Kitabı oxu: «Dominic Thiem»

Şrift:

Egon Theiner

DOMINIC THIEM

ZWISCHENBILANZ


Gewidmet all jenen, für die Sport und Tennis –

ob aktiv oder passiv – Teil ihres Lebens ist.

Und gewidmet all jenen, die Stars wie

Dominic Thiem als Bereicherung und Inspiration

für das eigene Leben empfinden.

IMPRESSUM

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

www.egoth.at

1. Auflage

© 2020 egoth Verlag GmbH

Untere Weißgerberstraße 63/12

1030 Wien

Autor: Egon Theiner

Cover: MARKO DJURICA/REUTERS/picturedesk.com; Umschlag-Rückseite: GONZALO FUENTES/REUTERS/picturedesk.com; S. 1 ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP/picturedesk.com; S. 2 Frank Franklin II/AP/picturedesk.com; S. 4 Wigglesworth, Michael/Action Press/picturedesk.com; S. 4 Seth Wenig/AP/picturedesk.com; S. 4 Seth Wenig/AP/picturedesk.com; S. 5 Seth Wenig/AP/picturedesk.com; S. 6 CHRISTIAN HARTMANN/REUTERS/picturedesk.com; S. 6 ANDREJ ISAKOVIC/AFP/picturedesk.com; S. 6 Andreas Gora/dpa/picturedesk.com; S. 7 DAVID GRAY/AFP/picturedesk.com; S. 7 Bai Xuefei Xinhua/Eyevine/picturedesk.com; S. 8 EXPA/APA/picturedesk.com; S. 8 CHRISTOPHE SIMON/AFP/picturedesk.com; S. 10 Harald Jahn/picturedesk.com; S. 11 GLYN KIRK/AFP/picturedesk.com; S. 12 HANS PUNZ/APA/picturedesk.com; S. 12 GEORG HOCHMUTH/APA/picturedesk.com; S. 13 Johann Groder/EXPA/picturedesk.com; S. 13 EXPA/APA/picturedesk.com; S. 14 Alberto Pezzali/AP/picturedesk.com; S. 16 Pressesports/EXPA/picturedesk.com; S. 16 CHRISTOPHE ARCHAMBAULT/AFP/picturedesk.com; S. 17 PHILIPPE LOPEZ/AFP/picturedesk.com; S. 18 Mark J. Terrill/AP/picturedesk.com; S. 23 VINCENT KESSLER/REUTERS/picturedesk.com; S. 23 GEORG HOCHMUTH/APA/picturedesk.com; S. 28 GEORG HOCHMUTH/APA/picturedesk.com; S. 33 Jürgen Hasenkopf/dpa Picture Alliance/picturedesk.com; S. 34 Eibner/EXPA/picturedesk.com; S. 37 Robert Parigger/APA/picturedesk.com; S. 38 Karl Schöndorfer/picturedesk.com; S. 44 JASON SZENES/EPA/picturedesk.com; S. 49 ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP/picturedesk.com; S. 49 GONZALO FUENTES/REUTERS/picturedesk.com; S. 51 ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP/picturedesk.com; S. 51 GONZALO FUENTES/REUTERS/picturedesk.com; S. 53 ERIKA TANAKA/APA/picturedesk.com; S. 54 Johann Groder/EXPA/picturedesk.com; S. 56 laPresse/EXPA/picturedesk.com; S. 59 GONZALO FUENTES/REUTERS/picturedesk.com; S. 59 Halden Krog/AP/picturedesk.com; S. 63 HANS PUNZ/APA/picturedesk.com; S. 74 Alastair Grant/AP/picturedesk.com; S. 78 EXPA/APA/picturedesk.com; S. 80 Vianney Thibaut/EXPA/picturedesk.com; S. 85 Pressesports/EXPA/picturedesk.com; S. 88 Stefan Adelsberger/EXPA/picturedesk.com; S. 90 ERIC FEFERBERG/AFP/picturedesk.com; S. 96 ERIC FEFERBERG/AFP/picturedesk.com; S. 100 KENZO TRIBOUILLARD/AFP/picturedesk.com; S. 102 SZ Photo/SZ-Photo/picturedesk.com; S. 108 Jason DeCrow/AP/picturedesk.com; S. 111 Wolfgang Eilmes/dpa/picturedesk.com; S. 112 NICOLAS ASFOURI/AFP/picturedesk.com; S. 116 Mark J. Terrill/AP/picturedesk.com; S. 119 HANS PUNZ/APA/picturedesk.com; S. 123 DAVID GRAY/AFP/picturedesk.com; S. 130 THOMAS SAMSON/AFP/picturedesk.com; S. 134 Muylaert, Sebastien/Action Press/picturedesk.com; S. 136 KENZO TRIBOUILLARD/AFP/picturedesk.com; S. 138 Pressesports/EXPA/picturedesk.com; S. 142 Zhu Wei Xinhua/Eyevine/picturedesk.com; S. 149 MARKO DJURICA/REUTERS/picturedesk.com; S. 161 Frank Franklin II/AP/picturedesk.com; S. 165 u. 167 Seth Wenig/AP/picturedesk.com; S. 176 ROBERT JAEGER/APA/picturedesk.com; S. 186 Pressesports/EXPA/picturedesk.com; S. 230 MARKO DJURICA/REUTERS/picturedesk.com; S. 233 DAVID GRAY/AFP/picturedesk.com

Redaktion: Egon Theiner, Markus Hornig, Florian Pölliger

Projektleitung: Sonja Franzke | vielseitig.co.at

Lektorat: Margot Bacher | korrigiermich.at

Umschlag- und grafische Innengestaltung: José Coll | B.A.C.K. Grafik & Multimedia GmbH

Printed in the EU

Gesamtherstellung: egoth Verlag GmbH

ISBN (Print): 978-3-903183-39-1

ISBN (E-Book): 978-3-903183-79-7

Inhalt

Einleitung: Der misslungene Versuch einer nüchternen Hommage

1993–2011

2012–2013

Auf der Suche nach Größe

2014–2015

2016–2017

Ganz bei sich

2018

Es geht nur um den nächsten Punkt

2019

Thiems Technik

2020

Ball für Ball zu den Millionen

Statistik: Eine Karriere in Zahlen

Statistik: Eine Karriere Spiel um Spiel

Ein Vorbild für uns alle

Autor / Quellen


Der misslungene Versuch einer nüchternen Hommage

So abwechslungsreich ich mein Leben auch erachte – es hat eine Konstante: den Sport. Nichts gibt mir mehr Befriedigung, als mich zu bewegen, und nichts ist spannender, als in den Stadien oder vor dem Fernseher zu sitzen und den Könnern und Könnerinnen ihres Fachs bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten zuzusehen. Meine Augen leuchten vor Freude und Enthusiasmus, wenn ich Rafael Nadal zum 13. Mal die French Open gewinnen sehe, wenn ich an die Heldentaten eines Thomas Muster zurückdenke, wenn ich mich an John „You can’t be serious!“ McEnroe erinnere. Aber nicht nur Tennis – mein Herz geht für jeden Sport und ihre Hauptdarsteller und -darstellerinnen auf.

Vor einigen Jahren ist auch Dominic Thiem auf meinem persönlichen Radar aufgetaucht, interessiert habe ich seine Entwicklung aus der Ferne beobachtet, mich immer wieder mit jenen unterhalten, die mehr wissen und verstehen, und mein Bild wurde immer kompletter. Seinen Sieg bei den US Open prognostizierte – wie viele andere – auch ich. Schon klar. Im Nachhinein ist es immer leicht, sich als Prophet ausgegeben zu haben. (Vorhergesagt habe ich, dass er auch in Paris gewinnen wird – so viel zu meiner Treffsicherheit als Wahrsager.)

Jedenfalls war mir – einem ehemaligen Sportjournalisten, einem aktuellen Sachbuchautor und Verleger – klar, dass die Karriere des Dominic Thiem in Buchform aufgearbeitet und präsentiert werden sollte. Der Niederösterreicher ist 27 Jahre alt, das mag zu jung sein für eine Autobiografie oder eine von ihm selbst mitgestaltete autorisierte Biografie, nichtsdestotrotz ist in seinem Leben schon dermaßen viel passiert, das nach Sortierung und unaufgeregter Einordung verlangt. An einer umfassenden Darstellung des Lebens- und Karriereweges des Tennis-Stars sowie einer sporthistorischen Einordnung seiner Leistungen fehlt es – diese Lücke will vorliegendes Buch schließen und damit auch das Informationsinteresse der Allgemeinheit befriedigen.

Die Idee war, das Buch im Geiste des römischen Geschichtsschreibers Tacitus zu verfassen, sine ira et studio, also (sinngemäß) frei von Leidenschaft und Aufregung. Doch weil ich persönlich fasziniert bin von den Erfolgen und den Entwicklungen Thiems, ist es schier unmöglich, leidenschaftslos und neutral zusammenzustellen, was einer der weltbesten Tennisspieler erreicht hat und quasi desinteressiert zu interpretieren, wie und warum ihm dies gelungen ist.

Obschon dies nur eine Zwischenbilanz ist, steht bereits fest, dass die Performance von Dominic Thiem – länderbezogen auf Österreich, fachsportlich bezogen auf Tennis – von sporthistorischer Bedeutung ist. Aufgrund seiner Siege geht er in die heimische und internationale Sportgeschichte ein, aufgrund seiner Lebensführung ist er ein für uns alle nachahmenswertes Beispiel. Thiem ist nicht nur Grand-Slam-Sieger, er ist auch Lehrmeister.

So ist dieses Werk eine Verbeugung vor einem der größten Sportler, die Österreich je gehabt haben wird. Es ist ein Buch, das erzählen und erklären soll, und hoffentlich auch motivieren und inspirieren wird.

Viel Spaß beim Lesen.

Egon Theiner, im November 2020

1993 bis 2011


Marktgemeinde Lichtenwörth / Österreich

Die 2742 Einwohner zählende Marktgemeinde (Stand 1.1.2020) war vor Christi Geburt Teil des keltischen Königreiches Noricum, unter den Römern lag die Gegend in der Provinz Pannonia. Urkundlich erstmals erwähnt wurde Lichtenwörth in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Darin überlässt der Salzburger Erzbischof Adalbert III. dem Kloster Vorau 1174 alle Pfarrrechte und einen Teil der Zehnte, die innerhalb der Grenzen des Gebietes „Lutunwerde“ entrichtet werden. Im gleichen Jahrhundert wird eine Burg errichtet, die „Feste Lichtenwörth“ wird erst um 1490 zerstört. Auf der „Insel“, wo sich diese Burg befand, wurde später ein bischöflicher Hofgarten angelegt. Heute ist die Insel mit dem so genannten Villateich öffentlich zugänglich und wird sowohl als Veranstaltungsplatz als auch als Naherholungsgebiet genutzt.

Der Name Lichtenwörth (früher Lutunwerde) bedeutet „eine Siedlung auf einer Insel oder auf einer Bodenerhebung inmitten eines Sumpfes“.

1747 wurde unter der Regentschaft von Maria Theresia die Metallwaren- und Messingnadelfabrik (samt Drahtzug) Nadelburg durch ein zugunsten von Johann Christian Zug, Inhaber eines Kupferhammers zu Lichtenwörth, ausgestelltes landesfürstliches Privileg gegründet. Die Nadelburg fällt in den Ursprung der Industrialisierung in Österreich und ist für die Industrie-, Kultur- wie Sozialgeschichte entsprechend bedeutsam. Gemäß der von Manfred Wehdorn 1984 publizierten Wertanalyse zählt die Arbeitersiedlung, die nach einem einheitlichen Grundplan in Theresianischer Zeit errichtet wurde, zweifellos zu den ältesten, noch weitgehend einheitlich erhaltenen Anlagen dieser Art in Europa.

1992 wurde Lichtenwörth vom Niederösterreichischen Landtag das Marktrecht verliehen, politisch halten sich schwarz und rot die Waage. Aktuell sitzen im 21-köpfigen Gemeinderat zehn SPÖ-Vertreter, neun von der ÖVP (Wir alle sind Lichtenwörth). Zukunft Lichtenwörth (ZL) und FPÖ haben jeweils einen Sitz. Den Bürgermeister stellt mit Manuel Zusag die ÖVP. Es gibt zwei Kindergärten, eine Volksschule, eine Mittelschule, eine Musikschule. Und den Tennis Club Lichtenwörth.

An der Katholischen Pfarrkirche Lichtenwörth zum Heiligen Jakobus der Ältere wird rund 500 Jahre gebaut. Begonnen wird bereits im 14. Jahrhundert mit dem Bau der Kirche in gotischem Stil, doch Überfälle und Geldmangel verhindern eine zeitnahe Fertigstellung. Diese erfolgt erst 1889. Als ein Wahrzeichen von Lichtenwörth zählt auch das Adlertor, das als eines der drei Zugänge zur Arbeitersiedlung und in gutem Zustand erhalten ist.

Auf der Wikipedia-Seite steht unter Lichtenwörth, Persönlichkeiten: Dominic Thiem (* 1993), Tennisprofi

Ebendort, in Lichtenwörth, wächst Dominic Thiem auf. Geboren wird er am 3. September 1993 in Wr. Neustadt, er kommt etwas überraschend. Mutter Karin studiert Ökologie im ersten Abschnitt, Vater Wolfgang ist Grundwehrdiener und steht kurz vor der Abrüstung. Die finanzielle Situation des Pärchens ist, nun ja, nicht rosig. „Als wir erfuhren, dass wir ein Kind bekommen, sind wir zunächst aus allen Wolken gefallen“, erinnert sich Karin Thiem in einem News-Interview zurück. Von einem Moment auf den anderen ändert sich das Leben schlagartig. Wichtig ist vor allem, regelmäßiges Einkommen zu generieren. Die beiden besinnen sich auf das, was sie können: und das war unter anderem auch Tennis spielen. Die Prüfungen zu Tennislehrwart und Tennistrainer sind rasch geschafft, und da der Sport – Thomas Muster und Co. sei Dank – boomt, bringen es Karin und Wolfgang Thiem bei mehreren Vereinen auf bis zu 60 Stunden Tennistraining.

I am from Lichtenwörth

Die Aktivitäten der Eltern hinterlassen nicht immer, aber zumeist, ihre Spuren beim Nachwuchs. So ist Dominic als Baby dabei, wenn Vater Wolfgang in das Finale der Klubmeisterschaft einzieht. Schon mit einem Jahr und ein paar Monaten soll er mit einer Fliegenklatsche einem Luftballon hinterhergestolpert sein, und mit dem Großvater Luftballonturniere gespielt haben. Während seine Eltern ihrem Beruf nachgehen, sitzt er im Korb, in dem auch die Tennisbälle liegen, und wirft einen nach dem anderen heraus. Bälle gehören somit von Anfang an zu seinem Leben, und Parallelen mit anderen späteren Stars tun sich auf, zu Andre Agassi beispielsweise, oder auch Serena Williams.

Mit zwei schlägt Dominic die ersten Bälle über das Netz, mit vier gibt es für ihn nur mehr ein Spielgerät: das Tennisracket. Seinen Vater nennt er „Trainer“, und wenn er mit ihm auf den Platz geht, hat er drei Schläger dabei, für alle Fälle. Wolfgang freut es, dass er sich um seinen Sohn kümmern kann, immer dann, wenn Pausen entstehen, während (oder zwischen) seinen Trainerstunden, spielt er mit Dominic ein paar Bälle und verbringt so sehr viel Zeit mit ihm. Bei einem Strandurlaub in Griechenland simuliert das Kind fortwährend Vor- und Rückhandschläge, und Passanten werden sich wohl ihren Teil gedacht haben. Wenn weder Eltern noch Großeltern daheim Zeit für den Kleinen haben, schlägt er stundenlang Bälle gegen die Hauswand.


Dominic ist immer noch ein Kind, als Vater Wolfgang bei Günter Bresnik in dessen Tenniszentrum in der Baumgasse in Wien vorstellig wird. Bresnik ist so etwas wie der Übervater der österreichischen Tennisszene, er hat seit Mitte der 1980er-Jahre mit Spielern wie Boris Becker, Henri Leconte, Patrick McEnroe zusammengearbeitet, er hat Horst Skoff und Stefan Koubek betreut, war Kapitän der österreichischen Davis-Cup-Mannschaft und Sportchef des Österreichischen Tennisverbandes. Der Australier Bob Brett, selbst eine Legende unter den Tennis-Trainern, inspiriert ihn. Kurzum, Bresnik ist jemand, von dem man nur lernen kann.

Das erste Gespräch zwischen Wolfgang Thiem und Bresnik ist für Ersteren ernüchternd. Er habe keinen Job für Familienväter, sagt der Ältere dem Jüngeren, und sagt im Buch Die Dominic Thiem Methode: „Fahr nach Hause. Kümmere dich um deine eigene Tennisschule und deine Familie“.

Am nächsten Tag steht Wolfgang Thiem wieder da, er habe mit seiner Frau geredet, meint er, sie hätte mit Scheidung gedroht, ihm aber letztlich zugestanden, machen zu dürfen, was er wolle.

Es ist ein Schritt, den beide nicht bereuen. Wolfgang Thiem ist in der Früh der erste auf dem Platz und am Abend der letzte, der ihn verlässt. Immer konzentriert, immer ernst, immer zuverlässig, sei es im Training, oder bei Turnieren im In- und Ausland, wohin er mit den Spielern der Tennis-Akademie fährt. Und er saugt Wissen auf wie ein Schwamm. Doch der Lohn ist bescheiden, wahrscheinlich geht dieser für den Treibstoff drauf, das der Pendler auf der Strecke Wr. Neustadt – Wien benötigt, vermutet Bresnik. Es liegt hauptsächlich an Mutter Karin, Geld zu verdienen, um die Familie durchzufüttern, und es liegt besonders an ihr, sich um die Erziehung von Dominic zu kümmern.

„Einmal in meinem Leben möchte ich ein Grand-Slam-Turnier gewinnen.“ (aus einem Volksschulheft Dominic Thiems)

Dass der Junge aber weiterhin seinen Vater auf den Tennisplatz begleitet, liegt auf der Hand, und da wie dort, spielt Wolfgang mit seinem Sohn. Er fordert ihn, er arbeitet an dessen Technik, doch er legt immer großen Wert darauf, dass das spielerische Element nicht zu kurz kommt. Bresnik sieht zuweilen zu, ihm gefällt, was er beobachtet – einen, der gut unterrichtet, und einen, der euphorisch lernt.

Es ist nun nicht so, dass Dominic Thiem mit einer besonderen Begabung für den Tennissport auf die Welt gekommen wäre. Er ist nicht größer oder schneller als andere, er kann nicht höher springen, er zeichnet sich auch nicht durch überragendes Ballgefühl aus. Analysiert Bresnik. Aber egal. Wie sagt Albert Einstein? „Genie ist 1 % Talent und 99 % harte Arbeit …“ Diesen Satz unterschreibt der Startrainer: Talent ist folglich überbewertet.

Es kommt, wie es kommen muss. Bresnik beginnt, mit Dominic zu trainieren, und ist fasziniert vom Tatendrang des Buben, der nicht still stehen kann und der immer Schläger und Ball mit sich trägt, sei es auf dem Platz, sei es auf dem Weg in die Kantine. Die harte Arbeit, die Dominic auf sich nimmt, die Aufmerksamkeit mit der er den Anweisungen zuhört und die Ernsthaftigkeit, die er in seine Ausführungen legt, hat ihren Kern im Spieltrieb – und im Willen, sich zu verbessern. Andere Kinder ärgern sich, wenn ihnen ein Schlag nicht gelingt. Dominic behält seine Konzentration, er spielt und spielt und spielt. Stundenlang, und mit dem Feuer der Begeisterung in seinen Augen. Wenn er etwas Neues gelernt hat, auch das erkennt Bresnik, dann verlernt er es nicht mehr, und macht so die Arbeit des Trainers einfacher.

Nur was du gerne machst, machst du auch gut: Die Liebe zum Tennis ist die Basis von Dominic Thiems Karriere.


Wir müssen an dieser Stelle einen Schritt zurück machen und über zwei Personen sprechen, denen Dominic Thiem nach seinem Triumph bei den US Open gedankt hat und die einen wichtigen Anteil an der Entwicklung des Tennisspielers aus Lichtenwörth haben: seine Großeltern.

Auf nationalem Niveau gewinnt er quasi alles, was er in seiner Altersklasse gewinnen kann, er hat Vereinbarungen mit Ausrüstern, erhält Anerkennungspreise. Auch bei Bundesliga-Spielen der Herren zeigt er auf, allerorts wird er als Supertalent und Wunderkind tituliert, das erste Mal berichten Medien über ihn, da geht er noch in die Volksschule. Es mehren sich die Fahrten ins Ausland. Im Sommer 2003 schafft es der noch nicht ganz Zehnjährige Dominic in das Finale von Pula in Kroatien. Er ist der Jüngste im Feld, aber es reißen ihm die Saiten beider Schläger. Dennoch gewinnt er das Match mit einem geborgten Racket. Mit dabei ist Opa Josef Müllner, er ist Coach, Kameramann, Chauffeur, Mädchen für alles. Jahrelang ist dieser mit dem Jungen von Turnier zu Turnier, in Bosnien, in Slowenien, in Kroatien, und so weiter unterwegs. Das Hotel „Atom“ in der Slowakei ist ihm noch in lebhafter Erinnerung, so ein richtiger Ostblock-Bau mit der Ausstrahlung längst vergangener Jahrzehnte. In Kroatien machen die Eltern Dominics ähnliche Erfahrungen. „Da haben wir in Hotels gewohnt, wo Kakerlaken herumgelaufen sind und ich am liebsten zehn Jogginganzüge beim Schlafen angezogen hätte“, erzählte Wolfgang Thiem dem Kurier.

Ein Satz, der alles verändert

Günter Bresnik erkennt, dass da was Großes entsteht, spielt fast täglich zwischen 12 und 14 Uhr mit ihm. Liebe trifft auf Gegenliebe: So sehr Dominic spielen will, so sehr bemüht sich Bresnik, selbst sein Bestes zu geben. Die Eltern lassen den Startrainer gewähren, was dieser sehr zu schätzen weiß. Einem Arzt würde man ja auch nicht reinpfuschen in dessen Arbeit, meint er einmal – der Vergleich entbehrt nicht einer gewissen Tiefe, eigentlich hätte der Wiener und Sohn aus einem Ärztehaushalt ja tatsächlich Arzt werden sollen (und hat an der Universität Wien auch acht Semester Medizin studiert).

Günter Bresnik hat in den Jahren zuvor schon genügend Gelegenheit gehabt, Dominic Thiem zu analysieren. Eine gute Vorhand, eine schlechte Rückhand, eine Spielanlage, die auf den Fehler des Gegners wartet. Fürchterlich anzuschauen eigentlich, aber erfolgreich. „Er gewann sich mit jedem Sieg tiefer in eine Sackgasse“, schreibt er in Die Dominic Thiem Methode. Thiem würde mit 15, 16 Jahren noch erfolgreich sein, doch er war ein Sieger mit Ablaufdatum.

So sehr der Trainer mit dem Schützling zufrieden ist und die hervorragende technische Grundausbildung, die die Eltern Dominic beigebracht haben, honoriert, so sehr ist Bresnik mit der beidhändigen Rückhand unzufrieden. Sie passt nicht in das Gesamtbild, sie ist mehr ein Stoß als ein Schlag. Doch gerade diese Rückhand gilt als des Spielers wichtigster „Schlag“, damit macht er keine Fehler und kann den Ball ein ums andere Mal über das Netz bringen. Als Thiem im Frühjahr 2005 von einem Turnier in Auray in Frankreich zurück nach Hause kehrt – beim wohl wichtigsten europäischen Turnier der U12-Klasse ist er unter die letzten 16 gekommen –, fällt jener Satz, der aus einem „Wunderkind“ tatsächlich einen Weltstar machen wird.

„Kleiner, ab jetzt machen wir’s gescheit.“

Damit soll nun Schluss sein. Bresnik verlangt von Dominic Thiem eine komplette Neuausrichtung seines Spieles. Bälle dürften nicht mehr „geschupft“ werden, auf jede Kugel müsse eingedroschen werden. Mehr noch, die Rückhand darf nicht mehr beidhändig, sondern muss einhändig gespielt werden.

Wenn der (vermeintlich) stärkste Schlag fehlt, dann wird alles schwieriger. Dominic verliert gegen Spieler, die er „vorher“ noch leicht bezwungen hat. Er fährt mit Erstrundenniederlagen im Gepäck und verheultem Gesicht nach Hause. Bei den Trainingseinheiten wird er belächelt und bedauert. Hinter vorgehaltener Hand sagen die so genannten Insider, dass ihn Bresnik kaputt gemacht hat, ruiniert, schade um den Jungen. Sie übersehen das große Ganze. Günter Bresnik geht es nicht darum, dass der „Kleine“, wie er ihn nennt, in den Jugendklassen brilliert, es geht ihm darum, ihn auf das Erwachsenen-Tennis mit all dessen Problemen auf und neben dem Platz vorzubereiten. Da gilt nur: Volle Post! Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Irgendwann, mutmaßen jene, die alles besser zu wissen glauben, wird Dominic daran zerbrechen.

Er tut es nicht, und dies aufgrund mehrerer Faktoren. Zuerst einmal weiß der Trainer haargenau, was er tut. Bresnik lässt Thiem Bälle schlagen, mit der Vorhand, mit der Rückhand, die weit im Out landen. Egal, für ihn ist die Wucht wichtig, die Schnelligkeit. Bresnik arbeitet daran, aus Dominic einen ganz anderen Spieler zu machen. Aus einem, der abwartend und zögerlich agiert und auf den Fehler des Gegners wartet, soll einer werden, der auf jeden Ball so draufschlägt, als wäre es der letzte des Spiels, der das Match diktiert. Aus einem, der scheu der Konfrontation aus dem Weg geht und sich bei Netzrollern entschuldigt, weil es ihm tatsächlich leid um den Gegner tut, soll einer werden, der den Kampf aufnimmt und mit Körpersprache und Spielstil den anderen signalisiert: Was du kannst, kann ich besser. Bresnik fordert Thiem heraus, immer wieder, treibt ihn somit aus der eigenen Komfortzone hinaus, verankert ein neues Credo: gewinnen wollen – und nicht: nicht verlieren wollen.

Dass Bresnik den Spieler nach seinen Vorstellungen formen kann, dass er ihn die einhändige Rückhand schlagen sieht, wie es Boris Becker oder Stefan Edberg oder Gaston Gaudio taten, das kann er auch deshalb, weil Wolfgang und Karin Thiem ihm ganz vertrauen. Du weißt, was du tust, wir vertrauen dir, kommunizieren sie ihm. Doch am allerwichtigsten ist, dass Dominic dieses Spiel mitspielt. Er bleibt lern- und wissbegierig, er will sich verbessern, und er wird es.

Nach jedem Tief kommt wieder ein Hoch, die Arbeit Bresniks trägt Früchte, Dominic beginnt wieder zu gewinnen. Nicht immer, aber immer häufiger. Seine Turniere bringen ihn in die ganze Welt, die Reisen gehen ins Geld. Ohne jegliche finanzielle Unterstützung vonseiten des Österreichischen Tennisverbandes muss die gesamte Familie zusammenstehen, um Dominics Karriereverlauf zu stützen. Ein Tennisjahr verschlingt locker 50.000 bis 100.000 Euro, und wir sprechen hier für Spesen für einen 15-Jährigen. Die Großeltern verkaufen eine Eigentumswohnung, das Geld kann gut gebraucht werden. In der Zwischenzeit hat auch Dominics sechs Jahre jüngerer Bruder Moritz, geboren 1999, ernsthaft mit dem Tennissport begonnen. „Diese Zeit hat mich doch ein wenig verbittert“, sagt Karin Thiem einmal. Und: „Wenn du den Weg gehen willst, zu dem Dominic und wir uns entschlossen haben, darfst du nicht nach links oder rechts schauen, sonst wirst du wahnsinnig.“ Es gibt keine Wochenendausflüge, kaum Freizeit, keine Urlaube, die Thiems schränken sich ein, wo es nur geht. Ein kleiner Skifahrer, der Talent besitzt, kann sich durch die Jugendkader des ÖSV kontinuierlich nach oben wedeln; ein leidlich begabter junger Kicker findet stets in Nachwuchsakademien Unterschlupf; das Familienunternehmen Thiem mit seinem adoleszenten Hauptakteur, das gewinnt nicht dank, sondern trotz des Österreichischen Tennisverbandes kontinuierlich an Flughöhe.

Doch nicht nur die Finanzen sind ein Thema, auch die Vereinbarkeit von Schule und Sport: Das klappt nicht, besonders dann nicht, wenn das Lehrpersonal zum allergrößten Teil eher, nun ja: uneinsichtig ist. Fehlstunden aufgrund des Trainings in der 50 Kilometer entfernten Südstadt und aufgrund von Turniereinsätzen bedeuten den Weltuntergang. Dominic schlägt sich die Nächte mit Schulbüchern um die Ohren, im Turnen bekommt er eine Zwei, weil er vielleicht gut Tennis spielen mag, aber nicht schön schwimmen kann, im Zeichnen erhält er aufgrund der vielen Absenzen „nicht genügend“. In der sechsten Klasse bricht Dominic Thiem ab und entscheidet sich für den Tennissport, seine große Liebe. Eine schulische Ausbildung, sagt er, kann man nachholen, eine Sportlerkarriere aber nicht aufschieben. Selbstverständlich geschieht all dies in familiärer Eintracht, und wer sagt, dass es keinen Plan B gäbe, der irrt vielleicht. Eine Ausbildung zum Tennisprofi öffnet eine Reihe von beruflichen Perspektiven. Sollte es mit der Karriere nicht so ganz klappen, könnte man als Trainer oder Trainingspartner oder Touring-Coach immer noch in der Szene verbleiben. Plan A ist ein sehr guter Plan!

Die Thiems stehen mit der Entscheidung, Tennis als Trumpf-As zu sehen, recht alleine da, einige Freunde und Bekannte wenden sich ab, können die Vorgangsweise nicht nachvollziehen. Doch innerhalb der Familie herrscht dieses Urvertrauen, die Frage, ob der Weg vielleicht falsch ist, wird nie gestellt.

Eine Turnierreise mit weitreichenden Folgen

Wir schreiben das Jahr 2010, Dominic Thiem ist mit Akademie-Trainer Thomas Strengberger in Mittel- und Südamerika unterwegs. Es stehen ITF-Nachwuchsturniere in Mexiko, Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Peru an. Doch schon beim ersten Stopp machen sich körperliche Beschwerden beim Spieler breit, Durchfall, Brechreiz, Dehydrierung. Er muss ins Krankenhaus und landet dort sogar auf der Intensivstation. Doch nach einer Nacht scheint er wieder hergestellt zu sein, der Fächer der Möglichkeiten, was es war, ist groß. Wachstum, Pubertät, Lebensmittelvergiftung – aber was soll’s, es geht ihm ja wieder gut. Und obwohl er in Venezuela nochmals ins Krankenhaus muss, gewinnt er die Turniere in Kolumbien und Peru. Es sind seine ersten ITF-Juniorentitel in den Kategorien eins und zwei.

Das längste Match der Tennis-Geschichte

John Isner aus den USA gegen Nicolas Mahut aus Frankreich war eine Erstrundenbegegnung beim Tennis-Grand-Slam-Turnier in Wimbledon im Jahr 2010. Das Match begann am 22. Juni und zog sich über drei Tage hin. Mit einer Länge von insgesamt 11 Stunden und 5 Minuten reiner Spielzeit ist es die mit großem Abstand längste Begegnung der Tennis-Geschichte. Isner konnte das Spiel mit 6:4, 3:6, 6:7 (7:9), 7:6 (7:3) und 70:68 gewinnen. Der Tiebreak in Wimbledon wurde aber erst 2019 eingeführt und kommt zur Geltung, wenn es im Entscheidungssatz 12:12 stehen sollte.

Nachdem auch ein medizinischer Test in Österreich negativ ausfällt, ist die Sache für alle gegessen. Doch die Tage, an denen es ihm gut geht, und jene, an denen er unendlich müde ist, wechseln sich ab. In Asien verliert er, in Italien gewinnt er zwei Spiele an einem Tag.

Und beim Challenger in Kitzbühel tritt der Niederösterreicher im August 2010 erstmals gegen einen ATP-Profi an. Vom Veranstalter hat er eine Wild-Card erhalten, diese nutzt er, um in der ersten Runde den Franzosen Alexandre Sidorenko, die Nummer 252 der Weltrangliste, zu schlagen: 3:6, 7:6, 6:4. In der zweiten Runde verliert er gegen Victor Crivoi (ROM/Nr. 229) 2:6, 4:6. Es gibt acht ATP-Punkte und 1100 Euro Preisgeld. Zwei Monate später tritt er in der Qualifikation des ATP 250 in Wien an und holt gegen Marsel İlhan aus der Türkei beim 7:6, 4:6, 3:6 einen Satz. Und İlhan ist immerhin auf Platz 93 der Weltrangliste.

Das Duell der Generationen

Die sportliche Entwicklung geht Hand in Hand mit den sportlichen Erfolgen. 2011 spielt sich Thiem bei den French Open der Junioren in das Finale, das er gegen den US-Amerikaner Björn Fratangelo 6:3, 3:6, 6:8 verliert. Keine Schande, kann gewitzelt werden, gegen jemanden zu verlieren, der Björn heißt. Borg hatte bei den French Open zwischen 1974 und 1981 sechs Mal triumphiert.

Größeres Aufsehen erregt allerdings ein anderer Auftritt Thiems in diesem Jahr. Beim Wiener ATP-Turnier trifft er in der ersten Runde auf Thomas Muster, und es ist ein Duell der Generationen. Muster ist 44, das Turnier in der österreichischen Kapitale beehrt er zum 15.

Dominic Thiem, Björn Fratangelo


Thomas Muster, Dominic Thiem

Mal, und es ist seine Abschiedsvorstellung, egal, ob sie in Runde eins oder im Finale endet. Dominic Thiem ist 18, er steht zum ersten Mal im Hauptfeld dieses Events. Beide Spieler liegen außerhalb der Top 1000 der Weltrangliste – Muster ist Nr. 1078, Thiem Nr. 1890 –, doch dies tut der Stimmung unter den 7500 Zuschauern keinen Abbruch. Mehrheitlich ist das Publikum auf Seiten Musters. Man will ihn noch einmal auf der großen Bühne siegen sehen.

Doch der Jubel und die „standing ovations“ für den Paris-Sieger von 1995 beeindrucken Dominik Thiem nicht, er tritt selbstsicher auf, holt sich mit einer starken Vorhand gleich das Break zum 1:0. Ein guter Stopp beschert ihm die 2:0-Führung. Als ein Doppelfehler von Muster dem Rookie ein zweites Break zum 4:1 einbringt, ist der erste Durchgang gelaufen. Im zweiten Satz gelingt Muster eine zwischenzeitliche 3:1-Führung, doch dann gewinnt Thiem fünf Spiele in Folge und nach 1:04 Stunden auch das Match.

„Er hat die Atmosphäre in der Halle sehr gut weggesteckt“, sagt Muster nach dem Spiel, als er mit den Tränen kämpft, „er hat bravourös gespielt und ich glaube, dass der Richtige gewonnen hat. Ich wünsche ihm das Beste, er hat Herz und mentale Stärke, er soll sich entwickeln und verbessern!“ Dominic Thiem setzt technisch jedenfalls um, was ihm Bresnik einbläut, er wird auch bissiger und aggressiver. Beim entscheidenden Break zum 4:3 im zweiten Satz kommt auch erstmals die Siegesfaust. „Mir ist ein unglaublich großer Stein vom Herzen gefallen“, meint Thiem. „Ich war wirklich beeindruckt von der Kulisse. Es war mein erstes Mal vor so einem Publikum.“

Nach dem Matchball streichelt ihm Muster fast väterlich über den Kopf. Noch ist Dominic Thiem noch lange nicht dort, wo er hinmöchte, doch die Richtung stimmt. In der zweiten Runde verliert er gegen den Belgier Steve Darcis (ATP-Nr. 95) 2:6, 2:6, gewinnt aber 20 ATP-Punkte, die ihn auf Platz 708 vorspülen, und 10.030 Euro an Preisgeld.

Spielstatistik
Dominic Thiem vs. Thomas Muster
Wien 2011

1. Runde


01:04:00


THIEM MUSTER
Aufschlag
266 Aufschläge 204
5 Asse 5
3 Doppelfehler 4
59 % (30/51) 1. Aufschlag 70 % (40/57)
80 % (24/30) Punkte bei 1. Aufschlag 60 % (24/40)
38 % (8/21) Punkte bei 2. Aufschlag 29 % (5/17)
67 % (2/3) Abgewehrte Breakbälle 17 % (1/6)
8 Aufschlagspiele gespielt 9
Rückschlag
249 Rückschläge 127
40 % (16/40) Gewonnene Punkte bei 1. Aufschlag 20 % (6/30)
71 % (12/17) Gewonnene Punkte bei 2. Aufschlag 62 % (13/21)
83 % (5/6) Verwandelte Breakbälle 33 % (1/3)
9 Rückschlagspiele gespielt 8
Punkte
63 % (32/51) Punkte bei Aufschlag 51 % (29/57)
49 % (28/57) Punkte bei Rückschlag 37 % (19/51)
56 % (60/108) Punkte gesamt 44 % (48/108)

Nach diesem Auftritt ist Dominic Thiem jedem Tennisfan ein Begriff. Einen weiteren Beweis, auf dem richtigen Weg zu sein, legt er drei Wochen später in Florida ab. Bei der inoffiziellen Junioren-Weltmeisterschaft, der Orange Bowl, bestreitet Thiem das Finale gegen den Kärntner Patrick Ofner, siegt 6:1, 6:0 und trägt seinen Namen in eine Siegerliste ein, in der es vor Prominenz nur so wimmelt.

Es ist ein Turnier, durch das Thiem auch große internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Patrick McEnroe meint, halb im Ernst, halb im Scherz, dass Thiem leider eine Klasse für sich sei – leider für die USA und für den Rest der Welt. Die Adidas-Verantwortlichen freuen sich, dass sie den Österreicher bereits unter Vertrag haben. Bresnik erzählt, dass sein guter Freund Gabriel „Gabe“ Norona, der auch Horst Skoff oder Stefan Koubek beobachtete, ihm gesagt hat, dass er noch nie einen so überlegenen Spieler gesehen hätte wie Dominic. Es ist dies das erste Zusammentreffen zwischen Dominic Thiem und „Gabe“ Norona, in dessen Haus in Fort Lauderdale er während der Orange Bowl wohnt. Sein Vater Wolfgang und er haben allerdings nach ihrer Ankunft in Florida Mühe, es zu finden: Das Mietauto verfügt nicht über ein Navigationssystem, das Duo irrt stundenlang durch die Gegend, verfährt sich immer wieder. Nach Mitternacht sind die beiden aber dann doch am Ziel.

Alle Gewinner der Orange Bowl


JAHR HERREN DAMEN
1987 Jim Courier Natallja Swerawa
1988 Marc Rosset Carrie Cunningham
1989 Fernando Meligeni Luanne Spadea
1990 Andrij Medwedjew Pili Pérez
1991 Marcelo Charpentier Jelena Lichowzewa
1992 Vincent Spadea Barbara Mules
1993 Albert Costa Ángeles Montolio
1994 Nicolás Lapentti Mariann Ramon
1995 Mariano Zabaleta Anna Kurnikowa
1996 Alberto Martín Ana Alcázar
1997 Nicolás Massú Tina Pisnik
1998 Roger Federer Jelena Dementjewa
1999 Andy Roddick María José Martínez Sánchez
2000 Todor Enew Wera Swonarjowa
2001 Robin Söderling Wera Swonarjowa
2002 Brian Baker Wera Duschewina
2003 Marcos Baghdatis Nicole Vaidišová
2004 Timothy Neilly Jessica Kirkland
2005 Robin Roshardt Caroline Wozniacki
2006 Alexandru Luncanu Nikola Hofmanova
2007 Ričardas Berankis Michelle Larcher de Brito
2008 Yuki Bhambri Julia Boserup
2009 Gianni Mina Gabriela Dabrowski
2010 George Morgan Lauren Davis
2011 Dominic Thiem Anett Kontaveit
2012 Laslo Ðere Ana Konjuh
2013 Frances Tiafoe Warwara Flink
2014 Stefan Kozlov Sofia Kenin
2015 Miomir Kecmanović Bianca Andreescu
2016 Miomir Kecmanović Kaja Juvan
2017 Hugo Gaston Whitney Osuigwe
2018 Otto Virtanen Cori Gauff
2019 Thiago Agustín Tirante Robin Montgomery

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Orange_Bowl_(Tennis)

2012 bis 2013


Dominic Thiem, Jo-Wilfried Tsonga

In seinem ersten vollen Profijahr ist Dominic Thiem auf der ganzen Welt und mit wechselndem Erfolg unterwegs. Bei drei ITF-Turnieren in Israel erreicht er das Viertelfinale und scheidet zweimal in der Runde der letzten 32 aus, in der Türkei, erneut in Israel, in Italien ist auch bald Schluss, doch den Wettbewerb in Tschechien gewinnt er, schlägt im Finale den österreichischen Landsmann Marc Rath 6:2, 6:4. Einen weiteren ITF-Finaleinzug, erneut in Tschechien, kann er nicht mit einem Sieg krönen. Thiem verliert gegen Jiří Veselý (CZE) 4:6, 4:6.

Beim ATP-Turnier in Kitzbühel verliert er gegen den Slowaken Martin Kližan 6:1, 3:6, 5:7, bei jenem in Winston-Salem in North Carolina (USA) scheidet er gegen einen Spieler aus Lettland in der ersten Qualifikationsrunde aus. Ernests Gulbis schlägt den österreichischen Jungstar 6:4, 6:3. Einen Sieg und eine Niederlage gibt es in Wien, Thiem schlägt den Slowaken Lukáš Lacko, immerhin Nr. 51 der Welt, 7:6, 6:3, verliert dann gegen die Nr. 55, den Australier Marinko Matosevic 4:6, 6:7. Bei ATP-Turnieren in Eckental in Deutschland, in Bratislava, in Marbella kommt das Aus in der dritten Qualifikationsrunde, zwei ITF-Turniere in Marokko bringen einen immerhin versöhnlichen Jahresausklang: Die Italiener Alberto Brizzi zuerst (6:3, 6:1) und Riccardo Vellotti dann (7:6, 6:1) haben in den Endspielen wenig bis keine Chance gegen Thiem. Dabei finden diese beiden Turniere unter schwierigen Platz-, Wetter- und Umfeldbedingungen statt. Doch Thiem kommt damit zurecht, es ist ein weiteres Zeichen, dass er als Spieler und Persönlichkeit reift und wächst.

Ende 2012 steht Dominic Thiem auf Platz 309 der Weltrangliste – zwölf Monate zuvor war er noch Nr. 638. Vielleicht wäre etwas mehr möglich gewesen, immerhin schlägt sich der Sportler mit Verletzungen herum, und immer wieder wird er von Schwächeanfällen heimgesucht, die sich nicht erklären lassen. Medizinische Checks bringen nichts Verwertbares, letztlich hält einmal mehr das Wachstum als Ursache her. Es ist eben schwierig, etwas zu erklären, wenn man nichts weiß, und wenn jene, die um fachmännischen Rat befragt werden, versichern, dass alles okay sei.

Campylobacter weg, Resnik und Gulbis da

Anfang 2013 verliert Thiem das Finale des ersten von zwei ITF-Turnieren in Kroatien und gewinnt das zweite. Beim ATP-Sandplatzturnier in Rom übersteht er die Qualifikation und scheidet in der ersten Runde aus. Bei zwei ITF-Finals in Tschechien verliert er im Mai zweimal gegen den Slowaken Norbert Gombos, einmal 6:4, 2:6, 2:6, einmal 2:6, 1:6. Besonders die zweite Pleite gibt wieder einmal zur Sorge Anlass, denn Thiem wirkt lethargisch und ergibt sich widerstandslos. Mit ihm stimmt wirklich was nicht!

Im Krankenhaus von Baden ist ein Freund des Großvaters Primar, und dort wird Dominic Thiem stationär aufgenommen. Im Gegensatz zu bisher durchgeführten Untersuchungen wird Blut im Akkord abgenommen, Harn und Stuhl täglich untersucht. Man findet, was man nicht für möglich hält, und was bei normalen Untersuchungen nicht gefunden werden kann: ein Bakterium namens Campylobacter.

Drei Jahre lang ist Dominic Thiem also krank gewesen, und es bedarf wohl keiner tiefgründigen Vermutung, dass seine Tenniskarriere wohl anders verlaufen wäre, wäre er davon nicht geheilt worden.

Campylobacter

Die Campylobacter-Enteritis ist eine durch verschiedene Bakterienarten der Gattung Campylobacter hervorgerufene, entzündliche Durchfallerkrankung beim Menschen. Die Infektionskrankheit wird auch als Campylobacteriose bezeichnet und ist die am häufigsten vorkommende Erkrankung des Verdauungstrakts. Campylobacter-Arten sind gramnegative, spiralig gekrümmte Stäbchen und gehören zur Gruppe der Zoonoseerreger, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden und dort zu einer Erkrankung führen können. Campylobacter gehört zu den Erregern, die in die Schleimhäute des Darmes einwandern. Sie bilden einen hitzeresistenten Giftstoff (Enterotoxin), der vermutlich für die Durchfallsymptome verantwortlich ist. Nach vier Tagen bis zwei Wochen verschwinden die Krankheitssymptome in der Regel meistens spontan. Während die Krankheit bei den meisten Menschen komplikationslos verläuft, bleiben in einigen Fällen die Erreger im Darm und können eine chronische Infektion auslösen.

Campylobacter ist inzwischen in Deutschland – wie insgesamt in der Europäischen Union – der häufigste Erreger einer bakteriellen gastrointestinalen Infektion, noch vor den Salmonellen. Die Bakterien kommen normalerweise im Darm von Schweinen und Geflügel und anderen Vogelarten vor. Hauptursache für durch Lebensmittel übertragene Campylobacteriose ist Geflügelfleisch, darauf lassen sich 20–30 % der Fälle zurückführen. Die Übertragung erfolgt dabei vor allem durch ungenügend gegartes Geflügelfleisch, da durchschnittlich jedes zweite Produkt verkeimt ist (Stand 2017). Weitere Infektionsquellen sind u. a. nicht pasteurisierte Milch (Rohmilch), kontaminiertes, nicht aufbereitetes Trinkwasser und rohes Hackfleisch.

(Quelle: Wikipedia)

Bob Brett, Günter Bresnik

Doch nicht nur deswegen symbolisiert das Jahr 2013 ein Wendejahr im Leben des jungen Mannes. Nachdem er rund einen Monat im Krankenhaus verbracht hat und dieses geschwächt verlässt, hat Günter Bresnik eine Überraschung für seinen Schüler parat. Diese nennt sich Sepp Resnik.

Der gebürtige Grazer Resnik, Jahrgang 1953, ist so etwas wie ein Urgestein unter den österreichischen Extremsportlern. Mit 17 wurde er Soldat, absolvierte die Jagdkommandoausbildung, wurde Offizier im Bundesheer, stand im Nationalteam für Militärischen Fünfkampf und trat 1984 zum Ironman Hawaii an – sechs Jahre, nachdem dieser Event dort erstmals über die Bühne gegangen war, ist Resnik der erste Österreicher, der dort antritt. Er radelt um die Welt, er tut es, weil er es kann und weil er dadurch ihm wichtige Organisationen unterstützen will, Wings for Life beispielsweise.

„Du musst jeden Tag an deine Grenzen gehen – und darüber hinaus!“ ist ein Credo des Extremsportlers. Gut trifft sich, dass er gerade in Pension gegangen ist, als seine Zusammenarbeit mit Dominic Thiem beginnt. Resnik, 60, kauzig, zusammen mit Thiem, 19, zurückhaltend? Was ist denn das für eine Idee?

Eine sehr gute, immerhin bleibt Sepp Resnik einige Jahre an der Seite des Tennisspielers. 2013 macht er ihn fit für die Männer-Tour, und er tut es mit unkonventionellen Methoden: Mit Trainings mitten in der Nacht, mit Orientierungsläufen durch Wälder und Parks – wie beispielsweise den MilAk-Park in Wr. Neustadt, mit dem Schleppen von Baumstämmen. Irgendwie erinnert die Szenerie an jene aus den „Rocky“-Filmen, in denen der Held in einem Schlachthaus auf totes Fleisch einboxt (Rocky, 1976) oder in dem er in der russischen Wildnis Schlitten zieht, Holz hackt, Baumstämme schleppt (Rocky IV, 1982). Resnik ist ein Schleifer, einer, der die Natur dem Fitnesscenter vorzieht, weil er dort alles findet, was man zum Training braucht. Ist es eben kein formvollendetes Chrom, sondern ein schweres Stück Holz. Ist es eben nicht trocken, sondern regnerisch. Der Steirer ist einer, der Thiem auf allen Ebenen fordert und ihm zu verstehen gibt, dass Exzellenz nur durch Exzellenz erreicht wird: Will man Großes erreichen, muss man bereit sein, auch alles dafür einzusetzen.

In der Zwischenzeit gehen auch Tennistrainings und das Leben in Bresniks Tennis-Akademie weiter. Der Startrainer kümmert sich um einen Spieler, den er im Buch Die Dominic Thiem Methode als „Glücksfall“ bezeichnet. Ernests Gulbis aus Lettland steht Ende des Jahres 2013 auf Platz 24, während Thiem Nr. 130 ist. Er wird ein idealer Trainingspartner für Dominic Thiem sein. Dabei sind Gulbis und Thiem ebenso unterschiedlich wie Resnik und Thiem, sie unterscheiden sich in der Ausstrahlung, sie haben verschiedene Interessen. Der eine, Gulbis, tritt auf, als gehörte er zu den Weltbesten. Beim anderen, Thiem, vermutet man, dass es Angst haben könnte, zu stören. Gulbis ist für den Österreicher nicht nur ein starker Trainingspartner, der ihn mit jedem Ball fordert und ihn somit über Wochen und Monate zu einem besseren Spieler macht, sondern er zeigt ihm auch Attitüde und Auftreten außerhalb des Platzes.

Ab Mitte Juli beginnt das Spieljahr 2013 so richtig ins Laufen zu kommen. Beim ITF-Turnier in Italien verliert Dominic Thiem erst im Finale gegen Marco Cecchinato (3:6, 4:6), in Kitzbühel entscheidet er in der zweiten Runde ein weiteres so genanntes Generationenduell für sich. Gegen Jürgen Melzer gewinnt Thiem 7:5, 6:3. Der Erfolg gegen den 13 Jahre älteren Landsmann bringt Weltranglistenpunkte und rund 12.000 Euro Preisgeld. Im Viertelfinale verliert der Lichtenwörther gegen den Spanier Albert Montañés 4:6, 3:6.

Ein ITF-Finalsieg im norditalienischen Este (gegen Norbert Gombos/SVK, 6:1, 6:4) folgt: Es ist der bislang größte Turniersieg in seiner jungen Karriere, dieser bringt ihm 35 ATP-Punkte und einen Rang unter den ersten 200 in der Weltrangliste.

In Como verliert er in drei Sätzen den ATP Challenger gegen Pablo Carreño Busta (ESP), gewinnt aber jenen in Marokko gegen Teymuraz Gabashvili (RUS). Und wieder ist es Herbst geworden, und wieder steht das Stadthallenturnier an. Nach zwei Spielen steht Thiem im Viertelfinale die Nummer acht der Welt gegenüber, der Franzose Jo-Wilfried Tsonga. Vor ausverkauften Tribünen liefert Thiem dem Superstar einen harten Kampf und verliert letztlich 4:6, 6:4, 6:7 (3/7). Tsonga ist statistisch gesehen da und dort besser, er serviert 16 Asse (gegen 6 Thiems), begeht drei Doppelfehler (Thiem: 4), verwertet einen von zwei Breakbällen (Thiem: einen von acht), doch grundsätzlich ist das Match – Zahlen zur Hand – ausgeglichen. Der Sieger zieht weiter, dem Verlierer wird aufgezeigt, was alles möglich ist.

Dominic Thiem, Jürgen Melzer

Ein Sieg beim ATP Challenger im marokkanischen Casablanca (6:2, 7:5 gegen den Italiener Potito Starace) und ein Aus in der ersten Runde von Bratislava beenden das Wettkampfjahr des nunmehr 20-Jährigen. Am 30. Dezember wird Thiem als Nummer 139 der Welt geführt. Tendenz steigend.


Auf der Suche nach Größe

Wie sich Österreich im Sport immer wieder neu entdeckt und überrascht realisiert, dass es doch viel, viel mehr ist als eine reine Wintersportnation.

Zugegeben, es wäre, nein: ist jetzt leicht, die üblichen Fakten und Platituden zu bemühen und auf die großen sporthistorischen Momente Österreichs zu verweisen. Aber es ist nun einmal so. Der Sport ist in jedem Land, nicht nur in Österreich, eines der Vehikel des Selbstwertgefühls. Das ballesterische „Wunder von Bern“ 1954 prägte Deutschland in den Nachkriegsjahren, der Fußball-WM-Titel 1982 ließ Italien enger zusammenrücken, bei Olympischen Spielen in den 1970er- und 1980er-Jahren war für kommunistisch-sozialistische Staaten die Medaillenwertung Sinnbild der gesellschaftlichen Überlegenheit. Und letzthin rittern die USA und China bei Sommerspielen um Platz eins, es ist einmal mehr ein Clash auf den Spielfeldern und ein Aufeinandertreffen der Systeme.

Und Österreich? Hat den kaiserlich-königlichen Glanz nach dem Ersten Weltkrieg verloren, war am Boden zerstört nach dem Zweiten, hat sich wieder erhoben mit den Tugenden harter Arbeiter und dem Weitblick intelligenter Staatsführer. Und hat gejubelt, als Toni Sailer 1956 in Cortina gleich drei Goldmedaillen im Alpinen Skilauf gewann. Der Tiroler ist sowas wie der erste sportliche Hero des Landes in der Nachkriegszeit, nachdem zwischen den Kriegen Matthias Sindelar auf dem Fußballplatz seine Landsleute verzücken konnte.

Und weil Österreich in den Alpen liegt, die Winter prinzipiell schneesicher waren, ist Österreich eben das Wintersportland schlechthin. Im Alpinen Skisport dominierten nicht immer, aber meistens, die rot-weiß-roten Farben, Olympische Winterspiele, die zu einem Desaster wurden, lassen sich an einer Hand abzählen, 1984 beispielsweise, als es in Sarajewo gerade mal eine Bronzemedaille durch Hans Enn gab. Da erinnert man sich lieber an 1992, als in Albertville in verschiedenen Sportarten gleich 21, davon sechs aus Gold, zu feiern waren. Stars und Superstars auf den Pisten hat Österreich aufgrund seiner strukturierten Nachwuchsarbeit (und/oder aufgrund von Eigeninitiativen) und der professionellen Führung des Verbandes fast wie am Fließband produziert: Annemarie Moser-Pröll, Michaela Dorfmeister, Alexandra Meissnitzer, Stephan Eberharter, Hermann Maier zuerst, Anna Veith, Marcel Hirscher dann.

Skifahren, ja eh. Ein Sport, der in zwei Dutzend Ländern der Welt seriös betrieben wird, ätzen Kritiker, ein Sport, in dem Österreich aufgrund der geografischen Lage ohnehin schon einen Wettbewerbsvorteil genießt, ein Sport also, den man also eigentlich nicht ernst nehmen kann. Doch die Einwände tun nichts zur Sache, als Franz Klammer 1976 in Innsbruck zu Abfahrts-Olympiagold raste, waren die Straßen leergefegt: Gefühlt jeder Österreicher und jede Österreicherin klebte vor dem Bildschirm des Fernsehers. Smartphones und Tablets gab es noch nicht, Email und Internet waren Verschlusssache, Streaming, Sky und DAZN unbekannte Worte.

Wenn Sportler und Sportlerinnen herausragende Leistungen vollbringen und sich über die Masse erheben, sind es Momente und Leistungen, die Respekt verlangen und Gänsehaut-Feeling erzeugen. Wenn die österreichische Fußball-Nationalmannschaft 1978 in Cordoba Deutschland schlägt – obwohl es für Krankl und Co. um nichts mehr gegangen ist bei dieser WM –, dann mag das 3:2 im Laufe der Jahrzehnte überhöht worden sein, Fakt aber ist, dass es einen wichtigen Beitrag zur nationalen Identität lieferte. 47 Jahre lang hatte Österreich auf einen Erfolg gegen den größeren Nachbarn warten müssen. Rund vier Jahrzehnte nach dieser Begegnung drücken Spieler wie David Alaba oder Marko Arnautovic dem Fußball ihren Stempel auf – Spieler, die Cordoba 78 nur vom Hörensagen kennen. (Aber sie kennen es!)

Und weiter. Auch im Motorsport fiel und fällt Österreich immer wieder auf. Jochen Rindt und Niki Lauda waren internationale Größen in der Formel 1 und sind, obwohl beide tot, schlechthin unsterblich. Matthias Walkner gewann 2018 die Rallye Dakar – die härteste Motorrad-Prüfung, die es aktuell gibt.

Doch abgesehen vom omnipräsenten Skisport, Fußball und Motorsport ist Österreich ein sportlich erfolgreiches Land. Das mag überraschen, da die tägliche Bewegungsstunde in den Schulen seit Jahren angekündigt und nicht umgesetzt wird, es steht auch im Kontrast zu Statistiken, auf denen Österreicher und Österreicherinnen immer übergewichtiger und unsportlicher werden. Egal: Es gibt im gesamten Spektrum des Sports Realitäten in diesem Land, die nicht nur „weltberühmt in Österreich“ sind, sondern es tatsächlich zu Weltruhm schaffen. Nur einige Beispiele, und absolut ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Trixi Schuba holte 1972 in Sapporo die einzige Goldmedaille für Österreich – im Eiskunstlauf. Judoka Peter Seisenbacher gewann 1984 und 1988 Olympisches Gold. Felix Gottwald wurde in der Nordischen Kombination erfolgreichster Olympionike Österreichs aller Zeiten. Die „Binnenländler“ Christoph Sieber im Surfen und Roman Hagara/Hans-Peter Steinacher im Segeln triumphierten 2000 in den Gewässern vor Sydney. Hagara/Steinacher wiederholten ihren Sieg vier Jahre später. Kate Allen trumpfte ebenfalls 2004 im Triathlon auf, Markus Rogan, Mirna Jukic und Co. mischten den internationalen Schwimmsport auf. Und so weiter.

1995 stand ein 27-jähriger Steirer im Finale der French Open: Thomas Muster gewann gegen Michael Chang (USA) 7:5, 6:2, 6:4. Zum ersten Mal holte ein Österreicher einen Titel bei einem so genannten Grand-Slam-Turnier. Auf dem Weg ins Finale musste er keinen einzigen gesetzten Spieler aus dem Weg räumen (aber die Setzliste umfasste nicht 32, sondern lediglich 16 Namen), und auch keinen aus den Top Ten der Weltrangliste. Muster, der schon in den Jahren zuvor gemeinsam mit Alexander Antonitsch und Horst Skoff den Tennissport in Österreich dermaßen populär gemacht hatte, dass es zu viele Hobbyspieler und zu wenig Plätze gab, stieg mit diesem Triumph endgültig in die Liga der österreichischen Sport-Heros auf.

Doch Tennis ist ein Weltsport, einer der zehn am häufigsten gespielten Sportarten, zusammen mit beispielsweise Fußball, Badminton, Feldhockey, Volleyball, Basketball. Wer im Tennis Großes vollbringt, ist somit nicht nur eine nationale, sondern eine internationale Größe.

Sehr erfolgreiche Sportler und Sportlerinnen werden auf ein Podest gehoben, zu Superstars gemacht, als Vorbilder und Idole gesehen. Sie werden vereinnahmt, „wir“ haben gewonnen, „wir“ haben Chang besiegt, „wir sind Tennis“. Gut und recht, wer mit Ruhm und Ehre nicht umgehen kann, soll sich davon fernhalten, heißt es. So schnell aber Helden geschaffen werden, so schnell werden ihre Büsten auch wieder vom Sockel gestoßen, wenn der Erfolg einmal ausbleibt. Deswegen ist die Überzeichnung zu hinterfragen, die Demontage erst recht.

Sportler und Sportlerinnen siegen (und verlieren) zuerst einmal für sich selbst. Sie sind Österreicher und Österreicherinnen und lieben – so wie wohl die meisten hierzulande – ihr Land. Sie schwenken rot-weiß-rote Fahnen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, beim Davis oder Fed Cup. Sie wissen, dass sie mit ihren Erfolgen für glückliche Momente bei anderen sorgen, und dass sich ihre Popularität aus einem Mix von Konsequenz und Leistung, von Zugänglichkeit und erwiderter Sympathie ergibt. Für das, was man tut, möchte man anerkannt werden, und steigende Follower-Zahlen auf Facebook, Instagram, Twitter werden insgeheim wohl auch jene freuen, die nach außen hin Desinteresse und Nonchalance für die sozialen Medien demonstrieren.

Als am 11. Juni 1995 Thomas Muster die Trophäe in den Paris-Himmel streckte, war Dominic Thiem, geboren am 3. September 1993, knapp 21 Monate alt.

Wie Muster gewann Thiem sein erstes Grand-Slam-Turnier mit 27. Und hat sich damit bereits eingereiht in die Allzeit-Größen des österreichischen Sports – und des internationalen Tennissports.

Wir dürfen gespannt sein, was da noch alles kommen wird.

2014 bis 2015


Aus dem „Kleinen“, wie ihn Günter Bresnik oft genannt hat, wird ein „Junge“, und dieser geht zu Beginn des Jahres 2014 auf große Reise. Das mag etwas ungewöhnlich sein, wer außerhalb der Top 100 liegt und sich für die Australian Open qualifizieren muss, könnte im europäischen Winter leichter zu Punkten und Geld kommen und würde nicht riskieren, „just for love“ um die halbe Welt zu fliegen. Wer indes rund um 100 oder darunter liegt, der hat seinen Platz im Hauptfeld des ersten Grand Slam-Turniers des Jahres fix – und damit auch Weltranglistenpunkte und Preisgeld.

Doch weil die Vorbereitung auf Teneriffa gut verläuft, ist Thiem dabei. Es ist ein finanzielles Risiko, das ist wohl allen bewusst, doch es ist der nächste logische Schritt zu einer Weltkarriere. Eine Entscheidung letztlich, die sich auszahlt. Dominic Thiem spielt sich in Qatar über die Qualifikation ins Hauptfeld, wo er in der ersten Runde verliert. Und auch bei den Australian Open übersteht er die Qualifikationsrunden. Doch sowohl in Doha wie in Melbourne ist der Grat zwischen Erfolg und Niederlage sehr, sehr schmal. Im Nahen Osten liegt er im zweiten der drei Matches gegen den Italiener Marco Cecchinato 1:6, 1:3 zurück, um doch noch mit 6:3, 6:2 eine Runde weiter zu kommen. In Australien rackert er sich 2:40 Stunden gegen den Südafrikaner Rik de Voest ab, um die erste Qualifikationsrunde zu überstehen. Beim 3:6, 7:5, 10:8 gesteht er seinem Gegner vier Breakchancen zu, die zu vier Spielverlusten führen, doch er selbst kann von 16 Breakchancen fünf für sich verwerten – und das reicht.

Bei den Australian Open ist nach der geschafften Qualifikation noch nicht Schicht im Schacht. In der ersten Runde schlägt Dominic Thiem den Portugiesen João Sousa, Nummer 50 der Welt, in vier Sätzen 5:7, 6:4, 6:3, 7:6 (7/3). In der zweiten Runde verliert er gegen Kevin Anderson (RSA/Nr. 21) 4:6, 3:6, 4:6. Den 15 Assen seines Gegners hält der Österreicher zehn dagegen.

Unter den Top 100, und ein Sieg gegen die Nr. drei!

Jedenfalls hat sich die Reise ausgezahlt, und die Saison ist noch jung! In Rotterdam dringt Thiem ins Achtelfinale vor, wo Andy Murray (GBR), die Nummer sechs der Welt, drei Sätze benötigt, um ihn zu schlagen – 6:4, 3:6, 6:3 nämlich. Ein weiterer Meilenstein wird im kalifornischen Indian Wells bei einem ATP Masters 1000 erreicht. Der 7:6 (7/5), 6:2-Zweitrundensieg gegen den Franzosen Gilles Simon (Nr. 23) bringt Thiem unter die besten 100 Tennisspieler der Welt.

Ein weiteres Highlight bringt der Auftritt in Barcelona, ein weiteres ATP Masters 1000. In der zweiten Runde trifft Dominic Thiem auf den regierenden Australian Open Champion Stan Wawrinka aus der Schweiz. Es scheint eine klare Sache zu werden, der erste Durchgang geht mit 6:1 an den Eidgenossen. „Am Beginn war mir einfach sein Tempo zu hoch. Er hat unfassbar gespielt am Anfang“, sagt Thiem später den Medienvertretern. Doch dann dreht er den Spieß um – und gewinnt gegen die Nummer drei der Welt noch 6:2, 6:4. „Thiem ist gut“, kommentiert Wawrinka, „er hat riskiert und hat verdient gewonnen.“ Auf der ATP-Website erscheint eine Story mit dem Titel „Stars von Morgen“, und im Ranking stößt Thiem auf Platz 61 vor. Er überholt damit Jürgen Melzer und ist erstmals Österreichs Nummer eins.

Seine Platzierung in der ATP-Rangliste hat zur Folge, dass der Österreicher bei den French Open seinen Platz im Hauptfeld fix hat. Den Franzosen Paul-Henri Mathieu schlägt er in drei Sätzen, eine Runde später verliert er gegen Rafael Nadal ebenso deutlich, 2:6, 2:6, 3:6 in 2:05 Stunden. Es ist dies das erste von bislang 14 Aufeinandertreffen (Stand 5.10.20, Nadal führt im Head-to-Head 9:5), doch so einfach wird sich der Spanier, der sieben von zehn sich bietenden Breakmöglichkeiten nutzt, nicht immer tun.

Setzt es in Wimbledon eine Erstrundenniederlage, so erreicht Thiem bei einem seiner beiden „Heimturniere“ das Finale, das er gegen den Belgier David Goffin 6:4, 1:6, 3:6 verliert. Es ist das erste ATP-Finale, das er erreicht, tausende Zuschauer sind begeistert von seinen Auftritten. Bei den US Open verliert er im Achtelfinale gegen den Tschechen Tomáš Berdych 1:6, 2:6, 4:6. Aber: Auf dem Weg dorthin eliminiert er seinen „Stallgefährten“ und Trainingspartner Ernests Gulbis, die Nummer 12 der Welt, in einem 3:45 Stunden langen Match der zweiten Runde. Gulbis führt schon 2:0 nach Sätzen, bekommt körperliche Probleme – und verliert 6:4, 6:3, 4:6, 3:6, 3:6.

In der zweiten Runde des ATP 1000 Masters in Shanghai trifft Thiem erstmals auf Novak Ðoković, der Serbe siegt in 88 Minuten 6:3, 6:4. Das Turnier in Wien wäre keine Reise wert gewesen, wenn es eine Reise gewesen wäre: 3:6, 6:3, 3:6 in der ersten Runde gegen den Niederländer Robin Haase.

Zu Jahresende ist Dominic Thiem Nummer 39 der Welt.



THIEM NADAL
27 (1993.09.03) Geburtsdatum 34 (1986.06.03)
Wiener Neustadt, Österreich Geburtsort Manacor, Mallorca, Spanien
Lichtenworth, Österreich Wohnort Manacor, Mallorca, Spanien
185 cm Größe 185 cm
79 kg Gewicht 85 kg
rechts Spielhand links
einhändig Rückhand beidhändig
2011 Profi seit 2001
295/154 Karriere-Siege/Niederlagen 999/201
17 Karriere-Titel 86
$ 27,247,047 Karriere-Preisgeld $ 122,905,214

Klug freut sich, Thiem weniger

„Ich freue mich, Österreichs größte Hoffnung im Tennissport beim Bundesheer begrüßen zu dürfen. Dominic Thiem wird als Heeresleistungssportler seine steile Karriere fortsetzen“, das hatte Österreichs Verteidigungs- und Sportminister Gerald Klug im Vorfeld per Aussendung erklärt. Zunächst musste Thiem gemäß seines Einberufungsbefehls am Montag, 3. November 2014, bis spätestens 11:00 Uhr im Panzerbataillon 33 in Kleinaxing den Dienst antreten. „Habt Acht“ heißt es für ihn dann. In der Stabskompanie steht für ihn erst einmal die harte Grundausbildung auf dem Programm. Und auch wenn Thiem bloß eine verkürzte erfährt: Einen Starbonus gibt’s für ihn hierbei offenbar ganz bestimmt nicht, und dafür sorgt auch Fitness-Guru und Offizier a. D. Sepp Resnik. Es wird für den Rekruten Thiem keine Ausnahme geben, das Fitnessprogramm findet eben am Abend, nach der Ausbildung statt. Jahre später befragt Sky Sports den Tennisspieler zum Thema Militärdienst, die Antwort lässt wenig Interpretationsspielraum. „Ich bin kein großer Fan davon. Es waren harte drei, vier Wochen, ernsthaft. Ich war in diesem Fall privilegiert, weil ich Sportler bin. Ich musste nur vier Wochen machen, und die anderen müssen sechs Monate dort bleiben.“


Wahrscheinlich haben diese harten Wochen Spuren hinterlassen, der Start in das Turnierjahr 2015 ist, nun ja, etwas holprig. Erkrankt muss er für Doha absagen, in Auckland und bei den Australian Open verliert er in der ersten Runde, in Rotterdam nach einem 6:4, 6:2 gegen Gulbis in der zweiten, in Marseilles im Viertelfinale, in Dubai, in Indian Wells, in Irving, Texas, wieder jeweils zum Auftakt. Es sind sieben Turniere mit wenigen Erfolgserlebnissen.



THIEM ÐOKOVIĆ
27 (1993.09.03) Geburtsdatum 33 (1987.05.22)
Wiener Neustadt, Österreich Geburtsort Belgrad, Serbien
Lichtenworth, Österreich Wohnort Monte Carlo, Monaco
185 cm Größe 188 cm
79 kg Gewicht 77 kg
rechts Spielhand rechts
einhändig Rückhand beidhändig
2011 Profi seit 2003
295/154 Karriere-Siege/Niederlagen 930/189
17 Karriere-Titel 81
$ 27,247,047 Karriere-Preisgeld $ 145,147,979

Den ersten ATP-Sieg gibt es nur einmal

Ab Ende März geht’s besser. Beim ATP Masters 1000 in Miami dringt „Dom“, wie ihn Sepp Resnik nennt, bis ins Viertelfinale vor, wo er gegen Andy Murray einen Satz gewinnt, aber 6:3, 4:6, 1:6 verliert. Einen Monat später schlägt ihn Gerald Melzer im Viertelfinale von München 6:7 (5/7), 6:3, 3:6. Zwei Wochen später schlägt dann die große, lang ersehnte Stunde in Nizza.

Nach Erfolgen gegen Victor Estrella Burgos (Dominikanische Republik), der 7:6 (7/5), 6:2 geschlagen wurde, gegen Nick Kyrgios (Australien), der bei 4:3 aufgibt, gegen – wieder einmal Ernests Gulbis (6:2, 6:4) und gegen John Isner (USA), der mit 6:7 (5/7), 3:6 das Nachsehen hat, steht Dominic Thiem im Finale des Sandplatzturniers Leonardo Mayer (Argentinien) gegenüber. Das Match dauert 2:49 Stunden und steht auf des Messers Schneide. Den ersten Satz gewinnt der Südamerikaner im Tiebreak mit 8/6. Den zweiten holt sich der Österreicher mit 7:5. Und auch der dritte geht an Thiem, im Tiebreak mit 7/2. Es ist der 23. Mai 2015, Pfingstsonntag, 17.28 Uhr.

Der erste ATP-Triumph für den jungen Mann aus Lichtenwörth ist gleichzeitig der 63. für Österreich. Thomas Muster (44), Jürgen Melzer (5), Horst Skoff (4), Peter Feigl und Stefan Koubek (3), Hans Kary, Alexander Antonitsch und Gilbert Schaller (je 1) sind seine Vorgänger.

Nizza 2015: der erste Sieg auf der ATP-Tour

Viel Zeit, den Erfolg zu genießen, bleibt nicht. Einen Tag später beginnen die French Open in Paris, Thiem übersteht die erste Runde, verliert aber in der zweiten. Auch in Wimbledon ist in der zweiten Runde das Turnier für Thiem vorüber, gegen den Spanier Fernando Verdasco verliert er 7:5, 4:6, 7:5, 3:6, 4:6. Das ist bitter, Dominic Thiem ist ein Spieler für die zweite Woche, nicht für die zweite Runde.

Doch so ist der Sport. Beim ersten Davis-Cup-Auftritt Dominic Thiems, in Kitzbühel gegen die Niederlande, setzt es gegen Thiemo de Bakker und Robin Haase zwei Niederlagen, rot-weiß-rot bleibt zweitklassig. Dann gewinnt er aber die Turniere im kroatischen Umag, wo er im Finale João Sousa (Portugal) 6:4, 6:1 schlägt, und in Gstaad in der Schweiz, wo er dem Belgier David Goffin mit 7:5, 6:2 keine Chance lässt. Der Erfolgslauf endet nach zehn Matchsiegen in der Vorschlussrunde von Kitzbühel, wo Thiem gegen den späteren Turniersieger Philipp Kohlschreiber aus Deutschland mit 0:6, 6:7 (6/8) den Kürzeren zieht. Bei den US Open zieht er in die dritte Runde ein, in Wien scheidet er in der ersten gegen den Polen Jerzy Janowicz, immerhin ehemaliger Semifinalist in Wimbledon, mit 6:2, 6:7 (5/7), 4:6 aus.

Philipp Kohlschreiber, Dominic Thiem

Das Jahr beendet Thiem mit drei Turniersiegen, als Nummer 20 der Welt, und mit einem gewonnenen Preisgeld von 1.052.937 Dollar. Erstmals hat er in einem Jahr somit mehr als eine Million Euro erspielt.

2016 bis 2017


Wer sich oberflächlich mit den Spielen und Siegen von Dominic Thiem beschäftigt, der wird sagen: Ja, klar, er wird älter, erfahrener, reifer und somit besser. Logisch, dass er in der Weltrangliste nach oben klettert und immer wichtigere, größere Turniere gewinnt. Dies ist grundsätzlich auch richtig. Doch ein zweiter, tieferer Blick offenbart, wie minutiös der kontinuierliche Aufstieg geplant ist und umgesetzt wird, von Thiem selbst und seinem Umfeld.

Seit Dezember 2015 gehört der Deutsche Alex Stober zum „Team Thiem“. Der Physiotherapeut ist in der Tennisszene so etwas wie eine Legende: Dessen Behandlungen zwischen den Turnierspielen bzw. in der Saisonvorbereitung tragen dazu bei, dass Thiem in muskulären und gelenktechnischen Angelegenheiten zu einem der solidesten und besten Spieler auf der Tour wird. Der Nürnberger verbessert den Österreicher was Koordination, Flexibilität, Stabilität angeht, auch die Erholungsfähigkeit wird besser. Stober ist ein weiterer „Baustein“ auf dem weiteren Weg nach vorne. Der erste Grand-Slam-Sieg ist zwar noch nicht greifbar, doch eines kann, nein, muss, festgehalten werden: Auf dem Weg dorthin passieren verdammt wenig Planungsfehler. Wenn überhaupt einer.

So stürmt einer der fittesten Spieler im ATP-Circuit gleich einmal in das Halbfinale von Brisbane, wo Thiem erstmals in einem Turnier auf Roger Federer trifft – vor Jahren, als er bei Junioren Grand Slams angetreten ist, hat er schon einmal ein paar Bälle mit ihm geschlagen, so wie auch mit Nadal und Ðoković: alles Lernerfahrungen. Der Schweizer gewinnt 6:1, 6:4, holt 85 Prozent der Punkte bei seinem ersten Aufschlag und 63 Prozent der Punkte beim zweiten Aufschlag seines Gegners. „Das Match heute war, wie man am Ergebnis sehen kann, nicht so gut, ich habe schlecht begonnen und das bestraft ein Weltklasse-Spieler wie Roger sofort“, kommentiert Thiem auf Facebook. „Das war keine Glanzleistung.“ Was man an diesem Jänner-Sommertag in Down Under noch nicht wissen kann: Es wird der erste von nur zwei Erfolgen Federers gegen Dominic Thiem sein, im Head-to-Head liegt er 2:5 (Stand: Oktober 2020) zurück.



THIEM FEDERER
27 (1993.09.03) Geburtsdatum 39 (1981.08.08)
Wiener Neustadt, Österreich Geburtsort Basel, Schweiz
Lichtenworth, Österreich Wohnort Schweiz
185 cm Größe 185 cm
79 kg Gewicht 85 kg
rechts Spielhand rechts
einhändig Rückhand einhändig
2011 Profi seit 1998
295/154 Karriere-Siege/Niederlagen 1242/271
17 Karriere-Titel 103
$ 27,247,047 Karriere-Preisgeld $ 129,946,683

Die Woche darauf gibt der Niederösterreicher mit einer Fußverletzung (nach einem Freilos zum Auftakt) in der zweiten Runde gegen den Luxemburger Gilles Muller beim Stand von 6:7, 2:2 auf, doch bei den Australian Open dringt er in die dritte Runde vor. Gegen den Belgier setzt es ein 1:6, 6:3, 6:7 (2/7), 5:7.

Erster Sieg bei einem ATP Masters 500 Event

Doch das Spiel- und Erfolgsjahr 2016 nimmt Fahrt auf. Im Februar brilliert Thiem beim Turnier in Buenos Aires, wo er im Halbfinale Rafael Nadal sensationell 6:4, 4:6, 7:6 (7/4) schlägt und das Finale gegen dessen spanischen Landsmann Nicolás Almagro mit Nervenstärke in den Tiebreaks gewinnt: 7:6 (7/2), 3:6, 7:6 (7/4). Es ist sein vierter ATP-Titel, und es ist eine der besten Turnierwochen seiner Laufbahn, bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls.

Der Halbfinal-Einzug in Rio de Janeiro ist ein Zwischenstopp zum nächsten Ausrufezeichen des Jahres. In Acapulco feiert Dominic Thiem den ersten Triumph bei einem ATP-Turnier der 500er-Katgorie. Im Finale bezwingt er den Australier Bernard Tomic in 1:55 Stunden mit 7:6 (8/6), 4:6, 6:3, dafür braucht er u. a. 22 Asse und 45 Winner. Zur Siegerehrung erscheint Thiem mit Sombrero und einem Mexiko-Trikot mit der Nummer 99 und dem Namen „Thieminho“. Dieses Turnier sei eines der besten auf der gesamten Tour, öffnet Dominic Thiem beim Siegerinterview sein Herz, er habe ein paar Junioren-Events in Mexiko gewonnen, nun sein erstes Hartplatz-Turnier und seinen ersten 500er-Titel. Mexiko habe somit einen besonderen Platz in seinem Herzen. Und die Kronen Zeitung titelt: „Riesen-Triumph: Thiem, Superstar!“

ATP-Tour, ATP-Challenger, ITF Futures

Als ATP Tour bezeichnet man die von der 1972 gegründeten Association of Tennis Professionals, kurz ATP, veranstaltete Herrentennis-Turnierserie. Die Saison beginnt um den Jahreswechsel und endet Mitte November. Für Siege bei den Veranstaltungen bekommen die Spieler Punkte in der Tennis-Weltrangliste gutgeschrieben.

Die Turniere unterscheiden sich durch die Anzahl der dort vergebenen Weltranglistenpunkte. Sie lassen sich dementsprechend nach ihrer Wertigkeit in drei Kategorien unterteilen: die neun Turniere der ATP World Tour Masters 1000, die 13 Turniere der ATP Tour 500, die restlichen Turniere der ATP Tour 250. Eine Sonderrolle nehmen die jährlich im November stattfindenden ATP Finals als Abschlussturnier der besten acht Spieler ein. Der Turnierkalender der ATP Tour wird maßgeblich von den vier Grand-Slam-Turnieren beeinflusst. Diese gelten als wichtigste Turniere der Saison. Sie werden wie auch der Davis Cup sowie das Tennisturnier bei den Olympischen Spielen von der International Tennis Federation (ITF) ausgerichtet und gehören somit nicht zur ATP Tour.

Die ATP Challenger Tour bildet den Unterbau der ATP World Tour, während sie höher als die Turniere der ITF Future Tour dotiert sind, wo Tennisspieler in der Regel ihre Karriere beginnen. Challenger-Turniere werden aktuell mit Preisgeldern in Höhe von 50.000 bis 150.000 US-Dollar dotiert und werden über eine Woche ausgetragen. Die Challenger Tour dient vornehmlich Spielern außerhalb der Top 100 der Weltrangliste, um genügend Ranglistenpunkte für die Teilnahme an höherwertigen Turnieren der ATP World Tour zu sammeln. Es ist damit das Bindeglied zwischen Future Tour und ATP World Tour.

Die ITF Future Tour (auch ITF Men’s Circuit genannt; seit 2019 ITF Men’s World Tennis Tour) ist eine von der ITF organisierte Tennis-Turnierserie für Herren; es sind Wettbewerbe der niedrigsten Kategorie im Profi-Tennissport.

(Quelle: Wikipedia)

Im neuen ATP-Ranking scheint er auf Platz 14 auf, und in der Jahres-Bestenliste gar auf Rang drei, hinter Novak Ðoković und Andy Murray.

Auch wenn der patriotisch gesinnte Teil der Öffentlichkeit seine Neuentdeckung nun sofort für sich reklamiert, auch wenn bei der improvisierten Pressekonferenz zu Thiems Rückkehr aus Acapulco sofort die Frage hochschwappt, ob „unser Dominic“ denn nicht wichtige Turniere sausen lassen wolle, um zu Ehren der Heimat den, na ja, sportlich eher zweitrangigen Tennis-Wettbewerb bei den Olympischen Sommerspielen zu absolvieren – Thiem bestreitet mit scheuem Lächeln und leichtem Jetlag Satz für Satz. Und beteuert, wie gerne er grundsätzlich für Österreich Davis Cup spiele. Wie etwa vor einigen Wochen, als er in Guimarães erfolgreich gegen Portugal im Einsatz war, sowohl Gastão Elias in fünf wie auch João Sousa in drei Sätzen schlug und somit einen wichtigen Part beim 4:1-Sieg Österreichs spielte. Disziplinierte Höflichkeit als Return gegen überbordendes Wir-Gefühl.

Doch was, fragt sich Vater Wolfgang Thiem halblaut, wenn Dominic im Sommer statt des Davis Cup das für sein persönliches Ranking so wichtige ATP-Turnier in Hamburg bestreitet? Wird er dann vom Superhelden zum Vaterlandsverräter?

Dominic, Wolfgang, Moritz, Karin: Thiem-Familienfoto anlässlich der Premiere der Servus TV-Doku „Der Thiem Spirit“ (2019)

In der vergangenen Saison hat ihr Sohn mehr als eine Million Dollar erspielt, allein der jüngste Turniersieg in Acapulco spülte vor Steuern weitere 300.000 Euro in die Kasse. Doch während jener kargen Jahre, in denen sich Dominic im Rahmen unzähliger Future- und Challenger-Turniere dem ganz großen Tenniszirkus annäherte, habe man, wie es Wolfgang Thiem der APA gegenüber formuliert, „den Fugenkitt aus den Fenstern gefressen“ und vom Verband „keinerlei Unterstützung erhalten“.

Wie auch immer, die ATP-Tour gewährt keine Verschnaufpause. In Indian Wells (Niederlage gegen Tsonga), Miami (Niederlage gegen Ðoković), Monte Carlo (Niederlage gegen Nadal) scheidet Thiem im Achtelfinale aus. In München verliert er das Finale gegen „Hausherr“ Philipp Kohlschreiber 6:7 (7/9), 6:4, 6:7 (4/7), in Madrid ist gegen Juan Martín del Potro (ARG) in der ersten Runde Endstation, in Rom im Viertelfinale gegen den Japaner Kei Nishikori. In Nizza ist er als Titelverteidiger dabei, und er steht unter Doppelbelastung. Nicht nur muss Thiem das Event spielen, es stehen auch genügend intensive Trainingsstunden auf dem Programm, an den spielfreien Tagen und auch an jenen, an denen er sich im Turnier nicht allzu schwer tut. Der Blick des Duos geht über Nizza hinaus. Nach Paris.

Jedenfalls kommt Dominic Thiem mit den Anforderungen klar. Nach einem Freilos und drei Zweisatz-Siegen gegen Leonardo Mayer (ARG), Andreas Seppi (ITA) und Adrian Mannarino (FRA) trifft er im Finale auf den Deutschen Alexander Zverev. Er ist müde, das war zu erwarten, doch er gewinnt das Duell der „nächsten Generation“ mit 6:4, 3:6, 6:0. Thiem ist Nummer 15 der Welt.

Und dann geht es nach Paris.

Er sollte fertig und ausgelaugt sein. Er sollte sich in der Woche zuvor übernommen haben. Sagen jene, die den Österreicher beobachten und verfolgen. Bresnik hätte ihn wieder einmal, so wie damals, als von beid- auf einhändige Rückhand umgestellt wurde, kaputt gemacht. Wie soll Dominic Thiem in so einem Zustand was gewinnen?!

In der ersten Runde schlägt er den Spanier Iñigo Cervantes 3:6, 6:2, 7:5, 6:1.

In der zweiten Runde schlägt er den Spanier Guillermo Garcia Lopez 7:5, 6:4, 7:6 (7/3).

In der dritten Runde schlägt er Alexander Zverev 6:7 (4/7), 6:3, 6:3, 6:3.

Im Achtelfinale schlägt er den Spanier Marcel Granollers 6:2, 6:7 (2/7), 6:1, 6:4.


French Open, Oktober 2020


US Open, September 2020


US Open, September 2020




Adria Tour, Belgrad, Juni 2020


bett1aces, Berlin, Juli 2020


Australian Open, Februar 2020



Und steht im Viertelfinale gegen den Belgier David Goffin. Es ist der 2. Juni 2016, Mathematik lügt nicht, und die Zahlenspielereien besagen: Sollte Thiem gewinnen, dann ist er unter den Top Ten der Weltrangliste. Die Statistik lügt auch nicht, Thiem wäre bei einem Sieg der fünfte Österreicher nach Peter Feigl, Stefan Koubek, Jürgen Melzer und, logisch, Thomas Muster im Halbfinale der French Open. Eine andere Statistik lügt auch nicht, im Head-to-Head führt Goffin mit 5:2 gegen Thiem, er hat den Österreicher auf Gras, auf Hartplatz, auf Sand schon geschlagen, er ist sowas wie ein Angstgegner.

Der Belgier wird seinem Ruf gerecht, er gewinnt den ersten Satz mit 6:4 und führt im zweiten schon mit 5:3. Doch Sieger geben nie auf: Thiem macht das Rebreak, kämpft sich ins Tiebreak und gewinnt dort mit 9/7. Satzausgleich, alles auf Anfang. Aus einem Best-of-Five wird ein Best-of-Three. Im dritten Satz liegt er 2:4 zurück, gewinnt den Durchgang aber mit 6:4. Die Gegenwehr ist gebrochen. Beim Stand von 5:1, 40:30, Service Thiem, feuert Goffin seinen Rückschlag ins Aus. In Paris ballt der Sohn die Faust, Trainer Bresnik verdrückt die eine oder andere Träne, im rund 1300 Kilometer entfernten Lichtenwörth jubeln die Eltern vor dem Fernseher.

In Die Dominic Thiem Methode bezeichnet Günter Bresnik das Eindringen in die Top Ten als die Pflicht und alles, was nun noch käme, als Kür. „Das gemeinsame Projekt von Dominic, seiner Familie und mir war ab diesem Moment ein Erfolg.“

Im Halbfinale ist für Dominic Thiem Novak Ðoković eine Nummer zu groß, die letzten Tage und Stunden haben auf körperlichem und emotionalem Niveau sehr viele Ressourcen verbraucht. Nach 1:48 Stunden ist der Serbe mit 6:2, 6:1, 6:4 durch und steht im Finale. Wie auch immer.

Thiem verlässt Paris als Siebter der Rangliste und ist seit Anfang Juni 2016 für keine einzige Woche aus den Top Ten gefallen. Doch auch wenn von Pflicht und Kür die Rede ist – allen ist klar, dass da noch was geht. Der Spieler ist erst 23, die besten Jahre liegen noch vor ihm.

Doch in Erwartung dieser gewinnt er einstweilen das Rasenturnier in Stuttgart. Im Halbfinale schlägt er Roger Federer 3:6, 7:6 (9/7), 6:4 und wundert sich, dass er (auch) auf diesem Belag so gut spielen kann. Im Finale – das aufgrund von Regen von Sonntag auf Montag verschoben wird – verliert er den ersten Satz, bezwingt dann aber Philipp Kohlschreiber 6:7 (2/7), 6:4, 6:4.

In Halle verliert er im Halbfinale, in Wimbledon in der zweiten Runde gegen den Tschechen Jiří Veselý in drei Sätzen: 6:7 (4/7), 6:7 (5/7), 6:7 (3/7) – es ist eine Niederlage, die einem verlorenen Elfmeterschießen gleichkommt. In Kitzbühel schlägt ihn Jürgen Melzer 3:6, 5:7, der Druck, der auf Thiem lastet, ist eventuell zu groß. Es sind keine Rückschritte, sondern nur Ausrutscher auf dem kontinuierlichen Weg nach vorne. Bei den US Open muss Thiem im Achtelfinale gegen Juan Martín del Potro (ARG) beim Stand von 3:6, 2:3 aufgrund von Knieschmerzen aufgeben. Die Saison ist eben lang, sie fordert ihren Tribut. Doch weil es Dominic Thiem in Metz ins Finale schafft (6:7, 2:6 gegen Lucas Pouille/FRA), lebt weiterhin der Traum, im November beim ATP Finale in London als einer der besten acht Spieler des Jahres dabei zu sein. Eine durchwachsene Asien-Tournee lässt ihn just auf Platz 8 der Jahreswertung, doch anstelle vor heimischer Kulisse in Wien alles klar zu machen, verliert er in der zweiten Runde gegen den Serben Viktor Troicki 2:6, 5:7. In Paris-Bercy, ein ATP Masters 1000, verliert er in der zweiten Runde gegen Jack Sock (USA), doch er ist beim Saisonfinale dabei. Rafael Nadal sagt verletzungsbedingt ab, Thiem rutscht als Neunter des Jahres nach. Er ist nach Thomas Muster (1990, 1995, 1996) erst der zweite Österreicher, der bei dieser Gala der Besten dabei ist, und ein Kindheitstraum geht für ihn in Erfüllung.

In der O2-Arena, in der vier Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen in London das Basketballfinale gespielt wurde und Gymnastik-Wettbewerbe abgehalten worden waren, liefert sich Thiem gegen Novak Ðoković einen ersten Satz auf Augenhöhe und gewinnt ihn 7:6 (12/10). Doch dann geht fast nichts mehr, Ðoković siegt 6:0, 6:2. Im zweiten Match gewinnt er gegen Gaël Monfils (FRA) 6:3, 1:6, 6:4 und hat weiterhin Chancen auf den Einzug in das Halbfinale. Diese macht im nächsten Spiel der Kanadier Miloš Raonić mit 7:6 (7/5), 6:3 zunichte.

Thiems Saison mit 82 Matches (58 Siege, 24 Niederlagen), vier Titelgewinnen, drei Millionen gewonnenem Preisgeld, ist vorüber. Er ist Nummer acht der Welt. Und wirklich, wirklich angekommen in der Weltspitze. Dort, wo er schon als Nachwuchsspieler immer hinwollte.

Mehr als ein Sieg: Eine Machtdemonstration

Viertelfinale in Brisbane und Sydney, Achtelfinale bei den Australian Open – 7:5, 6:7 (4/7), 2:6, 2:6 gegen – richtig: David Goffin (BEL), Nummer elf der Welt, Achtelfinale in Sofia, Viertelfinale in Rotterdam – der Jahresbeginn 2017 von Dominic Thiem ist nicht so richtig schlecht und auch nicht so richtig gut. Es muss Ende Februar werden, der Hartplatz muss dem Sand weichen: und schon schaut die Geschichte ganz anders aus. In Rio de Janeiro holt sich Thiem seinen nächsten ATP-Masters-500-Titel, in fünf Begegnungen gibt er keinen Satz ab und schlägt im Finale den Spanier Pablo Carreño Busta 7:5, 6:4.

Die Viertelfinal-Niederlagen in Acapulco und Indian Wells (beide auf Hartplatz) sind nichts anderes als eine Klammer, denn wieder auf Sand spielt der Lichtenwörther groß auf. In Monte Carlo gibt es ein Achtelfinal-Out gegen – richtig: David Goffin, 6:7 (4/7), 6:4, 3:6, doch in Barcelona (ATP 500) dringt er bis ins Finale vor, wo Rafael Nadal ihn 4:6, 1:6 besiegt. Die Geschichte wiederholt sich in Madrid (ATP 1000), im Endspiel ist Nadal mit 7:6 (8/6), 6:4 der Bessere. In Rom hingegen schlägt Thiem den Spanier im Halbfinale 6:4, 6:3, verliert aber das Finale gegen Novak Ðoković 1:6, 0.6.

Und dann ist wieder die Zeit der French Open in Roland Garros angebrochen. Thiem marschiert ohne einen einzigen Satzverlust ins Halbfinale, schlägt in der Runde zuvor Novak Ðoković 7:6 (7/5), 6:30, 6:0 und stürzt in 2:15 Stunden den Titelverteidiger vom Thron. Es ist eine Machtdemonstration sondergleichen, ein Spiel, das über weite Strecken einer Demütigung gleichkommt. Auf Eurosport kommentiert Boris Becker, der ehemalige Trainer des Serben: „Das tut mir jetzt ein bisschen weh. Das ist kein schönes Bild dieser Legende“. „Es ist hart, diese Niederlage zu kommentieren. Es ist ein Fakt, dass ich momentan nicht annähernd an meine beste Leistung herankomme“, sagt der Serbe den Medienvertretern. Für den Österreicher indes geht ein Traum in Erfüllung, es ist der erste Sieg im sechsten Vergleich mit Ðoković.

Zwei Tage später ist Rafael Nadal die letzte Hürde vor dem Finale, und es ist eine zu große. Thiem verliert 3:6, 4:6, 0:6. 720 ATP-Punkte und über eine halbe Million Euro Preisgeld sind nur ein Trostpreis, nicht mehr. „Der Anfang war ganz gut, je länger das Match gedauert hat, umso schwächer ist meine Vorstellung geworden, warum auch immer. Die Gründe werde ich finden müssen“, sagt der Niederösterreicher später den Medienvertretern, und der Trainer fügt an: „Für mich unerklärlich, wie erschreckend schwach er war. Er hat sich sehr schlecht bewegt, hatte kaum Druck auf der Rückhand und hat viel schlechter serviert als zuletzt in Rom bei seinem Sieg über Nadal.“

Stefan Koubek, Dominic Thiem, Sebastian Ofner, Gerald Melzer, Philipp Oswald (v.l.), Davis-Cup 2017

Die Saison geht durchwachsen weiter, mit Sieg und Niederlage in Halle (GER), einer Niederlage in Antalya (TUR), einem Ausscheiden im Achtelfinale von Wimbledon, Tomáš Berdych (CZE) siegt in fünf Sätzen 3:6, 7:6 (7/1), 3:6, 6:3, 3:6. Doch es ist Thiems bislang bestes Ergebnis auf dem so genannten „heiligen Rasen“. Sieg und Niederlage in Washington folgen, im kanadischen Montreal beugt er sich seinem argentinischen Freund Diego Schwartzman, der Nr. 36, 4:6, 7:6 (9/7), 5:7. In Cincinnati ist im Viertelfinale Schluss, bei den US Open im Achtelfinale. Gleiche Runde, gleiches Fünfsatzmatch wie in Wimbledon, nur mit einem anderen Gegner. Juan Martín del Potro (ARG) schlägt Thiem nach Zweisatzrückstand 1:6, 2:6, 6:1, 7:6 (7/1), 6:4. Im vierten Satz führt der Österreicher 5:2, hat beim 6:5 und Aufschlag des Gegners zwei Matchbälle, die der Südamerikaner mit zwei Assen neutralisiert. 3:35 Stunden dauert die Partie, nach der sich Dominic Thiem keinen wirklich großen Vorwurf machen kann.

Siegen im Davis Cup für Österreich und ein Matcherfolg im Laver Cup für das Team Europa folgen auf der Asien-Tournee Erstrundenniederlagen in Chengdu, Tokio und Schanghai. Zurück in Europa gewinnt er eine Runde beim ATP Masters 500 in Wien, verliert dann gegen Richard Gasquet (FRA) 6:4, 5:7, 1:6. Sieg und Niederlage folgen auch beim ATP Masters 1000 in Paris, doch Thiem ist wieder beim ATP Finale in London dabei. Und wie im Vorjahr gibt es einen Sieg und zwei Niederlagen. 3:6, 7:5, 5:7 zum Auftakt gegen den Bulgaren Grigor Dimitrov, 6:3, 3:6, 6:4 gegen den Spanier Pablo Carreño Busta, und zum Abschluss ein 4:6, 1:6 gegen – richtig: David Goffin aus Belgien.

77 Spiele, davon 50 Siege und 27 Niederlagen, ein Titelgewinn, über drei Millionen Euro gewonnenes Preisgeld, Platz fünf im ATP-Ranking: Das sind Zahlen, die sich sehen lassen können!

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