Kitabı oxu: «Eduard Mörike: Märchen, Erzählungen, Briefe, Bühnenwerke & Gedichte (Über 360 Titel in einem Band)»
Eduard Mörike
Eduard Mörike: Märchen, Erzählungen, Briefe, Bühnenwerke & Gedichte (Über 360 Titel in einem Band)
Books
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musaicumbooks@okpublishing.info 2017 OK Publishing ISBN 978-80-272-0460-1
Inhaltsverzeichnis
Erzählungen:
Maler Nolten
Der Schatz
Lucie Gelmeroth
Die Historie von der schönen Lau
Mozart auf der Reise nach Prag
Traumseele
Der Spuk im Pfarrhaus zu Cleversulzbach
Bruchstücke eines Romans
Geschichte von der silbernen Kugeloder der Kupferschmied von Rothenburg
Aus dem Gebiete der Seelenkunde
Die Würzburger Lügensteine
Märchen:
Der Bauer und sein Sohn
Das Stuttgarter Hutzelmännlein
Die Hand der Jezerte
Briefe:
Briefe an Luise Rau
Drama:
Die Regenbrüder
Spillner
Gedichte:
Wispeliaden
Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin
Griechische Lyrik:
Homerische Hymnen
Auf den delischen Apollon
Auf Aphrodite
Auf Dionysos
Auf Demeter
Kallinos und Tyrtaios
Kriegslieder
Theognis
An Kyrnos
Trinklieder
Liebesgedichte
Anakreon
Lieder
Aus den Elegien
Epigramme
Anakreonitische Lieder
Die Leier
Verschiedener Krieg
Liebeswünsche
Zwiefache Glut
Ruheplatz
Rechnung
Das Nest der Eroten
Weder Rat noch Trost
Genuß des Lebens
Genügsamkeit
Unnützer Reichtum
Lebensweisheit
Sorglosigkeit
Seliger Rausch
Tanzlust des Trinkers
Wechsellied beim Weine
Trinklied
Harmlos Leben
Beim Weine Von Basilios
Das Gelage
Die Rasenden
Verschiedene Raserei
Rechtfertigung
Antwort
An ein Mädchen
Der alte Trinker
Beste Wissenschaft
Greisenjugend
Jung mit den Jungen
Auftrag
Das Bildnis der Geliebten
Das Bild des Bathyllos
Auf ein Gemälde der Europa
Aphrodite auf einem Diskos
Auf die Rose
Lob der Rose
Der Frühling
Kelterlust
Auf Dionysos
An die Zikade
Besuch des Eros
Die Probe
Bedeutsamer Traum
Der wächserne Eros
Der Kampf mit Eros
Widmung des Eros
Der verwundete Eros
Die Pfeile des Eros
Eros gefangen
Von Julianos dem Ägypter
Der tote Adonis
Die Taube
Anakreons Kranz
Von Basilios
Ein Traum
An eine Schwalbe
Naturgaben
Der liebenden Kenner
Theokrit
Thyrsis
2. Die Zauberin
Amaryllis
Die Hirten
Komatas und Lakon
Die Rinderhirten
Der Kyklop
Hylas
Die Liebe der Kyniska
DieSyrakuserinnen am Adonisfest
Die Chariten
Brautlied der Helena
Die Fischer
Herakles als Kind
Die Spindel
Liebesklage
Bion
Der Vogelsteller
Die Schule des Eros
Ruhe vom Gesang
Die Jahreszeiten
An den Abendstern
Moschos
Europa
See und Land
Der pflügende Eros
Gedichte:
An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang
Erinnerung
Nächtliche Fahrt
Der junge Dichter
Der Knabe und das Immlein
Rat einer Alten
Begegnung
Der Jäger
Jägerlied
Ein Stündlein wohl vor Tag
Storchenbotschaft
Die schlimme Gret und der Königssohn
Liebesvorzeichen
Suschens Vogel
In der Frühe
Er ist's
Im Frühling
Erstes Liebeslied eines Mädchens
Fußreise
Besuch in Urach
An eine Äolsharfe
Hochzeitlied
Mein Fluß
Josephine
Auf der Reise
Frage und Antwort
Lebewohl
Heimweh
Gesang zu zweien in der Nacht
Die traurige Krönung
Jung Volker
Jung Volkers Lied
Nimmersatte Liebe
Der Gärtner
Schön-Rohtraut
Lied vom Winde
Das verlassene Mägdlein
Agnes
Elfenlied
Die Schwestern
Die Soldatenbraut
Jedem das Seine
Ritterliche Werbung
Der Feuerreiter
Die Tochter der Heide
Des Schloßküpers Geister zu Tübingen
Die Geister am Mummelsee
Der Schatten
Märchen vom sichern Mann
Gesang Weylas
Chor jüdischer Mädchen
Ideale Wahrheit
Gefunden
Die schöne Buche
Johann Kepler
Auf das Grab von Schillers Mutter
An eine Lieblingsbuche meines Gartens
Theokrit
Tibullus
Einer geistreichen Frau
An Hermann
Muse und Dichter
Auf dem Krankenbette
Bei Tagesanbruch
An meinen Arzt, Herrn Dr. Elsässer
Maschinka
Versuchung
Lose Ware
Im Park
Leichte Beute
Nachts am Schreibepult
Mit einem Anakreonskopf und einem Fläschchen Rosenöl
Götterwink
Das Bildnis der Geliebten
Datura suaveolens
Weihgeschenk
An eine Sängerin
Inschrift auf eine Uhr mit den drei Horen
Auf eine Lampe
Erinna an Sappho
Die Herbstfeier
Lied eines Verliebten
Akme und Septimius
Scherz
Abreise
Septembermorgen
Verborgenheit
Früh im Wagen
Karwoche
Denk es, o Seele!
Peregrina
1. [Der Spiegel dieser treuen, braunen Augen]
2. [Aufgeschmückt ist der Freudensaal]
3. [Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten]
4. [Warum, Geliebte, denk ich dein]
5. [Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden]
Um Mitternacht
Trost
Auf einer Wanderung
Der Genesene an die Hoffnung
Wald-Idylle
Im Weinberg
Am Rheinfall
Einer Reisenden
Vicia faba minor
Zwiespalt
Der Häßliche
Auf dem Grabe eines Künstlers
An meine Mutter
An dieselbe
An H. Kurtz
Brockes
Joseph Haydn
Epistel
An Karl Mayer
Die Anti-Sympathetiker
An Friedr. Vischer, Professor der Ästhetik etc.
Apostrophe
An einen kritischen Freund
Einem kunstliebenden Kaufmann
P.K.
Meines Vetters Brautfahrt
Der Kanonier
Zu Eröffnung eines Albums
Auf einen Klavierspieler
Antike Poesie
Eberhard Wächter
Seltsamer Traum
Zum neuen Jahr
Der König bei der Krönung
Kantate bei Enthüllung der Statue Schillers
Auf ein altes Bild
Schlafendes Jesuskind
Auf eine Christblume
1. [Tochter des Walds, du Lilienverwandte]
2. [Im Winterboden schläft, ein Blumenkeim]
Sehnsucht
Am Walde
Liebesglück
Zu viel
Nur zu
An die Geliebte
Neue Liebe
An den Schlaf
Seufzer
Wo find ich Trost
Gebet
Tag und Nacht
Die Elemente
Schiffer- und Nixen-Märchen
1. Vom Sieben-Nixen-Chor
2. Nixe Binsefuß
3. Zwei Liebchen
4. Der Zauberleuchtturm
Das lustige Wirtshaus
Der alte Turmhahn
An Wilhelm Hartlaub
Ländliche Kurzweil
Bei der Marien-Bergkirche
Meiner Schwester
Zum zehnten Dezember
An O.H. Schönhuth,
An Pauline
An Marie Mörike, geb. Seyffer
An Clärchen
Auf den Tod eines Vogels
Margareta
Aus der Ferne
Ach nur einmal noch im Leben!
Göttliche Reminiszenz
Erbauliche Betrachtung
An Longus
An den Vater meines Patchens
Waldplage
Dem Herrn Prior der Kartause J.
Besuch in der Kartause
Herrn Bibliothekar Adelb. v. Keller
Herrn Hofrat Dr. Krauß
An Eberhard Lempp
L. Richters Kinder-Symphonie
Erzengel Michaels Feder
1. [Weil schon vor vielen hundert Jahren]
2. [Es war ein Kaufherr zu Heilbronn]
An Gretchen
Hermippus
Bilder aus Bebenhausen1
1. Kunst und Natur
2. Brunnen-Kapelle am Kreuzgang
3. Ebendaselbst
4. Kapitelsaal
5. Sommer-Refektorium
6. Gang zwischen den Schlafzellen
7. Stimme aus dem Glockenturm
8. Am Kirnberg
9. Aus dem Leben
10. Nachmittags
11. Verzicht
»Lang, lang ist's her«
Charis und Penia
Zwei dichterischen Schwestern
An Frau Pauline v. Phull-Rieppur auf Ober-Mönsheim
An X und Y
An J.G. Fischer
Auf die Nürtinger Schule
An Fräulein Luise v. Breitschwert
An Frau Luise Walther, geb. v. Breitschwert
Der Frau Generalin v. Varnbüler
An Fräulein Elise v. Grävenitz
An Eduard Weigelin
An Lottchen Krehl
Wanderlied
Zitronenfalter im April
Auf einem Kirchturm
Zum Neujahr
An meinen Vetter
An denselben
Der Petrefaktensammler
Auf ein Kind
An Philomele
An einen Liebenden
Auf einen Redner
Schul-Schmäcklein
An -
Auf den Arrius
Lammwirts Klagelied
Auftrag
Der Tambour
Vogellied
Mausfallen-Sprüchlein
Unser Fritz
Häusliche Szene
Der Liebhaber an die heiße Quelle zu B.
Bei einer Trauung
Zwei Brüdern ins Album
1. [Kastor und Pollux heißen ein Paar Ammoniten]
2. [Fällt dir vielleicht in späten Tagen]
Die Visite
Auf ein Ei geschrieben
Gute Lehre
Selbstgeständnis
Restauration
Zur Warnung
Alles mit Maß
[Scherz]
Bei Gelegenheit eines Kinderspielzeugs
Grabschrift des Pietro Aretino
Auf die Prosa eines Beamten
Pastoralerfahrung
Hülfe in der Not
Herr Dr. B. und der Dichter
Auskunft
Abschied
Erzählungen:
Inhaltsverzeichnis
Maler Nolten
Inhaltsverzeichnis
Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt. Der ältliche Baron Jaßfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch bei dem Maler Tillsen, und nach seinen eilfertigen Schritten zu urteilen, führte ihn diesmal ein ganz besonderes Anliegen zu ihm. Er traf den Maler, wie gewöhnlich nach Tische, mit seiner jungen Frau in dem kleinen, ebenso geschmackvollen als einfachen Saale, dessen antike Dekoration sich gar harmonisch mit den gewöhnlichen Gegenständen des Gebrauchs und der Mode ausnahm. Man sprach zuerst in heiterm Tone über verschiedene Dinge, bis die Frau sich in Angelegenheiten der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein ließ.
Der Baron saß bequemlich mit übereinandergeschlagenen Beinen im weichen Fauteuil, und indes die Wange in der rechten Hand ruhte, schien er während der eingetretenen Pause den Maler in freundlichem Nachsinnen mit der neuen Ansicht zu vergleichen, die sich ihm seit gestern über dessen Werke aufgedrungen.
»Mein Lieber!« fing er jetzt an, »daß ich Ihnen nur sage, warum ich vornehmlich hieher komme. Ich bin kürzlich bei dem Grafen von Zarlin gewesen und habe dort ein Gemälde gesehen, wieder und wieder gesehen und des Sehens kaum genug gekriegt. Ich fragte nach dem Meister, der Graf ließ mich raten, ich riet und sagte: Tillsen! – schüttelte aber unwillkürlich den Kopf dabei, weil mir zugleich war, es könne doch nicht wohl sein; ich sagte abermals: Tillsen, und sagte zum zweitenmal: Nein!«
Bei diesen Worten zeigte sich eine Spur von Verdruß und Verlegenheit auf des Malers Gesicht; er wußte sie jedoch schnell zu verbergen und fragte mit guter Laune: »Nun! das schöne Wunderwerk, das meinen armen Pinsel bereits zweimal verleugnet hat – was ist es denn eigentlich?«
»Stellen Sie sich nicht, Bester«, erwiderte der Alte aufstehend, mit herzlicher Fröhlichkeit und glänzenden Augen, »Ihnen ist wohl bekannt, wovon ich rede. Der von Zarlin hat Ihnen das Bild abgekauft und Sie sind nach seiner Versicherung der Mann, der es gemacht. Hören Sie, Tillsen«, hier ergriff er seine Hand, »hören Sie! ich bin nun einmal eben ein aufrichtiger Bursche, und mag, wo ich meine Leute zu kennen glaube, nicht übertrieben viel Vorsicht brauchen, also platzte ich Ihnen gleich damit heraus, wie mir’s mit Ihrem Bilde ergangen; es enthält unverkennbar so manches Ihrer Kunst, besonders was Farbe, was Schönheit im einzelnen, was namentlich auch die Landschaft betrifft, aber es enthält – nein, es ist sogar durchaus wieder etwas anderes, als was Sie bisher waren, und indem ich zugebe, daß die überraschende Entdeckung gewisser Ihnen in minderem Grade eigenen Vorzüge mich irregemacht, so liegt hierin ein Vorwurf gegen Ihre früheren Arbeiten, den Sie immer von mir gehört haben, ohne darum zu zweifeln, daß ich Sie für einen in seiner Art trefflichen Künstler halte. Ich fand jetzt aber eine Keckheit und Größe der Komposition von Figuren, eine Freiheit überall, wie Sie meines Wissens der Welt niemals gezeigt hatten; und was mir schlechterdings als ein Rätsel erschien, ist die auffallende Abweichung in der poetischen Denkungsart, in der Wahl der Gegenstände. Dies gilt insbesondere von zwei Skizzen, deren ich noch gar nicht erwähnte und die Sie dem Grafen in Öl auszuführen versprochen haben.
Hier ist eine durchaus seltene Richtung der Phantasie; wunderbar, phantastisch, zum Teil verwegen und in einem angenehmen Sinne bizarr. Ich denke dabei an die Gespenstermusik im Walde und Mondschein, an den Traum des verliebten Riesen. Tillsen! um Gottes willen, sagen Sie, wann ist diese ungeheure Veränderung vorgegangen? wie erklären Sie mir sie? Man weiß und hat es bedauert, daß Tillsen in anderthalb Jahren keine Farbe angerührt; warum sagten Sie mir während der letzten zwei Monate nicht eine Silbe vom Wiederanfange Ihrer Arbeiten? Sie haben heimlich gemalt, Sie wollten uns überraschen, und wahrlich, teuerster, unbegreiflicher Freund, das ist Ihnen gelungen.« Hier schüttelte der feurige Redner den stummen Hörer kräftig bei den Schultern, schmunzelte und sah ihm nahezu unter die Augen.
»Ich bin wahrhaftig«, begann der andere ganz ruhig, aber lächelnd, »um den Ausdruck verlegen, Ihnen meine Verwunderung über Ihre Worte zu bezeugen, wovon ich das mindeste nicht verstehe. Weder kann ich mich zu jenem Gemälde, zu jenen Zeichnungen bekennen, noch überhaupt faß ich Ihre Worte. Das Ganze scheint ein Streich von Zarlin zu sein, den er uns wohl hätte ersparen mögen. Wie stehen wir einander nun seltsam beschämt gegenüber! Sie sind gezwungen, ein mir nicht gebührendes Lob zurückzunehmen, und der Tadel, den Sie vergnügt schon auf die alte Rechnung setzten, bleibt wo er hingehört. Das muß uns aber ja nicht genieren, Baron, wir bleiben, hoff ich, die besten Freunde. Geben Sie mir aber doch, ich bitte Sie, einen deutlichen Begriff von den bewußten Stücken. Setzen Sie sich!«
Jaßfeld hatte diese Rede bis zur Hälfte mit offenstehendem Munde, beinahe ohne Atemzug angehört, während der andern Hälfte trippelte er im Zickzack durch den Saal, stand nun plötzlich still und sagte: »Der Teufelskerl von Zarlin! Wenn ja der – aber es ist impossibel, ich behaupte trotz allen himmlischen Heerscharen, Sie sind der Maler, kein anderer; auch läßt sich nicht annehmen, daß es etwa nur zum Teil Ihre Produktion wäre; Sie haben sich in Ihrem Leben nie auf Fremdes verlegt.« Der Maler bat wiederholt um die Schilderung der befragten Stücke.
»Ich beschreibe Ihnen also, weil Sie es verlangen, Ihr eigen Werk«, hub der alte Herr, sich niedersetzend, an, »aber kurz, und korrigieren Sie mich gleich, wenn ich wo fehle. – Das ausgeführte Ölgemälde zeigt uns, wie einer Wassernymphe ein schöner Knabe auf dem Kahn von einem Satyr zugeführt wird. Jene bildet neben einigen Meerfelsen linker Hand die vorderste Figur. Sie drückt sich, vorgeneigt und bis an die Hüften im Wasser, fest an den Rand des Nachens, indem sie mit erhobenen Armen den reizenden Gegenstand ihrer Wünsche zu empfangen sucht. Der schlanke Knabe beugt sich angstvoll zurück und streckt, doch unwillkürlich, einen Arm entgegen; hauptsächlich mag es der Zauber ihrer Stimme sein, was ihn unwiderstehlich anzieht, denn ihr freundlicher Mund ist halb geöffnet und stimmt rührend zu dem Verlangen des warmen Blicks. Hier erkannte ich Ihren Pinsel, Ihr Kolorit, Ihren unnachahmlichen Hauch, o Tillsen, hier rief ich Ihren Namen aus. Das Gesicht der Nymphe ist fast nur Profil, der schiefe Rücken und eine Brust ist sichtbar; unvergleichlich das nasse, blonde Haar. Bei der Senkung einer Welle zeigt sich wenig der Ansatz des geschuppten Fischkörpers, in der Nähe schlägt der tierische Schwanz aus dem grünen Wasser, aber man vergißt das Ungeheuer über der Schönheit des menschlichen Teils und der Knabe vergeht in dem Liebreiz dieses Angesichts; er versäumt das leichte, nur noch über die Schulter geschlungene Tuch, das der Wind als schmalen Streif in die Höhe flattern läßt. Eine Figur von großer Bedeutung ist der Satyr als Zuschauer. Die muskulose Figur steht, auf das Ruder gelehnt, etwas seitwärts im Schiffe, und überragt, obgleich nicht ganz aufrecht, die übrigen. Eine stumme Leidenschaft spricht aus seinen Zügen, denn obgleich er der Nymphe durch den Raub und die Herbeischaffung des herrlichen Lieblings einen Dienst erweisen wollte, so straft ihn jetzt seine heftige Liebe zu ihr mit unverhoffter Eifersucht. Er möchte sich lieber mit Wut von dieser Szene abkehren, allein er zwingt sich zu ruhiger Betrachtung, er sucht einen bittern Genuß darin. Das Ganze rundet sich vortrefflich ab und mit Klugheit wußte der Maler das eine leere Ende des Nachens rechter Hand hinter hohe Seegewächse zu verstecken. Übrigens ist vollkommene Meeraussicht und man befindet sich mit den Personen einsam und ziemlich unheimlich auf dem hülflosen Bereiche. Ich sage Ihnen nichts weiter, mein Freund. Ihre gelassene Miene verrät mir eine hinlängliche Bekanntschaft mit der Sache; Sie dürften übrigens, wenn keine Verwunderung, doch wahrlich ein wenig gerechten Stolz auf ihr Werk blicken lassen, wofern nicht eben in diesem Anscheine von Gleichgültigkeit schon der höchste Stolz liegt.«
»Die Skizzen, wenn ich bitten darf!« erwiderte der andere; »wie verhält es sich damit? Sie haben mich sehr neugierig gemacht.«
Der Baron holte frisch Atem, lächelte und begann doch bald ernsthaft: »Federzeichnung, mit Wasserfarbe ziemlich ausgeführt, nach Ihrer gewöhnlichen Weise. Das Blatt, wovon jetzt die Rede ist, hat einen tiefen, und besonders als ich es zum zweitenmal bei Lichte sah, einen fast schauderhaften Eindruck auf mich gemacht. Es ist nichts weiter als eine nächtliche Versammlung musikliebender Gespenster. Man sieht einen grasigen, etwas hüglichten Waldplatz, ringsum, bis auf eine Seite, eingeschlossen. Jene offene Seite rechts läßt einen Teil der tiefliegenden, in Nebel glänzenden Ebene übersehen; dagegen erhebt sich zur Linken im Vordergrunde eine nasse Felswand, unter der sich ein lebhafter Quell bildet und in deren Vertiefung eine gotisch verzierte Orgel von mäßiger Größe gestellt ist; vor ihr auf einem bemoosten Blocke sitzt im Spiele begriffen gleich eine Hauptfigur, während die übrigen teils ruhig mit ihren Instrumenten beschäftigt, teils im Ringel tanzend oder sonst in Gruppen umher zerstreut sind. Die wunderlichen Wesen sind meist in schleppende, zur Not aufgeschürzte Gewande von grauer oder sonst einer bescheidenen Farbe gehüllt, blasse mitunter sehr angenehme Totengesichter, selten etwas Grasses, noch seltener das geschälte häßliche Totenbein. Sie haben sich, um nach ihrer Weise sich gütlich zu tun, ohne Zweifel aus einem unfernen Kirchhof hieher gemacht. Dies ist schon durch die Kapelle rechts angedeutet, welche man unten in einiger Nähe, jedoch nur halb, erblickt, denn sie wird durch den vordersten Grabhügel abgeschnitten, an dessen eingesunkenem Kreuze von Stein ein Flötenspieler mit bemerkenswerter Haltung und trefflich drapiertem Gewande sich hingelagert hat. Ich wende mich aber jetzt wieder auf die entgegengesetzte Seite zu der anziehenden Organistin. Sie ist eine edle Jungfrau mit gesenktem Haupte; sie scheint mehr auf den Gesang der zu ihren Füßen strömenden Quelle, als auf das eigene Spiel zu horchen. Das schwarze, seelenvolle Auge taucht nur träumerisch aus der Tiefe des inneren Geisterlebens, ergreift keinen Gegenstand mit Aufmerksamkeit, ruht nicht auf den Tasten, nicht auf der schönen runden Hand, ein wehmütig Lächeln schwimmt kaum sichtbar um den Mundwinkel und es ist, als sinne dieser Geist im jetzigen Augenblicke auf die Möglichkeit einer Scheidung von seinem zweiten leiblichen Leben. An der Orgel lehnt ein schlummertrunkener Jüngling mit geschlossenen Augen und leidenden Zügen, eine brennende Fackel haltend; ein großer goldenbrauner Nachtfalter sitzt ihm in den Seitenlocken. Zwischen der Wand und dem Kasten scheint sich der Tod als Kalkant zu befinden, denn eine knöcherne Hand und ein vorstehender Fuß des Gerippes wird bemerkt. Unter den Gestalten im Mittelgrunde zeichnet sich namentlich eine Gruppe von Tanzenden aus, zwei kräftige Männer und ebensoviel Frauen in anmutigen und kunstvollen Bewegungen, mit hochgehaltener Handreichung, wobei zuweilen nackte Körperteile edel und schön zum Vorschein kommen. Indessen, der Tanz scheint langsam und den ernsten, ja traurigen Mienen derjenigen zu entsprechen, welche ihn aufführen. Diesen zu beiden Seiten und dann mehr gegen den Hintergrund entfaltet sich ein vergnügteres Leben; man gewahrt muntere Stellungen, endlich possenhafte und neckische Spiele. Etwas fiel mir besonders auf. Ein Knabengerippe im leichten Scharlachmäntelchen sitzt da und wollte sich gern von einem andern den Schuh ausziehen lassen, aber das Bein bis zum Knie ging mit und der ungeschickte Bursche will sich zu Tode lachen. Hingegen ein anderer Zug ist folgender: Vorn bei dem Flötenspieler befindet sich ein Gesträuche, woraus eine magere Hand ein Nestchen bietet, während ein hingekauerter Greis sein Söhnchen bei der hingehaltenen Kerze bereits einem Vogel in die verwundert unschuldigen Äuglein blicken läßt; der Bursche hat übrigens schon eine zappelnde Fledermaus am Fittich. Es gibt mehrere Züge der Art; es gäbe überhaupt noch gar vieles anzuführen. Die Beleuchtung, der wundervolle Wechsel zwischen Mond-und Kerzenlicht, wie dies einst beim Ölgemälde, besonders in der Wirkung aufs Grün, sich zauberisch darstellen wird, ist überall bereits effektvoll angedeutet und mit großer Kenntnis behandelt. Doch genug! der Henker mag so was beschreiben.«
Tillsen hatte schon seit einer Weile zerstreut und brütend gesessen. Jetzt da das Schweigen des Barons ihn zu sich selbst gebracht, erhob er sich rasch mit glühender Stirn vom Sessel und sprach entschlossen: »Ja, mein Herr, ich darf es sagen, von meiner Hand ist, was Sie gesehen haben, doch« – hier brach er in ein gezwungenes Gelächter aus. »Gott sei Dank!« unterbrach ihn der Baron, entzückt aufspringend, »nun hab ich genug; lassen Sie sich küssen, umarmen, Charmantester! die anderthalb Jahre Fastenzeit, worin Sie die Palette vertrocknen ließen, haben Wunder an Ihnen gereift, eine Periode entwickelt, über deren Früchte die Welt staunen wird. Nun geht es Schlag auf Schlag, geben Sie acht, seitdem der neue, starke Frühling für Ihre Kunst durchbrochen hat, und in dieser Stunde prophezei ich Ihnen die Fülle eines Ruhmes, der vielleicht Hunderte begeistern wird, das ganze Mark der Kräfte an die edelste Kunst zu wenden, aber auch Tausende zwingen muß, in mutlosem Neide sie abzuschwören. Ach lieber, bescheidener Mann, Sie sind bewegt, ich bin es nicht weniger von herzlicher Freude. Lassen Sie uns in diesem glücklichen Moment mit einem warmen Händedruck auseinandergehen, und kein Wort weiter. Ich gehe zum Grafen. Leben Sie wohl! auf Wiedersehen.« Damit war er zur Türe hinaus.
Der Maler, unbeweglich, sah ihm nach. Es wollte ihn jetzt fortreißen, dem Baron zu folgen, ihm eine plötzliche Aufklärung zu geben, aber ein unwillkürlicher trockener Entschluß hielt ihn wie an den Boden gefesselt. Erst nach einer langen Stille brach er, beinahe schmerzlich lächelnd, in die Worte aus: »O betrogener redlicher Mann! wie hast du dich unnötig über mich verjubelt, mir arglos meine ganze Blöße gezeigt! Ich mußte ein Lob anhören, das nicht mir, sondern einem andern gehört und das just alles das heraushob, was mir zum rechten Maler abgeht, ewig abgehen wird!« Es ist wahr, fuhr er in Gedanken fort, die Ausführung jener Kompositionen ist mein und ist nicht das Schlechteste am Ganzen; sie dient, jenen Erfindungen die rechte Bedeutung zu geben; ohne mein Zutun wären vielleicht die Skizzen des armen Zeichners gleichgültig übersehen worden. Aber nur auf der Spur seines Geistes stärkte, belebte sich der meinige, und nur von jenem ermutigt konnte ich sogar auf eine Höhe des Ausdrucks kommen, bis zu welcher ich mich nie erhoben hatte. Wie arm, wie nichts erschein ich mir diesem unbekannten Zeichner gegenüber! Wie würf ich mit Freuden alles hin, was sonst an mir gerühmt wird, für die Gabe, solche Umrisse, solche Linien, solche Anordnungen zu schaffen! Ein Crayon, ein dürftig Papier ist ihm genug, damit er mich über den Haufen stürze. Wüßten nur erst die Herren, daß es die Werke eines Wahnsinnigen sind, welche sie bewundern, eines unscheinbaren verdorbenen Menschen, ihr Staunen würde noch größer sein, als da sie in mir den Meister gefunden zu haben glauben. Noch kennt außer mir niemand den wahren Erfinder, aber gesetzt, ich wollte auf die Gefahr, daß dieser sein eigensinniges Inkognito brechen kann, mir dennoch den Ruhm seiner Schöpfung erhalten, ich fände einen weit stärkeren Grund dagegen in dem eigenen innern Bewußtsein. Darum muß es an den Tag, lieber heute als morgen, ich sei keineswegs der Rechte.
Das waren ungefähr die Gedanken des lebhaft aufgeregten Mannes. Indessen war er, was den letzten Punkt betrifft, noch nicht so ganz entschieden. Hatte er bisher die Meinung der Freunde so hinhängen lassen, ohne sie eben zu bestärken, ohne zu widerlegen, indem er sich mit zweideutigem Scherz in der Mitte hielt, so dachte er jetzt, er könne unbeschadet seines Gewissens noch eine Zeitlang zuwarten mit der Enthüllung, und er wolle sein Benehmen nachher, wenn es nötig sei, schon auf ehrenvolle Art rechtfertigen.