Kitabı oxu: «Für ein Ende der Halbwahrheiten»
Edelbert Richter
FÜR EIN ENDE
DER HALBWAHRHEITEN
Korrekturen an unserem Bild von Judentum
und Nationalsozialismus

INHALT
Vorwort
Zur Einleitung: »Enttäuschte Liebe« – Historische Hintergründe von Brexit und Trumps Präsidentschaft
EIN NÜCHTERNER BLICK AUF DIE JÜDISCHE GESCHICHTE
1. Das erwählte Volk
2. Was wir heute Völkermord nennen
3. Was wir heute Rassismus nennen
4. Vom »Segen der Geldleihe« im Mittelalter
5. Der Vorteil, keinen eigenen Staat zu haben
6. Inspiration für das moderne Nationalbewusstsein
7. Privilegierte Hofjuden im Absolutismus
8. Das einflussreichste Finanzhaus Europas
9. Einer der ersten Rassentheoretiker wird zum mächtigsten Mann der Welt
10. Weitere jüdische Vertreter der »Blutsgemeinschaft«
11. Der Zionismus: »typisch deutsch«
12. Der Frontenwechsel des Judentums im Ersten Weltkrieg
13. Zweierlei Boykott und das Haavara-Abkommen
14. Wie der Holocaust instrumentalisiert wird
15. Funktionen des Symbols »Holocaust« seit dem Umbruch der 1970er Jahre
16. Schluss
Exkurs: »In dem Wahne, über alle Maßen mild und mitleidig zu sein…« – Zur jüdischchristlichen Tradition des Heiligen Krieges
NOTIZEN ZUM NATIONALSOZIALISMUS – EIN VERSUCH, DAS UNVERZEIHLICHE ZU VERSTEHEN
A Die Wurzeln: Enttäuschungen, Kränkungen, Versagungen
1. Das Scheitern des proletarischen Internationalismus: nationaler Sozialismus
2. Die Kriegserfahrung: erhöhte Gewaltbereitschaft
3. Die Kriegspropaganda des Westens: Entfesselung des Unbewussten
4. Die unehrenhafte Niederlage: das Ende Deutschlands?
5. Der Versailler Vertrag: Sieger unschuldig, Verlierer schuldig
6. Der Boykott der deutschen Wissenschaft: der Geist als bloßes Mittel
7. Die Entwertung des Geldes: Aufwertung des persönlichen politischen Willens
8. Die weltanschauliche Verunsicherung: trügerischer Traditionalismus
9. Die Weltwirtschaftskrise: unentschiedener Hegemonialkampf und Naturzustand
10. Die Zwangslage zwischen Ost und West: Suche nach einem Dritten Weg
Bilanz der Enttäuschungen
B Bemerkenswertes am Nationalsozialismus
1. Modernismus: Pionier des »Goldenen Zeitalters«
2. Antimodernismus: Pionier des Umweltschutzes
3. Heidegger: das »Andenken an das Sein«
C Fragen zum Weltkrieg
1. Der Überfall auf Polen: Entfesselung des Weltkriegs?
2. Hitler-Stalin-Pakt und »Phoney War«
3. Die Blockade: Eskalation des Krieges
4. Keine willkürlichen Überfälle
5. Das »Unternehmen Barbarossa«: Ende des Rechts, Tiefpunkt des Naturzustands
6. Die USA: der lachende Dritte
D Überlegungen zur Schuldfrage
1. Rückblick
2. Bemerkungen zum Nürnberger Tribunal 1945/46
3. Paradoxien des deutschen Schuldbewusstseins
E Menschheitsverbrechen
1. Nachahmung der angelsächsischen Expansion und des Rassismus
2. Politische Religion und Mord an den Juden
2.1. Geistesgeschichtlich: durch Nietzsche vorbereitet?
2.2. Realgeschichtlich: aus Vernichtungsfurcht
Endnoten
Literatur
VORWORT
Nachdem ich so emphatisch von der deutschen Vernunft gesprochen habe1, drängte sich mir die Frage nach der abgründigen Unvernunft auf, die die Deutschen unter nationalsozialistischer Herrschaft demonstriert haben. Viele Geisteswissenschaftler sind gar der Meinung, durch diese Praxis sei die Vernunft insgesamt in Frage gestellt und im Grunde widerlegt, so dass man sich auf sie gar nicht mehr berufen könne. Angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen könne von einer »guten deutschen Geistestradition« gar keine Rede mehr sein. Diese Meinung ist jedoch schon deshalb unsinnig, weil man Unvernunft nun einmal nicht verurteilen kann, ohne die Vernunft als Maßstab vorauszusetzen. Gerade die deutsche Vernunfttradition des 18. und 19. Jahrhunderts war ja keineswegs nur »deutsch«, am wenigsten in einem national bornierten Sinne, sondern zutiefst universalistisch, die Stimmen anderer Völker und Kulturen »vernehmend«, ja für die Menschheit gedacht. Sie ist von anderen Nationen auch durchaus so verstanden und aufgegriffen worden. Soll das alles nur ein Missverständnis gewesen sein, gar eine Vorbereitung des Dritten Reichs? Wer so quasi-teleologisch argumentiert, gerät leicht selbst in die Nähe des Nationalsozialismus, der die Geschichte ja auch eindimensional auf sich hinzulaufen ließ. Folglich muss man bei der Verwunderung und dem Entsetzen darüber stehen bleiben und ausharren, dass eben genau das Land, von dem einst so bedeutende geistige Impulse ausgingen, im vergangenen Jahrhundert zu einer so brutalen Politik fähig war.
Diese Gefühle steigern sich noch, wenn man sich daran erinnert, dass die große Zeit des deutschen Geistes zugleich den Höhepunkt einer einzigartigen Symbiose mit dem Geist des Judentums darstellte! Man möchte im Boden versinken, wenn man daran denkt, was unsere damalige politische Elite jüdischen Menschen angetan oder an jüdischem Leid zugelassen hat.
Eine umfassende Erklärung ist ebenfalls unmöglich, denn alles zu verstehen, was vorgefallen ist, hieße ja bekanntlich, auch alles zu verzeihen. Oder es hieße, über die Ursachen genau Bescheid zu wissen, das Verbrechen gewissermaßen als Naturvorgang und die Schuldigen als bloße Objekte zu betrachten. Gleichwohl besteht das Bedürfnis nach Erklärung und Entlastung, wovon die Flut der Literatur zum Thema zeugt. Schon um die Schuld genau zu benennen, muss man ja ermitteln, was auf das Konto innerer und was auf das Konto äußerer Ursachen geht. Gegen sie könnte man dann heute etwas tun, um nicht wieder schuldig zu werden.
Auch ich folge diesem Bedürfnis und kann mich weder mit pauschaler Entlastung noch mit pauschaler Schuldzuweisung abfinden. Sich kurzerhand auf die Seite der »Gerechten« zu schlagen, wie es weithin geschieht, setzt aber erstens sehr viel an eigener moralischer Leistungsfähigkeit voraus. Zweitens hat dieses eilige Bekenntnis ja doch bemerkenswert geringe praktische Konsequenzen – es ist den Deutschen in vielerlei Hinsicht wohl noch nie so gut gegangen wie nach diesem Menschheitsverbrechen! Und drittens wird dabei offenbar angenommen, wir hätten nach 1945 in moralisch-rechtlicher Hinsicht gewaltige Fortschritte gemacht. Gewiss hat es zahlreiche Prozesse gegen einzelne Täter gegeben. Doch haben wir es im Kern mit einem Problem des Völkerrechts zu tun und wo wären die in dieser Sache autorisierten Richter? Die Nachfahren der Opfer können Kläger sein, aber nicht Richter, wenn es gerecht zugehen soll. Der heutige Staat Israel ist nicht dadurch gerecht, dass viele seiner Bürger Opfer waren. Der Schuld der Deutschen entspricht auf seiner Seite kein »Guthaben«, über das er verfügen könnte, denn Schuld und Unschuld sind keine Frage der Ökonomie. Kurz: Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind zwar geächtet, aber das Völkerrecht besitzt nicht die notwendige institutionelle Macht, um auch durchsetzbar zu sein. Nach wie vor kann dagegen verstoßen werden, ohne dass Sanktionen zu befürchten wären. Insbesondere die mächtigste Nation der Welt braucht sie nicht zu fürchten und hält den Internationalen Strafgerichtshof entsprechend für eine Farce.
Angesichts dieser Situation ist es gewiss lobenswert, wenn die Deutschen aus eigener Initiative versuchen, für ihre Schuld zu haften, indem sie Israel unterstützen und den Antisemitismus bekämpfen. Das Dumme ist nur, dass Israel es sich als Verbündeter der USA leisten kann, ebenfalls das Völkerrecht zu missachten. Zudem bekämpft es den Antisemitismus in einer Weise, die selbst rassistische Züge trägt. Indem wir Deutschen etwas gegen das vergangene Unrecht tun wollen, sorgen wir also dafür, dass neues Unrecht gedeihen kann. Und indem wir den Antisemitismus bekämpfen, fördern wir zugleich den neuen Rassismus, der in Israel seit den 1970er Jahren zu registrieren ist. So werden wir, gerade indem wir Schuld abtragen wollen, erneut schuldig.
Das ist das Dilemma, in dem wir uns befinden. Da wir uns aus Gründen der »Staatsräson« dieses Dilemma aber nicht eingestehen dürfen, verkünden wir meistens nur Halbwahrheiten über Israel und die jüdische Geschichte und lassen Irritationen unter den Tisch fallen. Diese selektive Wahrnehmung ist zwar auch bei anderen Themen eine verbreitete Methode und wahrscheinlich ist es überhaupt unvermeidlich, dass wir immer nur Ausschnitte der Realität sehen und vieles ausblenden. Hier jedoch ist die selektive Erfassung so offensichtlich und so forciert, dass sie nicht als naiv und zufällig gelten kann.
Im Folgenden möchte ich daher versuchen, den Blick zu erweitern und so der ganzen Wahrheit wenigstens auf die Spur zu kommen. Weil dabei vorwiegend unerfreuliche Seiten der jüdischen Geschichte benannt werden, ziehe ich mir wahrscheinlich den Vorwurf des Antisemitismus zu. Dagegen wird meine Beteuerung, dass ich um ihre erfreulichen Seiten sehr wohl weiß und dass es nur um eine ergänzende Korrektur des offiziellen Geschichtsbilds gehe, wohl nicht helfen. Vielleicht hilft aber der Hinweis, dass der heute vorherrschende Umgang mit dieser Geschichte nun wirklich nichts mit dem nüchtern-kritischen Geist zu tun hat, aus dem heraus im Alten Testament Geschichte dargestellt wird und auch heutige jüdische Autoren schreiben! Auf sie habe ich mich daher auch oft stützen können.
Zudem habe ich mir schon mit meinem letzten Buch den Vorwurf des Nationalismus eingehandelt und er dürfte dieses Mal noch lauter erhoben werden. Aber man kommt als Person wie als Nation aus einer Verfehlung nicht dadurch heraus, dass man kurzerhand behauptet, gar nicht mehr da zu sein, oder gar bekundet, nicht mehr existieren zu wollen. Vielmehr muss eine inhaltliche Umorientierung erfolgen, und die deutsche Tradition ist Gott sei Dank so reich, dass dies auch gelingen kann. Wir sollten also nicht abstrakt von Nation reden, sondern inhaltlich bestimmt: Wozu können und wollen wir uns bekennen und wozu nicht? Damit ist auch schon gesagt, dass nationale Identität nicht als Gegebenheit, sondern besser als Aufgabe zu verstehen ist. Ohne gemeinsame Aufgaben und Ziele lässt man sich treiben, von den jeweiligen Umständen oder von anderen bestimmen. Wer nicht weiß, was er will, dem wird man vorschreiben, was er zu wollen hat, oder er wird zum Spielball irgendeines »Schicksals«.
Das vorliegende Buch formuliert in diesem Sinn auch eine Kritik an der Abhängigkeit des Denkens und politischen Handelns der Deutschen von den USA. Vielleicht trägt der neue amerikanische Präsident dazu bei, dass uns ihre Fragwürdigkeit stärker bewußt wird! Ich erinnere nur an den Kosovo-Krieg, an Afghanistan, aber auch an den NSA-Skandal. Aber diese Kritik ist wiederum keineswegs nationalistisch gefärbt, sondern internationalistisch, da sie von vielen geteilt wird und gegen einen übermächtigen Nationalismus gerichtet ist. Die globale Hegemonie der USA kann nicht ernsthaft mit einer globalen Rechtsordnung verwechselt werden. Um diese aber geht es, für sie sollten die Deutschen sich einsetzen. Denn es ist ein böser Widerspruch, wenn der am meisten Gerüstete und Kriegsbereite den Frieden sichert; wenn der einst entschiedenste und erfolgreichste Protektionist für den freien Handel eintritt; oder wenn das Land mit der stärksten rassistischen Tradition die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte auf seine Fahne geschrieben hat. Zwar mögen manche es als normal ansehen, dass die Macht der Staaten in ihrem Widerstreit nun einmal nur durch eine überlegene Macht gebändigt werden kann. Das ist ja auch der Weg des Herrschaftsvertrags, den Hobbes zu Beginn der Neuzeit gewiesen hat. Aber haben jene, die so denken, sich die Tragweite dessen hinlänglich bewusst gemacht? So heißt es bei Hobbes zunächst auf die Innenpolitik bezogen: »Der Souverän eines Gemeinwesens (…) ist den staatlichen Gesetzen nicht unterworfen. Denn da er die Macht besitzt, Gesetze zu erlassen und aufzuheben, so kann er auch nach Gutdünken sich von der Unterwerfung durch Aufhebung der ihm unangenehmen Gesetze und durch Erlass neuer befreien. (…) Es ist auch nicht möglich, gegen sich selbst verpflichtet zu sein, denn wer verpflichten kann, kann die Verpflichtung aufheben, und deshalb ist einer, der nur gegen sich selbst verpflichtet ist, nicht verpflichtet.«2
Der Souverän darf also morden, stehlen und lügen, d.h. genau das tun, was er seinen Untertanen per Gesetz verbietet, was in seinem Fall aber natürlich einen höheren Sinn hat. So kommt es, dass man die kleinen Verbrecher hängt, die ganz großen dagegen nicht nur laufen lässt, sondern sogar ehrt. Der Souverän muss nicht der gute und weise Richter sein, den wir erwarten, die Hauptsache ist, dass er alle Übeltäter an willkürlicher Gewalt übertrifft. Wenn wir das auf die außenpolitische Ebene übertragen, so brauchen wir uns über das, was die USA sich immer wieder erlauben, also gar nicht zu wundern. Auch die globale Führungsmacht muss nicht glaubwürdig sein und ihrem Missbrauch der Macht sind letztlich keine Grenzen gesetzt.
Es ist das alte Problem der Begrenzung und der Verrechtlichung von Herrschaft, das sich heute in globaler Dimension stellt. Es steht hinter meinen Erörterungen zum Nationalsozialismus, denn der Sieg über den Nationalsozialismus fiel bekanntlich mit dem Aufstieg der USA zum globalen Hegemon zusammen. Wenn dieser Aufstieg aber die Hoffnungen, die sich an ihn knüpften, nicht erfüllt hat, man denke nur an die Vereinten Nationen, so erscheint zunächst das Dritte Reich in einem anderen Licht. Darüber hinaus drängt sich aber die Frage auf, ob der Staat, der über eine historisch so unvergleichliche Macht verfügt wie die USA, nicht auch unser Denken und unser Urteilsvermögen sehr weitgehend prägen kann. Es gibt meines Erachtens kaum eine größere Herausforderung für die Philosophie, als diesem Verdacht nachzugehen.
Ein weiteres, sehr elementares Motiv für dieses Buch besteht darin, nicht dumm sterben zu wollen. Ich weile nun schon fast ein dreiviertel Jahrhundert auf dieser Erde und bevor ich von ihr abtrete, wollte ich doch noch etwas Klarheit darüber haben, was es mit der Schuld des Volkes, dem ich angehöre, auf sich hat. Denn es ist ja ausgerechnet das Volk, von dem die ersten beiden »Weltkriege« ausgegangen sind, Kriege, die wirklich die Menschheit als ganze betrafen und erschüttert haben.
Dass ich kein Fachhistoriker bin, habe ich dabei als Nachteil und als Vorteil zugleich empfunden. Ich musste mich auf die Darstellungen der Fachleute stützen, konnte meist nicht zu den Quellen vorstoßen, sondern hatte schon genug damit zu tun, im Meer der Literatur nicht unterzugehen. Andererseits habe ich von diesen fleißigen Leuten viel gelernt – nicht zuletzt aus den Widersprüchen zwischen ihren Deutungen – und hätte mir ohne ihre Hilfe gar kein eigenes Urteil bilden können.
Zur Einleitung: »Enttäuschte Liebe« – Historische Hintergründe von Brexit und Trumps Präsidentschaft
Es hat sich wohl inzwischen herumgesprochen, dass sowohl der Brexit wie auch Trumps Präsidentschaft mehr bedeuten als einen kleinen geschichtlichen Unfall, dass es sich vielmehr um einen Epochenumbruch handelt. Der Spiegel sprach schon im Januar 2017 von einer »Zeitenwende«, vom »Ende des Westens, wie wir ihn kennen«.3 Die Bundeskanzlerin kam, weil die deutschamerikanische Freundschaft ihr ein »Herzensanliegen« ist, erst Ende Mai zu dem Ergebnis: »Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, sind ein Stück vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt.«4 Wobei die charakteristische Formulierung »ein Stück (weit)«, die die Aussage abmildern sollte, leider nicht ins Englische übersetzt werden kann, weshalb die Aufregung darüber in den USA groß war. Joschka Fischer hat dann Ende Juli noch einmal in dieselbe Kerbe gehauen: »Wir sind auf uns gestellt.«5 Er hat darauf hingewiesen, dass es ausgerechnet die Gründungs- und Garantiemächte des Westens seien, die diesen Westen und seine Einheit jetzt infrage stellen.6 Ein zwingender Grund für diese »Selbstzerstörung des Westens« sei ihm bisher nicht eingefallen.
Nun wird es einen zwingenden Grund wohl auch nicht geben, weil in der menschlichen Geschichte nun einmal Entscheidungen eine große Rolle spielen. Aber nach den Gründen oder zumindest Hintergründen müssen wir natürlich fragen, das ist sogar sehr dringlich, wenn wir selbst die richtigen Entscheidungen treffen wollen.
Bevor ich darauf komme, möchte ich zunächst noch an andere Umbrüche erinnern, um die Bedeutung des derzeitigen zu verdeutlichen. Wir können durchaus an die Wende von 1989/90 denken, also das Ende des sogenannten realen Sozialismus und die Wiedervereinigung. Damals traf die Umwälzung den Osten, jetzt trifft sie den Westen, aber als wir Ostdeutsche Revolution machten und dann unseren großen Bruder verloren, waren wir durchaus nicht betrübt. Dagegen scheinen die armen Westdeutschen jetzt irgendwie traurig und ratlos zu sein, weil sie gar keine Veränderung wollen und ihren noch größeren Bruder tatsächlich geliebt haben! Diese Liebe wird von ihm nun enttäuscht. Wie hatte Habermas gesagt? »Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte.«7 Was soll aber nur aus dieser Leistung werden, wenn die politische Kultur des Westens verfällt?
Nach 1989 ging es um die Verwestlichung des Ostens, um die Einführung von Marktwirtschaft und Demokratie. Geht es jetzt etwa umgekehrt um eine Veröstlichung des Westens, um mehr staatlichen Schutz und Autorität? Das ist durchaus möglich. Denn offensichtlich ist die totale Verwestlichung des Ostens nicht gelungen, und selbst wenn sie gelungen wäre, es also gar keinen »richtigen« Osten mehr gäbe, gäbe es ja auch keinen Westen mehr, weil West und Ost in ihrem alten Gegensatz nun einmal aufeinander bezogen sind.
Gehen wir noch 10 Jahre weiter zurück, so kommen wir zur neoliberalen Wende von 1979/80. Mit ihr wurde zwar der Grund gelegt für den Sieg von 1989/90, man sollte aber nicht vergessen, dass ihr die tiefste Krise des Westens seit der Großen Depression vorausging, das Ende der »Goldenen« Nachkriegszeit, während die Sowjetunion sich in den 1970er Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Macht und ihres Einflusses in der Welt befand, weshalb in dieser Zeit auch niemand ihren Zerfall für möglich gehalten hätte. Es ist bemerkenswert, dass auch damals England und die USA gemeinsam diese Wende eingeleitet haben, und zwar unter Rückgriff auf ihre spezifisch liberale Tradition und in Abwendung von der europäischen sozialstaatlichen Tradition. Es wird viel zu wenig beachtet, dass auch dieser Prozess bereits eine Distanzierung von Europa war, eine Art Liebesentzug, verbunden mit der Verschärfung des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion, gegen das »Reich des Bösen« (Reagan). Die Europäer hatten damals kein Interesse an dieser Zuspitzung, und die beiden deutschen Staaten schon gar nicht, weil sie im Falle eines begrenzten Atomkriegs zum Schlachtfeld geworden wären. Das ist von Margaret Thatcher auch ganz offen gesagt worden, und zwar mit derselben Begründung, die später von Linken gegen die Wiedervereinigung vorgebracht wurde, mit der ganz und gar illiberalen Kollektivschuldthese: Die Deutschen hätten ja den Zweiten Weltkrieg verschuldet. Der Westen war somit bereit, das »Land der Mitte« um des Sieges über den Osten willen zu opfern. Das entspricht wiederum sehr genau der neoliberalen Doktrin, denn bei Hayek gibt es in Bezug auf die innere Ordnung keine mittlere Position, nur ein Entweder-Oder.
Damit zurück zur Frage nach dem Grund für die Selbstabdankung des Westens, die Joschka Fischer offengelassen hat. Vielleicht kann Fischer den Bruch deshalb nicht erklären, weil er wie viele westdeutsche Intellektuelle auf die Gemeinsamkeiten zwischen Angelsachsen und Deutschen fixiert ist und so die Differenzen gar nicht sehen kann. Liebe macht blind!
Schauen wir auf die unmittelbaren Gründe für den Brexit, so ist doch klar, dass es für viele Engländer schwer zu ertragen ist, einer EU anzugehören, in der Deutschland einen derart maßgebenden Einfluss hat. Man spricht inzwischen wieder von einer deutschen »Halbhegemonie«, ein Begriff, den Ludwig Dehio schon auf das Wilhelminische Reich angewandt hatte.8 Dem Land, das die Briten in zwei Weltkriegen besiegt haben, sollen sie sich jetzt mehr oder weniger unterordnen? Genau deshalb haben sie es doch bekämpft, weil es eine Hegemonie über Europa anstrebte! Ganz abgesehen davon, dass Deutschland durch die Weltkriege dazu beigetragen hat, dass sie ihr Empire verloren. Man kann verstehen, wie schwer das zu verkraften ist, auch wenn die Briten als Pragmatiker gelten. Schon als Großbritannien noch gar nicht der Europäischen Gemeinschaft angehörte und von einer deutschen Dominanz in ihr noch keine Rede sein konnte, hieß es im Evening Standard vom 20.1.1962: »Es gibt eine Verschwörung des Schweigens (…), die die Menschen vergessen machen will, wie der wirkliche Boss in Brüssel heißt, mit seinem ingoutablen Namen, der sich weder weich noch angenehm noch französisch spricht, der vielmehr deutsch ist – kein anderer als Dr. Adenauers vertrauter Kumpan, Professor Walter Hallstein. (…) Was Hitler im Krieg nicht gelang, will Hallstein im Frieden schaffen. (…) Für Adenauer und Hallstein ist kein wirtschaftliches Opfer groß genug, wenn es auf dem Weg zu einer deutsch-kontrollierten politischen Herrschaft über Europa weiterhilft.«9 Der Londoner Historiker John Ramsden urteilt dann über Thatcher, dass zu deren Amtszeit England »mehr offen antideutsche Vorurteile unter den Regierenden erlebte als zu jeder anderen Zeit seit 1945«. Ramsden kommt zu dem Schluss, dass der Sieg über Deutschland »noch immer wesentlich für die Identität der Briten ist und definiert, wer sie sind und wie sie es wurden«.10
Bekanntlich leistete Margaret Thatcher 1990 auch den stärksten Widerstand gegen die deutsche Wiedervereinigung. Gegen Kohls Bemühung, Deutschland fest in die Europäische Gemeinschaft zu integrieren, war ihr Einwand, dabei werde das Gegenteil herauskommen: »Manche Leute meinen, man müsse Deutschland nur in Europa verankern, um zu verhindern, dass sich die Charakterzüge seines politischen Übergewichts wieder durchsetzen. Statt aber Deutschland in Europa zu verankern, haben wir Europa an ein neuerdings dominantes Deutschland gebunden.«11
Im März 1990, wenige Tage vor einem Zusammentreffen mit Kohl, veranstaltete sie sogar ein Seminar mit Historikern, das der Premierministerin Klarheit über den deutschen Nationalcharakter verschaffen sollte. Im Memorandum des Seminars stand als zusammenfassende Einschätzung, dass die Deutschen ängstlich, aggressiv, anmaßend, tyrannisch, egoistisch und sentimental seien und außerdem unter Minderwertigkeitskomplexen litten. Auch Nicholas Ridley, Kabinettsmitglied und ein enger Vertrauter Thatchers, trug nicht gerade zu einer Verbesserung der Beziehungen bei, als er in einem Interview die Währungsunion »als deutschen Schwindel zur Übernahme ganz Europas« bezeichnete.12
Damals gab es also eine Differenz zwischen England und den USA, denn entgegen der britischen Haltung haben die USA die deutsche Einheit durchgesetzt. Für sie hatte der Sieg über die Sowjetunion offensichtlich den Vorrang, für die Briten dagegen das europäische Gleichgewicht.
Nun ist der Brexit durch eine Volksabstimmung beschlossen worden, folglich muss es auch in der Bevölkerung entsprechende Stimmungen geben. Zwar werden wir die Engländer im Allgemeinen als recht freundliche Leute erlebt haben, aber das ist wohl die knappe Hälfte, die gegen die Trennung von Europa gestimmt hat. Daneben gibt es jedoch eine traditionelle Fremdenfeindlichkeit und eine besondere Arroganz gegenüber den Kontinentaleuropäern, von denen Kenner der britischen Szene berichten.13 Ich beschränke mich wieder auf das Verhältnis zu den Deutschen, das der Bundesregierung und der deutschen Botschaft lange schon zu schaffen gemacht hat, ohne dass dies an die große Glocke gehängt wurde. Als die Briten 1977 gefragt worden waren, ob »der Nazismus oder etwas dieser Art« in Deutschland noch einmal Auftrieb bekommen könnte, hatten 23 % mit Ja geantwortet, 61 % mit Nein. 1992 hatte sich das Verhältnis hingegen fast umgekehrt! 53 % antworteten mit Ja, 31 % mit Nein. Ein Leitartikler des Daily Telegraph kam im Mai 2005 zu dem Schluss, dass Großbritannien sechzig Jahre nach dem Tag des Sieges in Europa »eine auf den Zweiten Weltkrieg fixierte Nation ist und immer mehr wird«. Im Juli 2003 veranstaltete das Goethe-Institut in London eine Konferenz, auf der diskutiert werden sollte, wie man das Ansehen der Bundesrepublik aufpolieren könnte. Eine Studie der Programmzeitschrift Radio Times, die in der Woche vor dem Beginn dieser Konferenz veröffentlicht worden war, hatte ergeben, dass im Lauf von nur sechs Tagen nicht weniger als dreizehn Sendungen zu »Themen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg« ausgestrahlt worden waren. 2004 wurden zehn bis sechzehnjährige englische Schüler befragt, was sie mit Deutschland verbinden: 78 % nannten den Zweiten Weltkrieg, 50 % Hitler. Ein Grund dafür wurde erkennbar, als die »Qualification and Curriculum Authority« (QCA) Ende 2005 in ihrem Jahresbericht zu dem Schluss kam, dass der Geschichtsunterricht an höheren Schulen »nach wie vor von Hitler dominiert wird. (…) Es ist zu einer schrittweisen Einengung und Hitlerisierung des Geschichtsunterrichts für Schüler über 14 gekommen«.14 Es scheint also tatsächlich eine latente Abneigung gegenüber Deutschland zu geben, die wir diplomatisch vornehm überspielt haben.
Nicht so ausgeprägt und verbissen wie in England, gab es gleichwohl auch in den USA eine ähnliche Tendenz, die Deutschen auf ihre NS-Vergangenheit festzulegen. Ich erinnere nur an den Bestseller von William L. Shirerüber die angeblich von Hitler geplante Invasion in den USA (1961), an die Holocaust-Serie (1978) oder an Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker (1996). Der Vorwurf ging seit der Wiedervereinigung aber eher dahin, die Deutschen benutzten jene böse Vergangenheit als Vorwand, um sich vor den harten NATO-Aufgaben zu drücken.
Hier knüpft nun Trump an und spitzt die Argumentation zu: Wir sollen mehr für die Rüstung ausgeben und für unsere Sicherheit selber sorgen. Auch die Polemik gegen die deutschen Exportüberschüsse ist nicht neu. Neu ist nur, dass Trump tatsächlich zum Protektionismus zurückkehren will, dass er darüber hinaus den Brexit begrüßt und wie viele Briten folgender Meinung ist: »Im Grunde ist die EU ein Mittel zum Zweck für Deutschland (…). Wenn Sie mich fragen, es werden weitere Länder austreten.«15 Vergleicht man diese Einstellung mit Großbritannien, so erfolgt die Distanzierung der USA von Europa aus einer ohnehin schon größeren Distanz und Überlegenheit. Die USA haben Europa zunächst gegen die Sowjetunion unterstützt, sich aber schon unter Reagan über europäische Interessen hinweggesetzt, unter Bush Jr. dann an der EU vorbei gehandelt und gegen sie polemisiert,16 und sie wollen jetzt die Verpflichtungen, die sich aus ihrer Machtstellung ergeben, möglichst ganz lösen und wieder freie Hand haben.
Das führt uns nun zu den tieferen historischen Gründen bzw. Hintergründen des gegenwärtigen Abschieds der Angelsachsen vom Kontinent und Deutschland. Wenn wir sie ausfindig machen wollen, so sollten wir bis zum Siebenjährigen Krieg (1756–63) zurückgehen, denn in ihm hat sich bekanntlich der Keim des deutschen Nationalstaats herausgebildet, und zwar schon damals in der Mitte zwischen den Flügelmächten in West und Ost. Das Preußen Friedrichs war sozusagen ein Kind der Liebe, zuerst Englands und dann Russlands. Denn mit dem Beginn des Krieges erfasste die Briten eine Begeisterung für Preußen, wie man sie sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.17 Im ganzen Land wurden die ersten Siege Friedrichs enthusiastisch gefeiert, besonders der über die Franzosen bei Roßbach Anfang November 1757. Aus Anlass seines Geburtstags im Januar 1758 huldigte man im Parlament und in den Kirchen, in den Kneipen und auf den Straßen dem »preußischen Helden«. Dass er überhaupt »der Große« genannt wird, verdankt er den Briten! Auf Teekannen und Bierkrügen war sein Kopf zu sehen. Die Schiffe schossen Salut, das Militär paradierte zu seinen Ehren, und es gab sogar Freiwilligenverbände, die sich in der »preußischen Disziplin« übten! Die Solidarität mit Friedrich hatte auch Hand und Fuß, denn er wurde finanziell kräftig unterstützt. Was war aber der Grund dieser überschwänglichen Liebe der Engländer? Dass Preußen ihren großen Gegner Frankreich in Europa festhielt und beschäftigte, so dass sie ihn in Indien und Nordamerika besiegen konnten! Preußen diente also als Assistent bzw. Instrument des britischen Weltmachtstrebens, was William Pitt, der damals leitende Minister, recht treffend in die Worte fasste, Amerika sei in Deutschland erobert worden. Entsprechend zahlten die Briten 1761, als der Krieg in Amerika im Grunde entschieden war, an Preußen auch keine Subsidien mehr – obwohl es sich gerade in einer ganz verzweifelten Lage befand. Das war der plötzliche Liebesentzug, der den vorangegangenen Überschwang als trügerisch erwies. Das müssten unsere heutigen Westler eigentlich gut nachempfinden können, auch wenn sie mit Preußen nichts mehr zu tun haben wollen. Preußen wurde nur gerettet, weil 1762 völlig überraschend der neue russische Zar Peter III., ein glühender Verehrer Friedrichs, aus der Koalition gegen Preußen ausbrach und mit Friedrich Frieden schloss. Wir können an Gorbatschow denken, der in den 1980er Jahren als Retter begrüßt wurde – zwar nicht aus einem tatsächlichen Krieg, aber aus der Gefahr eines Atomkriegs, der Deutschland wahrscheinlich vernichtet hätte.
Die napoleonischen Kriege verliefen nach einem ganz ähnlichen Schema: Die deutschen Länder hatten physisch die Hauptlast zu tragen, England bezahlte große Summen und stand am Ende als der unüberwindliche Weltherrscher da. Preußen blieb nach 1806 als Staat überhaupt nur bestehen, weil der Zar sich gegenüber Napoleon dafür eingesetzt hatte. Es musste in den Jahren der französischen Besetzung (bis 1808) für Kontributionen, Verpflegung, Sachlieferungen und Arbeitsleistungen eine Summe aufbringen, die dem Sechzehnfachen des Jahresaufkommens des preußischen Staates entsprach.18 Es wird oft als Verdienst der Briten angesehen, dass sie eine Hegemonie in Europa verhinderten und für das Gleichgewicht der Mächte sorgten. Bei näherem Hinsehen bildet dieses »Gleichgewicht« aber die Grundlage der britischen Expansion in die Welt! Und nicht nur dieses »Gleichgewicht« war die Grundlage, sondern das Kriegselend der Deutschen! Die Deutschen wurden deshalb unterstützt und »geliebt«, weil sie sich für Großbritannien in dieser Weise als nützlich erwiesen. Das ist für einen politischen Realisten zwar nicht überraschend, nur darf er dann die deutsche Politik des 19. und auch teilweise des 20. Jahrhunderts nicht pauschal verdammen, sondern muss sie als den verständlichen Versuch interpretieren, aus dieser Rolle des Dieners und Werkzeugs auszubrechen.
Von Bismarck ist eine Äußerung überliefert, die wieder auf die gegenwärtige Wendung der Dinge angewandt werden könnte: »Ich habe, was das Ausland anbelangt, in meinem Leben nur für England und seine Bewohner Sympathie gehabt und bin stundenweis noch nicht frei davon; aber die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen.«19 Der Satz ist übrigens von Tirpitz wörtlich in seine Erinnerungen übernommen worden.20 Was soll das aber heißen, dass die Briten nicht geliebt werden wollen? Sie wollen es nicht, weil sie dann Gegenliebe aufbringen müssten, selber lieben müssten. Ohne Lyrik ist der Satz von Bismarck nur eine Umschreibung des von Lord Palmerston (1784–1865), dem britischen Außenminister formulierten Prinzips, dass Großbritannien keine dauerhaften verpflichtenden Bündnisse eingehen dürfe.21 Das hat es bis 1945 im Großen und Ganzen auch so gehalten. Will es heute etwa – freilich mit den USA zusammen – zu dieser Tradition zurückkehren?
Im 19. und 20. Jahrhundert hat dennoch das Werben um die »Liebe« (oder wenigstens die Nichtfeindschaft) Englands auf deutscher Seite nicht aufgehört. So hat Wilhelm II., obwohl er selber zur Entfremdung von England nicht wenig beigetragen hatte, im Sommer 1914 bis zuletzt gehofft, dass es nicht in den Krieg eintreten werde, und seine späteren Hassreden können leicht auf enttäuschte Liebe zurückgeführt werden. Immerhin war er äußerlich gesehen in England so unbeliebt nicht: Königin Victoria war 1901 in seinen Armen gestorben; bei seinen regelmäßigen Besuchen in London wurde er umjubelt; er war Ehrenbürgervon London, Ehrendoktor von Oxford, Ritter des Hosenbandordens… Freilich beweist all das nur, welch geringe Rolle die Fürstenhäuser mit ihren Verbindungen 1914 letztlich spielten.22
Noch klarer liegen die Dinge aber bei Hitler. Denn es gab, soweit ich sehe, vor 1933 keinen deutschen Staatsmann, der die Briten und Amerikaner so bewundert hätte wie Hitler. Um nur ein charakteristisches Zitat zu bringen: »Wenn die Erde heute ein englisches Weltreich besitzt, dann gibt es aber auch zurzeit kein Volk, das aufgrund seiner allgemeinen staatspolitischen Eigenschaften sowie seiner durchschnittlichen politischen Klugheit mehr dazu befähigt wäre (…).«23 Entsprechend enttäuscht war Hitler 1939, als er keine Gegenliebe mehr fand. Es war ja von Anfang an seine Gegenkonzeption zur Politik des Kaiserreichs gewesen, in Richtung Osten zu expandieren, mit England zu einem Bündnis zu kommen bzw. zu einer Abgrenzung der jeweiligen Einflusssphären und die USA dabei möglichst herauszuhalten. Zunächst hatte er damit ja auch Erfolg, wenn wir etwa an die Appeasement-Politik unter Chamberlain denken, die Hitler außenpolitisch Auftrieb gab, oder überhaupt an die gewaltige Faszination, die das Dritte Reich auf viele Briten ausübte. Britische Besucher kamen seit 1933 in Scharen, um das neue Deutschland mit eigenen Augen zu sehen und sein Führungspersonal kennenzulernen. Sie berichteten meist begeistert über ihre Eindrücke in den Zeitungen. Eine solche Attraktivität hatte die Weimarer Republik für die Engländer nie besessen.24 Auch vergleichbare politische Zugeständnisse waren ihr nicht gemacht worden. Was in der Tat viel aussagt über die großen Verfechter der Demokratie! Dass die Engländer Hitler dann 1939 plötzlich die kalte Schulter zeigten, hat er daher nie verstanden. Das nennt man im persönlichen Leben eben verschmähte Liebe, und eine solche Kränkung kann sehr tief gehen. Heute, im Nachhinein, verstehen wir zwar, warum es wohl so kommen musste. Der Nationalsozialismus sollte, aus britischer Sicht, ein Bollwerk gegen den Bolschewismus bilden, aber weder sollte er mit ihm paktieren, noch ihn besiegen, denn dann wäre das Dritte Reich zu mächtig geworden. – Aber verstehen wir auch, warum uns, obwohl wir doch keine Nazis sind und es keinen Bolschewismus mehr gibt, heute wieder die kalte Schulter gezeigt wird?
Eine weitere Erklärung geht aus vom Ende des großen Systemgegensatzes nach 1989. Das gab den Blick frei auf die bedeutsamen Differenzen innerhalb der kapitalistischen Welt. So hat Esping-Andersen schon 1990 deutlich gemacht, dass es ein beträchtlicher Unterschied ist, ob man in einem Kapitalismus lebt, der die Gleichheit oder der die Freiheit institutionell präferiert. Albert hat 1992 sehr einprägsam zwischen rheinischem und angelsächsischem Kapitalismus, Hall und Soskice dann 2001 zwischen »coordinated« und »liberal market economies« unterschieden. Es stellte sich auch heraus, dass die so genannte Globalisierung der 1990er Jahre diese traditionellen Differenzen zwar infrage stellen, aber keineswegs nivellieren konnte. Bilden diese Differenzen das Fundament des aktuellen Konflikts? Angesichts der Konjunktur von Krisen, die diese Globalisierung mit sich gebracht hat, kann man sich sogar wundern, dass der Westen, nachdem er seinen Gegner verloren hatte, überhaupt so lange zusammengehalten hat. Aber da die neoliberale Globalisierung ein Projekt der glorreichen amerikanischen Sieger war, konnte leicht der Anschein entstehen, als gäbe es zu ihr gar keine Alternative. Man muss deshalb daran erinnern, dass es diese Alternative sehr wohl gibt und dass sie auf eine deutsche Tradition zurückgeht (»organisierter Kapitalismus«), die eben durchaus Widerhall in der Welt gefunden hat, in Europa und in Ländern, die eine nachholende Entwicklung betrieben haben. Wenn dieses Modell aber standgehalten hat und womöglich sogar erfolgreicher war als das neoliberale, dann lässt sich der Rückzug der Angelsachsen verstehen. Sie kommen von ihrer Lebensform nicht los und wollen das alternative Modell nicht länger unterstützen.
Ein Problem bei diesem Erklärungsversuch ist nur, dass Trump dem neoliberalen Muster gar nicht treu bleiben will, sondern eine Rückkehr zum Protektionismus betreibt. Sollte das mit der Krise von 2008 zusammenhängen, die den Amerikanern selbst die Grenzen ihres neoliberalen Projekts gezeigt hat, während die Deutschen die Krise ja relativ gut überstanden haben und die Chinesen von ihr ganz unberührt geblieben sind? Daher die Polemik Trumps gegen die deutschen und chinesischen Exportüberschüsse. Sie könnte mit der Gegenpolemik beantwortet werden, warum denn die USA so viel importieren und konsumieren, was ihnen seit Jahrzehnten eine negative Handelsbilanz beschert. Aber diese Frage stellt niemand, denn der »American way of life« ist heilig. Dahinter steckt jedoch die Schwäche der amerikanischen Realwirtschaft, gegen die Trump offenbar etwas tun will. Man muss auch einräumen, dass er mit seiner Idee in gewisser Hinsicht Recht hat, denn wenn es um das Wohl der Arbeitnehmer geht, sind die USA in der Tat auf Protektionismus angewiesen, weil sie keinen ausreichenden sozialen Schutz gewähren. Deutschland dagegen kann sich den Freihandel mit seinen Risiken auch deshalb leisten, weil die Arbeitnehmer sozial besser abgesichert sind.25 Hier zeigt sich sehr deutlich der Unterschied zwischen den verschiedenen Varianten des Kapitalismus.
Viele wissen heute gar nicht mehr, dass Protektionismus für die Angelsachsen gar nichts Ungewöhnliches ist, sondern historisch gesehen sogar die Grundlage ihrer Freihandelspolitik war. Die Briten haben ihn rund 200 Jahre lang praktiziert und sind erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als sie den Weltmarkt unangefochten beherrschten, zum Freihandel übergegangen. Die Amerikaner haben sogar, als sie in den 1920er Jahren den Weltmarkt dominierten, noch am Protektionismus festgehalten, was eine wesentliche Ursache der Weltwirtschaftskrise war. Haben wir heute also, wenn Trump sich durchsetzt, ähnliche Verheerungen zu erwarten? Vermutlich nicht, denn die USA haben ihre beherrschende Stellung bekanntlich längst verloren. Aber sie scheinen gefangen zu sein in jenem Muster, nach dem sie einmal angetreten sind, und so zu ihrem Ausgangspunkt, eben zum Protektionismus, zurückzukehren. Damit aber schließt sich der Kreis ihrer Herrschaft.
EIN NÜCHTERNER BLICK AUF DIE JÜDISCHE GESCHICHTE
1. Das erwählte Volk
Als Theologe schätze und bewundere ich das Alte Testament. In diesem Rahmen können die zahlreichen Gründe dieser Wertschätzung gar nicht genannt, geschweige denn genauer erläutert werden. Für Leser, die der Theologie oder dem Christentum insgesamt ferner stehen, will ich nur auf einige Punkte aufmerksam machen, die auch sie von der Bedeutung des Alten Testaments überzeugen müssten. Da ist der Auszug der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten als das große Symbol der Befreiung von Fremdherrschaft für alle Völker; da ist die »Entzauberung« der Welt von Göttern und Dämonen als Grundlage der Naturwissenschaft; der – recht verstandene – Herrschaftsauftrag über die Natur als Grundlage von Kultur und Technik; die zehn Gebote als moralische Grundausstattung des Menschen; die Auslegung des Weltgeschehens als sinnvoller Geschichtsprozess statt als sinnloses Auf und Ab der Natur; eine Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, die die sonstige Antike in dieser Radikalität kaum kennt; eine ökologische Sensibilität, wie wir heute sagen würden, die sich etwa in der Institution des Sabbat- und Jubeljahres oder in Tierschutzgeboten zeigt; und da ist nicht zuletzt die Vision eines Friedens zwischen den Völkern und mit der Natur, die uns gerade heute tief berührt.
Umso mehr ist man dann allerdings erschüttert, in diesem Buch auch ganz andere Dinge zu lesen, nicht nur die Darstellung geschehener Grausamkeiten und anderer den Geboten widersprechender Taten, sondern die ausdrückliche Aufforderung dazu an das Volk Israel! Dies ist dem Umstand geschuldet, dass wir es hier mit dem Dokument einer Volksreligion, nicht einer Weltreligion zu tun haben. Dieser fundamentale Unterschied wird heute gern bagatellisiert, und zwar nicht nur, weil das Alte Testament so befruchtend auf Christentum und Islam gewirkt hat, sondern auch wegen der Leidensgeschichte der Juden, schon unter christlicher, insbesondere aber unter nationalsozialistischer Herrschaft. Die Verwischung des Charakters als Volks- bzw. Weltreligion ist zwar als Reaktion nachvollziehbar, ändert aber nichts an jenem fundamentalen Unterschied, der ja gerade heute, da es um die Einheit der Menschheit geht, an Bedeutung gewinnt. »Hier gilt nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht männlich noch weiblich, sondern ihr seid alle einer in Christus Jesus.«26 So lautet die Losung einer Weltreligion. Wo aber ein Volk sich exklusiv als von Gott erwählt versteht, da müssen die anderen als zweitrangig oder gar verworfen gelten, das besagt die schlichte Logik. Diese Logik bleibt auch dann bestehen, wenn die Erwählung nicht bloß als Auszeichnung, sondern zumal als schwere Aufgabe verstanden wird; oder wenn sie als Trost für ein politisch gescheitertes und unterdrücktes Volk erscheint.
Das Erwählungsbewusstsein hat natürlich praktische Konsequenzen. So können noch im heutigen Israel, das als säkularer Staat konzipiert war, Religion und Politik nicht klar getrennt werden, weil eben der Grund der Trennung, ein universaler Anspruch der Religion gegenüber dem partikularen Staat, nicht vorhanden ist. Entsprechend werden die äußeren Konflikte, die der Staat auszutragen hat, sehr schnell die Form von heiligen Kriegen annehmen. Denn es geht dabei nicht nüchtern um das Zusammenleben auf dieser Erde, sondern immer zugleich um letzte Fragen.
2. Was wir heute Völkermord nennen
Damit sind wir schon bei einer ersten Forderung, die im Alten Testament erhoben wird und die den Geboten des Dekalogs vollkommen widerspricht: »Aber in den Städten dieser Völker hier, die dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat, sondern sollst an ihnen den Bann vollstrecken, nämlich an den Hetitern, Amoritern, Kanaanitern, Perisitern, Hiwitern und Jebusitern, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat (…).«27 An anderer Stelle heißt es: »Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird.«28 Oder: »Dazu wird der HERR, dein Gott, Angst und Schrecken unter sie senden, bis umgebracht sein wird, was übrig ist und sich verbirgt vor dir. Lass dir nicht grauen vor ihnen; denn der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, der große und schreckliche Gott. Er, der Herr, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander.«29 Oder: »So zieh nun hin und schlag Amalek und vollstrecke den Bann an ihm und an allem, was es hat: verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel.«30
Es ist gar keine Frage – was Jahwe hier als »Bann« (Aussonderung) gebietet, würde man heute als Völkermord bezeichnen. Freilich dürfen wir unsere Begriffe und Vorstellungen, etwa des Völkerrechts, nicht auf diese weit zurückliegende Vergangenheit übertragen, stattdessen müssen wir zunächst verstehen, wie damals gedacht wurde. Die Massaker wurden nämlich als kultische Opferhandlungen aufgefasst. Dem Gott, der den Sieg gebracht hatte, wurden die Besiegten samt Frauen, Kindern und Besitz dankbar geopfert und damit übereignet. Dies geschah offenbar, um den Gott günstig zu stimmen, damit er weitere Siege ermöglichte. Denn von ihm war nach damaliger Auffassung letztlich der Kriegsverlauf abhängig. Eigentlich war er es, der primär kämpfte, während das Volk nur sein Werkzeug und dessen Kampf nur sekundär war. Dies erklärt auch das aus ökonomischer Sicht Sinnlose dieses Abschlachtens, der Verzicht auf Beute und auf Versklavung der Unterworfenen, was mit einiger moralischer Anstrengung als die positive Seite der Sache betrachtet werden kann. Sinnlos erscheint uns aber ebenso, dass Leben – wie auch bei anderen Opfergaben – vernichtet werden musste, wenn es dem Gott übereignet werden sollte. Ist denn nicht ohnehin alles Gottes Eigentum? Bedarf Gott der Tötung von Mensch und Tier und hat sogar Freude daran, während er andererseits doch den Schutz alles Lebendigen fordert?!
Aber dieser Widerspruch erklärt sich daraus, dass wir es eben mit dem einen Gott eines Volkes zu tun haben, nicht mit dem Gott der gesamten Menschheit. Sein Schutz gilt nur dem Volk seines Eigentums, fremde Völker können, eben weil sie fremd sind, nur durch Auslöschung sein Eigentum werden.
Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, mit diesen mehr als anstößigen biblischen Aussagen zurechtzukommen. Eine Möglichkeit, an ihnen vorbei- oder um sie herumzukommen, besteht allerdings nicht. Denn sie finden sich gerade im Deuteronomium, der unbestrittenen Mitte des Alten Testaments, und darüber hinaus recht zahlreich in anderen Büchern (Numeri, Josua, Samuel), insgesamt an rund 70 Stellen.31
Ein verbreitetes und notwendiges hermeneutisches Verfahren besteht darin, inhaltlich zwischen Zentrum und Peripherie der biblischen Botschaft zu unterscheiden und jene Aussagen dann der Peripherie zuzuweisen. Notwendig ist dieses Verfahren, weil gerade die Texte über die Landnahme der Israeliten in der neuzeitlichen Geschichte eine unheilvolle Wirkung entfaltet haben,32 indem man gerade sie als zentral ansah oder indem man es in fundamentalistischer Weise überhaupt ablehnte, zwischen Zentrum und Peripherie zu unterscheiden und alle Aussagen der Bibel als gleichwertige Offenbarung nahm.
Dennoch halte ich jenes Verfahren in diesem Fall für fragwürdig, und zwar aus einem einfachen logischen Grund: Kann denn etwas Peripheres im strikten Widerspruch zu seinem Zentrum stehen? Offensichtlich nicht, denn das Periphere ist zwar das weniger Wichtige, aber doch positiv aufs Zentrum bezogen. Ähnlich verhält es sich, wenn man davon ausgeht, dass es eine geschichtliche Entwicklung im Gottes- wie auch im Rechtsverständnis gegeben hat. Dann zählt man die anstößigen Aussagen zur Vorgeschichte und lässt die eigentliche, uns betreffende Geschichte etwa erst mit den großen Propheten beginnen. Nur gerät man dabei in die Schwierigkeit, doch eine Kontinuität zwischen beiden annehmen zu müssen. Was hat aber der Gott, der von uns Feindesliebe verlangt, noch mit jenem Volks- und Kriegsgott gemein?
Eine weitere Möglichkeit, mit den unsäglichen Texten umzugehen, besteht darin, dass man nach gründlicher Forschung zu dem Schluss kommt, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Erstens geben antike Berichte die historische Realität meist ohnehin nicht getreu wieder, sondern übertreiben gewaltig. Zweitens kann man sich die Landnahme der Israeliten schon aufgrund der Kräfteverhältnisse zwischen ihnen und den entwickelten kanaanäischen Städten nur als einen allmählichen und im Wesentlichen doch friedlichen Prozess vorstellen.33
Gegen diese These spricht freilich, dass am Ende des angeblich friedlichen Prozesses doch das Davidische Großreich stand. Es gibt aber wohl kein Beispiel in der Geschichte, wo ein ähnliches Reich ohne massive Gewalt zustande gekommen wäre. Andrerseits kennen wir viele Beispiele dafür, dass »barbarische« Völker in eine entwickelte, aber kriegsmüde gewordene Zivilisation eingefallen sind, sie trotz ihrer geringeren technischen Rüstung aufgrund ihrer größeren Opferbereitschaft bezwungen und dann überschichtet haben. So ist denn auch die Theorie, dass es sich sehr wohl um eine Eroberung gehandelt habe (allerdings durch verschiedene Nomadenstämme und in einem längeren Zeitraum), lange vertreten worden, besonders eindrücklich durch den amerikanischen Archäologen William F. Albright. Sie hat gerade in Israel nach der Staatsgründung viel Beifall gefunden und eine intensive, staatlich geförderte archäologische Forschung ausgelöst. Der ruhmreiche Generalstabschef Moshe Dajan war selbst ein eifriger Sammler von Fundstücken. In seinem Buch Mit der Bibel leben (1978) erscheint die historische Zeit wie ausgelöscht: Die Eroberung Kanaans verschmilzt geradezu mit den Kriegen von 1948 und 1967.34 Allerdings waren die Ergebnisse der Forschung nicht immer überzeugend und schließlich sogar so widersprüchlich, dass inzwischen die Meinung vorherrscht, von einer solchen Landnahme, wie sie etwa im Josuabuch geschildert wird, könne doch keine Rede sein. So ergaben die Ausgrabungen, dass die Städte Jericho und Ai zur Zeit der angeblichen Eroberung um 1200 v. Chr. schon gar nicht mehr bestanden. Es handelt sich vielmehr um eine Geschichtskonstruktion aus sehr viel späterer Zeit. Sie will sagen, wie die Kriege »eigentlich hätten geführt werden sollen«, aber nicht, wie sie wirklich verlaufen waren.35 Da die erzählten Kriegshandlungen meist mit dem Bann enden, hätten die israelitischen Stämme das Land ja in eine tabula rasa verwandeln und kulturell völlig neu beginnen müssen.36 Wir kennen diese Art der Abrechnung mit der Geschichte und der Utopie eines radikalen Neuanfangs.
Was bedeutet das für unsere Fragestellung? Auch wenn die Texte nicht die Realität widerspiegeln, sondern das Bannen nur fordern, so bedeutet das im Grunde keine Entlastung, weil sie eine Denkweise der Verfasser offenbaren, die uns fremd und ungeheuerlich anmutet. Wobei wir nicht übersehen wollen, dass uns ein ähnlich ideologisches Denken aus unserer Zeit durchaus bekannt ist.
Eine etwas andere Deutung ergibt sich, wenn wir davon ausgehen, dass das deuteronomistische Geschichtswerk im Kern wahrscheinlich zur Zeit des Königs Josia (639–609 v. Chr.) entstanden ist, der eine Restauration des Davidischen Reichs anstrebte.37 War es da nicht naheliegend, zur Legitimation eine heroische Vergangenheit zu konstruieren? Auch das kennen wir sehr gut aus der modernen nationalen Geschichtsschreibung.38
Wenn wir demnach insofern einen gewissen Realitätsgehalt der Aussagen über das Bannen annehmen müssen, als jedenfalls der Wille dazu vorhanden war, so bleibt als letzte Möglichkeit die der Relativierung. Andere Völker haben es genauso gemacht, sind nicht weniger grausam gewesen. Das ist sicher richtig. Darüber hinaus muss man natürlich beachten, dass Israel ein kleines, von den mächtigen Reichen in seiner Nachbarschaft bedrängtes Volk war. Musste es nicht, wenn es überhaupt bestehen wollte, deren Methoden übernehmen? Nur stellt sich dann wieder die Frage, wodurch sich Israel dann vor ihnen auszeichnet, worin seine Erwählung besteht. Besteht sie etwa darin, dass es für seine grausamen Vorhaben im Unterschied zu den anderen eine gute Legitimation hatte? Oder darin, dass es sich überhaupt die Mühe gemacht hat, über sie zu reflektieren und Rechenschaft abzulegen, während die anderen blind und naiv handelten? Zwar wird an einigen Stellen des Alten Testaments auch den Assyrern die Vollstreckung des Banns zugeschrieben,39 ansonsten haben wir jedoch nur einen außerbiblischen Text aus jener Zeit, der die Vernichtung einer Stadt in analoger Weise als Opferhandlung deutete. Es ist die immer wieder zitierte Inschrift des moabitischen Königs Mesa aus dem 9. Jahrhundert v. Chr.40 In Bezug auf die ideelle Rechtfertigung der Grausamkeiten steht der Versuch der Relativierung somit auf schwachen Füßen.
3. Was wir heute Rassismus nennen
Die Abgrenzung des erwählten Volkes von den anderen nicht erwählten Völkern muss nicht so drastisch erfolgen, dass man sie ausrottet oder jedenfalls ausrotten möchte. Dass dies auch gar nicht gelungen ist, zeigt eine zweite allerdings nicht weniger befremdliche Forderung, die uns im Alten Testament begegnet: »Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben und sollst dich mit ihnen nicht verschwägern; eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen für eure Söhne (…). Denn du bist ein heiliges Volk dem HERREN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.«41
Nach der Rückkehr der führenden Schicht Judas aus dem babylonischen Exil stellte sich jedoch heraus, dass auch dieses Verbot der Vermischung nicht streng befolgt worden war. Es wurde daher vom Priester Esra erneuert und mit Sanktionen versehen. Die Erneuerung erfolgt mit einem bemerkenswerten Zusatz: »So sollt ihr nun eure Töchter nicht ihren Söhnen geben, und ihre Töchter sollt ihr nicht für eure Söhne nehmen. Und lasst sie nicht zu Frieden und Wohlstand kommen ewiglich, damit ihr mächtig werdet und das Gut des Landes esst und es euren Kindern vererbt auf ewige Zeiten.«42 Im nächsten Kapitel folgt der Bericht über die Durchsetzung: »Und Esra, der Priester, stand auf und sprach zu ihnen: Ihr habt dem Herrn die Treue gebrochen, als ihr euch fremde Frauen genommen und so die Schuld Israels gemehrt habt. Bekennt sie nun dem HERRN, dem Gott eurer Väter, und tut seinen Willen und scheidet euch von den Völkern des Landes und von den fremden Frauen. Da antwortete die ganze Gemeinde und sprach mit lauter Stimme: Es geschehe, wie du uns gesagt hast!«43 Die nichtjüdischen Frauen wurden daraufhin mit ihren Kindern verstoßen und vertrieben.44
Natürlich fallen uns demgegenüber sofort eine ganze Reihe von prominenten Fällen aus der Bibel ein, die dieses Verbot der Mischehe entweder nicht kannten oder glatt ignorierten. Abraham lebte mit der Ägypterin Hagar zusammen, Joseph heiratete eine Ägypterin, Moses eine Midianiterin, David eine Prinzessin aus Geschur, Salomo hatte gleich mehrere Frauen aus verschiedenen Völkern. Der Moabiterin Ruth, die sich mit Boas verband, ist sogar ein eigenes Buch gewidmet! Man könnte daher zu dem Schluss kommen, dass das Alte Testament, weil es ja sehr viele Texte aus ganz unterschiedlichen Zeiten enthält, sich natürlich auch widerspricht und überhaupt nicht auf einen Nenner gebracht werden kann. Aber so einfach ist es nicht. Zumal wegen ihrer gewaltigen Wirkungsgeschichte kommen wir auch um diese problematischen Texte nicht herum. Zwar hat das Buch Esra (auch Nehemia) in der christlich-theologischen Exegese wenig Beachtung gefunden. Umso mehr jedoch im Judentum. Hier steht Esra in höchstem Ansehen, das Buch gilt geradezu als Gründungsdokument der eigenen Religion und Ordnung des Zusammenlebens.45 »Erst das Reformwerk Esras und Nehemias hatte die Sonderstellung der Juden in der Welt vollendet – bis heute.«46
Auch die Relativierung der Aussagen durch Einordnung in die antike Umwelt fällt wieder schwer. Zwar war auch in Athen etwa die Ehe zwischen Bürgern und Fremden untersagt. Aber aufgrund der Weitherzigkeit des Polytheismus spielte die unterschiedliche religiöse Orientierung der Partner dabei keine Rolle. Die religiöse Mischehe ist in der griechischen Literatur überhaupt kein Thema. Probleme gibt es nur bei unterschiedlichem sozialen oder rechtlichen Status.47
Seit der Zeit des Hellenismus aber, als sich die Griechen stärker mit anderen Völkern vermischten, wurde im Judentum die Ehe mit Nicht-Juden bzw. Nicht-Jüdinnen gerade scharf verurteilt: Wer seine Tochter einem Heiden zur Frau gibt, soll gesteinigt und die Frau verbrannt werden! Umgekehrt sollen Heidinnen nicht geehelicht werden, weil das die eigene religiöse Bindung gefährdet.48 Dem erweiterten Horizont des römischen Reiches entsprechend wird das Verbot der Mischehe von Philo und Josephus nun auf alle möglichen heidnischen Völker bezogen.49 Denn nach Philo sind nur die Juden »Menschen« im wahren Sinne des Wortes.50
Bei den Rabbinen schließlich kommt es zu einer weiteren Verschärfung: Die Mischehe ist nicht nur aus religiösen und moralischen Gründen untersagt, sie ist rechtlich einfach ungültig und damit in der Konsequenz unmöglich gemacht.51 Um auch außereheliche sexuelle Beziehungen zu nichtjüdischen Frauen auszuschließen, werden sie mit Tieren verglichen. Der Akzent verlagert sich jetzt in bedeutsamer Weise von der Religion auf die Abstammung: Auch wer von der jüdischen Religion abweicht oder abgefallen ist, kann dennoch zum jüdischen Volk gehören und folglich zur Ehe zugelassen werden. Und umgekehrt: Auch der Heide, der zum Judentum übergetreten ist, darf mit einer Jüdin keine Ehe schließen, weil er eben kein »wirklicher« Jude ist.52 Wir sind damit offenbar auf der biologischen Ebene, der des »Blutes«, angelangt, und es fällt schwer, diese Auffassung noch von der zu unterscheiden, die wir heute »Rassismus« nennen. Der Unterschied ist jedoch, dass es sich hier um den Versuch handelt, das Volk nach verlorener Staatlichkeit zusammenzuhalten, während der moderne Rassismus ein Herrschaftsinstrument ist, das von aufstrebenden Staaten benutzt wird.
Der Bezug zur jüdischen Tradition ist manchen Vertretern der Rassentheorie selber auch durchaus bewusst gewesen. So war Houston Stewart Chamberlain, der bekanntlich starken Einfluss auf den Nationalsozialismus ausübte, der Meinung, dass die »Rasse« keine Naturgegebenheit sei, sondern politisch gewollt und historisch herausgebildet werden müsse. Eben darin seien die Juden das große Vorbild! Freilich zugleich, sofern die »Germanen« dem Vorbild folgen, ihr Hauptkonkurrent. Wer durch unsere Erziehung und öffentliche Meinung geprägt ist, wird diese Querverbindung zwischen Judentum und Rassenlehre als schlechten Witz empfinden und empört von sich weisen. Er würde aber erstaunt sein, bei Chamberlain immer wieder sehr positive, geradezu bewundernde Äußerungen über das Alte Testament und das jüdische Volk zu lesen. So spricht er etwa vom »Völkerchaos« des spätrömischen Reichs und stellt fest: »In seiner Mitte ragt, wie ein scharfgeschnittener Fels aus gestaltlosem Meere, ein einziges Volk empor, ein ganz kleines Völkchen, die Juden. Dieser eine einzige Stamm hat als Grundgesetz die Reinheit der Rasse aufgestellt; er allein besitzt daher Physiognomie und Charakter. Blickt man auf jene südlichen und östlichen Kulturstätten des in Auflösung begriffenen Weltreiches, lässt man das prüfende Auge durch keine Sympathien und Antipathien irregeleitet werden, so muss man sagen, als Nation verdient damals die jüdische allein Achtung.«53
4. Vom »Segen der Geldleihe« im Mittelalter
Das erwählte Volk hat sich noch auf eine andere Weise von den anderen Völkern abgegrenzt, beim Umgang mit Kredit bzw. Schulden. Diese Abgrenzung spielt allerdings in biblischer Zeit wegen der geringen Bedeutung des Außenhandels noch eine geringere Rolle, sie wird erst seit dem Hochmittelalter in größerem Maßstab wirksam. Vom Mittelalter ist uns in dieser Hinsicht zumeist präsent, dass die Juden – nicht ausschließlich, aber in beträchtlichem Umfang – das Kreditgeschäft betreiben mussten, weil es den Christen nicht erlaubt war, Zinsen zu nehmen. Das Infame daran war nicht nur, dass den Juden kaum etwas anderes übrigblieb, weil sie von vielen anderen Berufen ausgeschlossen waren, keinen Grund und Boden erwerben oder auch nicht Mitglied einer Zunft werden konnten. Die Infamie bestand zumal darin, jenes offenbar unumgängliche schmutzige Geschäft für die Christen erledigen zu müssen, dafür aber nicht etwa Dank und Anerkennung zu ernten, sondern nur Verachtung, die eine solche Arbeit der herrschenden Ethik nach eben verdiente. Vom Henker abgesehen wurde im Mittelalter (und auch danach noch) wohl niemand so verachtet wie der Geldverleiher. Freilich konnte der »Wucherer« im Unterschied zum Henker dabei zugleich reich werden. Es muss die Frage erlaubt sein, wieso die Juden denn von sich aus dieses zweideutige Geschäft überhaupt ausüben durften? War es ihnen von der Tora her denn nicht ebenfalls untersagt, Zinsen zu verlangen? War es ihnen nicht sogar geboten, Schulden nach sieben Jahren zu erlassen?
Um das zu verstehen, müssen wir auf das Alte Testament zurückgehen, das diesbezüglich wieder eine doppelte Moral lehrt, die wir schon kennen: eine Moral für die eigenen Volksgenossen und eine für die Auswärtigen. »Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann. Von dem Ausländer darfst du Zinsen nehmen, aber nicht von deinem Bruder (…).«54 Und weiter: »Alle sieben Jahre sollst du ein Erlaßjahr halten. So aber soll’s zugehen mit dem Erlaßjahr: Wenn einer seinem Nächsten etwas geborgt hat, der soll’s ihm erlassen und soll’s nicht eintreiben von seinem Nächsten oder von seinem Bruder: denn man hat ein Erlaßjahr ausgerufen dem HERRN. Von einem Ausländer darfst du es eintreiben (…).«55 Crüsemann nennt diese beiden Gebote die wichtigsten biblischen Wirtschaftsgesetze.56 Er lobt auch die großzügige Fremdengesetzgebung Israels, sagt aber seltsamerweise nichts zu der für die weitere Geschichte so bedeutsamen Lockerung dieser Gebote in Bezug auf Nichtjuden. Damit deutlich wird, dass es sich bei dieser Freigabe des Zinsnehmens und der Schuldeintreibung gegenüber Ausländern nicht bloß um eine Anmerkung zum eigentlichen Text handelt, müssen wir noch zwei weitere Stellen hinzunehmen. Sie besagen nämlich, was nach Auffassung der Tora in diesem Zusammenhang das jeweils Beste und Schlimmste wäre, das Israel im Verhältnis zu anderen Völkern widerfahren könnte. Diese Stellen belegen damit, dass man sich der Tragweite jener Abgrenzung sehr wohl bewusst war. Im Anschluss an die zuletzt zitierte Stelle zum Erlaßjahr folgt die recht handfeste Verheißung: »Denn der HERR, dein Gott, wird dich segnen, wie er dir zugesagt hat. Dann wirst du vielen Völkern leihen, doch du wirst von niemand borgen; du wirst über viele Völker herrschen, doch über dich wird niemand herrschen.«57 Und im Zusammenhang eines Katalogs von Fluchstrafen, die dem ungehorsamen Volk angedroht werden, heißt es: »Der Fremdling, der bei dir ist, wird immer höher über dich emporsteigen; du aber wirst immer tiefer heruntersinken. Er wird dir leihen, du aber wirst ihm nicht leihen können; er wird der Kopf sein, und du wirst der Schwanz sein.«58 Die Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden im eigenen Land hat demnach deutliche Grenzen, und am besten wäre es, wenn man das Ausland in finanzieller Abhängigkeit halten könnte.
Aber Israel unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von anderen Völkern der Antike, die Ausländer ebenfalls meist schlechter behandelt haben als die eigenen Leute. Zum Problem wurde die Abgrenzung erst, als die Juden kein eigenes Staatswesen mehr besaßen und weit verstreut leben mussten. Denn nun waren sie selbst ja überall nur noch Ausländer, und wenn die Völker, unter denen sie lebten, sich ähnlich verhielten, dann wurden sie nun so behandelt, wie sie es selbst früher anderen zugedacht hatten. Das erklärt zum Teil die Beschränkungen, die ihnen im Mittelalter auferlegt wurden. Wenn man diese Beschränkungen kritisiert und beklagt, so sollte man nicht unhistorisch und aus heutiger liberaler Sicht urteilen. Noch genauer gesagt, und auf das Schuldenthema bezogen: Die Kritiker und Kläger übersehen meist, dass der Missachtung, die die Juden im Mittelalter erfuhren, umgekehrt die Missachtung der Fremden durch die Juden bereits vorausging, es sich jedenfalls um ein Wechselverhältnis handelte. Diese Missachtung durch die Juden wurde sogar inhaltlich vorausgesetzt und in gewissem Sinne toleriert, indem man sie eben Zinsen nehmen und Schulden eintreiben ließ! Natürlich tat man das aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und eigenem Interesse, aber grundsätzlich hätte man auch ihnen gegenüber das Zinsverbot und eine milde Behandlung der Schuldner durchsetzen können – unter Berufung auf die gemeinsame Tradition des Alten Testaments. Nur waren die Theologen der Meinung, dass der jüdische Wucher geduldet werden müsse, damit die Christen vor dieser Sünde bewahrt würden. Unter den Juden andererseits gab es zwar Diskussionen zum Thema, aber der Vorzug, den sie genossen, war ihnen wohl bewusst, und so siegte auch bei ihnen das eigene Interesse: Vom »Segen der Geldleihe« war die Rede und Rabbi Schalom aus Wiener Neustadt (gestorben um 1415) sprach es offen aus: »Wunder über Wunder, dass die Nichtjuden mit dem Zinsennehmen einverstanden sind – das kam wirklich von Gott.«59
Hinzu kam eine weitere Voraussetzung, die die Juden schon mitbrachten, als sie im Mittelalter genötigt wurden, sich auf Handel und Kredit zu spezialisieren. Schon in der Zeit nach dem babylonischen Exil hatte sich ein starker Gegensatz herausgebildet zwischen dem städtischen »Volljuden«, der am Torastudium teilnahm und die rituellen Regeln einhielt, und dem »Mann vom Lande« (»am haarez«), der die Regeln nur schwer einhalten konnte und weniger gesetzeskundig war.60 Es war der bekannte Gegensatz zwischen Stadt und Land, zwischen vorwiegend geistiger und vorwiegend körperlicher Arbeit in spezifischer kultureller Ausprägung. »Ihre folgenreichste soziale Besonderheit bestand von Anfang an darin: dass eine wirklich ganz korrekte Innehaltung des Rituals für die Bauern ganz außerordentlich erschwert war. Nicht nur weil der Sabbat, das Sabbatjahr, die Speisevorschriften an sich für ländliche Verhältnisse schwer einzuhalten waren. Sondern vor allem, weil mit zunehmender kasuistischer Entwicklung der für das Verhalten maßgeblichen Gebote eben die Lehre im Ritual zum Erfordernis korrekten Lebens werden musste. Die Priesterthora aber reichte naturgemäß in die Landorte nur wenig hinein (…). Der Festkalender der Exilspriester, den Esra oktroyierte, hatte alle alten Feste ihrer früheren Beziehung zu dem Ablauf der ländlichen Arbeit und Ernte beraubt. Vollends die unter Fremdvölkern lebenden Juden konnten nicht leicht in ländlichen Orten ein rituell irgendwie korrektes Dasein führen. Der Schwerpunkt des Judentums musste sich zunehmend in der Richtung verschieben, dass sie ein stadtsässiges Pariavolk wurden (…).«61 Durch den Verlust des eigenen Staatswesens und die Zerstreuung wurde also der städtische, intellektuelle Teil des Judentums noch dominierender und geradezu charakteristisch für das, was man nun unter Judentum verstand. Mit dessen Torastudium und der rituellen Korrektheit vertrug sich aber am besten die Spezialisierung auf Handel und Kredit. »Besonders wurde bei dieser Wendung zum Handel der Geldhandel bevorzugt, weil er allein die volle Hingabe an das Gesetzesstudium ermöglichte.«62 Das bestätigt wieder der schon zitierte Rabbi Schalom: »Was die Tora in Aschkenas mehr als in den übrigen Ländern bestehen lässt, kommt durch das Zinsennehmen von den Nichtjuden, denn sie [die Juden] müssen keine Arbeit verrichten, daher sind sie frei zum Torastudium. Und wer nicht lernt, unterstützt von seinem Gewinn die Talmudgelehrten.«63 Es war also keineswegs nur äußerer Zwang, der viele Juden zu Spezialisten in diesem Bereich machte, sondern auch eine Tendenz ihrer eigenen Geschichte.64
5. Der Vorteil, keinen eigenen Staat zu haben
Da einerseits von der Klassenspaltung im Judentum, andererseits vom Verlust des eigenen Staats und der Zerstreuung die Rede war, drängt sich die Überlegung auf, was diese beiden Tatsachen in ihrem Zusammenhang eigentlich bedeuten. Zumeist wird der gewaltige Nachteil betont, den es für ein Volk bedeutet, wenn es über keinen staatlichen Schutz im Innern und nach außen verfügt. Das ist gerade in den 1930er Jahren noch einmal sehr deutlich geworden, als den Juden im Dritten Reich die Bürgerrechte beschnitten wurden, sie aber auch im Ausland weithin keine Aufnahme fanden. Nur muss man hier differenzieren, denn die Benachteiligung trifft doch vorwiegend die unteren, weniger die oberen, begüterten Schichten. Dass dies auch im Dritten Reich der Fall war, werde ich noch zeigen, doch zunächst zum grundsätzlichen Problem: Ist es für die jüdischen Eliten nicht sogar ein großer Vorteil gewesen, nichts zu tun zu haben mit dem Kleinkram des politischen Alltags und sich nicht mit Staatsaufgaben herumschlagen zu müssen? Auch wenn es heute Mode ist, diese Aufgaben eher gering zu schätzen, darf vielleicht daran erinnert werden, wie bequem es ist, sich nicht im internationalen Machtkampf behaupten zu müssen und dabei womöglich harte Entscheidungen gegen das eigene Volk treffen zu müssen; wie angenehm es ist, sich nicht um das Gemeinwohl kümmern zu müssen, ein Land nicht durch eine Wirtschaftskrise steuern zu müssen oder soziale Gegensätze nicht ausgleichen zu müssen. Wenn man von diesen oft »schmutzigen« Arbeiten befreit ist, dann fällt es auch nicht schwer, alles unter einem höheren, globalen Gesichtspunkt zu sehen, als Besserwisser aufzutreten und damit unter ähnlich privilegierten Intellektuellen viel Beifall zu finden.
Ich glaube nicht, dass man die großen geistigen Leistungen des Judentums herabsetzt, wenn man an diese Bedingung erinnert, unter der sie zustande kamen. Hinzu kommt ein Vorteil, der vielleicht noch schwerer wiegt: Die jüdischen Eliten besaßen großen Einfluss, brauchten aber aufgrund des fehlenden eigenen Staatswesens auch keinen Widerstand oder gar Aufstand ihres Volkes zu befürchten. Das ist insgesamt eine recht komfortable Position. Gewiss blieben sie von den jeweiligen politischen Herrschern abhängig, was am Beispiel der Hofjuden noch zu zeigen sein wird, aber politische Verantwortung brauchten sie eben nicht zu übernehmen.
Wenn man nun davon ausgeht, dass ein jedes Volk aber lieber von eigenen anstatt von fremden Herren bedrückt wird, dann mag dies ein Stück weit die Schärfe der Judenfeindschaft erklären: Hier verband sich die allgemeine Wut über wirtschaftliche Unterdrücker mit der Wut über »Eindringlinge«. Freilich war es z.B. vielen Sozialisten des 19. Jahrhunderts gleichgültig, woher der Unterdrücker kam, und so galten die Sozialisten schließlich als »vaterlandslose Gesellen«. Deswegen waren sie auch für den Antisemitismus nicht empfänglich. Wer sich aber in den Nationalstaat eingebunden fühlte und von ihm den sozialen Ausgleich erwartete, der musste gegenüber Herren, die sich nicht einbinden ließen, misstrauisch sein.
6. Inspiration für das moderne Nationalbewusstsein
Angesichts der langen Existenz des jüdischen Volkes ohne eigenen Staat verkennt man aber auch leicht die gewaltige Bedeutung, die die Erinnerung an das Davidische Reich und die Hoffnung auf seine Wiederkehr in neuer Gestalt hatte, und zwar nicht etwa bloß für dieses Volk, sondern für die Herausbildung des modernen Nationalstaats insgesamt! Wer im Judentum den natürlichen Repräsentanten des Internationalismus sieht, sieht daher wieder nur die halbe Wahrheit. Dass dieses Volk ohne politische Form so lange bestehen konnte, hat Bewunderung hervorgerufen. Noch bewundernswerter erscheint, wie die Juden so eisern an jener Erinnerung und Hoffnung festgehalten haben und vielleicht deshalb viele andere Völker überleben konnten. Dieser feste Glaube konnte damit zum Vorbild für neu aufbrechende Nationen werden, im Unterschied zu den vielen Reichen der Vergangenheit, die zwar geglänzt hatten, aber auch wieder erloschen waren.
Man sollte meinen, dass diejenigen, die sich als Volk zusammenschließen und Macht entfalten wollen, sich doch an jenen orientieren werden, die dieses Ziel in ihrer Geschichte bereits erreicht haben, anstatt an den in diesem Punkt gescheiterten Israeliten! So hätte man es wohl in der Antike gesehen. In der Neuzeit aber verstand man sich nicht mehr als Teil der Natur, man dachte geschichtlich. Die Nation war eine kulturelle Größe, eine »imaginierte Gemeinschaft« (Anderson), sie musste »gebildet«, ja »entworfen« werden.65 Daher brauchte man für den nationalen Auf-bruch einen tiefen Ursprung und ein hohes Ziel. Und beides boten das Erwählungs- und Sendungsmotiv, das man aus der jüdischen Tradition übernahm.
Wir können mit guten Gründen davon ausgehen, dass England der erste Nationalstaat der Neuzeit war, und an ihm ist diese Inspiration geradezu mustergültig abzulesen. Er konstituierte sich bekanntlich in der Revolution des 17. Jahrhunderts, die hauptsächlich vom radikalen Protestantismus der Puritaner getragen wurde. Was war aber charakteristisch für sie? Eine unübersehbare Nähe zum Judentum, im Unterschied zur Katholischen Kirche wie auch zum Lutherischen Protestantismus. Die geistige Nähe zum Judentum zeigte sich in der starken Orientierung am Alten Testament: Die Revolution gegen Karl I. brach aus mit dem Ruf der Israeliten gegen ihren schlechten König Rehabeam: »Zu deinen Gezelten, Israel!« Die Soldaten Cromwells legten ihre »heidnischen« englischen Namen ab und gaben sich solche aus den alttestamentlichen Schriften. Sie zogen Psalmen singend in den Kampf und die ganze Sprache der Flugschriften, Reden und Predigten der Revolution war die des alten Bundes.66 Die Nähe zeigte sich auch an der Hochschätzung des Hebräischen, das als die Sprache Gottes und als die Ursprache der Menschheit galt.67 Außerdem nahmen die Puritaner das Bilderverbot ernst, sie lehnten die Sakramente als Heilsmittel ab, unterdrückten alles Sinnlich-Natürliche als »Kreaturvergötzung« und unterwarfen das Alltagsleben einer pedantischen moralischen Regulierung. In all diesen Aspekten zeigt sich das Vorbild des Judentums. Was aber für unsere Betrachtung das Wichtigste ist: Die Engländer verstanden sich als das neue erwählte Volk mit der besonderen Mission, die Menschheit zu ihrer Art von Christentum zu bekehren. So heißt es bei John Milton, dem Dichter der Revolution: »Wir haben starken Grund, zu glauben, dass die Gunst und die Liebe des Himmels uns besonders günstig und geneigt ist. Warum wurde sonst unsere Nation vor allen anderen auserwählt, dass von ihr aus wie aus Zion die erste Zeitung und Posaune der Reformation dem ganzen Europa verkündet werden und ertönen sollte? (…) Nach dem Zusammentreffen der Zeichen und nach dem allgemeinen Gefühl heiliger und frommer Männer hat Gott jetzt abermals beschlossen, eine neue und große Periode in seiner Kirche zu beginnen; was tut er denn, als sich seinen Knechten offenbaren und zuerst, wie es seine Weise ist, den Engländern?«68
Es ist überaus charakteristisch und besitzt eine innere Logik, dass sich die Puritaner in der Abwendung vom Universalismus, von der »Katholizität« der Römischen Kirche nun den volksreligiösen Zügen des Alten Testaments zuwandten.69 Die Frage war nur, was dabei dann vom Neuen Testament mit seinem Gebot der Feindesliebe und der Überwindung der Völkergegensätze noch übrigblieb.
Schon bei Cromwell blieb davon jedenfalls nicht viel, denn unter seinem Protektorat wurden so viele Kriegsschiffe gebaut wie nie zuvor und begann erst eigentlich die britische Expansion. Im Anschluss an die verständliche Verteidigung des Protestantismus gegen die spanische Weltmacht traten rein britische Interessen in den Vordergrund, nämlich im Kampf gegen die ebenfalls protestantischen Niederlande. Man konnte sehen, wozu der hochfliegende Messianismus gut war – er diente zur Stimulierung und Verklärung nationalen Machtstrebens. Die berühmten »Pilgerväter«, die zum Ursprungsmythos der Vereinigten Staaten gehören, hatten übrigens zunächst in Holland Zuflucht gefunden, um der Verfolgung der Anglikaner zu entgehen; doch 1620 verließen sie schließlich ihr holländisches Exil, um Engländer bleiben und ihre Mission in der Neuen Welt verwirklichen zu können. So wurde das Sendungsbewusstsein nach Amerika weitergetragen und beschäftigt uns noch heute.
Wenn damals auch Differenzen zwischen Juden und Puritanern bestehen blieben,70 änderte dies aber nichts an der weitgehenden Übereinstimmung im Messianismus und Chiliasmus. Hier gab es auch von Seiten des Judentums eine Annäherung – mit bedeutsamen praktischen Folgen! So identifizierte der berühmte niederländische Toralehrer Menasse ben Israel das Kommen des Messias ohne weiteres mit der Wiederkunft Christi und behauptete kühn, dass dann beide, Juden wie Christen, erlöst würden. Mit dieser Überzeugung reiste er 1655 nach London, um bei Cromwell ein Wiederansiedlungsrecht für die Juden zu erwirken, die schon 1290 geschlossen aus England vertrieben worden waren. Auch darin war das Land Vorreiter in Europa! In der Tat ließ Cromwell die Einwanderung seit 1656 zu, auch weil der Staat Geld brauchte. Eine offizielle gesetzliche Entscheidung kam allerdings erst 1685 bzw. 1698 zustande.71 Seither unterschied sich die rechtliche Situation der Juden in England deutlich von der auf dem Kontinent, und das ist sicher zu loben. Dennoch muss auch auf die Kehrseite dieses Fortschritts aufmerksam gemacht werden. Dazu zählt erstens die fragwürdige Verbindung, die der westliche Protestantismus seitdem mit dem Judentum als Volksreligion eingegangen ist. Sie war ja so innig, dass das Christentum dabei fast selbst zu einer Volksreligion wurde! In diesem Sinn war die Besserstellung der Juden in England eigentlich keine Überraschung. Zweitens muss auf die Gefahr einer bedenkenlos expansiven Außenpolitik hingewiesen werden, die in der Übernahme des Erwählungs- und Sendungsgedankens lag. Denn nun konnten andere Völker und Kulturen nur noch als Objekt gelten und in ihrem Eigensinn gar nicht mehr wahrgenommen werden.
Man kann gegen die Herleitung des nationalen Erwählungs- und Sendungsbewusstseins der Neuzeit aus der jüdischen Tradition den Einwand erheben, dass das Judentum selbst doch erst mit dem Zionismus zu einer solchen säkularen Auffassung gekommen sei. Zuvor seien diese Motive immer streng religiös verstanden worden, d.h. die Erwählung blieb immer abhängig vom Willen Gottes, und die Sendung bestand darin, die Menschen für Gott zu gewinnen. Der Zionismus sei daher eine – und zwar relativ späte – Folge des nationalen Erwachens der Neuzeit.72 Das Verhältnis von Ursache und Wirkung in Bezug auf das Judentum und die Nation sei somit in gewisser Hinsicht genau umgekehrt! Meine Antwort lautet zunächst, doch die enge Verbindung von Religion und Volk im Judentum nicht zu vergessen. Beide lassen sich nicht so trennen wie im Christentum. Außerdem haben wir doch gesehen, dass schon zwischen Puritanern und Juden des 17. Jahrhunderts eine weitgehende Übereinstimmung im Messianismus und Chiliasmus bestand, die streng religiöse Deutung der Heilsgeschichte also verlassen worden war. Richtig ist hingegen, dass der Zionismus die Säkularisierung noch weitergetrieben hat und in den Zusammenhang des sich bereits entwickelnden Nationalismus gehört. Aber das schließt ja nicht aus, wiederum nach dessen Wurzeln zu fragen.
Man kann die beiden Positionen, die hier skizziert wurden, widersprüchlich vereint studieren an Izchak Baer (1888–1980), einem bedeutenden Historiker an der Hebräischen Universität in Jerusalem. 1936 veröffentlichte er in Berlin, und wohlgemerkt auf Deutsch, ein Buch mit dem Titel Galut (Exil), in dem es heißt: »Da die Juden eine nationale Einheit bilden, und zwar in weit höherem Grade als die anderen Völker, ist es nötig, dass sie wieder zu einer faktischen Einheit werden. (…) Die jüdische Erneuerung der Gegenwart ist ihrem tiefsten Wesen nach nicht von der nationalen Bewegungen Europas bedingt, sondern sie kehrt zurück zu dem uralten jüdischen Nationalbewusstsein, das vor aller europäischen Geschichte da war und ohne dessen geheiligtes, geschichtsgesättigtes Vorbild kein nationaler Gedanke in Europa vorstellbar ist.«73 Zwar übernimmt Baer den objektiven und sehr ausgeweiteten Begriff der Nation aus der deutschen Tradition des 19. Jahrhunderts und ist insofern gerade ein Kind seiner Zeit. Dennoch ist seiner These abzugewinnen, in welchem Maß das jüdische Religionsvolk mit seiner unverwüstlichen Erinnerung und Hoffnung den modernen Nationen als Vorbild gedient hat. Das gilt für England und die USA unmittelbar und inhaltlich. Für andere Nationen gilt es freilich nur mittelbar, sofern sie ihre Nationalität jedenfalls formal nach dem gleichen Muster entwerfen.74
Wenn wir das noch kurz an Deutschland, der »verspäteten Nation«, illustrieren wollen, so müssen wir einen Sprung ins 19. Jahrhundert machen. Hier ist die Herausbildung des Nationalbewusstseins nicht nur mit der schrittweisen Emanzipation der Juden verbunden, sondern auch mit einer sehr weitgehenden jüdischen Identifizierung mit der deutschen Kultur. Die Juden entdecken eine tiefe Verwandtschaft zwischen ihrer Sehnsucht und der Sehnsucht der Deutschen, und es beginnt die einzigartige jüdisch-deutsche Symbiose, die man sehr ernst nehmen muss, gerade weil sie 1933 so brutal beendet wurde. Oft wird betont, dass die Liebe der Juden zur deutschen Kultur recht einseitig gewesen und von den Deutschen kaum erwidert worden sei. Dabei wird aber der tiefere Einfluss verkannt, den die jüdische Tradition in diesem Prozess immer schon ausgeübt hat, die heimliche Liebe sozusagen, die die Deutschen dem Judentum entgegenbrachten. Sie könnte etwa daran abgelesen werden, dass die Deutschen bereits in der Kindheit mit den Geschichten des Alten Testaments vertraut gemacht wurden. Es war wirklich ein Verhältnis der Gegenseitigkeit. Man kann die Symbiose vielleicht am besten an Johann Gottlieb Fichte studieren, dessen Reden an die deutsche Nation (1807/08) als eine Art Programmschrift des deutschen Nationalismus gelten und heute oft verdammt werden. Wie aber reimt es sich damit, dass Fichte zugleich ein Jahrhundert lang »der bevorzugte Philosoph des Judentums« war, »und zwar in allen seinen Schattierungen«?75 Dass Fichte die Deutschen zum auserwählten Volk erklärte, gleichsam zum neuen Israel, störte dabei durchaus nicht, sondern wurde von den deutschen Juden oft sogar freudig aufgegriffen, weil sie darin eine ihrem eigenen Messianismus verwandte Denkweise entdeckten, selbst keine orthodoxen Juden mehr waren oder tatsächlich gute Patrioten sein wollten (wie etwa Ferdinand Lassalle, über den Fichte auf die deutsche Sozialdemokratie einwirkte). Die Fichte-Rezeption konnte freilich auch dazu führen, dass die eigene Tradition neu entdeckt und erschlossen wurde: »Nur weil wir Fichte hatten, fanden wir die entsprechenden Strömungen der jüdischen Kultur (…), verstanden wir erst das Judentum.«76
Bevor ich auf diesen Punkt zurückkomme, sei noch an Heinrich Heine erinnert, der ja, als er an Deutschland dachte, »um den Schlaf gebracht« war, weil er in dieses Land die größten Hoffnungen setzte und an die Herrschaft seines Geistes über die ganze Welt glaubte. Er erkannte eine »innige Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen«, und hielt beide für »auserwählt«. Denn die Sendung Israels sei noch nicht erfüllt, sie könne aber in Deutschland zur Erfüllung kommen. »Auch Letzteres erwartet einen Befreier, einen irdischen Messias (…), und dieser deutsche Befreier ist vielleicht derselbe, dessen auch Israel harret. (…) O teurer, sehnsüchtig erwarteter Messias. (…) O verzage nicht, schöner Messias, der du nicht bloß Israel erlösen willst (…), sondern die ganze leidende Menschheit!«77
Neben dieser Verbindung beider Kulturen, gab die eine aber auch bisweilen den Anstoß zum Wechsel in die andere. Diesen zunächst schwer begreiflichen, ja prinzipienlos erscheinenden Wechsel vom Glauben an das eine Volk zum Glauben an das andere finden wir in extremer Weise bei Arnold Schönberg. Noch 1919 schreibt er an Richard Dehmel: »Wenn ich an Musik denke, so fällt mir nur die deutsche ein.«78 Dabei müssen wir uns die außerordentliche Bedeutung vergegenwärtigen, die die deutsche Musik in der Welt und folglich für das Selbstbewusstsein der Deutschen erlangt hatte. Von daher ist auch Schönbergs berühmte Äußerung aus dem Jahr 1921 nach der Entwicklung der Zwölftonmusik zu verstehen: »Ich habe eine Entdeckung gemacht, durch welche die Vorherrschaft der deutschen Musik für die nächsten hundert Jahre gesichert ist.«79 Auch seine Schüler Alban Berg und Anton Webern waren beseelt vom Glauben an die Vormachtstellung der deutschen Musik in der Welt. In den 1920er Jahren jedoch beginnt Schönbergs Rückkehr zur jüdischen Tradition und entsprechend überträgt er den Erwählungsgedanken auf das Judentum, was sich z.B. an seinem Drama Der biblische Weg von 1926/27 zeigt. Im Juli 1933 tritt er dann förmlich zum Judentum über, was man als verständliche Reaktion auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten deuten kann.
Doch Schönberg beschreibt das Verhältnis zwischen Judentum und Nationalsozialismus genau umgekehrt! In gewisser Hinsicht erklärt er, die Juden seien geradezu selbst schuld an dem, was ihnen widerfährt. So heißt es 1933 in einer Rede: Das Judentum habe »bis zu dieser Stunde nicht begriffen, dass der Antisemitismus nicht die Ursache für die Verfolgung der Juden ist, sondern nur die Auswirkung der jüdischen Existenz als ganzer, das Resultat unseres Glaubens, unserer Auserwählung, die Folge all der Eigenschaften, die wir dank unserem Schicksal und unserem Auftrag besitzen, die verständliche Reaktion auf all die Eigenschaften, die überall und immer in Erscheinung treten, wo Juden leben«.80 Der Kampf gegen den Antisemitismus sei daher so sinnlos wie der »Versuch, Regen und Schnee zu bekämpfen, Blitz und Schneesturm, Wirbelsturm und Erdbeben; ein Versuch, Tod und Schicksal zu bekämpfen. (…) Antisemitismus ist natürlich (…)«81, denn die anderen Völker werden das Volk, das sich erwählt weiß, immer hassen. Oder sie werden es imitieren wollen, sich selber eine solche Erwählung zusprechen, wie zurzeit die Nationalsozialisten, deren Rassenlehre nichts als eine Nachahmung der jüdischen Erwählungsidee sei.82 Die Verschärfung des deutschen Antisemitismus wird somit als Herausforderung zu radikaler Selbstbesinnung des Judentums verstanden. Schönberg wechselt nicht von einem Volksglauben zum anderen, sondern wendet sich zurück zum Ursprung des Erwählungsbewusstseins der Völker schlechthin.
Die praktische Schlussfolgerung, die er aus seiner Erkenntnis zieht, ist allerdings nicht zwingend und zeigt sogar, dass er sich von der Fixierung auf Deutschland doch nicht lösen konnte. Sie läuft auf einen höchst militanten und diktatorischen Zionismus hinaus: Gründung einer jüdischen Einheitspartei mit diktatorischer Führung und militärische Rückeroberung Palästinas nach dem Muster der Landnahme der Israeliten, von der oben die Rede war.83 Denn das Zeitalter der Demokratie sei vorüber und die Ideale des Humanismuswidersprächen der mosaischen Religion.84 Das entsprechende Programm hat Schönberg 1938 in den USA formuliert und für seine Publikation die Unterstützung Thomas Manns erbeten. Dieser hat jedoch in freundlich-diplomatischem Ton abgelehnt, wobei in seiner Antwort immerhin der Faschismusvorwurf anklingt. Jedenfalls betont Mann, »dass insbesondere der bedingungslos machtpolitische Standpunkt der besonderen Geistigkeit des Judentums« nicht gut zu Gesichte steht.85
Die ausführlichen Bemerkungen zu Schönberg waren erforderlich, weil sich hier das vertrackte Wechselverhältnis zwischen Judentum und Nationalsozialismus zeigt. Das Dritte Reich ist in der Tat eine späte Nachahmung des erwählten Volkes, aber kann dieses, wie Schönberg zeigt, nicht auch zu einer Nachahmung des Nationalsozialismus werden?
7. Privilegierte Hofjuden im Absolutismus
Schon im Mittelalter waren die Juden nicht nur Verfolgte, sie standen auch unter dem besonderen Schutz des Kaisers bzw. der Könige. Die Verfolgung ging sowohl von kirchlichen Bewegungen, etwa im Kontext der Kreuzzüge, und von der Gesellschaft aus, nicht aber von der Obrigkeit. Diese profitierte vielmehr in beträchtlichem Maße von den Judensteuern und hatte auch ein Interesse daran, eine Gruppierung auf ihrer Seite zu haben, die ihr mehr Gewicht verschaffte, weil sie außerhalb der feudalen Ordnung stand. Das ist nun auch der Hauptgrund, weshalb sich im 17. Jahrhundert das sogenannte Hofjudentum etablieren konnte – ein Phänomen, das angesichts seiner Bedeutung für die Herausbildung des modernen Staats viel zu wenig beachtet wird.
Den Ausgangspunkt für den Wiederaufstieg der Juden in Deutschland bildete der Dreißigjährige Krieg, in dem sie ihre überregionalen Beziehungen nutzten und den Fürsten bei der Versorgung ihrer Söldnerheere halfen.86 In England war es, wie wir sahen, der Bürgerkrieg, der Cromwell dazu brachte, sich für die Wiedereinwanderung der Juden einzusetzen, nicht zuletzt, um seine Armee zu finanzieren!87 Es war also die konfessionelle Spaltung der Christenheit und der Zerfall der alten Ordnung Europas, die dem Judentum eine neue Chance eröffnete.
Diese Chance nahm mit der neuen Wirtschaftspolitik des absoluten Staates, dem Merkantilismus, eine konkrete Gestalt an. Der Merkantilismus sah im Handel, nicht in der Arbeit, die Quelle des Reichtums und verstand unter Reichtum nicht eine Fülle von Gütern, sondern abrechenbares Geld bzw. öffentliche Einnahmen. Diese Annahme passte ausgezeichnet zu den Vorstellungen und Fähigkeiten, die die jüdische Elite entwickelt hatte. Und so besaßen schon Ende des 17. Jahrhunderts fast alle Fürsten einen oder gleich mehrere sogenannte »Hofjuden«, die sich um ihre finanziellen Angelegenheiten kümmerten und dafür reichlich belohnt wurden. »Der Name Hofjude war allgemein, nur in Preußen hießen sie charakteristischerweise ›generalprivilegierte Juden‹. Der Name war keine Übertreibung. Hofjuden genossen alle Privilegien: sie konnten Wohnsitz nehmen, wo es ihnen beliebte, reisen, soweit der Machtbereich ihrer Fürsten reichte, Waffen tragen und speziellen Schutz der lokalen Behörden fordern. Ihr Lebensstil pflegte sehr viel höher zu sein als der des Mittelstandes der Zeit.«88 Die Wiener Familien Wertheimer und Oppenheimer z.B. verfügten über mehrere Paläste und Gärten nicht nur in Wien, sondern zugleich in Worms, Frankfurt und Mannheim.89 Sie übten auch öffentlichen Einfluss aus. So erreichten sie, dass ein bekanntes Sammelwerk aller Argumente des Antijudaismus, Eisenmengers Entdecktes Judentum von 1703, im Habsburger Reich verboten wurde.90 Um noch einige prominente Fälle zu nennen: August der Starke wäre ohne die Kredite seines Hofjuden Behrend Lehmann nicht König von Polen geworden. Er beschäftigte darüber hinaus noch Hoffaktoren aus 35 Frankfurter Familien. Ebenso brauchte Ernst August von Hannover die finanzielle Unterstützung von Lettmann Behrens, um Kurfürst zu werden.91 Friedrich der Große gab seinen Berliner Hofjuden den Auftrag, zur Kriegsfinanzierung Münzmanipulationen vorzunehmen und ließ sie auf diese Weise zu Reichtum kommen.92
Wen wundert es da, dass diese Privilegierten, die aus ihrer ertragreichen Sonderstellung überhaupt kein Geheimnis machten, als Repräsentanten des Judentums genommen wurden und viel Unmut, ja Hass auf sich zogen? Zumal dann, wenn das Volk nicht den Mut hatte, die Fürstenherrschaft selbst in Frage zu stellen! Exemplarisch steht dafür der – im öffentlichen Bewusstsein noch durch den nationalsozialistischen Film Jud Süß verankerte – Stuttgarter Joseph Süß Oppenheimer, der von 1733 bis 1737 eine Art Finanzminister des Herzogs von Württemberg war. Wegen seiner in der Tat rigorosen Methoden der Geldbeschaffung wurde er nach dem plötzlichen Tod des Herzogs verhaftet, angeklagt und schließlich hingerichtet.
8. Das einflussreichste Finanzhaus Europas
Dieses Schicksal wäre ohne den Tod des Herzogs nicht denkbar gewesen, ein Umstand, der noch einmal die politische Abhängigkeit der Hofjuden von den Fürsten offenbart, die wiederum ökonomisch von jenen abhängig waren! Das Verhältnis änderte sich jedoch grundlegend nach der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen, und diese Veränderung zeigte sich exemplarisch am sagenhaften Aufstieg der Familie Rothschild zum reichsten und einflussreichsten Finanzhaus Europas. Dessen Staatsnähe bestand nun in einer bemerkenswerten Nähe zu mehreren, ja sogar zu den wichtigsten europäischen Staaten zugleich, und in der Öffentlichkeit entstand der Eindruck, dass deren Oberhäupter vor den Rothschilds fast auf den Knien lagen.
Der Gründer des Familienunternehmens Mayer Amschel Rothschild stammte aus der Frankfurter Judengasse, war dann zunächst Hofjude beim hessischen Kurfürsten, bis er sich selbstständig machte und sein Geschäft mit Hilfe seiner fünf Söhne bewusst international ausbaute, indem er sie in Frankfurt, Paris, London, Neapel und Wien gleichzeitig platzierte. Den entscheidenden Durchbruch erzielte die Firma schließlich dank britischer Staatsaufträge im Krieg gegen Napoleon: wesentlich war die finanzielle Versorgung der Armee Wellingtons auf dem Kontinent und der Transfer der Hilfsgelder für Preußen und Österreich.93 Nach dem Krieg war der Finanzbedarf der Staaten gewaltig und wurde durch die Ausgabe von Staatsanleihen gedeckt. Diese Aufgabe musste wieder Rothschild übernehmen, denn die Anleihen wurden von den Leuten nur gezeichnet, wenn eine kapitalstarke Bank sie garantierte.94
Was war nun charakteristisch für die Rothschilds?
Erstens natürlich der irrsinnige und offen zur Schau gestellte Reichtum, den man in Beziehung setzen muss zum furchtbaren proletarischen Elend, das sich gerade in dieser Phase des Kapitalismus ausbreitete. »Reich wie Rothschild« wurde zum geflügelten Wort. Viele Sozialisten, besonders in Frankreich, waren daher zugleich antijüdisch eingestellt, weil sie dieses in der Tat dominierende jüdische Kapital als repräsentativ für das Kapital überhaupt ansahen.
Zweitens waren die Rothschilds aber ein Phänomen der Restauration und insofern gerade nicht repräsentativ für den aufsteigenden Kapitalismus. Das wird schon deutlich an ihrer Nähe zu den Herrschern der Restaurationszeit, besonders zu den Habsburgern, während sie mit den aufstrebenden Industrien eher wenig zu tun hatten – immerhin war die österreichische Eisenbahn in ihrer Hand. Sie galten als die »Großschatzmeister der Heiligen Allianz«95 und wurden schließlich geadelt. Den erste, ihnen gewidmete Eintrag im Brockhaus von 1827 hat kein Geringerer als Friedrich von Gentz, der Berater Metternichs, im Auftrag der Familie verfasst.96 Mit ihrer Nähe zu den Königshäusern provozierten sie letztlich auch den liberalen Antisemitismus, der aber erst im späten 19. Jahrhundert zu einer wichtigen Kraft wurde, was man an Georg Schönerer, dem Führer der Liberalen in Österreich, gut studieren kann.97 Dass Schönerer dann Hitler stark beeinflusst hat, ist bekannt.
Die Verbindung der Rothschilds mit der Politik der Restauration wird auch daran deutlich, dass sie gegen die allgemeine Judenemanzipation waren, weil sie um ihre Privilegien fürchteten.98 Das scheint zunächst paradox, wird aber sofort verständlich, wenn wir uns an das erinnern, was wir oben über die Klassenspaltung innerhalb des Judentums festgestellt haben. Insofern ist es natürlich missverständlich, von »den Juden« zu sprechen – wie bei allen anderen Völkern auch.
Nun war bei der rechtlichen Gleichstellung der Juden die Konversion zum Christentum oder die Reduktion des Judentums auf ein privates Bekenntnis erforderlich. Daher war es nur konsequent, dass die Rothschilds es auch selbst ablehnten, zum Christentum überzutreten, vielmehr auf ihrem Judesein beharrten, und zwar nicht nur im religiösen, sondern auch im »völkischen« Sinne. So wurde Lionel Rothschild mehrmals ins britische Parlament gewählt, konnte jedoch seinen Sitz nicht einnehmen, weil er es ablehnte, den traditionellen Eid auf »den wahren christlichen Glauben« zu schwören – bis er es 1858 erreichte, dass die Eidesformel geändert wurde.99 Dass sie ihr Judentum auch als Volkszugehörigkeit begriffen, wurde an ihrer entschiedenen Aversion gegen die Mischehe sichtbar, selbst wenn sie gesellschaftlichen Aufstieg versprach.100 Erst im späteren 19. Jahrhundert änderten die Rothschilds ihre Heiratspolitik, indem nun die Töchter nichtjüdische Adlige heiraten durften und nur die Söhne rein jüdisch bleiben mussten.101
Dass die Rothschilds so kompromisslos auf ihrem Judentum bestanden, lässt sich am besten aus dem Geist der Restauration erklären. Nach den Wirren, die die Aufklärung und die Französische Revolution mit sich gebracht hatten, sollten endlich alte, »echte« Religiosität, Frömmigkeit und Ordnung wiederhergestellt werden. Und war nicht gerade das Judentum eine bewundernswerte und außerordentlich stabile Gestalt einer solchen Frömmigkeit? Während die inhaltlichen Unterschiede der Konfessionen und Religionen an Bedeutung verloren, gab es demnach nicht nur eine Restauration des Christentums, sondern auch eine des Judentums.
Über die Nähe der jüdischen Eliten zur Geldwirtschaft braucht nach dem, was wir gesehen haben, wohl kein Streit mehr zu herrschen. Um aber noch einige glanzvolle Namen der Zeit nach den Rothschilds zu erwähnen: Bleichröder, der Bankier Bismarcks, vom Kaiser geadelt; Warburg, der Mitgründer der Commerz- und Disconto-Bank, mit wichtigen Beziehungen in die USA; oder Gutmann, Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank, einer der ersten Aktienbanken; in den USA wäre Seligman zu nennen, der die Nordstaaten im Bürgerkrieg finanzierte; auch Goldman-Sachs und Lehman Brothers, die ja in der letzten Finanzkrise wieder unser Interesse weckten.102 Nicht die Tatsache der Nähe zum Geldhandel kann strittig sein, nur ihre Bewertung. So heißt es in einem etwas übereifrigen Buch aus der Zeit der »New Economy«: »Wer dem Klischeebild vom Geldjuden das Gegenbild des gottesfürchtig-gütigen Rabbiners oder des anthroposophischen jüdischen Aufklärers entgegenstellt; wer krampfhaft versucht zu beweisen, dass auch die Juden »Kultur« haben, kapituliert vor der Logik der Antisemiten. Dem Judenhass kann man nur die Stirn bieten, wenn man sich entschieden zum ›Geldjuden‹ und zu seinen für Europa wegweisenden Leistungen bekennt.« Als »die lapidarste und zugleich genaueste Definition Europas« wird dann bekanntgegeben: »Europa ist Rothschild«.103 Wie so oft bleibt dabei im Eifer des Gefechts die Logik auf der Strecke: Dem Klischeebild kann man also nur begegnen, indem man sich zu ihm als zutreffend bekennt? Dem Judenhass kann man also nur die Stirn bieten, indem man ihn bestätigt? Bei weniger eifernden Autoren geht es zunächst um die Frage, wie viele Banken denn in jüdischem Besitz waren, so dass der Beweis der Nähe erst dann erbracht wäre, wenn es sich um eine deutliche Mehrheit handelt. Das war aber in Deutschland und Österreich vor dem Ersten Weltkrieg tatsächlich der Fall. 79 % der Privatbankiers in Deutschland waren Juden, und die Wiener Banken wurden zu 80 % von jüdischen Direktoren geleitet.104 In Frankreich und England war der Anteil weit geringer, er lag bei 20 % bzw. 7 %, was man als einen Grund für den schwächer ausgeprägten Antisemitismus ansehen kann.105 Noch überzeugender wird der Beweis, wenn wir die deutschen 79 % ins Verhältnis zum Bevölkerungsanteil der Juden setzen, der um die Jahrhundertwende nur rund 1 % betrug. Selbst wenn der Bevölkerungsanteil z.B. 10 % oder der Anteil der jüdischen Banker nur 37 % betragen hätte, wäre deren Zahl immer noch überproportional hoch. Ein weiterer Vergleich: Rund 50 % der jüdischen Beschäftigten waren im Handel und Bankwesen tätig, aber nur knapp 11 % der Gesamtzahl der Beschäftigten in Deutschland.106
Aber diese statistischen Erörterungen führen erst hin zum entscheidenden Punkt. Denn es ging in den damaligen Debatten z.B. zwischen Werner Sombart und Max Weber nicht um diese quantitativen Fragen, sondern um die Frage nach einer Wesensverwandtschaft zwischen dem Geist des Finanzkapitalismus und der jüdischen Ethik bzw. um die Frage nach dem ideellen Ursprung des Finanzkapitalismus. Wenn es aber zutraf, dass jüdische Verhaltensmuster von anderen Nationen längst übernommen worden waren und weiter Schule machten, dann war gar nicht mehr zu erwarten, dass eine Mehrheit der Finanzhäuser in jüdischer Hand sein würde. Deswegen ist das auch heute nicht mehr der springende Punkt.
9. Einer der ersten Rassentheoretiker wird zum mächtigsten Mann der Welt
Als wir vom Geist der Restauration sprachen, befanden wir uns auch schon ganz nah am Rassegedanken! Lassen wir seine spätere pseudowissenschaftliche Ausgestaltung beiseite, so erscheint er zuerst als ein Produkt der Restaurationszeit, und zwar noch vor Gobineau bei Benjamin Disraeli (1804–81), dem beliebten Schriftsteller und späteren britischen Premierminister.107 Er war mit den Rothschilds nicht nur eng befreundet, sondern sah genau in ihnen das Symbol der jüdischen Rasse, die aufgrund ihrer Reinheit und Überlegenheit nicht untergehen könne.
»Rothschild war in seinen Augen der Repräsentant des ganzen jüdischen Volkes, und er hatte es nicht nur am weitesten gebracht, sondern auch die strengste Familienpolitik befolgt. In den Rothschilds sah er die ›auserwählten Männer des auserwählten Volkes‹, und aus dieser Realität bezog er seine Rassentheorien.«108
Wir dürfen ohne weiteres hinzufügen: Disraeli bezog sie auch aus der Erfahrung seines eigenen wunderbaren Aufstiegs zum mächtigsten Politiker der damaligen Welt! Denn damit war ja der Durchbruch geschafft von der bisher nur indirekten, finanziellen zur direkten Herrschaft »eines auserwählten Mannes einer auserwählten Rasse«, wie er sich selbst verstand.109 Man muss sich den Triumph vor Augen führen, dass nach fast zwei Jahrtausenden jüdischer Existenz ohne Staat ein Vertreter dieses Volkes plötzlich an die Spitze des größten Imperiums der Geschichte gelangte! Die Restauration alter Religiosität und Ordnung, von der wir eben sprachen, schien also tatsächlich Erfolg zu haben. So wird der Rückgriff auf eine Substanzkategorie wie »Rasse« durchaus plausibel: Die Imperien kommen und gehen, die echte Rasse aber bleibt.
In seinem Roman Coningsby (1844) unterscheidet Disraeli fünf verschiedene Rassen, und die »kaukasische« wird von den Juden unvermischt repräsentiert: »Eine reine Rasse wie die kaukasische kann nicht vernichtet werden. Das ist eine physiologische Tatsache; ein simples Naturgesetz. (…) Kein Strafgesetz, keine Folter kann bewirken, dass eine überlegene Rasse in einer untergeordneten aufgeht oder durch sie zerstört wird. Die vermischten nachfolgenden Rassen verschwinden; die reine Rasse bleibt bestehen.«110 In seiner Biographie über Lord George Bentinck (1851), seinen Vorgänger in der Parteiführung, heißt es: »Alle Um- und Irrwege der Geschichte laufen auf eine Lösung hinaus – alles ist Rasse.« Und weiter heißt es: »Das einzige, was Rasse schafft, ist Blut.«111 Um sich den Briten verständlich zu machen, fragt er rhetorisch: »Was wäre die Folge für die angelsächsische Republik beispielsweise, würden ihre Bürger ihrem gesunden Grundsatz des Vorbehalts abtrünnig werden und sich mit ihren negriden oder farbigen Populationen vermischen?«112 So kommt Hannah Arendt zu dem Schluss: »Er war der erste Europäer, der viel radikaler als später Gobineau und viel konsequenter als die wissenschaftlich verkleideten Krämerseelen behauptet hat, dass ›Rasse alles‹ sei und auf dem ›Blut‹ beruhe. In diesem getauften Juden, der vom Christentum wenig und von jüdischer Religion nichts mehr verstand, treffen wir in voller Reinheit jenen naturalistischen Begriff der Auserwähltheit (…).«113
Dass Disraeli im restaurativen Kontext dachte, kann man schon daran erkennen, dass er Anfang der 1840er Jahre über die Bewegung »Junges England« den Einstieg in die Politik fand. Wobei das »Jung« nicht missverstanden werden darf, denn die Bewegung war gegen die Reformen der Whigs und den voranschreitenden Kapitalismus gerichtet und setzte auf eine Erneuerung des Adels und des christlich-mittelalterlichen Geistes. Ihre Ziele hat Disraeli in klassischer Weise zusammengefasst: »Die Oligarchie rückgängig machen und durch eine hochherzige Aristokratie ersetzen, die um einen wahren Thron versammelt ist; die Kirche mit neuem Leben und neuer Kraft erfüllen, damit sie wieder als Erzieher der Nation wirken kann; (…) den körperlichen und den moralischen Zustand des Volkes heben, indem statuiert wird, dass die Arbeiter ebenso geschützt werden müssen wie der Besitz; und das alles, indem historische Formen zur Anwendung gelangen und die Vergangenheit in ihre alten Rechte eingesetzt wird, und nicht durch politische Revolutionen, die in abstrakten Ideen wurzeln.«114
In der Bewunderung »echten« Adels, die Disraeli empfand, steckte der Rassegedanke, der allerdings im elitären Judentum nach seiner Meinung noch besser verwirklicht war.115 Er selbst erhielt später (1876) auch die Peerswürde mit dem Titel eines Earl of Beaconsfield. Was im Text anklingt, hat er als Führer der Tories tatsächlich umgesetzt, nämlich die Partei für die soziale Frage zu öffnen. Die Kehrseite der Stabilisierung im Innern war jedoch, dass er als Premier eine aktive imperialistische Außenpolitik betreiben konnte. Und zwar wieder – was oft vergessen wird – mit restaurativer Legitimation. Der Westen müsse sich durch Rückkehr zu den orientalischen Wurzeln der Religion geistig erneuern! Daher der Erwerb der Suez-Kanal-Aktien, die Einmischung in die Balkankrisen und die kuriose Erhebung Königin Victorias zur Kaiserin von Indien.116 Von irgendeiner Form jüdischer Weltherrschaft hat Disraeli offenbar lebenslang geträumt. Schon in seinem ersten Roman Alroy (1833) spielt eine abgesonderte jüdische Herrscherkaste eine Rolle, später ist vom jüdischen Geld die Rede, das über den Aufstieg und Fall der Reiche entscheidet oder von allen möglichen Geheimgesellschaften, die von Juden umtriebig geleitet werden.117 »Es ist verblüffend, zu sehen, wie vollständig dies später von den Antisemiten entworfene Bild einer jüdischen Weltherrschaft sich bereits in Disraelis Kopfe malte. Es fehlte nicht einmal der geschickteste aller Hitlerschen Propagandatricks, die Behauptung eines geheimen Bündnisses zwischen jüdischen Kapitalisten und Sozialisten.«118
Wenn Hannah Arendts These zutrifft, dass Disraeli der erste Europäer war, der das Rasseprinzip vertreten hat, und zwar radikaler und konsequenter als seine Nachfolger, so fragt man sich allerdings, warum er in neueren einschlägigen Werken über Rassismus (Imanuel Geiss, George M. Fredrickson) als solcher überhaupt nicht erwähnt wird. Und warum kommt er, obwohl doch recht prominent, auch in neueren Geschichten des Judentums (Michael Brenner, Martin H. Jung) gar nicht vor? Oder warum wird er in der Neuauflage des Jüdischen Lexikons zwar behandelt, aber ohne den geringsten Hinweis auf sein Rassedenken? Das kann nicht bloße Unkenntnis sein, da ist die bewusst selektive Wahrnehmung am Werk, von der eingangs die Rede war. Hätten wir nicht die redliche Hannah Arendt, so würden wir über diesen Propheten des Rassismus wohl kaum noch etwas erfahren.
10. Weitere jüdische Vertreter der »Blutsgemeinschaft«
Einen weiteren frühen Rasseideologen auf jüdischer Seite erwähnt allerdings auch Hannah Arendt nicht. Er ist durchaus nicht weniger prominent als Disraeli, nur gehört er nicht zur konservativ-restaurativen Strömung des 19. Jahrhunderts, sondern zunächst zur revolutionär-kommunistischen. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 emigrierte er aus Deutschland nach Frankreich und kam nach dem Studium der anwachsenden Literatur über die menschlichen Rassen zu dem Ergebnis, dass sich hier eine viel tiefere Dimension auftat als die politische und soziale. Die Rede ist von Moses Hess (1812–75), der eine Zeit lang mit Marx befreundet war und nun in seinem Buch Rom und Jerusalem (1862) schrieb: »Hinter den Nationalitäts- und Freiheitsfragen, welche heute die Welt bewegen, birgt sich eine noch weit tiefere, durch keine allgemeinen philanthropischen Redensarten zu beseitigende Rassenfrage (…), die, so alt wie die Geschichte, erst gelöst sein muss, bevor an eine definitive [sic] Lösung der politisch-sozialen Probleme weitergearbeitet werden kann.«119 Man konnte also auch von links her zur Rassenlehre kommen, freilich aufgrund des Scheiterns des eigenen Engagements und des Versuchs, die Ursachen zu erkennen. Offenbar war es der linke und jüdische Internationalismus, der da infrage gestellt war und nun ins Gegenteil eines extremen Nationalismus umschlug. »Die jüdische Rasse ist eine ursprüngliche, die sich trotz klimatischer Einflüsse in ihrer Integrität reproduziert. Der jüdische Typus ist sich im Laufe der Jahrhunderte stets gleichgeblieben.« Es helfe »den Juden und Jüdinnen nichts (…), durch Taufen und Untertauchen in das große Meer der indogermanischen und mongolischen Stämme ihre Abstammung zu verleugnen. Der jüdische Typus ist unvertilgbar. Er ist auch unverkennbar«.120 Zwar betont Hess auch die Bedeutung der Religion für das jahrtausendlange Bestehen dieses Volkes. Am Ende aber war sie für ihn doch nie etwas anderes »als ein aus Familientraditionen sich fortbildender nationaler Geschichtskultus«.121
Mit Moses Hess war wiederum Heinrich Graetz (1817–91) eng befreundet, der Verfasser der großen, umfangreichen und schulbildenden Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart (die ab 1853 erschien). Er war zwar kein Rassist, provozierte aber mit bestimmten polemischen Äußerungen Heinrich von Treitschke so sehr, dass es darüber 1879 zu dem bekannten Berliner Antisemitismusstreit kam. Treitschke schrieb in den Preußischen Jahrbüchern: »Man lese die Geschichte der Juden von Graetz: welche fanatische Wuth gegen den ›Erbfeind‹, das Christentum, welcher Todhaß grade wider die reinsten und mächtigsten Vertreter germanischen Wesens, von Luther bis herab auf Goethe und Fichte! Und welche hohle, beleidigende Selbstüberschätzung!«122 Graetz aber blieb in seiner Antwort an Schärfe nicht hinter dem deutschen Historiker zurück, sondern zitierte am Ende genau den Satz von Disraeli, den wir oben schon kennengelernt haben: »Sie können nicht eine reine Rasse von kaukasischer Organisation zerstören. Es ist ein physiologisches Factum, ein Naturgesetz, welches die egyptischen und assyrischen Könige, römische Kaiser und christliche Inquisitoren beschämt hat. Kein Strafgesetz, keine physische Tortur kann bewirken, dass eine höhere Rasse von einer niederen aufgesogen oder zerstört werde.«123
Dieser unerquickliche Streit sei erwähnt, weil die heutige selektive Geschichtsschreibung nur den bösen Antisemiten Treitschke kennen will, nicht aber Graetz, obwohl dieser in seinem völkischen Nationalismus ganz »ähnliche, bisweilen sogar identische Standpunkte formulierte«.124 Auch Treitschke war übrigens kein Rassist, wie etwa Stöcker, er drängte nur darauf, dass die Juden sich wirklich als »deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens«, wie es seit 1893 hieß, verstanden, nicht als Nation in der Nation.125
Weil der Zionismus, auf den ich gleich komme, stark vom Blut und Boden-Motiv geprägt war, will ich zeitlich etwas vorgreifen und hier noch auf Franz Rosenzweig hinweisen, der die Grundlage jüdischer Identität allein im Blut sah. Zugleich zögere ich, die entsprechenden Sätze von ihm zu zitieren und ihn als Rassenlehrer einzuordnen, weil sein Personalismus sehr anregend auf die christliche Theologie gewirkt hat. Aber seine Äußerungen sind ein weiterer Beleg dafür, wie lebendig der Gedanke des Bluts im Judentum war. So heißt es in Der Stern der Erlösung (1921) von den anderen Völkern, sie könnten »sich nicht genügen lassen an der Gemeinschaft des Blutes; sie treiben ihre Wurzeln in die Nacht derselben toten, doch lebensspendenden Erde und nehmen von ihrer Dauer Gewähr der eigenen Dauer. Am Boden und an seiner Herrschaft, dem Gebiet, klammert sich ihr Wille zur Ewigkeit fest (…). Wir allein vertrauten dem Blut und ließen das Land; also sparten wir den kostbaren Lebenssaft, der uns Gewähr der eigenen Ewigkeit bot, und lösten allein unter den Völkern der Erde unser Lebendiges aus jeder Gemeinschaft mit den Toten. Denn die Erde nährt, aber sie bindet auch (…) Und die Heimat, in die sich das Leben eines Weltvolkes einwohnt und einpflügt (…) – dem ewigen Volk wird sie nie in solchem Sinn eigen (…).«126
11. Der Zionismus: »typisch deutsch«
Man kann nun mit guten Gründen behaupten, dass die Integration der Juden im Wilhelminischen Reich doch in großem Umfang gelungen war. Denn gegen Ende des Jahrhunderts verlor der Antisemitismus wieder an Boden, was übrigens mit der endgültigen Überwindung der langen wirtschaftlichen Krisenzeit zusammenhängt. »Die nicht-antisemitischen Parteien haben die Antisemiten geschlagen und verdrängt und die Wähler zurückgewonnen. Diese Tatsache soll man nicht, wie gewöhnlich, verdrängen oder herunterspielen.«127 Trotz der antisemitischen Agitation blieb Deutschland bis 1914 und sogar bis 1933 die »Hochburg jüdischer Entfaltung«.128 Entsprechend groß war die Bereitschaft der Juden zur Assimilation. Es ist ja gerade das Paradoxe oder das nur »dialektisch« Verständliche, dass die Judenfeindschaft in Deutschland nach 1933 solche Ausmaße annehmen konnte! Und es straft alle linearen Ableitungen der Katastrophe aus einer besonderen deutschen Tradition oder gar Veranlagung Lügen. »Eine vergleichende Studie zu den antisemitischen Hetzkampagnen und den Einstellungen zum Judentum, die zwischen 1899 und 1939 in den Massenmedien vier europäischer Staaten zum Ausdruck kamen (Frankreich, England, Italien und Rumänien) verdeutlicht, dass die Deutschen vor 1933 das am wenigsten antisemitische Volk gewesen waren.«129
Wegen jener starken Assimilationsbereitschaft fand aber die andere Lösung des Problems der Volksreligion, die der Zionismus seit 1896 proklamierte, bei den Juden in Deutschland, jedenfalls bis 1916, nur wenig Widerhall. Denn sie wollten eben loyale Staatsbürger sein, und was Theodor Herzl anstrebte, stellte doch alles, was sie an Emanzipation erreicht hatten, ganz genauso infrage wie die Antisemiten! Diese Lösung war höchstens für die immer noch unterdrückten osteuropäischen Juden ein Gewinn. Aber auch die streng religiösen Juden lehnten den Zionismus ab. Gewiss ist diese Religion eine einzige große Sehnsucht nach Heimat. Die Liturgie des Passah-Fests endet bekanntlich mit dem Ausruf »Das kommende Jahr in Jerusalem!«, als Gebetswunsch schließt sich an: »Erbarme dich, Ewiger, unser Gott, über dein Volk Israel, über deine Stadt Jerusalem, über Zion, die Wohnung deiner Heiligkeit, über deinen Altar und über deinen Tempel. Erbaue bald und in unseren Tagen deine heilige Stadt Jerusalem, bringe uns dahin und erfreue uns durch ihre Wiederherstellung.« Aber diese Hoffnung soll der Messias erfüllen, und es war nicht nur säkular gedacht, sondern gegen Gott gerichtet, wenn man sich an seine Stelle setzen und sein Handeln vorwegnehmen wollte. Damit verlor die Verheißung auch ihre menschheitliche Pointe, und es konnte nur das Gegenteil herauskommen: ein ganz gewöhnlicher Staat im Machtgerangel dieser Welt. Vor dem Hintergrund dieser Kontroverse konnte der erste Zionistenkongress wegen des Widerstands der örtlichen israelitischen Gemeinde und des Deutschen Rabbinerverbandes 1897 nicht in München stattfinden, sondern musste nach Basel verlegt werden.130
Doch es gibt weitere, in gewisser Hinsicht sogar tiefere Einwände gegen Herzl und andere Vertreter des Zionismus. Da ist zunächst die Beobachtung, dass er selber ja nicht nur seiner Religion entfremdet war, sondern ein glühender Bewunderer Bismarcks und des neuen Deutschen Reiches war! Der Kaiser sollte ihn daher bei der Verwirklichung seines Plans gegenüber den Osmanen unterstützen. »Unter dem Protektorate dieses starken, großen, sittlichen, prachtvoll verwalteten, stramm organisierten Deutschlands zu stehen«, notierte er in seinem Tagebuch, »kann nur die heilsamsten Wirkungen für den jüdischen Volkscharakter haben (…). Durch den Zionismus wird es den Juden wieder möglich werden, dieses Deutschland zu lieben, an dem ja doch trotz alledem unser Herz hing!«131 So wurde Deutsch die Arbeitssprache der zionistischen Bewegung und Berlin ihre informelle Hauptstadt.
Bekanntlich war Bismarck aber ein Vertreter des außenpolitischen »Realismus«, und auch darin folgte ihm Herzl z.B. mit der These, dass ein nationaler Zusammenschluss überhaupt nur möglich ist gegen einen gemeinsamen Feind. Daraus folgte, dass er den Antisemitismus nicht etwa verurteilte und bekämpfte, sondern als Herausforderung begrüßte: Ohne ihn hätte das jüdische Volk schon in der Zerstreuung nicht überlebt, und jetzt brauche es ihn, um wieder ein Staatsvolk zu werden. Unsre Feinde, so meinte er, »werden unsere verlässlichsten Freunde und die antisemitischen Länder unsere Verbündeten sein«.132 In gewisser Hinsicht sollte er diesbezüglich sogar Recht bekommen, wir werden das später bei der Behandlung des Nationalsozialismus noch sehen.
Aus jener These folgte weiter, dass Herzl jene Regierungen, die die Juden am liebsten loswerden wollten, beim Wort nahm und an sie appellierte, doch sein Vorhaben zu unterstützen.133 Im Sinne des politischen Realismus war es auch, sich bei den mächtigsten Staaten anzubiedern, um Erfolg zu haben. Herzl selbst tat es bei der türkischen Regierung, spätere Zionisten bei Großbritannien und den USA. Hannah Arendt meint dazu sehr treffend, »dass, solange die Zeit des Messias noch nicht angebrochen ist, ein Bündnis zwischen einem Löwen und einem Lamm verheerende Folgen für das Lamm haben kann«.134
Herzl hat zwar den objektiven, auf die Herkunft abhebenden Begriff der Nation der deutschen und osteuropäischen Tradition übernommen, die Rassenlehre aber abgelehnt. Sand erzählt dazu die hübsche Geschichte vom Besuch des gutaussehenden Herzl bei einem jüdischen Schriftsteller in London, der für seine Hässlichkeit bekannt war. In seinem Tagebuch notiert Herzl dann: »Er steht aber auf dem Rassenstandpunkt, den ich schon nicht akzeptieren kann, wenn ich ihn und mich ansehe.«135 Wollte man damals jedoch wissenschaftlich auf dem neuesten Stand sein, so musste man mit der Rassentheorie operieren. Was andere führende Zionisten eben auch taten – womit wir erneut bei einer dieser Tatsachen sind, die heute gern ausgeblendet werden. Schon der Erfinder des Begriffs »Zionismus« Nathan Birnbaum (1864–1937) knüpfte bei Disraeli und Hess an und schrieb 1886: »Die geistigen und emotionalen Besonderheiten eines Volkes können nur durch die Naturwissenschaften erklärt werden. Ein großer Weiser unseres Volkes, Lord Beaconsfield [Benjamin Disraeli], sagte einmal, ›Die Rasse ist alles‹, in der Besonderheit der Rasse liegt die Einzigartigkeit des Volkes. In den Rasseunterschieden liegt die Quelle der vielen nationalen Varianten. Wegen des Gegensatzes zwischen den Rassen denkt und fühlt der Deutsche oder der Slawe anders als der Jude. Mit diesem Gegensatz kann man die Tatsache erklären, dass der Deutsche das Nibelungenlied schuf, der Jude hingegen – die Hebräische Bibel.«136 Auch Chamberlains Grundlagen des 19. Jahrhunderts fand seine Zustimmung, abgesehen natürlich von dessen antisemitischen Äußerungen. Vielleicht am ungeniertesten offenbarte sich der Zeitgeist bei dem damals sehr bekannten Intellektuellen Max Nordau, der in gewisser Weise zum »Chefideologen« der Zionisten wurde. Er kämpfte gegen die »Entartung« der Zivilisation (so der Titel seines viel gelesenen Buchs von 1892), die er in der modernen Kunst, der Homosexualität und den psychischen Krankheiten am Werke sah. Und er entdeckte im Zionismus die Chance einer Erneuerung der jüdischen Rasse, dieses uralten Blutes: Die Rückkehr in die alte Heimat, zur Muttererde, verbunden mit der Notwendigkeit, wieder Landwirtschaft zu betreiben und sich körperlich zu ertüchtigen, werde erst die Gesundheit des Volkes wiederherstellen. An der Gesundheit lag ihm so viel, dass er endlich wieder »Muskeljuden« sehen wollte, was in der Tat zur Gründung zionistischer Sportvereine führte. Vor seiner Rede auf dem Zweiten Zionistenkongress ließ er Musik aus Wagners Tannhäuser spielen.137 Zur Orientierung am Deutschen Reich kam also hier die konservative Zivilisationskritik hinzu, die am Ende des Jahrhunderts blühte. Sie enthält zwar ein Stück Wahrheit, wie wir heute, ökologisch belehrt, anerkennen müssen, war aber auch verlogen. Wenn diese zweideutige Romantik, diese Rückwendung zu vormodernen Zeiten nun den Deutschen gern vorgeworfen wird, warum dann nicht den frühen Zionisten? War die Rückkehr ins »Heilige Land« nach fast zweitausend Jahren und die anvisierte Wiedergründung des alten Staates Israel nicht eine viel weitergehende, überschwänglichere Romantik? Verlogen war diese Haltung auch insofern, als sie die Moderne zunächst in Gestalt des deutschen, später des britischen und amerikanischen Imperialismus voraussetzte. Für die Imperialisten aber war die Rückkehr des erwählten Volkes nur der Beweis dafür, dass man auch mit der Geschichte beliebig schalten und walten konnte und sie zum bloßen Material geworden war.
Weitere zionistische Vertreter des Blut und Boden-Mythos werden in Sands Buch aufgeführt und kommentiert, so dass ich darauf verweisen kann.138 Es sind so bekannte Persönlichkeiten wie der junge Martin Buber, Wladimir Jabotinsky, der Vater der »revisionistischen« Zionisten oder auch der Organisator der jüdischen Siedlungsbewegung in Palästina, Arthur Ruppin (1876–1943). Letzterer war seit den 1920er Jahren Dozent für die »Soziologie der Juden« an der Hebräischen Universität in Jerusalem, pflegte internationale Kontakte mit Eugenikern und besuchte noch nach Hitlers Machtergreifung den führenden Rassetheoretiker der Nationalsozialisten Hans F. K. Günther in Deutschland, um über die »jüdische Frage« zu diskutieren.139
12. Der Frontenwechsel des Judentums im Ersten Weltkrieg
Paradoxerweise war der Beginn des Ersten Weltkriegs wohl der Höhepunkt dessen, was man die deutsch-jüdische Symbiose genannt hat. Die meisten Juden sahen in Deutschland durchaus ihr Vaterland, sie folgten keineswegs widerwillig der Kriegspflicht, viele waren sogar vom Gefühl nationaler Solidarität ergriffen. Jüdische Intellektuelle teilten auch die »Ideen von 1914« mit ihrer Abgrenzung von der westlichen Zivilisation, ich erinnere an Max Scheler, Georg Simmel, Hermann Cohen. In unserem Zusammenhang ist am wichtigsten Cohens Schrift Deutschtum und Judentum aus dem Jahr 1915. Für ihn, den Neukantianer, war der deutsche Idealismus ohne Zweifel der Gipfel der abendländischen Philosophie. Er stehe mit seiner menschheitlichen Orientierung in Parallele zum jüdischen Monotheismus und Messianismus. Daher sei Deutschland für den Juden heute »das Mutterland seiner Seele«! Es habe die Aufgabe, der »Erziehungsgeist der Völker« zu sein. Diese Aufgabe müsse Deutschland nach dem Verteidigungskrieg, den es jetzt zu führen habe, wieder wahrnehmen. Der Krieg aber müsse die Vorbereitung des »ewigen Friedens« im Sinne Kants sein, d.h. eines Völkerbundes mit Deutschland als Mittelpunkt.140 Die Hoffnung der jüdischen Bürger auf entsprechende Fortschritte in der Gleichstellung schienen sich auch zu erfüllen. Juden konnten z.B. jetzt Offiziere werden oder führende Positionen in der staatlichen Lenkung der Wirtschaft einnehmen (erinnert sei an Walther Rathenau). Es wurde eigens eine jüdische Abteilung im Auswärtigen Amt geschaffen, in der z.B. Nahum Goldmann, der spätere Präsident des Jüdischen Weltkongresses, beschäftigt war.
Man kommt nicht umhin, zu dieser hochinteressanten Persönlichkeit wenigstens ein paar Sätze zu sagen. Goldmann war zwar im Unterschied zu Cohen ein überzeugter Zionist, aber zugleich deutscher Patriot. So betont er in seiner Schrift Von der weltkulturellen Bedeutung und der Aufgabe des Judentums (1916), dass die künftige Weltkultur »in ihrem tiefsten Wesen deutsch sein wird«, und sieht darin keinen Widerspruch. Denn Juden und Deutsche gehören schon aufgrund ihres unglücklichen historischen Schicksals zusammen, sind »die trotzigsten, steifnackigsten, zähesten und widerspruchsvollsten Völker der Geschichte«. Zweitens haben sie sich wechselseitig stärker befruchtet als andere Völker: »Kein europäisches Volk ist im letzten Jahrhundert von Juden und vom jüdischen Geiste stärkerbeeinflusst worden als das deutsche« wie umgekehrt »keine Kultur auf das moderne Judentum so stark und entscheidend eingewirkt hat wie die deutsche«.141 Und drittens verbinde sie eine gemeinsame »Auserwähltheit«, und zwar zu der Mission, der Menschheit den »sozialen Gedanken« zu vermitteln. Ich erwähne noch zwei weitere Feststellungen, die Goldmann trifft, und werde später auf sie zurückkommen. Wenn er von der weltkulturellen Aufgabe der Juden und Deutschen spricht, so meint er deren »sittlich-demokratisch-soziale Ausrichtung« im Gegensatz zum »künstlerisch-aristokratisch-individualistischen Lebensideal des Griechentums«.142 Die griechische Philosophie sei überhaupt für die Gegenwart viel weniger bedeutsam als die Bibel. Das schließt nicht nur eine Absage an Nietzsche mit ein, sondern zeigt auch den Widerspruch zur deutschen Orientierung am Griechentum bzw. an der klassischen Antike. Dabei war Goldmann ein großer Kenner und Verehrer Goethes. Andererseits grenzt er sich als Zionist aber auch vom Assimilationsjudentum ab, dessen Wurzeln im Kosmopolitismus der westlichen Aufklärung lägen, während das national denkende Judentum im deutschen Idealismus gründe, der gegen die nivellierende Tendenz des westlichen Kosmopolitismus die Menschheit in nationaler Vielfalt gedacht habe. So seien Fichte und Hegel die philosophischen Lehrmeister des Zionismus!143
Die Zionisten gründeten schon im August 1914 ein Komitee für den Osten, weil sie davon ausgingen, dass ein Sieg über das Zarenreich endlich die Befreiung der osteuropäischen Juden ermöglichen würde. »Es war die Absicht, die Kenntnisse und Beziehungen der Begründer zu den Ostjuden und den Juden in Amerika der deutschen Regierung zur Verfügung zu stellen, so zur Niederringung des zaristischen Russland beizutragen und den Juden im Osten die Bürgerrechte und die nationale Autonomie sicherzustellen. Zur Aufklärung der Bevölkerung im besetzten Gebiete wurde die Zeitschrift Kol Mevasser (Die Stimme des Verkünders) herausgegeben. Ein Vertreter des Comité wurde nach Amerika entsandt, wo er bis zum Ausbruch des deutschamerikanischen Krieges gewirkt hat.«144 Das Komitee arbeitete also eng mit den deutschen Behörden zusammen und sorgte z.B. für die Verbreitung deutscher Propaganda in den besetzten Gebieten. Von den Russen wurden die Juden daher als fünfte Kolonne der Deutschen betrachtet und behandelt. Umgekehrt beseitigte die deutsche Besatzungsmacht tatsächlich die diskriminierenden Gesetze des Zarenreichs und setzte sich auch gegenüber dem Osmanischen Reich für das zionistische Anliegen ein.
Es waren hauptsächlich zwei Ereignisse, die das gute Verhältnis zwischen Juden und Deutschen schließlich zerstören sollten: die sogenannte »Judenzählung« in Deutschland (1916) und die Balfour-Deklaration der Alliierten (1917). Da es sich einerseits um ein innerpolitisches, andererseits ein außenpolitisches Ereignis handelt, ist schwer zu entscheiden, was letztlich den Ausschlag gab.
Das Jahr 1916 war ein schlechtes Kriegsjahr für die Mittelmächte. Vor Verdun waren sie mit ungeheuren Opfern gescheitert, die britische Offensive an der Somme hatte zu weiteren schweren Verlusten geführt und eine russische Großoffensive hätte beinahe den Zusammenbruch des österreichisch-ungarischen Heeres gebracht. Die Kampfmoral und Disziplin der Soldaten sank, weil das Ausharren im Stellungskrieg zunehmend als sinnlos empfunden wurde. So kam statt des »Helden« der »Drückeberger« in den Blick, und hier setzte die antisemitische Hetze ein, die besonders die Juden der Drückebergerei verdächtigte. Daraufhin wurde im November 1916 eine statistische Erhebung über deren Beteiligung am Militärdienst angeordnet. Die Ergebnisse bestätigten den Verdacht keineswegs145 und wurden auch nicht veröffentlicht, aber der Vorgang der »Judenzählung« als solcher hat gerade die integrationsbereiten Juden, wie könnte es anders sein, zutiefst beleidigt.
In der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 versprach der britische Außenminister bekanntlich den Juden eine »Heimstatt« in Palästina. Die militärische Ausgangslage war aber in gewisser Hinsicht umgekehrt, denn jetzt befanden sich die Alliierten im Nachteil. Im Osten zeichnete sich ab, dass die Russen nach der letzten gescheiterten Offensive den Krieg nicht mehr weiterführen konnten und wollten. Im Fall eines Waffenstillstands, der im Dezember 1917 dann auch von der neuen russischen Revolutionsregierung abgeschlossen wurde, würden aber deutsche Armeen für die Westfront frei werden! Und da die Amerikaner zwar in den Krieg eingetreten, aber noch nicht präsent waren, konnte das die endgültige Niederlage der Alliierten bedeuten. Abgesehen von strategischen Überlegungen in Bezug auf den Suezkanal ging es angesichts dieser dramatischen Situation jetzt darum, die Juden in aller Welt für die eigene Sache zu gewinnen. Da viele mittel- und osteuropäische Juden bisher den Mittelmächten zugeneigt waren, war man von der Bedeutung des deklarierten Angebots überzeugt. »Ich glaube«, so der britische Diplomat Robert Cecil, »dass man die internationale Macht der Juden schwerlich übertreiben kann.«146 Seit dem Frühjahr 1918 nahm die jüdische Presse dann in der Tat nicht mehr Partei für Deutschland, sondern für die Alliierten.147 Dieser »Frontenwechsel« war offenbar so weitgehend gelungen, dass die Antisemiten in Deutschland die Umorientierung der Juden auch nach dem Krieg als Bestätigung ihrer Ansichten verstehen konnten (»Die Juden haben uns verraten«). Dieses Umschwenken war aber nichts anderes als die schon von Herzl betriebene Realpolitik. Um als Schwächerer Erfolg zu haben, musste man herausfinden, wer der Stärkste war und dessen Unterstützung gewinnen. Das Verhältnis von Stärke und Schwäche war zwar im Frühjahr 1918 noch nicht leicht zu bestimmen und insofern war der jüdische Wechsel zu den Alliierten kluge Voraussicht. Er wurde aber zweifellos »erleichtert« durch eben jene unsinnige »Judenzählung«. Auch die Juden konnten jedenfalls behaupten, Recht zu haben mit ihrer Entscheidung, obwohl sie eigentlich machtpolitisch motiviert war. Bedenkt man schließlich, dass die Engländer ihr Versprechen gar nicht gehalten haben, so zeigt sich, dass »Realpolitik« vielleicht doch nicht so klug ist, wie sie erscheint. Den letzten Anstoß zur jüdischen Umorientierung gab dann wohl die deutsche Niederlage, denn sie setzte der so enthusiastisch gepriesenen deutschen Menschheitsmission ein Ende. Auf der ideellen Ebene kann man das etwa an dem schon erwähnten Franz Rosenzweig beobachten, der ein Schüler Hermann Cohens war, sich aber 1918 deutlich von den Ansichten seines Lehrers abwandte. Cohens Ansatz von 1915, nach überstandenem Krieg müsse Deutschland mit seiner Philosophie und Kultur der »Erziehungsgeist der Völker« sein, fehlte mit dem Ausgang des Krieges jede Substanz. Umgekehrt fand Rosenzweig jetzt, dass die Assimilation die Juden in beschämender Weise ihrer eigenen Tradition entfremdet habe und das Ziel einer spezifisch jüdischen Erziehung darin bestehen müsse, gerade das Trennende, Besondere gegenüber der deutschen Kultur hervorzuheben.148 Das Eigenartige ist allerdings, dass diese Abgrenzung auf jüdischer Seite nun wieder in Kategorien erfolgt, die damals auch im Denken der Deutschen zu dominieren beginnen: Volk, Blut, Rasse. Die Frage an unsere Fachhistoriker lautet daher: Besteht denn nicht eine Parallele bzw. Wechselwirkung zwischen dieser Rückbesinnung der Juden auf ihre Tradition, dieser »jüdischen Renaissance« und dem erstarkenden Antisemitismus in Deutschland?
13. Zweierlei Boykott und das Haavara-Abkommen
Wir nähern uns jetzt der Phase der deutsch-jüdischen Geschichte, die uns am meisten zu schaffen macht. Schon beim letzten Punkt hatten wir das Problem, das streitende Kinder immer haben, wenn sie sich wieder versöhnen sollen: Wer hat denn »angefangen«? Erfahrene Eltern werden sich auf diese Frage gar nicht einlassen, sondern stillschweigend davon ausgehen, dass nicht bloß beide ihren Anteil an Schuld haben, sondern dass zwischen beiden etwas nicht stimmt. So werden sie den Zerstrittenen am besten eine neue gemeinsame Aufgabe stellen, die sie fasziniert. In ähnlicher Weise müssten auch die Historiker verfahren, aber der Holocaust verleitet sie dazu, uns die Juden immer als Märtyrer, Heilige oder Schafe vorzustellen, die sich brav zur Schlachtbank führen lassen; und die Nazi-Deutschen als Herrenmenschen, die ohne Gründe, aus Verblendung oder reiner Willkür darauf aus sind, Juden umzubringen. Eine solche Geschichtsbetrachtung geht jedoch an der wirklichen Geschichte vorbei. Es gab sehr wohl einen organisierten jüdischen Kampf und einen entsprechenden Druck auf die Nationalsozialisten.
Auch historisch Informierte wissen meist nur, dass es am 1. April 1933 auf Geheiß der Nationalsozialisten einen Boykott jüdischer Geschäfte gab, verbunden mit üblen Ausschreitungen. Sie wissen aber meist nicht, dass diese Aktion eine Reaktion darstellte und zwar auf den weltweiten Boykott deutscher Exportgüter, den der »American Jewish Congress« im März 1933 propagiert hatte und der auf den ökonomischen Zusammenbruch des Nationalsozialismus zielte! »Lasst uns Deutschland diesen Winter in die Unterwerfung hungern!«, lautete die Losung.149 Der Boykott wurde zwar nur teilweise befolgt, etwa in Osteuropa, und so das Ziel nicht erreicht; immerhin aber sank der deutsche Export in die USA bis 1937 noch unter den Tiefstand, den schon die Weltwirtschafskrise bewirkt hatte.150 Natürlich kann man diesen Boykott aufgrund der antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten als berechtigt ansehen. Doch selbst andere jüdische Organisationen wie das »American Jewish Committee«, das vom oben genannten »Congress« zu unterscheiden ist, waren durchaus nicht von der Sinnhaftigkeit des Boykotts überzeugt, sondern setzten auf Deeskalation.151 Wir wissen aus unserer Erfahrung, so in Bezug auf den Irak, dass solche Sanktionen meist gerade nicht diejenigen treffen, die sie treffen sollen, sondern nur die ohnehin unterdrückte und ärmere Bevölkerung. Im Irak trafen die Sanktionen bekanntlich eine halbe Million Kinder, die wegen fehlender Medikamente sterben mussten. In Deutschland kamen nun die Sanktionen zu den Folgen der Wirtschaftskrise noch verschärfend hinzu!
Von Seiten der nationalsozialistischen Regierung gab es noch eine weitere Reaktion auf den Handelsboykott, die allerdings wieder kaum bekannt ist. Die Rede ist vom sogenannten Haavara-Transfer-Abkommen, das am 7. August 1933 zwischen Vertretern der »Jewish Agency«, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem Reichswirtschaftsministerium abgeschlossen wurde.152 »Das Abkommen erleichterte deutschen Juden die Ausreise nach Palästina, indem es ihnen ermöglichte, Teile ihres Vermögens zu transferieren. Das Vermögen war auf ein Treuhandkonto einzuzahlen, um in Form deutscher Waren nach Palästina exportiert und dort in lokaler Währung wieder an die Emigranten ausgezahlt zu werden.«153 Das war eine gegenüber den bis dahin geltenden Bestimmungen für Auswanderer großzügige Regelung. Bis 1939 konnten auf diese Weise 52 000 Juden154 aus Deutschland nach Palästina übersiedeln, es wurden gleichzeitig Werte im Umfang von 140 Millionen Reichsmark transferiert. Eine spätere Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass es ohne diesen Zuzug kluger Menschen und den beträchtlichen Strom von Kapital wohl niemals einen Staat Israel hätte geben können.155 Somit hat die nationalsozialistische Politik paradoxerweise dazu beigetragen, das Versprechen der Balfour-Deklaration von 1917 gegen den britischen Willen einzulösen. Und so verläuft die wirkliche Geschichte!
Das Hauptinteresse der deutschen Regierung bestand jedoch darin, den weltweiten jüdischen Boykott zu unterlaufen, und zwar nicht bloß durch die Erweiterung des Exports ausgerechnet nach Palästina, sondern auch durch die ideelle Wirkung des Abkommens auf die Juden in aller Welt.156 Dieser Effekt wurde in gewissem Sinne auch erreicht, denn es kam zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern des Abkommens – bis hin zum Mord an Chaim Arlosoroff, einem Vertreter der »Jewish Agency«, der das Abkommen mit vorbereitet hatte.157 Die einen sahen keinen besseren Weg, um den deutschen Juden zu helfen, und erkannten den wirtschaftlichen Gewinn für den Aufbau in Palästina. Die anderen bestanden auf Einhaltung des Boykotts und sprachen von einem »Pakt mit dem Teufel«. Auf dem Zionistenkongress in Luzern 1935 stimmte die Mehrheit jedoch der Vereinbarung zu. Als ihre Durchführung 1938 aus verschiedenen Gründen schwierig wurde, war es Hitler persönlich, der ihre Fortsetzung verlangte. Im Januar 1939, also nach dem Novemberpogrom von 1938, kam es auch zu einer neuen Übereinkunft, die aber nicht umgesetzt wurde, weil »Detailfragen« nicht geklärt werden konnten.158 Die Rettung von Menschenleben ist demnach an Detailfragen gescheitert! Wer trägt die Schuld?
Ergänzend sei daran erinnert, dass es natürlich unzulässig ist, die deutsche Politik gegenüber den Juden vor dem Krieg gleichsam als bloße Vorgeschichte des Holocaust zu deuten. Ihr Ziel war eindeutig die Auswanderung, nicht die Vernichtung. Es gab sogar starke Sympathie für die zionistische Bewegung! 1933 schrieb der nationalsozialistische Publizist, Jurist und spätere Professor für Geschichte Johann von Leers, der Grundgedanke der Zionisten sei »gesund und berechtigt«. Würden die Juden unter Aufgabe ihrer Weltherrschaftspläne wirklich in Palästina und anderen Kolonien zu »Pflug, Hacke und Sense« greifen, dann würden die schärfsten Antisemiten ihre Kampfschriften »im Freudenfeuer verbrennen«. Und weiter: »Wir haben – bei allem Radikalismus – niemals den Kampf gegen das Judentum geführt, um das jüdische Volk zu vernichten.«159 Fast spiegelbildlich wollten die Zionisten den Antisemitismus durchaus nicht bekämpfen, sondern begriffen ihn – wie wir oben sahen – als Herausforderung für die Juden, endlich auch zu politischer Selbstständigkeit zu kommen. Im außenpolitischen Realismus stimmten beide Seiten also zunächst durchaus überein und zum Teil sogar in dessen rassistischer Fundierung. Das Problem, das in dieser Übereinstimmung steckte, war freilich die geringe Reichweite und Tragfähigkeit eines solchen »Internationalismus der Nationalisten«. So wäre die »Sympathie« der Nationalsozialisten sicherlich geringer gewesen, hätte es sich nicht um ein kleines, weit entferntes Land gehandelt, sondern um einen gerüsteten Staat mit eigenen, womöglich entgegengesetzten Interessen.
14. Wie der Holocaust instrumentalisiert wird
Über den Holocaust selbst werde ich schweigen, denn das scheint schon bezogen auf die Möglichkeiten, die uns die Sprache bietet, das Beste. Zum Streit der Historiker über die unmittelbaren Ursachen und die historische Einordnung des Geschehens werde ich in den »Notizen« weiter unten noch etwas sagen. Allerdings trägt schon die Debatte der Historiker und noch mehr die öffentliche Behandlung des Themas bestimmte Züge, die einem zu denken geben müssen. Hat das, was da gesagt oder dargestellt wird, überhaupt etwas mit dem, was geschehen ist, zu tun?
Zwei Tatsachen fallen besonders auf: Die »Aufarbeitung« dieser bedrückenden Vergangenheit setzt erst rund 30 Jahre später ein und sie geht hauptsächlich von den Vereinigten Staaten aus, weniger von den Deutschen selbst. Nun fallen uns sicher gleich einige Gründe dafür ein, auf die wir auch noch eingehen werden. Zunächst ist der Sachverhalt aber durchaus ungewöhnlich, weil historische Erschütterungen im Allgemeinen gleich nach ihrem Ende die Menschen am stärksten beschäftigen, um dann im öffentlichen Bewusstsein eine geringere Rolle zu spielen und schließlich aus ihm zu verschwinden. Der amerikanische Historiker Peter Novick hat sich mit diesem paradoxen Sachverhalt befasst und kommt zu dem Ergebnis, dass es in der deutschen Nachkriegsgeschichte und in den USA offenbar ähnlich gewesen ist: Zwar wurde z.B. über die Konzentrationslager berichtet, aber dabei wurden die Juden keineswegs besonders hervorgehoben, sondern galten als Opfer unter anderen. »Nichts also verknüpfte sie mit dem, was heute als ›der Holocaust‹ bezeichnet wird.«160 Novick hat sogar festgestellt, dass dieses »Beschweigen« in jenen Jahren auch von den Juden selbst praktiziert wurde und oft gar nicht so tiefe Ursachen hatte, wie wir vielleicht vermuten. So habe David Ben Gurion versucht, die Bedeutung des Völkermords herunterzuspielen, weil er sich Sorgen machte, dass für die Besiedelung Israels nicht mehr genug Leute vorhanden sein würden. Und die wichtigsten jüdischen Organisationen in den USA stimmten nach dem Krieg dreimal gegen den Vorschlag, in New York ein Denkmal für die ermordeten Juden zu errichten, weil sie befürchteten, von ihren Mitbürgern dann nur noch als Opfer angesehen zu werden. Ein »ewiges Denkmal der Schwäche und Wehrlosigkeit des jüdischen Volkes« sei nicht in ihrem Interesse.161
Diese Haltung änderte sich erst mit dem Sechstagekrieg (1967) und zumal mit dem Jom-Kippur-Krieg (1973) – allerdings, wie wir gleich hinzufügen müssen, keineswegs grundlegend. Denn in diesen Kriegen zeigte sich zwar einerseits die anhaltende Gefährdung Israels, andererseits aber auch seine beeindruckende Stärke und Wehrhaftigkeit. Nach den militärischen Siegen konnte man die bisherige Verlegenheit und Scham hinter sich lassen und zu einem neuen nationalen Selbstbewusstsein kommen. So entstand kurz nach dem Krieg 1973 die Bewegung der »Gusch-Emunim« (Block der Gläubigen), die an die Stelle des Rechtsbegriffs »Staat Israel« den biblischen Begriff »Eretz Israel«, also »Land Israel« setzte, die militärische Gebietseroberung auf den Alten Bund zwischen Gott und dem erwählten Volk zurückführte und mit der illegalen Besiedlung dieser Gebiete begann.162 1977 wurde dann die seit der Staatsgründung regierende Arbeiterpartei erstmals durch den konservativen Likud-Block abgelöst.
Das jüdische Volk war gleichsam wieder auferstanden, und nun war es möglich, mit dem Holocaust »etwas anzufangen«, ihn nämlich als negative Folie und Voraussetzung dieser nationalen »Auferstehung« zu interpretieren, als »Kreuzigung«, die der Auferstehung vorausgegangen war.163 Mit anderen Worten: Dem Holocaust wurde jetzt ein »Sinn« zugesprochen im Rahmen einer Heilsgeschichte, die von der säkularen Geschichte des Staates gar nicht mehr zu unterscheiden war. Zu dieser geschichtlich-übergeschichtlichen Logik passte es auch, dass der Holocaust nicht bloß als Ereignis der Vergangenheit, sondern als immer noch gegenwärtige Bedrohung gedeutet werden konnte. So hat Menachem Begin, israelischer Ministerpräsident von 1977 bis 1983, die Palästinensische Befreiungsbewegung (PLO) als »neonazistische Organisation« bezeichnet,164 später galt Saddam Hussein als neuer Hitler und nahm andererseits der iranische Ministerpräsident den Ball auf, indem er den Holocaust glatt leugnete.
Wenn aber der Nationalsozialismus eine noch gegenwärtige, lebendige Bedrohung ist, dann – so könnte man schließen – müsste es eigentlich auch die jüdische Rasse noch geben, sonst liefe der Nationalsozialismus ja ins Leere, weil ihm sein spezifischer Feind fehlt. Wir vermeiden diese Schlussfolgerung, weil wir von der Rassenlehre schlicht nichts halten und der Meinung sind, dass sie spätestens seit 1945 bzw. seit der UNESCO-Erklärung von 1950 wissenschaftlich erledigt ist. Das sieht jedoch ein beachtlicher Teil der Wissenschaft in Israel anders!
Zahlreiche israelische Wissenschaftler halten diese Fiktion weiterhin aufrecht – in den 1960er Jahren eher noch unauffällig, seit den 1970er Jahren jedoch ganz offen. Eine Professorin der Universität Tel Aviv hat 1980 geschrieben: »In den Siebzigerjahren wurden viele neue Arbeiten auf dem Gebiet der anthropologischen Genetik der Juden veröffentlicht, Arbeiten, die vor allem Fragen stellen wie ›Was ist die Herkunft des jüdischen Volkes?‹ und ›Existiert eine jüdische Rasse?‹ (…) Eines der klaren Ergebnisse ist die genetische Nähe von nordafrikanischen, irakischen und aschkenasischen Juden. In den meisten Vergleichsstudien stellen sie eine Einheit dar, während die Nichtjuden (Araber, Armenier, Samaritaner und Europäer) ihnen fernstehen.«165 An den Hochschulen kam es zur Gründung einer neuen Disziplin, der »Genetik der Juden«, und Israel wurde führend in der biologischen Erforschung der Herkunft von Bevölkerungsgruppen. Die Suche nach dem »jüdischen Gen« wurde forciert und das öffentliche Interesse daran nahm ständig zu. »Zum Ende des 20. Jahrhunderts hin wusste jeder Durchschnittsisraeli, dass er zu einer einheitlichen Blutsgemeinschaft gehörte, die einen mehr oder weniger homogenen, tief in der Vergangenheit liegenden Ursprung hat.«166 Warum entlarvt die israelische Wissenschaft, jedenfalls ein dominierender Teil von ihr, nicht mit Entschiedenheit diese »Idee«, die ja in der arabischen Umwelt tatsächlich eine gewisse Rolle spielt, sondern pflegt sie selber? Folgt die Wissenschaft damit dem zionistischen Schema, das wir schon kennengelernt haben und demzufolge der Antisemitismus nicht bekämpft, sondern als Herausforderung angenommen wird? Braucht Israel eine echte Bedrohung, um daraus seine Helden-Identität zu gewinnen? Oder glaubt man umgekehrt tatsächlich daran, derart biologisch »auserwählt« zu sein und fühlt sich von den Nichterwählten bedroht? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass Frieden so nicht zustande kommt.
Auch in den USA führte die Begeisterung für das heldenhafte Israel zu einer Verschmelzung von Solidaritätsbekundung und religiösem Bekenntnis.167 Aufgrund der puritanischen Tradition und des wachsenden Fundamentalismus konnten sich auch die Christen dieser Koppelung leicht anschließen. So wurde »der Holocaust« zum festen Bestandteil der amerikanischen Zivilreligion und bald ausgeweitet zum Symbol für das Böse schlechthin, dem die guten USA mit Israel an ihrer Seite bekanntlich immer entgegentreten.168 Seitdem muss jeder in der Welt aufpassen, dass er nicht als Neonazi oder Antisemit entlarvt wird. Nach einer Umfrage aus dem Jahre 1995 scheinen die US-Amerikaner auch weit besser über den Holocaust Bescheid zu wissen als über Pearl Harbour oder die Atombombenabwürfe auf Japan.169 Man spricht inzwischen sogar von einer ganzen Holocaust-»Kultur« und Holocaust-»Industrie«, so Norman Finkelstein in einem Interview aus dem Jahr 2002, denn mit der Präsentation dieses »sensationellen« Verbrechens lässt sich natürlich – wie mit harten Krimis – auch viel Geld verdienen.
In Deutschland schließlich hatte es zwar schon die Auschwitz-Prozesse von 1963–65 und das darauf bezogene Theaterstück Die Ermittlung von Peter Weiss gegeben (1965), aber im Gegensatz zu derart anspruchsvollen oder wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema170 erreichte erst die in Deutschland 1979 ausgestrahlte Fernsehserie Holocaust eine breite Wirkung in der Bevölkerung. 1968 besuchten nur 471 Schulgruppen die Gedenkstätte des KZ Dachau, Ende der 1970er Jahre waren es dagegen mehr als 5 000.171 Die Serie war allerdings ein typisches Produkt des kommerziellen US-Fernsehens bzw. eben jener »Holocaust-Kultur«. Namhafte deutsche Regisseure wie Hans-Jürgen Syberberg und Edgar Reitz erhoben daher Einspruch gegen diese Art der Beeinflussung der Deutschen. Hier würden sie ihrer Geschichte beraubt, anstatt sich mit ihr auseinandersetzen zu können.172 Der Vorgang wiederholte sich in gewisser Hinsicht in den 1990er Jahren mit Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker (1996). Es wurde schnell zum Bestseller, aber die Fachhistoriker distanzierten sich weithin. Gegen Ende der Debatte um das Buch stellte Hans Mommsen zugespitzt fest: »Mir ist jetzt klarer, warum die Deutschen Hitler gewählt haben«, die Zustimmung zu Goldhagen sei als »Zeichen eines neuen Irrationalismus« zu werten, als »verdrehtes Nationalgefühl, das sich über Schuldbekenntnisse artikuliert«.173
15. Funktionen des Symbols »Holocaust« seit dem Umbruch der 1970er Jahre
Was sind nun die Gründe dafür, dass der Holocaust erst nach etwa 30 Jahren zum öffentlichen Thema wurde und seine Thematisierung hauptsächlich von den USA ausging? Eine naheliegende Erklärung ist, dass die Deutschen ihre Schuld zunächst gar nicht erkannt, sie bagatellisiert oder geleugnet haben, weil sie noch in der nationalsozialistischen Ideologie befangen waren oder weil sie sich so verhielten, wie die meisten Menschen, denen es ja auch nicht leichtfällt, eine Schuld einzugestehen. Diese Erklärung trifft sicher zu, sie reicht jedoch nicht aus! Denn wir sahen ja, dass die Amerikaner ebenfalls kein Interesse zeigten, die besondere Bedeutung der Judenvernichtung zu betonen, und dass die Juden selbst den Holocaust als peinliche Niederlage empfanden. Etwas abgewandelt lautet die Erklärung, dass die Schuld zunächst »verdrängt« wurde, weil sie zu groß und ungeheuerlich war. Demnach müsste sie aber im Unbewussten weitergewirkt haben, sich in psychischen Erkrankungen gewaltsam Ausdruck verschafft haben, bis schließlich die USA gleichsam als Psychiater sich der geplagten Deutschen annahmen und eine analytische Behandlung einleiteten! Doch dies nur als wenig überzeugende Karikatur.
Eine weitere These besagt, dass es sich in der Nachkriegszeit um ein sozusagen normales, gesundes Vergessen der Schuld handelte, weil man nach dieser Katastrophe ja zunächst ganz andere Probleme hatte, ums Überleben kämpfen und die Wirtschaft wieder aufbauen musste. Das klingt zwar plausibel, aber ist die US-amerikanische Politik wirklich so weise gewesen, diesen Umstand zu berücksichtigen und ist erst dann, als die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung war, mit ihrem moralischen Anliegen an die Deutschen herangetreten? Interessanter wird die Debatte, wenn wir gleich von der westlichen Führungsmacht ausgehen. Denn sie bekam ja bald nach dem Krieg einen neuen Gegner, der sie voll in Anspruch nahm und gegen den sie das deutsche Potential sogar benötigte. Da wäre es nicht klug gewesen, von den Verbrechen der Deutschen zu viel Aufhebens zu machen. Beide, Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus wurden ja damals unter dem Namen »Totalitarismus« zusammengefasst, was aber praktisch darauf hinauslief, den Kommunismus als lebendigen, gegenwärtigen Nationalsozialismus zu betrachten! In der Tat war diese Überlegung ein Grund, weshalb die Amerikaner den Holocaust lange nicht besonders hervorhoben. Es kann aber nicht der Grund sein, weshalb sie es in den 1970er Jahren dann doch taten! Denn zu dieser Zeit war der Gegner Sowjetunion ja noch vorhanden und sogar auf dem Gipfel seiner Macht! Die Entspannungspolitik ging zu Ende und der Kalte Krieg lebte allmählich wieder auf. Gerade jetzt hätte es daher nahegelegen, beim schonenden Umgang mit der Vergangenheit des Bündnispartners zu bleiben.
Eine letzte Erklärung für die Verspätung der Holocaust-Debatte sei noch angeführt, mit der ich mich meiner eigenen These nähere. Gewiss ging es den USA nach dem Krieg auch um die Umerziehung der Deutschen, aber hauptsächlich darum, die Institutionen so zu verändern, dass eine Wiederkehr des Nationalsozialismus unmöglich wurde. Dabei mussten sie aber zwangsläufig an die Weltwirtschaftskrise denken, die den Nationalsozialismus ja erst ermöglicht hatte und unter der sie selbst, trotz »New Deal«, bis zum Kriegsbeginn gelitten hatten. Der Holocaust war aus dieser Sicht vor allem die Folge einer aus den Fugen geratenen Ordnung. In der Nachkriegszeit ging es daher um die Zukunftsorientierung und die Beseitigung der strukturellen Ursachen der Katastrophe, nicht um eine vergangenheitsorientierte Suche nach den persönlich Schuldigen, die mit den Nürnberger Prozessen abgeschlossen war. Diese Zukunftsorientierung zeichnete sich schon mit der Ablehnung des Morgenthau-Plans ab, der Deutschland auf den Status eines Agrarstaates zurückgeworfen hätte, während der schließlich mit dem Marshall-Plan eingeschlagene Weg bald für neues wirtschaftliches Wachstum sorgte. Die USA wollten nicht den Fehler des Versailler Vertrags wiederholen und Deutschland politisch abstrafen, sondern, von Keynes inspiriert, ökonomisch fördern.
Doch warum erzähle ich das? Weil eben diese Orientierung in den 1970er Jahren aufgegeben wurde! Deswegen muss man die 1970er Jahre und die Lage, in der sich die USA samt Israel damals befanden, genauer ins Auge fassen, wenn man die sogenannte »Holocaust-Kultur« verstehen will. Diese Zeit war in fast jeder Hinsicht eine Umbruchzeit, die unser Leben bis heute prägt.
Der Umbruch begann mit der bis dahin wohl massivsten Infragestellung der westlichen Zivilisation und diese Infragestellung erfolgte gleichzeitig durch den Osten, den Süden und, was noch hinzukommt, durch die Umweltkrise. Die Sowjetunion befand sich auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Macht und ihres Einflusses in der Welt. Die Entwicklungsländer erreichten den höchsten Grad an Geschlossenheit, konnten mit den Ölpreiserhöhungen empfindlichen Druck ausüben und begannen sich fundamentalistisch vom westlichen Modernisierungsmodell abzuwenden, wie der Iran mit der Islamischen Revolution 1979. Die natürlichen Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums wurden erkannt, die berühmte Studie des »Club of Rome« erschien bereits 1972.
Gegen Ende der 1970er Jahre kam es zur tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. In den USA löste das alles »dunkle und namenlose Ängste aus«, wie es der Ökonom Robert Heilbroner ausdrückte, denn ihre Hegemonie war im Niedergang begriffen. Daran muss man sich erinnern, wenn man verstehen will, wieso die Sinnlosigkeit des Holocaust überhaupt in den Blick kommen konnte. Alles, was man nach dem Sieg über den Nationalsozialismus erreicht hatte, schien jetzt wieder verloren zu gehen! Aber wir haben ja schon gesehen, wie der Vorposten des Westens Israel die gefährliche Situation von 1973 gemeistert hatte. So konnte er dem Holocaust den Sinn geben, nur die dunkle Nacht zu sein, aus der man zu einem neuen Tag emporsteigt. Sollten das die USA und der Westen nicht auch schaffen? In der Tat hat die westliche Führungsmacht seit Ende der 1970er Jahre auf die genannten Herausforderungen mit aller Härte reagiert:
–sozialökonomisch durch die neoliberale Abkehr von Wohlfahrtsstaat, Nachfragestimulierung, niedrigen Zinsen und die Hinwendung zur Eigendynamik des Marktes, Angebotsökonomie, Hochzinspolitik;
–außen- und sicherheitspolitisch durch gewaltige Rüstungsanstrengungen und den Übergang von der atomaren Abschreckung zur Strategie eines begrenzten, darum führbaren und gewinnbaren Atomkriegs;
–entwicklungspolitisch durch den Abbruch des eine neue Weltwirtschaftsordnung anstrebenden Dialogs mit der sogenannten Dritten Welt und die Ausnutzung ihrer Schuldenkrise, um sie zur inneren, strukturellen Anpassung an den Weltmarkt zu zwingen;
–umweltpolitisch durch den Schritt von der Erkenntnis zur Leugnung oder bloß kosmetischen Berücksichtigung der Umweltkrise;
–ideell bzw. ideologisch durch den Rückgriff auf die Aufstiegszeit der USA vor der Großen Depression, durch Abkehr von der aufgeklärten Vernunft und Hinwendung zu Fundamentalismus, Unduldsamkeit und Kreuzzugsstimmung.
Der Abschied vom »Goldenen Zeitalter« (Hobsbawm), der damit eingeleitet wurde, bedurfte der Rechtfertigung, und in diesem Zusammenhang wurde das Symbol »Holocaust« wichtig, eben als Symbol für die Bedrohung des Westens, die er aber siegreich bestehen würde. Es erfüllte dabei gleichzeitig verschiedene Funktionen. Der Bezug zum Nationalsozialismus war nicht nur durch Israel hergestellt, sondern es ging ja um die Rettung der amerikanischen Hegemonie und eine Restauration der ökonomischen Verhältnisse, wie sie in der Zeit des Aufstiegs der USA bestanden hatten. Das waren aber die Verhältnisse, die zur Großen Depression geführt hatten, und daraufhin zum Dritten Reich, das den USA am stärksten Widerstand geleistet hatte! Wenn man nun diese abenteuerliche Rückkehr vollzog, war dann nicht in der Zukunft mit ähnlichen Krisen zu rechnen und folglich mit ähnlichem Widerstand? In der Tat haben wir seitdem geradezu eine Konjunktur von Krisen erlebt und ein Ausmaß von Terror, wie man es sich damals noch gar nicht vorstellen konnte. Die Beschwörung des Holocaust enthielt zugleich die Mahnung an die Bündnispartner: Wer von der neuen Orientierung abweicht, begibt sich auf einen ähnlichen Weg wie die Nationalsozialisten und droht am Ende dort zu landen, wo sie gelandet sind, beim radikal Bösen.174
Diese Gefahr der Abweichung zeigte sich bei den Deutschen bzw. den Europäern in der Tat immer wieder. Während die USA Israel mit Waffen unterstützten, forderte die EG Ende der 1970er Jahre die Schaffung eines palästinensischen Staates. Und als die USA mit einigen anderen Ländern 1980 wegen des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan die Olympischen Spiele in Moskau boykottierten, taten das die meisten europäischen Staaten durchaus nicht und Deutschland nur sehr widerwillig. Erst recht distanzierte sich die Mehrheit der Europäer von der nachfolgenden Politik Ronald Reagens gegen das »Reich des Bösen«.
In Bezug auf Deutschland musste jene Mahnung, bei der Stange zu bleiben, besonders dringlich sein, aber eben nicht wegen der Größe seiner Schuld, sondern wegen seiner wiedererlangten Wirtschaftskraft. Sie wurde schon damals als bedrohlich wahrgenommen, weshalb Helmut Schmidt um die europäische Einbindung bemüht war.175 Nicht erst angesichts der Wiedervereinigung, sondern schon zuvor erlebte man in England unter Margaret Thatcher, also seit 1979, »mehr offen antideutsche Vorurteile unter den Regierenden (…) als zu jeder anderen Zeit seit 1945«.176 Die These über den Kontext, in dem die Bezugnahme auf den Holocaust steht, wird nicht zuletzt dadurch bestätigt, dass der Nachrüstungsbeschluss der NATO genau 1979 gefasst wurde. Damit gerieten die beiden deutschen Staaten aber in die gefährliche Situation, mögliches Schlachtfeld eines begrenzten Atomkriegs zu werden. Für das sich damit abzeichnende finis Germaniae schien die deutsche Schuld aber eine überzeugende Begründung zu liefern. Christa Wolf hat sie damals in dem lapidaren Satz zusammengefasst: »Hitler hat uns eingeholt.«177
Um schließlich auf Israel zurückzukommen, von dem wir ausgegangen sind: Wie lässt sich seine Funktion bei der Erhaltung der amerikanischen Macht beschreiben? Abgesehen von geostrategischen Erwägungen haben die USA auch ein eminent legitimatorisches Interesse an Israel. Der kleine Bruder bringt mit seiner leidvollen Vorgeschichte so viel an moralischem »Kapital« mit, wie es die USA allein beim besten Willen nicht vorweisen können. Je höher aber das Guthaben, über das man verfügt, desto größer die Schuld, die man sich leisten kann – jedenfalls so lange es kein durchsetzbares Völkerrecht gibt. So lange führt die Rücksichtslosigkeit des einen dazu, dass der andere, um sich zu behaupten, auch rücksichtsloser werden muss, und es wird gegeneinander aufgerechnet. Das »Brauchbare« am Holocaust besteht darin, das moralisch-rechtliche Niveau so tief gesenkt zu haben, dass andere Verbrechen immer noch als gerechtfertigt erscheinen können. Die USA brauchen Israel also als Legitimationsbeschaffer.
Pulsuz fraqment bitdi.