn zu fördern. Sie besorgt ihm eine Therapie gegen seine Rechtschreibschwäche und meldet ihn wegen seiner schlechten Körperhaltung beim Yogakurs an. Sein Vater arbeitet als Alleinverdiener viel in der eigenen Schreinerei. Dann passiert das, was statistisch gesehen in jeder dritten Ehe in Deutschland vorkommt: Felix΄ Eltern trennen sich, einvernehmlich, wie sie nie vergessen zu betonen. Aus Gründen der Fairness entscheiden sie sich, eine gerechte Lösung hinsichtlich ihres einzigen Sohnes zu finden. „Woche für Woche“ heißt das Modell, nach dem Felix abwechselnd bei seiner Mutter und bei seinem Vater lebt. Was für die Eltern zunächst eine faire, salomonische Lösung ist, bedeutet für den Jungen absolutes Chaos und Orientierungslosigkeit. Zwei materielle Identitäten prallen aufeinander, im Wochenwechsel ist der Junge gezwungen, nicht nur umzuschalten zwischen Mama und Papa, sondern zwischen zwei Kinderzimmern, zwei Betten, zwei Zahnbürsten.

Während sich seine Familie halbiert, verdoppelt sich seine materielle Existenz. Felix erlebt einen wechselvollen Alltag in verschiedenen Milieus: Bei der Mutter lebt er in bevorzugter Wohngegend in einem schönen Jugendstilhaus, bei seinem Vater in einem wenig repräsentativen Wohnviertel mit hohem Ausländeranteil, wo er aber Carem kennenlernt, einen Jungen aus einer türkischen Großfamilie mit zahlreichen Geschwistern, Cousins und Cousinen. Dort ist immer etwas los und Felix fühlt sich nicht mehr allein.

Während Felix immer noch hofft, dass seine Eltern wieder zusammenfinden, sehen gerade diese sich mit immer größeren Problemen konfrontiert. Sein Vater stößt schnell an seine Grenzen, als er versucht, Beruf und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen. Yoga- und Legasthenietermine fallen öfter aus und statt Vollwertkost gibt es eher mal Pizza, was seiner Ex-Frau natürlich gar nicht gefällt: Ein Psychotherapeut soll die Trennung des Elternpaares begleiten, damit der Sohn keinen Schaden davonträgt, aber gerade in der Therapiestunde verschärft sich der Machtkampf der Eltern durch gegenseitige Schuldzuweisungen.

Der Film zeigt, dass die Eltern zwar das Beste für ihr Kind wollten, Felix aber mit der Situation, Woche für Woche bei dem einen oder anderen Elternteil zu leben, überfordert war. War er bei der Mutter, hatte er Heimweh nach seinem Vater, war er bei seinem Vater, hatte er Heimweh nach seiner Mutter. Felix kam mit seinen getrennt lebenden Elternteilen nicht gut zurecht und empfand es als Defizit, seine Eltern nicht mehr gleichzeitig zu haben.

Der kleine Felix hat theoretisch zwei „Zuhause“ und deshalb gar keins, weil er weder hier noch dort so richtig Wurzeln schlagen kann. Das „Zwei-Zuhause-Modell“ ist bei Psychologen umstritten.

Aber es gibt auch Kinder, die sich durchaus in zwei Familien zu Hause fühlen und keine Probleme mit ihrer „Doppelresidenz“ haben. Positive Beispiele habe ich in dem Ratgeber „Glückliche Patchworkkinder – Zuhause in mehreren Familien“5 beschrieben.

Während manche Kinder nach der Scheidung ihrer Eltern zwei Zuhause haben und sich beide Elternteile regelmäßig um sie kümmern, haben andere Scheidungskinder nicht selten den Verlust eines Elternteils – in der Regel des Vaters – zu verkraften. Nur wenige aller geschiedenen Väter kümmern sich regelmäßig um ihre Kinder und nicht alle Scheidungskinder bleiben in Kontakt mit dem abwesenden Elternteil.

Manche Kinder interpretieren das Desinteresse ihres abwesenden Elternteils an ihnen so, als ob sie nichts wert und nicht liebenswürdig seien. Solche Gefühle werden verstärkt, wenn der abwesende Elternteil keinen Unterhalt zahlt oder sein Umgangsrecht nicht wahrnimmt, häufig Besuche absagt oder zu den vereinbarten Terminen nicht erscheint.

Viele Konflikte, in die Kinder mit hineingezogen werden, beziehen sich auf Unterhaltszahlungen, die gar nicht oder nur unregelmäßig geleistet werden. Das kann dazu führen, dass die Mutter ihre Enttäuschung und Verbitterung bei den Kindern ablädt und sie als Klagemauer missbraucht.

Insa, 32:

„Ich bin ein Scheidungskind, inzwischen 32 Jahre alt und beginne ganz langsam damit, mich selbst anzunehmen und mein Leben auf eigene Beine zu stellen.

Jahrelang habe ich mich vergeblich nach der Liebe meiner Eltern gesehnt, aber meine Eltern waren zu sehr mit sich selbst und ihren Scheidungsauseinandersetzungen beschäftigt, und insofern unfähig, meine Bedürfnisse wahrnehmen zu können.

Nach der Scheidung erfolgten verspätete Ehekriegsspiele ohne Ende. Alles drehte sich um den Unterhalt, den mein Vater für mich zu zahlen hatte, aber gar nicht oder nur unregelmäßig zahlte. Meine Mutter ließ mich einen Brief an meinen Vater schreiben wegen des nicht geleisteten Unterhaltes. Ich weiß nicht, was genau ich da schreiben sollte, für mich klang es so, als ging es nur um eine Bescheinigung. Ich war aufgeregt, denn schließlich hatte ich seit Jahren nichts von ihm gehört.

Eines Tages war ein Brief von meinem Vater im Briefkasten. Ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper und hatte Schmetterlinge im Bauch. Mein Papa hatte geschrieben, „weiß ich nun endlich, wessen Geistes Kind du bist“. Das ist der einzige Satz, an den ich mich erinnere. Immer wieder klingt er nach, ich sehe noch die schwarze Tinte auf dem weißen Papier und kann noch heute den Schmerz fühlen, der mir dabei die Tränen in die Augen schießen ließ. Meine Mutter tröstete mich, um dann wieder auszuholen und mir davon zu erzählen, wie grausam dieser Mensch zu ihr gewesen war, dass er mich nie wollte, weil ich ein Mädchen war, dass nur Jungs etwas für ihn zählten. Sie erzählte stundenlang, immer und immer wieder. Mein Gefühl starb dabei. Ich durfte nicht traurig sein. Bis heute weiß ich nicht, was in diesem Brief an meinen Vater gestanden haben muss, was ihn so wütend hat werden lassen. Zwischendurch gab es gelegentlich Kontakt zu meinem Vater, der aber immer abbrach, wenn ich mich nicht mehr meldete. Er selbst meldete sich nie. Und ich tat es dann irgendwann auch nicht mehr.“

Tina, 36:

„Ich bin selbst Scheidungskind. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich neun Jahre alt war. Ich habe sehr unter der Abwesenheit meines Vaters gelitten. Ich habe erlebt, dass die wenigsten geschiedenen Väter sich umfassend um ihre Kinder kümmern. Bei einigen meiner Freundinnen habe ich das auch beobachten können. Meistens sind es die Mütter, denen alles überlassen wird.

Vor einiger Zeit befragte ich meinen Vater, warum er sich kaum um mich gekümmert habe. Seine Antwort: „Ich hatte eine neue Familie.“

So oder ähnlich verhält sich auch mein Freund, der Vater meines Sohnes, seit unserer Trennung.

Auf eine Mitverantwortung bei Betreuung und Erziehung lassen sich Männer kaum ein. Auch bei Freunden und Bekannten sehe ich diesen Zustand oft.

Für mich steht das Wohl meines Sohnes im Mittelpunkt. Er liebt seinen Vater bedingungslos. Zurückweisungen schluckt er und leidet. Leider kann man niemanden zur Liebe zwingen. Doch wenn man seinen Kindern täglich in die Augen sieht, ihnen zuhört und mit ihnen ist, merkt man, wie sehr ihnen diese Liebe fehlt. Sie brauchen einfach beide – Mama und Papa. Und jede Geste, jedes Wort, jede Berührung und Zuwendung saugen sie auf. Ich wünschte mir sehr, dass die Väter kämpfen würden, um jede Sekunde mit ihnen.“

Es ist ein großer Verlust für Kinder, deren Väter „abtauchen“ und sich ihrer Verantwortung entziehen, denn Kinder brauchen Mütter und Väter. Der Gesetzgeber hat das erkannt und überträgt im Regelfall beiden Eltern das gemeinsame Sorgerecht, damit sie – trotz gescheiterter Beziehung – gemeinsam zum Wohle des Kindes kooperieren.

Im neuen Kindschaftsrecht ist die gemeinsame elterliche Sorge und Verantwortung verankert, d. h., Väter und Mütter behalten als Eltern das gemeinsame Sorgerecht und auch die gemeinsame Sorgepflicht für ihre Kinder (s. Anhang: „Neufassung des Kindschaftsrechtes“ Seite 139).

Nur dann, wenn Eltern völlig zerstritten sind und um alles prozessieren, wird einem Elternteil das alleinige Sorgerecht übertragen, während der andere Elternteil das Besuchsrecht erhält. Es gibt aber auch Fälle, in denen das gemeinsame Sorgerecht nicht durchführbar ist, weil z. B. der Vater monatelang auf Montage im Ausland arbeitet. Dann wird aus Zweckmäßigkeitsgründen das alleinige Sorgerecht der Mutter übertragen.

Für ein Kind bedeutet es aber auch den schmerzlichen Verlust eines abwesenden Elternteils, wenn ihm dieser durch den anwesenden Elternteil entfremdet wird. Nicht selten versucht der anwesende Elternteil den anderen aus dem Leben des Kindes auszugrenzen und es kommt zur Entwicklung eines PAS-Syndroms („Parental Alienation Syndrome“ – PAS – Elterliches Entfremdungs-Syndrom) beim Kind: Es spaltet seine Eltern in einen geliebten (guten) und einen angeblich gehassten (schlechten, bösen) Elternteil auf.

Bei der Entfremdungsproblematik werden Kinder von einem Elternteil – meistens der Mutter – instrumentalisiert. Solche Mütter versuchen, ihren Ex-Mann zu strafen oder sich an ihm zu rächen. Diese Frauen betrachten ihre Kinder als ihr persönliches Eigentum, über das sie die alleinige Verfügungsgewalt anstreben. Sie programmieren (bewusst oder unbewusst, offen oder getarnt) das Kind gegen den Ex-Partner.

Da sich Kinder normalerweise mit dem Elternteil identifizieren, bei dem sie leben und von diesem abhängig sind, übernehmen sie auch dessen Bedürfnisse und Emotionen. Der ehemals geliebte Vater wird plötzlich abgelehnt, weil die Mutter es so will und weil das Kind nicht riskieren kann, den Zorn oder die Enttäuschung der Mutter auf sich zu ziehen. Meist wird dann ohne Überprüfung der Umgang mit dem Vater für diese Probleme verantwortlich gemacht und nicht die Programmierung durch die Mutter und deren Umgangsboykott. Die gängige Argumentation ist, „Es muss Ruhe einkehren“ oder es wird sogar eine Umgangspause verordnet, in der sich die Entfremdung dann fast automatisch vollzieht. Wenn danach Kontaktprobleme zwischen Vater und Kind entstehen, werden diese wiederum dazu benutzt, den Umgang weiterhin zu vereiteln.

Dazu ein Beispiel:

Claras Eltern sind geschieden. Die Achtjährige lebt bei ihrer Mutter. Obwohl beide Eltern das Sorgerecht haben, bekommt der Vater seine Tochter so gut wie gar nicht mehr zu sehen. Die ersten Monate nach der Scheidung war zunächst alles gut gelaufen. Clara besuchte ihren Vater regelmäßig und kehrte fröhlich von den gemeinsamen Wochenenden zurück. Doch dann fielen ihre Treffen immer häufiger aus: Mal war sie krank, mal auf einer Sportveranstaltung, mal bei einem Kindergeburtstag. Schließlich erfährt der Vater, dass Clara sich weigert, ihn zu besuchen.

Wenn ein Kind seine Bedürfnisse hinsichtlich des abgelehnten Elternteils nicht mehr äußert, bedeutet das nicht, dass es ihn nicht (mehr) lieb hat. Seine Liebe für den Vater oder die Mutter besteht weiter, wird aber verleugnet, um den manipulierenden Elternteil nicht zu verlieren. Auch beim Kind ist Angst ein wesentlicher Faktor für das Entstehen des Syndroms. Dem Kind fehlt die Freiheit, auch den abgelehnten Elternteil lieben zu dürfen. Damit wird dem Kind die Grundvoraussetzung für die eigene gesunde Persönlichkeitsentwicklung entzogen. Der Verlust der zweiten Elternbeziehung hat Identitäts-, Selbstwert-, Bindungs- und Beziehungsprobleme zur Folge.

Es ist Fakt, dass das Engagement vieler Väter für ihre Kinder nach der Scheidung kontinuierlich abnimmt. Ein Grund für den Rückzug der Väter ist auch, dass sie den Kontakt zu den Kindern reduzieren, um Streit mit der geschiedenen Frau zu vermeiden.

Viele Kinder entwickeln Mitleid mit dem getrennten Vater und verbünden sich mit ihm, wodurch sie in einen Loyalitätskonflikt geraten können. Andererseits verwöhnen Scheidungsväter oft aus Schuldgefühlen ihre Kinder und setzen ihnen keine klaren Grenzen, wo diese gefragt wären.

Nach einer Scheidung zerfällt das einstige familiäre Gefüge. Die Rollen müssen neu verteilt und besetzt werden. Geschiedene Eltern versuchen aus Schuldgefühlen heraus nach der Trennung eine besonders intensive Bindung zu den Kindern herzustellen, indem sie den Kindern ein besonderes, partnerschaftliches Verhältnis anbieten oder sie fallen in das andere Extrem, indem sie ihre Kinder überbehüten.

Psychologen meinen, dass der Tod eines Elternteils für die Entwicklung eines Kindes nicht so schlimm sei wie eine Scheidung. Echte Halbwaisen seien in der Lage, sich mit dem unwiderruflichen Schicksalsschlag abzufinden und Gegenkräfte zu entwickeln, Scheidungskinder hingegen hätten Schwierigkeiten, zu begreifen, dass das geliebte Wesen noch existiert, aber den Kontakt abbricht oder stark reduziert. Von Bedeutung ist also weniger, dass ein Elternteil fehlt, sondern warum er fehlt.

Wenn man weiß, wie viel Kummer und Verzweiflung eine Scheidung oder der Tod für den verlassenen bzw. hinterbliebenen Partner und die betroffenen Kinder bewirken, erscheint es nicht nur verständlich, sondern wünschenswert, wenn nach Wegen gesucht wird, aus dem „Tal der Tränen“ herauszukommen und dem Leben einen neuen Sinn zu geben.

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Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
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ISBN:
9783941435940
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