Kitabı oxu: «Die dünne Frau»

Şrift:


Dorothy Cannell

Die dünne Frau

Deutsch von Heidi Zerning

Ariadne Krimi 1016

Argument Verlag

Seit es Krimis gibt, haben Frauen Krimis geschrieben. Trotzdem ermittelten früher meist harte Kerle und distinguierte Herren, Frauen hingegen waren Opfer oder wurden gerettet. Ende der 1980er Jahre entstand die Ariadne-Krimireihe, als feministische Autorinnen ins Genre drängten, und inzwischen bevölkern zahllose weibliche Hauptfiguren die Krimiwelt in Buch und Film. Themen wie Kinder, Essen, Tagträume und Sehnsüchte sind nicht mehr ausgeklammert. Der Krimi ist keine reine Männerwelt mehr, er hat vielfältigere Facetten bekommen.

Bei Ariadne erscheinen heutzutage vor allem sehr politische Krimis und Noirs von Frauen, die das Genre nutzen, um Widersprüche und Missstände unserer Gesellschaft offenzulegen. Die dünne Frau hatte diesen Anspruch noch nicht: Auch wenn der Titel deutlich auf Hammett anspielt, ist es eher eine romantische Komödie mit Schauerroman-Elementen. Betont verspielt unterläuft Dorothy Cannell die althergebrachten Genre-Konventionen, wobei ihr scheinbar harmloser Humor durchaus subversive Ecken und Schnörkel hat. Das erstmals 1991 erschienene Buch wurde in der wundervollen Übersetzung von Heidi Zerning flugs zum Bestseller. So hat die verschmitzte, zutiefst für Frauen eingenommene Kriminalburleske Hunderttausende von Leserinnen beglückt und tut das noch heute, in der mittlerweile sechzehnten Auflage. Darum halten wir es lieferbar.

Else Laudan

Dorothy Cannell wurde 1943 in Nottingham (England) geboren. 1963 wanderte sie in die USA aus und lebt bis heute in Peoria, Illinois (USA). Sie scheut das Rampenlicht, aber ihre zahlreichen Familienmitglieder und Freunde fallen oft zum Teetrinken und Katzenstreicheln bei ihr ein. Längst ist sie Großmutter, doch ihre Krimis schreibt sie weiterhin in der Besenkammer neben dem Katzenklo.

Inhalt

Cover

Titel

Zum Buch

Zur Autorin

Impressum

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Epilog

Weitere Bücher

Ariadne Kriminalromane

Herausgegeben von Else Laudan

www.ariadnekrimis.de

Neuausgabe 2009

Alle Rechte vorbehalten

Titel der englischen Originalausgabe: The Thin Woman

© 1984 by Dorothy Cannell

© Argument Verlag 1991

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020

www.argument.de

Umschlaggestaltung: Martin Grundmann,

www.herstellungsbuero-hamburg.de

Satz: Iris Konopik

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-86754-992-9

Sechzehnte Auflage 2016

1

Nette Menschen in aller Welt wissen, dass Familientreffen Anlässe harmlosen Vergnügens sind und mehr rechtschaffenes Behagen spenden als Wäscheschränke voll lavendelduftender Betttücher oder Speisekammern voll selbstgemachtem Brombeergelee. Darum hoffe ich, die Nachwelt wird mich nicht verurteilen, wenn ich gestehe, die Einladung in Merlins Schloss hatte auf mich die gleiche Wirkung wie eine amtliche Aufforderung, mich zu meiner Hinrichtung einzufinden. Der liebenswürdig formulierte Brief auf dünnem veilchenfarbenem Papier lud mich zu einem Sippentag auf den Stammsitz eines betagten Onkels. Mir wurde mit Schrecken bewusst, dass ich mein schändliches Geheimnis vor der Verwandtschaft, die ich in den letzten Jahren so sorgfältig gemieden hatte, nicht länger verbergen konnte. Die Werbung belegt solche wie mich mit dem beschwichtigenden Attribut »vollschlank«. Aber machen wir uns nichts vor. Ein einfaches Wort mit vier Buchstaben sagt alles.

Gab es irgendeine Verschleierungstaktik? Nicht in Form neuer Garderobe (mein Vertrauen in Kleidungsstücke war dahin), sondern allenfalls in Gestalt eines breitschultrigen Mannes an meiner Seite. Zum Beispiel ein gutaussehender, liebevoller Ehemann sowie eine Schar entzückender, goldblonder Kinder, die stets mit geschlossenem Mund kauen und in Gegenwart Fremder nie unanständige Wörter benutzen. Mit deren Unterstützung konnte ich vielleicht dem Blick meiner deprimierend hübschen Cousine Vanessa standhalten. Ach, alles Tagträume! Ich war natürlich alleinstehend und würde es – es sei denn, Zeus stiege plötzlich vom Olymp herab und machte mir einen Heiratsantrag – aller Wahrscheinlichkeit nach auch bleiben.

Das Wetter an diesem Abend entsprach meiner Laune. Es war nasskalt und stürmisch, typisch für Ende Januar in London. Ich kam mit einem Gesicht so rau wie ein Reibeisen von der Arbeit und fand den Brief auf der Fußmatte. Meine Wohnung lag im obersten Stockwerk eines düsteren viktorianischen Hauses. Es wurde von einer geisterhaften Hauswirtin verwaltet, die immer, wenn die Wasserhähne tropften, unauffindbar war, bei Fälligwerden der Miete jedoch plötzlich Gestalt annahm.

Nachdem ich meinen Mantel an den Haken neben der Wohnungstür gehängt und den Regenschirm so drapiert hatte, dass er meine Geranien bewässern konnte, strebte ich der Küche zu und tat, was ich in Zeiten der Heimsuchung immer tue – ich öffnete die Kühlschranktür. Diesmal war ich versucht, hineinzukriechen und die zudringliche Welt einfach auszusperren. Doch das hätte keins meiner Probleme gelöst. Das Ergebnis wäre eine Neuauflage vom Besuch Puh des Bären bei dem Kaninchen gewesen, der nach Verzehr eines üppigen Mahles bekanntlich in der Tür stecken blieb und eine Woche lang ausgehungert werden musste, in welcher Zeit das praktische Kaninchen seine Beine als Handtuchhalter benutzte. Meine Beine sollte niemand als Handtuchhalter benutzen! Also tat ich etwas anderes Tröstendes und sehr Puh-Bärenhaftes. Ich häufte Baguettebrot und sechs Liebesknochen auf einen Teller, klemmte mir Mrs. Biddles Beste Erdbeermarmelade unter einen Arm und schnappte mir die Butterdose. Dann packte ich meine Beute auf den gescheuerten Holztisch neben die Morgenzeitung mit den Kaffeeflecken und das vom Kater umgestoßene Usambaraveilchen, steckte eine Kerze in eine Colaflasche und entzündete sie mit Schwung. Ich verdrückte zwei Liebesknochen und vier Scheiben krosses Brot dick mit köstlicher gelber Butter bestrichen. So gestärkt las ich noch einmal die Einladung in Merlins Schloss – mein Spitzname für den Wohnsitz meines verknöcherten Oheims. Der richtige Name war irgendwas Banales wie Fliederheim oder Villa Immergrün, was zur Verschrobenheit des Hauses überhaupt nicht passte.

Der Brief war natürlich nicht vom hohen Herrn selber zu Papier gebracht worden. Solche Aufmerksamkeit hätte mir ja ein übertriebenes Gefühl von Wichtigkeit geben können. Tante Sybil, die bei dem alten Schatz lebte und jede seiner Schrullen vergötterte, hatte das Schreiben in ihrer wunderlichen viktorianischen Handschrift verfasst, mit hauchfeinen Schleifen und Schnörkeln wie gesenkte Wimpern. Ich hatte Angst, auf das Papier zu atmen, damit die Schrift nicht verschwand. Das gesellige Wochenende sollte am Freitagabend, dem dreizehnten Februar, beginnen und am Sonntag nach dem Vier-Uhr-Tee zu seinem (zweifellos unverzüglichen) Schluss kommen. Eine Ablehnung dieser noblen Einladung wurde offenbar für undenkbar gehalten. Falls ich in Herrenbegleitung käme, war ich gebeten, Tante Sybil zu verständigen, damit ein getrenntes Schlafzimmer vorbereitet werden konnte.

Herrenbegleitung – was für ein reizendes Wort! Da denkt man an Strandpromenaden, an Zylinder und wirbelnde Spazierstöcke und an herrliche junge Männer mit schlimmen Hintergedanken. Die letzte Herrenbegleitung, die mir zuteil wurde, war ein Krankenpfleger, der mich an jenem Abend, als ich mir auf der Jagd nach einem Taxi den Fuß verstaucht hatte, in die Ambulanz rollte. »Iss noch einen Liebesknochen, Ellie!« – »Habe nichts dagegen.« Dicke gelbe Creme troff mir von den Fingern. Ich wischte einen Klecks von der Zeitung, und da stand es in großen fetten schwarzen Lettern, extra für mich:

KULTIVIERTE HERREN- UND DAMENBEGLEITUNG

Höchst seriöses Institut. Nie mehr allein ausgehen!

Wenn sonst niemand kann, rufen Sie uns an.

»Und du wirst ermordet«, sagte ein feines Stimmchen in meinem Ohr.

»Weswegen?«, sagte ein anderes feines Stimmchen. »Du hast kein Geld. Du bist keine Schönheit.«

Ich verputzte den letzten Liebesknochen, was sehr bedauerlich war. Wie viel würde es kosten, einen Mann übers Wochenende zu mieten? Zweifellos einen Batzen. Aber ich hatte Mutters Geld. Ich kaufte mir selten etwas zum Anziehen oder Sachen für die Wohnung. Als Innenarchitektin zog ich meinen Lustgewinn daraus, anderer Leute Häuser zu möblieren. Wählerisch zu sein war mein Beruf. Diese Fertigkeit konnte ich jetzt darauf verwenden, einen Mann auszusuchen, einen, der jede Saloneinrichtung schmückend ergänzte. Hochgewachsen sollte er sein und elegant, mit fein geschnittenen Zügen und einem Paar dunkler, sardonisch geschwungener Augenbrauen. Ich war solchen Exemplaren schon oft begegnet: zwischen den Seiten höfischer Liebesromane; sie hatten so artige Namen wie Julian St. Trope oder Eduard Van Heckler und galten als perfektes Accessoire junger Damen, die einen guten Eindruck machen wollten.

»Blöde Gans.« Ich zerknüllte die Zeitung und räumte den leeren Teller ab. »Du würdest an jemand namens Fred Potts geraten, der ohne Steuerkarte an der Haustür Bohnerwachs verkauft.« Wie aufs Stichwort klingelte es. Es war mein Mitbewohner Tobias Katertier. Ein ausgesprochen spießiger Kater, der sich weigerte, die Feuerleiter zu benutzen und durchs Fenster zu kommen. Er pflegte auf dem Tischchen im Flur vor meiner Wohnung zu thronen und so lange auf die Klingel zu stupsen, bis bei mir der Groschen fiel und ich aufmachte.

Tobias war nicht allein. Meine Nachbarin von unten, Jill, kam hinter ihm herein, was ihm nicht passte. Tobias mag keinen Besuch. Seine finstere Miene sagte: »Schmeiß die Hexe raus.« Er schnupperte angewidert an seinem Fressnapf und stolzierte davon, um in meinem winzigen Wohnzimmer seine Krallen am Sofa zu schärfen. Die arme Jill sah wirklich ein bisschen hexenhaft aus. Sie hatte ihr kurzes Stoppelhaar einmal zu oft gefärbt (sie benutzt die Alle-zwei-Tage-Sorte), und es war jetzt schmutzig grün, was sich mit ihren Augenbrauen biss.

Ich habe versucht, Jill zu hassen, weil sie winzig ist mit einem großen W (eins achtundvierzig), weniger wiegt als ich bei meiner Geburt, immer ihren nicht vorhandenen Bauch einzieht und ständig davon redet, dass sie unbedingt abnehmen muss. Aber sie ist auch nett mit einem großen N.

Sie ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen, schleuderte ihre Zwergschühchen von den Füßen, stellte eine Flasche Pflaumenwein auf den Tisch, streckte ihre mageren Ärmchen über den Kopf und sagte, sie sei total erschöpft. Was mich nicht wunderte. Sie bringt Frauen, die Angst haben, abends alleine vor die Tür zu gehen, Selbstverteidigung bei und hat einen Judohieb drauf, der Mr. Universum krachend durch drei Stockwerke befördert hätte und wieder zurück.

»Puuh! Was für ein Wetter. Und dieser Wind! Ich bin praktisch nach Hause geflogen. Zeit zum Aufwärmen. Hol zwei Becher, Ellie-Schatz, und wir kriegen beide einen Schuss von dem Pflaumen-Gaumen-Traum.«

»Macht’s dir was aus, alleine zu trinken?« Ich holte ein Glas aus dem Geschirrschrank, auf dem Ein Geschenk aus Blackpool stand. »Ich möchte nämlich nicht, dass meine Liebesknochen gerinnen.«

»Was ist los? Du siehst sowieso schon sauer aus.« Jill füllte ihr Glas und sah mich durchdringend an. Sie bildet sich ein, Amateurpsychiaterin zu sein, und hat sich in den letzten drei Jahren durch meine Neurosen gearbeitet. Bis jetzt hat sie mir Gruppentherapie verordnet, Meditation, Knüpfarbeiten, Yoga und eine Brieffreundschaft mit einem Guru.

Ich gab ihr die Einladung und genehmigte mir eine doppelte Dosis Andrews Lebertinktur.

»Na und? Hört sich zwar nicht an wie die aufregendste Fete des Jahres, aber immerhin ein Wochenende am Meer. Langweilig, aber harmlos.«

»Du kennst meine Tante Astrid nicht oder ihre teure Tochter, die betörende Vanessa, von klein auf zum Männermagneten herangezogen – keine Spur von Hirn, aber wer merkt das schon?«

»Miau!« Jill fuhr mit dem Finger auf dem Rand ihres Glases entlang und goss sich noch einen Schluck ein.

Tobias steckte ein Ohr um die Ecke, kam zu dem Schluss, dass er nicht gemeint war und zog sich wieder zurück.

»Bosheit ist eine der wenigen Freuden in meinem Leben. Ich rauche nicht, ich trinke kaum, und ich habe keine losen Affären mit Männern, die lediglich nach meinem Körper lechzen.«

»Wenn du nicht für sechs futtern würdest, gäb’s noch Hoffnung. Hör auf, dir leidzutun. Ich kann nur immer wieder sagen, wenn du mitmachst, mache ich eine Abmagerungskur. Zusammen packen wir’s. Frühmorgens zur U-Bahn joggen und zurück, während der Arbeit Gymnastik und pro Tag drei klitzekleine Mahlzeiten – ohne Schummeln!«

»Vielen Dank, Jill, aber die Nummer mit Tomaten, Essig und altbackenem Kuchen halte ich nicht noch mal durch. Außerdem ist eh schon alles zu spät. Die Galaveranstaltung ist nur noch drei Wochen hin. Und schlag bloß nicht vor, ich soll die Einladung ablehnen. Die wissen doch alle, warum ich nicht wage, mich zu zeigen.«

»Obwohl sie dich seit über zwei Jahren nicht gesehen haben? Damals warst du noch nicht so massig wie heute.«

»Nein, aber rundlich war ich immer. Schon als Teenager hat mir Tante Astrid prophezeit, ich kriegte mal den gleichen Umfang wie die Kuppel der Paulskathedrale. Und dass ich Briefe und Weihnachtskarten nicht mehr beantwortet habe, wird sie in ihrem schlimmsten Verdacht bestärkt haben.«

»Hast du mir nicht erzählt, dein Onkel Merlin lebt völlig zurückgezogen und hat dich seit deiner Kindheit nicht mehr gesehen? Woher plötzlich die Sehnsucht nach der lieben Familie?«

»Weiß der Himmel. Vielleicht ist der alte Knabe dabei, den Löffel abzugeben, obwohl, als Letztes hörte ich, dass er damit gedroht hat, hundert zu werden. Du kennst die Sorte – seit fünfzig Jahren nie beim Arzt und nie erkältet. Aber Onkel Merlin ist nicht mein Problem; er interessiert sich nicht für Frauen. Der kann auf seinen Mottenkugeln hocken, bis er abkratzt. Die anderen machen mir Sorgen, nicht bloß die göttliche Vanessa und ihre Mammi, auch Onkel Maurice, Tante Lulu und mein Vetter Frederick. Ich will nicht, dass sie mich fragen, was tut ein so nettes Mädel wie du in einem solchen Körper!«

»Flotte Sprüche helfen dir auch nicht weiter, Ellie. Du musst in den Griff kriegen, was dich in die Selbstzerstörung treibt. Wahrscheinlich irgendein Schockerlebnis in frühester Kindheit …«

»Gut und schön. Aber Wunder brauchen ihre Zeit, und die hab ich nicht. Dafür hab ich das!« Ich schob die Zeitung über den Tisch, zeigte auf das Inserat für die Kultivierte Herrenbegleitung und wartete auf ihre Reaktion. Wenn Jill lästern würde … aber sie tat es nicht.

»Ellie, das ist doch super! Probierst du’s? Du bist immer so steifleinen.«

»Nur, wenn ich weiß, dass die Agentur seriös ist. Viele von den Dingern sind doch bloß Tarnung.«

»Für unanständige Absichten? Hast du Angst, du musst für die Rolle der Königin der Nacht vorsingen? Ellie, den Job kriegst du nie.«

»Vielen Dank.«

»Nicht nur weil du, sagen wir mal, voluminös bist. Es ist deine deprimierende Ausstrahlung lupenreiner Ehrbarkeit.« Jill goss sich noch ein Glas ein und schwenkte es vor meinem Gesicht. Das ist einer der Gründe, warum ich sie mag, sie macht keinen Bogen um das Thema meines Gewichts. »Auf Ellie! Möchte mal wissen, wie so ein Laden funktioniert. Mietest du den Mann stundenweise, tageweise? In deinem Fall würde ich mal fragen, ob sie eine Wochenendpauschale im Sonderangebot haben.«

»Sei nicht albern.« Ich hatte wieder Hunger, entschied mich aber stattdessen für den Rest Wein. »Ich rufe morgen an. Ganz unverbindlich, nur ein paar diskrete Erkundigungen. Wenn die Person am anderen Ende sich vernünftig anhört, bitte ich um einen Termin. Ich kann mich immer noch in letzter Minute entscheiden, nicht hinzugehen.«

»Du wirst hingehen. Dabei fällt mir ein, meine Cousine Matilda ist mal zu so was gegangen oder zu was Ähnlichem. Sie musste die Zeit bis zum nächsten Ehemann überbrücken, und sie kann buchstäblich nicht aufrecht stehen, wenn sie keinen männlichen Arm zum Anklammern hat. Sie fand, wenn sich der Bräutigam Anzug und Zylinder mieten kann, ist nichts dagegen zu sagen, wenn sie sich einen Mann mietet. Ich glaube, er wurde für den Vater der Braut gehalten oder für den Oberkellner, eins von beidem.«

»Trinken wir auf ansehnliche Männer, egal woher«, rief ich und erhob das Glas. »Egal, was es kostet.«

Am nächsten Tag fühlte ich mich nicht mehr ganz so locker und überlegen. Ich verschob den Anruf bei der Kultivierten Herrenbegleitung bis in den späten Nachmittag. Dann ging ich in den hinteren Teil des Ausstellungsraumes, in dem ich arbeitete, goss mir aus der Kaffeemaschine, die gefährlich auf einer Kiste balancierte, eine Tasse ein, spitzte drei Bleistifte, bis sie tödlich waren, setzte mich an meinen Schreibtisch, stand auf, besorgte mir eine Schachtel Büroklammern, nahm den Hörer ab, legte ihn wieder hin und wählte schließlich die Nummer. Besetzt. Fünf Minuten später kam ich durch und wurde von einer anonymen Stimme am anderen Ende der Leitung informiert, dass eine Terminvereinbarung nicht nötig sei. Geschäftsstunden von acht Uhr dreißig bis siebzehn Uhr dreißig, und drei Empfehlungsschreiben müsse ich vorweisen, maschinegeschrieben, in dreifacher Ausfertigung. Klick.

Nicht sehr freundlich, aber ausgesprochen geschäftsmäßig. Langsam ging es mir besser. Ich sagte meinen letzten Termin mit einer Frau ab, die ihr Vorkriegs-Siedlungshäuschen in ein französisches Château verwandelt haben wollte, fuhr mit der U-Bahn bis Strand, überprüfte zum vierten Mal die Adresse in meinem Portemonnaie und machte mich auf den Zehn-Minuten-Fußweg zur Goldfinch Street.

Meine Füße dehnten ihn auf zwanzig Minuten. Ferner trugen sie mich zu Woolworth, wo ich einen Lippenstift erstand, den ich nicht brauchte, in einer Farbe, die ich nie trug, sowie eine Tüte Kartoffelchips, die ich als Rückhalt in meine Handtasche stopfte.

Unglücklicherweise hatte ich überhaupt keine Schwierigkeiten, das Gebäude zu finden, das die Kultivierte Herrenbegleitung beherbergte. Es war nicht zu verfehlen. Der Architekt hatte kein postmodernes Mätzchen ausgelassen. Die Fahrt im Fahrstuhl – einer gläsernen Röhre, die ohne sichtbare Abstützung um ihre eigene Achse rotierte – durch einen Dschungel von Treibhauspflanzen war ein Erlebnis für sich. Jetzt noch ein gutgelaunter Tenor, der selbstvergessen losträllerte – ein einziger Schmetterton und alles würde in tausend Splitter zerspringen. Ich wandte die Augen nicht von einem korpulenten Herrn mit olivfarbenem Teint und schwarzem Operettenbart, am liebsten hätte ich ihm das Atmen verboten. In letzter Sekunde kam die kugelförmige Kabine zum Stillstand, hing einen Moment in der Luft und öffnete dann mit geräuschlosem Gähnen ihre Pforten. Ich erwog kurz, auf der Stelle die Rückreise anzutreten. Aber ich verachte Feiglinge, auch wenn ich meist selbst einer bin.

Ich bog um eine Ecke und fand mich unmittelbar vor einer Glastür, die in auffälligen Lettern von der Kultivierten Herrenbegleitung kündete. Darunter war eine ekelerregende Abbildung von zwei ineinander verschlungenen Herzen.

Ich kramte in meiner Handtasche, fischte eine Sonnenbrille heraus und klappte den Kragen meines Kamelhaarmantels hoch. Vor wem wollte ich mich verstecken? Vor mir selbst? Mein Innenleben implodierte. Ich machte ein bisschen Lamaze-Atemtechnik, die ich im Fernsehen aufgeschnappt hatte, und öffnete die Tür.

Wie so oft, wenn man mit dem Schlimmsten rechnet, lauerte auch hier nichts Unheimliches. Es war die übliche Art Empfangsraum, wo astronomische Honorare kassiert werden: skelettfarbene Wände, Bambusrollos und sparsamster Einsatz ausgesuchter Utensilien. Optischer Mittelpunkt des Raumes war eine silikongepolsterte, geschickt als Empfangsdame getarnte Blondine. Sie saß hinter einem sichelförmigen orangefarbenen Kunststoffschreibtisch, feilte ihre bereits rasierklingenscharfen Nägel, kaute affektiert Kaugummi und blies niedliche kleine Blasen, die genau zu ihrem bonbonrosa Lippenstift passten. Sie sah nicht auf, als ich auf den Wogen einer Engelbert-Schnulze eintrat.

Ich räusperte mich und schluckte vernehmlich. »Entschuldigen Sie.«

»Ja?« Goldlöckchen sog den kleinen Ballon ein und schaute noch gelangweilter drein als vorher. »Wenn Sie wegen der Stellung gekommen sind«, die Nagelfeile schmirgelte weiter, »die ist schon weg. Bedaure, aber wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«

»Welche Stellung?«

Sie hielt mich für begriffsstutzig. »Na, Putzhilfe, männlich oder weiblich, Berufserfahrung nicht erforderlich, keine Nebenleistungen, Alter Mitte vierzig …«, sie unterbrach sich, »oder wollten Sie die nicht?«

Konnte ich innerhalb weniger Stunden derartig gealtert sein? Das versprach ja heiter zu werden mit dieser chemieblonden, zuckerlasierten Pute. Ihrem Röntgenblick nach hätte ich eine Raupe sein können, die gerade von einem Silbertablett mit hübsch dekorierten Gurkenschnittchen kroch. Nerven hin, Nerven her, ich würde mich nicht behandeln lassen wie Katzenfutter.

Ich nahm die Sonnenbrille ab und steckte sie in die Tasche. »Ich bin als Kundin hier, nicht als Ganztagsangestellte. Vielleicht erinnern Sie sich«, ich blickte mich in dem leeren Wartezimmer um, »ich habe heute Nachmittag angerufen und Sie sagten, ich könne ohne Termin vorbeikommen. Hoffentlich habe ich meine Zeit nicht verschwendet. Ich habe nämlich auch Kunden, die deswegen zurückstehen mussten.« Das schluck mal, dachte ich, während ich spürte, wie ihre verschlagenen Äuglein mich langsam von oben bis unten musterten, meinen fallschirmförmigen Mantel, mein solides Schuhwerk. Warum tat ich mir das an?

»Die Anforderungen der Geschäftsleitung sind, fürchte ich, recht hoch –«

»Wie hoch? Hätte ich gewusst, dass Sie 92 – 61 – 89 verlangen, hätte ich kein Mittagbrot gegessen.«

»Schauen Sie, Fräulein, ich hab die Regeln nicht gemacht. Das Leben ist nicht immer fair.« Der Tiefsinn des Tages.

»Wenn ich so aussehen würde, wie ich Ihrer Meinung nach sollte, wäre ich nicht hier. Also, können Sie mir helfen oder ist jemand zu sprechen, der es kann?«

Ihr Seufzer ließ die Büroklammern scheppern. »Ich treffe hier nicht die Entscheidungen … Na schön, Mrs. Swabucher will die ausgefüllt haben, bevor Sie reingehen.« Ein Bündel Aufnahmeformulare, deren obere rechte Ecken die unvermeidlichen Herzchen zierten, wurde mir in die Hand gedrückt. »Gehen Sie in das Kabuff neben dem Fenster.«

Goldlöckchen machte sich nicht die Mühe, aufzustehen; sie winkte lediglich mit einem Kaugummipäckchen. »Da finden Sie, was Sie brauchen, Kugelschreiber, Bleistifte und einen Taschenrechner.« Ich hörte, wie eine Tür am anderen Ende des Raumes auf- und wieder zuging, dazwischen schnappte ich die Worte auf: »Puuh, wir haben Miss World im Wartezimmer.«

Bis dahin hatte ich Bewerbungsformulare stets gerne ausgefüllt. Sie bescheinigen einem schwarz auf weiß, dass man eine Person ist, die Leistungen, Pläne und Ziele aufzuweisen hat – fein säuberlich tabelliert. Kreuzen Sie Kästchen A, B oder C an und unterschreiben Sie. Kein Platz für Seelenbekenntnisse.

Ich habe keine Vorstrafen, nicht in Bigamie gelebt und keiner obskuren exotischen Sekte angehört. Aber dieser Fragebogen war offensichtlich das Geisteskind eines Freudianers, der wollte, dass ich mir mein eigenes Grab schaufelte und mich dann auch noch hineinlegte.

Ob ich bei Benutzung des Badezimmers immer die Tür schloss.

Ob ich anderer Leute Zigaretten rauchte.

Welche Art von Nachtgewand ich bevorzugte.

Irgendwo zwischen diesen kunstgerecht punktierten Linien waren Bomben versteckt, die bei der geringsten Unvorsichtigkeit hochgehen konnten. Ich hatte bereits die Enden von zwei Bleistiften zerkaut und musste befürchten, wenn nicht von diesem Schwachsinn, dann von Bleivergiftung dahingerafft zu werden. Also übersprang ich zwei Zeilen und kam zu einer Frage in größerer Schrift, die mehrmals unterstrichen war. Offensichtlich das Kernstück. »Was war mir im Leben am wichtigsten?«

A. Eine sexuell befriedigende Beziehung.

B. Geld.

C. Die Achtung meiner Mitmenschen.

Ich war versucht zu antworten: »Bratfisch und Pommes mit viel Majo und Erbsen, eine große Cola und ein Schokoladeneisbecher mit extra Sahne, zwei Kirschen, keine Nüsse.«

Eine Alarmglocke schrillte, dass mein rechtes Trommelfell platzte. Goldlöckchen war wieder da, fachmännisch hielt sie eine poppige Stoppuhr in ihren kirschroten Krallen.

»Am besten gehen Sie gleich zu Mrs. Swabucher rein. Sie verreist übermorgen zu einer Konferenz.« Dem blöden Grinsen nach war ich für Goldlöckchen der Witz des Tages. Haltet euch den Bauch und wälzt euch am Boden vor Lachen, hier kommt Miss Wollene Unterwäsche auf der Suche nach Mr. Tadellos.

Das innerste Heiligtum glich einer gigantischen Puderquaste, kuschelig und rosa und dezent duftend. Alles war rosa – der Teppich, die Tapete, die Vorhänge, der Lampenschirm in Form eines Sonnenschirmchens; sogar der große Schreibtisch in der Mitte des Zimmers war perlmuttrosa und natürlich herzförmig. Hinter dem Schreibtisch saß eine kuschelige ältere Dame, die selber ein bisschen wie eine Puderquaste aussah. In dem rosigen Licht hatte ihr Haar einen rosa Schimmer.

»Miss, äh, Ellie Simons.« Goldlöckchen knallte meine Testformulare auf den Schreibtisch und stöckelte auf ihren Zwanzig-Zentimeter-Pfennigabsätzen hinaus.

»Kommen Sie, kommen Sie, meine Liebe. Ach je, Sie sehen ja zu Tode erschrocken aus, Sie Arme.« Mrs. Swabucher kam hinter ihrem Schreibtisch hervorgewatschelt. Zu meiner Überraschung entdeckte ich an ihren Füßen bequeme Pantoffeln mit dicken rosa Seidenpompons, die die Wirkung ihres rosa Wollcomplets zunichtemachten.

Sie fing meinen Blick auf und zwinkerte mir heftig zu. »Ich weiß, ich sehe damit aus wie eine alte Miezekatze, aber meine Füße machen mir so zu schaffen und meine Tochter Phyllis hat sie mir zu Weihnachten geschenkt. Sie ist das hochgewachsene Mädchen hier auf dem Foto neben dem Jungen mit dem Hamster – meinem Enkel Albert. Geben Sie mir Ihren Mantel, meine Liebe, und ziehen Sie sich den Stuhl heran, damit wir gemütlich plauschen können. Wie wär’s mit einem Kaffee?«

Das sollte nun der führende Kopf hinter allem sein? Zu meinem Erstaunen merkte ich, dass meine Hände nicht mehr zitterten. Ich war in der Lage, die zierliche Kaffeetasse mit dem zarten Rosenknospenmuster ruhig zu halten. Das Zimmer war wunderbar warm, trotz des Regens, der draußen niederprasselte. Es hätte ein behaglicher Abend bei einer älteren Freundin oder Verwandten sein können, nur dass meine Verwandten alle so behaglich waren wie Giftschlangen.

»Hat das Mädchen Sie schikaniert?« Mrs. Swabucher nahm wieder hinter den Fotos Platz und nippte an ihrem Kaffee. »Ich wusste vom ersten Moment an, sie ist die Falsche. Aber was soll man machen? Heutzutage ist es absolut unmöglich, gute Kräfte zu finden: schlampig, unverschämt und schrecklich ungebildet. Aber Sie, Miss Simons, Sie sind eine Dame, das sehe ich sofort.«

»Und der Test?«

»Ach, zerbrechen Sie sich bloß nicht den Kopf über diesen Unsinn. Das war eine Idee von meinem Sohn Reginald. Er ist Wirtschaftsprüfer, und Sie wissen ja, wie die sind –›Mutter, du musst rationell arbeiten, auf dem neuesten Stand sein, dich an die Bestimmungen halten.‹ Ich halte mich an meinen Instinkt und ich irre mich nie. Dadurch bin ich ja überhaupt erst in diese Branche geraten. Ich verstehe mich auf Menschen. Mein lieber verstorbener Mann sagte immer, ich wäre die geborene Ehestifterin, und als er von mir ging … was hatte ich schon anderes zu tun?«

Sie setzte vorübergehend aus wie eine zu schwach aufgezogene alte Uhr, und ich murmelte, es ginge mir eigentlich nicht um etwas so Dauerhaftes wie einen Ehemann.

Mrs. Swabucher strahlte mich an. »Man kann nie wissen! Nehmen Sie ein Konfekt, alle mit Cremefüllung. Meine Spezialmarke.«

Ich beäugte sie gierig, lehnte aber dankend ab.

»Sie machen sich Sorgen wegen Ihrer Figur, stimmt’s? Sollten Sie nicht. In Ihrem Alter ist das wahrscheinlich nur Babyspeck.«

»Ich bin siebenundzwanzig.«

»Oje, oje! Sie sterben gleich an Altersschwäche!« Mrs. Swabucher kicherte kehlig. »Kommen Sie, seien Sie kein Frosch! Amüsieren Sie sich! Ach, Sie haben Angst – Sie denken, das ist wieder ein Test wie der Mumpitz da draußen. Lassen Sie mich etwas klarstellen, Miss Simons. Ich bin nicht doppelzüngig, dazu bin ich einfach nicht schlau genug. Jetzt essen Sie, und dann kommen wir zum Geschäft. Erzählen Sie mir alles über sich.«

Es war gar nicht schwer. Ich aß ein Konfekt, ich aß noch eins. Mrs. Swabucher gab mir die ganze Schachtel und sagte, ich sollte sie auf dem Schoß behalten. Sie goss mir immer wieder Kaffee ein. Ich erzählte ihr von der Einladung in Merlins Schloss, beschrieb Vanessa und wie grässlich minderwertig ich mir in ihrer Gegenwart vorkam, wie ich mein Gewicht hasste, aber unfähig war, es unter Kontrolle zu halten, und wie ich glaubte, selbst eine vorgetäuschte Beziehung würde mir genügend Selbstvertrauen geben, um das große Wochenende zu überstehen.

Am Ende meines Vortrages hatte Mrs. Swabucher Tränen in den Augen und putzte sich mit einem rosa Seidentaschentuch geräuschvoll die Nase. »Wie schade, dass mein Jüngster, der arme William, nie Gelegenheit hatte, Sie kennenzulernen.«

Mir gingen Bilder von einem frühen und tragischen Tod durch den Kopf. Doch Mrs. Swabucher erklärte, letzten Juni habe ihr Sprössling eine unmögliche, emanzipierte Person geheiratet, die für getrennte Ferien sei und gegen Kinder.

Ich aber war die Gegenwart, mir konnte geholfen werden. Die liebe Frau machte sich umfangreiche Notizen in einer sonderbaren Kurzschrift, die mit Kringeln und Pfeilen durchwoben war: Arbeitsstellen, Hobbys, Vorlieben und Abneigungen, alles kam in einen Topf, wo es eine Weile schmoren sollte, wie Mrs. Swabucher sich ausdrückte. In der Zwischenzeit würde sie ihre Kartei durchgehen und ihre Grübelkappe aufsetzen. Irgendwo da draußen war der Mann, dessen Leben kurz das meine berühren würde.

»Fahren Sie nicht in ein paar Tagen zu einer Konferenz?«, fragte ich, denn mir fiel plötzlich auf, wie spät es war. Seit zwei Stunden saß ich in diesem Zimmer.

»Das Mädel ist unfähig, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn ihr Leben davon abhinge. Konferenz! Hört sich großartig an, was? In Wirklichkeit besuche ich ein paar Tage meine Enkelkinder. Aber vor dem Vergnügen kommt die Pflicht. Bevor ich irgendwohin fahre, werde ich diesen Mann für Sie finden.«

Wir erhoben unsere Kaffeetassen und tranken auf Mr. Tadellos, egal, wo er war.

2

In der Woche nach meinem Besuch bei der Kultivierten Herrenbegleitung versuchte ich mich damit zu trösten, dass keine Neuigkeiten gute Neuigkeiten sind, aber selbst in meinen Ohren hatte der Spruch einen falschen Klang. Entweder war Mrs. Swabucher übertrieben wählerisch oder ihre Suchexpedition war kläglich gescheitert. Ich hatte ihr Jills Nummer gegeben, denn mein eigenes Telefon, das einem Trappistenkloster Ehre gemacht hätte, war längst abgeschafft. Jedes Mal, wenn ich Jills Schritte auf der Treppe hörte, hielt ich die Luft an, bis ich Sternchen sah. Meistens kam sie nur rauf, um sich von mir ein Ei zu borgen. Ihre neueste Masche war, eins in Salzwasser zu verrühren und damit um Mitternacht zu gurgeln. Ansonsten berichtete sie nur von drei obszönen Anrufen einer Dame aus dem vornehmen Knightsbridge, die Jill für ihren Zeitungsjungen hielt. Am Mittwoch endlich rief sie mich herunter und drückte mir den Hörer in die Hand. Er klinge traumhaft! Falscher Alarm, es war nicht er, sondern nur Mr. Green von der Reinigung an der Ecke, der mir überglücklich verkündete, er habe den Gürtel von meinem blauweiß gepunkteten Seidenkleid gefunden. Ich war drauf und dran, ihm zu sagen, er solle ihn als Wäscheleine behalten, aber er war ein freundliches Männlein und pflegte eine alte Mutter.

Der Samstag kam herauf und Jill bestand auf einem Einkaufsbummel. Ich müsse unbedingt neu eingekleidet werden für das Wochenende. All mein Jammern, sobald ich den Rücken drehte, werde er anrufen, half nichts und so trottete ich hinter ihr her nach Soho in eine schmuddelige Boutique. Die Besitzerin, eine Schlampe mit verfilztem schulterlangem Haar und einem tätowierten kopflosen Huhn auf dem linken Unterarm, begrüßte uns überschwänglich. Sie, Serena, werde mich verwandeln! Fragte sich nur, in was. Trotz passiven Widerstandes wurde mir ein bodenlanger purpurroter Seidenkaftan aufgezwungen, dessen Ausschnitt mit Perlenstickerei prunkte, während Ärmel und Saum von Goldborte glänzten. Serena und Jill behaupteten, ich sähe märchenhaft aus. Ich hätte es anders ausgedrückt: der Schrecken Arabiens. Aber ein Quäntchen Rückgrat bewahrte ich und verweigerte die Schnabelpantoffeln aus Goldbrokat.

»Was gluckert denn da so?«, fragte ich, als wir endlich Jills Tür erreicht hatten, völlig durchnässt, denn auf dem Weg von der U-Bahn hatte uns ein Wolkenbruch überrascht. »Hört sich an wie Tobias. Er ist irgendwo eingesperrt. Er erstickt!« Sie nahm ihren Schlüssel raus. »Das ist nicht Tobias. Du weißt ja, wie Miss Renshaw im Souterrain sich aufregt, wenn den ganzen Tag das Telefon klingelt und keiner rangeht. Deshalb schieb ich’s immer, wenn ich länger weg bin, unter den Sitzsack.«

Ihre Hand verharrte vor dem Türschloss. Wir blickten uns an. »Das Telefon!«, kreischten wir im Chor. »Es klingelt!«

Ich grapschte nach dem Schlüssel. Jill ließ ihn fallen und mit leisem, metallischem Klackern trudelte er über das dunkle Linoleum. »Rindvieh«, sagten wir gleichzeitig. Auf allen vieren krabbelten wir im Kreis herum, in unserer Panik prallten wir aufeinander.

»Zu spät!«, schrie Jill.

»Ist er in eine Spalte gerutscht?«

»Nein, du Trampel! Das Telefon hat aufgehört. Ah! Hab ihn!« Sie hielt den Schlüssel so weit wie möglich von mir weg und verbot mir, mich zu rühren, bevor sie die Tür aufgeschlossen hatte.

»Soll ich vielleicht ewig hier kauern? Ich kriege einen Krampf in den Knien.«

Jill knurrte nur kurz, als ich mich aufrappelte und ihr in die Wohnung folgte. Da standen wir nun in unseren tropfnassen Mänteln traurig mitten im Zimmer; das Telefon hockte da und sagte keinen Ton.

»Klingle, du schwarze Kröte«, befahl ich und es gehorchte.

»Geh du ran.« Jill schälte sich aus ihrem Mantel. »Und wenn das wieder diese Labortante ist und fragt, ob ich meinen Körper für Versuchszwecke spende, sag ihr, geben tu’ ich nur im Leben.«

»Riverbridge 6890«, krächzte ich. Wie kann einer Frau mit siebenundzwanzig schon die Stimme brechen?

»Ellie Simons?«, kam es vorwurfsvoll vom anderen Ende.

»Em, äh, was, ah, wer …?«

»Bentley Haskell. Den ganzen Vormittag versuche ich, Sie telefonisch zu erreichen. Ich habe Mrs. Swabucher im Büro so verstanden, dass es sich um eine Art Notfall handelt. Sollten Sie inzwischen anders disponiert haben, wäre mir das durchaus recht, allerdings weiß ich bei diesen Aufträgen gern, woran ich bin.«

»Ja, natürlich! Ich kann Sie vollkommen verstehen.« Vor lauter Schreck ließ ich den Hörer fallen, er polterte zu Boden.

Jill hockte auf einem Stuhl neben meinem linken Ohr. »Hör auf zu katzbuckeln.«

»Sst.« Ich entriss ihr die Schnur und sprach ins Mundstück. »Keine Sorge, mir ist nur das Telefon runtergefallen, nicht das Gebiss.«

Ungeduldiges Atmen kam durch den Draht. »Miss Simons, ich nehme pro Monat nur wenige Aufträge an. Die Begleitung alleinstehender Damen ist nicht mein Hauptberuf, deshalb trachte ich, meinen Terminplan so weit wie möglich im Voraus aufzustellen. Um welche Zeitspanne handelt es sich bitte, und wann?«

»Wann?«, echote ich. »Ich dachte, Mrs. Swabucher hätte Ihnen – einen Moment bitte. Sie müssen vielmals entschuldigen. Ich weiß, ich hab die Einladung hier irgendwo in meiner Handtasche. Sie wollen die Daten wissen?«

»Leiden Sie an Gedächtnisschwund, Miss Simons?«

»Wie witzig, Mr. äh …!« Ich kicherte wie ein blondes Doppeldummchen. »Ich mag Männer – Leute – mit Sinn für Humor.«

Ich hielt die Hand über den Hörer und zischte Jill verzweifelt zu: »Wann fahre ich?«

Sie schloss schmerzlich berührt die Augen. »An was erinnern dich schwarze Katzen und Spinnen am Morgen? Freitag, der dreizehnte! Und hör auf, so zu winseln, das ist menschenunwürdig.«

Jill hatte recht. Schluss mit dem Unsinn! Ich reckte die Schultern und ahmte meinen Bankberater nach, wenn er mir klarmacht, dass er meine Schecks mit einer Hand platzen lassen kann. »Mr. Hammond, ich habe alle Informationen parat. Die Daten sind dreizehnter bis fünfzehnter Februar.«

»Haskell. Bentley T. Haskell. Wie ich von unserer gemeinsamen Bekannten Mrs. Swabucher erfahre, ist Ihre Situation etwas ungewöhnlich und Sie suchen mehr als lediglich einen Begleiter. Ich soll mich als der getreue Lebengefährte ausgeben?«

»Kostet das extra? Kein Problem. Sie können das Geld in bar haben, wenn Sie wollen.«

»Vielen Dank, und zwar in nicht registrierten Scheinen, wenn’s geht.«

Komischer Mensch. Verachtete er seine Arbeit, fand er sie erniedrigend? Er klang in Eile, sich rasch wieder einem Zeitvertreib zuzuwenden, wie er kultivierten Herren ansteht.

»Sollen wir uns treffen, bevor wir losfahren?«, fragte er. »Dann können Sie mich über die Einzelheiten ins Bild setzen.«

»Nein, das wird nicht nötig sein.« Ich sah keine Veranlassung, diesem ohnehin feindseligen Herrn einen Grund zu liefern, sich zu drücken. Mrs. Swabuchers barmherzige Beschreibung von mir mochte von der Wirklichkeit abweichen. »Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, Mr. Haskell, schicke ich Ihnen den Terminplan – Abfahrtszeit, Reiseziel usw.«

»Vielen Dank, aber richten Sie alle Korrespondenz an das Büro. Meine Privatadresse gebe ich Klienten nicht.«

Hatte der Mann Angst, ich könnte in einer stürmischen Nacht auf seiner Türschwelle erscheinen und ihn vergewaltigen? »Wunderbar.« Wo hatte ich nur meine Gedanken? »Wie Sie, Mr. Haskell, möchte ich das Ganze rein geschäftlich behandeln.« Ich lachte silberhell auf, um ihm zu zeigen, wie spaßig ich alles fand.

»Störe ich Sie gerade beim Essen?«

»Nein.« Wollte er das Visier herunterlassen und mich einladen?

»Ich dachte schon, Sie hätten sich verschluckt.« So viel zu meinem Charme! Bevor er auflegte, erwähnte ich Transportmittel. Ich hatte daran gedacht, mit dem Zug zu fahren, aber als er sein Auto vorschlug, fand ich das Angebot unwiderstehlich. Sofort hatte ich vor Augen, wie wir majestätisch durch die Tore von Merlins Schloss rauschten.

»Gut«, sagte ich zu Mr. Haskell. »Setzen Sie das Benzin mit auf die Rechnung.«

Was er zusicherte, bevor er auflegte.

Ich saß neben dem Telefon, starrte die Decke an und presste die Knie zusammen. Sie schlotterten schlimmer, als meine Zähne klapperten.

»Wie heißt er?«, fragte Jill. Ich sagte es ihr. »Hört sich an wie ein Auto«, fand sie.

»Jill, du weißt, ich reagiere sehr empfindlich auf Namenswitze.«

»Entschuldige. Hatte vergessen, dass Ellie eine Abkürzung ist. Wie wär’s, wenn wir zur Feier eine Flasche Rhabarberwein köpfen?«

Sobald ich mich von dem Schock erholt hatte, wurde es ein schöner Abend. Ich ließ das Telefongespräch noch einmal Revue passieren und redete mir ein, jemand, der so schroff und unhöflich war wie Bentley Haskell, musste ein Prachtexemplar sein. Weniger attraktive Männer geben sich mehr Mühe. In jedem Lore-Roman ist der ansehnliche Held anfangs ein abweisendes Raubein, bis die Heldin ihn sich mit samtweichen Pfötchen gekrallt hat. In Gedanken versah ich Mr. Haskell mit einem interessanten Hinkegang und einer Narbe auf gebräunter Wange – Überbleibseln des unvermeidlichen Jagdunfalls.

Nach dem dritten Glas Wein war ich richtig gut drauf. Wieder nüchtern fiel mir am nächsten Morgen ein, dass all diese Heldinnen aussehen wie Vanessa. Sollte ich je in einem Lore-Roman besetzt werden, dann mit der drallen Minna, die als treuer Dienstbolzen durchs Leben trudelt. Das ist die Wirklichkeit.

Die nächste Woche verging in einem Taumel der Entschlusslosigkeit. Ich verbrauchte meinen gesamten Vorrat an Briefpapier – Geschenke aus drei Jahren – für Entwürfe an Mrs. Swabucher mit der Anweisung, meinen Auftrag zu streichen; alle wurden wütend zerrissen und im Küchenherd verbrannt. Tobias, dieses furchtlose Raubtier, wagte nicht mehr, »miau« zu sagen. Ich war barsch zu Jill. Mit einem Wort, ich war völlig fertig und wurde von Minute zu Minute fetter. Die Zeit wurde knapp. Ich schrieb Tante Sybil, ich käme in Begleitung, und schickte der Agentur den Terminplan mit der Bitte, ihn an Mr. Haskell weiterzuleiten.

Als der Schicksalstag heraufkam, waren meine Augen blutunterlaufen und meine Haut – meine einzige Attraktion – übersät mit roten Flecken. Die Minuten verrannen unaufhaltsam und brachten den geisterhaften Mr. Haskell immer näher. Ich konnte die Schlüssel zu meinem Koffer nicht finden, und die Haferschleim-Eiweiß-Gesichtsmaske, die mir Jill verpasst hatte, war zu Beton erstarrt. Eine Weile hatten wir Angst, wir müssten jemand von der nächsten Tankstelle holen, um mich rauszumeißeln.

»Schade, dass es kein Kostümfest ist«, seufzte Jill. »Du könntest prima als Felsbrocken gehen.«

Glücklicherweise musste ich lachen und der Fels bröckelte. Jetzt kam die nächste schwierige Prozedur – mich in neue Strumpfhosen zu quetschen, ohne dass sie platzten wie zu stark aufgeblasene Ballons.

Jetzt noch den Kaftan über den Kopf.

»Meinst du wirklich, ich bin passend angezogen?« Ich mühte mich mit einem widerspenstigen Perlohrring ab.

»Klar!« Jill stopfte meinen linken Fuß in einen schwarzen Ripsschuh, den ich seit Jahren nicht getragen hatte.

»Heutzutage kannst du in Packpapier rumlaufen und keiner zuckt auch nur mit der Wimper.«

»Wie spät ist es?« Ich suchte meine kleine goldene Uhr. Meine normale im Big-Ben-Format passte nicht zu der Aufmachung. »Er kommt um halb vier.«

»Du hast noch Zeit. Obwohl ich finde, du solltest nicht ewig diesen Oma-Dutt tragen oder wenigstens was mit deiner Haarfarbe machen. Mittelbraun ist dies Jahr nicht angesagt.« Jill war beim rechten Fuß angekommen. »Noch zehn Minuten.«

Es klingelte, und Jill büßte beinahe ihre Hand ein, als ich zurückwich. Ich hasse Zufrühkommer. Pünktlichkeit steht ganz oben auf meiner Liste unverzeihlicher Sünden. Es klingelte wieder, hartnäckig. Jill machte die Tür auf, während ich zwischen Schlaf- und Wohnzimmer hin- und herflatterte wie eine riesige rote Motte.

»Miss Simons?« Er hörte sich nett an und irgendwie – erleichtert?

»Nein, Jill, eine Freundin aus dem Haus; Ellie ist da drin.«

Tusch und Trommelwirbel – meine verflixten Knie schlotterten wieder. Endlich standen wir uns Auge in Auge gegenüber. Er war nicht groß, dafür dunkel und gutaussehend, und zwei von drei möglichen Punkten sind immerhin was. Seine Körpergröße war höchstens durchschnittlich, vielleicht eins fünfundsiebzig, drei Zentimeter mehr als ich auf hohen Absätzen. Sein Haar war lockig und dunkel, fast schwarz. Bei seiner olivfarbenen Haut hätten seine Augen von Rechts wegen braun sein müssen, aber sie waren intensiv blaugrün. Er trug eine Nickelbrille, die ihm keineswegs Minuspunkte einbrachte (später erfuhr ich, dass er sie nur zum Autofahren aufsetzte), und er war schlank, schlank und noch mal schlank. Vielleicht nicht hübsch, wie es im Buche steht, aber entschieden attraktiv. Angesichts seines gut geschnittenen Mantels über dem Anzug aus dunklem Wolltuch, dem weißen Hemd und der gestreiften Seidenkrawatte wurde mir klar, wie ich aussah – wie die Dicke vom Rummelplatz, nuttig, ordinär und grotesk.

Der arme Mann, was für eine Art, sein Geld zu verdienen! Ich nahm mir vor, nett zu ihm zu sein. Morgen würde ich zu meinen Tweedsachen zurückkehren und ihm am Schluss des Wochenendes ein anständiges Trinkgeld geben, damit er seine Mutter oder seine Freundin zum Essen ausführen konnte – oder seine Frau. Gab es vielleicht ein Gesetz, dass Begleiter ledig zu sein hatten?

Ich band mir mein bestes Lächeln um, ging auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Er hatte einen angenehm festen Griff, aber seine Augen waren kalt und unpersönlich. Absurderweise nahm ich ihm das übel. Kein Mensch hatte ihn gezwungen herzukommen.

Er entdeckte meinen Koffer und ergriff ihn schwungvoll mit einer Hand. »Ich bringe ihn ins Auto, während Sie sich fertig anziehen.«

Ich bedachte ihn mit einem frostigen Blick. »Sie stehen vor dem Endprodukt.«

Die leuchtend graugrünen Augen musterten jeden purpurroten Quadratzentimeter; seine Lippen verzogen sich. »Sie müssen verzeihen«, sagte er, »aber Damenbekleidung war mir immer ein Rätsel. Ich hielt das für den Morgenmantel. Sie sind so weit?«

»Nicht ganz.« Meine Stimme verrutschte um eine Oktave, aber das war mir egal. »Bevor wir aufbrechen, möchte ich etwas klarstellen. Mr. Haskell, Sie sind hier, um Ihre Arbeit zu tun, so gut wie irgendein Angestellter. Da ist nichts dabei, die meisten von uns sind gezwungen, sich ihr tägliches Brot zu verdienen. Ich habe mit Leuten zusammenarbeiten müssen, die ich nicht auf eine Tasse Kaffee gebeten hätte, selbst wenn ich auf einer einsamen Insel mit ihnen gestrandet wäre, aber ich habe eine wichtige Lektion gelernt.«

»Ja?«

»Sorgen Sie immer dafür, dass die Chefin zufrieden mit Ihnen ist, denn sonst kriegen Sie womöglich kein Geld, weder per Scheck noch in bar noch sonst wie.«

Seine Brauen waren ein einziger schwarzer Strich. Einen Augenblick dachte ich, er würde den Koffer nach mir werfen, und athletisch, wie er war, hätte er ins Schwarze getroffen – meine Nase.

»Amüsiert euch gut«, zwitscherte Jill und reichte mir meinen Mantel.

Wir machten uns auf den Weg.

3

Ich war an diesem Tag noch nicht draußen gewesen, ja ich hatte noch nicht mal die Vorhänge zurückgezogen, und so wurde ich unsanft davon überrascht, dass es schneite. Dicke weiche Flocken wie aus Seifenschaum wirbelten durch die Luft. Badewetter? Dieser irrigen Ansicht war offenbar Bentley Haskells Auto. Das übel zerschrammte rostig graue Gefährt stand mit runtergeklapptem Verdeck am Rinnstein. Ich wusste, dass Kabrios einen Hang dazu haben, aber doch bitte nicht mitten im Schneegestöber bei eisigem Ostwind. Mr. Haskell hatte meinen Koffer verstaut und hielt mir die Tür auf.

»Darf ich beim Einsteigen behilflich sein, Schatz?« Er lächelte grimmig. »Ich übe schon mal.«

»Nein. Sie dürfen den Deckel von diesem Ding zumachen.«

»Das geht leider nicht. Die Scharniere sind seit Jahren festgerostet. Keine Sorge – Sie werden nicht nass.«

Als ich mich auf einem sehr feuchten Sitz niederließ, drückte er mir einen rotweiß gepunkteten Sonnenschirm in die Hand, löste die Verriegelung und schon wölbte sich über mir ein riesiger Fliegenpilz. Meine Füße trafen auf eine Wärmflasche, aber auch das besänftigte mich nicht. Ich hätte jetzt in einem gemütlichen Zugabteil sitzen können, indes die Landschaft an mir vorbeiglitt und der Schaffner zum Abendessen in den Speisewagen bat. Es gab nur eine Erklärung: Der Mann, der ruhig an meiner Seite saß und die Straßenkarte studierte, war aus Dartmoor entflohen. Mrs. Swabucher hätte ausnahmsweise auf Sohn Reginald, den Wirtschaftsprüfer, hören und ihre Hausaufgaben machen sollen.

»Zu Ihrer Linken finden Sie zwei Reisedecken.« Mr. Haskell faltete die Karte säuberlich zusammen, steckte sie in die Ledertasche unter dem Armaturenbrett und setzte das Monstrum in Gang. Es antwortete mit Geheul, das sich zu wütendem Knurren steigerte. Wir schossen vorwärts, verfehlten knapp eine Frau auf einem schwankenden Fahrrad, drückten uns an einem Laster und einem Doppeldeckerbus vorbei und schwammen mit im abendlichen Berufsverkehr, der London vor Einbruch der Dunkelheit hinter sich lassen wollte.

»Behaglich, Schatz?« Er hatte kleine, schneeweiße Zähne. Einer stand ein wenig über und betonte das Ebenmaß der übrigen.

»Ich erfriere.«

»Wickeln Sie sich die andere Decke um. Mein Problem ist, ich finde dieses Wetter erfrischend und vergesse, nicht alle teilen meine Begeisterung für die Natur im Rohzustand.«

»Im Zug wäre es sicher zu heiß?«

»Zum Ersticken.«

So sollte ich also Einzug in Merlins Schloss halten? Die Finger festgefroren an diesem lächerlichen Sonnenschirm, das Haar schneeweiß und vor der Zeit gealtert? Männer! Und nach so einem hatte ich mich all die Jahre gesehnt!

»Versuchen Sie, in Bewegung zu bleiben«, sagte er, den Blick fest auf die Straße geheftet.

»Na toll! Ich stehe auf und jogge um den Rücksitz. Halten Sie ja nicht an, wenn ich über Bord gehe. Ein rascher Unfalltod ist mir lieber als zentimeterweise zu erfrieren.«

»Ich meinte, wackeln Sie mit den Zehen, wedeln Sie mit den Händen – nicht die mit dem Schirm.« Er blinzelte. »Für diese Fahrt brauche ich beide Augen – die Sicht wird immer schlechter.«

»Ist Ihnen das auch schon aufgefallen?« Ich schloss die Augen und sofort wurden mir die Lider schwer. Schnee drückte sie nieder, nicht süßer Schlaf. Eingemummelt in meine Decken kam ich nicht an die Tafel Nussschokolade, die in meiner Handtasche steckte und inzwischen mit klagender Stimme nach mir rief. »Kann ein Mensch in Leichenstarre fallen«, fragte ich, »obwohl er noch lebt?«

Er schnaubte ärgerlich, fügte dann aber recht sanft hinzu: »Vielleicht hilft es, wenn wir uns unterhalten.« Schmolz der Eisberg? »Um überzeugend zu sein«, fuhr er fort, »muss ich in etwa wissen, wer wer ist auf dem Anwesen, dem wir unseren Besuch abstatten. Ist es ein Landhaus?«

»Eher ein Schloss. Kein echtes natürlich«, fügte ich hastig hinzu, als ich sah, wie seine Brauen in die Höhe schossen. »Eine Miniaturausgabe, die Onkel Merlins Großvater vor über hundert Jahren erbaut hat. Familienlegenden behaupten, dass er bereits an Altersschwachsinn litt, als die Pläne gezeichnet wurden. Nur jemand im Endstadium der zweiten Kindheit besitzt diese Art Phantasie. Das Haus ist schnurstracks aus dem Märchen entsprungen – jede Menge Türme, efeubewachsene Mauern, ein Schlossgraben, nicht größer als ein Goldfischteich, und sogar ein winziges Fallgitter zum Schutz der Eingangstür, obwohl sie das jetzt offen lassen.«

»Wiedersehen mit Dornröschen?«

»Genau. Es gibt sogar ein richtiges Schlossgespenst.«

»Lassen Sie mich raten. Onkel Merlin höchstselbst?«

»So ist es. Seine Verworfenheit besteht darin, was er dem Haus angetan oder vielmehr nicht angetan hat. Er hat es verrotten lassen. Streng genommen ist er kein Onkel – mehr ein Vetter zigsten Grades, aber meine Mutter war eine praktische Frau. Sie bestand darauf, die Verbindung zu unserem einzigen begüterten Verwandten aufrechtzuerhalten. Als Kind musste ich ihm jede Weihnachten Bettsöckchen stricken und wurde nur zweimal eingeladen. Beide Male flog ich vorzeitig raus. Er sagte, ich fräße ihm die Haare vom Kopf und für den Rest des Jahres bliebe ihm nur trocken Brot.«

»Hoffentlich wird das nicht unsere Wochenenddiät.« Bentley Haskell lenkte das Auto um eine rutschige Kurve. Wir näherten uns der Londoner Peripherie. Ich wechselte den Schirmarm und verkroch mich so tief wie möglich in meinen Deckenkokon. Bedauerlicherweise zeigte mein Begleiter keinerlei Frostschäden.

»Welchen faszinierenden Persönlichkeiten werde ich sonst noch begegnen?«

»Allen möglichen.« Ich zitterte vor Kälte. »Einem Vierer mit Partnertausch aus dem East End, einem Wunderdoktor, dem kürzlich die Approbation entzogen wurde, weil er …«

»Wenn Sie rumalbern«, sagte Mr. Haskell durch die Nase, »konzentriere ich mich eben aufs Fahren.«

Zusammengestaucht saß ich da wie ein dicker runder Wackelpudding, der auf seinem Teller zittert. Großmütig reichte er mir einen Ölzweig.

»Wohl alles Verwandte?«

»Da ist Onkel Maurice«, plapperte ich wie ein Kind, das aufsagen muss. »Er ist Börsenmakler und Mitte fünfzig – ziemlich klein mit Schmerbauch, die drei Haare, die er noch hat, kleistert er sich mit stark parfümierter Pomade an. Onkel Maurice riecht man durchs ganze Haus.«

»Bei Mord ein schönes Indiz. Ist ihm zuzutrauen, dass er den Butler erschlägt?«

»Wohl kaum. Sonst hätte er schon vor Jahren seine Frau beseitigt, Tante Lulu, ein Puttputt.«

»Ein was?«

»Ein Huhn. Tante Lulu könnte man das Gehirn entfernen und keiner würde was merken, sobald die Frisur wieder drauf ist. Sie bohnert ihre Böden stündlich, bügelt das Klopapier, bevor sie es aufhängt, und lebt nur für ihre Friseurbesuche dreimal die Woche. Sie und Onkel Maurice haben einen Sohn namens Freddy. Der kommt nach keinem von beiden. Freddy ist ein Freigeist: stolz darauf, dass er sich nie wäscht, trägt die Haare in einem Pferdeschwanz und lässt sich einen Bart sprießen, der aussieht wie ein alter Scheuerlappen, den der Müllschlucker wieder ausgespien hat. Unser Freddy weiß, was angesagt ist – düst auf dem Motorrad durch die Pampa, hat ein Loch im Ohrläppchen und qualmt Hasch wie ein Drache.«

»Also angepasster als sein Vater.« Bentley Haskell spähte durch das Schneetreiben nach einem halbverwehten Wegweiser, schlug an der Weggabelung einen scharfen Haken, erwischte Glatteis, kam kurz ins Schleudern und war wieder auf Kurs. Ich fühlte mich wie ein Klumpen Eiskrem, so hart gefroren, dass sich daran jeder Löffel verbiegt.

»Freddy macht Musik«, schnatterte ich, »so eine Art Garagen-Punk auf Haushaltsgeräten. Gegenwärtig pausiert er. Laut Tante Astrids letzten Katastrophenmeldungen ist der Kuckuck ins Nest heimgekehrt, und die armen Vogeleltern haben nicht die Kraft, ihn rauszuschmeißen.«

»Tante Astrid?« Mr. Haskells dunkle Augenbrauen zogen sich zu einem konzentrierten Strich zusammen, während wir durch das Städtchen St. Martin’s Mill glitten, vorbei an Fachwerkhäusern, die uns im schwindenden Dämmerlicht beäugten.

Es hatte endlich aufgehört zu schneien. Ich nahm den Schirm herunter und machte vorsichtig Armbeugen. »Tante Astrid ist Witwe, zieht sich immer zum Abendessen um und wurde noch nie ohne ihre Perlen gesehen. Ich glaube, sie hält sich für eine Reinkarnation von Königin Viktoria – sie spricht von sich stets im Pluralis majestatis. Sieht immer aus, als hätte sie sich gerade auf einen glühenden Feuerhaken gesetzt. Sie hat eine Tochter – Vanessa«, murmelte ich, da bog Mr. Haskell von der Straße ab und ersparte mir, Vanessa in all ihrer Femme-fatale-Pracht zu beschreiben.

»Zeit zum Auftanken«, sagte er.

»Benzin oder Nahrung?«

»Weder noch«, zügelte mich Mr. Haskell, während mir Visionen von Rührei mit Pommes durch den Kopf tanzten. »Ich dachte, Sie hätten nichts dagegen, wenn wir Ihre Wärmflasche aufheizen.«

»Durchaus nicht«, schoss ich zurück. »Sie hat sich schon vor Stunden in einen Grabstein verwandelt. Aber wenn das da drüben ein Gasthaus ist, werde ich reingehen und mich bei einem dicken, saftigen Steak und Meeren von dampfendem Kaffee auftauen. Sie können machen, was Sie wollen, hier draußen Schneemann spielen oder mitkommen.«

Der arme Mr. Haskell sah hin- und hergerissen aus. Aber das Fleisch war schwach, denn er hielt unter dem knarrenden Gasthausschild, auf dem passenderweise Zur Zuflucht stand, entriss mir die Wärmflasche und stieß seine Tür auf. »Ich hoffe, Sie zahlen«, fauchte er, klopfte sich den Schnee von den Armen und stapfte ums Auto, um mir herauszuhelfen.

»Bleibt mir was anderes übrig? Sie entwickeln sich zu einem sehr kostspieligen Bedarfsartikel, Mr. Haskell.« Meine Würde litt etwas darunter, dass ich mich fest an seinen Arm klammern musste, damit mir nicht die Beine wegrutschten. »Mein Mantel« – zehn Jahre war er alt – »ist völlig ruiniert, und wenn Sie nicht auf die hirnrissige Idee gekommen wären, in Ihrem Frischluftauto zu fahren, säßen wir jetzt beide kuschelwarm in Merlins Schloss und könnten Tante Sybils köstlichen Kochkünsten zusprechen.«

»Was Sie nicht sagen. Nach Ihrer Beschreibung hatte ich eher den Eindruck, sie serviert sehr tote Fledermäuse in sehr kalter Suppe.«

Seine Vorstellung kam der Wahrheit ziemlich nahe, was meinen Zorn weiter anfachte. Wutschnaubend erreichten wir die Tür. Drinnen würdigten wir uns keines Blickes und gaben, während sich um uns kleine Pfützen bildeten, dem irritierten Mädchen hinter der Theke zu verstehen, dass wir einen Tisch für zwei brauchten. Die Antwort war patzig, aber ich schaute stur geradeaus.

Bald saßen wir vor einem prasselnden Kaminfeuer, um uns glänzte gut geputztes Messing vor handgeschnitzter Täfelung. Es war unmöglich, sich der besänftigenden Wirkung von so viel Achtzehntes-Jahrhundert-Charme zu entziehen. Ich beschloss zu vergessen, welch Wurm Mr. Haskell war.

»Gemütlich, nicht?«

»Reichlich übertrieben, die Altertümelei. Warum läuft das Mädchen da mit einer Lockenwickelhaube und im Nachthemd rum?«

»Die Kellnerin? Das ist kein Nachthemd, das ist die Tracht der Kammerzofen am Hofe Karls des Zweiten. Haben Sie Angst, sie enthüpft ins Bett, bevor wir bestellen können?«

Wir entschieden uns beide für Steak mit Champignons. Es war hart, auf die Kartoffeln zu verzichten, aber er sollte doch mein Problem für eine Drüsenstörung halten. Unser Essen kam, es brutzelte auf irdenen Tranchiertellern.

»Miss Simons«, sagte er und nahm die Gabel zur Hand, »ich schlage vor, wir üben uns in der Benutzung des Du, damit wir uns im Schloss nicht verplappern.«

Behutsam spießte ich einen Pilz auf. »Ihre Sorgfalt im Detail ist beeindruckend. Sehr professionell. Ist Ihr Rufname Bentley oder haben Sie eine Kurzform, Benny?«

»Ben«, sagte er frostig, »und Ellie, kommt das von Ellen?«

Ich schnitt ein Stück Fleisch ab, schob es auf dem Teller hin und her, zerschnitt es noch einmal.

»Von Ellen also nicht.«

»Da wir angeblich eng befreundet sind, werden Sie es erfahren müssen. Mein richtiger Name ist Giselle.« Ich schaute auf und erwischte ihn dabei, wie seine Lippen zuckten. Ob die Kellnerin was merken würde, wenn ich ihn mit der Gabel erstach und das blütenweiße Tischtuch Blutflecken bekam? Zu meiner Überraschung wurde sein Gesicht ernst und er berührte meine Hand.

»Eltern können sehr unreif sein. Solche Höhenflüge der Phantasie sind für Kleinkinder hübsch, die in ihren Stühlchen ruckeln und brabbeln, aber auch Herzblättchen und Heideröschen werden erwachsen. Namen sollten zur Ansicht vergeben werden – mit Umtauschrecht nach Entfaltung des Verstandes.«

»Danke.« Meine Stimme gab einen rauen Ton von sich. Ich werde unsicher, sobald Leute, besonders Männer, nett zu mir sind. »Mutter hat es gut gemeint, die Arme. Sie träumte davon, ich würde in ihre Fußstapfen treten und in einem duftigen rosa Tutu umherflattern.«

»Deine Mutter ist Tänzerin?«

»War. Nur in der Gruppe an kleinen Stadttheatern. So viele Pirouetten und Arabesken, und dann stolperte sie, als sie die Bahnhofstreppe runterrannte; genau wie ich kam sie immer zu spät. Inzwischen ist sie seit zehn Jahren tot.«

»Tut mir leid. Und dein Vater?«

»Irgendwo auf der Suche nach sich selbst. Momentan ist er Landwirt und Schafzüchter in Neusüdwales. Zuletzt hatte er zwei – Schafe, nicht Bauernhöfe – und wie ich Papas Pech kenne, nimmt das Mutterschaf die Pille. Eigentlich ist er toll; nächstes Jahr versucht er’s vielleicht als Feuerwehrmann oder Zirkusclown.«

»Was meine Theorie untermauert, dass Eltern, sie mögen noch so liebenswert sein, die wahren Kinder sind.« Ben ließ sich von der Kellnerin mit der Morgenhaube einen Kaffee servieren. Sie umschwänzelte ihn in sattsam bekannter Manier. Zeit, Mr. Haskell daran zu erinnern, dass er im Dienst war. Ich hatte ihn zur Genüge mit spritzigen Einzelheiten aus meiner Familiengeschichte – ausgenommen Vanessa – versorgt, jetzt war Bentley T. Haskell dran.

Er begann seine Erzählung mit der Eröffnung, er sei von seinen Eltern verstoßen, enterbt und zum Teufel gejagt worden. Wieder ein Familienstammsitz verloren? Dieser entpuppte sich als Gemüseladen in Tottenham. Ich sah die armen Eltern mit ihren verarbeiteten Händen vor mir, wie sie den aus der Art geschlagenen Sohn mit Kohlköpfen zur Tür hinausbombardierten, abriegelten und ein Schild mit der Aufschrift »Geschlossen« anbrachten. Aber warum?

Sein Vergehen war interessant. Mami und Papi konnten sich nicht damit abfinden, dass ihr Sohn praktizierender Atheist war.

»Praktizierend?«

»Ich war Mitorganisator einer Protestversammlung vor der Halleluja-Erweckungskirche. Das ist eine von diesen giftigen engstirnigen Sekten, die Ketzer immer noch am liebsten auf dem Scheiterhaufen verbrennen würden. In diesem Fall hatten sie sich geweigert, ein kleines Kind in geweihtem Boden zu bestatten. Wenn das Religion sein soll, kann ich darauf verzichten.«

»Deine Eltern sind fromm?«

»Sehr. Vater ist orthodoxer Jude und Mutter stramme Katholikin. Eines muss man den beiden lassen, sie führen eine großartige Ehe. Seit vierzig Jahren verzehren sie sich in missionarischem Eifer und versuchen, sich gegenseitig zu bekehren. Wir haben eine Mesusah in der Haustür und auf dem Kaminsims eine Jungfrau Maria. Mutter behauptet, sie habe Vater schon vor Jahren beim Haarewaschen getauft und er nennt sie vor seinen Freunden immer Ruth, obwohl sie Magdalene heißt.«

»Dann staune ich, dass sie bei dir so schnell aufgegeben haben. Hinter deiner Vertreibung muss doch mehr stecken als nur die Halleluja-Erweckungs-Demo. Was für Sünden hast du noch begangen?«

Ben hielt nach der Kellnerin mit der Rechnung Ausschau und sagte dabei in liebenswürdigem Tonfall: »Und ich staune, dass du beim Gehen nicht über deine Nase fällst. Wie kommst du dazu, mir Missetaten zu unterstellen?«

Fasziniert beobachtete ich, wie die Kammerzofe auf seinen leisesten Wink hin angedackelt kam. Mit nervtötender Langsamkeit steckte sie das Geld ein, das ich hingelegt hatte. Endlich verzog sie sich schweifwedelnd.

»Heraus damit!«, rief ich. »Die Spannung schlägt mir auf den Magen. Was hast du angestellt, die Tochter vom Bürgermeister entführt? Die Leihbücher nicht zurückgegeben?«

»Mein Kardinalfehler war, als einziges Kind geboren zu werden. Meine Eltern hatten alles auf eine Karte gesetzt. Als ich zur Welt kam, war Mutter fast vierzig. Danach war es aus mit dem Kinderkriegen.«

Hatte wahrscheinlich Angst, die arme Frau. »Dann ist deine Mutter nicht mehr die Jüngste?«, soufflierte ich listig.

»Sie geht auf die siebzig zu.«

Also war Ben an die dreißig, in meinen Augen das beste Alter, vor allem für ledige Männer.

»Was weiter?«, fragte ich.

»Wenn du es unbedingt wissen willst, ich habe ein Buch geschrieben, ein sehr … anschauliches Buch, sehr … avantgardistisch.« Er suchte nach dem passenden Wort. »Sehr … sinnenfreudig.«

»Mit diesem Adjektiv schmücken sich eigentlich Weinkenner und Frauen mit meiner Figur. Vielleicht wäre pornografisch treffender?«

»Der Ansicht bin ich durchaus nicht.« Seine schwarzen Brauen senkten sich in jener arroganten Manier, die Lore-Roman-Helden auf der Stelle zu verwegenen Teufelskerlen macht. Bentley Haskell dagegen sah aus wie ein kleiner Junge, der seinen Ball wiederhaben will.

»Hat das Meisterwerk schon das Licht der Öffentlichkeit erblickt?«

»Bitte keinen Hohn. Ich arbeite an der zweiten Fassung.«

»Ah ja. Der Ruhm lässt also noch auf sich warten. Aber deinen Eltern musstest du es sofort unter die Nase halten, noch bevor es gedruckt ist! Was ist an solcher Ehrlichkeit bewundernswert? Wolltest du zwei alten Leuten neue Schimpfwörter beibringen?«

Ben war verletzt. »Ich dachte, es gefällt ihnen. Außerdem musste ich ihnen was entgegensetzen. Sie verlangten, ich sollte bei Onkel Solomon arbeiten. Er hat ein Restaurant am Leicester Square.«

»Ins Familienunternehmen einsteigen, hört sich doch gut an.«

»Sicher, es war ja auch mal das, was ich wollte. Ich bin in den besten Hotels Europas und der Vereinigten Staaten ausgebildet worden, bis zum Chef. Aber dann letztes Jahr in Paris hat mich das Schreibfieber gepackt und ich habe meine Kreativität in andere Bahnen gelenkt. Es reizt mich nicht mehr, für den Rest meines Lebens am Herd zu stehen.«

Ein Koch? Gab es für mich kein Entrinnen vom Essen? Mitgefühl für jemand, der einem Cordon Bleu fröhlich den Rücken kehrt, war mir nicht gegeben. »Auch nur halbtags für Onkel Solomon zu arbeiten«, sagte ich scharf, »hätte sich natürlich nicht mit deinem künstlerischen Gewissen vertragen. Ich nehme an, du haust in einer zugigen Mansarde?«

Ben faltete seine Serviette und warf sie auf den Tisch. »Ich bin nicht am Verhungern, dank der Kultivierten Herrenbegleitung und dank Frauen wie dir.«

»Du meinst ›sinnenfreudige‹ Mauerblümchen.« Schwerfällig erhob ich mich und ergriff meine Tasche. »Aber du bist so beschissen verklemmt, dass du dich nicht traust, es auszusprechen.«

»Wie redest du!« Seine entrüstete Stimme folgte mir zum Ausgang. »Meine Mutter hat mir immer verboten, mit Mädchen zu spielen, die fluchen.«

Der Mann war nicht mal komisch. Wir traten aus der Gasthaustür in die schneidende Kälte, nur unser Schweigen war eisiger. Beim Losfahren fiel ihm die Wärmflasche ein. Er riss das Auto herum und verschwand wieder im Wirtshaus.

Die zweite Hälfte der Fahrt war doppelt so beschwerlich wie die erste. Die Nacht hatte sich um uns geschlossen, und unsere Scheinwerfer bohrten sich vergeblich in brodelnde Nebelschwaden – wir sahen keine drei Meter weit. Ben war ein guter Fahrer, aber selbst er hatte Schwierigkeiten, nicht im Graben zu landen. Je näher wir der Küste kamen, desto rauer und salziger wurde der Wind. Schnee wehte von den Bäumen und formierte sich zu dicken weißen Polstern. Wahrscheinlich war es gut, dass Ben und ich nicht miteinander redeten. Tante Sybil erwartete uns gegen sieben. Jetzt war es fast halb zehn. Wir fuhren durch das schöne Städtchen Walled Minsterbury und blieben auf Nordostkurs.

»Wenn wir Chitterton Fells erreicht haben, kannst du mich dann zum Haus deines Onkels dirigieren?« Bens Stimme brach das lange Schweigen mit solch einem Krächzer, dass ich schlaftrunken vor Kälte gegen das Lenkrad kippte und uns ins Schleudern brachte.

Ben benutzte ein Wort aus seinem Buch (ich konnte es ihm nicht mal verübeln), stieß mich grob mit dem Ellbogen weg und lenkte mühsam wieder geradeaus. »Bevor du uns beide umbringst – weißt du den Weg?«

Das war meine Bewährungsprobe. Leider bin ich eine von den Unglücklichen, die selbst unter normalen Umständen ihre eigene Haustür nur mit einem guten Stadtplan finden, und dies waren keine normalen Umstände. Ich konnte kaum Ben sehen, geschweige denn einen Wegweiser. »Es wird dir zwar nicht gefallen«, bemerkte ich im Plauderton, »aber ich war mit zwölf das letzte Mal hier … Knurr mich nicht an!« Ich stierte ins Dunkel. »In solchem Wetter strecken Leute ihre Hand aus und sehen sie nie wieder.«

»Vielen Dank«, kam es höhnisch von dem Unsichtbaren. Das Auto hopste hoch, rutschte aus und glitt ganz langsam gegen einen Baum oder Telegrafenmast oder irgendein anderes vertikales Hindernis, das in den schneegeschwängerten Nebelschwaden nichts zu suchen hatte.

Nicht oft, aber gelegentlich ist es ein Vorteil, viel zu wiegen. Jetzt trug ich redlich dazu bei, das Auto aus dem Graben zu schieben, zu ziehen und zu locken. Meine Anstrengungen brachten mir ein widerwilliges Lob ein. Ben nannte mich »Kumpel«! Eine Stunde später – meine Füße waren inzwischen zwei Scheiben Tiefkühlfisch – hatten wir das eigenwillige Vehikel auf die Straße gehievt. Schnaufend und schniefend stiegen mein Weggefährte und ich wieder ein.

Ich war zwar darauf vorbereitet, dass meine Wärmflasche an Unterkühlung gestorben war, aber zu meinem Schreck starb nun auch die Batterie. Der Motor gab einen asthmatischen Huster von sich, stotterte zweimal und verröchelte. Kein Horoskop hatte mir vorausgesagt, dass der Tag so enden würde. Unter einem viel zu dünnen Mantel klatschte mir ein nasser, zerfetzter Rocksaum um die Knöchel, und so stapfte ich eine öde Landstraße entlang, am Arm eines Mannes, der mir noch vor wenigen Stunden wildfremd gewesen war.

»Durchhalten«, zischte ich durch zusammengebissene Zähne, »irgendein Dorf erreichen wir bestimmt noch vor Ablauf des Jahrhunderts.«

Ein Baum ragte uns plötzlich entgegen und ein dürrer Zweig griff nach meiner Wange. Das war zu viel. Ich war fertig – eine gebrochene Frau.

»Licht in Sicht!«, schrie Ben. Er brach in wildes Kriegsgeheul aus und warf mich fast um, aber dies war nicht der Augenblick für Vorwürfe. Zu unserer Rechten tauchte ein Haus auf, ein nächtlicher Spuk mit funkelnden gelben Augen. Unwillkürlich umarmten wir uns als zwei Kameraden, die tödliche Gefahren bestanden hatten.

»Auf geht’s, Ellie!« Er drückte meine Hand und wir kämpften uns weiter voran. Wenige Minuten später standen wir vor einem windschiefen Eisentor. »Das Ende der Wildnis!«, jauchzte er.

»Mehr als das«, sagte ich. »Kein Brieftaubenpärchen hätte uns übertreffen können. Das ist Merlins Schloss.«

4

»Man sollte meinen«, grollte Ben, »dass ein Haus dieser Größe sich eine Klingel leisten kann.«

»Geduld! Onkel Merlins Großvater, der Erbauer dieses mittelalterlichen Phantasiegebildes, hatte eine Abneigung gegen das Naheliegende.« Ich stapfte hinter ihm her durch den Matsch über das Schlossbrückchen und fühlte mich wie eine Tiefseetaucherin, die nach ihren Landbeinen sucht. »Irgendwo links von dir ist ein Wasserspeier, so ein Teufelskopf. Das ist der Türklopfer.«

»Das hier? Das habe ich für Fäulnisschwamm gehalten! Was mache ich damit? Knalle ich ihm eine?«

»Dummbeutel! Du reißt ihm die Zunge raus und guckst, wie er mit den Augen rollt.«

Ben zog eine Fratze und tat wie geheißen. Frierend traten wir von einem Bein aufs andere, während sich im Haus scheppernder Lärm erhob, als ginge ein Stapel Geschirr zu Bruch.

»Wer ist da?«, fragte eine misstrauische Stimme.

»Tante Sybil? Ich bin’s, Ellie!«

»Geh du vor«, sagte Ben wohlerzogen. »Falls du eins über den Schädel kriegst, kann ich Hilfe holen.«

Ein Riegel knarrte und ein fahler Lichtstreif wurde langsam breiter. »Meine Liebe! Wir hatten schon aufgegeben, auf dich zu warten. Onkel Merlin ist vor einer Stunde zu Bett gegangen.« Tante Sybil spähte kurzsichtig in die Nacht. »Und das ist sicher dein Bekannter. Kommt rein, bevor der Wind die Tür wegbläst. Guter Gott! Ihr seht ja aus …«

»Bitte«, Ben streckte meiner verwirrten Tante die Hand entgegen, »kleiden Sie es nicht in Worte. Wir wissen, dass wir aussehen wie wildernde Vampire.«

Inzwischen standen wir in der Empfangshalle, einer düsteren Höhle, von deren Wänden Gaslampen flackerndes Licht auf hungrig grinsende, mottenzerfressene Fuchsköpfe warfen.

»Ach du jemine.« Tante Sybil gab mir einen ihrer schlaffen Küsse. »Ein heißes Bad für jeden von euch wäre wohl das Beste, aber der Boiler macht uns Kummer. Der alte Jonas, unser Gärtner, der so was in Ordnung halten soll, fühlt sich elend. Ärgerlich, aber jedes Ding hat zwei … sonst hätte es uns passieren können, dass er sich mitsamt seinen dreckigen Stiefeln im Salon niederlässt, als gehörte er zur Familie. Kennt seinen Platz nicht und Merlin ist viel zu nachsichtig mit ihm. Tja dann, will einer von euch vorher nach oben« – sie machte eine Anstandspause – »oder kommt ihr lieber gleich in den Salon ans Kaminfeuer?«

Obwohl meine Besuche viele Jahre zurücklagen, erinnerte ich mich lebhaft an die grässliche Kälte in den oberen Regionen und stimmte für sofortige Wärme.

»Gute Idee«, meinte auch Ben, zog den Mantel aus und legte ihn mit meinem zu dem unordentlichen Haufen auf dem Intarsientisch. »Ich glaube, ich fange an zu schimmeln.«

»Merlin wird so enttäuscht sein, eure Ankunft versäumt zu haben.« Tante Sybil ging voran. Von hinten sah sie aus wie ein kleines empörtes Nashorn, ihr dunkles Seidenkleid warf verkniffene Falten. Schlechtes Wetter war bei Tante Sybil keine Entschuldigung für Unpünktlichkeit.

Als Kind hatte mich der Salon immer an eine Leichenhalle erinnert. Die Zeit hatte ihn nicht verschönt. Wie in der Halle flackerte trübes Licht von einer Gaslampe und vereinzelten Kerzen. Dunkle schwere Möbel ließen keinen Fußbreit Boden frei. Eine passende Zutat war auch das Gemälde über dem Kamin – ein holdes Mägdelein auf ihrem Totenbett, die Lippen zu einem Lächeln verklärt, in der wächsernen Hand eine Rose, während im Hintergrund ein Klagechor schluchzte. Meine Verwandtschaft hatte sich im Halbkreis um den Kamin drapiert wie Schauspieler in einem viktorianischen Melodrama. Aber es war genau andersrum. Sie waren das Publikum – die Akteure waren Ben und ich.

»Großer Gott, Ellie!«, näselte Tante Astrid so steif wie ihre Fischbein-verstärkte Taftbluse. »Was hast du mit dir angestellt?«

»Sieht aus wie eine übergroße ertrunkene Ratte«, steuerte Freddy wenig einfühlsam bei. Der musste reden! Wie er sich am Kaminsims lümmelte, hätte man ihn mit einem schmutzigen Lappen verwechseln können, wäre nicht der goldene Totenkopf an seinem Ohrläppchen gewesen.

Ich beschloss, das Verfahren abzukürzen. »Schön!«, sagte ich und zerrte Ben in die Mitte des Zimmers. »Wie ihr seht, bin ich völlig durchgeweicht, aber leider in der Wäsche nicht eingegangen. Können wir jetzt artig Guten Tag sagen?«

»Musst du so streitlustig sein, Schatz!« Vanessa ringelte sich wie drei Ellen Fallschirmseide aus dem Stuhl empor, der dem Feuer am nächsten stand, und richtete ihre strahlenden Topasaugen auf Ben, der zu seiner Schande dümmlich griente. »Willst du uns nicht deinen reizenden Freund vorstellen?«, schmollte sie. »Oder ziehe ich voreilige Schlüsse? Sogar pitschnass ist er nicht dein üblicher Typ, Ellie, Liebes.«

Da der einzige Mann, mit dem Vanessa mich bislang gesehen hatte, der Gepäckträger von Charing Cross war, beschloss ich, mich in würdiges Schweigen zu hüllen. Sollte Ben sich doch selber vorstellen. Er schien ganz glücklich, Konversation machen zu dürfen. Reihum Hände schüttelnd pflichtete er bei, dass das Wetter abscheulich sei, und schwang dann wie ein Pendel zurück zu meiner bildhübschen und charakterlosen Cousine. Ben brauchte sehr bald einen Rüffel, denn Ranschmeiße an den Feind stand nicht in seinem Vertrag.

Mein Retter war der leutselige, beleibte Onkel Maurice. Er langte nach der Karaffe mit Portwein, goss welchen in ein reichlich schmutziges Glas und fragte dabei mit seiner Stentorstimme, ob er mich nun seit zwei oder seit drei Jahren nicht mehr gesehen habe. Ich hörte nicht zu. Der Mann von der Kultivierten Herrenbegleitung lieferte einen witzigen Bericht von unserer Reise, in dem ich keine gute Figur machte. Vanessa kann als vorzügliche Zuhörerin posieren, vorausgesetzt, ein Mann ist der Redner.

Das Feuer spie wie ein müder alter Vulkan mehr Rauch als Wärme aus. Aber da er sehr dicht davor stand, begannen Bens Hosenbeine zu dampfen und – dem Glimmen seiner Augen nach – seine Gedanken gleichfalls. Tante Sybil murmelte gequält etwas von Roastbeef-Schnittchen und Tee und verfügte sich in die Küche, wobei sie die Tür nur anlehnte.

»Diese Zugluft«, erschauerte Tante Astrid, »ist noch mal mein Tod.«

»Hab dich nicht so, Tantchen!« Freddy war in die Hocke gegangen und wippte auf den Fußsohlen. »Wenn dein Ischias, dein Hexenschuss, dein Sodbrennen und andere ausgewählte Leiden dich noch nicht zur Strecke gebracht haben, dann wird eine Verkühlung es kaum schaffen. Hat Mami nicht letzten Monat erzählt, du hättest so hässliche Hämorrhoiden?«

»Musst du so ordinär sein!« Tante Astrid richtete sich empört auf.

»Entschuldigung, Tantchen! Hatte ganz vergessen, wie schlecht es sich darauf sitzt«, erwiderte Freddy fröhlich, während er mit beiden Händen an seinen Bartbüscheln zupfte.

»Herrgott noch mal, Frederick«, bellte Onkel Maurice, »hör auf, an dir rumzurupfen. Man könnte meinen, du bist in der Mauser. Und wenn es nicht zu viel verlangt ist, dann steh entweder auf oder setz dich ordentlich hin. Hör auf, herumzuhopsen wie ein Springteufelchen! Du machst mich seekrank.«

Freddy stand auf, zeigte aber keine Reue. Er stupste mich schelmisch in den Bauch. »Schon mal versucht abzunehmen, Ellie?«

»Schon mal versucht, Arbeit zu finden, Freddy?«

Er schaute mich vorwurfsvoll an. »Certainement! Aber die Arbeitgeber sind nie bereit, meine Bedingungen zu akzeptieren – ich arbeite von zwölf bis eins mit einer Stunde Mittagspause.«

»Welch großer Kummer muss dein Sohn und Erbe für dich sein, Maurice, und für unsere arme Lulu«, warf Tante Astrid bissig ein.

»Da wir von der liebenden Mutter sprechen«, sagte ich und blickte in die Runde, »wo ist Tante Lulu?«

»Oben, scheucht Wanzen durchs Zimmer, um sich abzuregen. Das alte Mädchen hat wieder mal Zustände.« Freddy rollte mit den Augen und pochte sich dumpf an die Brust. »Wie du unschwer erraten kannst, natürlich meinetwegen. Vanessa hat mich wieder mal in den Schatten gestellt, die Zähne sollen ihr verfaulen. Da berichtet sie deinem Galan gerade von ihrem letzten Coup. Mutter konnte es einfach nicht ertragen.«

»Lulu ist mit Migräne zu Bett gegangen«, schnaubte Onkel Maurice. Aber niemand beachtete ihn.

»Wie lautet die Sensationsmeldung, Vanessa?« Meine Stimme sollte teilnehmende Neugier ausdrücken, aber ich bin keine gute Schauspielerin. Wollte denn niemand hören, dass ich kürzlich Mrs. Hermione Boggsworth-Smith ein dänisches Sonnenstudio eingerichtet hatte?

»Ach, Mami, musstest du das ausplaudern? Du weißt doch, ich mag keinen Rummel.« Die schöne Heuchlerin sank auf die Sofalehne. Sie hob die wohlgeformten Arme über den Kopf und ließ ihre langen, schlanken Finger in einer zaghaften und zugleich betörenden Geste durch ihre schweren kastanienbraunen Locken gleiten.

»Lügnerin.« Freddy sprach fröhlich aus, was ich dachte.

Tante Astrids und (schlimmer noch) Bens Augen hingen mit einer Ergebenheit an Vanessa, wie sie nur Götzenbildern oder Goldenen Kälbern zukommt. Apropos Rindvieh, wo blieben eigentlich die Roastbeef-Schnittchen?

»Vanessa«, psalmodierte Tante Astrid, »ist in aller Form gebeten worden, Model bei Felini Senghini zu werden.«

»Bei wem?«, krächzte ich über Freddys Gelächter hinweg.

Bens entgeisterter Gesichtsausdruck gab mir zu verstehen, dass er mich für ein öffentliches Ärgernis erster Ordnung hielt. »Ellie, du machst wohl Witze! Von Felini Senghini hat nun wirklich jeder gehört!«

»Auf leeren Magen mache ich nie Witze.« Meine Stimme schwoll bedrohlich, aber ich besann mich darauf, dass dieser Mann angeblich mein Herzallerliebster war, hakte ihn besitzergreifend unter und entblößte die Zähne zu einem freundlichen Lächeln. »Ist das der Mann mit dem Olivenölteint auf den Spaghettipackungen?«, fragte ich hoffnungsvoll. »Nein, ich weiß! Das ist der Opernsänger, der den Figaro zur Begeisterung des Publikums nur in Schnurrbart und Krawatte sang.«

Wie ihr großes Vorbild Königin Viktoria war Tante Astrid nicht belustigt. Über Vanessa und deren Karriere wurden keine Witze gerissen. »Es muss schwer für dich sein, Ellie, eine Cousine wie Vanessa zu haben«, schnarrte sie und schaute dabei über mich hinweg, »aber Gehässigkeit ist nie kleidsam.«

Freddy zwinkerte mir zu. »Ich mag Ellie, wenn sie kiebig ist. Nicht kleidsam ist dieser scheußliche rote Aufzug. Bist du aus einem Harem entsprungen oder ist der Scheich als Erster geflohen?«

Tante Astrid redete über uns hinweg. »Felini Senghini gilt unter Eingeweihten als der Modeschöpfer des Jahrhunderts.«

»Ellie, meine Liebe«, miaute Vanessa, »willst du mir nicht gratulieren?«

Diese Zumutung wurde mir erspart durch die Ankunft von Tante Sybil mit dem Abendbrottablett. Einen freien Platz dafür aufzutreiben, erforderte einige Findigkeit. Ben eilte zu Hilfe und schob auf dem Büfett zwei Messingleuchter und eine angelaufene Silberschale voll mit Haarnadeln, Zuckerwürfeln und einem grauen Wollknäuel beiseite.

»Was ist denn los mit dir?«, hauchte er mir ins Ohr. »Ich fange an, mich zu amüsieren.«

»Gewöhn dir das nicht an«, zischte ich zurück.

»Soll heißen?«

»Soll heißen, wenn du nicht aufhörst, dich an Vanessa ranzuschmeißen, kannst du deinem Honorar Ade sagen.«

Ben besaß die Frechheit, ein erstauntes Gesicht zu machen. Bevor er antworten konnte, schlich sich Freddy von hinten an. »Reden wir ein bisschen über euch zwei, alle blutrünstigen Einzelheiten – wo ihr euch kennengelernt habt und so.«

Ben und ich schauten uns an, für den Augenblick einte uns ein labiler Waffenstillstand. »Wo war das, Ellie?«, murmelte mein Mitverschwörer, den Mund voll altbackenem Sandwich. »Wir kennen uns … schon eine Weile, und das Drum und Dran … die Einzelheiten sind recht …«

Und dieser Mann wollte ein schöpferisches Genie sein!

»Ball der Einsamen Herzen?«, schlug Freddy vor.

Ich trat Ben fest auf den Fuß und signalisierte ihm, dass er das Fabulieren mir überlassen sollte. Er stöhnte kurz auf, vor Erleichterung oder auch vor Schmerz, denn seine Augen waren etwas glasig, als ich seelenvoll hochblickte. Zur Beruhigung drückte ich ihm noch zärtlich die Hand, was ein leises Autsch auslöste und ein Aufblitzen der weißen Zähne, das er Freddy zuliebe hastig in ein strahlendes Lächeln umwandelte.

»Ben leidet durchaus nicht an Gedächtnisschwund«, sagte ich, »aber unsere erste Begegnung fand unter recht traurigen Umständen statt. Nämlich auf einer Protestversammlung gegen Kindesmisshandlung vor der Halleluja-Erweckungskirche.«

»In der Kirche!« Tante Sybil reichte mir einen Krug mit lauwarmem Wasser, um darin die Kaffeekanne aufzuwärmen. »Wie hübsch. Das ist doch mal etwas anderes als diese Discos und Single-Bars. Welcher Konfession gehören Sie an, Mr. Händel?«

»Haskell. Gläubiger Ath–«

»Jedes Kind sollte im Glauben erzogen werden«, mischte sich Tante Astrid gewichtig ein und gab Ben zu verstehen, dass sie nicht beeindruckt war. »Warum kann nicht jeder in der Anglikanischen Kirche sein? Was der Königin gut genug ist, ist es mir allemal!«

Ich vermied sorgfältig, Ben anzuschauen. »Tante Sybil«, fragte ich, »wann werden wir Onkel Merlin sehen?«

»Wahrscheinlich nicht vor morgen Abend.« Tante Sybil versuchte, drei Leute gleichzeitig mit Kaffee zu versorgen. »Ihr jungen Leute müsst bedenken, dass der arme Merlin nicht jünger wird.«

»Nicht gerade ungewöhnlich«, murmelte Freddy.

Glücklicherweise bekam Tante Sybil diesen ruppigen Kommentar nicht mit. Sie fuhr fort: »Der Morgen macht ihm immer zu schaffen. Er sagt, das Licht tut seinen Augen weh.«

»Verwandelt sich allmählich in Dracula, was?«, witzelte mein unverbesserlicher Vetter. Er und Ben grinsten sich zu wie ungezogene Schuljungs.

»Ist das die Erklärung für das funzlige Licht überall?« Onkel Maurice ging, die Hände auf dem Rücken verschränkt, schweren Schrittes auf dem abgewetzten Kaminvorleger auf und ab.

»Es tut mir leid, wenn du das Gaslicht bedrückend findest.« Tante Sybil sah tief verletzt aus, als sie sich der Gruppe um den Kaminvorleger zugesellte.

Ben bot sein charmantestes Lächeln dar. »Ist eine Sicherung durchgebrannt? In einem alten Haus, das so einsam liegt, und bei dem Schneesturm würde mich das nicht wundern.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme, Mr. Hamlet. Aber wir leiden keineswegs unter Strommangel. Wie ich schon sagte, mag Merlin kein helles Licht; aber der Grund, weshalb er auf dieser Etage keinen Strom benutzt, ist völlig selbstlos. Er mag etwas abgeschieden leben, aber er liest Zeitungen – nicht diese grauenhaften Skandalblätter, die Partnertausch und Geschlechtsumwandlungen herausposaunen, sondern die Times und den Telegraph. Und Merlin meint, auch er müsse einen Beitrag zur Bekämpfung der Energiekrise leisten.«

»Kokolores!«, donnerte Onkel Maurice. »Da bin ich anderer Meinung.«

Ben wandte sich um und betrachtete ihn kühl. »Ich finde, der Mann verdient Respekt.«

»Selbstaufopferung ist schön und gut«, schaltete sich Tante Astrid ein, als hätte sie selbstverständlich das letzte Wort zu diesem Thema, »solange sie nicht fanatisch wird. Wenn Weltraumraketen hin- und hersausen wie Fernlaster, dann besitzt hoffentlich niemand die Unverfrorenheit, von mir den Verzicht auf alles zu verlangen, was zum Leben einer Dame gehört.«

»Keine Sorge, Tantchen«, tröstete Freddy, »die Zeiten des Außenklos sind lange vorbei.«

»Müssen denn alle meckern?« Vanessa sprach zum ersten Mal seit langem. (Ohne Zweifel braucht es angestrengte Konzentration, um stundenlang hinreißend auszusehen.) »Ich hatte mir vorgestellt, wir verbringen alle ein himmlisches Wochenende miteinander.« Sie befeuchtete ihre schimmernden Lippen und bedachte Ben mit einem verführerischen Augenaufschlag.

»Ich meckere nicht«, sagte ich griesgrämig. »Das trübe Licht stört mich nicht. Ich mag es sogar.«

»Natürlich!«, schnurrte Vanessa. »So sehen wir nur die Hälfte von dir.«

Schweigen verdickte die Luft, und etwas Düsteres und Finsteres ergriff Besitz von meinem Hirn. »Ach ja? Deshalb muss wohl Ben gesagt haben, er könne gar nicht genug von mir kriegen, als er mir in einer Mondnacht einen Heiratsantrag gemacht hat. Oh, Liebling, tut mir leid.« Ich wandte mich zu meinem neuen Verlobten und senkte entschuldigend meine verkümmerten Wimpern. »Ich weiß, wir wollten mit der entzückenden Neuigkeit warten, bis Onkel Merlin hier ist, aber ich konnte nicht widerstehen. Will uns niemand gratulieren?«

»Du willst heiraten?«, tönte Tante Astrid, als hätte ich ein heiliges Sakrament obszön entweiht. Der Rest war erstarrt. Meine Verwandten sahen mit ihren offenen Mäulern herzlich komisch aus. Ich wollte schon lachen, da sah ich Bens Gesicht. Richtig schade, dass ihm das keinen Spaß machte. Schließlich bekommt man nicht alle Tage eine neue Verlobte, noch dazu, ohne zu fragen.

»Ach, das ist hübsch«, sagte Tante Sybil. »Ich selber war ja nie sehr aufs Heiraten aus, aber heutzutage, wo man sich ohne Weiteres scheiden lassen kann, ist natürlich alles viel einfacher. Und jetzt sind wir alle müde, also gute Nacht. Ihr müsst jeder eine Kerze mitnehmen, damit ihr die Treppe rauffindet. Rechts vom Treppenabsatz ist ein Lichtschalter. Ich sehe euch dann morgen früh.«

»Die Klasse kann abtreten!«, wisperte Freddy und langte nach der größten Kerze. Zweifellos die Macht der Gewohnheit; als Kind hatte er sich immer das Kuchenstück mit der Kirsche drauf geschnappt. Das, das ich haben wollte. An der Tür wandte ich mich um, ob Ben mir wohl folgte, um mir, sobald wir allein waren, den Hals umzudrehen, aber er sagte gerade Vanessa ausführlich Gute Nacht. Wären ihre Kerzen sich noch näher gekommen, wären beide in Flammen aufgegangen. Unter dünnem Gemurmel verspäteter Glückwünsche ging ich verzagt in die Empfangshalle und stieß prompt mit Onkel Maurice zusammen, der mir an der Treppe aufgelauert hatte. Er stellte unsere Kerzen auf ein Marmortischchen und umklammerte meine Hände mit seinen feuchten und schwammigen Fingern. Sein Gesicht hing dicht über meinem. Ich konnte seine Pomade riechen und seinen heißen, portweingeschwängerten Atem.

»Meine liebe Ellie«, sagte er, »verzeih einem alten Trottel, dass er dich so abfängt, aber da dein Vater am anderen Ende der Welt Schafe scheucht, brauchst du, meine ich, Rat und Zuwendung eines erfahrenen Mannes von Welt. Ist diese plötzliche Verlobung klug? Eine Frau von deinen herausragenden Qualitäten hat etwas Besseres verdient als diesen Mr. Haskell. Irgendwas an dem Burschen kommt mir komisch vor. Hat was von einem Araber, würde ich sagen.«

»Ach komm, Onkel, glaubst du, er wird seine Kerze fallen lassen und das Haus abbrennen, damit er das Grundstück billig aufkaufen kann?« Ben war ein Windhund, der für die Lockungen von Vanessas Fleisch nur allzu anfällig war, aber eine von uns beiden musste unserer Beziehung treu bleiben.

»Na, na, Ellie.« Onkel Maurice drückte mir wieder die Hände und gluckste tadelnd, in seine hervorquellenden Augen trat ein Glitzern. »Meinst du nicht, meine Liebe, dass du Maurice zu mir sagen kannst? ›Onkel‹ in meinen Jahren, da kommt man sich direkt alt vor. Außerdem ist es lediglich eine Höflichkeitsanrede. Wir sind nur ganz entfernt miteinander verwandt. Deine Mutter war Merlins was, Cousine zweiten Grades?«

»Irgend so was«, sagte ich und überlegte, wie ich die Flucht antreten konnte.

Onkel Maurice bekam offenbar Schwierigkeiten mit der Atmung. »Ellie«, keuchte er und kam mir noch näher. Ich konnte seine Westenknöpfe durch die rote Seide spüren. »Ein paar von meinen Freunden sagen Maury zu mir.«

Bevor ich mit »Ach ja?« antworten konnte, ging die Tür zum Salon auf und Ben kam mit Vanessa heraus, die an seinem Arm hing. Leicht betreten rückte er von ihr ab.

»Da bist du ja, Liebling«, sagte ich. »Hast du Vanessa gesagt, dass ich sie als Brautjungfer möchte?«

Meine Cousine erbleichte, Onkel Maurice ließ meine Hände los und verdrückte sich zur Treppe. Nicht ganz so gelassen wie sonst ergriff er seine Kerze und wünschte uns Gute Nacht. Vanessa rankte sich graziös hinter ihm die Treppe hoch.

Als sie fort waren, sagte Ben: »Starr mich nicht so an. Schließlich musste ich höflich zu dem Mädel sein. Mrs. Swabuchers Anweisungen waren, deine Verwandtschaft mit meinem umgänglichen Wesen zu bezaubern. Worauf sie mich nicht vorbereitet hat, ist die Verlobung, in die ich plötzlich geraten bin.«

»Mach dir keine Sorgen.« Ich zuckte die Achseln. »Sie muss nicht vollzogen werden.«

»Nichts, was mit Heiraten zu tun hat, ist komisch.«

»Quatsch. Niemand wird dich in Handschellen vor den Altar schleppen. Nur eine unschuldige Schwindelei. Außerdem hast du es dir selber zuzuschreiben, so wie du bei Vanessas Anblick zu sabbern anfingst. Das gehörte nicht zu unserer Abmachung.«

»Weißt du, was du bist?« Ben zog so heftig an seinem Schlips, dass er zu ersticken drohte. Sein Gesicht wurde zinnoberrot. »Eine Plage! Schon als ich dich zum ersten Mal sah, ein Taifun in einem roten Leichenhemd, war mir das klar, und seitdem bist du ein einziger Alptraum. Dir traue ich zu, dass du mich als Heiratsschwindler vor Gericht bringst, wenn ich unsere erfundene Verlobung löse.«

»Das bist du nicht wert.« Ich ging zur Treppe. »Du hast nicht das Geld, um mich in Versuchung zu bringen.«

»Und noch etwas«, fuhr er in meinem Rücken fort. »Ich verstehe nicht, warum du so ein Theater machst. Sie sieht phantastisch aus, aber ansonsten ist deine Cousine Vanessa eine Null. Eine Unterhaltung mit ihr ist eine Strafe. Ich konnte dabei nur an eins denken – an mein Bett.«

»Was sonst?«, sagte ich.

»Gute Nacht, meine Lieben«, rief Tante Sybil von unten; es sollte sanft, aber endgültig klingen. Sie hatte mir unsere Schlafzimmer zugewiesen, so konnte ich Ben informieren, dass seine Tür die vorletzte auf der linken Seite war. »Nicht die letzte«, warnte ich ihn. »Das ist der Speiseaufzug. Der wurde vor Jahren eingebaut, um Mahlzeiten aus der Küche nach oben zu befördern.«

»Ein Ort, den ich lieber nicht aufsuchen möchte.« Ben schüttelte sich. »Nach dem Fraß heute Abend sehe ich sie vor mir: Spinnweben an der Decke, Schleim an den Wänden, und in einem Bottich mit Brühe schwimmt der Butler mit dem Gesicht nach unten.«

»Unsinn! Der ging schon vor Jahren in Pension. Entweder weigert sich Onkel Merlin, Geld für Personal auszugeben, oder die haben Angst, hier zu arbeiten.« Wenn ich auf einen zärtlichen Abschied gehofft hatte, dann stand mir eine herbe Enttäuschung bevor. Ben gab mir einen soldatischen Klaps auf die Schulter, erklärte, dass er kein Frühaufsteher sei, und entschwand den Korridor entlang.

Mein Schlafzimmer war kein heiterer Ort. Arger Schüttelfrost schien es zu plagen, denn die Wände schwitzten in großen Flecken durch die schimmelfarbene Tapete. Die Decken auf dem großen Himmelbett stanken vor Alter und das nervöse Feuerchen zischte und stotterte im Kamin, aber unternahm nichts, um die Kälte zu vertreiben. Zum Glück hatte ich in weiser Voraussicht meinen wollenen Schlafanzug mit den integrierten Bettsöckchen eingepackt. Dieser Gedanke tröstete mich, bis mir einfiel, dass er sicher in meinem Koffer verstaut war, der immer noch in Bens Auto lag.

Zitternd zog ich mich bis auf BH und Unterwäsche aus, hängte das rote Ungetüm über einen Stuhl, den ich so platzierte, dass er jeden kleinsten Wärmestrahl des mürrischen Feuers abfangen konnte, und kroch wie ein gehäuteter Eisbär zwischen die verflohten Laken. Vom Bett aus konnte ich den Lichtschalter erreichen. Das Zimmer versank in Finsternis, aber der Schlaf tänzelte wie eine rüstige alte Elfe außerhalb meiner Reichweite. Ich traute mich nicht, die Beine ganz auszustrecken, falls etwas Weiches, Pelziges im Bett nistete. Die Ereignisse des Tages drängelten und knufften sich in meinem Kopf, aber aus dem Chaos kam eine Erkenntnis: Ben hatte zwar meinen Erwartungen an das Betragen eines Mannes von der Kultivierten Herrenbegleitung überhaupt nicht entsprochen, aber ich fühlte mich, kaum dass wir uns fünf Minuten gezankt hatten, in seiner Gesellschaft ausgesprochen wohl. Statt Schafe zu zählen, spielte ich mein Lieblingsspiel: Was, wenn? Was, wenn ich schlank bis zur Magersucht wäre und völlig erhaben über Cremetorte, Yorkshirepudding und große, flockige Klöße in dicker Soße? Ach zum Teufel! Bei solchem Festschmaus, wer braucht da Männer!

Vor meiner Tür waren leise Schritte zu hören. Die Klinke bewegte sich ächzend. Ben? Essen konnte ich auch noch morgen; Nahrung gab es immer, wohingegen … Er tapste durchs Zimmer. Es krachte und ein erstickter Aufschrei verriet mir, dass er Kopf voran Bekanntschaft mit dem Kleiderschrank gemacht hatte. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen und meine Temperatur ging rauf und runter wie ein Kaufhausfahrstuhl. »Schrei!«, rieten mir Anstand und Vernunft. »Damit du in ewiger Unwissenheit stirbst?«, fragte deren Widerpart. Seine Hand war auf der Bettdecke, Zentimeter von meinem entblößten Fleisch. Die Decke hob sich. Ich spürte ein pyjamabehostes Bein an meinem. Dann war alles vorbei. Meine Hand fand den Lichtschalter und das Zimmer erwachte blinzelnd.

Ich drehte mich um, Ben mit empörtem, aber dankbarem Blick zu durchbohren.

»Onkel Maurice?«, bebte ich und zerrte mir die Bettdecke um den Hals. »Kannst du mir erklären, was das soll? Ich zähle bis zehn, dann schreie ich.«

5

Ich hätte wissen müssen, dass ein Mann, der mitten in der Nacht in mein Zimmer schlich, nur eine verirrte Seele auf dem Heimweg vom Badezimmer sein konnte. Onkel Maurice, der in seinem lavendelfarbenen Flanellschlafanzug ziemlich lächerlich aussah, entschuldigte sich vielmals für die Störung und flehte mich an, Tante Lulu nichts davon zu sagen. Sie würde sich fürchterlich aufregen, wenn sie erführe, dass er bei mir hereingeplatzt sei und meine Nachtruhe gestört habe. Ich schwor, meine Lippen seien versiegelt, und knipste das Licht aus. Nun aber schlafen.

Ein Geräusch weckte mich, ein bedrohliches Knurren. Ich schreckte hoch, verschlafen und überhaupt nicht aufgelegt, mitternächtliche Vagabunden zu empfangen. Noch ein falscher Alarm: Der Lärm entsprang meinem knurrenden Magen und gemahnte mich, dass es Zeit war für mein Lieblingsrendezvous – nur wir zwei ganz allein – ich und Essen. Ich versuchte, stark zu sein. Ich ermahnte mich, dass es mehr als gierig war – geradezu diebisch, nachts um zwei die Treppen hinunterzustapfen und Tante Sybils Küche zu überfallen. Mir juckte die Nase. Staub! Nahm Tante Sybil je ein Staubtuch in die Hand, lüftete sie je die Betten, kochte sie je eine anständige Mahlzeit? Mein Groll wuchs. Diese popligen Schnittchen! Und auch noch altbacken! Was für eine Mahlzeit für Menschen, die gerade einem sibirischen Schneesturm entronnen waren! Außerdem hatten Freddy und Ben die meisten verdrückt! Ich klopfte energisch das Kissen auf und genoss meinen Zorn. Wenn Tantchen nicht kochen konnte, was war schon dabei, vom Bäcker ein paar Bratwürstchen im Schlafrock zu holen und vielleicht noch Blätterteigpasteten? Mein Magen fluchte und jubelte abwechselnd. Jedenfalls schien er entschlossen, mir keine Ruhe zu gönnen.

Eine Lichtspirale erhellte das ansonsten dunkle Zimmer: Mondlicht, vom Schnee zurückgeworfen. Diese Beleuchtung reichte zum Ablesen der Uhr. Halb drei. Noch Stunden bis zum Frühstück, und ich setzte in dieses Mahl keine großen Hoffnungen. Klumpiges Porridge und kalter Tee waren keine ausreichende Ernährung für eine Frau im Wachstum. Ich kletterte aus dem Bett und fröstelte in der kalten Luft. Das Feuer hatte längst den Geist aufgegeben, und es wunderte mich nicht, dass das rote Ungetüm immer noch eher nass als feucht war. Was sollte ich anziehen? In meiner Unterwäsche die Treppe hinabzusteigen kam nicht in Frage. Es gab keine größere Pein, als von Ben in Taillen-BH und Schnürkorsett erwischt zu werden. Ich tappte im Mondlicht umher und fand den Kleiderschrank. Sein Inneres stank nach Mottenkugeln und alten Zeitungen, enthielt aber nichts außer einem Paar Knöpfstiefel und einem Federhut, den ich zuerst für einen toten Vogel hielt. Das reichte nicht, um mich zu bedecken. Meine Hand ertastete auf einer Seite ein Bord, und meine Suche wurde belohnt. Unter einer Staubschicht lag etwas, das sich als Tagesdecke entpuppte. Sie schien aus Chenille und gottlob für ein Doppelbett gedacht.

Vorsichtig öffnete ich meine Tür und spähte in den Flur. Mehrere Fenster, besonders ein großes mit farbigem Glas oberhalb der Treppe, warfen unheilvolle Schatten, die an den Wänden entlangkrochen. Nur die Aussicht auf heißen Toast mit Butter und eine anständige Tasse Tee trieben mich voran. Eine der ermutigenden Theorien über schwere Leute besagt, dass ihr Schritt leicht ist. Ich hoffte inständig, dass sie stimmte. Den schmalen Läufer hatte ich überquert und musste nun die Treppe in Angriff nehmen. Meine Toga verrutschte und ich steckte sie wieder zusammen. Ich kam mir vor wie ein Ozeanriese, der in flaches Gewässer vom Stapel läuft. Also schön sachte!

Die Küchentür schüttelte sich und schwang nach innen auf. Mit dem ersten Griff fand ich den Lichtschalter. Die schwache Birne gab wenig Licht. Der Rest des Hauses mochte deprimierend sein, die Küche war schlimmer. Schmuddeliges graues Linoleum und lachsrosa Wände. Wenig hilfreich war auch die Versammlung altersschwacher Küchenschränke, denen fast alle Farbe und etliche Türen fehlten. Das Gewirr angelaufener Kupferleitungen, das vom altmodischen Boiler die Wände hochlief, hing voller schmieriger Wischlappen und fleckiger Geschirrhandtücher. Ob Tante Sybil sie manchmal verwechselte? Selbst jemand mit geringen hausfraulichen Instinkten musste sich hier ekeln. Ich betrachtete den Raum aber auch mit professionellem Blick. Ausmaße und Proportionen der Küche waren gut, auch die Fenster waren groß und gingen nach Süden. Unter dem ekelhaften Linoleum befand sich wahrscheinlich ein Steinfußboden. Schon stellte ich mir die Küche vor, wie sie hätte sein können, mit marineblauem Herd, zu warmem Glanz polierten Kupferpfannen, vielen Grünpflanzen, die die Vorhänge ersetzten, und einer cremefarbenen Tapete mit marienblauen und korallenroten Akzenten.

Die Vision entschwand und ich starrte auf Berge schmutzigen Geschirrs, die den Tisch, das Ablaufbrett und andere Flächen bedeckten. Kein Wunder, dass Onkel Merlin gedämpftes Licht wollte.

Ich bin nicht dafür, per Gesetz vorzuschreiben, dass jeder Haushalt vollkommen steril zu sein hat. Tobias hatte mein Sofa zerfetzt und manchmal machte ich eine Woche lang nicht das Bett. Aber dieser Dreck war unerträglich. Gott sei Dank war der Boiler noch heiß. Ich kramte tapfer in den Spinnweben unter dem Ausguss und fand einen aufgeweichten Karton mit einer Dose feuchtem Scheuerpulver und einer Schachtel Seifenflocken. Damit musste es gehen. Geschirrspülmittel stand offenbar nicht auf Tante Sybils Liste lebensnotwendiger Dinge. Ich hievte meine Bettdecke hoch, band sie im Genick zu einem dicken Knoten, beschwor sie, nicht runterzurutschen, und machte mich daran, den Unrat aus dem Ausguss zu graben.

Zwei Stunden später war das Geschirr gespült, getrocknet und möglichst ordentlich in die Schränke gestellt. Der Tisch hatte recht gut auf das Schrubben angesprochen. Die Hälfte der Farbe war dabei abgeblättert, aber was darunter zum Vorschein kam, sah sauber aus. Ich füllte einen Eimer mit heißem Wasser, goss eine ganze Flasche Bleichmittel (so alt, dass der Deckel völlig zerfressen war) hinein, nahm mit den Fingerspitzen die Lappen von den Leitungen und sah zu, wie sie in den Dämpfen versanken.

Ich unterdrückte ein Gähnen und plinkerte ein paarmal heftig, um meine Augen daran zu erinnern, dass ich noch wach war. Wie wollte ich Tante Sybil meine Einmischung erklären? Vielleicht würde sie ja denken, die Heinzelmännchen seien da gewesen. Ich verbiss mir noch ein Gähnen, füllte den Wasserkessel, stellte ihn auf den frisch gescheuerten Herd und zündete das Gas an. Endlich kam ich dazu, die Märchentür zu öffnen.

Die Speisekammer war wiederum ein Raum, der altmodischen Charme hätte ausstrahlen sollen. Ihre Marmorborde waren für Schinken und Käselaibe gebaut worden, für Schweinesülzen und -pasteten. Sie hätte Düfte verströmen sollen, die von kulinarischen Köstlichkeiten kündeten. Die Wahrheit war, sie stank. Geruch von ranzigem Fett mischte sich mit Gestank von verdorbenem Fleisch und Mäusekötteln. Überall lagen Krümel, und verschüttete Milch war zu einer gelben Kruste angetrocknet. Bis auf ein halb verzehrtes Huhn, eine Schüssel mit sauer gewordenem Pudding und einen Korb mit keimenden Kartoffeln war sie wie die Speisekammer der Eltern von Hänsel und Gretel – leer.

Ich fand den Brotkasten. Er war aus Metall mit einem gut schließenden Deckel, also entnahm ich ihm ohne allzu großes Misstrauen ein Brot, ging hinaus und schloss hinter mir die Tür. Der Kessel pfiff, ein gellendes Schrillen, bei dem mir einfiel, dass ich noch den Tee finden musste. Es schien den Kessel zu ärgern, dass ich seinem Ruf nicht sofort folgte, denn das Geräusch wurde tiefer, ein bedrohliches Gepolter, das die Kasserollen auf dem Brett über dem Herd tanzen und die Tassen auf ihren Haken unter den Schränken klingeln ließ. Ziemlich viel Getöse für einen Kessel. Eher wie von einer Dampflok! Ich drehte das Gas ab, der Lärm ging noch ein Weilchen weiter, ehe er sich legte. Donnergrollen? Aber der Streifen Himmel, den das Küchenfenster freigab, war recht klar. Wahrscheinlich kam der Krach vom Heißwasserbehälter, der sich wieder aufgefüllt hatte. Wo war die Teedose?

Zurück in die Speisekammer. Ich öffnete die Tür, mir war, als bewegte sich etwas. Mäuse? Ich mochte sie zwar nicht, aber wenn ich nicht endlich meine Tasse Tee bekam … Eine Gestalt wuchs aus den Schatten; mit ausgestreckten Armen und flatterndem weißem Gewand kam sie langsam auf mich zu. Der Geist von Merlins Schloss! Mein Schrei endete in einem Quieken, über das jede Maus sich scheckig gelacht hätte. Ich vermochte nicht, das Gesicht der Erscheinung zu erkennen, denn eine weiße Zipfelmütze bedeckte den Kopf. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Sie lachte, ein entsetzliches, halbersticktes, heiseres Gelächter … Jede jugendliche Heldin, die ihr Pulver wert war, wäre jetzt in Ohnmacht gefallen. Ich schaffte es fast; ich stolperte über die Chenille und ging bis neun zu Boden, wobei ich das Gespenst stöhnen hörte: »Himmel, es ist Aphrodite.«

Eigentlich hätte mich der beißende Geruch von Riechsalz zu mir bringen müssen. Doch solches Glück war mir nicht beschieden. Jemand hatte mich unter den Achseln gepackt und zerrte mich über den holperigen Fußboden, was mir den Popo aufschrammte und das letzte bisschen Mut raubte.

»Herr im Himmel, lieber würde ich einen Ochsen schleppen.« Ben! Wie kam der denn hierher? Er war doch nicht das Speisekammergespenst. »Das muss reichen.« Er lehnte mich an die Wand wie einen Sack Mehl. »Wenn ich sie auf einen Stuhl hieve, hole ich mir einen Bruch – einen doppelten.«

Am liebsten hätte ich ihm den Hals umgedreht! Aber sobald ich die Arme bewegte, nahm die Chenille endgültig Reißaus. Die einzige Möglichkeit, es ihm heimzuzahlen, war, mich bei der Kultivierten Herrenbegleitung über ihn zu beschweren. Eine andere Stimme sprach, eine neblige, bellende, unmenschliche Stimme.

»Was wollen Sie von mir – Mitleid? Sie ist doch Ihr Schatz. Ein Mann, der sich mit einer doppelt so großen Frau einlässt, sollte an der Stelle, wo sonst das Gehirn sitzt, wenigstens Muskeln haben. Hören Sie auf, rumzutändeln wie eine Narzisse im Wind und bringen Sie sie wieder zu Bewusstsein, wenn sie welches hat. Kippen Sie den Eimer da über ihr aus. Sieht aus, als hätte sie hier rumgefummelt und die naturgegebene Unordnung durcheinandergebracht. Verdammte Einmischung.«

Das Bleichmittel! Ich wollte schon immer erblonden, aber nicht durch so drastische Maßnahmen. »Das wirst du nicht tun!« Meine Augen sprangen auf wie Schnapprollos. Ich machte mich von Ben los, ließ die Fäuste fliegen und hatte die Befriedigung, ihn voll am Kinn zu erwischen. »Idiot!«, brüllte ich und rappelte mich auf. »Lass den Eimer fallen und wir haben ein Loch im Boden, das bis nach Australien reicht.« Ich drehte mich um und drohte der knochigen Gestalt in Weiß mit einem wütenden Lehrerinnen-Zeigefinger. »Hören Sie zu, Sie spukendes Heinzelmännchen, warum verziehen Sie sich nicht und kauen an Ihrer Troddel? Ich bin vielleicht kein Schönheitsideal, aber Sie müssten sich mal sehen mit Ihrem lächerlichen Kopfputz!«

Bens eines Auge hatte plötzlich einen nervösen Tic, aber ich kümmerte mich nicht drum. Ich war unfähig, klar zu denken, geschweige denn, optischen Morsecode zu entziffern.

»Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?«, fragte ich das dürre Gespenst. »Ungebeten mitten in der Nacht aus Speisekammern zu hopsen!«

Ein freudloses Kichern entfuhr seinem zahnlosen Mund, dann zischte er in bösem Flüsterton: »Erkennst du mich nicht, mein Puddingbäckchen, sehr ungezogen! Du bringst einen alten Mann noch zum Weinen. Du Trampel! Ich bin dein Gastgeber, Giselle, dein lieber alter Onkel Merlin.«

»Welch geselliges Beisammensein«, griente Ben in die ungemütliche Stille. »Mr. Grantham erzählte mir, während du in Ohnmacht lagst, dass er oft mitten in der Nacht Appetit bekommt und dann mit dem Speiseaufzug zu einem Imbiss runterfährt. Ich habe durch den Schlafzimmerfußboden deine Angstschreie gehört und kam phantasieloserweise die Treppe runter, um nachzuschauen.«

»Ich bin nicht in Ohnmacht gefallen.« Wütend starrte ich beide an. »Ich bin gestolpert. Vielleicht bin ich später weggeblieben, als ich mit dem Kopf aufgeschlagen bin, aber das ist nicht dasselbe.« Ich zupfte die Chenille hoch. »Und mal angenommen, ich habe mich wirklich blöde angestellt. Wenn du auch nur einen Funken Anstand besäßest, Onkel Merlin, dann würdest du einen Teil der Verantwortung dafür übernehmen. Ich bin es nicht gewohnt, mitten in düsterer Nacht Männer in weißen Nachthemden und Zipfelmützen umherschlurfen zu sehen.«

»Ha! Wohl nicht gewohnt, nachts Männer in irgendeiner Gewandung zu sehen. Es sei denn … hast du diesem Londoner Burschen erzählt, du erbst mein Geld? Da bist du an der falschen Adresse, Mädel! Meine Nachthaube hindert die Körperwärme daran, während des Schlafs durch den Kopf zu entweichen. Kann mir diese elektrischen Heizapparate nicht leisten, besonders heute Nacht. Einer meiner Blutsverwandten könnte sich reinschleichen und einen Kurzschluss einbauen.«

»Um noch mal auf den nächtlichen Imbiss zurückzukommen, Mr. Grantham«, schlug Ben vor, während er den Herd inspizierte, »soll ich Ihnen ein bisschen was Schaumiges machen? Vielleicht Benedikt-Eier?«

»Ach, jetzt wird mir alles klar«, krächzte der liebe alte Onkel. »Einer von denen sind Sie! Im Dekorateurgeschäft triffst du wohl viele schwule Jungs, was, Ellie?«

Was hatte dieser abscheuliche alte Mann für eine ekelhafte Phantasie. Ich wollte zur Tür, doch dann überlegte ich es mir anders. So leicht sollte er den Sieg nicht davontragen. »Weißt du was? Ich glaube, es ist gut, dass du dich hier all die Jahre vergraben hast. Die Welt draußen ist zu gut für dich.«

Onkel Merlin saß auf einem Stuhl und rührte sich nicht. Einen grausigen Moment dachte ich, ich hätte ihn zu Tode erschreckt, dann sah ich unter der Zipfelmütze ein Flackern eisiger Belustigung in seinen Augen aufglimmen.

»Wenn Sie Eier nicht göttlich finden«, Ben klimperte mit den Wimpern in Richtung Onkel Merlin, »dann vielleicht etwas, das ein bisschen mehr prickelt, sagen wir eine reizende kleine Speise aus Quark und Molke?« Mit seiner normalen Stimme fügte er hinzu: »Gleichzeitig eine Methode, Ihre verdammten Spinnen zu verscheuchen.«

»Richtige Männer«, bellte Onkel Merlin, »essen keine aufgemotzten Eier oder so was zum Frühstück. Wir mögen unsere Bücklinge. Gehen Sie Ihrer Nase nach und Sie finden ein Paket aus Zeitungspapier in der Schublade rechts vom Ausguss. Richtig, unter den Geschirrtüchern. Habe sie vor Sybil versteckt. Die Bücklinge waren für Jonas und mich. Freitagabend spielen wir immer Karten, sobald sie in ihrem Bett liegt und nicht mehr über uns die Nase rümpfen kann. Sybil hat nichts gegen Glücksspiele – ein Zeitvertreib für Gentlemen –, aber sie billigt es überhaupt nicht, dass ich mit der Dienerschaft verkehre. Ha! Wenn ich so von Jonas dächte, hätte ich ihn schon längst in Rente geschickt. Ich mag die Art, wie er beim Kartenspiel betrügt. Herrgott noch mal, was muss der alte Esel auch auf der Nase liegen! Wer will seinen Fisch? Meiner ist der große.«

»Da du Bücklinge zur Männerspeise erklärt hast, Onkel Merlin, werde ich jetzt zwei Scheiben Brot in diesen Toaster stecken, der aussieht wie eine Rattenfalle, hinein damit, mir eine Tasse von dem Tee nehmen, den Ben gerade braut, und mit einem Tablett nach oben verschwinden.«

»Was, und mich diesem jungen Ganoven ausliefern? Deine Schuld, wenn du morgen früh runterkommst und mich mit einem Fleischspieß im Herz vorfindest! Wo hat sie Sie überhaupt aufgegabelt, junger Mann? Wahrscheinlich in einer von diesen Kontaktbars. Und was machen Sie außer mit Bratpfannen zu schlenkern?«

»Er schreibt Bücher.« Wütend kratzte ich Butter von einer angeschlagenen Untertasse und schmierte sie auf meinen Toast. »Herrlich schmutzige Bücher, richtig schweinisch, aber nicht so schweinisch wie diese Küche, bevor ich sie saubergemacht habe. Gute Nacht, liebster Onkel, und tu mir nicht den Gefallen, an einer Gräte zu ersticken.«

Das Frühstück am nächsten Morgen war grässlich. Glücklicherweise war Tante Sybil nicht anwesend, um die Kommentare mitzukriegen, die diese Mahlzeit hervorrief. Sie hatte das Essen hereingebracht und trug jetzt ein Tablett zu Onkel Merlin hinauf. Freddy saß da und rührte in seinem Porridge wie ein Kind, das auf Mamis »Ein Löffel für Mutti, ein Löffel für Vati« wartet. Er ließ den Löffel fallen und brummelte: »Entweder hat jemand auf meinen Teller gekotzt oder ich tu’s gleich.«

Genau mein Gefühl. Auf diese Mahlzeit konnte ich verzichten, insbesondere da Tante Lulu, ihr Kopf ein Schaum seifiger Löckchen, gerade von ›der Verlobung‹ erfahren hatte und einen mürrischen Ben nach Einzelheiten piesackte. Schlafmangel hatte seine Stimmung nicht gebessert. Ich entschuldigte mich und kehrte in mein Zimmer zurück, wo ich auf der Kommode am Fenster meinen Koffer vorfand. Ben hatte mir gesagt, dass er und Freddy schon früh draußen gewesen waren und das Auto wiederbelebt hatten, das jetzt neben dem alten Pferdestall stand.

Eine Diät, auch eine unfreiwillige, sollte von körperlicher Bewegung begleitet werden. Ein Spaziergang im Schnee! Nichts wie runter mit dem roten Ungetüm, und ich war glücklich wieder vereint mit meinem Kamelhaarrock, meinem grauen Pullover, den soliden Tretern, mit Wollmantel und Kopftuch. Der Spiegel verriet mir, dass ich aussah wie eine treue alte Zugehfrau. Immer noch besser als eine Karnevalsprinzessin. Ich übergab das Rote dem Mülleimer.

Ich hatte ganz vergessen, wie nah Merlins Schloss am Meer lag. Der klatschende, brausende Rhythmus der Wogen mischte sich mit dem Wind, der mich vorantrieb und mir den Mantel so eng um die Beine wickelte, dass das Gehen schwierig wurde. Sicher, ich hatte in meinem Leben alles falsch gemacht, aber ich hatte kein brennendes Verlangen, es zu beenden, indem ich mich von den Klippen wehen und auf den zackigen Felsen drunten zerschmettern ließ. Ich machte eine Kehrtwendung, da sah ich durch den Schnee, der von den Bäumen stob, die gebeugte Gestalt eine Mannes auf mich zustolpern, er hatte sich den Hut tief über die Ohren gezogen, und Mund und Nase waren mit einem dunklen Schal vermummt. Das musste der Gärtner sein – Jonas. Hieß er nicht so? Statt stetig auszuschreiten taumelte ich im Wind hin und her, aber ich kam voran, so gut ich konnte. Als unsere Wege sich trafen, lüftete der alte Mann seinen zerbeulten Hut, duckte kurz den Kopf und sagte »Morgen, Fräulein«, gab einen trockenen Huster von sich und wollte weitergehen.

»Scheußlicher Tag zum Spazierengehen«, sagte ich. »Zumal Sie erkältet sind.«

Er warf mir einen argwöhnischen Blick zu. »Ordentlicher Frost tötet die Bazillen. Mr. Merlin, der geht an so einem Tag nicht raus. Könnte sich ja den Tod holen und andern eine Freude machen. Sie sind Miss Giselle, wie? Ja, ich kenn mich aus mit euch. Außer beim Kartenspiel zu betrügen, schwatzt er gern über die, wie er sagt, Maden im Familienkuchen. Hähä! Seid alle sofort gekommen, was? Bei Ihnen war er nicht so sicher, aber ich hab ein Pfund gewettet, dass Sie kommen. Haben sich auch einen Burschen mitgebracht, höre ich. Einen Pornoschreiber noch dazu. Wo Sie so eine züchtige alte Jungfer sind!«

»Wir sind verlobt«, fauchte ich und stapfte zum Haus zurück. Tante Sybil war in der Küche, als ich durch die Hintertür hereinkam. Sie hängte sehr zerlöcherte Abtrockentücher über die Rohre und war offenbar wenig begeistert, mich zu sehen. Hatte wohl Angst, dass ich den Fußboden schmutzig machte.

»Ich bin dem Gärtner begegnet«, sagte ich.

»Ach, der! Wohnt in dem Häuschen beim Eingangstor. Klippenblick heißt es.« Sie zog die Nase hoch, vielleicht machten die Bleichdämpfe aus den Tüchern ihr die Nebenhöhlen frei. »Bei dem schlechten Wetter gestern Abend wird es dir nicht aufgefallen sein. Warum Merlin diesen Jonas behält, ist mir ein Rätsel. Dauernd fehlt ihm was. Aber so sind die Männer – nur glücklich, wenn sie was zum Jammern haben. Mit Merlin ist das natürlich eine andere Geschichte.« Ihre von der Bleichlauge verschrumpelten Hände wanderten zu ihren Haaren und richteten eine Strähne.

»Jonas’ Husten hat sich ziemlich echt angehört und damit läuft er draußen rum.« Ich schälte mich aus meinem Mantel.

»Will nur die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Und wenn’s keine Erkältung ist, dann ist es was anderes. Letzten Sommer war es der Stuhlgang und davor Krampfadern. Nicht ein Unkraut im Garten gejätet, außer um irgendeinen Heiltrank zu brauen. Und Merlin bestand darauf, dass ich Jonas morgens, mittags und abends heißen Tee davon brachte.« Ihr Unterkiefer zitterte. »Als ob ich nicht genug zu tun hätte, ohne hypochondrische Dienstboten zu verwöhnen. Ja, ich weiß, wir haben unsere Verpflichtungen gegenüber dem Proletariat – und wenn Jonas der Butler wäre oder zumindest irgendwas Sauberes, würde es mir auch nicht so viel ausmachen.«

So etwas von blasiertem Dünkel! Langsam fragte ich mich, ob Onkel Merlin hinter der Maske des bösartigen Einsiedlers nicht doch ein oder zwei lobenswerte Charakterzüge besaß. Wenigstens behandelte er jedermann mit gleicher Verachtung, und er schien an Jonas zu hängen. Oder war das nur, weil der Mann ihm zur Unterhaltung diente? »Onkel Merlin muss doch froh darüber sein, dass seine eigene Gesundheit unverwüstlich ist«, regte ich an.

Tante Sybil fixierte mich mit einem Blick, der sagte »Was weißt du schon davon?« Sie schälte Kartoffeln und zog eine regelrechte Schau ab. Unter dem Ansturm ihres Messers flogen die Schalen in alle Richtungen. Meine Hilfe wurde kategorisch abgelehnt, nur sie allein wusste, wie Onkel Merlin sein Gemüse mochte.

»Der Arme, er ist einsam«, sagte sie. »Er und Jonas sind wie Pech und Schwefel, stecken ständig die Köpfe zusammen über Kreuzworträtseln oder Spielkarten. Ich mache mir Sorgen, denn« – sie fixierte mich mit ausdruckslosen, wässerigen Augen – »abgesehen vom Klassenunterschied hat Jonas für mein Gefühl keinen guten Einfluss auf Merlin. Er bringt ihn zum Lachen, ja manchmal dazu, sich völlig albern aufzuführen. Sehr unschicklich! Sein Vater, der selige Onkel Arthur, sagte nie mehr als ›Holen!‹ und ›Bringen!‹ zur Dienerschaft. Aber ich habe so wenig Zeit, mich hinzusetzen, wo ich das ganze Haus in Ordnung halten muss, und er gehört schließlich, wie man so sagt, einer neuen Generation an.«

Onkel Merlin voll im Trend? Unter Anpassungsdruck?

»Jonas sah ziemlich harmlos aus«, sagte ich.

Tante Sybil schniefte und wütete weiter mit ihrem Messer. Das Mittagessen war noch ein Erlebnis, das man besser rasch vergisst, denkwürdig allein, weil ich mehrere Pfunde abnahm. Vanessa mit Schmollmündchen war verführerischer denn je, mein Verlobter verdrossen und Onkel Merlin beehrte uns nicht mit seiner Anwesenheit. Tante Sybil verkündete, als bereite sie uns eine große Freude, dass er zum Tee herunterkäme.

Der Nachmittag neigte sich zur Dämmerung. Die Standuhr in der Halle schlug vier, und prompt gingen die Verwandten in Stellung. Tante Sybil drückte sich bei der Tür herum wie ein begeisterter Fan, der seinem Idol an der Bühnenpforte auflauert. Aus der Halle ließen sich langsame, gedämpfte Schritte vernehmen. »Da kommt er«, rief sie. »Mein lieber Merlin, ich habe sie mit dem Tee nicht ohne dich anfangen lassen. Wir haben alle auf dich gewartet.«

»Das glaube ich gerne.« Onkel Merlins Stimme war kräftig, obwohl er sich schwer bei Tante Sybil aufstützte, eine graue, schattenhafte Gestalt im Halbdunkel. »Eine Bande von Aasgeiern seid ihr, alle miteinander«, schnaubte er giftig. »Stürzt euch auf mich, um mir das Fleisch von den morschen Knochen zu hacken, aber ich lege euch alle rein, jeden von euch. Noch bin ich nicht tot, und wir wollen mal sehen, wer zuletzt lacht.«

»Was für ein böser alter Mann«, sagte Tante Astrid und erstickte fast, so heftig zog sie an ihren Perlen. »Wahrscheinlich vermacht er alles einem Katzenasyl. Er gehört in eine Anstalt.«

6

Unsere Rückfahrt nach London am nächsten Nachmittag verlief frostig; das Wetter war ebenfalls kalt. Ben ließ sich immer wieder aus über meine Bekanntgabe unserer Verlobung.

»Ach, halt deinen Mund, du aufgeblasener Schnösel.« Ich hatte genug. Meine Augen tränten vor Kalte und mein linkes Bein lag im Koma. »Du ärgerst dich doch nur, weil du vor Vanessa als Trottel dastehst, der keine Bessere abkriegt. Mach dir keine Sorgen, sie wird nicht denken, dass wir miteinander schlafen. Ich habe ihr erzählt, du wärst impotent, ein Missgeschick in früher Kindheit. Als sie erfuhr, dass du Halbjude bist, hat sie es ohne Weiteres geglaubt. Die Beschneidung hört sich an wie ein einfacher Eingriff, aber manchmal rutscht eben das Messer aus …«

»Verdammt noch mal, Ellie.« Ben schlidderte elegant um eine Kurve. »Du bist unmöglich. Trotzdem hätte ich um nichts in der Welt versäumen mögen, dich kennengelernt zu haben. Es tut mir beinahe leid, dass ich von dir Geld nehme.«

»Du schaffst das schon. Auf welche Weise soll ich unsere Verlobung lösen? Wärst du zufrieden mit einer offiziellen Anzeige in der Times?«

Ben grinste. »Jetzt weiß ich, welche Sorte Bücher du liest. Meine Mutter liest den gleichen Schund.« Er senkte die Stimme in samtige Tiefen. »Meine Liebste, wir waren nicht füreinander bestimmt … Ich bitte dich, streiche mich für immer aus deinem Leben. Und denke daran, wenn du dein Kissen mit Tränen durchnässt, dass ich niemals gut genug für dich war. Eines Tages wird irgendwo draußen am fernen Horizont …«

»Was? Ein anderer Mann? Und auf den Kitzel verzichten, dass mein Leben durch hoffnungslose Leidenschaft zerstört ist? Nie im Leben. Ich kehre heim zu meiner Katze und dem Leben einer enttäuschten alten Jungfer.«

Bens kleines Auto fädelte sich durch den Londoner Verkehr. Wir kamen überraschend gut voran. Ich hatte mich fast schon an das taube Gefühl unterhalb der Knie gewöhnt, da glitt Ben in eine kleine Parklücke und stellte den Motor ab. Zurück am Queen Alexandra Place Nr. 129.

Das Zwischenspiel war vorüber. Ich bestand darauf, dass er mich nicht nach oben brachte. Wir standen am Bordstein wie Flüchtlinge, die es in die sibirische Einöde verschlagen hat, die Hände zum Abschiedsgruß ausgestreckt, meinen verbeulten Koffer zu Füßen. Wir hätten Musik gebraucht, den ergreifenden Schmerz von ›Laras Lied‹.

»Das mit dem offenen Verdeck tut mir leid«, sagte Ben, die Hände in den Taschen vergraben.

»Nicht doch. Ich fühle mich richtig knackig, wie frischer Salat.«

»Ich leide unter Klaustrophobie.«

»Unangenehm«, sagte ich. Wir schauten uns an, diese langen Augenblicke, die sich wie Gummiband ziehen, bis sie reißen. »Donnerwetter noch mal, willst du aus diesem Abschied einen Marathon machen für das Guiness-Buch der Rekorde?«

»Entschuldige.« Er hörte sich barsch an. Wir kehrten einander den Rücken, um in verschiedene Richtungen auseinanderzugehen. Als ich mich umschaute, hatte er sich nicht von der Stelle gerührt, wahrscheinlich dachte er, wie komisch ich von hinten aussah – genau wie Tante Sybil.

In meine Wohnung nach Hause zu kommen war eigentlich ganz schön. Tobias begrüßte mich mit ungewohnter Herzlichkeit und einem Raspier seiner rauen rosa Zunge. Er kam mir sogar ins Badezimmer nach und schaute zu, wie ich ein kochend heißes Bad nahm und aus einer Dampfwolke rosa schimmernd auftauchte. Tobias schloss die Augen. »Lass das«, fuhr ich ihn an. Er gähnte unverschämt und verschwand um die Tür. »Mach nur so weiter, den Schwanz einziehen und verduften, du Schleicher!«, rief ich ihm hinterher. »Wie ich das kenne!«

»Jemand zu Hause?«

Jill! Sie hatte die zermürbende Eigenschaft, plötzlich aus dem Nichts aufzutauchen. Ich hätte ihr nie meinen zweiten Schlüssel geben dürfen. Nicht mal mein Spiegel hatte mich in den letzten Jahren splitternackt gesehen, also gab ich auch ihr keine Gelegenheit. Ich griff mir ein Handtuch und ging ins Wohnzimmer, um sie abzuwimmeln. Aber daraus wurde nichts, denn sie kam mit nahrhaften Geschenken. Ihre Kasserolle hätte geschmorten Tang enthalten können, nach Tante Sybils Kochkünsten würde es schmecken wie Ambrosia.

»Du bist ein Engel« – ich lächelte – »und eine liebe Freundin. Stell das hin und ich setze Wasser auf.«

»Ein neues Rezept. Frikassee von Thunfisch und Erdnussbutter.«

Wäre ich bloß auf Merlins Schloss geblieben.

Arbeit half. Ich fing früh an und blieb lange. Eine meiner anspruchsvollsten Kundinnen, Lady Violet Witherspoon, machte ihre Midlife-Crisis durch und fand Erleichterung, indem sie alle sechs Monate ihr Landhaus in den Norfolk Broads von Kopf bis Fuß umkrempelte.

Ich schickte den Scheck an die Kultivierte ab und beschloss: Das war das Ende von Bentley T. Haskell. Aber der Mann hielt sich nicht an Vorsätze. Immer wieder tauchte er in meinen Gedanken auf, mit ähnlich rücksichtsloser Selbstvergessenheit, mit der Jill in meine Wohnung spaziert kam. Tagsüber konnte ich ihn in Schach halten, aber nachts – sobald ich die Augen schloss, war er da, der Schlingel, und verströmte seinen Charme. Er war verrückt nach meinen Haaren, meinen Augen, meinen Ohren. »So zarte kleine Öhrchen«, flüsterte er dann, sein Atem strich mir warm über den Hals, und ich schmolz vor Wonne.

Was für ein Segen, sagte ich mir im kalten Licht des Tages, dass er ein so unmöglicher Mensch war, sonst hätte mich die Aussicht, nie wieder etwas von ihm zu hören, ziemlich mitgenommen.

Um zu beweisen, wie gleichgültig er mir war, ließ ich das Telefon wieder anschließen. Geld ausgeben ist auch eine Methode, sich auf Trab zu halten. An einem meiner leeren Samstage fuhr ich ins East End, kaufte einen königsblauen Morgenmantel und ließ Onkel Merlins Monogramm auf die Tasche sticken. Als Reaktion kam ein kurzes Schreiben von Tante Sybil des Inhalts, ich sollte kurz vor der Heirat mit meinem Geld eigentlich Besseres anzufangen wissen, als es für Kinkerlitzchen hinauszuwerfen.

»Die undankbaren Alten.« Leider war ich mit meinen Verwandten noch nicht fertig. Vanessa rief an. Sie wüsste ja, wie mich ihr neuester, fabelhafter Auftrag als Model entzücken würde, und wieso hätte sie von uns eigentlich noch keine Heiratsanzeige in der Times gesehen?

Das gab mir den Rest. Ich hatte ohnehin Lust, dem Stress des Großstadtlebens zu entfliehen. Am nächsten Morgen bat ich Lady Witherspoon in den Ausstellungsraum und legte ihr nahe, dass ihrem neuen Salon italienischer Einfluss durchaus wohltun könnte. Wäre es ihr recht, wenn ich einige Einkäufe dafür machen würde? In Rom?

Sie betupfte ihre feuchten Augen mit einem Spitzentüchlein und hauchte: »Wenn ich denke, dass in meinem Bekanntenkreis immer wieder über die mangelnde Einsatzbereitschaft der Arbeiterklasse geklagt wird.«

Meine Berufsehre verbot mir, Lady Witherspoons Angebot anzunehmen, alle Kosten zu tragen, aber ihr Scheck – für den ich immerhin etliche Stunden lang Dekostoffe inspizierte – erlaubte mir doch, komfortabler zu reisen als sonst. Nachdem ich in der Stadt der sagenhaften Antike und des ebenso sagenhaften Sonnenscheins eingetroffen war, ließ ich mich in einem kleinen, aber zauberhaften Hotel nieder, in dem die Aussicht hervorragend war und jede Mahlzeit ein Sonett. Angesichts so vieler Doppelkinne, die über ihren Fettucine Alfredo wippten, bekam ich langsam das Gefühl, meine Maße seien ganz akzeptabel, und ließ mir ohne Gewissensbisse Nachschlag geben. Was sogar noch besser war: Ben rutschte dahin zurück, wo er hingehörte, zwischen die Seiten trivialer Liebesromane. Ich klappte das Buch endgültig zu und stellte es mit einem winzigen Hauch des Bedauerns – jede Frau hat gerne so ihre Erinnerungen – ganz oben ins Regal in einer Ecke meines Hirns und ließ es Spinnweben ansetzen. Ich rief die Fluggesellschaft an und war auf dem Heimweg.

London Anfang April war nass und grässlich, die Bürgersteige schwarz und glitschig. Das hohe, schmale Haus am Queen Alexandra Place stand geduckt und ungehalten vor Kälte. Der Taxifahrer griff sich das Trinkgeld mit Fingern, die aus durchlöcherten Strickhandschuhen hervorlugten, und brauste im Nebel davon. Jill war nicht da, aber ich traf Tobias auf der untersten Treppe, er sah gepflegt und wohlgenährt aus. »Die einzige Person auf der ganzen Welt, die mich wirklich liebt!«, rief ich und beugte mich vor, um ihn in die Arme zu schließen. Das undankbare Katertier kräuselte die Lippen, zuckte arrogant mit dem Schwanz, als wollte er sagen »Komm du mir ja nicht wieder angekrochen, du treulose Tomate«, und schritt die Treppe hoch.

Ich konnte seinen Groll verstehen. Nach drei Wochen von Jills Küche wäre ich wahrscheinlich auch nicht mehr ansprechbar. Ich drehte den Schlüssel im Schloss und schob den Koffer mit dem Fuß über die Schwelle, da klingelte das Telefon.

»Hast du wieder auf Miss Renshaws Fußmatte gepinkelt?«, schrie ich Tobias hinterher, der in die Küche witschte. »Wenn ich mir noch mehr Beschwerden von dieser alten Giftnudel anhören muss …« Ich nahm den Hörer ab und sprach im Ton eines müden Weltreisenden: »Hallo?«

»Ellie, wo zum Teufel hast du gesteckt?«, knurrte Ben. »Ich habe Jill angerufen und sie hat gesagt, du wolltest vorgestern zurückkommen. Sie hat mir die Nummer gegeben und ich …«

Eine Frechheit von dem Mann, mir wieder zu erscheinen, kaum dass ich ihn endlich zu Grabe getragen hatte! Ich wiegte das Telefon in meinen Armen und tanzte auf der Stelle.

Er knirschte mit den Zähnen, diesen entzückenden kleinen Perlzähnen, die in all den verbotenen Träumen an meinem Ohr geknabbert hatten … »Hör zu«, sagte er übertrieben langsam, »ich weiß, dass der Klang meiner Stimme dir die Sprache verschlägt, aber würdest du für eine Minute aus dem Koma erwachen, damit wir uns vernünftig unterhalten können?«

Vernünftig? Das Wort mochte ich überhaupt nicht. Ich hörte auf zu tanzen. »Hast du den Scheck verloren?«

»Musst du immer auf dem Geld rumhacken? Ich kritisiere dich in solchen Zeiten ungern, aber ich finde das ausgesprochen primitiv. Wenn du je deine Kontoauszüge studiert hättest, was Frauen bekanntlich nicht tun, dann hättest du gemerkt, dass ich die paar Pimperlinge nie eingelöst habe.«

»Halt mal kurz die Luft an.« Ich ließ mich auf die Sofalehne plumpsen und zerquetschte beinahe Tobias, der sich herangeschlichen hatte. Nadelscharfe Krallen fuhren in meine Rückseite und ich schoss wieder hoch. »Was meinst du damit ›in solchen Zeiten‹?«

Jetzt war es an ihm zu schweigen.

Ich schubste Tobias unsanft weg und setzte mich wieder. »Bring es mir behutsam bei …« Meine Stimme kam so stoßweise wie der Atem einer neunzigjährigen Marathonläuferin. »Du und Vanessa, ihr habt euch heimlich getroffen und jetzt wollt ihr heiraten?«

»Nein.«

»Wenn das so ist …« Ich legte mir Tobias über die Schulter und kuschelte mein Gesicht in sein warmes, weiches Fell.

»Ellie, ich habe langsam das komische Gefühl, du weißt es noch gar nicht.«

»Mm?« Ich kitzelte Tobias am Kinn.

»Onkel Merlin ist tot.«

»Das kann nicht sein!«, protestierte ich. »Der Mann ist unsterblich – der ist älter als die Sintflut.«

»Todesanzeigen in der Times lügen nicht. Es tut mir ja leid«, sagte Ben, »dass ich der Überbringer dieser Nachricht bin, aber …«

»Mach daraus keine griechische Tragödie.« Meine Stimme wurde von Tobias’ Fell gedämpft. »Der Mann war für mich ein Fremder. An dem Wochenende neulich habe ich ihn zum ersten Mal seit Jahren wiedergesehen.« Ich unterbrach, um tief Luft zu holen. »Und er hat sich absolut widerwärtig benommen – vielleicht tat er mir deshalb leid … hinterher.«

»Du flennst doch nicht etwa?«, fragte Ben vorwurfsvoll. »Ach, verdammt noch mal, Ellie, du bist eine alte Heulsuse. Ich komme vorbei.«

»Danke«, schniefte ich.

Ben zu überreden, mich auf Merlins Schloss zu begleiten, war gar nicht so schwer. Ich glaube, es war sein Vorschlag – nachdem ich Tobias gut zugeredet hatte, nett zu ihm zu sein, und die Schwierigkeiten herausgestrichen hatte, mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin zu gelangen. Ben war wieder als Begleiter tätig.

»Was ist mit dieser Geschichte von unserer Verlobung?« Wir standen im Flur, um uns zu verabschieden, als ich dieses kritische Thema anschnitt. »Bis jetzt habe ich noch nichts unternommen, der Familie beizubringen, dass wir kein Paar mehr sind.«

»Dann werden wir mit der Maskerade wohl weitermachen müssen.« Ben wickelte sich einen langen gestreiften Schal um den Hals, der aussah wie ein Erinnerungsstück an seine Schulzeit. »Wir wollen doch der Beerdigung nicht die Schau stehlen, indem wir unseren Betrug bekannt geben. Aber ich erwarte von dir, dass du das richtigstellst, sobald die Familienkrise überwunden ist, verstanden?«

»Jawohl, mein Ehrenwort. Andernfalls soll mich der Schlag treffen.« Was für ein leichtfertiger, dummer Spruch.

»Ob Merlin auch so dachte?«, fragte Ben lakonisch, als er zur Tür hinausging.

Als wir am nächsten Mittag kurz vor zwölf durch das schiefe Eisentor den verkrauteten Kiesweg hinauffuhren, sah Merlins Schloss mehr denn je aus wie ein verwunschenes Märchenschloss, das eine streitsüchtige Fee mit einem bösen Fluch belegt hat.

Jemand hatte nach uns Ausschau gehalten. Tante Sybil, ganz in Schwarz, empfing uns an der Tür. Ihre Mundwinkel waren verkniffen, aber ansonsten war ihr Gesicht ausdruckslos.

»Das muss sehr hart für dich sein, Tantchen.« Ich versuchte, sie zu umarmen, aber sie wich zurück.

»Bitte kein Getue, meine Liebe. In Merlins und meinen jungen Tagen galt Kummer immer als etwas sehr Privates.« Ihre breite Hand strich eines der vielen Fältchen ihres Seidenkleides glatt, und ich dachte bei mir, mit ihrer grauen Haut und ihren Hängebacken sah sie mehr denn je wie ein Nashorn aus. Und dann zitterten ihr die Lippen. Das arme alte Mädchen, mit Ausnahme des Gärtners war sie vielleicht der einzige Freund, den Merlin je besessen hatte.

»War das Ende sehr plötzlich?«, fragte ich und gab Ben meinen Mantel, damit er ihn zu dem Kleiderhaufen auf dem Intarsientisch packen konnte.

»Sehr. Der Doktor kam vormittags, und nachmittags war Merlin tot. Lungenentzündung. Er starb ganz friedlich.«

»Das erstaunt mich. Von Onkel Merlin hätte ich erwartet, dass er noch auf dem Sterbebett flucht, weil er zum ersten Mal seit vierzig Jahren einen Arzt holen muss.«

»Seit fünfundvierzig Jahren.« Tante Sybil verriet unterdrückten Stolz. »Merlin war keiner, der Aufhebens von seinem Befinden machte, wie ich dir, glaube ich, schon sagte, als du endlich einmal die Zeit fandest, ihn zu besuchen.«

So etwas Ungerechtes! Es war Onkel Merlins eigener Wille, sich hier wie ein Einsiedler abzukapseln. Nie hatte er auf meine Weihnachtskarten reagiert oder das leiseste Interesse bekundet, mich zu sehen. Ben erkannte das Glitzern in meinen Augen und beschwor mich mit Gesten, ruhig zu bleiben. Die übrigen Mitglieder der Sippe hatten sich schon im Salon versammelt und scharten sich abermals um ein kümmerliches Feuer.

»Ach, Liebe, zeig mir deinen Ring.« Vanessa streckte ihre Hand nach meiner aus wie ein eifriges Kind, aber sie schaute dabei den Mann an meiner Seite an und hob fragend die sanft geschwungenen Brauen.

Ich musste es Ben – wenn auch widerwillig – lassen, er zeigte sich der Situation gewachsen und beschützte mich vor dem Feind. »Ellie und ich haben uns lang und breit über Verlobungsringe auseinandergesetzt«, sagte er glatt. »Sie bestand darauf, das Geld für etwas Praktischeres auszugeben. Was wolltest du noch?« Er drehte sich zu mir um und grinste mir verschwörerisch zu.

»Eine batteriebetriebene Heizdecke, Liebling, damit wir uns behaglich kuscheln können auf unseren Spritztouren in deinem Auto.«

»Ist sie nicht pfundig?« Sehr verliebt klang das nicht, aber der Mann gab sich Mühe.

Freddy, der auf dem Boden lümmelte und zotteliger denn je aussah, stand auf und machte eine Bewegung, als wollte er seiner Mutter den Hals umdrehen. »Hör auf, Mutter«, sagte er. »Der Sherry ist wässerig genug, den brauchst du nicht mit deinen Tränen zu verdünnen.«

»Er war zu gut für diese Welt«, wimmerte Tante Lulu. »Menschen seines Schlages verlassen uns immer als Erste!«

»Mach dich nicht lächerlich«, belferte Tante Astrid. »Der Mann war über siebzig. Der ist weiß Gott lange genug hier gewesen.«

»Ja«, pflichtete Freddy bei, »lass den Schmus, Mutter. Du wirst noch eine ganz andere Melodie singen, in ein paar Stunden, wenn das Testament verlesen wird und du feststellst, der alte Zausel hat dir nicht den Batzen vermacht, den du erwartest.« Freddy kippte den Sherry seiner Mutter hinunter und langte nach der Karaffe. »Möchte mal wissen, wer die Kohle kriegt.«

Tante Astrid setzte sich kerzengerade auf. »Dem alten Schafskopf traue ich zu, dass er alles der Wohltätigkeit vermacht hat. Aber wenn er halbwegs gescheit war, wird er sein Vermögen denen vererbt haben, die etwas damit anzufangen wissen. Vanessa und ich hatten immer schon Sinn für gehobenen Lebensstil.« Tante Astrid warf Freddy und mir einen abschätzigen Blick zu.

Vanessa wickelte eine verirrte Locke um einen langen, schlanken Finger. »Ich erwarte nicht einen Pfennig«, widersprach sie sanft.

Freddy sagte etwas sehr Ordinäres.

Tante Astrid erhob sich aus ihrem Sessel. »Wie kannst du es wagen, du widerwärtiges, ungepflegtes Subjekt, wie kannst du es wagen, meine wunderschöne Tochter zu beleidigen?«

»Und wie kannst du es wagen, meinen großen, gut gewachsenen Sohn zu beleidigen?« Tante Lulu knallte ihr Glas auf einen Stapel alter Zeitungen, die auf einem Kamintischchen herumlagen. Ihr sträubten sich die Federn wie einer wütenden Henne. »Was glaubst du, wer du bist, Gräfin Rotz? Vor mir kannst du dich nicht aufspielen! Meine Mutter konnte sich noch daran erinnern, wie dein Vater mit einem Lumpenkarren durch die Elendsviertel gezogen ist. Wenn man dich reden hört, könnte man meinen, er war Textilkaufmann! Ha! Trotz all der feinen Mädchenpensionate und eures affektierten Gehabes, du und dein Fräulein Tochter, ihr seid nichts weiter als Emporkömmlinge!«

Das Opfer dieser Attacke sah angeschlagen aus, während wir Übrigen Mühe hatten, unsere Schadenfreude zu verbergen. Onkel Maurice protestierte der Form halber, aber wir alle merkten, dass er nicht mit dem Herzen dabei war. »Na, na, meine Liebe. Nun ist aber gut, mach nicht solch Geschrei.«

»Ich werde nicht still sein!«, schrie Tante Lulu umso kampflustiger. »Wenn diese Frau auch nur eine Spur von Kinderstube hätte, wüsste sie, dass in den besseren Familien das Erbe immer der männlichen Linie verbleibt.«

»Darauf trinke ich!«, prostete Freddy süffisant und schenkte sich noch einen ein.

»Unverschämtheit«, keuchte Tante Astrid.

»Beruhige dich, Mama.« Vanessa goss ein Glas Cognac ein und reichte es ihrer zitternden Mutter. »Du regst dich auf wegen nichts. Ich bin überzeugt, Onkel Merlin hatte am Ende noch so viel Verstand, sein Vermögen den Familienmitgliedern zu hinterlassen, die es am ehesten verdienen.«

Onkel Maurice steckte seine Wurstfinger in die Westentaschen, streckte die Brust raus wie ein Pinguin und runzelte die Stirn. Offensichtlich war er im Begriff, etwas besonders Scharfsinniges zu sagen. »Über die Jahre«, orgelte er, »habe ich bei verschiedenen Gelegenheiten Merlin meine profunden Kenntnisse in Kapitalanlagen zugute kommen lassen. Gewiss neigte er zeitweise zu Reizbarkeit, aber so war er eben. Und da, meiner Meinung nach, Merlin sich als Erben jemand mit Finanzerfahrung ausgesucht haben wird, halte ich mich für einen aussichtsreichen Anwärter auf das Gros …«

»Unsinn!« Tante Astrid schoss in einer einzigen Bewegung aus ihrem Sessel. Für einen Moment hatte ich die Hoffnung, sie würde Maurice ihr Cognacglas ins Gesicht schleudern. Ben amüsierte sich ebenfalls köstlich. Unsere Blicke trafen sich und er zwinkerte mir verstohlen zu.

»Du liegst ja nicht mal im Rennen«, flüsterte er. »Schade! Erbinnen finde ich besonders attraktiv.«

»Komm, Vanessa.« Leider hatte Tante Astrid beschlossen, keine Szene zu machen. »Wir werden nicht eine Sekunde länger in diesem Zimmer bleiben und uns solchen Schwachsinn anhören. Solide Anlageberatung ausgerechnet von dir, Maurice? Dass ich nicht lache! Du solltest erst mal dein eigenes Haus in Ordnung bringen. Den Gerüchten nach, die ich zufällig letzte Woche bei meinem Schneider hörte, hat dich dein finanzieller Sachverstand an den Rand des Ruins gebracht.«

»Findest du nicht«, sagte ich, »dass alle ein wenig voreilig sind, um nicht zu sagen geldgierig? Erinnere dich, Tante Astrid, du warst es, die gesagt hat, Onkel Merlin würde wahrscheinlich alles einem Katzenasyl vermachen. Vielleicht hat ihm deine Idee gefallen, obwohl ich es für viel wahrscheinlicher halte, dass er sein Geld dem einen Menschen zukommen ließ, der ihm in all den Jahren zur Seite gestanden hat, Tante Sybil.«

Genau aufs Stichwort kam sie zur Tür herein. In ihrem breitkrempigen schwarzen Filzhut, den sie sich fest aufs graue Haar gestülpt hatte, und dem dunklen, fast bis zu ihren Schnürschuhen reichenden Mantel sah Tante Sybil aus wie das Kindermädchen in einem Schauerdrama – die Sorte, wo alle Kinder zu Unholden werden und die Eltern das Haus fluchtartig verlassen müssen. »Ich denke«, sie schaute zur Uhr auf dem Kamin, »wir sollten zum Gottesdienst aufbrechen. Wer fahren will, kann das tun, ich werde zu Fuß gehen. Zur Kirche sind es nur fünf Minuten und Merlin verabscheute Automobile. Seine sterblichen Überreste werden vom Bestatter in einer Pferdekutsche befördert.« Sie fügte hinzu: »Dieses Transportmittel wurde nicht nur wegen seiner Abneigung gegen Kraftfahrzeuge gewählt, es entspricht seinen Wünschen, wie er sie schriftlich gegenüber seinem Rechtsanwalt zum Ausdruck gebracht hat. Mr. Bragg wird nach der Beerdigung mit uns hierherkommen, ihr werdet also dann Gelegenheit haben, ihn zu sprechen.«

»Na, das wird ein Spaß!«, flüsterte mir Freddy hämisch ins Ohr.

Seit unserer Ankunft hatte sich draußen dicker Nebel ausgebreitet. Unsere kleine Gesellschaft versammelte sich, um den schmalen, zerklüfteten Weg entlang der Klippen hinabzusteigen. Ein Geländer an gefährlichen Stellen hätte mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit gegeben – wenn ich mehr als einen Meter weit hätte sehen können. Binnen kurzem hatte ich mir den Fuß verstaucht und Ben nahm meinen Arm.

»Wenn du weiter so an mir zerrst«, war seine körperlose Stimme zu vernehmen, »purzeln wir beide in den Abgrund und werden von den Felsen da unten aufgespießt.«

»Was bist du für ein Pessimist, hinter jeder Ecke siehst du Gespenster.«

»Du hast vollkommen recht«, gab er friedlich zu. »Gerade eben zum Beispiel sehe ich eine gespenstische Kalesche um die Ecke kommen, gezogen von zwei schnaubenden, stampfenden Rössern und gelenkt von einem Geisterkutscher …«

»Der Kutscher sitzt auf dem Bock, wir sehen ihn durch den Nebel nur nicht«, erklärte ich geduldig und stolperte wieder – diesmal über Onkel Maurice, der stehen geblieben war. »Stell dir vor, wie der Sarg in der Kutsche klappert.« Ich drückte freundschaftlich Bens Arm, was er nicht erwiderte.

»Lieber nicht«, sagte er.

Onkel Merlin wurde in der Familiengruft beigesetzt, einem kleinen kapellenartigen Bauwerk neben der Kirche.

Die Sarkophage waren mir unheimlich, auf den älteren ruhten Marmorabbilder der Verstorbenen, an den neueren waren Messingschilder. Der Sarg wurde hereingetragen, hoch auf den Schultern der Leichenbestatter. Kein Freund, kein Verwandter stand auf, um die Last zu teilen. Onkel Merlin war tot, und niemand, mich eingeschlossen, empfand viel dabei. Warum konnte er nicht draußen auf dem Friedhof begraben werden, wo über ihm das Gras im Winde wehen würde? Ich drehte mich um und sah den alten Gärtner gebeugt und düster stehen, in höflichem Abstand zur Familie. Eine Träne stahl sich aus einem Augenwinkel und kullerte langsam über seine runzlige Wange. Fragte er sich, wann wohl die Reihe an ihn käme – wieder ein Name von der Liste gestrichen?

»Ich gehe«, sagte ich zu Ben.

Im Haus machte ich mich nützlich, räumte den Salon auf, brachte benutztes Geschirr und alte Essensreste hinaus und setzte Tee auf. Ich war gerade damit fertig, den Kaminsims mit zusammengeknülltem Zeitungspapier abzustauben, da hörte ich Getrappel in der Halle. Der Familie hatte sich Dr. Melrose angeschlossen, der Onkel Merlin auf dem Sterbebett behandelt hatte. Er ging umher, schüttelte Hände und entschuldigte sich, dass er erst gegen Ende der Beerdigung kommen konnte. »Ich bedaure, dass ich Mr. Grantham nicht von größerer Hilfe sein konnte«, bemerkte er zu Onkel Maurice. »Die Lungenentzündung gab zwar den Ausschlag, aber der Mann war schwer herzleidend. Sehr leichtsinnig von ihm, nicht früher ärztliche Hilfe zu suchen. Er muss es geahnt haben.«

»Aber wenn nichts mehr zu machen war«, sagte Tante Astrid, »und angesichts der Tatsache, dass trotz der Krankenkasse immer Ausgaben entstehen …«

Der Pfarrer, Mr. Rowland Foxworth, traf ein und kondolierte mit wohltönender Stimme. Ein attraktiver Mann mit vorzeitig ergrautem braunem Haar, kräftigen Brauen und warmen grauen Augen. Er war wesentlich größer als Ben. Ich betrachtete Ben nachdenklich, während der Tee eingeschenkt wurde. Mr. Foxworth und der Arzt waren eben gegangen, da läutete die Türklingel und kündigte den Mann an, auf den wir alle warteten, Mr. Wilberforce Bragg, Rechtsanwalt und Notar von der Kanzlei Bragg, Wiseman und Smith.

Um der Familie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ich glaube, wir gaben ein reizendes Bild ab. Niemand saß da und wetzte die Krallen oder schmatzte auffällig mit den Lippen. Mr. Bragg war ein Mann in den Sechzigern von zerfließend rundlicher Gestalt wie sehr weicher Teig. Seine Gesichtshaut war ein zerfurchtes Netzwerk roter Äderchen, seine Haare sahen nicht so aus, als wären sie in der letzten Woche gekämmt worden, und sein Jackett sowie seine Hosenbeine waren fünf Zentimeter zu kurz.

»Seine Mutter hat nicht gedacht, dass er so schnell rauswächst«, flüsterte Freddy, schielte mit Bedauern nach dem Sherry und nahm sich eine Tasse Tee.

»Können wir anfangen?« Mr. Braggs blaurote Lippen teilten sich zu einer Art Lächeln und er setzte eine Halbbrille auf. »Meine Damen und Herren, wir sind heute hier zusammengekommen …«

Ein Pochen an der Tür unterbrach ihn und hereingeschlurft kam der alte Gärtner. Er drehte die Mütze in den knotigen Händen, seine Augen wanderten zwischen uns umher. »Ich hörte, ich werde hier gewünscht, Euer Ehren.«

»Sie sind Jonas Alfred Phipps? Ganz recht, mein Guter, wir legen Wert auf Ihre Anwesenheit.« Mr. Bragg nickte in der huldvollen Manier eines Mannes, der sich über Klassenunterschiede erhaben weiß.

Tante Astrid teilte diese gesellschaftliche Toleranz keineswegs. Stirnrunzelnd beobachtete sie, wie der Gärtner seine schmutzigen Stiefel an der Türschwelle abtrat, und zog ihre Röcke beiseite, als er hinter sie stapfte, um seinen Platz am Rand der Gruppe einzunehmen.

»Wenn wir dann jetzt so weit sind«, drängte der Notar, »beginne ich mit der Testamentseröffnung:

Ich, Merlin Percival Grantham, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, erkläre dies zu meinem letzten Willen, durch den alle anderen Testamente und Verfügungen außer Kraft gesetzt werden.

Erstens: Ich ernenne die Stirling Treuhand AG zu meinen Testamentsvollstreckern und weise sie hiermit an, alle berechtigten Forderungen an meinen Besitz zu begleichen

Zweitens: Nach Tilgung aller Verbindlichkeiten weise ich meinen Testamentsvollstrecker an, mit meinem Nachlass wie folgt zu verfahren:

A. Jonas Phipps, dem einzigen Diener, der tollkühn genug war, in meinen Diensten zu bleiben, hinterlasse ich in Dankbarkeit für das Vergnügen, das er mir bereitet hat, indem er aus meinem Grund und Boden ein Ausstellungsgelände für Unkräuter machte, die Summe von eintausend Pfund und das Recht, sein Leben lang in den Räumen über den Stallungen auf meinem Grundstück zu wohnen.

Der Empfänger dieser großzügigen Gabe senkte den Kopf und sagte: »Ergebensten Dank, Euer Ehren.«

Mr. Bragg fuhr fort:

B. Meinem Vetter dritten Grades Maurice Flatts, der sich einzig dadurch hervortut, Frauen nachzusteigen, die jung genug sind, seine Töchter zu sein, hinterlasse ich ein Paar Pantoffeln.

Gemurmel erhob sich, Tante Lulus Stimme übertönte alle anderen. »Schmeißt es ins Feuer. Verbrennt das Testament!«

Onkel Maurice sah aus, als stünde er vor einem Herzanfall. »Verleumdung! Ich werde, ich werde … vor Gericht gehen!«

Der Notar hob die Hand. »Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, meine Damen und Herren, dass es völlig unerheblich ist, ob ich dieses Dokument billige oder missbillige. Rechtlich ist es wasserdicht. Jeder, der versucht, es anzufechten, hat enorme Kosten zu gewärtigen und äußerst geringe Erfolgsaussichten. In dieser Hinsicht bin ich meiner Sache sicher. Das Testament wurde von mir aufgesetzt, und ich schmeichle mir, einer der kenntnisreichsten Experten für Erbschaftsangelegenheiten in diesem Teil des Landes zu sein. Merlin Granthams Wünsche sind gültig.«

»Sie meinen, es kommt noch schlimmer?« Leichtfuß Freddy klang ausnahmsweise völlig vernünftig.

Der Anwalt blätterte in dem Schriftstück. »Ich dulde keine weiteren Unterbrechungen, oder ich werde das Testament öffentlich verlesen lassen, vor Richter Abernathy.«

C. Louise Emily Flatts, die bei einer unvergesslichen Gelegenheit dem Familiennamen Schande machte, indem sie im Gemeindesaal von St. Mary’s-at-the-Mill beim Rommé betrog, hinterlasse ich ein ungezinktes Kartenspiel.

D. Meinem (leider nicht weit genug) entfernten Vetter vierten Grades Frederick George Flatts, der Armut für eine mystische Erfahrung hält, hinterlasse ich eine leere Geldbörse.

E. Meiner Verwandten Vanessa Fitz-Gerald, die es lustig fand, sich auf der Silvester-»Fete« des Vereins der Pfarrer im Ruhestand nackt zur Schau zu stellen, hinterlasse ich etwas, das sie hoffentlich ebenso lustig findet – einen Overall.

Pulsuz fraqment bitdi.

15,25 ₼

Janr və etiketlər

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Litresdə buraxılış tarixi:
23 dekabr 2023
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9783867549929
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