Kitabı oxu: «Intuitiv gesund. Werde dein eigener innerer Arzt!»
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dr. med. Christina Barbara Petersen
Intuitiv gesund
Werde dein eigener innerer Arzt!
E-Book (epub): ISBN 978-3-86374-592-9
(Druckausgabe: ISBN 978-3-86374-590-5, 1. Auflage 2021)
Mankau Verlag GmbH
D-82418 Murnau a. Staffelsee
Im Netz: www.mankau-verlag.de
Internetforum: www.mankau-verlag.de/forum
Lektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg
Endkorrektorat: Susanne Langer-Joffroy M. A., Germering
Cover/Umschlaggestaltung: Guter Punkt GmbH & Co. KG, München
Innenteil/Layout und Satz: Lydia Kühn, Aix-en-Provence, Frankreich
Energ. Beratung: Gerhard Albustin, Raum & Form, Winhöring
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird im vorliegenden Buch die gewohnte männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.
Hinweis für die Leser/innen: Die Autorin hat bei der Erstellung dieses Buches Informationen und Ratschläge mit Sorgfalt recherchiert und geprüft, dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Verlag und Autorin können keinerlei Haftung für etwaige Schäden oder Nachteile übernehmen, die sich aus der praktischen Umsetzung der in diesem Buch vorgestellten Anwendungen ergeben. Bitte suchen Sie bei Erkrankungen einen erfahrenen Arzt oder Heilpraktiker auf.
Inhalt
Ein paar Gedanken vorab
Kopfwissen und Erfahrungswissen
Deine persönliche Wahrheit
Meine Intention
Macht Arztsein krank?
Reflexion und Erkenntnis
Sackgasse Helfermentalität
Verstaubte Strukturen
Lösungsansätze
Der Burn-out-Prozess im Klinikalltag
Gerätemedizin und Ökonomie
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Yin und Yang
Qi
Unterschiede und Ergänzungen von »West und Ost«
Vorteile von westlicher Medizin und TCM
Weiblichkeit in der Medizin
Die Gefühle fließen lassen
Männliche Prinzipien
Deine Intuition
Der Petersen-Prozess der Heilung
Der Weg zur Gesundheit
Der Körper als Meisterwerk der Natur
Was uns Krankheit sagen will
Auf den Körper hören
Die Petersen-Formel der Grundbedürfnisse
Die Grundbedürfnisse
Der Petersen-Kommunikations-Code
Symptom Schmerz
Symptom psychische Beeinträchtigung
Selbstverantwortung
Schulmedizin und Eigenverantwortlichkeit
Krankheit als Chance
Krisen machen stark
Salutogenese, Kohärenz und Resilienz
Angst vor Krankheit – Mut zur Gesundheit
Der Wille als Triebfeder
Unbewusste Vorteile einer Krankheit
Gedanken erzeugen Gefühle
Gedanken beobachten
Eingekapselte Gefühle loslassen
Die Macht des Glaubens – die Macht der Gedanken
Gesundheit und die innere Einstellung
Bewusstsein und Unterbewusstsein
Affirmationen
Hypnose
Mentales Training
Ganzheitliche Gesundheit
Berufung
Gesundheit
Beziehungen
Persönlichkeitsentwicklung
Was du für deine Gesundheit tun kannst
Meditation
Kohärenz und Inkohärenz – Pausen sind das Wichtigste
Achtsamkeit – Beobachten ohne Bewerten
Mentales Training
Selbstliebe ist die Basis: Erkenne deinen Eigenwert!
Die Bedeutung der Selbstliebe
Die Bedeutung des Selbstwerts
Die Heilung des inneren Kindes
Was sind Glaubenssätze?
Techniken, um Glaubenssätze zu ändern
Stress und Immunsystem: Psychoneuroimmunologie
Dankbarkeit
Mach aus jedem »Minus« ein »Plus«!
Der Placeboeffekt
Der Noceboeffekt
Konditionierung und Priming
Neuroplastizität
Epigenetik
Erkenntnisse der Quantenphysik
Die Energie folgt der Aufmerksamkeit
Die Macht der Umwelt
Habe dein Ziel vor Augen
Was ist Persönlichkeitsentwicklung?
Hilfe zur Selbsthilfe – Umdenken in der Medizin
Schlusswort
Danksagungen
Endnoten
Register
Ein paar Gedanken vorab
Die Verbesserung unser aller Gesundheit liegt mir so sehr am Herzen, dass ich mich ständig weiterbilde und neugierig alles zu diesem Thema aufsauge. Gleichzeitig ist es mir wichtig, das Wissen auch zu überprüfen. Funktioniert das so für mich?
Wir Menschen ticken doch in der Mehrheit so, dass wir nur das glauben, was wissenschaftlich durch Studien belegt ist und damit Fundament hat. Das macht auch Sinn: Wenn wir den Zusammenhang von Ursache und Wirkung verstehen, ist die Umsetzung leichter, und wir erzielen bessere Ergebnisse. Jedenfalls gehörte ich mein Leben lang zu den größten Skeptikern. Alles, was nicht mit dem Augenlicht zu erfassen war, existierte für mich schlicht und einfach nicht. Meine Realität war die materielle Welt, alles andere belächelte ich. Ursächlich dafür können meine Erziehung und/oder das Medizinstudium sein.
Fakt ist, dass ich schon immer wesentlich mehr wahrnehmen konnte als das, was meine Augen in der 3-D-Welt sahen. Diese Hochsensibilität unterdrückte ich jahrelang, bis ich nicht mehr darum herumkam, mich mit diesen Fähigkeiten zu beschäftigen.
In mir existiert beides: Als Wissenschaftlerin verspüre ich den Drang, meine Erkenntnisse mit Beweisen zu belegen. Als hochsensible Frau nehme ich wahr, was mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen ist. Mithilfe der modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse kann ich beide Bedürfnisse meinerseits vereinen, das heißt, meine innere Wahrnehmung (Intuition) passt damit zusammen, was die Forschungsergebnisse zeigen. Und das bedeutet: Mein Bauchgefühl wusste schon immer Bescheid.
Da mich Dr. Joe Dispenza mit seinen Forschungsergebnissen sehr inspiriert hat, habe ich einiges aus seinem Buch »Du bist das Placebo«1 übernommen und so zusammengefasst, dass es einfach und verständlich wird. Ich möchte sicherstellen, dass du mich verstehst und meine Entscheidungen nachvollziehen kannst – sodass du das daraus mitnehmen kannst, was dich anspricht und dir in deinem Leben nützt.
In diesem Buch wirst du dazu angeregt mitzuarbeiten, d. h., es kommen immer wieder Passagen, in denen du dir einen Stift nehmen darfst, um die aufgeführten Fragen zu beantworten. Das ist meiner Erfahrung nach wichtig, um dir deiner Gedanken, Gefühle und Handlungen wirklich bewusst zu werden. Ich möchte dir ja meine Erkenntnisse nicht aufzwingen, sondern du sollst deine eigenen Erfahrungen machen. Deshalb nutze diese Chance und stelle dich den Fragen. Ich persönlich lerne am meisten dazu, wenn ich zum Nachdenken angeregt werde.
Dieses Buch ist so aufgebaut, dass ich am Anfang von meinen eigenen Erfahrungen schreibe, darauf folgen dann all die Tools, die ich mir im Laufe meiner Persönlichkeitsentwicklung angeeignet habe und für mich nutze. Zum Ende hin geht’s dann ans Eingemachte. Und zwar folgt ein wissenschaftlicher Teil, der meine zuvor gesammelten und intuitiv für wahr erklärten Erkenntnisse untermauert.
Kopfwissen und Erfahrungswissen
Du weißt es eigentlich schon längst: Es gibt einen Unterschied, etwas »im Kopf zu wissen« oder es selbst mit Haut und Haar erfahren zu haben. Und genauso wird es mit den Informationen hier sein. Du trägst sie eine Zeit lang mit dir herum, bis irgendwann der Moment kommt, in dem es Klick macht, du einen Gedanken mit dem Herzen verstehst und ihn plötzlich umsetzen kannst. Nicht alle Erkenntnisse, nicht alles Wissen können wir sofort in unser Leben integrieren. Irgendwann ist dann Zeit, zum Handeln überzugehen. Und dieser Moment kommt von ganz allein. Ich teile hier meine Sichtweise auf die Welt, meine ganz persönliche Wahrheit. Wichtig ist, dass du nicht alles einfach annimmst, sondern dir dein eigenes Bild machst. Und dann deine Wahrheit lebst.
Wie findest du diese heraus? Indem du auf deine innere Stimme hörst, auf deine Intuition (→ Seite 46 ff.).
Frage dich: Womit gehst du in Resonanz? Wo spürst du, dass es für dich wahr ist? Wichtig dabei ist, dass du deine Aufmerksamkeit aufs Spüren anstatt aufs Denken legst.
Deine persönliche Wahrheit
Gerade in Zeiten von Corona hast du dich bestimmt auch gefragt, was denn jetzt die Wahrheit ist? Was soll ich denn jetzt glauben? Ich habe die Feststellung gemacht, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit in sich trägt.
Stelle dir eine Brille mit unterschiedlich gefärbten Gläsern vor. Je nachdem, welche Farbe deine Brillengläser haben, so siehst du die Außenwelt. Jemand, der eine Brille mit grünen Gläsern trägt, kann die Welt niemals so sehen wie jemand, der eine Brille mit gelben Gläsern auf der Nase hat. Deshalb macht es auch keinen Sinn, sich zu streiten. Seine Sicht auf die Welt und die Geschehnisse um uns herum ist durch seine Brillengläser anders als deine. Seine Wahrheit sieht anders aus. Du entscheidest selbst, welche Brillengläser du dir aufsetzt. Frage dich: Was sagt dir deine innere Stimme? Durch welche Brillengläser willst du gucken? Willst du die Welt durch Gläser sehen, die auf Angst und Schrecken blicken, oder durch Gläser, die viel Positives erkennen?
Meine Intention
Ich schreibe das Buch nicht, um zu belehren, denn ich bin mir bewusst, dass auch ich nicht »die Weisheit mit Löffeln gefressen habe«. Im Gegenteil: Ich bin für alle Tipps und Ideen aus meiner Umwelt, die mir zu mehr Gesundheit und Glück verhelfen, dankbar. Und ich bin mir sicher, dass jeder Mensch seinen eigenen individuellen Weg geht und dass wir uns dabei gegenseitig nur unterstützen können. Gehen darf jeder den Weg selbst. Außerdem schreibe ich das Buch nicht, um die derzeitige Schieflage unserer Welt zu vertuschen. Ich sehe die Entwicklung, die sich momentan zeigt, deutlich und klar. Vor allem erkenne ich, dass die Natur ins Ungleichgewicht geraten ist und nach Hilfe schreit. Wenn wir nicht aufwachen, zerstören wir unsere Lebensgrundlage.
So, wie wir im Inneren unsere körpereigenen Signale nicht wahrnehmen und weitermachen, bis Symptome entstehen und letztendlich dann eine Erkrankung, so behandeln wir im Außen die Natur, die eigentlich das Wichtigste ist, was wir haben. Sie ist unsere Grundlage, denn ohne sie können wir nicht atmen, uns nicht ernähren, nicht existieren.
Ich sehe, dass wir so, wie wir mit uns selbst und unserem Körper umgehen – niemals zuvor gab es trotz moderner Medizin und Technologie einen so hohen Krankenstand –, auch im Außen mit unserer Natur, mit Mutter Erde umgehen: Niemals zuvor gab es so viel Umweltverschmutzung, die sich aufs Klima auswirkt. Wenn wir so weitermachen, zerstören wir uns selbst, so wie eine Krebszelle den Körper angreift.
Ich kann die aktuellen Entwicklungen nicht mehr mit ansehen und möchte meinen Beitrag leisten, indem ich mit diesem Buch vielleicht einigen Menschen die Augen öffne. Ich wünsche mir, dass wir wieder Vertrauen zur Natur finden und sie so behandeln, wie man etwas behandelt, das man liebt. Im Kleinen hoffe ich, dass wir wieder Vertrauen in unseren Körper finden und mit uns selbst so umgehen, wie wir es verdient haben, damit der Körper aufblüht und rundum gesund ist. Im Großen wünsche ich mir, dass wir dieses Prinzip auch auf Mutter Erde anwenden.
Wenn wir nach dem Prinzip der Natur leben, dann brauchen wir niemanden mehr, der etwas von außen an uns heranträgt. Wir können auf die Signale unseres Körpers vertrauen, um dann an Stellschrauben zu drehen, die wieder zu einem Gleichgewicht führen, in dem wir optimal in Homöostase sind (das Gleichgewicht der physiologischen Funktionen).
Ich lasse jeden so sein, wie er ist, denn ich möchte meine Energie nicht damit verschwenden zu versuchen, Leute zu überzeugen, die (noch) gar nicht bereit sind oder einen anderen Weg für sich gewählt haben. Für mich sind alle anderen Meinungen okay. Ich möchte einfach nur meine Ansicht teilen und hoffe, damit den ein oder anderen zu berühren, der vielleicht gerade Hilfe braucht. Ich möchte dich einfach einladen aufzuwachen, umzudenken und wieder Verantwortung zu übernehmen. Dann nämlich wirst du erkennen, wie schön das Leben ist. Du wirst sehen, dass wir am Leben sind, um glücklich und gesund zu sein, dass wir am Leben sind, um es in vollen Zügen zu genießen, und dass wir am Leben sind, um unser eigenes Potenzial zu entfalten und nach außen zu tragen. Wir sind auf der Welt, um uns miteinander zu verbinden, im natürlichen Fluss des Gebens und Nehmens.
Macht Arztsein krank?
Ich war schon immer sehr am menschlichen Körper interessiert und wollte alles über Gesundheit und Krankheit wissen. Diese Neugier war mein persönlicher Antrieb, um Medizin zu studieren und schließlich Fachärztin für Allgemeinmedizin zu werden. Im Verlauf meiner Ausbildung habe ich gelernt, wie der menschliche Körper funktioniert. Gleichzeitig gab es einige Hürden, die ich nehmen durfte, um noch mehr über Gesundheit und Krankheit zu erfahren.
Ich habe mit 18 Jahren das Medizinstudium begonnen. Zu dieser Zeit war ich noch sehr unsicher in meiner Persönlichkeit. Damit meine ich: Ich wusste nicht, wer ich selbst war, hatte den Glaubenssatz, nicht genug zu sein, in mir und war bereit, alles zu geben, um anderen zu helfen. So habe ich mich immer an die Regeln gehalten und Höchstleistungen erbracht.
Das Studium war sehr verschult und durchgetaktet. Es gab viele Prüfungen, in den Semesterferien Pflegepraktikum und Famulatur und nachts nebenbei die Versuche im Labor für die Doktorarbeit. Da blieb keine Zeit zum Nachdenken. Die Ausbildung funktionierte nach alter Schule – über Druck. Ich war zu der Zeit wenig reflektiert und sehr empfänglich dafür, sodass ich mich die meiste Zeit meines Studiums in Angst wiederfand. Es gab damals noch keine Kurse zum Thema Stressbewältigung oder Selbstwahrnehmung. Wir lernten also nicht, auf den Körper zu hören. Stattdessen bekämpften wir die Signale und fanden Ausgleich im Alkoholrausch am Wochenende. Ich hätte mir einen persönlichen Ansprechpartner gewünscht, mit dem ich über meine Ängste hätte sprechen können, denn die waren groß. Nicht ohne Grund hatte ich während der gesamten Studentenzeit Schwindel, der mir einerseits Angst machte und den ich andererseits verheimlichte, weil es mir peinlich war.
Im Nachhinein weiß ich, dass es psychosomatischer Schwindel war. Teilweise war es so schlimm, dass ich ungern vor die Tür ging. Ich wusste damals nicht, wie es weitergehen sollte. Das, was mir im Studium vermittelt wurde, verschaffte mir den Eindruck, dass man als Arzt nicht krank sein durfte. Und schon gar kein Hypochonder! Das wollte ich auf gar keinen Fall. Ich dachte, dass etwas mit mir nicht stimmte, wusste aber nicht, was es war.
In der Facharztausbildung wurden die körperlichen Beschwerden schlimmer. Zu dem Schwindel kam Migräne hinzu. Ich war damals im Bereich der Inneren Medizin tätig. Als ich in der Notaufnahme arbeitete, hatten wir mitunter 24-Stunden-Schichten. Wer das nicht kennt, kann sich die psychische und körperliche Belastung dieser Dienste nur schwer vorstellen. Es war ständig so viel zu tun, dass ich permanent überfordert war.
Mir machte die Arbeit auf der Notaufnahme zwar großen Spaß, denn es gefiel mir, Patienten in Not zu helfen und wie ein Detektiv auf der Suche nach der Ursache der Beschwerden zu sein. Was mich aber überforderte, war die beinahe unzumutbare Anzahl von Patienten. Anstatt einen Patienten ordentlich aufzunehmen, zu befragen, zu untersuchen und eine Diagnose zu stellen, wurde ich ständig unterbrochen. Als einziger diensthabender Arzt in der Inneren Medizin auf der Notaufnahme war ich Ansprechpartner für alle: Telefon, neue Notfälle, Angehörigengespräche, Anfragen von Schwestern auf den anderen Stationen, Anfragen von auswärtigen Ärzten, dazu noch Versorgungsprobleme (also Dinge, die die Sozialarbeiter mir normalerweise abnehmen sollten). Obwohl ich wirklich immer mein Bestes gab, ging ich doch mit einem schlechten Gefühl nach Hause, weil ich dachte, nicht genügend Zeit für alle Patienten gehabt zu haben. Dabei hatte ich mir während meiner 24-Stunden-Dienste häufig nicht mal eine klitzekleine Pause fürs Essen oder Trinken genommen. Ständig hatte ich aufgrund des permanenten Zeitmangels somit das unterschwellige Gefühl, eine Versagerin zu sein, da ich nach meinen Maßstäben nie alles geschafft hatte. In direkter Konsequenz war ich in meinen Augen häufig nicht die Ärztin, die ich sein wollte.
Ich bin sehr empathisch und verständnisvoll. Zu meinen Werten gehören Respekt, Toleranz und Höflichkeit. Mit zunehmender Arbeitsbelastung und Stress wurde ich hart und konnte meine Empathie nicht mehr spüren.
Gleichzeitig stellte ich mir häufig die Sinnfrage: Wozu habe ich Medizin studiert? Ich wollte doch den Menschen helfen.
Oft ging ich nach einem langen anstrengenden Tag trotzdem unzufrieden nach Hause, weil ich mir für Patienten nicht ausreichend Zeit hatte nehmen können. Dieses ungute Gefühl versuchte ich, mit einem Glas Wein und einer Zigarette zu betäuben. Danach fühlte ich mich häufig noch schlechter, da ich als Ärztin Tabak und Alkohol grundsätzlich ablehnte. Mir wurde langsam bewusst, dass irgendetwas nicht richtig lief. Aber ich konnte mich aus dieser Situation damals nicht befreien. Also ging es weitere drei Jahre so. Warum? Weil ich mir nicht die Zeit nahm, darüber nachzudenken, wie ich meine Situation verändern konnte. Und weil ich noch nicht die persönliche Reife besaß, mich für einen anderen Weg zu entscheiden. Ich war blockiert und fühlte mich gefangen in einem System, in dem ich nicht sein wollte. Erst später wurde mir klar, dass es zum großen Teil meine eigenen Glaubensvorstellungen waren, die mich einschränkten – etwa der Glaubenssatz, nicht genug zu sein und es allen recht machen zu müssen, wobei ich mich selbst völlig vergaß.
Diese Zeit war die schrecklichste meines Lebens. Das wusste aber niemand, weil ich Angst vor Ablehnung hatte und es nicht zugeben konnte. Wenn ich das zugegeben hätte, dann hätte ich mich als Versagerin gefühlt, und das wollte ich mir nicht eingestehen. Ich wollte auf keinen Fall Schwäche zeigen. In der Schule und auch später im Studium hatte ich gelernt, die Zähne zusammenzubeißen, mich anzustrengen und auf keinen Fall aufzugeben, komme, was wolle.
Reflexion und Erkenntnis
Aufgewacht aus diesem Albtraum bin ich, als ich mir das erste Mal in meinem Leben eine Auszeit genommen habe. Zunächst hat das natürlich keiner in meinem Umfeld verstanden, aber ich wusste, dass ich diese Zeit für mich brauchte. In dieser Zeit habe ich mich nur mit mir selbst beschäftigt, habe alles hinterfragt: mein Studium, meinen Job, meine Familie, das System. Ich zog mich von allem zurück und hörte in mich hinein. Und das war das Beste, was mir passieren konnte.
In dieser Zeit merkte ich, dass ich selbst es war, die sich das Leben schwer machte. Nicht meine Eltern, die Schule, das Studium oder die Facharztausbildung. Ich selbst hatte den Glaubenssatz, nicht genug zu sein, verinnerlicht.
Ich begann, mich zu befreien, mich aus der Opferhaltung zu lösen und wieder die Verantwortung für mich, mein Leben und meinen Veränderungsprozess zu übernehmen. Ich lernte wieder, auf die Signale meines Körpers zu hören, stoppte automatisch all die Dinge, die mir und meinem Körper schadeten, und kümmerte mich um mich und meine eigene Gesundheit. Ich kämpfte nicht mehr gegen mich selbst an.
In der Zeit merkte ich auch, dass ich mich selbst am besten verstehen und heilen konnte. Denn nur ich selbst wusste, was gut für mich war. Ich beschäftigte mich intensiv mit Persönlichkeitsentwicklung. Ich wollte erst mal herausfinden, worauf es mir im Leben wirklich ankommt bzw. was mir guttut, denn das hatte ich vor lauter Selbstaufgabe völlig vergessen. In dieser Zeit entdeckte ich die Traditionelle Chinesische Medizin, durch die ich wieder lernte, die Rhythmen der Natur wahrzunehmen, ganz genau auf meinen Körper zu hören und mich wertzuschätzen und gut zu behandeln. Ich blühte auf einmal auf, weil ich nach den Signalen meines Körpers lebte und verstand, dass er mit mir zusammenarbeitete, mit mir kommunizierte und ich nicht gegen ihn arbeiten musste. Ich fing an, eine Idee davon zu bekommen, dass das Leben einfach sein konnte, wenn ich anfing, meinen Körper zu verstehen. Ich musste einfach nur leise genug sein, um die Signale zu hören.
Seitdem brauchte ich nicht ständig Leute um Rat zu fragen, sondern ich befragte einfach mich selbst. Ich habe alles zur Traditionellen Chinesischen Medizin aufgesogen und mich selbst behandelt, wodurch meine Migräne verschwand. Auch in meinem Bekannten- und Freundeskreis habe ich meine Kenntnisse eingesetzt und erstaunliche Erfolge erzielt. Gleichzeitig war mir von Anfang an klar, dass ich für Notfälle und akute Medizin immer auf die Schulmedizin zurückgreifen würde. Gestärkt durch die neuen Impulse setzte ich meine Facharztausbildung schließlich mit einer ganz anderen inneren Einstellung fort und beendete diese schließlich erfolgreich nach insgesamt sechs Jahren ärztlicher Tätigkeit.
Meine Vision ist es heute, ein größeres Bewusstsein für das Thema Arztgesundheit in der Bevölkerung zu schaffen. Folgende Punkte sind mir dabei besonders wichtig:
Ich möchte, dass Ärzte anerkennen, dass sie auch mal krank sein dürfen und dass das keine Schwäche ist.
Ich wünsche mir, dass Ärzte lernen, auf ihren Körper zu hören, die Bedürfnisse wahrzunehmen, zu erfüllen und für sich zu sorgen.
Ich möchte, dass Ärzte lernen, Pausen zu machen, damit sie besser mit dem steigenden Druck in der Arbeit umgehen können.
Ich wünsche mir, dass sich statt Konkurrenzkampf ein Zusammenhalt in der Ärzteschaft entwickelt, ein Miteinander und eine gegenseitige Fürsorge.
All das ist möglich! Es geht darum, in die Selbstermächtigung zu kommen und nicht länger das zu erfüllen, was uns von der Klinikleitung oder der Politik gesagt wird. Wir dürfen uns selbst für unsere Gesundheit und unsere Zukunft einsetzen. Durch Achtsamkeit, Fokussierung und zum Beispiel Präventionsprogramme können wir wieder zu gesünderen Ärzten werden, die acht auf sich selbst geben und wieder als Vorbild für unsere Patienten fungieren. Während meiner Zeit der Reflexion und der Persönlichkeitsentwicklung habe ich gemerkt, dass es keinen Sinn macht, passiv abzuwarten, was passiert. Es wird niemand mit einem Zauberstab kommen, um uns zu retten. Wir müssen aufstehen und uns gemeinsam starkmachen für mehr gesunde Ärzte – Healthy Docs. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass es nicht nur Ärzte betrifft. In allen sozialen Branchen arbeiten Menschen bis zum Ausgebranntsein. Im Folgenden möchte ich näher darauf eingehen, warum das so ist.
Sackgasse Helfermentalität
In keinem anderen Bereich verkaufen sich so viele Menschen unter Wert wie im sozialen. Lange Zeit habe ich mich gefragt, warum Mediziner (oder auch Mitarbeiter in anderen sozialen Berufen wie z. B. Pfleger, Sozialarbeiter usw.) das mit sich machen lassen.
Klar, Gesundheit ist das höchste Gut, und man kann die Arbeit am Menschen nicht mit Büroarbeit vergleichen, vor allem deshalb ist ein Verweigern oder Nicht-Antreten des Dienstes aus moralischer Sicht nur schwer zu rechtfertigen. Trotzdem ist mir aufgefallen, dass ein Großteil des medizinischen Personals seine eigenen Bedürfnisse weder erfüllt noch wahrnimmt. So bin ich auf das Thema Arztgesundheit gestoßen, und mir ist klar geworden, dass viele Mitarbeiter im medizinischen System eine besondere Persönlichkeit haben. Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass ich von einer in Stein gemeißelten Tatsache spreche. Vielmehr geht es mir um meine eigenen Erfahrungen und Eindrücke, die ich im Laufe meiner mittlerweile 35 Jahre im Kontakt mit anderen Menschen gesammelt habe.
Der Begriff »Helfersyndrom« geht auf den Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer zurück, der bereits 1977 in seinem Buch »Hilflose Helfer« davon berichtete. Ein vom Helfersyndrom Betroffener ist mit seiner Aufmerksamkeit nicht bei sich selbst, sondern bei den Befindlichkeiten seiner Mitmenschen. Wenn er einem Kranken hilft, geht es ihm besser. Das Helfen bzw. Gebraucht-werden-Wollen wird zur Sucht. Laut dem Modell von Schmidbauer hat ein vom Helfersyndrom Betroffener ein geringes Selbstwertgefühl und ist auf seine Helferrolle fixiert. Die Hilfsbereitschaft geht bis zur Aufopferung und Vernachlässigung der eigenen Gesundheit, Hobbys, Familie und Freunde. Dadurch kann es zum Burn-out oder zur Depression kommen. Zu den Risikogruppen zählen die genannten Personen, die dann gehäuft zur entsprechenden Berufswahl greifen. Den Persönlichkeitsstrukturen liegen häufig biografische Erfahrungen zugrunde, die den Eigenwert des Betroffenen infrage stellen.
Menschen mit einer Helfermentalität wählen aus folgendem Grund häufig unterbewusst einen Helferberuf: Wenn sie immer nur bei den Bedürfnissen der anderen sind, müssen sie ihre eigenen »Themen« nicht sehen, es erlaubt ein »Ausblenden« der eigenen »Baustellen«.
Das Bedürfnis zu helfen ist grundsätzlich etwas Positives und ein natürlicher und gesunder menschlicher Wert. Das gilt auch dann, wenn zeitweilig eigene Interessen hintangestellt werden. Es gilt, eine gesunde Balance zwischen Geben und Nehmen zu entwickeln und beim Helfen auch die eigenen Wünsche, körperlichen Bedürfnisse und Grenzen sowie auch den Nutzen und die Bedürfnisse desjenigen, dem man Hilfe zukommen lässt, zu beachten. Verliert der Helfende das Bedürfnis des anderen wie auch seine eigenen Wünsche, Ziele und körperlichen Grenzen aus dem Blick und hilft vor allem deshalb, um die eigene Person aufzuwerten, wird sein Helfen pathologisch.
Während solidarische Hilfe sich am Nutzen des Hilfeempfängers orientiert, ist pathologische Hilfe auf unbewusste psychologische Bedürfnisse des Helfers ausgerichtet.2 Meist wird das Muster, sich von der Anerkennung durch andere abhängig zu machen, bereits in der Kindheit erlernt. Betroffene halten sich nur dann für liebenswert und wertvoll, wenn sie sich opfern und dafür Bestätigung durch andere bekommen und so eine Aufwertung ihres Selbst erfahren (Märtyrerrolle). Dabei verlernen sie, ihre eigenen Wünsche, Bedürfnisse und körperlichen Grenzen zu sehen wie auch selbst Hilfe anzunehmen.3 Ein wirksamer Helfer, im Sinne eines reifen und partnerschaftlichen Verhaltens, wird dem Opfer »nur« zur Selbsthilfe verhelfen. Falls notwendig, wird er das Opfer auch aus der Schusslinie nehmen, aber ihm immer nur so weit Hilfe geben, bis die Person sich wieder selbst helfen kann.
Das Thema Arztgesundheit rückte erst im Jahre 2017 durch eine Fortbildung der Ärztekammer zu diesem Thema, die von Herrn Professor Dr. med. Braun und Herrn PD Dr. Langs gehalten wurde, in meinen Fokus. Den Begriff der Arztgesundheit gibt es noch gar nicht so lange, und im Internet ist nicht viel dazu zu finden. Daraus leite ich ab, dass die Begrifflichkeit erst in das Bewusstsein der Menschen rücken muss. Das kann etwas Zeit in Anspruch nehmen. Meines Erachtens ist das Thema sehr wichtig. Denn die Ärzte befinden sich nach wie vor in einer Schlüsselposition und erfüllen eine Vorbildfunktion. Deshalb stellen sie bildlich gesehen die Wurzel dar. Wenn die Wurzel einer Pflanze nicht gesund ist, kann die ganze Pflanze nicht gesund sein. Deshalb ist es so unglaublich wichtig, an der Wurzel anzusetzen und den Ärzten wieder zu mehr Gesundheit zu verhelfen, damit wir alle davon profitieren.
Ich habe bei einigen Ärzten (und auch anderem medizinischem Fachpersonal) besondere Persönlichkeitsmerkmale festgestellt, die gehäuft auftreten:
Hoher Selbstanspruch
Perfektionismus
Hohe Leidensbereitschaft
Mangelnde Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge
Ausgeprägte Empathie und fehlende Abgrenzung
Großes Verantwortungsgefühl
Neigung zu schlechtem Gewissen und Schuldgefühle
Die Kombination dieser Eigenschaften in Verbindung mit den immer höher werdenden Anforderungen der Arbeit führt dazu, dass Ärzte anfällig dafür sind, sich selbst nicht wahrzunehmen und sich für andere aufzuopfern. So sind sie wenig bei sich und ihren eigenen Bedürfnissen, dafür mehr im Außen und bei den Bedürfnissen der anderen. So verlieren sie das Gefühl zum eigenen Körper, d. h. sie akzeptieren die eigenen Bedürfnisse nicht, sondern kämpfen dagegen an. Sie haben nicht gelernt, die körpereigenen Signale wahrzunehmen, und sind viel zu sehr im Kopf. Das führt dementsprechend schneller zur Selbstaufgabe, einer Verausgabung der eigenen Kräfte und damit zum Burn-out.
Dieser Prozess wird durch die aktuelle Situation des Fachkräftemangels noch verstärkt.
Verstaubte Strukturen
Schwierigkeiten, vor denen wir Mediziner stehen, sind die alten Glaubenssätze, die als ungeschriebene Gesetze in den Kliniken von Generation zu Generation weitergegeben wurden: Der Mythos vom unverwundbaren Helfer ist so tief verankert, dass wir ungern Schwäche zeigen. Gerade die eigene Verwundbarkeit ist ein schambehaftetes Thema. Dazu kommt, dass in Zeiten des Fachkräftemangels nur ungern Kollegen »im Stich« gelassen werden. Daher gehen wir Ärzte lieber krank zur Arbeit, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Genau diese Verhaltensweise wurde uns bereits im Studium eingeimpft, denn wer Fehlzeiten durch Krankheiten hatte, musste das Semester wiederholen.
Wir wurden also so »erzogen«, in dem System wie »fleißige Ameisen« zu funktionieren. Es gab weder Kurse noch Vorgesetzte, die uns lehrten, auf uns selbst und unsere eigene Gesundheit zu achten. Im Gegenteil: Wir wurden konsequent geschult, die Bedürfnisse und Probleme der Patienten wahrzunehmen, um dann eine Hilfestellung anzubieten. Dieser einseitige Fokus führte dann weitergehend dazu, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse vernachlässigten. Meines Erachtens fehlt im Studium die Basis: die Selbstfürsorge. Nur derjenige, der seine eigenen Bedürfnisse kennt, sie beachtet und sich versorgen kann, kann dann im nächsten Schritt anderen helfen.
Eine Herausforderung, vor der wir Mediziner stehen, ist die moralische Verpflichtung. Einem Hilfsbedürftigen steht aus moralischer Sicht Hilfe zu – das geht sozusagen vor. Da melden sich sonst ganz schnell das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle. Und auch die eigene Verwundbarkeit spielt wieder eine Rolle: Ich möchte ja schließlich auch, dass mir geholfen wird, wenn ich in Not bin. So fällt es Medizinern oft leichter, andere Menschen zu versorgen, als die eigenen Bedürfnisse zu achten.
Eine weitere Schwierigkeit sind die psychischen Herausforderungen, die mit Krankheit und Tod verbunden sind. Diese Erlebnisse konfrontieren uns immer wieder mit dem menschlichen Verfall und der eigenen Vergänglichkeit.
Wenn diese Erlebnisse seelisch verarbeitet werden, sehe ich darin viel Potenzial zu persönlichem Wachstum. Oftmals ist für eine Reflexion weder Zeit noch ein Ansprechpartner da. Kein Wunder, dass sich bei diesen gefährdeten Helferpersönlichkeiten seelische Wunden psychisch oder körperlich bemerkbar machen.
Da viele Ärzte die Signale des Körpers überhören und nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse achten, bedienen sie sich schnell mal der ihnen ständig verfügbaren Medikamente, um die Symptome zu bekämpfen – damit sie wieder funktionieren können. Sie diagnostizieren und behandeln sich selbst und gehen ungern zu Kollegen, weil sie auch hier die eigene Schwäche nicht zugeben möchten und nicht als Simulant wahrgenommen werden wollen.
Es gibt also niemanden, der sie krankschreibt oder nach Hause schickt. Denn als Kollege bist du heutzutage bei bestehender Arbeitsbelastung zum Schutz der eigenen Gesundheit darauf angewiesen, dass jede Arbeitskraft anwesend ist. Es gibt keine Definition von »unfit to work«. Leider gibt es auch kein positives Vorbild, denn alle Vorgesetzten tragen dieselben Glaubenssätze in sich. Vor lauter Schuldgefühlen wird also lieber Rücksicht auf Kollegen und Patienten genommen und die eigene Gesundheit missachtet. So ist es kein Wunder, dass Ärzte ungesund leben und aufgrund der Selbstaufopferung Süchte entwickeln. Bedürfnisse, die den ganzen Tag unterdrückt werden, fordert der Körper dann in Ruhephasen im extremen Maße ein. Arbeit wird mit Verzicht und Selbstaufgabe verknüpft, was dazu führt, dass der Körper sich in der freien Zeit das nimmt, was gefehlt hat. Wenn z. B. Entspannung mit Alkohol und Rauchen verknüpft ist, kommt es zu vermehrtem Alkoholkonsum und Rauchen. Ebenso häufige Themen sind Erschöpfung wie Burn-out. Das hängt mit der Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse zusammen, hat aber auch noch andere Komponenten, die in der heutigen Zeit zugenommen haben:
Die mangelnde Wertschätzung der psychisch und körperlich anstrengenden Arbeit führt zu Frust beim medizinischen Personal. In Deutschland haben wir zurzeit eine Arzt-und-Krankenhaus-Flat-Rate-Mentalität. Die Menschen haben keinerlei Überblick über die Kosten. Das führt dazu, dass in den Köpfen der Anspruch wächst, jederzeit direkt bedient zu werden. Wenn man sich in diese Perspektive versetzt, ist das nachvollziehbar, denn die Medien suggerieren diesen Zustand.
Der demografische Wandel in Verbindung mit altersbedingten Erkrankungen und dem gleichzeitig bestehenden Ärztemangel führt zu einer zunehmenden Patientenzahl, wodurch der Druck im System steigt.
Die Privatisierung der Kliniken führt zu Einsparungsmaßnahmen mit gleichzeitiger Arbeitsverdichtung, was wiederum den Druck im System erhöht.
Durch unsere Medien werden »Angstgedanken« verbreitet, was dazu führt, dass immer mehr Menschen direkt in die Notaufnahme kommen. Was fehlt, ist Aufklärung.
Durch die zunehmende Bürokratie vermindert sich der Arzt-Patienten-Kontakt, was beim medizinischen Personal zu einer Sinnkrise führt.
Lösungsansätze
Wir als Mediziner haben die Chance, diese Situation zu nutzen und unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir können über das Thema sprechen. Damit meine ich keinen Jammerklub, sondern konstruktive Diskussionen zu den Themen mit lösungsorientierten Vorschlägen zur Verbesserung. Wir können die Aufklärung selbst angehen, also mit offenen Karten spielen, offen kommunizieren und unseren Patienten mehr Eigenverantwortung zurückgeben. Wir können Hilfe zur Selbsthilfe lehren, anstatt die Patienten in einer Abhängigkeit zu halten.
Wir können reflektieren – also statt mitzumachen, was seit Jahren »eben so gemacht wird«, können wir hinterfragen und neue Ideen einbringen. Wir können nach vorn blicken und aus unseren Fehlern lernen. Wir können eine Kultur der Wertschätzung und gegenseitigen Fürsorge einführen: Wir dürfen uns wieder wertschätzen und anerkennen, dass wir selbst die wichtigsten Menschen in unserem Leben sind. Wir können uns vom Mythos abkehren und dürfen Schwäche zeigen. Wir können lernen, wieder auf unseren Körper zu hören und die Signale wahrzunehmen, statt sie zu bekämpfen. Wir können herausfinden, was wir selbst eigentlich wollen und was unsere Grundbedürfnisse sind. Wir können lernen, uns abzugrenzen und Nein zu sagen, wenn eine Grenze erreicht ist. Wir können regelmäßige ungestörte Pausen einfordern. Wir können uns einen Mentor für psychisch herausfordernde Fälle und einen Hausarzt suchen. Durch Achtsamkeit, Meditation und Yoga können wir die Stressantwort des Körpers regulieren. Atemübungen, Bewegung an der frischen Luft und die gezielte Steuerung der Gedanken schaffen eine emotionale Distanz in krisenhaften Situationen. Mittlerweile bieten auch gewisse Krankenkassen Stressbewältigungskurse an – auch online (höre dazu auch gerne mal in meinen Podcast rein).
Wir können klare Vorgaben des Arbeitgebers bei Krankheit einfordern und Ideen für Maßnahmen zur Gesundheit am Arbeitsplatz einbringen (wie z. B. Gruppentraining zur Verbesserung der Stressbewältigung, Angebote für Prävention). Wir können Entscheidungen treffen, anstatt abzuwarten: Kaum etwas setzt den Körper stärker unter Stress als Kontrollverlust und das Gefühl, machtlos zu sein. Doch genau in dieser Position verharren viele und wünschen sich einen Zauber, der sie aus der Situation befreit.
Dabei hast du in jedem Augenblick die Wahl: Du kannst aus der Opferhaltung aussteigen, wieder Verantwortung übernehmen und aktiv werden. Anzufangen und einen Plan zu erstellen lässt positivere Gefühle frei als das Ausharren in der Opferhaltung.
Der Burn-out-Prozess im Klinikalltag
In letzter Zeit gibt es viele Berichte darüber, wie es heutzutage in einigen Krankenhäusern läuft. Ich habe es selbst miterlebt, und da ich nicht den Eindruck habe, dass sich die Zustände in den Klinken verbessern, möchte ich gern mal genauer auf die Situation eingehen. Ich habe vor einiger Zeit einen Spiegel-Artikel gelesen, der mich bis heute sehr bewegt. Es geht darin um eine junge Ärztin, die gerade in der Inneren Medizin auf der Notaufnahme angefangen hatte und von ihrem Klinikalltag berichtete. Insgesamt kommt rüber, dass sie überhaupt nicht zufrieden ist, schon der Titel sagt alles: »Was für eine Ärztin bin ich bloß geworden?«4
Aus meiner Sicht liest sich der Artikel auszugsweise wie einzelne Phasen eines Burn-out-Prozesses. Dieser ist in verschiedene Phasen gegliedert:
Phase 1: Freundlichkeit/(Über-)Idealismus
Phase 2: Überforderung (die meist nicht wahrgenommen wird)
Phase 3: Geringer werdende Freundlichkeit
Phase 4: Schuldgefühle
Phase 5: Vermehrte Anstrengung
Phase 6: Erfolglosigkeit
Phase 7: Hilflosigkeit
Phase 8: Hoffnungslosigkeit
Phase 9: Erschöpfung, Abneigung gegen Patienten, Mitarbeiter
Phase 10: Burn-out-Syndrom mit Selbstbeschuldigung, psychosomatischen Reaktionen und Fehlzeiten
Ich möchte diesen Prozess anhand des Artikels exemplarisch nachzeichnen. Der Name der Ärztin wird in dem Artikel übrigens nicht genannt, was dafür sprechen könnte, dass es ihr peinlich ist und/oder dass sie berufliche Nachteile fürchtet. Ich glaube, vielen Ärzten ist es unangenehm, Schwäche zuzugeben. Das kann ich vollkommen verstehen. Mir ging es ja auch jahrelang so. Ich freue mich einfach nur, dass sie sich überhaupt getraut hat, diesen Artikel zu veröffentlichen.
Als Erstes haben wir die Freundlichkeit (Phase 1): Es ist die Rede von einer jungen, optimistischen, enthusiastischen Ärztin, die frisch vom Studium kommt und eine gute Internistin werden will. Weiterhin schildert sie, dass sie nach einem Jahr Klinikalltag schon völlig desillusioniert ist.
Nach dem ersten Jahr geht es schon über in Phase 2, die Überforderung, die dann meist nicht wahrgenommen wird. Die junge Frau spricht von ihrem 24-Stunden-Dienst, der eigentlich ein Bereitschaftsdienst ist, in dem sie voll zu tun hat. Es ist nämlich so, dass sie nach dem regulären Arbeitstag als Stationsärztin noch bis zum nächsten Tag bleibt. Sie hat in dieser Zeit in der Notaufnahme sieben Patienten aufzunehmen, und gleichzeitig ist sie zuständig für mehrere Normalstationen mit über Hundert Patienten – und das wohlgemerkt als Berufsanfängerin. Da kann, glaube ich, jeder verstehen, dass sie damit überfordert ist. Diese Überforderung wird meistens auch zu spät wahrgenommen, denn erstens gibt es aufgrund des Personalmangels ja niemanden, der ihr helfen könnte, und zweitens könnte ich mir vorstellen, dass da ein Gefühl mitspielt von: Es muss doch gehen! Die Kollegen schaffen es doch auch! Stell dich nicht so an! Weiter spricht sie dann von einem ganz normalen Arbeitstag, an dem sie eine Notiz erhält, dass der Kollege krank sei. Sie hat also für 24 Patienten eine Stunde Zeit für die Visite.
Die junge Ärztin benutzt Worte wie »kämpft sich allein durch« und »hechelt sich durch die Visite«, was auch auf absolute Überforderung hinweist. Gleichzeitig entsteht Frust, denn für ein nettes Wort oder den Kontakt zu den Patienten bleibt kaum Zeit. Und bei einem Notfall auf Station (EKG-Veränderungen im Sinne eines Herzinfarktes) bekommt sie keinen Oberarzt zu fassen, weil gerade keiner Zeit hat. Hier hört man die Hilflosigkeit heraus: »Irgendwer muss mir doch helfen können?«
Nicht einmal die Schwestern kann die Frau fragen, denn die sind auch knapp besetzt und noch beim Waschen der Patienten.
Die Betroffene ergreift die Initiative und bringt den Patienten allein auf die Überwachungsstation. Sie benutzt Begriffe wie »abschieben«, das zeigt, dass sie Schuldgefühle entwickelt hat, also dass sie gern geholfen hätte, aber es in dem Moment als Anfängerin nicht allein konnte.
Nun kommen wir auch schon in Phase 3 der geringer werdenden Freundlichkeit. Die Ärztin schreibt, dass auf der Station Angehörige auf sie warten, weinen und mit ihr über Patienten sprechen wollen – an und für sich sehr wichtige Gespräche, wofür sie aber überhaupt keine Zeit hat, denn Visite und Notfälle haben Priorität.
Und nun zu Phase 4, den Schuldgefühlen: Die junge Frau schließt sich im Arztzimmer ein und weint. »Was für eine Ärztin bin ich geworden?« Keine Zeit mehr für Arzt-Patienten-Kontakt. Keine Zeit für Angehörige. Keine Zeit mehr für zwischenmenschliche Beziehungen. All das, was wesentlich zur Gesundung beiträgt, bleibt auf der Strecke. Weiter schreibt sie, dass sie die fleißig mithelfende Studentin, die noch im Lernprozess ist, bei Fragen immer wieder auf morgen vertröstet. Somit wird auch die Weiterbildung vernachlässigt. Und auch hier merkt man wieder die Schuldgefühle.
Jetzt kommen wir zu Phase 5 und 6, also vermehrter Anstrengung und Erfolglosigkeit. Bei der Visite fragt der Chef, warum ein 94-jähriger Patient noch nicht entlassen sei (dieser Patient hatte Schmerzen und konnte noch nicht allein nach Hause zurück).
Die Ärztin schreibt: Es geht nicht darum, gute Medizin zu machen, sondern viele Patienten durchzuschleusen und gute Zahlen zu bringen. Hier entsteht das Gefühl der Sinnlosigkeit und die Einschätzung, dass ihre Anstrengungen und Bemühungen umsonst sind.
Und es kommt zur 7. und 8. Phase der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Sie schreibt: »Irgendwer muss mir doch helfen?«
Ein Kollege gibt ihr den Tipp, ihren Idealismus aufzugeben und sich ein dickes Fell zuzulegen. Das entspricht aber nicht ihrer Persönlichkeit, denn sie schreibt, dass sie es schrecklich findet, wenn sie bei den Aufnahmeuntersuchungen einfach die Fußpulse nicht tastet, weil für An- und Ausziehen keine Zeit da ist. In dieser Phase der Hilf- und Hoffnungslosigkeit befindet sich unsere junge Kollegin und überlegt, was sie tun soll. »Ist es das wert?« Sie suche einen Kompromiss, bei dem sie ihre Ideale nicht aufgeben muss. Sie liebe ihren Beruf, will aber weder Gesundheit noch Privatleben opfern.
Dieser Artikel spiegelt auch aus meiner Erfahrung und den Schilderungen anderer Kollegen und Kolleginnen sehr gut die Situation wider, wie es heutzutage in einigen Kliniken abläuft.
Gerätemedizin und Ökonomie
Heute kann ich ganz gut benennen, was mich in der Klinikzeit frustriert hat: Durch die zunehmende Technisierung wird die Schulmedizin teilweise zu einer reinen Gerätemedizin. Oft konnte ich trotz ausgeklügelter Diagnostikmethoden den Menschen nicht helfen. Ich war damals in der Chirurgie tätig. Ob ich nun da war oder nicht, es wurde doch jedes Wehwehchen zum Röntgen, MRT oder CT geschickt, was dann teilweise überhaupt keine Konsequenzen hatte. Den Patienten ging es dadurch nicht besser. Es geht hier nicht um Traumata oder Frakturen, die natürlich in der Akutmedizin direkt diagnostiziert und behandelt gehören, es geht hier um kleine Beschwerden, die jeder mal hat, die aber auch durch eine MRT-Diagnostik nicht besser werden. Und das frustrierte mich sehr. Der Sinn fehlte. Die für die Gesundung so wichtige Arzt-Patienten-Beziehung blieb auf der Strecke.
Das heutige System wird den Anforderungen vor Ort nicht gerecht. Durch den demografischen Wandel kommt es zu immer mehr Patienten mit immer komplexeren Krankheitsbildern. Bei gleichzeitig bestehendem Fachkräftemangel (besonders auf dem Land) steht das medizinische Personal zunehmend unter Druck und wird zunehmend in die Situation gebracht, immer mehr zu hetzen und nicht genug Zeit für den einzelnen Patienten zu haben. Das Ganze mündet dann in einer reinen Symptombehandlung. Die wahre Ursache schlummert aber weiter im Tiefen vor sich hin, um dann in den nächsten zwei Wochen durch ähnliche oder andere Symptome wieder auszubrechen.
Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass ich eine gewisse Sensibilität besitze, die in dem System der ökonomisierten Medizin keinen Platz hat. In den Kliniken geht es teilweise hart und geschäftsmäßig zu. Ich kann nur davon sprechen, was ich erlebt habe. Das hat mir nicht gutgetan. Ich habe damals meine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt und mich selbst »krank gemacht«. Ich glaube, dass viele andere Ärzte und Pfleger auch sehr unter den Bedingungen leiden. Meines Erachtens sollte eine Atmosphäre geschaffen werden, in der Arzt und Patient gesund werden und bleiben können, in der statt Stress Ruhe herrscht und in der Gesundheit entstehen kann.
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Ich möchte hier einen kleinen Einblick geben, wie ich zur TCM gekommen bin und sie zum Nutzen meiner Patienten mit der Schulmedizin verbinde. In der reinen Schulmedizin hat mir etwas gefehlt. Oftmals kamen Patienten mit Befindlichkeitsstörungen, die ich so nicht einordnen und daher nur unzureichend behandeln konnte. Für diese Befindlichkeitsstörungen wie beispielsweise Stuhlunregelmäßigkeiten oder Juckreiz gibt es in der Schulmedizin keine Therapieansätze. Oftmals werden Patienten dann als »gesund« nach Hause entlassen, weil laborchemisch und untersuchungstechnisch nichts zu finden ist. Das frustriert beide Seiten. Mein Patient stellt sich selbst infrage, nimmt den Gedanken an, »er bilde sich seine Symptome bloß ein«, und beginnt daraufhin, an seiner Selbstwahrnehmung zu zweifeln. Das Vertrauen in den eigenen Körper bröckelt.
STOPP! Wenn wir unseren Patienten wirklich helfen wollen, dann sollten wir sie in ihrer Selbstwahrnehmung und Eigenverantwortlichkeit schulen, damit sie langfristig gesund bleiben und unabhängig werden. Und genau hier setzt die Traditionelle Chinesische Medizin an. Befindlichkeitsstörungen können anhand Anamnese und Diagnostik benannt und behandelt werden. Es gibt eine Erklärung für jegliches Unwohlsein. Der Patient fühlt sich ernst genommen und verstanden und kann selbst lernen, wie er in Zukunft solche Situationen eigenständig angeht.
Chinesische Medizin behandelt, damit der Körper nicht zu sehr ins Ungleichgewicht kommt. Bei Krankheiten, die die westliche Medizin behandelt, ist es meist schon zu spät, d. h. das Ungleichgewicht ist schon so stark, dass eine Krankheit entstanden ist.
Im Rahmen der TCM werden also die eigene Wahrnehmung und damit die Selbstverantwortung geschult. Wenn die Menschen verstehen, wie der Körper funktioniert, können sie besser mit ihm zusammenarbeiten. Sie bekommen ein Gefühl dafür, was ihnen guttut und was nicht, damit sie dem nächsten Ungleichgewicht früher entgegensteuern können.
»Handle, bevor die Dinge da sind. Ordne sie, bevor die Verwirrung beginnt.«5
Laotse
Das Medizinsystem hier bei uns im Westen ist das System der naturwissenschaftlichen Schulmedizin. Es ist das an den Universitäten gelehrte und in den meisten Praxen ausgeübte System. Es ist mehrere Hundert Jahre alt, ein wesentlicher Mitbegründer war im 19. Jahrhundert der Arzt Rudolf Virchow, der Krankheiten auf die kleinste bekannte Ebene zurückführte, nämlich die Zelle. Durch das Sezieren verstorbener Menschen im Krieg wurde der menschliche Körper aufs Genaueste untersucht, und es entstand die Anatomie. Der Körper wurde als komplexe Maschine dargestellt, die aus verschiedenen Einzelteilen besteht. Diese Einzelteile hatten Normwerte, die mit abweichenden Werten von erkrankten Menschen verglichen wurden. Eine schulmedizinische Diagnose wurde gestellt, wenn die subjektiven Symptome des Patienten in einen objektiv messbaren Wert überführt und dargestellt werden konnten. Dafür standen diverse gut ausgeklügelte medizinische Apparate zur Verfügung. Mit der industriellen Revolution ermöglichten fortschreitende technologische Entwicklungen ein immer breiteres Verständnis der Strukturen des Körpers und seiner physiologischen, biologischen und genetischen Funktion.
Das Weltbild ist anatomisch-mechanisch, und es wird davon ausgegangen, dass das Verstehen und Manipulieren einer kleinen Einheit der richtige medizinische Ansatz ist. Die naturwissenschaftliche Medizin hat große Leistungen für die Gesundheit der Welt erbracht. Der finanzielle und wissenschaftliche Aufwand stellt unser Gesundheitssystem allerdings vor große Probleme. Gleichzeitig wächst die Zahl der chronischen Krankheiten, denen diese Medizin nur unzureichend helfen kann.
Die TCM ist eine über 2000 Jahre alte gut überlieferte Wissenschaft. Sie ist ein gut etabliertes System aus Wissen und praktischer Erfahrung, in dem über Jahrhunderte gesammelte empirische Beobachtungen mit daoistischen Theorien verknüpft wurden.
Die Vorstellungen der chinesischen Physiologie sind stark dadurch charakterisiert, dass anatomische Sektionen im alten China verboten waren. Daher beruhen die Erkenntnisse auf genauesten Beobachtungen von Funktionen, die durch naturphilosophische Hypothesensysteme verknüpft waren.
Manches an diesem System der chinesischen Medizin erscheint vom westlichen Wissensstand aus zunächst unverständlich – aber gerade durch die Konzentration auf die Betrachtung von Funktionen entstand auch eine Verfeinerung und Vertiefung der vorhandenen Beobachtungsmöglichkeiten. Das Modell der TCM ist in sich logisch und befähigt den Arzt, Symptome zu klassifizieren, Diagnosen zu stellen und Therapien vorzunehmen. Die chinesischen Ärzte der Antike sahen in ihrem naturphilosophisch orientierten daoistischen Weltbild6 den Menschen als Bestandteil der Natur in einer intensiven Wechselbeziehung zu seiner Umwelt. Die Natur befindet sich im ständigen Wandel, in fortwährender Bewegung, Veränderung und Umwandlung. So verändert sich die Vegetation abhängig von den Jahreszeiten in immer wiederkehrenden dynamischen Zyklen. Ähnlich durchläuft der Mensch in seinem Leben periodische Entwicklungsphasen von der Geburt über Wachstum und Reifung bis zum Tod.
Die TCM basiert auf fünf Säulen, die alle dieselben Grundlagen benutzen:
Akupunktur
Kräuterlehre
Ernährungslehre
Qi Gong (Bewegungs- und Atemtechnik)
Tuina (Massagetechnik)
Es ist ein gutes frühes Beispiel für interdisziplinäre Medizin, denn diese einzelnen Therapieformen greifen ineinander. Gleichzeitig wird der Patient in Ernährungs- und Bewegungslehre mit einbezogen und geschult, sodass die Eigenverantwortlichkeit gefördert wird.
Yin und Yang

Ein wichtiges Grundprinzip, auf das alles zurückzuführen ist, ist die Polarität von Yin und Yang.
Yang (die weiße Fläche des Symbols) bezeichnet das Männliche, das Aktive, die Sonne, die Hitze, den Tag und die Erregung, es hat energetische Qualitäten, z. B. Bewegung, Yin (die schwarze Fläche des Symbols) wird assoziiert mit dem Weiblichen, dem Mond, der Ruhe, dem Stillstand, der Dunkelheit, der Kälte, dem Empfangen und dem Nähren – es hat eher inaktive Qualitäten. Es sind zwar Gegensatzpaare, aber nichts ist absolut. Yang oder Yin, ihr Gegensatz ist eher relativ. Yin und Yang lösen einander in rhythmischem Wechsel ab, so wechselt Tag mit Nacht, Sommer mit Winter und Wachstum mit Verfall. Außerdem sind es Wechselbeziehungen, d. h. das eine kann nicht ohne das andere existieren, sie nähren einander und bilden ein dynamisches Gleichgewicht. So kann der Tag nicht ohne die Nacht sein, und es gibt keine Aktivität ohne Ruhe und keine Einatmung ohne Ausatmung. Sie wandeln sich ineinander, wechseln sich ab, wachsen in zyklischer und balancierter Art und Weise und erreichen einen ausgewogenen Zustand durch gegenseitige Kontrolle und Beeinflussung. Der Wechsel der Jahreszeiten illustriert dieses Konzept ganz gut. Außerdem besagt die Yin-und-Yang-Lehre, dass alle Lebewesen und Dinge jeweils einen gegensätzlichen Yin-Yang-Aspekt enthalten. So enthält jede Frau einen männlichen Anteil und jeder Mann einen weiblichen Anteil.
Insgesamt zeigt das Symbol von Yin und Yang diesen Zustand ganz schön. Sie wandeln sich ineinander um, und in jedem steckt ein Stück des anderen. Gesundheit wird als harmonisches Zusammenspiel von Yin und Yang aufgefasst und Krankheit als eine Störung des harmonischen Zusammenwirkens.
Qi
Das Qi ist die strömende Energie, die in jedem Lebewesen innewohnt. Im menschlichen Körper sammelt sich das Qi in den Organen und fließt auf sogenannten Leitbahnen (Meridianen), also unsichtbaren Verbindungen von Kopf bis Fuß. Solange ausreichend Qi vorhanden und der Fluss ungestört ist, besteht Gesundheit.
Jede Stagnation des Flusses der Lebensenergie führt zu Störungen der Lebensvorgänge und macht sich durch Körpersignale oder Symptome wie Schmerz bemerkbar. Vollständiger Stillstand des Qi-Flusses bedeutet den Tod. Nach chinesischer Vorstellung beruhen die meisten Erkrankungen auf Störungen im Fließen von Qi. Entweder liegt eine Fülle oder eine Schwäche der Lebensenergie in den Organsystemen und Meridianen vor. Auch eine Blockade oder Stagnation des Qi in den Meridianen ist möglich.
Durch das Setzen der Akupunkturnadeln an die richtigen Punkte auf den Meridianen kann die Energie wieder ins Fließen gebracht werden und damit wieder ein Gleichgewicht entstehen.
Unterschiede und Ergänzungen von »West und Ost«
Meines Erachtens gibt es vier wesentliche Unterschiede zwischen der westlichen und der chinesischen Medizin:
Fachspezialisierung versus Ganzheitlichkeit
Unterdrückung und Bekämpfung versus Beobachtung und Wahrnehmung
Reparatur versus ständiges Austarieren und damit Ursachenbehebung
Junges naturwissenschaftliches Gesundheitssystem versus altes empirisch-philosophisches Gesundheitssystem
In der westlichen Schulmedizin wird der menschliche Körper oftmals wie eine Maschine behandelt, die es gilt, wieder zum »Funktionieren« zu bringen. Für jedes Teil gibt es ein besonderes Fachgebiet, das sich ausschließlich auf einen Bereich spezialisiert. So werden »alte« oder »verschlissene« Teile ausgetauscht. Man kann die Krankenhäuser mit Automobilwerkstätten vergleichen: Wenn am Auto etwas nicht stimmt, wird es in die Werkstatt gebracht, um das defekte Teil zu ersetzen. Die volle Aufmerksamkeit gilt dabei der Reparatur. Signale des Körpers werden durch Tabletten unterdrückt. Die eigentliche Ursache bleibt im Dunklen, um nach einiger Zeit durch wiederholte Probleme erneut Aufmerksamkeit zu erregen.
In der TCM wird der Körper als komplexes Ganzes gesehen – und zwar in Verbindung mit der Psyche und der Umwelt. Hier liegt der Schwerpunkt nicht auf der Reparatur, sondern auf dem Beobachten der Veränderungen. Die TCM sieht Krankheit nicht als absolutes unwegsames Ereignis, das es zu bekämpfen gilt. Nichts ist absolut – Gesundheit und Krankheit sind vielmehr relative Zustände. Niemand ist absolut gesund oder absolut krank, in jedem Organismus gibt es gesunde und weniger gesunde Anteile. Es existiert das Bild eines Gleichgewichtes, das ständig ausbalanciert wird. Wenn hier ein Ungleichgewicht entsteht, das nicht behoben wird, entsteht ein Signal. Der menschliche Körper ist unglaublich intelligent. Keine Technik kann ersetzen, was die Natur erschaffen und die Evolution jahrzehntelang geprägt hat. Der Körper sendet diese drohende Dysbalance als eine Sinneswahrnehmung an die eigenen Zellen zurück. Dieses Signal wird entweder gehört und dann behoben (physiologischer, normaler Zustand) oder unterdrückt (wenn wir nicht in Kontakt mit unserem Körper sind).
Anstatt einen körperlichen Zustand zu bekämpfen, liegt der Fokus auf der Wahrnehmung, also dem Beobachten der aktuellen Situation und den Veränderungen unter der Behandlung. Dabei steht die subjektive Wahrnehmung des Patienten im Vordergrund. Die Gesetzmäßigkeiten, die in der Natur erkannt werden (Makrokosmos), gelten auch für den Menschen (Mikrokosmos). Dabei arbeitet der chinesische Arzt oft mit blumigen Bildern und macht die ärztliche Tätigkeit zu einer Kunstform. Es gibt keine Fachgebiete – alles (Körperempfindungen, Sinneswahrnehmungen, Emotionen, Beziehungen zur Umwelt und Mitmenschen) gehört zum System dazu und wird einbezogen. Die chinesische Medizin ist nicht nur ein System zur Behandlung von Krankheiten, sondern eine Philosophie, also eine Lebensschule. Ein bedeutender Satz lautet: »Das Qi, also die Energie, folgt der Aufmerksamkeit.«7 Das Qi ist die Energie, die allem Lebendigen innewohnt. Die Aufmerksamkeit ist das Bewusstsein im Hier und Jetzt. Das Hier und Jetzt ist das Einzige, was wir wirklich besitzen und in dem wir wirklich etwas ändern können.
Wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit bei Dingen sind, die uns nicht guttun, dann verstärken wir unser Unwohlsein. Wenn wir stattdessen mit unserer Aufmerksamkeit Dingen folgen, die uns wohltun, dann lenken wir unsere Aufmerksamkeit – und damit das Qi – auf den erwünschten Zustand. Dieses Gesetz können wir auf alle Lebensbereiche anwenden und damit einen entscheidenden Beitrag für unser Wohlbefinden leisten.
Vorteile von westlicher Medizin und TCM
Das System profitiert vom hohen technischen Standard. In Notfall- und Akutsituationen fungiert es als beste und schnellste Versorgung zur Lebenserhaltung. Durch wissenschaftliche Erhebungen von Daten können Ergebnisse objektiv dargestellt werden. Die TCM profitiert von der Ganzheitlichkeit. Alle Symptome werden mit in die Befunderhebung einbezogen – von Emotionen über Sinnesempfindungen bis hin zu Stuhlunregelmäßigkeiten. Alles hängt miteinander zusammen. Während die Schulmedizin den menschlichen Organismus in Körper, Geist und Seele aufteilt und ein somatisches von einem psychischen Kranksein unterscheidet, gibt es in der TCM keine Trennung von Körper, Geist und Seele. Als Patient lernt man seinen Körper besser kennen, die Wahrnehmung und damit die Eigenverantwortlichkeit werden geschult. Ich bringe meinen Patienten bei, wie sie aus einem Zustand des Ungleichgewichts wieder in einen Zustand des Gleichgewichts kommen, indem Kleinigkeiten im Alltag verändert werden. Während die westliche Medizin in Akut- und Notfallmedizin und allen operativen Fächern brilliert, ersetzt die Herangehensweise der TCM das fehlende Bruchstück in unserem heutigen Gesundheitssystem.
Chinesische Medizin beginnt schon bei Befindlichkeitsstörungen, die in der klassischen Schulmedizin keine Beachtung finden. Für diese Befindlichkeitsstörungen gibt es weder eine Berechtigung noch eine Herangehensweise. Dadurch kommt es zu Frust, unnötigen Klinikaufenthalten und Tabletteneinnahmen. Der Patient fühlt sich nicht verstanden und gesehen – und der Arzt fühlt sich hilflos und ist überfordert, weil er für derartige Befindlichkeitsstörungen keine Herangehensweise gelernt hat.
Bei wachsender Anzahl von Patienten mit derartigen Beschwerden darf diesem Bereich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Hier können wir Ansetzen mit neuen Modellen einer eigenverantwortlichen Medizin, bei der jeder Einzelne selbst Verantwortung für sein Wohlbefinden übernimmt. Zielführend ist dabei die Schulung des eigenen Körperbewusstseins, um Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen und Ursachen- und Wirkungszusammenhänge zu erkennen. Dabei wird auch unser Gesundheitssystem entlastet, da viele Patienten nun bei kurzweiligen Beschwerden zunehmend eigenverantwortlich agieren, die Verstopfungen in den Notaufnahmen gelöst werden und die Ärzte sich wieder den wirklichen Notfällen widmen können.
Ein Zusammenarbeiten von chinesischer und westlicher Medizin wäre daher optimal geeignet, um die Probleme, vor denen wir derzeit stehen, zu lösen. Dabei sehe ich die herausragenden Fähigkeiten der Schulmedizin in der Akut- und Notfallversorgung, während bei chronischen Erkrankungen die Traditionelle Chinesische Medizin mit ins Boot geholt werden darf. Ich assoziiere die westliche Medizin mit der fortschrittlichen Technik und dem sofortigen Eingreifen gern mit Yang, während die Traditionelle Chinesische Medizin mit all ihren feinsten Beobachtungen den Gegenpol, nämlich Yin, darstellt. Das heißt: Gerade durch die Kombination beider Medizinsysteme und Denkansätze können wir unsere Patienten optimal versorgen.
Die Informationen dieses Buches dienen der Selbsterkenntnis, stärken die Selbstheilungskräfte und ermächtigen Sie, in die Eigenverantwortung zu kommen. Sie können ärztlichen Rat, Diagnose und Behandlung nicht ersetzen. Bitte konsultieren Sie bei ernsthaften gesundheitlichen Beschwerden in jedem Fall einen Arzt oder eine Ärztin. Eine Haftung der Autorin oder des Verlages für etwaige Schäden, die sich aus dem Gebrauch oder Missbrauch des in diesem Buch präsentierten Materials ergeben, ist ausgeschlossen.
Weiblichkeit in der Medizin
In der Wirtschaft geht es grundsätzlich um Wachstum, Effektivität und Effizienz. Diese ökonomischen Prinzipien sind durch die Privatisierung auch in den Krankenhäusern angekommen. Es regiert nicht mehr die Menschlichkeit, sondern die Ökonomie. Nach meiner Einschätzung wird der Heilungsprozess dadurch maßgeblich gestört.
Diese wirtschaftlichen Prinzipien kann man im Sinne der TCM dem Yang bzw. dem Männlichen zuordnen. Was jedoch in diesem System zu kurz kommt, ist das Yin, also das Weibliche, die Fürsorge, die Warmherzigkeit.
Wie kann in einem solchen Umfeld ohne diese wesentlichen Bausteine Gesundheit entstehen?
Ich sehe da ein Ungleichgewicht, welches wieder ausgeglichen werden sollte. Ich wünsche mir wieder mehr Yin in der Medizin. Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin kann alles auf die Dualität von Yin und Yang zurückgeführt werden. Yin steht dabei für die Weiblichkeit, die Dunkelheit, die Nacht, den Mond, die Ruhe, das Empfangen, die Gefühlswelt, das Vertrauen und das Spirituelle (→ auch Seite 35 ff.). Auch der Gedanke, dass Heilung ihre Zeit braucht, ist Yin. Leider ist diese Ansicht heutzutage wenig verbreitet. Genau wie eine Schwangerschaft ihre Zeit braucht, in der das Kind heranwächst, ist auch Heilung immer ein Prozess. Der erste Impuls ist wie ein Startsignal, danach folgt ein Prozess, der bei jedem Menschen unterschiedlich lange dauert. Yin bezeichnet den Gedanken, dass wir keine Maschinen sind, sondern Lebewesen. Lebewesen haben Gefühle, und diese Gefühle sollten nicht unterdrückt werden.
Durch die heutige Leistungsgesellschaft ist uns anerzogen, dass Gefühle schlecht sind. Anstatt die Gefühle frei fließen zu lassen, lernen wir, unsere Gefühle zu unterdrücken und unter den Teppich zu kehren. Was dann passiert, ist Folgendes: Entweder sammelt sich so viel eines bestimmten Gefühls in uns an, dass am Ende ein kleiner Tropfen genügt, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Oder aber die Gefühle werden im Körper gespeichert und führen dazu, dass sich unser Energiefeld negativ verändert. Das kann langfristig gesehen Krankheiten hervorrufen.
»Wenn die Seele weint und der Mund schweigt, spricht der Körper«,8 so der Coach und Vortragsredner Maxim Mankevich. Dieses Zitat bringt die Problematik noch einmal auf den Punkt. Wenn wir unsere Gefühle unterdrücken, drückt der Körper diese Gefühle über Symptome aus.
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