Kitabı oxu: «Der verteufelte Herr Engel»
Der verteufelte Herr Engel
Edgar Wallace
Inhaltsverzeichnis
1. Das Depot in der Lombard Street
2. Das Haus in Terrington Square
3. Meister Engel
4. Die ›Stadtbande‹
5. Das Kryptogramm
6. Das rote Kuvert
7. Was das rote Kuvert enthielt
Der alte George
Impressum
1.
Das Depot in der Lombard Street
Herr William Spedding von der Anwaltfirma Spedding, Mortimer und Larach hatte das Grundstück in Lombard Street auf ganz einfache Art und Weise erworben. Nach dem Tod einer alten Dame, die in Market Harborough wohnte und mit dieser Geschichte nichts weiter zu tun hat, war das Besitztum auf den Markt gekommen und in der üblichen Weise versteigert worden.
Herr William Spedding hatte das Grundstück für 106 000 Pfund erstanden; diese Summe war hoch genug, um das Interesse aller Abendzeitungen und auch vieler Morgenblätter zu erregen.
Die Pläne zur Errichtung eines Gebäudes von absonderlicher Art wurden durch die Baubehörde geprüft und gebilligt. Der Bauinspektor war zwar einigermaßen verblüfft über die innere Einrichtung des neuen Hauses; aber da es allen baupolizeilichen Vorschriften der Stadt London entsprach, hatte er schließlich die Pläne mit einem Achselzucken genehmigt; die Fassade war so geschickt entworfen, daß man zehnmal am Tag hätte vorbeigehen können, ohne etwas Auffälliges daran zu finden, und auch die Durchlüftungs- und Beleuchtungssysteme waren über jeden Tadel erhaben.
»Ich verstehe nicht, Herr Spedding,« sagte der Bauinspektor und zeigte auf die Blaupause, »wie Ihr Klient sich Ruhe und Abgeschlossenheit verschaffen will. Er hat ein Vestibül und eine einzige große Halle. Wo sind die Privatkontore, und was bedeutet dieser riesige Safe mitten in der Halle, und wo sollen die Angestellten sitzen? Denn er wird doch Angestellte beschäftigen? Mensch, er wird ja keine Minute Ruhe haben!«
Herr Spedding lächelte grimmig.
»Er wird Ruhe haben, soviel er will,« sagte er.
»Und die Gewölbe – ich sollte denken, daß Sie vor allem Gewölbe hier nötig hätten.« Er tippte auf die Ecke des Bogens, wo vorschriftsgemäß »Plan zur Errichtung eines neuen Safe-Depots« stand.
»Da ist der Safe,« sagte Herr Spedding und lächelte wieder.
Dieser William Spedding, der leider nicht mehr unter uns weilt – er starb ganz plötzlich, wie ich noch berichten werde –, war ein großer, verbindlicher Mann mit glattem Gesicht und glatten Manieren. Er rauchte gute Zigarren, deren Spitzen er mit einem goldenen Abschneider kappte, und war stets bereit zu lächeln, als ein Mann, der am Leben nichts auszusetzen hat.
Angebote wurden nun eingefordert für den Bau des neuen Safe-Depots, und es rechtfertigte sich die Bemerkung des Inserats, daß es nicht unbedingt auf Billigkeit ankäme; denn es wurde der Plan von Potham & Holloway gewählt, und es ist ein offenes Geheimnis, daß dieses Angebot das teuerste von allen war.
»Mein Klient verlangt die allerbeste Ausführung; das Gebäude muß Erschütterungen aushalten können.« Herr Spedding warf einen raschen Blick auf den Baumeister, der ihm gegenüber am Schreibtisch saß. »Ein Bau muß es sein, den eine alberne kleine Dynamitexplosion nicht gleich in alle Winde zerstreut.«
Der Baumeister nickte.
»Sie haben die einzelnen Bedingungen gelesen,« fuhr der Rechtsanwalt fort – er schnitt sich gerade eine frische Zigarre zurecht –, »und in bezug auf das Postament – ja – das Postament, Sie wissen doch –?«
Er hielt inne und sah den Baumeister an.
»Es scheint alles ganz klar und deutlich,« sagte der große Bauherr. Er nahm einen Stoß Papiere aus einer offenen Mappe neben sich und las: »Das Fundament bis zu einer Tiefe von sechs Metern muß aus Beton hergestellt sein ... Das Postament aus abwechselnden Lagen von Granitplatten und Stahl ... in der Mitte eine stahlgepanzerte Nische, vierundzwanzig zu zwölf Zentimeter, von der halben Tiefe des Postaments.«
Der Rechtsanwalt nickte langsam.
»Dieses Postament wird das Wichtigste am ganzen Bau sein. Die stahlgepanzerte Vertiefung – ich kenne die technischen Ausdrücke nicht –, welche Ihre Leute dieser Tage werden einsetzen müssen, ist das Nächstwichtige; aber der Safe, der fünfzehn Meter über dem Boden des Gebäudes stehen soll – aber der Safe ist ja bereits beschafft.«
Ein Heer von Arbeitern – wenn die abgedroschene Redensart erlaubt ist – kam nun nach Lombard Street und riß die alten Gebäude nieder. Sie rissen sie nieder mit Brechstangen und Hebeeisen, und Lombard Street wurde grau von Staub. Das Innere seltsamer alter Stuben mit verschmutzter Holztäfelung wurde den Blicken der Passanten rücksichtslos preisgegeben. Schwerfällige, schmierige Karren versperrten die Straße, und bei Nacht zischten grelle Lichtflammen über die Trümmerstätte hin.
Nacktarmige Männer schwitzten und gruben bei Nacht und bei Tag. Und eines Morgens – ein feiner Sprühregen ging nieder – erschien Herr Spedding unter einem seidenen Regenschirm und drückte im Namen seines Klienten seine restlose Zufriedenheit mit dem Fortgang der Arbeit aus. Er stand auf einem schlüpfrigen Brett, das einen Steg für Schubkarren bildete, und die Arbeiter, durch die Anwesenheit der ›Firma‹ – Herrn Speddings Führer – zu ungewöhnlicher Tatkraft angespornt, liefen in fieberhafter Eile hin und her.
»Sie lassen sich durch den Regen nicht abhalten,« sagte der Rechtsanwalt und reckte sein Kinn in die Richtung der schuftenden Männer.
›Die Firma‹ schüttelte den Kopf.
»Extralohn,« sagte er kurz; »das hatten wir bei unserem Angebot schon vorgesehen,« fügte er eilig hinzu, um diese Verschwendung zu rechtfertigen.
So entstand bei Regen und Sonnenschein, bei Tag und Nacht das neue Safe-Depot.
Einmal, während einer Nachtschicht, fuhr ein zweisitziger Wagen durch die verlassene Straße, und mit Hilfe eines Dieners stieg aus dem dunkeln Gefährt ein zitternder alter Mann mit weißem, müdem Gesicht. Er zeigte dem Polier einen schriftlichen Ausweis und wurde durch das rohe Holztor auf den Bauplatz gelassen.
Vorsichtig ging er zwischen den Trümmerhaufen umher; er stellte keine Fragen und gab keine Antworten auf die Erklärungen des verdutzten Poliers, der sich vergeblich fragte, was wohl an einem Bau so Besonderes sein könne, das einen alten Mann an einem kalten Frühlingsmorgen um drei Uhr früh aus seinem Bette lockte.
Nur einmal sprach der Alte.
»Wo kommt denn das Ding, das Postament hin?« fragte er mit heiserer, gebrochener Stimme im Londoner Dialekt; und als der Polier auf die Stelle zeigte, wo die andern gerade eifrig das Fundament auffüllten, verzerrten sich die Lippen des Alten zu einem häßlichen Lächeln und entblößten eine Reihe Zähne, die für einen Mann seines Alters zu weiß und regelmäßig waren. Er sagte weiter nichts, zog aber den Kragen seines Pelzes dichter um den mageren Hals und ging müde zu seinem Wagen zurück.
Der Bau sah Herrn Speddings Klienten nie wieder – wenn es überhaupt Herrn Speddings Klient gewesen war. Soviel bekannt ist, kam er vor der Vollendung des Gebäudes nicht mehr nach Lombard Street – auch nicht, als die letzte Glasscheibe in der hohen, vergoldeten Kuppel angebracht oder die letzte Marmorplatte an den prunkvollen Wänden der großen Halle eingefügt wurde, nicht einmal, als der Rechtsanwalt erschien und in schweigsamer Versunkenheit das große granitene Postament betrachtete, wie es sich mitten in einem Gerüst von schlanken Stahlbalken erhob, welche eine Wendeltreppe stützten, die zu dem riesigen Safe mitten in der Luft emporführte.
Nicht ganz allein war der Rechtsanwalt, denn neben ihm stand der Bauherr in stiller Scheu vor der Ungeheuerlichkeit seiner eigenen Schöpfung.
»Fertig!« sagte der Baumeister; das Echo seiner Stimme hallte aus den düsteren Weiten des Baues wider.
Der Rechtsanwalt gab keine Antwort.
»Ihr Klient kann, wenn er will, morgen sein Geschäft eröffnen.«
Der Rechtsanwalt trat von dem Postament weg.
»Er ist noch nicht soweit,« sagte er leise, als fürchte er das Echo.
Dann ging er zu den großen, weit offenen Stahltüren der Halle; der Baumeister folgte ihm.
Im Vestibül zog er zwei Schlüssel aus der Tasche. Die schweren Türen fielen hinter dem Eingang geräuschlos zu, und Herr Spedding verschloß sie. Durch das Vestibül schritten die beiden Männer auf die belebte Straße hinaus, und der Anwalt schloß auch die äußeren Türen hinter sich.
»Mein Klient bittet mich, Ihnen seinen Dank für die prompte Ausführung zu übermitteln,« sagte er.
Der Baumeister rieb sich befriedigt die Hände.
»Sie haben zwei Tage weniger gebraucht, als wir dachten,« fuhr Herr Spedding fort.
Wenn es nicht seine Arbeit galt, war der Baumeister ein Mann von wenig Gedanken. Noch einmal sagte er:
»Ja, Ihr Klient kann morgen sein Geschäft eröffnen.«
Der Rechtsanwalt lächelte.
»Mein Klient, Herr Potham, wird sein Geschäft vielleicht nicht vor zehn Jahren – hm – eröffnen,« sagte er. »Nämlich nicht – nun, nicht vor seinem Tode, Herr Potham.«
2.
Das Haus in Terrington Square
Ein Mann bog von der Seymour Street in den Terrington Square ein und ging mit einem kurzen »Gute Nacht« gemächlich an dem diensttuenden Schutzmann vorbei. Später beschrieb der Polizist diesen Passanten als einen fremdländisch aussehenden Herrn mit kurzem Spitzbart. Unter dem hellen Überzieher trug er offenbar Gesellschaftsanzug, denn der Polizist hatte seine Schuhe mit einfachen schwarzen Schleifen bemerkt; das weißseidene Halstuch und der Chapeau claque bekräftigten diese Ansicht. Der Mann ging über die Straße und verschwand hinter der Ecke der umgitterten Anlagen, welche die Mitte des Platzes einnehmen. Eine verspätete Hansom-Droschke klingelte vorüber, und ein verfrühter Zeitungskarren auf dem Weg nach Paddington folgte ihr; dann war der Platz öde und verlassen bis auf den Mann und den Polizisten.
Die finstern, unheimlichen Häuser des Platzes lagen in tiefem Schlaf – herabgelassene Vorhänge, geschlossene Fensterläden und Schweigen.
Der Mann schlenderte ruhig weiter, bis er an Nr. 43 kam. Hier blieb er einen Augenblick stehen, warf einen raschen Blick die Straße hinauf und hinab und stieg dann die drei Stufen zum Hause empor. Er suchte eine Weile nach dem Schlüsselloch, drehte den Schlüssel um und trat ein. Drinnen stand er einen Augenblick still, zog dann eine kleine elektrische Lampe aus der Tasche und knipste sie an.
Er suchte nicht das große Vestibül zu überblicken, sondern ließ den winzigen Lichtstrahl auf die Innenseite der Tür fallen. Zwei dünne Drähte und eine kleine Spule, die am Querbalken des Türrahmens befestigt waren, veranlaßten ihn zu keinerlei Äußerung. Einer der Drähte war durch das Öffnen der Tür gerissen.
»Diebsalarm natürlich,« murmelte er beifällig. »Alle Fenster genau so verwahrt, und Gott weiß wie viele Fallen außerdem, die den Unbesonnenen erwarten.«
Nun leuchtete er in die Halle. Ein schwerer Perserteppich am Fuß der Treppe erregte seine Aufmerksamkeit. Er nahm einen zusammenschiebbaren Stock aus der Tasche, zog ihn auseinander und sicherte ihn, so daß er nicht zusammenklappen konnte. Dann schritt er behutsam auf den Teppich zu. Mit dem Stock hob er eine Ecke hoch, und was er sah, befriedigte ihn offenbar, denn er ging zur Tür zurück, wo in einer Nische eine Marmorfigur stand. Es bedurfte all seiner Kraft, um sie aufzuheben, aber schwankend brachte er sie schließlich angeschleppt; auf ihrem runden Postament rollte er sie, wie Eisenbahnauflader Milchkannen rollen, bis an den Rand des Teppichs, und mit einem raschen Stoß schob er sie mitten darauf. Eine Sekunde lang stand sie aufrecht, schwankend – dann verschwand sie wie der Blitz, und wo der Teppich gelegen hatte, gähnte ein schwarzes Loch. Er wartete. Irgendwoher aus der Tiefe tönte ein lauter Krach, und langsam kam der Teppich wieder nach oben und füllte die Leere. Der unerschütterliche Besucher nickte, als billige er die Vorsicht des Hausbesitzers.
»Ich glaube kaum, daß er noch dazugelernt hat,« murmelte er bedauernd. »Er wird recht alt.« Dann untersuchte er die Wände. Sie waren mit Bildern und Stichen bedeckt. »In einem modernen Haus hätte er das Kreuzfeuer nicht anbringen können,« fuhr er fort; dann nahm er einen kleinen Anlauf, sprang über den Teppich und ruhte sich eine Weile auf der untersten Stufe aus. Eine Rüstung auf dem ersten Treppenabsatz fesselte einen Augenblick seine Aufmerksamkeit. »Harnisch aus der Zeit der Königin Elisabeth und dazu ein spanisches Bajonett,« sagte er bedauernd. »Das ist kein Sammler-Meisterstück.« Er ließ das Licht der Lampe wieder und wieder über die schweigsame Gestalt gleiten, die in drohender Haltung mit geschwungener Streitaxt dastand. »Dieses Beil gefällt mir nicht,« murmelte er und maß die Entfernung.
Da entdeckte er den feinen Draht, der sich über den Treppenabsatz spannte. Sorgfältig stieg er darüber weg und stellte sich neben den eisernen Ritter. Erst legte er den Überzieher ab, dann streckte er den Arm aus und packte die Gestalt am Handgelenk. Nun zerriß er mit einer raschen Fußbewegung den Draht.
Er war vorbereitet gewesen auf das mechanische Niederfallen des Beiles; aber im selben Augenblick, als der Draht zerriß, wandte sich die Gestalt nach rechts, und hui! kam das Beil in halbkreisförmigem Schwung herabgesaust. Er hatte den Arm im Niedergehen festhalten wollen, aber ebensogut hätte er versuchen können, die Kolbenstange einer Maschine festzuhalten. Seine Hand wurde gewaltsam beiseitegedrückt, und die rasiermesserscharf geschliffene Schneide des Beils hätte um ein Haar seinen Kopf getroffen. Mit einem schwirrenden Geräusch nahm der Arm wieder seine ursprüngliche Lage ein und blieb steif in der Luft stehen.
Der Besucher fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und seufzte.
»Das ist 'ne neue, 'ne ganz neue,« sagte er kaum hörbar; Bewunderung lag offenkundig in seinem Ton. Er hob seinen Mantel auf, warf ihn über den Arm und stieg ein paar Stufen bis zum nächsten Absatz hinauf. Die Untersuchung des chinesischen Schränkchens verlief zufriedenstellend.
Der weiße Strahl seiner Lampe blitzte in Ecken und Spalten, enthüllte aber nichts. Er schüttelte den Vorhang eines Fensters und lauschte mit angehaltenem Atem.
»Hier nicht,« murmelte er entschieden; »das Spiel würde der Alte hier nicht versuchen. Schlangen, in einem Haus mitten in London losgelassen, müßte man am nächsten Morgen sehr mühsam wieder einfangen.«
Er sah sich um; von dem Treppenabsatz aus führten Türen in drei verschiedene Zimmer. Der Raum, der seiner Meinung nach auf die Straße gehen mußte, kam für ihn nicht in Betracht. Die zweite, mit einer schweren Gardine verhängte Tür sah er eine Weile nachdenklich an. Auf die dritte Tür ging er zu; sorgfältig umwickelte er die Klinke mit seinem seidenen Halstuch und drückte sie nieder. Die Tür gab nach. Er zögerte noch einen Augenblick, dann stieß er sie weit auf und sprang zurück.
Nur eine Sekunde lang lag der Raum im Stockdunkeln, bis auf einen flackernden Lichtschein, der ein offenes Kaminfeuer verriet. Dann hörte der Besucher ein knackendes Geräusch, und das Zimmer war von Licht überflutet. Draußen auf dem dunklen Treppenabsatz wartete er; dann sagte eine Stimme, eine zerbrochene, alte Stimme:
»Herein.«
Noch immer wartete der Mann vor der Türe.
»So komm doch herein, Jimmy – ich kenn dich doch.«
Vorsichtig ging der Mann über die Schwelle und trat vor den Alten hin, der, mit einem wattierten Schlafrock bekleidet, in einem Lehnstuhl am Feuer saß; es war ein alter Mann mit weißem Gesicht und höhnischem Lächeln; auf seinen Knien lagen eine Menge Papiere.
Der Besucher nickte ihm einen freundlichen Gruß zu. »Soviel ich weiß,« sagte er bestimmt, »befinden wir uns gerade über deinem Ankleidezimmer, und wenn du mich durch eine deiner famosen Fallen stürzen läßt, Reale, würde ich mitten in deinem kostbaren Porzellan landen.«
Ein Schatten der Beunruhigung war bei Erwähnung des Porzellans über das Gesicht des alten Mannes geglitten. Aber sonst blieb er unerschütterlich und ließ die Augen nicht vom Gesicht seines Gastes. Aufs neue erschien sein höhnisches Lächeln, und er winkte dem Besucher, auf einem Stuhl auf der andern Seite des Kamins Platz zu nehmen.
Mit der Spitze seines Stocks drehte Jimmy das Kissen um und setzte sich.
»Mißtrauisch?« – das Lächeln wurde zum Grinsen – »mißtrauisch gegen deinen alten Freund, Jimmy? Gegen deinen alten Herrn, was?«
Jimmy antwortete nicht gleich, dann sagte er:
»Du bist ein wahres Wunder, alter Herr, – bei Gott, du bist ein wahres Wunder. Der Mann in der Rüstung – deine Idee?«
Der Alte schüttelte bedauernd den Kopf.
»Nicht meine Idee allein, Jimmy. Siehst du, es ist Elektrizität dabei im Spiel, und von Elektrizität verstehe ich nicht viel. Niemals hab ich, außer –«
»Außer?« fragte Jimmy.
»Ach, der Roulette-Tisch – das war meine eigene Idee; aber das war Magnetismus; und das ist meiner Ansicht nach was anderes als Elektrizität.«
Jimmy nickte.
»Bist du an der Falle glücklich vorbeigekommen?« Im Auge des Alten schimmerte flüchtig Bewunderung auf.
»Ja, drüber weggesprungen.«
Der Alte nickte beifällig.
»Warst immer ein fixer Junge, wenn's was auszuknobeln galt. Ich hab massenhaft Kerle gekannt, die nie drauf gekommen wären, drüber wegzuspringen. Connor und das Schwein, der Massey, wären lustig drauflosgestiefelt. Du hast doch nichts ruiniert?« fragte er plötzlich aufgeregt. »Ich hab was krachen hören und hoffte nur, du wärst es selber.«
Jimmy dachte an die Marmorstatue, und es fiel ihm ein, daß sie recht kostbar ausgesehen hatte.
»Nicht das geringste,« log er ohne jede Hemmung; die gespannte Aufmerksamkeit des Alten ließ nach.
Die beiden saßen am Kamin einander gegenüber. Ganze zehn Minuten lang sprach keiner ein Wort. Dann beugte sich Jimmy vor.
»Reale,« sagte er ruhig, »wieviel bist du wert?«
In keiner Weise beunruhigt über diese vielsagende Frage, im Gegenteil – offensichtlich voll lebhafter Befriedigung, erwiderte der andere ohne Zögern:
»Zwei Millionen und was drüber, Jimmy. Ich hab die Zahlen im Kopf. Die Möbel und die Sachen hier im Haus mit ihrem richtigen Wert gerechnet, zwei Millionen siebenundvierzigtausend und dreiundvierzig Pfund – mit Ausständen und allem, was drum und dran hängt, Jimmy; in nacktem Bargeld, so daß du nur die Hand in die Tasche zu stecken brauchst, um es auszugeben – genau eine und drei Viertel Million.«
Mit einem triumphierenden Grinsen lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und beobachtete sein Gegenüber.
Jimmy hatte eine Zigarette aus der Tasche gezogen und zündete sie an; nachdenklich blickte er auf das langsam verglimmende Streichholz.
»Eine und drei Viertel Million,« wiederholte er ruhig, »ist 'ne Masse Geld.«
Der Alte kicherte leise.
»Alles dem vertrauensseligen Publikum abgeknöpft, mit meiner Hilfe – und Connors und Masseys Hilfe –«
»Massey ist ein Schwein!« unterbrach ihn der Alte wütend.
»Im Schweiße unseres Angesichts törichten jungen Leuten abgerungen, die Vertrauen hatten zum Tiger und hohe Spiele machten in Reales unvergleichlichem Glückstempel zu Kairo in Ägypten – mit Filialen in Alexandrien, Port Said und Suez.«
Die Gestalt im wattierten Schlafrock wand sich förmlich vor stiller Heiterkeit.
»Wie viele hast du ruiniert, Reale?« fragte Jimmy.
»Das weiß Gott!« erwiderte der Alte lustig; »nur drei, von denen ich es weiß – zwei von ihnen sind tot, der dritte liegt im Sterben. Die beiden, die gestorben sind, haben weder Kind noch Kegel hinterlassen; der Sterbende hat eine Tochter.«
Jimmy musterte den alten Mann durch seine halbgeschlossenen Augenlider.
»Woher plötzlich diese skrupulöse Sympathie für die Verwandten – du wirst doch nicht –«
Als wollte er einer Frage zuvorkommen, nickte der Alte bei diesen Worten mit fieberhafter Energie, und immer höhnischer wurde dabei sein Lächeln.
»Daß du's doch immer mit den großartigen Worten hast, Jimmy! So bist du stets gewesen. Auf die Art hast du deine vornehmen Freundchen dazu gekriegt, ihr Glück bei mir zu versuchen. Skrupulöse Sympathie? Was ist denn das? Meinst du damit, daß ich mich um sie sorge? Jawohl, das tu ich – ich sorg mich um sie. Und ich will – wie heißt's doch gleich – eben noch hatte ich's auf der Zunge?«
»Remedur?« fragte Jimmy.
Der alte Reale nickte erfreut.
»Auf welche Art denn?«
»Sei bloß nicht neugierig!« fuhr ihn der Alte wütend an. »Ich hab mich auch nicht erkundigt, warum du mitten in der Nacht in mein Haus einbrichst; trotzdem ich weiß, daß du neulich schon da warst und den Elektrizitätsmesser kontrolliert hast. Ich hab dich gesehen, und seitdem warte ich auf dich.«
»Das hab ich alles gewußt,« sagte Jimmy ruhig und schnippte die Asche seiner Zigarette mit dem kleinen Finger fort, »und ich dachte, du würdest –«
Plötzlich hielt er inne und lauschte.
»Wer ist außer uns noch im Haus?« fragte er rasch; aber das Gesicht des Alten beruhigte ihn.
»Niemand,« sagte Reale ungeduldig. »Ich hab doch ein besonderes Haus für die Dienstboten, und sie kommen erst morgens, nachdem ich meinen – Diebsalarm abgestellt hab.« Er grinste; aber dann kam ein unruhiger Blick in seine Augen.
»Die Alarmglocken!« flüsterte er; »du hast beim Hereinkommen den Draht zerrissen, Jimmy. Ich hab das Signal gehört. Wenn jemand im Haus wäre, würden wir es jetzt nicht erfahren.«
Sie lauschten.
Unten in der Halle knackte etwas, dann klang ein dumpfer Ton herauf.
»Er hat den Teppich übersprungen,« flüsterte Jimmy und drehte das Licht aus.
Die beiden Männer hörten gedämpfte Tritte auf der Treppe und warteten. Durch die Türritze zuckte ein Lichtschein auf, ein Mensch atmete schwer. Jimmy beugte sich vor und flüsterte dem Alten etwas ins Ohr.
Dann, als die Klinke niedergedrückt und die Tür aufgestoßen wurde, drehte Jimmy das Licht wieder an.
Der Eintretende war ein kleiner, untersetzter Mensch mit breitem, rotem Gesicht. Er trug einen sehr auffallend karierten Anzug und einen steifen Hut im Genick, dessen schmale Krempe die Breite seines Gesichts noch zu betonen schien. Ein zufälliger Beobachter hätte ihn für einen derben, gutmütigen Menschen halten können, von rauher, aber herzlicher Wesensart. Ein gewiegter Menschenkenner jedoch hätte ihn sofort durchschaut als das, was er war: ein grausames Menschentier, das kein Mitleid kannte.
Er fuhr blinzelnd zurück, als das Licht aufflammte, aber er hielt einen Revolver auf die beiden gerichtet.
»Hände hoch!« knurrte er. »Hände hoch!«
Keiner von beiden gehorchte. Jimmy war nur belustigt und verbarg das keineswegs. Mit weißen, spitz zulaufenden Fingern strich er sich über den kurzen Bart. Der Alte war die verkörperte Wut.
Er war es auch, der sich krächzend an Jimmy wandte:
»Was hab ich dir gesagt, Jimmy? Was hab ich dir immer gesagt, Jimmy? Massey ist ein Schwein, und er benimmt sich auch wie ein Schwein. Pfui Teufel!«
»Hände hoch!« zischte der Mann mit dem Revolver noch einmal. »Hände hoch, oder ich mach euch beide kalt!«
»Wenn er zuerst gekommen wäre, Jimmy!« Der Alte rang die Hände vor Kummer. »Mag er auch über den Teppich gesprungen sein – jeder armselige Dieb hätte das fertiggebracht – aber glaubst du, daß er den Mann in der Rüstung entdeckt hätte? Wenn du mir nur den Mann in der Rüstung wieder in Ordnung gebracht hättest.«
»Leg den Revolver hin, Massey,« sagte Jimmy kaltblütig, »wenn du nicht gerade was zum Spielen brauchst. Der alte Herr Reale ist zu krank für Turnübungen, wie du sie im Sinne hast, und ich hab auch keine Lust, dir gefällig zu sein.«
Der Mann tobte.
»Bei Gott, wenn ihr eure dreckigen Tricks mit mir versucht, dann sollt ihr beide –«
»Ach, ich bin hier nur Besuch wie du auch,« sagte Jimmy mit einer leichten Handbewegung; »und was dreckige Tricks angeht, so hätten wir dich ja erschießen können, eh du ins Zimmer kamst.«
Massey machte ein finsteres Gesicht und spielte mit seinem Revolver.
»Links am Lauf ist 'ne Sicherung,« fuhr Jimmy fort und zeigte auf den Revolver. »Schieb sie nach oben – du kannst sie ja immer wieder mit dem Daumen nach unten drücken, wenn es dir wirklich ernst wird. Für mich bist du nicht gerade das Ideal eines Einbrechers. Du atmest zu geräuschvoll und bist auch sonst zu ungeschickt; ich hab dich ja sogar die Haustür öffnen hören!«
Die stille Verachtung im Ton dieser Worte ließ das rote Gesicht des Mannes noch dunkler werden.
»Du bist freilich ein ganz Gescheiter, das wissen wir schon lange!« begann er; der Alte hatte seine Fassung wiedergewonnen und winkte ihm, sich zu setzen.
»Nehmen Sie Platz, Herr Massey,« sagte er bissig; »setz dich, du feiner Kunde, und erzähl uns, was es Neues gibt. Jimmy und ich haben gerade von dir gesprochen, ich und Jimmy. Wir sagten gerade, was du für ein feiner Gent wärst« – seine Stimme wurde schrill – »was für ein Schwein, was für ein fetter, torkeliger Schweinekerl du wärst, Herr Massey!«
Erschöpft sank er in seinen Stuhl zurück.
»Paß mal auf, alter Herr,« begann Massey von neuem – er hatte seinen Revolver neben sich auf einen Tisch gelegt und gestikulierte mit seiner großen roten Hand, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen – »wir wollen dir ja keine Unannehmlichkeiten machen. Ich bin dir ein treuer Freund gewesen, und Jimmy auch. Jahrelang haben wir die schmutzige Arbeit für dich gemacht, ich und Jimmy, und Jimmy weiß das ganz gut« – er wandte sich mit einschmeichelndem Lächeln zu dem Gegenstand seiner Bemerkungen – »und nun wollen wir 'nen Brocken von dem, was uns zusteht – denn darauf läuft's hinaus: es steht uns zu.«
Der alte Reale blickte unter seinen buschigen Augenbrauen hervor nach der Stelle, wo Jimmy saß und grübelnd ins Feuer starrte.
»Also ein Kniff ist das Ganze, was? Beide steckt ihr dahinter! Jimmy kommt zuerst, weil er der Gescheite ist, und macht dem andern Kerl die Sache recht schön bequem.«
»Stimmt nicht,« schüttelte Jimmy den Kopf. Er drehte sich um und betrachtete Massey prüfend von oben bis unten; die amüsierte, stillvergnügte Verachtung seines Blickes war allzu offensichtlich.
»Sieh ihn dir an!« sagte er endlich. »Unser lieber Massey! sieht er aus wie einer, dem ich Vertrauen schenke?«
Kalte Leidenschaft schien ihn plötzlich zu packen.
»Ein Zufall hat uns zusammengebracht.«
Er stand auf, trat zu Massey hin und starrte auf ihn nieder. Es lag etwas in seinem Blick, das Massey zum Revolver greifen ließ.
»Massey, du Hund!« fing er an, aber dann hielt er lachend inne und ging in eine Ecke des Zimmers, wo ein Likörschränkchen und ein Sodasiphon standen; er schenkte sich eine ordentliche Portion ein und ließ das Sodawasser zischend ins Glas sprudeln. Dann hob er es gegen das Licht und sah den Alten an. Auf dessen Gesicht lag ein Ausdruck, den Jimmy sich erinnerte schon früher gesehen zu haben. Er trank seinen Whisky und sagte, was der alte Reale dachte:
»Es nützt nichts, Reale, du mußt die Sache mit Massey in Ordnung bringen. Aber nicht auf die Art, wie du denkst. Wir könnten ihn beiseite bringen, aber da müßten wir uns auch selber beiseite bringen.« Er machte eine Pause. »Und ich bin ja auch noch da,« fügte er hinzu.
»Und Connor,« grunzte Massey, »und der ist ärger als ich. Ich bin vernünftig, Reale; ich wäre mit einem anständigen Anteil zufrieden –«
»Ach wirklich?«
Der Alte grinste aufs neue.
»Na, dein Anteil beträgt genau eine und drei Viertel Million in bar, und 'ne Kleinigkeit über zwei Millionen alles in allem.«
Er hielt inne, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten.
Jimmys Ruhe ärgerte ihn; Masseys Gleichgültigkeit war empörend.
»Und das ist auch Jimmys Anteil, und Connors Anteil, und Fräulein Kents Anteil.«
Diesmal war die Wirkung besser. Auf Jimmys ausdrucksvollem Gesicht zeigte sich ein Schimmer von Interesse.
»Kent?« fragte er rasch. »Hieß so nicht der Mann –?«
Der alte Reale kicherte.
»Jawohl, so hieß er, Jimmy – der Mann, der 'nen Zehner zu verlieren gedachte und zehntausend verlor. Der am nächsten Abend wiederkam, um die zehntausend zurückzugewinnen, und sein ganzes Geld bei uns ließ. Jawohl, das ist er!«
Er rieb sich die mageren Hände, als gedächte er einer erfreulichen Begebenheit.
»Mach den Schrank dort auf, Jimmy.« Er zeigte auf ein altmodisches Nußbaumvertiko, das neben der Tür stand. »Siehst du was – 'n Ding, das wie 'ne Windmühle aussieht?«
Jimmy brachte ein Pappgebilde zum Vorschein, das offenbar ein Modell im kleinen war; sorgfältig stellte er es auf den Tisch neben dem Alten. Mit einer nachlässigen Handbewegung setzte Reale ein Schwungrad in Bewegung: ein winziges Pappgestänge bewegte sich hin und her, und kleine hölzerne Räder begannen sich lebhaft zu drehen.
»Das hab ich mit seinem Geld gemacht – 'ne neue Maschine erfunden, die von selber geht –, ein Perpetuum mobile. Du kannst ruhig grinsen, Massey, ich hab es doch damit gemacht. Fünf Jahre Arbeit und 'ne Viertelmillion – soviel bedeutet das kleine Modell. Nie bin ich hinter das Geheimnis gekommen. Stets hab ich Maschinen bauen können, die stundenlang gingen, wenn man ihnen 'nen kleinen Stoß gab – aber der Stoß war immer notwendig. Mein Lebtag hab ich mich mit Erfindungen und Geduldspielen und Rätseln abgegeben. Besinnt ihr euch auf den Tisch in Suez?«
Er warf den beiden einen verschmitzten Blick zu.
Massey wurde bei all diesen Erinnerungen immer ungeduldiger. Er war heute nacht mit einer bestimmten Absicht gekommen; ein großes Risiko hatte er auf sich genommen, das vergaß er keine Minute. Nun brach er los:
»Was gehen mich deine verdammten Erfindungen und Rätsel an, Reale. Jetzt komm ich an die Reihe – Jimmy kann uns ja egal sein. Was soll all das dumme Geschwätz über zwei Millionen für jeden von uns und für dieses Mädel? Als du damals dein Etablissement in Ägypten aufgegeben hast, hieß es, wir sollten auf unsere Kosten kommen, wenn es soweit wäre. Na, jetzt ist es soweit!«
»Fast! Fast!« kicherte Reale mit seinem Totenkopfgrinsen. »Es ist fast soweit. Ihr hättet euch nicht herzubemühen brauchen. Mein Anwalt hat eure Adressen. Ich hab's bald überstanden,« fuhr er vergnügt fort. »In einem halben Jahr bin ich tot – totsicher. Dann kriegt ihr Kerle das Geld« – er sprach langsam, um seinen Worten Nachdruck zu geben – »du, Jimmy, oder Massey, oder Connor, oder die junge Dame. Du sagst, du könntest Rätsel nicht leiden, Massey. Na, da sieht's für dich nicht gut aus. Jimmy ist der Gescheite, wahrscheinlich wird's der kriegen. Connor ist ein verschlagener Hund, der könnt es vielleicht Jimmy abluchsen; aber die junge Dame hat die besten Aussichten, denn Frauen verstehen sich aufs Rätselraten.«
»Was soll das, zum Teufel!« schrie Massey und sprang auf.
»Setz dich!« Das hatte Jimmy gesagt, und Massey gehorchte.
»An diesen zwei Millionen hängt ein Rätsel,« fuhr Reale fort; seine heisere Stimme mit dem harten Londoner Akzent krächzte förmlich vor Vergnügen über Masseys Verblüffung und Jimmys finsteres Gesicht. »Und wer das Rätsel löst, kriegt das Geld.«
Wäre er nicht so versunken in seine Heiterkeit gewesen, so hätte er in Masseys brutalem Gesicht eine Veränderung bemerkt, die ihn gewarnt hätte.
»Es steht in meinem Testament,« fuhr er fort. »Ich will die Betrüger gegen die Betrogenen ausspielen. Die Lockvögel der Spielhölle – das seid ihr beide – gegen die Tauben. Zwei von den fettesten Tauben sind tot, und eine dritte liegt im Sterben. Na, er hat 'ne Tochter; wollen sehen, was die zuwege bringt. Wenn ich tot bin –«
»Nämlich jetzt!« brüllte Massey, beugte sich vor und traf den Alten mit einem schweren Hieb.
Jimmy war aufgesprungen: er sah den Blutstrahl und das Messer in Masseys Hand, und er fuhr in seine Tasche.
Massey hielt den Revolver auf ihn gerichtet; sein Gesicht war fürchterlich anzusehen.
»Hände hoch! Bei Gott, ich schieß dich sonst nieder!«
Jimmys Hände gingen in die Höhe.
»Er hat das Geld hier irgendwo im Haus versteckt,« flüsterte Massey.
»Du bist verrückt,« sagte der andre verächtlich. »Warum hast du ihn erstochen?«
»Er hat dagesessen und sich über mich lustig gemacht.« Der Mörder warf einen haßerfüllten Blick auf die reglose Gestalt am Boden. »Ich will was andres als sein Rätselgeschwätz. Er ist selber dran schuld.«
Rückwärts gehend, trat er zu dem Tisch, auf dem die Karaffe stand, und trank ein halbes Wasserglas voll unverdünnten Whisky.
»In die Sache hier sind wir beide verwickelt, Jimmy,« sagte er, noch immer mit hocherhobenem Revolver. »Du kannst deine Hände runter tun; keine dreckigen Tricks mehr. Gib mir deinen Revolver.«
Jimmy zog die Waffe aus der Tasche und reichte sie, den Griff nach vorne, dem andern hin. Dann beugte sich Massey über den Mann am Boden und durchsuchte seine Taschen.
»Da sind die Schlüssel. Du bleibst hier.« Massey ging hinaus und schloß die Tür hinter sich.
Jimmy hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte, und wußte, daß er gefangen war. Er beugte sich über den alten Mann, der reglos dalag. Jimmy griff nach seinem Puls und fühlte ihn ganz schwach schlagen. Durch die zusammengebissenen Zähne flößte er dem alten Mann ein wenig Whisky ein, und nach einer Minute schlug Reale die Augen auf.
»Jimmy!« flüsterte er; dann fiel ihm alles ein. »Wo ist Massey?« wollte er wissen.
Er brauchte nicht zu fragen, wo Massey war. Seine schweren Fußtritte klangen aus dem darüberliegenden Zimmer.
»Sucht er nach Geld?« keuchte der Alte, und über sein Gesicht flog es wie ein Lächeln. »Der Geldschrank steht dort oben,« wisperte er und lächelte wieder. »Hat er die Schlüssel?«
Jimmy nickte.
Der Alte ließ seine Blicke durch das Zimmer wandern, bis sie an einem Gegenstand haften blieben, der wie eine Umschalttafel aussah.
»Siehst du den Griff Nr. 7?« flüsterte er.
Jimmy nickte noch einmal.
»Zieh ihn herunter, Jimmychen.« Seine Stimme wurde schwächer. »Das ist was Neues – ich hab es in einem Buch gelesen. Zieh ihn herunter.«
»Warum?«
»Tu, was ich dir sage,« hauchten die Lippen; Jimmy ging durchs Zimmer und zog den freistehenden Hebel nach unten.
Im selben Augenblick hörten sie einen dumpfen, schweren Fall über sich, der den ganzen Raum erschütterte; dann Stille.
»Was ist das?« fragte Jimmy scharf.
Der Sterbende lächelte.
»Das ist Massey!« flüsterten die Lippen.
Eine halbe Stunde später verließ Jimmy das Haus; in der Westentasche trug er ein schmutziges Stück Papier, auf dem die kostbarsten Knüttelverse standen, die es je gegeben hat.
Und am nächsten Morgen brachte die Auffindung der beiden Leichen in den Zimmern oben den Londoner Abendblättern die größte Sensation des Jahres.
3.
Meister Engel
Niemand weiß eigentlich recht, wie Meister Engel zu der Stellung gekommen ist, die er in Scotland Yard einnimmt. Bei seiner Ernennung bezeichnte ein ›langjähriger Beamter‹ in einem ›Eingesandt‹ an die ›Polizeiliche Rundschau‹ die ganze Sache als ›eine Schiebung‹. Wahrscheinlich hatte er recht. Denn in seiner kurzen, doch nutzbringenden Karriere war Meister Engel mancherlei gewesen, aber niemals Polizeibeamter. Er war Jäger auf Großwild gewesen, Sonderberichterstatter und Magistratsschreiber; am nächsten war er der verantwortlichen Stellung bei einer Polizeibehörde gekommen, als er zum Friedensrichter in Rhodesia ernannt wurde und als Mitglied der Tuli-Kommission den schwarzen Strauchritter M'Linchwe samt sechs seiner Gefährten aufhängte.
Sein Bekanntenkreis erstreckte sich bis in die Londoner Vorstädte, deren Bewohner sich so gern eine Gänsehaut über den Leib jagen lassen; mit angenehmem Gruseln lauschten sie Meister Engel, wenn er die Geschichte von der Hinrichtung mit allen Einzelheiten erzählte.
In den vornehmen Londoner Salons war er vor allem als erfolgreicher Vermittler in allerhand Schwierigkeiten bekannt.
»Wer ist denn der alt aussehende junge Mensch da mit dem bösen Blick?« fragte die verwitwete Herzogin von Hoeburn; ihr Visavis bei der Teegesellschaft der hochwohlgeborenen Frau Carter-Walker setzte sich den gänzlich unnötigen Klemmer auf die Nase.
»Ach, das ist Meister Engel,« sagte er gleichgültig.
»Was ist er?« fragte die Herzogin.
»Polizeibeamter.«
»Indien?«
»O nein, Scotland Yard.«
»Großer Gott!« rief Ihre Durchlaucht entsetzt. »Wie gräßlich! Was macht er denn hier? Die Gäste beobachten, oder auf die silbernen Löffel der guten Carter achtgeben?«
Der junge Mann wieherte vor Lachen.
»Verachten Sie mir nicht Freund Engel, Herzogin,« sagte er. »Es lohnt sich, mit ihm bekannt zu sein. Fabelhafter Kerl, wenn sich's drum handelt, irgend 'ne Sache in Ordnung zu bringen. Wenn man etwa mal 'nen Streit mit seinem alten Herrn hat, oder in die Hände von – hm – unerwünschten Herrschaften gerät, oder sonstwie in der Tinte sitzt – Engel ist der Mann, einem rauszuhelfen.«
Ihre Durchlaucht beobachtete den tüchtigen jungen Mann mit neuem Interesse.
Meister Engel, eine Tasse Tee in der einen und ein belegtes Brötchen in der anderen Hand, bildete den Mittelpunkt einer Gruppe von Herren, unter denen sich auch der Hausherr befand, und sprach mit großer Lebhaftigkeit.
»Ich hatte drei Asse und eröffnete das Spiel leicht, um sie zu reizen. Der junge Saville erhöhte den Einsatz auf einen Zehner, und der Geber ging noch zehn höher. George Manfred, der gepaßt hatte, setzte fünfundzwanzig Pfund und kaufte eine Karte. Ich kaufte zwei und zog ein weiteres Aß. Saville kaufte eine, und der Geber kaufte nicht. Ich dachte, das Geld gehörte mir, und setzte fünfundzwanzig Pfund. Saville erhöhte auf fünfzig, der Geber auf hundert, und George Manfred verdoppelte die Summe. Nun war's an mir. Ich hatte vier Asse. Ich vermutete, daß Saville ein ›Full‹ und der Geber ein ›Flush‹ hatte. Also die beiden waren leicht zu schlagen; aber wie stand's mit Manfred? Manfred hat's hinter den Ohren. Er wußte, was die andern hatten. Wenn er setzte, so war ihm das Geld sicher; deshalb legte ich meine vier Asse beiseite. George hatte ein ›Royal Flush‹.«
Wenn der ›langjährige Beamte‹ zugehört hätte, so wäre er wohl in seiner Meinung bestärkt worden, daß ausgerechnet Herr Engel am allerungeeignetsten sei, die ihm zugefallene verantwortliche Stellung auszufüllen.
Ehrlich gesagt: es wußte niemand so recht, welche Stellung Engel eigentlich innehatte. Wenn Sie den Portier in Scotland Yard nach Herrn Christopher Angel fragen – ›Meister Engel‹ war, nebenbei gesagt, ein Spitzname, den ihm ein keckes kleines Mädchen gegeben hatte – so führt Sie der Beamte, nachdem Sie sich genügend ausgewiesen haben, eine Treppe hinauf und übergibt Sie einem anderen Beamten, der Sie durch unzählige Drehtüren und zahllose Korridore geleitet, bis er endlich vor einer Tür mit der Zahl 647 stehenbleibt. Drinnen finden Sie dann Meister Engel, wie er mit Hilfe einer Nummer des ›Sport‹ und eines kleinen ›Wochenführers durch die Rennbahn‹ die Zeit totschlägt.
Einmal trat der Herr Kommissar in höchsteigener Person unangemeldet ins Zimmer; Engel, umgeben von offenen Büchern und großen, mit engen Zahlenreihen bedeckten Bogen, war so vertieft in eine verwickelte Berechnung, daß er den Eintretenden gar nicht bemerkte.
»Wo steckt die Schwierigkeit?« fragte der Herr Kommissar; mit dem unschuldigsten Lächeln sah Engel auf und erhob sich, als er seinen Besucher erkannte.
»Na, wo steckt die Schwierigkeit?« fragte der Herr Kommissar noch einmal.
»Ein ziemlicher Reinfall, Herr Kommissar,« sagte Engel vollkommen ernsthaft. »Da hat ›Mimosa‹ ein Handikap von vierundzwanzig Kilo gekriegt, während ich berechnet hatte, daß sie ein Kilo an das Feld abgeben und die ganze Bande schlagen würde.«
Der Kommissar schnappte nach Luft.
»Mein lieber Junge,« stellte er ihn mild zur Rede, »ich dachte, Sie bearbeiteten die Affäre mit der Lagos-Bank.«
Ein abwesender Blick lag in Engels Augen, als er antwortete:
»Ach, das ist erledigt! Der alte Carby ist vergiftet worden von einem gewissen – ich hab den Namen jetzt vergessen, aber es war ein Mann aus Monrovia. Ich habe an die Polizei in Lagos telegraphiert, und wir haben den Kerl heute früh in Liverpool erwischt – haben ihn von einem afrikanischen Bananenschiff runtergeholt.«
Der Kommissar strahlte.
»Herzlichsten Glückwunsch, Engel. Ich hatte bei Gott schon gedacht, wir würden den Leuten in Afrika nicht helfen können. Ist ein Weißer mit hineinverwickelt?«
»Das wissen wir noch nicht,« sagte Engel geistesabwesend; sein Blick glitt fortwährend an einer Zahlenreihe auf und ab, die auf dem vor ihm liegenden Papier stand. »Ich möchte es beinah annehmen – ein gewisser Connor, der beim alten Reale Croupier oder so was Ähnliches war.«
Finster blickte er auf das Papier nieder; dann nahm er einen Bleistift vom Schreibtisch und machte blitzschnell eine kleine Berechnung.
»Fünfundzwanzig Kilo,« murmelte er.
Der Kommissar klopfte ungeduldig auf den Tisch. Er hatte sich in einem Sessel Engel gegenüber niedergelassen.
»Mein Lieber, wer ist der alte Reale? Sie vergessen, daß Sie unser Auslandsspezialist sind. Gott, Engel, wenn Sie nur die Hälfte der schrecklichen Geschichten kennten, die über Ihre Anstellung erzählt werden – Sie stürben vor Scham!«
Mit einem kurzen Lachen schob Engel die Papiere beiseite.
»Schämen tu ich mich schon lange nicht mehr,« sagte er leichtsinnig; »und außerdem kenn ich die Geschichten. Sie fragten eben nach Reale. Reale ist ein Charakter. Zwanzig Jahre lang Eigentümer einer der herrlichsten Spielhöllen in Ägypten, Rom – Gott weiß wo. Bildung: keine. Liebhaberei: Erfindungen. Das ist sein Steckenpferd – zu erfinden. Höchstens noch eines hat er: Vexierbilder und Rätsel. Schweine im Klee, fehlende Worte, all die Schwindel-Preisfragen, wie billige kleine Zeitungen sie ausschreiben – an denen beteiligt er sich stets. Wohnt Terrington Square 43.«
»Wo?« Der Kommissar runzelte die Stirn. »Reale? Terrington Square 43? Ja, natürlich.« Er warf Engel einen sonderbaren Blick zu. »Sie wissen alles über Reale?«
Engel zuckte die Achseln.
»Soviel eben jeder weiß,« sagte er.
Der Kommissar nickte.
»Na gut, nehmen Sie eine Droschke und fahren Sie sofort nach Terrington Square 43. Ihr alter Reale ist vorige Nacht ermordet worden.«
Es war eine Eigentümlichkeit von Meister Engel, daß nichts ihn überraschte. Die ungeheuerlichsten Nachrichten nahm er mit höflichem Interesse entgegen, und jetzt sagte er weiter nichts als: »Du meine Güte!« Etwas später, als er in einer schnellen Hansom-Droschke durch Whitehall fuhr, gestattete er sich ›baff‹ zu sein.
Vor Nr. 43 am Terrington Square stand ein Häuflein sensationslüsterner Neugieriger in düsterer Erwartung irgendeiner schauerlichen Begebenheit. Ein Polizist ließ ihn ein, und der Bezirksinspektor unterbrach das Verhör eines schreckensbleichen Dieners, um ihm kurz guten Morgen zu wünschen.
Engels vorläufige Untersuchung nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Er sah sich die Leichen an, die man noch nicht fortgebracht hatte, durchsuchte die Taschen beider Männer und überflog die Papiere, die in dem Zimmer, wo die Tragödie stattgefunden, am Boden verstreut lagen. Dann ging er in den großen Salon zurück und sprach mit dem Inspektor, der am Tisch seinen Bericht schrieb.
»Der Kerl im obersten Stock ist natürlich der Mörder,« sagte Engel.
»Das weiß ich,« erwiderte der Inspektor barsch.
»Und wurde durch einen elektrischen Strom getötet, der durch den Griff des Geldschranks lief.«
»Das habe ich mir auch gesagt,« entgegnete der Inspektor wie vorher und schrieb weiter.
»Der Mörder heißt Massey,« fuhr Engel geduldig fort – »George Charles Massey.«
Mit einem spöttischen Lächeln drehte sich der Inspektor auf seinem Stuhl um.
»Auch ich,« sagte er spitz, »habe die Kuverts gesehen, die diese Anschrift trugen und in seiner Tasche gefunden wurden.«
Engels Gesicht war außergewöhnlich feierlich, als er fortfuhr:
»Über den dritten bin ich mir nicht so ganz im klaren.«
Argwöhnisch blickte der Inspektor auf.
»Der dritte – welcher dritte?«
Gut gespieltes Staunen ließ Engels Augenbrauen als umgekehrte V erscheinen.
»Es war noch einer dabei. Wußten Sie denn das nicht, Herr Inspektor?«
»Ich habe keine Anhaltspunkte für die Anwesenheit eines dritten gefunden,« sagte er steif; »aber ich habe meine Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.«
»Gut!« sagte Engel munter. »Wenn Sie soweit sind, werden Sie drei Zigarettenstummel finden – zwei in dem Zimmer, wo der Alte ermordet wurde, und einen in dem Raum mit dem Geldschrank. Sie tragen die Marke ›Al Kam‹ – eine ziemlich teure ägyptische Zigarette. Massey rauchte Zigarren; der alte Reale rauchte überhaupt nicht. Die Frage ist« – er sprach laut zu sich selbst und beachtete den verblüfften Polizeibeamten weiter nicht mehr –, »war es Connor oder war es Jimmy?«
Der Inspektor bekämpfte den Wunsch, seine Neugier auf Kosten seiner Würde zu befriedigen, und beschloß, die Haltung überlegener Ungläubigkeit einzunehmen. Er machte sich wieder über seine Arbeit.
»Es dürfte ziemlich schwierig sein, diese beiden zu belangen,« wandte sich Engel nachdenklich an den Rücken des Inspektors. »Sie würden fünfzig tadellose Alibis beibringen und außerdem wegen unberechtigter Verhaftung klagen,« fügte er listig hinzu.
»Das können sie nicht,« sagte der Inspektor mürrisch.
»So?« fragte der unschuldige Engel. »Na, auf jeden Fall ist's nicht ratsam, sie zu verhaften. Jimmy würde –«
Inspektor Boyden drehte sich heftig auf seinem Stuhl herum.
»Ich weiß nicht, ob Sie mich zum besten haben, Herr Engel. Sie wissen vielleicht nicht Bescheid über das in London übliche Vorgehen bei Kriminalfällen; ich muß Ihnen mitteilen, daß augenblicklich ich mit der Sache beauftragt bin, und ich muß Sie bitten, wenn Sie irgendwelche Aufklärungen über dieses Verbrechen geben können, dies sofort zu tun.«
»Mit dem allergrößten Vergnügen,« sagte Engel herzlich. »Zunächst mal ist Jimmy –«
»Den vollständigen Namen, bitte.« Der Inspektor tauchte die Feder ein.
»Hab keine blasse Ahnung,« sagte der andere achtlos. »Alle Welt kennt Jimmy. Er war die erfolgreichste Lockente des alten Reale. Hatte auch das Benehmen und das Gefieder dazu und sah lebendig so aus, daß die andern kleinen Enten alle angeflogen kamen und sich um ihn scharten; erst viel später entdeckten sie dann, daß der schöne Vogel, der sie angelockt hatte, nur aus bemaltem Holz und Federn war; ping! ping! ging die Flinte des alten Reale los, und es gab Entenbraten viele Tage lang.«
Knurrend warf Inspektor Boyden die Feder hin.
»Ich fürchte,« sagte er verzweifelt, »Ihr Gleichnis wird sich in meinen Bericht nicht einfügen lassen. Wenn Sie irgendeine bestimmte Auskunft zu geben haben, werde ich sie gern entgegennehmen.«
Etwas später, in Scotland Yard, unterhielt sich Engel mit dem Kommissar.
»Wie läßt sich denn mit Boyden arbeiten?« fragte der Herr Kommissar.
»Ausgezeichnet – ein gutmütiger, entgegenkommender Mensch, und von einem Eifer wie nur die allerwenigsten,« sagte Engel – das war so seine Art.
»Ich werde ihm die Bearbeitung des Falles überlassen,« bemerkte der Chef.
»Sie könnten keinen Bessern finden,« erwiderte Engel bestimmt.
Dann ging er nach Hause in seine Wohnung auf der Jermyn Street, um sich zum Essen umzuziehen.
Ein tadellos gekleideter Meister Engel stieß die Spiegelglas-Drehtür des Restaurants Heinz auf, schritt in den wunderbaren altrosa Speisesaal und wählte einen Tisch am Fenster mit dem Ausblick auf Piccadilly.
Der andre Herr am Tisch blickte auf und nickte.
»Hallo, Engel!« sagte er leichthin.
»Hallo, Jimmy!« grüßte der unkonventionelle Detektiv zurück.
Er griff nach der Karte und wählte mit umständlicher Sorgfalt seine Speisen. Eine halbe Flasche Beaujolais vervollständigte die Bestellung.
»Lächerlich, daß man hier sieben und einen halben Schilling für 'ne kleine Flasche Wein zahlen muß, die einem jedes anständige Geschäft für weniger als einen Schilling verkauft.«
»Man muß hier eben für die Pracht bezahlen,« sagte der andere stillvergnügt. Und dann, nach einer ganz kurzen Pause: »Was wollen Sie?«
»Nicht Sie, Jimmy,« erwiderte der liebenswürdige Engel, »obwohl mein junger Freund Boyden, Polizeiinspektor und ausstudierter Jurist obendrein, Sie demnächst suchen wird.«
Bedächtig nahm sich Jimmy einen Zahnstocher und befreite ihn von seiner Seidenpapierhülse.
»Natürlich,« sagte er ruhig; »ich hab nichts damit zu tun gehabt – mit dem Mord, mein ich. Ich war im Hause.«
»Das weiß ich alles,« sagte Engel; »hab Ihre albernen Zigaretten gesehen. Ich hab mir schon gedacht, daß Sie bei dem Mord nicht die Hand im Spiel hatten. Sie sind ein Eigentumsverbrecher, kein Personenverbrecher.«
»Womit Sie vermutlich die nette Unterscheidung zwischen Verbrechen gegen das Eigentum und Verbrechen gegen die Person machen wollen,« sagte der andere.
»Ganz recht.«
Pause.
»Nun?« fragte Jimmy.
»Eigentlich wollte ich Sie sprechen wegen des Verses,« sagte Engel und rührte in seiner Suppe.
Jimmy lachte laut.
»Was für'n gescheiter kleiner Teufel Sie sind, Engel,« sagte er bewundernd; »und nicht mal so'n ganz kleiner, weder in Zentimetern noch in Teuflischkeit.«
Er versank in Schweigen, und seine gefurchte Stirn sprach Bände.
»Denken Sie nur recht scharf nach,« neckte Engel.
»Ich denke schon nach,« sagte Jimmy langsam. »Ich hab mit Bleistift geschrieben, weil kein Löschblatt da war. Ich hab nur eine Niederschrift gemacht, genau nach dem Diktat des Alten, und –«
»Sie haben einen Block benutzt,« sagte Engel zuvorkommend, »und nur das oberste Blatt abgerissen. Und Sie haben ziemlich stark aufgedrückt, so daß alles auf dem nächsten Blatt lesbar eingeprägt war.«
Jimmy sah ärgerlich aus.
»Ich bin doch ein rechter Esel!« meinte er, und dann war er wieder still.
»Und der Vers?« fragte Engel. »Sind Sie draus klug geworden?«
»Nein« – Jimmy schüttelte den Kopf – »Sie?«
»Nicht die Bohne,« gestand Engel offenherzig.
Während die nächsten drei Gänge serviert wurden, sprach keiner ein Wort. Als der Kaffee auf dem Tisch stand, brach Jimmy das Schweigen.
»Sie brauchen sich um den Vers keine Sorge zu machen. Ich habe nur einen Vorsprung von ein paar Tagen gestohlen. Dann kriegt ihn Connor; und irgendein Mädchen kriegt ihn auch. Massey hätte ihn auch bekommen.« Er lächelte grimmig.
»Um was dreht es sich denn eigentlich?«
Jimmy blickte dem Frager einigermaßen argwöhnisch ins Gesicht.
»Wissen Sie das denn nicht?« erkundigte er sich.
»Nicht die leiseste Ahnung. Deswegen hab ich Sie ja gerade aufgesucht.«
»Sonderbar!« meinte Jimmy. »Ich habe dran gedacht, aus ganz demselben Grunde Sie aufzusuchen. In ein, zwei Tagen werden wir's erfahren,« fuhr er fort und winkte dem Kellner. »Der Alte hat gesagt, es stünde alles im Testament. Er hat mir den Vers gerade noch vor seinem Tode gesagt. Sein Steckenpferd, müssen Sie wissen. ›Lern es auswendig, Jimmy,‹ krächzte er, ›'s sind zwei Millionen für dich, wenn du's rätst‹ – und so ist er gestorben. Zahlen, Kellner. In welcher Richtung gehen Sie?« fragte er, als sie in Piccadilly standen.
»Ins ›Plait‹ auf ein Stündchen,« sagte Engel.
»Geschäftlich?«
»Halb und halb; ich suche jemanden, der vielleicht dort ist.«
Sie überquerten Piccadilly und bogen in eine Seitenstraße ein. Die zweite Straße links und dann die erste rechts führte sie vor ein hellerleuchtetes Hotel. Geigentöne klangen heraus. An den kleinen Tischen in der geräumigen Bar saßen lachende junge Frauen und junge Männer im Abendanzug. Eine Wolke von Zigarettendunst lagerte in der Luft, und Musik übertönte das Stimmengewirr und Gelächter. Sie fanden eine Ecke und setzten sich.
»Sie scheinen hier ja ziemlich bekannt,« sagte Jimmy.
»Ja,« erwiderte Engel wehmütig, »ein munteres, nur allzu bekanntes Bild. Sie sind ja auch nicht ganz fremd hier, Jimmy,« fügte er hinzu.
»Nein,« sagte der andere ein wenig bitter; »aber wir sitzen auf entgegengesetzten Seiten im Parlament, Engel. Sie sind in der Regierung, und ich gehöre zur ewigen Opposition.«
»Unterdrücktes Schluchzen!« spottete Engel. »Mitleid für den armen ausgestoßenen Ismael, der zu seinem eignen Vergnügen ›ismaelt‹! Rührung über einen gefallenen Bruder! 'ne stille Träne für dies prächtige Wrack, das lieber auf 'ner Klippe festsitzt, als frei im Meere schwimmt. Machen Sie sich doch selber nichts vor, Jimmy, sonst leg ich los und appelliere an Ihre bessere Natur. Sie sind Dieb, wie ein anderer Briefmarkensammler oder Jäger ist. Das ist nun mal Ihre Force. He, Charles, haben Sie eigentlich die Absicht, uns heute noch zu bedienen?«
»Jawohl, Herr; sofort, Herr.«
Charles kam eifrig herbeigestürzt.
»Was darf es sein, meine Herren? Guten Abend, Herr Engel!«
»Ich möchte ein ›Fäßchen Obscönth‹, wie mein Freund Dooley sagt; und Sie?«
Jimmys Gesicht mühte sich, ernst zu bleiben.
»Limonade,« sagte er würdevoll.
Der Kellner brachte ihm einen Whisky.
Wenn man das ›Plait‹ nicht kennt, kennt man London nicht. Es ist eine jener sonderbaren Gaststätten, die in einer Stadt auf dem Kontinent dafür bekannt wären, daß es sich für ›junge Mädchen‹ nicht schickt, hinzugehen. Aber in London erwähnt weder Baedeker noch irgendein anderer unfehlbarer Führer durch die Hauptstadt auch nur seinen Namen. Denn es gibt ein Gesetz gegen Verleumdung.
»Dort ist Raff Walker,« sagte Engel lässig. »Raff wird gerade nicht gesucht – wenigstens hier in England nicht. Da drüben ist ›Frisco Kate‹ – wird nächstens lebenslänglich verurteilt werden. Kennen Sie den Burschen da in dem hellbraunen Anzug, Jimmy?«
Jimmy sah sich den jungen Mann von der Seite an.
»Nein; der ist neu.«
»Doch nicht so ganz,« behauptete Engel. »Budapest während der Rennsaison, Jerusalem während der Reisezeit; ein reicher ungarischer Aristokrat, der aus Gesundheitsrücksichten immerfort herumreist – so einer ist der.«
»Zweideutig, aber einleuchtend,« murmelte Jimmy.
»Ich suche ihn übrigens!« Engel war plötzlich lebhaft geworden.
»Wenn Sie hier 'ne Szene anfangen, mach ich mich davon,« sagte Jimmy und leerte sein Glas.
Engel packte ihn am Arm. Ein Mann war eingetreten und sah sich um, als suche er jemanden. Er fing Jimmys Blick auf und fuhr zusammen. Dann bahnte er sich einen Weg durch den überfüllten Raum.
»Hallo, Jim –« Er verstummte jäh, als er Jimmys Gefährten erkannte, und seine Hand fuhr in die Tasche.
»Hallo, Connor!« – Engels Lächeln war ganz besonders entwaffnend – »ausgerechnet Sie wollte ich sprechen.«
»Um was geht's?« knurrte der andere. Er war ein großer, schwerfälliger Mann mit hängendem Schnurrbart.
»Ach, nichts weiter,« lächelte Engel. »Ich brauche Sie wegen der Sache in Lagos, aber es liegt noch nicht genug Material vor, um Sie zu überführen. Machen Sie sich keine Sorge.«
Der Mann erbleichte unter seiner braunen Haut; er tastete nach der Tischkante.
»Lagos!« stammelte er. »Was – was –«
»Ach, das hat nichts zu sagen.« Mit einer leichten Handbewegung schob Engel die Sache beiseite. »Nehmen Sie doch Platz.«
Der Mann zögerte einen Augenblick, dann gehorchte er und ließ sich auf einem Stuhl zwischen den beiden andern nieder.
Engel sah sich um. Die Gefahr, belauscht zu werden, war hier nicht größer als mitten in der Wüste.
»Jimmy« – Engel hielt seinen Arm fest –, »Sie sagten eben, Sie hätten einen Vorsprung, als Sie zugaben, den Vexiervers des alten Reale gesehen zu haben. Aber es war gar kein Vorsprung, wie Sie dachten, denn ich hatte das Testament gesehen – und Connor hier auch.«
Er sah dem schwerfälligen Menschen gerade in die Augen.
»Es gibt noch jemanden außer euch beiden, der in dem Testament bedacht ist. Ein junges Mädchen.« Er ließ Connor nicht aus den Augen. »Ich war sehr begierig, die junge Dame kennenzulernen,« fuhr Engel fort, »und so bin ich heute nachmittag nach Streatham gefahren, um sie zu interviewen.«
Wieder machte er eine Pause. Connor sagte nichts, sondern blickte unverwandt zu Boden.
»Ich wollte sie interviewen und fand, daß sie am selben Nachmittag auf geheimnisvolle Weise verschwunden war.«
Wieder eine Pause.
»Ein Herr war dagewesen mit einer Botschaft von – wem glauben Sie wohl, Connor?«
Der leichte, oberflächliche Ton war plötzlich verschwunden; als Connor aufblickte, begegnete er dem starren Blick zweier kalter blauer Augen; ihn schauderte.
»Nun,« fuhr Engel langsam fort, »es war eine Botschaft von Inspektor Engel, – was eine verfluchte Unverschämtheit ist, Connor, denn ich bin nicht Inspektor – und die junge Dame fuhr nach Scotland Yard. Und nun, Connor, möchte ich Sie fragen: Was haben Sie mit der Erbin des alten Reale angefangen?«
Connor leckte sich die Lippen und schwieg.
Engel winkte dem Kellner und zahlte, dann stand er auf.
»Sie werden jetzt sofort gehen und Fräulein Kathleen Kent dorthin zurückbringen, woher Sie sie geholt haben. Ich werde sie morgen besuchen, und wenn auch nur ein Haar auf ihrem Kopfe gekrümmt ist, Connor –.«
»Na?« fragte Connor herausfordernd.
»Dann laß ich's auf Ihre Alibis ankommen und hole Sie mir wegen der Sache in Lagos,« und mit einem kurzen Kopfnicken zu Jimmy hinüber verließ er das Lokal.
In heller Wut wandte sich Connor an den Mann neben sich.
»Hast du ihn gehört, Jimmy? Hast du den Hund gehört –«
Der andere unterbrach ihn: »Mein Rat ist: tu, was Engel dir sagt.«
»Glaubst du etwa, ich hab Angst vor –«
»Ach nein,« kam ruhig die Antwort, »du hast keine Angst vor Engel. Was der tut, darauf kommt's nicht an. Aber was ich tue, das ist die Sache.«
Pulsuz fraqment bitdi.