Kitabı oxu: «Schlaf»
Edmond Schoorel & Nicole Weerts
Schlaf
und seine Bedeutung für einen gesunden Rhythmus
Aus dem Niederländischen
von Marianne Holberg

Inhalt
Einleitung
»Schlaf, Kindlein, schlaf …«
Teil 1
Die normale Entwicklung
1.1Schlafprobleme: Typische Beispiele
Säuglinge
Kleinkinder
Einschlafprobleme bei Vorschulkindern
Durchschlafprobleme bei Vorschulkindern
Einschlafprobleme bei Schulkindern
Durchschlafprobleme bei Schulkindern
Einschlafprobleme bei Jugendlichen
Durchschlafprobleme bei Jugendlichen
1.2Schlafphasen – Entwicklungsphasen
Schlafphasen
Die Schlaftiefe
Die Dauer des Zyklus
Traumschlaf und Nichttraum-Schlaf
1.3Die Bedeutung des Schlafs für die Gesundheit
Wofür brauchen wir den Schlaf?
Die Bedeutung des Non-REM-Schlafs für die Gesundheit
Die Bedeutung des REM-Schlafs für die Gesundheit
Intermezzo: Das Phänomen Bewusstsein
Intermezzo: Die Dreigliederung des Menschen
Die Mitte der Mitte
1.4Entwicklung der Schlafphasen
1.5Entwicklungsphasen
Geburten nach außen
Geburten nach innen
Erste Geburt nach innen
Zweite Geburt nach innen
Dritte Geburt nach innen
Vierte Geburt nach innen
Reifung
1.6Was geschieht eigentlich während der Nacht?
Einleitung
Schlafphasen
Leere
Begegnung mit dem Engel
Begegnung mit den Erzengeln
Zu den Archai
Wo bleiben die Absichten aus der Nacht?
Die Nacht der Kinder
Früher und jetzt
Zwei verschiedene Kurven der Schlafphasen
1.7Schlafdauer aus historischer Perspektive
1.8Wie viel Schlaf braucht ein Kind?
Das Alter des Kindes
Die Veranlagung des Kindes
Abschließend
Teil 2
Bürger zweier Welten
2.1Rhythmen
Schlafen und Wachen als Rhythmus
Was ist Rhythmus eigentlich?
Rhythmus im Menschen
Die horizontale Lemniskate
Die vertikale Lemniskate
Zwei Lemniskaten
2.2Rhythmus während des Schlafs
Die Entwicklung eines Rhythmus von der Geburt an
2.3Wärme
2.4Schlafen und Wachen als Teil der autonomen Regulierung
Was oder wer lenkt die autonome Regulierung
Gewohnheiten
Umgang mit Störenfrieden
Die Beziehung zwischen autonomer Regulierung und Schlaf
Intermezzo: Die Nacht
2.5Religiöse Erziehung
Die Nacht am Tage
Religiöse Erziehung: Nacht-Nahrung
Von der Geburt bis zum 7. Lebensjahr – Der Erzieher als Priester
Vom 7. bis zum 14. Jahr – Der Erzieher als Künstler
Nach dem 14. Jahr – Der Erzieher als Mensch
Religiöse Erziehung
Es wirkt nach zwei Seiten hin
Teil 3
Schlafprobleme und wie man mit ihnen umgeht
3.1Parasomnien
3.2Verborgene medizinische Probleme
3.3Folgen des Schlafmangels
Einleitung
Welches sind die möglichen Folgen für ein Kind, wenn es über längere Zeit zu wenig schläft?
Intermezzo: Verbundenheit
Der Säugling
Das Kleinkind
Das Kindergartenkind
Das Grundschulkind
Nach dem Grundschulalter
3.4Wie man mit Schlafproblemen umgeht
Nächtliche Rhythmusstörer
Schlafhygiene
Schlafumgebung (gilt für jeden)
Schlafgewohnheiten je nach Alter
Intermezzo: Bildschirmzeit
Das Einschlafritual
3.5Dinge, die man tun, und Dinge, die man nicht tun sollte
10 Dinge, die wir tun sollten
10 Dinge, die wir nicht tun sollten
3.6Hilfe von außen
3.7Medikation
Anthroposophische Medikation
Melatonin
Herkömmliche Medikation
3.8Unterstützung in Gesprächsform
3.9Therapien
Äußerlich: Einreibungen, Bäder, Wickel oder Rhythmische Massage
Eurythmietherapie / Heileurythmie
Künstlerische Therapie
Musiktherapie
Ernährungstherapie
3.10Die Kinder aus Kapitel 1.1
Literatur
Gute Nacht, mein Kind!
Guten Abend, gut’ Nacht,
Mit Rosen bedacht,
Mit Näglein besteckt,
Schlupf’ unter die Deck’,
Morgen früh, wenn Gott will,
Wirst du wieder geweckt.
Aus: Des Knaben Wunderhorn, 1808
Einleitung
»Schlaf, Kindlein, schlaf …«
Herrlich, wenn wir ein solches Kind haben: Ganz friedlich singen wir ein Wiegenlied, unser Kind dämmert in einen gesundenden Schlaf hinüber. Von den vielen A-s im Lied fangen wir selbst an zu gähnen.
Manchmal aber wird dies Schlaflied zu einem drängenden Wunsch. Schlaf! Kindlein! Schlaf! Wir verzweifeln, wenn unser Kind 24 der 24 Stunden herumgetragen werden will – immer im Tragetuch. Wenn wir stehen bleiben, ertönt ein markerschütterndes Kreischen aus der schützenden Hülle. Also weitertraben, es ist zum Verrücktwerden.
Wir haben uns mit diesem Buch über Schlafstörungen viel vorgenommen. Wir wollen zusammenfassen, was über Schlafmuster, Schlafprobleme und Schlafstörungen bekannt ist. Wir wollen das Schlafen aus seinem untrennbaren Zusammenhang mit dem Wachen betrachten. Wir wollen den Rhythmus von Schlafen und Wachen als einen der existenziellen Rhythmen des Menschenlebens darstellen. Wir wollen die Reise des Kindes in der Nacht beschreiben, wenn es seinem Engel, seinen Absichten, seinem Schicksal begegnet und in seinem Leben ankommt. Wir wollen die Folgen von Schlafmangel auf körperlichem, seelischem und geistigem Gebiet beschreiben. Bei Einschlaf- oder Durchschlafproblemen eines Kindes wollen wir mit praktischen Ratschlägen helfen.
Anstoß zu diesem Buch gab die Arbeit von Nicole Weerts; sie untersucht die Behandlungsmöglichkeiten der anthroposophischen Medizin bei Schlafproblemen von Kindern. Die vorläufigen Ergebnisse sind hier zusammengefasst.
Im Laufe unserer Arbeit hat uns das Phänomen Schlafen und Wachen zunehmend fasziniert und beeindruckt. Uns wurde deutlich, dass es kein Lebensgebiet gibt, auf das die Qualität und Dauer des Schlafs keinen Einfluss hätte. Unsere eigene Gesundheit ist abhängig davon – und die unserer Kinder ebenfalls. Auch unsere Stimmung wird in nicht geringem Maße von der Qualität des Schlafs bestimmt. Schlafmangel führt zu Störungen auf verschiedenen körperlichen Gebieten, unter anderem auf das Immunsystem.
Eine gesunde Entwicklung ist von sehr vielen Faktoren abhängig, doch die Grundlage jeder Entwicklung ist eine gute Nachtruhe.
Es ist faszinierend, wie viel uns inzwischen durch die Schlafforschung über die Funktionen des Schlafs bekannt geworden ist. Jede Nacht wird unser Gehirn sozusagen blank gespült. Wir wachen morgens im wahrsten Sinne des Wortes mit einem hellen Kopf auf. Wir brauchen aber bestimmte Schlafphasen, um unsere Erfahrungen des Tages ins Gedächtnis zu bekommen. So viel wussten wir in etwa. Wussten wir aber, dass auch unsere Fähigkeiten nachts zunehmen? »Embodied cognition« wird das genannt. Kenntnisse, die nicht in unserem Kopf, sondern in den Muskeln sitzen. Wie kommt das Wissen dorthin? Natürlich durch Üben, aber auch, indem wir uns nach dem Üben schlafen legen.
Die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung Rudolf Steiners werfen noch ein weiteres Licht auf dieses Phänomen. Unser Kind erlebt jede Nacht aufregende Dinge. Wir selbst übrigens auch. Wir erholen uns nachts nicht nur von den Anstrengungen des Tages, sondern kommen auch mit neuen Erkenntnissen, neuer Kraft und neuer Gesundheit zurück. Dadurch können wir das tun, wozu wir auf die Welt gekommen sind.
Wir wünschen uns, dass wir den Leser mit unserer Begeisterung für das Thema Wachen und Schlafen anstecken können, dass er dadurch inspiriert wird und Eltern und Kinder besser schlafen können.
Teil 1
Die normale Entwicklung
1.1Schlafprobleme: Typische Beispiele
Am Anfang und am Ende dieses Buches nennen wir charakteristische Beispiele. Am Anfang, um das Ganze einzuordnen: »Aha, darum geht es.« Am Ende beschreiben die Beispiele einige der vielen Möglichkeiten, mit Schlafproblem richtig umzugehen: »Aha, so kann man es machen.«
Säuglinge
Maike ist ein sechs Monate altes, zart gebautes Mädchen. Das Erste, was uns auffällt, sind ihre sehr großen braunen Augen, die uns durchdringend anschauen. Ihre dünne Haut ist fast durchsichtig, und sie hat tiefe Schatten unter den Augen. Die Händchen und Füßchen sind immer kalt, und nach dem wöchentlichen Bad muss ihre Mutter sie sehr schnell wieder anziehen, sonst kühlt sie ab und kann nicht mehr von sich aus warm werden. Maike schläft nicht. Ihr Schlaf dauert 15 Minuten bis zu einer halben Stunde am Stück, sowohl am Tag als auch nachts. Die Mutter ist todmüde und weiß nicht mehr, wie sie ihrer Kleinen helfen soll. Der Vater hat einen anstrengenden Beruf und ist oft auf Reisen. Die Mutter schläft inzwischen auch nicht mehr … Sie hat sich die sechs Monate nach der Geburt wirklich anders vorgestellt. Sie ist so müde, dass sie ihren Schwangerschaftsurlaub um drei Monate verlängert hat.
Kleinkinder
Der zweijährige Jonas ist ein unternehmungslustiger kleiner Junge. Blonde Locken, strahlende Augen, immer fröhlich und sehr aktiv. Den ganzen Tag über ist er zugange, schleppt Spielzeug herum und klettert auf Stühle. Seine Mutter fand ihn einmal spielend auf dem Esstisch, wohin er in einem unbeobachteten Augenblick geklettert war. Er ist immer übersät mit blauen Flecken und hat Beulen am Kopf. Die steckt er stoisch und nur selten mit einer Träne weg. Die Mutter sagt: »Er ist nicht zu bremsen, er kann keinen Augenblick still sitzen, und an Schlaf ist kaum zu denken.« Er braucht sehr lange zum Einschlafen, sein ganzer kleiner Körper wehrt sich anscheinend dagegen, zur Ruhe zu kommen. Und danach ist der Schlaf auch unruhig mit viel Gebrabbel und manchmal sogar einem Schrei. Die Eltern müssen nachts regelmäßig zu Jonas, um ihn zu beruhigen.
Einschlafprobleme bei Vorschulkindern
Luisa ist viereinhalb Jahre alt. Sie ist vor fünf Monaten in den Kindergarten gekommen, und seitdem will sie nicht mehr ins Bett. Ihre Eltern gehen gelassen damit um. Für sie ist diese hinausgezogene Bettgehzeit an sich kein Problem, doch die Erzieherin sagt immer wieder, dass Luisa so müde sei. Oft weint sie beim Spielen wegen Kleinigkeiten und zieht sich dann am liebsten bei der Erzieherin auf dem Schoß mit dem Däumchen im Mund zurück, oder zugedeckt in der Puppenecke. Einmal ist sie dort eingeschlafen …
Durchschlafprobleme bei Vorschulkindern
Kai ist sechs Jahre alt. Er ist ein verträumtes und fantasievolles Kind. Beim Spielen mit anderen Kindern steht er gern am Rand und schaut zu. Er genießt es geradezu, sich Neues auszudenken. Dann ist er auf einmal der Drache oder der Ritter, der erscheint und dem Spiel einen neuen Impuls gibt. Kai ist nachts noch nicht trocken und wird immer gegen ein Uhr mit einem nassen Schlafanzug in einem nassen Bett wach. Dann ist es in seinem Bettchen kalt und er kriecht heimlich ins große Bett zwischen Vater und Mutter. Da ist es schön warm, aber wenn Kai dann schläft, sind seine Eltern hellwach. Und bis ein neuer Schlafanzug, ein trockenes Bett und ein neuer Schlaf zustande kommen, ist es beinahe Zeit zum Aufstehen. Die Eltern überlegen, ob Kai wieder eine Windel braucht.
Einschlafprobleme bei Schulkindern
Kris ist neun Jahre alt. Sie ist ein schmales, blasses Mädchen mit einem meist besorgten Blick. Sie spricht langsam, und ihre Wortwahl und ihre Geschichten sind gut durchdacht und deuten auf eine reiche Fantasie. Wenn sie nach dem Spielen etwas über andere Kinder erzählt, ist es äußerst nuanciert und anschaulich. Ihre Mutter bekommt sie abends zwar ins Bett, aber Kris will immer »noch eben dies«, »noch eben das«. Das kann bis zu anderthalb Stunden dauern. Die Mutter merkt, dass Kris alles schwernimmt, was sie tagsüber erlebt, und es hilft ihr, alles zu erzählen und sich von der Mutter erklären zu lassen. Es tut ihr gut, wenn die Mutter Anteil daran nimmt. Dann verschwinden auch ihre Bauchschmerzen.
Durchschlafprobleme bei Schulkindern
Seit ein paar Wochen fällt es den Eltern auf, dass ihre zehnjährige Tochter Lieve morgens nicht aus dem Bett zu bekommen ist. Beim Frühstück ist sie schweigsam und isst ihr Butterbrot nur widerwillig. Als die Eltern sie danach fragen, sagt Lieve, dass sie nachts aufwacht und dann nicht mehr schlafen kann. Angeblich ist das schon sehr lange so. Wenn sie wach liegt, grübelt sie zwar nicht, aber sie träumt oft – vielleicht sogar jede Nacht – von der Schule. Die Eltern erkundigen sich in der Schule. Lieve – der Name passt zu ihr – ist offenbar ein liebes Mädchen. Vor zwei Monaten hat die Lehrkraft sie in eine Gruppe von Rabauken gesetzt, weil sie einen so beruhigenden Einfluss ausübt. Die Eltern fragen noch einmal bei Lieve nach. Nun rückt sie damit heraus, dass die Kinder, zu denen man sie gesetzt hat, böse Dinge tun. Sie will nicht sagen, um welche Kinder es geht.
Einschlafprobleme bei Jugendlichen
Der vierzehnjährige Jonathan war als kleiner Junge fröhlich, kreativ und sportlich. Seit seinem zehnten Geburtstag besitzt er ein Smartphone, vor allem, um erreichbar zu sein. So war das bei seinen Freunden auch. Vor sechs Wochen hatte Jonathan Geburtstag. Seine Eltern fanden, dies sei der richtige Moment, ihm eine Kreditkarte für das Konto zu geben, das sie bei seiner Geburt angelegt hatten. Jonathan hat keinen festen Freundeskreis, ist aber beliebt bei seinen Klassenkameraden. Einen von ihnen, Daniel, kennt er schon seit dem Kindergarten. Und mit dessen Mutter hatte seine Mutter sich im Schwangerschaftsyoga angefreundet. Diese erzählt, in der Klasse der beiden Jungs gäbe es unabhängig von der Klassen-WhatsApp- noch eine weitere WhatsApp-Gruppe. Was hielt Jonathans Mutter davon? Sollte man die Nachrichten kontrollieren?
In den letzten Wochen ist Jonathan noch bis spät in seinem Zimmer zugange, oft noch, wenn seine Eltern schon schlafen gehen. Morgens kommt er schlecht gelaunt aus dem Bett, zu spät, um noch zu frühstücken. Am Wochenende steht er nach zwölf Uhr auf. »So war ich auch«, sagt sein Vater, »typisch Teenager.« Doch seine Mutter macht sich Sorgen.
Durchschlafprobleme bei Jugendlichen
Vivian ist 16 Jahre alt. Sie spielt schon seit zwölf Jahren Hockey, und zwar auf hohem Niveau. Sie trainiert dreimal die Woche. Zum Glück hat sie ein helles Köpfchen: In der Schule braucht sie sogar für gute Noten nicht viel zu tun. Vor dem Schlafengehen läuft sie oft noch eine Runde mit dem Hund, manchmal gemeinsam mit dem Vater, manchmal allein. Sie fällt wie ein Stein in den Schlaf. Einschlafen war nie ein Problem. Aber phasenweise wacht sie gegen 2 oder 3 Uhr nachts auf, manchmal auch um 4 oder 5 Uhr. Dann kann alles Mögliche los sein. Manchmal hat sie furchtbaren Hunger. Dann greift sie sich etwas aus dem Kühlschrank. Manchmal hat sie Krämpfe in den Waden, manchmal bohrende Schmerzen im Unterleib. Manchmal wacht sie schweißgebadet aus einem schlechten Traum auf, in dem ihr Team durch ihre Schuld zu spät zum Wettkampf kam. Manchmal aber ist sie eiskalt, wenn sie aufwacht. Sie hat offenbar die Decke abgeworfen. Sie selbst weiß nichts mehr davon. Vivian vertraut der Mutter ihre Sorgen an. Die überlegt, dass es mit dem Menstruationszyklus zusammenhängen könnte. Sie beschließen, dass Vivian genau Buch darüber führt, wie ihre Nächte sind. Vielleicht kommen sie dann dahinter, womit das Ganze zusammenhängt. Die Mutter denkt: So etwas hatte ich als Mädchen nie, soll ich mit dem Arzt sprechen? Hinter Vivians Rücken? Lieber nicht, das verzeiht sie mir nie. Aber ich bekomme sie bestimmt nicht mit zum Arzt …
1.2Schlafphasen – Entwicklungsphasen
In diesem Kapitel geht es um die verschiedenen Phasen des Schlafs. Zusammen nennt man sie auch die »Architektur des Schlafs«. Jeder Mensch hat seine eigene, für ihn charakteristische Architektur des Schlafs. Dieser Aufbau ist nicht gleich von Geburt an vorhanden, sondern entwickelt sich in Etappen. Ein Kleinkind schläft nicht nur länger als ein Vorschulkind, sondern auch ganz anders.
Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass der Schlaf nicht gleichmäßig vom Einschlafen bis zum Aufwachen verläuft. In einigen Phasen kann man uns kaum wach bekommen. Wenn wir dann geweckt werden, sei es durchs Telefon, den Wecker oder durch ein weinendes Kind, kommen wir von »ganz weit her«. So nennen wir es: von weit her kommen. Wo ist eigentlich das, woher wir dann kommen? In einer anderen Phase sind wir am Dösen. Wenn uns dann jemand anredet, können wir sofort antworten. Auch das wird in diesem Kapitel angesprochen.
Im zweiten Teil dieses Kapitels geht es um den Nutzen des Schlafs. Der Schlaf ist eine wichtige Erscheinung, das ist jedem klar. Doch warum ist das so? Wo liegt der Nutzen des Schlafs?
Der dritte Teil dieses Kapitels ist den Entwicklungsphasen gewidmet, die jedes Kind durchmacht, wenn es vom Säugling bis zum Kleinkind, Vorschulkind, Schulkind, Jugendlichen bis zum Erwachsenen heranwächst. Es ist naheliegend, dass die Entwicklungsphasen des Schlafs mit den Entwicklungsphasen des Kindes zusammenhängen. Das werden wir jetzt untersuchen.
Schlafphasen
Auf drei Arten kann man auf die Phasen im Schlaf schauen:
–vom Gesichtspunkt der Tiefe des Schlafs;
–vom Gesichtspunkt der Dauer des Zyklus;
–vom Gesichtspunkt: Traumschlaf oder nicht.
Die Schlaftiefe
Auf dem Weg in den Schlaf kommt nach dem Völlig-wach-und-präsent-Sein erst die Phase des Entspannt-Wachseins. Das geht in Dösen über. Dann kommen die Phasen des leichten Schlafs (Schlafphase 1), der halb tiefe Schlaf (Schlafphase 2 und 3) und der tiefe Schlaf (Schlafphase 4) siehe Abb. 1.
Schon beim Dösen ist das Bewusstsein ganz anders als während des hellen Wachbewusstseins. Die Selbstreflexion nimmt ab, die Reaktionsgeschwindigkeit verringert sich, das Erinnerungsvermögen verschwindet. Im Wohnzimmersessel ist das ein angenehmes Gefühl. Am Lenkrad kann es jedoch zu unangenehmen und gefährlichen Situationen führen.
Abb. 1 Grafische Wiedergabe der Schlafphasen während der Nacht. Quelle: https://equilli.com/be/de-structuur-van-slaap/
Im leichten Schlaf verschwindet das Bewusstsein von der Umgebung und von uns selbst vollkommen. Traumartige, chaotische Bilder ziehen vorbei. An die erinnern wir uns nicht, es sei denn, dass wir aus diesem Zustand geweckt werden.
Im halb tiefen und tiefen Schlaf ist das Tagesbewusstsein noch weiter entfernt. Es ist schwerer, jemanden aus dieser Phase wach zu bekommen. Sie wird als Weckschwelle bezeichnet. Übrigens hängt es sehr davon ab, wie dies Wecken geschieht. Wenn wir bei unserem Namen gerufen werden, können wir sogar aus tiefem Schlaf mühelos wach werden. Dasselbe gilt für eine Mutter, die beim ersten Mucks ihres Kindes aufwacht. Oder für den Arzt, der Dienst hat und vom ersten Klingelton seines Telefons aufschreckt. Offensichtlich kann ein Mensch dem Wecksignal zuvorkommen.
Abb. 2 Oben die Schlaftiefe, wie in Abb. 1. Darunter die Registrierung von Augenbewegungen und Muskelbewegung, die Herzfrequenz, die Atemfrequenz und die Erektion des Penis/der Klitoris. Quelle: Tycho de Brahe Jahrbuch 2016.
Das ist ein eigenartiges Phänomen. Jemand ist außer Bewusstsein, aber »irgendwo« gibt es ein Bewusstsein, das auf emotionale Reize anders reagiert als auf emotional neutrale Reize. Aus diesem »Irgendwo-Bewusstsein« können Kinder und Erwachsene automatisch wirkendes Verhalten zeigen, ohne dass sie sich im Augenblick selbst dessen bewusst sind und ohne sich später daran zu erinnern. So können wir »Ja« antworten, wenn unser Name genannt wird. Eine Mutter kann ihr Kind stillen, sich am nächsten Morgen aber nicht daran erinnern. Auch Schlafwandeln ist ein Beispiel für automatisches Handeln, an das der Schlafwandler sich am nächsten Tag nicht erinnert. Der Schlafwandler hat seine Augen geöffnet, reagiert aber nicht auf Ansprache. Dasselbe gilt für Pavor Nocturnus bei Kindern zwischen drei und acht Jahren. Ohne Anlass und nicht aus einem Traum richtet sich ein Kind mit »Nachtangst« auf und stößt einen furchterregenden Schrei aus. Der Erwachsene, der das miterlebt, empfindet Angst und Panik. Doch das Kind weiß am nächsten Morgen nichts mehr davon und hat wunderbar geschlafen. Diese und andere Parasomnien beschreiben wir in Kapitel 3.1.
Die Dauer des Zyklus
Die Phase vom abendlichen Einschlafen bis zum Aufwachen morgens ist in vier bis fünf Zyklen von etwa 90 Minuten aufgeteilt.* Dadurch bekommt die Kurve der Schlaftiefe (Abb. 2) ein rhythmisches Muster. Nicht nur Schlafen und Wachen wechseln sich im Laufe von 24 Stunden rhythmisch ab, sondern auch innerhalb des Schlafs gibt es einen Rhythmus.
Mehrmals pro Nacht erreichen wir das Stadium des leichten Schlafs. Dann drehen wir uns um und schlafen weiter, oder wir liegen eine Zeit lang in einem Stadium des glücklich »entspannten Wachseins«, oder wir geraten sofort in das Stadium des hellen Wachbewusstseins und grübeln darüber, was wir anders hätten tun sollen oder was wir noch alles tun müssen. Im Laufe der Nacht erreichen wir nur ein- oder zweimal das Stadium des tiefen, traumlosen Schlafs. Der Anteil des Traumschlafs nimmt dagegen im Laufe der Nacht zu. Währenddessen wird die Zyklusdauer von etwa anderthalb Stunden beibehalten. Das ist offenkundig ein dominanter Rhythmus, den wir auch tagsüber im Wachzustand erkennen. Unsere Aufmerksamkeit, aber auch verschiedene biologische Funktionen wie Blutdruck, Puls und Ausscheidung von Urin halten einen 90-Minuten-Rhythmus ein.
Traumschlaf und Nichttraum-Schlaf
Flüchtige Traumbilder können – außer in Phase 4, dem tiefen, traumlosen Schlaf – in allen Schlafphasen auftreten. Ein paarmal in der Nacht, und zwar immer nach einer Phase tiefen Schlafs, tritt eine besondere Situation auf. Weil die Träume in diesen Phasen außergewöhnlich lebendig und »bedeutungsvoll«, oft sehr subjektiv und vielseitig sind, werden diese Phasen die Traumphasen genannt.
1953 wurde entdeckt, dass Menschen in dieser Phase schnelle Augenbewegungen machen, im Englischen Rapid Eye Movements. Daher heißt diese Traumphase des Schlafs der REM-Schlaf. Diese Phasen sind so außergewöhnlich und so wichtig für einen guten, gesunden Schlaf, dass die übrigen Schlafphasen zusammenfassend Non-REM-Schlaf genannt werden.
Träume in diesen Phasen haben am Anfang der Nacht oft eine Beziehung zum vorigen Tag, während Träume am Ende der Nacht mehr auf den nächsten Tag oder die nächsten Tage gerichtet sind.
Der REM-Schlaf-Phase kommt aus mehreren Gründen eine ganz besondere Bedeutung zu. Nicht nur die Augen bewegen sich, sondern auch die Finger, die Zehen, der Mund und die kleinen Muskeln in der Trommelfellhöhle. Dagegen sind die Muskeln des Nackens und des Rumpfs sowie der Gliedmaßen ausgeschaltet. Im REM-Schlaf liegt der Mensch gleichsam gelähmt im Bett. Es gibt auch eine Reihe von Reaktionen im vaso-vegetativen Gebiet. Der Herzschlag erhöht sich, der Blutdruck steigt und die Durchblutung der Geschlechtsorgane nimmt zu.
Gleichzeitig erhöht sich die Schwelle, beispielsweise durch Sinneseindrücke geweckt zu werden. Visuelle und auditive Reize werden blockiert. Die Bereitschaft, Reize zu empfangen und darauf zu reagieren, wird minimalisiert, wogegen es im Bereich des emotionalen Erlebens hoch hergeht. Dabei sind die Traumbilder oft nicht gerade jugendfrei. Wenn wir uns am nächsten Morgen daran erinnern, kann uns das durchaus mal peinlich sein.
Und schließlich gibt es noch ein auffälliges EEG-Bild während des REM-Schlafs. Im Gehirn spielen sich elektrische Erscheinungen ab, die anzeigen, dass Nervenzellen unter Umständen »reizbar« sein können. Das bedeutet, dass ein elektrisches Signal über den Nerv verlaufen kann. Auf der Haut des Schädels können diese kleinen Ströme gemessen und in einem Elektroenzephalogramm wiedergegeben werden. Es folgen drei Beispiele eines EEG-Bildes:

Wichtig ist dabei, dass Entspannung zu mehr Synchronisation mit langsamerem Rhythmus und einer relativ hohen elektrischen Spannung führt. Das Maximum wird im Tiefschlaf erreicht. Das obere Beispiel ist Abb. 3 entnommen.

Dagegen führt Wachheit zu schnellen Rhythmen mit niedriger elektrischer Spannung. Während des Wachseins gibt es wenig Synchronizität im Gehirn, im Tiefschlaf dagegen viel.

In der REM-Phase tritt die außergewöhnliche Situation ein, dass ein Mensch kaum zu wecken und wie gelähmt ist, während sein EEG das Bild erhöhter Wachsamkeit aufweist.
Abb. 3 EEG-Bild in den verschiedenen Schlafstadien. Ein waches Bewusstsein geht zusammen mit einer hohen Frequenz. Quelle: Gayton & Hall, Textbook of Medical Physiology
1.3Die Bedeutung des Schlafs für die Gesundheit
Wofür brauchen wir den Schlaf?
Um diese Frage zu beantworten und zugleich auch die, was wir entbehren würden, wenn wir nicht schliefen, müssen wir einen Unterschied zwischen dem Non-REM-Schlaf und dem REM-Schlaf machen. Die beiden haben nämlich eine sehr unterschiedliche Aufgabe.
Die Bedeutung des Non-REM-Schlafs für die Gesundheit
Wer nicht genug schläft, funktioniert weniger gut. Das kennt wahrscheinlich jeder aus eigener Wahrnehmung und Erfahrung. Es fängt damit an, dass unsere Aufmerksamkeit und unser Reaktionsvermögen abnehmen. Sehr schnell beteiligt sich auch das Immunsystem: Wir werden anfälliger für Erkältungen und andere Infektionen. Auch unsere Stimmung leidet darunter. Wenn wir müde sind, werden wir reizbarer, lustlos, empfindlich, weniger belastbar. Bei schwerwiegendem Schlafmangel oder bei Schlafentzug verlieren wir unseren gesunden Menschenverstand: Uns unterlaufen Einschätzungsfehler und wir treffen falsche Entscheidungen. Im nächsten Stadium kommt es zu Wahnvorstellungen und Halluzinationen: Anzeichen einer Psychose.
Offenkundig ist ausreichender Schlaf notwendig, damit Körper, Seele und Geist gesund sind.
Und das will was heißen! Wir können uns fragen, wie das zu schaffen ist. Die Antwort ist einfach: durch Rhythmus. Alle körperlichen Prozesse, die tagsüber in Unordnung geraten, werden im Schlaf rhythmisiert, synchronisiert und geordnet. Rhythmus ist die Grundlage der Gesundheit. Tagsüber erwerben wir als Mensch ein hohes Maß an Autonomie und Freiheit von der natürlichen Ordnung, wie die Natur sie uns vormacht.
Im Jahreslauf, den Jahreszeiten, im Rhythmus der aufgehenden Sonne, der Planeten und Sterne, macht die Natur uns vor, wie wir gesund leben können. Auch in der menschlichen Natur sind es die Rhythmen, die uns am Leben erhalten und für unsere Gesundheit sorgen. Der Atem und der Herzschlag sind die auffallendsten rhythmischen Prozesse. Doch auch die Rhythmen der Stoffwechselvorgänge und die Rhythmen der Nerven und der Nervenzellen gehören dazu. Alle Rhythmen zusammen können wir das »rhythmische System« nennen. Es ist die Basis unserer Gesundheit. Diesem Thema widmen wir uns in Kapitel 2.1.
Ganz anders sieht es mit unserem Bewusstsein aus. Die Wachheit, Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart, das Reaktionsvermögen, unser schöpferischer und künstlerischer Geist – sie alle basieren nicht auf Rhythmus, sondern auf Freiheit. Freiheit gerade im Hinblick auf alles, was die Natur uns zu bieten hat an gesund machenden kleinen und großen Rhythmen. Unserer Anlage nach haben wir als Menschen ein bestimmtes Maß an Freiheit gegenüber dem Zwang der Rhythmen und dem Zwang der Automatismen in der Seele. Das Entwickeln der Freiheit ist ein wahrhaft menschliches Vermögen.
Aus dieser Freiheit heraus sind wir fähig, Abstand zu nehmen, können den Dingen eine andere Wendung geben, eingreifen und gegen die Ordnung der Natur handeln. Dass wir dadurch weltweit ein Umweltproblem verursacht haben, wissen wir allmählich. Dass wir dadurch aber nicht nur die Außenwelt, sondern auch unsere innere Welt Tag für Tag durcheinanderbringen, ist ebenfalls eine Tatsache.
Wenn wir schlafen, ist unsere Freiheit weitgehend eingeschränkt. Denn: Was tun wir nachts? Wir verzichten auf unser Selbstbewusstsein und unser Bewusstsein. Das reflexive, betrachtende Selbstbewusstsein ist als Erstes verschwunden. Es nimmt bereits ab, wenn wir eindösen. Danach gibt es noch die Automatismen wie im Schlaf reden und Schlafwandeln. Noch später sind wir in der Phase des tiefen, traumlosen Schlafs und befreit vom Bewusstsein und Selbstbewusstsein des Tages. Das ist die Phase, in der Ereignisse, Wahrnehmungen, Eindrücke, Gedanken und Emotionen aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis aufgenommen werden. Dann erst gehören sie uns wirklich, weil sie aufgenommen werden in den Strom unseres Lebens, in unsere Biografie, in unsere Lebenserfahrungen. Der Schlaf, vor allem der tiefe Schlaf, ist notwendig für uns, damit sich Ereignisse aus unserem Bewusstsein lösen. Oberflächlich betrachtet, haben wir sie am nächsten Tag vergessen.
Jeder, der von den aufdringlichen Bildern eines traumatischen Erlebnisses geplagt wird, weiß, wie wichtig es ist, sehr viel zu vergessen, denn es sind nicht-vergessene, nicht-verarbeitete Bilder, die ihn quälen. – Bilder, die während des Non-REM-Schlafs in den Lebensstrom aufgenommen wurden, sind gleichsam verdaut, sie sind »vergessen«. Doch sie sind nicht verschwunden. Sie gehören jetzt zu uns, und manchmal können wir sie ins Gedächtnis holen.
Nachts kehren wir in die Natur zurück – so könnte man es nennen, wenn wir uns von unserem Selbstbewusstsein und unserem Bewusstsein lösen und die natürlichen Rhythmen, wie die unseres Atmens und des Herzschlags, ungestört tätig sein lassen: um zu regenerieren, zu vitalisieren und Gesundheit zu schaffen.
Die Bedeutung des REM-Schlafs für die Gesundheit
Vier- bis fünfmal pro Nacht kann der REM-Schlaf nach der Phase des Tiefschlafs (niemals in anderer Reihenfolge) die Schlafarchitektur »stören«. Wofür brauchen wir diese Phasen, wenn doch »Zurück zur Natur« durch den Tiefschlaf genügt? Nach einer Phase der Schlafenthaltung wird zuerst der Tiefschlaf nachgeholt, nicht der REM-Schlaf. Soweit bekannt, hat Enthaltung von REM-Schlaf keine ernsten negativen Folgen. Doch das ist schwer zu untersuchen, denn jedem REM-Schlaf geht ein Tiefschlaf voraus. Dadurch lässt sich selektive Enthaltung von REM-Schlaf schwer herbeiführen (und untersuchen).*
Der REM-Schlaf scheint notwendig für das Integrieren und Verarbeiten von Erlebnissen zu sein. Es handelt sich dabei um eine Art Reinigung der Gedächtniskapazität. Wir haben dazu folgende Äußerung gehört: »Tiefschlaf brauchen wir für die körperliche Gesundheit, REM-Schlaf für die geistige Gesundheit«.** Doch ist das nicht einfach zu erforschen.
Wir wollen die Phänomene, die sich während des REM-Schlafs abspielen, noch einmal genau untersuchen. Zuerst vor allem die Traumphase. Nicht nur flüchtige, vorbeiziehende Traumbilder, sondern Bilder, die mit ihrer starken, emotionalen Aussagekraft auf uns wirken. Wir brauchen gar nicht hinzusehen, wir befinden uns in der Szene, wir identifizieren uns damit. Dabei gaukelt der Traum uns eine fantastisch-realistische, illusionäre Welt vor. Erst hinterher, wenn wir wieder wach sind, erleichtert oder enttäuscht, machen wir uns den Scheincharakter klar. Wir befinden uns in einer lebendigen, lebensechten Als-ob-Welt, während wir sensorisch von der sinnlichen Außenwelt abgeschirmt sind und motorisch dort keinerlei Handlungen verrichten können.
Intermezzo: Das Phänomen Bewusstsein
Man kann drei Arten von Bewusstsein unterscheiden, davon sind die meisten Menschen, auch die Wissenschaftler, überzeugt: das Wachbewusstsein, das Traumbewusstsein und das Schlafbewusstsein. Das Wachbewusstsein kennen wir oder meinen es zu kennen. Wir prüfen den Wahrheitsgehalt unserer Eindrücke, indem wir unsere Sinne hellwach gebrauchen. Und die Sinne trügen nicht, wenn wir sie richtig gebrauchen. Das Traumbewusstsein kennen wir ebenfalls, und zwar aus der Erinnerung an unsere Träume. Im Traum gibt es kein »reality testing«, da existiert eine eigene Traumrealität, die einen aufdringlichen eigenen Traumvergleich hat. Das Schlafbewusstsein kennen wir nicht. Es ist per definitionem für unser »gewöhnliches« Bewusstsein unzugänglich. Dennoch existiert es, und es ist für unser gesundes Weiterleben von größter Bedeutung.
Wenden wir uns wieder dem REM-Schlaf und dessen körperlichen Phänomenen zu: Welche Bereiche werden aktiv? Im EEG zeigt sich ein Kurvenbild, das eher einem Wach-EEG als einem Schlaf-EEG gleicht. Die Kurve ist de-synchronisiert, mit vorwiegend hohen Frequenzen und niedriger Spannung. Die Prozesse in der Innenwelt des Traums rufen offensichtlich eine EEG-Kurve hervor, die nicht an ein »Zurück zur Natur« erinnert, sondern an menschliche Freiheit und Autonomie. Um welche körperlichen Prozesse geht es? Im oberen Pol (s. das unten stehende Intermezzo) um die von Auge, Mund und Mittelohr. Im mittleren Bereich um Atmung, Herzschlag und Blutdruck. Und hinzu kommen die Finger und Zehen, also der Bereich der Feinmotorik. Was haben diese Gebiete miteinander zu tun?
Intermezzo: Die Dreigliederung des Menschen
Im physischen Leib des Menschen erkennen wir Polaritäten: ein unteres Gebiet, ein oberes Gebiet, beide verbunden durch eine Mitte. Wir nennen es den oberen Pol, den unteren Pol und den verbindenden mittleren Bereich.
Der obere Pol wird auch der Nerven-Sinnes-Pol genannt. Er macht uns in unserem Funktionieren zu einem wachen, wahrnehmenden und denkenden Menschen.
Der untere Pol bietet seiner Anlage nach die Möglichkeit zur Bewegung, zur Energie und Vitalität, aber auch zur Reproduktion. Das betrifft die Geschlechtsorgane, aber auch die fortwährende Erneuerung von allem Gewebe im Körper. Wir nennen ihn den Stoffwechsel-Gliedmaßen-Pol. Dadurch können wir als handelnde Menschen funktionieren.
Der mittlere Bereich wird von den rhythmisch aktiven Organen wie Herz und Lunge repräsentiert. Rhythmische Prozesse sind im ganzen Menschen tätig.
Kurz gesagt, ist der obere Pol mit seiner Wachheit verantwortlich für unseren Energiehaushalt und der untere Pol mit seiner Wärme und Vitalität dafür, dass Störungen in unserem Energiehaushalt wieder ins Gleichgewicht kommen.
Die Mitte der Mitte
Um das Charakteristische der beiden Gebiete zu finden, die mit dem REM-Schlaf zusammenhängen, müssen wir »die Mitte der Mitte« aufsuchen. Im oberen Pol unterscheiden wir zwei Bereiche: die Sinneswerkzeuge (unser Wahrnehmen) und das Gehirn (das Denken). Dazwischen liegt der Bereich der Sprache. Das Kind lernt denken, indem es spricht. Es sagt, was es sieht, hört, schmeckt usw. Dadurch entwickelt sich eine innere Sprache, Vorläufer des Denkens. Die Augen, Ohren und Sprachorgane sind aktiv während des REM-Schlafs. Sie werden bewegt, und zwar ohne Intention wie im Wachzustand des Menschen. Man könnte es so ausdrücken: Der Traum bewegt die Organe der Wahrnehmung und Kommunikation.
Den mittleren Bereich, das rhythmische Gebiet zwischen Herz und Lunge, zwischen Blutkreislauf und Atmung, können wir nicht so leicht bestimmen. Was spielt sich zwischen Herz und Lunge ab? Durch unser Rhythmisches System sind wir ein auf der Erde lebender Mensch, wir sind ein Mensch dank unserer Mitte. Damit identifizieren wir uns. Wir legen die Hand aufs Herz und zeigen damit, dass wir wirklich etwas so meinen. Wenn wir uns ein Herz fassen, zeigen wir unser besseres Selbst. Wir können vielleicht den imaginären Raum zwischen Herz und Lunge als Mitte der Mitte bezeichnen, die Stelle, wo wir wirklich bei unserem Selbst oder bei uns selbst sind. Ist das vielleicht der Ursprung unserer Träume?
Im unteren Pol haben wir es mit zwei großen Systemen zu tun: Stoffwechsel und Gliedmaßen. Die Beine sind mehr mit dem Stoffwechsel verwandt, sie sind am meisten »Gliedmaßen«. Die Arme sind mehr mit dem Mittelbereich verwandt. Sie dienen dem Gefühl. Im Stoffwechsel wird die Außenwelt verinnerlicht, durch unsere Gliedmaßen geben wir der Außenwelt zu verstehen, was wir wollen. Zwischen den mehr nach außen und den mehr nach innen gerichteten Organen liegen die Fortpflanzungsorgane, bei der Frau mehr nach innen, beim Mann mehr nach außen. Von der Geschlechtsreife an ist ein junger Mensch so weit in seiner Entwicklung, bzw. so weit »auf die Erde« gekommen, dass er Nachkommen zeugen kann. Vor der Geschlechtsreife, aber auch während des ganzen Lebens sind die Geschlechtsorgane aber noch mehr als das. Hier ist der »Ursprung des Lebens« zu finden. Wir können es eine lebendige Quelle nennen. Energie, Kraft, Lebensmut, Pläne, Schöpferkraft, lebende Bilder strömen daraus. Ist es diese Quelle, aus der unser Traum seine Bilder schafft?
Zum Schluss geht es noch um unsere Finger und Zehen. Was haben die zu tun mit der Mitte der Mitte? Vielleicht hilft folgende Überlegung: Die Feinmotorik gehört einer ganz anderen Größenordnung an als die Motorik der großen Gliedmaßen. Die Feinmotorik ist darauf gerichtet, kulturschaffend tätig zu sein. Das spielt eine Rolle bei Gebärden und Gebärdensprache, beim Schreiben, Zeichnen, Malen, dem Essen mit Messer und Gabel usw. Eine geübte Feinmotorik ist die Voraussetzung für flexibles, angemessenes, würdiges, geschicktes Denken. Der Inhalt des Denkens ist verinnerlichte Sprache, die »Motorik« des Denkens ist die verinnerlichte Feinmotorik.
»Warum brauchen wir den REM-Schlaf?« – war die Frage am Anfang dieses Abschnitts. Vielleicht eine vorsichtige Antwort: Bis zu vier, fünf Mal in der Nacht wird der Kern unseres Menschseins aufgerüttelt. Dem kreativen, authentischen Menschen mit schier unbegrenzten Möglichkeiten wird Raum gegeben. Das bedeutet: ungehindert von Grenzen, die uns das irdische Leben tagsüber setzt. Das heißt: nicht vom »reality testing« der Sinneswelt und auch nicht begrenzt von den moralischen Konsequenzen unserer Taten. Der Traum spielt nicht auf der Erde, er ist ein eigenes Reich. Doch ist dieses Reich uns nicht fremd. Es hat »irgendwie« etwas mit dem Kern unseres Menschseins zu tun. Wir kommen in Kapitel 1.6 über die Reise durch die Nacht und in Kapitel 2.5 über die religiöse Erziehung noch darauf zurück.
Bisher ging es um die Schlafphasen und darum, weshalb das Schlafen so notwendig und nützlich ist. Im Folgenden geht es um die Entwicklung der Schlafphasen im Laufe der Kindheit.
Pulsuz fraqment bitdi.