Kitabı oxu: «Verwirklichung deiner Träume»

Şrift:


Dragos Bratasanu

Verwirklichung DEINER TRÄUME

Entdecke deine Kraft, folge deinem Herzen

Vorwort von Gregg Braden Autor des Bestsellers Mensch:Gemacht

Aus dem Amerikanischen von Miriam Mabée


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Amerikanische Originalausgabe:

The Pursuit of Dreams. Claim Your Power,Follow Your Heart and Fulfill Your Destiny

Deutscher Erstdruck im AMRA Verlag

Auf der Reitbahn 8, D-63452 Hanau

Hotline: + 49 (0) 61 81 – 18 93 92

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Herausgeber & Lektor Michael Nagula
Einbandgestaltung Guter Punkt
Layout & Satz Birgit Letsch
Autorenfoto Bruce Hamilton
Druck CPI books GmbH

ISBN Printausgabe 978-3-95447-409-7

ISBN eBook 978-3-95447-410-3

Copyright Content © 2018 by Dragos Bratasanu

Originally published by Hay House Inc., UK/USA

Copyright German Rights © 2022 by AMRA Verlag

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Inhalt

Vorwort von Gregg Braden

Vorbemerkung des Autors

Erster Teil Lebe in der Wahrheit

1 In dieser Stadt lächelt niemand mehr

2 Eine Nacht in Transsilvanien mit dem Vater des Hubble-Weltraumteleskops I

3 Eine Nacht in Transsilvanien mit dem Vater des Hubble-Weltraumteleskops II

4 Die tragische Geschichte davon, »wer man wirklich ist«

5 Es fällt nicht leicht, aufrichtig zu sein

Zweiter Teil Verwirkliche deinen Traum

6 Jung, pleite, verrückt und verliebt

7 Die Reise nach Norden, die Reise nach Süden

8 Lass dein Denken nicht vom Gemüt eines Schafs bestimmen

9 Der Atem des Lebens

10 Letzter Aufruf zum Einsteigen

Dritter Teil Gehe deinen Weg im Licht der Wahrheit

11 Süßigkeiten im Himalaja

12 Bevor alles in Bewegung gerät, müssen wir erst einmal anfangen

13 Löcher in den Taschen

14 Löcher im Herzen

15 Gefahren der Selbsthilfe

16 Die Durchquerung von Ödland

17 Halleluja

18 Die Heilsbotschaft nach Ray

19 Der Sinn des Lebens

20 Wie man Wissenschaft, Lebenssinn, Liebe und das Unmögliche miteinander verbindet

Nachwort

Arbeitsteil

Bibliografie

Danksagung

Stimmen zum Buch

Für Anca

Vorwort

Das Buch, das Sie bald erkunden werden, ist mehr als eine Sammlung verblüffender Geschichten und mitreißender Lektionen des Lebens. Verwirklichung deiner Träume enthält einen eleganten Schlüsseltext, nämlich ein zukunftsweisendes, das Bewusstsein veränderndes »Denkprogramm«, das Ihren größten Träumen und Leidenschaften Leben einhauchen kann. In diesem unterhaltsamen Buch – einer perfekten Mischung aus abenteuerlichen Geschichten und einer sehr persönlich gehaltenen Biografie – erzählt Dragos Bratasanu von seinem Leben in Osteuropa und der Verfolgung dessen, was ihn so leidenschaftlich beschäftigte, bis seine aus tiefstem Herzen kommenden Träume schließlich den Platz seines bisherigen Lebenskampfes einnehmen konnten. Und damit beginnt der Zauber dieses Buches!

Während Ihre Augen die Worte in sich aufnehmen, entzünden diese den Tanz des Lichts in Ihrem Gehirn und öffnen die Schleuse zu den Überzeugungen, die Sie am meisten stärken werden. Genau an diesem Wegekreuz, wo das eigene Bewusstsein den Erfahrungen eines anderen Menschen begegnet, verändern sich unsere Vorstellungen von dem, was in unserem Leben möglich ist. Und wenn das geschieht, setzen wir die Wandlung im Gehirn in Gang, die nötig ist, um unsere eigenen Träume zu verwirklichen. Das alles beruht auf grundsolider Wissenschaft, wie ich gleich verdeutlichen werde.

Die Kraft, das Unmögliche zu sehen

Am 26. Juli 1852 erreichte der britische Kurzstreckenläufer Charles Westhall etwas, das man bis dahin für unmöglich gehalten hatte. Trotz eines Platzregens bewältigte Westhall die Londoner Rennstrecke von einer Meile (1.609 Metern) in der offiziell gestoppten fantastischen Zeit von 4 Minuten und 28 Sekunden. Sein Rekord wurde Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zwar einunddreißig Mal gebrochen, doch jeder neue Rekord lag nur knapp unter Westhalls Zeit. Keinem Läufer gelang es, die Vier-Minuten-Zeit zu unterschreiten. Mehr als einhundert Jahre lang nahm man an – man glaubte und akzeptierte es –, dass kein Mensch die Strecke von einer Meile schneller als in vier Minuten laufen kann. Es hieß, die menschlichen Knochen und Muskeln seien einfach nicht so beschaffen, den menschlichen Körper schneller vorwärts zu tragen. Und dann geschah am 6. Mai 1954 das Unmögliche.

An diesem Tag durchbrach der britische Kurzstreckenläufer Roger Bannister zum ersten Mal in der Geschichte der Leichtathletik die »nicht zu durchbrechende Vier-Minuten-Grenze« für die Laufstrecke von einer Meile. Er bewältigte sie nach offizieller Messung in der Glanzzeit von drei Minuten und 59,4 Sekunden und erschütterte damit alle früheren Überzeugungen.

Insofern illustriert die Geschichte der Vier-Minuten-Grenze das Thema dieses Buches. Es dauerte zwar einhundertzwei Jahre, bis Bannister den ursprünglichen Rekord von 1852 für die Rennstrecke so durchbrach, dass er die vier Minuten unterschritt, doch nachdem das geschehen war, dauerte es nur noch 46 Tage, bis Bannisters Rekord gebrochen wurde. Diesmal brach ihn ein australischer Läufer namens John Landy mit einer Zeit von drei Minuten und 57,9 Sekunden für die Meile. Nicht nur war jetzt die Vier-Minuten-Grenze unterschritten, sondern das geschah sogar zweimal in nicht einmal sieben Wochen, und zwar mit einer weiteren Rekordzeit!

Wenn wir von Roger Bannisters ursprünglichem Rekord lesen und erfahren, dass dieser Rekord wieder und wieder gebrochen werden konnte, stellt sich die Frage: Was hatte sich so verändert, dass diese neuen Rekorde möglich wurden? Die offizielle Laufstrecke hatte sich nicht verändert – sie maß immer noch 5.280 Fuß. Auch die Körper der Läufer hatten sich nicht verändert – nach wie vor trainierten sie, ernährten und übten sich im Laufen wie im Vorjahr. Was sich tatsächlich verändert hatte, waren nur die Annahmen der Läufer, soweit sie das eigene Potenzial zur Bewältigung der Strecke von einer Meile betrafen. Erst nachdem dieser wirkmächtige Wandel im Denken eingesetzt hatte, konnten die Athleten ihre Träume in die Tat umsetzen – Träume davon, die schnellsten Menschen auf der Erde zu sein.

Der Schlüssel

Für die Annahme, dass etwas Neues in unserem Leben möglich ist, brauchen wir einen Auslöser, der unser Denken verändert – einen Grund für den Glauben, dass etwas anderes möglich ist. So ein Grund stand zur Verfügung, als die Grenze von vier Minuten Laufzeit für eine Strecke von einer Meile erstmals unterschritten wurde und andere Läufer Zeugen dieser Meisterleistung wurden. Sobald feststand, dass ein Mensch eine Meile tatsächlich in weniger als vier Minuten laufen kann, konnten auch andere Menschen ihre emotionale Skepsis überwinden und dasselbe vollbringen. Immer wieder wurden Rekorde gebrochen, manchmal sogar von denselben Menschen, die sie vorher geschaffen hatten.

Ich habe diese Geschichte hier erzählt, um eine wirkungsstarke Grundlage menschlichen Potenzials zu veranschaulichen. Der Schlüssel, der es ermöglichte, Roger Bannisters Rekord zu brechen, war (und ist) folgender: Wenn wir mit eigenen Augen sehen oder durch das geschriebene Wort erleben, dass ein anderer Mensch etwas, das wir früher für unmöglich gehalten haben, erreicht hat, befreit es uns dazu, dasselbe – und sogar noch mehr – zu tun.

Sobald wir akzeptieren, dass uns etwas möglich ist, und wir bereit sind, es anzupacken, setzen wir eine Kaskade emotionaler und körperlicher Prozesse in Gang, die unsere Haltung dazu unterstützen. Auf diese Weise überschreiten wir die Grenzen unserer Vergangenheit und bringen unser höchstes menschliches Potenzial ein.

Eine wissenschaftliche Entdeckung aus jüngerer Zeit verrät uns genau, wie dieses Prinzip funktioniert und welches Potenzial für unser Leben damit verbunden ist.

Aus Beobachtung wird Erlebnis

Im Jahr 2004 veröffentlichten italienische Wissenschaftler die Ergebnisse eines interessanten Forschungsprojekts. Darin beschreiben sie, warum der Lauf von Roger Bannister, der die alten Rekorde brach, eine so starke Wirkung auf andere Läufer hatte. Ihre Entdeckung, veröffentlicht in The Annual Review of Neuroscience, bestand darin, dass es im Gehirn sehr spezielle Zellen gibt, die sogenannten Spiegelneuronen.

Ein Spiegelneuron feuert als Reaktion auf zwei grundverschiedene Erlebnisse:

 dann, wenn wir selbst etwas erleben

 dann, wenn wir das Erlebnis eines anderen Menschen mitbekommen

Anders ausgedrückt: Diese wissenschaftliche Entdeckung offenbarte, dass unsere Gehirne zwischen einer Situation, in der wir selbst eine bestimmte Erfahrung machen, und einer Situation, in der wir einen anderen Menschen bei einer bestimmten Erfahrung beobachten, nicht unterscheidet! Aber wir brauchen eigentlich gar keinen Forschungsbericht dazu, diese Tatsache zu erkennen. Selbst ohne methodisches Verständnis dieser Mechanismen erleben wir selbst häufig die Wirkkraft von Spiegelneuronen – beispielsweise wenn wir an einem Sonntagnachmittag zu Hause einem Fußballspiel im Fernsehen zuschauen.

Auch wenn wir fast regungslos auf einem Sessel oder einer Couch sitzen, sind unsere Körper alles andere als ruhig und gelassen. Sportzuschauer zeigen oft solche Symptome, als wären sie selbst diejenigen, die das Spiel austragen: Symptome wie einen beschleunigten Herzschlag, angespannte Muskeln, schnelle Atmung und Schwitzen. Selbst wenn wir einem Spiel in der gemütlichen häuslichen Umgebung zusehen, ist es für unsere Spiegelneuronen so, als befänden wir uns auf dem Spielfeld.

Wenn wir etwas beobachten, miterleben oder lesen, mit dem wir uns vom Gefühl her identifizieren, setzen unsere Gehirne dieselben wirkmächtigen chemischen Stoffe frei (zum Beispiel Adrenalin, Endorphine, Dopamine und Serotonine), die sie auch freisetzen würden, wenn wir das, was wir sehen oder lesen, ganz real erleben würden.

Die Entdeckung von Spiegelneuronen erklärt, warum Verwirklichung deiner Träume ein so starkes Buch ist und so viel Potenzial für das tägliche Leben aufzeigt und enthält.

Wenn Sie Dr. Bratasanus Entdeckungsreise lesend nachvollziehen, feuern Ihre Spiegelneuronen so, als wären Sie diejenigen, die diese Erfahrungen machen – als wären sie diejenigen, die Barrieren durchbrechen, Anschauungen erschüttern und die eigenen Träume leben. Darin liegt die Kraft der folgenden Seiten. Diese Seiten laden Sie dazu ein, die Grenzen der eigenen Vergangenheit zu überschreiten, indem Sie die Geschichte eines Menschen miterleben, der die Grenzen seiner Vergangenheit überschritten hat.

Die Macht Ihres Traums

Jeder Mensch hat einen Traum. Manche von uns haben sehr große Träume: Sie möchten die Welt in gewaltigem Maße verändern. Andere von uns träumen einfach nur davon, einen anderen Menschen zu finden, der sie liebt und so akzeptiert, wie sie es sich ersehnen. Unabhängig von ihrem Ausmaß beeinflussen unsere Träume und die Überzeugungen, auf denen sie beruhen, alles: die Entscheidung für bestimmte Liebesaffären, die Wahl unserer Lebenspartner, die intimsten Augenblicke in unserem Leben, die Art, wie wir Probleme lösen, die berufliche Laufbahn, die wir einschlagen, wie gesund oder ungesund wir leben, unser Leben und unseren Tod.

Ja, wir alle träumen zwar, aber es stellt sich die Frage: Wie erwecken wir die Träume, die uns am meisten am Herzen liegen, zum Leben? Und wie können wir sie verwirklichen? In seinem Buch Verwirklichung deiner Träume beschreibt Dragos Bratasanu seinen Weg dorthin, genau das zu tun. Wie hat er es geschafft? Die Antwort darauf erwartet Sie auf den folgenden Seiten.

Gregg Braden

Autor von Mensch:Gemacht und Im Einklang mit der göttlichen Matrix

Liebe Freundinnen und Freunde,

glauben Sie, dass es jeder Mensch verdient, seine Träume verwirklichen zu können? Ich glaube es. Und da Sie nun dieses Buch in Ihren Händen halten, glaube ich, dass Sie genauso denken und empfinden.

Kennen Sie den Schmerz, einen Traum zu haben und nicht zu wissen, wie man ihn in Realität verwandeln kann?

Haben Sie auch schon die beklemmende Erfahrung gemacht, an einem Arbeitsplatz auszuharren, der das Leben aus Ihnen geradezu heraussaugt? Und dass Sie trotzdem alle möglichen Gründe dafür vorschieben, nicht kündigen zu können?

Haben Sie einen Traum, aber Angst davor, den Sprung ins Unbekannte zu tun und Ihre Leidenschaft zielstrebig in die Tat umzusetzen?

Haben Sie sich jemals dafür entschieden, lieber ein bequemes, sicheres Arbeitsverhältnis beizubehalten, auch wenn diese Arbeit eine Qual war und Ihnen nichts bedeutete, als der Stimme Ihres Herzens zu folgen?

In meinem Leben gab es Zeiten, in denen ich all diese Fragen bejaht hätte. Alle Gedanken und Qualen, die solche Entscheidungen mit sich bringen, kenne ich aus erster Hand. Aber so muss es nicht laufen.

In diesem Buch, das Sie jetzt lesen, geht es nicht darum, alles rosarot zu malen. Das Buch offenbart eine harte, nackte Wahrheit, die jeden von uns betrifft. Es handelt davon, warum und auf welche Weise Sie Ihre Träume zur Realität machen können – egal, an welchem Punkt Sie damit anfangen.

»Aber Sie kennen meine Situation ja gar nicht …«, mögen Sie jetzt sagen. Deshalb möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen.

Ich wuchs während der letzten Jahre des Kommunismus in Osteuropa auf. Es war eine Zeit, in der die Gebetszeile »Unser täglich Brot gib uns heute« wörtliche Bedeutung hatte. Täglich hatten Familien nur das Bezugsrecht auf einen einzigen Brotlaib. Als Student stand mir fünf Jahre lang nur ein monatliches Budget von umgerechnet hundert Dollar zur Verfügung. Mehr Geld konnten meine Eltern nicht für mein Studium aufbringen. Doch trotz aller Mängel und schlechten Bedingungen hatte Gott tief in meinem Herzen große Träume verankert, und er forderte mich immer wieder auf, sie zu entdecken.

Ich glaube, Sie haben dieses Buch ausgewählt, weil sie wahrscheinlich spüren, dass es in Ihrem Leben mehr geben muss als die Leere in Ihrem Herzen, eine Arbeit, die Ihnen nichts bedeutet, und das Warten auf das Wochenende. Es gibt so viel mehr!

An einem Tag, der genauso war wie jeder andere, tat ich den ersten Schritt zur Verwirklichung meiner Träume. Zunächst tat ich winzige Schritte, doch ich wagte jeden Tag ein bisschen mehr. Die Veränderung erfolgte nicht sofort, aber mein Leben nahm nach und nach eine grundsätzliche Wendung: von der Dunkelheit zum Licht, vom Tod zum Leben, vom Kummer zur Freude, von zerbrochenen Hoffnungen zu erfüllten Wünschen. Durch endlose Stunden der Arbeit wurden meine Träume – einer nach dem anderen – irgendwann wahr. Selbst wenn Sie nicht an Ihre Träume glauben: Keine Sorge, lesen Sie einfach weiter.

Als Student an der Universität zählte ich beinahe zur Gruppe der Versager. Jahr für Jahr hatte ich hart darum zu kämpfen, meine Prüfungen zu bestehen. Doch dann machte ich geradewegs meinen Doktor auf dem Gebiet der satellitengestützten Aufklärung und bekam mehrere Auszeichnungen für meine Innovationen innerhalb der Raumfahrttechnik. Meine Forschungen wurden in führenden Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht, und ich wurde für die Liste nominiert, die das Massachusetts Institute of Technology (MIT) für Innovatoren unter fünfunddreißig Jahren erstellte – eine sehr prestigeträchtige Anerkennung für die »hellsten Köpfe in Europa, die mit ihren Ideen die Gesellschaft verändern«. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass dann, wenn Gott dir Fähigkeiten verleiht, niemand dir diese Fähigkeiten aberkennen kann. Wenn Gott dir einen Traum schenkt, kann niemand dir diesen Traum nehmen – es sei denn, du selbst gibst ihn auf.

Meine Träume gewannen mit mir selbst an Stärke. Als ich Mitte zwanzig war, arbeitete und studierte ich bei den bekanntesten Leitern der NASA. Ich war als Techniker und Journalist bei der Simulation einer Mars-Mission dabei, die zukünftigen Flügen zum Roten Planeten den Weg bereitete.

Ohne jede Begleitung führte ich zwei Expeditionen durch: zum Nordpol und zum Südpol. In diesem Buch werden Sie entdecken, wie ich, nur einem Traum folgend, in die Arktis und Antarktis reiste. Und Sie werden erfahren, wie Sie diese Erkenntnisse dazu nutzen können, ihre eigenen Träume Wirklichkeit werden zu lassen.

In meinem späteren Leben ging es mit meiner beruflichen Karriere steil aufwärts und ich bekam eine tolle Stelle in der Welt der Unternehmen. Was mich antrieb, war jedoch eher der soziale Druck als eigene Überzeugungen. Ich begann mich auf den äußerlichen Erfolg statt auf meine inneren Träume zu konzentrieren und wurde blind für das, was in Wahrheit zählt. Wie großartig mein Leben von außen gesehen auch wirken mochte: Innerhalb dieses goldenen Käfigs revoltierte mein Herz und forderte mich auf, zu meinen Träumen zurückzukehren. Leider hörte ich nicht auf mein Herz und begann, meine Seele zu verlieren.

Ich tat alles, was man von mir erwartete, aber nichts, das ich wirklich tun wollte, und versank in einer tiefen Depression. Schließlich wurden die emotionalen Qualen unerträglich. Nachdem ich die Realität mehrere Jahre lang verleugnet hatte, wickelte ich, metaphorisch gesprochen, die Zeugnisse meiner akademischen Abschlüsse in luftdichte Folie ein und verstaute sie im Schrank. Ich verabschiedete mich von meiner Karriere in der Luft- und Raumfahrt, um das zu tun, was mir am wichtigsten war: Menschen dazu anzuregen, ihre Träume zu verwirklichen. Dabei musste ich wieder ganz von vorn anfangen – und ich tat es.

Um das, von dem ich träumte, zielgerichtet zu verfolgen, schrieb ich Bücher, produzierte Filme und half Menschen in aller Welt dabei, Teile ihres in Scherben gefallenen Lebens wieder zusammenzufügen. Aber vergessen Sie bitte nicht, was meine Startgrundlage war: Ursprünglich war ich ein Student in Osteuropa gewesen, ohne finanzielle Mittel und ohne Verbindungen. Ich erfüllte meine Träume nicht dadurch, dass mich irgendwelche besonderen Bedingungen dabei begünstigten, sondern nur dadurch, dass ich Tag für Tag winzige Schritte in das große Unbekannte tat.

Wenn Sie dazu bereit sind, Ihren Träumen eine Chance zu geben, wird dieses Buch Sie dabei unterstützen, diese Träume zu verwirklichen. Den eigenen Träumen zu folgen bedeutet, ein wahrhaftiges Leben zu führen. Das mag völlig selbstverständlich klingen, doch es ist – Ironie des Schicksals – das Schwierigste überhaupt in dieser unserer Welt.

Werfen Sie einen kurzen Blick in Ihr Inneres und denken Sie dabei über folgende Fragen nach:

 Was sagt die Stimme meines Herzens?

 Nach welchem Leben sehnt sich mein Herz?

 Lebe ich mein Leben aus der Liebe heraus?

 Bin ich Gott und mir selbst gegenüber ehrlich?

 Stehe ich dazu, wer ich wirklich bin und welche Träume ich habe?

 Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor Gott und er fragt Sie: »Hast du deine Bestimmung in der Welt erfüllt?« Was würden Sie antworten?

Die Wahrheit, die in Ihrem Herzen liegt, fordert Sie auf, Ihre Bestimmung zu erfüllen. Lassen Sie uns heute gemeinsam einen winzigen Schritt zur Realisierung Ihrer Träume tun. Das Ziel ist dabei, dass Sie Ihre Freiheit und Ihr Leben zurückgewinnen.

Selbst wenn Ihre Taschen leer sind: Wenden Sie sich dorthin, wo Ihre innere Erfüllung liegt. Wenn Sie dem eigenen Potenzial Geltung verschaffen und Ihrem Herzen folgen, werden alle Hindernisse, die Sie in der Ferne ausmachen können, verschwunden sein, sobald Sie dort ankommen.

Vielleicht haben Sie sich eine Karriere aufgebaut und Angst davor, wieder ganz von vorne anzufangen. Jesus fragte: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nehme doch Schaden an seiner Seele?« (Markus 8:36). Und als Mensch, der vor einiger Zeit einmal gewissermaßen seine Seele verlor, frage auch ich Sie: Was nützt Ihnen Ihre Karriere und der ganze materielle Besitz, wenn Sie die Stimme Ihres Herzens verleugnen und sich selbst verlieren?

Nichts auf dieser Welt wird Sie erfüllen und Sie glücklich machen, wenn Sie Ihrer Seele keine Ehre erweisen. Wie Sie in diesem Buch erfahren werden, können Sie Heilung und Lebenssinn nur finden, wenn Sie in der Wahrheit leben. Niemals werden Sie in einem unaufrichtigen Leben einen Sinngehalt finden. Ich werde Sie in die tiefsten Kammern Ihres Herzens führen, und dort werden Sie Ihre Seele und die Wahrhaftigkeit entdecken. Und wenn Sie diese Wahrheit willkommen heißen, wird Freiheit aus Ihrem Inneren nach außen strömen. Selbst wenn Sie ganz von vorne damit anfangen müssen, sich mit Ihren Träumen zu beschäftigen, werden Sie es mit großer Kraft und Freude tun.

Dieses Buch zielt nicht darauf ab, unmittelbar davon zu berichten, wer ich bin und was ich getan habe. Auch die historischen Tatsachen stelle ich hier nicht mit strikter akademischer Genauigkeit dar. Ich habe die Namen der meisten Personen in diesem Buch verändert oder ihre Aufenthaltsorte verlagert, um ihre Privatsphäre zu schützen. In manchen Kapiteln habe ich mir die erzählerische Freiheit genommen, zwei oder drei Menschen zu einer einzigen Person verschmelzen zu lassen. Einige Geschichten und Dialoge sind Parabeln. Allerdings ist jede Geschichte vom realen Leben inspiriert und alle wissenschaftlichen Fakten und spirituellen Lehren gebe ich hier akkurat wieder.

Ich brauchte zehn Jahre dafür, dieses Buch zu verfassen, bin aber keineswegs darauf aus, dass mich jemand für meine Arbeit lobt. Hingegen bin ich für jedes Wort, das ich in diesem Buch schriftlich niedergelegt habe, zuerst und vor allem Gott gegenüber rechenschaftspflichtig – und außerdem auch der internationalen Gemeinschaft der Wissenschaftler.

Im ersten Teil des Buches stelle ich in jedem der Kapitel eine unterschiedliche Episode in meinem Leben vor. Der Schauplatz, der Zeitpunkt und meine Gefährten variieren dabei, aber die Schlussfolgerung aus diesen Geschichten läuft stets auf dasselbe hinaus: Man muss in größerem Maßstab als das eigene soziale Umfeld denken und ein wahrhaftiges Leben führen, wenn man seine Bestimmung erfüllen will. Ich hoffe, dass diese Geschichten heilsam für Ihr Leben sind, Sie dazu bringen innezuhalten, um über die eigene Situation nachzudenken, und auf diese Weise Wegbereiter zur Verwirklichung Ihrer Träume werden.

Im zweiten Teil des Buches erzähle ich davon, wie ich meine Träume von Reisen zum Nordpol und zum Südpol verfolgte – dafür gewappnet und ausgerüstet mit nichts anderem als großen Hoffnungen. Ich wünsche mir, dass diese Worte dazu beitragen, Ihnen einige Ängste auf Ihrem Weg zu nehmen, und Ihre Träume neu entfachen.

Im dritten Teil behandle ich die Ereignisse, die mich dazu veranlassten, den Film The Amazing You zu schaffen. Danach berichte ich darüber, wo ich heute eigentlich stehe. Anschließend verbinde ich alle diese Themen miteinander, um zu erläutern, was das für Sie persönlich bedeutet.

Sie werden Ihr Licht leuchten lassen, denn Sie sind das Licht der Welt, selbst wenn Sie es jetzt noch nicht wissen. Sie werden Freude und Kraft empfinden, weil Sie zur Wahrheit zurückkehren. Sie werden – vielleicht zum ersten Mal – erkennen, dass Sie, wer und wo Sie auch sind, in dieser Welt zählen. Ich glaube, dass Sie es verdienen, Ihre Träume zu verwirklichen. Und dieses Buch wird Ihnen die Freiheit geben, es tatsächlich zu tun.

Voller Liebe

Dragos Bratasanu

Wellington, Neuseeland



Erster Teil Lebe in der Wahrheit

Die Wahrheit ist kein Gedanke, kein Wort, keine Beziehung zwischen Dingen, kein Gesetz. Die Wahrheit … verleiht allem Leben.

Sankt Nikolaj Velimirović

1 In dieser Stadt lächelt niemand mehr

Lügen wurden zur Norm,

das Trügerische wurde zur Realität.

Juli 1984. Eine Kleinstadt in Osteuropa.
≻ Erster Abschnitt

Ich kam 1984 in einer kleinen Stadt in Rumänien zur Welt, zehn Minuten vor Mitternacht. Mein Vater war geschäftlich unterwegs und meine Mutter allein in der Wohnung, als die Fruchtblase platzte.

Achtzehn Jahre lang lebten wir drei in derselben Wohnung, bis ich wegen meines Studiums wegzog. Aber meine Eltern erzählten mir nicht viel über ihr Leben vor meiner Geburt. Häufig sah ich mir ihre Fotos aus der Zeit ihrer Jugend an, weil ich sie etwas besser kennenlernen wollte. Offenbar hatten sie damals einen großen Freundeskreis gehabt. Auf diesen Aufnahmen hatte meine Mutter meinem Vater stets die Arme um den Hals geschlungen. Manchmal malte ich mir ihre früheren Lebensgeschichten aus, an denen sie mich nicht teilhaben ließen: zwei schöne Fremde mit Blumen im Haar, die nach Freiheit gierten. Sie waren jung, verliebt ins Leben und ineinander. Aber sie wuchsen während der schrecklichsten Jahre des Kommunismus in Osteuropa auf.

Man kann sich noch so sehr bemühen, anhand alter Fotos eine Geschichte zu erzählen: Das Papier zeigt einem nur, was man dich sehen lassen will. Die Wahrheit bleibt ein Geheimnis des menschlichen Herzens.

Nach ihrer Heirat zogen meine Eltern in eine kleine Hafenstadt an der Donau. Der ältere Teil der Stadt wurde im fünfzehnten Jahrhundert gebaut und strahlte die Atmosphäre eines ruhigen Pariser Viertels aus. Noch vor fünfzig Jahren wirkten die Häuser wie riesige Hochzeitstorten: Die hohen weißen Gebäude waren an den Fenstern mit Rosetten verziert und die Holztüren mit Ornamenten wie steinernen Ahornblättern, gemeißelten kleinen Säulen, Farnen und Meereswellen. In den Balkonkästen blühten in üppiger Pracht weiße, blaue und purpurrote Blumen. Sonntagmorgens verließen die Menschen ihre Häuser, um durch den Park zu schlendern oder zur Kirche zu gehen. Dafür zogen sie sich so fein an wie die Figürchen von Braut und Bräutigam, die normalerweise eine Hochzeitstorte schmücken.

In jenen Tagen begrüßten sich die Menschen, schwatzten und lachten miteinander auf den Straßen. Damals lächelten die Menschen dieser Stadt.

Doch in der Zeit, als meine Eltern zur Welt kamen, übernahm die Kommunistische Partei die Herrschaft über das Land. Man zwang die Menschen, aus ihren Häusern auszuziehen, und jeder, der sich widersetzte, landete im Gefängnis. Die Menschen mussten auch ihre Bauernhöfe und Tiere aufgeben und ließen hinter sich ein ganzes Arbeitsleben und Tränenspuren zurück. Man siedelte sie in eigens für sie errichtete Mietskasernen um. Diese Bauten verbreiteten sich wie Tumore auf dem Angesicht des Landes. Man nannte sie »Streichholzschachteln«: graue übereinander gestapelte Schachteln aus Beton, jede vollgestopft mit notleidenden Seelen.

In ihrer Verzweiflung schwammen manche Leute im Schutz der Nacht ans andere Ufer der Donau, um dort entweder in die Freiheit zu gelangen oder den Tod zu finden. Nur wenigen gelang die Flucht ins Ausland, und dann blickten sie niemals wieder auf ihr früheres Leben zurück. Doch die meisten Flüchtlinge wurden abgefangen, und danach ließ man sie, von allen vergessen, in unterirdischen Gefängnissen schmachten. Viele hatten Angst vor der Flucht und blieben deshalb im Lande.

Diejenigen, die wussten, wie man Rundfunkempfänger baut, versteckten sich nach Einbruch der Dunkelheit in ihren Kellern und schalteten bestimmte europäische Sender ein, um etwas über die westliche Welt zu erfahren. Das örtliche Radio und die Fernsehprogramme brachten nur kommunistische Propaganda. Hätte man diesen Sendungen geglaubt, hätte man meinen können, am besten Ort auf der ganzen Welt zu leben.

Wenn der Himmel aus vollkommener Liebe geschaffen wurde, so war das Fundament des Staates Rumänien absolute Angst. Wenn der Himmel Freiheit bedeutet, war mein Winkel auf dieser Welt ein einziger Kerker. Nur war es den meisten Menschen gar nicht klar, dass sie sich in einem Kerker befanden. Sie erhielten eine Ausbildung, lernten aber nur das, was sie wissen mussten, um ihre Arbeit zu tun. Man schickte sie dann zu einer Arbeitsstelle irgendwo im Land, sie hatten jedoch nicht die Freiheit, ihren Lebensweg selbst zu bestimmen. Sie erhielten eine Wohnung und Lohn, durften das Land jedoch niemals verlassen.

Seinerzeit war Rumänien ein Seelengefängnis, und die Sehnsucht nach Freiheit galt als Todsünde. Die Menschen hatten Vater und Mutter zu ehren – und beides verkörperte die Kommunistische Partei. Neben der Partei durften sie keine anderen Götter verehren – und es gab auch keine anderen. Sie durften den Namen der Partei auch nicht unnütz im Munde führen, denn wer das Falsche sagte, wurde eingesperrt. Diejenigen, die Gedichte schrieben, Lieder spielten oder ihren Schülerinnen und Schülern von Freiheit erzählten, wurden verhaftet und für schuldig befunden.

In dieser Umgebung lernten die Menschen, andere Menschen zu fürchten und niemandem zu vertrauen, und sie passten sich den gesellschaftlichen Zwängen an. Sie schlugen die Türen ihrer Seele zu, lebten allein und wagten nicht, ihr Inneres nach außen hin auszudrücken. Sie versiegelten ihren kreativen Geist. Sie verstummten gegenüber der Wahrheit, gegenüber ihren Träumen, gegenüber der Freiheit, die sie gebraucht hätten, um aufzublühen. Ihre Worte und ihr Verhalten handhabten sie so, dass sie in diesem sozialen Unfeld überleben konnten. Sie verschlossen die Wahrheit in ihrem Inneren und arbeiteten jeden Tag daran, sie zu missachten und in sich verborgen zu halten.

Im Laufe der Jahre wurden bei ihnen Lügen zur Norm und das Trügerische zur Realität. Ihre Gedanken waren sorgenschwer und voller Angst, und die Lügen, die sie lebten, wurden zu ihrer Lebenserfahrung. Tag für Tag zogen sich die Menschen nach der Arbeit in die Keller ihrer Gebäude zurück, versteckten sich dort so, dass niemand sie sehen konnte, und verdrängten die Realität durch das Trinken. Die Wahrheit verrottete in ihrem Inneren, und der Alkohol diente als Schmerzmittel.

Heute lächelt in dieser Stadt niemand mehr.

≻ Zweiter Abschnitt

Am Tag meiner Geburt packte meine Mutter ihre Sachen und machte sich allein auf den Weg zur Notaufnahme der Klinik. Ich drehte mich in ihrem Leib und stemmte meine Füße gegen die Wände, damit ich nicht herausfiel. Zwölf Stunden lang wendete ich mich von dem Licht ab und auch von den Stimmen, die mich aufforderten, herauszukommen. Doch plötzlich öffnete sich die Decke über mir. Zwei blaue Arme griffen nach meinen Beinen und zerrten mich nach draußen. Ich brüllte, aber das beeindruckte sie nicht.

Meine Mutter schlief mit mir auf der Brust ein. In dieser Nacht legte sie mich nach ihrem Kaiserschnitt nahe an ihr Herz, und dort umfängt sie mich seitdem immer noch, genau wie mein Vater.

In dieser Stadt, in der niemand lächelte, wuchs ich auf und ging dort zur Schule. Die anderen Kinder lachten über meinen riesigen Kopf. Er ähnelte dem üppigen Pusteblumenkopf eines Löwenzahns auf einem dünnen Stängel. Meine Ohren waren zusammengefaltet aus dem Mutterleib gekommen, und meine Mutter musste mir mehrere Monate lang einen Mullverband um den Kopf wickeln. Ich sah damit wie ein Elefant aus. Wenn ich zu sprechen versuchte, brabbelte ich irgendetwas, brachte die beabsichtigten Wörter in meinem Gehirn durcheinander, während ich probierte, sie in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Ständig zwinkerte ich mit dem rechten Auge, und die Winkel meiner Oberlippe hoben sich alle zwei Sekunden, ohne dass ich es ihnen erlaubt hatte. Irgendwann löste ein anderer Tick diesen Tick ab, doch es folgten noch weitere. Zunächst zuckte meine Oberlippe so, dass ich wie ein verwirrter Hund aussah, der mit sanftem Blick knurrt. Dann sackte meine Unterlippe so weit herunter, dass meine Verwandten meinten, ich wäre ständig betrunken. Als meine Lippen wieder normales Aussehen annahmen, beschloss mein Mund, dauernd grundlos zu lächeln, doch nie zogen sich beide Mundwinkel gleichzeitig hoch. Es war so, als wollte ich nun mit den Lippen zwinkern. Ich dachte, ich würde niemals eine Freundin finden.

In der ersten Klasse erzählte uns der Lehrer eines Tages, dass unsere Seele unsichtbare Kräfte habe und wir uns mit anderen Menschen allein kraft unserer Gedanken verständigen könnten. Ich hatte mich in ein Mädchen aus meiner Klasse verknallt, aber da ich meiner Mimik nicht vertrauen konnte, wagte ich nicht, sie anzusprechen. Als ich an jenem Tag nach Hause ging, beschloss ich, dem Mädchen kraft meiner Gedanken eine Botschaft zu schicken. Ich drückte meine Augen zu, verkrampfte meine Hände und spannte meinen Körper an, um ihr gedanklich mitzuteilen, dass ich sie gerne hatte. Und dann kam mein Vater herein und fragte mich, ob ich etwa versuchte, mein großes Geschäft im Bett zu erledigen.

Schließlich schaffte ich es drei Tage später, dem Mädchen einen guten Morgen zu wünschen. Vier Jahre danach brachte ich den Mut auf, ihr einen Kuss zu geben. Die guten Dinge im Leben brauchen eben Zeit …

≻ Dritter Abschnitt

Meine ersten Lebensjahre waren zugleich die letzten, härtesten Jahre des Kommunismus in Rumänien. Meine Eltern opferten sich für mich auf, doch in unserem Land waren ihre Möglichkeiten sehr begrenzt. Meine Mutter arbeitete in einer Bäckerei und mein Vater mühte sich Woche für Woche sechs oder sogar sieben Tage lang in einem Industriebetrieb mit sehr anstrengender Arbeit ab, um sicherzustellen, dass ich alles erhielt, was ich brauchte.

Und dann wurden die Lebensmittel knapp. Meine Großeltern mussten vor der Morgendämmerung stundenlang vor einem Lebensmittelladen Schlange stehen, um eine Flasche Milch mit nach Hause zu bringen. Nach acht Uhr früh waren die Ladenregale leer. Einmal pro Woche konnten die Menschen mit den von den Behörden kontrollierten Lebensmittelmarken ein paar Eier und etwas Fleisch kaufen. Die Gebetszeile »Und gib uns heute unser täglich Brot« hatte für uns inzwischen wörtliche Bedeutung. Meine Familie durfte pro Tag laut Bezugsschein kaum mehr als einen einzigen Laib Brot abholen. Bei jeder Mahlzeit riefen mir meine Verwandten ins Gedächtnis, wie teuer Lebensmittel waren. Sie drängten mich zwar zu essen, verrieten mir jedoch zugleich die ungeheuren Kosten für Hühnchen, Tomaten, Käse und jedes andere Häppchen auf meinem Teller.

Als ich fünf Jahre alt wurde, nahmen mich meine Eltern in den einzigen Süßwarenladen in der Stadt mit. Ich machte große Augen, meine Pupillen weiteten sich, und es verschlug mir den Atem. Meine Geschmacksknospen tanzten Rock’n’Roll, der auch meine Ohren erfasste. Mein Kiefer klappte zu einem dämlichen Grinsen herunter, als eine Flasche auf den Tisch gestellt wurde. »Was ist das für ein Getränk, und was ist das für eine Farbe?«, fragte ich meine Eltern. »Hab so was noch nie gesehen.« Und wieso bin ich der Einzige am Tisch, der so was trinkt?, dachte ich bei mir.

Pepsi-Cola war in meinem Land so rar, dass man eine Flasche davon nur dann bekommen konnte, wenn man an einem bestimmten Tag des Monats zur richtigen Zeit in diesem Laden auftauchte – und falls man mit dem Ladeninhaber gut befreundet war. Meine Eltern hatten ihn schon Wochen zuvor dazu überredet, eine Flasche für mich zu verstecken, aber für sie hatte er keine weitere Flasche übrig. (Meine erste Coca-Cola bekam ich erst nach fünf weiteren Jahren.)

Wie die meisten Kinder glaubte ich alles, was mir die Menschen in meinem Umfeld erzählten. Ich glaubte ihnen, wenn sie sagten, das Leben sei hart. Ich glaubte ihnen, dass wir nicht genügend Geld zum Leben hätten. Ich glaubte ihnen, dass es derzeit schwer sei, mit dem Geld auszukommen. Ich glaubte ihnen, dass die Reichen Verbrecher und die Menschen einander gegenüber feindselig eingestellt seien. Ich glaubte, dass nur andere Leute das sein, tun oder haben konnten, was sie wollten – nicht aber ich. Ich hielt mich für einen Niemand und meinte, meine einzige Chance im Leben liege darin, gute Schulnoten zu bekommen. Doch zugleich glaubte ich, nicht schlau genug zu sein, um das zu schaffen. Im Laufe der Zeit setzte sich in mir der Gedanke fest, dass ich ein unzulänglicher Mensch sei.

Ich brauchte fünfzehn Jahre zu der Erkenntnis, auf welche Weise die soziale Umgebung unsere persönlichen Realitäten erschafft … fünfzehn Jahre dazu zu merken, wie falsch ich das Leben an sich und mich selbst wahrnahm und einschätzte.

2 Eine Nacht in Transsilvanien mit dem Vater des Hubble-Weltraumteleskops I

Wenn du auf dein Herz hörst und ihm folgst,

ehrst du damit den Geist Gottes in deinem Inneren.

August 2013. Transsilvanien.
≻ Erster Abschnitt

Ich parkte den Wagen am Ende des Feldwegs, oben auf dem Hügel. Die letzten Strahlen der Abenddämmerung verlängerten die Schatten der Grabsteine auf dem Friedhof so, dass sie sich quer über das Weideland erstreckten. Es sah so aus, als wollten magere Arme nach ihrer flüchtenden Beute greifen.

Die Menschen hatten sich für die Nacht bereits in ihre Häuser zurückgezogen. Nur ein Pferdewagen ratterte noch durch die fernen Kornfelder, verfolgt von seinem sich ständig verlängernden Schatten.

Aus den Schornsteinen der Häuser im Tal stieg Rauch auf und der Geruch von verbrennendem Holz vermischte sich mit dem Duft von Blumen, der bis zu uns auf dem Hügel vordrang.

Mein Freund Charlie und ich hatten noch einen zweiminütigen Spaziergang bis zur mittelalterlichen Kirche vor uns. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob wir hineinkommen würden. In den abgelegenen Dörfern Transsilvaniens schließen die Priester ihre Kirchen bei Sonnenuntergang ab, um sie vor Dieben oder Vandalen zu schützen.

»Ich bin im Wagen nur eine Minute eingeschlafen, und wir sind Hunderte von Jahren in der Zeit zurückgereist«, sagte Charlie. »Wo sind wir überhaupt?«

»Gehen wir. Ich möchte dir eine der verborgenen mittelalterlichen Kirchen in meinem Land zeigen«, antwortete ich. »Die Kirche des Heiligen Nikolaus im Dorf Densus zählt zu den ältesten Gotteshäusern in Rumänien. Niemand weiß, wer sie gebaut hat. Aber die Einheimischen sagen, dass in längst vergangenen Zeiten Riesen diese Kirche auf den Ruinen eines alten heidnischen Tempels errichtet haben.«

»Das ist wirklich etwas Besonderes«, bemerkte Charlie, als wir durch das Tor gingen. Gras hatte den Steinboden im Kirchhof durchlöchert und Teile der Mauer waren zu Steinhaufen zerfallen. Zwei im Laufe der Zeit verblichene gemalte Heiligendarstellungen säumten den Haupteingang.

»Mehr als siebenhundert Jahre lang kamen die Menschen an Sonntagen hierher, um am Gottesdienst teilzunehmen und zu beten. Das tun sie auch heute noch«, rief eine liebenswürdige Stimme mit deutlichem rumänischem Akzent in englischer Sprache. »Willkommen in meiner Kirche.«

»Guten Abend, Pater«, sagte ich und wandte mich um. »Wir haben Sie gar nicht gesehen.«

Aus den Schatten in unserem Rücken tauchte ein alter Mann auf. Er trug, wie bei christlich-orthodoxen Priestern in meinem Land üblich, ein schwarzes Gewand. Sein langer grauer Bart bedeckte halb das Holzkreuz an seiner Brust. Von seinen Händen baumelten ein Rosenkranz und ein Schlüsselbund. Beim Gehen neigte er den Kopf so, als wäre jeder seiner Schritte ein Gebet. Und seine Augen glänzten, als strahlten sie inneren Frieden und ein Licht aus, das nicht von dieser Welt war.

»Wir sind froh, dass Sie so spät am Abend noch hier sind«, sagte ich. »Mein Freund ist den ganzen Weg von Amerika hierher gereist, um Transsilvanien zu besuchen.«

Die eisernen Schlüssel klirrten, als der Priester an uns vorbeiging, um die Tür aufzuschließen. »Kommen Sie herein«, forderte er mich in rumänischer Sprache auf. »Ich werde mich am Altar aufhalten. Sehen Sie sich ruhig in der Kirche um. Sie dürfen auch Fotos machen, aber bitte ohne Blitzlicht. Schließen Sie die Tür, wenn Sie gehen.«

≻ Zweiter Abschnitt

Im Inneren der Kirche waren an den Steinmauern ringsum Heiligenfresken zu sehen, die im Laufe von vielen hundert Jahren stark verblasst waren. Während ich auf einem Holzstuhl mit Schnitzereien in der Nähe des Altars Platz nahm, informierte sich Charlie an der Anschlagtafel über die Geschichte der Kirche.

»Wie lautet Ihre Geschichte, Pater?«, fragte ich den Priester auf Rumänisch. »Was hat Sie an diesen abgelegenen Ort verschlagen?«

»Ich habe immer davon geträumt, Gott zu dienen«, antwortete er und hob den Blick zu der Jesus-Darstellung an der vorderen Wand. »Als Kind habe ich abends in meinem Zimmer immer heimlich gebetet. Nach der Schule ging ich meistens schnell nach Hause, schloss die Zimmertür und las in der Bibel. Wenn ich morgens aufwachte, sagte ich, während ich mich im Bett streckte, als Erstes ›Guten Morgen, Gott‹. Ich wusste, dass er hier im Zimmer bei mir war. Ich konnte seine Gegenwart und seine Liebe spüren. Kinder spüren solche Dinge, wissen Sie das?«

Ich nickte und lächelte. Er strahlte so viel Freundlichkeit und heitere Gelassenheit aus.

»Und dann wurde ich erwachsen«, fuhr er fort. In seiner Stimme schwang leichte Traurigkeit mit. »Meine Freunde interessierten sich nicht für Gott. Niemals habe ich ihnen von meinem Traum, Geistlicher zu werden, erzählt. Wir redeten über Musik, Freundinnen und andere Menschen – nur nicht über unsere Träume. Machten Pläne für unsere Studienzeit. Und dann verliebte ich mich in ein Mädchen, das ein paar Jahre älter war als ich. Sie nahm nicht mal wahr, dass ich überhaupt existierte, aber ich konnte fast ein Jahr lang nur noch an sie denken.«

»Ich weiß, wie so was ist«, warf ich ein. »Uns allen wurden so beiläufig die Herzen gebrochen, wie ein Stiefelabsatz einen Zigarettenstummel zerdrückt.«

»Ich verbrachte immer weniger Zeit mit meinen Büchern und dachte immer weniger an das, was mir wirklich am Herzen lag. Am Ende meiner Studienzeit hatte ich Gott vergessen.«

»Aber jetzt haben Sie Ihre Kirche …«

»Ich habe Ingenieurswissenschaften studiert und zehn Jahre lang für ein Software-Unternehmen gearbeitet. Ich wohnte in der Stadt und verbrachte die Abende mit meinen Freunden. Wir machten zusammen Sport oder gingen etwas trinken und unterhielten uns. Es war ein leichtes Leben, aber irgendetwas daran machte mir zu schaffen. In meinem Herzen war eine Leere, die durch nichts gefüllt werden konnte, wie mir schien. Dieses Vakuum schnürte mit früh am Morgen, wenn ich aufwachte, und spät am Abend vor dem Einschlafen geradezu die Luft ab. Am schlimmsten waren die Sonntage.«

»So ist das Leben für die meisten von uns«, sagte ich.

»Als ich dreißig wurde«, fuhr er fort, »gab mir ein Freund ein Geburtstagsgeschenk: ein Buch, in dem es um uralte spirituelle Überlieferungen aus aller Welt ging. Ich las es abends und an den Wochenenden. Las es im Bus auf dem Weg zur Arbeit und während der Mittagspausen. Die Geschichten und Parabeln, die Fotoaufnahmen von uralten Klöstern und heiligen Stätten riefen mir meine Kindheit ins Gedächtnis – und erweckten den Traum in mir, Geistlicher zu werden.

Während der Wochenenden reiste ich zu einem Kloster in den Bergen und blieb dort stundenlang im Garten, um mir die durch Lautsprecher übertragenen Predigten anzuhören. Jeden Tag machte ich nach der Arbeit lange Spaziergänge durch den Park und begann, mit Gott zu sprechen, wenn niemand zusah. Ich ging auch bei strömendem Regen durch den Park. Dann war kein Mensch dort und ich konnte etwas lauter sprechen. Ich hatte vergessen, wie man betet, also erzählte ich einfach nur die Wahrheit – und Gott half mir. Ich sprach einfach aus der Tiefe meines Herzens.«

»Sie haben in diesem Park mit Gott gesprochen?«, fragte ich.

»Ich wusste es damals nicht, aber ja, das habe ich tatsächlich getan. An dem Tag, als ich mein Herz öffnete und mit meinem ganzen Wesen die Wahrheit erkannte, antwortete Gott meinen Gebeten und hob den Stein von mir, unter den ich gekrochen war. Zum ersten Mal seit zehn Jahren fühlte ich mich frei. Im Laufe der Zeit fiel mir auf, dass sich die Leere in meinem Herzen füllte, wenn ich in der Bibel und in den Büchern von Heiligen las oder am Wochenende das Kloster aufsuchte. Aber wenn ich bei der Arbeit war und Software schrieb, empfand ich diese Leere sogar noch schlimmer als zuvor. Die Kluft zwischen dem, was mein Herz verlangte, und dem, was ich tatsächlich tat, wurde so groß, dass ich sie nicht länger ertragen konnte. Ich wurde krank, konnte nicht mehr schlafen und tagelang nicht aus dem Bett aufstehen. Mir war klar, was ich tun musste, doch mir fehlte der Mut, es durchzuführen.«

Ich dachte einen Augenblick über die Worte des Paters nach. »Ich habe Freunde, denen es derzeit ähnlich geht«, bemerkte ich dann. »Sie spüren, dass sie etwas Neues mit ihrem Leben anfangen wollen, haben jedoch Angst, den Sprung ins Unbekannte zu tun. Ihre Arbeit saugt ihnen buchstäblich jede Lebenskraft aus. Ständig kämpfen sie mit Ängsten und Depressionen, manche auch gegen Suchtabhängigkeit. Das greift auch ihre Gesundheit an.«

»Ich habe dreißig Jahre dazu gebraucht, dieses Rätsel zu lösen, mein Sohn. Falls Sie die Wahrheit erfahren und wissen möchten, warum all das Ihren Freunden zustößt, werde ich es Ihnen erklären. Ich weiß darüber Bescheid, weil es mir genauso ergangen ist.

In jedem von uns hat Gott auf dieser Erde eine Heimstatt. Der Geist Gottes wohnt in uns. Gott legt seinen Geist in unsere Herzen. Es ist sein Geist, der uns Leben schenkt. Der Geist Gottes verleiht unseren Körpern Stärke, unseren Seelen Frieden und unseren Herzen Liebe.

Geben Sie jetzt acht, denn diese eine Offenbarung kann Ihr ganzes Leben heilen und verwandeln. Jesus nannte den Geist Gottes den Geist der Wahrheit. Das Leben Gottes in unseren Herzen ist tatsächlich der Geist der Wahrheit. Das Leben und die Wahrheit sind eins. Die hartnäckige Stimme des Herzens, die einen auffordert, etwas Bestimmtes im Leben zu tun, ist die Stimme Gottes. Sie befiehlt einem, die eigene Bestimmung zu erfüllen. Wenn man darauf hört und dem Herzen folgt, bezeugt man dem Geist Gottes im eigenen Inneren Ehre. Dann fließen Ströme des Lichts aus dem Inneren und man empfindet ein Hochgefühl, ist voller Enthusiasmus.

Das Wort Enthusiasmus setzt sich übrigens aus den griechischen Wörtern en (innen) und theos (Gott) zusammen. Wörtlich übertragen bedeutet Enthusiasmus also Gott im Inneren. Wenn man den Geist der Wahrheit in Ehren hält, wird der Körper geheilt, der Verstand geschärft und das Herz in Liebe gebadet. Wenn man nicht dem Herzen folgt und sich nicht an die Wahrheit hält – eben so habe ich mich zehn Jahre lang verhalten, als ich trotz meiner Berufung, Geistlicher zu werden, als Informatiker gearbeitet habe –, unterdrückt man den Willen Gottes in seinem Inneren.

Natürlich schiebt man mit seinem Verstand alle möglichen Gründe dafür vor, dass man seine Bestimmung nicht erfüllen kann. In Wirklichkeit lügt man sich nur selbst etwas vor und unterdrückt die Wahrheit. Und wo die Lüge herrscht, kann nicht der Geist der Wahrheit wohnen. Denn Wahrheit und Leben sind, wie gesagt, eins. Wenn man die Wahrheit zurückweist, schneidet man sich selbst von der Quelle des Lebens ab. Deshalb haben die Menschen das Gefühl, dass ihnen die ganze Lebenskraft herausgesaugt wird, wenn sie auf Arbeitsstellen oder in Beziehungen verharren, in denen sie sich unwohl fühlen. Dieses Gefühl sagt tatsächlich, was ist. Wenn man von der Quelle des Lebens abgeschnitten ist, wird der Körper schwach, die Seele ängstlich und das Herz hohl und leer.«

»All das leuchtet mir vollkommen ein«, sagte ich.

»Das Geheimnis reicht sogar noch tiefer. Gott ist Liebe. Deshalb sind Liebe, Leben und Wahrheit eins. Und deshalb ist das ganze Leben eines Menschen ein Leben der Liebe, wenn er dem Herzen folgt und die Wahrheit in Ehren hält.«

»Was also soll man tun?«

»Man braucht niemanden, der einem sagt, was zu tun ist. Gott schreibt den Menschen ihre Bestimmung ins Herz. Hört man auf seine Stimme, braucht man keinen, der einen belehrt. Und das ist keine Phrase, sondern die schlichte Wahrheit. Was tun Sie selbst voller Liebe? Die Wahrheit liegt stets in Ihrem Inneren. Prüfen Sie aufrichtig Ihr Herz. Sorgen Sie dafür, dass alles darin ans Licht kommt und Sie keiner Selbsttäuschung erliegen. Die qualvolle Leere, die wir spüren, ist ein Alarmzeichen. Sie sagt uns, dass wir die Wahrheit in unserem Herzen verankern müssen. Begegnen Sie Gott mit reinem Herzen. Dann werden Sie das finden, was er für Sie vorbereitet hat. Wissen Sie denn nicht, dass er es ist, der Ihnen Ihre Träume schickt? Würden Sie vor Gott stehen und er würde Sie fragen: ›Hast du deine Bestimmung in der Welt erfüllt?‹ – was würden Sie antworten? Haben Sie keine Angst. Niemals entzieht Gott Ihnen den Ruf, mit dem er Ihnen Ihre Lebensbestimmung gibt. Aber Sie müssen auf seine Stimme hören.«

≻ Dritter Abschnitt

»Warum haben Sie zehn Jahre damit gewartet, Ihre Träume zu verwirklichen?«, fragte ich den Geistlichen.

»Ich hatte Zweifel und Angst. Anderen Menschen sagte ich, sie sollten Gott vertrauen, aber ich tat das nicht. Ich gab Lippenbekenntnisse für ihn ab, aber löste sie mit meinen Handlungen nicht ein.

Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ich hatte das Gefühl, für einen Seelenhirten nicht gut genug zu sein. Befürchtete, nicht dazu fähig zu sein, meiner Gemeinde zu dienen. Hatte Angst, meine berufliche Karriere aufzugeben und noch einmal ganz von vorne anzufangen. Ich war ein schwacher Mensch, voller Angst, was mein Leben und meine Zukunft betraf.«

Trotz der traurigen Worte des Priesters leuchtete in seinen Augen ein Frieden, der über mein Begriffsvermögen hinausreichte. »An einem Freitagabend«, setzte er nach, »ging ich von meinem Büro nach Hause und blieb vor der Kathedrale am Marktplatz stehen. Von der Anschlagtafel lächelte mir das Gesicht eines Freundes zu, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Er veranstaltete an diesem Abend ein Orgelkonzert. Neben dem Plakat mit der Ankündigung hing ein alter Zeitungsartikel mit der Überschrift Ein Brief Gottes an den Menschen.«

Der Pater griff in seine Tasche und holte ein zerknittertes Blatt Papier heraus. Dann setzte er seine Brille auf und begann vorzulesen.

Ich weiß um euer Leid. Ich kenne eure inneren Konflikte, eure Kämpfe und eure Qualen. Ich kenne die Krankheiten eures Körpers, eure seelischen Zweifel und die Ängste in eurem Herzen, kenne eure Schwächen und Fehler. Und trotz allem bitte ich euch: Schenkt mir euer Herz. Liebt mich einfach so, wie ihr seid. Wenn ihr wartet, bis ihr Engel werdet, werdet ihr mich niemals lieben, Egal, wie viele Fehler ihr eurer Meinung nach in der Vergangenheit gemacht habt: Ich bitte euch trotzdem um eure Liebe. Liebt mich einfach so, wie ihr seid.

Ich habe euch eine Berufung für euer Leben geschenkt. Beherzigt sie einfach so, wie ihr seid. Wenn ihr wartet, bis ihr keine Fehler mehr macht, werdet ihr es niemals tun. Ich habe einen Traum in euren Herzen verankert. Wenn ihr wartet, bis ihr eurer Meinung nach bereit dafür seid, werdet ihr diesen Traum niemals verwirklichen. Folgt eurem Traum einfach so, wie ihr seid. Ich habe euch mein Leben geschenkt. Lebt eure Leben in der Wahrheit, sonst werdet ihr es niemals leben.

Mein Kind, ich liebe dich genauso, wie du bist. Natürlich werde ich deine Angst mit der Zeit in Liebe verwandeln, deine Qualen in Freude, deine Kämpfe in inneren Frieden. Aber für den Augenblick reicht es, wenn du mich so liebst, wie du derzeit bist und wie du es derzeit kannst. Höre auf dein Herz und antworte meinem Ruf. Ich bin Geist und spreche im Geiste mit Liebe und Wahrheit zu deinem Herzen. Ich möchte sehen, wie selbst in den dunkelsten Winkeln dieser Welt Liebe entsteht. Ich brauche deine Stimme, damit du als mein Sprachrohr handelst. Ich brauche deine Hände, damit du alle meine Söhne und Töchter mit meinen Gaben beschenkst. Ich brauche deine Füße, damit du dorthin gehst, wo man mich ruft. Du bist die Antwort auf die Gebete der Menschen, und wir gehen gemeinsam zu ihnen, wenn sie uns rufen. Ich brauche dein Wissen, dein Talent, deine Tugenden nicht. Mir geht es nur um die Liebe. Höre auf die Liebe, die in deinem Herzen spricht. Tue alles, was du tust, mit Liebe, dann werde ich dir die Weisheit schenken, die du brauchst, um den Sieg davonzutragen.

Du denkst, du bist es nicht wert. Du denkst, du genügst mir nicht. Du hältst dich für ungeliebt. Und doch bin ich hier, der Schöpfer des Universums, klopfe an die Tür deines Herzens und bitte dich, mich einzulassen. So viel bist du wert, mein Kind, Ich bin stets bei dir. Öffne dich, verlängere deine Qualen nicht. Ich liebe dich genauso, wie du bist. Wirst du mir vertrauen? Wirst du auf meinen Ruf antworten?

Gott

Der Pater faltete das Blatt Papier zusammen und verstaute es wieder in seiner Tasche.

»In der folgenden Woche«, sagte er, »packte ich meine Bücher und ein paar Kleinigkeiten zusammen, gab den Rest den Armen in meiner Nachbarschaft und brach zu dem Kloster auf. Ich enttäuschte viele Menschen, als ich beschloss, meine Arbeitsstelle aufzugeben. Ich verlor meine Freunde, aber mit der Lüge konnte ich nicht mehr leben. Ich hatte die Wahrheit allzu viele Jahre verleugnet.«

≻ Vierter Abschnitt

Charlie hatte unserem Gespräch gelauscht, allerdings verstand er überhaupt kein Rumänisch. Geduldig wartete er auf eine Gesprächspause, um dem Priester dafür zu danken, dass er uns die Besichtigung der Kirche gestattet hatte. Danach ging er nach draußen. »Lass uns aufbrechen, Junge«, bat er mich. »Es ist schon spät.«

»Ich danke Ihnen, Pater«, sagte ich und neigte meinen Kopf.

Als ich die Kirche verließ, wartete Charlie bereits im Wagen auf mich. »Um was ging es eigentlich bei diesem Gespräch?«, fragte er. »Wir sind spät dran. Hätten jetzt schon längst auf der Straße sein sollen.«

Ich schaltete die Scheinwerfer ein und fuhr mitten durch Staubwolken den Hügel hinunter. Der Wald schloss sich hinter uns.

Mich beschäftigte nur ein einziger Gedanke: Warum fällt es uns so schwer, die Wahrheit zu beherzigen?

3 Eine Nacht in Transsilvanien mit dem Vater des Hubble-Weltraumteleskops II

Wir leben unsere Leben so, als würden

wir niemals sterben. Und trotzdem leben

wir eigentlich gar nicht.

≻ Erster Abschnitt

Ich weilte als Gastwissenschaftler an der Internationalen Universität für Raumfahrt im Kennedy-Raumfahrtzentrum der NASA in Florida, als ich Dr. Charles Pellerin (oder Charlie) kennenlernte. Eines Tages lud er mich zum Abendessen zu sich nach Hause ein. Dort erzählten wir uns unsere Lebensgeschichten und sprachen über den Einfluss, den das soziale Umfeld auf den Erfolg oder auch Misserfolg von Führungspersönlichkeiten ausübt.

Während seiner dreißigjährigen beruflichen Laufbahn bei der NASA hat Charlie den Start von zwölf Satelliten überwacht und eines der größten wissenschaftlichen Projekte in der Geschichte der Menschheit geleitet: die Entwicklung des Hubble-Raumteleskops. Die von diesem Teleskop aufgenommenen Fotografien von Planeten und Galaxien haben inzwischen Kult-Status. Das Magazin National Geographic nannte das Hubble-Teleskop den »Heiligen Gral der Raumforschung«. Die Wände in Charlies Büro sind übersät mit internationalen Auszeichnungen, Medaillen und Orden für seine wissenschaftliche Pionierarbeit. Für das erfolgreiche Hubble-Projekt zeichnete die NASA Charlie zweimal mit der Medaille für herausragende Leitungstätigkeit aus – eine Auszeichnung, mit der bislang nur fünfzig Menschen überhaupt geehrt wurden. Ehe Charlie in den Ruhestand ging, wurde er darüber hinaus mit dem Orden für »Besondere Verdienste« ausgezeichnet. Diese höchste Auszeichnung vergibt die NASA nur dann, »wenn der wissenschaftliche Beitrag so herausragend ist, dass andere Formen der Anerkennung nicht angemessen wären«, wie es bei der NASA heißt.

Kurz gesagt hat Charlie bei der NASA einen legendären Ruf. Wir sind Freunde geblieben. Ein Jahr nach unserer Begegnung unternahm Charlie mit seiner Frau eine Reise zu einigen von der UNESCO als »Welterbe der Menschheit« anerkannten Orten, und ich bot ihm an, den beiden mein Geburtsland zu zeigen.

≻ Zweiter Abschnitt

Nachdem wir von dem mittelalterlichen Kloster aufgebrochen waren, hatten Charlie und ich noch eine lange Fahrt zu unserem Hotel vor uns. Wir schwiegen eine Weile, bis ich mit der Frage herausplatzte: »Was ist eigentlich hinter den Kulissen mit dem Hubble-Raumteleskop passiert?«

Charlie schüttelte den Kopf. »Es war der größte Schlamassel in der ganzen Geschichte der Wissenschaft«, antwortete er. »Fünfzehn Jahre lang schickte uns der amerikanische Kongress, während wir das Teleskop entwickelten, wieder und wieder Anfragen, ob das Teleskop funktionieren werde. Was konnten wir darauf sagen? Dass wir fast zwei Milliarden Dollar dafür investiert hatten, es jedoch nicht wussten? ›Selbstverständlich wird es funktionieren‹, lautete unsere Antwort. Nun ja, das tat es jedoch nicht. Wir hatten es mit einem defekten Spiegel in den Raum geschickt.«

»Wie war das möglich?«, fragte ich.

»Nachdem wir das Hubble-Teleskop losgeschickt hatten, nahm ich eine Woche frei und flog nach Japan in Urlaub. Bei meinem Rückflug von Tokio nach Washington hatte ich einen Zwischenaufenthalt in St. Louis. Ich rief von dort aus mein Büro an, um mich nach Nachrichten für mich zu erkundigen. Mein Chef überbrachte mir die Neuigkeit, dass das Hubble-Teleskop keine scharfen Bilder übermitteln konnte. Alle Aufnahmen waren verschwommen. Zwar hörte ich die Stimme meines Chefs, glaubte ihm jedoch kein Wort. Er erwiderte, ich solle mir mal die Aufmacherseiten irgendeiner wichtigen Zeitung ansehen und die Schlagzeilen lesen. Also besorgte ich mir die St. Louis Post-Dispatch. Und dann sah ich es: Nationale Katastrophe: Hubble-Teleskop startet mit defektem Spiegel‹.«

»War es also ein technischer Fehler?«

»Welche Art von Leuten hat denn deiner Meinung nach am Hubble-Projekt gearbeitet, Junge? Es waren die weltbesten Wissenschaftler, Ingenieure und Manager. Sie wussten, was sie taten. Und trotzdem ging diese Raummission schief.«

»Was ist denn eigentlich hinter den verschlossenen Türen vorgefallen?«, hakte ich nach.

»Das Malheur mit dem Hubble-Teleskop brachte mich zu einer der wundersamsten Entdeckungen in der Geschichte der Menschenführung«, fuhr Charlie fort. »Wenn Menschen in einer Gruppe zusammentreffen, erschaffen sie eine unsichtbare soziale Umgebung. Jede Familie, jede Schulklasse, jede Freundschaft, jedes Team, jedes Unternehmen, jedes Land hat einen spezifischen sozialen Kontext. Dieser Kontext verändert unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Unbewusst passen wir uns dem sozialen Umfeld an, in dem wir uns befinden. Sucht man eine Bar auf – auch sie stellt ja ein soziales Umfeld dar –, verhält man sich auf spezifische Weise. Nimmt man an einer Beerdigung teil, spürt man intuitiv das angemessene Verhalten für diese soziale Situation und passt sich ihr an. Besucht man seine Großeltern in deren Zuhause, trifft man auf ein anderes als das gewohnte Umfeld und benimmt sich entsprechend. Die Macht des sozialen Umfelds liegt in Folgendem: Es beeinflusst die eigenen Gedanken und Verhaltensweisen. Man muss gar nicht darüber nachdenken, sondern passt sich ihm ganz automatisch an.

Kurz gesagt: Als wir unser Hubble-Teleskop bauten, haben wir unsere brillantesten Leute in das falsche soziale Umfeld versetzt. Aufgebracht kritisierten wir sie für jeden Fehler, den sie machten. Wir schufen eine Umgebung, die es für sie riskant machte, die Wahrheit zu sagen. Die Führungskräfte – und das schließt mich selbst mit ein – verhielten sich ihnen gegenüber feindselig. Das führte dazu, dass uns die Mitglieder unseres Teams nichts von irgendeinem Problem verrieten, sofern es klein genug war, um es zu übergehen. Beim Bau des Teleskops machten sie einen winzigen Fehler. Doch da sie sich in einem bestimmten sozialen Umfeld befanden, redeten sie sich wieder und wieder Gründe dafür ein, den Fehler nicht zu beachten, und zwar aus Angst vor Repressalien.

Der Fehler war zwar klein – die Abweichung war geringer als der Durchmesser einer Haarsträhne –, aber groß genug, das Teleskop unbrauchbar zu machen. Zu deiner Frage, was genau hinter verschlossenen Türen geschah: Wir hatten ein soziales Umfeld geschaffen, in dem die Menschen Angst hatten, die Wahrheit zu sagen und sich entsprechend zu verhalten. Um nicht belangt zu werden, passten sie sich diesem Umfeld unbewusst an und missachteten einen kleinen technischen Fehler, der den Satelliten ruinierte.

Die meisten Menschen werden niemals ein derart traumatisches Versagen erleben wie wir mit dem Hubble-Teleskop. Wir nahmen dieses Scheitern sehr persönlich. Es erschütterte viele meiner Kollegen.

Einige Monate nach dem Start des Hubble-Teleskops rief ich mein Team in einem völlig anderen sozialen Kontext zusammen. Wir stellten ein Wartungsteam zusammen und schickten Astronauten in den Raum, die das Teleskop erfolgreich reparieren konnten. Und so wurde das Projekt Hubble-Teleskop doch noch zu dem riesigen Erfolg, den es heute als eines der größten wissenschaftlichen Programme in unserer Geschichte darstellt.

Du musst Folgendes im Kopf behalten, Junge: Das soziale Umfeld, in dem du lebst und arbeitest, ist der geheime Motor, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Dieses Umfeld ist der Antrieb für dein Denken, deine Entscheidungen, deine Verhaltensweisen und deine Ergebnisse. Wesentlich ist nicht, wie klug du bist, sondern der soziale Kontext, in dem du dich bewegst. Wenn er dich nicht zu erfolgreichem Tun befähigt, musst du ihn ändern. Gegen diesen Kontext kommst du nicht an. Er wird sich dein Denken einverleiben und dich blind für das machen, was du tust, falls du es zulässt.«

≻ Dritter Abschnitt

Einige Monate nach dem Start des Hubble-Teleskops zeigte eine andere Katastrophe die Wirkkraft des sozialen Umfelds.

Am 10. Juni 1990 startete der Flug 5390 der British Airways früh am Morgen von Birmingham mit dem Ziel Spanien. Nach einem routinemäßigen Start übergab Alastair Atchison, der Kopilot, Kapitän Tim Lancaster die Steuerkontrolle.

Zwei Minuten nach dem Abheben legte Lancaster die Schultergurte ab und stellte auf Autopilot um. Die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter waren gerade dabei, hinten in der Maschine das Frühstück vorzubereiten, als sie eine Explosion im Cockpit hörten. Während das Flugzeug erbebte und auf den Boden zustürzte, schrien die Passagiere vor Entsetzen. Sie dachten, an Bord sei eine Bombe explodiert.

Die Flugbegleiter rannten zum Cockpit hinüber, das mit weißlichem Nebel gefüllt war. In einer Flughöhe von mehr als 17.000 Fuß (5.300 Metern) war das Fenster des Kopiloten explodiert und wie ein Geschoss am Himmel verschwunden. Kapitän Lancaster wurde von seinem Sitz gerissen. Der Wind drückte seinen Körper nach draußen, zum Flugzeugrumpf, während seine Beine zwischen dem Sitzgurt und den Armaturen eingeklemmt waren. Seine Knie drückten die Steuerelemente so nach vorn, dass die automatische Steuerung ausfiel und die Maschine in den Sturzflug überging.

Sie flogen in einen der meistbelegten Lufträume der Welt hinein und mussten jederzeit mit einem Zusammenstoß mit einem anderen Flugzeug mitten in der Luft rechnen.

Atchison kämpfte völlig auf sich gestellt darum, die beschädigte Maschine wieder unter Kontrolle zu bringen. Er brüllte in sein Headset, konnte die Antworten der Bodenkontrolle jedoch nicht verstehen. Der Verantwortliche der Bodenkontrolle räumte später ein, dass er nicht fassen konnte, was Atchison ihm über Funk mitteilte. »Solche Dinge passieren einfach nicht«, sagte er in einem Interview für das Magazin National Geographic. »So etwas sieht man nur in Spielfilmen, aber im wirklichen Leben geschehen sie nicht.«

Der Flugbegleiter Nigel Ogden klammerte sich am Sicherheitsgurt von Flugkapitän Lancaster und dessen Beinen fest und versuchte zu verhindern, dass dessen Körper noch weiter aus dem Cockpit und in den Flugzeugantrieb gezogen wurde. Der Wirbelsturm im Passagierbereich schleuderte Papiere und lose Schuttbrocken zum Cockpit hinüber. Zwei andere Besatzungsmitglieder sprangen nun ein und griffen nach den Beinen von Kapitän Lancaster, um den erschöpften, halb erfrorenen Flugbegleiter abzulösen. Vom Gang aus konnten sie sehen, dass Lancasters Augen geöffnet waren, aber sein Lidschlag hatte ausgesetzt. Sein armer Kopf war gegen den Flugzeugrumpf geprallt. Atchison befahl den beiden Besatzungsmitgliedern, den Körper des Kapitäns weiterhin festzuhalten, obwohl sie ihn für tot hielten.

Das Pilotentraining wird stets mit zwei Piloten durchgeführt. Der eine steuert das Flugzeug, der andere übt den Einsatz in Notfällen.

In diesem Hollywood-ähnlichen Szenario wurde der Kapitän nach draußen gedrückt, während sein Kopilot darum kämpfte, das beschädigte Flugzeug unter Kontrolle zu bringen und auf einem Flughafen zu landen, der ihm völlig unbekannt war. Mit einundachtzig entsetzten Fluggästen an Bord machte Atchison eine Notlandung auf dem Flughafen Southampton. Wundersamerweise hatte Kapitän Lancaster überlebt. Im Rettungswagen kam er auf der Fahrt in die Klinik wieder zu Bewusstsein.

Als das Flugzeug am Ende der Landebahn zum Halt kam, waren schon die Ermittler da, um die Katastrophe zu untersuchen. Sie stellten fest, dass man das Flugzeug nur wenige Stunden vor dem Start noch gewartet hatte. Der diensthabende Techniker hatte dabei die alte Windschutzscheibe durch eine neue ersetzt. Während der offiziellen Befragung berichtete er freimütig über den Vorgang. Er war in den Hangar gegangen und hatte die alten Befestigungsschrauben durch neue ersetzt, die er mit bloßem Auge mit den früheren Schrauben verglichen hatte. Danach hatte er die neue Windschutzscheibe eingesetzt.

Nach dem Luftverkehrsrecht müssen die Techniker die Ersatzteile in einem Katalog überprüfen und sich davon überzeugen, dass die Seriennummern auf den Schrauben mit den Nummern im Katalog für diesen Flugzeugtyp übereinstimmen. Erst danach dürfen sie einen Abgleich mit bloßem Auge vornehmen. In diesem Fall hatte der Augenschein den Techniker getrogen. Manche der von ihm ausgewählten Schrauben waren ein paar Millimeter zu dünn gewesen, andere zu kurz. Als das Flugzeug abhob, hielten die Schrauben nicht und der Druck in der Kabine schleuderte die Windschutzscheibe in den Himmel hinaus.

Stuart Cutting, der leitende Ermittler der Untersuchungsabteilung für Flugzeugkatastrophen, zog einen Verhaltenspsychologen zu dem Verhör des diensthabenden Technikers hinzu. Er wollte erfahren, wieso ein Techniker, der seit zwei Jahrzehnten für die Fluglinie arbeitete, die vorgeschriebenen Prozeduren missachtet, das Betriebshandbuch nicht herangezogen und den Rat seines Vorgesetzten ausgeschlagen hatte, im Ersatzteilkatalog nachzuschlagen, bevor er die alten Schrauben durch neue ersetzte.

In einem Interview für das Magazin National Geographic erklärte Cutting, er sei völlig entsetzt gewesen, als der Techniker zugegeben hatte, dass er dieses »abgekürzte Verfahren« beim Austausch von Windschutzscheiben schon jahrelang angewendet habe. Seinem Team, sagte er, sei die Arbeit so über den Kopf gewachsen, dass sie bestimmte Strategien entwickelt hätten, um rechtzeitig fertig zu werden. Außerdem befremdete Cutting das lässige Verhalten, mit dem der Techniker sein Vorgehen beschrieb. Es war ein überaus ernst zu nehmender Vorfall gewesen, doch niemand versuchte, irgendetwas zu vertuschen oder Entschuldigungen zu finden. Nun verstand Cutting das grundlegende Problem: Dem Techniker war nicht einmal bewusst gewesen, dass er gegen die Sicherheitsvorschriften verstieß. Das soziale Umfeld, in dem er arbeitete, hatte ihn dahingehend beeinflusst, so oft und immer wieder nach Abkürzungen im Arbeitsablauf zu suchen, dass er blind für die Gefahren geworden war, die sein Tun zwangsläufig mit sich brachte.

≻ Vierter Abschnitt

In den 1950er Jahren führte Dr. Solomon Asch, ein in New York lebender polnischer Psychologe, eine Reihe von Experimenten durch, um die Auswirkungen des sozialen Umfelds auf unser Denken zu untersuchen.


In einer seiner Untersuchungen zeigte man den Versuchspersonen zwei Karten. Die eine Karte wies nur eine einzige Linie auf. Auf der zweiten Karte befanden sich drei Linien, wobei eine der Linien genauso lang war wie die Linie auf der ersten Karte. Man bat die Versuchsteilnehmer zu sagen, welche Linie auf der zweiten Karte genauso lang sei wie die auf der ersten Karte. Es war eine leichte Aufgabe, die auch die meisten Kinder hätten richtig lösen können. Alle Versuchsteilnehmer gaben korrekte Antworten.

Danach gab Asch dem Experiment eine überraschende Wendung. Er ließ die Versuchspersonen in einem Raum Platz nehmen, in dem sich auch Mitglieder der Forschungsgruppe befanden – es waren Schauspieler. Sie prüften die Karten vor den Augen der Versuchsteilnehmer und gaben dann bewusst falsche Antworten. Ihre Gespräche und ihr Verhalten schufen ein soziales Umfeld, an das sich die Versuchspersonen anpassten. In diesem Fall gaben drei Viertel der Versuchspersonen dieselben falschen Antworten wie die Schauspieler.

Asch verstarb 1996 und ließ die vermutlich wichtigste Frage der Studie unbeantwortet: Hatten die Versuchsteilnehmer nur deshalb falsche Antworten gegeben, um sich dem Druck der Gruppe zu beugen? Oder hatte das soziale Umfeld ihre Wahrnehmung der Realität tatsächlich so verändert, dass sie ihren Irrtum nicht einmal mehr bemerkten?

Im Jahr 2005 leitete Dr. Gregory Berns, Psychiater und Neurowissenschaftler an der Emory University in Atlanta eine ähnliche Untersuchung. Er verwendete moderne bildgebende Verfahren für das Gehirn, um die Antwort auf die oben gestellte Frage zu finden. Er benutzte spezielle Kernspintomographen, um zu beobachten, welche Gehirnregionen bei unterschiedlichen mentalen Aktivitäten der Versuchsteilnehmer tätig wurden. Zweiunddreißig Freiwilligen zeigte man Objekte auf dem Bildschirm des Computers. Danach bat man sie zu entscheiden, ob sich die Objekte ähnelten oder voneinander unterschieden.

Vor Beginn des Experiments begegneten die Versuchspersonen im Wartezimmer Menschen, die sie ebenfalls für freiwillige Versuchsteilnehmer hielten. In Wahrheit waren diese Menschen Wissenschaftler, die sich auf bewusst falsches Antworten vorbereitet hatten. Wie geplant gaben diese Akteure vorab ihre falschen Antworten. Anschließend unterzogen sich die eigentlichen Versuchspersonen einer Kernspintomografie, bei der der Gehirn-Scanner den Entscheidungsprozess mit bildgebenden Verfahren aufzeichnete.

Ähnlich wie bei Aschs Experiment gaben nun einundvierzig Prozent der Versuchspersonen, angespornt von den anderen angeblichen Versuchsteilnehmern, falsche Antworten. Also nichts Neues. Doch dann fanden die Wissenschaftler etwas höchst Interessantes heraus: Wenn die Versuchspersonen wegen des sozialen Drucks falsche Antworten gaben, hätte man im vorderen Bereich des Gehirns eigentlich verstärkte Aktivitäten feststellen müssen, und zwar in Gehirnregionen, die mit bewusster Entscheidung, Konfliktbewältigung und hochgradiger mentaler Tätigkeit zu tun haben. Es waren jedoch keine Aktivitäten in dem vorderen Bereich des Gehirns messbar, der für bewusstes Denken zuständig ist. Hingegen war bei den Versuchsteilnehmern, die falsche Antworten gaben, eine verstärkte Aktivität in Gehirnbereichen nachweisbar, die für optische und räumliche Wahrnehmung zuständig sind.

Einfach ausgedrückt verwandelte das Gehirn das, was das soziale Umfeld zeigte, in eine eigene Entscheidung um. Diese Versuchspersonen glaubten tatsächlich, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie hatten keine Kontrolle über ihre Gedanken und Entscheidungen. Unbewusst passten sie sich einfach dem an, was sie in ihrem Umfeld sahen.

Im Unterschied zu ihnen zeigten die Versuchsteilnehmer, die korrekte Antworten gaben und den Beurteilungen anderer Gruppenmitglieder widersprachen, erhöhte Aktivitäten in Gehirnarealen, die für Gefühle wie Schmerz, Angst, Ablehnung und Aufregung zuständig sind. Ein Leben, das im Gegensatz zur sozialen Umgebung an der Wahrheit festhält, geht mit emotionalen Belastungen und unterschiedlich empfundenen Qualen einher.

≻ Fünfter Abschnitt

»Die Geschichte mit dem Hubble-Teleskop zählt nicht zu den größten Tragödien der NASA, Junge«, fuhr Charlie fort. »Wenn wir unsere Lektionen nicht lernen, neigt die Vergangenheit dazu, sich zu wiederholen. Wenige Jahre vor dem Start des Hubble-Teleskops parkte ich meinen Wagen vor der Hauptverwaltung der NASA und stellte fest, dass mein Team bereits am Fahrstuhl auf mich wartete. Das war zuvor noch nie geschehen.

Es war der 28. Januar des Jahre 1986. Das Team hatte sich dort versammelt, um mir mitzuteilen, dass die Raumfähre Challenger gerade explodiert war und alle sieben Astronauten an Bord ums Leben gekommen waren.«

Die NASA hatte die Raumfähre Challenger an einem eiskalten Morgen starten lassen. Die Temperaturen waren unter die Grenze gesunken, die als Minimum für den Raketenstart festgelegt war. Der erste Bericht des Untersuchungsausschusses hielt fest, dass die Katastrophe deswegen geschah, weil die Ingenieure nicht verstanden hatten, wie sich die Technologie bei Niedrigtemperaturen verhält.

Doch Diane Vaughan, Soziologieprofessorin an der Columbia University und Mitglied des Untersuchungsausschusses, empfand diese Erklärung nicht als einleuchtend. Wie konnte es möglich sein, dass sich einige der weltweit besten Ingenieure nach vierundzwanzig erfolgreichen Raketenstarts nicht genauestens mit der Technik auskannten? Die Challenger war die fünfundzwanzigste Raumfähre, die startete.

Die folgenden Ermittlungen offenbarten, dass sich die Ingenieure in Wahrheit sehr gut mit der Technologie auskannten. Sie hatten die Projektleiter sogar noch vor der Explosionsgefahr gewarnt. Am Vorabend hatten die Ingenieure verzweifelt versucht, den Start der Raumfähre zu verhindern. Einige hatten sich sogar geweigert, die Flugfreigabe zu unterzeichnen. Die eigentliche Frage war also: Warum hatten die Verantwortlichen bei der NASA die Raumfähre starten lassen, obwohl alle Indizien gegen einen Start sprachen?

In den 1980er Jahren war die Raumfähre das wichtigste Transportmittel der Raumfahrt in den Vereinigten Staaten. Für alles und jedes, was in den Raum startete, wurde die Fähre genutzt. Wenn ein Start aufgeschoben werden musste, bedeutete das deshalb, dass auch alle geplanten Folgestarts verschoben werden mussten. Und so standen die Projektleiter der NASA unter enormem Druck, den Zeitplan für alle Raumflüge einzuhalten.

John Young, Chefastronaut der NASA und einer der wenigen Menschen, die auf dem Mond herumspaziert sind und das Mondfahrzeug gelenkt haben, sagte, es gebe nur einen einzigen Grund, eine gefährdete Raumfähre zum Start zuzulassen: den Druck des Zeitplans.

≻ Sechster Abschnitt

Das, was wir für das Wichtigste in unserem Leben – in unserer sozialen Umgebung – halten, beeinflusst unsere Sicht der Realität und unsere Entscheidungsfindung.

Der bei den British Airways angestellte Techniker hatte im Blick, was ihm der soziale Kontext des Unternehmens vorschrieb: Der Startplan war unbedingt einzuhalten. Auch die Verantwortlichen bei der NASA hatten im Blick, was ihnen der soziale Kontext zeigte: den zeitlichen Ablauf der Shuttle-Starts. In beiden Fällen wurde der Zeitplan zum wichtigsten Faktor. Ob bewusst oder unbewusst sprang der Zeitplan mehr ins Auge als die Sicherheit.

Das, was wir für am wichtigsten halten, ist der Motor unseres Denkens, unserer Entscheidungen und unseres Verhaltens.

»Was innerhalb der Startteams der NASA genauso geschah wie bei dem Techniker der British Airways, bezeichnet man mittlerweile als die ›Normalisierung von Abweichungen‹ – ein beschönigender Ausdruck für wachsende Geistesträgheit«, fuhr Charlie fort. »Diane Vaughan hat es den ›stufenweisen Sinkflug im mangelnden Urteilsvermögen‹ genannt. In manchen sozialen Umgebungen gewöhnen sich die Menschen an fehlerhafte Verhaltensweisen und sind irgendwann sogar blind dafür, dass dieses Verhalten sie selbst zerstört.

Der Prozess, durch den sich dieses mentale Muster herausbilden kann, ist sehr simpel: Wir wählen einmal, zweimal, dreimal eine Abkürzung für die Erledigung bestimmter Aufgaben, und irgendwann wirkt diese Abkürzung dann völlig normal. In unserem Denken verringert sich das Bewusstsein eines Risikos jedes Mal, wenn wir unbeschadet mit einer solchen Abkürzung durchkommen. Doch die Gefahr besteht ja ständig weiter, nimmt im Dunkel unserer Wahrnehmungsunfähigkeit sogar noch zu. Wir handeln einmal, zweimal, dreimal auf diese Weise – und schon wird es zur Gewohnheit. Und dann kommt es zur Tragödie.«

Unser Wagen schlängelte sich durch die Hügel Transsilvaniens. Charlie schloss die Augen, um sich ein paar Minuten auszuruhen. Hab ich das auch schon erlebt? Eine solche Normalisierung von Abweichungen?, fragte ich mich. Plötzlich tauchten Beispiele dafür in meinem Gedächtnis auf.

Ein Mangel an körperlicher Bewegung ist ein abweichendes Verhalten, das für die meisten von uns zur Normalität geworden ist. Alkohol- und Drogenmissbrauch sind verheerende abweichende Verhaltensweisen, die viele Menschen mittlerweile für normal halten. Die Zerstörung der Umwelt aus Profitgier ist ebenfalls ein abweichendes Verhalten, das zur Normalität geworden ist.

Wir merken, dass unser Verhalten falsch ist, ändern es jedoch nicht, weil unsere Handlungen uns für den Moment nicht unmittelbar schädigen.

Niemand glaubt en eine herannahende Tragödie. Wenn man einen Tag, eine Woche, einen Monat oder ein Jahr lang trinkt, zeigt das keine unmittelbaren Auswirkungen. Jetzt genießt man das Vergnügen, die Qualen liegen in der Zukunft. Zu viel zu essen oder den eigenen Körper mit schlechter Ernährung einen Tag, eine Woche, einen Monat oder ein Jahr lang zu vergiften, hat im Moment noch keine tragische Wirkung. Gedankenlose Verhaltensweisen entspannen kurzzeitig, haben letztlich jedoch einen katastrophalen Preis. Wir setzen unser Tun fort, bis uns die Konsequenzen um die Ohren fliegen. Ein Herzinfarkt. Eine Überdosis. Eine Krankheit. Eine zerbrochene Familie. Ein Selbstmord. Schießereien in einer Schule. Ein Flugzeugabsturz. Der Weg zur Einsicht ist mit Qualen verbunden. Wir nehmen die Realität nicht mehr wahr und erkennen sie erst, wenn uns ein harter Schlag trifft und weckt.

Aber das mit höchster Tragik verbundene abartige Verhalten besteht darin, dass wir so leben, als würden wir niemals sterben – und trotzdem niemals wirklich leben. Wir existieren, leben aber gar nicht. Verschwenden zu viele Lebensjahre auf eine Arbeit, die uns eigentlich nichts bedeutet, wie wir wissen. Wir verharren in unguten Beziehungen und auf unguten Arbeitsstellen, die uns genauso viel Sicherheit geben, wie es eine Gefängniszelle tun kann. Wir denken, wählen und tun, was die soziale Umgebung uns vor Augen führt, und leben nur das aus, was andere Leute uns zeigen. Wir unterdrücken die Liebe in unserem Herzen und verstoßen und handeln tage-, monate- und jahrelang gegen das, was in Wahrheit zählt, bis wir unempfindlich gegenüber unserem Kummer und blind gegenüber dem werden, was wir uns selbst antun. Wir missachten unsere Träume und leben komfortable Lügen, die unseren Geist verkrüppeln. Aber wir vollziehen nicht den Wandel, unserer Bestimmung zu folgen. Genau das tut abweichendes, abartiges Verhalten: Es verschafft einem Trost für den Moment und am Ende schrecklichen Kummer. Und eines Tages weckt uns der Anruf eines Arztes auf, aber dann ist es zu spät.

Ehe wir das Kloster verließen, betete ich um die Erkenntnis, warum es für die meisten von uns so schwer ist, in der Wahrheit zu leben. Das Gespräch, das ich später mit Charlie führte, brachte mich indirekt zu der Antwort: Der Verstand stellt einen Mechanismus dar, der sich auf etwas fokussiert und dann Entscheidungen trifft. Wir können uns aber auch auf unseren Geist fokussieren und dazu entschließen, die Stimme der Wahrheit zu beherzigen. Dadurch erlangen wir in den Händen Gottes Freiheit. Oder wir können uns auf die Welt fokussieren und beschließen, den Weg des geringsten Widerstands einzuschlagen. Dann werden wir zu Marionetten in den Händen anderer Menschen. Eine andere Wahl gibt es nicht. Beide Alternativen haben ihren Preis, aber die erstere bringt uns Leben und die andere Tod.

Ein Jahr später sollte ich diese Lektion tatsächlich lernen.

4 Die tragische Geschichte davon, »wer man wirklich ist«

Die Wahrheit wird den Weisen nähren.

November 2014. Bukarest.
≻ Erster Abschnitt

An einem frischen Herbstabend trat ich aus einem Gebäude auf den stockdunklen Parkplatz. Durch den Regenvorhang erkannte ich in der Ferne den Umriss des Wagens, der meinem Freund Daniel gehörte. Mehrere Schatten huschten in alle Richtungen und hielten sich Zeitungen über die Köpfe. Ihre Füße trommelten schnelle Rhythmen auf das Pflaster, während sie sich beeilten, aus dem Regen herauszukommen.

Die letzten Novembertage sind mir immer am liebsten gewesen, denn sie rufen mir die Aufregungen meiner ersten Schuljahre ins Gedächtnis zurück. Sie sind die Brücke zwischen den Jahreszeiten – die Momente, wenn sich Sommerlieben in Erinnerungen verwandeln und gefallene Blätter in Schnee.

»Komm mit zum Wagen. Ich fahre dich nach Hause«, sagte Daniel. Mit einer Hand griff er nach meinem Arm, mit der anderen umklammerte er seinen Geigenkasten.

Beide trugen wir einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine dunkle Krawatte.

»Wir sind beide Künstler«, erklärte er. »Wir müssen unsere Seelen glücklich machen, selbst wenn das bedeutet, einen guten Anzug zu ruinieren.« Er lachte, während wir ins Auto schlüpften und uns auf unsere Sitze fallen ließen. »Vor vierzig Jahren, während meiner Studienzeit, nahm ich meine Freundin an Abenden wie diesen oft auf das Dach der Musikhochschule mit und dort liebten wir uns mitten im Regen. Es kümmerte uns nicht, ob die Menschen auf der Straße uns sahen. Die meisten Leute schauten beim Gehen nur auf die Pfützen und hielten sich Schirme über die Köpfe. Wir mussten nur dafür sorgen, dass uns niemand von der Musikhochschule erwischte. Jetzt ist es schwieriger, so etwas zu tun – mit den zwei dicken weißen Haarsträhnen, die über meinen Ohren wie buddhistische Gebetsfähnchen flattern. Seit ich sechzig geworden bin, ist mein Körper Tag für Tag geschrumpft. Jeder Teil davon!« Beide lachten wir schallend.

Daniel hatte mich vom ersten Tag unserer Begegnung an unter seine Fittiche genommen. Das war ein Jahr her. Wir trafen uns nur einmal im Monat, aber es hatte gereicht, dass wir uns anfreundeten und unsere Herzen einander öffneten. In seinen blauen Augen lag der innere Frieden eines Künstlers und er sprach mit der Freundlichkeit einer alten Seele.

Während wir durch die engen Straßen von Bukarest fuhren, bremste Daniel ab, damit die Menschen auf den Gehwegen nicht nass gespritzt wurden. Auf beiden Seiten der Straße umgaben uns die Mietshäuser aus Beton. Die einzigen Geräusche waren die klassische Klaviermusik, die aus dem Radio drang, und das eintönige Prasseln des Regens auf den Wagen.

»Die Menschen wirken traurig«, bemerkte ich, während ich aus dem Fenster blickte.

»Was meinst du damit?«, fragte Daniel. »Welche Leute?«

»Alle Leute. Niemand lächelt. Alle sehen traurig aus.«

»In Wirklichkeit sind es wunderbare Menschen«, erwiderte Daniel. »Was du auf ihren Gesichtern siehst, ist die Folge der sozialen Umgebung, in der wir jahrelang gelebt haben. Das kommunistische Regime endete zwar vor fast dreißig Jahren und vieles hat sich seitdem verändert, aber der Schatten früherer Verletzungen hängt tief in unserem Inneren immer noch über uns. Du siehst nur die Gesichter der Menschen, aber ich habe mein ganzes Leben lang vielen in die Herzen schauen können. Ihre Verletzungen reichen viel tiefer, als es das verlorene Lächeln zeigt. Der Schmerz hat so tiefe Einschnitte verursacht, dass die meisten von uns ihn nicht einmal mehr spüren. Die Verletzungen wurden zur Normalität und Teil dessen, wer wir sind.«

Ich blickte vom Beifahrersitz aus wortlos zu ihm hinüber, während er auf die Straße sah.

»Ich möchte dir eine Geschichte erzählen«, fuhr er fort. »Als ich in deinem Alter war, waren die gesellschaftlichen Umstände anders als heute. Nach Studienabschluss gab einem die kommunistische Regierung irgendwo im Land eine Wohnung und Arbeit. Doch im Gegenzug nahm sie einem die Freiheit. Man hatte keine Wahl. Konnte nicht ablehnen. Musste dorthin gehen.

Heute gibt dir die Regierung keine Wohnung oder Arbeit mehr, aber du bist frei. Wir hatten keine Freiheiten. Wir lebten in einer Gesellschaft, in der wir uns nicht frei ausdrücken durften. Falls man öffentlich das Falsche sagte, warfen sie einen ins Gefängnis. Das geschah sogar, wenn sie herausfanden, was du privat, zu Hause, geäußert hattest.

Wie Millionen anderer Menschen lebten die Eltern in einer von Angst bestimmten sozialen Umgebung. Selbst ihre winzigste Sehnsucht nach Freiheit – die Sehnsucht, sie selbst sein zu dürfen – wurde bestraft. Um zu überleben, mussten sie sich anpassen. Sie versetzten ihre Herzen jahrelang in Isolationshaft und vergaßen sie dort völlig.« Daniel schwieg eine Weile, um diese Worte wirken zu lassen.

»Wenn du in einem Gesellschaftsgefüge leben müsstest, das dich dafür bestraft, dass du die Wahrheit sagst und lebst«, fuhr er schließlich fort, »glaubst du, du würdest dich selbst unterdrücken und niemandem verraten, wer du in Wirklichkeit bist? Würdest du eher auf Nummer sicher gehen als das tun, was dir die Wahrheit gebietet?«

Ich drückte meine Stirn gegen die kalte Glasscheibe des Wagens und starrte auf die Regentropfen, die daran hinunterliefen. Immer wenn wir an einem Lichtmast vorbeifuhren, sah ich, wie sich meine Augen in der Scheibe spiegelten.

»Wenn du die Wahrheit in deinem Herzen verleugnest und verschließt, wenn du deiner Liebe keinen Ausdruck verleihst und nicht das auslebst, was du in Wirklichkeit bist, dringt die Angst in deine Seele ein und der Schmerz in deinen Körper. Verzweifelt versuchst du damit fertig zu werden, und der Trost, der am nächsten zur Hand ist, ist meistens die Flasche«, sagte Daniel. »Von meinen fünfunddreißig Mitschülern in der Oberschule haben sich alle bis auf zwei zu Tode getrunken.«

Ich blickte auf die Schatten, die auf dem Bürgersteig entlanggingen, und die Pfützen, durch die unser Wagen rauschte. In meinem Kopf blitzten Gesichter meiner Freunde und Verwandten auf.

»Was wir nicht ans Licht bringen und uns selbst gegenüber verleugnen, wuchert in der Dunkelheit immer weiter«, setzte Daniel hinzu. »Nach dem Thomas-Evangelium hat Jesus Folgendes gesagt: ›Wenn ihr das in euch fördert, was in euch ist, wird euch das, was ihr in euch habt, retten. Wenn ihr jedoch nicht fördert, was ihr in euch habt, wird es euch zerstören.‹ In der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, haben die Menschen den Willen ihres Herzens unterdrückt und die Wahrheit missachtet, um zu überleben.«

≻ Zweiter Abschnitt

Alkohol- und Drogenabhängigkeit ist oftmals eine Folge dessen, dass jemand nicht fähig ist, mit dem eigenen sozialen Umfeld zurechtzukommen. Er oder sie kann das eigene Leben nicht ertragen. Dr. Bruce Alexander, emeritierter Professor der Psychologie, führte in den 1970er Jahren das folgende Experiment durch und entdeckte dabei eine der fundamentalen Ursachen von Sucht.

Sein Team schuf zwei unterschiedliche Versuchsanordnungen. In den üblichen Laborkäfigen waren die Ratten voneinander isoliert. Sie konnten andere Ratten weder sehen noch berühren und hatten nichts zu tun. Hingegen bekamen die Ratten in der weitläufigen, gut ausgestatteten Umgebung des sogenannten Rattenparks gut zu fressen, hatten Laufräder für die körperliche Ertüchtigung zur Verfügung, außerdem Spielzeug zur mentalen Anregung, Plattformen zum Klettern, Konservendosen zum Verstecken und viele andere Ratten zur Gesellschaft.

In beiden Umgebungen hatten die Ratten Zugang zu zwei Trinkflaschen. Eine Flasche enthielt reines Wasser, die andere Wasser, das mit Morphium versetzt war – ein Opiat, das dem Heroin ähnelt. Am Ende jedes Tages maßen die Forscher die Inhalte der Flaschen nach, um zu prüfen, ob die Ratten lieber das reine Wasser oder das mit Morphium versetzte getrunken hatten.

Die Ratten in den Isolationszellen wählten fast immer das mit Morphium versetzte Wasser und wurden süchtig. Manche tranken sich dabei zu Tode. Die Ratten im Rattenpark tranken dieses Wasser hingegen fast nie. Stattdessen zogen sie es vor, sich miteinander zu beschäftigen und zu spielen.

Ratten sind soziale, sexuelle und arbeitsame Lebewesen, genau wie Menschen. Menschen müssen nicht unbedingt eingesperrt sein, um süchtig zu werden, schrieb Professor Alexander. Es reicht schon aus, dass sich diese Menschen eingesperrt fühlen – bei der Arbeit, in einem Klassenzimmer, in einer Beziehung, in einer Familie oder in einem Land. Dann werden sie Alkohol trinken oder Drogen nehmen, um mit der Situation irgendwie fertigzuwerden. Professor Alexander wies darauf hin, dass Sucht eine Flucht aus einer sozialen Umgebung ist, in der die Verbindung des Menschen mit dem eigenen Ich und mit anderen Menschen unmöglich ist.

In einem anderen Experiment zwang er isolierte Ratten, siebenundfünfzig Tage lang ausschließlich mit Morphium versetztes Wasser zu trinken.

Wenn die Annahmen in unserer Gesellschaft über Sucht zutreffen würden – wonach die Chemikalien in Drogen die Kontrolle über unser Gehirn erlangen –, hätte zwei Monate dauerndes Konsumieren von Morphium ausreichen müssen, um Abhängigkeit zu erzeugen. Doch als die »süchtigen Ratten« in den Rattenpark verlegt wurden, hörten sie damit auf, mit Morphium versetztes Wasser zu trinken, und wählten stattdessen das reine Wasser. Nach einer Entzugsphase passten sie sich der angenehmen Umgebung an und änderten ihr Verhalten.

Während Professor Alexander die Auswirkungen der sozialen Umgebung auf Ratten untersuchte, richtete der Vietnamkrieg auf der anderen Seite der Welt verheerendes Unheil an. Gemäß einer in den Archives of General Psychiatry veröffentlichten Studie waren zwanzig Prozent der in Vietnam kämpfenden Soldaten heroinabhängig. Die Öffentlichkeit und die Medien in den USA waren entsetzt darüber, dass Hunderttausende von Kriegsveteranen als Junkies in die Heimat zurückkehren würden.

Doch das geschah nicht.

Stattdessen hörten fünfundneunzig Prozent der heroinabhängigen Soldaten nach der Rückkehr in die Heimat innerhalb eines Jahres auf, Heroin zu nehmen.

In seinem Buch Drogen – Die Geschichte eines langen Krieges schrieb Johann Hari, dass die Ratten in Professor Alexanders Experiment und die Soldaten in Vietnam nicht Opfer der Drogen geworden seien, sondern Opfer ihrer Umgebungen.

Die Sucht war ihr Ausweg, damit zurechtzukommen, »dass man sie von allem, was ihrem Leben Sinn gab, getrennt hatte«, schrieb Hari. Wenn man sich eingesperrt fühlt und die Welt einem nicht mehr erträglich ist, verlässt man diese Welt – entweder körperlich, wenn das möglich ist, oder mental. Als die Soldaten in eine andere Umgebung wechselten, änderten sie ihr Verhalten. Sie kehrten nach Hause, zu einem sinnvollen Leben zurück und gaben die Drogen auf.

Es leuchtet ein, dass Menschen in einem sozialen Umfeld, in dem sie sich mit anderen Menschen verbinden und mit ihrer Arbeit weitgehend identifizieren können, weit weniger suchtgefährdet sind als andere, selbst wenn ihnen Alkohol und Drogen überall zur Verfügung stehen. Schließlich wollen sie ja nicht abwesend, sondern präsent im eigenen Leben sein. Aber wenn sie sich in einer Situation befinden, die einer Falle gleicht, oder sich eingesperrt fühlen – sei es bei der Arbeit oder in einer Partnerschaft –, werden sie Zuflucht bei allem Möglichen suchen, das ihnen die Qualen nimmt. Und dasselbe gilt auch für Menschen, die keine Beziehungen zu anderen oder zu ihrer Arbeit herstellen können, weil sie in einer sozialen Umgebung leben, die sie für das Ausleben ihres wahren Ichs bestraft.

Professor Peter Cohen, Leiter des Zentrums für Drogenforschung an der Amsterdamer Universität, schrieb, dass wir Menschen ein fundamentales Bedürfnis haben, Bindungen zu unserer Arbeit und zu anderen Menschen aufzubauen. Aber das können wir nur, wenn wir unsere Herzen für die Wahrheit in unserem Leben, für die Beziehung zu uns selbst und zu anderen Menschen öffnen. Beziehungen (zu Menschen, zu unserer Arbeit, zu Gott) sind entweder vollständig erfüllend oder sie bedeuten gar nichts. Es gibt kein »Dazwischen«. Menschen entwickeln Bindungen nur dann, wenn sie authentisch, offen und ehrlich sind, sonst wird das nicht klappen.

Wir alle haben Freundschaften, Liebesgeschichten, Beziehungen auf der Arbeit oder in der Familie erlebt, bei denen uns klar war, dass wir uns nicht authentisch verhielten. Wir haben uns darin zu unwohl gefühlt, um aufrichtig zu sein. Wenn wir nicht das Wahre in unseren Beziehungen erkennen, entwickeln sie sich zu einem Zustand der Isolation innerhalb der Zweisamkeit. Auch wenn wir allzu lange auf einer uns nichts bedeutenden Arbeitsstelle ausharren und es uns dabei schlecht geht, versetzen wir unser Herz in einen unerträglichen Käfig. Der nach innen gerichtete Kummer kann dann zu Depressionen führen – oder auch zu nach außen gerichteter Wut. Sucht ist nur ein verzweifelter Versuch, mit der Qual, abgeschnitten von dem zu leben, wer wir wirklich sind, fertigzuwerden.

Professor Alexander brachte es 2011 in London präzise auf den Punkt:

»Menschen werden nur süchtig, wenn sie den verzweifelten Drang haben, die Leere zu füllen, die sie zu zerstören droht. Das Bedürfnis, die innere Leere zu füllen, beschränkt sich nicht auf Menschen, die drogenabhängig werden, sondern betrifft die große Mehrheit aller Menschen.«

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