Kitabı oxu: «Depression. Das Richtige tun»

Şrift:

Dr. Christine Hutterer

Prof. Dr. Christine Rummel-Kluge

Depression

Ein Ratgeber für Angehörige und Freunde

mit Fotografien von Sibylle Fendt


Inhaltsverzeichnis

Was wollen Sie wissen?

Etwas muss geschehen!

Ist es eine Depression?

Was können Sie jetzt tun?

Der Weg zur richtigen Diagnose

Depression ist eine Krankheit!

Was bedeutet die Diagnose für Sie?

Die Krankheit akzeptieren

Ihre eigenen Erwartungen und die des Betroffenen

Kindern die Depression erklären

Wer soll von der Depression erfahren?

Das Richtige tun: Die Geschichte von Riccardo Piras

Einen neuen Alltag gestalten

Miteinander reden

Was dem Betroffenen im Alltag helfen kann

Umgang mit den akuten Symptomen

Ihre Beziehung zum Erkrankten

Die Sorge vor einem Suizid

Das Richtige tun: Die Geschichte von Reinhardt Weißmann

Die Puzzleteile der Behandlung

Der Weg zur richtigen Behandlung

Welche Therapien gibt es?

Die Therapie begleiten

Das Richtige tun: Die Geschichte von Bianca Schwarz

Die eigenen Grenzen wahrnehmen

Abgrenzung von der Negativität

Selbstfürsorge und Achtsamkeit

Wenn es zur Trennung kommt

Das Richtige tun: Die Geschichte von Daniel O‘Donnell und Jörg Theurer

Gemeinsam in die Zukunft blicken

In guten Zeiten zurückblicken und vorsorgen

Ein neues altes Leben

Das Richtige tun: Die Geschichte von Lisa

Hilfe

Adressen

Stichwortverzeichnis

Was wollen Sie wissen?

Einen depressiv erkrankten Menschen zu begleiten, ist eine schwere Aufgabe. Einerseits Verständnis aufzubringen und sich andererseits von den Auswirkungen der Depression abzugrenzen, ist für Angehörige ein Balanceakt. Dieser Ratgeber zeigt, wie es gelingen kann, diesen zu meistern.

Eine gute Freundin ist so niedergeschlagen. Ich habe den Verdacht, dass es eine Depression sein könnte. Soll ich sie darauf ansprechen?

Offenbar machen Sie sich Sorgen um Ihre Freundin. Bei Menschen, die man gut kennt, trügt das Bauchgefühl meist nicht. Eine Hilfestellung, um Ihre Beobachtungen besser einzuschätzen, finden Sie im Kapitel 1 ab S. 11. Aber wichtig ist, letztlich kann nur ein Arzt feststellen, ob es sich um eine Depression handelt. Es können beispielsweise auch andere behandlungsbedürftige Erkrankungen die Ursache sein. Daher sollten Sie die Betroffene in jedem Fall ansprechen. Wie Sie dabei vorgehen können, erfahren Sie ab S. 20. Sollte Ihre Freundin eine Depression haben, ist es wichtig, dass sie möglichst frühzeitig behandelt wird. Dann stehen die Chancen gut, dass es Ihrer Freundin bald besser geht.

Eine Depression ist doch Kopfsache, oder? Ist es wirklich nicht möglich, sich auch mal zusammenzureißen?

Eine Depression ist in der Tat eine Krankheit, bei der die Ursache im Kopf liegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sich um Einbildung handelt. Vielmehr verändert sich tatsächlich der Stoffwechsel bestimmter Botenstoffe im Gehirn (mehr dazu auf S. 29). Die Entscheidung darüber, diese Krankheit zu haben oder nicht, unterliegt ebenso wenig dem freien Willen, wie etwa bei einer Blinddarmentzündung. Die depressive Stimmung, die Antriebslosigkeit, die Negativität und der Verlust von Freude sind die Symptome der Krankheit Depression – das zu akzeptieren, ist ein wichtiger Schritt, nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für Sie. Mehr darüber erfahren Sie in Kapitel 2 ab S. 38.

Mein Mann möchte, dass ich ihn in Ruhe lasse, damit er sich erholen kann. Ist das bei einer Depression eine gute Strategie?

Symptome einer Depression sind (unter anderem) Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Betroffene haben das Gefühl, sich ausruhen zu müssen. Aber Erholung im Sinne von Nichtstun führt nicht zu einer Besserung, häufig sogar eher zu einer Verschlechterung der Symptome. Aktivität ist deswegen während einer depressiven Phase wichtig und der Betroffene sollte möglichst dazu ermuntert werden. Dennoch kann es sein, dass es ihm an einzelnen Tagen nicht möglich ist, aktiv zu sein. Wie Sie damit umgehen und wie Sie den Betroffenen zu Aktivitäten ermuntern, ohne Druck auszuüben, erfahren Sie in Kapitel 3 ab S. 92.

Meiner Frau geht es sehr schlecht. Trotzdem will sie nicht zum Arzt. Was kann ich tun?

Eine Depression verändert die Denkmuster der Betroffenen zum Teil sehr stark. Für Ihre Frau fühlt es sich so an, als würde ihre Situation nie wieder besser werden, als gäbe es keine Möglichkeiten, ihr zu helfen, und als hätte sie Hilfe gar nicht verdient. Das erklärt, warum Betroffene häufig (erst mal) nicht zum Arzt möchten. Erklären Sie Ihrer Frau, dass eine Depression eine Krankheit ist, die gut behandelt werden kann, und dass es ihr wieder besser gehen wird, wenn sie sich behandeln lässt. Der Hausarzt ist ein guter Ansprechpartner und ein Termin ist für viele Betroffene leichter umzusetzen als bei einem Facharzt. Mehr dazu erfahren Sie in Kapitel 1 ab S. 25. Ausführlichere Informationen über die Behandlungsmöglichkeiten erhalten Sie im Kapitel 4 ab S. 123.

Ich habe Angst, meine Schwester in eine psychiatrische Klinik zu bringen. Kommt sie da auch wieder raus?

Eine psychiatrische Klinik ist ein Krankenhaus wie jedes andere auch. Ihre Schwester erhält dort die bestmögliche Behandlung und ist für die Zeit des Aufenthalts gut versorgt. Mehr dazu erfahren Sie in Kapitel 4 ab S. 132. Wenn der Betroffene konkrete Suizidgedanken äußert, ist sofortige Hilfe und eine stationäre Unterbringung zum Schutz der Betroffenen unbedingt notwendig (mehr dazu ab S. 112). Machen Sie sich auch in einer solchen schweren Situation klar, dass die Betroffene in der Klinik wirksame Hilfe erhält – und selbstverständlich wieder entlassen wird, sobald sich ihr Zustand ausreichend gebessert hat.

Meine Partnerin lehnt alles ab, was ich vorschlage. Wie kann ich damit umgehen?

Die Begleitung eines depressiv erkrankten Menschen kann sehr anstrengend und verletzend sein. Besonders die Ablehnung, die Sie erfahren, wenn Ihre Angebote immer wieder ins Leere laufen, nagt am eigenen Selbstwertgefühl und kann wütend machen. Wichtig ist zu verstehen, dass der Erkrankte nicht Sie persönlich ablehnt. Mehr dazu erfahren Sie in Kapitel 3 ab S. 98. Dieses Verständnis allein ändert aber wenig an der enormen Belastung, die die Begleitung eines depressiv Erkrankten für Angehörige darstellt. Wie Sie sich selbst stärker in den Blick nehmen, erfahren Sie bereits in Kapitel 2 ab S. 49. Wie Sie das im Alltag umsetzen können, lesen Sie in Kapitel 5 ab S. 156.

Am liebsten würde ich einfach mal allein ein Wochenende wegfahren. Aber wäre das nicht egoistisch?

Angehörige und auch Freunde von Menschen mit Depressionen, insbesondere Partner, haben ein starkes Gefühl der Verpflichtung. Sie glauben, rund um die Uhr zur Verfügung stehen zu müssen. Häufig führt das zu großer Belastung oder sogar Überlastung. Doch Ihre Aufgabe als Angehörige ist nicht, sich vollkommen aufzureiben. Machen Sie sich klar, dass Sie den Kranken nur unterstützen, aber nicht heilen können. Außerdem tragen Sie auch eine Verantwortung für sich selbst. In Kapitel 5 ab S. 149 erfahren Sie, wie Sie Ihre Grenzen erkennen und gut für sich sorgen und warum das nicht egoistisch ist.


Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es Wege aus der Depression gibt.

Etwas muss geschehen!

Eine Depression verursacht großes Leid, nicht nur bei den Betroffenen selbst, sondern auch bei den Menschen in deren Umfeld. Machen Sie sich klar, dass diese Erkrankung der Seele behandelbar ist. Sie können etwas tun und sollten daher handeln!

Die Krankheit Depression ist sowohl für Betroffene als auch für deren Angehörige schwer zu greifen. Manche Erkrankte können ihrem Alltag weiterhin mit nur einigen, nach außen wenig sichtbaren Einschränkungen nachgehen, andere werden praktisch handlungsunfähig und entwickeln teilweise sogar den Wunsch, nicht mehr leben zu wollen. Diese große Spannweite ist es auch, die alle Beteiligten stark verunsichert. Betroffene beschreiben ihren Zustand und ihre Empfindungen als große Leere, als Verlust aller Gefühle und die Umwelt als weniger farbig. Die Gedanken beißen sich an vermeintlichen Fehlern fest oder deuten Ereignisse im schlechtesten Sinne und als eigenes Versagen. Die meisten Erkrankten werden von irrationalen Schuldgefühlen geplagt und fühlen sich zunehmend minderwertig und wertlos. Alle rationalen Erklärungen und Beteuerungen von Angehörigen und Freunden, dass dem nicht so ist, oder das Aufzeigen von Beispielen, die das Gegenteil beweisen, kommen einfach nicht an. Besonders belastend kann es für Angehörige sein, wenn sie sich fragen, ob sie schuld sind an dem Leiden des anderen. Die Veränderung im Wesen der betroffenen Person und die tiefe Verzweiflung, die zutage tritt, sind häufig nicht nachvollziehbar. Angehörige verstehen nicht, was da vor sich geht, und stehen der Situation früher oder später hilflos gegenüber. Wenn das Schildern der Realität den Betroffenen nicht erreicht, Angebote zu helfen abgelehnt werden, eventuell Vorwürfe und Schuldzuweisungen gemacht werden und alles von Negativität durchdrungen ist, bleiben Ratlosigkeit, Resignation, Enttäuschung und auch Wut zurück. Zunehmend wird die Situation als ausweglos wahrgenommen und die Belastungen sind kaum noch auszuhalten.

Wo stehen Sie?

Je nachdem, in welcher Situation Sie dieses Buch lesen, sind Sie sich vielleicht noch gar nicht sicher, ob die Ihnen nahestehende Person wirklich an einer Depression leidet. Sie nehmen aber eine Veränderung wahr, die Ihnen große Sorgen macht. Diese Sorge sollten Sie unbedingt ernst nehmen! Es kann sein, dass die betroffene Person zurückgezogener oder antriebsloser ist als früher. Wie Sie damit umgehen können, wenn Sie die Krankheit vermuten, sich aber noch nicht sicher sind, erfahren Sie ab S. 11.

Vielleicht haben Sie aber auch längst Gewissheit, dass Ihr Angehöriger an einer Depression leidet. Dennoch oder gerade deshalb kann es sein, dass Sie sich hilflos fühlen und am Ende Ihrer Kräfte sind. Dem Betroffenen geht es während einer depressiven Episode schlecht und die Menschen im Umfeld wissen nicht mehr, was sie praktisch tun können und wie sie auf den Betroffenen reagieren sollen. Häufig fühlen sich Angehörige von Menschen mit schweren Depressionen regelrecht zur Randfigur degradiert. Es scheint eine Spirale ohne Ausgang. Das kränkt und macht wütend.

Möglicherweise versuchen Sie auch schon längere Zeit, den Betroffenen zu unterstützen, und es fühlt sich für Sie so an, als könnten Sie ihm und der Krankheit nicht gerecht werden. Die Situation wird durch Ihren Job, die Familie, den Haushalt, Freunde, Hobbys, eigene Sorgen oder Probleme und sonstige Verpflichtungen noch angespannter. Zugleich wächst Ihre Sorge um den Betroffenen. Sie sehen, wie ihm zunehmend sein Leben entgleitet und wie er leidet. Besonders belastend wird es, wenn Sie befürchten, dass sich der Betroffene etwas antun könnte. Diese Angst nimmt noch zu, wenn es in der Vergangenheit bereits einen Suizidversuch gab oder wenn der Betroffene entsprechende Andeutungen macht. In einer solchen Situation kommen viele Angehörige an ihre Belastungsgrenze und sie wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Aber wichtig ist, sich klarzumachen, dass es Wege aus der Depression gibt. Es gibt Hilfe – für den Betroffenen, der unter einer Krankheit leidet, die gut behandelbar ist. Und auch für Sie, denn Sie müssen als Angehöriger nicht die gesamte Last allein tragen.

Ist es eine Depression?

Die Anzeichen und Symptome einer Depression zu (er)kennen ist ein wichtiger Schritt, um zu verstehen, wie es Ihrem Angehörigen geht und was Sie tun können.

Sie vermuten, dass ein Mensch, der Ihnen nahesteht, an einer Depression erkrankt ist. Oder Sie fragen sich, ob Ihr Angehöriger eine Depression hat oder ob es sich „nur“ um eine depressive Verstimmung, eine andere psychische oder eine körperliche Erkrankung handelt. Vielleicht überlegen Sie sich auch, ob es überhaupt etwas Ernstes ist oder ob Sie in die Veränderung, die Sie beobachtet haben, zu viel hineininterpretieren. In jedem Fall gilt:

Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl!

Allein, dass Sie sich Gedanken darüber machen, ob Ihr Angehöriger oder Freund an einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung leiden könnte, ist ein Indiz dafür, dass etwas nicht „normal“ ist. Zwar reicht das Bauchgefühl allein nicht für eine Diagnose, doch es sollte Sie darin bestärken, die Symptomatik durch Fachkräfte abklären zu lassen.

Angehörige und enge Freunde sind nah dran an einem lieben Menschen. Darum fällt ihnen oft früher als anderen auf, dass etwas nicht stimmt. Manchmal lässt sich zu Beginn nicht genau greifen, was sich verändert hat. Häufig äußert sich eine Depression nicht schlagartig, sondern entwickelt sich über einige Wochen. Doch diese Veränderungen zu „vorher“ ist genau das, was wichtig ist. Fragt man Experten, woran man merken kann, dass ein Angehöriger eventuell eine Depression hat, antworten sie immer: an einer grundlegenden Veränderung.

Veränderungen – ein Warnsignal

Aber was bedeutet das konkret? Einerseits kennt jeder Einzelne Symptome, die typisch für eine Depression sind, aus eigener Erfahrung. Denn wer war nicht schon niedergeschlagen, antriebslos, hatte Schlafstörungen oder konnte sich mal nicht konzentrieren? Das kommt immer wieder einmal vor, sei es, weil man Sorgen hat oder bei der Arbeit unter Druck steht oder weil sich ein Infekt anbahnt. Andererseits gibt es durchaus Anzeichen, woran Sie festmachen können, ob es nur eine „normale“ Verstimmung oder schon in Richtung der Erkrankung Depression geht. Eine Orientierung gibt Ihnen die die Checkliste ab S. 12.

Checkliste

Typische Symptome einer Depression

Für die Frage, ob eine Depression vorliegt, arbeiten Ärzte und Psychologen mit dem internationalen Krankheitsregister ICD. Danach müssen mindestens zwei Haupt- und zwei Zusatzsymptome über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen und über die meiste Zeit des Tages vorliegen. Je mehr Symptome vorliegen, desto schwerer ist die Depression. Die eigentliche Diagnose kann aber nur ein Arzt stellen!

Die Hauptsymptome sind:

Depressive, gedrückte Stimmung an fast allen Tagen für die meiste Zeit des Tages, vom Betroffenen selbst berichtet (z. B. fühlt sich traurig oder leer) oder von anderen beobachtet (z. B. erscheint den Tränen nahe).

Interessenverlust und Freudlosigkeit an allen oder fast allen Aktivitäten, damit einhergehend Rückgang der Aktivität und Verlangsamung sowohl bei Alltagstätigkeiten (Haushalt, Körperpflege, Berufstätigkeit) als auch von bisher als erfreulich und anregend empfundenen Hobbys und Freizeitaktivitäten.

Verminderung des Antriebs und erhöhte Ermüdbarkeit, deutliche Müdigkeit schon nach leichten Anstrengungen.

Zusatzsymptome sind:

Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, teilweise verminderte Fähigkeit zu denken. Mit einher geht häufig die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen.

Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Betroffene zweifeln an ihren Fähigkeiten und trauen sich vieles nicht mehr zu.

Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, die in keinem Verhältnis zur Realität stehen.

Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven begleiten die Erwartungen an Ereignisse in der Zukunft. Sie sind unrealistisch negativ und pessimistisch verzerrt. Betroffene glauben auch, dass ihre depressive Störung sich nicht mehr bessern werde.

Wiederkehrende Gedanken an den Tod (nicht nur als Angst vor dem Sterben), wiederkehrende Suizidvorstellungen ohne genauen Plan, tatsächliche Selbstverletzung, Suizidversuch oder Planung eines Suizids.

Schlafstörungen, beispielsweise mit Schwierigkeiten ein- oder durchzuschlafen oder Erwachen früh morgens. Das Schlafbedürfnis ist häufig erhöht, Betroffene fühlen sich fast immer müde.

Deutlicher Gewichtsverlust ohne Diät oder Gewichtszunahme (mehr als 5 Prozent des Körpergewichts in einem Monat). Eine Depression geht häufig mit verändertem Appetit einher. In den meisten Fällen verlieren Betroffene ihren Appetit und in der Folge Gewicht, in manchen Fällen wird der Appetit aber auch gesteigert und Betroffene nehmen deutlich an Gewicht zu.

Häufige weitere Merkmale sind u. a. ein Morgentief mit besonders schlechter Stimmung am Morgen und deutlicher Verlust des sexuellen Interesses (Libidoverlust).

Neben den in der Checkliste genannten Symptomen gibt es noch eine Reihe weiterer Anzeichen, die eine Depression begleiten können, sogenannte somatische Symptome. Dazu gehören diffuse körperliche Beschwerden wie Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen, Schwindel oder Engegefühle in der Brust, für die keine organischen Ursachen gefunden werden können. Häufig sind das sexuelle Verlangen und Interesse vermindert.

So fühlt sich eine Depression an

Auflistungen der Symptome einer Depression helfen nur bedingt, die Erkrankung wirklich zu verstehen. Sie bleibt für viele Menschen schwer greifbar. Gefühle wie Traurigkeit und Niedergeschlagenheit kennen die meisten. Fast jeder hat schon einmal eine schwere Zeit erlebt, in der er beispielsweise wegen des Todes eines nahestehenden Menschen getrauert oder sich nach dem Verlust der Arbeitsstelle, nach einer Trennung vom Partner, aufgrund einer schweren Erkrankung oder Verletzung erschöpft, niedergeschlagen und hoffnungslos gefühlt hat. Doch irgendwie ging es weiter. Irgendwoher, tief aus dem Inneren konnte man nach einer Weile wieder Kraft finden und Hoffnung schöpfen. Man wollte wieder zurück, wieder am Leben teilnehmen. Irgendwann hatte man das Tal der Traurigkeit durchschritten und es wurde wieder heller. Eine solche Erfahrung gehört zu den Höhen und Tiefen des Lebens. Das ist keine Depression!

Eine Depression ist anders. Wer noch keine Depression hatte, kann sich nur schwer vorstellen, wie sie sich anfühlt. Betroffene beschreiben häufig einen Zustand völliger Unfähigkeit, etwas zu tun. Sie fühlen sich wie hinter einer Milchglasscheibe. Alles ist zu viel und zu anstrengend, selbst für die einfachsten Tätigkeiten fehlt schlicht die Kraft. Innerlich besteht eine große Leere. Das liegt auch daran, dass die Gefühle gedämpft oder einfach nicht mehr spürbar sind. Sie fühlen sich innerlich tot, selbst die Farben verblassen.

Nichts mehr fühlen können

„Normale“ Gefühle wie Freude, zum Beispiel weil das eigene Kind eine neue Fertigkeit erlernt hat oder ein Projekt bei der Arbeit sehr erfolgreich beendet wurde, sind einfach weg. Dabei wissen die Betroffenen sehr wohl, dass jetzt der Moment wäre, in dem sie sich freuen „müssten“ (und es früher auch getan hätten). Es sind jedoch nicht nur die positiven Gefühle wie Freude oder Zuversicht, die bei einer Depression nicht mehr fühlbar sind. Betroffene fühlen sich vielmehr aller Gefühlsregungen beraubt.

Das löst bei Betroffenen häufig große Angst aus. Angst davor, nie mehr etwas fühlen zu können, aber auch Angst vor dem Versagen, zum Beispiel davor, keine gute Mutter zu sein, vor schwerwiegenden Fehlern und davor, schuldig geworden zu sein. Depressiv Erkrankte wissen, was „normal“ wäre und was sie früher konnten, geschafft haben und zu leisten in der Lage waren. Doch gerade weil sie diesen Unterschied selbst wahrnehmen, betrachten sie sich zunehmend minderwertig und verachten sich selbst dafür.

Im Kopf kreisen Gedanken, die immer die schlechteste Möglichkeit wahrscheinlich erscheinen lassen. Sie breiten sich immer mehr aus, bis sie, wie ein schwarzes Loch, alles verschlungen haben. Zurück bleibt Leere und Dunkelheit. Gute Gedanken und der Glaube an ein gutes Ende, an eine Veränderung, die Besserung bringt, gibt es nicht mehr, ebenso fehlt jegliches Vertrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten.

Wichtiges Kriterium: Mindestens zwei Wochen

Ein entscheidendes Kriterium darf man bei der Betrachtung der Symptome einer möglichen Depression nicht aus den Augen verlieren: die Zeitspanne. Für eine Depression müssen die Symptome (mindestens) zwei Wochen anhalten. Das klingt nicht nach viel, doch viele Angehörige und auch Freunde merken die Veränderung im Wesen des Betroffenen in diesem Zeitraum schon sehr deutlich. Besonders auffällig ist das natürlich für den Partner oder andere Personen, die im selben Haushalt leben. Zwei Wochen, in denen die Partnerin oder der Vater schwer aus dem Bett kommt, zwar noch zur Arbeit geht, aber weder den Hobbys nachgeht noch Freunde trifft, sich kaum noch am Familienleben beteiligt, sind eine lange Zeit, wenn die Person vorher gesund und vielseitig interessiert war.

Verstehen und helfen

Typische Gedanken in einer Depression: „Ich bin wertlos.“ „Ich kann nicht einmal die normalsten Sachen.“ „Ich bin ein Versager.“ „Ich bin dumm, zu blöd für die Welt.“ „Jeder sieht, dass ich nichts kann.“ „Ich bin selbst schuld an meiner Situation, weil ich ein Versager bin/nichts kann/…“ Wenn Sie versuchen, sich vorzustellen, wie sich ein Mensch fühlt, für den all diese negativen Glaubenssätze zu 100 Prozent wahr sind, können Sie eine Ahnung davon bekommen, wie es Ihrem depressiven Angehörigen oder Freund gehen könnte.

Die Diagnose kann nur ein Arzt stellen!

Was sollten Sie nun tun, wenn Sie tatsächlich eine deutliche Veränderung im Verhalten Ihres Angehörigen bemerken, einige der genannten Symptome wiedererkennen und diese schon länger als zwei Wochen anhalten? Nehmen Sie Ihre Sorge ernst, aber machen Sie sich auch klar, dass die Diagnose einer Depression – oder einer anderen Erkrankung – nur ein Arzt stellen kann. Über den Weg zur Diagnose erfahren Sie etwas ab S. 25. Die erste Hürde ist jedoch, den Betroffenen überhaupt zu einem Arztbesuch zu bewegen. Wie Sie das Thema ansprechen können, erfahren Sie auf S. 20.

Depressionen bei Männern

Einerseits belegen Zahlen immer wieder, dass Frauen etwa doppelt so häufig an Depressionen erkranken wie Männer. Andererseits stellen neuere Untersuchungen auch fest, dass Depressionen bei Männern häufig nicht oder erst spät erkannt werden. Möglicherweise erkranken Männer daher gar nicht so viel seltener, sondern anders. Die Gründe dafür scheinen zu sein, dass die markantesten Anzeichen von Depressionen – die Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit – zwar auch bei Männern vorhanden sind, doch nicht so deutlich im Vordergrund stehen. Dagegen zeigen sich bei Männern nicht selten Symptome, die nicht in der Liste der typischen Anzeichen zu finden sind.

Viele an einer Depression erkrankte Männer reagieren gereizter und aufbrausender als üblich, neigen zu aggressivem Verhalten und Wutanfällen, sind gewaltbereiter oder reagieren auf eine Art, wie sie für die Situation und sozial als unangemessen empfunden wird. Dazu gehört auch, dass betroffene Männer häufiger zu Suchtverhalten, insbesondere zu vermehrtem Alkoholoder Drogenkonsum, neigen. Eine Suchterkrankung ist, insbesondere bei Männern, häufige Begleiterkrankung einer Depression. Körperliche Symptome treten hingegen häufiger bei Frauen auf.

Die biologischen Ursachen dafür sind noch nicht abschließend geklärt. Vermutet wird aber, dass Männer aufgrund ihrer evolutionsbiologischen Rolle und durch die Sozialisation in den westlichen Gesellschaften als Ernährer, Beschützer und „Macher“ unbewusst eine stärkere Gegenreaktion hervorbringen, wenn sie ihren sozialen Status bedroht sehen oder fürchten, beruflich, privat oder sozial als Versager gesehen zu werden. Daher ziehen sie eine psychische Erkrankung seltener in Betracht oder verdrängen die Möglichkeit, erkrankt zu sein. Weil sie sich nicht krank fühlen, projizieren sie ihre Probleme eher auf ihre Umwelt. In der Folge suchen Männer aufgrund ihrer Beschwerden seltener Hilfe und gehen weniger zum Arzt – und leiden daher länger an der Erkrankung, bis sie erkannt wird und behandelt werden kann.

Eine Depression oder doch ein Burn-out?

Wenn die Person, um die Sie sich Sorgen machen, sehr erschöpft und antriebslos wirkt, kann es auch sein, dass Sie neben einer Depression einen Burn-out als Ursache in Erwägung ziehen. Aber wo liegt da der Unterschied? Gibt es überhaupt einen?

Burn-out, die „beliebtere“ Diagnose? In unserer Leistungsgesellschaft wird eine Erschöpfung wegen zu viel Einsatz eher toleriert als eine psychische Erkrankung. Das mag dazu beitragen, dass Betroffene „lieber“ einen Burn-out bescheinigt bekommen möchten als eine Depression. Es ist zunächst nicht sinnvoll, mit den Betroffenen über die Bezeichnung ihres Zustands zu diskutieren. Wichtig ist nicht das Etikett, sondern dass sie Hilfe bekommen und bereit sind, diese anzunehmen.

Der Begriff des „Burn-out“ taucht in den letzten Jahren häufiger auf. Doch trotz der weiten Verbreitung ist Burn-out keine international akzeptierte Diagnose. Zu unterschiedlich sind die zahlreichen Symptome, die auftreten können, aber nicht unbedingt müssen. In der Praxis bedeutet das, dass man wegen „Burn-out“ nicht krankgeschrieben werden kann. In der neuen internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) wird Burn-out erstmals aufgeführt, allerdings nicht als psychische Erkrankung, sondern als ein Faktor, der die Gesundheit beeinträchtigen kann.

Nicht alle Lebensbereiche erfasst

Typisch für einen Burn-out ist, dass die Einschränkungen auf einen bestimmten Kontext bezogen sind, häufig auf die Arbeit. Doch auch andere Bereiche starker Belastung, beispielsweise durch die Pflege von Angehörigen, können ursächlich sein. Interessen an Hobbys oder an Bereichen außerhalb des Stressors bleiben erhalten. Depressionen hingegen beziehen sich auf alle Lebensbereiche.

Burn-out zeichnet sich durch drei Merkmale aus: ein Gefühl von Erschöpfung, zunehmende geistige Distanz oder zynische Haltung zum eigenen Job bzw. dem belastenden Bereich und verringertes Leistungsvermögen und Inaktivität. Diese Symptome überschneiden sich mit denen einer Depression, und häufig stellt sich heraus, dass hinter einem Burn-out eine depressive Erkrankung steckt. Gemein ist beiden, dass die Betroffenen Hilfe brauchen. Auch bei einem Burn-out kommen mitunter Medikamente und psychotherapeutische Verfahren zum Einsatz. Unterscheiden tun sie sich darin, dass sich die Erschöpfung bei einem Burnout durch Erholung, Ausschlafen oder Kürzertreten bessert, während das bei einer Depression nicht funktioniert und die Symptome häufig sogar verschlimmert.

Die Beschwerden passen nicht?

Vielleicht sind Sie immer noch unsicher, wie Sie die Situation einschätzen sollen. Vielleicht stellen Sie fest, dass bei Ihrem Angehörigen zwar einige der Symptome für eine Depression gut passen, andere aber nicht. Nehmen Sie den Verdacht dennoch ernst! Es kann sich trotzdem um eine Depression handeln, denn es gibt zahlreiche unterschiedliche Formen, die in diesem Buch nicht im Detail dargestellt werden können, etwa saisonal abhängige Depressionen oder Wochenbettdepressionen.

Neben Depressionen gibt es weitere psychische Erkrankungen, deren Symptome sich teilweise mit denen von Depressionen überschneiden oder gleichzeitig auftreten können. Dazu gehören z. B. bipolare Störungen. Wenn Sie bei Ihrem Angehörigen oder Ihrem Freund Anzeichen beobachten, die auf eine andere oder weitere Erkrankung als eine „reine“ Depression hindeuten, sollten Sie ebenfalls aktiv werden. Wenn der Betroffene nicht selbst um Hilfe bittet, sollten Sie ihn ansprechen und versuchen, darauf hinzuwirken, dass ein Arzt aufgesucht wird.

Was können Sie jetzt tun?

Verschaffen Sie sich einen Überblick über die Situation. Versuchen Sie, ruhig zu bleiben, und gehen Sie verständnisvoll und offen auf den Betroffenen zu.

Obwohl das Wissen um Depressionen in der Bevölkerung zunimmt und der Umgang in der Öffentlichkeit inzwischen selbstverständlicher zu sein scheint, so gibt es doch noch immer Berührungsängste. Manche Angehörige und Betroffene haben die Sorge, als „schwach“ zu gelten oder in die Schublade „psychisch krank“ gesteckt zu werden. Doch all diese Sorgen und Ängste dürfen nicht dazu führen, die Augen vor dem Problem zu verschließen und so zu tun, als ginge das von selbst vorbei. Wenn Sie eine merkliche Veränderung bei Ihrem Angehörigen wahrnehmen, die Sie in die Richtung einer Depression oder psychischen Erkrankung denken lässt, dann besteht Handlungsbedarf.

Je früher Sie handeln, desto besser!

Depressionen sind gut behandelbar und je früher die Erkrankung erkannt wird, desto besser kann sie behandelt werden. Daher ist es gut, so früh wie möglich zu handeln und sich Hilfe zu suchen (siehe S. 25).

Ein klarer Blick auf die Situation

Handeln bedeutet in einem ersten Schritt, die Augen nicht vor den Veränderungen zu verschließen, die der Betroffene erlebt und die Auswirkungen auf Ihre Beziehung haben. Möglicherweise sind Sie vom ungewöhnlichen Verhalten des Betroffenen auch zunehmend genervt oder es macht Sie wütend – er macht immer weniger im Haushalt, sagt Verabredungen ab, hängt ständig zu Hause herum. Klar, dass das Ihre Reaktion auf den Betroffenen beeinflusst. Vielleicht sind Sie misstrauisch, weil Ihr Partner oder Ihre Partnerin sich so anders verhält und körperliche Nähe meidet. Liebt er mich nicht mehr? Geht sie fremd? Oder Sie zweifeln an sich selbst: Habe ich etwas falsch gemacht? Bin ich der Grund dafür, dass derjenige oder diejenige sich so anders verhält?

Versuchen Sie, sich von derartigen Gedanken zu lösen. Um die Situation verstehen zu können, brauchen Sie etwas Abstand und einen unaufgeregten, objektiveren Blick auf das aktuelle Geschehen. Ins Handeln zu kommen bedeutet in Ihrer Situation auch, nicht in Panik zu verfallen. Machen Sie sich immer wieder klar, dass Depression eine Krankheit ist. Das Erste, was Sie darüber hinaus für Ihren Angehörigen tun können, ist, sich über seine Erkrankung zu informieren und Verständnis für den Betroffenen aufzubringen.

Verstehen und helfen

Depressionen sind noch immer schambesetzt. Obwohl sich inzwischen auch Prominente mit ihrer Depression in die Öffentlichkeit wagen, ist das Thema teilweise noch immer tabuisiert. Man redet besser nicht darüber, auch weil eine psychische Erkrankung eine Karriere verhindern kann oder man als „verrückt“ gilt. Doch Depressionen sind weitverbreitet. Höchstwahrscheinlich haben Sie in Ihrem Umfeld selbst mehrere Betroffene oder Angehörige. Trauen Sie sich, darüber zu sprechen!

Sie können mehr tun als abwarten

Wenn Sie merken oder wissen, dass sich Ihr Angehöriger darüber Gedanken macht, ob er eine Depression haben könnte, ist das ein gutes Zeichen. Das Gefühl, wie stark jemand unter seinem Zustand leidet, kann von Person zu Person verschieden sein und sich auch stark davon unterscheiden, wie Sie oder andere Angehörige die Situation wahrnehmen. In der Regel verstärken sich aber über die Dauer die Symptomatik und damit auch die Beschwerden, die ein Betroffener spürt. Vielleicht ist Ihr Angehöriger in der Phase, in der er sich (noch) so gut es geht zusammenreißt und das gesamte Ausmaß der Belastung nicht sehen will oder kann.

Der Leidensdruck entscheidet

Grundsätzlich halten Ärzte und Psychotherapeuten eine Behandlung für notwendig, wenn der Betroffene das Gefühl hat, dass er unter den beschriebenen Symptomen leidet. Es geht also um das, was er selbst wahrnimmt, weniger um den Eindruck anderer Personen. Entscheidend ist der Leidensdruck, den der Betroffene empfindet.

Das mag für Sie im ersten Moment bitter klingen, denn Sie sorgen sich um Ihren Angehörigen und sehen unter Umständen wertvolle Zeit verstreichen. Allerdings bedeutet das auch nicht, dass Sie nur abwarten sollen, bis es dem Betroffenen schlecht genug geht, sodass er selbst einen Arzt aufsucht. Das Tückische an Depressionen ist nämlich, dass sie manchmal verhindern, dass betroffene Menschen sich überhaupt Hilfe suchen. Während bei anderen Erkrankungen der Wunsch, einen Arzt zu konsultieren, durch die Beschwerden gefördert wird, kann bei einer Depression das Gegenteil passieren: Der Betroffene ist der Meinung, dass auch ein Arzt nicht helfen kann und dass er es ohnehin nicht verdient hat, eine Behandlung zu bekommen. Er will niemandem zur Last fallen oder Kosten verursachen. In dieser Stimmung würde ein Betroffener möglicherweise nie zum Arzt gehen oder den Besuch lange hinauszögern, was die Behandlung deutlich erschwert. Aus diesem Grund sollten Sie durchaus darauf hinwirken, dass der Betroffene einen Arzt aufsucht, indem Sie beispielsweise immer wieder Ihre Sorge über seinen Zustand ausdrücken.

Verstehen und helfen

Für Freunde: Wen soll ich ansprechen? Wenn Sie sich unsicher sind, ob Sie die Situation richtig einschätzen, beispielsweise weil Sie als Freund oder Freundin nicht im selben Haushalt leben, dann möchten Sie den Betroffenen vielleicht nicht sofort direkt ansprechen. Stattdessen können Sie zunächst mit anderen Personen Ihre Beobachtungen und Ihre Vermutung teilen. Der Partner oder die Partnerin des Betroffenen ist vielleicht sogar dankbar, darauf angesprochen zu werden und jemanden zum Reden zu haben. Je nach Situation können auch die Eltern, Kinder oder Geschwister wertvolle Ansprechpartner sein.

Wie sprechen Sie es an?

Manchmal braucht es Überwindung, den Betroffenen anzusprechen. Dennoch sollten Sie ihm sagen, was Ihnen an seinem Verhalten aufgefallen ist und dass Sie sich deswegen Sorgen machen. Stellen Sie aber, selbst wenn Sie sich schon relativ sicher sind, dass es sich um eine Depression handelt, keine Vermutungen zur Diagnose an. Bleiben Sie stattdessen bei Ihren Beobachtungen. Teilen Sie dem Betroffenen also mit, welche Veränderungen Sie in seinem Verhalten beobachtet haben. Mit folgenden Worten können Sie zum Beispiel Ihre Sorgen formulieren:

„Ich mache mir Sorgen um dich.“

„Ich habe das Gefühl, dass Du dich in den letzten Wochen stark verändert hast.“

„Mir ist aufgefallen, dass du in den letzten Wochen/Monaten nicht mehr zum Sport gehst. Auch gemeinsame Unternehmungen von uns beiden sind weniger geworden.“

„Ich merke, dass du in letzter Zeit oft traurig und niedergeschlagen bist.“

„Ich habe das Gefühl, dass du im Alltag/ in der Arbeit/mit den Kindern nicht mehr so gut zurechtkommst.“

„Ich höre dir gerne zu, wenn du Probleme oder Sorgen hast, über die du sprechen möchtest.“

„Ich bekomme mit, dass es dir nicht gut geht. Hast du schon einmal daran gedacht, mit deinem Hausarzt zu sprechen?“

Versuchen Sie, auch wenn Sie sich große Sorgen machen, nicht in Panik zu verfallen und den Betroffenen zu etwas zu drängen. Sie können Hilfe anbieten und Ihre Besorgnis ausdrücken. Doch Vorwürfe oder ein Ultimatum für einen Arzttermin bringen nichts. Im Gegenteil. Auf zu großen Druck wird sich ein depressiv Erkrankter weiter zurückziehen und noch weniger zugänglich werden. Vielleicht können Sie Ihrem Angehörigen vorschlagen, einen Selbsttest durchzuführen wie den auf S. 22, der zwar nicht dieselbe Aussagekraft hat wie die Untersuchung bei einem Arzt, aber erste Hinweise geben oder dem Betroffenen aufzeigen kann, dass seine Beschwerden ernst zu nehmen sind.

So unterstützen Sie, dass der Betroffene sich Hilfe holt

Wenn Sie mit dem Betroffenen über Ihre Sorgen gesprochen haben und dieser selbst sieht, dass etwas passieren sollte, können Sie ihm auch beim nächsten Schritt helfen. Viele Betroffene benötigen nämlich Unterstützung, um sich professionelle Hilfe zu suchen und diese annehmen zu können.

Wie bereits erwähnt, verhindern die negativen Gedanken und Schuldgefühle während einer Depression häufig, dass Betroffene überhaupt Hilfe suchen möchten. Hinzu kommt oft die Angst, als „verrückt“ oder „Psycho“ zu gelten. Als Vertrauensperson können Sie dem Betroffenen vermitteln, dass diese Befürchtung nicht gerechtfertigt ist. Wenn Sie Menschen kennen, die schon wegen einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung behandelt wurden, oder Sie selbst vielleicht auch bereits einmal Hilfe bei psychischen Belastungen in Anspruch genommen haben, dann können Sie davon berichten, um dem Betroffenen die Angst zu nehmen. Erklären Sie, dass es erst einmal darum geht, Gewissheit darüber zu bekommen, was ihm fehlt. Sollte es sich um eine Depression handeln, so ist das eine Krankheit wie viele andere auch. Man ist nicht schuld daran.

Bei körperlichen Begleiterscheinungen einer Depression, wie Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden, besteht zudem oft das Problem, dass viele Menschen sich nicht vorstellen können, dass diese ihre Ursache in einer psychischen Störung haben könnten. „Ich bilde mir doch nicht ein, dass mein Rücken weh tut“, ist eine typische Reaktion. Machen Sie in diesem Fall sich selbst und dem Betroffenen klar, dass es nicht darum geht, die Beschwerden als „Einbildung“ abzutun.

Die Beschwerden sind keine Einbildung!

Das seelische Wohl- oder Unwohlbefinden wird in unserer Gesellschaft häufig vom körperlichen Wohlbefinden getrennt. Manche Menschen mit Depressionen gehen daher von einem Facharzt zum nächsten, durchlaufen umfangreichste Diagnostik, ohne dass sich eine organische Ursache findet. Doch um sich bewusst zu machen, wie eng Körper und Seele verzahnt sind, reicht schon ein genauerer Blick auf unsere Sprache: Nicht ohne Grund sprechen wir beispielsweise davon, dass jemandem „etwas auf den Magen schlägt“. Auch dass Tränen fließen, wenn man traurig oder gerührt ist, zeigt, wie ein Gefühl sichtbare körperliche Reaktionen hervorruft – und niemand käme auf die Idee, zu behaupten, man würde sich die Tränen nur einbilden!

Selbsttest zum Wohlbefinden

Der WHO-5-Wohlbefindensindex ist ein häufig verwendetes Screening-Instrument zur Feststellung von Depressivität. Die folgenden Aussagen beziehen sich auf das Wohlbefinden in den letzten zwei Wochen. Ihr Angehöriger sollte bei jeder Aussage die Angabe markieren, die seiner Meinung nach am besten beschreibt, wie er sich in den letzten zwei Wochen gefühlt hat.


Addieren Sie nun die Punkte der Antworten zusammen. Eine Gesamtsumme von 13 oder weniger Punkten ist ein Hinweis auf eine behandlungsbedürftige Depression.

Quelle: WHO-5-Wohlbefindensindex

Nicht zuletzt ist es wichtig, dass der Betroffene davon überzeugt ist, dass eine Behandlung Besserung bringen kann. Diese Zuversicht fehlt depressiv erkrankten Menschen jedoch häufig. Auch an dieser Stelle können Sie Ihren Angehörigen unterstützen. Wenn der Antrieb fehlt, einen Arzt oder Psychotherapeuten zu suchen, einen Termin zu vereinbaren und den Termin wahrzunehmen, können Sie helfend zur Seite stehen und ihm gut zureden.

Überrumpeln für einen guten Zweck?

Die Kontaktaufnahme mit einem Arzt oder einem Therapeuten sollten Sie normalerweise nur dann übernehmen, wenn der Betroffene Sie darum bittet. Wenn dieser sich jedoch überhaupt nicht dazu überwinden kann, weil es ihm vielleicht einfach nicht möglich ist, ein bisschen Kraft und Hoffnung zu schöpfen, kann es ausnahmsweise auch sinnvoll sein, ihn zu überrumpeln. Grundvoraussetzung dafür ist, dass zwischen Ihnen beiden ein gutes Vertrauensverhältnis besteht und der Betroffene weiß, dass Sie ihm helfen möchten.

In diesem Fall können Sie ein Termin mit dem Hausarzt vereinbaren. Wenn Sie fürchten, dass der Betroffene nicht mitkommen wird, so sagen Sie ihm erst kurz vorher Bescheid, damit nicht viel Zeit bleibt, um Gegenargumente zu sammeln. Üben Sie auch in dieser Situation keinen Druck aus, aber fordern Sie ihn klar und bestimmt auf, mit Ihnen zum Arzt zu gehen, etwa so: „Zieh dich an, wir gehen jetzt zusammen zu deinem Hausarzt. Es ist gut, wenn dich ein Profi anschaut. Wenn der sagt, dass alles in Ordnung ist, dann wissen wir es wenigstens. Ansonsten hat er vielleicht Ideen, was dir helfen könnte.“

Was ist, wenn der Betroffene keine Hilfe will?

Schwierig wird es, wenn die Krankheitssymptome scheinbar offensichtlich sind, der Betroffene sich aber weigert zu erkennen, dass er eine Depression hat. Das setzt Angehörige und Freunde unter Druck, weil sie einerseits sehen, dass es einem nahestehenden Menschen schlecht geht, und wissen, dass ihm mit einer Behandlung geholfen werden könnte, ihnen aber andererseits die Hände gebunden sind. Zugleich wächst die Last der (gefühlten) Verantwortung, weil weiterhin professionelle Unterstützung fehlt.

Die fehlende Einsicht des Betroffenen erscheint Ihnen vielleicht völlig unverständlich. Doch, wie bereits erwähnt, eine Depression verändert das Denken und Fühlen auf eine solche Weise, dass betroffene Menschen daran gehindert werden, sich Hilfe zu suchen. Die negative Sicht auf sich selbst und das Gefühl, schuldig zu sein, führt häufig dazu, dass sie denken und äußern, dass sie es gar nicht verdient hätten, Hilfe zu bekommen. Zu verstehen, dass dies ein Aspekt der Krankheit ist, kann Ihnen bis zu einem gewissen Grad helfen, damit umzugehen.

Das ändert aber natürlich nichts daran, dass diese Situation für Sie sehr schwer zu ertragen ist. Ihr Bedürfnis, Druck auf den Betroffenen auszuüben, kann groß sein. Schließlich möchten Sie nur das Beste, die beste Therapie, und das möglichst schnell. Sie können ihn jedoch nicht dazu zwingen, sondern nur immer wieder Ihre Beobachtung ansprechen und wie es Ihnen damit geht. Wichtig ist, dass Sie nicht ungehalten, vorwurfsvoll oder fordernd werden. Zwar ist die Behandlung leichter, je früher damit begonnen wird, doch in leichteren und mittelschweren Fällen einer Depression ist es besser, dem Patienten die Zeit zu geben, selbst den Wunsch nach Veränderung entwickeln zu lassen, als ihn zu etwas zwingen zu wollen.

Auch Hilfe für sich selbst annehmen

Wenn der Betroffene sich professioneller Hilfe verweigert, bedeutet das nicht, dass auch Sie untätig sein müssen. Vielen Angehörigen tut es gut, selbst aufgefangen zu werden und über die Sorgen um den Betroffenen zu sprechen. Daher können und sollten Sie Hilfe für sich selbst organisieren. Das können Gespräche mit der besten Freundin sein, der Besuch einer Gruppe für Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder auch ein Besuch beim Hausarzt oder einem Psychotherapeuten. Mehr Informationen, wo Sie als Angehörige Hilfe bekommen, erhalten Sie ab S. 64.

Hilfe bei Suizidgefahr: Wenn der Betroffene äußert, dass er lebensmüde ist, nicht mehr leben möchte oder sogar konkrete Wege skizziert, wie er sein Leben beenden möchte, dann müssen Sie schnellstmöglich reagieren. Wählen Sie den Notruf (Tel. 112)! Wie Sie sich auf einen solchen Fall vorbereiten können, erfahren Sie ab S. 109.

Der Weg zur richtigen Diagnose

Psychiater und Psychotherapeuten sind wichtige Ansprechpartner bei Depressionen. Die erste Adresse kann aber immer der Hausarzt sein.

Eine Diagnose zu haben, ist sowohl für den Betroffenen als auch für die Angehörigen wichtig. Das Wissen, dass dem Zustand des Betroffenen eine Krankheit zugrunde liegt und um welche es sich genau handelt, ändert die Sichtweise und meist auch den Umgang damit. Sinnvoll ist im ersten Schritt, den Hausarzt aufzusuchen. Die umfassenden diagnostischen Möglichkeiten, die der Hausarzt hat, inklusive der Option, an geeignete Fachärzte zu überweisen, stellt sicher, dass die korrekte Diagnose gefunden und die passende Behandlung eingeleitet wird.

Was kann der Hausarzt tun?

Verläuft die Erkrankung schwerer, wird der Hausarzt den Patienten an einen niedergelassenen Psychiater oder eine Klinik überweisen. Manchmal stehen auch die körperlichen Beschwerden (z. B. Schlafstörungen, Müdigkeit, Appetit- und Gewichtsverlust) im Vordergrund, sodass der Hausarzt weiterhin der Ansprechpartner bleibt. Das ist in Ordnung, denn Hausärzte kennen ihre Patienten häufig über einen längeren Zeitraum, wissen um die familiäre oder Lebenssituation und Vorerkrankungen. Für die Betreuung durch den Hausarzt spricht auch, dass Ihr Angehöriger möglicherweise mehr Vertrauen zu seinem Hausarzt hat als zu einem fremden Facharzt.

Der Hausarzt kann Ihren Angehörigen in der Zeit zwischen der Diagnose und dem Beginn einer Psychotherapie oder eines Klinikaufenthalts medizinisch begleiten. Denn unter Umständen kann es mehrere Monate dauern, bis ein Therapieplatz zur Verfügung steht. Diese Phase kann sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen schwierig sein. Ein vertrauensvoller Ansprechpartner wie der Hausarzt kann hier unterstützen. Weitere Tipps und Ideen, wie Sie diese Zeit möglichst gut gestalten können, erfahren Sie ab S. 127.

Zu guter Letzt hat der Termin beim Hausarzt für den Betroffenen noch einen weiteren Vorteil: Weder die Arzthelferin am Empfang noch die anderen Patienten im Wartezimmer wissen, warum man heute kommt – es könnte aufgrund eines Infekts, einer Impfung oder einer anderen Gesundheitsberatung sein – und das macht es manchen Betroffenen leichter.

Zweitmeinung kann nötig sein: Wenn nur ein Symptom beim Arzt Beachtung findet, sollten Sie aufmerksam werden. Wenn wirklich eine Depression vorliegt, führt die Konzentration auf ein einziges Symptom, zum Beispiel Schlafstörungen, nicht zu einer Verbesserung. Holen Sie daher, wenn Sie sich nicht sicher sind, ob der aufgesuchte Arzt das Ausmaß des Problems erkannt hat, eine zweite Meinung ein.

Wer stellt eine Diagnose?

Da verschiedene Ursachen für das Auftreten von depressiven Symptomen verantwortlich sein können, ist eine umfassende Anamnese und Diagnostik von großer Bedeutung. Der Hausarzt kann hier eine erste Einschätzung vornehmen. Zum einen lernen Allgemeinmediziner in ihrem Studium auch, wie psychische Erkrankungen erkannt werden können, zum anderen haben sie den ganzen Menschen im Blick.

Bis die Diagnose gesichert ist, spricht man von einem „depressiven Syndrom“. Mithilfe von Blutuntersuchungen und bildgebenden Verfahren werden andere Ursachen für die Symptome ausgeschlossen, wie eine Schilddrüsenerkrankung, ein Tumor oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Erst dann wird die Diagnose Depression gestellt. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, zuerst einen Arzt aufzusuchen und nicht die Abkürzung direkt zu einem psychologischen Psychotherapeuten zu wählen. Der ist zwar geschult darauf, Depressionen zu erkennen und zu behandeln, kann aber nicht die gesamte Diagnostik durchführen und auch keine medikamentöse Behandlung beginnen. Neben dem Hausarzt kommen folgende Ansprechpartner infrage:

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Fachkräfte für psychische Störungen und Erkrankungen sind Psychiater, also Ärzte mit einer Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie. Psychiater sind aufgrund ihres Medizinstudiums und ihrer Facharztausbildung in der Lage, organische Ursachen für psychische Störungen zu erkennen oder auszuschließen. Sie erkennen im Gespräch mit dem Patienten (Exploration), wie das emotionale Erleben aussieht, ob Ängste, Denkoder Wahrnehmungsstörungen vorliegen und ob die geschilderten Beschwerden und Ereignisse ins Bild einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung passen. Meist führen die Psychiater auch eine körperliche Untersuchung und eine Labordiagnostik durch. Für eine bildgebende Untersuchung des Kopfes werden sie den Patienten an einen Radiologen verweisen. Auch können Psychiater Medikamente verschreiben und eine Krankschreibung vornehmen.

Ärztlicher Psychotherapeut. Mediziner mit einer mehrjährigen Weiterbildung zum Psychotherapeuten (sogenannte Ärztliche Psychotherapeuten) legen den Schwerpunkt meist auf die Psychotherapie (z. B. kognitive Verhaltenstherapie). Sie würden für eine körperliche Untersuchung an den Hausarzt oder einen Internisten überweisen. Ärztliche Psychotherapeuten können ebenso Medikamente verschreiben und eine Krankschreibung ausstellen.

Psychologe oder psychologischer Psychotherapeut. Psychologen haben ein Psychologie-Studium und gegebenenfalls noch eine Weiterbildung zum Psychotherapeuten absolviert. Wie bei den ärztlichen Psychotherapeuten liegt ihr Schwerpunkt auf der Psychotherapie. Psychologen können keine Medikamente verschreiben und auch keine Krankschreibung ausstellen.

Der Schweregrad der Depression

Anhand der Anzahl der Haupt- und Nebensymptome wird der Schweregrad eingeordnet. Als Hauptsymptome gelten Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, Verlust von Interesse und Freude sowie Antriebslosigkeit und Energieverlust. Nebensymptome sind verminderte Konzentration und Selbstvertrauen, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit, Schlafstörungen, Gewichtsveränderungen und Suizidgedanken/-handlungen. Nach der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) müssen für die Diagnose mindestens zwei Haupt- und zwei Zusatzsymptome vorliegen. Je mehr Symptome, desto schwerer ist die Depression:

Leichte Depression. Der Betroffene ist zwar von den Symptomen beeinträchtigt, kann aber oft die meisten Aktivitäten seines Alltags fortsetzen.

Mittelgradige Depression. Der Betroffene kann aufgrund seiner Symptome seine alltäglichen Aktivitäten nur noch deutlich eingeschränkt fortsetzen, sie bereiten ihm meist Schwierigkeiten.

Schwere Depression. Typisch sind zahlreiche quälende Symptome und Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld. Der Betroffene hat häufig Gedanken an den Tod und empfindet das Leben als sinnlos. Suizidgedanken können vorkommen. Auch einige der somatischen Symptome liegen meist vor. Der Betroffene ist in der Regel nicht in der Lage, alltägliche Aktivitäten fortzusetzen.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Einteilung nur eine grobe Orientierung ermöglicht. Die Diagnose „schwere Depression“ mag Ihnen Angst machen, doch auch schwere Depressionen sind gut behandelbar. Umgekehrt sollten Sie und Ihr Angehöriger eine „leichte Depression“ nicht auf die leichte Schulter nehmen. Dies bedeutet nicht, dass es sich nur um eine banale Erkrankung, kaum mehr als ein bisschen Niedergeschlagenheit oder gedrückte Stimmung, handeln würde. Damit die Diagnose „leichte Depression“ gestellt wird, müssen bereits zwei der Hauptsymptome über mindestens zwei Wochen vorliegen. Auch eine leichte Depression sollte daher unbedingt von einem Arzt behandelt werden.

Angehörigengespräche

Es kann sein, dass der Arzt oder Psychotherapeut die Einschätzung der nahen Angehörigen benötigt, um sich ein umfassendes Bild machen zu können. Denn der Betroffene schildert die Lage aus seiner, mitunter durch die Krankheit beeinflussten Sicht. Vielleicht fühlt es sich für Sie auch gut an, gehört zu werden. Denn viele Angehörige fühlen sich alleingelassen mit der depressiven Erkrankung eines nahestehenden Menschen. Sie wollen helfen, haben aber den Eindruck, dass sie nichts tun können, was die Situation für alle verbessert.

Um ein Gespräch bitten

Selbstverständlich können Sie um ein Gespräch mit dem Arzt oder dem Therapeuten bitten. Den Kontakt dafür sollte aber der Betroffene selbst herstellen. Er muss entscheiden, ob er das möchte. Hilfreich ist es, wenn Sie dem Betroffenen erklären, dass Sie gerne wüssten, wie die Therapie abläuft, welche Entwicklungen zu erwarten sind und wie Sie ihn unterstützen können.

Ob ein Angehörigengespräch zusammen mit dem Betroffenen oder allein zwischen dem Arzt und Ihnen stattfindet, ist ein Punkt, der besprochen werden sollte. Manche Patienten empfinden es als unangenehm, wenn sie an dem Gespräch nicht teilnehmen, weil das Gefühl entsteht, dass nicht mit ihnen, sondern über sie gesprochen wird. Andere wiederum stört das nicht. Falls es Ihnen wichtig ist, allein mit dem Arzt zu sprechen, versuchen Sie dem Betroffenen zu erklären, warum das so ist. Sorgen Sie sich beispielsweise über die Medikamente und Nebenwirkungen und möchten Ihre Beobachtungen oder Befürchtungen lieber nicht vor dem Betroffenen äußern, so erklären Sie ihm, dass es darum geht. Je ehrlicher Sie mit Ihren Wünschen und Sorgen umgehen, desto klarer zeigen Sie dem Betroffenen, dass Sie seine Erkrankung und seine Beschwerden ernst nehmen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für einen vertrauensvollen Umgang.

Nicht alle Ärzte und Psychotherapeuten suchen den Kontakt zu den Angehörigen. Auch darauf sollten Sie sich einstellen. Möglicherweise passt aber ein Gespräch im Verlauf der Behandlung besser in das Therapiekonzept.

Depression ist eine Krankheit!

Eine Depression ist eine ernste psychische Erkrankung. Das zu verstehen ist auch für Sie besonders wichtig.

Eine Depression ist viel mehr als nur ein starkes Stimmungstief oder große Traurigkeit, wenngleich diese Symptome Hauptmerkmale sind. Sie ist eine Krankheit, die Seele und Körper betrifft. Wird man von einer Depression niedergedrückt (lat. deprimere – niederdrücken), so kann eine Vielzahl von Symptomen auftreten, die das Denken, Fühlen, Erleben und Handeln verändern und zu einer enormen Belastung wird.

Depressionen können, was die Schwere und die Art der Symptome und auch die begleitenden Umstände angeht, sehr unterschiedlich sein. Eine depressive Episode kann einmalig im Leben auftreten oder auch mehrfach. Zwischen den Episoden können Jahre bis Jahrzehnte liegen, in denen ein ganz normales Leben möglich ist. Daneben gibt es aber auch chronische Depressionen, die nie ganz weggehen. Doch bei allen Unterschieden im Krankheitsbild und zwischen den Menschen, die erkranken, gibt es eine wichtige Botschaft, die es zu verinnerlichen gilt: Depressionen sind grundsätzlich gut behandelbar. Eine Depression ist eine ernste und ernst zu nehmende Erkrankung, der nur mit medizinischer Hilfe beizukommen ist. Mit einer passenden Therapie kann sie jedoch gut behandelt werden. Je früher mit der Behandlung begonnen wird, desto besser. In vielen Fällen ist eine Kombination aus Medikamenten und einer Psychotherapie hilfreich. Tiefergehende Informationen zu den Therapiemöglichkeiten erhalten Sie ab S. 129.

Veränderungen im Gehirn

Doch was passiert im Körper, wenn ein vormals gesunder Mensch an einer Depression erkrankt? Wenngleich die exakten Zusammenhänge und Vorgänge bei der Entstehung der Krankheit noch nicht vollständig geklärt sind, weiß man inzwischen, dass bei depressiv Erkrankten die Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin häufig nicht in ausreichender Menge zwischen den Nervenzellen vorhanden sind. Diese Botenstoffe haben unterschiedliche Funktionen im Körper, was auch erklären kann, warum bei einer Depression eine große Vielfalt an Symptomen auftreten kann. Ist einer oder sind mehrere der Neurotransmitter nicht in einer physiologisch notwendigen Menge vorhanden, gerät das System aus dem Gleichgewicht.

Eine Depression beruht jedoch nicht allein auf einer zu geringen Konzentration eines dieser Neurotransmitter. Untersuchungen des Gehirns von Menschen, die unter einer Depression leiden, und gesunden Menschen haben gezeigt, dass bei Ersteren unterschiedliche Strukturen im Gehirn ebenfalls verändert sein können, etwa der Mandelkern (Amygdala), der Thalamus und der Hippocampus. Erkenntnisse wie diese machen deutlich, dass eine Depression nicht nur „schlechte Laune“ oder Traurigkeit ist, sondern eine manifeste Krankheit. Sie entsteht im Gehirn. Da das Gehirn die Kontrolle über alles – Stoffwechsel, Gedanken, Gefühle, Bewegungen, Schlaf usw. – in einem Menschen hat, kann sich die Krankheit an verschiedensten Stellen im Körper, also anhand von physischen Symptomen (siehe S. 13) und in veränderten Denkmustern, Empfindungen und Verhaltensweisen zeigen (siehe ab S. 11).

Auslöser von Depressionen

Früher versuchte man, die Art der Depression nach ihrer wahrscheinlichsten Entstehungsursache zu klassifizieren. Man unterschied zwischen einer endogenen (v. a. erblichen), neurotischen und reaktiven Ursache. Heute weiß man jedoch, dass die meisten Depressionserkrankungen durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren bedingt sind. Eine familiäre Veranlagung, Stoffwechsel- und Funktionsstörungen im Gehirn sowie Einflüsse der Persönlichkeitsentwicklung (psychosoziale Faktoren) können in unterschiedlicher Weise auf die Entstehung einer Depression einwirken. Beispielsweise können der frühe Verlust eines Elternteils, Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung oder mangelndes Selbstwertgefühl zu größerer Verletzlichkeit später im Leben führen. Auch Verlusterlebnisse oder Traumata in der Kindheit (z. B. sexueller oder seelischer Missbrauch, Erleben von Katastrophen) können den Ausbruch einer Depression im Erwachsenenalter begünstigen.

Krisen- und Stresssituationen (z. B. die Trennung vom Partner, Fehlgeburt oder Tod eines Kindes oder einer geliebten Person, Verlust des Arbeitsplatzes, Erleben einer schweren Krankheit, Mobbing), aber auch andere, primär positive Ereignisse wie eine Heirat, die Geburt eines Kindes oder eine Beförderung können Auslöser für eine Depression darstellen.

Depressionen sind alles andere als selten: Jeder Fünfte erlebt mindestens einmal im Leben eine depressive Episode, weltweit sind zehnmal mehr Menschen an Depressionen erkrankt als an Krebs.

Häufige Faktoren, die bei der Entstehung und Auslösung einer Depression eine Rolle spielen, sind:

Stress. Eine chronische körperliche Stressreaktion wird als bedeutender Auslöser für Depressionen gesehen. Daneben kann eine intensive Stresserfahrung, beispielsweise durch eine traumatische Erfahrung in der Kindheit, die körperliche Antwort auf akuten Stress beeinflussen, zum Beispiel beim Sprechen vor Zuschauern oder beim Arbeiten unter Druck. Die Menge an Stresshormonen ist bei diesen Personen häufig größer als bei Personen ohne Kindheitstrauma. Wissenschaftler glauben deswegen, dass frühe Traumata kleine Änderungen auf der Ebene der Gehirnzellen oder der Botenstoffe bewirken können, die bei erneutem Stress entscheidend sein können.

Schilddrüse. Einen erheblichen Einfluss auf die Psyche haben die von der Schilddrüse produzierten Hormone. Sowohl eine Überfunktion als auch eine Unterfunktion der Schilddrüse geht mit psychischen oder körperlichen Symptomen einher, die auch bei einer Depression auftreten können (z. B. Schlafstörungen, Müdigkeit, Schwäche, ängstliches oder schreckhaftes Verhalten, starker Gewichtsverlust, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen). Deshalb ist es wichtig, entsprechende Untersuchungen bei Ihrem Angehörigen durchzuführen, was der Hausarzt oder Psychiater in der Regel automatisch veranlassen wird.

Weibliche Geschlechtshormone. Auch weibliche Geschlechtshormone wie Östrogen und Progesteron beeinflussen die Psyche. In typischen Situationen, in denen die weiblichen Hormone sich umstellen, zum Beispiel in der Pubertät, während und nach der Schwangerschaft, in den Wechseljahren und auch im Monatszyklus, kann ein Ungleichgewicht zu Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Reizbarkeit und anderen Symptomen führen, und Depressionen treten bei Frauen häufig in diesen Phasen der Veränderung auf.

Depression als Folge anderer Erkrankungen. Schwere Erkrankungen können mit depressiven Symptomen oder einer Depression vergesellschaftet sein, z. B. bei einer degenerativen neurologischen Erkrankung wie Multiple Sklerose, Parkinson, Alzheimer oder Chorea Huntington, Hirntumoren, Enzephalitis, einem Schlaganfall, einer Herzerkrankung, einer Darmerkrankung, einigen Virusinfektionen oder einem Nährstoffmangel. Die Liste lässt sich noch weiter fortsetzen – allein aus diesem Grund ist unbedingt ratsam, nicht nur einen Psychotherapeuten, sondern auch einen Arzt aufzusuchen, der eine körperliche Untersuchung durchführt (siehe S. 26). Sind die Symptome die Folge einer anderen Krankheit, so kann die Behandlung der Grunderkrankung dazu führen, dass sich die depressiven Symptome bessern. Liegt zum Beispiel eine Unterfunktion der Schilddrüse vor, führt die Behandlung mit Schilddrüsenhormonen dazu, dass die depressiven Symptome abklingen. Häufig ist die Depression jedoch als zusätzliche, eigenständige Erkrankung einzuordnen, sodass eine entsprechende leitliniengerechte Therapie der Depression durchgeführt werden sollte.

Depressive Symptome als Nebenwirkung von Medikamenten. Eine Reihe von Medikamenten kann depressive Störungen und Symptome auslösen. Dazu gehören auch häufig verschriebene Medikamente, wie beispielsweise Steroidhormone, Blutdruck- und Herzmedikamente (z. B. Beta-Blocker), hormonelle Verhütungsmittel („Pille“ etc.) und viele weitere. Besonders bei der Einnahme mehrerer Medikamente steigt das Risiko, eine medikamentenbedingte Depression zu entwickeln. Sollte Ihr Angehöriger Medikamente einnehmen, sollte mit dem behandelnden Arzt über die Beobachtungen gesprochen werden. Werden bestimmte Medikamente als (wahrscheinliche) Ursache identifiziert, kann das Absetzen innerhalb von einigen Wochen oder Monaten dazu führen, dass sich die Depression zurückbildet. Medikamente sollten jedoch keinesfalls ohne Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt werden.

Verstehen und helfen

Wochenbettdepressionen ernst nehmen. Bei etwa jeder zehnten Frau lösen Geburt und das Muttersein keine Glücksgefühle aus, sondern stellen den Beginn einer Depression dar. Da die Beschwerden meist in den ersten drei Monaten nach der Geburt einsetzen, spricht man von Wochenbettdepression oder postpartaler Depression. Besonders schlimm ist das für betroffene Frauen, weil sie merken, dass sie sich nicht über das Baby freuen können, den Erwartungen des Umfelds nicht gerecht werden können und sich daher als schlechte Mutter fühlen. Angehörige sollten Frauen, die in der Zeit nach der Geburt über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen niedergeschlagen und freudlos sind, dazu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine erste Möglichkeit ist, das Gespräch mit der betreuenden Hebamme zu suchen.

Wenn kein Auslöser erkennbar ist

Verständlicherweise suchen Betroffene nach dem auslösenden Moment, der Krise, dem Trauma, allgemein der Ursache für die Depression. Auch Sie als Angehöriger möchten verstehen, warum der geliebte Mensch erkrankt ist, obwohl er doch vorher ganz anders war. Die verschiedenen möglichen Ursachen zeigen auch, dass es wichtig ist, nach konkreten Auslösern zu suchen, zumal sich einige der körperlichen Ursachen sogar sehr einfach behandeln lassen.

In vielen Fällen wird jedoch keine körperliche Ursache für die Depression gefunden. Ebenso wenig ist immer ein traumatisches (Kindheits-)Ereignis bekannt, das ursächlich sein könnte. Manche Depressionen treten ohne klar nachvollziehbaren Auslöser auf. Meist liegt es dann an einer Kombination aus erblichen und Umweltfaktoren, aus Entwicklungs- und Persönlichkeitsfaktoren und neurobiologischen Störungen. Dann sieht es so aus, als gäbe es keinen Grund, weil wahrscheinlich keiner der Parameter allein ausreichen würde, um die Krankheit auszulösen.

Auch wenn man sich wünscht, zu verstehen, warum der Angehörige die Krankheit bekommen hat, ist es nicht zielführend, sich auf die Suche nach einer eindeutigen Ursache zu versteifen. Vielmehr sollte der Fokus darauf gerichtet werden, die Krankheit als vorhanden zu akzeptieren und im Hier und Jetzt nach dem bestmöglichen Umgang damit zu suchen.

Verlauf in Phasen

Depressionen können nicht nur in unterschiedlicher Stärke bzw. Schwere auftreten, sondern unterscheiden sich auch dadurch, ob es eine einmalige Episode ist oder ob sie wiederkehrt. Unbehandelt dauert eine Erkrankungsphase meist zwischen sechs und zwölf Monaten. Durch eine professionelle Behandlung verkürzen sich sowohl die Dauer als auch die Schwere der Symptome.

Wird erstmalig eine Depression diagnostiziert, weiß weder der Erkrankte noch der Arzt, ob es sich um eine einmalige Phase handelt oder nicht. Weit häufiger als eine einzige Episode ist jedoch das wiederholte Auftreten. Etwa 60 Prozent erleben mindestens zwei Episoden. Interessanterweise können sich erneute Episoden deutlich von den vorangegangenen unterscheiden, sodass manche Erkrankte von der Art der Ausprägung selbst überrascht werden und die Beschwerden nicht gleich als eine neue depressive Phase erkennen. Häufiger ist es jedoch so, dass sich die Episoden ähneln. Während der Therapie erarbeiten Erkrankte, wie die Depression bei ihnen begonnen hat und auf welche frühen Anzeichen sie achten können, um bei einer erneuten Erkrankung schnell reagieren zu können.

Bei etwa jedem zehnten Erkrankten dauert die depressive Episode länger als zwei Jahre. In dieser Zeit kann die Intensität der Symptome schwanken, doch sie gehen nie ganz weg. Bei diesen Patienten spricht man von einer chronischen Depression.

Abgrenzung zur einer bipolaren Störung

Bei wiederkehrenden Formen der Depression wird zusätzlich zwischen unipolarer und bipolarer Ausprägung unterschieden. Während Betroffene einer unipolaren Depression nur ein Extrem kennen, wechseln sich bei bipolar Erkrankten die beschriebenen Phasen der Niedergeschlagenheit (siehe S. 13) mit Phasen großen Tatendrangs voller Übermut und Aktivität ab. Gebräuchlich ist auch noch der ältere Begriff „manisch-depressiv“.

Manien können gefährlich werden

Während einer solchen manischen Phase empfinden sich Betroffene häufig nicht als leidend. Vielmehr werden die große zur Verfügung stehende Energie, die Kreativität, der Schaffensdrang und das geringe Schlafbedürfnis als angenehm empfunden. Es besteht aber die Gefahr, dass die Betroffenen in dieser Phase die Kontrolle über ihre Fähigkeiten und ihr Handeln verlieren und die Konsequenzen ihrer Taten nicht mehr einschätzen können. Riskante Verhaltensweisen und fatale Fehleinschätzungen sind nicht selten. So wird beispielsweise während manischer Phasen der Job gekündigt oder viel Geld ausgegeben.

Sollten Sie den Verdacht haben, dass Ihr Angehöriger nicht nur depressive, sondern auch manische Phasen erlebt, sollten Sie den Arzt oder Therapeuten darauf hinweisen (siehe S. 28). Denn Betroffene fühlen sich während ihrer Hochphase so gut und stark, dass sie häufig nicht einsichtig sind. Sie fühlen sich nicht krank und wollen daher keine Medikamente einnehmen bzw. setzen diese eigenmächtig ab. Eine Behandlung beider Extreme ist notwendig.

Gibt es einen biologischen Sinn der Depression?

Bei vielen Krankheiten, besonders bei schweren Erkrankungen, sucht man vergeblich nach dem biologischen Sinn, nach einer Erklärung dafür. Warum lässt ein Organismus zu, dass wuchernde Krebszellen ihn umbringen? Warum richten manche Krankheitserreger im Körper so schwere Schäden an, wo es ihnen doch eigentlich nur um die stetige Weiterverbreitung gehen müsste?

Auch bei Depressionen fragen sich Betroffene und Angehörige in ihrer Verzweiflung, was das denn alles soll, wofür das gut sein könnte und warum ausgerechnet man selbst bzw. der eigene Angehörige erkrankt. Die zerstörerische Art, mit der Depressionen das Leben beeinträchtigen können, scheint mindestens sinnlos, bestenfalls kontraproduktiv. Es gibt allerdings auch eine andere Betrachtungsweise, die vielleicht helfen kann, Depressionen zu verstehen:

Unterschiede zwischen Betroffenengruppen: Auch wenn jede Depression individuell ist, gibt es bei bestimmten Gruppen typische Besonderheiten. Bei Männern ist eine (leichtere) Depression oft schwerer zu erkennen, weil sie sich anders äußert (siehe S. 15), auch die Wochenbettdepression bei Frauen, die vor Kurzem ein Kind bekommen haben, ist ein Spezialfall (siehe S. 32). Depressionen bei Kindern und Jugendlichen sowie bei alten Menschen müssen ebenfalls in ihren Ursachen und Symptomen gesondert betrachtet werden.

Die Notbremse des Körpers

Psychotherapeuten sehen in der Depression eine Art Notbremse des Körpers. In den Situationen, die der Betroffene als Bedrohung erlebt, zieht er sich zurück und fährt einen Schutzschild um sich herum hoch.

Jede Depression ist anders

Die Vielfalt der möglichen Ursachen und Krankheitssymptome, die in beinahe beliebiger Kombination zusammentreffen können, zeigt, dass jede Depression ein eigenes Gesicht hat. Von Mensch zu Mensch können sich die Symptome in Schwere, Dauer, Zusammensetzung und Verlauf unterscheiden. Manche Erkrankte sind lethargisch und ohne jeden Antrieb, andere sind rastlos und extrem unruhig. Bei manchen führt die große Traurigkeit dazu, dass sie viel weinen, andere fühlen sich so gefühlsleer, dass sie nicht mal mehr weinen können. Manche leiden unter einem Morgentief, kommen kaum aus dem Bett, doch über den Tagesverlauf bessert sich das Wohlbefinden, anderen geht es am Abend besonders schlecht, wiederum andere spüren kaum Schwankungen über den Tag. Für Sie bedeutet das, dass Sie das Bild, das Sie von Menschen mit Depressionen haben, vielleicht überdenken müssen. Oft stellt man sich „den Depressiven“ traurig, weinend und im Bett liegend vor. Das kann so sein, ist aber in vielen Fällen anders – und trotzdem handelt es sich um eine Depression.


„Mir ist es wichtig, mir Freiräume fern der Depression zu schaffen.“

Riccardo Piras

Was bedeutet die Diagnose für Sie?

Depressionen wirken weit ins Umfeld hinein. Während den Betroffenen die Fähigkeit zu fühlen verloren geht, erleben die Angehörigen eine belastende Achterbahn der Gefühle.

Aus nächster Nähe mitzuerleben, wie sich ein geliebter Mensch verändert und nicht mehr zugänglich ist, ist enorm belastend. Als Angehöriger haben Sie bemerkt, dass etwas anders war als zuvor. Vielleicht konnten Sie sich zunächst keinen Reim darauf machen, waren irritiert von dem Verhalten und suchten nach Gründen. „Habe ich etwas getan, das meine Partnerin verletzt hat?“ „Was ist vorgefallen, das die Traurigkeit meines Bruders erklärt?“ „Warum sagt mir meine Tochter nicht einfach, was los ist?“ Auch der Betroffene selbst hat auf solche Fragen normalerweise keine Antworten. Denn es gehört zum Wesen der Krankheit, dass es keinen einfachen äußerlichen Grund gibt, der allein die extremen Auswirkungen auf Körper und Seele erklären könnte (siehe S. 13). Dazu kommen ganz praktische Dinge: Durch die Antriebslosigkeit und Müdigkeit bleiben in einem gemeinsamen Haushalt Dinge liegen, die eigentlich in den Aufgabenbereich des Betroffenen gefallen sind. Wäsche wird nicht mehr weggeräumt oder gewaschen, Briefe werden nicht mehr geöffnet, Rechnungen nicht mehr bezahlt, die Wohnung wird nicht mehr geputzt. Viele Angehörige übernehmen diese Aufgaben, um den Betroffenen zu entlasten und damit er sich erholen kann. Doch ist das gut so? Hilft das wirklich dem Betroffenen?

Wahrscheinlich wissen Sie aber auch nach der Diagnose nicht genau, wie Sie mit dem depressiv Erkrankten am besten umgehen sollen, was helfen könnte und was möglicherweise schadet. Leider ist von dem Betroffenen dazu oft nicht viel Konkretes zu erfahren. Während einer depressiven Phase kreisen seine Gedanken und Sorgen viel um ihn selbst. Für die Bedürfnisse anderer Personen ist wenig Raum. Ganz anders in diesem Buch, das die Bedürfnisse der Angehörigen in den Mittelpunkt stellt. Dabei soll das große Leid des Betroffenen keineswegs aus dem Blickfeld geraten. Doch gerade bei einer Krankheit wie einer Depression sind die nahestehenden Angehörigen und enge Freunde stark mitbetroffen, stärker als bei vielen anderen Erkrankungen.

Die Krankheit akzeptieren

Eine Depression ist anders als andere Krankheiten. Sie hat die Kraft, auch die Angehörigen in einen negativen Strudel zu ziehen.

Eine Depression ist schwer zu verstehen. Von außen ist nichts zu sehen, es ist oft kein Auslöser erkennbar, der das Verhalten des Betroffenen erklären würde. Und dennoch leidet er, Sie selbst können scheinbar nichts tun, um die Situation für ihn zu bessern. Vielleicht haben Sie zunehmend das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden und selbst Opfer der Krankheit zu sein. Das Umfeld, sofern es von der Erkrankung weiß, zeigt häufig viel Mitgefühl mit dem Betroffenen, jeder versucht, ihn zu unterstützen und zu helfen. Oder das Umfeld kann mit der Diagnose nichts anfangen, zieht sich zurück oder denkt insgeheim, dass Sie sich zu wenig um den Betroffenen gekümmert hätten. Ihre eigene Situation gerät dabei möglicherweise in den Hintergrund. Die Folge kann, neben einer hohen Belastung und Erschöpfung, auch Groll sein – zuerst auf die Krankheit, nach und nach auch auf den Erkrankten.

Wenn Sie so empfinden, dann ist das gut nachvollziehbar. Eine Reihe Ihrer eigenen Probleme ist ja tatsächlich erst durch die Krankheit des anderen entstanden. Dennoch verbieten sich viele Angehörige diese Emotionen oder fühlen sich schlecht dabei. Es erscheint ihnen moralisch und emotional nicht richtig, sich zu beschweren. Schließlich ist man selbst gesund, während der andere doch tatsächlich krank ist. Also versucht man, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen und noch mehr zu helfen – doch die Lage verbessert sich nicht. Gerade darin liegt eine Gefahr:

Hilflosigkeit und Selbstüberschätzung

Angehörige glauben häufig, die Krankheit in den Griff zu bekommen und die Situation kontrollieren zu können. Das funktioniert leider nicht. Die Hilflosigkeit kombiniert mit Selbstüberschätzung kann sehr belastend sein, es kommt immer wieder zu Misserfolgen und Enttäuschungen. Auf diese Weise können Sie dem Kranken nicht helfen, es kann sogar seine Situation verschlechtern und Sie selbst krank machen.

Wahrscheinlich lesen Sie dieses Buch, um zu erfahren, wie Sie mit der Gesamtsituation, Ihren teilweise widerstrebenden Gefühlen und dem Betroffenen umgehen sollen. Doch vor dem Handeln steht eine bedeutende, schwierige, aber sehr wichtige Aufgabe: die Krankheit Depression zu akzeptieren. Aber was bedeutet das für Sie nun genau?

Verstehen und helfen

Auch der Betroffene versteht nicht, was mit ihm geschieht. Er merkt nur, dass etwas mit ihm nicht stimmt, dass sich eine innere Leere und bleierne Müdigkeit ausbreiten. Wahrscheinlich kämpft er sogar dagegen an und versucht, den Alltag zumindest in einigen Bereichen aufrechtzuerhalten. Beispielsweise versucht er, den Arbeitsalltag noch so gut es geht zu absolvieren. Doch dann ist zu Hause keine Kraft mehr übrig für die Beziehung zum Partner, zu den Kindern oder Freunden. Unverständnis gerade der Menschen, die ihm am nächsten stehen, verstärkt dann das Gefühl des Versagens und der Hilflosigkeit.

Die Symptome als Teil der Krankheit erkennen

Vielleicht wehren Sie sich noch dagegen, anzuerkennen, dass der Betroffene nicht aus Unlust, Faulheit oder mit irgendeiner Absicht so handelt, wie er es tut. Vielleicht haben Sie an sich schon beobachtet, dass Sie den Zustand des Betroffenen kleinreden möchten. „Jeder hat mal eine schwere Zeit, da muss man sich zusammenreißen“ oder „Man kann doch wohl erwarten, dass sich der Betroffene ein bisschen mehr anstrengt. So schlimm kann das doch gar nicht sein.“ Kennen Sie solche Gedanken? Das wäre nicht verwerflich, das Verhalten eines depressiv Erkrankten ist für andere schwer nachvollziehbar. Doch selbst wenn es schwerfällt, dies voll und ganz zu begreifen: Die typischen Symptome wie mangelnder Antrieb, ständige Müdigkeit und Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit sind die Krankheit. Ein depressiv erkrankter Mensch kann nicht sagen: „Ich bin zwar gerade in einer depressiven Phase, aber ich komme da wieder raus, das wird wieder besser.“ Zur subjektiven Realität des Kranken gehört die Überzeugung, dass es keinen Ausweg gibt und dass es nie wieder besser werden wird.

Dass es sich beim Zustand Ihres Angehörigen um eine Depression handelt und dass dies eine Krankheit ist, wissen Sie wahrscheinlich schon länger. Aber im Vergleich zu anderen Erkrankungen ist das Bild so schwer greifbar. Was ist diese Depression? Symptome wie „Antriebslosigkeit“ oder „Niedergeschlagenheit“ sind zunächst nur abstrakte Begriffe. Umfangreiches Wissen zum Wesen der Krankheit, zu möglichen Ausprägungen, Folgen und Auswirkungen können dabei helfen, Ihre Sicht auf den Betroffenen zu verändern und den Einfluss der Krankheit auf Ihren Alltag zu erkennen. Wenn Sie verstehen, dass die Depression es unmöglich macht, den Betroffenen auf herkömmliche Art aufzumuntern, kann Ihnen das Enttäuschungen ersparen und Sie können die Energie in anderen Bereichen besser einsetzen. Sie sollten also lernen, die Krankheit wirklich zu verstehen, damit Sie selbst während dieser schweren Phase gesund bleiben und Ihren Angehörigen möglichst gut begleiten können.

Es kann helfen, sich vor Augen zu führen und darüber zu informieren, dass eine Depression tatsächlich nachweisbare Veränderungen im Gehirn bewirkt (siehe S. 29). Niemand sucht sich aus, depressiv zu sein, und niemand ist schuld daran, zu erkranken.

Die Belastung für die Beziehung akzeptieren

Wenn es gelingt, wirklich zu verstehen, dass das Verhalten des Betroffenen Teil der Krankheit ist, kann das eine große Erleichterung sein. Anstelle des Nichtwahrhabenwollens tritt nun die Akzeptanz der Diagnose. Wichtig ist dann Folgendes:

Grau ist die Farbe der Depression. Depressiv Erkrankte sehen im Wortsinn schwarz oder zumindest grau. Sie können Kontraste nicht mehr so deutlich wahrnehmen und fühlen sich von gedeckten Farben mit Grautönen angezogen. Die Welt um sie herum verliert an Farbe und Fröhlichkeit.

„So schlimm ist das doch gar nicht!“ Solche Aussagen helfen nicht. Ob jemand depressiv erkrankt, ist nicht davon abhängig, wie schlimm ein möglicher Auslöser ist – es muss nicht immer ein schweres Trauma sein, auch scheinbar „banale“ Gründe können eine Depression auslösen. Und zum Teil findet man auch gar keinen Auslöser. Daher sind Aussagen wie „Wegen so einer Lappalie muss man doch nicht gleich so reagieren“ oder „So was haben schon ganz andere durchgemacht“ nicht hilfreich.

Sie brauchen Geduld

Nach der Diagnose möchten die meisten Angehörigen gern etwas tun. Sie wollen helfen, damit es dem Betroffenen besser geht und die Krankheit möglichst schnell überstanden sein wird. Alles soll so bald wie möglich wieder so sein wie früher. Doch leider ist es nicht so einfach. Die Behandlung einer Depression braucht Zeit – ebenso brauchen Sie Zeit, um einen Weg zu finden, gut damit umzugehen.

Angehörige und auch Freunde finden sich häufig in dem Zwiespalt wieder, einerseits helfen zu wollen, aber gleichzeitig der bedrückenden Stimmung entkommen zu wollen. Eine depressiv erkrankte Person in der näheren Umgebung ist eine schwere Belastungsprobe für eine Beziehung, egal, ob es sich um eine Paarbeziehung, eine Eltern- Kind-, Geschwisterbeziehung oder enge Freunde handelt. Nicht jede Erkrankung führt dazu, dass Beziehungen kaputtgehen. Aber es ist im Bereich des Möglichen, denn die Negativität, Schwere und Leere kann tief in eine Beziehung eindringen. Unter Umständen ist es wichtig, dass Sie sich selbst davor schützen (siehe S. 164).

Dem Wesen der Krankheit ins Auge blicken

Die Krankheit zu akzeptieren bedeutet vor allem, sich von unrealistischen Hoffnungen zu verabschieden:

Vielleicht wird die Krankheit Sie und Ihren Angehörigen ein Leben lang immer wieder einmal begleiten.

Vielleicht wird es nicht mehr so, wie es vor dem Beginn der Erkrankung war.

Sie werden es nicht schaffen, den Erkrankten zu heilen, selbst wenn Sie sich noch so sehr anstrengen.

Sie können trotz großer Liebe und Zuneigung professionelle Hilfe nicht ersetzen.

Die Krankheit hält sich nicht an Vorgaben und Regeln und nimmt auch keine Rücksicht auf Ihre Bedürfnisse.

Die Depression ist eine Krankheit, die gut behandelt werden kann – wenn man sie behandelt!

Verstehen und helfen

Teufelskreis der Schuldgefühle. Einige Angehörige von depressiv Erkrankten gehen auf Distanz, um sich selbst zu schützen, denn im Hintergrund nagt oft die Frage, ob der Grund für das Verhalten des Betroffenen nicht auch ein schlechtes Gewissen sein könnte. Vielleicht hat der Betroffene tatsächlich einen großen Fehler gemacht oder ist in irgendeinem Zusammenhang schuldig geworden? Schließlich hat er ja Schuldgefühle! Doch diese Schuldgefühle sind ein Symptom der Krankheit, das durch das Verhalten der Menschen im Umfeld dann unbeabsichtigt noch weiter verstärkt werden kann.

Das klingt für Sie wahrscheinlich sehr hart. Vielleicht erzeugen diese Aussagen Trotz und Sie möchten das Buch zur Seite legen. Oder es macht sich Trauer in Ihnen breit, weil Sie ahnen, dass das ein schwerer Weg werden könnte. Egal, welche Gefühle Sie gerade wahrnehmen, es wird Ihnen helfen, wenn Sie nicht die Augen vor der Realität verschließen. Lassen Sie diese Gefühle zu. Sie werden wahrscheinlich besser durch diese Krise kommen, wenn Sie diese akzeptieren und sich nicht gegen die Krankheit auflehnen, gegen sie kämpfen, sie zu ignorieren versuchen und dabei auf die falschen Mittel setzen. Dadurch verausgaben Sie sich, werden vielleicht selbst krank und könnten unter Umständen den Krankheitsverlauf Ihres Angehörigen sogar ungünstig beeinflussen.

Wenn es Ihnen gelingt, die zuvor genannten Tatsachen als gegeben anzunehmen, werden Sie viel Kraft sparen, die Sie in den nächsten Monaten an anderen Stellen dringend brauchen. Die Krankheit zu akzeptieren bedeutet aber nicht, gegenüber dem Betroffenen gleichgültig zu werden, ihn gar aufzugeben oder nur noch auf sich zu schauen. Ganz im Gegenteil: Indem Sie sich nicht falschen Hoffnungen hingeben, verringern Sie die Gefahr, in Aktionismus zu verfallen, den Betroffenen unter Druck zu setzen und damit selbst in den Zustand der Erschöpfung zu rutschen. Sie erhalten sich also Ihre Kraft, was auch Ihrem Angehörigen zugutekommt.

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Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
21 fevral 2025
Həcm:
296 səh. 78 illustrasiyalar
ISBN:
9783747103395
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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