Kitabı oxu: «Prozess und Philosophie des Helfens»

Şrift:

Edgar H. Schein

PROZESS UND PHILOSOPHIE

DES HELFENS

EHP – ORGANISATION

Hrsg. von Gerhard Fatzer

in Zusammenarbeit mit Wolfgang Looss und Sonja A. Sackmann

Der Autor:

Edgar H. Schein, Professor emeritus der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology, wo er heute noch arbeitet; als Schüler von Douglas McGregor und Richard Beckhard und als einer der Mitbegründer der Organisationspsychologie und der Organisationsentwicklung war er Co-Leiter von Kurt Lewins Forschungszentrum für Gruppendynamik am MIT; zahlreiche Veröffentlichungen zur Entwicklung der Prozessberatung als grundlegender Form von OE, zur Analyse und Entwicklung der Organisationskultur und zur Karriereentwicklung sowie zur Organisationspsychologie; zusammen mit Warren Bennis und Chris Argyris Trainer in den National Training Labs in Bethel; Berater von großen Konzernen, Regierungen und Führungskräft en in der ganzen Welt.

1969 begründete er zusammen mit Dick Beckhard die erste Buchreihe zur Organisationsentwicklung; sowohl seine eigenen Bücher als auch die von ihm herausgegebenen Titel und die seiner Schüler sind in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt; 1999 Mitbegründer der Zeitschrift Reflections. International Journal for Change, Learning, Dialogue, seit 2001 American Editor von Profile. Internationale Zeitschrift für Veränderung, Lernen, Dialog; Consulting Editor der Reihe EHP-Organisation.

Neben dem vorliegenden neuen Buch sind auch seine Klassiker Prozessberatung, Organisationskultur, Aufstieg und Fall von Digital Equipment Corporation, Karriereanker und Führung und Veränderungsmanagement dem deutschsprachigen Leser zugänglich.

Edgar H. Schein

PROZESS UND PHILOSOPHIE

DES HELFENS

Einzelberatung, Teamberatung

und Organisationsentwicklung

Mit einem Nachwort von Gerhard Fatzer

Aus dem Amerikanischen von

Irmgard Hölscher

E H P

– 2010 –

© 2010 für die deutsche Ausgabe

EHP - Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach

www.ehp-koeln.com

© 2009 by Edgar Schein

First published by Berrett-Koehler Publishers, Inc., San Francisco, CA, USA

All Rights Reserved

Aus dem Amerikanischen von Irmgard Hölscher

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.d-nb.de abrufbar.

Umschlagentwurf: Gerd Struwe / Uwe Giese

– unter Verwendung eines Bildes von Claudine Fessler: NY Central Park 2006 – (www.c--art.ch)

Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

All rights reserved. No part of this book may be reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording or by any information storage and retrieval system, without permission in writing from the publisher.

EPUB-ISBN 978-3-89797-518-7

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Zur Reihe EHP-Organisation

Vorwort

1. Kapitel: Was ist Helfen?

2. Kapitel: Ökonomie und Theater – Das Wesen der Beziehung

3. Kapitel: Ungleichgewicht und Uneindeutigkeit in der helfenden Beziehung

4. Kapitel: Helfen als Theater – Drei verschiedene Helferrollen

5. Kapitel: Zurückhaltende Befragung – Der Schlüssel zum Aufbau einer dauerhaften helfenden Beziehung

6. Kapitel: Den Frageprozess anwenden

7. Kapitel: Teamarbeit als ständige wechselseitige Hilfe

8. Kapitel: Hilfe für Führungskräfte und Organisationen

9. Kapitel: Prinzipien und Tipps

Literatur

Statt eines Nachwortes: Die Grundlagen von Organisationsentwicklung, Beratung und die Rolle von Edgar H. Schein (Gerhard Fatzer)

Für meine Frau Mary,

die mir alles beigebracht hat,

was ich über Helfen weiß

Zur Reihe EHP-Organisation

Seit 1988 Ed Nevis’ Organisationsberatung erschien, stellt die Reihe erfolgreich wichtige Basistexte zum Bereich der Organisationsentwicklung und des Change Managements sowie neue, grundlegende Texte und Übersetzungen für den deutschsprachigen Leser vor. Dabei werden unterschiedliche Interventionsformen ausführlich dargestellt, um zur Entwicklung einer Beratungswissenschaft jenseits der reinen Technikorientierung beizutragen. Die Reihe widmet sich besonders dem interkulturellen Austausch zwischen Europa, Amerika und anderen Kulturräumen.

EHP-Organisation stellt sowohl Diskussionsgrundlagen und Denkfiguren im Bereich der OE für das 3. Jahrtausend als auch historische Grundlagen der OE in ihrer Aktualität bereit. Anliegen war es stets, eine Reihe mit sorgfältig ausgewählten Titeln zu entwickeln, inspiriert durch die amerikanischen Kollegen und langjährige Wegbegleiter Chris Argyris, Edgar H. Schein, Fred Massarik, Ed Nevis, Warren Bennis und die Kollegen um Peter Senge am M.I.T., aus deren Kreis sich auch die Consulting Editors von EHP-Organisation rekrutieren.

Der verantwortliche Herausgeber der Reihe stellte mit Supervision und Beratung die Grundlagen von Supervision und Organisationsberatung umfassend dar, und mit der mittlerweile 11. Auflage ist es eines der erfolgreichsten Handbücher des Feldes. Ergänzend dazu erschien Gute Beratung von Organisationen – Supervision und Beratung 2.

Die Trias-Kompasse bilden Trends und Diskussionslinien ab und ermöglichen eine Orientierung im Feld der Organisationen und unterschiedlicher Beratungsformen (Bd. 1: Erfolgsfaktoren von Veränderungsprozessen, Bd. 2: Schulentwicklung als Organisationsentwicklung, Bd. 3: Zur Bedeutung von Kurt Lewin, Bd. 4: Nachhaltige Transformation in Organisationen).

Organisationsentwicklung für die Zukunft, eine breite Darstellung der Grundlagen der lernenden Organisation von Peter Senge u.a., stellte diese ebenso zum ersten Mal im deutschen Sprachraum vor wie die Texte von Chris Argyris zur »eingeübten Inkompetenz« und zu »defensiven Routinen«.

Neben internationalen Autoren publizieren wichtige deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Reihe wie zum Beispiel der Aufsehen erregende Band einer Gruppe um die VW-Coaching-Abteilung (Der Beginn von Coachingprozessen), dessen Autorinnen und Autoren Billmeier, Kaul, Kramer, Krapoth, Lauterbach und Rappe-Giesecke aus der sorgfältigen gemeinsamen Analyse von Einzelfällen Qualitätsstandards für das Coaching entwickeln.

Zum ersten Mal stellte Wolfgang Loos kritische Fragen an den Coaching-Begriff, als der große Hype um den Begriffim deutschsprachigen Raum noch gar nicht richtig gestartet war: Zusammen mit Kornelia Rappe-Giesecke und Gerhard Fatzer untersuchte Looss in dem Band Qualität und Leistung von Beratung die drei Beratungsmethoden Supervision, Organisationsentwicklung und Coaching.

Loos’ Klassiker Unter vier Augen: Coaching für Manager ist bis heute das wichtigste Buch zum Thema geblieben, stellt eine Einführung dar und blickt gleichzeitig hinter die Oberfläche des Begriffs und fragt kritisch, was Einzelberatung von Führungskräften zu leisten vermag.

Die Reihe orientiert sich nicht an Trends, und dort, wo die Professional Community der Berater, Coaches und Supervisoren ihre eigenen Grundlagen und Methoden nicht ausreichend berücksichtigt, sehen wir ein Ziel von EHP-Organisation darin, Einbahnstraßen der Wahrnehmung und kulturelle Ignoranz zu unterlaufen. Es kommen die Autorinnen und Autoren zu Wort, die diesen interkulturellen Dialog praktizieren und konzeptionell untermauern.

So wird mit dem Band von Fatzer/Jansen (Die Gruppe als Methode) die oft fehlende gruppendynamische Grundlage für die Beratung von Gruppen, Teams und Organisationen wieder zugänglich gemacht. Ein weiteres Beispiel ist die Monographie von Albert Koopman (Transcultural Management), die als erste ein erfolgreiches interkulturelles OE-Projekt in Südafrika dokumentierte und daraus ein breit anwendbares Modell der interkulturellen Beratung entwickelte. Das Buch von Barbara Heimannsberg und Christoph Schmidt-Lellek (Interkulturelle Beratung und Mediation) wendet die Grundlagen der Mediation auf den interkulturellen Bereich und auf die Organisationsentwicklung an. Zuletzt erschien dazu ein Buch, das dem Lebenswerk von Burkard Sievers gewidmet ist: Ahlers-Niemann / Beumer / Redding Mersky / Sievers: Organisationslandschaften, mit seiner breiten internationalen und multiprofessionellen Perspektive auf das wichtige Thema der destruktiven Prozesse in Organisationen.

Eine der wichtigen Interventionsformen, die EHP-Organisation (wie übrigens auch andere Veröffentlichungen im selben Verlag) besonders berücksichtigt, ist ›Dialog‹ als Methode: William Isaacs (Dialog als Kunst gemeinsam zu denken) und der Band von Christoph Mandl, Markus Hauser und Hanna Mandl (Die schöpferische Besprechung) haben hier im deutschsprachigen Raum Qualitätsstandards gesetzt.

Die Autoren sind übrigens ebenfalls Beiträger der Zeitschrift Profile. Internationale Zeitschrift für Veränderung, Lernen, Dialog / International Journal for Change, Learning, Dialogue, die mit ihrem Anliegen, das Verständnis von Menschen, Teams und Organisationen zu fördern, die Reihe EHP-Organisation ergänzt.

Die Arbeit von Ed Schein stand von Anfang an im Zentrum des publizistischen Auftrags von EHP-Organisation. Zahlreiche seiner Aufsätze erschienen früh in den Sammelbänden der Reihe und hier liegen seine Grundlagentexte in Übersetzungen vor. Sein Klassiker Prozessberatung für die Organisation der Zukunft ist einer der erfolgreichsten Bände der Reihe. Der Referenzcharakter von Scheins Büchern wird auch im provozierenden Buch Organisationskultur (›The Ed Schein Corporate Culture Survival Guide‹) unter Beweis gestellt. Seine Fähigkeit, auf lesbare Art komplexe Organisationszusammenhänge zu vermitteln, macht die Lerngeschichte von Digital Equipment Corporation auch zu einem Lektüregenuss (Aufstieg und Fall von Digital Equipment Corporation. DEC ist tot, lang lebe DEC).

Mit seinem Buch Führung und Veränderungsmanagement liegt ein Band vor, der so noch nicht in Englisch erschienen ist und den wir durch eine DVD mit seiner überzeugenden Züricher Rede von 2006 ergänzen.

Scheins hier vorliegendes neues Buch Prozess und Philosophie des Helfens stellt ausführlich eine der Grundkompetenzen von Managern und Beratern vor, die bisher aus dem Fokus geraten ist, die aber in Scheins Konzept der Prozessberatung von entscheidender Funktion ist: das Helfen.

Herausgeber, Autoren und Verlag möchten Sie als Leser einladen, das vorliegende Buch und die gesamte Reihe als Möglichkeit zum Dialog innerhalb der globalen Professional Community zu verstehen.

Gerhard Fatzer

Vorwort

Helfen ist eine grundlegende menschliche Eigenschaft : Eine Mutter stillt ihr Baby; die Geliebte, ein Freund oder Ehepartner helfen mir, etwas in Gang zu bringen; in einer Gruppe spielen die einzelnen Mitglieder ihre Rolle beim Erreichen des gemeinsamen Zieles; der Therapeut hilft einem Patienten, der Coach und der Organisationsberater unterstützen Einzelne oder Organisationen bei der Verbesserung ihrer Funktionen. Die grundlegende Beziehung zwischen Helfer und Hilfesuchendem sorgt dafür, dass es weitergeht. Im Alltag gilt Hilfe als so selbstverständlich, dass wir das Wort häufig nur dann in den Mund nehmen, wenn jemand in einer Situation, in der Hilfe selbstverständlich hätte sein sollen, »nicht behilflich« war. Aber über die emotionale Dynamik dieser Beziehung wissen wir paradoxerweise trotzdem relativ wenig.

Über formale Hilfe durch Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und andere Angehörige der helfenden Berufe ist viel geschrieben worden, aber wir wissen wenig darüber, was schiefgegangen ist, wenn der Versuch, einem Freund zu helfen, grob zurückgewiesen wird. Wie ist es möglich, dass jemand, der ins Wasser gesprungen ist, um einem Ertrinkenden zu helfen, sich vor Gericht wiederfindet, weil er dem Geretteten bei seinem Rettungsversuch die Schulter ausgerenkt hat? Warum landen so viele der Berichte, die Berater für das Management schreiben, im Papierkorb? Warum klagen so viele Ärzte, die Patienten nähmen die verschriebenen Medikamente einfach nicht?

Formale Hilfe, das lehren Intuition und Erfahrung, erfordert ein gewisses Maß an Verständnis und Vertrauen zwischen Helfer und »Klient«, wie ich die Person nenne, die Hilfe sucht. Verständnis ist nötig, damit der Helfer weiß, wann und welche Hilfe er anbieten sollte. Vertrauen ist nötig, damit der Klient sein wahres Problem benennen, die angebotene Hilfe akzeptieren und die Lösung umsetzen kann, die sich im das Gespräch mit dem Helfer abzeichnet.

Die psychotherapeutische Literatur widmet dem Aufbau dieses Vertrauen viel Aufmerksamkeit, aber in der alltäglichen Routine des Helfens und Hilfe Annehmens ist unklar, wie man es aufb aut, wie man erkennt, dass es vorhanden ist, und wie man es aufrecht erhält. Dazu kommt, dass die meisten helfenden Situationen im Alltag unerwartet auftauchen und zeitlich begrenzt sind. Die Frau, die ihrem Mann helfen soll, den richtigen Anzug für das entscheidende Gespräch mit dem Chef auszusuchen, setzt sich ja nicht mit ihm zu einer Besprechung zusammen, wie sie ein Therapeut beim Erstgespräch führt. Wer einem Blinden Hilfe beim Überqueren der gefährlichen Kreuzung anbietet, denkt nicht über den Aufb au einer vertrauensvollen Beziehung nach, bevor er seinen Arm ergreift und mit ihm losgeht. Und selbst dann kann es passieren, dass der Blinde »Nein, danke« sagt und sich allein auf den Weg macht. Dann steht man da und fragt sich, ob man ihn beleidigt hat und ob die Ablehnung der Hilfe unnötige Gefahren für ihn mit sich bringt. Wie könnte man es herausfinden?

Eine allgemeine Theorie des Helfens ist nur dann sinnvoll, wenn sie den Unterschied zwischen effizienter und ineffizienter Hilfe in allen, auch den einfachsten Situationen erklären kann, etwa, wenn jemand nach dem Weg fragt. Um die Elemente einer solchen Theorie zu entwickeln, muss man die einzelnen Beziehungen analysieren und klären, was man unter Vertrauen versteht.

An Anfang steht die These, dass es bei allen menschlichen Beziehungen um Positionierung, Status und »Situationsangemessenheit«, geht, wie es die Soziologen nennen. Es ist menschlich, den Rang einnehmen zu wollen, der einem in den eigenen Augen gebührt, egal, ob hoch oder niedrig, und jeder will sich so verhalten, wie es in der Situation angemessen ist. Wir wollen besser oder zumindest genauso gut sein wie der andere und beurteilen alle Interaktionen danach, was wir dadurch gewinnen oder verlieren. Eine erfolgreiche Interaktion, das Gefühl, etwas erreicht zu haben, ist Ergebnis eines dem Ziel angemessenen Handelns. Im Idealfall ist das Ziel eins, bei dem alle Beteiligten gewinnen können.

Die helfende Situation zeichnet sich dadurch aus, dass man bewusst versucht, einem anderen zu helfen, seine Ziele zu erreichen. In der helfenden Beziehung werden Zeit, Gefühle, Ideen und Dinge investiert und deshalb wird eine Gegenleistung, und sei es nur ein Dank, erwartet. Geht alles gut, haben beide an Status gewonnen. Leider geht es oft nicht gut, und dann riskieren wir, Status zu verlieren – weil wir nicht geholfen haben, wo Hilfe angebracht gewesen wäre, weil wir Hilfe dort angeboten haben, wo sie nicht gebraucht oder gewünscht war, weil wir falsch oder nicht lange genug geholfen haben.

In diesem Buch analysiere ich die Dynamik der helfenden Beziehung, erkläre die Bedeutung des Vertrauens und erläutere, was jeder potentielle Helfer wissen muss, um tatsächlich helfen zu können, und was jeder Hilfesuchende tun kann, um den Prozess zu fördern. Ich glaube mittlerweile, dass die soziale und psychische Dynamik des Helfens immer die gleiche ist, ob es darum geht, jemandem den Weg zu erklären, eine Führungskraft zu coachen oder einen kranken Ehepartner zu pflegen. Deshalb stelle ich zahlreiche Beispiele aus meiner persönlichen und beruflichen Erfahrung vor. Geholfen wurde mir in der Psychotherapie, durch Tennisstunden und auf zahllose andere Weise. Geholfen habe ich als Ehemann, als Vater von drei Kindern und Großvater von sieben Enkeln, als Lehrer, als Berater von einzelnen Klienten und von Organisationen und als jahrelanger Pfleger meiner an Brustkrebs erkrankten Frau. Erst wenn man die Ähnlichkeiten all dieser verschiedenen Situationen erkennt, kann man eine umfassende Theorie des Helfens entwickeln.

Intellektuelle Wurzeln und der Aufbau des Buches

Dieses Buch ist eher ein Essay als eine wissenschaftliche Abhandlung. Dank meiner Ausbildung am Harvard Department of Social Relations habe ich mich viel mit Soziologie und Anthropologie beschäftigt, zwei Disziplinen, die nach meiner Meinung in unseren sozialen und psychologischen Analysen gesellschaft licher Phänomene eine zu geringe Rolle gespielt haben. Vor allem die Chicagoer Schule ist bei der Analyse des Helfens wichtig. Erving Goffman (1959, 1963, 1967) hat den dort von Cooley (1922), Mead (1934), Hughes (1958 und Blumer 1971) formulierten Ansatz des »symbolischen Interaktionismus« durch seine höchst aufschlussreichen Mikroanalysen des Sozialverhaltens auf brillante Weise weiterentwickelt. Mit Goffman habe ich am Walter Reed Institute of Research, wo er von 1953 bis 1956 als Berater tätig war, eng zusammengearbeitet und mich auch in der Zusammenarbeit mit dem Soziologen John van Maanen (1979) darauf konzentriert.

Weitere wesentliche Erkenntnisse verdanke ich meiner jahrzehntelangen Arbeit am National Training Lab (Bradford 1974; Schein & Bennis 1965), wo ich Encountergruppen leitete und an der Entwicklung des Lernlabors in Bethel, Maine, mitarbeitete. Diese Forschergeneration hatte neben dem großen persönlichen Gewinn, den die Gruppenarbeit brachte, auch einen enormen Einfluss auf Gruppendynamik und Führung. Besonders erwähnt seien Doug McGregor, Lee Bradford, Ken Benne, Ro und Gordon Lippitt, Herbert Shepard, Warren Bennis, Jack Gibb, Chrys Argyris, Edie und Charlie Seashore und Dick Beckhard.

In der Arbeit mit dieser Gruppe und den gemeinsam entwickelten Workshops standen die interpersonalen Prozesse im Mittelpunkt. Die Konzentration auf den Prozess und den symbolischen Interaktionismus half mir bei der Entwicklung meines eigenen Beratungsstils, der Prozessberatung (Schein 1969, 1999), und durch meine umfassende Erfahrung in der Beratung habe ich gelernt, dass Helfen nicht nur ein wichtiger Bestandteil der Organisationsberatung, sondern ein zentraler sozialer Prozess ist, der der Analyse bedarf.

Dieses Buch fasst Erfahrungen, mit denen wir alle vertraut sind, in Begriffe. Da es sich nicht um ein wissenschaftliches Werk handelt, habe ich mich nicht bemüht, die gesamte Literatur zu diesem Thema darzustellen. Es geht mir um praktische Erkenntnis, darum, Helfen und die dazu nötigen Fähigkeiten zu verstehen. Der Leser sollte wissen, dass sich heute die meisten Analysen von Helfen, Coaching und Beratung auf die psychologischen Faktoren konzentrieren, etwa Temperament und Persönlichkeit. So wichtig das auch ist, so ist es meiner Meinung nach für das Verständnis der helfenden Beziehung entscheidend, sie aus kultureller und soziologischer Perspektive zu betrachten.

Der Humorist Stephen Potter (1950, 1951) kannte die Regeln der sozialen Interaktion sehr genau und hat satirisch beschrieben, wie man mit diesen Regeln Status gewinnt und Konkurrenten aus dem Feld schlägt. Die Beispiele, die er in seinen Büchern bringt, mögen Karikaturen sein, spiegeln aber erkennbar die ständigen Beobachtungen in unserer Umgebung. Und es ist kein Zufall, dass diese Form des Bluffens heute sprichwörtlich geworden ist, zeigt sie doch, dass Statusrituale universell benutzt werden, um soziale Ziele zu erreichen.

Da Helfen eine besondere Form der Beziehung ist, muss man auch seine besonderen Merkmale berücksichtigen. Anregung dazu verdanke ich auch den bahnbrechenden Arbeiten von Ellen Langer, insbesondere ihrem Buch Mindfulness (1989), das aus der Innensicht erklärt, was Goffman so effektiv auf der interpersonalen Ebene untersucht hat.

Natürlich hat meine Grundthese, dass ein Teil des sozialen Lebens Wirtschaft und der andere Teil Theater ist, eine lange Tradition in Wissenschaft und Philosophie. Es gibt nicht viele kulturelle Universalien, aber in allen Gesellschaften, darin ist sich die Anthropologie einig, gibt es Schichten, und alles soziale Verhalten ist reziprok. Auf diese beiden soziologischen und anthropologischen Prämissen stütze ich meine Beobachtungen und Thesen zum helfenden Prozess. Sie ermöglichen durch ihren etwas anderen Blick auf soziale Interaktionen und auf die Rolle des Helfens im Alltag ein besseres Verständnis.

Im ersten Kapitel betrachte ich die vielen Formen des Helfens, die einen Eindruck davon geben, wie umfassend der Begriffist. Das zweite Kapitel zeigt, dass man über die Sprache und Bilderwelt von Wirtschaft und Theater die Grundlagen aller menschlichen Beziehungen besser verstehen kann. Im 3. Kapitel beziehe ich diese Begriffe auf die helfende Beziehung und stelle die These auf, dass all diese Beziehungen zunächst unausgeglichen und vieldeutig sind. Das vierte Kapitel beschreibt drei verschiedene Helferrollen und erläutert die Notwendigkeit, die helfende Beziehung stets mit Prozessberatung zu beginnen. Die Einleitung der helfenden Beziehung durch zurückhaltende Befragung wird im fünften Kapitel erläutert; im sechsten finden sich ausführliche Beispiele. Im siebten und achten Kapitel schließlich werden anhand dieses Modells des Helfens einige wesentliche Aspekte von Teamarbeit, Führung und Veränderungsmanagement in Organisationen beleuchtet. Kapitel 9 fasst Prinzipien und Tipps für zukünftige Helfer zusammen.

Danksagung

Viele Freunde und Kollegen haben die Kapitel dieses Buchs in allen Stadien der Bearbeitung gelesen. Das war eine große Hilfe und hat mich dazu gebracht, einiges neu zu überdenken. Mein besonderer Dank geht an Otto Scharmer, Lotte Bailyn, John van Maanen, David Coghlan, Sue Lotz, Mary Jane Kornacki und vor allem an die Lektoren von Berrett-Koehler für ihr ausführliches Feedback. John Gallos und Michael Arthur haben das fertige Manuskript gelesen und mir damit zu einer weiteren Klärung verholfen.

Während ich an diesem Buch arbeitete, ist meine Frau gestorben. Die letzten sechs Monate ihres 25-jährigen Kampfs gegen den Krebs haben mir viele Anstöße zum Nachdenken über Helfen und Pflege gegeben. Ich danke ihr posthum für die 52 wunderbaren Jahre, die wir zusammen verbracht haben, und für die kreative häusliche Atmosphäre, die mir das Schreiben zur Freude statt zur Pflicht gemacht hat.

Edgar H. Schein, Cambridge, MA.

1. Kapitel

Was ist Helfen?*
Hilfreiches und nicht hilfreiches Helfen

Helfen ist ein komplexes Phänomen: Manchmal hilft es, manchmal nicht. Die Unterschiede will ich in diesem Buch herausarbeiten. In meiner beruflichen Laufbahn als Professor und gelegentlicher Berater habe ich oft darüber nachgedacht, was hilft und was nicht, warum manche Seminare gut laufen und andere nicht, warum Coaching und Erfahrungslernen oft erfolgreicher sind als Vorträge und warum es bei der Arbeit mit Klienten aus dem Organisationsbereich besser ist, sich auf die Inhalte statt auf die Prozesse zu konzentrieren, also nicht auf die Frage, was getan, sondern wie es getan wird. In diesem Buch will ich dem Leser die Einsicht vermitteln, die nötig ist, um dort, wo Hilfe gefordert ist oder um Hilfe gebeten wird, tatsächlich zu helfen, und sie dort, wo sie gebraucht und angeboten wird, auch anzunehmen. Beides ist meist schwieriger, als man glaubt.

Vor ein paar Tagen zum Beispiel bat mich ein Freund um Rat, der Probleme mit seiner Frau hatte, aber als ich ihm Vorschläge machte, meinte er unwirsch, das habe er alles schon versucht, und implizierte zudem, solche Vorschläge könne nur ein ausgesprochen unsensibler Mensch machen. Das erinnerte mich an viele ähnliche Erfahrungen, bei denen die Bitte um oder das Angebot von Hilfe erfolglos geblieben war und Unbehagen hinterlassen hatte.

Dann fiel mir ein Beispiel für erfolgreiche Hilfe ein: Eine Frau im Auto hatte mich nach dem Weg zur Autobahn gefragt. Ich fragte, wohin sie denn wolle, und erfuhr, dass sie in die Bostoner Innenstadt wollte. Als ich ihr sagte, dass die Straße, auf der wir waren, direkt in die Innenstadt führe und sie die Autobahn gar nicht brauche, bedankte sie sich sehr herzlich, weil ich sie nicht zu der Autobahn geschickt hatte, nach der sie gefragt hatte.

Nach meiner Erfahrung bleibt Hilfe, ob erbeten oder angeboten, besonders häufig bei Computerproblemen nutzlos. Wenn ich bei einer Hotline anrufe, verstehe ich meist nicht einmal die diagnostischen Fragen, mit denen die Helfer herausfinden wollen, wie sie mir helfen können. Will mich ein Computerfachmann Schritt für Schritt durch ein Problem führen, fällt es mir schwer zu sagen: »Halt! Ich habe den ersten Schritt noch gar nicht verstanden.« Ein Computerlehrer allerdings hat mich zuerst gefragt, wofür ich meinen Computer vor allem benutzen wolle, und als ich ihm sagte, ich brauche ihn hauptsächlich zum Schreiben, hat er mir alle Programme und Hilfsmittel erklärt, die das Schreiben erleichtern. Das war hilfreich. Wenn ich aber meiner Frau beim Computer helfen soll, mache auch ich immer wieder denselben Fehler: Ich sage ihr, was ich tun würde, sie fühlt sich überfordert, und am Ende sind wir beide frustriert.

Freunde, Lektoren, Berater, Lehrer und Coachs haben oft Vorschläge gemacht und Tipps gegeben, die für mein jeweiliges Problem irrelevant waren. Und wenn ich diese dann so freundlich wie möglich ignorierte, machten mich die selbsternannten Helfer in irritiertem Ton darauf aufmerksam, sie hätten mir ja nur helfen wollen, und unterstellten damit, es sei meine Schuld, wenn ich ihre Hilfe nicht annehmen könne.

Eine meiner Töchter bat mich einmal um Hilfe bei einer Mathematikaufgabe. Ich unterbrach meine Arbeit, löste ihr Problem – und dann ging sie schmollend weg, ohne sich auch nur zu bedanken. Was hatte ich falsch gemacht? Als dann eine andere Tochter Hilfe bei einer Hausaufgabe wollte, sagte ich: »Erzähl doch mal …« Dabei stellte sich heraus, dass sie über ein schwieriges soziales Problem an der Schule reden wollte, das mit der Hausaufgabe gar nichts zu tun hatte. Es war ein gutes Gespräch, und hinterher ging es uns beiden besser.

Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter und Berater aller Art wissen aus Erfahrung, dass Hilfe trotz bester Absichten fehlschlagen kann. Als Consultant und Karrierecoach für Manager in den verschiedensten Organisationen habe ich oft Lösungen für die vorgetragenen Probleme gefunden, nur um später festzustellen, dass mein Rat nicht funktioniert hatte und der Klient meinen Vorschlag nicht umsetzen konnte oder wollte. Und in der Supervision ist es mir oft genug passiert, dass man sich für Interventionen, die auf dysfunktionales Verhalten in der Gruppe zielten, herzlich bedankte, ohne dass sich das Verhalten veränderte.

Hilfe beschränkt sich natürlich nicht auf die Interaktion zwischen Einzelpersonen. Wenn Gruppen- und Teamarbeit ihre Ziele erreichen soll, müssen die Mitglieder ihre Rollen richtig spielen. In der Regel definiert man ein effektives Team nicht unbedingt als Gruppe von Menschen, die in der Lage sind, sich gegenseitig in angemessener Weise zu helfen. Aber genau das ist gute Teamarbeit: erfolgreiche gegenseitige Hilfe. Interessanterweise redet man in der Teamarbeit immer nur dann von »Hilfe«, wenn sie fehlt, wenn also zum Beispiel ein Mitglied zu einem anderen sagt: »Was du da getan hast, war nicht hilfreich«, oder: »Warum hast du mir nicht geholfen?«

Wie man sich im Team hilft, kann man im amerikanischen Football sehen, wo der Ballträger nur durchkommt, wenn ihm die Linemen den Weg freihalten. Viele erfolgreiche Ballträger laden ihre Linemen nach einem gewonnen Spiel als Dank für die Unterstützung zum Essen ein. Und wenn ein Läufer hinter der Linie angegriffen wird, sieht jeder, dass Hilfe gefehlt hat.

Helfen und Hilfe annehmen ist also komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Dieser scheinbar so alltägliche und ausgesprochen notwendige Prozess steckt voller Schwierigkeiten und misslingt häufig. Dieses Buch geht von der Voraussetzung aus, dass Helfen ein wichtiger, aber komplizierter Prozess ist. Es beschäftigt sich mit der Frage, was es wirklich bedeutet, zu helfen oder Hilfe anzunehmen, welche psychologischen, sozialen und kulturellen Fallen sich in diesem Prozess verbergen und wie man sie vermeidet. Die oben angeführten Beispiele zeigen, dass Hilfe weit mehr umfasst als die professionelle Hilfe, die wir von Ärzten, Anwälten, Geistlichen und Sozialarbeitern erwarten. Worum also geht es und wie können wir dafür sorgen, dass Hilfe hilfreich ist?

Die vielfältigen Bedeutungen des Helfens

Helfen ist ein sehr allgemeiner Begriff; er reicht vom Ritter in schimmernder Rüstung, der die Jungfrau vor dem Drachen rettet, bis zum Consultant, der daran arbeitet, die Kultur einer Organisation so zu verändern, dass neue strategische Ziele erreicht und bessere Leistungen möglich werden. Aus der Klientenperspektive beschränkt sich Hilfe nicht nur auf das, was vereinbart wurde, sondern schließt auch das spontane und großzügige Verhalten von Menschen ein, die erkennen, wann Hilfe gebraucht wird, selbst wenn man nicht darum gebeten hat.

Helfen spielt in zahlreichen Situationen im Leben eine Rolle (s. Abb. 1), es geschieht ständig, ob formell oder informell, und viele der in Abbildung 1 beschriebenen Rollen müssen wir in verschiedenen Situationen selbst übernehmen. Geht man noch einen Schritt weiter, lässt sich sagen, dass Helfen Bestandteil jeder Form von organisierter Arbeit ist, denn Organisation bedeutet ja gerade, dass man die Arbeit nicht allein tun kann. Bezahlte Hilfe beschränkt sich keineswegs auf Dienstboten und Pfleger, sondern umfasst alle Angestellten in einer Organisation, die Aufgaben erfüllen, die man selbst nicht erfüllen kann. Entsprechend ist auch pflichtbewusste Arbeit eine Form der Hilfe. Denken Sie an die Spannungen zwischen Abteilungsleitern und Mitarbeitern, wenn letztere ihre Aufgaben nicht gewissenhaft erledigen oder ersterer ihnen die dazu nötige Zeit oder Ressourcen nicht zur Verfügung stellt. Zwischen Mitarbeitern und ihren Vorgesetzten gibt es so etwas wie einen psychologischen Vertrag über die Art der Hilfe, die sie von einander erwarten können.

Die Komplexität dieses Konzepts zeigt sich auch in den vielen verschiedenen Begriffen, die für das Helfen benutzt werden (s. Abb. 2). Haben diese helfenden Prozesse etwas gemeinsam? Gibt es eine grundlegende gemeinsame Bedeutung, die Helfer wie Klienten verstehen müssen, um die Qualität der Hilfe zu verbessern, ob sie nun angeboten, gegeben, erbeten oder angenommen wird? Muss man die vielen Formen des Helfens – physische Assistenz, emotionale Unterstützung, Information, Diagnose, Rat und Empfehlung – exakt voneinander abgrenzen? Worin liegen die Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede?

Formelle und informelle Hilfe

Im Alltag versteht man unter Hilfe das Handeln einer Person, mit dem eine andere Person in die Lage versetzt wird, ein Problem zu lösen, etwas zu erreichen oder etwas leichter zu tun. Ob die Person, der geholfen wird, die Aufgabe auch allein bewältigt hätte oder nicht: Helfen impliziert, dass die Aufgabe in irgendeiner Weise erleichtert oder, im Extremfall, überhaupt getan wurde (etwa bei der Rettung eines Ertrinkenden). Helfen ist also die Basis für Kooperation, Kollaboration und Altruismus in all seinen Formen. Ich bezeichne diese Art der Hilfe als informell. Sie ist in allen Kulturen institutionalisiert und wird als selbstverständliche Grundlage einer zivilisierten Gesellschaft verstanden. Wahrscheinlich hat sie eine genetische Basis, weil helfendes Verhalten auch bei anderen Arten als dem Menschen nachgewiesen ist. Helfen gehört zu dem Bereich, den wir als Manieren, d.h. als Regeln zivilisierten Verhaltens und als ethisches und moralisches Handeln bezeichnen. Helfen ist eine ständige, alltägliche Routine. Und eine Bitte um oder ein Angebot zur Hilfe darf nicht ignoriert werden – man muss auf irgendeine Weise damit umgehen, denn sonst kommt es zu Rissen im sozialen Gefüge und zu peinlichen Situationen für alle Beteiligten.

Die nächste Ebene der Hilfe könnte man als halbformell bezeichnen. Das betrifft die unterschiedlichen Fachleute für Hilfen im Haus, beim Auto, beim Computer, bei audiovisuellen Geräten u.Ä. Hier wird Hilfe benötigt, damit etwas funktioniert; man ist persönlich nicht besonders beteiligt und zahlt für den Service oder die Information. In diesem Bereich macht man besonders viele frustrierende Erfahrungen, ob als Kunde oder als Helfer, denn wir gehen davon aus, dass Geräte leicht zu bedienen sein sollten, und sträuben uns gegen neue Begrifflichkeiten und Abläufe, etwa beim Computer.

Formelle Hilfe wird bei persönlichen, gesundheitlichen oder emotionalen Problemen gebraucht, bei denen medizinische, rechtliche oder geistige Unterstützung von Menschen benötigt wird, die dazu qualifiziert und approbiert sind. Wir gehen zu Ärzten, Anwälten, Priestern, Beratern, Sozialarbeitern, Psychologen und Psychiatern, um individuelle Unterstützung zu finden. Führungskräfte in Unternehmen und Organisationen lassen sich bei Leitungs- oder Leistungsproblemen beraten. Diese Hilfe ist ein professioneller und formeller Prozess, bei dem Verträge, Terminpläne und der Austausch von Geld oder anderen Wertgegenständen gegen Dienstleistungen eine Rolle spielen. Die meisten Untersuchungen über den Bereich des Helfens beschäftigen sich mit dieser formellen Ebene, obwohl informelle oder halbformelle Hilfen sehr viel häufiger sind und ihr Scheitern schwerwiegendere Folgen hat.

Wir werden untersuchen, ob sich diese formelle Hilfe von der alltäglichen informellen und halbformellen Hilfe unterscheidet. Was macht ausgebildete und approbierte Helfer erfolgreicher bzw. erfolgloser und was können wir von ihnen lernen, um Fertigkeiten in weniger formellen Settings zu verbessern? Genauso wichtig ist die Frage, was die professionellen Helfer von einer genaueren Untersuchung der Dynamik informeller oder halbformeller Hilfe lernen können.

Ein Fremder zeigt dem Touristen den Weg

Ein Vater erledigt die Hausaufgaben seines Kindes

Ein Ehemann berät seine Frau bei der Wahl eines Kleides für die Party

Eine Krankenschwester hilft dem Patienten, die Bettpfanne zu benutzen

Ein Freund ergänzt das Wort, das einem auf der Zunge liegt

Ein Gast bietet an, den Tisch abzuräumen und das Geschirr zu spülen

Ein Lehrer erklärt dem Schüler einen Begriff

Ein Computerexperte begleitet jemanden Schritt für Schritt bei der Lösung eines Problems

Ein Mitarbeiter beim Notruf oder bei der Telefonseelsorge berät einen Menschen in Not

Ein Kind zeigt einem Freund oder seinen Eltern, wie man das neue Telefon benutzt oder ein Videospiel spielt

Ein Berater hilft seinem Klienten, seine Fertigkeiten zu verbessern

Eine Operationsschwester reicht dem Chirurgen das richtige Skalpell im rechten Moment

Ein Footballspieler macht dem Läufer den Weg frei

Ein Coach berät einen Manager beim Umgang mit Untergebenen

Ein Schauspieler gibt beim Improvisationstheater seinem Partner das Stichwort für den Lacher

Ein Mitarbeiter der Arbeitsagentur hilft einem Arbeitslosen, einen neuen Job/einen neuen Beruf zu finden

Ein Fließbandarbeiter fertigt seine Teile so rechtzeitig, dass das

Fließband weiterlaufen kann

Ein Pfleger versorgt einen Kranken

Ein Anwalt berät seinen Klienten in Scheidungsfragen

Ein Sozialarbeiter hilft einer Familie, eine wirtschaftliche Krise zu bewältigen

Ein Psychotherapeut unterstützt seinen Klienten bei der Bewältigung von Verhaltens-oder emotionalen Problemen

Ein Pfarrer hilft einem Gemeindemitglied beim Umgang mit Schuld, Trauer oder Angst

Ein Arzt stellt einem Patienten die Diagnose und verschreibt Medikamente

Ein Beerdigungsunternehmer hilft einer trauernden Familie, mit dem Tod fertig zu werden

Ein Berater bemüht sich, die Abläufe in einer Organisation zu verbessern

Abb. 1: Die vielfältigen Formen der Hilfe

Anbieten / Anleiten / Befähigen

Beistehen / Beraten / Coaching

Consulting / Counseling / Empfehlen

Erklären / Fördern / Geben

Haushalt führen / Katalysieren / Kümmern

Lehren / Liefern / Mentoring

Pflegen / Rat geben / Steuern

Stützen / Überreichen / Verbessern

Verschreiben / Versichern / Aufklären

Abb. 2: Andere Begriffe für Helfen

Helfen ist ein gesellschaftlicher Prozess

Hilfe wird gegeben und angenommen, und deshalb konzentriere ich mich auf die Frage, wie die helfende Beziehung definiert und verstanden werden kann. Dieser Fokus führt wiederum zu einer Diskussion über Beziehung im Allgemeinen. Was bedeutet eine gute Beziehung, in der wechselseitiges Vertrauen und offene Kommunikation möglich sind?

Alle Beziehungen werden von kulturellen Regeln bestimmt, die vorgeben, wie man sich in der Beziehung zu anderen zu verhalten hat, damit es zu einem gefahrlosen und produktiven sozialen Austausch kommt. Wir bezeichnen diese Regeln als gutes Benehmen, Takt und Manieren. Dieser Ebene des offenen Verhaltens liegen feste Regeln zugrunde, die eingehalten werden müssen, wenn die Gesellschaft funktionieren soll. Manche sind situationsabhängig, aber es gibt in jeder Kultur eine Gruppe universeller Regeln, deren Verletzung Ächtung und Isolation zur Folge hat. Ein solcher Verstoß im Laufe einer Interaktion führt dazu, dass wir verletzt, beleidigt, peinlich berührt sind und an der Qualität der Beziehung zweifeln. Der Klient, der das Gefühl hat, keine Hilfe gefunden zu haben, verliert das Vertrauen und ist verletzt, während der Helfer sich ablehnt oder ignoriert fühlt.

Helfen ist also eine Beziehung, aber der Prozess des Anbietens und Annehmens halbformeller oder formeller Hilfe beginnt meist mit einer individuellen Initiative. Das heißt, man muss begreifen, wie aus dem anfänglichen Kontakt zwischen potentiellem Helfer und potentiellem Hilfesuchenden eine Beziehung wird, die zur Hilfe führt. Eine helfende Beziehung entsteht, wenn jemand hilft , Hilfe anbietet oder Hilfe sucht. Ein Teamleiter sucht sich eine Reihe von Leuten und setzt einen Prozess des Aufbaus von Beziehungen in Gang, der dazu führt, dass sich die Mitglieder des Teams gegenseitig helfen. Ein Berater hilft einem Manager, Arbeitseinheiten so zu strukturieren, dass sie sich gegenseitig helfen und die Ziele der Organisation erreicht werden können. Und auch wenn eine Gruppe oder Gemeinschaft erkennt, dass sie kollektiv Hilfe braucht, muss jemand dieses Bedürfnis artikulieren und ins gemeinsame Bewusstsein holen, damit der Prozess einer helfenden Beziehung in Gang kommt.

Wir müssen uns also zunächst auf die Frage konzentrieren, wie aus persönlicher Initiative eine Beziehung entsteht. Wer die Dynamik des Beziehungsaufbaus kennt, kann eine effektivere helfende Beziehung entwickeln.

In den folgenden Kapiteln werde ich einige grundlegende Regeln für Beziehungen und ihre Anwendung auf die helfende Beziehung untersuchen. Wir werden die ungleichen, unklaren Rollen in der helfenden Beziehung betrachten, die verschiedenen möglichen Rollen der Helfer in einer ausgeglichenen und angenehmen Beziehung, den Aufbau einer solchen Beziehung und die Interventionen im Verlauf der Entwicklung der Beziehung zwischen Klient und Helfer.

Anmerkung

* Diese Kapitel ist auf Deutsch in leicht geänderter Form zuerst erschienen in: Profile 17 (2009), 5-9; aus dem Amerikanischen von Irmgard Hölscher.

2. Kapitel

Ökonomie und Theater – Das Wesen der Beziehung

Es gibt zwei kulturelle Grundprinzipien, die wir von klein auf lernen. Das erste und wichtigste lautet: Jede Kommunikation zwischen zwei Parteien ist ein reziproker Prozess, der fair und gerecht sein oder zumindest scheinen muss. Um in der sozialen Welt zu überleben und sich wohl zu fühlen, muss man die Regeln der sozialen Ökonomie kennen. Das beginnt auf der einfachsten Ebene: Kinder lernen, sich für ein Geschenk zu bedanken oder es sonst irgendwie anzuerkennen. Der Dank ist die Gegenleistung, die Erwiderung, die die Kommunikationsschleife schließt und für Fairness und Ausgleich in der Interaktion sorgt. Kinder lernen auch, dass sie der Person, die sie anspricht, Aufmerksamkeit schulden. Das Wort »schulden« verweist darauf, dass die Informationen oder Anweisungen des anderen einen bestimmten Wert haben. Wie wir sehen werden, erwartet man in allen Beziehungen Wechselseitigkeit. Wer sich nicht revanchiert, riskiert, den anderen zu verletzen und die Beziehung scheitern zu lassen.

Das zweite kulturelle Grundprinzip besagt, dass Beziehungen in allen menschlichen Kulturen auf festen Rollen basieren, die sehr früh erlernt und dann so automatisch werden, dass man sich ihrer gar nicht mehr bewusst ist. Man muss seine jeweilige Rolle richtig und der jeweiligen Situation angemessen spielen. Wenn zwei Beteiligte miteinander sprechen, müssen sie entscheiden, wer Akteur (Sprecher) und wer Publikum (Zuhörer) ist. Diese Rollen können sehr rasch wechseln, müssen aber immer komplementär sein, damit soziale Interaktion funktionieren kann. Der ökonomische Wert einer Interaktion wird von diesem Grundprinzip – der Definition der Situation – bestimmt, denn es legt fest, welche Rolle man spielt und welchen Wert man ihr beimisst. Wer durch Tonfall und Verhalten zeigt, dass er etwas Wichtiges zu erzählen hat, definiert damit die Situation, die Rollen und den Austausch. Der andere nimmt automatisch eine aufmerksame Haltung ein; er zeigt mit seinem Verhalten, dass er zuhört. Er erwartet eine wichtige Botschaft und ist beleidigt oder irritiert, wenn er merkt, dass er nur von dem abgelenkt werden soll, was er gerade tut. In diesem Fall hat der Sprecher seine Rolle nicht so gespielt, wie es die von ihm definierte Situation verlangte.

Das normale Alltagsleben besteht aus einer ganzen Reihe solcher Definitionen. Sie geben vor, welche Rolle man spielen soll und was man von anderen erwarten kann. Wir lernen zum Beispiel, dass wir uns gegenüber Menschen mit höherem Status ehrerbietig verhalten müssen. Wenn wir als Vorgesetzte unseren Mitarbeitern begegnen, definiert die Situation das Verhalten, das unserem Status entspricht. Auf diese Weise lernen wir, welchen Wert wir der eigenen und der Rolle der anderen beimessen können. Gerechte, faire Beziehungen erfordern keineswegs den gleichen Status, sondern ein Verhalten, das den jeweiligen Status und die jeweilige Situation berücksichtigt. Die Situation bestimmt, wie viel Wert jeder Beteiligte für sich beanspruchen kann. Werde ich bei einer wichtigen Konferenz als Redner vorgestellt, steigt mein Wert, und das Publikum erwidert das mit größerem Respekt. Treffe ich die Teilnehmer später bei einem Glas Wein, ist mein Status weiterhin höher, aber die Situation verlangt weniger Förmlichkeit. Ich muss also nicht mehr so viel Wert beanspruchen und kann andere zu einem lockeren Austausch ermutigen.

In der Umgangssprache bezeichnet man diesen Wert als »Image«. Jeder Beteiligte an einer Interaktion beansprucht ein gewisses Maß an Image, und die Regeln der Gegenseitigkeit erfordern, dass dieser Anspruch von den anderen Beteiligten akzeptiert und bestätigt wird. Mit der Bemerkung: »Ich will dir etwas sagen«, erhebe ich den Anspruch, etwas zu wissen, was meiner Meinung nach für den Gesprächspartner von Wert ist. Damit ist der andere dafür verantwortlich, zuzuhören und den Mund zu halten, er schuldet mir Aufmerksamkeit. Hier kommt wieder das Wort »schulden« ins Spiel. Man spricht auch von »Investitionen« in eine Beziehung, das heißt, man erarbeitet sich soziales Kapital, auf das man später, wenn man zum Beispiel um einen Gefallen bittet, zurückgreifen kann.

Wenn man beschließt, den Anspruch des anderen nicht zu akzeptieren und ihn ignoriert oder in Verlegenheit bringt, beschädigt man sein Image und erweist sich selbst als unhöflich oder aggressiv. So gesehen ist es eine kulturelle Binsenwahrheit, dass durch die mangelnde Anerkennung eines Anspruchs beide Beteiligten ihr Gesicht verlieren. Man kann die Ansprüche des anderen aber auch höflich akzeptieren und gleichzeitig durch kluges Reden oder Verhalten einen höheren Status beanspruchen, d.h. die Anerkennung des eigenen höheren Anspruchs fordern. Soziale Interaktion ist also entweder ein komplizierter Balanceakt im Dienste der wechselseitigen Imagepflege oder eine Möglichkeit, Status zu gewinnen.

Situationsabhängige Rollen und Regeln haben sogar Vorrang vor eigenen formalen Werten. So bringt man zum Beispiel einem Kind nicht nur bei, immer die Wahrheit zu sagen, sondern erklärt ihm auch, dass es die stark übergewichtige Nachbarin trotzdem nicht als »dicke Frau« bezeichnen darf. Es gehört zum Prozess des Heranwachsens, dass man lernt, wann Offenheit und wann Diplomatie angebracht ist und was man am besten übersieht und überhört. Aber eben diese Fähigkeit zur Zurückhaltung und Lüge wirft in Beziehungen die Vertrauensfrage auf. Aufrichtigkeit, Kongruenz und Vertrauenswürdigkeit sind die Maßstäbe, mit denen man beurteilt, wie weit jemand über seine verschiedenen Rollen hinweg als beständig wahrgenommen wird und wie sehr das Image, das er sich nach außen gibt, zu seinen inneren Werten passt.

Im Erwachsenenalter beherrschen wir eine Unzahl verschiedener Rollen und Skripte und können die ganz unterschiedlichen vorgegebenen oder selbst geschaffenen Situationen und Beziehungen, mit denen wir jeden Tag konfrontiert sind, problemlos identifizieren und bewältigen. Diese kulturelle Dynamik spielt, wie wir sehen werden, in der helfenden Situation eine entscheidende Rolle, denn Klient und Helfer begegnen sich mit einem von ihnen selbst festgelegten Maß an Image. Die weitere Entwicklung der helfenden Situation hängt oft von dem Wert ab, den der Klient dem Helfer und der Helfer dem Klienten zubilligt, und das wiederum ist von ihrem wechselseitigen Vertrauen abhängig. Im Folgenden werde ich diese Dynamik näher untersuchen.

Soziale Ökonomie: Bewahrung der gesellschaftlichen Ordnung

Alle Kulturen sind von den Regeln des Ausgleichs und der Gegenseitigkeit geprägt, die festlegen, welchen Wert wir uns in Beziehungen beimessen. Was aber sind die sozialen Währungen für diesen Austausch? Die Antwort lautet: Liebe, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Akzeptanz, Lob und Hilfe. Hilfe im umfassenden Sinne des Wortes ist dabei eine der wichtigsten Währungen, weil sie besonders geeignet ist, Liebe und andere fürsorgliche Gefühle auszudrücken. Informelle Hilfe gilt häufig als so selbstverständlich, dass wir sie kaum bemerken und selten als solche erkennen. Sie fällt nur auf, wenn sie ausbleibt, und wir reagieren negativ auf die Person, die sie uns verweigert hat. Mit anderen Worten: Bittet jemand um Hilfe, sind wir verpflichtet zu helfen oder eine angemessene Entschuldigung vorzubringen. Und umgekehrt sind wir verpflichtet, ein Angebot zur Hilfe anzunehmen oder eine passende Entschuldigung vorzutragen. Die Bitte erfordert die Reaktion, das Angebot den Dank. Jemanden als nicht hilfsbereit zu bezeichnen, hat eindeutig negative Konnotationen und stellt die Zuverlässigkeit des Betreffenden als Mitglied der Gruppe infrage.

Der Wert, den wir uns und anderen zumessen, wird durch unser soziales Verhalten vermittelt, durch die Entscheidungen, die wir treffen, und das Image, das wir projizieren. Die ungeschriebenen ökonomischen Regeln, die festlegen, wie viel man beanspruchen kann und wie stark man das Image des Beanspruchenden wahren muss, unterscheiden sich je nach Kultur und Umständen, aber die Alltagssprache zeigt deutlich, dass es sich bei der sozialen Interaktion um ein ökonomisches Phänomen handelt.

Die Sprache, die wir alltäglich benutzen, ist verräterisch: Wir schenken Aufmerksamkeit, zollen Respekt, lösen gesellschaftliche Verpflichtungen ein, spenden Lob und zahlen die Zeche. Auch das Konzept von Kauf und Verkauf gehört zum Alltagsvokabular: Wir verkaufen uns unter Wert, kaufen jemandem eine Geschichte ab oder auch nicht und fragen uns sarkastisch, welche Meinung man uns wohl heute wieder verkaufen will. Zahllose Begriffe beziehen sich darauf, wie man gibt und nimmt und diese Transaktionen im Auge behält: Man verlangt, was einem gebührt oder fühlt sich übervorteilt, jemand ist einem die Antwort schuldig geblieben, und wer viel Zeit und Mühe aufgewandt hat, fühlt sich möglicherweise um die Gegenleistung betrogen. Und ganz unabhängig vom Geld leiht man jemandem sein Ohr oder bietet ihm die Schulter zum Ausweinen an. Es gibt zahllose Metaphern für den gesellschaftlichen Austausch: Auge um Auge, Zahn um Zahn, ich habe mit ihm noch eine Rechnung offen, er hat bekommen, was er verdient, eine Hand wäscht die andere, usw.

Wie sehr diese ökonomischen Prozesse verwurzelt und ritualisiert sind, zeigt sich noch in den trivialsten Alltagsinteraktionen. Wenn der Bettler die Münze, die man ihm gegeben hat, nicht anerkennt, fühlt man sich betrogen. Der soziale Ausgleich lässt sich dann entweder dadurch wiederherstellen, dass man psychologisch den eigenen Wert steigert – etwa durch die Bemerkung zu einem Begleiter: »War ich nicht mal wieder großzügig?« – oder den Wert des anderen herabsetzt – etwa mit der Bemerkung: »Was für ein undankbarer Kerl!« Solange die Situation nicht ausgeglichen ist, bleibt ein vages Unbehagen; man will sein Gesicht nicht verlieren, oder, allgemeiner gesagt: das Selbstwertgefühl basiert darauf, dass der andere die Berechtigung des eigenen Anspruchs akzeptiert. Das kann durch eine Körperhaltung geschehen, die Aufmerksamkeit vermittelt, oder auch nur durch ein bestätigendes Nicken.

Dieser anhaltende Prozess wechselseitiger Verstärkung ist das Wesen der Gesellschaft . Was wir als gutes Benehmen oder Manieren bezeichnen, ist im Alltag eine kulturelle Notwendigkeit. Jeder kennt die Spannung, die entsteht, wenn man in einer fremden Kultur die Regeln der wechselseitigen Bestätigung nicht kennt. Regelbrüche, die nicht sofort zurückgenommen werden, führen zu einem Gefühl von Demütigung und Beleidigung. Wer bewusst das Image eines anderen verletzt, demütigt ihn, erregt Anstoß und wird in Zukunft gemieden. Wer ständig gegen diese sozialen Regeln verstößt, gilt als »geisteskrank« und wird eingesperrt. Anders ausgedrückt: Würden diese Regeln nicht mehr beachtet und die wechselseitige Anerkennung bliebe aus, käme es zu einem rasanten Anstieg von Individualismus, Konkurrenz und Brutalität, und die Angst in der Gesellschaft stiege ins Ungeheuerliche.

Um zu verstehen, wie stark diese Regeln sind, reicht ein kleines soziales Experiment: Versuchen Sie einmal, nicht zu reagieren, wenn Ihnen ein Freund oder Partner etwas erzählt – also kein Nicken, keine Mimik, kein Wort. Nach höchstens fünf bis zehn Sekunden wird Ihr Gegenüber Sie fragen, ob irgendetwas los sei, ob es Ihnen nicht gut gehe, ob Sie nicht zugehört hätten, oder Ihnen auf andere Weise zeigen, dass Ihr Benehmen nicht akzeptabel ist. Ihr Verhalten hat das soziale Gefüge zerrissen, und das bedarf einer Erklärung oder Entschuldigung, zum Beispiel: »Tut mir leid, ich habe gerade an etwas anderes gedacht.« Die sozialen Regeln verlangen eine legitime Entschuldigung, ob sie der Wahrheit entspricht oder nicht. Nicht legitim wäre zum Beispiel: »Es interessiert mich nicht, was du zu sagen hast.«

Wenn der soziale Austausch nicht richtig funktioniert, weil die Beteiligten die Situation unterschiedlich definieren und entsprechend unterschiedliche Währungen benutzen, führt das zu Angst, Spannung, Zorn, Unbehagen, Verlegenheit, Scham- und/oder Schuldgefühlen. Das Verhältnis von Geben und Nehmen wird von einem oder beiden Beteiligten als ungerecht empfunden: »Ich bin zu dem Berater gegangen, damit er mir hilft , aber er hat die ganze Zeit nur geredet und ich konnte ihm gar nicht sagen, was ich eigentlich wollte«, oder: »Ich habe eine Menge Geld für die Beratung bezahlt, aber die Beraterin hat mir nur zugehört und mir zurückgespiegelt, was ich gesagt habe – was hilft mir das?« Umgekehrt kann es genauso unangenehm sein, wenn Klienten einen Rat ignorieren oder die angebotene Hilfe ablehnen. Solche Spannungen lassen sich oft nur dann lösen, wenn einer oder beide Beteiligten das Ungleichgewicht bemerken und mit einer Erklärung, einer Entschuldigung oder einem verspäteten Dank für Ausgleich sorgen.

Nähe und Vertrauen

Obwohl die Regeln klar genug sind, hängt es auch von persönlichen Vorlieben ab, wann und wie Beziehungen aufgebaut oder umgangen werden. Wir kennen zwar die Grundregeln des guten Benehmens und halten sie meistens auch ein, treffen aber auch Entscheidungen und haben Präferenzen. Wer ein großes Bedürfnis nach Inklusion und/oder Freundschaft hat, neigt stärker dazu, das zu bestätigen, was andere beitragen, wer zur Dominanz neigt, wird auch in Beziehungen konkurrieren und seine Überlegenheit ausspielen, und wer Wert auf Autonomie legt, vermeidet helfende Situationen nach Möglichkeit. All das sind Varianten im Rahmen der kulturellen Regeln. Wissen muss man aber, dass der grundlegende Mechanismus, mit dem wir Beziehungen aufbauen, vertiefen und testen, aus der bewussten oder unbewussten Manipulation dieser Regeln besteht. In einer distanzierten, unpersönlichen Beziehung gibt es kaum die Möglichkeit, den Anspruch auf ein hohes Maß an Wert durchzusetzen. In intimen Freundschaften oder Paarbeziehungen steigt der Anspruch auf Wert durch die Enthüllung privater Gedanken und Gefühle, deren Anerkennung wir erwarten können. Wir bauen zum Teil auch deshalb intime Beziehungen auf, um Situationen zu schaffen, die durch die Anerkennung und Bestätigung des höheren Anspruchs auf Wert das Selbstwertgefühl steigern.

Gelegentlich testet man Beziehungen, indem man einen hohen Wert beansprucht und die Angemessenheit der Reaktion überprüft . Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man beansprucht einen hohen Status (»Hallo, ich bin Professor Schein vom MIT«) oder man gibt etwas Persönliches, Bedeutungsvollen preis (»Mir geht’s heute wirklich nicht gut« oder: »Ich komme gerade aus der Th erapie«), um zu sehen, ob der Gesprächspartner dies durch verständnisvolles, mitfühlendes Verhalten bestätigt. Diese Bestätigung kommt oft in Form einer persönlichen Mitteilung des anderen. Durch solche Test- und Reaktionszyklen wird dann nach und nach das aufgebaut, was man als enge Beziehung bezeichnet.

Vertrauen heißt in diesem Kontext die Gewissheit, dass der andere die Offenbarung der eigenen Gefühle, Gedanken und Absichten nicht herabsetzt, lächerlich macht oder ausnutzt. Wie das im Alltag funktioniert, zeigen ganz gewöhnliche Unterhaltungen. Verhält sich jemand dabei unaufmerksam, spricht nebenher mit anderen und sucht erkennbar nach interessanteren Gesprächspartnern, gähnt er, unterbricht das Gespräch mit der Bemerkung, er wisse das doch längst, oder antwortet er in desinteressiertem Ton, stört er mit diesem Verhalten den Aufbau der Beziehung, gefährdet das Ansehen des Sprechers, bringt ihn in Verlegenheit und erweist sich als unhöflich oder doch wenigstens einer Beziehung nicht würdig. Diesem Menschen geht man in Zukunft besser aus dem Weg. Wer dagegen aufmerksam ist und auch in anderer Weise sein Interesse zeigt, baut eine Beziehung auf, auf die er später, wenn er selbst etwas zu erzählen hat und vom anderen aufmerksames Zuhören erwartet, Anspruch erheben kann.

Bei der Entscheidung, welche Beziehung wir fördern wollen und welche nicht, greifen wir auf die Kenntnis der Regeln und die eigenen frühen Erfahrungen zurück. Wenn man wiederholt die Erfahrung gemacht hat, dass mit einem bestimmten Menschen ein ausgeglichenes Gespräch nicht möglich ist, baut man keine Beziehung zu ihm auf, sondern vermeidet das Unbehagen, indem man ihm aus dem Weg geht. Ist das aus beruflichen oder anderen Gründen nicht möglich, hält man sich an die kulturellen Regeln für höfliches, aber förmliches Verhalten. Jeder hat gelernt, wie man den Wunsch nach Förmlichkeit und Distanz bzw. nach größerer Nähe signalisiert. In jedem Fall entscheiden, ob bewusst oder unbewusst, Gleichheit und Fairness darüber, wie man sich in der Beziehung fühlt und ob und wie weit man sie vertiefen will.

Die Tiefe einer Beziehung definiert sich also danach, wie viel Wert man gefahrlos beanspruchen kann, wenn man sich öffnet. In diesem Kontext bedeutet Vertrauen den Schutz des Selbstwertgefühls, denn in einer tiefen Beziehung ist die Gefahr größer, ausgenutzt, ignoriert, herabgesetzt oder in anderer Weise nicht bestätigt zu werden.

Ein nicht gleichberechtigtes Gespräch kann beleidigend wirken. Man ist beleidigt, weil der beanspruchte Wert nicht anerkannt wurde; der Gesprächspartner hat nicht begriffen, wer man ist und wie wichtig (jedenfalls nach eigener Einschätzung) die Botschaft war. Bei neuen Beziehungen ist deshalb Vorsicht geboten; die Regeln der Gegenseitigkeit und Ausgeglichenheit müssen geklärt und eingehalten werden. Die förmlichste Annäherung ist deshalb in der Regel auch die sicherste. Das erklärt auch das extreme Maß an Förmlichkeit in der internationalen Diplomatie – das Risiko einer Beleidigung zwischen Staaten ist einfach zu groß. Förmlichkeit schützt beide Parteien vor Affronts. Allerdings hängt auch das von der Situation ab. Wenn ich mich einem alten Bekannten gegenüber sehr förmlich verhalten, weil mir sein Name nicht mehr einfällt, wird er beleidigt sein, weil ich ihn vergessen habe. Die Erinnerungslücke könnte also sehr peinlich werden. Wer Hilfe anbietet, erwartet eine von zwei Reaktionen: Annahme mit anschließender angemessener Belohnung oder dankende Ablehnung. Nicht zu reagieren ist nicht erlaubt – ein Hilfsangebot muss entweder dankbar angenommen oder sofort mit einem höflichen Dankeschön bzw. einer Erklärung abgelehnt werden. In beiden Fällen muss damit umgegangen werden. Jeder hat zu beurteilen gelernt, welche Reaktion in einer bestimmten Situation angemessen und fair ist. Selbst wenn ich keine Hilfe brauche, kann ich sie von meinem Chef annehmen, wenn andere dabei sind und die Situation das verlangt. Bin ich aber mit ihm in der Kneipe und er signalisiert, dass Förmlichkeit nicht verlangt ist, kann ich das Angebot mit einem schlichten »Nein, danke« ablehnen. In der japanischen Kultur ist es üblich, dass Angestellte ihrem Chef in der Bar all das sagen können, was im nüchternen Zustand oder am Arbeitsplatz eine Beleidigung und ein Angriffauf das Image wäre, hier aber als Feedback gewertet wird.

Fassen wir zusammen: Vertrauen hat zwei Komponenten, die sich aus der sozialen Ökonomie ableiten. Jemandem zu vertrauen, heißt erstens, dass der Wert, den man in Interaktionen mit diesem Menschen beansprucht, verstanden und akzeptiert wird, und zweitens, dass man vom anderen nicht übervorteilt und ausgenutzt wird. In allen Beziehungen spiegelt das Niveau der Intimität das Vertrauen, dass die Beteiligten über ihre Mitteilungen erworben haben. Diese wechselseitige Prüfung setzt sich fort, bis einer oder beide erkennen, dass alles, was sie über das aktuelle Niveau hinaus mitteilen, wohl nicht mehr verstanden und akzeptiert würde. Verstößt einer der Beteiligten gegen die zweite Komponente und nutzt das ihm Anvertraute dazu, den anderen in Verlegenheit zu bringen oder aus dem Wissen Profit zu schlagen, ist das Vertrauen verloren; entweder ist die Beziehung zu Ende oder die Kommunikationsebene kehrt zur Oberflächlichkeit des Anfangs zurück.

Ich habe zum Beispiel erlebt, dass ein Freund, dem ich sehr persönliche Dinge anvertraut hatte, eine meiner Geschichten in ausgesprochen herabsetzender Weise anderen erzählte. Danach war mir die Ebene der Intimität, die wir vorher erreicht hatten, nie mehr möglich. Und ich weiß von einer Consultingfirma, die den Auftrag einer Schule, in der sie sehr erfolgreich gearbeitet hatte, verlor, weil ein Lehrer gehört hatte, wie einer der Berater zum anderen sagte: »Ein interessantes Projekt, aber die Lehrer sind ja wirklich ziemliche Dummbeutel.«

Soziales Theater

Die oben beschriebene soziale Ökonomie spiegelt das kontinuierliche Schauspiel des Lebens. Schauspiel deshalb, weil die Situationen durch Regeln bestimmt werden, die Schauspieler und Zuschauer als angemessen empfinden. Die Skripten für Rollenbeziehungen werden sehr früh festgelegt, und das Alltagsleben lässt sich als Set von Szenen verstehen, in denen wir das angemessene Verhalten durchspielen. Wir zeigen durch unser Spiel, wie viel Wert wir für uns in Anspruch nehmen und dass wir unsere Rollen, ob als Schauspieler oder Zuschauer, im alltäglichen Fluss sozialer Aktionen beherrschen. Auch hier zeigt die Alltagssprache, wie weit die Metapher des Theaters unser Denken prägt.

Zahlreiche Wörter und Wendungen verweisen auf das Theaterspiel. Man gibt jemandem ein Stichwort, hat bei einer Konferenz seine Rolle gut gespielt, mag die Rolle nicht, in die man auf einer Party gedrängt wird, oder entwirft ein Szenarium. Weit weg von jedem Schauspielhaus bewundern wir einen perfekten Auftritt, loben die perfekte Gastgeberrolle und sind verstimmt, wenn wir merken, dass uns jemand Theater vorspielt. Wir finden, jemand habe eine ziemliche Schau abgezogen oder einem anderen die Schau gestohlen, fallen selbst aber auf das Th eater nicht herein. Und wir setzen uns in Szene, bewundern die gelungene Inszenierung eines politischen Coups und brauchen mal wieder Szenenwechsel, wollen aber keinesfalls eine Szene machen. Wir soufflieren einem Freund, übernehmen bei der Konferenz die Regie – und fragen uns, was sich wohl hinter den Kulissen abspielt.

Die erste und wichtigste Rollenbeziehung ist die zwischen Eltern und Kind. Wir lernen früh, wie man sich unterordnet, sich durchsetzt, obwohl man weder Macht noch Autorität besitzt, und, was am wichtigsten ist, wie man Autoritätspersonen gibt, was sie für eine ausgeglichene Beziehung brauchen. Das üben wir unser Leben lang, weil es immer Menschen gibt, die uns überlegen sind. Beim Heranwachsen lernen wir den richtigen Umgang mit Gleichaltrigen und Unterlegenen, und wenn wir erwachsen sind, werden wir selbst Eltern. Der Soziologe Erving Goffman (1967) hat das als Regeln für »Ehrerbietung und Benehmen« bezeichnet. Als Kinder und Untergebene lernen wir Ehrerbietung, als Eltern und Chefs, wie wir auft reten müssen, um den Respekt der Untergebenen zu gewinnen und zu bewahren. Die Regel zum Beispiel, dass Angestellte einen Vorgesetzten nie unterbrechen sollten, gilt umgekehrt nicht. Von einem Mitarbeiter wird im Gespräch mit dem Vorgesetzten erwartet, dass er sein Interesse durch aufmerksame Haltung und sein Verständnis durch bestätigendes Nicken zeigt, von einem Vorgesetzte erwartet man, dass er sich durch autoritatives und klares Verhalten den Respekt der Untergebenen sichert.

Mehrdeutige oder missverständliche kulturelle Regeln können tragische Folgen haben. In den südafrikanischen Goldminen zum Beispiel bestraft en weiße Manager schwarze Arbeiter, die ihnen »nie in die Augen sehen konnten«, wegen Aufsässigkeit und Unzuverlässigkeit, weil sie nicht wussten, dass es in den Stämmen, aus denen die Arbeiter stammten, als Zeichen der Respektlosigkeit und völlig unannehmbar galt, Blickkontakt zu einer Person mit höherem Status aufzunehmen.

Ein anderes Beispiel sind Dresscodes: Angestellte können sich relativ formlos, Chefs müssen sich relativ förmlich anziehen – sie sind einer Art Uniformzwang unterworfen. Aber bei einer Konferenz, bei der der Chef anwesend ist, gebietet es der Anstand, sich ebenfalls förmlich zu kleiden. Es zählt zu den wichtigsten Bereichen des sozialen Lernens, wann und wie man Respekt zeigen muss. Wir lernen auch, dass ein Chef, der sich nicht förmlich kleidet, die formelle Status-Distanz verringern will. Wird das nicht durch andere egalitäre Verhaltensweisen, ergänzt, sind meist Spannungen die Folge, weil die Mitarbeiter glauben, der Chef wolle die größere Nähe irgendwie ausnutzen. Die öffentliche Diskussion über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat diesen Aspekt der Regeln für Ehrerbietung und Benehmen sichtbar gemacht. Ein Klaps auf den Hintern, eine Umarmung oder ein schmutziger Witz über die Geschlechter- und Statusgrenzen hinweg führen oft dazu, dass sich die Betroffenen nichtgleichberechtigt und ausgebeutet fühlen.

Je höher der Status, desto förmlicher und starrer die Verhaltensregeln. Führungskräft e haben zum Beispiel auch deshalb ihre eigene Toilette, weil ihnen das einen Ort gibt, um sich vor der Begegnung mit ihren Untergebenen zu sammeln. Zudem unterstreicht dieses Privileg die Vorstellung vom sozialen Wert, der mit dem Status verbunden ist – je höher der Wert, desto sakrosankter die Person. Heute, zu einer Zeit, in der Managern klischeehaft fast schon übermenschliche Eigenschaft en zugeschrieben werden, erwartet man einfach nicht, Superman auf der Angestelltentoilette zu treffen.

Über die größere Förmlichkeit hinaus sind Autoritätspersonen weiteren Regeln unterworfen. Bei Kindern ist der Spielraum dessen, was als angemessenes Verhalten gilt, sehr viel größer als bei Eltern und Vorgesetzten. Man ist zum Beispiel häufig schockiert, wenn ein Würdenträger in einer informellen Situation aus der Rolle fällt und zum Beispiel flucht oder Dummheiten macht.

Harris (1967) hat in seinem klugen Buch Ich bin ok, du bist ok darauf hingewiesen, dass wir uns im Erwachsenenalter in bestimmten Situationen zwischen den Rollen »Kind«, »Erwachsener« oder »Eltern« entscheiden können, weil wir all diese Rollen im Leben gelernt haben. Wir wissen, wie man sich »kindlich«, »autoritär« oder »altersgerecht« verhält. Für welche Rolle wir uns entscheiden, hängt oft von vorgefassten Meinungen über die Beteiligten, ihre Persönlichkeitsmerkmale und ihren Status ab. Reagiert jemand zum Beispiel väterlich und spricht von oben herab zu mir, scheint mir vielleicht ein kindliches, das heißt passiv-aggressives Verhalten angebracht, auch wenn rückblickend ein erwachsener Umgang mit der Situation für beide Seiten effektiver gewesen wäre.

Müsste dann Helfen – echtes bewusstes Helfen – im besten Fall nicht eine Aktivität zwischen Erwachsenen sein, das heißt eine a priori ausgeglichene Beziehung, ungeachtet aller formellen Rang- und Statusunterschiede? Wer in der Rolle des Kindes bzw. des Erwachsenen hilft, begibt sich in eine überlegene bzw. unterlegene Position, und das kann den Prozess in vieler Hinsicht verzerren. Hilft ein Elternteil einem Kind, spricht man normalerweise nicht von helfendem, sondern von »väterlichem« bzw. »mütterlichem« Verhalten. Vielleicht sollte man sich einmal fragen, ob »erwachsenes« Helfen nicht andere und möglicherweise bessere Ergebnisse brächte. Mit anderen Worten: Die Eltern könnten auf die Bitte eines Kindes um Hilfe bei den Schulaufgaben (in der Rolle des Erwachsenen) mit der Frage reagieren: »Was macht dir Probleme?«, statt eine Variante der Elternrolle zu spielen und zu sagen: »Lass mal sehen – aha, das geht so.« Und wie nennt man es eigentlich, wenn ein Kind den Eltern hilft? Es gibt wunderbare Geschichten von Kindern, die sich um ältere Verwandte kümmern, aber wir betrachten ein solches Verhalten meist als Ausnahme und erwarten es nicht. Wir sagen einfach, diese Kinder seien sehr reif (mit anderen Worten: erwachsen).

Allgemein gilt: Agiert der Helfer in der Elternrolle, empfindet der Klient das als herablassend, agiert der Helfer in der Rolle des Kindes, wird der Klient verwirrt und fragt sich, ob die Rollen nicht vertauscht worden sind. Es gibt im situationsabhängigen Verhalten auch kulturelle Varianten, auf die ich in der Beschreibung dieser Dynamik noch nicht eingegangen bin. Ich habe zum Beispiel bei einem Beratungsprojekt in einer europäischen Niederlassung von Exxon beobachtet, dass die Manager bei Reisen in die USA regelmäßig zwei verschiedene Outfits dabei hatten – den formellen dunklen Anzug für die Mutterfirma in New York und Jeans, Stiefel und offenes Hemd für die Filiale in Texas. In Start-ups im Hightech-Bereich hat man oft den Eindruck, es gebe in diesen neuen Firmen gar keine formellen Regeln für Ehrerbietung und Benehmen; tatsächlich sind sie aber nur anders. Ich weiß von einem Start-up, in dem der Status dadurch bestimmt wurde, wie weit jemand seine Ärmel aufk rempelte. Die Kommunikation wirkt in diesen Unternehmen oft ausgesprochen lässig, aber auch hier müssen neue Mitarbeiter lernen, was im Gespräch mit den höherrangigen Ingenieuren oder Soft wareprogrammierern erlaubt ist und was nicht.

Auch die Persönlichkeit, und hier vor allem das Abhängigkeitsbedürfnis, bestimmt, zu welchen Rollen man in bestimmten Situationen neigt und wie sie gespielt werden. Für einen abhängigen Menschen kann zum Beispiel eine Beziehung gleichberechtigt sein, in der andere die Führungsrolle übernehmen, während jemand, der auf Unabhängigkeit Wert legt, sie nur dann als gleichberechtigt betrachtet, wenn seine Opposition akzeptiert und respektiert wird. Es ist wichtig, sich und seine Neigungen zu kennen, denn sie legen fest, ob man eine entstehende Beziehung als fair und gleichberechtigt empfindet.

Und nicht zuletzt hängt die Spielart der Regeln auch von der gesellschaft lichen Funktion ab, die eine Beziehung in einer bestimmten Situation hat. Es gibt viele kommerzielle Aktivitäten, bei denen die Beziehung zum anderen – meist ein Verkäufer oder Sachbearbeiter – formal, unpersönlich, emotional neutral und sehr spezifisch auf den Hauptzweck der Interaktion ausgerichtet ist. Hier erwartet niemand Nähe, wohl aber spielt Vertrauen eine Rolle, denn die Interaktion bietet wenig Hinweise auf die Zuverlässigkeit des anderen. Die Frage: »Kann ich Ihnen helfen?« signalisiert im Laden den Versuch, den Kunden vom Verkäufer abhängig zu machen, der wiederum selbst von dessen Entscheidungen über Kauf bzw. Kaufverzicht abhängig ist. Die meisten kennen die Gesprächseröffnung beim Autokauf – es handelt sich oft um eine Art rituellen Tanz, bei dem entschieden wird, wer von wem abhängig ist. Effektives Verkaufen basiert darauf, Bedürfnisse oder Wünsche des Kunden herauszufinden, die durch das zu verkaufende Produkt befriedigt werden können. In diesem Sinne wird aus dem Verkauf tatsächlich eine Hilfe; die Rolle des Verkäufers besteht darin, den Käufer zur Kundenrolle zu verführen.

Anders ist es bei Dienstleistungen: jemand braucht einen Haarschnitt, eine Maniküre, eine Massage oder sonst eine Leistung, die einen physischen Kontakt erfordert. Der Kunde hat ein spezifisches Bedürfnis, die Rolle des Helfers ist klar definiert, aber begrenzt. Die Beziehung bleibt in gegenseitigem Einverständnis formal und emotional distanziert, weil dem Helfer der physische Kontakt zum Körper des Klienten gestattet ist, ohne dass eine intime Beziehung existiert. Ist die Leistung zufriedenstellend, kann sich eine weniger förmliche Beziehung entwickeln, etwa zu einem Lieblingsfriseur oder dem persönlichem Trainer.

Komplexer wird es in einer Situation, in der es um spezifischere oder sehr persönliche Bedürfnisse geht, etwa wenn man den Rat eines Anwalts, Arztes, Finanzberaters, Priesters oder Th erapeuten braucht. Sie ist zunächst formal, aber man macht sich verletzbar, weil man dem Helfer umfassendere Sachkenntnis zuschreibt. In der Verkaufs- oder Dienstleistungsbeziehung hat der Kunde den höheren Status, denn er kann die Situation problemlos beenden; in der vom Kunden initiierten formellen helfenden Beziehung hat der Helfer aufgrund seiner Sachkenntnis höheren Status und mehr Macht. Deshalb brauchen solche Helfer nicht nur eine gründliche Ausbildung, sondern auch eine Zulassung oder Approbation und sind an professionelle Standards und Ethik gebunden. Weil professionelle Helfer in einer Position sind, in der sie den Klienten ausnutzen und übervorteilen könnten, unterliegen sie formellen Regeln und eigenen inneren Standards. Wie wir noch sehen werden, klammern sich Klienten deshalb oft an die Illusion, sie hätten den gleichen oder sogar einen höheren Status als der Helfer, weil sie ihn ja bezahlen. Sie leugnen ihre Verletzlichkeit, um das Gesicht zu wahren.

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