Kitabı oxu: «Mit dem Kopf im Himmel und den Füßen auf dem Boden»

Şrift:

E.T.A. Hoffmann

Mit dem Kopf im Himmel
und den Füßen
auf dem Boden

Texte eines Universalkünstlers

Herausgegeben von Jörg Petzel und Bernd Hesse



Selbstporträt E.T.A. Hoffmanns

Inhalt

Einleitung

Ritter Gluck

Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden

Beethovens Instrumentalmusik

Der goldene Topf

Die Elixiere des Teufels

Der Sandmann

Nußknacker und Mausekönig

Die Serapions-Brüder

Das Fräulein von Scuderi

Klein Zaches genannt Zinnober

Lebens-Ansichten des Katers Murr

Meister Floh

Des Vetters Eckfenster

Zeittafel

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Danksagung

Einleitung

Hoffmanns Leben war das eines stets rastlos Suchenden, zwischen den Polen seines künstlerisch kompromisslosen Strebens und seiner konservativen richterlichen Amtsausübung Schwankenden, das Leben eines mit tiefer Leidenschaft Liebenden und an unerfüllter Liebe Leidenden, auf Unverständnis Stoßenden, der von Schmerz und Sehnsucht erfüllt war und im bürgerlichen Dasein gerade so viel Halt erfuhr, dass ihm das Leben nicht entglitt.

Ins Leben geworfen wurde Hoffmann am 24. Januar 1776 in der Französischen Gasse in Königsberg als Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann. Als er die Verantwortung für sein Leben in die eigenen Hände genommen hatte, entschied er sich 1805 aus Verehrung für Mozart dafür, den Vornamen Wilhelm durch Amadeus zu ersetzen. Mozart lernte er jedoch nie persönlich kennen. Umso größer war für Hoffmann später die Freude, als dessen Sohn auf einer Europa-Tournee in Berlin weilte und er sich in fröhlich beschwingter Runde als Gastgeber würdig erweisen konnte.

Noch war Hoffmann nicht der erfolgreiche Schriftsteller, Komponist, Musikkritiker, Zeichner und Jurist, als der er heute bekannt ist. Noch war ihm nicht bewusst, konnte er nicht wissen, welche Schicksalsschläge ihn treffen, an welchen Umständen er wachsen und welche ihn schier an den Rand der Verzweiflung treiben würden.

Seine Kindheits- und Jugendjahre waren alles andere als unbeschwert. Die Mutter stammte aus der in Königsberg angesehenen Juristenfamilie Doerffer. Der Vater, ebenfalls Jurist, entstammte einer Familie, deren Vorfahren väterlicherseits meist Pfarrer waren, die Theologie an der Königsberger Universität studiert hatten. Nachdem der Vater zum Hofgerichts-Advokaten avancierte, entsprach er für die Familie der Ehefrau den gesellschaftlichen Ansprüchen. Die Familienverhältnisse der Hoffmanns waren zerrüttet: Die Mutter kränkelte, wurde als schwermütig oder gar hysterisch beurteilt und litt unter dem geistvollen, aber trinkenden Vater. Aus der Ehe stammten neben Ernst zwei ältere Brüder, von denen der eine noch als Kind verstarb und der andere nach der Scheidung der Eltern mit dem Vater nach Insterburg zog.

Die Mutter kehrte nach der Trennung mit dem dreijährigen Ernst in den Schoß ihrer Familie zurück. Zum Hausstand des Doerfferschen Hauses gehörten neben ihnen Hoffmanns Großmutter, sein Onkel Otto und die unverheirateten Tanten Johanna Sophia und Charlotte Wilhelmine, die mehr Einfluss auf sein Leben haben sollten, als es nach ihrer Rolle im Hause den Anschein hatte. Je älter Hoffmann wurde, desto mehr litt er unter dem Regime des wegen Unvermögens als Justizrat früh aus dem Dienst entlassenen Onkels, den er auch »O-weh-Onkel« nannte und mit dem er sich ein Zimmer teilen musste. Schon die eigene Familie betrachtete mit Argwohn die Ähnlichkeit des jungen Hoffmanns mit dem unsteten, künstlerisch begabten, sich den äußeren Zwängen nicht beugen wollenden Vater. Hoffmann erschien das eintönige und anspruchslose Dasein des Onkels als ein Dahinvegetieren zwischen Mahlzeiten und Schlafen, gelegentlich unterbrochen von Hausmusik und Literatur zur Erbauung. Möglicherweise schwang in der Kritik gegenüber dem Onkel auch Hoffmanns jugendliche Rigorosität mit, wonach sich der Sinn des Lebens nur in tiefem, künstlerischem Schöpfertum widerspiegele. Otto Doerffer war es aber auch, der sich um die musische Erziehung des Neffen bemühte. Schon als kleiner Junge hatte Hoffmann diszipliniert den längsten Stücken der Hausmusik zu folgen, die der Onkel mit Musikfreunden unternahm. Wovon der Onkel nichts ahnte, das war die Schärfe der Beobachtung durch den kleinen Neffen, der in späteren Erzählungen den beim Spiel bis zur körperlichen Erregung gesteigerten Enthusiasmus der Musiker nachzeichnete. Der Junge spielte bald Klavier, Violine und Harfe. Daneben wurde er im Gesang ausgebildet. Gerne spielte er »auf einem alten Flügel phantasierend oder eigene Kompositionen versuchend«. Jedoch hatte Kunst in der Familie lediglich zur Bildung, Erbauung und Zerstreuung Platz. Dies ähnelt der Situation, die Hoffmann in Ritter Gluck seinem Ich-Erzähler in den Mund legt: »Ich lernte ehemals Klavierspielen und Generalbass, wie eine Sache, die zur guten Erziehung gehört …«

Die Vorstellung, Kunst als etwas anderes als ein Amüsement zu begreifen, mit und in ihr zu leben, eine alles verzehrende Leidenschaft für sie zu empfinden, die eigenen Kunstfertigkeiten zur Vervollkommnung zu treiben und darin völlig aufzugehen, war der Familie fremd.

Zu Theodor Gottlieb von Hippel, dem Neffen des gleichnamigen Stadtpräsidenten von Königsberg, entwickelte Hoffmann eine tiefe und unzertrennliche Freundschaft, die wie jede dauerhafte Beziehung von Zuneigung, gemeinsamen Interessen und gegenseitigem Verständnis, aber auch von gelegentlichen Missverständnissen und Unstimmigkeiten geprägt war. Und auch in der Einschätzung dieser Beziehung sollte die Familie im Weiteren noch einem Fehlurteil unterliegen. Selbst die Spiele mit Hippel standen unter der gestrengen Aufsicht der Familie. Die Jungen fanden für den »O-weh-Onkel« immer neue Namen; nach der Lektüre von Shakespeares Heinrich IV. und Die lustigen Weiber von Windsor sprang den Jungen die Ähnlichkeit des Onkels mit Falstaff ins Auge, weshalb für ihn auch Namen wie »Sir Ott« und der »dicke Sir« gefunden wurden. Neben Shakespeare war für Hoffmann auch die Lektüre der Werke unter anderem von Jean Paul, Sterne, Rousseau und Schiller prägend.

Peinlich genau plante Sir Ott zur Wahrung des bürgerlichen Scheins den Besuch bei Honoratioren der Stadt. Diese Tage, es war immer ein Mittwoch, boten die Möglichkeit, dem Drang, sich selbst auszuprobieren, wilde Musik zu spielen und herumzutoben, nachzugeben. Dem Urteile des Freundes Hippel zufolge war Hoffmanns Musik »genial, kühn, aber oft bizarr«.

Einzig die Tante, Johanna Sophia Doerffer, war aufgrund ihres geistreichen Wesens in der Lage, Hoffmanns Naturell zu erfassen. Die andere Tante, Charlotte Wilhelmine, war 1779 im Alter von dreiundzwanzig Jahren an Pocken verstorben. Bei Sophia fand der Junge den Halt und das Verständnis, die die Mutter wohl aufgrund ihres labilen Gesundheitszustandes nicht in der Lage war, dem Jungen zu bieten. Als Hoffmann heranwuchs, blieb sie die Vertraute auch seiner Schwächen. In der Jugendgeschichte des Kapellmeisters Kreisler in den Lebens-Ansichten des Katers Murr setzte er seinen Tanten ein rührendes Denkmal, indem er der dortigen Tante »Füßchen« (Kindersprache für Sophiechen) den Namen auf die jüngere Tante übertragen hatte. Hippel wunderte sich noch Jahre später in seinen Erinnerungen darüber, dass er Hoffmanns Mutter und Tante – er wusste wohl nichts von der Existenz der Tante Charlotte – in all den Jahren, in denen er im Doerfferschen Haus ein- und ausgegangen war, vielleicht drei- oder viermal zu Gesicht bekommen hatte. Der Lebensmittelpunkt der Damen war ihr Zimmer.

Hoffmann saß in der Königsberger Burgschule neben seinem Freund Hippel, der zwar ein wenig älter war als er, aber wegen der Zusammenfassung der Jahrgänge in demselben Raum unterrichtet wurde. In der Schule fiel der Junge kaum auf. Der quirlige Bursche, der schon in der Schulzeit die Gabe entwickelte, mit seinem beißenden Spott zu treffen, schien den Mitschülern wohl suspekt. Hippel, der bei seinem Onkel, dem Königsberger Stadtpräsidenten und Freund Immanuel Kants, lebte und streng auf eine Karriere im Staatsdienst vorbereitet wurde, war der sanfte und brave Junge, der Hoffmann beim Griechischen und Lateinischen half. Hoffmann hingegen war der, der bei gemeinsamen Unternehmungen die Initiative ergriff und den Freund mitriss.

Als sie heranwuchsen, weckte das hinter der Gartenmauer liegende Fräuleinstift mit den jungen Damen das Interesse der Burschen. Schnell war der Plan gefasst, einen unterirdischen Gang zu graben, um die Grazien beobachten zu können. Nach einigen Tagen anstrengender Arbeit durchkreuzte der »O-weh-Onkel« die Pläne: Er bemerkte den Gang. Die Jungen, von ihm zur Rede gestellt, behaupteten kühn, dass sie ihm eine Freude bereiten wollten und die Grube für eine seltene amerikanische Pflanze ausgehoben hatten. Der Onkel musste zwei Arbeiter beauftragen, die genügend Mühe obwalten lassen mussten, um den Gang aufzufüllen, die Erde zu verdichten und den Garten in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Hippel erwies sich auch in anderen Situationen als treuer Freund. Wenn Hoffmann wie zufällig Mädchen in den Straßen begegnen wollte, deren Weg er zuvor ausgespäht hatte, begleitete ihn Hippel und spendete Trost, wenn sie ihn nicht bemerkten oder seiner spotteten. Hoffmann empfand den eigenen Körper als Hemmnis gegenüber seinem Verlangen. Seinem Freunde Hippel gestand er: »Da ich sie einmal nicht durch die Annehmlichkeit meines Äußeren interessieren kann, so wollt ich, daß ich ein Ausbund von Häßlichkeit wäre …, damit ich ihr auffiele, damit sie mich wenigstens ansähe.« Dieses Gefühl der körperlichen Unzulänglichkeit thematisierte er in seiner gesamten künstlerischen Laufbahn. Seinen Höhepunkt erlangte diese Auseinandersetzung in dem Märchen Klein Zaches genannt Zinnober, in dem der ohnehin schon vom Pech verfolgten Bauernfamilie ein Wechselbalg »zu Schand und Spott des ganzen Dorfes« geboren wurde.

Wegen seines Alters verließ Hippel schon vor Hoffmann die Schule und wurde Student der Rechtswissenschaften an der Königsberger Universität. Der Familientradition folgend, schrieb sich auch Hoffmann im Wintersemester 1791/92 als Student der juristischen Fakultät der Albertus-Universität in Königsberg ein. Hoffmann sah das Studium der Rechtswissenschaften als sein Brotstudium an, das ihm künftig eine wirtschaftliche Unabhängigkeit als Basis für sein künstlerisches Schaffen bieten sollte. Es war eher eine Vernunftehe denn eine Liebesheirat. Und so notierte er: »Aus Überzeugung der Notwendigkeit studiere ich mein jus.« Gleichwohl lernte er zielstrebig und mit sehr viel Fleiß. Die Ausbildung an der Albertina entsprach der damaligen Üblichkeit mit vielen Vorlesungen und Lehrveranstaltungen zum Naturrecht, den Institutionen und Pandekten des römischen Rechts, aber auch schon dem modernen Preußischen Allgemeinen Landrecht. Immanuel Kant übte als Philosoph einen großen Einfluss auch auf die Professoren der juristischen Fakultät aus, die insbesondere das Naturrecht ausgerichtet an den philosophischen Grundsätzen des berühmtesten Lehrers dieser Universität lehrten. Bisher wird in vielen Beiträgen über die Studienjahre die These vertreten, dass Professor Daniel Christoph Reidenitz der Universitätslehrer war, der den größten Einfluss auf Hoffmann ausgeübt habe. Die neuesten Forschungsergebnisse der Autoren des vorliegenden Bandes gelangen jedoch zu der Erkenntnis, dass auch Professor Theodor Anton Heinrich Schmalz, der mit seiner Schrift zu politischen Vereinen im Zusammenhang mit der Demagogenverfolgung später eine unrühmliche Rolle spielte, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für Hoffmanns Ausbildung an der Albertina gehabt haben dürfte. Überzeugte Kantianer waren zu Hoffmanns Studienzeiten diese beiden Professoren genauso wie das Gros des Lehrkörpers. Insoweit haben die Lehren Kants auch das Studium Hoffmanns geprägt, obwohl nicht nachgewiesen ist, dass er eine der Vorlesungen Kants besuchte. Hoffmann mühte sich fleißig, wie Generationen von Juristen vor und nach ihm. Auch Selbstzweifel hinsichtlich des Gelingens des doch so trockenen Studiums waren dem jungen Mann nicht fremd.

Das wahre Interesse Hoffmanns lag unzweifelhaft dennoch bei den Künsten. Er widmete sich weiter dem Musizieren, Komponieren, Schreiben und Zeichnen. Sein Musiklehrer wurde der Königsberger Organist und Komponist Christian Podbielski, der zunächst Theologie ebenfalls an der Albertina studiert hatte, später aber Organist am Königsberger Dom wurde. Die hier erworbenen Fähigkeiten versetzten den Studenten Hoffmann in die Lage, selbst als Musiklehrer fungieren zu können. Dies war weniger aus künstlerischer Selbstverwirklichung vonnöten als vielmehr dem Umstand geschuldet, dass der vom Vater zum Unterhalt gedachte Wechsel nur sehr schmal war und Hoffmann als Musiklehrer eine Chance sah, seine wirtschaftliche Lage zu verbessern.

Im Jahre 1792 zog eine Familie Hatt mit in das Doerffersche Haus in der Junkergasse; ein Ereignis, das in seinen Folgen für das weitere Leben des jungen Mannes prägend werden sollte. Der junge Student kannte die bildschöne und in ihrer Beziehung wenig glückliche Dorothea Hatt bereits, die verheiratet, Mutter von fünf Kindern und neun Jahre älter war als er. Sie war in jugendlichem Alter an einen mehr als doppelt so alten Kaufmann und Glücksritter verheiratet worden. Dora war in Königsberg keineswegs unbekannt, sie entstammte der zweiten Ehe ihres Vaters, des wohlhabenden Tuchhändlers Johann Friedrich Schlunck, mit der Kaufmannstochter Dorothea Adelgunde Horn. Nach dem Tode der zweiten Ehefrau heiratete Doras Vater mit einundsechzig Jahren die siebenundzwanzigjährige Tochter des Königsberger Professors Flottwell. Diese war bestrebt, die Stiefkinder eiligst aus dem Haus zu bekommen, und so war ihr der bis dahin glücklose Kaufmann und Spekulant Johannes Hatt, der seinem wirtschaftlich erfolgreichen Vetter nach Königsberg hinterhergezogen war, genau richtig. Johannes Hatt suchte eine Frau mit Kapital, die Stiefmutter wollte Dora schleunigst unter die Haube bringen.

Die Familie Doerffer verkehrte nun mit Dora Hatt und so kam es, dass die junge hübsche Dame auch zu Hoffmanns Konfirmation geladen wurde. Während die erwachsene Frau mit den übrigen Familienmitgliedern im Salon feierte, vergnügte Hoffmann sich allerdings mit seinem Freund Hippel in der kleinen Stube. Die freundschaftlichen Bande der Doerffers mit Dora Hatt wurden weiter gepflegt. So ergab es sich, dass die Familie Hatt bis zum Einzug ins eigene Haus für ungefähr zwei Jahre Mieter der Doerffers wurde.

Die reizende Hausgenossin »voll Sinn und Gefühl für die Künste« wünschte nun die Unterrichtung im Gesang und im Klavierspiel durch den musisch begabten jungen Jurastudenten. Es muss Hoffmann erschienen sein, als würde einem Dürstenden ein Kelch Wasser gereicht. Er verliebte sich unsterblich in seine ältere Schülerin, die den Überlieferungen zufolge den aktiveren Part in der sich entwickelnden Liebesbeziehung übernahm. Hoffmann weihte seinen treuen Freund Hippel in das Geheimnis seiner ersten großen Liebe ein. Überschattet war das Verhältnis durch die unglückliche Ehe der Frau Hatt, auf die auch noch andere Verehrer schauten. Und so berichtet Hoffmanns erster Biograf Hitzig, der auch ein Richterkollege und Freund Hoffmanns war, nach den Berichten Hippels: »… [E]r gab sich ihr mit der vollen Lebendigkeit frischer Jugend hin. … [I]n die Fülle des Genusses mischte sich die Gewissheit des sichern Verlustes.« Von Hippel stammt auch die Einschätzung, dass sein Freund durch diese Beziehung »schnell und über seine Jahre hinaus« reifte und sie auf sein »gesamtes Leben von dem entschiedensten Einflusse« war. Zwar verdankte er nach Ansicht des Freundes dieser Erfahrung »die vertraute Bekanntschaft mit den Tiefen des menschlichen Herzens«, die seinen Werken zugrunde liegt. Sie wurde Ursache für die »Zerrissenheit in seine[r] Seele …, deren Wunden bis an seinen Tod noch kenntlich waren«.

Die Angst vor Verlust schlich sich wieder und wieder in Hoffmanns Leben. Hippel beendete sein Jurastudium früher als Hoffmann und bewarb sich zur weiteren Ausbildung als Auskultator nach Marienwerder. Die Familie meinte, dass sich Hoffmann nun einen neuen Freund suchen müsse. Hoffmann aber hängte sein Herz nicht an viele Personen, nur die, die er in sein Herz schloss, blieben dort. Hippel blieb ein Freund für das gesamte Leben, bis hin zu Hoffmanns Totenbett. Zwischen ihnen entwickelte sich ein reger Briefverkehr, aus dem Hoffmanns literarisches Talent hervorscheint und der neben der tiefen Freundschaft der beiden Hoffmanns große Liebe zu Dora Hatt und seine Neigung zu den Künsten, insbesondere zur Musik, widerspiegelt. Jedoch hebt Hoffmann immer wieder das Zusammenspiel der Kunstformen hervor, in denen er sich weiterbildet: »Meine Musik – mein Malen – meine Autorschaft.« Zum Ende des Studiums schrieb er konzentriert an seinem ersten dreibändigen Roman Cornaro. Memoiren des Grafen Julius von S. Geschrieben in den Frühlingsmonden des Jahres 1795 und sandte die bis zum nächsten Brief fertiggestellten Seiten jeweils seinem Freund Hippel zur kritischen Rezension. Das große Thema dieses Romans, wie auch des folgenden Werkes Der Geheimnisvolle, das er einige Zeit später in Glogau weiterschrieb, aber wohl nicht vollendete, war vermutlich die Existenz von Geheimbünden, in deren Treiben die Protagonisten verwickelt wurden. Der erste Roman wurde vom Verleger zurückgewiesen, da Hoffmann als Verfasser anonym bleiben wollte. Beide Romane gingen im Verlauf der Zeit verschollen.

Das Verhältnis zu Dora Hatt wurde in Königsberg bekannt, als es zwischen Hoffmann und einem Rivalen zu Auseinandersetzungen um die Geliebte kam; ob es sich bei dem Widersacher um den Ehemann oder einen Nebenbuhler handelte, ist nicht bekannt. Die Streitigkeiten sollen in einem Duell gemündet haben.

Nach seinem Jurastudium begann Hoffmann den Dienst als Auskultator zunächst in Königsberg. Vor dem Hintergrund der bekannt gewordenen Affäre mit Dora Hatt ließ er sich an die Oberamtsregierung nach Glogau versetzen. Hier kam er im Hause seines Onkels Johann Ludwig Doerffer unter. Der Ortswechsel läutete dann auch das Ende der Beziehung zu Dora ein. Rückblickend betrachtete er das Verhältnis zu ihr im Verlaufe seines Lebens immer wieder aus verschiedenen Perspektiven. Von der melancholischen Fiktion, was gewesen wäre, wenn er sich entgegen allen Konventionen unumwunden zur Liebe bekannt hätte, bis hin zu einem scheinbaren Erfolg der Vernunft über die körperlichen Begierden wechselte seine Sichtweise. Dora blieb dabei aber immer eine der großen Leidenschaften seines Lebens. Auch hier war Hoffmann der Getriebene, der Zerrissene: Wirkliche Leidenschaften entbrennen und Hoffmann sollte noch einige Male in seinem Leben in Flammen aufgehen für die Frauen, mit denen er nicht nach den üblichen Konventionen verbunden war. Hoffmann brachte im Zusammenhang mit dem Ende der Beziehung zu Dora zum Ausdruck, nicht viel länger leben zu wollen. Die Forscher sind sich weitgehend einig darüber, dass dieses Verhältnis das Vorbild für eine später in der Erzählung Das Majorat beschriebene Beziehung war. Später ließ sich Dora Hatt scheiden und heiratete einen gegenüber Hoffmann noch um einige Monate jüngeren Mann.

Der Glogauer Teil der Verwandtschaft lag Hoffmann viel mehr: Hier war man offenherziger, freundlicher und seinen Interessen zugewandter, als es in Königsberg der Fall gewesen war. Eine der wenigen Personen, die Hoffmann in Glogau künstlerisch in ihren Bann ziehen konnte, war der Maler Molinary, der während seines dortigen Aufenthaltes von 1796 bis 1797 die Malereien einer Kirche bewerkstelligte. Durch seine Eigenart zog er nicht gerade die Gunst der Bewohner auf sich. Hoffmann ließ sich von solchen Ressentiments wenig beeindrucken. Er bewunderte die hingebungsvolle und alles um sich vergessende und verzehrende Künstlernatur Molinarys, verbrachte viele gemeinsame Abende mit ihm, erkannte auch dessen beinahe dämonischen Züge, wenn er bissig andere verhöhnte und »aus den sonst so schönen Augen oft eine gewisse boshafte Schadenfreude hervorstrahlte«. Von ihm lernte der für die Malerei begeisterte Hoffmann die Finessen der Wandmalerei, als er dem Künstler bei seinen Arbeiten in der Jesuitenkirche in Glogau half, obwohl er ahnte, dass ihm dies »wahrscheinlich juristischerseits übelgenommen werde!« Zwar wird in der Hoffmann-Literatur Molinary nur wenig wahrgenommen und meist auf seine Miniaturmalerei reduziert, von der Hoffmann allerdings begeistert war. Tatsächlich gehören Molinarys Werke heute jedoch zu den angesehensten Sammlungen der Welt, beispielsweise der Moskauer Tretjakow-Galerie. Molinary hatte während seiner späteren Schaffensphase in Russland mehrfach Zar Alexander I. porträtiert. Hoffmann zeichnete in seinem Nachtstück Die Jesuiterkirche in G. den zwischen Realität und Illusion schwankenden Maler Berthold mit Zügen Molinarys, verband sie mit eigenen Charaktermerkmalen und komponierte eine ständig unzufriedene, suchende Künstlerfigur, deren zerbrechliche Beziehung zur Erotik, sobald der Wunsch nach körperlicher Liebe erfüllt war, zur Entzauberung des Ideals führte.

Bald erweckte die im Hause des Onkels lebende Cousine Wilhelmine (Minna) Doerffer das Interesse des nun in Liebesdingen nicht mehr Unerfahrenen; beide verlobten sich im Januar 1798. Diese Beziehung war eine Vernunftbeziehung, die den Forschern immer wieder Rätsel aufgibt. Einiges spricht dafür, dass Hoffmann sie aus dem Gefühl heraus einging, mit der entfesselten Leidenschaft Schiffbruch erlitten zu haben. Nun gab es eine junge Frau, zu der er sich hingezogen fühlte. Sie entstammte dem »Gastnest«, wie er seinem Freund Hippel mitteilte. Seine Flügel, so meinte er resigniert, seien beschnitten. »Da bin ich hingeworfen an einem Platz, wo alles an einem seidnen Faden hängt – platzt er, so liegt der Herr RegierungsRath in spe im Dr..k!« Hoffmann band sich mit der Verlobung noch enger an die Familie des Onkels. Aber der war ein Karrierejurist und der noch wirtschaftlich abhängige Neffe heftete sich an dessen Fersen. Dass derlei Erwägungen, hätte Hoffmann sie angestellt, nicht völlig aus der Luft gegriffen wären, sollte die Zeit bald offenbaren.

Hoffmann schien in seiner eigenen künstlerischen Entwicklung zu stocken. Er widmete sich wieder intensiver seiner juristischen Ausbildung und lernte nun mit Eifer für das zweite Examen. Der Erfolg blieb nicht aus: Im Juni 1798 bestand Hoffmann das zweite juristische Examen »überall ausnehmend gut«. Zeitlich fiel dies mit der Versetzung des Onkels als Obertribunalsrat nach Berlin zusammen, weshalb sich Hoffmann für das Referendariat beim Kammergericht bewarb und mit seinen Verwandten nach Berlin zog.

Zuvor unternahm er mit dem Freund der Familie, der auch einer seiner Prüfer im Examen war, mit Oberamtsregierungsrat Jagwitz, den er später in den Serapionsbrüdern porträtieren wird, eine Reise ins Riesengebirge. Im Hinterkopf müssen dem jungen Juristen seine schriftstellerischen Ambitionen geschwirrt sein. Trotz der Ablehnung zur Veröffentlichung seines ersten Romans fasste er den Entschluss, ein Reisetagebuch zu führen und zu veröffentlichen. Der Weg der beiden Reisegefährten trennte sich und Hoffmann war, wohl auf Einfluss von Jagwitz, am Spieltisch zu etwas Geld gekommen – so jedenfalls steht es nach den Erzählungen unter den Serapionsbrüdern zu vermuten. So führte ihn seine Reise auch nach Dresden, wo er in der Galerie insbesondere die Werke der alten italienischen Meister Raffael, Correggio, Tizian und Battoni bewunderte. Er war von dem Eindruck so überwältigt, dass er meinte, auf dem Gebiet der Malerei nichts zu können, seine Farben wegwarf und wieder begann, Studien zu skizzieren. Auszüge aus seinen Reiseberichten sandte er an seine nun schon in Berlin weilende Verlobte Minna. Weder das Manuskript noch die Briefe sind erhalten geblieben; Minna soll sie vor Verärgerung vernichtet haben, als Hoffmann die Verlobung später aufkündigte.

In Berlin eröffnete sich für ihn ein völlig anderes kulturelles Leben; Besuche in Theatern, Opern und Ausstellungen wurden ihm zur Leidenschaft. Er wohnte mit der Familie des nun Geheimen Obertribunalrats Doerffer in einer herrschaftlichen Wohnung in der Leipziger Straße 66 in der Friedrichstadt, wo standesgemäße Gesellschaften stattfanden, bei denen auch Jean Paul anwesend war, mit dessen späterer Ehefrau Hoffmanns Verlobte befreundet war. Bei dem berühmten Kapellmeister und Komponisten Johann Friedrich Reichhardt, einem Landsmann aus Königsberg, der seines Amtes als Hofkapellmeister wegen seiner Begeisterung für die Französische Revolution enthoben worden war, nahm Hoffmann Unterricht im Komponieren und stellte 1799 sein Singspiel Die Maske fertig. Für das Textbuch zeichnete er die Sepia-Deckelzeichnungen und sandte dieses zusammen mit der Partitur der Königin Luise, der Gemahlin König Friedrich Wilhelms III., und verhoffte sich von ihr als Förderin der Künste die Aufführung seines Werkes beim Theaterdirektor Iffland durchzusetzen, was sie jedoch nicht unternahm. Aus den geplanten sechs Monaten, die Hoffmann zunächst für die Zeit des Referendariats veranschlagte, wurden so zwei Jahre. Er bestand 1800 das dritte Examen mit der Note »vorzüglich«.

Zu dieser Zeit wurden viele Assessoren in die polnischen Provinzen, das sogenannte Südpreußen, entsandt. So wurde auch Hoffmann im März 1800 zum Beisitzer der Regierung zu Posen mit uneingeschränkter Stimme ernannt. Die Provinz und die Stadt Posen gehörten seit der zweiten polnischen Teilung zu Preußen. Die Bevölkerung betrachtete die preußischen Beamten als Besatzer. Diese waren häufig jung und ungebunden, hatten ihre Familien hinter sich gelassen und sahen die Möglichkeit zu Ausschweifungen. Hitzig wird später anmerken, dass die Verlockungen durch Trinkgelage und hübsche polnische Frauen einen standhaften Charakter forderten; eine Forderung, die sein Freund Hoffmann kaum erfüllte. Der Philister Hitzig verstand seinen Freund in vieler Hinsicht kaum. Als erster Biograf balancierte er zwischen Freundschaft, Objektivität, eigenen Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Konventionen; und niemandem wurde er auf diese Weise gerecht. Die leidenschaftliche Beziehung zu Dora Hatt verkommt so zu einer Randnotiz, weit entfernt von den Freuden, Hoffnungen und Schmerzen dieser ersten großen Liebe. Wegen der Eskapaden in Posen vermutete Hitzig mit den damaligen Gerüchten über eine angebliche Syphilis des Freundes: »Wir glauben auch ferner nicht zu irren, wenn wir in dieser Periode … den Keim zur schnellen Auflösung seines Körpers finden.« Um Spekulationen zum frühen Tod Hoffmanns gleich vorzubeugen: Wegen der Lähmungserscheinungen und weiteren üblichen Symptome wird heute davon ausgegangen, dass Hoffmann an einer degenerativen Erkrankung von der Art einer amyotrophen Lateralsklerose (ALS) litt. Zu seinen Posener Exzessen schrieb er dem Freunde Hippel: »Ein Kampf von Gefühlen, Vorsätzen pp, die sich gerade zu widersprachen, tobte schon seit ein paar Monathen in meinem Innern – ich wollte mich betäuben, und wurde das, was SchulRectoren, Prediger, Onkels und Tanten liederlich nennen. – Du weißt, daß Ausschweifungen allemahl ihr höchstes Ziel erreichen, wenn man sie aus Grundsatz begeht, und das war denn bey mir der Fall.«

Mit seinem Nachbarn Regierungsrat Johann Ludwig Schwarz arbeitete er an einer Kantate zur Feier des neuen Jahrhunderts, die am 31. Dezember 1800 in der Posener Ressource aufgeführt wurde. Von der Südpreußischen Zeitung wird die Musik des Regierungsassessors Hoffmann gelobt. 1801 wird Hoffmanns Singspiel, für das Goethes Scherz, List und Rache die Ideen für das Libretto lieferte, von der Döbbelin’schen Theatertruppe mehrmals in Posen aufgeführt. Jean Paul versuchte vergeblich, das Werk Goethe für eine Aufführung in Weimar schmackhaft zu machen. Leider sind Noten und Text dieses Singspiels nicht erhalten geblieben.

In Posen lernte Hoffmann die attraktive Marianna Thekla Michaelina Rorer kennen, die er immer Mischa nennen wird. In einem Brief an Hippel, dem gegenüber er sich sozial unterlegen zu fühlen scheint, behauptete er, dass sie die Tochter eines ehemaligen Stadtpräsidenten sei. Der Vater war wohl ein von den Preußen zwangspensionierter Magistratssekretär. Hoffmann löste die Verlobung mit Minna auf – was zu Verstimmungen im Verhältnis zur Familie und zu Jean Paul führte, dessen Frau mit Minna befreundet war – und heiratete Mischa im Juni 1802. Das musste plötzlich alles ganz schnell gehen, denn Hoffmann war mit seiner Beförderung zum Regierungsrat nach Płock versetzt worden, was er zu Recht als Strafversetzung betrachtete. Ursache dieser Versetzung war der Karikaturenskandal. Hoffmann hatte Karikaturen von Offizieren und Honoratioren der Stadt gezeichnet, die dann auf der Fastnachtsredoute verteilt worden waren. Die Gäste waren belustigt, da die karikierten Personen mit ihren dargestellten Schwächen zweifelsfrei zu erkennen waren. Der Spaß hielt aber nur so lange an, bis die Gäste ihre eigenen Bilder als Spiegel ihrer selbst in den Händen hielten. Der Garnisonskommandant Generalmajor von Zastrow verlangte mit Schreiben an den König die Bestrafung der Urheber. Zwar konnte Hoffmann eine Beteiligung nicht sicher nachgewiesen werden – eine Feststellung, auf die Hoffmann Wert legte –, aber dies hinderte die Vorgesetzten nicht, Hoffmann durch diese Versetzung zu maßregeln.

Aufgespießte Köpfe

In Płock fühlte er sich an einen Ort verbannt, »wo jede Freude erstirbt, wo … [er] lebendig begraben … [ist]«. Gleichwohl oder vielleicht gerade durch diese äußerliche Tristesse blieb er im Innern kreativ und nahm mit dem Lustspiel Der Preis an einem literarischen Preisausschreiben des von Kotzebue herausgegebenen Freimüthigen teil. Zwar konnte er den Preis nicht gewinnen und sein Werk wurde nicht abgedruckt, bekam aber die Einschätzung, »die meiste Anlage zum Lustspieldichter« zu haben, und den Wunsch mit auf den Weg, einen Verleger für dieses Stück zu finden. Dazu ermutigt, unternahm Hoffmann wieder Anstrengungen, ein Stück veröffentlichen zu lassen, scheiterte jedoch abermals. Er ließ sich nicht entmutigen, in ihm brannte die Seele des Künstlers, deren Schaffen nach außen drängt. Im Freimüthigen erschien 1803 endlich seine erste Veröffentlichung, das Schreiben eines Klostergeistlichen an seinen Freund in der Hauptstadt, mit der er sich in den Streit über Schillers Versuch, den Chor der attischen Tragödie ins zeitgenössische Schauspiel zu implementieren, einmischte. Die Genugtuung über diesen Abdruck ist riesengroß, er selbst beschrieb sie als »Vaterfreude«.

Hoffmann setzte alles daran, um dem Exil in Płock zu entkommen. Er schrieb hierzu Briefe, brachte sich in Erinnerung und bat insbesondere seinen inzwischen immer mehr an Einfluss gewinnenden Freund Hippel darum, sich für ihn zu verwenden. So gelang im Frühjahr 1804 die ersehnte Versetzung nach Warschau. Die Möglichkeiten der Ablenkung in der zur preußischen Provinzhauptstadt degradierten früheren Metropole waren groß. Gleichwohl gelang Hoffmann ein Spagat zwischen akribischer juristischer Arbeit und künstlerischem Schaffen. Hier lernte er den an das Warschauer Gericht versetzten Assessor Julius Eduard Hitzig kennen, der nach seinem Tode sein erster Biograf sein wird. Hoffmann komponiert viel und wird auch gespielt, bleibt aber ein lediglich regional bekannter Künstler. In Warschau ist er Mitbegründer der »Musikalischen Gesellschaft« und beteiligt sich an dem von ihr initiierten Wiederaufbau des Mniszek’schen Palastes, für dessen Konzertsaal er Wandfresken entwarf und bei den Wandmalereien selbst Hand anlegte. Im Juli 1805 wird seine Tochter Cäcilia geboren. Zu diesem Ereignis komponierte er eine große Messe, die in Warschau auch aufgeführt wurde.

Hoffmann hatte nie ein größeres Interesse für Politik gezeigt. Friedrich Wilhelm III. hatte sein Land aus kriegerischen Auseinandersetzungen mit Napoleon heraushalten können, bis er eine Vereinbarung mit dem Zaren schloss, in deren Folge Napoleon den Krieg erklärte und die preußische Armee schlug. Die Franzosen nehmen Berlin ein und sind wenig später auch in Warschau. Hoffmann ist sein Amt los, weigert sich, einen Huldigungseid auf Napoleon zu leisten, und muss die Stadt verlassen. Seine Frau Mischa schickte er mit Cäcilia zum Jahresanfang 1807 zu deren Verwandten nach Posen.

So spülen ihn die Wogen des Lebens wieder zurück nach Berlin, wo er hofft, in diesen Zeiten als Künstler überleben zu können; es wird die schrecklichste Zeit seines Lebens. Die Kriegswirren haben viele Flüchtlinge nach Berlin ziehen lassen, darunter auch unzählige nunmehr stellungslose Beamte. Hoffmann kommt im Gasthof Zum goldenen Adler unter. Während er in der Gaststube weilt, wird in sein Zimmer eingebrochen, die Rückwand des Sekretärs durchgesägt und fast seine gesamte Barschaft gestohlen. Die Handlung seiner späteren Erzählung Die Abenteuer in der Silvesternacht lässt er im Goldenen Adler spielen. In Berlin trifft er wiederholt mit dem Schriftsteller Zacharias Werner zusammen, lernt Chamisso und Koreff, zwei der späteren Serapionsbrüder, kennen und verkehrt mit weiteren Künstlern und Personen des öffentlichen Lebens wie Varnhagen. Das Interesse an Hoffmanns Bildern und Kompositionen war bescheiden, auch die Freunde konnten nur in einem gewissen Umfang Hilfe leisten. Mitten in die sich weiter verschlechternde Situation trifft die niederschmetternde Nachricht vom Tode seiner Tochter Cäcilia ein.

Auf seine Bitte um einen Kompositionsauftrag reagiert Iffland vom Königlichen Nationaltheater überhaupt nicht, obwohl Hoffmann in Erfahrung gebracht hatte, dass eine seiner früheren Kompositionen dort mehr Anklang gefunden hatte als eine vergleichbare Arbeit, man sich jedoch zugunsten des in Berlin bekannteren Konkurrenten entschieden hatte. Eine noch größere Demütigung erfuhr er, als er dem Leipziger Kunstverleger Kühnel eine Liste seiner Kompositionen mit einer Sinfonie, mehreren Ouvertüren, Quintetten, Klaviersonaten und weiteren Stücken wegen einer Veröffentlichung sandte und dieser statt einer Antwort ein Angebot für eine Stelle eines Korrektors mit einem Gehalt anbot, das Hoffmann nicht hätte ernähren können. Er geht bei der Malerei und Komposition weiter mit seinen Werken in Vorleistung, ohne dass diese entgolten wird. In einem Brief vom 7. Mai 1808 an Hippel, der den Freund in dieser misslichen Lage immer wieder unterstützte, schreibt Hoffmann resigniert: »Alles schlägt mir hier fehl, weder aus Bamberg, noch aus Zürich, noch aus Posen erhalte ich einen Pfennig; ich arbeite mich müde und matt, setze fort die Gesundheit zu und erwerbe Nichts! Ich mag Dir meine Noth nicht schildern; sie hat den höchsten Punkt erreicht. Seit fünf Tagen habe ich nichts gegessen als Brod – so war es noch nie!«

Endlich kann Hoffmann auf eine Anstellung als Musikdirektor im Theater in Bamberg hoffen. Für dessen Leiter, den Grafen von Soden, soll er vorher die Musik zu dessen Opernlibretto Der Trank der Unsterblichkeit komponieren. Hoffmann kann konzentriert und fleißig arbeiten, das zahlt sich aus und er liefert die Oper schon einen Monat später ab. Das Salär als Musikdirektor ist schmal bemessen, aber ihm wird in Aussicht gestellt, durch Kompositionen für das Theater Nebeneinnahmen zu generieren und als Musiklehrer etwas hinzuverdienen zu können. Er hat keine große Wahl »bey der jetzigen Concurrenz brodlos gewordener Künstler« und sieht die Arbeit in Bamberg als Chance, seine Kompositionen bekannt zu machen; letztlich eröffnete sich so die Möglichkeit für das angestrebte Künstlerleben. In Posen holt er Mischa ab und reist mit ihr dem erhofften Erfolg als Künstler entgegen, bar jeder Vorstellung, dass dies seine »Lehr- und Marterjahre« werden würden.

Das Paar trifft am 1. September 1808 in Bamberg ein. In einem seiner letzten Werke, Meister Johannes Wacht, geht er mit dem Abstand der Jahre versöhnlich mit seiner Bamberger Zeit ins Gericht. Zunächst scheint aber wieder alles fehlzuschlagen. Die Eröffnung des Theaters wird mehrfach verschoben. Der Neubeginn birgt das Ende in sich: Hoffmann dirigiert wenige Wochen nach seiner Ankunft die Oper Aline, Königin von Golkonda. Die Vorstellung gerät zu einem Desaster und die Schuld dafür wird in Hoffmann gesucht, der den Orchesterintrigen zum Opfer fällt und die Leitung niederlegt. Er versucht fortan, sich wegen der Reduzierung des Gehalts mit Kompositionsaufträgen und Musikstunden durchzuschlagen. Er beginnt, Julie Mark, der Tochter der Konsulin Mark, die er auch Julia oder Julchen nennt, Gesangsunterricht zu geben; Hoffmann empfindet sogleich Zuneigung zu der jungen und hübschen, aber erst dreizehnjährigen Gesangsschülerin. Von der besseren Gesellschaft wird er wohlwollend aufgenommen und begründet so die Freundschaft unter anderem zum Medizinaldirektor Marcus und zum literarisch interessierten Weinhändler Kunz, der sein erster Verleger werden sollte. Im zweiten Teil der Elixiere des Teufels wird Hoffmann später die Irrenanstalt St. Getreu erwähnen, die Doktor Marcus 1804 gegründet hatte, und den Freund als einen »in jede Abnormität des menschlichen Organismus tief eindringenden, genialen Arzt[e]« loben.

Neben Marcus pflegte Hoffmann Umgang mit den Bamberger Ärzten Speyer, Weiße und Pfeufer, die zu den kenntnisreichsten Medizinern ihrer Zeit gehörten, ihm die neueste medizinische und psychiatrische Literatur empfahlen, auch Zugang zu den Patienten gewährten und sein Interesse für die Psychologie und den Magnetismus beförderten. So erlangte Hoffmann die Kenntnisse seiner Zeit über Wahnsinn und krankhafte psychologische Zustände, die er in Traum-, Spuk- und Wahnszenen verarbeitete. Später versetzten ihn diese Kenntnisse – nach der wieder aufgenommenen richterlichen Tätigkeit – in die Lage, fachkundig über die Frage der Zurechnungsfähigkeit von Delinquenten zu urteilen, wie im Falle des wegen der Tötung seiner Frau verhafteten und später wegen Mordes verurteilten Tabaksspinnergesellen Schmolling.

Hoffmann schreibt wie nebenher seine brillante Erzählung Ritter Gluck und sendet sie der Allgemeinen Musikalischen Zeitung, der er anbietet, für sie als freier Musikredakteur zu arbeiten. Das Angebot wird gerne angenommen und Ritter Gluck erscheint am 15. Februar 1809. Nicht ohne Grund ist dieses Werk in den letzten Jahrzehnten als eines der Schlüsselwerke Hoffmanns erkannt worden. In ihm zeigen sich die seine Werke immer wieder tangierenden oder prägenden Themen des Doppelgängers, Kunstverständigen, Enthusiasten und Wahnsinnigen. Auch wurden nicht von der Hand zu weisende Überlegungen zu Parallelen in Hoffmanns Leben erkannt, dem bis dahin der künstlerische Ruhm ähnlich dem verkannten Ritter Gluck in der Erzählung versagt geblieben war. Einerseits wird zur Person des Musikers die Ansicht vertreten, dass es sich bei dem Ritter Gluck nicht um den Komponisten Gluck handeln könne – sondern es sich um einen Wahnsinnigen handeln müsse, der glaubt, Gluck zu sein –, da dieser zum Zeitpunkt der erzählten Zeit schon seit über zwanzig Jahren verstorben war. Andererseits kann Hoffmann den Komponisten Gluck in eine spätere Zeit versetzt haben, der sein Werk nur schwer zugänglich ist. Einen Anhaltspunkt für diese Sichtweise liefert Hoffmann selbst. Er notiert 1809 in seinem Schreibkalender: »Es müßte spaßhaft sein Anekdoten zu erfinden und ihnen den Anstrich höchster Authentizität durch Citaten u. s. w. zu geben, die durch Zusammenstellung von Personen die Jahrhunderte aus einander lebten oder ganz heterogener Vorfälle gleich sich als gelogen auswiesen.« Als Beispiel dafür präsentierte Hoffmann eine Anekdote, die Friedrich den Großen und Calderón zusammenführte.

Hoffmann, Kunz und Pfeufer

Hoffmann komponiert, schreibt und malt weiter. Seine Gesangsschülerin Julia reüssierte bereits am Pfingstsonntag 1809 in einem Konzert zum ersten Mal mit der Koloraturarie aus Ferdinando Paërs Oper Sargino oder Der Zögling der Liebe. Das Mädchen wächst zur jungen Frau heran, Hoffmann unterrichtet sie nun fast täglich und aus der Zuneigung entwickelt sich eine tiefe Leidenschaft. Hoffmann gesteht dem jungen Mädchen seine Liebe lange Zeit nicht. Auch diese Beziehung trägt ihr bitteres Ende von Anbeginn in sich. Zu Julias fünfzehntem Geburtstag schreibt Hoffmann ihr ein Sonett, das er später in der Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza als Sonett an Cäzilia verwendet. In der Bamberger Harmonie-Gesellschaft singt er zusammen mit Julia ein Duett. Wenn er mit ihr bei gesellschaftlichen Anlässen tanzt, ist er glücklich und notiert die Anzahl der Tänze in sein Tagebuch. Die Leidenschaft für Julia steigert sich hin bis zu Selbstmordgedanken, wenn er nicht der Ihre werden kann. Er fühlt sich einmal mehr im Leben völlig zerrissen und scheint dies mit ruheloser Arbeit auch sich selbst gegenüber zu verdrängen.

Ein Geniestreich gelang Hoffmann mit einer weiteren Veröffentlichung in der Musikalischen Zeitung. Am 4. Juli 1810 erschien seine Rezension zu Beethovens Fünfter Symphonie, welche die bis dahin vorherrschenden negativen Kritiken, die das Werk als langatmig, eigensinnig und willkürlich diskreditierten, durch eine sachliche und gründliche Analyse des Werkes entkräftete. Beethoven ist über die Rezension und ihre wertschätzende Wirkung voller Freude, was ihn in einem Brief zu folgender Bemerkung veranlasst: »… [M]anchmal mögte ich bald Toll werden über meinen unverdienten Ruhm …«

In seinem Tagebuch nutzt er für »Julia« auch den Namen »Käthchen« nach dem von ihm verehrten Werk Das Käthchen von Heilbronn von Heinrich von Kleist. Er muss dies so verschleiern, da er mit der temperamentvollen Mischa verheiratet ist, die ihm wegen der Beziehung Vorhaltungen macht. Sie hat auch in der Zeit, als Hoffmann in Berlin darbte, in Posen bewiesen, dass sie mithilfe ihrer Familie mit den Unbilden des Lebens umzugehen weiß. Hoffmann möchte diese Beziehung auch nach all dem, was sie zusammen durchgestanden hatten, nicht einfach beenden und Mischa nicht unnötig kränken. Er legt auch Wert darauf, seine Frau im Freundes- und Bekanntenkreis als weltgewandt, kunstverständig und intelligent darzustellen, und erzürnte, wenn dies infrage gestellt wurde. Irgendwie scheint er zu ahnen, dass sie ihm auch in seinem weiteren Leben immer wieder eine verlässliche Stütze sein wird. Auch die Zeit in Bamberg wollte nicht leichter werden. Er hatte nun mit dem Musikunterricht, den Kompositionen und Artikeln für die Musikalische Zeitung verschiedene Nebeneinkünfte, aber einen lebenserhaltenden Hauptberuf konnten all seine Künste nicht bieten. Verbittert schreibt er in sein Tagebuch: »Höchste infamste Geldnot – Kunz nichts hergegeben infame Stimmung. In der höchsten Not den alten Rock verkauft, um nur fressen zu können!!«

Die Situation bessert sich ein wenig, als Franz von Holbein, sein alter Bekannter aus Berlin, die Leitung des Theaters übernimmt und Hoffmann wieder stärker in die Arbeit des Hauses einbindet. Beiden gelingt es in kurzer Zeit, das Bamberger Theater zu einer der führenden Provinzbühnen des deutschen Sprachgebietes zu entwickeln. Die Hoffmann fast bis in den Wahnsinn treibende Liebe zu Julia bleibt. Dennoch gibt es Anfang 1812 ein nur kurz dauerndes Verhältnis mit der jungen Schauspielerin Demoiselle Neuherr, die noch bis 1809 in Kinderrollen zu sehen gewesen war. Aber auch mit dieser Liaison kann er das Verlangen nach Julia nicht kompensieren. Die Affäre mit der Schauspielerin bleibt, wie Hoffmann es seinem Tagebuch anvertraut, lediglich ein »Blitzableiter«.

Im Frühjahr 1812 komponiert er für Julia zum sechzehnten Geburtstag mehrere Canzonetten. Zwei Wochen später wird sie mit dem Kaufmann Johann Gerhard Graepel aus Hamburg verlobt, der auch schon doppelt so alt ist wie die Versprochene. Er ist aus Sicht der Mutter eine gute Partie, ist er doch mit seinem Vater, dem Senator J.G. Graepel der Ältere, Inhaber des Bankhauses J.G. Graepel & Sohn. Auf einem Ausflug zum Schloss Pommersfelden beleidigt der gekränkte Hoffmann den angetrunkenen Verlobten in Anwesenheit der geliebten Julia, der Konsulin Mark und weiterer Gäste schwer. Selbst ein kurz darauf von Hoffmann verfasster Entschuldigungsbrief an die Konsulin Mark kann nicht verhindern, dass sie ihm das Haus verbietet und damit das Ende der Gesangsstunden ausspricht. Julia wird noch im Dezember mit dem Bankier Graepel verheiratet. Vor der Abreise nach Hamburg sah Hoffmann Julia noch einmal und gestand ihr seine Liebe. Julia wird sich fünfzehn Jahre nach Hoffmanns Tod in einem Brief daran wie folgt erinnern: »Drei Jahre sah ich ihn täglich, aber erst die Stunde, die uns trennte, gab mir seine Liebe in Worten kund; sie erschreckte mich nicht, ich hatte sie, mir selbst kaum bewußt, längst empfunden.« Hoffmann legte im März 1813 darauf Wert, den Verlagsvertrag mit seinem Freund, Weinhändler und Verleger Kunz über das Werk Fantasiestücke in Callot’s Manier genau zu Julias Geburtstag zu unterzeichnen.

Hoffmann wird der tiefe Eindruck dieser Romanze ebenfalls bis an sein Lebensende begleiten. In den bis 1821 erschienenen beiden Teilen der Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern sind in der Beziehung Kreislers zu dessen Julia Entsprechungen zum Verhältnis von Hoffmann zu seiner Julia erkennbar; aber auch Züge seiner späteren Freundin, der jungen Opernsängerin Johanna Eunike, sind in Kreislers Julia erkannt worden. Der Musikus Kreisler soll nach dem Willen der verwitweten Rätin Benzon nicht Julias Hand bekommen, sondern der geistig etwas zurückgebliebene, aber als standesgemäß empfundene Fürstensohn Ignaz. In der Geistesschwäche des Fürstensohns kann eine spöttische Stichelei auf Julia Marks Ehemann gesehen werden.

Als Franz von Holbein Bamberg verlässt und Hoffmann auf Empfehlung der Herausgeber der Allgemeinen Musikalischen Zeitung den Posten des Musikdirektors bei der zwischen Dresden und Leipzig pendelnden Theatertruppe von Seconda angeboten bekommt, steht Hoffmanns Entschluss fest und er schreibt: »Meine Lehr- und Marterjahre sind nun in Bamberg abgebüßt, jetzt kommen die Wander- und Meisterjahre; – nun sitz’ ich fest im Sattel!« Die letzten Tage in Bamberg nutzt Hoffmann, um mit der Komposition seiner Oper Undine zu beginnen, zu der Friedrich de la Motte Fouqué das Libretto lieferte.

Aber auch mit der Theatertruppe Secondas sollte er noch nicht das erfüllte Künstlerleben erfahren, von dem er so sehr träumte. Er und Mischa treffen im April 1813 in Dresden ein. Kurz darauf liefern sich napoleonische Truppen mit noch in Dresden befindlichen russischen Truppen Kämpfe. Hoffmann wird in der Nähe des Schlosstores von einer Kugel leicht verletzt. Die Enttäuschungen des Theaterlebens schien er durch schriftstellerischen Eifer und die Komposition seiner Oper Undine zu kompensieren. Mischa bereitet ihm zur Arbeit an seinen Kompositionen und Texten häufig ein Glas Punsch; seine Gedanken führen ihn immer wieder zu der jetzt unerreichbaren Julia. Nach einem Zerwürfnis mit Seconda liegt Hoffmann die Vorstellung nicht fern, durch Hilfe seines alten Freundes Hippel sich die Fesseln des Staatsdienstes wieder anlegen zu lassen. Selbst ein Angebot für die Stelle des Musikdirektors in Königsberg ist Hoffmann nicht mehr geneigt anzunehmen.

Das Ehepaar Hoffmann erreicht am 26. September 1814 Berlin. Schon am Folgetag gibt es ein Treffen, bei dem er endlich den Dichter des Undine-Librettos Fouqué kennenlernt und alte und neue Bekannte wie Tieck, Chamisso, Bernhardi, Franz Horn und den Maler Philipp Veit sieht. Anfang Oktober wird er als Mitarbeiter am Kammergericht »cum voto consultativo« (mit beratender Stimme) eingestellt und schon einen Monat später in den Kriminalsenat versetzt, jedoch noch ohne Gehalt. Langsam bahnt sich eine neue Leidenschaft Hoffmanns an: Bei einem Besuch des Violoncello-Virtuosen B. Romberg im Oktober 1814 hört er den Tenor Friedrich Eunike und dessen sechzehnjährige Tochter Johanna, deren Stimme und Liebreiz ihn verzaubert. Im Oktober erschien bei Kunz in Bamberg der dritte Band der Fantasiestücke in Callot’s Manier mit dem Märchen Der goldne Topf, der mit großem Erfolg bei den Lesern ankam. In Berlin fand er schnell den Kontakt zu vielen Künstlern; diejenigen aus dem engeren Freundeskreis, die sich im Geiste verbunden fühlten, nannten sich in loser Verbindung »Seraphinenorden«, dessen Erneuerung 1818 folgte und dessen Mitglieder sich den Namen »Serapionsbrüder« gaben, zu denen unter anderem der Schriftsteller, erster Hoffmann-Biograf und Kollege am Kammergericht Hitzig, Contessa, Koreff und Chamisso gehörten. Die Freundschaft zum Schauspieler Ludwig Devrient ist Grund für einige der vielen Anekdoten, die es über Hoffmann zu erzählen gibt. So wird einem Beisammensein im Weinlokal »Lutter & Wegner« auch die Schöpfung des Wortes »Sekt« für den sonst getrunkenen Schaumwein zugesprochen.

Hoffmann arbeitete mit unermüdlichem Fleiß an Kompositionen, Erzählungen und weiteren Artikeln für die Allgemeine Musikalische Zeitung. Den ersten Teil seiner Elixiere des Teufels hatte er bereits 1814 fertiggestellt, fand aber erst ein Jahr später einen Verleger dafür, der den ersten Teil im Herbst 1815 und den zweiten Teil im Frühjahr 1816 veröffentlicht. Von den Lesern wird der Roman angenommen, aber das Gros der Literaturkritik verweigert zunächst die Anerkennung der Elixiere; unter anderem Heinrich Heine erkennt die Bedeutung des Werkes sogleich. Mit seinen anderen Werken war er zu einem anerkannten Künstler geworden, der zu den höchstbezahlten Almanach- und Taschenbuchautoren seiner Zeit gehörte und in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen Berlins verkehrte.

Hoffmann setzte alles daran, seine Oper Undine aufführen zu lassen. Trotz des wieder eingeschlagenen juristischen Berufsweges hoffte er weiter auf eine künftige musikalische Künstlertätigkeit; dies war es, wonach er strebte. Seine Zielstrebigkeit zahlte sich aber auch in der juristischen Arbeit aus: Er wurde am 22. April 1816 zum Kammergerichtsrat ernannt und im Folgemonat Wirkliches Mitglied des Kriminal-Senats. Die dienstlichen Beurteilungen waren hervorragend.

Fouqué und Hoffmann wandten sich kurz nach der Ernennung des Reichsgrafen Carl von Brühl zum neuen Generalintendanten des Nationaltheaters im Jahre 1815 wegen der Aufführung der Oper Undine an diesen. Sie rechneten sich einige Chancen für die Annahme des Stückes aus, da Brühl auch als Förderer deutscher Opern galt. Hoffmann schrieb in einem Brief an Kunz über Brühl: »… [E]in herrlicher wahrhaft nach unserer Weise gesinnter Mann wird Intendant des Theaters, und diesem steht eine große Revolution bevor, an der ich Theil nehme, wenigstens mittelbar.« Und in der Tat nimmt Brühl das Angebot zur Aufführung der Oper an.

In seiner Arbeit als Musikkritiker blieb er genauso unermüdlich. Die Bewunderung für Johanna Eunike strahlt auch aus diesen Texten. Für das Dramaturgische Wochenblatt vom 18. Mai 1816 schrieb er zu einer gelungenen Aufführung der ihm bestens bekannten Mozart-Oper Die Zauberflöte – in der er in Bamberg selbst das Glockenspiel gespielt und die er als Secondas Musikdirektor in Dresden und Leipzig mehrfach geleitet hatte – und lobt Johannas Gesang mit den Worten: »Mademoiselle Eunike sang vorzüglich die Arie: Ach, ich fühl’s etc. mit tief ins Gemüt dringendem Vortrage.« Erstmals für diese Oper hatte Carl Friedrich Schinkel als Bühnenbildner gewirkt. Schinkel konnte auch für die Schaffung der Bühnenbilder zur Undine gewonnen werden, die einhellig als meisterhaft beurteilt wurden. Zur gemeinsamen Arbeit an ihrer Zauberoper lud Fouqué den Schriftstellerkollegen Hoffmann mehrfach auf sein Landgut in Nennhausen ein, wo dieser auch Freundschaft mit der Frau des Hauses, Caroline de la Motte Fouqué, knüpfte. Sie veröffentlichte 1817 die Novelle Der Delphin, in der sie Hoffmann nur ein wenig verändert als Kapellmeister Gottmund auftreten lässt.

Die Premiere der Undine konnte am 3. August 1816 zum Geburtstag des Königs mit Erfolg stattfinden. Die Titelrolle sang auf seinen Wunsch die von Hoffmann verehrte Johanna Eunike, die bis dahin schon zu einem Liebling des Publikums geworden war; Heinrich Heine nannte sie die »Nachtigall von Berlin«. Und die Undine sollte ihre Glanzrolle werden. Carl Maria von Weber, der Hoffmann als seinen besten Freund in Berlin bezeichnete, verfasste eine sehr wohlwollende Rezension zu der Oper, was ihre Bekanntheit und Hoffmanns Ruhm als Komponist erheblich förderte. Am 29. Juli 1817 fanden die gelungenen Aufführungen der Oper, die bis dahin vierzehn Mal aufgeführt worden war, durch den Brand des Schauspielhauses ein jähes Ende. Hoffmann wäre aber nicht Hoffmann, bliebe er nicht hartnäckig: Er schrieb an Brühl und bat um Mitteilung, wie mit der Wiederaufführung der Undine verfahren würde, die Brühl zugestand, aber auf einen Termin nach dem Aufbau des abgebrannten Schauspielhauses vertröstete.

Nach den Befreiungskriegen über das napoleonische Heer wurden im Zuge der restaurativen Politik Anhänger liberaler und freiheitlicher Ideen verfolgt. Juristische Schützenhilfe sollte dabei die Immediat-Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe leisten, die Hoffmann und viele seiner Kollegen verweigerten. In vielen Verfahren gegen sogenannte Demagogen sind Hoffmann und seine Kollegen zu dem Ergebnis gelangt, dass aufgrund bloßer Gesinnung keine strafbare Handlung vorliegt. Der politisch wenig interessierte Hoffmann war ohne Sympathie für die Demagogen und machte sich über Professor Friedrich Ludwig Jahn, den Turnvater Jahn, lustig, was aber nicht seine richterliche Objektivität beeinflusste – er entschied letztlich in einem äußerst umfassenden und akribisch begründeten Votum für dessen Freilassung aus der Haft. Willkürliches Handeln von Ministerialbürokratie und Polizei konnte und wollte er nicht dulden. So geriet er schnell in Widerspruch insbesondere zum Direktor im Polizeiministerium Karl Albert von Kamptz, Innen- und Polizeiminister von Schuckmann und Justizminister von Kircheisen. In einem Brief vom 24. Juni 1820 an seinen Freund Hippel klagt Hoffmann über die Zustände im Zusammenhang mit der Arbeit in der Kommission und schreibt: »… [U]nd wie Du mich kennst, magst Du Dir wohl meine Stimmung denken, als sich vor meinen Augen ein ganzes Gewebe heilloser Willkühr, frecher Nichtachtung aller Gesetze, persönlicher Animosität, entwickelte!«

Brand des Schauspielhauses

Seinen Widerwillen gegen diese Willkür brachte Hoffmann nicht nur in diesem Brief zum Ausdruck. Im Herbst 1821 zeichnete Hoffmann nach einer Anmerkung Hitzigs in einer Sitzung auf grobem Akten-Umschlagspapier auch seine als »Hoffmann selbst im Kampf mit der Bürokratie« benannte Karikatur, auf der er reitend auf Kater Murr mit einer Lanze gegen einen Beamten kämpft, der auf einem zweiten Beamten reitet. Gedeutet wird diese Karikatur als Kampf Hoffmanns gegen von Kamptz.

In seinem Märchen Meister Floh karikierte Hoffmann seinen Widerpart von Kamptz als Polizeischnüffler Knarrpanti, der bei den Verdächtigen schon eine Straftat erkunden werde, wenn er nur genau genug ermittelt. Da Hoffmann aus einer dienstlichen Akte auch noch das Wort »mordfaul« entlehnte, sah von Kamptz sogar die Pflicht zur Wahrung der Dienstgeheimnisse verletzt. Der Innen- und Polizeiminister Schuckmann berichtet in einem von von Kamptz konzipierten Schreiben an den Staatskanzler Hardenberg über die beabsichtigte Veröffentlichung des Meisters Floh und charakterisiert Hoffmann »als einen pflichtvergessenen, höchst unzuverlässigen und selbst gefährlichen Staatsbeamten«, für den er eine Strafversetzung empfiehlt. Das gegen Hoffmann gerichtete Verfahren endete ohne ein Ergebnis aufgrund des baldigen Todes des angeblich »pflichtvergessenen« Richters.

Zuvor erfolgte Ende 1821 für Hoffmann endlich die von der Arbeit in der Immediat-Kommission befreiende Beförderung in den Oberappellationssenat des Kammergerichts und damit der höchsten gerichtlichen Instanz in Preußen. Bei Abwesenheit des Präsidenten vertrat Hoffmann diesen bei der Ausübung der Dienstgeschäfte.

Die tief empfundene Freundschaft zu seiner jungen Freundin Johanna Eunike, die er auch gern Undinchen nannte, hielt über die gemeinsame Arbeit an der Undine an. In vielen seiner Musikkritiken findet sie durchweg lobend Erwähnung. Sobald ein neues Buch erschien, sandte er es ihr mit schmeichelnden Zeilen oder brachte es ihr. Als im November 1817 Nussknacker und Mausekönig zusammen mit Märchen von Contessa und Fouqué in einem Märchenband erschien, sandte er ihr diesen als »Weihnachtsbüchlein, das so eben ans Licht der Welt getreten«. Mit einem Brief vom 21. Januar 1819, in dem er sie »verehrteste Fee« nannte, sandte er ihr die gerade bei Schlesinger in Berlin erschienenen italienischen Duettinen, die er Jahre zuvor für seine Julia komponiert hatte. Er schrieb Johanna, dass diese Musik aus einer »schöneren Künstlerzeit« stammte, obwohl er zunächst froh gewesen war, Bamberg entflohen zu sein. Die Dienstgeschäfte am Kammergericht sah Hoffmann trotz seiner zwischenzeitlichen schriftstellerischen und kompositorischen Erfolge in Berlin als so belastend an, dass die beklemmenden Erinnerungen an die Bamberger »Lehr- und Marterjahre« dahinter verblassten. Im März 1820 sandte er Johanna Eunike mit dem ersten Band seines Katers Murr das Sonett An Johanna.

Schon auf seinem Sterbebett liegend, diktierte er folgenden letzten Brief an seine junge Freundin und ließ ein Exemplar des Meisters Floh übersenden: »Johanna! Ich sehe Ihren freundlichen Blick, ich höre Ihre süße liebliche Stimme: Ja oft lispelt mir in schlaflosen Nächten entgegen: Morgen so hell etc: Dieß tröstet mich für die Namenlosen Leiden, welche mich schon seit viertehalb Monaten nicht von dem SiechBette frei lassen. Gelähmt an Händen und Füßen bin ich außer Stande Ihnen beikommenden (sollte wohl eigentlich heißen: beispringenden) Meister Floh selbst zu überreichen. Hier ist er, aber mittelst Übersendung. Lesen Sie, lachen Sie, denken Sie alles was Ihr fröhlicher Sinn, Ihr feiner Takt Ihnen eingibt, und wogegen kein Minister etwas einwenden kann. Gott mit Ihnen, ich hoffe Sie bald wiederzusehen.«

Hoffmanns Wunsch erfüllte sich leider nicht mehr. Seine Augen schlossen sich am 25. Juni 1822 für immer.

Hippel blieb ein Freund über den Tod hinaus. Auf seinen Antrag als Chefpräsident der Westpreußischen Regierung weist der Justizminister von Kircheisen an, dass der Witwe Hoffmanns eine jährliche Pension von zweihundert Reichstalern zu zahlen sei. Er unterstützte Hitzig bei der Beschaffung des Materials für die erste Hoffmann-Biografie, strich aber Stellen und ließ Erläuterungen aus, die aus seiner Sicht dem Andenken des Freundes schaden könnten. Hitzig und Hippel wollten Hoffmann günstig darstellen, ungeachtet des Umstandes, dass der Mensch nicht nur seine eigene Schöpfung, sondern auch seine eigene Bürde ist, die ihn uns mit seinen Schwächen und Fehltritten viel näher bringt als ein verklärter Blick zum Olymp.

Ritter Gluck

Vorbemerkung

Im Jahr 1798 wurde die Allgemeine Musikalische Zeitung durch den Musikverleger Gottfried Christoph Härtel (1763–1827) und den Redakteur und Schriftsteller Friedrich Rochlitz (1769–1842) gegründet, sie erschien bis 1848 im Verlag Breitkopf & Härtel, der sich bleibenden Ruhm mit neuen kritischen Gesamtausgaben von Palestrina, Schütz, Mozart, Schubert und Mendelssohn-Bartholdy verschaffte. Bereits 1799 hatte E.T.A. Hoffmann vergeblich versucht, bei Breitkopf & Härtel seine Liedkomposition »fürs Klavier und Chitarra« verlegen zu lassen, doch der Verlag lehnte ab und schickte ihm sein Manuskript zurück. Friedrich Rochlitz, der Mitbegründer der AMZ, leitete deren Redaktion bis 1818 und feierte nebenbei auch Erfolge als Schriftsteller und Lustspieldichter. Rochlitz korrespondierte mit allen wichtigen Autoren seiner Zeit wie Goethe, Schiller, Wieland und Tieck.

Am 16. Oktober 1805 wurde der Regierungsrat Hoffmann in einem Bericht von Friedrich Rochlitz über die Musikalische Gesellschaft in Warschau erstmals in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung namentlich erwähnt.

Hoffmann schrieb einen nicht erhaltenen Empfehlungsbrief an Rochlitz und später auch eine nicht mehr zu identifizierende Komposition als Talentprobe. Zum Jahresende 1807 erhielt Hoffmann endlich eine positive Antwort von Rochlitz, in der dieser Hoffmanns Kompositionen rühmte und ihm das Versprechen übermittelte, eine sachkundige und unparteiische Rezension seiner Werke in der AMZ zu publizieren.

Am 9. Juni 1808 veröffentlichte Friedrich Rochlitz folgende Nachricht in der AMZ Nr. 37: »Hr. Musikd[irektor] Hoffmann, der vor einigen Jahren in Warschau angestellt, und seit der veränderten Ordnung der Dinge daselbst in Berlin sich aufhaltend, ist vom Hrn. Reichsgrafen Soden als Musikdirektor zum Bamberger Theater berufen worden. Man kann diese Bühne zur Acquisition eines so gründlichen Komponisten, so erfahrnen Singmeisters, und überhaupt so talentvollen, gebildeten und achtungswürdigen Mannes, Glück wünschen. In kurzem werden wir von ihm drey grosse charakteristische Klaviersonaten (Zürich bey Nägeli,) erscheinen, und von einer Oper, die Hr. Reichsgr. Soden gedichtet und Hr. H. in Musik gesetzt hat, ist wol auch schon im voraus anzunehmen, sie werde eine wahre Bereicherung der Bühne seyn.«

Hoffmann schrieb am 12. Januar 1809 einen umfangreichen Brief an Friedrich Rochlitz, dem das Manuskript seiner Erzählung Ritter Gluck beilag. Hoffmann berichtete Rochlitz über den Fortgang seiner Künstlerlaufbahn als Musikdirektor in Bamberg, die schon beendet schien, bevor sie richtig begonnen hatte.

»Ich wage es einen kleinen Aufsatz, dem eine wirkliche Begebenheit in Berlin zugrunde liegt, mit der Anfrage beyzulegen, ob er wohl in die Musik[alische] Zeitung aufgenommen werden könte? – Aehnliche Sachen habe ich ehmals in oben erwähnter Zeitung wirklich gefunden zB. die höchst interessanten Nachrichten von einem Wahnsinnigen, der auf eine wunderbare Art auf dem Clavier zu fantasiren pflegte. – Vielleicht könte ich mit der Redaktion der Mus[ikalischen] Zeitung in nähere Verbindung treten und zuweilen Aufsätze und auch Rezensionen kleinerer Werke einliefern.«

Dieser Brief Hoffmanns an Rochlitz ist ein taktisches Bravourstück, denn Hoffmanns, wie ein Köder hingeworfener, Hinweis auf den AMZ-Artikel über einen Wahnsinnigen stammte aus der Feder von Friedrich Rochlitz und erschien in den AMZ-Nr. 39–42 des Jahres 1804 unter dem Titel Der Besuch im Irrenhause mit Verfasserangabe und 1807 publizierte Rochlitz diese Studie sogar als Buchfassung in seinen Kleinen Romanen und Erzählungen.

Friedrich Rochlitz schluckte Hoffmanns taktischen Köder, und am 25. Januar 1809 notierte Hoffmann in seinem Tagebuch: »Einen sehr angenehmen Brief von Rochlitz aus Leipz[ig]. Er nimt den Ritter Gluck zum Einrücken, und mich zum Mitarbeiter an der Mus:Zeit: an.«

Hoffmanns konziliante Äußerungen über nicht autorisierte Kürzungen und Eingriffe in seinen Texten, die ja wie ein Freibrief für Rochlitz wirken, hätte er später sicherlich gerne zurückgenommen. Am 13. März 1809 notierte Hoffmann in seinem Tagebuch: »Den Ritter Gluk gedruckt gelesen! – Es ist sonderbar, daß sich die Sachen gedruckt anders ausnehmen als geschrieben.«

Hoffmanns erste bedeutende Erzählung war in der AMZ Nr. 20 vom 15. Februar 1809 gedruckt erschienen und noch am selben Tag schrieb er an die Redaktion der AMZ: »Mit dem was an dem Ritter Gluck geschehen ist, bin ich sehr wohl zufrieden, nur habe ich den alten Italiäner mit dem gekrümmten Finger so wie die Berliner Egoisten nicht ganz gern vermißt, wiewohl ich mich gern bescheide, daß die Züge des Gemähldes etwas zu grell aufgefaßt seyn mochten. Dagegen haben mich der zugesezte geschlossene Handelsstaat und die bösen Groschen recht sehr erfreut.«

Der Redakteur Friedrich Rochlitz hat also Hoffmanns Manuskript des Ritter Gluck nicht nur leicht gekürzt, sondern eigenmächtig ergänzt, was Hoffmann keineswegs gleichgültig hinnahm. Seinem Freund Hitzig schrieb er am 25. Mai 1809: »Sie können meinen Debut […] Ritter Gluck lesen; ein Aufsatz, der Ihnen in mancher Hinsicht merkwürdig seyn wird, dem Sie es aber auch anmerken werden daß R[ochlitz] hin und wieder nach seiner Art gefeilt hat, welches ich geschehen lassen mußte, unerachtet es mir nicht lieb war.« Seltsamerweise hat Hoffmann 1813 bei seiner Neuabschrift des Erstdrucks vom Ritter Gluck für die Buchfassung im ersten Band der Fantasiestücke in Callots Manier Rochlitz Eigenmächtigkeiten nicht wieder rückgängig gemacht, was aber ohne die ihm nicht vorliegende Manuskript-Fassung, die nicht mehr erhalten ist, auch schwer fiel.

Hoffmanns Text folgt hier ungekürzt in der originalen Orthographie nach dem Erstdruck aus der AMZ von 1809.

Der Spätherbst in Berlin hat gewöhnlich noch einige schöne Tage. Die Sonne tritt freundlich aus dem Gewölk hervor, und schnell verdampft die Nässe in der lauen Luft, welche durch die Strassen weht. Dann sieht man eine lange Reihe, buntgemischt – Elegants, Bürger mit der Hausfrau und den lieben Kleinen in Sonntagskleidern, Geistliche, Jüdinnen, Referendare, Freudenmädchen, Professoren, Putzmacherinnen, Tänzer, Offiziere u. s. w. durch die Linden, nach dem Thiergarten ziehen. Bald sind alle Plätze bey Klaus und Weber besetzt; der Mohrrüben-Kaffee dampft, die Elegants zünden ihre Zigaros an, man spricht, man streitet über Krieg und Frieden, über die Schuhe der Mad. Bethmann, ob sie neulich grau oder grün waren, über den geschlossenen Handelsstaat und böse Groschen u. s. w., bis alles in eine Arie aus Fanchon zerfliesst, womit eine verstimmte Harfe, ein paar nicht gestimmte Violinen, eine lungensüchtige Flöte und ein spasmatischer Fagott sich und die Zuhörer quälen.

Dicht an dem Geländer, welches den Weberschen Bezirk von der Heerstrasse trennt, stehen mehrere kleine, runde Tische und Gartenstühle; hier athmet man freye Luft, beobachtet die Kommenden und Gehenden, ist entfernt von dem kakophonischen Getöse jenes vermaledeyten Orchesters: da setze ich mich hin, und überlasse mich dem leichten Spiel meiner Phantasie, die mir befreundete Gestalten zuführt, mit denen ich über Wissenschaft, über Kunst, über alles, was dem Menschen am theuersten sein soll, spreche. Immer bunter und bunter wogt die Masse der Spaziergänger bey mir vorüber, aber nichts stört mich, nichts kann meine phantastische Gesellschaft verscheuchen. Nur das verwünschte Trio eines höchst niederträchtigen Walzers reisst mich aus der Traumwelt. Die kreischende Oberstimme der Violine und Flöte, und des Fagotts schnarrenden Grundbass allein höre ich; sie gehen auf und ab fest aneinander haltend in Oktaven, die das Ohr zerschneiden, und unwillkührlich, wie jemand, den ein brennender Schmerz ergreift, ruf’ ich aus:

Unter den Linden

Welche rasende Musik! die abscheulichen Oktaven! – Neben mir murmelt es:

Verwünschtes Schicksal! schon wieder ein Oktavenjäger!

Ich sehe auf und werde nun erst gewahr, dass, von mir unbemerkt, an demselben Tische ein Mann Platz genommen hat, der seinen Blick starr auf mich richtet, und von dem nun mein Auge nicht wieder loskommen kann.

Nie sah’ ich einen Kopf, nie eine Gestalt, die so schnell einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hätten. Eine sanft gebogene Nase schloss sich an eine breite, offene Stirn, mit merklichen Erhöhungen über den buschigen, halbgrauen Augenbraunen, unter denen die Augen mit beynahe wildem, jugendlichem Feuer (der Mann mochte über funfzig seyn) hervorblitzten. Das weich geformte Kinn stand in seltsamem Kontrast mit dem geschlossenen Munde, und ein skurriles Lächeln, hervorgebracht durch ein sonderbares Muskelspiel in den eingefallenen Backen, schien sich aufzulehnen gegen den tiefen, melancholischen Ernst, der auf der Stirn ruhte. Nur wenige graue Löckchen lagen hinter den grossen, vom Kopfe abstehenden Ohren. Ein sehr weiter, moderner Überrock hüllte die grosse hagere Gestalt ein. So wie mein Blick auf den Mann traf, schlug er die Augen nieder, und setzte das Geschäft fort, worin ihn mein Ausruf wahrscheinlich unterbrochen hatte. Er schüttete nämlich aus verschiedenen kleinen Düten mit sichtbarem Wohlgefallen Tabak in eine vor ihm stehende grosse Dose und feuchtete ihn mit rothem Wein aus einer Viertelsflasche an. Die Musik hatte aufgehört; ich fühlte die Nothwendigkeit, ihn anzureden.

Es ist gut, dass die Musik schweigt, sagte ich; das war ja nicht auszuhalten.

Der Alte warf mir einen flüchtigen Blick zu und schüttete die letzte Düte aus.

Es wäre besser, dass man gar nicht spielte; nahm ich nochmals das Wort.

Sind Sie nicht meiner Meynung?

Ich bin gar keiner Meynung, sagte er.

Sie sind Musiker und Kenner von Profession …

Sie irren; beydes bin ich nicht. Ich lernte ehemals Klavierspielen und Generalbass, wie eine Sache, die zur guten Erziehung gehört, und da sagte man mir unter anderm, nichts mache einen widrigern Effekt, als wenn der Bass mit der Oberstimme in Oktaven fortschreite. Ich nahm das damals auf Autorität an und habe es nachher immer bewährt gefunden.

Wirklich? fiel er mir ein, stand auf, und schritt langsam und bedächtig nach den Musikanten hin, indem er öfters, den Blick in die Höhe gerichtet, mit flacher Hand leise an die Stirn klopfte, wie jemand, der irgendeine Erinnerung wecken will. Ich sah ihn mit den Musikanten sprechen, die er mit einer imponirenden Würde behandelte. Er kehrte zurück, und kaum hatte er sich gesetzt, als man die Ouvertüre der Iphigenia in Aulis zu spielen anfing.

Mit halbgeschlossenen Augen, die verschränkten Arme auf den Tisch gestützt, hörte er das Andante an; den linken Fuss leise bewegend, bezeichnete er das Eintreten der Stimmen: jetzt erhob er den Kopf – schnell warf er den Blick umher – die linke Hand, mit auseinandergespreitzten Fingern, ruhte auf dem Tische, als greife er einen vollen Accord auf dem Flügel, die rechte Hand hob er in die Höhe: es war ein Kapellmeister, der dem Orchester das Eintreten des andern Tempo’s angibt – die rechte Hand fällt, und das Allegro beginnt! – Eine brennende Röthe fliegt über die blassen Wangen; die Augenbraunen fahren zusammen auf der gerunzelten Stirn, eine innere Wuth entflammt den wilden Blick mit einem Feuer, das mehr und mehr das Lächeln wegzehrt, das noch um den halbgeöffneten Mund schwebte. Nun lehnt er sich zurück, hinauf ziehen sich die Augenbraunen, das Muskelspiel auf den Wangen kehrt zurück, die Augen erglänzen, ein tiefer, innerer Schmerz löst sich auf in Wollust, die alle Fibern ergreift und krampfhaft erschüttert – tief aus der Brust zieht er den Athem, Tropfen stehen auf der Stirn; er deutet das Eintreten des Tutti und andere Hauptstellen an; seine rechte Hand verlässt den Takt nicht, mit der linken holt er sein Tuch hervor und fährt damit über das Gesicht. So belebte er das Skelett, welches jene paar Violinen von der Ouvertüre gaben, mit Fleisch und Farben. Ich hörte die sanfte, schmelzende Klage, womit die Flöte emporsteigt, wenn der Sturm der Violinen und Bässe ausgetobt hat und der Donner der Pauken schweigt; ich hörte die leise anschlagenden Töne der Violoncelle, des Fagotts, die das Herz mit unnennbarer Wehmuth erfüllen: das Tutti kehrt wieder, wie ein Riese hehr und gross schreitet das Unisono fort, die dumpfe Klage erstirbt unter seinen zermalmenden Tritten–

Die Ouvertüre war geendigt; der Mann liess beyde Arme herabsinken und sass mit geschlossenen Augen da, wie jemand, den eine übergrosse Anstrengung entkräftet hat. Seine Flasche war leer: ich füllte sein Glas mit Burgunder, den ich unterdessen hatte geben lassen. Er holte einen schweren Seufzer, und schien aus einem tiefen Traume zu erwachen. Ich nöthigte ihn zum Trinken; er that es ohne Umstände, und indem er das volle Glas mit einem Zuge hinunterstürzte, rief er aus: Ich bin mit der Aufführung zufrieden! das Orchester hielt sich brav!

Und doch, nahm ich das Wort – doch wurden nur schwache Umrisse eines mit lebendigen Farben ausgeführten Meisterwerks gegeben.

Urtheile ich richtig? – Sie sind kein Berliner!

Ganz richtig; nur abwechselnd halte ich mich hier auf.

Der Burgunder ist gut: aber es wird kalt.

So lassen Sie uns ins Zimmer gehen und dort die Flasche leeren.

Ein guter Vorschlag. – Ich kenne Sie nicht: dafür kennen Sie mich aber auch nicht. Wir wollen uns unsere Nahmen nicht abfragen: Namen sind zuweilen lästig. Ich trinke Burgunder, er kostet mich nichts, wir befinden uns wohl bey einander, und damit gut!

Er sagte dies alles in gutmüthigem Humor. Wir waren ins Zimmer getreten; als er sich setzte, schlug er den Ueberrock auseinander und ich bemerkte mit Verwunderung, dass er unter demselben eine gestickte Weste mit langen Schössen, schwarz sammtne Beinkleider und einen ganz kleinen, silbernen Degen trug. Er knöpfte den Rock sorgfältig wieder zu.

Warum fragten Sie mich, ob ich ein Berliner sey? begann ich.

Weil ich in diesem Falle genöthigt gewesen wäre, Sie zu verlassen.

Das klingt räthselhaft.

Nicht im mindesten, sobald ich Ihnen sage, dass ich – nun, dass ich ein Komponist bin.

Noch immer errathe ich Sie nicht.

So verzeihen Sie meinen Ausruf vorhin; denn ich sehe, Sie verstehen sich ganz und gar nicht auf Berlin und auf Berliner.

Er stand auf und ging einigemal heftig auf und ab; dann trat er ans Fenster und sang kaum vernehmlich den Chor der Priesterinnen aus der Iphigenia in Tauris, indem er dann und wann bey dem Eintreten der Tutti an die Fensterscheiben klopfte. Mit Verwundern bemerkte ich, dass er gewisse andere Wendungen der Melodieen nahm, die durch Kraft und Neuheit frappirten. Ich ließ ihn gewähren. Er hatte geendigt und kehrte zurück zu seinem Sitz. Ganz ergriffen von des Mannes sonderbarem Benehmen und den phantastischen Aeusserungen eines seltenen musikalischen Talents, schwieg ich. Nach einer Weile fing er an:

Haben Sie nie komponirt?

Ja; ich habe mich in der Kunst versucht: nur fand ich alles, was ich, wie mich dünkte, in Augenblicken der Begeisterung geschrieben hatte, nachher matt und langweilig; da liess ich’s denn bleiben.

Sie haben unrecht gethan; denn schon, dass Sie eigne Versuche verwarfen, ist kein übles Zeichen Ihres Talents. Man lernt Musik als Knabe, weil’s Papa und Mama so haben wollen; nun wird darauf los geklimpert und gegeigt: aber unvermerkt wird der Sinn empfänglicher für Melodie. Vielleicht war das halb vergessene Thema eines Liedchens, welches man nun anders sang, der erste eigne Gedanke, und dieser Embryo, mühsam genährt von fremden Kräften, genas zum Riesen, der, alles Fremde um sich her aufzehrte und in sein Mark und Blut verwandelte! – Ha, wie ist es möglich, die tausenderley Arten, wie man zum Komponiren kommt, auch nur anzudeuten! – Es ist eine breite Heerstrasse, da tummeln sich alle herum, und jauchzen und schreyen: wir sind Geweihte! wir sind am Ziel! – Durchs elfenbeinerne Thor kommt man ins Reich der Träume; wenige sehen das Thor einmal, noch wenigere gehen durch! – Abenteuerlich sieht es hier aus. Tolle Gestalten schweben hin und her, aber sie haben Charakter – eine mehr wie die andere. Sie lassen sich auf der Heerstrasse nicht sehen, nur hinter dem elfenbeinernen Thor sind sie zu finden. Es ist schwer, aus diesem Reiche zu kommen; wie vor Alzinens Burg versperren die Ungeheuer den Weg – es wirbelt – es dreht sich – viele verträumen den Traum im Reiche der Träume – sie zerfliessen im Traum – sie werden körperlos – sie werfen keinen Schatten mehr, sonst würden sie am Schatten gewahr werden den Strahl, der durch dies Reich fährt: aber nur wenige, erweckt aus dem Traume, steigen empor und schreiten durch das Reich der Träume – sie kommen zur Wahrheit – der höchste Moment ist da: die Berührung mit dem Ewigen, Unaussprechlichen! – Schaut die Sonne an; sie ist der Dreyklang, aus dem die Accorde, Sternen gleich, herabschiessen und Euch mit Feuerfaden umspinnen – Verpuppt im Feuer liegt ihr da, bis sich Psyche emporschwingt in die Sonne. –

Bey den letzten Worten war er aufgesprungen, warf den Blick, warf die Hand in die Höhe. Dann setzte er sich wieder und leerte schnell das ihm eingeschenkte Glas. Es entstand eine Stille, die ich nicht unterbrechen mochte, um den ausserordentlichen Mann nicht aus dem Geleise zu bringen. Endlich fuhr er beruhigter fort:

Als ich im Reich der Träume war, folterten mich tausend Schmerzen und Aengste!

Nacht war’s, und mich schreckten die grinsenden Larven der Ungeheuer, welche auf mich einstürmten und mich bald in den Abgrund des Meeres versenkten, bald hoch in die Lüfte emporhoben. Da fuhren Lichtstrahlen durch die Nacht, und die Lichtstrahlen waren Töne, welche mich umfingen mit lieblicher Klarheit – Ich erwachte von meinen Schmerzen und sah ein grosses, helles Auge, das blickte in eine Orgel, und wie es blickte, gingen Töne hervor und schimmerten und umschlangen sich in herrlichen Accorden, wie ich sie nie gedacht hatte. Melodieen strömten auf und nieder, und ich schwamm in diesem Strom und wollte untergehen: da blickte das Auge mich an und hielt mich empor über den brausenden Wellen – Nacht wurde es wieder, da traten zwey Kolossen in glänzenden Harnischen auf mich zu: Grundton und Quinte! sie rissen mich empor, aber das Auge lächelte: Ich weiss, was deine Brust mit Sehnsucht erfüllt; der sanfte, weiche Jüngling Terz wird unter die Kolossen treten; du wirst seine süsse Stimme hören, mich wieder sehen, und meine Melodieen werden dein seyn. –

Er hielt inne.

Und Sie sahen das Auge wieder?

Ja, ich sah’ es wieder! – Jahre lang seufzt’ ich im Reich der Träume – da – ja da! Ich sass in einem herrlichen Thal, und hörte zu, wie die Blumen tönend einander ansprachen.

Nur eine Sonnenblume schwieg und neigte traurig den geschlossenen Kelch zur Erde. Unsichtbare Bande zogen mich hin zu ihr – sie hob ihr Haupt – der Kelch schloss sich auf, und aus ihm strahlte mir das Auge entgegen. Nun zogen die Töne, wie Lichtstrahlen, aus meinem Haupte zu den Blumen, die begierig sie einsogen. Grösser und grösser wurden der Sonnenblume Blätter – Gluthen strömten aus ihnen hervor – sie umflossen mich – das Auge war verschwunden und ich im Kelche. –

Bey den letzten Worten sprang er auf und eilte mit raschen, jugendlichen Schritten zum Zimmer hinaus. Vergebens wartete ich auf seine Zurückkunft: ich beschloss daher, nach der Stadt zu gehen.

Schon war ich in der Nähe des Brandenburger Thores, als ich in der Dunkelheit eine lange Figur hinschreiten sah und alsbald meinen Sonderling wiedererkannte. Ich redete ihn an:

Warum haben Sie mich so schnell verlassen?

Es wurde zu heiss, und der Euphon fing an zu klingen.

Ich verstehe Sie nicht!

Desto besser.

Desto schlimmer, denn ich möchte Sie gern ganz verstehen.

Hören Sie denn nichts?

Nein.

– Es ist vorüber! – Lassen Sie uns gehen. Ich liebe sonst nicht eben die Gesellschaft; aber – Sie komponieren nicht – Sie sind kein Berliner. –

Ich kann nicht ergründen, was Sie so gegen die Berliner einnimmt? Hier, wo die Kunst geachtet und in hohem Masse ausgeübt wird, sollt’ ich meynen, müsste einem Manne von Ihrem künstlerischen Geiste wohl seyn!

Sie irren! – Zu meiner Quaal bin ich verdammt, hier, wie ein abgeschiedener Geist, im öden Raume umher zu irren.

Im öden Raume, hier, in Berlin?

Ja, öde ist’s um mich her, denn kein verwandter Geist tritt auf mich zu. Ich stehe allein.

Aber die Künstler! die Komponisten!

Weg damit! Sie kritteln und kritteln – verfeinern alles bis zur feinsten Messlichkeit, wühlen alles durch, um nur einen armseligen Gedanken zu finden; über dem Schwazzen von Kunst, von Kunstsinn und was weiss ich – können sie nicht zum Schaffen kommen, und wird ihnen einmal so zu Muthe, als wenn sie ein paar Gedanken ans Tageslicht befördern müssten: so zeigt die furchtbare Kälte ihre weite Entfernung von der Sonne – es ist lappländische Arbeit.

Ihr Urtheil scheint mir viel zu hart. Wenigstens müssen Sie die herrlichen Aufführungen im Theater befriedigen.

Ich hatte es über mich gewonnen, einmal wieder ins Theater zu gehen, um meines jungen Freundes Oper zu hören – wie heisst sie gleich? – Ha, die ganze Welt ist in dieser Oper! durch das bunte Gewühl geputzter Menschen ziehen die Geister des Orkus – Alles hat hier Stimme und allmächtigen Klang – Teufel, ich meyne ja Don Juan! Aber nicht die Ouvertüre, welche Prestissimo, ohne Sinn und Verstand abgesprudelt wurde, könnt’ ich überstehen; und ich hatte mich durch Fasten bereitet dazu, weil ich weiss, dass der Euphon von diesen Massen viel zu sehr bewegt wird und unrein anspricht!

Wenn ich auch eingestehen muss, daß Mozarts Meisterwerke grösstentheils auf eine kaum erklärliche Weise hier vernachlässigt werden, so erfreuen sich doch Glucks Werke gewiss einer würdigen Darstellung.

Meynen Sie? –Ich wollte einmal Iphigenia in Tauris hören. Als ich ins Theater trete, höre ich, dass man die Ouvertüre der Iphigenia in Aulis spielt. Hm – denke ich, ein Irrthum; man giebt diese Iphigenia! Ich erstaune, als nun das Andante eintritt, womit die Iphigenia in Tauris anfängt, und der Sturm folgt. Zwanzig Jahre liegen dazwischen! Die ganze Wirkung, die ganze wohlberechnete Exposition des Trauerspiels geht verlohren. Ein stilles Meer – es entsteht ein Sturm – die Griechen werden ans Land geworfen, die Oper ist da! – Wie? hat der Komponist die Ouvertüre ins Gelag hineingeschrieben, dass man sie, wie ein Trompeterstückchen, abblasen kann, wie und wo man will?

Ich gestehe den Missgriff ein. Indessen man thut doch alles, um Glucks Werke zu heben.

Ey ja! sagte er kurz und lächelte dann bitter und immer bittrer. Plötzlich fuhr er auf und nichts vermochte ihn aufzuhalten. Er war im Augenblicke wie verschwunden, und mehrere Tage hinter einander suchte ich ihn im Thiergarten vergebens. – –

Einige Monate waren vergangen, als ich an einem kalten regnichten Abende mich in einem entfernten Theile der Stadt verspätet hatte und nun nach meiner Wohnung in der Friedrichsstrasse eilte. Ich musste bei dem Theater vorbey; die rauschende Musik, Trompeten und Pauken, erinnerten mich, dass gerade Glucks Armida gegeben wurde, und ich war im Begriff hineinzugehen, als ein sonderbares Selbstgespräch, dicht an den Fenstern, wo man fast jeden Ton des Orchesters hört, meine Aufmerksamkeit erregte.

Jetzt kommt der König – sie spielen den Marsch – o paukt, paukt nur zu! – ›s ist recht munter! ja, ja, sie müssen ihn heute eilfmal machen – der Zug hat sonst nicht Zug genug – Ha ha – maestoso – schleppt euch, Kinderchen – Sieh, da bleibt ein Figurant mit der Schuhschleife hängen – Richtig, zum zwölften mal! und immer auf die Dominante hinausgeschlagen – O ihr ewigen Mächte, das endet nimmer! Jetzt macht er sein Kompliment – Armida dankt ergebenst – Noch einmal? – Richtig, es fehlen noch zwey Soldaten! Jetzt wird ins Recitativ hineingepoltert – Welcher böse Geist hat mich hier festgebannt?

Der Bann ist gelöst, rief ich. Kommen Sie!

Ich fasste meinen Sonderling aus dem Thiergarten – denn niemand anders war der Selbstredner – rasch beym Arm und zog ihn mit mir fort. Er schien überrascht und folgte mir schweigend. Schon waren wir in der Friedrichsstrasse, als er plötzlich stillstand.

Ich kenne Sie, – sagte er. Sie waren im Tiergarten – wir sprachen viel – ich habe Wein getrunken – habe mich erhitzt – nachher klang der Euphon zwey Tage hindurch – ich habe viel ausgestanden – es ist vorüber!

Ich freue mich, dass der Zufall Sie mir wieder zugeführt hat. Lassen Sie uns näher mit einander bekanntwerden. Nicht weit von hier wohne ich; wie wär‹ es …

Ich kann und darf zu Niemand gehen.

Nein, Sie entkommen mir nicht; ich gehe mit Ihnen.

So werden Sie noch ein paar hundert Schritte mit mir laufen müssen. Aber Sie wollten ja in’s Theater?

Ich wollte Armida hören, aber nun –

Sie sollen jetzt Armida hören! kommen Sie! –

Schweigend gingen wir die Friedrichsstrasse hinauf; rasch bog er in eine Querstrasse ein, und kaum vermochte ich ihm zu folgen, so schnell lief er die Strasse herab, bis er endlich vor einem unansehnlichen Hause stillstand. Ziemlich lange hatte er gepocht, als man endlich öffnete. Im Finstern tappend erreichten wir die Treppe und ein Zimmer im obern Stock, dessen Thüre mein Führer sorgfältig verschloss. Ich hörte noch eine Thüre öffnen; bald darauf trat er mit einem angezündeten Lichte hinein und der Anblick des sonderbar ausstaffirten Zimmers überraschte mich nicht wenig. Altmodisch reich verzierte Stühle, eine Wanduhr mit vergoldetem Gehäuse, und ein breiter, schwerfälliger Spiegel gaben dem Ganzen das düstere Ansehn verjährter Pracht. In der Mitte stand ein kleines Klavier, auf demselben ein grosses Tintenfass von Porzellan, und daneben lagen einige Bogen rastrirtes Papier. Ein schärferer Blick auf diese Vorrichtung zum Komponiren überzeugte mich jedoch, dass seit langer Zeit nichts geschrieben seyn musste; denn ganz vergelbt war das Papier und dickes Spinnengewebe überzog das Tintenfass.

Der Mann trat vor einen Schrank in der Ecke des Zimmers, den ich noch nicht bemerkt hatte, und als er den Vorhang wegzog, wurde ich eine Reihe schön gebundener Bücher gewahr mit goldnen Aufschriften: Orfeo, Armida, Alceste, Iphigenia u. s. w., kurz, Glucks Meisterwerke sah ich beisammen stehen.

Sie besitzen Glucks sämmtliche Werke? rief ich.

Er antwortete nicht, aber zum krampfhaften Lächeln verzog sich der Mund, und das Muskelspiel in den eingefallenen Backen verzerrte im Augenblick das Gesicht zur schauerlichen Maske. Starr den düstern Blick auf mich gerichtet, ergriff er eins der Bücher – es war »Armida« – und schritt feyerlich zum Klavier hin. Ich öffnete es schnell und stellte den zusammengelegten Pult auf; er schien das gern zu sehen. Er schlug das Buch auf, und – wer schildert mein Erstaunen, als ich rastrirte Blätter, aber mit keiner Note beschrieben erblickte.

Er begann: Jetzt werde ich die Ouvertüre spielen! Wenden Sie die Blätter um, und zur rechten Zeit! –

Ich versprach das, und nun spielte er herrlich und meisterhaft, mit vollgriffigen Accorden, das majestätische Tempo di Marcia, womit die Ouvertüre anhebt, fast ganz dem Original getreu: aber das Allegro war nur mit Glucks Hauptgedanken durchflochten. Er brachte so viele neue, geniale Wendungen hinein, dass mein Erstaunen immer wuchs. Vorzüglich waren seine Modulationen frappant, ohne grell zu werden, und er wusste den einfachen Hauptgedanken so viele melodiöse Melismen anzureihen, dass jene immer in neuer, verjüngter Gestalt, wiederzukehren schienen. Sein Gesicht glühte; bald zogen sich die Augenbraunen zusammen und ein lang verhaltener Zorn wollte gewaltsam losbrechen, bald schwamm das Auge in Thränen tiefer Wehmuth. Zuweilen sang er, wenn beyde Hände in künstlichen Melismen arbeiteten, das Thema mit einer angenehmen Tenorstimme; dann wusste er, auf ganz besondere Weise, mit der Stimme den dumpfen Ton der anschlagenden Pauke nachzuahmen. Ich wandte die Blätter fleissig um, indem ich seine Blicke verfolgte. Die Ouvertüre war geendet, und er fiel erschöpft mit geschlossenen Augen in den Lehnstuhl zurück. Bald raffte er sich aber wieder auf, und indem er hastig mehrere leere Blätter des Buchs umschlug, sagte er mit dumpfer Stimme:

Alles dieses, mein Herr, habe ich geschrieben, als ich aus dem Reich der Träume kam.

Aber ich verrieth Unheiligen das Heilige, und eine eiskalte Hand fasste in dies glühende Herz! Es brach nicht; da wurde ich verdammt, zu wandeln unter den Unheiligen wie ein abgeschiedner Geist – gestaltlos, damit mich niemand kenne, bis mich die Sonnenblume wieder emporhebt zu dem Ewigen. – Ha – jetzt lassen Sie uns Armidens Scene singen!

Nun sang er die Schlussscene der Armida mit einem Ausdruck, der mein Innerstes durchdrang. Auch hier wich er merklich von der wirklichen Partitur ab: aber seine veränderte Musik war die Glucksche Scene gleichsam in höherer Potenz. Alles, was Liebe, Hass, Verzweiflung, Raserey, in den stärksten Zügen ausdrücken kann, fasste er gewaltig in Töne zusammen. Seine Stimme schien die eines Jünglings, denn von tiefer Dumpfheit schwoll sie empor zur durchdringenden Stärke. Alle meine Fibern zitterten – ich war ausser mir.

Als er geendet hatte, warf ich mich ihm in die Arme und rief mit gepresster Stimme:

Was ist das? Wer sind Sie? –

Er stand auf und mass mich mit ernstem, durchdringendem Blick; doch als ich weiter fragen wollte, war er mit dem Lichte durch die Thüre entwichen und hatte mich im Finstern gelassen. Es hatte beynahe eine Viertelstunde gedauert; ich verzweifelte, ihn wiederzusehen, und suchte, durch den Stand des Klaviers orientirt, die Thüre zu öffnen, als er plötzlich in einem gestickten Gallakleide, reicher Weste, den Degen an der Seite, mit dem Lichte in der Hand hereintrat.

Ich erstarrte; feierlich kam er auf mich zu, fasste mich sanft bey der Hand und sagte, sonderbar lächelnd:

Ich bin der Ritter Gluck!

Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden

Vorbemerkung

Hoffmann war nun ein anerkannter Mitarbeiter der AMZ und dort erschien im September 1810 ohne Verfasserangabe sein Fantasiestück Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, in dem sich deutliche Spuren seiner Bamberger Erfahrungen als Musiklehrer finden.

Erstmalig erscheint hier die Figur des Kapellmeisters Johannes Kreisler in der literarischen Öffentlichkeit, die sich zum Alter Ego Hoffmanns entwickelte.

Der ungekürzte Text folgt dem Erstdruck der AMZ von 1810.

Sie sind alle fortgegangen. – Ich hätt’ es an dem Zischeln, Scharren, Räuspern, Brummen durch alle Tonarten bemerken sollen; es war ein wahres Bienennest, das vom Stocke abzieht, um zu schwärmen. Gottlieb hat mir neue Lichter aufgesteckt und eine Flasche Burgunder auf das Fortepiano hingestellt. Spielen kann ich nicht mehr, denn ich bin ganz ermattet; daran ist mein alter herrlicher Freund hier auf dem Notenpulte schuld, der mich schon wieder einmal, wie Mephistopheles den Faust auf seinem Mantel, durch die Lüfte getragen hat, und so hoch, dass ich die Menschlein unter mir nicht sah und merkte, unerachtet sie tollen Lärm genug gemacht haben mögen. – Ein hundsföttischer, verlungerter Abend! aber jetzt ist mir wohl und leicht. – Hab’ ich doch gar während des Spielens meinen Bleystift hervorgezogen und Seite 63 unter dem letzten System ein paar gute Ausweichungen in Ziffern notirt mit der rechten Hand, während die Linke im Strome der Töne fortarbeitete! Hinten auf der leeren Seite fahr’ ich schreibend fort. Ich verlasse Ziffern und Töne, und mit wahrer Lust; wie der genesene Kranke, der nun nicht aufhören kann zu erzählen, was er gelitten, notire ich hier umständlich die höllischen Qualen des heutigen Thees. Aber nicht für mich allein, sondern für alle, die sich hier zuweilen an meinem Exemplar der Johann Sebastian Bachschen Variationen für das Klavier, erschienen bei Naegeli in Zürich, ergötzen und erbauen, bey dem Schluss der 30sten Variation meine Ziffern finden und, geleitet von dem grossen lateinischen Verte, (ich schreib’ es gleich hin, wenn meine Klageschrift zu Ende ist) das Blatt umwenden und lesen. Diese errathen gleich den wahren Zusammenhang; sie wissen, dass der Geheime Rath Röderlein hier ein ganz charmantes Haus macht und zwey Töchter hat, von denen die ganze elegante Welt mit Enthusiasmus behauptet, sie tanzten wie die Göttinnen, sprächen französisch wie die Engel, und spielten und sängen und zeichneten wie die Musen. Der Geheime Rath Röderlein ist ein reicher Mann; er führt bey seinen vierteljährigen Dinés die schönsten Weine, die feinsten Speisen, alles ist auf den elegantesten Fuss eingerichtet, und wer sich bey seinen Thees nicht himmlisch amüsiert, hat keinen Ton, keinen Geist, und vornämlich keinen Sinn für die Kunst. Auf diese ist es nämlich auch abgesehen; neben dem Thee, Punsch, Wein, Gefrornem etc. wird auch immer etwas Musik präsentirt, die von der schönen Welt ganz gemüthlich so wie jenes eingenommen wird. Die Einrichtung ist so: nachdem jeder Gast Zeit genug gehabt hat, eine beliebige Zahl Tassen Thee zu trinken, und nachdem zweymal Punsch und Gefrornes herumgegeben worden ist, rücken die Bedienten die Spieltische heran für den älteren, solideren Theil der Gesellschaft, der dem musikalischen das Spiel mit Karten vorzieht, welches auch in der That nicht solchen unnützen Lärm macht und wo nur einiges Geld erklingt. – Auf dies Zeichen schiesst der jüngere Theil der Gesellschaft auf die Fräuleins Röderlein zu; es entsteht ein Tumult, in dem man die Worte unterscheidet: Schönes Fräulein, versagen Sie uns nicht den Genuss Ihres himmlischen Talents – o singe etwas, meine Gute – Nicht möglich – Catarrh – der letzte Ball – nichts eingeübt – o bitte, bitte – wir flehen etc. Gottlieb hat unterdessen den Flügel geöffnet und das Pult mit dem wohlbekannten Notenbuche beschwert. Vom Spieltisch herüber ruft die gnädige Mama: chantez donc, mes enfans! Das ist das Stichwort meiner Rolle; ich stelle mich an den Flügel und im Triumph werden die Röderleins an das Instrument geführt. Nun entsteht wieder eine Differenz: keine will zuerst singen. »Du weisst, liebe Nanette, wie entsetzlich heiser ich bin« – »Bin ich es denn weniger, liebe Marie?« – »Ich singe so schlecht« – »O Liebe, fange nur an« etc.

Johannes Kreisler in Haustracht

Mein Einfall (ich habe ihn jedesmal!), beyde möchten mit einem Duo anfangen, wird gewaltig beklatscht, das Buch durchblättert, das sorgfältig eingeschlagene Blatt endlich gefunden, und nun geht’s los: Dolce dell’ anima etc. – Das Talent der Fräulein ist wirklich nicht das geringste. Ich bin nun fünf Jahre hier und viertehalb Jahre im Röderleinschen Hause Lehrer; für diese kurze Zeit hat es Fräulein Nanette dahin gebracht, dass sie eine Melodie, die sie nur zehnmal im Theater gehört und am Klavier dann höchstens noch zehnmal durchprobirt hat, so wegsingt, dass man gleich weiss, was es seyn soll. Fräulein Marie fasst es schon beym achten Mal, und wenn sie öfters einen Viertelston tiefer steht, als das Piano, so hat das bey so einem pikanten Stumpfnäschen nicht eben viel zu bedeuten. – Nach Endigung des Duetts, allgemeiner Beyfallschorus! Nun wechseln Arietten und Duettino’s, und ich hämmere das tausendmal geleyerte Accompagnement frisch darauf los. Während des Gesanges hat die Finanzräthin Eberstein durch Räuspern und leises Mitsingen zu verstehen gegeben: ich singe auch. Fräulein Nanette spricht: Aber liebe Finanzräthin, nun musst du uns auch deine göttliche Stimme hören lassen. Es entsteht ein neuer Tumult. Sie hat den Catarrh – sie kann nichts auswendig! – Gottlieb bringt zwey Arme voll Musikalien herangeschleppt: da wird geblättert und geblättert. Erst will sie singen: Der Hölle Rache etc. dann: Hebe, sieh etc.

dann: Ach ich liebte etc. In der Angst schlage ich vor: Ein Veilchen auf der Wiese etc.

Aber sie ist fürs grosse Genre, sie will sich zeigen, es bleibt bey der Constanze. –

O schreye du, quicke, miaue, gurgle, stöhne, ächze, tremulire, quinkelire nur recht munter: ich habe den Fortissimo-Zug getreten und orgle mich taub. – O Satan, Satan! welcher deiner höllischen Geister ist in diese Kehle gefahren, der alle Töne zwickt und zwängt und zerrt! Vier Saiten sind schon gesprungen, ein Hammer ist invalid. Meine Ohren gellen, mein Kopf dröhnt, meine Nerven zittern. Sind denn alle unreinen Töne kreischender Marktschreyer-Trompeten in diesen kleinen Hals gebannt? – Das hat mich angegriffen – ich trinke ein Glas Burgunder! Man applaudirte unbändig, und jemand bemerkte, die Finanzräthin und Mozart hätten mich sehr ins Feuer gesetzt. Ich lächelte – etwas dumm, fürcht’ ich.

Nun erst regen sich alle Talente, bisher im Verborgenen blühend, und fahren wild durcheinander; es werden musikalische Excesse beschlossen: Ensembles, Finalen, Chöre sollen aufgeführt werden. Der Canonikus Kratzer singt bekanntlich einen himmlischen Bass, wie der Tituskopf dort bemerkt, der selbst bescheiden anführt, er sey eigentlich nur ein zweyter Tenor, aber freylich Mitglied mehrerer Singe-Academien. Schnell wird alles zum ersten Chor aus dem Titus organisirt. Das ging ganz herrlich! Der Canonikus, dicht hinter mir stehend, donnerte über meinem Haupte den Bass, als säng’ er mit obligaten Trompeten und Pauken in der Domkirche; er traf die Noten excellent, nur das Tempo nahm er in der Eil’ fast noch einmal so langsam. Aber treu blieb er sich wenigstens in sofern, dass er durchs ganze Stück immer einen halben Takt nachschleppte. Die übrigen äusserten einen entschiedenen Hang zur antiken griechischen Musik, die bekanntlich, die Harmonie nicht kennend, im unisono ging: sie sangen alle die Oberstimme mit kleinen Varianten aus zufälligen Erhöhungen und Erniedrigungen, etwa um einen Viertelston. –

Diese etwas geräuschvolle Production erregte eine allgemeine tragische Spannung, nämlich einiges Entsetzen, sogar an den Spieltischen, die für den Moment nicht so wie zuvor melodramatisch mitwirken konnten durch in die Musik, eingeflochtene declamatorische Sätze: z. B. Ach ich liebte – acht und vierzig – war so glücklich – ich passe – kannte nicht – Whist – der Liebe Schmerz – in der Farbe etc. Es nahm sich recht artig aus. (Ich schenke mir ein.) Das war die höchste Spitze der heutigen musikalischen Exposition: nun ist’s aus!

So dacht’ ich, schlug das Buch zu und stand auf. Da tritt der Baron, mein antiker Tenorist, auf mich zu und sagt: O bester Hr. Kapellmeister, Sie sollen ganz himmlisch phantasiren; o phantasiren Sie uns doch Eins! nur ein wenig! ich bitte!

Ich versetzte ganz trocken, die Phantasie sey mir heute rein ausgegangen; und indem wir so darüber sprechen, hat ein Teufel in der Gestalt eines Elegants mit zwey Westen im Nebenzimmer unter meinem Hut die Bachschen Variationen ausgewittert; der denkt, es sind so Variatiönchen: nel cor mi non più sento – Ah vous dirai-je, maman etc. und will haben, ich soll darauf losspielen. Ich weigere mich: da fallen sie alle über mich her.

Nun so hört zu und berstet vor Langweile, denk’ ich und arbeite drauf los. Bey No. 3. entfernten sich mehrere Damen, verfolgt von Titusköpfen. Die Röderleins, weil der Lehrer spielte, hielten nicht ohne Qual aus bis No. 12. No. 15. schlug den Zweywesten-Mann in die Flucht. Aus ganz übertriebener Höflichkeit blieb der Baron bis No. 30. und trank blos viel Punsch aus, den Gottlieb für mich auf den Flügel stellte. Ich hätte glücklich geendet, aber diese No. 30. das Thema:


riss mich fort, unaufhaltsam. Die Quartblätter dehnten sich plötzlich aus zu einem Riesenfolio, wo tausend Imitationen und Ausführungen jenes Thema’s geschrieben standen, die ich abspielen musste. Die Noten wurden lebendig und flimmerten und hüpften um mich her – elektrisches Feuer fuhr durch die Fingerspitzen in die Tasten – der Geist, von dem es ausströmte, überflügelte die Gedanken – der ganze Saal hing voll dichten Dufts, in dem die Kerzen düstrer und düstrer brannten – zuweilen sah eine Nase heraus, zuweilen ein paar Augen: aber sie verschwanden gleich wieder. So kam es, dass ich allein sitzen blieb mit meinem Sebastian Bach und von Gottlieb, wie von einem spiritu familiari bedient wurde! – Ich trinke! – Soll man denn ehrliche Musiker so quälen mit Musik, wie ich heute gequält worden bin und so oft gequält werde? Wahrhaftig, mit keiner Kunst wird so viel verdammter Missbrauch getrieben, als mit der herrlichen, heiligen Musica, die in ihrem zarten Wesen so leicht entweiht wird! Habt ihr wahres Talent, wahren Kunstsinn: gut, so lernt Musik, leistet etwas der Kunst Würdiges, und gebt dem Geweihten euer Talent hin im rechten Maas. Wollt ihr ohne das quinkeliren: nun so thut’s für euch, und quält nicht damit den Kapellmeister Kreisler und andere. – Nun könnte ich nach Hause gehen und meine neue Klavier-Sonate vollenden: aber es ist noch nicht eilf Uhr und eine schöne Sommernacht. Ich wette, neben mir beym Oberjägermeister Katzentreffer sitzen die Mädchen am offnen Fenster und schreyen mit kreischender, gellender, durchbohrender Stimme zwanzigmal: Wenn mir dein Auge strahlet – aber immer nur die erste Strophe, in die Straße hinein. Schräg über martert einer die Flöte und hat dabei Lungen wie Rameau’s Neffe, und in langen, langen Tönen macht der Nachbar Hornist akustische Versuche. Die zahlreichen Hunde der Gegend werden unruhig, und meines Hauswirts Kater, aufgeregt durch jenes süße Duett, macht dicht neben meinem Fenster (es versteht sich, daß mein musikalisch-poetisches Laboratorium ein Dachstübchen ist), der Nachbarskatze, in die er seit dem März verliebt ist, die chromatische Skala hinaufjammernd, zärtliche Geständnisse. Nach eilf Uhr wird es ruhiger; so lange bleib’ ich sitzen, da ohnedies noch weißes Papier und Burgunder vorhanden, von dem ich gleich etwas genieße. – Es gibt, wie ich gehört habe, ein altes Gesetz, welches lärmenden Handwerkern verbietet, neben Gelehrten zu wohnen: sollten denn arme, bedrängte Komponisten, die noch dazu aus ihrer Begeisterung Gold münzen müssen, um ihren Lebensfaden weiter zu spinnen, nicht jenes Gesetz auf sich anwenden und die Schreihälse und Dudler aus ihrer Nähe verbannen können? Was würde der Maler sagen, dem man, indem er ein Ideal malte, lauter heterogene Fratzengesichter vorhalten wollte! Schlösse er die Augen, so würde er wenigstens ungestört das Bild in der Phantasie fortsetzen. Baumwolle in den Ohren hilft nicht, man hört doch den Mordspektakel; und dann die Idee, schon die Idee: jetzt singen sie – jetzt kommt das Horn etc. der Teufel holt die sublimsten Gedanken! – Das Blatt ist richtig vollgeschrieben; auf dem vom Titel umgeschlagenen weißen Streifen will ich nur noch bemerken, warum ich hundertmal es mir vornahm, mich nicht mehr bei dem Geheimen Rat quälen zu lassen, und warum ich hundertmal meinen Vorsatz brach. –

Freilich ist es Röderleins herrliche Nichte, die mich mit Banden an dies Haus fesselt, welche die Kunst geknüpft hat. Wer einmal so glücklich war, die Schlußszene der Gluckschen »Armida« oder die große Szene der Donna Anna im »Don Giovanni« von Fräulein Amalien zu hören, der wird begreifen, daß eine Stunde mit ihr am Piano Himmelsbalsam in die Wunden gießt, welche alle Misstöne des ganzen Tages mir gequältem musikalischen Schulmeister schlugen. Röderlein, welcher weder an die Unsterblichkeit der Seele, noch an den Takt glaubt, hält sie für gänzlich unbrauchbar für die höhere Existenz in der Teegesellschaft, da sie in dieser durchaus nicht singen will und denn doch wieder vor ganz gemeinen Leuten, z. B. simplen Musikern, mit einer Anstrengung singt, die ihr gar nicht einmal taugt; denn ihre langen, gehaltenen, schwellenden Harmonikatöne, welche mich in den Himmel tragen, hat sie, wie Röderlein meint, offenbar der Nachtigall abgehorcht, die eine unvernünftige Kreatur ist, nur in Wäldern lebt und von dem Menschen, dem vernünftigen Herrn der Schöpfung, nicht nachgeahmt werden darf. Sie treibt ihre Rücksichtslosigkeit so weit, daß sie sich zuweilen sogar von Gottlieb auf der Violine accompagniren läßt, wenn sie Beethovensche oder Mozartsche Sonaten, aus denen kein Theeherr und Whistiker klug werden kann, auf dem Piano spielt. – Das war das letzte Glas Burgunder. – Gottlieb putzt mir die Lichter und scheint sich zu wundern über mein emsiges Schreiben. – Man hat ganz recht, wenn man diesen Gottlieb erst sechzehn Jahr alt schätzt. Das ist ein herrliches, tiefes Talent. Warum starb aber auch der Papa Thorschreiber so früh; und musste denn der Vormund den Jungen in die Liverey stecken? – Als Rode hier war, lauschte Gottlieb im Vorzimmer, das Ohr an die Saalthüre gedrückt, und spielte ganze Nächte; am Tage ging er sinnend, träumend umher, und der rote Fleck am linken Backen ist ein treuer Abdruck des Solitärs am Finger der Röderleinschen Hand, die, wie man durch sanftes Streicheln den somnambülen Zustand hervorbringt, durch starkes Schlagen ganz richtig entgegengesetzt wirken wollte. Nebst andern Sachen habe ich ihm die Sonaten von Corelli gegeben; da hat er unter den Mäusen in dem alten Oesterleinschen Flügel auf dem Boden gewüthet, bis keine mehr lebte, und mit Röderleins Erlaubnis auch das Instrument auf sein kleines Stübchen translocirt. – Wirf ihn ab, den verhassten Bedienten-Rock, ehrlicher Gottlieb, und lass mich nach Jahren dich als den wackern Künstler an mein Herz drücken, der du werden kannst mit deinem herrlichen Talent, mit deinem tiefen Kunstsinn! – Gottlieb stand hinter mir und wischte sich die Thränen aus den Augen, als ich diese Worte laut aussprach. – Ich drückte ihm schweigend die Hand, wir gingen hinauf und spielten die Sonaten von Corelli.

Beethovens Instrumentalmusik

Vorbemerkung

Zu E.T.A. Hoffmanns bedeutenden Leistungen als Musikkritiker gehören auch seine Rezensionen über einige Werke Beethovens, vor allem seine analytisch-innovative Besprechung der 5. Sinfonie in c-moll, op. 67, die im Juli 1810 in der AMZ erschien. Diese Rezension verarbeitete Hoffmann später in seinem Fantasiestück Beethovens Instrumentalmusik, das als Vorabdruck der Buchausgabe im Dezember 1813 als Fortsetzungsdruck in der Zeitung für die elegante Welt erschien, dem unser gekürzter Abdruck folgt.

Sollte, wenn von der Musik als einer selbständigen Kunst die Rede ist, nicht immer nur die Instrumentalmusik gemeinet seyn, welche jede Hülfe, jede Beimischung einer andern Kunst (der Poesie) verschmähend das eigenthümliche nur in ihr zu erkennende Wesen dieser Kunst rein ausspricht? – Sie ist die romantischeste aller Künste, beinahe möchte man sagen, allein recht romantisch, denn nur das Unendliche ist ihr Vorwurf. – Orpheus Lyra öffnete die Thore des Orkus. Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußern Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.

Habt ihr dies eigenthümliche Wesen auch nur wohl geahndet, ihr armen Instrumentalcomponisten, die ihr euch mühsam abquälet bestimmte Empfindungen, ja sogar Begebenheiten darzustellen? – Wie konnte es euch denn nur einfallen, die in der Plastik geradezu entgegengesetzte Kunst zu behandeln. Eure Sonnenaufgänge, eure Gewitter, eure Batailles de trois Empereurs u. s. w. waren wohl gewiß gar lächerliche Verirrungen und sind wohlverdienter Weise mit gänzlichem Vergessen bestraft.

In dem Gesange, wo die Poesie bestimmte Affekte durch Worte andeutet, wirkt die magische Kraft der Musik, wie das wunderbare Elixir der Weisen, von dem etliche Tropfen jeden Trank köstlicher und herrlicher machen. Jede Leidenschaft – Lieb – Haß – Zorn – Verzweiflung etc. wie die Oper sie uns gibt, kleidet die Musik in den Pupurschimmer der Romantik, und selbst das im Leben Empfundene führt uns hinaus aus dem Leben in das Reich des Unendlichen.

So stark ist der Zauber der Musik, und immer mächtiger werdend mußte er jede Fessel einer andern Kunst zerreissen.

Gewiß nicht allein in der Erleichterung der Ausdrucksmittel (Vervollkommnung der Instrumente, größere Virtuosität der Spieler), sondern in dem tieferen innigeren Erkennen des eigenthümlichen Wesens der Musik liegt es, daß geniale Komponisten die Instrumentalmusik zu der jetzigen Höhe erhoben.

Mozart und Haydn, die Schöpfer der jetzigen Instrumentalmusik, zeigten uns zuerst die Kunst in ihrer vollen Glorie; wer sie da mit voller Liebe anschaute und eindrang in ihr innigstes Wesen, ist – Beethoven! – Die Instrumentalkompositionen aller drei Meister athmen einen gleichen romantischen Geist, welches in dem gleichen innigen Ergreifen des eigenthümlichen Wesens der Kunst liegt; der Charakter ihrer Kompositionen unterscheidet sich jedoch merklich. – Der Ausdruck eines kindlichen heitern Gemüths herrscht in Haydns Kompositionen. Seine Sinfonien führen uns in unabsehbare grüne Hayne, in ein lustiges buntes Gewühl glücklicher Menschen. Jünglinge und Mädchen schweben in Reihentanzen vorüber; lachende Kinder, hinter Bäumen, hinter Rosenbüschen lauschend, werfen sich neckend mit Blumen. Ein Leben voll Liebe, vor Seligkeit wie vor der Sünde, in ewiger Jugend; kein Leiden, kein Schmerz, nur ein süßes wehmüthiges Verlangen nach der geliebten Gestalt, die in der Ferne im Glanz des Abendrothes daher schwebt, nicht näher kommt, nicht verschwindet. So lange sie da ist, wird es nicht Nacht, denn sie selbst ist das Abendroth, von dem Berg und Hain erglühen.

In die Tiefen des Geisterreichs führt uns Mozart. Furcht empfängt uns, aber ohne Marter ist sie mehr Ahndung des Unendlichen.

Liebe und Wehmuth tönen in holden Geisterstimmen; die Nacht geht auf in hellem Purpurschimmer und in unaussprechlicher Sehnsucht ziehen wir nach den Gestalten, die freundlich uns in ihre Reihen winken in ewigem Sphärentanze durch die Wolken fliegen. (Mozarts Sinfonie in Es-Dur unter dem Namen des Schwanengesanges bekannt.)

So öffnet uns auch Beethovens Instrumentalmusik das Reich des Ungeheuern und Unermeßlichen. Glühende Strahlen schießen durch dieses Reiches tiefe Nacht und wir werden Riesenschatten gewahr, die auf- und abwogen, enger und enger uns einschließen und uns vernichten, aber nicht den Schmerz der unendlichen Sehnsucht, in welcher jede Lust, die schnell in jauchzenden Tönen emporgestiegen, hinsinkt und untergeht; und nur in diesem Schmerz, der Liebe, Hoffnung, Freude, in sich verzehrend aber nicht zerstörend, unsere Brust mit einem vollstimmigen Zusammenklange aller Leidenschaften zersprengen will, leben wir fort und sind entzückte Geisterseher! – […]

Beethovens Musik bewegt die Hebel der Furcht, des Schauers, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt eben jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist. Er ist daher ein rein romantischer Komponist, und mag es nicht daher kommen, daß ihm Vokalmusik, die den Charakter des unbestimmten Sehnens nicht zuläßt, sondern nur durch Worte bestimmte Affekte als in dem Reiche des Unendlichen empfunden darstellt, weniger gelingt.

Den musikalischen Pöbel drückt Beethovens mächtiger Genius; er will sich vergebens dagegen auflehnen. – Aber die weisen Richter mit vornehmer Miene um sich schauend, versichern: man könne es ihnen als Männer von großem Verstande und tiefer Einsicht aufs Wort glauben, es fehle dem guten Beethoven nicht im mindesten an einer sehr reichen lebendigen Fantasie, aber er verstehe sie nicht zu zügeln! Da wäre dann nun von Auswahl und Formung der Gedanken gar nicht die Rede, sondern er werfe nach der sogenannten genialen Methode alle so hin, wie es ihm augenblicklich die im Feuer arbeitende Fantasie eingebe.

Was ist es aber, wenn nur Eurem schwachen Blick der innere tiefe Zusammenhang jeder Beethovenschen Komposition entgeht? Wenn es nur an Euch liegt, daß ihr des Meisters, dem Geweihten verständliche Sprache nicht versteht, wenn Euch die Pforte des innersten Heiligthums verschlossen blieb? – In Wahrheit, der Meister, an Besonnenheit Haydn und Mozart ganz an die Seite zu stellen, trennt sein Ich von dem innern Reich der Töne und gebietet darüber als unumschränkter Herr. Aesthetische Meßkünstler haben oft im Shakespeare über gänzlichen Mangel innerer Einheit und inneren Zusammenhanges geklagt, indem dem tieferen Blick ein schöner Baum, Blüthen und Früchte aus einem Keim treibend, erwächst; so entfaltet sich auch nur durch ein sehr tiefes Eingehen in Beethovens Instrumentalmusik die hohe Besonnenheit, welche vom wahren Genie unzertrennlich ist und von dem Studium der Kunst gewährt wird. Welches Instrumentalwerk Beethovens bestätigt dies alles wohl im höherm Grade, als die über alle Maßen herrliche tiefsinnige Sinfonie in c moll.

Wie führt diese wundervolle Komposition in einem fort und fortsteigenden Climax den Zuhörer unwiderstehlich fort in das Geisterreich des Unendlichen. […]

Wie tief haben sich doch deine herrlichen Flügelkompositionen, du hoher Meister! meinem Gemüthe eingeprägt: wie schaal und nichtsbedeutend erscheint mir doch nun alles, was nicht dir, dem sinnigen Mozart und dem gewaltigen Genius Sebastian Bach angehört. –

Mit welcher Lust empfing ich dein siebzigstes Werk, die beiden herrlichen Trios, denn ich wußte ja wohl, daß ich sie nach weniger Uebung bald gar herrlich hören würde. Und so gut ist es mir ja denn heute Abend geworden, so daß ich noch jetzt wie einer, der mit den in allerlei seltenen Bäumen, Gewächsen und wunderbaren Blumen umflochtenen Irrgängen eines fantastischen Parks wandelt und immer tiefer und tiefer hineingeräth, nicht aus den wundervollen Wendungen und Verschlingungen deiner Trios herauszukommen vermag; die holden Sirenen-Stimmen deiner in bunter Mannigfaltigkeit prangenden Sätze locken mich immer tiefer und tiefer hinein. – Die geistreiche Dame, die heute mir, dem Kapellmeister Kreisler recht eigentlich zu Ehren das Trio No. 1. gar herrlich spielte, und vor deren Flügel ich noch sitze und schreibe, hat es mich recht deutlich einsehen lassen, wie nur das, was der Geist gibt, zu achten, alles Uebrige aber vom Uebel ist. […]

Was nun die Schwierigkeit betrifft, so gehört zum richtigen bequemen Vortrag Beethovenscher Kompositionen nichts geringeres, als daß man ihn begreife, daß man tief in sein Wesen eindringe, daß man im Bewußtseyn eigner Weihe es kühn wage, in den Kreis der magischen Erscheinungen zu treten, die sein mächtiger Zauber hervorruft. Wer diese Weihe nicht in sich fühlt, wer die heilige Musik nur als Spielerei, nur zum Zeitvertreib in leeren Stunden, zum augenblicklichen Reiz stumpfer Ohren oder zur eigenen Ostentation tauglich betrachtet, der bleibe ja davon. Nur einem solchen steht auch der Vorwurf: und höchst undankbar! zu. Der echte Künstler lebt nur in dem Werke, das er in dem Sinne des Meisters aufgefaßt hat und nun vorträgt. Er verschmäht es, auf irgend eine Weise, seine Persönlichkeit geltend zu machen, und all sein Dichten und Trachten geht nur dahin, alle die herrlichen holdseligen Bilder und Erscheinungen, die der Meister mit magischer Gewalt in sein Werk verschloß, tausendfarbig glänzend ins rege Leben zu rufen, daß sie den Menschen in lichten funkelnden Kreisen umfangen und seine Fantasie, sein innerstes Gemüth entzündend, ihn raschen Fluges in das ferne Geisterreich der Töne tragen.

Der goldene Topf
EIN MÄHRCHEN AUS DER NEUEN ZEIT

Vorbemerkung

Hoffmanns Märchen aus der neuen Zeit, Der goldene Topf, entstand in den Jahren der Napoleonischen Kriege 1813/14. Am 19. August 1813 schrieb Hoffmann aus Dresden an seinen Verleger Kunz: »In keiner als in dieser düstern verhängnißvollen Zeit, wo man seine Existenz von Tage fristet und ihrer froh wird, hat mich das Schreiben so angesprochen – es ist, als schlösse ich mir ein wunderbares Reich auf, das aus meinem Innern hervorgehend und sich gestaltend mich dem Drange des Aüßern entrückte – Mich beschäftigt […] vorzüglich ein Mährchen das beynahe einen Band einnehmen wird […]. – Feenhaft und wunderbar aber keck ins gewöhnliche alltägliche Leben tretend und seine Gestalten soll das ganze werden. So z. B. ist der Geheime Archivarius Lindhorst ein ungemeiner arger Zauberer, dessen drey Töchter in grünem Gold glänzende Schlänglein in Krystallen aufbewahrt werden […] aber der Jüngling […] bekomt zur MitGift einen goldnen Nachttopf mit Juwelen besezt – als er das erstemahl hineinpißt verwandelt er sich in einen MeerKater u.sw.«

Hoffmanns Märchen füllte den ganzen dritten Band der Fantasiestücke in Callot’s Manier, der im Herbst 1814 erschien. Unser Textauszug folgt diesem Erstdruck.

Erste Vigilie.

Die Unglücksfälle des Studenten Anselmus. Des Conrektors Paulmann Sanitätsknaster und die goldgrünen Schlangen.

Am Himmelsfahrtstage Nachmittags um drey Uhr rannte ein junger Mensch in Dresden durchs schwarze Thor und geradezu in einen Korb mit Aepfeln und Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feil bot, so, daß alles, was der Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die Straßenjungen sich lustig in die Beute theilten, die ihnen der hastige Herr zugeworfen. Auf das Zetergeschrey, das die Alte erhob, verließen die Gevatterinnen ihre Kuchen- und Brandtweintische, umringten den jungen Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so daß er vor Aerger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders gefüllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell einsteckte. Nun öffnete sich der fest verschlossene Kreis, aber indem der junge Mensch hinaus schoß, rief ihm die Alte nach:

Ja renne – renne nur zu, Satanskind – ins Krystall bald dein Fall – ins Krystall! –

Die grellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas entsetzliches, so daß die Spaziergänger verwundert stillstanden und das Lachen, das sich erst verbreitet, mit einem Mahl verstummte. –

Der Student Anselmus (niemand anders war der junge Mensch) fühlte sich, unerachtet er des Weibes sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem unwillkührlichen Grausen ergriffen, und er beflügelte noch mehr seine Schritte, um sich den auf ihn gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen. Wie er sich nun durch das Gewühl geputzter Menschen durcharbeitete, hörte er überall murmeln: »der arme junge Mann – Ey! – über das verdammte Weib!« – Auf ganz sonderbare Weise hatten die geheimnißvollen Worte der Alten dem lächerlichen Abentheuer eine gewiße tragische Wendung gegeben, so daß man dem vorhin ganz Unbemerkten jetzt theilnehmend nachsah, und die Frauenzimmer dem wohlgebildeten Gesicht, dessen Ausdruck die Gluth des innern Grimms noch erhöhte, so wie dem kräftigen Wuchse des Jünglings, allen Ungeschick, sowie den ganz aus dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug verziehen. Sein hechtgrauer Frack war nehmlich so zugeschnitten, als habe der Schneider, der ihn gearbeitet, die moderne Form von Hörensagen gekannt, und das schwarzatlasne wohlgeschonte Unterkleid, gab dem Ganzen einen gewißen magistermäßigen Styl, dem sich nun wieder Gang und Stellung durchaus nicht fügen wollte. –

Als der Student schon beinahe das Ende der Allee erreicht, die nach dem Linkischen Bade führt, wollte ihm beinahe der Athem ausgehen; er sah sich genöthigt, langsamer zu wandeln; aber kaum wagte er den Blick in die Höhe zu richten, denn noch immer sah er die Aepfel und Kuchen um sich tanzen, und jeder freundliche Blick dieses oder jenes Mädchens war ihm nur der Reflex des schadenfrohen Gelächters am Schwarzen Thor. So war er bis an den Eingang des Linkischen Bades gekommen; da sah er ganz wehmüthig, wie eine Reihe festlich gekleideter Menschen nach der andern herein zog. Musik von Blasinstrumenten ertönte von innen, und immer lauter und lauter wurde das Gewühl der lustigen Gäste. Die Thränen wären dem armen Studenten Anselmus beinahe in die Augen getreten, denn auch er hatte, da der Himmelfahrtstag immer ein besonderes Familienfest für ihn gewesen, an der Glückseligkeit des Linkischen Paradieses Theil nehmen, ja, er hatte es bis zu einer halben Portion Kaffee mit Rum und einer Bouteille Doppelbier treiben wollen, und um so recht schlampampen zu können, mehr Geld eingesteckt, als eigentlich erlaubt und thunlich war. Und nun hatte ihn der fatale Tritt in den Aepfelkorb um Alles gebracht, was er bey sich getragen. An Kaffee, an Doppelbier, an Musik, an den Anblick der geputzten Mädchen – kurz! – an alle geträumten Genüsse war nicht zu denken; er schlich langsam vorbey und schlug endlich den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem Hollunderbaume, der aus der Mauer hervorgesproßen, fand er ein freundliches Rasenplätzchen, da setzte er sich hin und stopfte eine Pfeife von dem Sanitätsknaster, den ihm sein Freund, der Conrektor Paulmann, geschenkt. – Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen des schönen Elbstroms, hinter demselben streckte das herrliche Dresden kühn und stolz seine lichten Thürme empor in den duftigen Himmelsgrund, der sich hinabsenkte auf die blumigten Wiesen und frisch grünenden Wälder, und aus tiefer Dämmerung gaben die zackigten Gebirge Kunde vom fernen Böhmerlande. Aber finster vor sich hinblickend, blies der Student Anselmus die Dampfwolken in die Luft, und sein Unmuth wurde endlich laut, indem er sprach:

»Wahr ist es doch, ich bin zu allem möglichen Kreuz und Elend gebohren ! – Daß ich niemahls Bohnen-König geworden, daß ich im Paar oder Unpaar immer falsch gerathen, daß mein Butterbrod immer auf die fette Seite gefallen, von allem diesen Jammer will ich gar nicht reden; aber, ist es nicht ein schreckliches Verhängniß, daß ich, als ich denn doch nun dem Satan zum Trotz Student geworden war, ein Kümmeltürke seyn und bleiben mußte? – Ziehe ich wohl je einen neuen Rock an, ohne gleich das erstemahl einen Talgfleck hineinzubringen, oder mir an einem übeleingeschlagenen Nagel ein verwünschtes Loch hineinzureißen? Grüße ich wohl je einen Herrn Hofrath oder eine Dame, ohne den Hut weit von mir zu schleudern oder gar auf dem glatten Boden auszugleiten und schändlich umzustülpen? Hatte ich nicht schon in Halle jeden Markttag eine bestimmte Ausgabe von drei bis vier Groschen für zertretene Töpfe, weil mir der Teufel in den Kopf setzt, meinen Gang gerade aus zu nehmen wie die Laminge? Bin ich denn ein einziges mahl ins Kollegium, oder wo man mich sonst hin beschieden zu rechter Zeit gekommen? Was half es, daß ich eine halbe Stunde vorher ausging, und mich vor die Thüre hinstellte den Drücker in der Hand, denn sowie ich mit dem Glockenschlage aufdrucken wollte, goß mir der Satan ein Waschbecken über den Kopf oder ließ mich mit einem Heraustretenden zusammenrennen, daß ich in tausend Händel verwickelt wurde und darüber alles versäumte. – Ach! Ach! wo seyd ihr hin, ihr seeligen Träume künftigen Glücks, wie ich stolz wähnte, ich könne es wohl hier noch bis zum geheimen Sekretär bringen! Aber hat mir mein Unstern nicht die besten Gönner verfeindet? – Ich weiß, daß der geheime Rath, an den ich empfohlen bin, verschnittenes Haar nicht leiden mag; mit Mühe befestigt der Friseur einen kleinen Zopf an meinem Hinterhaupte, aber bey der ersten Verbeugung springt die unglückselige Schnur und ein munterer Mops, der mich umschnüffelt, apportirt im Jubel das Zöpfchen dem geheimen Rathe. Ich springe erschrocken nach und stürze über den Tisch, an dem er frühstückend gearbeitet hat, so daß Tassen, Teller, Tintenfaß – Sandbüchse klirrend herabstürzen, und der Strom von Chokolade und Tinte sich über die eben geschriebene Relation ergießt. »Herr, sind Sie des Teufels«, brüllt der erzürnte geheime Rath und schiebt mich zur Thüre hinaus. – Was hilft es, daß mir der Conrektor Paulmann Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat, wird es denn mein Unstern zulassen, der mich überall verfolgt! – Nur noch heute!« – […]

Hier wurde der Student Anselmus in seinem Selbstgespräche durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die Zweige und Blätter des Hollunderbaums hinauf glitt, der sich über seinem Haupte wölbte. Bald war es, als schüttle der Abendwind die Blätter, bald, als kos’ten Vögelein in den Zweigen, die kleinen Fittige im muthwilligen Hin- und Herflattern rührend. – Da fing es an zu flüstern und zu lispeln, und es war, als ertönten die Blüthen wie aufgehangene Krystallglöckchen. Anselmus horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst nicht wie, das Gelispel und Geflüster und Geklingel zu leisen halbverwehten Worten:

Zwischen durch – zwischen ein – zwischen Zweigen, zwischen schwellenden Blüthen, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns – Schwesterlein – Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer – schnell, schnell herauf – herab – Abendsonne schießt Strahlen, zischelt der Abendwind – raschelt der Thau – Blüthen singen – rühren wir Zünglein, singen wir mit Blüten und Zweigen – Sterne bald glänzen – müssen herab – zwischen durch, zwischen ein schlängeln, schlingen, schwingen wir uns Schwesterlein. –

So ging es fort in Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte: das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert. – Aber in dem Augenblick ertönte es über seinem Haupte, wie ein Dreyklang heller Krystallglocken; er schaute hinauf und erblickte drey in grünem Gold erglänzende Schlänglein, die sich um die Zweige gewickelt hatten, und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten. Da flüsterte und lispelte es von Neuem in jenen Worten, und die Schlänglein schlüpften und kos’ten auf und nieder durch die Blätter und Zweige, und wie sie sich so schnell zu rühren anfingen, da war es, als streue der Hollunderbusch tausend funkelnde Smaragden durch seine dunklen Blätter. Das ist die Abendsonne, die so in den Hollunder spielt, dachte der Student Anselmus, aber da ertönten die Glocken wieder, und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr Köpfchen nach ihm herabstreckte. Da fuhr es ihm durch alle Glieder wie ein elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten – er starrte herauf, und ein Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn mit unaussprechlicher Sehnsucht an, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seeligkeit und des tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll heißen Verlangens immer die Augen anblickte, da ertönten stärker in lieblichen Akkorden die Krystallglocken, und die funkelnden Smaragden fielen auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Flämmchen um ihn herflackernd und spielend mit schimmernden Goldfaden. Der Hollunderbusch rührte sich und sprach: »Du lagst in meinem Schatten, mein Duft umfloß dich, aber du verstandest mich nicht. Der Duft ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe entzündet.« Der Abendwind strich vorüber und sprach: »ich umspielte deine Schläfe aber du verstandest mich nicht, der Hauch ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe entzündet.«

Die Sonnenstrahlen brachen durch das Gewölk, und der Schein brannte wie in Worten:

»ich umgoß dich mit glühendem Gold, aber du verstandest mich nicht; Gluth ist meine Sprache, wenn sie die Liebe entzündet.« Und immer inniger und inniger versunken in den Blick des herrlichen Augenpaars, wurde heißer die Sehnsucht, glühender das Verlangen. Da regte und bewegte sich alles, wie zum frohen Leben erwacht. Blumen und Blüthen dufteten um ihn her und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend Flötenstimmen, und was sie gesungen, trugen im Wiederhall die goldenen vorüberfliehenden Abendwolken in ferne Lande. Aber als der letzte Strahl der Sonne schnell hinter den Bergen verschwand, und nun die Dämmerung ihren Flor über die Gegend warf, da rief wie aus weiter Ferne, eine rauhe tiefe Stimme:

Hey, hey was ist das für ein Gemunkel und Geflüster da drüben? – Hey, hey, wer sucht mir doch den Strahl hinter den Bergen! – genug gesonnt, genug gesungen – Hey, hey, durch Busch und Gras – durch Gras und Strom! – Hey, – hey – Her u – u – unter – Her u – u – unter! – So verschwand die Stimme wie im Murmeln eines fernen Donners, aber die Krystallglocken zerbrachen im schneidenden Mißton. Alles war verstummt, und Anselmus sah wie die drei Schlangen schimmernd und blinkend durch das Gras nach dem Strom schlüpften; rischelnd und raschelnd stürzten sie sich in die Elbe, und über den Wogen, wo sie verschwunden, knisterte ein grünes Feuer empor, das in schiefer Richtung nach der Stadt zu, leuchtend verdampfte.

Zweite Vigilie.

Wie der Student Anselmus für betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. – Die Fahrt über die Elbe – Die Bravour-Arie des Kapellmeisters Graun – Conradis Magen-Liqueur und das bronzirte Aepfelweib.

»Der Herr ist wohl nicht recht bey Troste!« sagte eine ehrbare Bürgersfrau, die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus zusah. Der hatte nemlich den Stamm des Hollunderbaumes umfaßt und rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein: »O nur noch einmahl blinket und leuchtet ihr lieblichen goldnen Schlänglein, nur noch einmahl laßt eure Glockenstimmchen hören! Nur noch einmahl blicket mich an, ihr holdseeligen blauen Augen, nur noch einmahl, ich muß ja sonst vergehen in Schmerz und heißer Sehnsucht!« Und dabei seufzte und ächzte er aus der tiefsten Brust recht kläglich und schüttelte vor Verlangen und Ungeduld den Hollunderbaum, der aber statt aller Antwort nur ganz dumpf und unvernehmlich mit den Blättern rauschte und so den Schmerz des Studenten Anselmus ordentlich zu verhöhnen schien. –

»Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste«, sagte die Bürgersfrau, und dem Anselmus war es so, als würde er aus einem tiefen Traum gerüttelt oder gar mit eiskaltem Wasser begossen, um ja recht jähling zu erwachen. Nun sah er erst wieder deutlich, wo er war, und besann sich, wie ein sonderbarer Spuk ihn geneckt und gar dazu getrieben habe, ganz allein für sich selbst, in lauten Worten auszubrechen. Bestürzt blickte er die Bürgersfrau an, und griff endlich nach dem Hute, der zur Erde gefallen, um davon zu eilen. […] So wie er nur Pfeife und Tabacksbeutel erhalten, rannte er spornstreichs davon. Alles was er wunderbares gesehen, war ihm rein aus dem Gedächtniß geschwunden, und er besann sich nur, daß er unter dem Hollunderbaum allerley tolles Zeug ganz laut geschwatzt, was ihm denn um so entsetzlicher war, als er von jeher einen innerlichen Abscheu gegen alle Selbstredner gehegt. Der Satan schwatze aus ihnen, sagte sein Rektor und er hielt das stets fürwahr. Für einen am Himmelfahrtstage betrunkenen Candidatus theologiae gehalten zu werden, der Gedanke war ihm unerträglich. Schon wollte er in die Pappelallee bei dem Koselschen Garten einbiegen, als eine Stimmer hinter ihm herrief: Hr. Anselmus! Hr. Anselmus! wo rennen Sie denn um tausend Himmelswillen hin in solcher Hast! Der Student blieb wie in den Boden gewurzelt stehen, denn er war überzeugt, daß nun gleich ein neues Unglück auf ihn einbrechen werde. Die Stimme ließ sich wieder hören: Hr. Anselmus, so kommen Sie doch zurück, wir warten hier am Wasser! – Nun vernahm der Student erst, daß es sein Freund, der Conrektor Paulmann war, der ihn rief, er ging zurück an die Elbe, und fand den Conrektor mit seinen beiden Töchtern, so wie den Registrator Heerbrand, wie sie eben im Begriff waren in eine Gondel zu steigen. Der Conrektor Paulmann lud den Studenten ein, mit ihm über die Elbe zu fahren und dann in seiner, auf der Pirnaer Vorstadt gelegenen Wohnung Abends über bey ihm zu bleiben. Der Student Anselmus nahm das recht gern an, weil er denn doch so dem bösen Verhängniß, das heute über ihn gewaltet, zu entrinnen glaubte. Als sie nun über den Strom fuhren, begab es sich, daß auf dem jenseitigen Ufer bey dem Antonschen Garten ein Feuerwerk abgebrannt wurde. Prassend und zischend fuhren die Raketen in die Höhe und die leuchtenden Sterne zersprangen in den Lüften tausend knisternde Strahlen und Flammen um sich sprühend. Der Student Anselmus saß in sich gekehrt bey dem rudernden Schiffer, als er nun aber den Wiederschein der in der Luft herumsprühenden und knisternden Funken und Flammen im Wasser sah, da war es ihm, als zögen die goldnen Schlänglein wieder durch die Fluth. Alles was er unter dem Hollunderbaum seltsames geschaut, trat wieder lebendig in Sinn und Gedanken, und aufs neue ergriff ihn die unaussprechliche Sehnsucht, das glühende Verlangen, welches dort seine Brust in krampfhaft schmerzvollem Entzücken erschüttert. »Ach, seyd ihr es denn wieder, ihr goldenen Schlänglein, singt nur, singt! In eurem Gesange erscheinen ja wieder die holden lieblichen dunkelblauen Augen – ach, seyd ihr denn unten Fluthen!« – So rief der Student Anselmus und machte dabey eine Bewegung, als wolle er sich gleich aus der Gondel in die Fluth stürzen. »Ist der Herr des Teufels?«, rief der Schiffer und erwischte ihn beym Rockschoß. Die Mädchen, welche bey ihm gesessen, schrien im Schreck auf und flüchteten auf die andere Seite der Gondel; der Registrator Heerbrand sagte dem Conrektor Paulmann etwas ins Ohr, worauf dieser mehreres antwortete, wovon der Student Anselmus aber nur die Worte verstand: »Dergleichen Anfälle – noch nicht bemerkt?« – Gleich nachher stand auch der Conrektor Paulmann auf und setzte sich mit einer gewissen ernsten gravitätischen Amtsmiene zu dem Studenten Anselmus seine Hand nehmend und sprechend:

Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Dem Studenten Anselmus vergingen beynahe die Sinne, denn in seinem Innern erhob sich ein toller Zwiespalt, den er vergebens beschwichtigen wollte. Es sah’ nun wohl deutlich, daß das, was er für das Leuchten der goldenen Schlänglein gehalten, nur der Wiederschein des Feuerwerks bey Antons Garten war, aber ein nie gekanntes Gefühl, er wußte selbst nicht, ob Wonne, ob Schmerz, zog krampfhaft seine Brust zusammen, und wenn der Schiffer nun so mit dem Ruder ins Wasser hineinschlug, daß es wie im Zorn sich empor kräuselnd plätscherte und rauschte, da vernahm er in dem Getöse ein heimliches Lispeln und Flüstern: Anselmus! Anselmus! Siehst du nicht, wie wir stets vor dir herziehen? –

Schwesterlein blickt dich wohl wieder an – glaube – glaube – glaube an Uns – Und es war ihm, als säh’ er im Wiederschein drey grünglühende Streife. Aber als er dann recht wehmüthig ins Wasser hineinblickte, ob nun nicht die holdseeligen Augen aus der Fluth herausschauen würden, da sah’ er wohl, daß der Schein nur von den erleuchteten Fenstern der nahen Häuser herrührte. Schweigend saß er da und im Innern mit sich kämpfend, aber der Conrektor Paulmann sprach noch heftiger: Wie ist Ihnen, Hr. Anselmus? Ganz kleinmüthig antwortete der Student: Ach lieber Herr Conrektor, wenn sie wüßten, was ich unter einem Hollunderbaum bey der Linkeschen Gartenmauer ganz wachend mit offnen Augen für ganz besondere Dinge geträumt habe, ach Sie würden mir es gar nicht verdenken, daß ich so gleichsam abwesend – Ey, ey, Herr Anselmus, fiel der Conrektor Paulmann ein: ich habe Sie immer für einen soliden jungen Mann gehalten, aber träumen – mit hellen offnen Augen träumen und dann mit einem Mahl ins Wasser springen wollen, das – verzeihen Sie mir, können nur Wahnwitzige oder Narren! – Der Student Anselmus wurde ganz betrübt über seines Freundes harte Rede, da sagte Paulmanns älteste Tochter Veronika, ein recht hübsches blühendes Mädchen von sechszehn Jahren: Aber lieber Vater! Es muß dem Hrn. Anselmus doch was besonderes begegnet seyn und er glaubt vielleicht nur, daß er gerade gewacht habe, unerachtet er unter dem Hollunderbaum wirklich geschlafen und ihm allerley närrisches Zeug vorgekommen, was ihm noch in Gedanken liegt. Und, theuerste Mademoiselle, werther Conrektor! nahm der Registrator Heerbrand das Wort: sollte man denn nicht auch wachend in einen gewissen träumerischen Zustand versinken können? So ist mir in der That selbst einmahl Nachmittags beym Kaffee in einem solchen Hinbrüten, dem eigentlichen Moment körperlicher und geistiger Verdauung, die Lage eines verlohrnen Aktenstücks wie durch Inspiration eingefallen und nur noch gestern tanzte auf gleiche Weise eine herrliche große lateinische Frakturschrift vor meinen hellen offenen Augen umher. Ach geehrtester Registrator, erwiederte der Conrektor Paulmann: Sie haben immer solch einen Hang zu den Poeticis gehabt und da verfällt man leicht in das Fantastische und Romanhafte.

Aber dem Studenten Anselmus that es wohl, daß man sich seiner in der höchst betrübten Lage für betrunken oder wahnwitzig gehalten zu werden annahm, und unerachtet es ziemlich finster geworden, glaubte er doch zum erstenmahle zu bemerken, wie Veronika recht schöne dunkelblaue Augen habe, ohne daß ihm jedoch jenes wunderbare Augenpaar einfiel.

Überhaupt war dem Studenten Anselmus mit einem Mahl nun wieder das Abentheuer unter dem Hollunderbaum ganz verschwunden, er fühlte sich so leicht und froh, ja er trieb es wie im lustigen Uebermuthe so weit, daß er bey dem Heraussteigen aus der Gondel seiner Schutzrednerin Veronika die hülfreiche Hand bot und ohne weiteres, als sie ihren Arm in den seinigen hing, sie mit so vieler Geschicklichkeit und so vielem Glück zu Hause führte, daß er nur ein einziges Mahl ausglitt, und da es gerade der einzige schmutzige Fleck auf dem ganzen Wege war, Veronika’s weißes Kleid nur ganz wenig bespritzte. Dem Conrektor Paulmann entging die glückliche Aenderung des Studenten Anselmus nicht, er gewann ihn wieder lieb und bat ihn der harten Worte wegen, die er vorhin gegen ihn fallen lassen, um Verzeihung.

Ja! fügte er hinzu: man hat wohl Beyspiele, daß oft gewisse Fantasmata dem Menschen fürkommen und ihn ordentlich ängstigen und quälen können, das ist aber körperliche Krankheit und es helfen Blutigel, die man, salva venia, dem Hintern applizirt, wie ein berühmter bereits verstorbener Gelehrter bewiesen. Der Student Anselmus wußte nun in der That selbst nicht, ob er betrunken, wahnwitzig oder krank gewesen, auf jeden Fall schienen ihm aber die Blutigel ganz unnütz, da die etwanigen Fantasmata gänzlich verschwunden und er sich immer heiterer fühlte, je mehr es ihm gelang, sich in allerley Artigkeiten um die hübsche Veronika zu bemühen. Es wurde wie gewöhnlich nach der frugalen Mahlzeit Musik gemacht; der Student Anselmus mußte sich ans Klavier setzen und Veronika ließ ihre helle klare Stimme hören. – Werthe Mademoiselle, sagte der Registrator Heerbrand: Sie haben eine Stimme, wie eine Krystallglocke! »Das wohl nun nicht!« fuhr es dem Studenten Anselmus heraus, er wußte selbst nicht wie, und alle sahen ihn verwundert und betroffen an. »Krystallglocken tönen in Hollunderbäumen wunderbar! wunderbar!« fuhr der Student Anselmus halbleise murmelnd fort, da legte Veronika ihre Hand auf seine Schulter und sagte: Was sprechen Sie denn da, Herr Anselmus? Gleich wurde der Student wieder ganz munter und fing an zu spielen. Der Konrektor Paulmann sah ihn finster an aber der Registrator Heerbrand legte ein Notenblatt auf das Pult und sang zum Entzücken eine Bravour-Arie vom Kapellmeister Graun. Der Student Anselmus akkompagnirte noch manches und ein fugirtes Duett, das er mit Veronika vortrug und das der Conrektor Paulmann selbst komponirt, setzte alles in die fröhlıchste Stimmung. Es war ziemlich spät geworden und der Registrator Heerbrand griff nach Hut und Stock, da trat der Conrektor Paulmann geheimnißvoll zu ihm hin und sprach: Ey, wollten Sie nicht geehrter Registrator, dem guten Hrn. Anselmus selbst – nun! wovon wir vorhin sprachen – mit tausend Freuden, erwiederte der Registrator Heerbrand und fing, nachdem sie sich im Kreise gesetzt, ohne weiteres in folgender Art an:

»Es ist hier im Orte ein alter wunderlicher merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerley geheime Wissenschaften, da es nun aber dergleichen eigentlich nicht giebt, so halte ich ihn eher für einen forschenden Antiquar, auch wohl neben her für einen experimentirendcn Chemiker. Ich meine niemand anders als unsern geheimen Archivarius Lindhorst. Er lebt wie sie wissen einsam in seinem entlegenen alten Hause und wenn ihn der Dienst nicht beschäfftigt, findet man ihn in seiner Bibliothek oder in seinem chemischen Laboratorio, wo er aber niemanden hinein läßt. Er besitzt ausser vielen seltenen Büchern eine Anzahl zum Theil arabischer, koptischer und gar in sonderbaren Zeichen, die keiner bekannten Sprache angehören, geschriebener Manuskripte. Diese will er auf geschickte Weise kopiren lassen, und es bedarf dazu eines Mannes, der sich darauf versteht, mit der Feder zu zeichnen, um mit der höchsten Genauigkeit und Treue alle Zeichen auf Pergament und zwar mit Tusche übertragen zu können. Er läßt in einem besondern Zimmer seines Hauses unter seiner Aufsicht arbeiten, bezahlt ausser dem freien Tisch während der Arbeit jeden Tag einen Speziesthaler und verspricht noch ein ansehnliches Geschenk, wenn die Abschriften glücklich beendet. Die Zeit der Arbeit ist täglich von zwölf bis sechs Uhr. Von drey bis vier Uhr wird geruht und gegessen. Da er schon mit ein Paar jungen Leuten vergeblich den Versuch gemacht hat, jene Manuskripte kopiren zu lassen, so hat er sich endlich an mich gewendet, ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie gedacht, lieber H. Anselmus, denn ich weiß, daß Sie sowohl sehr sauber schreiben, als auch mit der Feder zierlich und rein zeichnen. Wollen Sie daher in dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen Anstellung den Speziesthaler täglich verdienen und das Geschenk obendrein, so bemühen Sie sich morgen Punkt zwölf Uhr zu dem H. Archivarius, dessen Wohnung Ihnen bekannt seyn wird. – Aber hüten Sie sich ja vor jedem Dinteflecken; fällt er auf die Abschrift, so müssen Sie ohne Gnade von vorne anfangen, fällt er auf das Original, so ist der Herr Archivarius imstande, Sie zum Fenster hinauszuwerfen, denn es ist ein zorniger Mann. – «

Der Student Anselmus war voll inniger Freude über den Antrag des Registrator Heerbrand, denn nicht allein, daß er sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch seine wahre Passion mit mühsamen kalligraphischem Aufwande abzuschreiben; er dankte daher seinen Gönnern in den verbindlichsten Ausdrücken und versprach, die morgende Mittagsstunde nicht zu versäumen. In der Nacht sah’ der Student Anselmus nichts als blanke Speziesthaler und hörte ihren lieblichen Klang. – […] Schon am frühen Morgen suchte er seine Bleystifte, seine Rabenfedern, seine chinesische Tusche zusammen; denn besser, dachte er, kann der Archivarius keine Materialien erfinden. Vor allen Dingen musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterstücke und seine Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner Fähigkeit, das Verlangte zu erfüllen, aufzuweisen. Alles ging glücklich von statten, ein besonderer Glücksstern schien über ihn zu walten, die Halsbinde saß gleich beym ersten Umknüpfen wie sie sollte, keine Naht platzte, keine Masche zerriß in den schwarzseidenen Strümpfen, der Hut fiel nicht noch einmahl in den Staub, als er schon sauber abgebürstet. – Kurz! – Punkt halb zwölf Uhr stand der Student Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Schönschriften und Federzeichnungen in der Tasche, schon auf der Schloßgasse in Conradi’s Laden und trank – eins – zwey Gläschen des besten Magenlikör’s, denn hier, dachte er, indem er auf die noch leere Tasche schlug, werden bald Speziesthaler erklingen. Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Hausthüre. Da stand er und schaute den großen schönen bronzenen Thürklopfer an; aber als er nun auf den letzten die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turm-Uhr an der Kreuzkirche den Thürklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden Lächeln. Ach! es war ja das Aepfelweib vom Schwarzen Thor! Die spitzigen Zähne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern schnarrte es: »Du Narre – Narre – Narre – warte, warte! warum warst herausgerannt! Narre!« – Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück, er wollte den Thürpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen, und durch das ganze öde Haus rufte und spottete der Widerhall: Bald dein Fall ins Krystall – Den Studenten Anselmus ergriff ein Grausen, das im krampfhaften Fieberfrost durch alle Glieder bebte. Die Klingelschnur senkte sich hinab und wurde zur weißen durchsichtigen Riesenschlange, die umwand und drückte ihn fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen, daß die mürben zermalmten Glieder knackend zerbröckelten, und sein Blut aus den Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn roth färbend. –

Tödte mich, tödte mich! wollte er schreyen in der entsetzlichen Angst, aber sein Geschrey war nur ein dumpfes Röcheln. – Die Schlange erhob ihr Haupt und legte die lange spitzige Zunge von glühendem Erz auf die Brust des Anselmus, da zerriß ein schneidender Schmerz jähling die Pulsader des Lebens und es vergingen ihm die Gedanken. – Als er wieder zu sich selbst kam, lag er auf seinem dürftigen Bettlein, vor ihm stand aber der Conrektor Paulmann und sprach: Was treiben Sie denn um des Himmels willen für tolles Zeug, lieber Herr Anselmus!

Dritte Vigilie.

Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronika’s blaue Augen. –

Der Registrator Heerbrand.

Der Geist schaute auf das Wasser, da bewegte es sich und brauste in schäumenden Wogen und stürzte sich donnernd in die Abgründe, die ihre schwarzen Rachen aufsperrten, es gierig zu verschlingen. […]

Nun schritt ein glänzendes Leuchten in das Thal; es war der Jüngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte, von heißer sehnsüchtiger Liebe befangen: Sey doch mein ewiglich, du schöner Jüngling! denn ich liebe dich und muß vergehen, wenn du mich verläßest. Da sprach der Jüngling Phosphorus: Ich will dein seyn, du schöne Blume, aber dann wirst du wie ein entartet Kind, Vater und Mutter verlassen, du wirst deine Gespielen nicht mehr kennen, du wirst größer und mächtiger seyn wollen als Alles was sich jetzt als deines Gleichen mit dir freut. Die Sehnsucht, die jetzt dein ganzes Wesen wohlthätig erwärmt, wird in hundert Strahlen zerspaltet, dich quälen und martern, denn der Sinn wird die Sinne gebähren und die höchste Wonne die der Funke entzündet den ich in dich hineinwerfe, ist der hoffnungslose Schmerz, in dem du untergehst, um aufs neue fremdartig emporzukeimen. – Dieser Funke ist der Gedanke! Ach! klagte die Lilie, kann ich denn nicht in der Gluth, wie sie jetzt in mir brennt, dein seyn? Kann ich dich denn mehr lieben als jetzt, und kann ich dich denn schauen wie jetzt, wenn du mich vernichtest? Da küßte sie der Jüngling Phosphorus, und wie vom Lichte durchstrahlt, loderte sie auf in Flammen, aus denen ein fremdes Wesen hervorbrach, das, schnell dem Thale entfliehend, im unendlichen Raum herumschwärmte, sich nicht kümmernd um die Gespielen der Jugend und um den geliebten Jüngling. Der klagte um die verlorne Geliebte, denn auch ihn brachte ja nur die unendliche Liebe zu der schönen Lilie in das einsame Thal […] und es kam ein schwarzer geflügelter Drache rauschend herausgeflattert und sprach: meine Brüder, die Metalle, schlafen da drinnen, aber ich bin stets munter und wach und will dir helfen. Sich auf und niederschwingend erhaschte endlich der Drache das Wesen, das der Lilie entsprossen, trug es auf den Hügel und umschloß es mit seinem Fittig; da war es wieder die Lilie […]. Der Jüngling Phosphorus legte eine glänzende Rüstung an […] und kämpfte mit dem Drachen, der mit seinem schwarzen Fittich an den Panzer schlug, daß er hell erklang und von dem mächtigen Klange lebten die Blümlein wieder auf und umflatterten wie bunte Vögel den Drachen, dessen Kräfte schwanden, und der besiegt sich in der Tiefe der Erde verbarg. Die Lilie war befreyt, der Jüngling Phosphorus umschlang sie voll glühenden Verlangens himmlischer Liebe und im hochjubelnden Hymnus huldigten ihr die Blumen, die Vögel, ja selbst die hohen Granitfelsen als Königin des Thals. –

»Erlauben Sie, das ist orientalischer Schwulst, werther Hr. Archivarius!« sagte der Registrator Heerbrand, »und wir baten denn doch, Sie sollten, wie Sie sonst wohl zu thun pflegen, uns etwas aus ihrem höchst merkwürdigen Leben, etwa von Ihren Reise-Abentheuern und zwar etwas wahrhaftiges erzählen.«

»Nun was denn«, erwiederte der Archivarius Lindhorst: »das was ich so eben erzählt, ist das wahrhaftigste was ich Euch auftischen kann ihr Leute und gehört in gewisser Art auch zu meinem Leben. Denn ich stamme eben aus jenem Thale her und die Feuerlilie die zuletzt als Königin herrschte, ist meine Ur – ur – ur – urgroßmutter, weshalb ich denn auch eigentlich ein Prinz bin.« Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus. »Ja lacht nur recht herzlich«, fuhr der Archivarius Lindhorst fort: »Euch mag wohl das, was ich freylich nur in ganz dürftigen Zügen erzählt habe, unsinnig und toll vorkommen, aber es ist dem unerachtet nichts weniger als ungereimt oder auch nur allegorisch gemeint sondern buchstäblich wahr. Hätte ich aber gewußt, daß Euch die herrliche Liebesgeschichte der auch ich meine Entstehung zu verdanken habe, so wenig gefallen würde, so hätte ich lieber manches Neue mitgetheilt, das mir mein Bruder mitbrachte.« »Ey, wie das? Haben Sie denn einen Bruder Hr. Archivarius – wo ist er denn – wo lebt er denn? Auch in königlichen Diensten oder vielleicht ein privatisirender Gelehrter?« – so frug man von allen Seiten. –

»Nein!« erwiederte der Archivarius ganz kalt und gelassen eine Prise nehmend: »er hat sich auf die schlechte Seite gelegt und ist unter die Drachen gegangen.« –

»Wie belieben Sie doch zu sagen werthester Archivarius«, nahm der Registrator Heerbrand das Wort: »unter die Drachen?« »Unter die Drachen?« hallte es von allen Seiten wie ein Echo nach! – »Ja unter die Drachen«, fuhr der Archivarius Lindhorst fort: »eigentlich war es Desperation. Sie wissen, meine Herren, daß mein Vater vor ganz kurzer Zeit starb, es sind nur höchstens dreyhundert und fünf und achtzig Jahre her, weshalb ich auch noch Trauer trage, der hatte mir dem Liebling einen prächtigen Onyx vermacht, den durchaus mein Bruder haben wollte. Wir zankten uns bei der Leiche des Vaters darüber auf eine ungebührliche Weise, bis der Seelige, der die Geduld verlohr, aufsprang und den bösen Bruder die Treppe hinunterwarf. Das wurmte meinen Bruder und er ging stehenden Fußes unter die Drachen.« […] –

Zum zweitenmahle brachen die Anwesenden in ein schallendes Gelächter aus, aber dem Studenten Anselmus wurde ganz unheimlich zu Muthe und er konnte dem Archivarius Lindhorst kaum in die starren und ernsten Augen sehen, ohne innerlich auf eine ihm selbst unbegreifliche Weise zu erbeben. Zumahl hatte die rauhe aber sonderbar metallartig tönende Stimme des Archivarius für ihn etwas geheimnißvoll eindringendes, daß er Mark und Bein erzittern fühlte. Der eigentliche Zweck, weshalb ihn der Registrator Heerbrand mit in das Kaffeehaus genommen hatte, schien heute nicht erreichbar zu seyn. Nach jenem Vorfall vor dem Hause des Archivarius Lindhorst war nämlich der Student nicht dahin zu vermögen, den Besuch zum zweitenmahle zu wagen, denn nach seiner innigsten Ueberzeugung hatte nur der Zufall ihn, wo nicht vom Tode, doch von der Gefahr wahnwitzig zu werden, befreyt. Der Conrektor Paulmann war eben durch die Straße gegangen, als er ganz von Sinnen vor der Hausthüre lag und ein altes Weib, die ihren Kuchen- und Aepfelkorb bey Seite setzte, um ihn beschäftigt war, der Conrektor Paulmann hatte sogleich eine Postchaise herbeygerufen und ihn so nach Hause transportirt.

»Man mag von mir denken, was man will«, sagte der Student Anselmus: »man mag mich für einen Narren halten oder nicht – genug! – an dem Thürklopfer grinzte mir das vermaladeyte Gesicht der Hexe vom Schwarzen Thore entgegen; was nachher geschah, davon will ich lieber gar nicht reden, aber wäre ich aus meiner Ohnmacht erwacht und hätte das verwünschte Aepfelweib vor mir gesehen (denn niemand anders war doch das alte um mich beschäftigte Weib), mich hätte augenblicklich der Schlag gerührt oder ich wäre wahnsinnig geworden.«

Alles Zureden, alle vernünftige Vorstellungen des Conrektor Paulmann und des Registrator Heerbrand fruchteten gar nichts und selbst die blauäugige Veronika vermochte nicht ihn aus einem gewissen tiefsinnigen Zustande zu reissen, in den er versunken. Man hielt ihn nun in der That für seelenkrank und sann auf Mittel, ihn zu zerstreuen, worauf der Registrator Heerbrand meinte, daß nichts dazu dienlicher seyn könne, als die Beschäftigung bey dem Archivarius Lindhorst, nämlich das Nachmahlen der Manuskripte. Es kam nur darauf an, den Studenten Anslemus auf gute Art dem Archivarius Lindhorst bekannt zu machen und der Registrator Heerbrand wußte, daß dieser beynahe jeden Abend ein gewisses bekanntes Kaffeehaus besuchte, so lud er den Studenten Anselmus ein, jeden Abend so lange auf seine des Registrators Kosten in jenem Kaffeehause ein Glas Bier zu trinken und eine Pfeife zu rauchen, bis er auf diese oder jene Art dem Archivarius bekannt und mit ihm über das Geschäft das Abschreiben der Manuskripte einig worden, welches der Student Anselmus dankbarlichst annahm. »Sie verdienen Gottes Lohn, werther Registrator! wenn sie den jungen Menschen zur Raison bringen«, sagte der Conrektor Paulmann. »Gottes Lohn!« wiederhohlte Veronika, indem sie die Augen fromm zum Himmel erhub und lebhaft daran dachte, wie der Student Anselmus schon jetzt ein recht artiger junger Mann sey auch ohne Raison! – Als der Archivarius eben mit Hut und Stock zur Thüre herausschreiten wollte, da ergriff der Registrator Heerbrand den Studenten Anselmus rasch bey der Hand und mit ihm dem Archivarius den Weg vertretend, sprach er:

»Geschätztester Hr. Geheimer Archivarius, hier ist der Student Anselmus, der ungemein geschickt im Schönschreiben und Zeichnen, ihre seltenen Manuskripte kopiren will.«

Das ist mir ganz ungemein lieb, erwiederte der Archivarius Lindhorst rasch, warf den dreyeckigten soldatische Hut auf den Kopf und eilte den Registrator Heerbrand und den Studenten Anselmus bey Seite schiebend, mit vielem Geräusch die Treppe herab, so daß beide ganz verblüfft da standen und die Stubenthüre anguckten, die er dicht vor ihnen zugeschlagen, daß die Angeln klirrten. »Das ist ja ein ganz wunderlicher alter Mann,« sagte der Registrator Heerbrand! – Wunderlicher alter Mann, stotterte der Student Anselmus nach, fühlend wie ein Eisstrom ihm durch alle Adern fröstelte, daß er beynahe zur starren Bildsäule worden. Aber alle Gäste lachten und sagten: »Der Archivarius war heute einmahl wieder in seiner besonderen Laune, morgen ist er gewiß wieder sanftmüthig und spricht kein Wort, sondern sieht in die Dampfwirbel seiner Pfeife oder liest Zeitungen, man muß sich daran gar nicht kehren.« – Das ist auch wahr, dachte der Student Anselmus: wer wird sich an so etwas kehren, hat der Archivarius nicht gesagt, es sey ihm ganz ungemein lieb, daß ich seine Manuskripte kopiren wolle? – und warum vertrat ihm auch der Registrator Heerbrand den Weg, als er gerade nach Hause gehen wollte? – Nein, nein, es ist ein lieber Mann im Grunde genommen, der Hr. Geheime Archivarius Lindhorst und liberal erstaunlich – nur kurios in absonderlichen Redensarten. – Allein was schadet das mir? – Morgen gehe ich hin Punkt zwölf Uhr und setzten sich hundert bronzirte Aepfelweiber dagegen.

Vierte Vigilie.

Melancholie des Studenten Anselmus – Der smaragdene Spiegel – Wie der Archivarius Lindhorst als Stoßgeier davon flog und der Student Anselmus niemandem begegnete.

[…] Also wie gesagt, der Student Anselmus gerieth seit jenem Abende, als er den Archivarius Lindhorst gesehen, in ein träumerisches Hinbrüten, das ihn für jede äußere Berührung des gewöhnlichen Lebens unempfindlich machte. […] So kam es denn, daß er einst von einem weiten Spatziergange heimkehrend bey jenem merkwürdigen Hollunderbusch vorüberschritt, unter dem er damahls wie von Feerey befangen, so viel seltsames sah; er fühlte sich wunderbarlich von dem grünen heymathlichen Rasenfleck angezogen, aber kaum hatte er sich daselbst niedergelassen, als Alles, was er damahls wie in einer himmlischen Verzückung geschaut und das wie von einer fremden Gewalt aus seiner Seele verdrängt werden, ihm wieder in den lebhaftesten Farben, als sähe er es zum zweitenmahl, vorschwebte. Ja noch deutlicher als damals war es ihm, daß die holdseeligen blauen Augen nirgend anders waren als in dem Köpfchen der goldgrünen Schlange, die in der Mitte des Hollunderbaums sich emporwand, und daß in den Windungen des schlanken Leibes all’ die herrlichen Krystall-Glockentöne hervorblitzten mußten, die ihn mit Wonne und Entzücken erfüllten. So wie damahls am Himmelfahrthstage umfaßte er den Hollunderbaum und rief in die Zweige und Blätter hinein: »Ach nur noch einmahl schlängele und schlinge und winde dich du holdes grünes Schlänglein in den Zweigen, daß ich dich schauen mag – Nur noch einmahl blicke mich an mit deinen holdseeligen Augen! Ach ich liebe dich ja und muß in Trauer und Schmerz vergehen, wenn du nicht wiederkehrst!

Alles blieb jedoch stumm und still und wie damahls rauschte der Hollunderbaum nur ganz unvernehmlich mit seinen Zweigen und Blättern. Aber dem Studenten Anselmus war es, als wisse er nun, was sich in seinem Innern so rege und bewege, ja was seine Brust so im Schmerz einer unendlichen Sehnsucht zerreiße. […] Nun ging der Student Anselmus jeden Abend, wenn die Sonne nur noch in die Spitzen der Bäume ihr funkelndes Gold streute, unter den Hollunderbaum und rief aus tiefer Brust mit ganz kläglichen Tönen in die Blätter und Zweige hinein nach der holden Geliebten, dem goldgrünen Schlänglein. Als er dieses wieder einmahl nach gewöhnlicher Weise trieb, stand plötzlich ein langer hagerer Mann in einen weiten lichtgrauen Ueberrock gehüllt vor ihm und rief, indem er ihn mit seinen großen feurigen Augen anblitzte: Hey hey, das ist ja der Hr. Anselmus, der meine Manuskripte kopiren will. Der Student Anselmus erschrak nicht wenig vor der gewaltigen Stimme, denn es war ja dieselbe, die damahls am Himmelfahrthstage gerufen: Hey hey! was ist das für ein Gemunkel und Geflüster etc. Er konnte vor dem sonderbaren Gefühl im Staunen und Schreck kein Wort herausbringen. –

»Nun was ist Ihnen denn Hr. Anselmus«, fuhr der Archivarius Lindhorst fort (niemand anders war der Mann im weißgrauen Ueberrock) »was wollen Sie von dem Hollunderbaum und warum sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um Ihre Arbeit anzufangen?« – Wirklich hatte der Student Anselmus es noch nicht über sich vermocht den Archivarius Lindhorst wieder in seinem Hause aufzusuchen, unerachtet er sich jenen Abend ganz dazu ermuthigt, in diesem Augenblick aber, als er seine schöne Träume und noch dazu durch dieselbe feindseelige Stimme, die schon damals ihm die Geliebte geraubt, zerrissen sah, erfaßte ihn eine Art Verzweiflung und er brach ungestüm los: »Sie mögen mich nun für wahnsinnig halten oder nicht Hr. Archivarius! das gilt mir ganz gleich, aber hier auf diesem Baum erblickte ich am Himmelfahrthstage die goldgrüne Schlange – ach! Die Ewig Geliebte meiner Seele, und sie sprach zu mir in herrlichen Krystalltönen, aber Sie – Sie! Herr Archivarius, schrien und riefen so erschrecklich übers Wasser her« –

»Wie das mein Gönner!« unterbrach ihn der Archivarius Lindhorst, indem er ganz sonderbar lächelnd eine Prise nahm. – Der Student Anselmus fühlte, wie seine Brust sich erleichterte, als es ihm nur gelungen, von jenem wunderbaren Abentheuer anzufangen, und es war ihm, als sey es schon ganz recht, daß er den Archivarius geradezu beschuldigt: er sey es gewesen, der so aus der Ferne gedonnert. Er nahm sich zusammen sprechend: »Nun so will ich denn Alles erzählen, was mir an dem Himmelfahrthsabende verhängnißvolles begegnet und dann mögen Sie reden und thun und überhaupt denken über mich was Sie wollen.« –

Er erzählte nun wirklich die ganze wunderliche Begebenheit von dem unglücklichen Tritt in den Aepfelkorb an bis zum Entfliehen der drey goldgrünen Schlangen übers Wasser und wie ihn nun die Menschen für betrunken oder wahnsinnig gehalten: »Das alles«, schloß der Student Anselmus, »habe ich wirklich gesehen und tief in der Brust ertönen noch im hellen Nachklang die lieblichen Stimmen, die zu mir sprachen; es war keineswegs ein Traum und soll ich nicht vor Liebe und Sehnsucht sterben, so muß ich an die goldgrünen Schlangen glauben, unerachtet ich an Ihrem Lächeln, werther Herr Archivarius, wahrnehme, daß Sie eben diese Schlangen nur für ein Erzeugniß erhitzten überspannten Einbildungskraft halten.«

»Mit nichten«, erwiederte der Archivarius in der größten Ruhe und Gelassenheit, »die goldgrünen Schlangen, die Sie, Hr. Anselmus, in dem Hollunderbusch gesehen, waren nun eben meine drey Töchter, und daß Sie sich in die blauen Augen der jüngsten, Serpentina genannt, gar sehr verliebt, das ist nun wohl klar. Ich wußte es übrigens schon am Himmelfahrthstage, und da mir zu Hause am Arbeitstisch sitzend des Gemunkels und Geklingels zu viel wurde, rief ich den losen Dirnen zu, daß es Zeit sey nach Hause zu eilen, denn die Sonne ging schon unter und sie hatten sich genug mit Singen und Strahlentrinken divertirt.«

Dem Studenten Anselmus war es, als würde ihm nur etwas mit deutlichen Worten gesagt, was er längst geahndet, und ob er gleich zu bemerken glaubte, daß sich Hollunderbusch, Mauer und Rasenboden und alle Gegenstände rings umher leise zu drehen anfingen, so raffte er sich doch zusammen und wollte etwas reden, aber der Archivarius ließ ihn nicht zu Worte kommen, sondern zog schnell den Handschuh von der linken Hand herunter, und indem er den in wunderbaren Funken und Flammen blitzenden Stein eines Ringes dem Studenten vor die Augen hielt, sprach er: »Schauen Sie her, werther Hr. Anselmus, Sie können darüber, was Sie erblicken, eine Freude haben. Der Student Anselmus schaute hin und o Wunder! der Stein warf wie aus einem brennenden Fokus Strahlen rings herum, und die Strahlen verspannen sich zum hellen leuchtenden Krystallspiegel, in dem in mancherley Windungen bald einander fliehend, bald sich in einander schlingend, die goldgrünen Schlänglein tanzten und hüpften, und wenn die schlanken in tausend Funken blitzenden Leiber sich berührten, da erklangen herrliche Akkorde wie Krystallglocken, und die mittelste streckte wie voll Sehnsucht und Verlangen das Köpfchen zum Spiegel heraus und die dunkelblauen Augen sprachen:

Kennst du mich denn – glaubst du denn an mich, Anselmus? – nur in dem Glauben ist die Liebe – kannst du denn lieben? – O Serpentina, Serpentina! schrie der Student Anselmus in wahnsinnigem Entzücken, aber der Archivarius Lindhorst hauchte schnell auf den Spiegel, da fuhren in elektrischem Geknister die Strahlen in den Fokus zurück und an der Hand blitzte nur wieder ein kleiner Smaragd, über den der Archivarius den Handschuh zog. »Haben Sie die goldnen Schlänglein gesehen, H. Anselmus?« frug der Archivarius Lindhorst.

»Ach Gott ja«, erwiederte der Student, »und die holde liebliche Serpentina«.

»Still«, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, »genug für heute, übrigens können Sie ja, wenn Sie sich entschließen wollen bey mir zu arbeiten, meine Töchter oft genug sehen, oder vielmehr, ich will Ihnen dieses wahrhaftige Vergnügen verschaffen, wenn Sie sich bey der Arbeit recht brav halten, das heißt: mit der größten Genauigkeit und Reinheit jedes Zeichen kopiren. Aber Sie kommen ja gar nicht zu mir, unerachtet mir der Registrator Heerbrand versicherte, Sie würden sich nächstens einfinden und ich deshalb mehrere Tage vergebens gewartet.«

So wie der Archivarius Lindhorst den Nahmen Heerbrand nannte, war es dem Studenten Anselmus erst wieder als stehe er wirklich mit beyden Füßen auf der Erde und er wäre wirklich der Student Anselmus und der vor ihm stehende Mann der Archivarius Lindhorst.

Der gleichgültige Ton, in dem dieser sprach, hatte im grellen Contrast mit den wunderbaren Erscheinungen, die er wie ein wahrhafter Nekromant hervorrief, etwas grauenhaftes, das durch den stechenden Blick der funkelnden Augen, die aus den knöchernen Höhlen des magern runzlichten Gesichts wie aus einem Gehäuse hervorstrahlten, noch erhöht wurde, und den Studenten ergriff mit Macht dasselbe unheimliche Gefühl, welches sich seiner schon auf dem Kaffeehause bemeisterte, als der Archivarius soviel Abentheuerliches erzählte. Nur mit Mühe faßte er sich, und als der Archivarius nochmahls frug: »Nun warum sind Sie denn nicht zu mir gekommen?« da erhielt er es über sich alles zu erzählen, was ihm an der Hausthüre begegnet.

»Lieber H. Anselmus«, sagte der Archivarius, als der Student seine Erzählung geendet, »lieber Hr. Anselmus, ich kenne wohl das Aepfelweib, von der Sie zu sprechen belieben; es ist eine fatale Creatur, die mir allerhand Possen spielt, und daß sie sich hat bronziren lassen, um als Thürklopfer die mir angenehme Besuche zu verscheuchen, das ist in der That sehr arg und nicht zu leiden. Wollen Sie doch, werther H. Anselmus, wenn Sie morgen um zwölf Uhr zu mir kommen und wieder etwas von dem Angrinsen und Anschnarren vermerken, ihr gefälligst was weniges von diesem Liquor auf die Nase tröpfeln, dann wird sich sogleich alles geben. Und nun Adieu! lieber H. Anselmus, ich gehe etwas rasch, deßhalb will ich Ihnen nicht zumuthen mit mir nach der Stadt zurückzukehren. – Adieu! auf Wiedersehen morgen um zwölf Uhr.« –

Der Archivarius hatte dem Studenten Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Liquor gegeben, und nun schritt er rasch von dannen, so daß er in der tiefen Dämmerung, die unterdessen eingebrochen, mehr in das Thal hinabzuschweben als zu gehen schien. Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der Wind in den weiten Ueberrock und trieb die Schöße auseinander, daß sie wie ein paar große Flügel in den Lüften flatterten und es dem Studenten Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite ein großer Vogel die Fittige aus zum raschen Fluge. – Wie der Student nun so in die Dämmerung hineinstarrte, da erhob sich mit krächzendem Geschrey ein weißgrauer Geyer hoch in die Lüfte, und er merkte nun wohl, daß das weiße Geflatter, was er noch immer für den davonschreitenden Archivarius gehalten, schon eben der Geyer gewesen seyn müsse, unerachtet er nicht begreifen konnte, wo denn der Archivarius mit einemmahl hingeschwunden. »Er kann aber auch selbst in Person davon geflogen seyn der H. Archivarius Lindhorst«, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, »denn ich sehe und fühle nun wohl, daß alle die fremden Gestalten aus einer fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besondern merkwürdigen Träumen schaute, jetzt in mein waches reges Leben geschritten sind und ihr Spiel mit mir treiben. – Dem sey aber wie ihm wolle! – Du lebst und glühst in meiner Brust, holde liebliche Serpentina, nur du kannst die unendliche Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerreißt. – Ach, wann werde ich in dein holdseeliges Auge blicken – liebe, liebe Serpentina!« – – So rief der Student Anselmus ganz laut. –

»Daß ist ein schnöder unchristlicher Nahme« murmelte ein Baßstimme neben ihm, die einem heimkehrenden Spatziergänger gehörte. Der Student Anselmus zu rechter Zeit erinnert wo er war, eilte raschen Schritts von dannen, indem er bey sich selbst dachte: Wäre es nicht ein rechtes Unglück, wenn mir jetzt der Conrektor Paulmann oder der Registrator Heerbrand begegnete? – Aber er begegnete keinem von beyden.

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